Kitabı oku: «Der Sieg des Abendlandes. Christentum und kapitalistische Freiheit»

Yazı tipi:

Rodney Stark

DER SIEG DES
ABENDLANDES

Christentum und kapitalistische Freiheit

Aus dem Englischen von Stefan Flach


INHALT

EINFÜHRUNG: VERNUNFT UND FORTSCHRITT

TEIL I: FUNDAMENTE

Kapitel 1: Die Segnungen der rationalen Theologie

Kapitel 2: Fortschritt im Mittelalter – technisch, kulturell und religiös

Kapitel 3: Die Tyrannei und die »Wiedergeburt« der Freiheit

TEIL II: ERFÜLLUNG

Kapitel 4: Die Perfektionierung des italienischen Kapitalismus

Kapitel 5: Der Kapitalismus zieht nordwärts

Kapitel 6: »Katholischer« Antikapitalismus: spanischer und französischer Despotismus

Kapitel 7: Feudalismus und Kapitalismus in der Neuen Welt

FAZIT: GLOBALISIERUNG UND MODERNE

Danksagungen

Anmerkungen

Verwendete Literatur

EINFÜHRUNG:
VERNUNFT UND FORTSCHRITT

Als die Europäer den Erdball zu erkunden begannen, überraschte sie weniger die Existenz der westlichen Hemisphäre, als vielmehr das Ausmaß ihrer eigenen technologischen Überlegenheit über den Rest der Welt. Nicht nur die stolzen Völker der Maya, Azteken und Inka waren den europäischen Invasoren gegenüber vollkommen hilflos, sondern ebenso die legendären Zivilisationen des Ostens: China, Indien und sogar die islamische Welt waren unterentwickelt gegenüber dem Europa des 17. Jahrhunderts. Wie war das möglich? Wie kam es, dass zwar viele Völker die Alchemie betrieben, sie aber nur in Europa die Chemie zur Folge hatte? Warum besaßen über Jahrhunderte nur die Europäer solche Dinge wie Brillen, Kamine, präzise Uhrwerke, schwere Kavallerien oder ein System der musikalischen Notation? Wie konnten Völker, die aus der Barbarei und dem Schutt des untergegangenen römischen Reiches erwachsen waren, den Rest der Welt derart überflügeln?

Verschiedene Autoren haben den westlichen Erfolg in jüngster Zeit an örtlichen Gegebenheiten festgemacht. Doch hatte der gleiche Kontinent schon lange Zeit europäische Kulturen beherbergt, die wiederum den asiatischen weit unterlegen waren. Andere Autoren verbinden den Aufstieg des Westens mit Stahl, Waffen oder Segelschiffen; noch andere führen ihn auf einen besonders ertragreichen Ackerbau zurück. Doch ist das Problem dabei, dass all diese Begründungen auf etwas aufbauen, was zuvor einmal geklärt werden müsste: Warum waren und sind die Europäer solche Meister der Metallurgie, des Schiffbaus oder der Landwirtschaft? Um hierauf die richtige Antwort zu finden, muss die Dominanz des Westens zusammen mit dem Aufstieg des Kapitalismus gesehen werden, schon weil letzterer ausschließlich in Europa entstand. Selbst die ärgsten Feinde des Kapitalismus gestehen ihm eine vormals ungeahnte Produktivität und eine nie gekannte Fortschrittsfähigkeit zu. In ihrem »Kommunistischen Manifest« schreiben Karl Marx und Friedrich Engels, dass die Menschen vor dem Kapitalismus »in der trägsten Bärenhäuterei« verharrten und dass das kapitalistische System »massenhaftere und kolossalere Produktivkräfte geschaffen hat, als alle vergangenen Generationen zusammen«. Der Kapitalismus macht dieses »Wunder« möglich, indem er erzielte Erträge immer wieder neu investiert, um damit die Produktivität zu erhöhen – sei es durch größere Leistung oder verbesserte Technologie – und gleichermaßen Führungs- wie Arbeitskräfte mittels steigender Löhne anzuspornen.

Doch auch wenn man annimmt, dass der Kapitalismus für Europa den einen großen Schritt nach vorn bedeutete, bleibt immer noch zu klären, warum er gerade dort gemacht wurde. Manche erkennen die Wurzeln des Kapitalismus in der Reformation, andere in diversen politischen Umständen. Gräbt man jedoch etwas tiefer, wird deutlich, dass das eigentliche Fundament des Kapitalismus sowie des westlichen Erfolges überhaupt in einem besonders starken Glauben an die Vernunft bestand.

Dieses Buch erkundet eine Reihe von Entwicklungen, in denen die Vernunft jeweils den Sieg davontrug und der abendländischen Kultur ihr spezifisches Gepräge gab. Der wichtigste dieser Siege fand innerhalb des Christentums statt. Während die anderen Weltreligionen besonderen Wert auf das Mysterium und die Intuition legten, machte allein das Christentum die Logik und Vernunft zu Orientierungshilfen für seine religiöse Wahrheit. Das christliche Vertrauen in die Vernunft war zwar von der griechischen Philosophie beeinflusst. Wichtiger jedoch ist, dass diese Philosophie sich nicht auch auf die griechischen Religionen auswirkte. Diese verharrten in der altbekannten Sphäre des Mysterien-Kults, in der man sich mit Doppeldeutigkeiten und logischen Widersprüchen zufriedengab, da man in ihnen Grundbausteine der heiligen Ursprünge erkannte. Ähnliche Annahmen, die die grundsätzliche Unerklärlichkeit der Götter betrafen, ebenso die intellektuelle Überlegenheit der Introspektion, dominierten auch alle anderen Weltreligionen. Demgegenüber lehrten die Kirchenväter von Anfang an, dass das größte Geschenk Gottes die Vernunft ist, welche es gerade ermöglicht, das Verständnis der Bibel und der Offenbarungen progressiv zu vergrößern. Folglich war das Christentum immer auch der Zukunft zugewandt, wohingegen die anderen Religionen der Vergangenheit den Vorzug gaben. Im Grundsatz, wenn auch nicht immer in der Praxis, konnte die christliche Glaubenslehre stets im Namen des Fortschritts, so er nur vernünftig erschien, modifiziert werden. Ermutigt durch die Scholastiker und verkörpert durch die großen, von der Kirche gegründeten Universitäten, durchdrang der Glaube an die Kräfte der Vernunft die gesamte westliche Kultur und befeuerte die Wissenschaft wie die Entwicklung der Demokratie in Theorie und Praxis. Der Aufstieg des Kapitalismus war nicht zuletzt ein Sieg jener durch die Kirche inspirierten Vernunft. Denn in seiner Essenz ist der Kapitalismus nichts anderes als eine systematische und fortwährende Anwendung der Vernunft auf dem Gebiet des Handels – etwas, das zunächst in den großen Klöstern betrieben wurde.

Im vergangenen Jahrhundert haben westliche Intellektuelle häufig den europäischen Kolonialismus auf seine christlichen Ursprünge zurückgeführt. Dagegen sahen sie nur sehr ungern ein, dass das Christentum in keiner Weise (es sei denn durch Intoleranz) den westlichen Dominanz-Ansprüchen zugearbeitet hat. Stattdessen wird behauptet, der Erfolg des Westens habe sich erst dann wirklich eingestellt, als er die religiösen Fortschritts-Schranken hinter sich ließ, besonders solche, die die Wissenschaft behinderten. Das ist jedoch Unsinn. Der Erfolg des Westens einschließlich des Emporkommens der Wissenschaft hatte zur Gänze eine religiöse Grundlage; ebenso waren die Menschen, die ihn herbeiführten, fromme Christen. Leider sehen selbst solche Historiker, die dem Christentum eine formende Kraft im westlichen Fortschritt zugestehen, günstige Faktoren allein auf Seiten der protestantischen Reformation, wobei selbst diese bloß religiöser Natur gewesen sein sollen. Es klingt dann so, als wären die vorangegangenen fünfzehnhundert Jahre der Christenheit entweder unwichtig oder gar schädlich gewesen. Akademischer Anti-Katholizismus dieser Prägung war verantwortlich für das berühmteste Buch, das je über den Kapitalismus geschrieben wurde.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts veröffentlichte der Soziologe Max Weber eine Studie1, die schon bald große Wirkung haben sollte: Die protestantische Ethik und der »Geist« des Kapitalismus.1 Darin vertritt er die Ansicht, dass der Kapitalismus deshalb seinen Ursprung in Europa hatte, weil von allen Weltreligionen allein der Protestantismus den Menschen eine moralische Vision darbot, in der sie einerseits ihren materiellen Konsum beschränkten und andererseits entschieden Glück und Reichtum suchten. Vor der Reformation, so Weber, sei die Konsumbeschränkung notwendig mit Askese und folglich mit einer Verurteilung des Handels einhergegangen. Im Umkehrschluss habe man das Streben nach Reichtum stets mit verschwenderischem, liederlichem Konsum gleichgesetzt. Weder das eine noch das andere Muster hätte sich mit dem Kapitalismus vertragen. Laut Weber wurden diese althergebrachten Verknüpfungen erst durch die protestantische Ethik über den Haufen geworfen, indem diese nämlich eine ganze Kultur sparsamer Unternehmer hervorbrachte, die es zufrieden waren, ihre Profite systematisch zu reinvestieren, um so noch größere Gewinne zu erzielen. Und genau darin liege der Schlüssel zum Kapitalismus und zum Aufstieg des Abendlandes.

Es mag an der Eleganz dieser These gelegen haben, dass sie im großen Stil übernommen wurde, selbst wenn sie offensichtlich falsch ist. Noch heute wird der Protestantischen Ethik unter Soziologen2 ein fast heiliger Status zuerkannt, auch wenn Wirtschaftshistoriker Webers erstaunlich schlecht dokumentiertes3 Werk schon seinerzeit auf der unbestreitbaren Grundlage abqualifizierten, dass der europäische Aufstieg des Kapitalismus bereits Jahrhunderte vor der Reformation stattgefunden hatte. Hugh Trevor-Roper sagt es so: »Die Vorstellung, dass der großangelegte Kapitalismus vor der Reformation ideologisch unmöglich gewesen sei, wird schon dadurch ausgehebelt, dass es ihn ja gegeben hat.«4 Nur eine Dekade nach Webers Buch trug der berühmte Henri Pirenne5 eine Vielzahl von Literaturnachweisen zusammen, die allesamt »den Umstand belegen, dass das gesamte Grundinventar des Kapitalismus – Alleinunternehmertum, Kreditvorschüsse, kommerzieller Profit, Spekulationen usw. – bereits vom 12. Jahrhundert an in den Stadtrepubliken Italiens, Venedig, Genua oder Florenz, zu finden war«. Eine Generation später beklagte der ebenfalls vielgefeierte Fernand Braudel, dass »zwar alle Historiker dieser dürftigen Theorie (der protestantischen Ethik) entgegengetreten sind, es aber keiner geschafft hat, sie ein für allemal zu widerlegen. Und das obwohl sie eindeutig falsch ist. Die Länder des Nordens übernahmen einfach eine Position, die zuvor lange und wirkungsvoll von den alten kapitalistischen Zentren des Mittelmeerraumes besetzt worden waren. Sie selbst haben keinerlei Erfindungen gemacht, weder in technologischer noch betriebswirtschaftlicher Hinsicht.«6 Darüber hinaus waren diese kapitalistischen Zentren des Nordens in der kritischen Phase ihrer Wirtschaftsentwicklung allesamt katholisch, nicht protestantisch – die Reformation lag noch in ferner Zukunft.

John Gilchrist, ein führender Historiker des Wirtschaftslebens in den mittelalterlichen Kirchen, hat von einem anderen Punkt aus dargelegt, dass die ersten Beispiele für den Kapitalismus in den großen christlichen Klöstern zu finden waren.7 Ebenso ist es bewiesen, dass noch im 19. Jahrhundert die protestantischen Regionen und Länder des Kontinents8 den katholischen Gegenden keineswegs voraus waren, vom »rückständigen« Spanien abgesehen.9

Aber auch wenn Weber falsch lag, ging er völlig zu Recht davon aus, dass religiöse Vorstellungen beim Aufstieg des Kapitalismus in Europa eine höchst vitale Rolle gespielt haben. Die materiellen Vorbedingungen für den Kapitalismus waren auch in anderen Zivilisationen gegeben, etwa in China, der islamischen Welt, Indien, Byzanz und vermutlich auch im alten Rom und in Griechenland. Doch ging keine dieser Gesellschaften voran und entwickelte den Kapitalismus, da keine von ihnen eine ethische Vision besaß, die mit einem dynamischen Wirtschaftssystem kompatibel gewesen wäre. Stattdessen huldigten die führenden Religionen fernab des Westens der Askese und prangerten das Profitstreben an, während gleichzeitig habgierige Eliten die von Kleinbauern und Handeltreibenden erwirtschafteten Gewinne zu einem Gutteil wieder einstrichen.10 Warum haben sich die Dinge in Europa anders entwickelt? Weil sich die Christen dort einer rationalen Theologie anheimgaben – ein Umstand, der später zwar auch die Reformation hervorgebracht haben mag, der dieser jedoch um mehr als ein Jahrtausend vorausging.

Gleichwohl hat sich der Kapitalismus nur an manchen Orten entwickelt. Warum nicht überall? Weil es in manchen europäischen Gesellschaften wie auch im großen Rest der Welt viele gierige Despoten gab, die ihn verhindern wollten. Was dort fehlte, war ein Grundbestandteil der kapitalistischen Entwicklung, nämlich die Freiheit. Hier schließt sich eine weitere Frage an: Warum war die Freiheit fast überall auf der Welt ein so seltenes Gut und wie kam es, dass einige Staaten des europäischen Mittelalters sie gehegt und gepflegt haben? Auch hierfür war ein Sieg der Vernunft verantwortlich. Noch lange bevor einer dieser europäischen Staaten seine Regierung in die Hände einer gewählten Versammlung legte, hatten christliche Theologen bereits Theorien über Fragen der Gleichheit und der individuellen Rechte aufgestellt. So beruhen etwa die späteren Arbeiten eines solch »säkularen« politischen Theoretikers des 18. Jahrhunderts wie John Locke auf egalitären Axiomen, die bereits vorher von Kirchengelehrten erarbeitet worden waren.11

Um es zusammenzufassen: der Aufstieg des Westens beruhte auf vier grundlegenden Siegen der Vernunft. Der erste war die Genese des Fortschrittsglaubens in der christlichen Theologie. Der zweite war die Übertragung und Einspeisung dieses Glaubens in technologische und organisatorische Innovationen, von denen viele aus dem Klosterleben stammten. Der dritte Sieg beruhte darauf, dass die Vernunft dank der christlichen Theologie ebenso die politische wie die praktische Philosophie durchdrang, und zwar bis zu dem Punkt, an dem hierfür empfängliche Staaten im mittelalterlichen Europa den Weg für ein großes Ausmaß an persönlicher Freiheit ebneten. Der letzte Sieg beinhaltete die Anwendung der Vernunft auf den Handelsverkehr, was schließlich zur Entwicklung des Kapitalismus in den sicheren Häfen jener willigen Staaten führte. Durch genau diese Siege wurde das Abendland groß.

Der Plan des Buches

Der Sieg des Abendlandes besteht aus zwei Teilen. Der erste wendet sich den Fundamenten zu. Er untersucht die Rolle der Vernunft im Christentum und zeichnet nach, wie sie der politischen Freiheit und dem Aufkommen von Wissenschaft und Kapitalismus den Weg bereitet hat. Teil zwei befasst sich damit, wie die Europäer auf diesen Fundamenten etwas errichteten.

Kapitel 1 widmet sich den Ursprüngen und Konsequenzen des christlichen Zuspruchs zu einer rationalen Theologie. Wie kam es dazu? Und warum resultierte es in dem revolutionären Umstand, dass die Anwendung der Vernunft auf das Verständnis der Bibel zu einem theologischen Fortschritt führte? Es wurde zu einem Grundsatz der christlichen Theologie, dass das Verständnis Gottes mit der Zeit besser und größer werden könne und auch feststehende Doktrinen durchaus radikal veränderbar seien. Nachdem ich die rationalen und fortschrittlichen Aspekte der christlichen Theologie dargelegt habe, wende ich mich Beispielen und Folgeerscheinungen zu. Zunächst behandele ich die absolut zentrale Rolle, die die rationale Theologie beim Aufkommen der Wissenschaft gespielt hat und zeige auf, warum die Wissenschaft sich zwar sehr wohl in Europa entwickelte, nicht aber in China, der islamischen Welt oder im alten Griechenland. Danach wird der Fokus auf wichtige moralische Innovationen gerichtet, die von der mittelalterlichen Kirche geleistet wurden. So begünstigte das Christentum eine sehr nachdrückliche Konzeption des Individualismus, die dennoch mit den eigenen Doktrinen bezüglich des freien Willens und der Erlösung vereinbar war. Daneben kultivierte das mittelalterliche Mönchswesen den Respekt vor Tugenden wie Arbeit oder einfachen Lebensweisen, der der protestantischen Ethik fast um ein Jahrtausend vorausging. Dieses Kapitel umreißt zudem den Anteil des Christentums bei der Heranbildung neuer Ideen der Menschenrechte. Denn für die Entwicklung des Kapitalismus war es erforderlich, dass Europa nicht länger eine Zusammenballung von Sklavengesellschaften war. Wie auch in Rom und allen anderen damaligen Zivilisationen existierte die Sklaverei überall im frühen mittelalterlichen Europa. Unter allen führenden Glaubensrichtungen bildete einzig das Christentum einen moralischen Widerstand gegen die Sklaverei aus, welcher ab dem 7. Jahrhundert dann wiederum in eine religiöse Opposition überging. Ab dem 12. Jahrhundert war die Sklaverei fast überall im Westen verschwunden und hielt sich nur hier und da in Grenzgebieten.12 Dass die Sklaverei einige Jahrhunderte später wieder eingeführt werden sollte, ist ein anderes Thema, doch auch dann bemühte sich das Christentum erneut um ihre Abschaffung.13

Kapitel 2 blickt auf die religiösen Grundlagen des Kapitalismus, die im sogenannten finsteren Mittelalter statuiert wurden. Es wird aufgezeigt, dass diese Epoche alles andere als ignorant und rückständig war, sondern im Gegenteil eine Zeit spektakulären technologischen und intellektuellen Fortschritts darstellte, sobald die Innovation einmal aus den Klauen des römischen Despotismus befreit worden war. Der christliche Einsatz für den Fortschritt spielte nicht nur eine wichtige Rolle bei der Suche nach neuen Technologien, sondern ebenso bei deren zügiger und großflächiger Anwendung. Obendrein führte die Bejahung des Fortschrittsgeschehens durch viele Kirchenführer und Gelehrte zu einigen bemerkenswerten theologischen Revisionen. Nicht anders als die übrigen Weltreligionen hatte auch das Christentum über Jahrhunderte die moralische und spirituelle Überlegenheit des Asketismus betont und auf dessen Gegensatz zu Kommerz und Finanzwesen hingewiesen. Doch wurden diese Grundhaltungen im 12. und 13. Jahrhundert von katholischen Theologen verworfen, die nun stattdessen den privaten Besitz und das Profitstreben verteidigten. Wie konnte das geschehen? Ganz einfach dadurch, dass Theologen das Handelstreiben, das in den großen klösterlichen Anwesen begonnen hatte, moralisch neu beurteilten, da sie dessen früheres Verbot nun theologisch nicht mehr angemessen fanden.

Kapitel 3 beginnt mit einer kurzen Darstellung der Planwirtschaft: es wird gezeigt, wie despotische Regierungen regelmäßig Innovation und Handel unterdrücken, indem sie zwar Reichtum anhäufen, verbrauchen und enteignen, ihn aber kaum je reinvestieren. Da der Aufstieg des Kapitalismus den Sieg über despotische Staaten erforderlich machte, widmet sich der Rest des Kapitels der Ausbreitung der Freiheit in Europa, die die Form kleiner und häufig überraschend demokratischer politscher Einheiten annahm. Zuerst wird die christliche Grundlage des westlichen Demokratie-Konzepts untersucht, d.h. die Genese der Doktrinen von individueller moralischer Gleichheit, der Rechte des Privatbesitzes und der Trennung von Kirche und Staat. Danach wird erklärt, wie in einigen italienischen Stadtstaaten und in Nordeuropa eine relativ demokratische Gesetzgebung entstehen konnte.

Kapitel 4 geht der Perfektionierung des Kapitalismus in den italienischen Stadtstaaten nach und zeigt, wie die für das Funktionieren von großen, rationalen und industriellen Unternehmen erforderlichen Organisationsstrukturen und Finanztechniken entwickelt wurden. Kapitel 5 zeichnet die Ausbreitung von »kolonialen« kapitalistischen Unternehmen aus Italien in die Städte des Nordens nach. Am Ende des Kapitels befasst sich ein längerer Abschnitt mit der Frage, wie die Engländer das leistungsstärkste kapitalistische Wirtschaftssystem in Europa entwickeln konnten.

