Kitabı oku: «Die Krieger des alten Japan»
Roland Habersetzer
Die Krieger des alten Japan
Berühmte Samurai, Rônin und Ninja
Aus dem Französischen
von Frank Elstner
Palisander
Der Verlag dankt dem Museum Schloß Lichtenwalde, insbesondere Frau Birgit Mix, für die Zurverfügungstellung der in diesem Buch abgebildeten Farbholzschnitte zur Reproduktion. Weiterhin dankt der Verlag Hans-Jürgen Greiner-Petter (Berlin), Janett Kühnert, Norbert Wölfel und Jens Regner (Chemnitz), für die fachliche Unterstützung bei der Redaktion.
2. Auflage November 2011
Titel der Originalausgabe (Teil I und II): Les Paladins du Soleil Levant
© 1988 by Amphora
Titel der Originalausgabe (Teil III): Ninja: >Les Guerriers de l’Ombre
© 2008 by Roland Habersetzer
Deutsch von Frank Elstner
© 2011 by Palisander Verlag, Chemnitz
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Umschlaggestaltung: Anja Elstner, unter Verwendung eines Holzschnitts von Yoshikazu Utagawa
Lektorat: Palisander Verlag
Redaktion & Layout: Palisander Verlag
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013
ISBN 9783938305508
www.palisander-verlag.de
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Der Autor
Wie eine Kirschblüte
I Heilige und Helden
Samurai – eine Kunst zu leben und zu sterben
Minamoto-no-Yoshitsune
Aristokraten und Krieger
Die Offenbarung
Benkei, ein Gefährte fürs Leben
Tödliche Eifersucht
Die Schlacht von Ichi-no-Tani
Der Überfall auf Yashima
Die Seeschlacht von Dan-no-Ura
Die lange Treibjagd
Der Beginn der Legende
Die Loyalität des Kusunoki Masashige
Ein Baum im Süden
Die Belagerung von Akasaka-jô
Die Belagerung von Chihaya-jô
Go-Daigos vorzeitige Rückkehr
Die Schlacht von Minatogawa
Tsukahara Bokuden – der »Schwertheilige« aus Kantô
Das Genie aus Kantô
Für die Ehre des Kamiizumi-dôjô
Das Turnier im Tempel von Kashima
Die feinste Klinge Japans
Der Kenshi
Die eintausend Tage
Aufstieg und Fall des Klans der Takeda
Der ewige Sieger
300 Krieger für Unnokuchi
Die Jugendjahre des Uesugi Kenshin
Grünspecht und Rad
Mit dem Schwert, nicht mit Salz
Mikatagahara
Kagemusha, der Schatten des Kriegers
Die Schlacht von Nagashino
Der spektakuläre Selbstmord des Shimizu Muneharu
Takamatsu-jô
Ein Steinchen auf dem Weg zur Macht
Eine Geschichte vom Wasser
Der Pakt
Sterben für Takamatsu-jô
Die Abenteuer des Rônin Yamada Nagamasa
Die Ära der Tokugawa
Das Kind, das Samurai werden wollte
Der Weg der Macht
Herzog von Siam und König von Ligor
Miyamoto Musashi
Frühe Reife
Die erste Herausforderung
Kämpfe gegen den Yoshioka-Klan
Das letzte Duell des Miyamoto Musashi
Musashis Sohn
Die Schule der zwei Schwerter
Gorin no Sho
Amakusa Shirô – Der Gesandte Gottes
Eine Entdeckung
Das Edikt des Shôguns
Schreckensherrschaft auf Shimabara
Die Ankunft des Messias
Wie ein Tsunami
Die Rebellen auf dem Vormarsch
Rückzug nach Hara-jô
Gott auf Seiten der Unterdrückten
Der Schraubstock
Verrat
Bis zum Letzten
Das Haupt des Amakusa Shirô
Akô Gishi: Die 47 Rônin aus Akô
Die Provokation
Für die Ehre
Die Schläfer
Der Weckruf
Süß ist die Rache
Am Grabe Asanos
46 Blitze blauen Stahls im Licht der aufgehenden Sonne
Saigô Takamori, der letzte Samurai
Der Riese aus Kagoshima
Meiji – die Welt verändert sich
Der Bruch
Der Aufstand im Süden – Satsuma-no-ran
Saigô, der Rebell
Saigô, der Große
II Die Unbesiegbaren
Vorbemerkung
Kôdan-Geschichten
Der hundertste Pfeil für Kihachi
Der Samurai, der als Prinz starb
Einer gegen alle
Duelle – Herausforderung zum Tod
Hasebe Nobutsura – ein würdiger Krieger
Minamoto Tametomo – ein Pfeil für ein Schiff
Takahashi Nagatsuna – tödliche Großmut
Saitô Bettô Sanemori – zu Staub zerfallen
Senô-no-Tarô Kaneyasu – für die Ehre und für den Sohn
Die ersten zwei Kämpfer am Fluß Uji
Minamoto Yoshinaka – der letzte Pfeil in der Schlacht von Awazu
Tomoe Gozen – eine japanische Amazone
Die Brüder Kawara
Ein unwürdiger Tod
Der Weg des Schwertes und der Poesie
Verrat und Treue
Dôjô-Geschichten
Die Lektion des Banzo
Satori
Unreife
Mutekatsu-ryû
Der Krötenmann
Die drei Söhne des Tsukahara Bokuden
Rettung eines Kindes
Der Teemeister und der Samurai
Der Teemeister und der Rônin
Die Ehre des Kage Genshirô
Feindliche Schwingungen
Das Geheimnis der Schwertkampfkunst
Schwerter und Fliegen
Das Reiskorn
III Ninja – Die Schattenkrieger
Meuchelmörder und Spione
Aus dem Dunkeln – Teil 1
Die Schlacht bei der Burg des »Weißen Phönix«
Vorspiel
Das lange Warten
Trügerischer Sieg
Hattori Hanzô, Wegbereiter der Tokugawa
Herbst 1581
Frühjahr 1582
Triumph
Post für Takamatsu-jô
Vorspiel
Durch feindliches Gewässer
Die Mission
Lautloser Tod
Nachspiel
Ninja-Anektdoten
Der Ninja und die Wiesel
Der betrogene Ninja
Die wiedergefundene Ehre der Ninja des Totsuka-Klans
Verhängnisvolles Können
Das Flammenmeer
Ninja-seppuku
Verräterische Insekten
Eine uneinnehmbare Festung
Auf der Richtstatt
Gejagt von den Ninja des Oda Nobunaga
Die Falle
Vogel im Regen
Der Schwertdieb
Mugei-mumei
Aus dem Dunkeln – Teil 2
Fußnoten
Anhang
Glossar
Die historischen Provinzen Japans
Zeittafel
Bibliographie
Der japanische Farbholzschnitt
Weitere Bücher von dem Palisander Verlag
Mabuni Kenei: Leere Hand – Vom Wesen des Budô-Karate
John Okute Sica: Das Wunder vom Little Bighorn
Roland Habersetzer: Amakusa Shirô
Der Autor
Roland Habersetzer, Jahrgang 1942, ist seit 1957 Praktizierender der Kampfkünste. Bereits 1961 erhielt er den 1. Dan und wurde so zu einem der ersten französischen »Schwarzgurte« im Karate. Zu recht wird er sowohl als Spezialist der japanischen Kampfkünste (Budô) als auch der chinesischen (Wushu) angesehen. Nachdem er verschiedene Graduierungen in Frankreich, Japan und China erhalten hatte, wurde Roland Habersetzer im April 2006 in Japan durch O-Sensei Tsuneyoshi Ogura (Schüler von Yamaguchi Gôgen und Gima Makoto) der 9. Dan, Hanshi, sowie der Titel eines Sôke (Meister-Gründer) für seinen eigenen Kampfkunststil »Tengu no michi« (Tengu ryû Karatedô, Kobudô, Hôjutsu) verliehen. Damit wurden seine außerordentlichen Bemühungen bei der Verbreitung der Kampfkünste und die hohe Effektivität seines Wirkens gewürdigt. Nicht zuletzt stellt dies auch die Legitimierung seines eigenen Konzepts der Praxis der Kampfkünste dar, des »Weges des Tengu« (»Tengu no michi«).
Im Jahre 1968 erschien Roland Habersetzers erstes populärwissenschaftliches Buch über die Kampfkünste. Heute besteht sein Werk aus nahezu 80 Büchern, was ihn zum Autor der weltweit bedeutendsten Buchreihe auf diesem Gebiet werden läßt. Seine Bücher, die in mehrere Sprachen übersetzt worden sind, gelten in allen frankophonen Ländern als historisches, technisches und pädagogisches Standardwerk. Auch in vielen anderen Ländern besitzen sie hohes Ansehen.
Sein erster Roman, »Li, le Mandchou«, erschien im Jahre 1976 bei Trévise, in der Folge veröffentlichte er drei weitere Romane mit kampfkunstbezogener Handlung im renommierten französischen Verlag Pygmalion. Seine Erzählungen über berühmte Samurai und Rônin wurden 1988 publiziert. Die im vorliegenden Band enthaltenen Ninja-Erzählungen werden hiermit erstmals veröffentlicht.


Roland Habersetzer
Centre de Recherche Budo – Institut Tengu (CRB-IT)
7b, rue du Looch
67530 Saint-Nabor (Frankreich)
http://www.tengu.fr
Deutsche CRB-Website:
www.wslang.de/karatecrb
Illustrationen
Die Farbabbildungen sind Reproduktionen japanischer Holzschnitte aus der Sammlung Brühl, Schloß Lichtenwalde, mit Ausnahme der Abbildungen 2 (lizenzfreie Quelle) und 4 (Archiv des Autors). Die Zeichnungen im Buch stammen vom Autor, die anderen Schwarzweißabbildungen entstammen dem Archiv des Autors, lizenzfreien Quellen und der Sammlung Brühl, Schloß Lichtenwalde (1 und 24). Die Landkarten 25 und 26 wurden von Maria Nitschke gezeichnet. Das Foto des Autors wurde von Gabrielle Habersetzer angefertigt.
Den Starken und den Reinen
von überall und aus allen Zeiten.
Roland Habersetzer
Hana wa sakura gi hito wa bushi.
Was unter den Blüten die Kirschblüte, ist unter den Menschen der Krieger.
Wie eine Kirschblüte
Im Kampfe waren sie unerbittlich und grausam, aber sie vermochten es auch, in Gedichten tiefe Gefühle auszudrücken. Ihr Wille war unbeugsam, und zugleich waren sie außerordentlich empfindsam. Jederzeit waren sie zum Sterben bereit, doch ihre Siegesgewißheit war grenzenlos. Sie waren stolze Ritter und trugen aus mehreren Schichten bestehende Rüstungen in schillernden Farben. Als Zeichen ihrer Privilegien führten sie zwei Schwerter mit sich, die sie als ihre lebendigen Begleiter betrachteten. Dies waren die Samurai.
Über ihr bewegtes Leben ist viel berichtet worden. Es ist nicht einfach, sich heute ein realistisches Bild von ihnen zu machen, durch den Nebel der Legenden hindurch, die über die Jahrhunderte um sie gewoben wurden. Wie bei den Recken unserer Heldenlieder oder den Helden der nordischen Sagenwelt vermischte sich ihre Geschichte mit dem Mythos, und die Erzählungen ihrer großen Taten wurden über Generationen hinweg durch ein Volk, das seine Helden bewunderte, überliefert. In den Geschichten sind daher die Grenzen zwischen historischer Wahrheit und Märchen mitunter fließend, und manche Einzelheiten werden vielleicht etwas unglaubwürdig klingen. Doch dies ist kein Makel. Man sollte die Erzählungen in dem Bewußtsein des zeitlichen Abstands lesen und sich dabei vom Gefühl des Wunderbaren, das sie durchdringt, erfüllen lassen. Ein wenig Begeisterung und ein wenig Träumerei sind vielleicht genau das, dessen unser Zeitalter bedarf.
Es ist kaum möglich, unberührt zu bleiben angesichts des Lebens, des Charakters und der Ethik der Berufskrieger des japanischen Mittelalters. Einige von ihnen erlangten schon früh einen Ehrenplatz in der Geschichte, anderen wurde er erst später zuteil. Nicht alle erreichten die Berühmtheit eines Minamoto Yoshitsune, eines Takeda Shingen oder eines Kusunoki Masashige. In der japanischen Geschichte gibt es derartig viele blutige Geschehnisse, in denen sich Männer, aber auch Frauen, ruhmvoll hervorgetan haben, daß von zahlreichen Helden nicht einmal die Namen überliefert wurden. Viele ihrer außergewöhnlichen Taten wurden in früheren Zeiten als etwas Alltägliches betrachtet.
Ruhm konnte ein Krieger sowohl durch den Erfolg als auch durch die Niederlage erlangen. Die japanische Tradition kennt den Begriff hôgan biiki, die Würde des Gescheiterten. Auch wenn ihr Mut, ihre Treue und ihre Entschlossenheit überragend waren, haben doch viele Samurai und Rônin – dies waren Samurai, die keinem Herren dienten – ihr Leben im Kampf gegen übermächtige Kräfte verloren oder wurden Opfer niedriger Intrigen. Ihr Geschick war oft tragisch. War ein Samurai den Mächtigen nicht mehr nützlich, konnte es geschehen, daß er unbarmherzig verfolgt wurde. So war es keine Seltenheit, daß ein Samurai einsam in der Verbannung starb oder zu rituellem Selbstmord gezwungen wurde. Oft war der Ruhm der Helden flüchtig und zerbrechlich, ein magischer Augenblick, der schon verstrichen war, kaum daß man zu glauben begann, er würde ewig dauern.
Der Samurai begegnet uns häufiger als ein zutiefst empfindsamer Mensch denn als unüberwindlicher Held. Aber das trug um so mehr dazu bei, daß er nicht vergessen wurde. Im Gegensatz zur westlichen Welt, wo man sich am liebsten der siegreichen Helden erinnert, liebt man in Japan vor allem die unglücklichen Helden. Sie sind die schillernden Figuren der kabuki- und nô-Theaterstücke, der Balladen, Erzählungen und Filme. Der Bericht von ihrem Lebensweg, so nüchtern er auch sein mag, wirft auch nach Jahrhunderten stets die gleichen Fragen auf: Bedeutet ihr Tod Sieg oder Niederlage? Ist der Sieger wirklich immer derjenige, der überlebt? Welchen Sinn haben Opfertaten? Warum triumphiert so oft das Böse oder das Mittelmaß?
Die tapferen Krieger, über die hier berichtet wird, verkörpern die Tugenden eines verflossenen Zeitalters. Ihre Geschichten erinnern uns daran, daß der Mensch selbst in den schwersten und unruhigsten Zeiten die Fähigkeit bewahren kann, Werte aufrechtzuerhalten, nach denen wir auch heute noch streben, um in der modernen Gesellschaft Halt zu finden. Ich glaube, daß sie es verdienen, immer wieder erzählt zu werden, weil sie beispielhaft sind und weil sie Hoffnung geben.
Alle Geschichten in diesem Buch sind wahr. Alle Persönlichkeiten, von denen berichtet wird, haben existiert, und ihre Rolle in der japanischen Geschichte wird auf authentische Weise wiedergegeben. Auch die Daten sind streng historisch. Man muß hierbei aber berücksichtigen, daß nach japanischem Brauch ein Kind, das zur Welt kommt, bereits ein Jahr alt ist. Dies erklärt, warum in den Quellentexten, je nachdem, ob es sich um japanische oder nichtjapanische handelt, manche Daten oder Altersangaben zu den Protagonisten dieser epischen Abenteuer unterschiedlich sein können.
Es war meine Absicht, mit meinen Worten die großen Krieger des alten Japan wieder zum Leben zu erwecken. Ihre Zeitgenossen glaubten, daß sich diese Helden in einer Hinsicht von den gewöhnlichen Menschen unterschieden: Für einen Augenblick, der wie ein kräftiger Windstoß war, besaßen sie eine Ausstrahlung, die jenem einzigartigen Schimmer glich, welcher der Kirschblüte (sakura) zu eigen ist, kurz bevor sie zu welken beginnt.
Fragt dich jemand
nach dem Geiste Japans:
Es ist eine Kirschblüte,
die ihren Duft in der aufgehenden Sonne verströmt.
Motoori Norinaga (1730-1801)

Samurai unter blühendem Kirschbaum. Japanischer Holzschnitt (Detail).
I
Heilige und Helden

»Der Weg des Samurai liegt im Tod.«
Aus dem Hagakure1
Samurai – eine Kunst zu leben und zu sterben
Der Samurai gilt in der Kriegertradition Japans als Urbild des tapferen, einzelgängerischen und romantischen Menschen, der treu ist bis zu seinem Tode. Für unzählige Generationen von Japanern war dieser Kriegertypus, der sich zugleich durch Stolz und Bescheidenheit, durch Kraft und Empfindsamkeit auszeichnete, ein Muster der Tugendhaftigkeit. Während 700 Jahren spielten die Samurai eine entscheidende Rolle in der bewegten Geschichte ihres Landes. Sie brachten Fürstenfamilien an die Macht und stürzten sie. Sie schlugen sich im Dienste rivalisierender Parteien, sie trotzten auf allen Schlachtfeldern dem Tode und lebten nach ihren eigenen Regeln.
Das Wort Samurai entwickelte sich phonetisch aus »saburai«, das wiederum abgeleitet ist von »sabura«, »zur Seite stehen, bewachen, dienen«. Der Begriff kam zwischen dem 9. und dem 11. Jahrhundert auf. Als Samurai wurde zunächst eine Elite bezeichnet, die aus den Familien der großen Lehnsherren des Landes stammte, und aus der jene ihre Vasallen auswählten. Die ersten Samurai waren demzufolge von geringer Zahl, und jeder von ihnen verfügte über eigene Truppen. Sie waren damit den Grafen des europäischen Mittelalters vergleichbar. Diese Vertreter des Kriegeradels (buke) standen anfangs im Schatten der kaiserlichen Macht. Im 12. Jahrhundert änderten sich jedoch die Machtverhältnisse. Im Ergebnis verheerender Bürgerkriege wurde einer der ihren zum Shôgun2 und damit zum tatsächlichen Machthaber im Lande. Nachdem der Klan der Minamoto (auch Genji3 genannt) den mächtigen Taira-Klan (auch als Heike-Klan4 bezeichnet) vernichtend geschlagen hatte, wurde im Jahre 1192 das Oberhaupt des Siegerklans, Minamoto-no-Yoritomo, zum Seii Taishôgun ernannt, d. h., zum »Oberbefehlshaber mit dem Auftrag, die Barbaren zu unterwerfen«. Damit hatte das »Zeitalter der Krieger« (buke jidai) begonnen, das erst 1868 zu Ende ging. Dieses Zeitalter läßt sich in zwei Epochen unterteilen: Die ersten vier Jahrhunderte (1192-1603), die Ären Kamakura, Muromachi und Azuchi-Momoyama, waren geprägt durch zahlreiche Bürgerkriege, in denen die Kriegerklane miteinander um die Macht stritten. Das ganze Land wurde durch Feuer und Schwert verwüstet. Mit Anbruch der Tokugawa-Ära, die von 1603 bis 1868 andauern sollte und die durch Tokugawa Ieyasu gegründet wurde, stabilisierten sich die Machtverhältnisse, und die Kaste der Samurai wurde gezwungen, sich zu disziplinieren. Dieses Zeitalter fand 1868 mit der »Meiji-Revolution« ein Ende. Unter Führung des jungen Kaisers Mutsuhito begann eine grundlegende Modernisierung des Landes. Die Samurai wurden hierfür nicht mehr benötigt, und somit endete unwiderruflich ihre Zeit.
Es waren vor allem die Samurai der Tokugawa-Ära, die als Typus ihrer Gattung in das Bewußtsein des Volkes eingingen. Diese Zeit wurde durch starke Zentralisierung der Regierungsgewalt geprägt. Während die Kaiser in Kyôto residierten, regierten die Shôgune das Land von der Stadt Edo aus, dem heutigen Tokio. Den Tokugawa gelang es, im ganzen Land den Frieden durchzusetzen. Dieser »Pax Tokugawa«, der vom Shôgun auferlegt wurde, stützte sich vor allem auf die unter seiner Kontrolle stehenden lokalen Herrscher, die in Burgen lebenden Daimyô5. Den Samurai wurde somit mehr und mehr die Grundlage ihrer Existenz genommen, denn sie lebten für den Kampf.
Die Zeiten waren günstig für den Stand der Kaufleute, die immer reicher wurden, während die Krieger mehr und mehr ohne Beschäftigung waren und in Vergessenheit, schließlich gar ins Elend gerieten. Erstaunlicherweise entstand gerade in jener Epoche das romantische Bild des Samurai als Heldentypus, und das bushidô6, das seine Lebensregel, seinen Ehrenkodex darstellte, wurde populär. Daß solch eine verklärte Darstellung der Vergangenheit, die half, die Gegenwart zu ertragen, sich verbreitete, lag nicht zuletzt darin begründet, daß sie sehr gut ins Konzept der Machthaber paßte. Die Tokugawa-Shôgune waren zu allen Zeiten darauf angewiesen, daß die Samurai ihnen auch unter den widrigsten Bedingungen treu und ergeben blieben. Sie waren der beste Garant dafür, daß ihre Herrschaft im Lande bestehen blieb. Nachdem nun die Zeit der unaufhörlichen Kriege zwischen den rivalisierenden Klanen vorüber war, mußten andere Möglichkeiten gefunden werden, den Samurai einen Daseinszweck zu vermitteln. Ihre gewaltige Energie mußte so gelenkt werden, daß sie den Herrschenden nicht gefährlich würde. Zum einen wurde daher der Umgang mit den Waffen auf die Art kodifiziert, wie sie oft auch heute noch in den japanischen Kampfkünsten besteht. Auf diese Weise entwickelten sich zunächst das bugei7 und daraus das bujutsu8, die Techniken des Kriegers, und schließlich bildete sich das budô9 heraus, der Weg des Kriegers. Zum anderen förderte das Shôgunat die höhere Bildung der Samurai, mit dem Ergebnis, daß aus ihren Reihen viele Dichter hervorgingen. Auf diese Weise wurde der Samurai des klassischen Zeitalters geboren. In den Zeiten der Bürgerkriege hatte er die Überlebensregeln gelernt, die ihn noch immer zu einem furchteinflößenden Wesen machten. Aber zu seinem unerschütterlichen Siegeswillen war Eleganz hinzugetreten, seine Gewalttätigkeit war gezähmt worden – er wurde ein zivilisierter Mensch.
Der Typus des Samurai hat sich also im Laufe der Geschichte gewandelt. Doch sein Wesenskern blieb unverändert: Der Samurai lebte, um zu dienen, allen Widrigkeiten zum Trotz und bis in den Tod hinein. Wenn es geschah, daß seine Bindung zu seinem Herren verlorenging, weil z. B. der Klan, dem er diente, im Kriege unterging und aufhörte zu existieren, wurde der Samurai zum Rônin10. Befreit von seinem Eid und seiner Pflicht, wurde er entweder zum Verteidiger der Schwachen oder aber zum Wegelagerer. Sein ganzes Vermögen, das er stets bei sich trug, waren seine Waffen. Der Rônin, der zum Helden vieler Romane wurde, trat mitunter auf seinen Reisen in verschiedenen dôjô11 als Lehrer auf und vermittelte seine Kampferfahrungen. Manchmal gründete er auch eine eigene Kampfschule (ryû), für gewöhnlich auf dem Gebiet des Schwertkampfes (kenjutsu).

Samurai-Helm.
Mit der Zeit öffnete sich die Samurai-Elite der ersten Jahrhunderte, so daß auch Menschen aus nichtaristokratischen Schichten Zugang zu ihren Kreisen fanden. Die soziale Herkunft wurde zweitrangig bei der Rekrutierung neuer Samurai. Was zählte, waren allein die Tapferkeit im Kampf und die Bereitschaft, sich für den Herrn, an den sie sich banden, aufzuopfern. Im Lauf der Zeit führte diese Entwicklung zu einem gewissen Verfall der sehr strengen Sitten, die einst dazu geführt hatten, daß die alte Kriegerkaste zu solch einer Größe und Reinheit gelangen konnte. Doch trotz dieser »Demokratisierung« unterschied sich ihre Klasse nach wie vor aufs deutlichste von der der gewöhnlichen Krieger. Letztere wurden als unwürdiges Fußvolk (ashigaru) betrachtet. Die ashigaru waren wesentlich leichter bewaffnet, und in Schlachten wurden sie als Hilfstruppen eingesetzt. Ihr Motiv für den Kampf waren eher die bei Plünderungen zu erwartenden Gewinne als die Ehre.
Ob er sich nun auf dem Kriegspfad befand oder nicht, der Samurai hatte stets das Recht auf äußere Zeichen seines besonderen Standes. Eines dieser Vorrechte bestand darin, in der Stadt den hakama tragen zu dürfen, einen bis zu den Knöcheln reichenden Hosenrock. Ein weiteres Privileg bestand darin, ein Paar Schwerter unterschiedlicher Länge, daishô genannt, zu tragen. Das katana war das Langschwert, und das wakizashi das Kurzschwert. Die Schwerter steckten im Gürtel, und ihre Schneiden zeigten nach oben, so daß es unmittelbar nach dem Ziehen des Schwertes möglich war, damit einen Schnitt auszuführen (iaijutsu). Der Schädel des Samurai war von vorn bis zur Kopfmitte rasiert. Das Haar trug er sorgfältig geknotet und nach hinten frisiert. Dieser Haarknoten (chonmage) wurde abgeschnitten, sobald der Samurai in den Ruhestand trat oder zum Rônin wurde. Wenn er in den Kampf zog, trug der Samurai eine Rüstung (yoroi, später den leichteren dômaru), die im Vergleich mit den Panzerungen europäischer Ritter relativ wenig wog, dafür aber auch leichter zu durchdringen war. Sie bestand aus lackierten Eisenplatten oder aus beweglich angeordneten Lederplättchen, die sich manchmal überlagerten und die miteinander durch farbige Bänder verbunden waren (die Farbe war das Unterscheidungsmerkmal für die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Klan). Auf dem Kopf trug er einen Eisenhelm (kabuto) mit Visier und einem großen Nackenschutz. Geschmückt war der Helm mit Flügeln, Hörnern oder sogar mit der Nachbildung eines Tieres in Bronze oder Leder. Manchmal bedeckte eine Maske aus Metall oder Leder das ganze Gesicht (sômen), oder, was häufiger der Fall war, die untere Gesichtshälfte (menpo). Die Maske sollte sowohl das Gesicht schützen als auch furchteinflößend auf den Gegner wirken. Es war üblich, daß der Samurai sich vor der Schlacht schminkte und parfümierte, damit er im Falle seines Todes ein schönes Haupt auf dem Schlachtfeld zurücklassen konnte. Entweder auf dem jimbaori, einer ärmellosen Weste, die der Samurai über der Rüstung trug, oder auf einem Wimpel (sashimono) an einem Schaft, der am Rückenteil der Rüstung befestigt war, waren Wappen (mon) gestickt. Auf diese Weise konnte man stets die Familie oder den Klan, dem der Samurai angehörte, erkennen.





