Kitabı oku: «Iaidô»

Yazı tipi:

Roland Habersetzer

Iaidō

Die Kunst, das Schwert zu ziehen

Aus dem Französischen

von Frank Elstner

Palisander

Danksagungen

Die erste Ausgabe dieses Buches erschien im Juni 1991 im Verlag Editions Amphora (Paris). An der Darstellung der kata wirkten José Lobo und Serge Santoro mit, die zu jener Zeit aktive Mitglieder des Centre de Recherche Budo waren und denen der Autor seinen Dank ausspricht. Die Zeichnungen und Bildtafeln zu den Formen und den Techniken entstanden nach Fotografien von Thierry Rocheron und Patricia Santoro, denen hiermit ebenfalls gedankt sei.

Die vorliegende Ausgabe, die auf der französischen Neuausgabe von 2009 basiert, wurde vollständig überarbeitet und um einige Abschnitte erweitert. Dies betrifft insbesondere die Beschreibungen der kata, welche zudem um zwei Formen, die seit 2001 offiziell zum Zen Nippon Kendō Renmei Iai zählen, erweitert werden konnten. Hierfür dankt der Autor Jean-Pierre Raick, 7. Dan Zen Nippon Kendō Renmei, dem technischen Direktor der Europäischen Kendō-Föderation, der Dachorganisation für kendō, iaidō und jōdō in Europa.

Deutsche Erstausgabe

1. Auflage 2014

Titel der Originalausgaben:

Découvrir le Iaido

© 1991 by Éditions Amphora s.a., Paris

Iaido. L‘art de tirer le sabre

© 2009 by Budo Édition, Noisy sur École

Deutsch von Frank Elstner

© 2014 by Palisander Verlag, Chemnitz

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Umschlaggestaltung: Anja Elstner

Lektorat: Palisander Verlag

Redaktion & Layout: Palisander Verlag

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016

ISBN 978-3-938305-81-2

www.palisander-verlag.de


Hanshi Roland Habersetzer


Roland Habersetzer

Centre de Recherche Budo – Institut Tengu (CRB-IT)

7b, rue du Looch

67530 Saint-Nabor (Frankreich)

www.tengu.fr

Deutsche CRB-IT Website:

www.wslang.de/​karatecrb/​

Der Autor

Sensei Roland Habersetzer, Jahrgang 1942, seit 1974 Leiter des von ihm gegründeten »Centre de Recherche Budo – Institut Tengu« (Budō Kenkyukai – Tengu Gakuin) begann 1957 die Kampfkünste zu erlernen, zunächst Judo und schon bald darauf Karate. 1961 wurde er einer der ersten französischen Schwarzgurtträger im Karate. Seither ist er mit Leidenschaft als Lehrer dieser Kampfkunst tätig.

Im Jahre 1968 erschien sein erstes populärwissenschaftliches Buch über die Kampfkünste. Heute besteht sein Werk aus nahezu 80 Büchern, was ihn zum Autor der weltweit bedeutendsten Buchreihe auf diesem Gebiet werden läßt. Seine Bücher, die zum Teil in mehrere Sprachen übersetzt worden sind, gelten in allen frankophonen Ländern als historisches, technisches und pädagogisches Standardwerk. Auch in vielen anderen Ländern besitzen sie hohes Ansehen.

Durch sein Wirken im Rahmen des CRB, durch zahlreiche Lehrgänge und Seminare auf der ganzen Welt und natürlich auch durch seine technischen Handbücher und historischen Werke leistete er echte Pionierarbeit, damit die traditionellen Werte seiner Kunst nicht verloren gehen. Zwischen 1962 und 2002 unterrichtete er in seinem Dōjō in Straßburg Karate, Kobudō und Taijiquan. Stets umfaßte sein Ausbildungskonzept sowohl die Kampftechniken als auch deren kulturellen Hintergrund. Nach wie vor ist er als Budōka sehr aktiv, auch wenn sich seine Lehrtätigkeit inzwischen auf wenige Lehrgänge und Seminare hohen Anspruchs pro Jahr beschränkt.

Nachdem er verschiedene Graduierungen in Frankreich, Japan und China erhalten hatte, wurde Roland Habersetzer im April 2006 in Japan durch O-Sensei Ogura Tsuneyoshi der Titel eines Hanshi verliehen (9. Dan des Gembuko-Dōjō) sowie der Titel eines Sōke (Meister-Gründer) für seinen eigenen Kampfkunststil »Tengu no michi« (»Weg des Tengu«) verliehen.

Parallel zu seiner Tätigkeit als Budōka verfolgt er mit seiner Schule des Tengu eine neue Forschungsrichtung auf dem Gebiet der Kampfkünste. Das Ziel besteht darin, auf Grundlage des Studiums und des praktischen Vergleichs zahlreicher Formen des Kampfes mit und ohne Waffe zu einem umfassenden Konzept der Selbstverteidigung zu gelangen, das den Gegebenheiten des heutigen Lebens gerecht wird.

Illustrationen

Alle Zeichnungen und Bildtafeln entstammen der Feder des Autors, mit Ausnahme der Zeichnungsfolge auf S. 140 bis 144, deren Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Weinmann-Verlags, Berlin, erfolgte. Fotos auf S. 5 (Autorenfoto), S. 23, 39, 152 und 153: Roland Habersetzer. Foto auf S. 16: Budo magazine (mit freundlicher Genehmigung). Fotos auf S. 21, 38 und 60: Jean-Pierre Raick (mit freundlicher Genehmigung). Foto auf S. 49: Martial Arts International (mit freundlicher Genehmigung). Fotos auf S. 46 und 47: Eugène Crespin (mit freundlicher Genehmigung). Foto auf S. 146: Kendo-nippon (mit freundlicher Genehmigung). Foto auf S. 42: gemeinfrei. Abbildung auf S. 81: gemeinfrei.