Kapitel 6 blickt auf die wichtigsten negativen Fälle, schon weil eine umfassende Erörterung der Frage, warum der Kapitalismus sich in bestimmten Regionen Europas ausbreiten konnte, ebenfalls erklären muss, warum das Gleiche andernorts misslang. Wie kam es, dass Spanien, das reichste und mächtigste Land Europas im 17. Jahrhundert, stets ein vor-kapitalistischer, feudaler Staat blieb? Warum wollte Spanien die kapitalistische Vitalität der italienischen Stadtstaaten sowie der spanischen Niederlande zerstören? Und was waren die Gründe dafür, dass Spanien in der Folge rasch zu einer drittrangigen Macht wurde und sein Herrschaftsgebiet verlor? Was Frankreich angeht – warum stagnierten der Kapitalismus und die Freiheit auch dort? Um diese Fragen zu beantworten, wende ich mich erneut den erdrückenden wirtschaftlichen Folgen des Despotismus zu.

Vor diesem Hintergrund wechselt Kapitel 7 den Standort und blickt auf die Neue Welt sowie auf das dramatische ökonomische Gefälle, das die Vereinigten Staaten, Kanada und Lateinamerika voneinander absetzen sollte. Die Schilderung dieser Geschichte wird nicht zuletzt als Zusammenfassung des ganzen Buches dienen, da die hier wirksamen Faktoren praktisch eine Wiederholung der wirtschaftlichen Historie Europas darstellen. Auch hier spielten das Christentum, die Freiheit und der Kapitalismus die entscheidenden Rollen. Im Fazit wird die Frage gestellt, ob das heute wohl immer noch so ist. Oder können durch die Globalisierung alternativ auch völlig andere moderne Gesellschaften entstehen, die weder christlich noch kapitalistisch oder auch nur frei sind?

TEIL I: FUNDAMENTE

KAPITEL 1:
DIE SEGNUNGEN DER RATIONALEN THEOLOGIE

Die Theologie steht bei den meisten westlichen Intellektuellen in schlechtem Ruf. Das Wort wird verstanden als eine Vergangenheitsform religiösen Denkens, das auf Irrationalität und Dogmatismus beruht. Das Gleiche gilt für die Scholastik. Welche Ausgabe des Merriam-Webster-Wörterbuchs man auch immer bemüht, »scholastisch« bedeutet »pedantisch und dogmatisch« und kennzeichnet die Sterilität der mittelalterlichen Kirchenlehre. John Locke, der britische Philosoph des 18. Jahrhunderts, lehnte die Scholastiker ab und bezeichnete sie als »große Münzpräger« nutzloser Begriffe, die letztlich doch nur »die eigene Unwissenheit verschleiern« sollten.1 Aber weit gefehlt! Die Scholastiker waren vielmehr brillante Gelehrte, die für die Gründung der großen europäischen Universitäten und den Aufstieg der westlichen Wissenschaft verantwortlich waren. Was die Theologie betrifft, hatte sie wenig gemein mit dem ansonsten vorherrschenden religiösen Denken, sondern war eine hochentwickelte und höchst rationale Disziplin, wie sie so nur im Christentum entwickelt wurde.

Die Theologie, die manchmal auch als »Wissenschaft des Glaubens«2 bezeichnet wird, stellt ein rationales Nachdenken über Gott dar. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf dem Aufspüren der Natur Gottes, seiner Absichten und Forderungen, sowie dem Verständnis der Art und Weise, wie die Beziehung zwischen Gott und den Menschen von diesen definiert wird. Auf den Göttern des Polytheismus könnte dagegen nie eine Theologie aufbauen, da sie viel zu widersprüchlich sind. Die Theologie erfordert das Gottesbild eines bewussten und rationalen übernatürlichen Wesens mit unbeschränkter Kraft und Reichweite, welches die Menschen ernst nimmt und ihnen moralische Codes und Verantwortlichkeiten auferlegt. Dabei werden höchst gewichtige intellektuelle Fragen aufgeworfen, zum Beispiel: Warum erlaubt uns Gott zu sündigen? Verbietet das Fünfte Gebot auch den Krieg? Ab wann hat ein Kleinkind eine Seele?

Um das Wesen der Theologie wirklich zu verstehen, ist es sinnvoll, in den Osten zu schauen und zu erkennen, warum es dort niemals Theologen gegeben hat. Nehmen wir etwa den Taoismus. Das Tao wird als eine übernatürliche Essenz begriffen, ein unter den Dingen liegendes mystisches Kraft-Prinzip, das das Leben reguliert. Dabei ist es jedoch unpersönlich, unnahbar, es hat kein Bewusstsein und ist nimmermehr ein Wesen. Vielmehr ist es der »ewige Weg«, eine kosmische Kraft, die Harmonie und Gleichgewicht herstellt. Nach Lao-Tse ist das Tao zugleich »niemals da« und »immer da«, es ist »namenlos«, hat aber auch »den Namen, der genannt werden kann«. Ebenso »klang- wie formlos« hat es »niemals ein Begehr«. Man kann ewig über eine solche Essenz meditieren, doch lässt sie sich logisch kaum durchdenken. Das Gleiche gilt für den Buddhismus und den Konfuzianismus. Selbst wenn die volkstümlichen Varianten dieser Glaubensrichtungen polytheistisch sind und über ein enormes Personal an kleinen Gottheiten verfügen (was auf den gemeinverständlichen Taoismus ebenfalls zutrifft), so sind die »reinen« Formen dieser Glaubensrichtungen, wie sie von den intellektuellen Eliten aufgefasst werden, letztlich gottlos und beziehen sich auf eine nur vage heilige Essenz. Buddha etwa negierte ausdrücklich die Existenz eines bewussten Gottes.3 Im Osten existieren schon deswegen keine Theologen, weil all jene, die eine solche intellektuelle Aufgabe ansonsten erfüllen würden, nicht einmal deren erster Grundvoraussetzung Rechnung tragen können, nämlich der Existenz eines Gottes, der ebenso bewusst wie allmächtig ist.

Im Gegensatz dazu haben christliche Theologen jahrhundertelang darüber nachgedacht, was Gott in spezifischen Stellen der Bibel wirklich sagen will, und manche dieser Interpretationen haben im Laufe der Zeit höchst dramatische und weitreichende Diskussionen nach sich gezogen. Zum Beispiel verbietet die Bibel die Astrologie nicht nur nicht, sondern die Geschichte der Heiligen Drei Könige, die dem Stern von Bethlehem folgen, belegt sogar deren Statthaftigkeit. Andererseits legte Augustinus im 5. Jahrhundert vernünftig dar, dass die Astrologie falsch sein müsse, da der Glaube an ein vorbestimmtes Schicksal nicht vereinbar sei mit dem freien Willen, den Gott uns geschenkt habe.4 Ähnlich war es mit der theologischen Konzeption von Maria: obwohl viele frühe Christen, darunter der Apostel Paulus, die Annahme stützten, dass Jesus Brüder gehabt habe,5 ihrerseits gezeugt von Josef und geboren durch Maria, geriet diese Ansicht in energischen Konflikt mit ihrer weiteren Auslegung durch spätere Theologen. Das Problem wurde dann im 13. Jahrhundert gelöst, als Thomas von Aquin die Doktrin von Mariens Jungfrauengeburt dergestalt definierte, dass Maria keine anderen Kinder zur Welt gebracht habe: »So behaupten wir ohne Vorbehalt, dass die Mutter Gottes als Jungfrau schwanger wurde, als Jungfrau gebar und auch nach der Geburt Jungfrau geblieben ist. Die Brüder des Herrn waren keine natürlichen Brüder, die von der gleichen Mutter geboren wurden, sondern Blutsverwandte.«6

Dies und ähnliches waren nicht nur bloße Erweiterungen der Bibeltexte, sondern Beispiele für sorgfältige und vernünftige Schlussfolgerungen, aus denen dann wiederum neue Doktrinen entstanden: die Kirche verbot die Astrologie, die Immerwährende Jungfräulichkeit Mariens wurde zur offiziellen katholischen Lehre. Wie diese Beispiele zeigen, vermochten große Geister oftmals eine Kirchendoktrin durch logisches Denken erheblich zu verändern oder gar umzudrehen. Niemand konnte dies besser und hatte größeren Einfluss als die Heiligen Augustinus und Thomas von Aquin. Natürlich haben auch tausende anderer Theologen versucht, den Doktrinen ihren Stempel aufzudrücken. Manchen gelang es, die meisten wurden übergangen und noch andere wurden als Häretiker ausgesondert. Es geht aber stets darum, dass hinter jeder Darlegung gleich welchen Aspekts der christlichen Theologie eine hohe Autorität stehen muss. Es ließen sich problemlos in den Arbeiten tausender unbedeutender Theologen Zitate finden, die die bizarrsten Standpunkte belegen. Entsprechend haben Historiker oft diesen Ansatz gewählt; doch ist es nicht meiner. Ich werde geringere Persönlichkeiten nur dann zitieren, wenn ihre Ansichten auch von großen Theologen bestätigt worden sind, wobei ich im Hinterkopf behalte, dass die maßgebende Position der Kirche sich in vielen Fällen weiterentwickelte und das mitunter so sehr, dass ihre früheren Lehren ins Gegenteil verkehrt wurden.

Führende christliche Theologen wie Augustinus und Thomas von Aquin entsprachen nicht eben dem, was heutzutage mit strenger Bibel-Exegese in Verbindung gebracht wird. Vielmehr bedienten sie sich stets ihrer Vernunft, um größere Einsicht in die göttlichen Pläne zu gewinnen. Tertullian sagte es im 2. Jahrhundert so: »Die Vernunft ist insofern ein Ding Gottes, als es nichts gibt, das Gott der Schöpfer uns nicht durch Vernunft verliehen oder auferlegt hat. Und so soll auch nichts von dem, was er nicht will, mit Mitteln der Vernunft verstanden und gehandhabt werden.«7 Im gleichen Geiste sprach Clemens von Alexandria im 3. Jahrhundert die Warnung aus: »Denkt nicht, dass wir behaupten, diese Dinge könnten durch den Glauben allein empfangen werden, stattdessen muss die Vernunft sie zunächst immer bestätigen. Denn tatsächlich ist es ein Wagnis, diese Dinge dem bloßen Glauben zu überlassen, da die Wahrheit sicherlich nie ohne die Vernunft existieren kann.«8

Daher drückte Augustinus in erster Linie etwas aus, das bloß dem letztgültigen allgemeinen Stand der Weisheit entsprach, als er sagte: »Der Himmel bewahre, dass Gott in uns gerade das zu hassen beginnt, mit dem er uns den Tieren überlegen gemacht hat. Der Himmel bewahre, dass unser Glaube nicht die Vernunft begehre oder zumindest akzeptiere, da uns der Glaube ja gar nicht möglich wäre, besäßen wir keine vernunftbegabten Seelen.« Augustinus hatte erkannt, dass »der Glaube der Vernunft vorangehen und zunächst das Herz reinigen muss, damit es bereit ist das helle Licht der Vernunft zu empfangen und auszuhalten«. Und er fügte hinzu, dass, obwohl es nötig sei, »dass der Glaube der Vernunft vorangeht, in gewissen, bis dahin noch nicht begreifbaren Momenten, der sehr kleine Anteil der Vernunft, der uns von diesem Umstand überzeugt, wiederum dem Glaube vorausgehen muss«.9 Die scholastischen Theologen setzten weitaus mehr Glauben in die Vernunft, als die meisten Philosophen es heutzutage tun.10

Natürlich widersetzten sich manche einflussreiche Kirchenmänner diesem Primat der Vernunft und hielten dagegen, dass die besten Diener des Glaubens der Mystizismus und das spirituelle Erleben seien.11 Ironischerweise hat der inspirierendste Fürsprecher dieses Standpunkts seine Thesen auf eine Weise formuliert, die ganz besonders elegant und vernunftdurchtränkt war.12 Der Widerspruch gegen die Vernunft war natürlich in manchen religiösen Orden sehr populär, besonders bei den Franziskanern und den Zisterziensern. Doch konnten sich ihre Ansichten nicht durchsetzen – und wenn auch nur aus dem einen Grund, weil an den Universitäten, in denen die Vernunft im Besonderen regierte, die offizielle Theologie der Kirche den Ton angab.13

Der christliche Glauben in seinem Fortschritt

Auch das Judentum und der Islam haben sich das Bild eines Gottes zu eigen gemacht, dem eine Theologie hätte zur Seite gestellt werden können, doch ließen ihre Gelehrten dieses Feld unbestellt. Stattdessen sehen sowohl das traditionelle Judentum14 wie die Muslime in der Heiligen Schrift vor allem einen Gesetzestext, der verstanden und angewandt werden muss und nicht eine Grundlage für Untersuchungen in der Frage nach dem letzten Sinn. Daher fassen Gelehrte das Judentum und den Islam oft als »orthopraktische« Religionen auf, denen es vor allem um die korrekte (ortho) Anwendung (praxis) von Glaubenssätzen geht und die »ganz fundamental die Einhaltung von Gesetzen und Regeln im Gemeinschaftsleben betonen«. Dagegen bezeichnen die Gelehrten das Christentum als »orthodoxe« Religion, weil es das korrekte (ortho) Fürwahrhalten (doxa) hervorhebt und »das Hauptaugenmerk auf den Glauben und seine intellektuelle Strukturierung durch das Credo, den Katechismus und die Theologien« legt.15 Bei einer typischen Kontroverse zwischen jüdischen und muslimischen Denkern geht es darum, ob eine bestimmte Handlung oder Erfindung (etwa die Reproduktion der Heiligen Schrift durch die Druckerpresse) im Einklang mit dem bestehenden Gesetz ist. Eine typische christliche Kontroverse ist dagegen doktrinär und befasst sich etwa mit Themen wie der Heiligen Dreifaltigkeit oder der Immerwährenden Jungfräulichkeit Mariens.

Natürlich haben auch führende christliche Denker sich mit dem Gesetz beschäftigt und manch jüdischer wie muslimischer Gelehrter sich mit theologischen Fragen auseinandergesetzt. Und doch haben die drei Glaubensrichtungen an dieser Stelle sehr verschiedene Stoßkräfte und besondere Konsequenzen.

Rechtsauslegungen beziehen sich auf Präzedenzfälle und werfen daher sozusagen ihre Anker in die Vergangenheit, während das Bemühen um ein besseres Verständnis der göttlichen Natur dagegen von einer Möglichkeit des Fortschritts ausgeht. Und genau diese Annahme des Fortschritts ist es, die den entscheidendsten Unterschied zwischen dem Christentum und allen anderen Religionen ausmachen dürfte. Sieht man vom Judentum ab, begreifen die anderen großen Glaubensrichtungen die Geschichte entweder als endlos wiederholten Kreislauf oder als unabwendbaren Niedergang – so soll Mohammed gesagt haben: »Die beste aller Generationen ist meine eigene, gefolgt von der nächsten und dann wiederum der nächsten.«16 Im Gegensatz dazu haben Judentum und Christentum eine richtungsweisende Konzeption der Geschichte, die in die Wiederkehr Christi und das Millennium mündet. Allerdings betont die jüdische Vorstellung der Geschichte nicht so sehr den Fortschritt, als vielmehr das Moment der Sequenz, des Nacheinanders, wohingegen das Christentum die Idee des Fortschritts verinnerlicht hat. John Macmurray schrieb dazu: »Daß wir überhaupt an so etwas wie Fortschritt denken, zeigt das ganze Ausmaß des christlichen Einflusses.«17

Die Dinge lägen vielleicht anders, hätte Jesus eine schriftliche Mitteilung hinterlassen. Doch anders als Mohammed und Moses, deren Schriften als göttliche Übermittlungen aufgefasst wurden, hat Jesus nie etwas verfasst, so dass die Kirchenväter von Anfang an aus den Implikationen seiner Worte – einer Sammlung von Aussagen, die nur der Erinnerung der Evangelisten entstammten – ihre Schlüsse ziehen mussten. Das Neue Testament ist kein vereinheitlichtes Dokument, sondern eine Sammelschrift.18 Demzufolge steht im Hintergrund aller theologischen Deduktion stets das Wort des Paulus: »Denn Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk ist unser prophetisches Reden.«19 Man vergleiche dies mit der zweiten Sure des Korans: »Dies ist die Schrift, an der nicht zu zweifeln ist.«20

Von Anfang an gingen christliche Theologen davon aus, dass der Gebrauch der Vernunft zu einem umso genaueren Verständnis des Willen Gottes führe. Augustinus bemerkte, dass, obwohl »es in der Heilslehre gewisse Dinge gibt, die wir uns noch nicht erschließen können […], wir eines Tages dazu fähig sein werden«.21 Doch Augustinus rühmte nicht nur den theologischen, sondern auch den weltlichen, materiellen Fortschritt. Bereits im 5. Jahrhundert schrieb er: »Sind nicht durch den Menschengeist so viele und großartige Künste erfunden und betätigt worden, teils unentbehrliche, teils dem Vergnügen dienende, dass die überragende Kraft des Geistes und der Vernunft selbst auch in ihren überflüssigen oder sogar gefährlichen und verderblichen Strebungen davon zeugt, welch herrliches Gut sie ihrem Wesen nach ist, welches es ihr ermöglichte, derlei Dinge zu erfinden, sich anzueignen und zu betätigen. Zu welch wunderbaren, staunenswerten Erzeugnissen ist menschliche Betriebsamkeit im Bekleidungs- und Baugewerbe gelangt; wie weit hat sie es in der Bodenbebauung, in der Schifffahrt gebracht …« Und weiter hob er hervor, »welch große Kenntnis hat diese Kraft des Geistes und der Vernunft in Maß und Zahl erlangt, mit welchem Scharfsinn die Bahnen und Stellungen der Gestirne erfasst; welche Unsumme von Wissen über die Dinge der Welt hat sie gespeichert!« All das gehe zurück auf das »höchste und unwandelbare Gute«, das Gott seinem Geschöpf mitgegeben habe, nämlich eine »vernunftbegabte Natur«.22

Augustinus’ Zuversicht war typisch; der Fortschritt lockte die gesamte Christenheit. Gilbert de Tournai schrieb im 13. Jahrhundert: »Niemals werden wir die Wahrheit finden, wenn wir uns mit dem begnügen, was wir bereits wissen … Was vor unserer Zeit geschrieben wurde, sind keine Gesetze, sondern Wegweiser. Die Wahrheit steht uns allen offen, da wir sie noch nicht zur Gänze besitzen.«23 Daran schließt sich an, was Fra Giordano 1306 in Florenz gepredigt hat: »Weder sind alle Künste bereits ausgeschöpft worden, noch werden wir mit ihnen je an ein Ende kommen. Man sollte jeden Tag eine neue Kunst freilegen.«24 Vergleichen wir dies mit der zur gleichen Zeit vorherrschenden Überzeugung in China, wie Li Yen-Chang sie charakterisierte: »So die Gelehrten dahin gebracht werden, ihre Aufmerksamkeit einzig auf die Klassiker zu richten und man sie davon abhält, sich mit dem vulgären Tun späterer Generationen zu befassen, wird es dem Kaiserreich fürwahr wohlergehen!«25

Das christliche Bekenntnis zum Fortschritt mittels der Rationalität erreichte seinen Höhepunkt in der Summa theologica des heiligen Thomas von Aquin, die im späten 13. Jahrhundert in Paris veröffentlicht wurde. Dieses Monument der rationalen Theologie besteht aus logischen »Beweisen« christlicher Doktrinen und diente allen späteren christlichen Theologen als Maßstab. Da Thomas zufolge allen menschlichen Wesen der hinreichende Intellekt fehle, um direkt in das Wesen der Dinge zu blicken, sei es nötig, dass sie sich ihren Weg in die Erkenntnis Schritt für Schritt mit Hilfe der Vernunft bahnen. Aus diesem Grund sprach sich Thomas, selbst wenn er die Theologie als die höchste der Wissenschaften betrachtete, da sie sich unmittelbar mit göttlichen Offenbarungen befasse, für den Gebrauch der Werkzeuge der Philosophie aus, besonders für logische Prinzipien, mit denen erst eine Theologie begründet werden sollte.26 Folgerichtig gelang es ihm, mit der Kraft der Vernunft in Gottes Schöpfung den profundesten Humanismus auszumachen.27

Doch hätten sich Thomas von Aquin und seine vielen begabten Kollegen niemals in der rationalen Theologie hervortun können, wenn sie Jehova als ein unerklärliches Wesen betrachtet hätten. Sie konnten ihre Bemühungen nur rechtfertigen, indem sie in Gott die Verkörperung der Vernunft schlechthin sahen.28 Überdies mussten sie, da sie Gottes Willen auf fortschrittliche Weise zu erschließen suchten, akzeptieren, dass die Bibel nicht stets und nicht wörtlich zu verstehen sei. Auch dies entsprach der konventionellen christlichen Sichtweise, da, wie Augustinus anmerkte, »unterschiedliche Dinge unter diesen Worten zu verstehen seien, die wiederum alle wahr sind«. Augustinus gestand sogar offen ein, dass späteren Lesern mit Gottes Hilfe einmal ein Verständnis gewisser Bibelstellen möglich sein werde, obwohl derjenige, der sie niederschrieb, »sie gar nicht verstanden hat«. Und er fährt fort: »Wenn also jeder sich bestrebt, in der heiligen Schrift das zu erkennen, was der Verfasser dachte, wie kann es dann böse sein, wenn er darin findet, was du, Licht aller derer, welche die Wahrheit aufrichtig suchen, ihm als wahr zeigst, wenn auch der, dessen Worte er liest, dies nicht dachte, so dachte er doch Wahres, wenn auch nicht gerade dieses.«29 Da Gott darüber hinaus unfähig sei, Fehler zu machen, könne der Grund, warum die Bibel der Erkenntnis zu widersprechen scheine, nur an einem Verständnisproblem des »Verfassers« liegen, welcher Gottes Worte fixierte.