Ankleiden eines Samurai.
Die Geschichte kündet durchaus auch von Niedertracht, Korruption, Treuebruch, Intrigen und unnötigen Grausamkeiten von Seiten der Samurai. Dies mag das Bild vom edlen Samurai trüben, aber nichtsdestotrotz überwogen andere, weit positivere Eigenschaften bei der Mehrzahl dieser hartgesottenen Männer, die dem Leid mit Härte begegneten und Schicksalsschläge ergeben hinnahmen. Tatsächlich bedeutete das Dasein als Samurai in erster Linie eine Lebenskunst. Je tapferer diese Krieger waren, desto feinfühliger waren sie auch. Ihre Empfindsamkeit war oft außerordentlich, aber sie wußten ihre Gefühle zu beherrschen, denn niemals durfte es soweit kommen, daß ein Samurai das Gesicht verlor.
Der klassische Samurai war sehr empfänglich gegenüber den pathetischen Aspekten der Dinge (mono-no-aware) und der unabwendbaren Macht des Schicksals (Karma)12. Den Verlierern (hôgan biiki) galt sein tiefes Mitgefühl. Es konnte geschehen, daß er von einer Welle der Melancholie überrollt wurde, so daß man ihn kaum wiederzuerkennen vermochte. Er konnte dann plötzlich zerbrechlich wie ein Kind sein, und er verwandelte sich in einen Dichter oder einen Musiker. Der traditionelle Typus des Samurai entsprach weder einem mit allen Wassern gewaschenen Haudegen noch einem übernatürlichen, wie aus Stein gemeißelten Heldenwesen. Falls er dennoch in den Augen der anderen wie ein Übermensch wirkte, so lag das daran, daß er aufgrund seiner speziellen Ausbildung in der Lage war, Herr seiner Schwächen zu sein und auf außerordentliche Kraftreserven zurückzugreifen.
In der Anfangszeit der Geschichte der Samurai war die Ausbildung zweifelsohne sehr spartanisch und darauf ausgerichtet, die für den Kampf nötigen Reflexe zu entwickeln. Aber es ging stets auch darum, den Lernenden für Kunst, Kultur und Religion empfänglich zu machen, für eine Philosophie, die danach strebte, den Menschen in ein harmonisches Verhältnis zum gesamten Universum zu stellen. Dieser Harmonie sollte die echte Effektivität entspringen, sowohl auf dem Schlachtfeld als auch in Bezug auf alle anderen Dinge. Shintôismus, Konfuzianismus und schließlich der Zenbuddhismus beeinflußten diese Menschen, die es gewohnt waren, dem Tod ins Auge zu blicken, zutiefst. Die Erfahrung, immer wieder mit den Schrecken des Krieges konfrontiert zu werden und immer wieder dem Tode knapp zu entrinnen brachte sie dazu, nach einem aufs äußerste verfeinerten Leben zu streben und es wertzuschätzen. Das Bewußtsein, jeden Augenblick vom Tod ereilt werden zu können, ließ sie in Friedenszeiten nach Luxus und Eleganz trachten. Diese unerschrockenen Krieger waren Ästheten, wenn die Umstände es erlaubten. Sie lebten ganz im Augenblick, sowohl in der Schlacht als auch im Alltag. Die Liebe zur Schönheit und der Wunsch nach Vollendung fanden selbst in ihrer Bewaffnung Ausdruck. Auch wenn der eigentliche Zweck der Waffen darin bestand, mit ihnen den Gegner zu besiegen, wurden sie im Laufe der Zeit zu echten Kunstwerken. Auf diese Weise wollten sie sogar dem Tode Schönheit verleihen, denn der Tod war der wahre Begleiter der Samurai. Er wich ihnen nie von der Seite, er war Teil ihres Lebens. Von frühester Jugend an bereiteten sie sich auf ihn vor, und durch diese Vertrautheit mit ihm nahmen sie ihm den Charakter der Bestrafung, des Bruchs. In gewisser Weise gelang es ihnen, den Tod zu zähmen. Er stand ihnen zeit ihres Lebens zur Verfügung.

Darstellung eines seppuku. Holzschnitt.
Samurai sein bedeutete auch, zu sterben zu wissen. Jeder Samurai lernte bereits in jungen Jahren, wie man »gut stirbt«, den Regeln entsprechend und in der richtigen Haltung. Nichts durfte dem Zufall überlassen werden, oder zumindest so wenig wie möglich. Der Idealfall bestand darin, selbst den Zeitpunkt des Todes zu bestimmen, ihn sich selbst zu geben, wenn keine andere Möglichkeit mehr bestand, die eigene Ehre oder die des Herren zu retten. Der Freitod erfolgte auf langsame Weise und wenn möglich in der Öffentlichkeit. Diese Todesart war ein Weg, den Lebenden seinen Mut ins Antlitz zu schleudern. Sie war auch ein Mittel des Protestes. Zudem gab sie alles, was sich weiterhin ans Leben klammerte, der Lächerlichkeit preis. Im Lauf der Jahrhunderte entwickelte sich auf diese Weise ein ganzer Kodex des freiwilligen Todes, des Todes als öffentliches Schauspiel, bei dem man sich den Bauch aufschnitt. Das Ritual war bis in die Einzelheiten festgelegt, und es verlieh den letzten Augenblicken des Samurai, der beschlossen hatte, auf diese Weise aus dem Leben zu scheiden, eine ethische Dimension, die seiner Kultur entsprach. Dieses Ritual wurde seppuku genannt. Bekannter ist es unter dem volkstümlichen Begriff des hara kiri, was wörtlich »den Bauch aufschneiden« bedeutet; der Bauch wurde als Sitz des Atems und der Lebensenergie betrachtet.
Seppuku wurde mit dem kleineren der beiden Schwerter des Samurai durchgeführt oder mit einem Dolch (tantô). Nachdem er – wie es üblich war – ein Abschiedspoem verfaßt hatte, kniete sich der Samurai nieder. Sein Oberkörper war frei. Er schnitt sich den Bauch von links nach rechts auf und vollendete die Bewegung, indem er die Klinge in der Wunde nach oben drehte und so die Schnittwunde vergrößerte. Wenn er danach noch die Kraft dazu hatte, zog er die Klinge wieder heraus, um sie sich ins Herz oder in die Kehle zu stoßen. Die Tradition verlangte, daß man es dem Mann überließ, seinen Schmerz zu beherrschen und daß niemand eingreifen durfte, bevor das Ritual nicht »glücklich« zu Ende gebracht worden war. Nur auf diese Weise konnte ein Mann in dieser Situation seinen Mut beweisen, und nur, wenn ihm dies gelungen war, konnte man ihm auch nach seinem Tode noch Respekt entgegenbringen. Die ganze Zeit über stand hinter dem Samurai der Assistent (kaishaku-nin) mit erhobenem Schwert. Aber erst ganz am Ende durfte er der Agonie des Sterbenden ein Ende setzten, indem er ihn mit einem einzigen schrägen Hieb enthauptete.13 Diese Rolle war heikel, da sowohl ein zu frühes als auch ein zu spätes Eingreifen falsch gewesen wäre. Der seppuku begehende Samurai mußte durch leichtes Neigen des Hauptes anzeigen, daß er seine Tat vollendet hatte, erst dann durfte der kaishaku-nin seine Aufgabe erfüllen. Als kaishaku-nin agieren zu dürfen, galt als außerordentliche Ehre, und in der Regel wurde sie nur einem Verwandten oder einem sehr engen Freund zuteil. Eine Variante des rituellen Selbstmordes war das junshi. Es bedeutete, daß ein Samurai das seppuku ausführte, um seinem Herren in den Tod zu folgen, denn es hieß, daß ein Samurai in seinem Leben nur einem einzigen Herren dienen sollte.
All die Tugenden, die den »Weg des Kriegers« (bushi-no-michi) ausmachten und dem »Wort des Kriegers« (bushi-no-ichi gon) Gewicht verliehen, wie auch die Kunst, »gut« zu leben und zu sterben, waren Bestandteil des Ehrenkodex der Samurai. Im 17. Jahrhundert kam hierfür der Begriff bushidô auf. Zuvor sprach man vom shidô, dem Weg des Edelmannes, vom mononofu-no-michi, dem Weg des Kämpfers, vom masurao-no-michi, dem Weg des Helden oder auch vom kyûba-no-michi, dem Weg des Bogens und des Pferdes. Der Begriff bushidô, Weg des Kriegers, vereinte all diese alten Begriffe und ersetzte sie schließlich. Aus dem 17. Jahrhundert stammen auch die ersten schriftlichen Aufzeichnungen zu dieser Thematik. Zuvor war das Wissen ausschließlich mündlich überliefert worden. Die erste systematische Darstellung der Konzepte des Weges der Krieger stammt aus der Feder von Yamaga Sokô (1622-1685). Sein Werk ist eine komplexe und detaillierte Darstellung der moralischen Prinzipien, nach denen ein Krieger sich streng zu richten hatte. Dies bezog sowohl die Ausübung des Waffenhandwerks als auch die anscheinend unbedeutendsten Einzelheiten des täglichen Lebens mit ein, für alles wurde klar definiert, was richtig und was falsch sei. Auch verlangte er, daß ein Krieger dem Tode gegenüber bewußt gleichgültig zu sein habe.
Aber erst in der Ära der Tokugawa kam es zur Blüte des bushidô-Konzepts. Anfang des 18. Jahrhunderts, im Jahre 1716, erschien ein Werk, das ein großer Klassiker werden sollte: das Hagakure. Hierbei handelt es sich um die gesammelten Schriften des Samurai Yamamoto Tsunetomo (1659-1719), herausgegeben durch Tashiro Tsuramoto. Das Hagakure14 (»Verborgen unter den Blättern«) bringt auf vollendete Weise den Samurai-Geist zum Ausdruck. Im Mittelpunkt des Werkes stehen die Tugenden, die dem Leben eines Kriegsmannes seinen Sinn verleihen: Dazu zählten giri (Pflicht), yû (Mut), enryo (Todesverachtung), reigi (Höflichkeit), makoto (Aufrichtigkeit, Wahrheitsliebe), hontô (Tatsächlichkeit), chûgi (Loyalität, absolute Treue), gishi (Rechtschaffenheit), shiki (Entscheidungskraft), ninyô (Menschlichkeit), bushi-no-nasake (Mitgefühl), doryô (Edelmut) und ansha (Freigebigkeit). All diese Werte beruhten auf folgendem Grundsatz: »Wenn der Samurai sich zu jeder Zeit selbstkritisch beobachtet und wenn er darüber hinaus bereit ist, sein Leben zu lassen, wann und wo dies erforderlich ist, wird er in allen Kampfkünsten vollendet sein, und er wird ein Leben führen, das rein ist wie ein Diamant.« Diese Ideen lebten im japanischen Geiste fort, selbst nach der kaiserlichen Restauration von 1868 (meiji jidai).
Dennoch änderte sich der Status der Samurai mit der Meiji-Restauration radikal. Sie verloren ihre Privilegien, ihren Daseinsgrund. Das neue Japan hatte sich für eine Armee modernen Typus entschieden, die auf der Zahlung von Sold beruhte und nicht mehr auf dem Schwur der Samurai, der sie zu lebenslanger Treue einem einzigen Herren gegenüber verpflichtete. Insbesondere wurde ihnen das Tragen der Schwerter verboten (haitôrei-Edikt von 1876). Dieser Angriff auf die geheiligte Tradition des yamato kokoro (Geist des alten Japan) stieß auf Unverständnis und führte zu Unruhen und offenem Aufruhr. Der bekannteste dieser Aufstände war die Satsuma-Rebellion (Satsuma-no-ran) unter Saigô Takamori. Aber die Neuausrichtung der japanischen Gesellschaft erwies sich als unumkehrbar. 1872 wurde der Status des Samurai abgeschafft, und die ehemaligen Krieger wurden nun entweder den Shizoku (Adlige) oder den Heimin (Bürgerliche) zugeordnet. Zu Beginn des 17. Jahrhunderts, als die Bevölkerung Japans 20 Millionen zählte, gab es 500 000 Samurai. Zur Zeit der Meiji-Reform gab es bis zu 2,1 Millionen Shizoku, während die Einwohnerzahl des Landes auf 46,6 Millionen gestiegen war.

Samurai in der Schlacht, mit blank gezogenem katana und einem sashimono auf dem Rücken.
Allen Reformen zum Trotz ist die japanische Kultur noch heute von den Werten, denen die Samurai einst ihr Leben verschworen hatten, durchdrungen, wenn dies auch manchmal nicht ohne weiteres erkennbar ist. Sie waren bereits die Helden der melancholischen Balladen, die die im Mittelalter von Burg zu Burg ziehenden japanischen Troubadoure, die biwa hôshi, begleitet von Lautenmusik zum besten gaben. Und noch immer bringen die Schauspieler der kabuki- und nô-Theater15 mit den beispielhaften Lebensgeschichten der alten Samurai ihr Publikum zum Träumen, und auch aus den alten populären Romanen, Märchen und Legenden sind diese Krieger des alten Japan nicht wegzudenken.
In diesem Buch werden nun einige der Heldentaten der Samurai, die in den Augen ihrer Zeitgenossen oft an Zauberei grenzten, erzählt. Bis heute werden sie als Heilige, Heroen, Unbesiegbare angesehen, und man sagte über sie, daß ein einziger von ihnen tausend gewöhnliche Kämpfer aufwog.
»Der Klang der Glocke vom Gion-Tempel ist das Echo der Unbeständigkeit der Dinge. Die verblassende Farbe der Teebaumblüte erzählt uns, daß alles, was blüht, einst welken muß. Ja, nur einen Augenblick lang ist der Held ein Held, wie eine abendliche Träumerei im Frühling. Die Starken werden stets vernichtet. Sie sind wie Staub im Wind.«
Aus dem Heike Monogatari, Ende 12. Jahrhundert
Minamoto-no-Yoshitsune
Aristokraten und Krieger
Kyôto, Residenzstadt des Kaisers, in der Mitte des 12. Jahrhunderts. Seit dem Jahre 1156 war es zu Ausbrüchen offener Gewalt zwischen rivalisierenden Parteien am Hofe gekommen.16 Der Kaiser, dessen Macht theoretisch unumschränkt war, hatte inmitten dieser unaufhörlichen Streitigkeiten allen Einfluß verloren. Das Herrschaftssystem war am Ende der Heian-Zeit17 nicht mehr lebensfähig. Allzu deutlich hatte die Aristokratie ihre Unfähigkeit zum Regieren unter Beweis gestellt, und überall im Lande, selbst in der Hauptstadt, herrschte Anarchie. Nur die Anführer der Kriegerklane würden in der Lage sein, ein Mindestmaß an zentralistischer Ordnung aufrechterhalten zu können, denn allein sie waren stark genug und verfügten über die nötigen Strukturen, damit ihre Entscheidungen umgesetzt würden.
Die Kriegerkaste (buke) hatte sich seit dem 10. Jahrhundert im Schatten der mächtigen Familie Fujiwara etablieren können. Jene Hof-Aristokraten waren mehr an Kultur als an kriegerischen Belangen interessiert. Sie bezogen ihre Einkünfte aus Besitzungen, die in ganz Japan verstreut waren. Den Schutz und auch die Verwaltung ihrer Güter vertrauten sie den Kriegsleuten an. Die politische Stabilität, die Frucht der sogenannten Fujiwara-Kultur war, begünstigte die Herausbildung einer Klasse von Berufskriegern, deren Stellung vererbbar wurde. Mit der Zeit kristallisierten sich unter den Kriegern zwei Klane heraus, jener der Taira und jener der Minamoto18. Die Klane waren sich einig gegen die Klasse der Aristokraten, denen sie gerade gut genug waren, um gegen Bezahlung für sie zu arbeiten. Was jedoch die Nachfolge der Macht anging, so herrschte zwischen den Klanen unerbittliche Rivalität. Die Taira unter ihrem Anführer Kiyomori19 lagerten in den westlichen Provinzen, und die Minamoto unter der Führung Yoshitomos20 befanden sich im Osten des Landes.
Als die Fujiwara schließlich die Gefahr witterten, die von den zur Macht drängenden Samurai-Klanen ausging, war es zu spät. Den Aristokraten war die reale Herrschaft bereits entglitten. Sie zu stürzen, würde ein Leichtes sein. Mit Einwilligung des Kaisers ergriff schließlich im Jahre 1159 Taira-no-Kiyomori die Macht. Bereits im selben Jahr brachen die Feindseligkeiten zwischen den Klanen aus. Die Heiji-Rebellion (Heiji-no-ran) hatte begonnen, das Vorspiel zum langen und schrecklichen Gempei-Krieg, in dessen Verlauf das Kriegsglück der Parteien häufig wechselte.21 In jenem Jahre wurde auch der jüngste Sohn Yoshitomos, Minamoto-no-Yoshitsune22, geboren.
Die Heiji-Rebellion endete mit einer vernichtenden Niederlage der Minamoto. Damit die Macht der Taira nie wieder in Frage gestellt würde, befahl Taira-no-Kiyomori Massenhinrichtungen unter den Familien der Minamoto. Jene Anführer der Minamoto, die die Schlachten des Heiji-no-ran überlebt hatten, wurden an den Ufern des Flusses Kamo enthauptet, einem traditionellen Hinrichtungsort. Dem Oberhaupt des rivalisierenden Klans, Minamoto-no-Yoshitomo, war es zwar gelungen, nach der Niederlage nach Owari zu fliehen, aber bereits im darauffolgenden Jahr, 1160, wurde er durch einen seiner eigenen Offiziere, Osada Tadamune, beim Bade ermordet. Der Mörder schickte seinen Kopf unverzüglich nach Kyôto.
Dieser Schlag versetzte das ganze Land in Schrecken. Wer auf Seiten der Minamoto das Massaker überlebt hatte, versuchte zunächst alles, um nicht aufzufallen, in Vergessenheit zu geraten. Aber die Unterlegenen selbst vergaßen nichts. Es waren nicht mehr viele, durch deren Adern das Blut der Minamoto rann, aber es waren noch genügend an der Zahl, daß das Verlangen nach Rache nicht zum Erlöschen kam und nur auf den Tag harrte, an dem seine Glut zur Flamme würde.
Die Offenbarung
Zunächst jedoch war der Sieg Kiyomoris so überwältigend, daß er es sich gestattete, Großmut zu beweisen. Zwanzig Jahre später, auf seinem Totenbett, sollte er dies zutiefst bedauern. Seiner selbst und seines Sieges sicher, ließ er das Leben mehrerer Söhne Minamoto-no-Yoshitomos schonen. Dies betraf den dritten Sohn, den 13jährigen Yoritomo23, und drei jüngere Söhne, die Yoshitomo von seiner Konkubine, der schönen Tokiwa Gozen24 bekommen hatte. Der jüngste von ihnen, der erst wenige Monate zählte, hieß Ushiwaka. Er sollte später den Namen Yoshitsune annehmen.
Die erstaunliche Großmut Kiyomoris hatte ihre Ursache in der außergewöhnlichen Schönheit der Dame Tokiwa. Die Frau war nach der Niederlage der Minamoto mit ihren Kindern nach Norden geflohen und hatte im Dorf Ryûmon Unterschlupf gefunden. Doch Kiyomori nahm ihre Mutter als Geisel, und Tokiwa Gozen lieferte sich daraufhin dem Oberhaupt der Taira aus. Von ihrer Schönheit geblendet, machte Kiyomori sie zu seiner Mätresse und verschonte die Kinder. Was sollte er von der Zukunft schon fürchten? Yoritomo, dessen Mutter von höherem Rang als Tokiwa gewesen war, wurde nach Izu verbannt, wo er unter strenger Aufsicht stand. Die anderen Kinder durften zunächst bei Tokiwa bleiben.

Flucht der Tokiwa Gozen mit ihren Kindern durch den Schnee. Holzschnitt von Utagawa Kuniyoshi.
Kiyomori war es gelungen, im Ergebnis des Krieges seine Familie zu den höchsten Würden gelangen zu lassen. Er ließ sich zum Regierungschef unter einem Marionettenkaiser ernennen. Weitere Schlüsselpositionen der Macht besetzte er mit seinen Kindern. Mit der Zeit wurden die Taira den letztendlich mehr beneideten als gehaßten Fujiwara-Aristokraten immer ähnlicher. Ihre Lebensweise verfeinerte sich, und sie führten ein eleganteres Dasein. Manche gingen so weit, sich Ahnennachweise zu kaufen, um als Adlige auftreten zu können.
Der Taira-Klan verweichlichte, und er wiegte sich in trügerischer Sicherheit. Dieses Gefühl der Sicherheit wurde zum ersten Mal erschüttert, als der junge Thronfolger Mochihito in der Folge einer dunklen Palastintrige, in die auch Kaiser Go-Shirakawa verwickelt war, versuchte, mit Hilfe der überlebenden Minamoto die Macht zu ergreifen. Die Minamoto hatten sich in mehreren Provinzen erhoben. Minamoto Yorimasa brachte den Thronfolger in Sicherheit und versperrte den Truppen der Taira mit nur 300 Samurai den Weg. Er hatte hierfür die Brücke über den Fluß Uji in der Nähe des Biwa-Sees ausgewählt. Yorimasa hatte den Belag in der Mitte der Brücke entfernen lassen, und als die Taira im nebligen Morgengrauen angriffen, stürzten viele von ihnen durch die Öffnung in den Tod. Diese Finte und zahllose Heldentaten der Aufständischen kostete Hunderte der Taira-Ritter das Leben. Aber deren Übermacht war so überwältigend, daß die Minamoto von vornherein chancenlos waren. Die Rebellen wurden vernichtend geschlagen. Yorimasa, der durch einen Pfeil verletzt worden war, beging, auf seinem Fächer sitzend, im nahegelegenen Tempel Byôdô-in rituellen Selbstmord.25
Erneut triumphierte Taira-no-Kiyomori, und er begann, an seine Unbesiegbarkeit zu glauben. »Wer kein Taira ist, besitzt kein menschliches Antlitz«, verkündete der von Ruhm und Macht Trunkene. Es schien, daß er das Land fest im Griff hatte. Ein sehr wirksames Instrument seiner Schreckensherrschaft war eine aus etwa 300 jugendlichen weiblichen Pagen, den kamuro, bestehende Einheit. Die kamuro trugen rote Uniformen, und ihre Aufgabe bestand im Spionieren und Denunzieren. Jeder, der durch sie des kleinsten Zeichens des Ungehorsams oder der Unzufriedenheit gegenüber dem allmächtigen Herrschaftsklan überführt wurde, wurde unverzüglich verhaftet.
Kiyomori überließ Tokiwa Gozen schließlich seinem Schatzmeister, Fujiwara-no-Naganari, welcher sie heiratete. Von da an verlief das Leben der Dame Tokiwa sehr traurig, denn sie mußte mit ansehen, wie die drei bei ihr verbliebenen Söhne Yoshitomos einer nach dem anderen in ein Kloster geschickt wurden. Dies geschah auf Befehl Kiyomoris, der damit der Gefahr der Blutrache vorbeugen wollte. Ihr jüngster Sohn, Ushiwaka, wurde im Alter von sieben Jahren ins Kloster Kurama-dera geschickt. Zu jener Zeit ahnte er noch nichts von seiner wahren Herkunft, er hielt sich für einen leiblichen Sohn Naganaris.
Während seiner Novizenschaft in der Obhut der Mönche des wilden Kurama-Gebirges galt er zunächst als verschlossener Einzelgänger. Doch eines Tages offenbarte ihm ein alter Mönch, daß er der neunte und letzte Sohn des Minamoto-no-Yoshitomo sei und daß es seine Pflicht sei, dessen Andenken zu rächen. Der junge Ushiwaka war von dieser Enthüllung überwältigt, und unter Tränen schwor er Rache für das vergossene Blut der Minamoto, das Blut der Seinen. Sein wahres Wesen konnte sich nun frei entfalten. Er war von unabhängiger, unzähmbarer Natur, und die klösterliche Disziplin widerstrebte ihm. Es war ihm unmöglich, irgendeine Form von Autorität anzuerkennen. Der Legende nach lehrten niemand anders als die berühmten Tengu26, diese mysteriösen Wesen, die im Gebirge hausten, Ushiwaka bei seinen zahllosen Streifzügen durch die Wälder die Kunst des Umgangs mit dem Schwert sowie die Kunst des Kampfes mit bloßer Hand und mit dem eisernen Fächer (tessen).
Von der Gewißheit getrieben, dem Ruf seines Schicksals folgen zu müssen, verließ Ushiwaka um das Jahr 1174 Kurama-dera und begab sich nach Norden. Wenig ist wirklich bekannt aus diesem Lebensabschnitt des künftigen Yoshitsune, doch dieser Mangel an Wissen erwies sich als reicher Nährboden für Legenden. Bis zum Jahr 1180, in dem es ihm gelang, sich mit Yoritomo zu verbünden und von dem an sein Leben Gegenstand der Geschichtsschreibung ist, sind nur Hypothesen möglich über das, was sich ereignet haben mag. Es ist schwer vorstellbar, daß der halbwüchsige Ushiwaka sich ganz allein auf einen so langen und gefährlichen Weg bis zur nördlichen Spitze der Insel Honshû gemacht hat. Man sagt, daß Kichiji, ein Goldhändler, der von der wahren Identität Ushiwakas erfahren hatte, eines Tages nach Kurama-dera kam und dem Jungen anbot, ihn heimlich nach Hiraizumi, der Hauptstadt der Provinz von Mutsu (Ôshû) zu bringen, bis zu welcher der Einfluß der Taira nicht reichte. Es heißt auch, daß das Angebot des Händlers nicht ganz uneigennützig gewesen sein soll und er sich davon eines Tages großen Vorteil erhoffte.