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Danksagungen

Impressum

Der Autor

Illustrationen

Das Wesentliche in wenigen Worten

1. Der Geist: Ein Augenblick, der über Leben und Tod entscheidet

1.1. Iaijutsu: Angreifen beim Ziehen des Schwertes

1.1.1. Battōjutsu oder kenjutsu – die ersten »Wege« des Schwertes

1.1.2. Hayashizaki Jinsuke, der Vater des iaijutsu

1.2. Iaidō: Eine klassische Kunst

1.2.1. Vom Tokugawa-Frieden zu den seitei-iai-gata

1.2.2. Die heutigen traditionellen Schulen (ryū-ha)

1.2.2.1. Musō Shinden-ryū

1.2.2.2. Mugai-ryū

1.2.2.3. Tenshin Shōden Katori Shintō-ryū

1.2.2.4. Takenouchi-ryū

1.2.3. Iaidō oder Iaijutsu?

1.3. Sich selbst angreifen

2. Die Technik: Zen Nippon Kendō Renmei Iai

2.1. Die Elemente

2.1.1. Die Stellung (physische Elemente: tai)

2.1.2. Das kihon (technische Elemente: gi)

2.1.2.1. Koiguchi-no-kiri-kata

2.1.2.2 Nuki-tsuke

2.1.2.3 Seme

2.1.2.4 Furi-kaburi

2.1.2.5 Kiri-tsuke

2.1.2.6 Chiburi

2.1.2.7 Zanshin

2.1.2.8 Noto

2.1.3. Die innere Haltung (geistige Elemente: shin)

2.2. Die kata

2.2.1. Etikette und Zeremonie (reishiki)

2.2.1.1. Der Geist des dōjō

2.2.1.2. Der Gruß

2.2.2. Beschreibung der zwölf Formen

2.2.2.1. Tabellarische Übersicht

2.2.2.2. Die erste Form: Mae

2.2.2.3. Die zweite Form: Ushiro

2.2.2.4. Die dritte Form: Uke-nagashi

2.2.2.5. Die vierte Form: Tsuka-ate

2.2.2.6. Die fünfte Form: Kesa-giri

2.2.2.7. Die sechste Form: Morote-zuki

2.2.2.8. Die siebente Form: Sanpō-giri

2.2.2.9. Die achte Form: Gan-men-ate

2.2.2.10. Die neunte Form: Soete-zuki

2.2.2.11. Die zehnte Form: Shihō-giri

2.2.2.12. Die elfte Form: Sō-giri

2.2.2.13. Die zwölfte Form: Nuki-uchi

2.2.3. Der Geist des iai

Anhang

Die Ausrüstung

Die Kleidung

Die Waffe

Tameshi-giri

Die kata des iaidō des Tenshin Shōden Katori Shintō-ryū

Aussprüche von Meistern des katana

Kendō- und Iaidō-Verbände

Weitere Titel

Anmerkungen

Indem man zieht, pariert man den Schlag des Gegners und versetzt ihm einen Hieb, in dem die ganze Seele liegt, so dass er zu Boden fallen wird.

Yoshimura Kenichi

Das Wesentliche in wenigen Worten

Plötzlich verharrt der Meister in seinem leisen, gemessenen Gang. Würdevoll und aufrecht steht er da in seinem dunklen hakama, mit vollkommen gleichmütigem Gesichtsausdruck. Seine linke Hand hält den Schwertgriff auf Höhe der Hüfte, die Schneide der Klinge zeigt nach oben. Dies ist der Augenblick, in dem die physische und geistige Konzentration extrem wird, fast unerträglich, der Moment, in welchem der Gegner sein eigenes Schwert schwingen wird, um sich in den Angriff zu stürzen. Die Aktion wird bis zum letztmöglichen Augenblick hinausgezögert, bis zu der nunmehr greifbar gewordenen Grenze zwischen Leben und Tod. Was nun folgt, hängt an einem seidenen Faden: Das leiseste Geräusch, die erste sichtbare Bewegung, und alles in dieser äußersten Konfrontation zweier Gegner wird zu Ende sein. Das Gesicht des Meisters gleicht noch immer einer undurchdringlichen Maske, aber die Luft scheint von dieser scharfen Konzentration zu vibrieren, zu der die Männer nur in diesem entscheidenden Moment wirklich fähig sind, in dem einer von ihnen sterben muss, damit der andere überlebt. Denn im Angesicht des Todes kann auch die kleinste Geste zu größter Bedeutung gelangen.

Plötzlich entlädt sich die angesammelte Energie. Das ki1 explodiert und verschmilzt mit der Schnelligkeit des katana, das aus seiner Scheide fährt gleich einem kalten, bläulichen Blitz. Die Klinge schießt mit einem seidigen Geräusch durch die Luft, von hinten nach vorn und trifft den Gegner genau in dem Augenblick, in dem er dem Angriff ausweichen will. Der Meister, der seine Spannung auf solch außerordentliche Weise schlagartig losgelassen hatte, hält abrupt in seiner Bewegung inne, wobei er einen durchdringenden kiai2 ausstößt. Das Schwert steht still; der Kampf ist beendet.