Diese Ansichten standen in völligem Einklang mit dem christlichen Grundsatz, dass Gottes Offenbarungen sich stets am jeweils aktuellen menschlichen Verständnisvermögen orientierten. Im 4. Jahrhundert schrieb der heilige Johannes Chrysostomos, dass selbst die Seraphe Gott nicht als das erkennen könnten, was er ist. Stattdessen sähen sie »etwas, das an ihre Natur angepasst ist und sich zu dieser herablässt. Zu dieser Herablassung kommt es, wenn Gott erscheint, allerdings nicht als der, der er ist. Stattdessen zeigt er sich dem, der ihn doch nicht ganz zu erschauen vermag, gerade soweit, dass dieser ihn ein stückweit erblickt. Auf diese Weise lässt Gott sich proportional zu der Schwäche derer erkennen, die seiner gewahr werden.«30 Angesichts dieser langen Tradition gab es auch nichts ansatzweise Ketzerisches an der These Johannes Calvins, dass Gott seine Offenbarungen den Grenzen des menschlichen Verständnisses anpasse und etwa der Autor der Genesis »ordiniert war, ein Lehrer der Ungelernten und Primitiven zu sein, nicht anders als der bereits Wissende; ohne auch krude Mittel der Instruktion zu verwenden, hätte er sein Ziel nicht erreichen können«. Das heißt, Gott »offenbart sich uns entsprechend unserer Grobheit und Schwäche«.31

Das christliche Gottesbild ist das eines Wesens, das an den menschlichen Fortschritt glaubt und sich umso vollständiger offenbart, desto mehr die Menschen ein Vermögen zu besserem Verständnis gewinnen. Da Gott zudem als vernunftbegabtes Wesen das Universum geschaffen hat, hat auch dieses notwendigerweise eine rationale, gesetzmäßige, stabile Struktur, die nur darauf wartet, von den Menschen besser verstanden zu werden. Hierin lag der Schlüssel zu manchen intellektuellen Vorhaben, von denen die Wissenschaft ein wesentlicher Teil war.

Theologie und Wissenschaft

Die sogenannte wissenschaftliche Revolution des 16. Jahrhunderts ist von all jenen fehlinterpretiert worden, die stets eine Art Ur-Konflikt zwischen Religion und Wissenschaft ausmachen wollen. Es sind höchst wunderbare Dinge in dieser Epoche geschaffen worden, doch lag das nicht an einem jähen Ausbruch säkularen Denkens. Im Gegenteil waren diese Errungenschaften der krönende Abschluss eines jahrhundelangen systematischen Fortschritts durch mittelalterliche Scholastiker, die ihrerseits unterstützt wurden von der singulär christlichen Erfindung des 12. Jahrhunderts, der Universität. Nicht nur stellten sich Wissenschaft und Religion als kompatibel heraus, sie waren sogar nicht voneinander zu trennen – denn der Aufstieg der Wissenschaft wurde von zutiefst religiösen christlichen Gelehrten ermöglicht.32

Es ist wichtig zu erkennen, dass Wissenschaft nicht bloß aus Technologie besteht. Eine Gesellschaft kann sich nicht deshalb der Wissenschaft rühmen, weil sie in der Lage ist, Schiffe zu bauen, Eisen zu schmelzen oder weil sie das Essen auf Porzellantellern serviert. Die Wissenschaft ist eine Methode, die in organisierten Versuchen benutzt wird, um der Natur einer Sache auf den Grund zu gehen und um sie zu formulieren. Dabei ist sie stets Modifizierungen und Korrekturen durch systematische Beobachtung unterworfen.

Anders gesagt, besteht die Wissenschaft aus zwei Bausteinen: Theorie und Forschung. Die Theorie ist der erklärende Teil der Wissenschaft. Wissenschaftliche Theorien sind abstrakte Aussagen darüber, warum und wie bestimmte Teile der Natur (einschließlich des menschlichen Gemeinschaftslebens) ineinander passen und funktionieren. Allerdings gehen nicht alle abstrakten Aussagen, und selbst nicht alle erklärenden, als wissenschaftliche Theorien durch. Ansonsten wäre auch die Theologie eine Wissenschaft. Abstrakte Theorien sind vielmehr nur dann wissenschaftlich, wenn man von ihnen einige verbindliche Vorhersagen positiver wie negativer Art darüber ableiten kann, was überhaupt beobachtet werden wird. Und hier kommt die Forschung ins Spiel. Bei ihr geht es darum, Beobachtungen anzustellen, die für die empirischen Vorhersagen relevant sind. Dabei wird klar, dass die Wissenschaft auf Aussagen über die natürliche und materielle Wirklichkeit beschränkt ist – also über Dinge, die zumindest grundsätzlich beobachtbar sind. Aus diesem Grund gibt es auch manche diskursiven Gefilde, die die Wissenschaft überhaupt nicht erreichen kann – etwa die Frage nach der Existenz Gottes.

Man beachte auch, dass die Wissenschaft eine organisierte, gemeinschaftliche Bestrebung darstellt und nicht auf Zufallsfunden beruht oder in der Abgeschiedenheit stattfindet. Freilich haben manche Wissenschaftler auch allein gearbeitet, jedoch niemals in der Isolation. Seit den ersten Tagen haben Wissenschaftler Netzwerke gegründet und unterhielten durchweg viele Kontakte.

In Übereinstimmung mit der Ansicht heutiger Historiker und Wissenschaftstheoretiker schließt diese Definition der Wissenschaft alle Versuche aus, die es im Laufe der Menschheitsgeschichte gab, um die materielle Welt zu erklären und zu kontrollieren, selbst solche, die mit dem Übersinnlichen nichts zu tun hatten. Die meisten dieser Bemühungen kann man deshalb aus der Kategorie der Wissenschaft herausnehmen, da bis vor kurzem, wie Marc Bloch sagte, »technischer Fortschritt, selbst großen Ausmaßes, auf bloßer Empirie beruhte«.33 Das heißt, der Fortschritt war das Ergebnis von Beobachtung sowie praktischem Herumprobieren, doch fehlte ihm die Erklärung – die Theorie. Aus diesem Grund stellen die frühen technischen Innovationen aus griechischrömischen Zeiten, der islamischen Welt oder aus China, ganz zu schweigen von solchen aus der Vorzeit, keine Wissenschaft dar und beruhten vielmehr auf überliefertem Wissen, Geschicklichkeit, Weisheit, Technik, Handwerk, Technologie, Ingenieursbegabung, Bildung oder einfachen Kenntnissen. Auch ohne Teleskope waren die Menschen der Antike zu großartigen astronomischen Beobachtungen fähig, doch bevor diese mit nachprüfbaren Theorien verknüpft waren, verharrten sie in der Sphäre bloßer Gegebenheiten. Charles Darwin hat diesen Aspekt anschaulich beschrieben: »Vor dreißig Jahren wurde oft gesagt, dass die Geologen beobachten und nicht theoretisieren sollten; und ich erinnere mich noch gut an jemanden, der meinte, dass man ebenso gut in einer Kiesgrube die Steine zählen und ihre Farben beschreiben könnte. Wie seltsam ist das, dass jemand nicht versteht, dass alle Beobachtung immer für oder gegen eine bestimmte Ansicht sprechen muss, so sie überhaupt von Nutzen sein will!«34

Was die intellektuellen Errungenschaften der griechischen oder östlichen Philosophen angeht, war ihr Empirismus so a-theoretisch, wie ihre Theorien nichtempirisch. Schauen wir auf Aristoteles. Obwohl er für seinen Empirismus gerühmt wird, hielt er diesen doch von seinen Theorien fern. So lehrte er zum Beispiel, dass die Geschwindigkeit, mit der Objekte auf den Boden fallen, proportional zu ihrem Gewicht sei – dass ein Stein, der doppelt so schwer als ein anderer sei, darum auch zweimal so schnell falle.35 Schon ein Besuch auf den Felshängen in seiner Nachbarschaft hätte ihn eines Besseren belehren können.

Gleiches lässt sich auch von den anderen berühmten Griechen sagen – entweder sind ihre Werke ausschließlich empirisch oder aber sie erfüllen nicht die Kriterien der Wissenschaft, da es ihnen an Empirie mangelt. Auf diese Weise bleiben sie rein abstrakte Thesen, die keinerlei feststellbare Folgen miteinbeziehen oder die diese sogar ignorieren. Als Demokrit erklärte, dass die gesamte Natur aus Atomteilchen bestehe, bewegte er sich damit keineswegs in Richtung der wissenschaftlichen Atomtheorie. Sein Modell war rein spekulativ und beruhte weder auf Beobachtungen noch auf Empirie. Dass es sich dennoch als richtig herausstellte, ist nicht mehr als ein linguistischer Zufall, der Demokrits Annahme ebenso viel oder wenig Bedeutung zukommen lässt, wie der seines Zeitgenossen Empedokles, als dieser behauptete, die Natur bestehe einzig aus Feuer, Luft, Wasser und Erde, oder Aristoteles’ Variante aus dem Folgejahrhundert, welche besagte, die Natur sei ein Gemisch aus Hitze, Kälte, Trockenheit, Feuchte und Quintessenz. Das Gleiche betrifft Euklid: trotz seiner analytischen Bravour und seines Scharfsinns war er doch kein Wissenschaftler, da sein Steckenpferd, die Geometrie, an und für sich keine Substanz hat und sie bloß einige Aspekte der Wirklichkeit beschreibt, jedoch nicht zu erklären vermag.

Die echte Wissenschaft erhob sich nur ein einziges Mal: in Europa.36 China, die islamische Welt, Indien und das alte Griechenland hatten zwar ihrerseits die Alchemie entwickelt, doch wurde sie nur in Europa zur Chemie. Analog dazu hatten zwar viele Gesellschaften elaborierte Systeme der Astrologie entwickelt, doch führte nur in Europa die Astrologie zur Astronomie. Warum? Die Antwort darauf hat erneut mit verschiedenen Gottesbildern zu tun.

In den Worten des großen, wenn auch missachteten mittelalterlichen Wissenschafts-Theologen Nikolaus von Oresme ist die Schöpfung Gottes »ungefähr so wie die eines Menschen, der eine Uhr baut und ihren Gang in der Folge ihr selbst überlässt«.37 Im Gegensatz zu den religiösen und philosophischen Doktrinen der nichtchristlichen Welt entwickelten Christen die Wissenschaft, weil sie glaubten, dass sie entwickelt werden konnte und sollte. Alfred North Whitehead sagte im Rahmen seiner Lowell-Vorlesungen 1925 in Harvard, dass die Wissenschaft in Europa entstanden sei aufgrund des breit gefächerten »Glaubens in die Möglichkeit der Wissenschaft … welcher von der mittelalterlichen Theologie abgeleitet war«.38 Whiteheads Erklärung schockierte nicht nur seine distinguierte Zuhörerschaft, sondern westliche Intellektuelle im Allgemeinen, sobald seine Vorlesungen veröffentlicht waren. Wie konnte dieser große Philosoph und Mathematiker, Bertrand Russells Co-Autor der bahnbrechenden Principia Mathematica (1919–1913), etwas so Obskures behaupten? Wusste er denn nicht, dass die Religion der Todfeind der wissenschaftlichen Untersuchung ist?

Whitehead wusste etwas viel Besseres. Er hatte verstanden, dass die christliche Theologie für den Aufstieg der Wissenschaft im Westen ganz unerlässlich gewesen war, und ebenso, dass nicht-christliche Theologien das wissenschaftliche Streben überall sonst abgewürgt hatten. Er erklärte: »Der größte Beitrag des mittelalterlichen Geistes zur Wissenschaftsbewegung war der unbezwingbare Glauben, dass … da ein Geheimnis war, ein Geheimnis, das gelüftet werden konnte. Wie kam es, dass diese Überzeugung so tief in den europäischen Geist eingewurzelt war? … Es muss mit der mittelalterlichen Fixierung auf die Vernunft Gottes zu tun gehabt haben, die man sich als persönliche Energie Jahwes verbunden mit der Rationalität eines griechischen Philosophen ausmalte. Jedes Detail wurde überwacht und kontrolliert: die Suche nach den Geheimnissen der Natur konnte nur in einer Bekräftigung des Glaubens an die Vernunft resultieren.«39

Whitehead schloss mit der Anmerkung, dass die in anderen Religionen zu findenden Gottesbilder, zumal die asiatischen, zu unpersönlich und zu irrational waren, als dass sie die Wissenschaft hätten stützen können. »Gleich welches Geschehnis könnte gerade auch auf den willkürlichen Befehl eines despotischen Gottes zurückzuführen sein« oder einen »unpersönlichen und völlig undurchschaubaren Ursprung haben. Es gibt da nirgends das gleiche Zutrauen in die begreifliche Rationalität eines persönlichen Wesens.«40

Tatsächlich gehen die meisten nicht-christlichen Religionen sowieso nicht von einer Schöpfung aus: das Universum ist vielmehr ewiglich oder bewegt sich bestenfalls zyklisch, es hat jedenfalls weder Anfang noch Ende und, das Wichtigste dabei, es kennt keinen Schöpfer. Infolgedessen betrachtet man das Universum als allwaltendes Mysterium, als widersprüchlich, unvorhersehbar und beliebig. Für jemanden mit diesen religiösen Prämissen verläuft der Pfad der Weisheit über Meditation und mystische Erkenntnis. Der Vernunft zu huldigen, besteht hier kein Grund.

Der kritische Punkt in all dem ist methodologisch. Ganze Jahrhunderte der Meditation werden niemals ein empirisches Wissen hervorbringen. In dem Maße dagegen, wie die Religion Anstöße dazu gibt, das Werk Gottes zu begreifen, wird das Wissen immer größer werden. Und da man, sofern man etwas gründlich verstehen will, es auch erklären können muss, agiert die Wissenschaft hier als »Magd« der Theologie. Nicht anders sahen sich all jene, die an den großen Errungenschaften des 16. und 17. Jahrhunderts beteiligt waren: als Fährtensucher in den Geheimnissen der Schöpfung. Newton, Kepler und Galileo sahen in der Schöpfung ein Buch41, das sich der steten Lektüre und Durchdringung darbot. Das wissenschaftliche Genie des 17. Jahrhunderts René Descartes begründete sein Forschen nach den »Gesetzen« der Natur damit, dass es solche Gesetze ja schließlich geben müsse, da Gott vollkommen sei und sich daher »auf eine Weise verhält, die so konstant und unveränderbar wie nur möglich ist«, abgesehen von gelegentlichen Wundern, die er wirkt.42 Umgekehrt gab es solche kritischen religiösen Auffassungen in anderen Gesellschaften nicht, die ansonsten das gleiche Potential zur wissenschaftlichen Entfaltung gehabt hätten – aber eben doch nicht hatten: den chinesischen, griechischen und islamischen.

China

Nur drei Jahre bevor sein Co-Autor Alfred North Whitehead erklärte, dass das Christentum die Basis für das wissenschaftliche Streben gelegt habe, wunderte sich Bertrand Russell über das Ausbleiben der Wissenschaft in China. Von seiner militant atheistischen Warte aus betrachtet, hätte es die Wissenschaft in China lange vor Europa geben müssen. Er schrieb: »Obwohl die chinesische Zivilisation bis dato in Dingen der Wissenschaft unzulänglich geblieben ist, steht sie dieser doch nicht feindselig gegenüber, so dass der Ausbreitung ihres Wissens keine Hürden in den Weg gelegt sind wie seitens der Kirche in Europa.«43

Trotz seiner Überzeugung, dass China bald darauf den Westen bei weitem überrunden werde,44 konnte Russell nicht erkennen, dass es sehr wohl religiöse Hindernisse waren, die die chinesische Wissenschaft beeinträchtigten. Obwohl die einfachen Leute in China über Jahrhunderte sehr viele und verschiedenartige Gottheiten verehrten, allesamt von kleinem Rang und oft mit nur wenigen Charaktermerkmalen versehen, rühmten sich die chinesischen Intellektuellen, dass sie »gottlosen« Religionen folgten. In diesen stellt das Übernatürliche eine Essenz dar, vielleicht auch ein das Leben bestimmendes Prinzip – wie etwa das Tao –, das unpersönlich ist, unnahbar, aber ganz bestimmt kein Wesen. Wie kleine Gottheiten kein Universum erschaffen, bewerkstelligen unpersönliche Essenzen oder Prinzipien dies ebenso wenig – das Tun schlechthin scheint ihnen fernzuliegen.

Das Universum, so wie die chinesischen Philosophen es auffassen, ist und war einfach schon immer da. Es gibt keinen Grund zu der Annahme, dass es rationalen Gesetzen entsprechend funktioniere oder man es eher unter physikalischen, denn mystischen Gesichtspunkten betrachten sollte. Demzufolge haben chinesische Intellektuelle über Jahrtausende hinweg »Erleuchtung« gesucht und keine Erklärungen. Zu diesem Schluss kam die große Autorität auf dem Gebiet der Wissenschaftsgeschichte, Joseph Needham, der fast seine ganze Laufbahn und viele Bücher der chinesischen Technologie-Entwicklung widmete. Nachdem er jahrzehntelang eine materialistische Erklärung gesucht hatte, kam er schließlich zu der Einsicht, dass die Chinesen bei der Entwicklung ihrer Wissenschaft aus religiösen Gründen gescheitert sind und die chinesischen Intellektuellen deshalb nicht an Naturgesetze glauben konnten, weil »die Vorstellung eines himmlischen Gesetzgebers, der einer nicht-menschlichen Natur Befehle erteilt, sich nie entwickelt hat«. Und Needham fuhr fort: »Es war nicht so, dass es für die Chinesen keine Ordnung in der Natur gegeben hätte. Doch war das keine Ordnung, die ein rationales, persönliches Wesen festgelegt hatte, weshalb es auch keinen Glauben daran gab, dass andere rationale und persönliche Wesen in ihren unbedeutenderen weltlichen Sprachen den göttlichen Gesetzestext ausbuchstabieren könnten, den Er einstmals festgelegt hatte. Die Taoisten hätten eine solche Idee schon deshalb abgelehnt, weil sie gegenüber der Feinsinnigkeit und Komplexität des Universums, so wie sie es sich vorstellten, zu naiv sei.«45 Ganz genau.

Graeme Lang, respektierter Anthropologe der städtischen Universität Hongkong, verwarf vor einigen Jahren die Ansicht, dass der Einfluss von Konfuzianismus und Taoismus auf die chinesischen Intellektuellen für die Fehlentwicklung der dortigen Wissenschaft verantwortlich gewesen seien. Kultur sei stets flexibel, so Lang, und »wenn chinesische Gelehrte wissenschaftlich hätten arbeiten wollen, hätte die Philosophie allein nie ein ernsthaftes Hindernis sein können«.46 Das mag sein. Doch stellte Lang die Grundfrage nicht: Warum wollten die Gelehrten denn keine Wissenschaft betreiben? Weil, wie Whitehead, Needham und viele andere festgestellt haben, den Chinesen die Möglichkeit der Wissenschaft gar nicht bewusst wurde. Grundlegende theologische und philosophische Annahmen entscheiden sehr wohl darüber, ob jemand die Wissenschaft in Angriff nehmen will. Die westliche Wissenschaft entstand aus der enthusiastischen Überzeugung heraus, dass der menschliche Intellekt die Geheimnisse der Natur entschlüsseln könne.

Griechenland

Über Jahrhunderte schienen die alten Griechen an der Schwelle zum wissenschaftlichen Aufbruch zu stehen. Es gefiel ihnen, die natürliche Welt mit angemessen abstrakten und allgemeinen Prinzipien zu erklären. Einige von ihnen beleuchteten die Natur systematisch – und das, obwohl Sokrates Empirismen wie die astronomische Beobachtung als »Zeitverschwendung« abtat und Platon ihm nur zustimmen konnte, wobei er seinen Studenten empfahl, »den Sternenhimmel in Frieden zu lassen«.47 Auch bildeten griechische Gelehrte Netzwerke – die berühmten philosophischen »Schulen«. Doch war alles, was sie letztlich zustande brachten, nicht- oder sogar anti-empirische, spekulative Philosophie, nicht-theoretische Kompilationen von Tatsachen, isolierte Zünfte und Technologien – ein wissenschaftlicher Durchbruch hat nie stattgefunden.