Yoshitsune bei den Tengu. Zwei Holzschnitte eines Triptychons von Utagawa Kunisada.
Hiraizumi konnte es an Reichtum und Eleganz mit Kyôto aufnehmen. Der dort lebende Herrscher war Fujiwara-no-Hidehira, der auf der Seite der Minamoto stand. Hier würde Ushiwaka in Sicherheit sein. Es wird auch berichtet, Ushiwaka habe auf seinem Weg dorthin in Owari (Nagoya) Rast gemacht, um den Tempel von Atsuta-jingû zu besuchen, wo er aus dem Munde des Tempelvorstehers von der Existenz seines älteren Halbbruders Yoritomo erfahren haben soll. Jener Tempelvorsteher soll es auch gewesen sein, der ihn beschwor, Yoritomo aufzusuchen und sich mit ihm zu vereinen, damit die Brüder den Klan der Minamoto um sich scharen könnten. Es könnte auch in jener Nacht gewesen sein – oder aber, anderen Berichten zufolge, ein Jahr später in Mutsu –, daß Ushiwaka zur gempuku-Zeremonie27 zugelassen wurde und dabei seinen Männernamen, Yoshitsune, erhielt, unter dem er berühmt werden sollte. Auch soll es während dieser Reise gewesen sein, daß er sich auf recht ungewöhnliche Weise mit dem Werk »Die Kunst des Krieges« vertraut gemacht hat. Um Zugang zu dem seltenen Werk des chinesischen Strategen Sun Tsu28 zu erhalten, das sich im Besitz eines Taira-Herren befand, verführte er dessen Tochter und besuchte sie während 16 aufeinanderfolgenden Nächten. Dabei soll er auch die Zeit gefunden haben, das berühmte Traktat zu studieren.
Benkei, ein Gefährte fürs Leben
Einst reiste der junge Yoshitsune auch durch Kyôto, wo er Benkei29 kennenlernte. Benkei, dessen Name untrennbar mit dem Yoshitsunes verbunden ist, ist eine weitere legendäre Persönlichkeit der japanischen Mythologie. Er soll der Sohn eines Bonzen30 aus dem Tempel von Kumano in der Provinz von Kii gewesen sein, es heißt aber auch, er sei ihn Wahrheit der Sohn eines Tengu, dem seine Mutter auf einem Waldweg begegnet ist. Nicht weniger als drei Jahre soll die Schwangerschaft seiner Mutter gedauert haben, und als er schließlich zur Welt kam, soll er schon lange Haare und all seine Zähne gehabt haben. Aufgewachsen ist er im Tempel Enryaku-ji, dessen Hütern er anvertraut worden war. Man verlieh ihm dort aufgrund seiner spontanen und gefährlichen Streiche den Spitznamen »Dämonenkind« (oniwaka-maru). Als er Bonze wurde, nahm er den Namen Musashibô an. Aber mit einer Körpergröße von acht Fuß31 war er ein höchst ungewöhnlicher Mönch, und er hatte zudem den Ruf, die Kraft von Dutzenden Männern zu haben.
Es gibt in Japan noch heute Gegenstände, die mit seiner Person in Beziehung stehen, wie z. B. einen Kessel und eine Glocke, die im Tempel von Mii-dera aufbewahrt werden. Hiermit hat es folgende Bewandtnis. Benkei hatte den Tempel Enryaku-ji verlassen, da er ein zurückgezogenes Leben in einer kleinen Einsiedelei anstrebte. Eines Tages befiel ihn jedoch der unwiderstehliche Drang, den seiner Ansicht nach allzu trübseligen Mönchen von Mii-dera einen Streich zu spielen. Er begab sich dorthin, und man gewährte ihm das Gastrecht. Eines Nachts zerschnitt er den Strick, an dem die Bronzeglocke hing, deren klarer Klang im ganzen Land bekannt war. Er lud sich die außerordentlich schwere Glocke auf die Schultern und trug sie ins Gebirge. Dort wollte er die Gemeinschaft von Mii-dera im Morgengrauen damit überraschen, daß er die gestohlene Glocke zum Klingen brachte. Er stellte sie zu Boden und schlug mit einem jungen Baum, den er ausgerissen hatte, gegen sie. Der Klang war natürlich kläglich. Benkei geriet darüber in Zorn und stieß die Glocke mit dem Fuß, so daß sie unter großem Getöse zu Tale rollte. Die empörten Mönche verlangten von Benkei, daß er die Glocke zurückbrachte und wieder dort aufhing, wo sie hingehörte. Für einen Kessel voll Bohnen war Benkei denn auch gern bereit, dies zu tun.
Später befand sich dieser furchterregende Kriegermönch (Yamabushi) in Kyôto. Seine Beschäftigung bestand darin, jedem, der die Gojo-Brücke passieren wollte, das Schwert abzunehmen. Er hatte den Schwur geleistet, mit dem Erlös aus dem Verkauf von tausend auf diese Weise entwendeten Schwertern einen Tempel wiederaufzubauen. Die Legende erzählt, daß eines Nachts die Zeit gekommen war, daß er das tausendste Schwert erwartete. Er trug eine schwarze Rüstung, die seine stahlharten Muskeln bedeckte und hielt eine naginata32 in der Hand. Der riesenhafte, breitgebaute Mann versperrte den Durchgang wie eine feste Mauer. Er spähte mit furchteinflößendem Blick unter seinen dichten Augenbrauen hervor in die Finsternis. Plötzlich vernahm er den zarten Klang einer Flöte und sah, wie sich ihm die grazile Silhouette eines Jungen näherte. Der Junge war in einen recht unförmigen Umhang gehüllt, und er schlenderte unbekümmert vor sich hin. Benkei hatte jedoch nur Augen für das wundervolle Schwert, das aus dem Umhang des Reisenden hervorragte und dessen lackierte Scheide im Mondschein schimmerte. »Das ist genau das, was ich brauche, um meine Sammlung zu vollenden«, murmelte er vor sich hin. Er machte einen gewaltigen Satz, senkte die Hellebarde und rief: »Bürschchen, gib mir dein katana, und ich lasse dich deines Weges ziehen!«
Yoshitsune, der noch nicht einmal zu ihm aufgeblickt hatte, beendete sein Flötenspiel und richtete schließlich den Blick auf die riesenhafte Gestalt, die im Mondschein vor ihm aufragte. »Ach, Ihr seid es, der Schwertdieb. – Ihr müßt verrückt sein, wenn Ihr glaubt, daß ich Euch mein katana aushändige. Ihr solltet lieber schlafen gehen«, antwortete er mit sanfter Stimme.
Benkei stand vor Verblüffung der Mund offen. »Was für ein dummes und überhebliches Bürschchen!« dachte er. Wütend darüber, daß seine Bedrohung nicht ernst genommen wurde, wirbelte Benkei seine Hellebarde einmal herum und stieß sie nach vorn. Zu seinem größten Erstaunen vollbrachte es der Jungen, dem Stoß auszuweichen, hinter seinen Rücken zu gelangen und ihm einige Male mit dem tessen33 auf den Rücken zu schlagen. Immer wieder versuchte Benkei, Yoshitsune zu treffen, aber dieser hielt ihn regelrecht zum Narren. Man sagt sogar, daß selbst die Tengu erfolglos versuchten, ihm in dieser Nacht zu helfen, damit er zu seinem tausendsten Schwert gelangte.
Doch schließlich stieß Benkei versehentlich seine naginata so tief in das Holz eines Brückenpfeilers, daß sie steckenblieb. Halb besinnungslos vor Zorn versuchte Benkei, die Waffe zu befreien, als plötzlich der Jüngling seinen Umhang abwarf. Er war in eine rote Rüstung gekleidet. »Es reicht«, sagte Yoshitsune und zog das Schwert. »Ihr benötigt offenbar wirklich eine Lektion.«
Der Kampf war schnell und kurz. Der Riese sank verwundet auf die Knie, verblüfft über solch eine unglaubliche Geschicklichkeit in der Kunst des Kämpfens, und erwartete den Gnadenstoß. »Ich bitte nur um eines«, keuchte er, »sagt mir Euren Namen, junger Herr!«
»Ich bin Minamoto-no-Yoshitsune«, erwiderte der Jüngling und reichte ihm die Hand. »Eure Wunde muß behandelt werden«, fügte er hinzu.
»Nun, Minamoto-no-Yoshitsune, lasset mich den Rest meiner Tage an Eurer Seite verbringen!« rief Benkei, indem er sich rückhaltlos vor seinem Besieger zu Boden warf. Und so geschah es. Von diesem Tage an war Benkei der Schatten Yoshitsunes. Bis zu seinem letzten Tag sollte er seinen Meister aufrichtig bewundern und ihm grenzenlos ergeben bleiben.
Tatsächlich gibt es über diese Zeit auch eine Legende, nach welcher Yoshitsune einen Wegelagerer namens Ise-no-Saburô auf ähnliche Weise »bekehrte«. Doch dieser spielt in der weiteren Lebensgeschichte Yoshitsunes keine Rolle.
Tödliche Eifersucht
Sobald Yoshitsune in Hiraizumi anlangte, stand er unter dem Schutz des örtlichen Machthabers Hidehira. Er blieb hier fünf Jahre und vervollkommnete seine militärische Ausbildung bei ausgezeichneten Kriegern.
Unterdessen führte Yoritomo, der noch immer nichts von der Existenz seines jüngeren Halbbruders wußte, erzwungenermaßen eine seßhafte Lebensweise, denn er stand nach wie vor unter ständiger Bewachung. Es war ihm jedoch gelungen, seine Bewacher durch seine Intelligenz und sein Gespür für Politik für sich einzunehmen. Insgeheim schmiedete er bereits Pläne für die Restauration der Minamoto. Doch wie hätten die Spione der Taira ahnen sollen, daß sich hinter seiner offenkundigen Oberflächlichkeit, die sich in seinem Kleidungsstil, seiner Lebensweise und seinen Worten ausdrückte, irgendein Wille zur Rache verbergen könnte? Yoritomo führte sie alle hinters Licht, und Kiyomori glaubte, ruhig schlafen zu können in Kyôto. Aber unter der Asche schwelte die Glut.
Schon bald gab Yoritomo zum ersten Mal seine Zurückhaltung auf. Er wollte die Tochter eines Aristokraten ehelichen, und dies sollte sein erster Schritt auf dem Weg zur Macht werden. Dazu hatte er die junge und schöne Masako auserkoren, die älteste Tochter der Familie Hôjô, die im Gebiet zwischen Izu und Sagami herrschte. Er beschloß, sie zu entführen, und zu diesem Zweck schlich er sich eines Nachts in den Palast der Hôjô. Ein Wächter überraschte ihn und wagte ihn zu fragen, wer er sei. Dem Unglücklichen blieb kaum die Zeit, die Antwort, die »Minamoto!« lautete, zu verstehen, denn kaum, daß der Name gefallen war, fiel auch schon das abgetrennte Haupt des Wächters. Yoritomo gelang es, Masako zu ehelichen, und damit war er plötzlich zum Herren über ein Lehen und sogar über eine kleine militärische Einheit geworden. Der Wiederaufstieg des Klans der Minamoto hatte begonnen.
1181, zwanzig Jahre nach der Ermordung Yoshitomos, starb Taira-no-Kiyomori eines natürlichen Todes. Im selben Jahr begannen Entwicklungen großer Tragweite. Es begann der Aufstand des Klans der Minamoto. Erneut sollten deren weiße Feldzeichen und die roten Standarten der Taira in der Schlacht aufeinanderstoßen. Drei mächtige Armeen standen einander gegenüber: Die Armee der Taira unter Taira-no-Koremori34, die in Kyôto stationiert war, die Streitmacht der Minamoto unter Yoritomo in Kamakura, und die der Minamoto unter dem Befehl seines Cousins Yoshinaka, die in der Provinz Shinano lagerte. Yoshinaka wurde durch seinen Onkel Yukiie unterstützt, der als erster Feindseligkeiten gegen die Taira vom Zaun gebrochen hatte, aber zunächst eine schwere Niederlage erlitten hatte.
Im Mai 1183 näherte sich Yoshinaka schließlich mit einer großen Streitmacht Kyôto, wo infolge einer Reihe von Mißernten Seuchen und Hunger wüteten. Der junge Taira Koremori, ein Enkel Kiyomoris, versuchte, mit einer gewaltigen Armee aus 100 000 Männern den Weg zur Hauptstadt zu versperren. Doch die Führung seiner Armee war desorganisiert, und die Truppen standen in einem bereits verwüsteten Land, dessen Bevölkerung ihnen nach der langen Schreckensherrschaft nichts als Haß entgegenbrachte. All dies bremste den Marsch der Truppen Koremoris gegen das Heer Yoshinakas. Eine Woche, nachdem sie die Hauptstadt verlassen hatten, traf die Vorhut der Taira auf die Streitkräfte der Minamoto. Die entscheidende Schlacht fand in der Nähe des Berges Tonami statt, in der Provinz Etchû.
Am 1. Juni 1183, dem Vorabend der Schlacht, schlugen die Taira-Truppen ihr Lager nahe dem Kurikara-dani-Paß auf, in einem Gebiet namens Tonamiyama. Am darauffolgenden Tag tat Yoshinaka alles, um seine Gegner hinzuhalten. Er ließ seine Truppen jeder ernsthaften Auseinandersetzung aus dem Wege gehen und gab seinen Samurai Anweisung, sich nur in kleineren Gruppen in Scharmützel verwickeln zu lassen. Auf diese Weise erreichte er, daß der Tag ohne Entscheidung verstrich. Mit Anbruch der Nacht zogen sich die Taira in ihr Lager zurück. Hier jedoch wurden sie von einer Kriegslist Yoshinakas überrascht. Dieser hatte heimlich eine Rinderherde hinter das gegnerische Lager treiben lassen. Die Hörner der Tiere waren mit Strohbündeln umwickelt. Das Stroh wurde in Brand gesetzt und die Herde, Hunderte Rinder, kopflos vor Angst, wurde mit Schreien, Trommelwirbel und den schrillen Klängen der Kriegstrompeten ins Lager der schlafenden Taira getrieben. Panik griff um sich. Zehntausende Taira suchten das Heil in der Flucht in Richtung des Kurikara-Tals. Zu spät begriffen sie, daß sie in eine enge Schlucht getrieben worden waren, die in einen Abgrund mündete. Durch die nachdrängenden Menschen und die Rinder, die ihnen noch immer auf den Fersen waren, stürzten Unzählige hinab in die Tiefe. 60 000 Taira verloren auf diese Weise ihr Leben. Die Bergbäche mischten sich mit Strömen von Blut, und die Leichen bildeten einen Hügel. Sie wurden später unten im Tale verbrannt. Man sagt, daß man noch heute in diesem Tal Überreste von Pfeilen und Schwertern finden kann.
Tonamiyama wurde zum Grab für die Blüte der Taira-Kavallerie. Die Überlebenden zogen sich im Eilmarsch in Richtung der Hauptstadt zurück, wo sich mit der Nachricht von der verheerenden Niederlage Panik ausbreitete. Man versuchte dennoch, die Hauptstadt zu halten, aber allein der Anblick der weißen Banner der anrückenden Minamoto trieb die Taira dazu, ihre Truppen abzuziehen. Den jungen Kaiser Antoku und die Kronjuwelen nahmen sie mit sich. Der frühere Kaiser Go-Shirakawa hingegen eilte zu einem Treffen mit Yoshinaka und schloß sich diesem bei seinem Marsch auf die Hauptstadt an. Dies ermöglichte ihm einen triumphalen Wiedereinzug in Kyôto in Begleitung von Yoshinaka und Yukiie.
Somit waren die Minamoto wieder in Besitz der Hauptstadt. Zumindest galt dies für Minamoto Yoshinaka. Tatsächlich war Yoritomo über den grandiosen Erfolg seines Cousins in hohem Maße verärgert und eifersüchtig, denn er sah sich selbst in der Rolle des tatsächlichen Anführers des Aufstands. Er mußte also schnell handeln, um nicht ins Hintertreffen zu geraten. Dabei sollte ihm sein Halbbruder Yoshitsune helfen, den er kurz zuvor endlich kennengelernt hatte. Kaum, daß Yoshitsune davon gehört hatte, daß sein Bruder im Begriff stand, eine Minamoto-Streitmacht aufzustellen, war er zu ihm geeilt, begleitet von 2 000 Reitern aus seiner Wahlheimat Mutsu. Die erste Begegnung der Halbgeschwister hatte in der Provinz Suruga, nahe dem Fluß Kise, stattgefunden. Yoshitsune wünschte nichts weiter, als Yoritomo, den er zutiefst bewunderte, dienen zu dürfen.
Yoritomo betraute Yoshitsune unverzüglich mit seiner ersten Mission: Er sollte um jeden Preis seinen Cousin Yoshinaka dazu bringen, innezuhalten und seinen Ehrgeiz zu zügeln. Tatsächlich hatte sich Yoshinaka schon bald nach seinem Einzug in Kyôto sehr unbeliebt gemacht. Die Zivilbevölkerung hatte die Minamoto zunächst als Befreier betrachtet, mußte aber ihre Erwartungen rasch zurückstecken. Die Truppen Yoshinakas und Yukiies verhielten sich wie Besatzer auf erobertem Gebiet. Sie suchten die leidgeprüfte Stadt mit Plünderungen heim und mißbrauchten ihre Macht aufs ärgste. Yoshinaka unternahm nichts, um ihrem Treiben Einhalt zu gebieten und die Ordnung wiederherzustellen. Das mag daran gelegen haben, daß ihn andere Sorgen quälten. Benommen von seinem Erfolg, hatte er Go-Shirakawa unter Hausarrest gestellt. Damit wollte er erreichen, daß dieser die Maßnahmen, die er selbst für die Verwaltung der Stadt durchsetzen wollte, sanktionierte und ihnen durch sein kaiserliches Ansehen Gewicht verlieh. Doch es blieb ihm wenig Zeit, seine Vorhaben zu verwirklichen. Im Februar 1184 wurde ihm zugetragen, daß eine große Armee unter Führung von Yoshitsune auf die Stadt zumarschierte.
Nachdem alle Verhandlungen erfolglos geblieben waren, befahl Yoshinaka, der selbst in Kyôto blieb, zwei seiner besten Generäle, die Truppen Yoshitsunes am Fluß Uji, der zwischen Kyôto und Nara lag, so lange wie möglich aufzuhalten. Sein Plan bestand darin, hierfür dieselbe Brücke, an der schon vier Jahre zuvor Minamoto Yorimasa versucht hatte, dem Ansturm der Taira standzuhalten, zu nutzen. Zu diesem Zweck ließ er den Brückenbelag entfernen und zahlreiche Pfähle mit Hilfe von Seilen fest im Flußbett verankern. Doch Yoshitsunes Kavallerie gelang es, den durch die Schneeschmelze angeschwollenen Fluß in einem Schwung zu durchqueren. Sie schlossen sich mit den Truppen von Minamoto Noriyori, einem weiteren Bruder Yoshitsunes, zusammen, die den Fluß bei Seta überquert hatten.
Der Armee Yoshinakas blieb keine andere Wahl, als sich nach Kyôto zurückzuziehen. Noch einmal versuchte Yoshinaka, durch einen Gegenangriff das Kriegsglück zu wenden. Doch trotz der Tapferkeit seiner Samurai und nicht zuletzt auch der seiner Gefährtin Tomoe Gozen, die eine furchteinflößende Kriegerin war, scheiterte er. Einer seiner engsten Waffengefährten, Imai Kanehira, ein Bruder Tomoes, bot ihm an, ihm lange genug den Rücken freizuhalten, damit er entsprechend den Regeln seppuku begehen konnte. Aber Yoshinaka blieb selbst diese letzte Genugtuung versagt, die jeder Samurai sich wünschte, wenn es galt, aus dem Leben zu scheiden. Sein Pferd glitt auf einer gefrorenen Pfütze aus. Er verlor im Sattel das Gleichgewicht, und in eben diesem verhängnisvollen Moment durchbohrte ein Pfeil den Hals des Mannes, dem es gelungen war, die mächtigen Taira zu besiegen. Zwei gegnerische Samurai stürzten sich unverzüglich auf ihn, um ihn zu enthaupten. Als er sah, daß sein Plan, seinem Herren die Möglichkeit zu schenken, auf ehrenvolle Weise aus dem Leben zu scheiden, vereitelt worden war, beging Imai Kanehira auf spektakuläre Weise Selbstmord. Nachdem er den beiden Samurai einen letzten Fluch entgegengeschleudert hatte, nahm er die Spitze seines Schwertes in den Mund und stürzte sich mit dem Kopf voran vom Pferd. Tomoe Gozen wurde gefangengenommen. Später wurde sie begnadigt. Sie entsagte der Welt und zog sich in ein Kloster zurück, um Priesterin zu werden.
Der Gempei-Krieg trat in seine letzte Phase. Damit brach die große Zeit des Minamoto-no-Yoshitsune an.
Die Schlacht von Ichi-no-Tani
Nachdem Yoshitsune Kyôto eingenommen hatte, empfing ihn Go-Shirakawa und beherbergte ihn im kaiserlichen Palast. Doch er blieb nur wenige Tage in der Hauptstadt. Yoritomo beauftragte ihn, die verbliebenen Taira-Truppen aus ihren zahlreichen befestigten Schlupfwinkeln an der Küste der Inlandsee zu vertreiben. Diese Festungen galten als uneinnehmbar, und die Taira waren zudem hervorragende Seefahrer. Wer anders als der ungestüme Yoshitsune hätte mit solch einer schwierigen Aufgabe betraut werden sollen?
Die erste Schlacht fand bei Ichi-no-Tani statt, einer von den Taira errichteten Verschanzung, die sich auf einem schmalen Küstenstreifen unterhalb einer schroffen Felswand befand. Nach Süden hin, zum Meer, war das Lager der Taira weit offen. Hier ankerte ihre Flotte. Die Felswand im Norden hinauf führte ein in Serpentinen verlaufender Pfad, der so steil war, daß selbst die behenden Affen ihn mieden. Die üblichen Belagerungsmethoden konnten für diese Seefestung somit nicht angewendet werden.
Yoshitsune befahl seinem Bruder Noriyori, den Gegner aus Richtung Osten kommend an der Küste anzugreifen. Er selbst begab sich in weitem Bogen mit seinen Kriegern auf dem Landweg nach Westen, um so die Festung der Taira in die Zange zu nehmen. Siebentausend seiner Leute setzten den Marsch fort, während Yoshitsune das direkte Kommando über dreitausend von ihnen übernahm, mit denen er den Angriff auf Ichi-no-Tani von hinten, also von Norden aus, wagen wollte. Mitten in der Nacht begab er sich mit diesen in die Berge, weit hinter das Angriffsziel. Eile war geboten, denn der konzertierte Angriff sollte zu Tagesanbruch stattfinden. Im Fackelschein wanderten sie durchs Gebirge, und schließlich standen sie oben auf der Felswand und blickten hinab auf das Lager der schlafenden Taira. Sobald der erste Sonnenstrahl am Horizont sichtbar wurde, drang Kriegsgeschrei aus dem Wald von Ikuta. Noriyori hatte seinen Angriff aus dem Osten begonnen. Yoshitsune beschloß, seinen aberwitzigen Plan in die Tat umzusetzen. Er ließ zwei reiterlose Pferde auf den Pfad, der am Hiyodori-Paß begann, treiben und beobachtete ihren langsamen Abstieg. Als die Tiere unten angelangt waren, gab er den zweihundert besten unter seinen Reitern den Befehl, ihnen zu folgen. Zum Erstaunen seiner Leute wagte er selbst als erster den Weg in den Abgrund, gefolgt vom treuen Benkei. Sein kleiner, sorgfältig ausgewählter Samuraitrupp folgte ihm unverzüglich. Sie ritten so dicht hintereinander, daß immer wieder Geräusche von aufeinandertreffenden Rüstungen und Waffen zu vernehmen waren. Als sie den halben Abstieg hinter sich gebracht hatten, trieben die Samurai, ermutigt durch die Entschlossenheit ihres Anführers, ihre Pferde an und begannen Kampfschreie auszustoßen. Im Lager der Taira, die sich von drei Seiten angegriffen sahen, brach heillose Panik aus. Die waghalsigen Männer Yoshitsunes legten, sobald sie das Lager erreicht hatten, Feuer. Angefacht durch einen kräftigen Westwind breitete es sich rasch in Richtung Meeresküste aus, so daß die Taira fürchteten, daß die Flammen auf ihre Flotte übergreifen könnten. In vollkommener Auflösung flohen die Überlebenden der Schlacht zu ihren Schiffen, um dort Schutz zu suchen. Ihre Stellung auf dem Festland war verloren.
Viele Samuraigeschichten haben ihren Ursprung in dieser Schlacht. Die ergreifendste davon ist jene über den Tod des jungen Samurai Taira-no-Atsumori. Im Lager der Taira herrschte bereits Panik. Wiehernd und in wildem Galopp versuchten die vor Angst kopflosen Pferde, mit oder ohne Reiter, dem Schlachtenlärm, dem Rauch und dem Feuer in Richtung des Meeres zu entkommen. Die letzten Verteidiger von Ichi-no-Tani zerstreuten sich gleich Spinnenkindern, deren schützender Kokon zerrissen war. Kumagai-no-Naozane, ein Yoshitsune nahestehender Samurai, zügelte sein Pferd und musterte die Szenerie mit ruhigem Blick. Er hatte in der Schlacht bereits viele Gegner mit dem Schwert erschlagen, und das sashimono35 mit dem mon36 der Minamoto, das der Wind flatternd gegen seinen Rücken schlug, war blutgetränkt. In leichtem Trab ritt er mit seinem Fuchs den Strand entlang, in der Hoffnung, den Tag mit einem wertvollen Fang beschließen zu können. Da erblickte er einen gegnerischen Reiter, dessen Ausrüstung schön gearbeitet war. Kein Zweifel, es mußte sich um einen Anführer der Taira handeln. Dieser hatte sein Schlachtroß bereits ins Wasser getrieben, um mit ihm eines der in der Bucht ankernden Schiffe zu erreichen. Kumagai galoppierte unverzüglich in seine Richtung. Sobald er in Rufweite des Flüchtenden gekommen war, rief er: »He, du da unten! Komm zurück, wenn du kein Feigling bist! Wage es, um dein Leben zu kämpfen!«
Der Taira-Reiter wendete unverzüglich sein Pferd und kam zum Ufer zurück. Wie er aus den Wogen auftauchte, zeigte sich eine schlanke Silhouette, gehüllt in eine violette Rüstung, die mit schwarzem Leder geschnürt war und in der sich Lichtreflexe spiegelten. Auf seinem Rücken, hinter dem Helm mit dem roten Pfeilschutz, der auf seine Schultern fiel, trug er einen Bogen und Pfeile mit schwarzen Federn. Zweifelsohne ein Glücksgriff, sagte sich Kumagai. Dennoch, als er den langsam näherkommenden Gegner genauer musterte, beschlich ihn ein ungutes Gefühl, dessen Ursache ihm unklar war. Als der Reiter das Festland erreicht hatte, sprang er von seinem Pferd, legte seinen Köcher ab und zog sein Schwert. Auch Kumagai ließ sich rasch aus dem Sattel gleiten und kreuzte unverzüglich mit dem Gegner die Klinge. Schließlich rollten sie aneinandergeklammert im Sand, wobei Kumagai schnell die Oberhand gewann. Sein Gegner lag reglos unter seinem schweren Körper, und Kumagai nahm ihm den Helm ab, um ihm den Kopf abzutrennen. Unverhofft blickte er in das ruhige Antlitz eines Jünglings von 16 Jahren. Er dachte an seinen eigenen Sohn, der das gleiche Alter hatte und auch an der Schlacht teilgenommen hatte. »Dein Name«, sagte er, »nenn mir deinen Namen, und ich verschone dich.«
»Das spielt keine Rolle. Aber wisse, daß ich kein unwürdiger Gegner für dich bin. Nimm meinen Kopf und zeige ihn den Minamoto. Es wird welche geben, die mich erkennen werden.«
Verwirrt zögerte Kumagai. Doch um sie herum wimmelte es von Minamoto-Rittern, und wenn er den jungen Taira nicht tötete, würde es einer von ihnen tun. Er faßte einen Entschluß. »Wenn du schon sterben mußt, so soll es von meiner Hand geschehen. Ich werde dafür sorgen, daß für dich gebetet wird, damit du mit einem besseren Karma wiedergeboren wirst.«
»Dann laß es geschehen.«
Ein trüber Schleier legte sich für einen Moment vor die Augen Kumagais, als er sein Schwert mit zitternder Hand hob. Er mußte all die Selbstbeherrschung eines alten Kriegers aufbringen, um sich zu zwingen, die Klinge auf das Genick des Jünglings herabfallen zu lassen. Dieser starb, ohne auch nur die leiseste Geste zu seiner Verteidigung gemacht zu haben.
Als er das abgetrennte Haupt in ein Stück Tuch wickelte, entdeckte er eine Flöte, die im Gürtel des Enthaupteten steckte. Und Kumagai brach in Tränen aus. Dieser Jüngling war es also gewesen, der in der Nacht vor der Schlacht auf so wunderbare Weise Flöte gespielt hatte. Er erinnerte sich an die leichten Töne, die aus dem schlafenden Lager aufgestiegen waren und die ihn einen Moment lang in Träumerei versetzt hatten. Kumagai Naozane verfluchte sich dafür, den Jüngling herausgefordert zu haben, wo er doch bereits auf dem besten Wege gewesen war, das rettende Schiff zu erreichen.
Es war niemand anders als Yoshitsune, der ihm den Namen seines jungen Opfers nennen konnte. »Das ist Atsumori, ein Enkel von Taira Tadamori.« Und gedankenverloren streichelte Yoshitsune die Flöte, von der er wußte, daß sie direkt vom ehemaligen Kaiser Toba stammte, und er erinnerte sich an seine eigene Kindheit auf dem Berg Kurama.
Von diesem Tag an war Kumagai Naozane ein anderer Mensch. Er trug Trauerkleidung für Taira Atsumori. Schließlich wurde er unter dem Namen Rensho Mönch, um den Weg des Friedens zu suchen.
Die Schlacht von Ichi-no-Tani endete für die Taira in einem Desaster. Einer der Söhne von Kiyomori, Taira Tomomori, derselbe, der 1180 in der Schlacht am Fluß Uji über Minamoto Yorimasa den Sieg errungen hatte, war der Oberbefehlshaber der Stellung gewesen. Seine Bogenschützen hatten so lange wie möglich dem direkten Angriff der Truppen von Noriyori standgehalten, mußten sich aber schließlich auch auf die Schiffe zurückziehen. Tomomori war der letzte der Taira, der das Festland verließ. Es gelang ihm nicht, sein Pferd mit aufs Schiff zu nehmen. Aber anstatt den prächtigen Hengst zu töten, damit er dem Feind nicht in die Hände fiele, ließ er ihn zum Strand zurückkehren. Die Minamoto brachten das Tier in die kaiserlichen Pferdeställe, denn es war ein Schlachtroß von hohem Wert.
Der Überfall auf Yashima
Die überlebenden Taira flohen auf die Insel Shikoku. Den Kindkaiser Antoku nahmen sie mit sich. Dies war für die siegreichen Minamoto der einzige Makel der Schlacht von Ichi-no-Tani, aber in den Augen Yoritomos war dies eher nebensächlich. Zunächst ließ er den Feldzug unterbrechen, um die Kräfte seiner Truppen wiederherzustellen. Außerdem trachtete er danach, die für seinen Geschmack allzu brillant begonnene Laufbahn seines Halbbruders so schnell wie möglich enden zu lassen. Er mißgönnte ihm seinen Erfolg.
Yoshitsune hatte bei Ichi-no-Tani bemerkenswertes taktisches Gespür, Kühnheit und ausgeprägtes Entscheidungsvermögen an den Tag gelegt. Er war ein kalkuliertes Wagnis eingegangen und hatte gewonnen. Sein Wagemut gefiel aber nicht allen. Selbst einige seiner Offiziere machten vor Yoritomo keinen Hehl aus ihren Vorbehalten gegenüber Yoshitsune.
Yoritomo war nun das Oberhaupt des wiederhergestellten Klans. Sein Hauptquartier befand sich in Kamakura. Bei aller Eifersucht auf den Erfolg seines jüngeren Bruders konnte er es ihm natürlich nicht zum Vorwurf machen, auf spektakuläre Weise das Lager des Feindes eingenommen zu haben. So zügelte er seinen Groll und beschloß, zunächst einmal nichts gegen die wachsende Popularität Yoshitsunes zu unternehmen, auch wenn diese seinen eigenen Ambitionen zuwiderlief. Man hatte Yoshitsune einen triumphalen Empfang vor den Toren von Kyôto bereitet. Der ehemalige Kaiser Go-Shirakawa verlieh ihm den Titel eines Offiziers der kaiserlichen Polizei, verbunden mit dem Privileg des Zugangs zur Kammer der Höflinge des Kaisers. Das war ganz und gar nicht im Interesse Yoritomos. Dieser wollte seine Macht auf einer neuartigen Hierarchie gründen, deren Titel er allein verlieh. Er fand die Ehre, die der Ex-Kaiser seinem Bruder zuteil werden ließ, übertrieben, und er warf Yoshitsune, der schließlich von geringerer Geburt war als er selbst, vor, die Ehrungen angenommen zu haben, ohne ihn zuvor um seine Meinung dazu gefragt zu haben. Yoshitsune war auf dem besten Wege, zu einer Gefahr für die neue Ordnung, von der Yoritomo träumte, zu werden. In jedem Fall war er ein ernstzunehmender Konkurrent. Denn es war denkbar, daß das Volk und auch die Samurai dem jüngeren Bruder den Vorzug geben könnten, wenn es darum ging, wer die Macht ausüben sollte. Somit war es eher Furcht und nicht, wie häufig behauptet wird, Haß, welche Yoritomos Handlungen gegen den jungen Helden antrieb.
Zunächst beraubte er Yoshitsune der Früchte seines Erfolges im Kampf gegen die Taira, indem er seinen anderen Halbbruder, Noriyori, der sich ihm gegenüber liebedienerischer verhielt, zum Oberbefehlshaber der Minamoto-Truppen ernannte. Zudem nötigte er den darüber verständlicherweise verärgerten Yoshitsune, mehrere Monate lang tatenlos in der Hauptstadt zuzubringen. Doch bereits zu Beginn des darauffolgenden Jahres wurden die Feldzüge gegen die Taira wiederaufgenommen, und erneut gelang es Yoshitsune, sich im Kampf mit Ruhm zu bedecken, während Noriyori mit seinen wenig motivierten Truppen kaum Erfolge vorzuweisen hatte. Doch diesmal hatte Yoritomo dafür gesorgt, daß Kajiwara-no-Kagetoki, einer seiner treuesten Gefolgsleute, sich Yoshitsune anschloß, um ihn zu beobachten und über seine Taten Bericht zu erstatten.
Nach ihrer Niederlage bei Ichi-no-Tani hatten die Taira ihr neues Hauptlager in Yashima, auf der Insel Shikoku, eingerichtet. Zwar waren die Taira auf dem Land besiegt worden, aber auf dem Meer hatten sie ihre Vorherrschaft bewahren können. Sie waren keineswegs gewillt, die Macht aufzugeben, und so hatten sie sogar am Fuße des Yashima-Gebirges einen Palast errichtet, wo der 7jährige Antoku residierte, der trotz seiner jungen Jahre noch immer als offizieller Kaiser galt.
Die Aussicht, mit den Taira auf deren Terrain, dem Meer, konfrontiert zu werden, schreckte die Minamoto-Samurai, die sich vor allem als gute Reiter auszeichneten und deren bevorzugtes Gelände die Berge waren. Nichtsdestotrotz wurde an der Küste von Watanabe, auf der Shikoku gegenüberliegenden Seite der Inlandsee, eine Flottille zusammengestellt. Doch es war keineswegs die Absicht Yoshitsunes, den Taira den Vorteil einer offenen Seeschlacht zu verschaffen. Tatsächlich wollte er erneut aus unverhoffter Richtung über den Feind herfallen, um ihn so der Möglichkeit gut organisierter Verteidigung zu berauben.
Die Vorbereitungen für den Angriff führten zu einem heftigen Streit mit Kajiwara Kagetoki, den von Yoritomo eingesetzten Spion. »Ich denke, daß unsere Schiffe mit Rudern ausgerüstet werden sollten«, sagte Kajiwara.
Yoshitsune erwiderte: »Wozu soll das gut sein?«
»Damit unsere Schiffe auch umkehren können.«
Mit schneidender Stimme sagte Yoshitsune: »Umkehren? An dem Tag, an dem Ihr das Kommando übernehmt, könnt Ihr die Schiffe mit so vielen Rudern ausrüsten, wie Ihr wollt. Aber solange ich die Verantwortung trage, weigere ich mich, irgend etwas zu unternehmen, das auch nur die Möglichkeit eines Rückzugs in sich birgt!«
»Wollt Ihr etwa meinen Sachverstand und meine Loyalität in Frage stellen?« schrie Kajiwara, rot im Gesicht vor Scham und Wut. Es fehlte wenig, und die beiden hätten sich geschlagen.
Am 22. März 1185 waren die Vorbereitungen abgeschlossen, und die Flottille stach in See. Sie näherte sich ihrem Ziel in einem weiten Bogen, südlich an der Insel Awaji vorbei, um auf Shikoku in der Provinz Awa zu landen und Yashima auf diese Weise von hinten erreichen zu können.
Die Taira wiegten sich in jener Nacht in Sicherheit, denn es wütete ein Taifun, der eine Landung unmöglich zu machen schien. Doch die Truppen Yoshitsunes gelangten ohne Schwierigkeiten ans Ufer, schwangen sich sogleich auf ihre Pferde und ritten nach Yashima, wo man die Flotte der Minamoto noch immer in Watanabe wähnte. Gleich einem Tsunami stürmten die Krieger das Lager der Taira. Sie setzten die Küstenanlagen in Brand, aber dennoch war es zuvor zahlreichen Taira gelungen, sich auf ihre Schiffe zu flüchten und den jungen Kaiser und seine Mutter mitzunehmen. Die Flotte der Taira blieb jedoch in unmittelbarer Nähe der Küste, und ihre Bogenschützen beschossen die Minamoto-Krieger, die nun die gesamte Küste eingenommen hatten, mit Pfeilen. Auf diese Weise entspann sich eine ebenso ungewöhnliche wie heftige Schlacht zwischen Seefahrern und Kavallerie.
Unter Ausnutzung der Ebbe näherten sich die Minamoto mit ihren Pferden soweit wie möglich den Schiffen. Bis zur Brust trieben sie die Kampfrosse ins Wasser. Yoshitsune kämpfte an vorderster Front. Als die Schlacht am heftigsten tobte, lenkte Noritsune, der als bester Bogenschütze der Taira galt, sein Schiff in Richtung Küste. Er hatte den jungen Anführer der Minamoto und seinen treuen Begleiter Benkei inmitten ihrer tapferen Krieger ausfindig gemacht und war ihnen sehr nahe gekommen. Unbeeindruckt vom Schlachtengetümmel spannte er seinen Bogen und zielte in aller Seelenruhe auf Yoshitsune. Der Samurai Sato Tsuginobu sah dies und schrie, um Yoshitsune zu warnen, aber es war zu spät. Kurzentschlossen warf er sich mit seinem Körper in die Flugbahn des Pfeils. Er starb auf der Stelle. Yoshitsune trauerte sehr um seinen Lebensretter, der bereits zu der Zeit, als er in der Provinz Mutsu weilte, zu seinen Getreuen gezählt hatte und den er in all den Jahren hoch zu schätzen gelernt hatte.