Diese unvermittelte Rückkehr in den Zustand der Ruhe bildet den schärfsten Kontrast zur Intensität der gerade erfolgten Handlung; der Gegner liegt bereits am Boden, mit gespaltenem Schädel oder durchtrennter Kehle, möglicherweise auch mit zerschnittener Kniekehlensehne. Mit einer knappen Bewegung aus dem Handgelenk schüttelt der Meister das Blut, das die Klinge benetzt, ab und steckt das katana schnell, aber keineswegs hastig zurück in die Scheide. Dies geschieht mit Maßgefühl und Präzision, mit einer Bewegung, die von Kraft und Meisterschaft spricht.

Auch heute noch werden Iaidō-Vorführungen mit Neugierde und Bewunderung verfolgt. Der Meister, allein in einem imaginären Kampf auf Leben und Tod mit einem unsichtbaren Gegner, fasziniert den Zuschauer, denn in den Bewegungen der kata3, die er ganz für sich ausführt, und selbst in seinem gelegentlichen Innehalten vor, bei und nach dem tödlichen Schlag, schimmert der Geist des echten budō4 hindurch.

Das iai hat heute nicht mehr den geringsten praktischen Nutzen, denn die Techniken mit dem Schwert können keinen Zweck mehr erfüllen, nicht einmal im Sinne einer technischen Überlegenheit über einen Partner in einem sportlichen Wettkampf. Doch gerade darum ist alles an ihm so rein geblieben – der Geist, die Haltung, der Schlag, die Absichten und ihre Umsetzung. Es ist ein Kampf des Menschen gegen sich selbst. Doch der Meister des iaidō wird sagen, es ist ein anderes Selbst, gegen das der Schlag geführt wird. Und ebenso wie auf verschiedenen spirituellen Wegen, so beispielsweise im Zen, wird der Meister seinen Schüler lehren, das besitzergreifende »Ego« aufzugeben, den Teil des Selbst, der einen hemmt und einem Illusionen vorgaukelt. In den Techniken des iaidō wird auf alles Überflüssige verzichtet, und auf diese Weise lehrt es seinen Adepten, das Überflüssige in sich selbst fallenzulassen.

Im Ausdruck »iai« findet sich der Begriff des »Seins« (i, von iru) und der Begriff der Harmonie (ai) in dem Sinne, dass man seinen Geist in Harmonie mit dem des Gegners bringt. Dies erinnert an die Kunst des aikidō. Aber im Unterschied zu diesem ist im iaidō die entsprechende Geisteshaltung mit der Meisterschaft im Umgang mit einer Waffe, dem Schwert der Samurai von einst – dem katana – verbunden. Die präzisen Bewegungen mit dieser Waffe sind nichts anderes als die Verlängerung dieser Geisteshaltung. Die Nachsilbe »dō«, der Weg bzw. die Suche, ist mit dem chinesischen Begriff »dao« identisch und weist auf die spirituelle Komponente in einer kriegerischen Praxis hin, wie dies in allen japanischen Kampfkünsten (den Künsten des budō) der Fall ist. Sie bezeichnet ein Endziel, das über den einfachen Gebrauch der Techniken hinausgeht. Im Lauf der Zeit ist aus dem iai-jutsu, der »Technik« des iai, das iai-dō, der »Weg« des iai, geworden. Die Kunst des iai, das heißt, die Kunst des Schwertziehens in einer Bewegung, in der Ziehen, Schnitt, Hieb und Stoß ineinander verschmelzen, war lange Zeit eine pure Kampftechnik. Erst später entwickelte sie sich zu dem, was es heute ist, einem inneren Weg für denjenigen, der eine Bewegung ausführt, die man nicht mehr als Kampftechnik auffassen muss.

Das echte iaidō kann zugleich als Technik als auch als Geisteszustand definiert werden. Und genau das ist die Ausrichtung, die ihm heutzutage gegeben wird. Wer diese Kunst ausübt, strebt durch die exakte und unveränderliche Bewegungsfolge der kata nach totaler Mobilisierung seiner Energie (ki) unter Einbeziehung seines gesamten Wesens. Und dies geschieht mit solcher Hingabe, als ginge es bei jeder einzelnen Bewegung um Leben und Tod. Im Unterschied zum kendō, das sich zu einem Sport entwickelt hat, gibt es im iaidō keinen physischen Gegner. Alles steckt in der Absicht und in der Konzentration und schließlich in der Explosion der Bewegung, die von außen gesehen ins Leere läuft. Tatsächlich wird derjenige, der die Bewegung ausführt, sie auf eine sehr intensive Weise »leben«, und die Tatsache, dass ihm kein realer Gegner gegenübersteht, ändert weder etwas an der Wahrhaftigkeit der Bewegung noch an ihrer Effektivität.

Das iaidō ist Erbe alter Techniken, die unter verschiedenen Namen überliefert wurden: Saya-no-uchi, nuki-ai, nuki-uchi, tachi-ai, ri-ho, za-ai, bakken, iaijutsu, battōjutsu. Es ist die Kunst, das Schwert zu ziehen, um möglichst aus dieser einen Bewegung heraus unverzüglich dem gegnerischen Angriff ein Ende zu setzen – unabhängig davon, ob dieser Angriff tatsächlich schon begonnen hat oder nur als geistige Absicht erkennbar war. Es ist eine Kampfkunst, die ihrem Wesen nach von rein defensivem Charakter ist. Sie ist für den eigentlichen Kampf gar nicht konzipiert, denn sobald Gegner einander mit blanken Klingen gegenüberstehen, begeben sie sich in den Bereich des kenjutsu, der Kunst, das Schwert außerhalb seiner Scheide zu handhaben, dem Vorgänger des kendō. Die Zeit für die Anwendung von Technik und Geist des iai ist präzise bemessen und kurz. Sobald die Klinge aus der Scheide schnellt, um im selben Stahlblitz den Schnitt auszuführen, konzentriert sich die gesamte innere Energie des Samurai, seine ganze Seele, auf die Schneide des Schwertes. Entweder es gelingt ihm, seine Bewegung zur rechten Zeit auszuführen, und er überlebt, oder es gibt einen zeitlichen Verzug zwischen seiner Absicht und ihrer Ausführung, und er stirbt. Im iaijutsu gibt es keine zweite Chance.