Dafür gab es drei Gründe. Erstens waren die Götter, wie die Griechen sie sich vorstellten, nicht wirklich als bewusste Schöpfer aufzufassen. Zweitens begriffen die Griechen das Universum nicht nur als ewig und unerschaffen, sondern als eingeschlossen in endlose Zyklen von Fortschritt und Verfall. Drittens verwandelten die Griechen, die ja auch die Himmelskörper als echte Götter ansahen, leblose Objekte in lebendige Kreaturen mit Zielen, Gefühlen und Wünschen – wodurch sie dem Streben nach physikalischen Theorien einen Strich durch die Rechnung machten.48

Von all den Göttern, die das himmlische Pantheon der Griechen bevölkerten, brachte keiner und nicht einmal Zeus die nötige Befähigung als Schöpfer eines Gesetzen unterworfenen Universums mit. Nicht anders als die Menschen waren auch die Götter dem unerbittlich waltenden Kreislauf aller Dinge unterworfen. Einige griechische Gelehrte, etwa Aristoteles, postulierten zwar einen allmächtigen »Gott«, in dessen Betätigungsfeld das gesamte Universum fällt, doch sahen sie in ihm, ähnlich wie das Tao, lediglich eine Essenz. Ein solcher Gott verlieh einem zyklischen Universum und dessen hypothetischen, abstrakten Eigenschaften eine gewisse spirituelle Aura, doch blieb »Gott«, da er ja nur eine Essenz war, praktisch immer tatenlos. Platon wiederum ging von einem sehr geringwertigen Gott als Schöpfer der Welt aus, dem Demiurgen, denn für ein solches Unternehmen sei der höchste »Gott« allzu vergeistigt und entrückt gewesen. Aus diesem Grund sei die Welt auch so unvollkommen.

Viele Gelehrte hatten Zweifel daran, ob Platons Postulat des Demiurgen wörtlich zu verstehen sei.49 Doch gleichgültig, ob er ein wirklicher oder metaphorischer Schöpfer war – der Demiurg Platons erblasst vor einem allmächtigen Gott, der das Universum aus dem Nichts hat entstehen lassen. Außerdem war für Platon das Universum nicht im Einklang mit wirkmächtigen Prinzipien erwachsen, sondern mit Idealen. Diese stellten vor allem musterhafte Formen dar. So gesehen, konnte das Universum nichts Handfestes, sondern bloß eine Sphäre sein, denn diese war seine symmetrische und perfekte Form.50 Auch konnten die Himmelskörper nur in einem Kreis rotieren, da diese Bewegungsform als die allerperfekteste angesehen wurde. Als Sammlung apriorisch angestellter Mutmaßungen war Platons Idealismus für die Entdeckung und Erkenntnis lange Zeit ein echtes Hindernis – noch Jahrhunderte später war es sein unerschütterlicher Glaube an ideale Formen, der Kopernikus von dem Gedanken abhielt, dass die Planetenbahn nicht kreisförmig, sondern elliptisch sein könnte.

In mancherlei Hinsicht ist es seltsam, dass die Griechen überhaupt nach Wissen und Technologie gestrebt haben, da sie die Idee des Fortschritts doch für das Seins-Modell eines endlosen Kreislaufs aufgaben. Platon war immerhin noch der Ansicht, dass das Universum geschaffen wurde. Andere griechische Gelehrte betrachteten es stattdessen als unerzeugt und einfach ewig. Aristoteles verurteilte die Vorstellung, »dass das Universum zu einem bestimmten Zeitpunkt ins Dasein gekommen ist … als undenkbar«.51 Obwohl die Griechen das Universum als ewig und unveränderlich ansahen, berücksichtigten sie die unübersehbare Tatsache, dass Geschichte und Kulturen sich ständig veränderten, dies aber nur in den Grenzen einer endlosen Wiederholung. In seinem Werk Über den Himmel schrieb Aristoteles, dass »die Menschen die gleichen Ideen nicht ein- oder zweimal haben, sondern immer und immer wieder« und in seiner Politik betonte er, dass alles »mehrfach im Laufe des Weltalters erfunden wurde, oder im Laufe einer Zeit ohne Ziffern«. Da er außerdem in einem Goldenen Zeitalter lebte, war die Technologie auf einem höchsten zu erreichenden Niveau, was weiteren Fortschritt entbehrlich machte. Was Erfindungen betraf, galt auch für Individuen – ein und derselbe Mensch wurde wieder und wieder geboren, während die blinden Zyklen des Universums vor sich hin kreisten. Laut Chrysippos in seinem verschollenen Werk Über den Kosmos lehrten die Stoiker, dass »der Unterschied zwischen einer früheren und jetzigen Existenz bloß äußerlich und zufällig ist; doch führen diese Unterschiede nicht zu einem neuen Menschen, der sich von seinem Gegenstück aus einem früheren Weltalter unterscheidet«.52 Im Universum selbst sei, Parmenides zufolge, jeder Eindruck von Veränderung bloße Illusion, da das »unerschaffene und unzerstörbare« Universum sich in einer konstanten Perfektion befinde, »in dem alles vollständig, ortsfest und endlos ist«.53 Andere einflussreiche Griechen wie die Ionier lehrten, das Universum sei zwar unbegrenzt und ewig, jedoch seinerseits der Abfolge unendlicher Kreisläufe unterworfen. Platon sah das etwas anders, doch glaubte auch er felsenfest an Zyklen und dass, durch ein ewiges Gesetz bewirkt, auf jedes Goldene Zeitalter Chaos und Zusammenbruch folgen müssten.

Schließlich ließen die Griechen es sich nicht nehmen, den Kosmos sowie unbelebte Dinge im Allgemeinen in lebende Wesen zu verwandeln. Platon lehrte, der Demiurg habe den Kosmos als »einzelnes sichtbares lebendiges Gebilde« geschaffen, wodurch auch der Welt eine Seele zukomme. Obwohl sie »alleinsteht«, sei sie »durch ihre Vortrefflichkeit in der Lage, sich selbst Gesellschaft zu leisten, wobei sie keine weiteren Bekanntschaften oder Freunde braucht, sondern sich selbst genügt«.54

So man aber Mineralien Leben zuerkennt, geht die Erklärung natürlicher Phänomene notwendig in eine falsche Richtung. Man schreibt dann den Grund, warum ein Gegenstand sich bewegt, Motiven zu und nicht natürlichen Ursachen. Von den Stoikern, insbesondere von Zenon, dürfte die Idee stammen, den Gang des Kosmos auf der Basis seiner willentlichen Vorsätze zu erklären, doch wurde sie bald Allgemeingut. So bewegten sich Aristoteles zufolge die Gestirne in Kreisen, weil ihnen diese Bewegung so gut gefiel und Dinge fielen deswegen zu Boden, »weil sie eine angeborene Liebe für den inneren Kern der Welt empfinden«.55

Letztlich wurden die griechischen Denkschulen durch ihre eigene innere Logik auf ein totes Gleis gefahren. Nach Platon und Aristoteles gab es bis auf einige Erweiterungen der Geometrie kaum mehr Neues. Als Rom die griechische Welt in sich eingliederte, begrüßte es die griechischen Denkschulen – ihre Gelehrten hatten den gleichen Erfolg unter der Republik wie unter Caesar.56 Auch im Byzantinischen Reich sollten die Denkschulen nicht untergehen, doch misslang ihnen hier erneut jede Innovation.57 Der Niedergang Roms behinderte die Ausbreitung des menschlichen Wissens nicht mehr als die »Genesung« des griechischen Denkens, die diesen Prozess wieder neu beginnen ließ. Das griechische Denken war ein Hindernis für den Aufstieg der Wissenschaft! Es führte weder die Griechen noch die Römer zu einem wissenschaftlichen Verständnis und erstickte zudem den intellektuellen Fortschritt im Islam, wo es ebenfalls sorgfältig studiert und aufrechterhalten wurde.

Der Islam

Man könnte denken, dass die Vorstellung, die sich der Islam von Gott macht, dem Aufstieg der Wissenschaft hätte günstig sein müssen. Aber so war es nicht.58 Allah wird nicht als gesetzgebender Schöpfer angesehen, sondern als ein extrem tatkräftiger Gott, der genau so weit in die Welt eindringt, wie er es für angemessen hält. Über diese Vorstellung entstand im Islam ein großer theologischer Block, der alle Versuche, Naturgesetze zu formulieren, als Blasphemie verurteilt, da sie ja Allahs Handlungsfreiheit leugnen würden. So machte der Islam sich nie wirklich die Idee zu eigen, dass das Universum auf bestimmten, von Gott zu Anfang festgelegten Grundprinzipien beruhe, sondern er glaubt vielmehr, dass Gott mittels seines Willens kontinuierlich auf die Welt einwirke. Als Beleg hierfür gilt eine Aussage des Korans: »Wen Allah will, leitet er irre, und wen er will, den führet er auf den rechten Pfad«. Obwohl die Zeile sich auf Gottes Beeinflussung individueller Schicksale bezieht, wurde sie zumeist so verstanden, als bezöge sie sich praktisch auf alle Dinge.

Wann immer es um islamische Wissenschaft und Bildung geht, betonen die meisten Historiker, dass das griechische Denken schon seit Jahrhunderten lebendiger Teil des Islams war, während es in der christlichen Welt noch lange nicht ankam. Das ist sicher richtig, nicht anders als der Umstand, dass etliche klassische Schriften das christliche Europa erst über den Kontakt mit dem Islam erreichten. Und doch hat der Besitz der griechischen Erkenntnisse zu keinem bedeutenden intellektuellen Fortschritt im Islam geführt, ganz zu schweigen von einer Entwicklung islamischer Wissenschaften. Stattdessen sahen muslimische Intellektuelle im griechischen Denken, zumal in den Arbeiten von Aristoteles, gewissermaßen eine heilige Schrift,59 der man vielmehr glaubte, als dass man sie auslotete.

Das griechische Denken unterband jede Möglichkeit eines Aufstiegs der islamischen Wissenschaft, und zwar aus dem gleichen Grund, aus dem es selbst zum Stillstand kam: der Annahme von Thesen, die im fundamentalen Gegensatz zur Wissenschaft standen. Das Rasa’il Ichwan as-Safa, die große Enzyklopädie des Wissens, verfasst von frühen muslimischen Gelehrten, übernahm zur Gänze die griechische Vorstellung der Welt als eines großen, bewussten und lebendigen Organismus, der zugleich einen Intellekt und eine Seele hat.60 Die Chancen für die Wissenschaft wurden auch dann nicht verbessert, als im 12. Jahrhundert der gefeierte Philosoph Averroës und dessen Studenten aus ihren Werken alle muslimischen Doktrinen zu streichen begannen, die durch die Rasa’il Ichwan as-Safa nicht gedeckt waren. Vielmehr wurden Averroës und seine Jünger zu unbeugsamen und doktrinären Aristotelikern. Die aristotelische Physik, so behaupteten sie, sei vollendet und unfehlbar – und sofern einmal eine Beobachtung, die jemand anstellte, nicht mit Aristoteles’ Ansichten in Einklang zu bringen war, musste die Beobachtung sicherlich falsch sein oder eine Illusion.

Daher konnten islamische Gelehrte nennenswerte Fortschritte einzig auf bestimmten Fachgebieten erlangen, etwa in Teilbereichen der Astronomie und Medizin, die keine allgemeine theoretische Grundlage benötigten. Doch war es nach einer Weile selbst mit diesen Fortschritten vorbei.

Im Gegensatz zu den üblichen Darstellungen hat die »Genesung« des griechischen Denkens Europa nicht wieder auf Kurs in Richtung Wissenschaft gebracht. Angesichts der Wirkung, die dieses Denken auf die Griechen, die Römer und die Muslime hatte, scheint es von größter Wichtigkeit gewesen zu sein, dass die griechische Philosophie erst dann in Europa zugänglich wurde, nachdem christliche Gelehrte ein unabhängiges intellektuelles Rahmengerüst aufgebaut hatten. Das heißt, als ihnen die Arbeiten Aristoteles’ zum ersten Mal begegneten, waren sie bereits willens und fähig, sie anzufechten! Als die Scholastiker sich der Wissenschaft annäherten, standen sie in direkter Opposition zu Aristoteles und anderen klassischen griechischen Autoren. Zwar waren viele Gelehrte des Mittelalters, die außerhalb der Wissenschaft standen (und vornehmlich in der Kunst und der spekulativen Philosophie zu Hause waren), glühende Bewunderer der griechisch-römischen Klassiker und viele große Wissenschaftler des 16. und 17. Jahrhunderts sprachen regelmäßig von ihrer »Schuld« gegenüber Aristoteles und anderen. Allerdings widerlegten ihre eigenen Arbeiten praktisch alles, was die Griechen über die Funktionsweisen der Welt je gesagt hatten.

Dies soll die Bedeutung des griechischen Denkens für die christliche Theologie oder überhaupt das intellektuelle Leben in Europa keineswegs schmälern. Augustinus etwa war direkter Erbe dessen, was die griechische Philosophie im Ganzen hinterlassen hatte, und Thomas von Aquin und die Seinigen sprachen der hellenistischen Bildung gegenüber stets ihren großen Dank aus. Dennoch widersetzten sich Augustinus sowie die Scholastiker dem anti-wissenschaftlichen Element des griechischen Denkens, und lange bevor die griechisch-römische Bildung der Klassiker-Abteilung überantwortet wurde, war sie gerade nicht die bevorzugte Philosophie der Wissenschaftler. Es ist zwar richtig (und wird ständig von Altphilologen hervorgehoben), dass Newton in einem Brief an Robert Hooke im Jahre 1675 schrieb, »wenn ich weiter geblickt habe (als Sie und Descartes), so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stand«, doch findet sich eine derartige Hochachtung für die Altvorderen weder in seiner Arbeit noch in seinem Habitus. Vielmehr standen Newton und seine Kollegen, als sie ihren Durchbruch schafften, geradewegs in Opposition zu den griechischen »Riesen«. Die Errungenschaften der Großmeister des 16. und 17. Jahrhunderts – darunter Descartes, Galilei, Newton und Kepler – bezeugten im Gegenteil einen felsenfesten Glauben an einen Schöpfergott, dessen Werk von rationalen Gesetzen bestimmt war, die noch immer der Entdeckung harrten.

Der Aufstieg der Wissenschaft war kein Ausläufer der klassischen Bildung, sondern eine natürliche Folge der christlichen Lehrmeinung, dass die Natur nur deshalb existiere, weil Gott sie erschaffen habe. Um Gott tatsächlich lieben und ehren zu können, ist es notwendig, die Wunder seines Könnens zur Gänze zu würdigen. Und da Gott perfekt ist, stehen die Funktionen seines Könnens in Harmonie mit unveränderlichen Prinzipien. Wenn man nur weidlich Gebrauch der gottgegebenen Kräfte der Vernunft und der genauen Beobachtung macht, sollte es möglich sein, diese Prinzipien zu erkennen.

So lauteten die wesentlichen Ideen, welche dafür verantwortlich waren, warum die Wissenschaft im christlichen Europa zur Geltung kam und nirgendwo sonst.

Moralische Neuordnungen

Die Segnungen, die die Theologie der Vernunft mit sich brachte, waren nicht nur auf die Wissenschaften beschränkt. Von Beginn an zeigte sich das Christentum ebenso erfinderisch in seinen Entwürfen der menschlichen Natur und in Fragen der Moral. An erster Stelle standen Entwürfe grundlegender Menschenrechte, etwa der Freiheit. Im Hintergrund solcher Ideen und Vorschläge gab es aber etwas noch Fundamentaleres: die »Entdeckung« des Individualismus, letztlich des menschlichen Selbst.

Die Aussage, dass der Individualismus überhaupt erst entdeckt werden musste, erscheint dem modernen Geist absurd, und in gewissem Maß ist sie das auch. Alle normalen Menschen sehen sich als Einzelwesen mit einem je singulären Blick auf die Welt und einem völlig singulären Nervensystem. Dennoch betonen manche Kulturen die persönliche Eigenständigkeit, während andere die Kollektivität hervorheben und das Gespür für das Ich unterdrücken. Im zweiten Fall, der sich weltgeschichtlich weitaus häufiger findet, ist die Wahrnehmung des eigenen »Seins« vielmehr ins Kollektive verlagert: jedes individuelle Recht, das jemand besitzt, wird nicht ihm selbst gewährt, sondern seiner Gruppe. Gleichzeitig ist sie es, die ihm Rechte überträgt und gewährt. Unter diesen Bedingungen glaubt niemand daran, dass er allein »der Meister seines Schicksals« sei. Vielmehr drängt sich ihm der Fatalismus-Gedanke auf: denn das eigene Schicksal scheint nicht der eigenen Kontrolle zu unterliegen, sondern voll und ganz von äußeren Kräften bestimmt zu sein.

Selbst die griechischen Philosophen besaßen noch kein Konzept, das unserer Vorstellung einer »Person« entsprochen hätte.61 So lag Platons Augenmerk, als er den Staat schrieb, auf der Polis, der Stadt, und nicht auf ihren Bürgern – er stellte sogar den Privatbesitz in Abrede. Im Gegensatz dazu legte das christliche politische Denken stets den Schwerpunkt auf den individuellen Bürger, und dieser Umstand prägte ganz entschieden die Ansichten späterer europäischer politischer Philosophen wie Hobbes und Locke. Hieran lag etwas ganz entschieden Revolutionäres, da die christliche Betonung des Individualismus letztlich eine »kulturelle Exzentrizität« darstellte.62 Auch das Konzept der Freiheit gibt es in vielen, vielleicht sogar den meisten Kulturen überhaupt nicht. Sehr viele nicht-europäische Sprachen besitzen für Freiheit nicht einmal ein Wort.63

Es ist daher kein Wunder, dass die avancierteren dieser Kulturen allesamt die Sklaverei begrüßten und despotische Staaten hervorbrachten, in denen ein Begriff wie »individuelle Menschenrechte« gar nicht hätte verstanden werden können. So lange das der Fall war, fehlte auch die für den Aufstieg des Kapitalismus notwendige Freiheit. Um diese Heraufkunft überhaupt nachvollziehen zu können, muss man zunächst verstehen, wie und wann die Europäer Begriffe wie Individualismus, Freiheit und Menschenrechte entwickelt haben.

Der Aufschwung des Individualismus

Man vergleiche die Dramen Shakespeares mit denen der alten Griechen. Colin Morris wies darauf hin, dass Ödipus sein trauriges Ende gar nicht kraft seiner Taten verdient hatte. Sein »persönlicher Charakter … spielt in seinem Unglück überhaupt keine Rolle, dieses wird ihm von einem Schicksal verordnet, das von seinen Begierden ganz unabhängig ist«.64 Nicht, dass Ödipus keine Fehler gehabt hätte, doch ging mit seinem Vergehen keinerlei Schuldbewusstsein einher; er fiel einfach seiner Bestimmung zum Opfer. Im Gegensatz dazu waren Othello, Brutus oder das Ehepaar Macbeth alles andere als Gefangene eines blinden Schicksals. Wie Cassius es gegenüber Brutus ausdrückt: »Der Fehler, lieber Brutus, liegt nicht in den Sternen, sondern in uns selbst.«65

Es ist viel geschrieben worden über die Ursprünge des Individualismus.66 All diese Bücher und Artikel sind sicher sehr gelehrt und mitunter sogar übertrieben fachkundig. Doch haftet ihnen auch etwas seltsam Vages und Ausweichendes an, womöglich, weil sie sich scheuen ihre eigene Grundthese offen auszusprechen: dass nämlich die westliche Vorliebe für den Individualismus durch das Christentum herbeigeführt wurde.