Der Bogenschütze Nasu Munetaka schießt einen Fächer vom Mast eines Taira-Schiffes. Holzschnitt von Yôshû Chikanobu.
Wenig später, während er in einen Schwertkampf verwickelt war, verlor Yoshitsune seinen Bogen. Obwohl die Taira ihn mit Pfeilen beschossen und Haken nach ihm schleuderten, um ihn zu ihren Schiffen ziehen zu können, suchte er in aller Seelenruhe nach der verlorenen Waffe. Seine Offiziere flehten ihn an, die lebensgefährliche Suche aufzugeben. Doch Yoshitsune hörte nicht auf sie und fand den Bogen endlich im Wasser wieder. Später, nachdem er die Schlacht unversehrt überstanden hatte, erklärte er ihnen lachend den Grund für seine Hartnäckigkeit: »Ja, wäre dieser Bogen einer von der Sorte gewesen, wie ihn mein Onkel Tametomo37 benutzt, dann hätte ich ihn dem Feind bedenkenlos überlassen. Um so einen Bogen zu spannen, braucht man die Kraft von zwei oder drei Männern. Aber mein Bogen ist schwach und von geringer Reichweite. Ich hätte mich in den Augen des Feindes lächerlich gemacht, wenn ihnen eine so gewöhnliche Waffe in die Hände gefallen wäre!«
Eine weitere Episode aus dieser Schlacht wurde bis in unsere Tage überliefert, die Geschichte der unglaublichen Tat des Nasu-no-Yoichi Munetaka. Die Taira hatten an einem am Bug eines ihrer Schlachtschiffe aufgestellten Mast einen roten Fächer angebracht. Dies war zum einen eine Provokation für die Bogenschützen der Minamoto und zum anderen ein geschickter Schachzug, durch den sie veranlaßt wurden, ihre Pfeile zu vergeuden. Tatsächlich hatten die Bogenschützen der Minamoto bald nichts anderes mehr im Auge als den in der Luft flatternden Fächer, auf den eine goldene Sonne gemalt war, und sie wetteiferten darum, ihn zu treffen. Aber der Fächer stellte alles andere als ein leichtes Ziel dar, und die Taira auf ihren Schiffen spotteten über das Ungeschick der Minamoto. Unter diesen befand sich jedoch der 18jährige Samurai Nasu Munetaka, der trotz seiner jungen Jahre ein Meister im Bogenschießen war. Er beschloß, sein Glück zu versuchen, während um ihn herum eine ganze Armee ebenso wütend wie vergeblich versuchte, den provokanten Fächer abzuschießen. Mit großer Sorgfalt legte er einen Pfeil an die Sehne, atmete ein, spannte den Bogen und schoß den Pfeil ab, während er zugleich einen Schrei, der aus seinem tiefsten Innern kam, ausstieß. Einen Augenblick darauf zerfetzte sein Pfeil den Fächer und die Bruchstücke fielen in die Wogen. Es gab großen Beifall für den Meisterschuß, selbst die gegnerischen Bogenschützen auf ihren Schiffen kamen nicht umhin, zu applaudieren. Die Nachkommen Munetakas erhielten das Recht, in ihrem Familienwappen, dem mon, einen Fächer, auf den eine Zielscheibe gezeichnet war, darzustellen.
Als die Sonne sank, war die Schlacht entschieden. Die Flotte der Taira zog sich in den Schutz der weiter östlich gelegenen Shido-Bucht zurück. Die Minamoto verbanden ihre Wunden am Strand von Yashima und wuschen das Salz von ihren vom Meerwasser getränkten Rüstungen, damit diese nicht rosteten.
Einige Tage später nahmen die Taira Kurs auf die Westspitze von Kyûshû, um ihre letzte Zuflucht, Kagoshima, zu erreichen. Damit entfernten sie sich noch weiter von Kyôto, der Hauptstadt, die sie dem Feind hatten überlassen müssen.
Die Seeschlacht von Dan-no-Ura
Yoshitsune ließ den Taira keine Zeit, ihre Kräfte zu sammeln. Er wollte den endgültigen Sieg über den feindlichen Klan, und dies so schnell wie möglich. Die Schlacht von Yashima hatte ihm bedeutende Vorteile gebracht: Etliche Anführer der Taira waren zu ihm übergelaufen. Sie boten ihm an, seine Truppen mit ihren eigenen Schiffen zur Basis von Kagoshima zu bringen. Niemand bezweifelte mehr, daß dort die endgültige Entscheidung im Krieg zwischen den Taira und den Minamoto fallen würde.
Am 25. April 1185 trafen die Flotten der Gegner in den tiefen Gewässern der Meerenge von Dan-no-Ura aufeinander, in der Inlandsee, auf Höhe der Inseln Honshû und Kyûshû. Als Taira Tomomori, der Anführer der Flotte, die in Hikoshima lag, erfuhr, daß die Schiffe der Minamoto sich näherten, ließ er seine eigenen Schiffe unverzüglich in See stechen, um Yoshitsune auf hoher See, dem Terrain, auf dem die Taira Meister waren, begegnen zu können. Doch gegen die 400 Schiffe der Taira zogen nicht weniger als 800 Schiffe der Minamoto, unter denen sich auch zahlreiche Seefahrzeuge abtrünniger Taira befanden. Die Gegner waren zum äußersten entschlossen. Im Morgengrauen begannen die Bogenschützen ihre Arbeit. Zunächst gewannen die Taira die Oberhand, denn sie waren geschickter darin, die Gezeiten und die Strömungen in dieser Meeresgegend zu ihren Gunsten zu nutzen. Um elf Uhr waren die Flotten einander sehr nahe gekommen, und die Bogenschützen der Taira konzentrierten sich, dem Rat Taira Kagekiyos folgend, auf das Schiff, welches das Wappen Yoshitsunes trug. Der riesenhafte Benkei verschoß von dort aus mit einem gewaltigen Bogen seine Pfeile. Fast wäre es den Taira gelungen, Yoshitsune gefangenzunehmen, doch er konnte sich auf ein anderes seiner Schiffe retten, während einer seiner Samurai, Noritsune, ihm den Rücken freihielt. Dieser schleuderte den ersten Taira-Krieger, der das Schiff enterte, ins Meer; zwei weitere packte er und riß sie mit sich in die Fluten, wo sie gemeinsam den Tod fanden.
Mitten im heftigsten Gefecht wechselte der Taira Taguchi Shigeyoshi die Seiten. Er holte die rote Flagge der Taira ein und hißte das weiße Kriegsbanner der Minamoto. Kaum hatte er sich den Minamoto angeschlossen, verriet er Yoshitsune, an Bord welchen Schiffes sich der kindliche Kaiser Antoku befand. Der Angriff der Minamoto konzentrierte sich unverzüglich auf jenes Seefahrzeug. Den Bogenschützen wurde Befehl gegeben, vorrangig auf die Ruderer und die Steuermänner zu zielen.
Taira Tomomori spürte, wie ihm die Kontrolle über die Schlacht entglitt. Er erklärte daraufhin der Witwe Kiyomoris, der Großmutter des kleinen Antoku, daß ihr nur noch der Selbstmord bliebe, damit sie nicht in die Hände des Feindes fiele. Daraufhin nahm die alte Kaiserin das Kind in ihre Arme und begab sich unmittelbar hinter ihre Krieger, die dicht an dicht als letzter Schutzwall am Bordrand standen. Als wäre es das selbstverständlichste von der Welt, ging sie zwischen ihnen hindurch und ließ sich ins Meer fallen. Mit sich nahm sie den jungen Kaiser, der das heilige Schwert Kusanagi38 an sich gepreßt hielt. Bevor die Minamoto begriffen hatten, was geschehen war, waren die beiden schon in den von Blut rotgefärbten Wogen versunken.
Der Selbstmord der Kaiserin löste den größten kollektiven Selbstmord in der Geschichte der Samurai aus. Kenreimon-in, die Mutter des Kaisers Antoku, wollte ihrem Sohn hinterherspringen, aber es gelang, sie an den Haaren festzuhalten. Die Frau des Verräters Shigeyoshi wollte sich ebenfalls in die Fluten stürzen, doch ein Pfeil nagelte einen Ärmel ihres Kimonos an das Holz der Reling. Um sich befreien zu können, legte sie die Schatulle, die sich bei sich trug, zu Boden. Schließlich sprang sie, aber sie vergaß, die Schatulle mitzunehmen, welche den heiligen Spiegel in sich barg, ein anderes Element des kaiserlichen Schatzes, das somit in die Hände der Minamoto fiel. Nun aber gab es kein Halten mehr. Die Taira-Generäle Norimori, Tsunemori, Sukemori, Arimori und viele andere nahmen sich das Leben, indem sie sich an die Anker ihrer Schiffe banden und sich, auf diese Weise beschwert, in die Fluten fallen ließen. Tomomori, der Oberbefehlshaber der Flotte, tötete sich als letzter. Er warf sich zwei schwere Rüstungen über und stürzte sich ins Meer. Auch das Klanoberhaupt Taira Munemori sprang ins Wasser, aber er plante, schwimmend zu entkommen. Jedoch wurde er gemeinsam mit seinem Sohn Kiyomune gefangengenommen und auf dem Weg nach Kyôto, kurz hinter Shinohara, hingerichtet.
Die Minamoto-Krieger hieben mit ihren Schwertern bis in die Nacht hinein mit großem Ungestüm die gegnerischen Truppen nieder. Erst, als die roten Banner der Taira gleich gefallenen Blättern auf dem Wasser schwammen und ihre letzten führerlosen Schiffe an den Klippen der Meeresküste zerschellten, endete das Gemetzel. Man behauptet, daß seit jener Zeit die Panzer der Krabben der Inlandsee menschliche Züge tragen und daß dies die Manifestation der Geister der in jener Schlacht ums Leben gekommenen tapferen Taira-Krieger sei.
Es existieren verschiedenen Versionen über den Ablauf dieses letzten Gefechts zwischen den Taira und den Minamoto. Eine davon betont vor allem Yoshitsunes taktisches Gespür. Er soll beispielsweise die Gezeitenströmung ausgenutzt haben, die ab drei Uhr nachmittags aus Richtung Westen in die Inlandsee Japans gerichtet ist, und mit ihrer Hilfe die Taira in Strömungsrichtung bis zum Einbruch der Nacht verfolgt haben. Die Schiffe der letzteren waren durch Brandpfeile beschädigt. Zudem hatten die Minamoto die Steuermänner besonders intensiv beschossen, so daß die Schiffe in der schwellenden Flut kaum noch manövrierfähig waren und unaufhaltsam gegen die Riffe getrieben wurden. Sicher ist, daß Yoshitsune eine für den Ausgang der Schlacht erstrangige Rolle spielte. Er ließ Yoritomo unverzüglich Nachricht von dem triumphalen Sieg zukommen und sandte den heiligen Spiegel und das kaiserliche Siegel nach Kyôto. Das heilige Schwert hingegen war für immer verloren.
Yoshitsune folgte den Boten auf dem Fuße. Sein Ansehen und seine Beliebtheit überstiegen jedes Maß. So zog er seinem Bruder entgegen, nicht ahnend, daß die Eifersucht diesen bereits in seinen erbittertsten Feind verwandelt hatte. Der Sieg von Dan-no-Ura, der dem Klan der Taira den jähen Untergang gebracht hatte, sollte den Höhepunkt der strahlenden militärischen Laufbahn Yoshitsunes darstellen.
Die lange Treibjagd
Es dauerte nicht lange, und Yoshitsune begriff endlich, daß er sich den Haß seines Halbbruders eingehandelt hatte, denn Yoritomo machte keinen Hehl aus seiner Feindseligkeit ihm gegenüber. Von dieser Erkenntnis zutiefst niedergeschlagen, zog Yoshitsune sich zurück, und sein Kampfgeist und sein Lebenswille erlahmten. Dies wirft ein bezeichnendes Licht auf das empfindsame Wesen dieser starken Kriegerpersönlichkeit.
Der erste, der ihn im Stich ließ, war Go-Shirakawa, der Kaiser im Ruhestand, der ihm zunächst seinen Schutz und seine Anerkennung hatte zukommen lassen, doch nun ohne zu zögern Partei für den politisch geschickteren Yoritomo ergriff. Letzterer war mehr denn je dazu entschlossen, dem ihm lästig gewordenen Halbbruder allen Ruhm wieder zu entreißen. In seinem Palast in Kamakura lauschte er dem gehässigen Bericht des Kajiwara-no-Kagetoki, der glücklich darüber war, sich für die Kränkung, die er durch Yoshitsune am Vorabend der Schlacht von Yashima erlitten hatte, rächen zu können. Schon bald machten Verleumdungen die Runde, deren Ziel es war, die Hochachtung, die die Mehrheit der Minamoto-Krieger Yoshitsune entgegenbrachte, zu erschüttern und ihn letztendlich zugrunde zu richten. Man brachte sogar das Gerücht in Umlauf, daß Yoshitsune plane, sich mit seinem Onkel Yukiie zu verbünden, um Kamakura zu erobern.
Yoshitsune beschloß wenige Wochen nach seiner Rückkehr nach Kyôto, sich persönlich zu Yoritomo zu begeben, um ihm zu berichten, wie die Ereignisse sich tatsächlich zugetragen hatten. Auch wollte er ihm die gefangenen Taira, die noch nicht hingerichtet worden waren, ausliefern. Doch in Koshigoe, unweit von Kamakura, übermittelte ihm ein Bote einen Befehl Yoritomos, der besagte, daß die Truppen und auch die Gefangenen ihren Weg fortsetzen sollten, daß es aber Yoshitsune selbst bis auf Widerruf strengstens untersagt sei, die Stadt zu betreten. Er gehorchte. Als ihm nach und nach die Hintergründe für das Verhalten seines Bruders bewußt wurden, verfaßte er einen langen Brief, in dem er ihm die Aufrichtigkeit seiner Absichten und seine tiefe Ergebenheit ihm gegenüber darlegte. Er erinnerte ihn an die gemeinsamen Blutsbande und appellierte an sein Mitgefühl. Dieses »Schreiben aus Koshigoe« gestattet tiefe Einblicke in die Seele dieses Mannes, der über unerschöpfliche Kräfte zu verfügen schien und der auf dem Schlachtfeld ein rücksichtsloser Kämpfer war. Hinter dieser Fassade zeigte sich ein Mensch von großer Unschuld, der den Ränkespielen seiner Gegner mit großer Naivität begegnete. Sein Brief fand kein Gehör, und er mußte sich nach Kyôto zurückbegeben, ohne von seinem Bruder empfangen worden zu sein. Also zog er sich dorthin zurück und verbrachte seine Zeit auf angenehme Weise, doch zum Müßiggang gezwungen, mit der Frau seines Lebens, Shizuka. Eines Tages wurde ihm ein Befehl Yoritomos überbracht, der ihn zum Gouverneur über die weit entfernte Provinz Iyo auf Shikoku ernannte. Doch dann wurde an seiner Stelle ein Verwalter berufen, so daß Yoshitsune weiter in Kyôto blieb.
Wenig später verlangte Yoritomo, daß Yoshitsune ihm seinen Onkel Yukiie ausliefere. Yoshitsune täuschte eine Krankheit vor, um dem Befehl nicht nachkommen zu müssen. Der Herr von Kamakura war außer sich vor Wut. Er beschloß, sich seines Halbbruders zu entledigen, der in seinen Augen noch immer ein Hindernis auf dem Weg zur absoluten Macht im Lande darstellte. Er entsandte den Kriegermönch Tosabo Shôshûn und mehrere Dutzend Krieger, damit diese Yoshitsune in seinem Haus in Kyôto ermordeten. Der Angriff fand in einer Nacht statt, doch Benkei und sein kleiner Trupp getreuer Anhänger waren schon seit längerem auf der Hut gewesen, und es gelang ihnen, den Angriff abzuwehren und die Häscher Yoritomos zu erschlagen. Nach diesem Mordversuch gab es für Yoshitsune keine Zweifel mehr an den Intentionen seines Halbbruders. Eine Versöhnung war undenkbar geworden, und in Kyôto war er nicht mehr sicher. Gemeinsam mit Yukiie und einigen Samurai beschloß er, in See zu stechen und zu versuchen, Verbündete zu finden. Das überraschte Yoritomo, der sich bereits Gedanken darüber gemacht hatte, was geschehen wäre, hätte Yoshitsune beschlossen, direkt auf Kamakura zu marschieren. Zweifelsohne hätten sich ihm unterwegs zahlreiche Verbündete angeschlossen. Doch obgleich Yoshitsune zutiefst gekränkt war durch das Verhalten seines Bruders, den er doch stets respektiert hatte, lag ihm der Gedanke fern, selbst zu versuchen, die Oberherrschaft über den Klan der Minamoto zu erstreiten.
Seiner Expedition war kein Glück beschieden. Ein Großteil seiner Flottille wurde durch einen Taifun vernichtet. Zwar überlebten er, seine Frau Shizuka und sein Getreuer Benkei, doch ohne Mitstreiter waren sie gezwungen, ein Leben im Verborgenen zu führen. An jenem Tag begann die größte Menschenjagd in der Geschichte Japans. Yoshitsune wurde für vogelfrei erklärt, und der Bann des Kaiserreiches lag auf ihm.
Zunächst verbargen sich die Flüchtigen in Yamato, später in den Bergen von Yoshino, und schließlich kehrten sie nach Kyôto zurück. Ein landesweiter Suchbefehl wurde ausgegeben, alle Grenzposten des Landes wurden darüber informiert. Man durchsuchte Wohnhäuser und Tempel, und man verpflichtete sogar Priester, Yoshitsune festzunehmen, wenn sie seiner habhaft werden könnten. Die Suche nach dem Untergetauchten wurde für Yoritomo zur Obsession. Doch ein ganzes Jahr lang gelang es den Gesuchten, sich erfolgreich zu verbergen. Aber die Maschen des Netzes wurden immer dichter, und Yoshitsune beschloß, in den Norden des Landes zu gehen, nach Mutsu (Ôshû), wo er Schutz bei Fujiwara Hidehira finden würde, wie bereits in seinen Jugendjahren. Fujiwara war ein naher Verwandter, und er war stark genug, der aufstrebenden Macht aus dem Süden des Landes die Stirn bieten zu können.
Begleitet von Benkei und einer Handvoll tapferer Getreuer, die ihm bis in die Hölle gefolgt wären, begab er sich nach Norden. Seine Frau mußte er jedoch in Kyôto zurücklassen, da sie schwanger war und somit den Strapazen der heimlichen Reise nicht gewachsen gewesen wäre. Kaum hatten sie die Stadt verlassen, begannen die Reiter Yoritomos, sie zu jagen. Immer wieder wurden sie in Kämpfe verwickelt, aus denen sie siegreich, doch mit Verlusten hervorgingen. Ihr kleiner Trupp schmolz dahin wie Schnee in der Sonne. Jeder dieser Siege war nur eine Verlängerung der Galgenfrist, und einer nach dem anderen bezahlten die Begleiter Yoshitsunes für ihre bedingungslose Treue mit ihrem Leben.
Bald war außer Yoshitsune und Benkei nur noch Sato Tadanobu am Leben, der Bruder von Tsuginobu, der sich bei Yashima für seinen Meister aufgeopfert hatte, indem er den für diesen bestimmten Pfeil mit seinem Körper abgefangen hatte. Und auch Tadanobus Ende verdient es, erzählt zu werden. Sato war ein begnadeter Schwertkämpfer, der zu Recht gefürchtet war und dessen Ruf in ganz Kyôto bekannt war. Yoshitsune hatte auf dessen Drängen die Rüstung mit ihm getauscht und ihm gestattet, zurückzubleiben, um den Verfolgern so lange wie möglich den Weg zu versperren und somit Yoshitsune und Benkei einen wertvollen Vorsprung zu verschaffen. Tadanobu setzte Yoshitsunes Helm auf und verbarg die untere Gesichtshälfte unter seinem menpo39, damit ihn niemand erkennen konnte. Daraufhin verbeugte er sich vor seinem Meister und sagte ihm Lebewohl. Gleich einem unheilbringenden kami40 preschte er der Kolonne der Verfolger entgegen. Da dieser tollkühne Angriff vollkommen unerwartet erfolgte, gelang es ihm, etwa 20 von ihnen den Kopf abzuschlagen, bevor der Reitertrupp sich von seiner Überraschung erholt hatte. Schließlich hatten sie ihn eingekreist, doch unverhofft riß er sein Pferd herum und durchbrach den Kreis seiner Feinde, was noch mehr von ihnen das Leben kostete. Die Reiter Yoritomis verfolgten ihn, den sie für Yoshitsune hielten, doch im Schutz der Dämmerung gelang es ihm, nach Kyôto zu entkommen. Er hoffte, hier neue Kräfte sammeln zu können, um sich später, in Mutsu, Yoshitsune wieder anschließen zu können. In der Stadt angelangt, suchte er Unterschlupf im Haus einer Frau, die er kannte. Doch diese erwies sich als Verräterin, und in der Morgendämmerung hatten zweihundert bewaffnete Männer das Haus umzingelt. Tadanobu, den ein leises Geräusch alarmiert hatte, sprang aus dem Bett, tötete die beiden ersten Samurai, die ins Haus eingedrungen waren und kletterte aufs Dach. Er erkannte sofort, daß er diesmal keine Chance haben würde, zu entkommen. Niemals wieder würden seine Augen die großen Wälder des Nordens erblicken. Überall standen Bogenschützen, bereit, ihre Pfeile abzuschießen, und in den umliegenden Gassen wimmelte es von den Soldaten Yoritomos.
»Bande von Feiglingen!« schrie er, und alle blickten zu ihm hinauf, wie er auf dem Dach stand. »Einen schlafenden Samurai anzugreifen! – Wenn ich es wollte, könnte ich im Kampfe sterben. Und zuvor würden viele von euch den Tod gefunden haben, denn ich würde kämpfen, bis meine Klinge schartig ist. Aber ich will nicht, daß am Ende einer von euch sich eines Tages damit brüsten kann, Sato Tadanobu besiegt zu haben.« Nachdem er diese Worte gerufen hatte, wandte er die Spitze seines Schwertes gegen sich und gab sich den Tod.41
Yoshitsune und Benkei, die sich als Pilgermönche verkleidet hatten, setzten ihren Weg nach Norden fort. Zweifelsohne fanden sie auf ihrer gefährlichen Wanderschaft immer wieder Helfer, vor allem unter den Bonzen und den Kriegermönchen, die sich in der Gegend gut auskannten. In der Geschichte dieser langen Treibjagd auf Yoshitsune tritt mehr und mehr die Persönlichkeit Benkeis in den Vordergrund. Während Yoshitsune zunehmend pessimistischer wurde, erwies sich sein riesenhafter Begleiter als einfallsreich und sprühend vor Energie. Wiederholt war es nur seiner List und seinem Geschick zu verdanken, daß die beiden dem sicheren Tod entkamen. Das bekannteste Beispiel hierfür ist das Passieren von Ataka-no-Seki. Diese Episode ist auch Gegenstand eines nô-Theaterstücks.
Die beiden Männer näherten sich dem Grenzposten von Ataka. Es war offensichtlich, daß dort bereits bekannt war, daß sie als Bettelmönche verkleidet reisten, denn auf einem Brett waren die bereits verwesenden Köpfe mehrerer Mönche, die während der letzten Tage erschlagen worden waren, zur Schau gestellt. Der Anblick war entsetzlich, und der Gedanke an den Tod all der Unschuldigen ließ ihre Herzen schneller schlagen. Doch für die Umkehr war es zu spät, die Wächter hatten sie bereits erblickt und erwarteten sie. Benkei, der in das wollene braune Gewand der Bettelmönche gekleidet war, wechselte einen kurzen Blick mit seinem Meister, der ein Stück hinter ihm ging, verkleidet als Träger seines eigenen Gepäcks, auf dem Kopf einen großen Strohhut, den er tief ins Gesicht gezogen hatte.
»Halt! Wer seid Ihr?«
Benkei hatte seine Antwort bereits parat, und gelassen erwiderte er: »Wir sind zwei Mönche auf der Reise, die ausgesandt wurden, um Geld zu sammeln für den Wiederaufbau des Todai-Tempels.«
»Zeigt mir Euren Auftrag.«
Auch dies hatte Benkei vorausgesehen. Er durchwühlte ein Gepäckstück und zog eine Schriftrolle hervor, welche er ein Stück aufrollte. Er hielt dabei die Arme ausgestreckt vor sich, hatte sich aber so hingestellt, daß der Wächter nicht erkennen konnte, daß das Papier unbeschrieben war. Mit unglaublicher Dreistigkeit begann er mit lauter Stimme im Singsang eine lange Litanei vorzutragen, die von der unglücklichen Geschichte des Todai-Tempels handelte und in die er immer wieder unverständliche Gebetsformeln einflocht. Er tat dies auf solch vollendete Weise, daß der andere geradezu hypnotisiert war. Doch irgendwann war es dem Wächter zuviel und er unterbrach Benkei: »Und der andere?« fragte er, indem er Yoshitsune, der sich zum Vortrag Benkeis mit dem Gesicht nach unten auf den Boden geworfen hatte, mit dem Fuß anstieß. Benkei reagierte unverzüglich und eilte zu ihm, während er rief: »Steh auf! Was soll das schon wieder? Antworte gefälligst dem Herrn Offizier! Ich habe langsam genug von dir und deinen Späßchen!« Mit diesen Worten begann Benkei mit aller Kraft auf Yoshitsune einzuprügeln. Der Offizier lachte, als er das Schauspiel sah. Dieser arme Teufel, der sich verprügelt wie ein Hund im Staub wälzte, konnte unmöglich Yoshitsune, der Bruder des großen Yoritomo sein. Kein Diener hätte je gewagt, seinen Meister auf solche Art zu erniedrigen. Er gab ihnen ein Zeichen, daß sie ihres Weges ziehen konnten.
Ein Stück weiter, hinter der ersten Wegbiegung, fiel Benkei auf die Knie, brach in Tränen aus und flehte seinen Meister um Vergebung an. Yoshitsune hieß ihn, sich zu erheben und dankte ihm von Herzen für seine ausgezeichnete Geistesgegenwart.
Schließlich, Ende 1187, erreichten sie die Provinz Mutsu. Hier, weit entfernt von Kyôto, lag das Lehen des Fujiwara Hidehira, eine rauhe Gegend. Sein Herrschaftsgebiet, dessen Hauptstadt Hiraizumi war, stellte die letzte Bastion gegen die Vorherrschaft von Kamakura dar, und er war nicht gewillt, Yoritomo den Treueid zu leisten. Er konnte sich auf hervorragende Krieger verlassen, die in seinen Diensten standen. Yoshitsune und Benkei wurden mit offenen Armen empfangen. Sie fühlten sich endlich in Sicherheit bei diesem großen Lehnsherren des Nordens, der ihnen eine Unterkunft nahe des Flusses Koromo bauen ließ.
Der Beginn der Legende
Hidehira, der Herr von Hiraizumi, hatte zu jener Zeit das für die damalige Epoche seltene Alter von 91 Jahren erreicht. Schon bald, nachdem er Yoshitsune und Benkei bei sich aufgenommen hatte, starb er. Vor seinem Tode hatte er von seinem Sohn Yasuhira verlangt, daß er das Wort, das er den beiden gegeben hatte, respektieren solle. Als Yoritomo vom Tode Hidehiras erfuhr, entsandte er einen Boten nach Mutsu. Dieser überbrachte die Botschaft, daß Yoritomo Yasuhiras Lehen verschonen würde, wenn er ihm Yoshitsune auslieferte. Yasuhira erblickte hierin seine große Chance. Er hielt die Idee, den für vogelfrei Erklärten weiter zu unterstützen, für höchst unvernünftig und wollte lieber auf die Vorteile, die ein Bündnis mit Kamakura bringen würde, spekulieren. Er entschied sich also, die Seiten zu wechseln und die Verpflichtung seines Vaters zu verraten. Er würde Yoritomo den Kopf Yoshitsunes liefern.
Im April 1189 ereignete sich das, was übertriebenerweise als Schlacht am Koromo-gawa bezeichnet wird. Tatsächlich fand sich Yoshitsune, in dessen Begleitung sich außer Benkei noch neun weitere Krieger befanden, von einer Streitmacht von nicht weniger als 20 000 Kämpfern umzingelt. Die Tatsache, daß er seinen Feinden offenbar so viel Furcht einflößte, brachte ihn fast zum Lachen. Aber er besann sich und begriff, daß die Zeit gekommen war, sich auf den Tod vorzubereiten. Ein letztes Mal versammelte er seine tapferen Männer um sich, bevor sie sich in den Kampf stürzten. Die Gewißheit ihres unmittelbar bevorstehenden Todes verzehnfachte ihre Kräfte, und sie beflügelte der Wille, so viele Verräter wie nur möglich mit in den Tod zu nehmen. Keiner ihrer Schläge verfehlte sein Ziel, und bald schon häuften sich die Leichen ihrer Gegner um sie herum. Die Leute von Fujiwara Yasuhira erkannten, daß sie im Nahkampf diese Gegner nicht besiegen würden und beschlossen, sie aus sicherer Entfernung mit ihren Pfeilen zu töten. Yoshitsune und Benkei fanden sich plötzlich allein auf dem Schlachtfeld wieder. Yoshitsune ergriff die Gelegenheit, seinen letzten Getreuen zu bitten, dafür zu sorgen, daß er sich in ihr kleines Haus zurückziehen könne, um dort in aller Würde seinen rituellen seppuku begehen zu können. Diese Anweisung bedeutete zugleich das Lebewohl des Meisters gegenüber seinem treuen Diener. Die beiden Helden wollten sich die rührselige Banalität irgendwelcher letzter Worte ersparen. Sie blickten einander ein letztes Mal mit größter Intensität in die Augen, und sie begriffen, daß sie am Ende ihres Weges angelangt waren. Unwiderruflich.
Benkei stand nun allein den lärmenden Gegnern gegenüber. Noch einmal verwandelte er sich in einen wahren Dämon und hieb mit naginata und katana auf alles, was sich in seiner Reichweite befand, ein, auf Menschen und Pferde. Seine Rüstung war von Pfeilen übersät, und etliche Pfeile hatten sie bereits durchschlagen, doch während er den Hieben der Gegner auswich und zugleich selbst den Tod verbreitete, schien er unverwundbar zu sein. Es war ein wahrer Todestanz. Der Kreis um ihn wurde enger, aber niemand wagte, sich ihm weiter zu nähern. Tatsächlich war Benkei jedoch bereits stehend gestorben, auf seine Lanze gestützt. Doch die Furcht ließ die Reiter wie versteinert auf den Riesen starren. Es herrschte eine große Stille. Endlich versetzte einer von ihnen sein Pferd in Trab und ritt an Benkei vorüber, wobei er ihn seitlich berührte. Benkei schwankte leicht und stürzte dann, sich durch den Impuls des Stoßes um die eigene Achse drehend, zu Boden. Das laute Scheppern der Rüstung durchbrach die Stille. Nach einem letzten ungläubigen Zögern näherten sich die Krieger, um ihm den Kopf abzutrennen.
Unterdessen hatte Yoshitsune in seinem Haus, unterstützt durch den Samurai Kanefusa, Selbstmord begangen. Kanefusa setzte daraufhin das Haus in Brand und stürzte sich in die Flammen. Es gelang den Gegnern jedoch, den Körper Yoshitsunes aus den Flammen zu retten. Man enthauptete seinen Leichnam und legte seinen Kopf in ein mit Reisschnaps gefülltes Gefäß, um ihn Yoritomo zu schicken.
Um den Tod Yoshitsunes ranken sich verschiedene Legenden. So wird behauptet, daß das Haupt, das nach Kamakura geschickt wurde, nicht Yoshitsunes gewesen sei und daß, als das Gefäß Yoritomo erreichte, der Zustand des Kopfes es nicht mehr erlaubte, ihn eindeutig zu identifizieren. Andere Legenden erzählen davon, daß es Yoshitsune und Benkei in Wahrheit noch einmal gelungen sei, zu entkommen und daß Yoshitsune später unter dem Namen Gikyô-dai-myôjin König der Ainu auf der großen Insel Ezo (Hokkaidô) geworden sei. Selbst eine Geschichte, die besagte, daß er nach China entkommen sei, wo niemand geringeres als der berühmte Dschingis Khan, der »Blaue Wolf«, aus ihm geworden sei, wurde erzählt.
Der Verrat blieb auch dem Verräter Fujiwara Yasuhira nicht erspart. Yoritomo, der natürlich nicht einen Moment daran gedacht hatte, dem neuen Lehnsherren von Mutsu seine Unabhängigkeit zu lassen, entsandte eine starke Armee gegen ihn. Fujiwaras Truppen wurden geschlagen. Er selbst versuchte nach Ezo entkommen, doch einer seiner eigenen Offiziere ermordete ihn.