Aus der lebenswichtigen Bedeutung dieser einzigen Bewegung erwächst die Notwendigkeit einer totalen Konzentration. Die Technik des Schwertziehens in einem ganz bestimmten Augenblick, mit einer schnellen und fließenden Bewegung »schräg« zum Körper (uchi-zuki), wird aus einer sitzenden (iai-hiza, iai-goshi), einer knieenden (seiza) oder einer stehenden Position heraus geübt. Man trainiert sie aber auch im Gehen oder während man sich umwendet, und man berücksichtigt dabei Hindernisse, denen man ausweichen muss, um auf diese Weise ein ausgeprägtes Gespür für Abstand zu erlangen. Man muss auch lernen, das Schwert zurück in die Scheide zu stecken, mit einer sicheren und präzisen Bewegung, selbst im Dunkeln. Und all dies ohne Partner, denn der Partner existiert nur in der Vorstellung, wie stark auch immer er im Geist des Übenden präsent sein möge. Jede Technik besteht aus vier separaten Bewegungen (sho-hatto), die jedoch flüssig ineinander übergehen: Das Aus-der-Scheide-Ziehen (nuki-tsuke), der entscheidende Schnitt (kiri-tsuke), das Abschlagen des Blutes von der Klinge (chiburi) und die Rückkehr der Klinge in die Scheide (noto). Tatsächlich ist es gleichgültig, ob der Gegner real vorhanden ist oder nur in der Vorstellung. Das ändert nichts am Wesen der Sache. Und das ist auch der Grund, weshalb das Training des iaidō im Gegensatz zu dem des kendō ohne Partner erfolgt (tandoku-renshu).

Seit jeher wurde das Schwert (ken, nippon-to, katana) in Japan als Seele des Kriegers betrachtet. Sein Stahl wurde nach einem traditionellen Verfahren geschmiedet, das von Generation zu Generation überliefert wurde. Es verbindet den Krieger mit dem Tod und mit dem Leben. Im rein intellektuellen Verständnis sind dies gegensätzliche Konzeptionen, aber dem Samurai musste es gelingen, diese Denkweise zu überwinden, um die Gegensätze zu versöhnen, indem er zum wahren »Wissen« (satori) gelangt. Doch dies ist erst am Ende einer langen Ausbildung, begleitet von einer inneren Suche, die den Rahmen der simplen Technik überschreitet, zu erreichen. Auf diese Weise kam es beim reinen und harten Samurai zu einer Veränderung des Geisteszustands (seishi-o-choetsu), der ihn in seinem Schwert eine doppelte Zweckbestimmtheit erblicken ließ: Zunächst natürlich ging es darum, jede äußere Bedrohung seiner körperlichen Unversehrtheit zu »zerschneiden«, aber darüber hinaus ging auch darum, das »Ego zu zerschneiden«, damit ein echtes spirituelles Erwachen stattfinden konnte.

Das Schwert ziehen und mit der selben Bewegung den Schnitt ausführen – das bedeutet Einheit des Gefühls, des Willens und der Tat. Man versteht unter diesem Gesichtspunkt, wie das Schwert zum Ausgangspunkt der geistigen Entwicklung desjenigen, der sich mit ihm in solchem Maß identifizierte, werden konnte. Das iaidō ist somit eine der Formen des »Schmiedens des Geistes« (seishin-tanren), wie auch die anderen klassischen japanischen Kampfkünste, bei denen der Begriff des »dō« den des »jutsu« ersetzt hat. Es ist ein technisches Schema, durch das der Mensch einst auf dem Schlachtfeld zu überleben lernte. Und seit der Zeit, da die Feuerwaffen den Blankwaffen ihre Bedeutung genommen haben, kann der Mensch innerhalb dieses Schemas zur »Selbstverwirklichung« gelangen, indem er auf intensive Weise Bewegungen ausführt, sie »durchlebt«, die von vornherein ohne praktischen Nutzen sind.