Seit Anbeginn lehrt das Christentum, dass die Sünde eine persönliche Angelegenheit sei, dass sie also nicht vorrangig in einer Gruppe zu finden sein könne, sondern jedes Individuum sich um sein persönliches Seelenheil selbst zu kümmern habe. Vielleicht ist für die christliche Hervorhebung des Individualismus nichts so wichtig wie die Doktrin des freien Willens. Wenn der Fehler, wie Shakespeare schrieb, »in uns selbst liegt«, dann nur deshalb, weil wir überhaupt eine Wahl haben und es uns obliegt, sie richtig zu treffen. Anders als bei den Griechen und Römern, deren Götter bemerkenswert wenige Werte kannten und die sich kaum um menschliches Fehlverhalten scherten (es sei denn, man hatte die Götter nicht gebührend gnädig gestimmt), ist der christliche Gott ein Richter, der die »Tugend« belohnt und die »Sünde« bestraft. Dieses Konzept ist mit dem Fatalismus nicht vereinbar. Etwas anderes zu behaupten, liefe darauf hinaus, für die eigenen Sünden Gott verantwortlich zu machen. Es hieße, dass Gott die Sünden nicht nur bestraft, sondern sie auch selbst ins Werk setzt. Eine solche Idee liefe der gesamten christlichen Vorstellungswelt zuwider. Die Ermahnung »Geh hin und sündige nicht mehr« würde ins Leere laufen, wären wir bloße Gefangene unseres Schicksals. Ganz im Gegenteil beruht das Christentum auf der grundlegenden Doktrin, dass den Menschen die Möglichkeit und damit auch die Verantwortung mitgegeben ist, über ihre Handlungen selbst zu entscheiden. Wieder und wieder hat Augustinus betont, dass wir »einen Willen besitzen« und dass »daraus folgt, dass, wer immer auch rechtschaffen zu leben wünscht, dies auch erreichen kann«.67 Dies widerspricht auch gar nicht der Lehre, dass Gott bereits im Voraus weiß, welche Wahl wir treffen werden. In Widerrede zu den griechischen Philosophen beteuerte Augustinus, »dass einerseits Gott alles weiß, bevor es geschieht, und dass andrerseits wir all das mit freiem Willen tun, was immer wir nach dem Zeugnis unserer Empfindung und unseres Bewusstseins nur mit freiem Willen tun. Dagegen behaupten wir nicht, dass alles auf Grund eines Fatums geschehe«.68 Während Gott zwar weiß, für welche Handlungen wir uns frei entscheiden werden, greift er doch nicht ein! Es bleibt daher uns überlassen, die Tugend oder die Sünde zu wählen.

Augustinus’ Ansichten fanden in Generationen christlicher Denker ihren Nachhall. Thomas von Aquin etwa griff sie auf, als er schrieb, dass die Lehre, der zufolge die Menschen eine moralische Wahlfreiheit hätten und Gott dennoch omnipotent sei, keineswegs einen Widerspruch in sich berge: »Ein Mensch kann seine Handlungen seinerseits bestimmen und leiten. Die Kreatur nimmt daher teil an der göttlichen Vorsehung nicht nur, indem sie beherrscht wird, sondern auch indem sie selbst herrscht.«69 Augustinus nahm sogar bereits Descartes’ berühmtes »Ich denke, also bin ich« vorweg,70 etwa in Aussagen wie diesen: »Ohne daß sich irgendwie eine trügerische Vorspiegelung der Phantasie und ihrer Gebilde geltend machen könnte, steht mir durchaus fest, daß ich bin, daß ich das weiß und es liebe. In diesen Stücken fürchte ich durchaus nicht die Einwendungen der Akademiker, die da entgegenhalten: Wie aber, wenn du dich täuschest? Wenn ich mich nämlich täusche, dann bin ich. Denn wer nicht ist, kann sich natürlich auch nicht täuschen; und demnach bin ich, wenn ich mich täusche … Folglich täusche ich mich auch darin nicht, daß ich um dieses mein Bewußtsein weiß. Denn so gut ich weiß, daß ich bin, weiß ich eben auch, daß ich weiß.«71

Der Gedanke des freien Willens kam zwar ursprünglich nicht von den Christen (Cicero hatte bereits Ähnliches wie Augustinus gesagt72), doch war er für sie viel mehr als eine obskure Angelegenheit der Philosophie. Der freie Wille war vielmehr das Grundprinzip ihres Glaubens. Während die gewöhnlichen Griechen und Römer dem Fatalismus zusprachen, ungeachtet der Vorbehalte mancher ihrer alten Philosophen, lehrte Jesus dagegen, dass jedes Individuum für seine moralischen Fehltritte einstehen und büßen müsse, weil diese eben falsche Entscheidungen darstellten. Es hätte keine zwingendere intellektuelle Gewichtung des Selbst und der Individualität geben können als diese.

Die Abschaffung der mittelalterlichen Sklaverei

Der Aufstieg des Individualismus regte nicht nur zur Selbstbeobachtung an, sondern warf auch Fragen bezüglich der Grenzen persönlicher Freiheit auf. Wenn wir Einzelwesen sind, die nach unseren Handlungen beurteilt werden, für die wir uns frei entschieden haben, welche Pflicht hat der Christ dann bezüglich der Handlungsfreiheit eines anderen? Als die Kirchenväter über die Implikationen des freien Willens sinnierten, gerade auch nach dem Fall von Rom, wurde ihnen die Institution der Sklaverei immer zweifelhafter.

Anders als in asiatischen Sprachen gibt es im Griechischen wie im Latein Wörter für Freiheit, ebenso betrachteten viele Griechen und Römer sich als frei. Jedoch stand ihre Freiheit im Kontrast zu einer Masse von Sklaven, da die Freiheit in antiken Zeiten ein Privileg darstellte, aber kein Recht.

Platon opponierte gegen die Versklavung der »Hellenen«, also seiner griechischen Landsleute, sah die »barbarischen«, sprich fremdländischen Sklaven wiederum als eminent wichtig für seinen idealen Staat an, da diese in ihm alle produktive Arbeit übernehmen sollten.73 Die Regeln, die Platon für die Behandlung der Sklaven vorsah, waren sogar ganz besonders brutal.74 So glaubte er, dass Menschen nicht durch einen bösen Zufall zu Sklaven würden, sondern dass die Natur selbst »Sklavenvölker« erschaffe, denen durch geistige Unfähigkeit der Weg zu Tugend und Kultur verbaut sei und die allein dienen könnten. Obwohl sie, wie Platon es sah, streng diszipliniert werden müssten, damit keine sozialen Unruhen unter ihnen ausbrachen, so sollten sie doch niemals grausam behandelt werden.75 Aus Platons Testament geht hervor, dass er selbst auf seinem Grundstück fünf Sklaven beschäftigte.

Aristoteles wiederum lehnte den Standpunkt der Sophisten ab, demzufolge jegliche Autorität auf Gewalt beruhe und sich daher von selbst rechtfertige, da er die politische Tyrannei zu verurteilen suchte. Wie wäre die Sklaverei aber ansonsten zu rechtfertigen? Ohne dass Sklaven sich um die körperliche Arbeit kümmerten, so Aristoteles, hätten die aufgeklärten Männer weder genügend Zeit noch Energie, um sich auf den Weg der Tugend und Weisheit zu begeben. Auch stützte er sich auf Platons biologistische Ansicht, dass die Sklaverei sich schon dadurch rechtfertige, dass dumme Rohlinge sich als Sklaven ungleich mehr anboten, als freie Männer. »Von der Stunde ihrer Geburt an sind manche zur Unterwerfung ausersehen, andere zur Herrschaft.«76 Als er starb, besaß Aristoteles auf seinem Anwesen vierzehn Sklaven.

Der Niedergang der Sklaverei war in der Spätzeit des römischen Imperiums eine direkte Folge von dessen militärischer Schwäche. Nicht länger wurden dicke Trauben von Gefangenen auf siegreichen Schiffen zu den Sklavenmärkten verschickt. Zudem ging die Geburtenrate unter den römischen Sklaven, die ausgezehrt waren und denen es an Frauen mangelte, steil nach unten. Schließlich führte der Fehlbestand an Sklaven dazu, dass Landwirtschaft und Industrie eine neue Figur entstehen ließen: den freien Lohnarbeiter, auf den sie sich fortan stützten.

Nach dem Fall von Rom und mit den erfolgreichen Militärfeldzügen der neuen germanischen Reiche wuchs der Sklaverei eine zentrale Rolle in der Produktion zu. Obwohl niemand genau weiß, wie viele Sklaven es in Europa während des, sagen wir, 6. Jahrhunderts gab, so scheinen sie doch in rauen Mengen vorhanden und ihre Behandlung durchweg gröber gewesen zu sein als zu Zeiten der Antike. In den Gesetzbüchern der diversen germanischen Verbünde, die nun anstelle der römischen Statthalter regierten, waren Sklaven nicht mit anderen Menschen, sondern dem Viehbestand gleichgestellt. Nichtsdestotrotz sollte die Sklaverei einige Jahrhunderte später bereits der Vergangenheit angehören.

Manche Historiker bestreiten, dass der Sklaverei des Mittelalters tatsächlich ein Ende gesetzt wurde – vielmehr glauben sie bloß an eine sprachliche Verschiebung, bei der aus dem Wort »Sklaven« das Wort »Leibeigene« gemacht wurde.77 Doch ist es nicht die Geschichte, die hier linguistische Spielchen spielt, es sind die Historiker. Leibeigene gehörten nicht zum Mobiliarvermögen, sie besaßen Rechte und eine gewisse Privatsphäre. Sie konnten heiraten, wen sie wollten, und ihre Familien durften weder verkauft noch auseinandergerissen werden. Sie bezahlten ihre Miete, verfügten über ihre Zeit und entschieden, wie schnell oder langsam sie eine Arbeit verrichteten.78 Sofern ein Leibeigener, wie es mancherorts geschah, seinem Herrn eine feste Anzahl von Arbeitstagen pro Jahr schuldete, war seine Verpflichtung eben nicht unbegrenzt und eher der eines Leiharbeiters, denn eines Sklaven vergleichbar. Auch waren die Leibeigenen zwar über viele Obliegenheiten an ihre Herren gebunden, diese jedoch auch an sie, ebenso wie an eine höhere Autorität, der sie wiederum unterstanden. Und so ging es die Leiter immer weiter nach oben, denn die Koppelung gegenseitiger Verpflichtungen war ein Wesensmerkmal des Feudalismus.79

Selbst wenn man nicht behaupten kann, dass die Bauern des Mittelalters im heute gebräuchlichen Sinn frei gewesen wären, so waren sie doch keine Sklaven. Die brutale Institution der Sklaverei war am Ende des 10. Jahrhunderts zur Gänze aus Europa verschwunden. Nun gestehen die meisten heutigen Historiker diesen Umstand zwar ein, doch wollen immer noch die wenigsten wahrhaben, dass das Christentum dafür verantwortlich war. Robert Fossier schrieb etwa: »Die allmähliche Aufhebung der Sklaverei war in keiner Weise das Werk von Christen. Die Kirche legte den Sklaven vielmehr Demut nahe und versprach eine Gleichstellung im Jenseits … Sie hatte keine Gewissensbisse, als riesige Herden von Tieren mit menschlichem Antlitz in der Knechtschaft verblieben.«80 Auch Georges Duby sah die Kirche bei der Aufhebung der Sklaverei gänzlich unbeteiligt: »Das Christentum hat die Sklaverei nicht verurteilt, sondern ihr höchstens einen flüchtigen Knuff verpasst.«81 Man behauptet stattdessen, die Sklaverei sei verschwunden, weil sie unrentabel wurde und einem veralteten Produktionsmodell entsprach.82 Selbst Robert Lopez übernahm diese Sichtweise und behauptete, die Sklaverei sei nur verschwunden, weil durch Erfindungen wie das Wasserrad »die Sklaven nutzlos oder unergiebig« geworden waren.83 So entstand die Idee, dass das Ende der Sklaverei auf keiner moralischen Entscheidung, sondern auf reinem Egoismus seitens der Elite beruht habe. Das gleiche Argument wird angeführt, wenn es um die Abschaffung der Sklaverei in der westlichen Hemisphäre geht. Das eine wie das andere steht selbstverständlich im Einklang mit marxistischen Lehrmeinungen, nicht jedoch mit ökonomischen Realitäten. Selbst zu Beginn des amerikanischen Bürgerkriegs stellte die Sklaverei sehr wohl noch einen sehr profitablen »Produktionszweig« dar.84 Nicht anders war es im Europa des frühen Mittelalters.

Doch genug davon! Die Sklaverei kam im mittelalterlichen Europa nur zum Erliegen, weil die Kirche ihre Sakramente nun auch auf Sklaven erweiterte und es ihr gelang, ein Verbot der Versklavung von Christen (aber auch Juden) durchzusetzen. Im damaligen Kontext kam diesem Verbot tatsächlich der Rang einer universalen Abschaffung zu.

Zu Beginn hatte die Kirche die Sklaverei durchaus als legitim angesehen, wenn auch mit einer gewissen Doppeldeutigkeit. Schauen wir etwa auf die hierzu prominenteste Stelle im Neuen Testament (Brief an die Epheser 6,5-8): »Ihr Sklaven, gehorcht euren irdischen Herren mit Furcht und Zittern und mit aufrichtigem Herzen, als wäre es Christus … Denn ihr wisst, dass jeder der etwas Gutes tut, es vom Herrn zurückerhalten wird, ob er ein Sklave ist oder ein freier Mann.« Doch zitiert man nur ungern auch das hierauf Folgende (6,9): »Ihr Herren, handelt in gleicher Weise gegen eure Sklaven! Droht ihnen nicht! Denn ihr wisst, dass ihr im Himmel einen gemeinsamen Herren habt. Bei ihm gibt es kein Ansehen der Person.« Dass Gott alle gleich behandelt, ist von fundamentaler Wichtigkeit für die christliche Botschaft, der zufolge alle Menschen erlöst werden. Das war es, was die frühe Kirche darin bestärkte, Sklaven in den Glauben aufzunehmen und wenn möglich ihre Freiheit zu erwirken. Selbst Papst Calixt I. (gestorben 222) war einmal ein Sklave gewesen.

So lange das Römische Reich bestand, hielt die Kirche ihre Legitimierung der Sklaverei aufrecht. Das christliche Konzil in Granges verurteilte im Jahr 324 jeden, der unter den Sklaven Unmut entfachte,85 was im Umkehrschluss natürlich bedeutet, dass es einen solchen auch gab. Und doch wuchs die Spannung zwischen der Befürwortung der Sklaverei und der Hervorhebung der Gleichheit aller Menschen vor Gott. Als das Imperium dahinschied, wurde der Druck sogar noch größer, da die Kirche weiter auf Letzterem beharrte, immer mehr Sklaven umwarb, aufnahm und ihnen einzig die Priesterweihe versagte. Pierre Bonnassie beschrieb diesen Umstand so: »Ein Sklave … wurde getauft und hatte folglich eine Seele. Mithin war er unmissverständlich ein Mensch.«86

Da Sklaven nun als vollständige Menschen und Christen angesehen wurden, begannen Priester auch auf deren Besitzer einzuwirken, um die Sklaven freizulassen. Dies wurde ihnen als »unendlich rühmenswerter Akt« angepriesen, der auch ihrem eigenen Seelenheil zuträglich sei.87 Die Glaubenslehre, dass Sklaven Menschen und kein Vieh seien, hatte noch eine weitere wichtige Folge: die Mischehe. Obwohl diese fast überall in Europa verboten war, gibt es nicht wenige Beweise für solche Ehen ab dem 7. Jahrhundert, die zumeist freie Männer und weibliche Sklaven betrafen. Die berühmteste dieser Eheschließungen fand 649 statt, als der Frankenkönig Chlodwig II. die englische Sklavin Bathilde heiratete. Nach Chlodwigs Tod im Jahr 657 amtierte Bathilde als Regentin, bis ihr ältester Sohn den Thron übernehmen konnte. Auch nutzte Bathilde ihre Stellung, um dem Sklavenhandel ein Ende zu bereiten und Sklaven loszukaufen. Nach ihrem Tod wurde sie von der Kirche heiliggesprochen.

Am Ende des 8. Jahrhunderts opponierte Karl der Große gegen die Sklaverei, während der Papst und andere einflussreiche Kirchenmänner die Position der heiligen Bathilde übernahmen. Als das 9. Jahrhundert anbrach, wetterte Bischof Agobard von Lyon: »Alle Menschen sind Brüder, alle rufen den gleichen Vater an – Gott: die Sklaven und die Herren, die Armen und die Reichen, die Unwissenden und die Gelehrten, die Schwachen und die Starken … Keiner steht über dem anderen … niemand ist versklavt oder frei … sondern in allen Dingen und ewiglich gibt es nur Christus.«88 Um die gleiche Zeit herum schrieb der Mönch Smaragd von Saint-Mihiel in einem Fürstenspiegel, der Karl dem Großen zugeeignet war: »Barmherzigster König, bitte untersagt, dass es Sklaven gibt in Eurem Reich.«89 Bald schon »bezweifelte niemand mehr, dass die Sklaverei dem göttlichen Gesetz zuwiderlief«.90 Im 11. Jahrhundert engagierten sich sowohl der heilige Wulfstan wie der heilige Anselm von Canterbury für eine Ausmerzung der letzten Überreste der Sklaverei und bald darauf sollte es heißen: »Kein Mensch, jedenfalls kein Christ, soll darnach berechtigterweise als das Eigentum eines anderen gehalten werden dürfen.«91 Doch gab es auch Ausnahmen, die immer wieder durch Wechselwirkungen mit dem Islam entstanden. So fuhren in Spanien die christlichen und muslimischen Armeen damit fort, die Gefangenen der jeweils anderen Seite nach einer Schlacht zu versklaven. Auch bestand der Sklavenhandel, bei dem norditalienische Exportunternehmen und muslimische Käufer beteiligt waren, bis ins 15. Jahrhundert hinein fort, ungeachtet der Kirchenmeinung. Die Zahl der bei diesem Handel beteiligten Sklaven war klein. Sie wurden aus sklavischen Stämmen des Kaukasus eingekauft (das Wort »Sklave« ist von »Slav« abgewandelt) und manche wurden als eine Art Luxusgut von sehr reichen Italienern wie den Medici gehalten, die meisten jedoch wurden in islamische Länder exportiert. Besonders weiße Sklaven waren »wertvoller als Gold, wenn mit Ägyptern gehandelt wurde«.92 Dieser Restbestand des Sklavenhandels wurde regelmäßig von Kirchenseite verurteilt und verkümmerte mit der Zeit, um jedoch mit voller Kraft erneut in der Neuen Welt aufzutauchen. Die Kirche opponierte vehement und schickte im 16. Jahrhundert einige wütende Stiere gegen den Sklavenhandel der Neuen Welt ins Feld – jedoch war der damalige Einfluss der Päpste allzu beschränkt, so dass ihr zorniger Widerstand erfolglos blieb.93

Das theologische Fazit, dass die Sklaverei eine Sünde sei, ist dem Christentum exklusiv zu eigen (auch wenn einige jüdische Religionsgemeinschaften die Sklaverei ebenfalls verurteilten).94 Auch hier kann man das Prinzip des theologischen Fortschritts am Werk sehen, der es nämlich Theologen ermöglichte, neue Interpretationen in die Glaubenslehre einzubringen, ohne sich dem Vorwurf der Ketzerei aussetzen zu müssen. Wie schon gesagt, orientieren sich alle anderen großen Religionen streng auf die Vergangenheit hin und huldigen dem Prinzip, dass die Geschichte rückschrittlich sei und Fehler stets nur von späteren Generationen gemacht werden können. Daher würden Buddhisten, Konfuzianer, Hindus und auch Moslems niemals sagen, dass die Weisen und Heiligen der vergangenen Zeiten ein unvollständiges oder gar fehlerhaftes Verständnis ihrer Religion gehabt hätten. Während christliche Theologen auf überzeugende Weise den Willen Gottes, so wie Paulus ihn verstand, auf die Sklaverei hin korrigieren können, wären solche Verbesserungen in den anderen Religionen undenkbar – es sei denn als Häresien. Ein zweiter wichtiger Punkt ist, dass sich von allen Weltreligionen nur das Christentum ernsthaft und ausdauernd mit den Menschenrechten – und weniger mit den menschlichen Pflichten – auseinandergesetzt hat. Die anderen großen Glaubensrichtungen schmälern den Individualismus und betonen die Gebote des Kollektivs. Sie sind, wie Ruth Benedict es treffend ausgedrückt hat, weniger Kulturen der Schuld, als vielmehr der Scham.95 Man bedenke erneut, dass es in den Sprachen, in denen ihre Glaubensschriften verfasst wurden (einschließlich des Hebräischen) nicht einmal ein eigenes Wort für »Freiheit« gibt.96

Was den Islam angeht, steht vor der theologischen Verurteilung der Sklaverei eine unüberwindbare Mauer: Mohammed kaufte, verkaufte und besaß selbst Sklaven, die er zu diesem Zweck eigens gefangen genommen hatte.97 Dennoch verlangte der Prophet, dass sie gut behandelt werden: »Gebt ihnen das zu essen, was auch ihr verzehrt und versorgt sie mit der gleichen Kleidung wie euch selbst … Sie sind Menschen Gottes wie ihr, seid also gut zu ihnen.«98 Auch entließ Mohammed einige seiner Sklaven zurück in die Freiheit, adoptierte einen als seinen Sohn und heiratete eine Sklavin. Darüber hinaus sagt der Koran, dass es falsch sei, »eure Sklavinnen zur Prostitution zu nötigen« (24:33) und dass einem Gläubigen für die Tötung eines anderen Gläubigen vergeben werde, so er zur Sühne einen Sklaven in die Freiheit entlässt. Die Vorbildfunktion Mohammeds und seine Ermahnungen führten vermutlich zu besseren Lebensbedingungen der Sklaven im Islam, allemal verglichen mit denen in Griechenland und Rom. Und doch wurde die grundlegende Sittlichkeit der Institution Sklaverei nie in Frage gestellt. Dass christliche Theologen die biblische Rechtfertigung der Sklaverei weitestgehend umgehen konnten, wäre nie möglich gewesen, wenn Jesus selbst Sklaven gehalten hätte.99 Dass Mohammed das sehr wohl getan hat, stellte für muslimische Theologen ein Faktum dar, das sie durch kein intellektuelles Manöver hätten umschiffen können, selbst wenn sie es gewollt hätten.