Minamoto-no-Yoritomo. Seidenmalerei aus dem 12. Jahrhundert.
Auch die schöne Shizuka wurde verraten und nach Kamakura ausgeliefert, gemeinsam mit dem Sohn Yoshitsunes, den sie zur Welt gebracht hatte. Die Häscher Yoritomos brachten das Kind unverzüglich um, indem sie es gegen die Klippen der Bucht von Yuigahama schmetterten.
Shizuka erwies sich als würdige Frau eines Samurai. Man zwang sie, die eine hervorragende Tänzerin war, in Gegenwart Yoritomos und anderer Edler im Tempel des Kriegsgottes Hachiman zu tanzen. Sie nutzte die Gelegenheit zu einem langen Klagelied über ihre Liebe zu Yoshitsune. Doch trotz dieser Beleidigung blieb sie verschont, da Yoritomos Frau sich für sie einsetzte. Sie starb ein Jahr später, nachdem sie sich von der Welt zurückgezogen hatte. Das übergroße Unglück hatte ihr das Herz gebrochen.
Yoritomo, dem Sieger, gelang es, das Land zu vereinigen und seinen Vorstellungen gemäß zu zentralisieren. Im Jahre 1192 nahm er in Kamakura den Titel Seii Taishôgun, »Generalissimus gegen die Barbaren«, an. Der Gründer des Bakufu42, ein kaltherziger, berechnender und politisch denkender Mensch, war vor nichts zurückgeschreckt, um die höchste Macht im Lande zu erlangen. Wie Bauern auf dem Schachbrett hatte er jedermann gegeneinander ausgespielt. Es heißt jedoch, daß seine Gefühlsarmut dazu führte, daß er von Alpträumen heimgesucht wurde. Im Jahre 1199, im Alter von 53 Jahren, stürzte er vom Pferd und starb an den Folgen seiner Verletzungen. Man raunte sich zu, daß das Pferd des übermächtigen Shôguns vor der plötzlichen Erscheinung des Geistes des schmachvoll verratenen jüngeren Bruders gescheut habe, und daß dies eine letzte Geste Yoshitsunes und Benkeis aus dem Jenseits gewesen sei.
Der junge Minamoto-no-Yoshitsune und sein ergebener Diener, der riesenhafte Kriegermönch Benkei, sind aus dem Epos über die ersten Samurai noch heute die beliebtesten Helden. Niemand verkörperte das Starke und das Reine dieser Krieger so wie sie. Ihr tragisches Epos ist unserem Rolandslied nicht unähnlich. Wie durch einen romantischen Nebelschleier hindurch dringt aus ihrer Geschichte das Schöne und das Große, aber auch das Anrührende zu uns, die Tugenden des alten bushidô in ihrer reinsten Form. Yoshitsune war intelligent und ungestüm, von Idealen beseelt. Er vereinte die Stärke des Kämpfers und die Zerbrechlichkeit des aufrechten Mannes, der am Ende von widrigem Schicksal zu Boden geworfen wird. Yoshitsune zählte erst 31 Jahre, als er traurig und schicksalsergeben starb. Aber sein kurzes Leben war intensiv und erfüllt, geprägt von klarer Bestimmung, flüchtig und schön wie die Kirschblüte. Yoshitsune und Benkei erlangten durch ihren beispielhaften Tod unvergänglichen Ruhm. Ihre Taten sind häufiger Gegenstand von Märchen, Gedichten, volkstümlichen Erzählungen, nô- und kabuki-Theaterstücken oder auch von Holzschnitten, als die jedes anderen Helden der japanischen Geschichte.