Das ist der Grund, weshalb mehr und mehr budōka5 sich dem Studium des iaidō zuwenden, sich ihm gänzlich widmen oder es neben einer anderen Kampfkunst praktizieren. Zunächst nur im Umfeld des kendō bekannt, fasste es schnell Fuß in Kreisen des aikidō, karatedō und jūdō. Zum Preis eines langen nüchternen und stets anspruchsvollen und harten Trainings lernt der iaidōka die Sicherheit bzw. Genauigkeit einer Technik zu empfinden und die kunstvolle Bewegung seines Schwertes wie eine Bewegung seines Körpers wahrzunehmen. Diese neuartige Empfindung öffnet ihm eines Tages eine Tür, hinter der Erfüllung und Ausgeglichenheit auf ihn warten. Die Aktion im iaidō erwächst aus innerer Nüchternheit, sie erfordert den totalen Einsatz und die Kontrolle des Selbst. Damit ist das iaidō eine Schule des Willens und der Meisterschaft. Dies alles führt zu wachsendem Interesse bei jenen Liebhabern der Kampfkünste, die daran interessiert sind, die Botschaft des Friedens in sich aufzunehmen, die in den kriegerischen Techniken enthalten ist. Denn im iaidō wird aus der Klinge, die zum Zerstören geschaffen wurde, ein Instrument der Schöpfung. Zehntausende Praktizierende dieser Kunst in Japan, in Amerika und in Europa haben dies verstanden. Sie sehen im iaidō, wie es von den Meistern des Schwertes überliefert wurde, einen weiteren Fixpunkt einer Tradition, die es dem Menschen, der auf der Suche nach sich selbst ist, ermöglicht, alle Arten von Aggression zu überwinden, die der modernen Zivilisation entspringen.


1. Kapitel Der Geist: Ein Augenblick, der über Leben und Tod entscheidet



Kuroda Ichitaro sensei, 8. Dan, vom Ōmori-ryū.

Zuerst muss man schneiden.

Okada Morihiro

1.1. Iaijutsu: Angreifen beim Schwertziehen

1.1.1. Battōjutsu oder kenjutsu: Die ersten »Wege« des Schwerts

Die Herkunft dessen, was heute als iaidō bezeichnet wird, ist untrennbar mit der Geschichte des kenjutsu, der Technik (jutsu) des Schwerts (ken) verbunden. Die Geschichte des Weges des Schwerts ist die der japanischen Kaste der Krieger (bushi), insbesondere die der Samurai, der Kriegerelite. Schon früh in der japanischen Geschichte wurde das katana (Schwert) zur edelsten und am höchsten geschätzten Waffe des bujutsu, der Techniken des Krieges. Als Teil der drei kaiserlichen Insignien (ken, das Schwert, symbolisiert den Blitz, kagami, der Spiegel, symbolisiert die Sonne, und hoseki, die Krummjuwelen – kommaförmige Jadesteine –, stehen für den Mond) zählt es auch zu den ursprünglichen Symbolen des Reichs der Aufgehenden Sonne. Seine Entwicklung ist eng mit der sozialen, kulturellen und politischen Entwicklung des Landes verknüpft. Auf nationaler Ebene wie auch für die Vertreter der privilegierten Kriegerkaste des mittelalterlichen Japans wurde aus dem Schwert rasch das Symbol schlechthin für die Macht und für die höchsten menschlichen Tugenden: Tapferkeit, Loyalität, Rechtschaffenheit. Ein Schwert in seinem Besitz zu haben war nun ein erbliches Privileg geworden, und es überrascht nicht, dass schon bald das katana als die Seele des Kriegers angesehen wurde. Verlor ein Krieger sein Schwert, so war dies mit dem Verlust seiner Ehre gleichzusetzen.

Bereits aus der Nara-Zeit (Nara-jidai: 710 - 794; Nara, ursprünglich Heijō-kyō, war die erste permanente Hauptstadt Japans) gibt es Überlieferungen – die Texte Kojiki (712) und Nihonshoki (720) –, in denen die Praxis des »Weges des Schwerts« (tachi-gaki, kumi-tachi) bei der Ausbildung des kuge (kaiserlicher Adel) erwähnt wird.

794 wurde eine neue Hauptstadt errichtet, Heian-kyō, am Ort des heutigen Kyōto, die einer neuen Ära ihren Namen gab, Heian-jidai (794 - 1185). Während mehrerer Jahrhunderte öffnete sich Japan der verfeinerten Zivilisation Chinas und legte bedeutend weniger Wert auf kriegerische Angelegenheiten. Der Hof gab somit nicht allzu sehr Acht auf die zunehmende Emanzipation der großen feudalen Familien (buke), die in ihren Provinzen zu immer mehr Autonomie gelangten. Und jeder dieser Klane sorgte dafür, dass seine eigenen Krieger ausgebildet wurden. Dies geschah im Rahmen der ersten individuellen Kampfkunstschulen, den ryū-ha, wo die mit den Klanen verbundenen Ausbilder erstmals versuchten, Techniken zu kodifizieren. Nach und nach verringerte sich die Bedeutung der Zentralmacht, während die militärische Macht der großen Familien wuchs. Die Krieger in ihren Diensten nannten sich Saburai (von »Saburo«, demjenigen, der nahe ist, der dient) bzw. Samurai. Für sie war das Training des bujutsu, vor allem des kenjutsu, Alltag.

Besonders zwei Klane erlebten in jener Zeit einen bedeutenden Aufstieg, der der Taira (auch Heike genannt) und der der Minamoto (beziehungsweise Genji). Fatalerweise standen sie einander feindlich gegenüber im Bestreben, die zentrale Macht zu ergreifen. Das berühmte Werk Heike-monogatari erzählt diesen epischen Kampf, der in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts stattgefunden hat. Nach einem ersten Sieg der Taira im Jahre 1160 gelang es dem tapferen Minamoto Yoshitsune, dem Halbbruder des Klanoberhaupts der Minamoto, Yoritomo, die Taira in der entscheidenden Schlacht von Dan-no-Ura 1185 vernichtend zu schlagen. Minamoto Yoritomo ließ sich vom Kaiser, der nur noch die Rolle eines Strohmanns spielte und über den er nach seinem Belieben verfügte, zum shōgun ernennen, und er führte eine Militärdiktatur ein. Seine große Macht verdankte er seinen bushi. Damit begann das Goldene Zeitalter dieser Krieger und somit auch der »Weg des Schwerts«6