Wenn der Erfolg des Abendlandes auf Siegen der Vernunft beruht, dann war der Aufstieg des Christentums sicher das wichtigste Ereignis in der europäischen Geschichte. Es war die Kirche, die eine unerschütterliche Basis für die Kraft der Vernunft und der Möglichkeit des Fortschritts bot – das Prinzip des »Eines Tages werden wir …« lag hierin beschlossen. Und eines Tages »taten wir« genau dies. Auch gab es keine jahrhundertelange Verzögerung des Versprechens durch Aberglauben und Unwissenheit. Der intellektuelle wie der materielle Fortschritt kam sehr schnell zustande, sobald einmal die engen Fesseln der römischen Unterdrückung wie des verfehlten griechischen Idealismus gelockert waren.

KAPITEL 2.
FORTSCHRITT IM MITTELALTER: TECHNISCH, KULTURELL UND RELIGIÖS

Der christliche Einsatz für die Vernunft und den Fortschritt war nicht bloßes Gerede; nach dem Untergang Roms läutete er eine Epoche bestechender Erfindungen und Innovationen ein. Um diese Leistung aber tatsächlich würdigen zu können, ist es notwendig, zunächst eine unerhörte Lüge aufzudecken, die seit langer Zeit unser geschichtliches Wissen verunstaltet.

Seit zwei oder drei Jahrhunderten hat jeder gebildete Mensch zu hören bekommen, dass Europa zwischen dem Untergang Roms und dem 15. Jahrhundert herum im »finsteren Mittelalter« festgesteckt habe – sprich in Jahrhunderten der Unwissenheit, des Aberglaubens und des Elends –, aus dem es unerwartet und gleichsam wie durch ein Wunder gerettet wurde, wofür einerseits die Renaissance, andererseits die Aufklärung verantwortlich gewesen sei.1 Doch war es keineswegs so. Stattdessen überflügelte in diesen sogenannten finsteren Zeiten die europäische Technologie und Wissenschaft die gesamte restliche Welt.2

Die Vorstellung, dass Europa dem finsteren Mittelalter gleichsam zum Opfer fiel, ist ein Schwindel, den verbittert antireligiöse und vor allem anti-katholische Intellektuelle des 18. Jahrhunderts in die Welt gesetzt haben. Diese versuchten mit allen Mitteln, die kulturelle Überlegenheit ihrer eigenen Zeit hervorzuheben und untermauerten diesen Anspruch, indem sie frühere Jahrhunderte schlechtmachten. Mit einem Wort von Voltaire sprachen sie von dieser Zeit als einer, in der »Barbarei, Aberglaube und Unwissenheit das Angesicht der Erde bedeckten«.3 Dergleichen Ansichten sind bis vor kurzem so oft und einträchtig wiederholt worden, dass selbst Lexika und Wörterbücher das »finstere« Mittelalter als historisches Faktum ansehen.4 Manche Autoren gehen gar so weit zu behaupten, dass die Menschen, die, sagen wir, im 9. Jahrhundert lebten, ihre eigene Zeit als abergläubisch und zurückgeblieben betrachtet hätten.

Zum Glück sind diese Ansichten in den letzten Jahren so gründlich diskreditiert worden, dass selbst manche Enzyklopädien inzwischen damit anfangen, den Begriff des Finsteren Mittelalters als Mythos bloßzulegen.5 Allerdings ist dieser Mythos so tief in unsere Kultur eingesunken, dass selbst die meisten Gelehrten es für bare Münze nehmen, dass sich – in den Worten Edward Gibbons – nach dem Untergang Roms »der Triumph der Barbarei und Religion« vollzog.6 Zum Teil liegt das daran, dass es keine angemessenen, überblicksartigen Darstellungen dessen gibt, was wirklich geschehen ist.

Das Kapitel versucht, diese Lücke zu füllen. Es möchte etwa zeigen, dass, als mit dem Untergang des Römischen Reiches »Millionen Steuerzahler von ihrer bedrückenden Zwangsherrschaft befreit wurden«7, viele neuartige Technologien entstehen konnten, welche rasch und weithin übernommen wurden, was wiederum zur Folge hatte, dass normale Leute fortan viel besser leben konnten und, nach Jahrhunderten des Niedergangs unter den Römern, die Bevölkerungen wieder zu wachsen begannen. Nicht länger mussten die produktiven Klassen bluten, um den gigantischen Ausschweifungen der römischen Eliten zu dienen, um imperialen Egos riesige Monumente zu bauen oder um die vielen römischen Kolonien mit gigantischen Armeen aufrechtzuhalten. Stattdessen wurden menschliches Arbeitsbemühen und Geschick nun auf andere Dinge verwendet – auf die Verbesserung der Landwirtschaft, der Seefahrt, des Gütertransports, des Kirchenbaus, der Kriegsführung, der Bildung und sogar des Musizierens. Da aber noch heute, Jahrhunderte später, viele Beispiele großer griechischer und römischer Baukunst als Ruinen stehen, sehen sich viele Intellektuelle veranlasst, den Verlust dieser »großartigen Zivilisationen« zu beklagen. Selbst viele, die sich ansonsten klar darüber sind, wie viel menschliches Leid diese Herrlichkeit gekostet hat, spielen die Sklaverei herunter und nennen sie »das Opfer, das für diese Errungenschaften bezahlt werden musste«.8

In mancherlei Hinsicht war der Untergang Roms eher der einer einzelnen Stadt und weniger der einer Zivilisation. Während des 2. Jahrhunderts zählte die Bevölkerung Roms eine ganze Million, im 8. Jahrhundert weniger als 50 000 und im Jahr 1377, als der Papst seinen Hofstaat von Avignon wieder zurück nach Rom verlegte, lebten in der Stadt nicht mehr als 15 000 Menschen. Obwohl die Stadtbevölkerung auch in anderen Teilen Europas zurückging, waren die Verluste in Italien jedoch moderat und bald wieder wettgemacht,9 selbst auf dem Höhepunkt der imperialen Macht waren diese Städte, abgesehen von Rom, nicht groß – nur Mailand und Capua hatten mehr als 30 000 Einwohner.10 Es stimmt natürlich, dass abseits des städtischen Niedergangs auch das gesamte Reich zerfiel. Bedauern kann dies jedoch nur, wer eine Vorliebe für lasterhafte Herrscher, gesprochenes Latein und der Reichen Müßiggang hat.

Deutlich gesprochen heißt das, dass zu lange zu viele Historiker leichtgläubig wie Touristen gewesen sind. Mit offenen Mündern bestaunten sie die alten Denkmäler, die Paläste, den offenkundigen Verfall Roms (oder Athens oder Istanbuls) und stellten dann gehässige Vergleiche an zwischen solch »kosmopolitischen« Metropolen und »provinziellen« Gemeinden wie etwa den mittelalterlichen Handelsstädten. Irgendwie scheinen diese Historiker, obgleich selbst mit nur bescheidenen Mitteln ausgestattet, stets vorausgesetzt zu haben, dass sie, hätten sie damals gelebt, sicher Teil der Elite und nicht der missmutigen, verarmten Massen gewesen wären. Freilich wäre ihnen das lieber gewesen, denn als bloße Bürger in langweiligen Mittelalter-Städtchen gelebt zu haben.

Aber vielleicht gab es die Langeweile ja auch gar nicht. Nachdem es die Fesseln der Tyrannen los war, erlebte das sogenannte finstere Mittelalter geradezu eine Explosion von Innovationen sowohl auf dem Gebiet der Technologie wie auf dem der Kultur. In manchen Fällen handelte es sich um genuine Erfindungen, anderes kam aus Asien herüber. Doch noch erstaunlicher am Mittelalter war der Umstand, dass das ganze Potential der neuen Technologien sehr rasch erkannt und weitgehend erschlossen wurde – so, wie man es von einer Kultur, die von einem Glauben an den Fortschritt dominiert wird, ja auch erwarten darf; man denke nur an Augustinus’ Wort der »überschäumenden Erfindungen«. Auch war die Innovation nicht auf die Technologie beschränkt. Es gab ebenso einen bemerkenswerten Fortschritt im Bereich der Hochkultur – die Literatur, Kunst und Musik betreffend. Darüber hinaus sollten die neuen Technologien auch neue Organisations- und Verwaltungsformen anregen, was einen Höhepunkt in der Geburt des Kapitalismus in den großen klösterlichen Anwesen fand. Dies führte dann wiederum im Umkehrschluss zu einer vollkommenen Neubewertung der moralischen Implikationen des Handelsverkehrs seitens der Theologie. So lehnten die führenden Gelehrten es ab, Profit und Zinsgewinn im Vorhinein doktrinär zu beanstanden, wodurch sie zwei elementare Bestandteile des Kapitalismus für statthaft erklärten. So historisch wichtig all diese Entwicklungen jedoch auch waren, sie stellten doch eine »Revolution im Geheimen« dar, wie R. W. Southern11 es treffend ausdrückte – geheim, weil wir in den meisten Fällen gar nicht wissen, wer da genau was, wann und wo entdeckt hat. Das einzige, was wir wissen, ist, dass sich durch diese Innovationen der Westen schlagartig an die Spitze der Welt setzten sollte.

Technischer Fortschritt

Der Umstand, dass es nach dem Untergang Roms zu einem solchen Boom der Erfindungen kam, beweist, dass despotische Staaten den Fortschritt pauschal hemmen und sogar verhindern. Warum sollten Bauern auch neue und bessere landwirtschaftliche Technologien übernehmen, wenn das Mehr an Produktion ihnen ja doch weggenommen wird? Wer würde seine Profite in die Ausweitung einer Industrie stecken, wenn diese durch den Adel enteignet wird? Erfindung und Innovation entstehen meist nur dann, wenn das Eigentum vor der Beschlagnahme geschützt ist – sei es, weil der Staat sie durch eigene Unordnung nicht bewerkstelligt oder weil sein Machteinfluss gemindert wird. Die imponierende Epoche der Innovation, die auf den Zusammenbruch Roms folgte, war so gesehen auch eine Vorschau auf die Zukunft und bot eine Gelegenheit für rapiden Fortschritt und die Heraufkunft des Kapitalismus. Es empfiehlt sich daher, das ganze Ausmaß der technologischen Innovationen des frühen Mittelalters in den Blick zu fassen. Hierbei lassen sich drei Varianten unterscheiden: Innovationen gesteigerter Produktionsfähigkeit, der Kriegsinstrumente und des verbesserten Transports.

Innovationen im Produktionsbereich

Womöglich war es die größte Leistung des Mittelalters, als erstes eine Wirtschaft herausgebildet zu haben, die nicht mehr allein auf menschlicher Arbeitskraft beruhte.

Die Römer hatten zwar die Wasserkraft begriffen, sahen aber keinen Anlass, sie auszuschöpfen, da sie ja genug Sklaven hatten, die sich um die entsprechenden Aufgaben kümmerten. Warum hätte ein römischer Edelmann sein Geld in die Konstruktion eines Abflusskanals und eines Wasserrads stecken sollen, um Getreide zu Mehl zu vermahlen, wenn er doch genügend Sklaven hatte, die die Mühle mit ihren Händen antrieben? Im Gegensatz hierzu zeigt ein Inventar aus dem 9. Jahrhundert, dass zu dieser Zeit bereits ein Drittel aller Gutshöfe im Gebiet der Seine und um Paris herum Wassermühlen besaßen, die meisten waren Klöster.12 Das auf Veranlassung von Wilhelm I. im Jahr 1086 zusammengestellte Domesday Book, ein Vorläufer des modernen Zensus, belegt, dass es in England zumindest 5.624 wasserbetriebene Mühlen gab bzw. eine für jeweils fünfzig Familien.13 Jenseits des Ärmelkanals wurde im frühen 11. Jahrhundert in Toulouse ein Unternehmen gegründet, die Société du Bazacle, um Aktien einer Reihe von Wassermühlen längs der Garonne auszugeben. Die Anteile wurden frei gehandelt, weshalb Jean Gimpel die Société »das vielleicht älteste kapitalistische Unternehmen der Welt« nannte.14 Ein Jahrhundert später waren Wassermühlen bereits so wichtig geworden, dass es in Paris entlang der Seine 68 Mühlen auf einer Strecke von anderthalb Kilometer Länge gab, was bedeutete, dass auf alle 21 Meter Flusslauf eine Mühle entfiel!15

Die Mühlen der Seine und der Garonne, aber letztlich die meisten anderen Wassermühlen auch, waren unterschlächtig – das Wasser läuft unter dem Rad hindurch und die benötigte Kraft wird allein von dem Strom des Flusses oder Bachs gespendet. Sehr viel größere Kraft kann ein oberschlächtiges Wasserrad nutzen – das Wasser strömt durch eine Rinne zum Scheitelpunkt des Rades, fällt dort in dessen Zellen und setzt das Rad durch sein Gewicht und seine kinetische Energie in Bewegung. Bis auf wenige Ausnahmen benötigt das oberschlächtige Wasserrad jedoch einen Damm, der das Wasser vom Mutterfluss oder -bach ableitet und in einem künstlichen Kanal mit wenig Gefälle zum Rad geleitet. Niemand weiß genau, wann diese Räder zuerst zum Einsatz kamen. Sie werden häufig in Schriften des 14. Jahrhunderts erwähnt, doch angesichts dessen, dass Dämme schon um einiges früher gebaut worden waren, dürften auch oberschlächtige Wasserräder bereits früher zum Einsatz gekommen sein. Obwohl Dämme manchmal auch zur Hochwasserregulierung gebaut werden, dienen sie noch heute vor allem zur Stauung des Wassers, um dessen Gewicht und Druck zur Energiegewinnung zu nutzen. Bereits im 12. Jahrhundert hatte man sehr große Dämme gebaut – einer in Toulouse war knapp 400 Meter lang und bestand aus tausenden von riesigen Eichenstämmen, die, ins Flussbett gerammt, auf der Vorder- und Rückseite eine Palisade bildeten, die man außerdem mit Schlamm und Steinen aufgefüllt hatte.16 Zusätzlich angebrachte Zahnräder und Kurbeln sollten die Energieleistung der Wasserräder erhöhen und aus ihrer Drehung nicht mehr ein bloßes Rotieren, sondern eine Umkehrbewegung machen. Bald schon wurde die Wasserkraft genutzt, um Holz zu sägen und Stein zu zerkleinern, um Messer und Schwerter zu schleifen, um Stoff zu walken, um Metall zu bearbeiten, als Drehbank, als Seilzug und um Stofflumpen zu zerstampfen, aus denen dann Papier hergestellt wurde.17 Was letzteren Punkt angeht, schreibt Jean Gimpel, dass Papier, »das über tausend Jahre mit bloßen Händen und Füßen hergestellt wurde, nachdem es in China erfunden und von den Arabern übernommen worden war, schließlich zur mechanischen Erzeugung gelangte, sobald es das mittelalterliche Europa des 13. Jahrhunderts erreicht hatte … Die ganze Welt hatte schon Papier gesehen, doch keine Kultur oder Zivilisation hatte versucht, seine Herstellung zu mechanisieren«18, bevor die Europäer es taten.

Aber es war nicht nur die rasche Ausbreitung, fortlaufende Verbesserung und Adaptierung der Wasserkraft, die das frühe Mittelalter kennzeichnete. Der Wind sollte von den Europäern nicht weniger schnell genutzt werden. Die großen Reiche des mittleren Ostens und Asiens, in denen die Hydraulik zum Einsatz gekommen war, hatten sich noch darauf beschränkt, dass sie Wasser auf ihre Felder gossen; das mittelalterliche Europa vergrößerte stattdessen seine landwirtschaftliche Produktion, indem es Wasser von potentiellen Anbauflächen abpumpte – große Teile des heutigen Belgiens oder der Niederlande standen zu Zeiten der Römer noch unter Wasser. Mit Hilfe tausender Windmühlen, die Tag und Nacht liefen, legte man sie trocken und machte sie urbar.

Windmühlen breiteten sich sogar noch schneller aus als Wasserräder, da der Wind ja überall wehte. Um sich seiner bestmöglich zu bedienen, und auch dann, wenn der Wind die Richtung wechselte, erfanden Ingenieure des Mittelalters die Bockwindmühle, bei der die Flügel an einem drehbaren Untergestell, dem »Bock«, eingehängt sind, wo sie sich frei und dem Wind entsprechend bewegen. Am Ende des 12. Jahrhunderts standen schon derart viele Windmühlen in Europa, dass manche ihrer Besitzer untereinander vor Gericht zogen, weil sie behaupteten, der Nachbar blockiere den Wind.19

Doch das genügte noch nicht. Die Europäer des Mittelalters richteten ihre Aufmerksamkeit zudem auf Pferdestärken, und zwar im Wortsinn. Weder die Römer noch andere klassische Zivilisationen hatten ihre Pferde tatsächlich zu nutzen verstanden. Bevor dies den Europäern im Mittelalter gelang, waren Pferde auf die gleiche Weise wie Ochsen genutzt worden. Sie trugen sogar das gleiche Geschirr. Damit ein Pferd sich dabei nicht selbst strangulierte, musste es stets den Kopf nach hinten geworfen halten und konnte bloß leichte Lasten schleppen. Die Römer, denen das Problem bewusst war, wussten sich nicht anders denn mit einem Gesetz zu behelfen. Der Codex Theodosianus sah schwere Strafen vor, wenn einem Pferd Lasten aufgeladen wurden, die schwerer waren als fünf Kilogramm.20 Im Gegensatz dazu wurde im Mittelalter ein unelastisches, gut gepolstertes Geschirr gefertigt, das das Gewicht einer Traglast nun auf dem Rücken und nicht mehr auf dem Hals des Pferdes platzierte, was es diesem ermöglichte, genauso viel zu schleppen wie ein Ochse, jedoch ungleich schneller als dieser zu sein. Mit dem neuen Geschirr wechselten die Bauern sehr bald von Ochsen auf Pferde, was ein großes Plus an Leistungsfähigkeit bedeutete – ein Pferd konnte etwa beim Pflügen zweimal so viel Arbeit leisten wie ein Ochse.21

Auch musste Rom erst untergehen, bevor die Europäer Metallbeschläge erfanden, die Pferden unter die Hufe genagelt wurden, um sie vor Abrieb und Rissen zu schützen, wodurch die Tiere zuvor oft lahm geworden waren. Die Römer hatten zwar bereits mit diversen Arten von Pferdeschuhen experimentiert (die Tiere Neros hatten Schuhe aus Silber), doch fielen diese bereits herab, sobald die Pferde auch nur trabten. Mit den neuen metallenen Sohlen jedoch waren die Pferde viel weniger von Erlahmung bedroht und konnten ihre Hufe tiefer in die Erde graben, was wiederum positiv auf ihre Zugkraft wirkte.

Nachdem sie nun einen sehr viel besseren Ersatz für den Ochsen gefunden hatten, erfanden die Europäer des Mittelalters bald den schweren Pflug auf Rädern, der die Erträge der fruchtbaren, aber sehr schweren Erdböden verbessern sollte. Bis ins 6. Jahrhundert hinein wurde im Ackerbau allein der Hakenpflug verwendet, ein einfaches Gerät, das bloß aus mehreren, in einer Reihe angebrachten Wühlstöcken bestand.22 Der Hakenpflug gräbt die Erde nicht um, sondern wird bloß über deren Oberfläche gezogen, wobei er nur wenig tiefe Furchen hinterlässt. Dies mag zwar ausreichen für seichte und trockene Böden, wie es sie etwa in Italien gibt, doch nicht für die schweren, feuchten Böden Nordeuropas. Was hier benötigt wurde, war ein schwerer Pflug mit schweren Klingen bzw. Scharen, die tiefe Furchen hinterlassen. Zudem brauchte man eine zweite Schar – das messerartige Sech –, das, in einem bestimmten Winkel angebracht, eine Schicht der soeben umgewälzten Erde wegschneidet. Zuletzt wurde ein Streichbrett angefügt, das diese herausgeschnittene Erde zur Gänze umwendete, und Räder an den Pflug angebracht, so dass man ihn leicht von einem Feld zum nächsten fahren konnte. Und siehe da! Land, das die Römer zuvor überhaupt nicht hatten bewirtschaften können, wurde auf einmal sehr fruchtbar. Selbst auf seichteren Böden konnte der Ernteertrag durch die verbesserte Pflugtechnik nahezu verdoppelt werden.23 Diese unglaubliche Steigerung der landwirtschaftlichen Produktivität reduzierte gleichzeitig den Bedarf an Arbeitskraft und vergrößerte die Ernten. Auch entstanden in ihrer Folge ganze Ortschaften und Städte, welche auf diese Weise ernährt werden konnten.24

Doch bauten die Bauern des Mittelalters nicht nur Feldfrüchte an, sondern züchteten auch Fische. Schon die Römer hatten ein wenig Fischzucht betrieben, doch sollte hieraus erst im 8. Jahrhundert eine ganze Industrie werden, als nämlich die Kirche den Verzehr von Fleisch an Freitagen und Fastentagen untersagte (in einem Jahr betraf das damals 150 Tage). Da Fisch nicht mit Fleisch gleichgesetzt war, entstanden nun überall in Westeuropa künstliche Seen und Teiche, in denen oft nur eine besondere Sorte Fisch gezüchtet bzw. der Lebenszyklus einer speziellen Gattung erhalten wurde. Sogar Burggräben wurden hierfür genutzt.