»Sieben Leben, um dem Kaiser zu dienen.«
Die Loyalität des Kusunoki Masashige
Ein Baum im Süden
Im Japan des anbrechenden 14. Jahrhunderts standen sich zwei unversöhnliche Mächte gegenüber, die des Shôguns Hôjô Takatoki, der in Kamakura ein ausschweifendes, luxuriöses Leben führte, und die des Kaisers Go-Daigo. Hôjô Takatoki entstammte der Familie der Gemahlin des Minamoto-no-Yoritomo. Ihm mangelte es vollkommen an jener Integrität, die dem Klan der Minamoto stets zu eigen gewesen war. Auf seiner Seite stand die Realität der Macht, doch diese Macht war nicht mehr unerschütterlich. Die Kriegerkaste war immer weniger gewillt, die wuchernde und allgegenwärtige Korruption und den absoluten Autoritätsanspruch des Shôgunats hinzunehmen. Dies galt um so mehr, als der letzte Sieg über die Mongolen, die am Ende des 13. Jahrhunderts versucht hatten, das Land zu erobern, sich für sie nicht in Form von Ländereien oder Reichtum ausgezahlt hatte.
Die Autorität des Kaisers war durch die mächtige Kriegerkaste (buke) zur Bedeutungslosigkeit degradiert worden. Natürlich wurden dem Tennô nach wie vor alle Zeichen der äußerlichen Ehrerbietung dargebracht, aber alle waren sich über die tatsächlichen Machtverhältnisse im Klaren. Seit den Zeiten der Fujiwara waren die Kaiser durch die Kriegerkaste nach Gutdünken eingesetzt, gestürzt und manipuliert worden. Die Aristokraten des Hofes fühlten sich zunehmend an den Rand gedrängt, was ihr Ehrgefühl in hohem Maße verletzte. Doch da sie über keine eigenen Militärkräfte verfügten, mußten sie sich ihrem Geschick ergeben. Mit dem Tode des Kaisers Go-Saga im Jahre 1272 hatten sich die Verhältnisse noch verschlimmert. Die Nachkommen seiner beiden Söhne übten nun im Wechsel die formale kaiserliche Macht aus, die auf diese Weise gegenüber der faktischen Macht, die in den Händen der Familie der Hôjô konzentriert war, noch mehr an Bedeutung verlor. Somit konnte der Kaiserhof nicht das geringste ausrichten angesichts der himmelschreienden Ausschweifungen der Shôgune von Kamakura.
In dieser Situation erfolgte im Jahre 1318 die Thronbesteigung durch Kaiser Go-Daigo. Dieser war eine starke, hochgebildete Persönlichkeit. Er war Künstler und Poet, zeichnete sich jedoch auch durch Eitelkeit und Arroganz aus. Er schöpfte Hoffnung aus dem sittlichen Verfall der Hôjô-Regenten und glaubte, daß die Gelegenheit gekommen war, die kaiserliche Autorität wiederherstellen zu können. Er begann darüber nachzusinnen, wie die Vorherrschaft der Shôgune, die seit 200 Jahren in Kamakura herrschten, zu brechen sei. Er faßte einen sehr einfachen Plan. Er wollte ihm ergebene Gefolgsleute ausfindig machen, die bereit sein würden, sich im Kampf für seine Rückkehr an die reale Macht aufzuopfern.
Go-Daigo war Anhänger des Sung-Konfuzianismus, der eine enge Beziehung zwischen Herrn und Untertan lehrte und unbedingten Gehorsams von Seiten des letzteren forderte. In jener Zeit erlebte die Religion gerade eine Erneuerung. Vor allem der Zenbuddhismus pries eine strenge körperliche und geistige Disziplin und das Losgelöstsein von den Realitäten dieser Welt. Dies war eine Philosophie, die hervorragend zur Mentalität der Samurai paßte, Krieger, die auf der Suche nach einem Lebensideal waren und nach einem Sinn des Todes, jenseits der Erscheinungen der materiellen Welt. Im Zusammenspiel mit anderen Gedankenströmungen, wie dem Shintô43 oder den Lehren, wie sie die Sekten der Nichiren-Shôshû oder Jôdô verbreiteten, stellte dies eine Philosophie des aufrichtigen und engagierten Handelns dar, wie auch der Entsagung. Diese Philosophie war natürlich auch offizielles Glaubensbekenntnis jener, die an der Spitze der sozialen Pyramide standen. Da auf diese Weise der geistige Nährboden hierfür bereitet war, fand Go-Daigo, der 96. Kaiser Japans, mit seinen Ideen bei vielen Samurai Anklang.
Im Jahre 1331 war Go-Daigo gezwungen, aus Kyôto zu fliehen, nachdem seine ersten Versuche, Verschwörungen gegen das Bakufu zu organisieren, gescheitert waren. Er fand Unterschlupf in einem Kloster am westlich von Nara gelegenen Berg Kasagi. Das Kloster war eine natürliche Festung, die von Kriegermönchen, Yamabushi, gehalten wurde, welche ihm treu ergeben waren. Hier hatte er eines Nachts einen hellseherischen Traum, der im Taiheiki überliefert worden ist, einer anonymen Chronik aus dem 14. Jahrhundert. In diesem Traum sah sich Go-Daigo umgeben von einem Kreis aus Kurtisanen, die in seinem Garten in Kyôto saßen. Ein Platz aber war leer geblieben. Dieser Platz befand sich unter einem riesigen Baum, südlich von dessen Stamm. Das Blattwerk war über dieser Stelle besonders dicht. Alle schienen auf etwas zu warten. Plötzlich erschienen zwei Kinder, in denen er die Bodhisattvas44 Nikkô und Gakkô erkannte. Die Kinder knieten vor ihm nieder, um ihm zu offenbaren, daß der leere Platz für ihn selbst bestimmt war, und daß dies der einzige sichere Platz für ihn sei. Als er erwachte, versuchte er, einen Sinn in dieser Traumbotschaft zu finden. Er erkannte, daß, wenn man die Zeichen für »Baum« und »Süden« kombinierte, man den Begriff »Kampferbaum« (kusunoki) lesen konnte. Er fragte Jojubo, einen Priester des Tempels, ob er von einem Krieger gehört habe, der diesen Namen trug. Tatsächlich stellte sich heraus, daß es in der Provinz Kawachi, westlich vom Berg Kongô, einen Samurai gab, der so hieß. Man schickte einen Boten nach ihm. Kusunoki Masashige, der sich der Ehre, die ihm zuteil wurde, bewußt war, begab sich unverzüglich zum Kaiser und schwor ihm den Treueid.
Die Belagerung von Akasaka-jô
Kusunoki45 wurde 1294 geboren. Er war der Sohn des Lehnsherren Masato, eines kleinen Landadeligen aus der zwischen Ôsaka und Nara gelegenen Provinz Kawachi. Die Überlieferung besagt, daß seine Mutter, die lange Zeit kinderlos geblieben war, sich einst für hundert Tage in den auf dem Berg Shigi stehenden Tempel des Gottes Bishamon, auch Tamon-ten genannt, zurückgezogen hatte. Dort soll ihr die bevorstehende Geburt ihres Sohnes in einem Traum offenbart worden sein. Aus Dankbarkeit für die erhörten Gebete gab sie ihm den Namen Tamonmaru, Kind des Tamon. Des weiteren sagt die Überlieferung, daß der Junge seine Kindheit im Tempel von Kanshinji verbracht habe. In den Tempelarchiven sollen Aufzeichnungen zu finden sein, die davon berichten, daß er sich durch einen beispielhaften Charakter und vielseitige Begabungen auszeichnete, vor allem auf kämpferischem Gebiet. Im Alter von 15 Jahren verlieh man ihm bei der gempuku-Zeremonie den Namen Masashige. Aus ihm entwickelte sich ein gebildeter, kultivierter Mann, der zugleich ein erprobter, unabhängiger Kriegsherr war.46 In seinen jungen Jahren hatte er zweifelsohne Gelegenheit gehabt, auf Handelsreisen die Hauptstadt zu besuchen, denn seine Provinz war in Japan der Hauptproduzent für Quecksilbererz, aus dem man Zinnober extrahierte, eine Substanz, die als Kosmetikum sehr geschätzt war. Aber alles in allem gab es in seinem Leben nichts Bemerkenswertes bis zu dem Tag, an dem er Go-Daigo die Treue schwor.
Die Truppen des Shôguns machten Jagd auf Go-Daigo. Sie belagerten den Berg Kasagi. Doch sein neuer Gefolgsmann Kusunoki Masashige und dessen Leute leisteten ihnen über Monate Widerstand. Gemeinsam mit einem der jungen Söhne des Kaisers, Prinz Morinaga, machte er ihnen das Leben im Gebirge schwer, indem er einen Guerillakrieg gegen sie führte. Schließlich gelang es ihnen aber doch, den Kaiser gefangenzunehmen.
Um jeden neuerlichen Widerstand im Keim zu ersticken, wollten sie auch Kusunoki ergreifen und ihn töten. Dieser war jedoch in die Akasaka-Festung geflohen, ein rechteckiges Gelände, das von Holzpalisaden, verstärkt durch einige Türme, umgeben war. Im Frühjahr 1333 standen die Truppen aus Kamakura, nicht weniger als 100 000 Mann unter Führung des jungen und ehrgeizigen Heerführers Ashikaga Takauji, schließlich vor Akasaka-jô. Sie waren zunächst etwas enttäuscht darüber, eine Festung mit solch kläglichem Schutz vorzufinden. Sollten sie tatsächlich so leichtes Spiel mit dem Mann haben, der ihnen in den Bergen monatelang widerstanden hatte? Es gab nicht einmal einen Festungsgraben. Alles deutete darauf hin, daß die Angelegenheit noch vor Anbruch der Dunkelheit erledigt sein würde.
Es wurde Signal zum Angriff gegeben, und die Truppen stürmten auf die Palisaden zu, in einem unbeschreiblichen Gedränge. Jeder hoffte, sich den leicht zu erringenden Ruhm holen zu können, als erster in die Festung einzudringen. Doch hatten sie nicht mit dem Einfallsreichtum des Belagerten gerechnet. Hinter den Palisaden standen 200 Bogenschützen bereit. Die Angriffswellen der Truppen des Shôguns wurden förmlich niedergemäht. Als Ashikaga schließlich Befehl zum Rückzug erteilte, mußte er 1 000 tote Kämpfer vor den Palisaden der Festung zurücklassen.
Vom Kampf erschöpft, schlugen die Truppen ihr Lager auf. Sie legten ihre Rüstungen ab, pferchten die Pferde ein und begaben sich in ihre Zelte, um in der Nacht Kraft für einen neuen Angriff am nächsten Tage zu schöpfen. Sie ahnten nicht, daß der Bruder Kusunokis, Shichirô, und sein Verbündeter, Wada Gorô Masato, sich bereits den ganzen Tag mit 300 Reitern auf einem bewaldeten Hügel, entfernt vom Schlachtfeld, verborgen gehalten hatten. In zwei Gruppen kamen die Reiter aus dem Wald und stürmten das Lager der Samurai des Shôguns aus zwei Richtungen. Im Handumdrehen war es verwüstet. Plötzlich öffneten sich drei Tore in den Palisaden von Akasaka-jô, und weitere Reitertrupps Kusunokis, die während des Tages ihre Kräfte geschont hatten, schlossen sich den nächtlichen Angreifern an. Panik ergriff die Truppen des Shôguns, und Hals über Kopf flohen sie zu den Ebenen des Ishikawa-Flusses, wobei sie Tote, Verwundete, Waffen und Pferde zurückließen.
Dennoch gab Ashikaga nicht auf. Er sammelte seine Truppen und beschloß eine reguläre Belagerung der Festung. Mehrmals versuchte er, der Belagerung ein schnelles Ende zu bereiten, aber die wenigen tausend Kämpfer Kusunokis ließen alle Angriffe scheitern. Der raffinierte Gefolgsmann des Kaisers ersann immer neue Kriegslisten. Er erwies sich als erfahrener Kriegsherr, der in der Lage war, mit höchst ungewöhnlichen Methoden einem zahlenmäßig weit überlegenen Feind, der nur mit herkömmlichen Kampfsituationen vertraut war, die Stirn zu bieten. So geschah es beispielsweise eines Tages, daß auf Truppen der Belagerer, die an einem steilen Hügel vorbeiritten, plötzlich Felsblöcke und Baumstämme herabrollten, welche Kusunokis Leute oben mit Stricken festgebunden hatten, die sie nun alle gleichzeitig kappten. An einem anderen Tag gerieten sie in eine ausgeklügelte Falle. Kusunoki hatte Anweisung gegeben, daß man die Angreifer unbehelligt an einer Flanke der Festung die Palisade hinaufklettern lassen solle. In vollkommener Stille warteten seine Männer auf der anderen Seite auf den Feind, der bereits an den sicheren Sieg glaubte. Doch kaum war die Palisade von Angreifern bedeckt, ließ er die Seile kappen, die sie hielt. Diese Palisade war in Wirklichkeit eine Attrappe gewesen. Die Samurai Ashikagas stürzten zu Boden und fanden sich plötzlich vor dem echten Burgwall wieder, von dem aus Steine und Pfeile auf sie niederprasselten. 700 von ihnen mußten an jenem Tag ihr Leben lassen. Auch am nächsten Tag erging es den Truppen der Angreifer nicht besser, als sich plötzlich von oben kochendes Wasser in wahren Fluten über sie ergoß, und weder ihre Helme noch ihre Rüstungen konnten sie vor schweren Verbrühungen schützen.
Doch in der Festung wurden allmählich die Lebensmittel knapp, und Kusunoki beschloß, mit seinen verbliebenen Kriegern die Festung zu verlassen. Zuvor plante er jedoch noch eine letzte Überraschung für die Belagerer. Es war eine regnerische Nacht. Die Männer Kusunokis errichteten einen riesigen Scheiterhaufen, auf den sie die Leichen der gefallenen Kämpfer legten. Daraufhin verließen die Belagerten in aller Heimlichkeit in kleinen Gruppen die Festung und schlichen unbehelligt durch die Reihen der Belagerer, deren Aufmerksamkeit durch Müdigkeit und das schlechte Wetter nicht sehr hoch war. Ein einziger Samurai Kusunokis war noch innerhalb der Palisaden geblieben. Dieser setzte schließlich den Scheiterhaufen in Brand. Als die Flammen hoch hinaufschlugen, eilten die Belagerer in die Festung, die durch keine Verteidiger mehr geschützt war. Sie glaubten, die Belagerten hätten kollektiven Selbstmord begangen, aber umsonst suchten sie unter den verkohlten Leichen die sterblichen Überreste Kusunokis. Der Mann des Kaisers und seine Samurai waren bereits in weiter Ferne, und er war entschlossen, eines Tages wieder für Go-Daigo in den Kampf zu ziehen.
Die Belagerung von Chihaya-jô
In der Zwischenzeit hatte man Go-Daigo all seine Rechte aberkannt und ihn auf die Insel Chiburi-jima des Oki-Archipels verbannt, das sich zwischen Kyûshû und der Koreanischen Halbinsel befindet. Seine Güter waren konfisziert worden und ebenso die Besitztümer aller, die ihn unterstützt hatten. Doch sein Sohn, Prinz Morinaga, der ins Yoshino-Gebirge geflohen war, verkündete, den Kampf fortsetzen zu wollen. Er wußte, daß er nach wie vor auf Kusunoki Masashige zählen konnte, der nun im ganzen Land für seinen Mut und seinen Einfallsreichtum berühmt geworden war und dem von überallher neue Gefolgsleute zuströmten, die sich mit ihm unter dem Banner der Kaisertreuen versammelten. Sein hohes Ansehen beruhte nicht zuletzt auch darauf, daß ihm das Leben seiner Mitstreiter nicht gleichgültig war und daß er sie respektvoll behandelte.
Zunächst einmal zog sich Kusunoki mit einer Gruppe seiner Krieger wieder in seine Festung von Akasaka zurück. Um die Reise unbehelligt zu überstehen, hatten sie sich als Bauern getarnt. Sie konnten dort aber nicht länger als einen Monat ausharren, denn den Truppen des Shôguns war es gelungen, ihnen die Wasserversorgung abzugraben. Doch erneut gelang es ihm und seinen Leuten, unbemerkt aus der belagerten Festung zu entkommen.
Wenige Meilen weiter südlich hatte er eine neue Festung errichten lassen, Chihaya-jô. Die Festung war reich mit Vorräten ausgestattet und dafür vorgesehen, einer sehr langen Belagerung standhalten zu können. Dorthin begab er sich nun, und sein Ziel bestand zunächst darin, die Kräfte von Ashikaga Takauji, dem Oberbefehlshaber der Truppen des Shôguns Hôjô, dort so lange wie möglich zu binden. Jener war fest entschlossen, diesmal eine endgültige Entscheidung herbeizuführen. Eine wahre Lawine aus berittenen Kämpfern strömte aus Kamakura zum Ort der Belagerung. Drei Divisionen, insgesamt etwa 100 000 Mann, kamen, um Kusunoki zu vernichten. In der Festung standen ihnen nicht mehr als knapp 1 000 Krieger gegenüber. Doch diese Tausendschaft vermochte es, Chihaya-jô zwei lange Monate hindurch zu halten und Tausenden Angreifern den Tod zu bringen, die immer aufs neue an den Verteidigungsmaßnahmen scheiterten, die der schier unerschöpflichen Erfindungsgabe des Generals des Kaisers entsprangen.
Die Belagerung der Burg von Chihaya im Jahre 1333 gilt in der Geschichte der Samurai als strategisches Musterbeispiel. Chihaya-jô war auf einem Bergplateau angelegt worden. Zwischen dem Berg und dem restlichen Gebirge lag ein tiefes Tal. Auf diese Weise war die Anlage auf natürliche Weise hervorragend geschützt und von mehreren Seiten uneinnehmbar. Bereits an den ersten Tagen, an denen die Belagerer versuchten, die Festung zu stürmen, mußten sie gewaltige Verluste hinnehmen. Es wird berichtet, daß mehrere Schreiber ununterbrochen damit beschäftigt waren, die Namen der Toten aufzuzeichnen.
Man versuchte nun, wie bei Akasaka die Wasserzufuhr zu unterbrechen. Doch Kusunoki hatte dagegen längst Vorkehrungen getroffen, indem er Leitungen aus Bambus unterirdisch zu verborgenen Gebirgsquellen hatte verlegen lassen.
Ungeachtet aller Mißerfolge versuchten die Belagerer unaufhörlich, Chihaya-jô zu erobern. Trotz der geringen Truppenstärke, über die Kusunoki verfügte, setzte er den Angreifern äußerst hart zu. Im Taiheiki47 wird berichtet, daß Tag für Tag mehr als 5 000 Opfer unter ihnen zu verzeichnen waren. Es verging kein Tag, an dem Kusunoki keine neue Kriegslist ersann. So starben Hunderte der feindlichen Samurai beim Einsturz einer Brücke, die die Zimmerleute Ashikagas über eine tiefe Schlucht gelegt hatten. Die Belagerten schleuderten zuerst flüssiges Pech auf die Holzkonstruktion und setzten sie dann mit Brandpfeilen in Flammen. Bei einer anderen Gelegenheit stellten Kusunokis Leute über Nacht Figuren, die mit Rüstungen bekleidet waren und Schilde trugen, verteilt in dem Hochwald auf, der an die Festung grenzte. Am Morgen begannen aus dem Wald heraus Bogenschützen Kusunokis, die Truppen des Shôguns zu beschießen, doch kaum begann der Gegenangriff, zogen sie sich unverzüglich zurück. Die Angreifer hielten die als Krieger verkleideten Figuren für die Nachhut des Feindes und stürmten voll Elan in den Wald, um sie zu vernichten. Als sie merkten, daß man sie zum Narren gehalten hatte, war es zu spät. Von der Höhe der Festungswälle prasselten Tonnen von Felsgestein und Holzstämmen auf sie herab. 300 starben auf der Stelle, und mehr als 500 wurden zu Krüppeln gemacht. In einer anderen Nacht geschah es, daß Kusunoki Verrat vortäuschen ließ und einen Trupp feindlicher Samurai auf diese Weise durch eine geheime Ausfallpforte in die Festung hineinließ. Dort wurden sie jedoch von solch unbarmherzigem Pfeilbeschuß empfangen, daß ihnen nur der sofortige, überstürzte Rückzug blieb. Doch der teuflische Plan Kusunokis sollte noch fatalere Folgen für diesen Trupp haben. Da sie wie von Dämonen verfolgt aus der Burg stürmten, hielten ihre eigenen Leute sie für Samurai aus der Festung, die einen Massenausfall wagen wollten und nahmen sie sofort unter Beschuß. Auf diese Weise verloren Hunderte Männer Ashikagas ihr Leben von der Hand ihrer Waffengefährten.
Es besteht kein Zweifel daran, daß die lange Dauer, während der Chihaya der Belagerung standhielt, den Anhängern Go-Daigos im ganzen Lande zugute kam. Da wegen des hartnäckigen Widerstands eine enorme Truppenstärke benötigt wurde, wurden aus etlichen Regionen die Samurai des Shôguns vollständig abgezogen. Dies wiederum ermunterte die Kaisertreuen zu zahlreichen Angriffen auf die verbliebenen Stellungen des Feindes. Somit war die Belagerung von Chihaya allein schon aus psychologischer Sicht ein unbestreitbarer Sieg der Anhänger des Kaisers. Es hatte sich gezeigt, daß die Samurai des Bakufu nicht unbesiegbar waren, und an dieser Erkenntnis hatte Kusunoki Masashige maßgeblichen Anteil.
Go-Daigos vorzeitige Rückkehr
Im Februar 1333, als die Belagerung von Chihaya-jô noch im Gange war, ließ Kusunoki Go-Daigo eine Botschaft zukommen, in der er diesen ausdrücklich dazu aufforderte, die Insel, auf der er in der Verbannung lebte, zu verlassen. Der inzwischen im ganzen Land ausgebrochene Aufstand gegen die Hôjô bedurfte der symbolhaften Gegenwart des Kaisers. In einem Fischerboot verborgen, verließ Go-Daigo die Oki-Inseln. Kaum, daß seine Flucht und Ankunft in Japan bekannt wurden, wurde ihm die gesamte Streitmacht des Shôguns entgegengeworfen. Da der Hauptgegner wieder im Lande war, zog man die Truppen unverzüglich von Chihaya-jô ab.
Angeführt wurde das Heer des Bakufu wieder durch Ashikaga Takauji. Der erst 28jährige Oberbefehlshaber war die letzte Hoffnung der Hôjô. Doch gerissen und ehrgeizig, wie er war, begriff er, daß sich ihm eine einzigartige Chance aufgetan hatte. Niemand aus dem Umfeld des Shôguns Hôjô Takatoki, dem Erzfeind des Kaisers, hätte die Wendung erahnen können, die die Geschichte plötzlich nahm. Ashikaga, der erst noch mit äußerster Verbissenheit gegen Kusunoki Masashige gekämpft hatte, erklärte, von nun an auf der Seite des Kaisers zu stehen. Dies war ein schrecklicher Schlag für die Hôjô, doch es blieb nicht bei diesem einen. Auch die Armee von Nitta Yoshisada, eines Vetters von Takauji, wandte sich gegen die Hôjô. Und all das war letztendlich das Ergebnis des hartnäckigen Widerstands Kusunokis, dem es gelungen war, die Ohnmacht des Regimes für alle Welt augenscheinlich werden zu lassen.
Takauji ließ seine Truppen auf Kyôto marschieren und nahm die Stadt im Handstreich. Er ließ alle Vertreter des Bakufu und zahlreiche Getreue der Hôjô hinrichten. Wenig später standen drei Divisionen unter der Führung Nitta Yoshisadas vor Kamakura. Aber die anderthalb Jahrhunderte zuvor durch Minamoto Yoritomo zur Festung ausgebaute Stadt war nicht ohne weiteres einzunehmen. Alle Wege, die zu ihr führten, verliefen durch enge, gut zu verteidigende Schluchten. Also beschloß Nitta, den Angriff vom Meer aus zu führen. Die Legende berichtet, daß er auf einen Felsen oberhalb der Küste bei Inamuragasaki gestiegen sein soll und dort zur Sonnengöttin Amaterasu gebetet habe, damit diese das Meer zurückweichen lasse. Daraufhin soll er sein Schwert in die Fluten geschleudert haben, woraufhin das Meer tatsächlich auf wundersame Weise zurückgewichen sein soll. Vermutlich hatte er jedoch wohl einfach die Ebbe abgewartet, damit seine Truppen auf dem Uferstreifen vom Süden her in die Stadt einfallen konnten. Am 5. Juli 1333 fiel Kamakura in seine Hände. Als er die Aussichtslosigkeit seiner Lage begriff, beging der Shôgun Hôjô Takatoki den rituellen Selbstmord in Begleitung von Hunderten seiner Vasallen.

Kusunoki Masashige. Holzschnitt von Yorikuni Tachibana.