Die geradezu allmächtig gewordenen Minamoto richteten ihre Hauptstadt und ihr Befehlszentrum in Kamakura ein. Die Kamakura-Zeit (Kamakura-jidai: 1185 - 1333) begann mit der Einrichtung der Militärregierung des bakufu (wörtlich »Regierung unter dem Zelt«, denn die »Hauptstadt« war zu Beginn nichts weiter als ein einfaches Zeltdorf), welche das Land regierte. Der Kaiser hingegen, dem lediglich eine rein symbolische und religiöse Macht gelassen wurde, blieb mitsamt seinem Hof in Kyōto. Yoritomo starb 1199, aber die neue politische Ausrichtung, die er dem Land gegeben hat, brachte Japan mehr als ein Jahrhundert inneren Friedens. Die Kriegerkaste, die nun an der Macht war, versäumte es nicht, der Ethik, die sich während des mörderischen Konflikts zwischen den Taira und den Minamoto herausgebildet hatte, eine endgültige Form zu geben. Die Begriffe der Loyalität, der Ehre, der absoluten Opferbereitschaft, des blinden Gehorsams und der Pflichterfüllung um jeden Preis verschmolzen zu einer Art ungeschriebenen Moralkodex. Verstärkt wurde dieser noch durch die strengen Lehren des Zenbuddhismus, die in Japan seit dem Ende des 12. Jahrhunderts Fuß fassten. Einige Jahrhunderte später entstand auf dieser Grundlage das berühmte bushidō (der »Weg des Kriegers« als Moralkodex). Ebenfalls in jener Zeit bildeten sich verschiedene Richtungen der Schwertschmiedekunst heraus (das Zeitalter des Gokaden, der fünf klassischen Schwertschmiedetraditionen aus den alten Provinzen Yamato, Sōshū (Sagami), Bizen, Yamashiro und Mino (Seki)). Die alten Meister perfektionierten die Qualität und die Schönheit der Klingen, ihre Form sowie die Montur.7

Zuvor waren die Schwerter für den Kampf zu Pferd bestimmt gewesen; die Kavallerie war die »Königin der Schlachten«. Die Klingen waren lang (tachi), gerade oder leicht gebogen und wurden mit der Schneide nach unten getragen. Mit der Zeit wurde die Ästhetik der Schwerter jedoch ebenso wichtig wie ihr Nutzwert; sie wurden kürzer, man fand die ideale Krümmung für eine leichtere Handhabung, und sie waren somit besser für den Zweikampf am Boden geeignet. Die Klingen dieses Zeitalters werden als koto (alte Klingen) bezeichnet, im Unterschied zu den shinto (neue Klingen), welche ab Mitte des 16. Jahrhunderts gefertigt wurden.

Am Ende der Kamakura-Zeit fand ein Ereignis statt, das entscheidende Auswirkungen auf die Kriegerkaste und in der Folge auf die Schwertschmiedekunst haben sollte: In den Jahren 1274 und 1281 versuchten mongolische Horden unter Kubilai Khan, Japan zu erobern. Dies führte zu einer Solidarisierung der japanischen Klane angesichts der zwingenden Notwendigkeit, das Archipel zu verteidigen; der daraus erwachsende Zusammenhalt der japanischen Nation ist bis zum heutigen Tag lebendig geblieben. Darüber hinaus beflügelte es die Militärwirtschaft. Diese Tatsache wird heute von japanischen Historikern gern stillschweigend übergangen, was unschwer zu verstehen ist: 1281 ereignete sich durch wunderbare Fügung ein Taifun (kamikaze, »göttlicher Wind«). Dieser Sturm, der die Flotte der Mongolen, die unmittelbar vor der Landung an den südlichen Gestaden Japans stand, in einer Nacht hinwegfegte, soll durch Gebete des Priesters Nichiren (1222 - 1282) heraufbeschworen worden sein. Die Japaner, die auf diese Weise vor der Invasion durch 150 000 mongolische Krieger bewahrt wurden, mussten nur noch die Überlebenden, die mit den Wracks an Land gespült wurden, massakrieren und die Waffen des Invasionsheeres einsammeln.

Man fand schnell heraus, dass die Bögen der Mongolen leistungsfähiger als die der Insulaner waren, und dass der mongolische Stahl dem der Japaner bedeutend überlegen war. Diese schockierende Lektion wurde rasch in einen Vorteil verwandelt. Die japanischen Schmiede untersuchten den Stahl der am Strand gefundenen Waffen, und schon bald konnten sie dessen Qualität reproduzieren. Ebenfalls ist bekannt, dass die Kunst des kyūjutsu, des militärischen Bogenschießens, von diesem Zeitpunkt an eine neue Ausrichtung bekam, mit Kurzbögen, welche direkt von denen der Mongolen inspiriert wurden (die Bögen, die heute im kyūdō verwendet werden, sind hingegen gänzlich anderer Art). Die Japaner haben also schon früh gelernt, wie man etwas kopiert und gleichzeitig vervollkommnet. Von dieser Zeit an wurden die japanischen Klingen geradezu perfekt, und ihre Herstellung erlebte einen phantastischen Aufschwung. Die Reinheit, Haltbarkeit und Schönheit des Stahls ließen die japanischen Schwerter in ganz Asien zum begehrten Handels- und Tauschobjekt werden.