In klösterlichen Anwesen, vornehmlich der Zisterzienser, war man bei der Fischzucht ganz besonders aktiv, da Mönchen das Essen von Fleisch generell verboten war. Manche Klöster legten so viele Teiche und Aquarien an, in denen sie Karpfen und Forellen züchteten, dass sie damit den Bedarf ganzer Regionen abdecken konnten.25 Auch der Adel tat sich bei der Fischzucht hervor: Wilhelm I. besaß ein großes und aufwendiges Teich-System, das er um 1086 in York hatte bauen lassen und das den englischen Hof über Jahrhunderte mit Fisch versorgte. Auch entdeckten erfindungsreiche Züchter mit der Zeit, dass die Böden der Fischgründe durch Exkrementablagerungen extrem fruchtbar wurden. Daher legten sie sie alle paar Jahre trocken und pflanzten auf ihnen Getreide. Nach einer reichen Ernte wanderten die Böden dann zurück in den Fischteich.26 Bis im 12. Jahrhundert kommerzielle Fangflotten in der Nord- und Ostsee entstanden, blieben Bauernhöfe die wichtigste Bezugsquelle für Fisch in ganz Europa.

Das Potential der damaligen Landwirtschaft, nicht nur für das Nötige zu sorgen, sondern sogar Überschüsse zu produzieren, wurde noch vergrößert durch die Einführung der Dreifelderwirtschaft. Bei dieser wird das Ackerland in drei Parzellen geteilt: eine, auf dem Wintergetreide wie etwa Weizen angepflanzt wurde; eine zweite, die Sommergetreide trug, so etwa Hafer (der besonders wichtig wurde, als Pferde verstärkt zum Einsatz kamen), Hülsenfrüchte (vor allem Erbsen und Bohnen) und Gemüse; und eine dritte Parzelle, die unbepflanzt brachliegen durfte. Im Folgejahr wurde auf letzterer dann das Wintergetreide angebaut, auf der zweiten Parzelle das Sommergetreide und die, auf der vorher das Sommergetreide wuchs, ließ man nun ihrerseits brachliegen. (Vor dem Einsatz von Kunstdünger mussten Ackerflächen regelmäßig unbestellt gelassen werden, damit sie sich erholten und ihre Fruchtbarkeit zurückgewannen.)

Die Dreifelderwirtschaft tauchte zuerst im 8. Jahrhundert auf und wurde so schnell und weithin übernommen, dass viele Historiker des 19. Jahrhunderts fälschlicherweise annahmen, sie stamme bereits aus römischen Zeiten. Doch gab es bei den Römern bloß ein Zwei-Felder-System, da sie nicht wussten, dass sich Ackerland durch den Anbau von Hülsenfrüchten regeneriert und daher weniger oft brachliegen muss. So blieb die Hälfte ihrer Böden jedes Jahr ungenutzt, wogegen das mittelalterliche System mit nur einem Drittel auskam.27 Nicht nur aßen die meisten Europäer des Mittelalters weitaus besser als unter den Römern, sie waren dadurch auch gesünder, vitaler und wahrscheinlich auch intelligenter.

Dass man das brachliegende Land zum Weiden der Tiere nutzte, hatte dramatische Auswirkungen auf die mittelalterliche und frühe kapitalistische Wirtschaft. »Dünger war sehr teuer, da er ein seltenes und kostbares Produkt darstellte, das keinesfalls verschwendet werden durfte. Das Tier, das sich damals am glücklichsten schätzen durfte, war das Schaf.«28 Schafe stellten Milch zur Verfügung, Butter, Käse und Fleisch. Aus ihrer Haut wurde Pergament gemacht, auf dem Skribenten ihre Bücher abschrieben. Doch vor allem gaben Schafe Wolle. Da Kleider aus Wolle im Mittelalter ausgesprochen begehrt waren, war Vlieswolle das wichtigste industrielle Rohmaterial. Die frühen Tage des Kapitalismus waren von ihrer Verarbeitung bestimmt. Kleiderhersteller in Italien und Flandern etwa verwendeten »Millionen von Schafpelzen« pro Jahr.29

Das bringt uns natürlich zu einer weiteren herausragenden Innovation des Mittelalters: der Kleiderherstellung. Bevor die damaligen Europäer den Trittwebstuhl erfanden, die wasserbetriebene Walkmühle, das Spinnrad und die mit einem metallenen Tambour versehene Kardiermaschine, war die Kleiderherstellung extrem arbeitsintensiv und fand nur in kleinem Maßstab statt, da alles mit der Hand gemacht werden musste. Erst die Mechanisierung des Arbeitsprozesses ermöglichte das Entstehen von Zentren und Industrien der Kleiderherstellung, welche ihrerseits ein wichtiger Antriebsmotor für den Handel und, damit natürlich einhergehend, die Geldwirtschaft werden sollten.

Zusätzlich zu der direkt in der Produktion genutzten Technologie profitierten die Europäer des Mittelalters von drei Erfindungen, die indirekt von größter Bedeutung waren: Kamine, Brillen und Uhren.

Römische Gebäude waren notorisch unbeheizt. Es gab keine Feuerstellen, Herde oder Öfen, weil man noch nicht wusste, wie man den Rauch abziehen lassen sollte. In ihren Hütten und Schuppen saßen die römischen Bauern um ein offenes Feuer herum, dessen Rauch durch ein großes Loch im Dach abzog, durch das aber auch Regen, Schnee, Wind und Kälte eindrangen.30 In den Städten hatten die Römer noch nicht einmal das; wenn sie mit Holz und Kohle kochten, verbreitete sich der Rauch im Innern. Erstickungen konnten nur vermieden werden, weil die Häuser extrem zugig und die Fenster gar nicht mit Glas verschlossen waren, sondern nur mit Tüchern aus Stoff oder Haut verhängt.31 Während die Caesaren sich also mit der Kälte herumplagen und den Küchenrauch ertragen mussten, lernten die Europäer des Mittelalters – die Bauern ebenso wie der Adel – schon bald, wie es sich viel besser leben ließ. Sie erfanden Feuerstellen mit Kamin, so dass auch größere Flammen den Raum nicht länger mit Rauch erfüllten. Zudem waren zugige Wohnungen nicht mehr vonnöten. Sobald der Rauch einmal bequem durch den Schornstein abziehen konnte, bereiteten die Menschen des Mittelalters ihre Speisen besser zu, atmeten weitaus reinere Luft und hatten es im Winter sehr viel wärmer.

Die menschliche Biologie will es, dass viele Menschen von Kindheit an nicht gut sehen und sich das Sehvermögen obendrein ab der Lebensmitte verschlechtert. Aus diesem Grund war vor der Erfindung der Brille ein sehr großer Anteil der arbeitenden Erwachsenen, besonders die Handwerker, in ihrem Tun massiv eingeschränkt. Als um 1284 in Norditalien die Brille erfunden wurde, hatte das dramatische Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit. Ohne Brillen waren viele Handwerker des Mittelalters im Alter von vierzig erledigt gewesen. Mit Brillen konnten sie nicht nur ihre Arbeit weiterführen, sondern hatten durch ihre lange Erfahrung ihre besten Jahre sogar noch vor sich.32 Zudem konnte der Einsatz von Lupen viele Aufgaben erleichtern, selbst für Arbeiter, deren Sehkraft nichts zu wünschen übrigließ. Zuvor hatten diese Aufgaben noch außerhalb des Möglichen gelegen. Kein Wunder also, dass sich Brillen rasend schnell verbreiteten. In dem Jahrhundert nach ihrer Erfindung entstand in florentinischen und venezianischen Betrieben eine echte Massenproduktion, die zehntausende Brillen pro Jahr bereitstellte. Gleichwohl waren noch 1492, als Kolumbus Amerika entdeckte, Brillen ausschließlich in Europa bekannt.33

Irgendwann im 13. Jahrhundert erfand irgendwer irgendwo in Europa eine zuverlässige mechanische Uhr. Bald darauf war die europäische Gesellschaft die einzige auf der Welt, in der die Leute wussten, wie spät es war. Wie Lewis Mumford anmerkte, war »die Uhr – und nicht die Dampfmaschine – die Schlüssel-Apparatur des Industriezeitalters«,34 da sie die genaue Planung und Koordinierung von Arbeitsgängen ermöglichte. Die ersten mechanischen Uhren war sehr groß, so dass es in manchen Orten oder Ortsteilen mitunter nur eine einzige gab (am Kirchturm oder am Rathaus) und man sich Techniken des Glockengeläuts einfallen ließ, womit der gesamten Einwohnerschaft die genaue Uhrzeit angegeben wurde.

Wie die Brille gab es auch die mechanische Uhr jahrhundertelang allein in der westlichen Welt. Offenbar waren zu Beginn des 12. Jahrhunderts auch in China einige mechanische Uhren gebaut worden, doch hatten die Mandarine derart wenig für technische Apparate übrig, dass sie alsbald deren Zerstörung anordneten. Danach gab es bis in die Neuzeit hinein überhaupt keine Uhren in China.35 1560 wurde berichtet, dass man öffentliche Uhren auch aus dem Osmanischen Reich (und anderen islamischen Ländern) verbannt hatte, da diese die Zeit als solche verweltlichen würden.36 Doch war der Islam hier nicht allein: auch die orthodoxe Kirche des Ostens weigerte sich bis ins 20. Jahrhundert, in ihren Kirchen mechanische Uhren zuzulassen.37 Erfreulicherweise hatte man in der römisch-katholischen Kirche nichts dagegen, die genaue Tageszeit zu wissen, und baute in die Türme tausender Gotteshäuser mechanische Uhren ein.

Dies sind nur einige der Innovationen und Erfindungen, durch die das angeblich so finstere Mittelalter den Grundstein für den Kapitalismus legte. Man könnte noch anderes anführen, etwa die Verbesserungen von Kränen und Flaschenzügen, die Fortschritte beim Bergbau, dem Hüttenwesen und der Metallverarbeitung, die neuen Techniken beim Aussäen von Saatgut oder auch nur die Erfindung der Schubkarre. Doch war der Erfolg der Europäer nicht nur auf verbesserte Produktionsmethoden oder höhere Lebensstandards beschränkt. Man ließ den Rest der Welt auch deshalb hinter sich zurück, weil man es besser verstand, Krieg zu führen.

Innovationen in der Kriegsführung

Vor dem Mittelalter gab es keine schwere Kavallerie. Berittene Truppen preschten nicht vornüber gebeugt im Galopp voran oder legten das ganze Gewicht von Pferd und Reiter hinter einen Lanzenstoß.38 Denn es gab keine Steigbügel und angemessene Sättel. Ohne den Widerstand der Steigbügel, gegen die er mit den Füßen drücken konnte, wäre der Reiter beim Lanzenstoß einfach vom Pferd gefallen. Gleichermaßen kann die Stabilität des Reiters bei plötzlichen Erschütterungen durch einen hohen Vorder- und Hinterzwiesel deutlich verbessert werden – letzterer ist am besten gewölbt, damit er einen Teil der Hüften des Reiters abdeckt.39 Es war weder Rom noch ein anderes kriegerisches Imperium, das die schwere Kavallerie erfand; deren berittene Truppen saßen allesamt auf leichten und fast flachen Satteldecken oder ritten gar ungesattelt und kannten sicher noch keine Steigbügel. Erst die »barbarischen« Franken schickten im Jahr 732 die erste schwere Kavallerie ins Feld: Ritter in ihrem Harnisch saßen fest auf normannischen, mit Steigbügeln und hohen Zwieseln versehenen Sätteln und streckten ihre Lanzen nach vorn.

Noch lange nach dem Aufkommen der Artillerie waren berittene und mit Rüstungen versehene Kämpfer in Kriegen eine gängige Erscheinung. Die Chinesen waren die ersten, die Schwarzpulver benutzten, allerdings kam es bei ihnen nur für Feuerwerke und als Brandbeschleuniger zum Einsatz. Dennoch entwickelten sie eine Frühform der Kanone,40 womöglich zur gleichen Zeit, als die Kunde des chinesischen Schwarzpulvers Europa erreichte, nämlich zwischen 1300 und 1310. Während aber die Chinesen ihre Kanonen nur sehr langsam entwickelten, sie selten benutzten und deren Technik auch nicht auf Schusswaffen zu übertragen vermochten, wurde in Europa schon innerhalb kürzester Zeit scharf geschossen. Womöglich kamen Kanonen zum ersten Mal 1324 bei einer Schlacht im Krieg von Metz zum Einsatz.41 Sicher aber ist, dass ab 1325 Kanonen in ganz Westeuropa benutzt wurden und das Feldgeschütz in den Händen der Europäer das gesamte Kriegswesen revolutionierte.42 So konnten nun die Adeligen sich nicht länger auf ihre Burgen zurückziehen, um vor Angreifern sicher zu sein, die keine tagelange Belagerung riskieren wollten, und selbst hochwertigste Rüstungen boten auf dem Schlachtfeld keinen Schutz mehr. Das neue Kriegsgerät hatte eine zu große Durchschlagskraft. Die Kanone konnte sich außerdem so schnell ausbreiten, weil die Grundlage ihrer Fertigung durch den Glockenbau – in beiden Fällen kamen ähnliche Herstellungstechniken zum Einsatz – in ganz Europa bereits etabliert war.

Daneben bildeten sich im Europa des Mittelalters die großen Seemächte heraus. Deren größter Nutznießer dürfte auf lange Sicht das Handelswesen gewesen sein, weniger das Militär. Und doch legte dieses den Grundstein für jenes – nur weil Kriegsschiffe die Seestraßen der Welt kontrollierten, war es den Europäern möglich, ein Monopol im Fernhandel zu erringen und überseeische Imperien aufzubauen.43

Eine der ersten Erfindungen auf diesem Gebiet war das Heckruder. Die Griechen und Römer manövrierten ihre Seefahrzeuge mit Steuerrudern, zumeist mit zweien gleichzeitig, einem auf je einer Seite des Hecks. Im frühen 11. Jahrhundert brachten die Europäer ein weiteres Ruder an den Achtersteven an, wodurch ein Schiff sehr viel besser zu steuern war. Um den Gebrauch dieses Ruders auf größeren Seefahrzeugen zu erleichtern, wurden mechanische Verbindungsstücke entwickelt, die es einem einzelnen Steuermann ermöglichten, ein Schiff selbst bei schwerem Seegang zu manövrieren.44 Eine weitere Innovation betraf den Schiffbau. Die römischen und griechischen Konstrukteure hatten die Schiffsrümpfe noch so gebaut, dass sie die einzelnen Planken durch Zapfen miteinander verbanden und erst in einem späteren Arbeitsgang ein stützendes Skelett bzw. einen Rahmen hinzufügten. Die Europäer des Mittelalters dagegen bauten zuerst den Rahmen und brachten dann die Planken für den Rumpf übereinander lagernd an, verbanden sie mit Hilfe von Dübeln und kalfatertern die Fugen (dichteten sie mit Werg und Teer ab), anstatt aufwendige Verbindungsstücke dazwischen zu setzen. Die mit dieser Technik gebauten Rümpfe waren zwar weniger strapazierfähig, doch konnte durch sie viel kunstfertige Feinarbeit eingespart werden, so dass sehr viel mehr Boote für die gleichen Herstellungskosten gebaut werden konnten.45 Eine dritte Innovation bestand darin, dass man die Überlegenheit der Feuerkraft bei Seegefechten erkannte. Im frühen maritimen Kriegswesen wurde noch von Schiff zu Schiff gekämpft. Kriegsschiffe waren daher bis zum Bersten vollgestopft mit Soldaten. Sobald sie aber aus der Kanone ein Präzisionswerk entwickelt hatten, begriffen die Europäer, dass es vernünftiger war, feindliche Schiffe aus einer gehörigen Distanz zum Sinken zu bringen. Auf diese Weise gelang der Heiligen Liga der erstaunliche Endsieg über die Türken bei der Seeschlacht von Lepanto im Jahr 1571, durch welche die Seemacht des Osmanischen Reiches in sich zusammenbrach. Die europäischen Schiffe hatten nicht nur viel mehr und viel bessere Kanonen als die Türken, sondern sie blockierten nicht länger ihr Schussfeld durch den im Weg stehenden Rammsporn bzw. Schiffsschnabel. Da man nicht länger Schiff an Schiff kämpfte, musste man den Feind auch nicht mehr rammen. Die Europäer feuerten mächtige Salven auf die osmanischen Schiffe ab, während sie gleichzeitig auf sie zusteuerten; die Türken dagegen mussten zunächst anhalten und seitwärts drehen, damit sie feuern konnten, wodurch sie eine viel größere Angriffsfläche boten.46

Und doch war die wichtigste maritime Innovation des Mittelalters die Galeasse, eine Kombination aus Segel- und Ruderschiff, bestehend aus Kastellen vorn und achtern, mehreren Masten und einem komplexen Gefüge von Segeln (sowohl des viereckigen Typs Rahsegel wie des dreieckigen Typs Lateinersegel). Die ersten Galeassen wurden »Koggen« genannt und traten zuerst im 13. Jahrhundert in Erscheinung.47 Koggen hatten keine Ruder und waren echte Segelschiffe, die dennoch weite Reisen mit schweren Frachten bestreiten konnten. Aufgetakelt als Kampfschiffe, konnten Galeeren und ihre späteren Abkömmlinge viele schwere Geschütze mit sich führen – etwa auf dreifachen, übereinanderliegenden Kanonendecks. Auf diese Weise verschaffte sich das Mittelalter Zugang zum offenen Meer. Die Schiffe brauchten sich nicht länger dicht an die Küsten zu halten oder in sicheren Gewässern wie dem Mittelmeer zu segeln. Sie wagten sich nun sogar während der Wintermonate hinaus, was Kapitäne in früheren Zeiten nur äußerst ungern getan hatten, wodurch sich die durch jedes einzelne Schiff erzielten Profite im Winter deutlich erhöhten.

Doch auch wenn die Schiffe nicht länger die nahe Küste als sicheren Hafen benötigten, blieben sie doch auf Grenzmarkierungen angewiesen. Das änderte sich erst durch den Kompass. Die Behauptung, dass der magnetische Kompass Europa von China aus über die islamische Welt erreichte, ist jedoch falsch. Er wurde unabhängig sowohl in China wie in Europa erfunden, vermutlich um das 11. Jahrhundert herum. Die Chinesen waren zufrieden mit einem sehr primitiven Kompass, bei dem eine magnetisierte Nadel in einer Flüssigkeit herumschwamm, die zumindest die Nord-Süd-Achse bestimmen ließ. Die Chinesen benutzten ihn vor allem für magische Riten – an Bord von Schiffen dürften sie den Kompass dagegen erst lange nach den Europäern eingesetzt haben. Diese wiederum fügten dem Kompass bald nach der Erfindung der schwimmenden Nadel ein komplettes Diagramm der Himmelsrichtungen hinzu sowie den Diopter, mit dessen Hilfe die Seemänner nicht nur erkannten, wo Norden lag, sondern auch ihren genauen Steuerkurs bestimmen konnten. Von nun an wussten sie genauen Kurs in jedwede Richtung zu nehmen. Die zeitweilige Häufung schriftlicher Berichte von dieser neuen Erfindung belegt, wie schnell sie sich in nur wenigen Jahren von Norwegen bis Italien ausbreitete.48 Als sie den Kompass einmal besaßen, begannen europäische Seefahrer damit, ihren Aufzeichnungen eigens Grafiken beizufügen, die die genauen Kompass-Positionen angaben. Dadurch vermochten sie sicher zu reisen, auch wenn der Himmel allzu bedeckt war, um anhand der Sterne ihre genaue Position zu bestimmen.49 Ohne Kompass hätte selbst Kolumbus nicht in See stechen können, geschweige denn andere, die seiner Route später folgten.