Ashikaga Takauji. Gemälde aus dem 14. Jahrhundert.
Go-Daigos Traum war Wirklichkeit geworden. Die Macht im Lande lag wieder bei ihm und dem Kaiserhaus. Im Triumphzug kehrte er in seinen Palast zurück. Unverzüglich ernannte er seinen Sohn, Prinz Morinaga, zum neuen Shôgun. Doch Go-Daigo erwies sich als ungeschickt im Umgang mit der Macht. Die Kriegerkaste, durch deren Treue er die Macht zurückgewonnen hatte, fühlte sich nicht auf angemessene Weise belohnt. Der Kaiser teilte seiner Familie, seinen Günstlingen und seinen Höflingen die konfiszierten Ländereien und Besitztümer der Hôjô zu, und für die ihm treu ergebenen Generäle blieb am Ende wenig übrig. Allein Kusunoki Masashige wurde auf angemessene Weise belohnt. Er erhielt den Titel des Kawashi-no-Kami48 und die Regierungsgewalt über die Provinzen Settsu, Kawashi und Izumi. Ashikaga Takauji, dessen Wechsel auf die Seiten Go-Daigos von entscheidender Bedeutung gewesen war, erhielt die Provinzen Musashi, Shimousa und Hitachi. Aber er war zutiefst enttäuscht, daß nicht ihm der Titel des Shôguns angeboten worden war. Andererseits fanden es nicht wenige der Adligen bereits übertrieben, daß dem jungen Emporkömmling die Herrschaft über drei Provinzen anbetraut wurde. Auf diese Weise entstand eine explosive Situation.
Schließlich beschloß Go-Daigo, den ehrgeizigen Ashikaga beseitigen zu lassen. Doch dieser ergriff die Initiative. Er verschanzte sich in Kamakura und ernannte sich kurzerhand selbst zum Shôgun (Seii Taishôgun). Wieder herrschte Krieg im Lande. Und Kusunoki Masashige, der sich bislang aus allen Streitereien im Umfeld des Palastes herausgehalten hatte, wurde unausweichlich in den Strudel der Ereignisse hineingezogen.
Die Schlacht von Minatogawa
Go-Daigo erklärte Ashikaga Takauji zum Rebellen und entsandte die Armee des Nitta Yoshisada gegen ihn. Es gelang Nitta, Ashikaga zunächst bei Mikawa und anschließend bei Suruga zu schlagen, so daß der selbsternannte Shôgun sich ins Hakone-Gebirge zurückzog. Doch das Kriegsglück wendete sich schon bald. Nahe dem Berg Fuji bereitete er den kaiserlichen Truppen eine blutige Niederlage, deren Anführer niemand anders als Kusunoki Masashige gewesen war, sein alter Widersacher. Dieser Sieg bahnte Ashikaga den Weg nach Kyôto. Er nahm die Kaiserstadt am 25. Februar 1336 ein. Go-Daigo ergriff die Flucht und fand Unterschlupf in einem Kloster am Berg Hiei. Aber eine endgültige Entscheidung stand noch aus. Yuki Munehiro, Nawa Nagatoshi, Nitta Yoshisada, Kusunoki Masashige und Kitabatake Akiie marschierten mit einer großen Armee gegen Ashikaga, so daß dieser sich gezwungen sah, nach Kyûshû zu fliehen. Doch es gelang ihm, die mächtigen Klane des Südens, die Shimazu, die Shôni und die Ôtomo auf seine Seite zu ziehen und mit ihrer Unterstützung wieder nach Norden zu marschieren. Der in der Gegend von Hakata ansässige kaisertreue Klan der Kikuchi versuchte, den Marsch zu verhindern, wurde aber in einer Schlacht in der Bucht von Tadara besiegt.

Kaiser Go-Daigo und sein General Kusunoki Masashige. Holzschnitt von Kobayashi Kiyochika.
Am 14. April stach Ashikaga Takauji, mächtiger als je zuvor, mit seinen Truppen in See. Die Nachricht davon löste in Kyôto, wo Go-Daigo inzwischen wieder residierte, große Unruhe aus. Die Lage hatte sich inzwischen so entwickelt, daß der Kaiser erneut auf kaum jemanden mehr sicher zählen konnte, als auf den treuen und unbeugsamen Kusunoki Masashige. Doch letzterer gab sich keinen Illusionen hin. Aus dem Süden kamen immer beunruhigendere Neuigkeiten über das Nahen eines gewaltigen Flottenbündnisses. Eine Flotte stand unter dem Kommando von Ashikaga Takauji, eine weitere wurde durch seinen Bruder Tadayoshi angeführt und eine dritte durch Shôni Yorihisa. Dem Bündnis schloß sich unterwegs noch der Flottenverband der Hosokawa, der von der Insel Shikoku kam, an. Anfang Juli warfen die Schiffe von Ashikaga Takauji Anker im Hafen von Akashi, während die seines Bruders bei Ichi-no-Tani vor Anker gingen, worin man ein gutes Omen sah.49
Kusunoki war sich im Klaren darüber, daß er, selbst, wenn er seine Kräfte mit denen von Nitta Yoshisada, des anderen kaisertreuen Anführers, vereinte, in einer regulären Schlacht gegen solch eine Übermacht keine Chancen hätte. Er schlug daher Go-Daigo vor, sich erneut auf den Berg Hiei zurückzuziehen, während er selbst die feindlichen Truppen in einem Guerillakrieg, geführt durch seine darin erfahrenen Samurai und Gruppen von Kriegermönchen, zermürben würde. Und wenn der Gegner auf diese Weise dezimiert worden sei, würden die Truppen Nittas ihnen in den Rücken fallen. Go-Daigos strategisches Gespür war allerdings nicht besser entwickelt als sein Gespür für Politik, das so kläglich versagt hatte, als es darum ging, jene zu belohnen, die ihm die Rückkehr aus dem Exil ermöglicht hatten. Er gab Befehl, die Truppen Ashikagas bei Hyôgo50 frontal anzugreifen, was ein vollkommen unsinniges Unterfangen war. Kusunoki Masashige, der den Gegner besser kannte als jeder andere, wußte, daß dies seine letzte Schlacht sein würde. Aber seine Treue kannte keine Grenzen. Er beugte sich dem kaiserlichen Befehl, ohne darüber zu diskutieren und bereitete sich auf die Begegnung mit dem Feinde vor.
Dabei befolgte er auf musterhafte Weise den Ehrenkodex der Samurai. Zunächst verfaßte er sein Abschiedsgedicht51. Daraufhin ließ er seinen Erstgeborenen, den 10jährigen Masatsura, zu sich kommen und erklärte ihm, warum er in eine Schlacht ziehen würde, die er unausweichlich verlieren mußte. Das Taiheiki überliefert seine letzten Anweisungen mit den folgenden Worten: »Drei Tage nach der Geburt ihres Jungen stößt es die Löwin von einem Felsen in die Tiefe. Wenn das Löwenjunge stark genug ist, wird es auf sich selbst gestellt überleben. Du bist jetzt mehr als zehn Jahre alt. Erinnere dich an meine Worte und diene eines Tages selbst der Sache des Kaisers.«
Kusunoki bezog Stellung auf dem rechten Ufer des Minato-Flusses bei Hyôgo. Mit dem Rücken zum Fluß erwartete er am 5. Juli 1336 den Ansturm von drei Einheiten der gegnerischen Armee, insgesamt 35 000 Männer. Die Kaisertruppen verfügten über 17 000 Krieger, aber ihr Heer war zweigeteilt, und bei Kusunoki befanden sich lediglich 4 000 Kämpfer, die anderen unterstanden Nitta. Ashikaga Tadayoshi, der Bruder von Takauji, stand zum frontalen Angriff bereit. Shôni, der mit seinen Truppen das Ufer entlangmarschiert kam, und Shiba, der auf einer kleinen Anhöhe zu seiner Rechten stand, bedrohten ihn an den Flanken.
Nitta hielt das gegenüberliegende Flußufer und lauerte der Flotte Hosokawas auf, um zu verhindern, daß sie landete und Kusunoki von hinten überfiel. Es gelang ihm tatsächlich, den ersten Landungsversuch zu vereiteln. Das war der Auftakt für eine Schlacht, die von 10 Uhr am Vormittag bis um 17 Uhr dauern sollte. Hosokawa ließ seine Boote weiter nach Osten treiben, bis zum Ikuta-Fluß, wo es ihm gelang, seine Truppen an Land gehen zu lassen. Nitta marschierte ihnen unverzüglich entgegen. Shôni war inzwischen über den Minato übergesetzt und begann ihn zu verfolgen. Von zwei Seiten bedrängt, sah sich Nitta gezwungen, mit seinen überlebenden Kriegern vom Schlachtfeld zu fliehen.
Die Stunde der Entscheidung war gekommen. Kusunoki stand allein dem Feind gegenüber. Es war ein drückend heißer Tag, und eine unbarmherzige Sonne tauchte an diesem Nachmittag die Lebenden und die Toten in grelles Licht. Kusunoki Masashige begriff, daß er am Ende seiner Reise angelangt war. Die Rüstungen seiner Samurai troffen von Schweiß und von Blut, und durch den Kampf hatte sich ihr Sitz gelockert. Aufgrund der unaufhörlichen Angriffe wurde dermaßen viel Staub aufgewirbelt, daß die Kämpfer das Gefühl hatten, ersticken zu müssen. Aber die Tapferkeit der Leute Kusunokis kannte keine Grenze, sie schlugen sich bis zum Schluß, auch wenn es am Ende um nichts mehr ging als um die Ehre.
Von den Männern, die Kusunoki in die Schlacht von Minatogawa geführt hatte, waren bald nur noch 70 am Leben, unter ihnen Masasue, sein jüngster Bruder. Mehrmals hatten sich die Brüder im Schlachtgetümmel aus den Augen verloren. Schließlich sah Kusunoki, wie Masasue, von Pfeilen übersät wie ein Igel, schwankend inmitten zahlloser Leichen stand und mit dem Schwert auf seine Gegner einschlug. Plötzlich wußte Kusunoki, daß das Ende gekommen war, und es erfaßte ihn eine tiefe Sehnsucht nach Ruhe und Frieden. Er blutete aus elf Wunden, doch er verspürte in diesem Augenblick keinerlei Schmerzen. Er hielt inne und blickte zum Himmel, der noch immer eine Hitze ausstrahlte wie geschmolzenes Blei. Es schien ihm, daß er durch das Geschrei und den Schlachtenlärm hindurch das besänftigende Geräusch der Wellen des Flusses hören konnte. Ja, das Ende war gekommen. Jetzt und hier.
Er gab seinem Bruder und einigen Samurai, die sich in seiner Nähe wie Löwen schlugen, Zeichen. Unweit von ihnen lag ein kleiner Bauernhof. Er hatte sich dafür entschieden, dort zu sterben, wie es sich schickte, wenn alles außer der Ehre verloren war. Die letzten seiner Heldenschar hielten den Brüdern den Rücken frei, damit sie sich unbehelligt zu dem Gehöft begeben konnten. Schließlich lächelte Kusunoki und fragte Masasue: »Welches ist dein letzter Wunsch?«
»Sieben Leben in dieser Welt zu haben«, erwiderte jener mit Nachdruck, »um die Feinde des Kaisers vernichten zu können.«52
Sie wechselten einen letzten Blick und stießen sich gegenseitig ihre Schwerter in den Leib, so daß sie wie aneinandergenagelt starben. Ihre letzten Getreuen, die ihnen gefolgt waren, taten es ihnen gleich, um sich Gefangenschaft und Schande zu ersparen.
43 Jahre war Kusunoki Masashige, als er starb. Der berühmt gewordene kurze Dialog mit seinem Bruder im Augenblick ihres Selbstmords ging in die Geschichte als »Shichisei Hôkoku« (»dem Kaiser sieben Leben lang dienen«) ein und wurde später zum patriotischen Wahlspruch bei Kamikaze-Operationen im Zweiten Weltkrieg.
Drei Tage nach der Schlacht am Minato-Fluß zog Ashikaga Takauji in Kyôto ein und erklärte den Kaiser Go-Daigo erneut für abgesetzt. Go-Daigo war noch die Zeit zur Flucht geblieben. Diesmal zog er sich in eine Gemeinde auf dem Berg Hiei zurück, wo er drei Jahre später starb. Zuvor hatte er Kusunoki posthum den Titel des Sakon-e-chûjô und den kaiserlichen Rang des Shô San-i zuerkannt. Nitta Yoshisada, dessen überstürzter Rückzug die Niederlage beschleunigt hatte, blieb dem Kaiser treu und setzte seinen Kampf gegen die Ashikaga fort. Aber noch im gleichen Jahr ereilte ihn in einer Schlacht sein Schicksal. Er war 38 Jahre alt geworden.
Der Sohn Kusunokis, Masatsura, trat in die kaisertreuen Fußstapfen seines Vaters. Nach der Niederlage am Minatogawa konnte seine Mutter ihn nur mit Mühe davon abhalten, seinerseits Selbstmord zu begehen, nachdem er mit dem schrecklichen Anblick des abgetrennten und bereits verwesenden Hauptes seines Vaters konfrontiert worden war. Takauji hatte es der Witwe des Helden zukommen lassen – verbunden mit dem Ausdruck seines Bedauerns. Fast zwölf Jahre nach diesen Geschehnissen, am 4. Februar 1348, griff das erwachsen gewordene Löwenjunge mit seinen kaisertreuen Truppen, die es um sich gesammelt hatte, das Heer von Kô-no-Moronao und Kô-no-Moroyasu, der Generäle des Shôguns Ashikaga Takauji, an. Die Schlacht fand bei Shijônawate statt. Der 23jährige Kusunoki Masatsura und mit ihm der Klan der Kusunoki wurden vernichtend geschlagen.

Der Untergang Kusunoki-Klans bei Shijônawate. Nach einem Holzschnitt von Utagawa Kuniyoshi.
Ashikaga Takauji53, der große Sieger in dieser Geschichte, war bereits 1338 offiziell zum ersten Shôgun der Familie der Ashikaga erklärt worden. Der Regierungssitz des neuen Shôgunats wurde in Muromachi, einem Stadtteil von Kyôto, eingerichtet. 1339 ließ Ashikaga einen Zen-Tempel erbauen, den Tenryû-ji, den er dem Andenken an seinen kaiserlichen Gegner, Go-Daigo, widmete.
In der Galerie der tapferen Krieger des alten Japan gilt Kusunoki Masashige als eine Persönlichkeit, deren Treue zu ihrem Ehrenwort sprichwörtlich wurde. Aber der Nachruhm Kusunoki Masashiges, des großen und edlen Verlierers in dieser Geschichte, begann erst lange Zeit nach seinem Tode. Im Jahre 1563, als noch immer die Nachkommen Ashikaga Takaujis die Macht im Lande ausübten, wurde er offiziell amnestiert. Jedoch galt er zunächst lediglich als wenig bedeutsamer, treuer Samurai, der für eine verlorene Sache gekämpft hatte. Erst im 17. Jahrhundert, unter den Tokugawa, begann seine Glorifizierung. Noch größere Verehrung wurde ihm während der Meiji-Restauration am Ende des 19. Jahrhunderts zuteil. 1872 wurde an dem Ort, an welchem er sich den Tod gab, ein Shintô-Tempel errichtet. Seinen Höhepunkt erlebte der Nachruhm Kusunokis während der Zeit der japanischen Militärherrschaft zwischen 1930 und 1945. 1945 wurde der Gegenangriff der Kamikaze-Flieger auf die amerikanische Pazifikflotte unter dem Codenamen »Kikusui« durchgeführt. Kikusui bedeutet »Chrysantheme auf dem Wasser«, und der Name sollte an die Chrysantheme erinnern, die das Wappen des großen Samurai zierte. Noch heute kann man eine Reiterstatue aus Bronze mitten auf der Esplanade des Kaiserpalastes in Tokio bewundern, die die Inschrift »Kusunoki Masashige« trägt. Früher war der Name noch mit dem Zusatz dainankô, »der Große«, versehen, doch im Zuge der traumatischen Niederlage der Japaner von 1945 wurde der Zusatz entfernt. Während zahlreiche Statuen ähnlicher Art, die in den Parks und in den Schulhöfen gestanden hatten, nach dem Zweiten Weltkrieg zerstört wurden, hat man die des treuen Dieners des Kaisers Go-Daigo verschont.
Doch unabhängig davon, wie die verschiedenen politischen Parteien seinen Namen für ihre Zwecke ausnutzten, bleibt der Gefolgsmann des Go-Daigo in der Geschichte des japanischen Mittelalters ein Musterbild an Loyalität, Vaterlandsliebe und Heldenmut bis zur Selbstaufopferung. Er verkörperte den Typus des einsamen Getreuen, der zum Märtyrer wurde. Er war das vollendete Beispiel eines Samurai, der lange Zeit unbesiegbar war, weil er seine Kraft aus seiner Aufrichtigkeit (makoto) schöpfen konnte, und dies in einer Zeit, die durch Intrigen und das Trachten nach persönlichem Vorteil geprägt war. Seine Niederlage, aber auch sein Ruhm, erwuchsen daraus, daß er nicht mehr und nicht weniger war als ein ergebener Diener, und dies aus freien Stücken. Sein Dasein war von dramatischer Schicksalhaftigkeit geprägt, und es ist von jener für Japan charakteristischen Melancholie angesichts der Vergänglichkeit aller Dinge (mono-no-aware) durchdrungen.
Die nachhaltigste Spur, die Kusunoki Masashige in der Geschichte seines Landes hinterlassen hat, betrifft allerdings die Militärordnung. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts war die Kriegskunst bedeutenden Wandlungen unterworfen. Die unaufhörlichen Kleinkriege, mit denen Kusunoki die Truppen Ashikagas bedrängte, führten zu entscheidenden Veränderungen in der Ausrüstung der Kämpfer. Die Krieger mußten sich während der Auseinandersetzungen in den bergigen Regionen daran anpassen, daß sie zu Fuß kämpfen mußten und daß es häufig zu Zweikämpfen kam. Der Guerillakrieg, wie ihn Kusunokis Samurai während der Belagerungen der Festungen von Akasaka und Chihaya führten, offenbarte, daß leichtere Rüstungen und leichtere Waffen von Vorteil sein würden. Auch zeigte sich, wie wichtig es war, daß sowohl die Angriffs- als auch die Verteidigungswaffen für den Nahkampf geeignet waren. Somit war die Kriegsführung des Kusunoki Masashige der Auftakt für einen tiefgreifenden Wandel der Kriegstaktik.
»Selbst Millionen Schwerter werden zu einem einzigen Schwert.«
Tsukahara Bokuden – der »Schwertheilige« aus Kantô
Das Genie aus Kantô
Tsukahara Bokuden54, der in der Geschichte auch unter den Namen Urabe Takamoto und Tsukahara Shinemon bekannt wurde, wurde 1489 in dem Dorf Tsukahara55 geboren. Sein Kindername war Yoshikawa Kotarô. Sein Heimatdorf lag in der Nähe des Shintô-Tempels von Kashima, Kashima-jingû, der seit Jahrhunderten von den Kriegern Ostjapans als Sitz ihres Kriegsgottes Hachiman angesehen wurde. Er war der zweitgeborene Sohn von Urabe Kakuken, eines Priesters dieses Tempels, der auch sein erster Lehrer im Schwertkampf, kenjutsu, wurde. Er liebte das Fechten mit dem Holzschwert (bokken56) über alles. Es heißt sogar, daß er als Kind, wenn er weinte, nur dadurch getröstet werden konnte, daß er trainieren durfte.
Tatsächlich war das Umfeld, in dem Kotarô aufwuchs, einzigartig. Die nur 15 Kilometer voneinander entfernten Tempel von Kashima und Katori waren beide den Göttern der Kampfkünste geweiht, und sie waren Zentren des Shinden-ryû, einer Schule des Schwertkampfes. Direkt aus Kashima stammte eine alte Kampfkunst, die die dortigen Priester über Generationen unter dem Namen Kashima Shin-ryû bzw. Kashima-no-tachi überliefert hatten. Letztere Bezeichnung spielt auf die Zeit an, in der das Langschwert, tachi, gebräuchlich war und noch nicht das katana, ein Schwert mit kürzerer Klinge. Der Tempel von Katori existiert noch heute. Er befindet sich auf dem Gebiet der Provinz Shimousa. Dort hatte Iizasa Chôisai Ienao eine berühmt gewordene mystische Vision, in deren Folge er seine Schule Tenshin Shoden Katori Shintô-ryû gründete.57
Bokuden hatte also das Glück, von den Meistern zweier Schwertschulen lernen zu können, auch wenn der Schwerpunkt seiner Ausbildung auf den Lehren des Kashima-Stils lag. In seinem zwölften Lebensjahr wurde er durch Tsukahara Tosa-no-Kami Yasumoto adoptiert. Dieser war der Herr der nahegelegenen Burg und auch ein großer Anhänger der Kampfkunst mit dem Schwert. Ein Freund seines Vaters, Matsumoto Naokatsu, hatte Kotarô dem Burgherren vorgestellt. Matsumoto war ebenfalls ein ruhmreicher Samurai, der in verschiedenen Schlachten bereits Hunderte Feinde getötet hatte. Auch hatte er einst Tsukahara Yasumoto selbst die Kunst des Kashima Shin-ryû gelehrt, so daß seine Empfehlung, den Jungen zu adoptieren, gern angenommen wurde. Seine neue Familie gab Kotarô den Namen Tsukahara Shinemon Takamoto. Seine ungewöhnlichen Fähigkeiten wurden schnell erkannt. Er machte rasche Fortschritte. Seine Lehrer zählten zu den größten Experten der »sieben Schulen aus Kantô«, welche die sieben Regionen in der Umgebung von Edo (Tokio) vertraten. Der Jüngling wurde schon bald in der ganzen Gegend für sein Können berühmt, und man gab ihm den Spitznamen »Genie aus Kantô«.58 Er war vom Schwertkampf geradezu besessen und trainierte unaufhörlich. Aber sein bescheidener und sanfter Charakter veränderte sich nicht im geringsten.
»Vater«, sagte eines Tages der Jüngling zu seinem Adoptivvater, »bitte helft mir dabei, daß ich meine Schwerttechnik verbessern kann.«
»Das ist sicher keine schlechte Idee«, erwiderte dieser. »Aber von wem könntest du denn noch etwas lernen?«
»Um ehrlich zu sein, ich habe mir erlaubt, Matsumoto Sensei um Rat zu fragen wegen eines neuen Lehrmeisters. Aber natürlich werde ich nichts tun, womit Ihr nicht einverstanden seid.«
»Nun gut, welchen Namen hat Matsumoto Sensei denn genannt?«
»Er sagte, daß Ihr und ich jeweils einen Namen auf ein Blatt Papier schreiben sollen, und wenn wir beide den Namen aufschreiben, den Matsumoto Sensei selbst notiert hat, dann sollte das der geeignete Lehrer sein.«
Jeder schrieb einen Namen auf ein Blatt Papier. Und tatsächlich stand auf jedem Blatt ein und derselbe Name, Kamiizumi Ise-no-Kami Nobutsuna59. Dieser war ein Meister des Shinkage-ryû. Takamoto begab sich also, versehen mit Empfehlungsschreiben seines Adoptivvaters und seines Lehrers, nach Minowa, wo sich das dôjô von Nobutsuna befand. Er war zu jener Zeit 17 Jahre alt.
Für die Ehre des Kamiizumi-dôjô
Kamiizumi Nobutsuna hatte früher gemeinsam mit Matsumoto Naokatsu das Kashima Shin-ryû erlernt. Er war schließlich in seine Heimat Minowa zurückgekehrt und hatte dort die Schule des Shinkage-ryû gegründet, in die er seine Kenntnisse aus dem Shin-ryû und die Techniken des Aizu Kage-ryû einfließen ließ. Letztere Kampfkunst war durch Aizu Ikôsai60 begründet worden. Nobutsuna hatte sie von seinem Vater Hidetsuna erlernt. Der Meister aus Minowa war bereits hochberühmt, als der junge Takamoto zu ihm kam. Sein dôjô ähnelte einer kleinen Burg. Zu seinen Schülern zählten Hikida Bungoro, Shingo Izu, Yagyû Muneyoshi, Matsuda Oribenosuke, Okudaira Kyngasai und viele andere, die ihrerseits allesamt in der Folge bedeutende Lehrmeister des Schwertkampfes wurden.
Dank seiner Empfehlungsschreiben wurde Takamoto vorbehaltlos aufgenommen. Dies galt zumindest für den Meister. Da es sehr ungewöhnlich auf dem Gebiet der Kampfkünste war, daß ein Anwärter ohne weiteres in eine Schule aufgenommen wurde, waren die anderen Schüler zunächst skeptisch und wollten erst einmal die Fähigkeiten ihres neuen Mitstreiters mit eigenen Augen begutachten. Aber sie mußten sehr schnell erkennen, daß der Neuankömmling ihnen trotz seiner jungen Jahre gewachsen war. Nachdem er sich, wie der Brauch es verlangte, höflich vor ihnen verneigt hatte, stellte er sich jedem einzelnen der Schüler nacheinander im Wettstreit mit dem bokken. Er besiegte sie alle, und dies ohne die geringsten Schwierigkeiten.
Als er 21 Jahre alt war, geschah etwas Außergewöhnliches. Nobutsuna selbst forderte seinen Schüler heraus, ihn mit dem bokken anzugreifen, und diesem gelang es, seinen Lehrer zu besiegen. Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile, und Takamoto wurde nun »der beste unter den Japanern aus Minowa« genannt. Nobutsuna bewies Seelengröße. Er war nicht im mindesten gekränkt, sondern freute sich darüber rückhaltlos. Er lehrte Takamoto sogar die geheimsten Lehren (okuden) seiner Schule. Nobutsuna ernannte ihn zu seinem Gehilfen, der nun selbst Unterricht erteilen durfte.
Wenig später hatte Takamoto Gelegenheit, sich für das Wohlwollen seines Meisters zu revanchieren. Enkai, ein räuberischer Kriegermönch (Yamabushi) von riesenhaftem Wuchs, überfiel mit einer Gruppe Yamabushi aus den in der Provinz Dewa gelegenen Haguro-Bergen das dôjô Nobutsunas. Dank der überragenden Fechtkünste Takamotos konnte der Angriff jedoch abgewehrt und die furchterregenden Yamabushi in die Flucht geschlagen werden. Damit war die Ehre seines Meisters und seiner Schule gerettet worden.
Das Turnier im Tempel von Kashima
Im Jahre 1511 erreichte eine Botschaft des Shôguns Ashikaga den Tempel von Kashima. Der Shôgun verlangte, daß man den besten Vertreter der »sieben Schulen von Kantô« nach Kyôto entsandte, damit er dort im Zweikampf gegen den Meister der Kaiserstadt antrat. Die »acht Schulen aus Kyôto« standen in klassischer Rivalität zu den Kampfkunstschulen aus der Gegend um Edo, d. h., aus der Region Kantô. Der Herr von Kashima beschloß daraufhin, ein Auswahlturnier zu organisieren. Am dafür festgelegten Tag kamen zahlreiche Samurai nach Kashima, die gewillt waren, die Herausforderung anzunehmen und um die Ehre zu streiten, Kashima in Kyôto zu vertreten. Der Tempel, in dem es sonst sehr ruhig zuging, füllte sich mit Zuschauern, die teilweise von sehr weit her angereist waren, um dem Schauspiel beizuwohnen. Jede Kampfkunstschule aus der Region Kantô stellte einen Kandidaten. Die Zweikämpfe versprachen äußerst spannend zu werden.
Dem 23jährigen Urabe Tsunetaka, einem älteren Halbbruder Takamotos, wurde die Ehre zuteil, die Schule seiner Familie zu repräsentieren. Doch die Dinge liefen nicht so ab, wie sie geplant worden waren. Von den ausgewählten sieben Kandidaten standen am Tag des Turniers lediglich vier auf dem Kampfplatz. Zwei der Anwärter waren am Abend zuvor in Streit miteinander geraten und hatten sich gegenseitig getötet. Und Tsunetaka wurde an der Teilnahme durch einen hinterhältigen Angriff gehindert: Kaum hatte er sich zu Bett begeben, sprang einem Schatten gleich ein Angreifer aus seinem Versteck und hieb ihm den rechten Arm ab. Bevor Tsunetaka in Ohnmacht fiel, konnte er noch um Hilfe rufen, was ihn wahrscheinlich vor einem zweiten, tödlichen Schwerthieb bewahrte. Natürlich konnte er unmöglich am Turnier teilnehmen. Aber als er aus seiner Ohnmacht erwachte, bat er ohne zu zögern darum, daß Takamoto unverzüglich an seiner Stelle zum Kandidaten berufen würde, damit er die Ehre der Familie und ihrer Schule verteidige.
Einer Überlieferung zufolge war es bei dieser Gelegenheit, daß der neuernannte Meisterkandidat der Familie Tsukahara, Takamoto, den Namen Bokuden erhielt. Eine andere spricht allerdings davon, daß erst viele Jahre später Takamoto selbst diesen Namen für sich wählte.
Der hinterlistige Angreifer war über die Berufung Takamotos bereits auf dem Laufenden, denn noch in derselben Nacht versuchte er, den neuen Kandidaten auf die gleiche Weise aus dem Felde zu schlagen wie seinen Bruder. Doch Bokuden schlief nicht. Er war überzeugt, daß der Angriff auf seinen älteren Bruder nur deshalb hatte erfolgreich sein können, weil dieser einen Moment lang seine Aufmerksamkeit hatte erlahmen lassen. All seine Sinne waren angespannt. Plötzlich spürte sein hellwacher Geist den sakki, die schreckliche Tötungsabsicht im Bewußtsein des Meuchelmörders, der sich zusammengekauert im Schatten verbarg. Er erahnte den metallischen Blitz, der aus dem Dunkel auf ihn geschleudert wurde, mehr, als daß er ihn sah, und warf sich zur Seite. Schon stand er kampfbereit, das blank gezogene Kurzschwert in der Hand. Der Angreifer stieß erneut mit seiner Lanze zu, doch er verfehlte ihn. Der Schatten des Angreifers verschwand in den Tiefen des Gartens des Hauses der Tsukahara, aber Bokuden konnte für einen Augenblick im Mondschein seine Silhouette erkennen. Mit einer knappen Bewegung schleuderte er sein Schwert in deren Richtung und traf den Flüchtigen an der linken Wade. Dennoch gelang es diesem, unerkannt zu entkommen. Bokuden setzte die Verfolgung nicht fort, er war sich sicher, ihn am nächsten Tag erkennen zu können. Er hatte guten Grund zu der Annahme, daß es sich um denselben Angreifer handelte, der wenige Stunden zuvor seinen Bruder so feige überfallen hatte. Der Morgen graute bereits. Das Turnier versprach in der Tat außerordentlich interessant zu werden.