Im Jahre 1333 begann die sogenannte Muromachi-Zeit (1333 - 1573), die durch die Herrschaft der shōgune des Klans der Ashikaga geprägt wurde. Zu Beginn dieser Ära wurden die Kampfkünste wenig gefördert. Der erste shōgun, Ashikaga Takauji (1305 - 1358), der den amtierenden Kaiser Go-Daigo entmachtet und einen ihm genehmen Kaiser eingesetzt hatte, verlegte die Hauptstadt nach Muromachi, einem Stadtteil von Edo (dem heutigen Tokio). Sein Enkel Ashikaga Yoshimitsu (1358 - 1408) sorgte für die Eröffnung von Trainingsstätten für Kampfkünste (dōjō), was zweifelsohne einen ersten Versuch darstellte, den aufrührerischen Geist der Kriegerklane zu besänftigen, die noch immer sehr unmutig darüber waren, nicht angemessen dafür belohnt worden zu sein, Japan vor der mongolischen Invasion bewahrt zu haben. Doch für Besänftigungen war es zu spät oder auch zu früh: Die Muromachi-Zeit war geprägt durch Kriege zwischen den großen Lehnsherren (daimyō), die das Land mit Feuer und Schwert verwüsteten, während die Zentralmacht an Einfluss verlor. Der Ōnin-Krieg (1467 - 1477) war der Auftakt einer langen Epoche der Bürgerkriege (Sengoku-jidai, Zeit der streitenden Reiche, 1477 - 1573), für die natürlich vor allem das gewöhnliche Volk teuer zu bezahlen hatte. Für die Krieger hingegen glich diese Zeit einem fruchtbaren Nährboden, aus dem neue Techniken für den Kampf ums Überleben sprossen, vor allem hinsichtlich des »Weges des Schwerts«. In dieser Zeit lebte im übrigen auch Hayashizaki Jinsuke (ca. 1546 - 1621), der von vielen als der eigentliche Vater des iaijutsu angesehen wird. Von ihm wird noch ausführlich die Rede sein.

Tsumaki Seirin, 8. Dan, hanshi, 14. sōke des Tamiya-ryū, bei einer Vorführung im Alter von 85 Jahren.

Nie zuvor waren die verschiedenen Kampfkünste im ganzen Land so intensiv studiert und kodifiziert worden, wie damals in den vielen Schulen (ryū) der Meister des Kampfes, die im Solde der großen daimyō standen. Die Techniken des kenjutsu nahmen langsam, aber sicher Gestalt an. Die Kodifizierung und die Praxis waren damals jedoch frei von jeglichen »Schnörkeln« und »Verzierungen«, die auf dem Schlachtfeld nichts genutzt hätten. Jeder Fehler in der Kampftechnik wurde gnadenlos bestraft – der Tod lauerte überall. Da es an genauen und glaubhaften Quellen mangelt, werden wir nie erfahren, wie viele effektive Kampftechniken damals auf empirische Weise entdeckt wurden. Auch wenn sich zweifelsohne nicht jede davon durch besondere Originalität ausgezeichnet hat, so muss es doch damals Hunderte Schulen gegeben haben, denen Hunderte Schwertkämpfer vorstanden, deren Geschicklichkeit – vielleicht auch manchmal nur Glück im Kampf – sie aus der Masse heraushob. Manche dieser Schulen bestehen bis zum heutigen Tag, und ihre Vertreter behaupten, dass sie mit deren Wurzeln nach wie vor verbunden seien und somit ihre Techniken sich durch besondere Authentizität auszeichnen sollen. Das zu überprüfen ist natürlich unmöglich.

Zu den bedeutendsten Schulen jener Epoche zählen die folgenden, die im »Nihon Kengo Hyaku Sen« aufgelistet sind:

 Nen-ryū (von Nennami Jion), wahrscheinlich die älteste; sie wurde um 1400 gegründet.

 Tenshin Shōden Katori Shintō-ryū (von Iizasa Choisai Ieano).

 Bokuden-ryū (von Tsukahara Bokuden).

 Hayashizaki-ryū bzw. Musō Shinden-ryū bzw. Jushin-ryū (von Hayashizaki Jinsuke Shigenobu).

 Nitten Ichi-ryū (von Miyamoto Musashi).

 Yoshioka-ryū, Kage-ryū, Ittō-ryū

Es ist auch nicht möglich zu sagen, welche von den vielen Schwertkampftechniken, die unter den verschiedensten Bezeichnungen zum kenjutsu gerechnet wurden, speziell zu den Vorläufern des heutigen iaidō zählen. Denn letzteres, die Kunst des Schwertziehens, ist eine Auswahl von Techniken, die es ermöglichen, mit einer spontanen und gewissermaßen natürlichen Bewegung auf einen unverhofften Angriff zu reagieren, der aus einer beliebigen Richtung erfolgen kann. Es gibt keinen Zweifel, dass man schon damals beide Grundtypen von Schwertkampftechniken praktizierte: Zunächst wird mit der Bewegung des Schwertziehens ein erster Schlag ausgeführt, wobei man den Schlag des Gegners pariert oder ihm ausweicht, indem man zur Seite oder über den Angriff hinweg springt. Anschließend, wenn der Kampf noch nicht entschieden ist, wird mit den Techniken des kenjutsu weitergekämpft.

Jean-Pierre Raick, 7. Dan, in einer Phase der seitei-gata (siehe weiter hinten).