All diese erstaunlichen Entwicklungen können auf die singuläre christliche Überzeugung zurückgeführt werden, dass der Fortschritt eine gottgewollte Pflicht darstelle, die in der Gabe der Vernunft enthalten sei. Die Überzeugung, dass es stets zu neuen Technologien und Techniken kommen werde, stellte einen wesentlichen Leitsatz des christlichen Glaubens dar. Aus diesem Grund verurteilten Bischöfe auch keine Uhren oder Segelschiffe, selbst wenn diese aus religiösen Gründen in diversen nicht-westlichen Gesellschaften verboten waren. Manch wichtige technische Erfindung stammte sogar von Mönchen oder kam zuerst in ihren Klöstern zum Einsatz. Innovationen breiteten sich rasch von einem Ort zum nächsten aus, da – gänzlich anders als in der falschen Legende eines abgeschotteten und engstirnigen Europas – die Transportmittel des Mittelalters schon bald die der römischen Zeiten bei weitem übertrafen.

Innovationen im Landverkehr

Eine der irreführendsten Behauptungen über den angeblichen Verfall Europas im Mittelalter bezieht sich auf die Vernachlässigung der römischen Straßen – so wurden damals mancherorts Pflastersteine entnommen und im lokalen Bauwesen wiederverwendet. Als die Straßen auf den Hund kamen, so lautet die Mär, verkam auch der Fernhandel. Europa sei zu einem Archipel von isolierten und weltabgewandten Gemeinden geworden. Allerdings übersieht man dabei, dass der römische Handel vor allem Luxusgüter betraf und ansonsten höchst unproduktiv war. Überhaupt spielte der Handel im Wirtschaftsleben der römischen Städte bloß eine kleine Rolle, da der Reichtum der urbanen Eliten viel eher in ländlichen Regionen erzielt wurde50 und ansonsten politischer Korruption zuzuschreiben oder Beute aus Eroberungsfeldzügen war. Zum Teil erlahmte der Fernhandel wegen der mangelnden Nachfrage nach Luxusgütern, die wiederum mit dem Schwund an privatem Reichtum zu tun hatte. Maßgeblicher war allerdings, dass der Großteil dessen, was römischer Fernhandel genannt wurde, eigentlich gar kein Handel, sondern eher einseitige Entwendung war. Es war ein »Verschieben von Pachten und Tributen«, was im Unterschied zum regelrechten Handel keine Erlöse hervorbrachte, sondern nur jene verarmen ließ, denen Güter abgenötigt wurden.51 Ebenso oft wird der Umstand übersehen, dass alle Handelsaktivitäten, die die Zeit überstanden, von gleich großem Nutzen waren für Ex- wie für Importeure.52 Die römischen Straßen wurden jedoch deshalb vernachlässigt, weil sie zum Gutteil unbrauchbar waren.

Die Behauptung, dass es den Europäern des Mittelalters sowohl an Urteilskraft wie Mitteln fehlte, um die »prachtvollen« römischen Straßen weiter zu unterhalten, stammt von Altphilologen, die entweder nie eine der noch existierenden Straßen besichtigt haben oder die so derart keine praktische Erfahrung besaßen, dass sie selbst offensichtliche Mängel gar nicht erkannten – etwa den Umstand, dass die römischen Straßen für große Wagen viel zu eng waren53 oder vielerorts zu steil, um etwas anderes als Fußgänger durchzulassen. Zudem hatten die Römer oft keine Brücken gebaut und sich auf Furten verlassen, die man zwar zu Fuß durchqueren konnte, die aber für Karren und Wagen zu tief waren.54 Diese Unzulänglichkeiten waren darauf zurückzuführen, dass die römischen Straßen an sich nur dazu da waren, Soldaten einen schnellen Übergang von einem Imperium zum nächsten zu ermöglichen. Natürlich haben zivile Fußgänger sie ebenfalls genutzt, nicht anders als Tragtierkolonnen und auch menschliche Träger. Doch selbst die Soldaten gingen lieber nur an den äußersten Rändern der Straßen, wo ebenso fast alle zivilen Reisenden wanderten oder ihre Tiere entlangführten. Und warum? Weil die römischen Straßen zumeist mit Steinen gepflastert waren, so dass das Gehen darauf bei Trockenheit eine große Belastung für Beine und Füße war, und man bei Nässe gern auf ihnen ausrutschte. Solche Straßen waren bereits mühevoll für unbeschlagene Pferdehufe, jedoch eine echte Zumutung für Pferde mit Eisenhufen.

Man erinnere sich, dass vor dem Mittelalter gar nicht bekannt war, wie Pferde angeschirrt werden müssen, damit sie schwere Lasten ziehen können. Nicht nur sollte die Einführung des Kummets (oder Geschirrs) die Landwirtschaft revolutionieren, sondern in Kombination mit den essentiellen Innovationen im Wagenbau leistete das Kummet das Gleiche auch für das Transportwesen. Die Römer hatten nur langsame Ochsen, die sie zum Ziehen schwerer Lasten verwendeten. Was aber noch schlimmer war: ihre Karren und Wagen waren so primitiv, dass nur selten gewichtige Güter über weite Strecken über Land transportiert werden konnten. Man bedenke zudem, dass römische Karren und Wagen keine Bremsen hatten und daher auf Untergründen, die nicht völlig flach waren, sehr unsichere Vehikel darstellten! Ein weiteres Problem war, dass die vordere Radachse sich nicht drehen konnte, so dass das Gefährt umständlich um jede Ecke gezerrt werden musste.55 Auch an dieser Stelle haben uns die Altphilologen lange in die Irre geführt, und niemand mehr als Johann Christian Ginzrot, ein deutscher Gelehrter des 19. Jahrhunderts, dessen »Illustrationen« in unzähligen Büchern, Lexika und Wörterbüchern erschienen sind.56 In seinem berühmten Werk Die Wagen und Fahrwerke (1817), veröffentlichte Ginzrot detaillierte Zeichnungen von griechischen und römischen Wagen und Fahrgestellen, die allesamt über ein erstaunlich modernes System an Drehlagern verfügen, welche der vorderen Radachse das Wenden ermöglichen und die darüber hinaus hervorragende Bremsen besitzen. Leider haben Ginzrots akademische Leser jedoch offenbar seine Beichte im Vorwort überlesen, in dem er eingesteht, dass diese Zeichnungen »auf meinen Vorstellungen beruhen, da ich auf keinem alten Bauwerk entsprechende bildliche Darstellungen gefunden habe«.57 Tatsächlich fehlte es den allermeisten alten Künstlern an jeglichem Gespür für Mechanik, ihre Bilder zeigen häufig Räder ohne Achsen oder ohne Verbindung mit den Vehikeln selbst, unterschiedlich große Räder oder Pferde, die einen Wagen ohne jedes Geschirr ziehen und noch andere offensichtliche Fehler. Von praktischem Nutzen sind diese Illustrationen nicht. Es bedurfte erst sorgfältiger Textanalysen und archäologischer Funde, um die Wahrheit über die römischen Wagen und Karren herauszufinden.

Offenkundig ist allerdings, dass es bis zum Mittelalter gedauert hat, bis in Europa die Mittel für den Transport von schweren und klobigen Lasten auf langen Landstrecken entwickelt wurden. Nicht nur Fürsten und Gemeinderäte ließen Straßen und Brücken bauen, sondern auch Kirchen, Kaufmannsgilden und buchstäblich Hunderte privater Wohltäter.58 So waren es anonyme mittelalterliche Innovatoren, die Wagen mit Bremsen entwarfen, mit Radachsen, die sich drehten, und die Harnische entwickelten, mit denen umfängliche Gruppen von Pferden große Wagen ziehen konnten. Außerdem war es den Europäern mit ihren großen Galeeren nun auch möglich, den Atlantik zu erkunden, was ihnen neue und günstigere Handelsrouten von den italienischen Stadtstaaten nach England und in die heutigen Benelux-Staaten eröffnete.

Zu guter Letzt erfanden die Europäer des Mittelalters auch ein Geschirr mit Zügeln, mit welchem große Gespanne von Pferden oder Ochsen in lauter Zweier-Gruppen angeordnet werden konnten. Vorher hatten alle Pferde oder Ochsen Seite an Seite gehen müssen, was die Anzahl der eingesetzten Tiere stark einschränkte. So wäre es früheren Kulturen zum Beispiel unmöglich gewesen, 52 Ochsen nebeneinander einzusetzen, wohingegen die ach so »ignoranten« Europäer des 11. Jahrhunderts ein Gespann von 52 Ochsen in 26 Paaren anordneten, damit sie große Marmorblöcke beim Bau der hoch in den Himmel ragenden Kathedrale des französischen Dorfes Conques bewegen konnten.59

Fortschritt in der Hochkultur

Auch wenn man es Voltaire, Gibbon und anderen Verfechtern der Aufklärung nachsehen mag, dass sie die ingenieurtechnischen Errungenschaften und Innovationen in der Landwirtschaft und im Handel nicht wahrgenommen haben, so muss man sie doch ernstlich dafür kritisieren, dass sie die erstaunlichen Großleistungen des mittelalterlichen Europas auf den Gebieten der Hochkultur ignoriert oder gar negiert haben.

Musik. Die Musik der Griechen und Römer war monophon: eine einzelne musikalische Linie wurde von allen Stimmen und Instrumenten gleichzeitig gesungen und gespielt. Erst die Musiker des Mittelalters erfanden die Polyphonie, also das simultane Erklingen von zwei oder noch mehreren musikalischen Linien und folglich Harmonien. Wann genau das geschah, weiß man nicht, doch waren Harmonien offenbar schon vor 900 bekannt, da sie nämlich in einem Handbuch aus dieser Zeit erwähnt werden.60 Auch wurden im Mittelalter die Instrumente erfunden und perfektioniert, mit denen Harmonien erst wirklich ausgeschöpft werden konnten: die Orgelpfeife, das Clavichord, das Clavicembalo, die Geige, der Kontrabass und noch andere mehr. Das 10. Jahrhundert brachte schließlich ein geeignetes System zur musikalischen Notation hervor, das rasch bekannt wurde, so dass Musik in der Folge auch von Leuten akkurat gespielt werden konnte, die sie zuvor gar nicht gehört hatten.

Kunst. Unglücklicherweise wird die markante künstlerische Epoche, die im 11. Jahrhundert entstand, Romanik genannt, obwohl sie doch gar nichts mit dem zu tun hat, was die Römer geschaffen hatten. Der Name war eine bloße Ausgeburt von Professoren des 19. Jahrhunderts, die glaubten, dass Europa sich aus dem Mittelalter nur retten konnte, indem es auf die römische Kultur zurückgriff. So gesehen hätten in dieser Epoche eigentlich nur ärmliche Imitationen von römischen Errungenschaften entstehen können. Doch bestätigen heutige Kunsthistoriker durchgehend, dass die romanische Architektur, Plastik und Malerei auf ihre Weise originell und kraftvoll war, obwohl sie gar nichts mit der römischen Kunst zu tun hatte.61 Im 12. Jahrhundert folgte auf die Romanik dann die noch viel unvergleichlichere und erstaunlichere Epoche der Gotik. Es mag verwundern, doch wurden Architektur und Malerei der Gotik während der Aufklärung von den Kritikern heruntergemacht, da sie nicht »den Normen der Griechen und Römer entsprechen: ›Möge der, der sie erfunden hat, verflucht sein.‘«62 Die gleichen Kritiker glaubten, die Stilrichtung gehe auf die »barbarischen« Goten zurück und trage deshalb diesen Namen. Doch wie jeder, der auch nur einmal eine der großartigen gotischen Kathedralen besichtigt hat, weiß, ist das künstlerische Beurteilungsvermögen solcher Schreiber nicht besser als ihr Ruf. Das betrifft überhaupt ihre Missachtung für die architektonischen Errungenschaften jener Zeit, einschließlich des so wichtigen Strebebogens, der zum ersten Mal die Voraussetzung dafür bot, sehr hohe Gebäude mit eher dünnen Mauern und großen Fenstern zu bauen, was in der Folge wiederum zu Hochleistungen in der Produktion farbiger Kirchenfenster führte. Zu guter Letzt waren die nordeuropäischen Künstler des 13. Jahrhunderts die ersten, die Ölfarben benutzten und ihre Werke auf aufgespannte Leinwände malten, anstatt auf Holz oder Gipsputz. Das erlaubte dem Maler, »sich mehr Zeit zu nehmen, mit umso feineren Pinselstrichen zu arbeiten und malerische Wirkungen zu erreichen … die Wundern gleichkamen«.63 Jeder, der glaubt, dass die großen Leistungen der Malerei erst in der italienischen Renaissance begannen, sollte sich einmal aufmerksam die Werke von Jan und Hubert van Eyck anschauen. Soviel zu dem Vorurteil, dass das Jahrtausend, das auf den Untergang Roms folgte, eine künstlerische Wüste oder Schlimmeres gewesen sei.

Literatur. Gibbon verfasste seinen Verfall und Untergang des Römischen Imperiums auf Englisch, nicht auf Latein. Voltaire schrieb einzig und allein auf Französisch, Cervantes auf Spanisch und da Vinci auf Italienisch. Das war ihnen nur deshalb möglich, weil diese Sprachen eine literarische Form erhalten hatten durch mittelalterliche Großmeister wie Dante, Chaucer, die namenlosen Autoren der Chansons de Geste und all die Mönche, die seit dem 9. Jahrhundert die Lebensgeschichten von Heiligen auf Französisch niederlegten.64 Auf diese Weise wurde volkssprachliche Prosa in Schriftform abgefasst und populär gemacht. Dies zum Analphabetismus und zur Unwissenheit des finsteren Mittelalters.

Bildung. Als sie von der Kirche im 12. Jahrhundert gegründet wurden, waren die Universitäten etwas gänzlich Neues unter der Sonne – eine Institution, die sich ausschließlich der höheren Bildung verschrieb. Diese christliche Erfindung war etwas völlig anderes als die chinesischen Akademien, auf denen Mandarine ihr Training erhielten, oder auch die Zen-Schulen. Den neuen Universitäten ging es nicht primär darum, überlieferte Weisheiten weiterzugeben. Stattdessen erlangten sie ihren Ruhm – nicht anders als es noch heute geschieht – stets durch Innovation. So versuchten die Professoren vor allem, ihren Studenten Mittel zur Aneignung von Wissen an die Hand zu geben. Sie gaben sich nicht damit zufrieden, von den Griechen übernommene Weisheiten wiederzukäuen, sondern waren bereits darauf eingestellt, die Altvorderen zu kritisieren und zu korrigieren.65

Die beiden ersten Universitäten entstanden Mitte des 12. Jahrhunderts in Paris und Bologna. Um 1200 gründete man Oxford und Cambridge, gefolgt von einer ganzen Flut neuer Institutionen während des ganzen 13. Jahrhunderts: es entstanden Universitäten in Toulouse, Orléans, Neapel, Sevilla, Lissabon, Grenoble, Padua, Rom, Perugia, Pisa, Modena, Florenz, Prag, Krakau, Wien, Heidelberg, Köln, Budapest, Erfurt, Leipzig und Rostock. Ein verbreiteter Irrtum besagt, dass diese Häuser gar keine echten Universitäten gewesen seien, sondern nur aus drei oder vier Lehrern und einigen wenigen Dutzend Studenten bestanden. Aber auch das ist nicht wahr. Bereits im frühen 13. Jahrhundert schrieben sich zwischen 1000 und 1500 Studenten jeweils in Paris, Bologna, Oxford und Toulouse ein – in Paris waren es jedes Jahr sogar ca. 500 neue Studenten. Was die Qualität des Unterrichts angeht, darf man daran erinnern, dass in genau diesen Universitäten die Wissenschaft geboren wurde. Man beachte, dass diese Institutionen zutiefst christlich waren: alle Fakultäten unterstanden Ordensgemeinschaften und demzufolge auch alle frühen Wissenschaftler.

Wissenschaft. Über Generationen hinweg haben Historiker behauptet, dass die wissenschaftliche Revolution im 16. Jahrhundert einsetzte, als das heliozentrische Modell des Sonnensystems durch Nikolaus Kopernikus in Umlauf gebracht wurde. Was hier stattfand war jedoch eine Evolution und keine Revolution.66 So wie Kopernikus einfach den nächsten logischen Schritt in der Kosmologie seiner Zeit ging, so war auch die Blüte der Wissenschaft in dieser Epoche bloß die Kulmination eines allmählichen Fortschritts, der schon in den vorangegangenen Jahrhunderten begonnen hatte. Um die Vorwärtsbewegung bis zum heliozentrischen Sonnensystem kurz zu rekapitulieren, setzt man am besten bei den Griechen an. Diese gingen davon aus, dass es keine Vakuen geben könne und der Raum dementsprechend mit durchsichtiger Materie angestaut sein müsse. Himmelskörper seien folglich darauf angewiesen, ständig Reibung zu vermeiden, um sich selbst fortzubewegen, was im Umkehrschluss die unablässige Einwirkung von Kraft nötig mache. Manche lokalisierten diese Kraft, indem sie in den Himmelskörpern Götter erkannten, die mit hoher Geschwindigkeit durch den Äther flitzen. Andere postulierten die Existenz von übernatürlichen Wesen, die den Auftrag haben, die verschiedenen Sphären kontinuierlich anzuschubsen.

Der Bedarf nach Schubsern ließ erst dann nach, als Jean Buridan (1300–1358), Rektor der Universität zu Paris, Newtons erstem Bewegungsgesetz vorausgriff und erklärte, dass der Raum an sich ein Vakuum sei und dass, nachdem Gott die Himmelskörper einmal in Bewegung versetzt hatte (»einem jeden einen Impetus aufdrückte«), diese Bewegung nicht »danach nachließ oder zum Erliegen kam, da die Gestirne mit genau dieser einen zufrieden waren. Noch gab es einen Widerstand, der den Impetus hätte hemmen oder verderben können.«67 Buridan schlug einen nächsten logischen Schritt vor, der zu Kopernikus und seinem Modell hinleitete: dass nämlich die Erde sich um ihre eigene Achse dreht. Jedoch war es erst einem späteren Rektor der Pariser Universität vergönnt, diese These unter Dach und Fach zu bringen, nämlich Nicolas d’Oresme (1325 – 82), dem brillantesten der scholastischen Wissenschaftler. Sein Werk war ausgesprochen mathematisch und setzte somit einen hohen Maßstab für spätere Arbeiten in der Funktionslehre und der Astronomie. Die Idee, dass sich die Erde drehe und nicht die Sonne die Erde umkreise, hatten über die Jahrhunderte schon manche gehabt. Doch standen ihr stets zwei Einwände im Weg. Erstens, warum gibt es keinen ständigen, böigen Ostwind, der von der Rotation der Erde verursacht wird? Zweitens, warum fällt ein Pfeil, der in direkter Richtung in den Himmel geschossen wird, nicht ein gutes Stück hinter (oder auch vor) dem Schützen wieder zu Boden? Da genau das nicht passiert und der Pfeil genau geradlinig wieder zurückkommt, könne sich die Erde nicht drehen. Oresme entkräftete diese beiden Einwände. Einen Ostwind gebe es nicht, weil die Bewegung der Erde allen Objekten, einschließlich der Atmosphäre gleichermaßen zuteilwerde. Und dies beantworte auch den zweiten Punkt: in die Luft geschossene Pfeile besäßen nicht nur den vertikalen Impetus, der ihnen durch den Bogen mitgegeben werde, sondern gleichfalls einen horizontalen, der von der Erdbewegung herrühre.

Dann erschien Bischof Nikolaus von Kues (1401–64) und erklärte, dass »egal, ob ein Mensch sich auf der Erde, der Sonne oder einem anderen Stern aufhalte – es wird ihm immer so erscheinen, als befinde er sich im regungslosen Zentrum, wohingegen alle anderen Dinge in Bewegung seien«. Daraus folgerte er, dass Menschen ihrer Wahrnehmung, dass die Erde standortgebunden sei, nicht glauben sollten – womöglich war die Erde gar nicht fix. Von hier aus bedurfte es keinen Sprung ins Ungewisse mehr, um auf den Gedanken zu kommen, dass die Erde gar um die Sonne kreise.

All diese mittelalterliche Theoriebildung war Kopernikus wohlbekannt, schon weil er nicht der isolierte Domherr in einem abgelegenen polnischen Städtchen war, als der er oft dargestellt wird, sondern einer der hochgebildetsten Männer seiner Generation, nachdem er an den Universitäten von Krakau, Bologna (womöglich die beste Universität des damaligen Europas), Padua und Ferrara erzogen worden war.

Es gab so viel Fortschritt im sogenannten Finsteren Mittelalter, dass Europa schon im 13. Jahrhundert einen riesigen Vorsprung vor dem antiken Rom, den alten Griechen und auch vor dem Rest der damaligen Welt hatte.68 Warum? Vor allem, weil das Christentum die Lehre vertrat, dass Fortschritt »normal« war und es sowieso stets zu neuen Erfindungen kommen würde.69 Genau darin lag der revolutionäre Gedanke. Auch war der Glaube an den Fortschritt keineswegs auf Technologie oder Hochkultur beschränkt. Die Europäer des Mittelalters hatten sich überdies das Ziel gesetzt, immer neue und bessere Wege zu entwickeln, wie man Dinge tun konnte.

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