Der Vormittag war den Opferzeremonien für die Götter und den rituellen Reinigungen vorbehalten. Die Turnierkämpfe würden am Nachmittag beginnen. Der Turnierplatz im Tempelhof war durch einen Bambuszaun von den Zuschauern abgetrennt. Es wurden zahlreiche Wetten abgeschlossen. Die Regeln waren einfach. Derjenige, der aus einem Kampf als Sieger hervorgehen würde, blieb in der Einfriedung und kämpfte daraufhin mit dem nächsten Gegner. Aus Sicherheitsgründen sollten die Zweikämpfe mit dem Holzschwert ausgefochten werden. Als sein Name aufgerufen wurde, begab sich Bokuden festen Schrittes in die Mitte des Turnierplatzes. Aber als sein Gegner, ein Kämpfer namens Ogano Sadamichi, von der anderen Seite her den Platz betrat, stutzte er einen Augenblick lang. Ogano hinkte leicht. Er versuchte es sichtlich zu verbergen, aber dem aufmerksamen Blick Bokudens entging nicht, daß er das linke Bein ein wenig nachzog. Es konnte niemand anders sein, als der nächtliche Angreifer! »Ich verlange, daß der Kampf mit dem echten Schwert geführt wird!« rief Bokuden zur allgemeinen Verblüffung laut aus.
Die Schiedsrichter versuchten ihm begreiflich zu machen, daß niemand hier Interesse an einem Kampf auf Leben und Tod hatte, aber Bokuden beharrte auf seinem Willen. Er wollte seinen Bruder rächen, der, wie er fest glaubte, von Oganos Hand verstümmelt worden war. Er erklärte den Umstehenden den Grund für seine Forderung und verlangte, daß Ogano seine linke Wade entblöße. Oganos Gesicht wurde bleich, und er verlangte Genugtuung für diese unerhörte Beleidigung. So sollte der Kampf denn also mit scharfer Klinge ausgefochten werden! Die Schiedsrichter bewahrten die Fassung und willigten schließlich ein. Die Zuschauer verstummten, ergriffen von der Dramatik der Ereignisse. Bokuden blickte haßerfüllt auf seinen Gegner, während jener leicht auf seinem verletzten Bein schwankte. Einer von ihnen würde sterben.

Samurai mit Lanze.
Ogano ging mit erhobenem, gegen die Brust Bokudens gerichtetem Schwert vor, während letzterer den Abstand mit kleinen Gleitschritten aufrechterhielt und sehr langsam das Schwert schräg über seine rechte Schulter hob. Die Spannung war nahezu unerträglich. Plötzlich ergriff Bokuden die Initiative und verkürzte den Abstand, der ihn von seinem Gegner trennte. Sofort griff Ogano an, und genau das war es, was Bokuden gewollt hatte. Bokuden drehte sich zur Seite, parierte und schlug zurück. Ogano verspürte einen scharfen Schmerz im Ellbogen. Er stürzte zu Boden und sah zu seinem Entsetzen, daß dort bereits sein rechter Unterarm in einer Blutlache lag. Ogano wurde vom Turnierplatz getragen und zu den Seinen gebracht, wo seine Wunde versorgt wurde. Doch eine derartige Entehrung vermochte er nicht zu ertragen. Kaum, daß man ihn allein gelassen hatte, beging er nach allen Regeln den rituellen Selbstmord, seppuku.
Nun waren noch vier Kontrahenten im Spiel. Higuchi Mitsuyoshi, der den Nen-ryû praktizierte, Matsumoto Masanobu Naokatsu, Bokudens alter Lehrer, der im Turnier den Shin-ryû vertrat, Kamei Shinjûrô, ein Kämpfer mit der Lanze (yari) aus dem Muhen-ryû, den man den »Phönix der Lanze« nannte, und schließlich Bokuden, der für den Shinkage-ryû eingeschrieben war, da er am Turnier als Schüler Kamiizumi Nobutsunas teilnahm. Jeder der vier galt als herausragender Meister, und die Zuschauer durften einen Wettkampf ersten Ranges erwarten. Zunächst wurden Kamei Shinjûrô und Higuchi Mitsuyoshi aufgerufen. Bokuden beobachtete sehr aufmerksam ihren Kampf, denn gegen den Sieger würde er möglicherweise antreten müssen. Große Überraschungen gab es nicht. Kamei Shinjûrô setzte seine Lanze mit großem Geschick ein, und Higuchi Mitsuyoshi wehrte die Angriffe nicht minder geschickt ab. Doch sein bokken war gegenüber der Lanze einfach zu kurz, und all seine Ausweichmanöver bewahrten ihn nicht davor, das Gleichgewicht zu verlieren und zu Boden zu fallen. Er hatte versucht, seinem Gegner allzu nahe zu kommen, und das hatte sich als taktischer Fehler erwiesen. Bokuden dachte, daß es klüger gewesen wäre, die Lanze von Kamei Shinjûrô anzugreifen, statt ihren Träger zu attackieren.

Samurai mit Schwert.
Tatsächlich wurde er als nächster in die Umzäunung gerufen. Entschlossen ging er in Bereitschaftsstellung. Shinjûrô begann sogleich, ihn mit der Lanze anzugreifen, mit Stößen und fegenden Schlägen, doch es gelang ihm, allen Angriffen auszuweichen. Plötzlich schlug Bokuden mit außerordentlicher Gewalt sein bokken gegen den Lanzenschaft, so daß dieser glatt zerbrach. Wie ein Wirbelwind drehte er sich um die eigene Achse und griff Shinjûrô von der Seite an. Aber in diesem Moment ereignete sich etwas Seltsames. Vor den wie versteinert dastehenden Zuschauern schwang sich Shinjûrô, seinem Namen »Phönix der Lanze« gerecht werdend, auf den Rest seiner Waffe gestützt, vertikal in die Höhe und über den Vorhang hinweg, hinter dem die Kandidaten darauf warteten, den Turnierplatz zu betreten, bevor Bokuden ihn auch nur mit seinem bokken berühren konnte. Ein großer Tumult brach aus. Die Zuschauer schrien vor Begeisterung, aber es gab auch Wutschreie von jenen, die mit hohem Einsatz auf Shinjûrô gewettet hatten. Doch Shinjûrô kam nicht auf den Turnierplatz zurück. Man raunte, daß er eine Technik, die den Namen »Flug des Tengu« (Tengu tobi kiro-no-jutsu) trug, eingesetzt hatte. Die Schiedsrichter diskutierten kurz miteinander und erklärten darauf Bokuden zum Sieger.
Ein Kampf blieb noch zu bestehen. Bokuden mußte gegen Matsumoto Masanobu antreten, und dieser war nicht irgend jemand. Nicht nur, daß Matsumoto doppelt so alt war wie er und sein Ruf als vollendeter Krieger unerschütterlich war – er war einst sein Lehrer gewesen und Schüler seines Vaters! Bokuden hatte ihm vieles zu verdanken, und das Bewußtsein davon machte die Angelegenheit für ihn nicht einfach. Dennoch fand der Kampf statt, und er war von Anfang bis Ende vom Geiste gegenseitigen Respekts durchdrungen. Matsumoto verfügte über größere technische Erfahrung, Bokuden über die Energie der Jugend. Plötzlich zerbrach Bokudens bokken unter einem Schlag der gegnerischen Waffe. Er warf den Rest des Holzschwertes zu Boden und verlangte, daß der Kampf unbewaffnet, mit bloßen Händen fortgesetzt würde. Dies war eine in solchen Situationen verbreitete Praxis. Matsumoto, der ein ehrenhafter Mann war, warf sofort seine eigene Waffe weg. Die beiden Männer ergriffen einander und rollten über den Boden. Dem 44jährigen Krieger ging bald der Atem aus. Mit einer raschen Bewegung setzte Bokuden Matsumoto seine Handkante an die Kehle. Wäre es eine Klinge gewesen, so wäre Matsumoto ein toter Mann gewesen. Die Schiedsrichter erklärten, daß Matsumoto den Kampf mit dem Schwert gewonnen habe und Bokuden den unbewaffneten Kampf. Das Ergebnis sei deshalb unentschieden. Matsumoto jedoch erklärte edelmütig seinen ehemaligen Schüler zum Gewinner. Auf diese Weise wurde Tsukahara Bokuden zum Meisterkandidaten gekürt, der zum Turnier, das bald in der Kaiserstadt Kyôto stattfinden sollte, antreten würde.
Die feinste Klinge Japans
Es gab sehr viele Schwertkämpfer in Kyôto, seit zu Anfang des 14. Jahrhunderts der Sitz der Militärregierung, des Bakufu, von Kamakura dorthin verlagert worden war. Kyôto war seither das politische und kulturelle Zentrum des Landes und auch Hauptstadt der Kampfkünste. Die Legende besagt, daß die »acht Schulen von Kyôto« auf den buddhistischen Mönch Kiichi Hogen zurückgingen, der im 11. Jahrhundert eine besondere Schwertkampfkunst entwickelt haben soll. Weiter heißt es, daß er diese Kunst acht Mönchen vom Berg Kurama gelehrt habe, von denen jeder in der Folge eine eigene Schule gründete. Sämtliche Schwertkämpfer aus Kyôto gehörten einer dieser Schulen an. Alle acht Schulen vermittelten eine Kampfkunst auf gleichermaßen hohem Niveau. Auch in Kyôto gab es demzufolge ein Auswahlturnier in Vorbereitung des großen Wettkampfes. Es fand im Garten des Ministers Hosokawa statt. Am Ende standen sich der 47jährige Okamoto Shunko und der 31jährige Ochiai Yoshitsugu gegenüber. Es gab in diesem letzten Kampf keinen klaren Sieger, aber die Schiedsrichter erklärten schließlich Okamoto Shunko zum Gewinner. Diese Entscheidung wurde durch den darüber in höchstem Maße erzürnten Ochiai angefochten, aber seinem Einspruch wurde nicht stattgegeben.
Somit war entschieden, daß Okamoto Shunko in den Tempelgärten von Kiyomizu (Kiyomizu-dera) in Gegenwart des Shôguns Ashikaga Yoshitada gegen Bokuden zum Zweikampf antreten würde. Am Tag der Entscheidung drängten sich zahlreiche Vasallen des Shôguns und angesehene Persönlichkeiten aus Kyôto um den Turnierplatz, der durch Stoffbahnen von den Zuschauern getrennt war. Die beiden Meisterschaftskandidaten erschienen. Sie verneigten sich ehrfurchtsvoll vor dem Shôgun, dann vor den Schiedsrichtern und nahmen schließlich wenige Meter voneinander entfernt Bereitschaftshaltung ein. Bokuden sah seinen Gegner, der vom Alter her sein Vater hätte sein können, zum ersten Mal. Er konzentrierte sich auf seine Atmung und versuchte, seine Aufmerksamkeit nicht vom gegnerischen bokken fesseln zu lassen, das völlig bewegungslos im Raum zu stehen schien. Als er plötzlich angriff, war es, als hätte sein Schwert die Entscheidung hierfür gefällt, der Regel entsprechend, daß das Schwert gleichsam aus der Oberfläche eines ruhigen Gewässers hervorbrechen möge. Okamoto parierte den Schlag, wie Bokuden es erwartet hatte. Aber der junge Kämpfer hatte den Schlag nicht mit vollem Einsatz geführt, so daß er sein bokken blitzschnell zurückziehen und unmittelbar darauf einen heftigen Schlag auf die gegnerische Waffe ausführen konnte. Das bokken Okamotos zerbarst, und Bokuden, der seine Waffe vollendet unter Kontrolle hatte, setzte energisch deren Spitze an den Hals des Gegners. Der Kampf war beendet. Er war nun unangefochten der beste unter den Schwertkämpfern Japans, und der Bericht von dem Kampf verbreitete sich in Windeseile in der Stadt und bald auch im ganzen Lande.
Bokuden beschloß, für einige Zeit in Kyôto zu bleiben. Seine Berühmtheit war bereits so groß, daß er regelmäßig von den Persönlichkeiten der Stadt eingeladen wurde. Auch führte sein Ruf schon sehr bald verschiedene Schwertkämpfer zu ihm, die ihn darum baten, von ihm unterrichtet zu werden. Es heißt, daß die Erfindung des Bambusschwerts auf ihn zurückgeht, auch wenn manche Chronisten sie Kamiizumi Hidetsuna, der eine Generation später auf den Plan trat, zuschreiben. Das Bambusschwert, fukuro-shinai, bestand aus Bambuslamellen, die in eine Lederhülle gestopft wurden. Es war dafür bestimmt, das bokken für die Trainingskämpfe im dôjô zu ersetzen. Die Schläge wurden durch die verhältnismäßig flexible Klinge gedämpft. Diese Erfindung erlaubte sehr harte Trainingspraxis, ohne daß dabei schwere oder gar tödliche Unfälle, wie sie beim Umgang mit dem bokken oft vorgekommen waren, in Kauf genommen werden mußten.
Mit 23 Jahren war Bokuden bereits eine Persönlichkeit ersten Ranges. Keinem, der ihm beim Fechten zusah, konnte sein ausgeprägtes Gespür für den Kampf entgehen. Exemplarisch hierfür ist die folgende verbürgte Begebenheit. Eines abends war er bei Rokkaku, einem hohen Herrn, zum Abendessen geladen gewesen. Nachdem er sich verabschiedet hatte, begleitete ihn ein Diener zum Ausgang, der sich am Ende eines langen Korridors befand. Plötzlich befiel ihn ein deutliches Gefühl drohender Gefahr. Es äußerte sich in einem anhaltenden Schauder entlang seiner Wirbelsäule. Ohne auch nur einen Augenblick nachzudenken, zog er in dem Moment, als er an einem großen Wandschirm vorüberging, sein Kurzschwert, das wakizashi. Seine Bewegung war kaum wahrnehmbar, aber der leichte Stoff zerriß und färbte sich sofort mit Blut, und es war ein dumpfes Geräusch hinter dem Schirm zu vernehmen. Der Diener rief sogleich um Hilfe, und man entdeckte hinter dem Schirm die in sich zusammengesunkene Gestalt eines schwarzmaskierten Mannes, dessen Körper von der Schulter bis zum Bauch aufgeschlitzt war. Die Verblüffung wuchs noch mehr, als man den Leichnam als den des Ochiai Yoshitsugu identifizierte, jenes Kämpfers, der so vehement gegen den Sieg Okamoto Shunkos Einspruch erhoben hatte. Er hatte die Kränkung, daß der Fremdling Bokuden die örtlichen Meister deklassiert hatte, nicht ertragen können. Als man Bokuden fragte, warum er denn nicht daran gedacht habe, sein katana zu verwenden, das über eine längere Klinge verfügte, antwortete er ganz selbstverständlich, daß er wohl intuitiv daran gedacht haben mußte, daß auf diese Entfernung und in einem solch engen Korridor sein Langschwert nicht geeignet gewesen wäre, denn es wäre ihm nicht einmal die Zeit geblieben, es zu ziehen.
Der Kenshi
Bokuden war zum unangefochtenen Meister geworden. Er galt nun als kenshi, als »Heiliger des Schwerts«, dessen Fähigkeiten die der gewöhnlichen Sterblichen überstiegen. Die Schnelligkeit, mit der er seine Techniken ausführte, und dies stets vollkommen beherrscht und auf natürlichste Weise, grenzte ans Wunderbare. Er war das Gesprächsthema in Kyôto. Natürlich waren auch etliche Frauen in den schönen jungen Mann verliebt, der so voll Kraft und Anmut war. Nachdem er sechs Monate lang in der Stadt geweilt hatte, entschloß er sich dennoch, sie zu verlassen, nicht ohne zu versprechen, wiederzukommen. In dieser Zeit geschah es, daß er Yuki kennenlernte, die Tochter eines Priesters im Tempel von Kashima.
Dies ereignete sich während eines Festessens, das im Frühjahr anläßlich des Kirschblütenfestes stattfand. Bokuden saß am selben Tisch wie Okamoto Toshinao, der Sohn Okamoto Shunkos, den er während des Turniers von Kyôto besiegt hatte. Toshinao war während des Turniers nicht in Kyôto gewesen, und er hatte nicht begreifen können, wie es möglich gewesen war, daß sein Vater den Zweikampf verloren hatte. Er hatte daraufhin Bokuden zum Kräftemessen herausgefordert, doch dieser hatte ihn im friedlichen Wettstreit klar besiegt. An jenem Tage sah er seine Chance für eine Revanche gekommen, und dies vor einem großen Publikum. Unverhofft erhob er sich von der Tafel und ging in den Garten zu einem Kirschbaum. Alle Blicke folgten ihm. Man sah kaum, daß er eine Bewegung gemacht hatte, aber alle hatten seinen kraftvollen kiai61 vernommen. Verblüfft sahen die Gäste, daß Toshinao in der Linken einen abgetrennten Zweig des Kirschbaums hielt und in der Rechten sein katana, während Blütenblätter auf ihn herabschneiten. Toshinao begab sich zu einer jungen Frau und überreichte ihr den Zweig mit den folgenden Worten: »So ist es am Hofe von Kyôto Brauch, wenn ein Mann der schönsten Frau einer Gesellschaft die Ehre erweisen will.« Dabei warf er einen kurzen, selbstgefälligen Blick auf Bokuden, während die Höflinge ihm für seine Glanzleistung applaudierten.
Bokuden fühlte sich genötigt, es Toshinao gleich zu tun, auch wenn es ihm widerstrebte. Nach einigem Zögern zuckte er mit den Schultern und begab sich ebenfalls zu dem Baum. Man vernahm kaum seinen kiai, den er mit sehr tiefer Stimme ausstieß. Schon steckte sein Schwert wieder in der Scheide, und er hielt einen Kirschzweig in der rechten Hand. Kein einziges Blütenblatt taumelte zu Boden. Vor einer Zuschauerschaft, die vor Ergriffenheit stumm war, überreichte er Yuki, in die er verliebt gewesen war, seit er sie zum ersten Male gesehen hatte, den Blütenzweig.
Zutiefst verärgert beschloß Toshinao, die Schmach mit Blut zu bereinigen. Als der Abend kam, verbarg er sich im Garten und wartete den Einbruch der Nacht ab. Das Schicksal schien ihm zu lächeln, denn während des Abends verließ Bokuden die Festgesellschaft und ging in den Garten, um sich ein wenig an die frische Luft zu begeben. Er setzte sich auf einen Stein, um die Sterne zu betrachten. Kaum hatte er Platz genommen, kam ein zahmes Reh zu ihm und ließ sich von ihm den Kopf streicheln. Aber sein außerordentliches Gespür für drohende Gefahr ließ ihn auch diesmal nicht im Stich. Er fühlte plötzlich, wie dem Dunkel des Gartens ein leichter, unerklärlicher Windhauch entströmte. Ohne etwas zu sehen, wußte er ohne den geringsten Zweifel, daß sich vor ihm jemand befand, der bereit war, mit seiner Lanze einen tödlichen Stoß gegen ihn zu führen. Plötzlich erklang das Geräusch von Metall, das auf Stein schlägt. Toshinao hatte seine Waffe fallenlassen. Das Schwert, daß Bokuden mit der linken Hand gezogen hatte, hatte ihn von oben nach unten aufgeschlitzt. Die rechte Hand Bokudens, der noch immer auf dem Stein saß, hatte unterdessen ruhig auf dem Hals des Rehs gelegen.
Eine andere Geschichte über den berühmten kenshi erzählt davon, wie er im Gebirge dem Samurai Asakura Shûzen begegnete. Ein unerbittlicher Kampf entspann sich, und Bokuden geriet ernsthaft in Bedrängnis. Schließlich ließ er sich absichtlich vom wakizashi Shûzens an der linken Schulter treffen, um Gelegenheit zu einem entscheidenden Gegenschlag zu bekommen. Mit einem Rückhandschwertstreich trennte er daraufhin seinem hartnäckigen Gegner das Haupt vom Rumpf.
Auch wenn er diesen Kampf gewonnen hatte, so ging ihm an jenem Abend doch der Gedanke durch den Kopf, daß es im Lande wahrscheinlich etliche Samurai gab, die zwar kaum bekannt waren, aber deren kämpferische Fähigkeiten tatsächlich so groß waren, daß seine Schwerttechnik ihn nicht sicher vor bösen Überraschungen schützen würde. Er grübelte lange darüber nach, und das Gesicht Aizu Ikôsais trat vor sein inneres Auge. Dieser Mann von 65 Jahren war Schiedsrichter bei seinem letzten Kampf in Kyôto gewesen. Er hatte ihm dafür gratuliert, daß es ihm gelungen war, den Mordversuch Ochiai Yoshitsugus, der hinter dem Wandschirm auf ihn gelauert hatte, vereitelt zu haben. Er erinnerte sich an die Worte, die er zu ihm gesagt hatte, und deren Sinn er bisher nicht vollständig hatte begreifen können: »Seid nachsichtig gegenüber dem, was ich Euch sagen werde, denn nur ein alter Mann, wie ich es bin, darf es sich erlauben, solches zu sagen. Es ist sehr gut, daß es Euch gelungen ist, die Mordabsicht von Ochiai zu erfassen. Das hat Euch zweifelsohne das Leben gerettet. Aber Ihr seid noch nicht zum höchsten Wissen gelangt, denn hättet Ihr die Mordabsicht früher wahrgenommen, dann hättet Ihr nicht nur Euch selbst, sondern auch Ochiai das Leben retten können. Ihr müßt wissen, in meinem Alter zieht man es vor, zu handeln, ohne zu töten.«
Das ist es, dachte Bokuden. Er brauchte noch etwas anderes als seine Geschicklichkeit. Aizu Ikôsai hatte es auf den Punkt gebracht. Jener hatte ihm anvertraut, daß er sich in seiner Jugend in eine Höhle auf der Insel Kyûshû zurückgezogen hatte, um dort zu meditieren und für sich allein zu trainieren. Es hieß, daß Aizu Ikôsai dort echte Erleuchtung erfahren hatte, die zweifelsohne auf das Eingreifen einer Gottheit zurückzuführen war. In der Folge hatte er seine eigene Kampfkunstschule gegründet, das Kage-ryû, die Schule des Schattens. Nachdem ihm all diese Gedanken und Erinnerungen durch den Kopf gegangen waren, faßte Bokuden einen Entschluß. Auch er würde sich in die Einsamkeit zurückziehen, und zwar für nicht weniger als tausend Tage!
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