In der Mitte des 16. Jahrhunderts kamen erstmals portugiesische Händler auf die japanische Insel Kyūshu und brachten die ersten Feuerwaffen ins Land. Wenige Jahre später folgten jesuitische Missionare und später andere ausländische Händler. Diese unverhoffte Konfrontation mit einer neuen, fremdländischen Kriegstechnik erschütterte die Kriegerelite Japans in ihren Grundfesten. Die kriegerische Tradition, die auf der Beherrschung von Hieb-, Stich- und Stoßwaffen durch ein extrem anspruchsvolles Training beruhte, dem alles andere untergeordnet war, ging in der furchtbaren Schlacht von Nagashino im Jahre 1575 unter, in der die Blüte der Samuraireiterschaft des Takeda-Klans vernichtet wurde, bevor sie auch nur mit dem Feind in Berührung kommen konnte. Oda Nobunaga, der gegnerische Feldherr, hatte einige Hundert seiner Männer – mitunter sogar einfache Bauern – mit Musketen ausgestattet, die japanische Waffenschmiede nach europäischem Vorbild gebaut hatten. Einige Salven aus diesen Waffen reichten, um eine jahrhundertealte Tradition ritterlichen Kampfes für immer zu beenden. Auf diese Weise gelangte Nobunaga an die Macht im Lande, und zugleich verbreiteten sich Zweifel an der traditionellen Ausbildung der Samurai, einschließlich des Schwertkampfes.

Doch die Tradition hielt diesem Angriff stand. Zunächst einmal war das Schwert das Symbol schlechthin für den Rang eines bushi, und selbst die Erkenntnis, dass die Feuerwaffen den traditionellen Waffen überlegen waren, konnte die Krieger nicht davon überzeugen, hinfort auf das Schwert zu verzichten. Manche traditionellen Schulen bezogen allerdings von nun an den Umgang mit den neuartigen Waffen in ihre Lehren ein. Hinzu kam, dass Japan schon wenige Jahre nach dieser Schlacht in eine außerordentlich lange Periode des Friedens eintreten sollte, in der jegliche kriegerische Auseinandersetzung zwischen den Klanen durch das Tokugawa-Shōgunat verboten wurde.

1598 starb der taikō Toyotomi Hideyoshi und hinterließ die Macht fünf Regenten – unter ihnen der mächtige daimyō Tokugawa Ieyasu –, die jedoch untereinander um die Alleinherrschaft stritten. Im Jahre 1600 fand die Schlacht von Sekigahara statt. Diese stellte den Versuch der letzten rebellischen daimyō dar, sich der Machtergreifung durch die Tokugawa in den Weg zu stellen. Tokugawa Ieyasu ging als Sieger daraus hervor und ließ sich 1603 vom Kaiser zum shōgun ernennen. Zudem wählte er als neue Hauptstadt des Landes Edo (Tokio). Damit begann die Epoche des Tokugawa-Shōgunats, die bis zum Jahre 1868 andauern sollte. Für die Krieger des Kaiserreichs bedeutete dies eine starke Disziplinierung.

Die japanischen Gesellschaft wurde streng hierarchisch regiert. An der Spitze der Hierarchie standen die bushi (Samurai). Natürlich waren damit bedeutende Privilegien verbunden. Aber zugleich mussten sich die Samurai streng an die Regeln halten und wurden unaufhörlich überwacht, um jede Möglichkeit einer Rebellion gegen die Zentralmacht von vornherein zu vereiteln. Der von den Tokugawa aufgezwungene Frieden im Lande richtete den kriegerischen Geist der Samurai auf das Kampftraining in den dōjō. Nach und nach begannen die Ästhetik der Bewegungen und die Ergründung des Selbst dabei eine immer größere Rolle zu spielen, da selbst die einst als Mittel des Kräftemessens üblichen blutigen Duelle (kettō) per Gesetz verboten worden waren. Viele Meister der Waffenkünste (sensei) eröffneten dōjō in den Städten und auf den Burgen der daimyō. Das ist der Grund dafür, dass die traditionellen Kampfkünste in einer Zeit überleben und sogar perfektioniert werden konnten, in der die klassischen Waffen wie das Schwert technologisch längst überholt waren. Die Techniken des battōjutsu und des iaijutsu blieben so erhalten und wurden sogar durch neue Konzepte bereichert, vor allem philosophischer Natur, und die gelehrten Formen näherten sich allmählich den heute bekannten an.

1.1.2. Hayashizaki Jinsuke, der Vater des iaijutsu

Die Überlieferung verknüpft die Schaffung und den Aufschwung des iaijutsu, dem direkten Vorläufer des heutigen iaidō, mit einem ganz bestimmten Namen. Es handelt sich um Hayashizaki Jinsuke Shigenobu (oder auch Hōjō Jinsuke Shigenobu – manche Historiker sehen in ihm einen Nachkommen des einst sehr mächtigen Hōjō-Klans). Das meiste, was man über sein Leben an Informationen findet, scheint Legenden entsprungen zu sein. Aber es besteht kein Zweifel daran, dass es sich tatsächlich um eine historische Persönlichkeit handelt, die wahrscheinlich 1549 in der Provinz Sagami (der heutigen Präfektur Kanagawa) zur Welt kam. Er entstammte einer Bushi-Familie. Es ist möglich, dass er seine ersten bedeutenden Kampferfahrungen auf dem Schlachtfeld sammelte. Ebenfalls denkbar ist aber auch, dass er in seiner Jugend Japan durchstreifte, wie es die Art vieler junger Krieger war, die den Kampf mit jedem, der sich auf eine Herausforderung einließ, suchten, um ihre Kampfstärke zu prüfen und zu verbessern. Dies war die Praxis des musha-shugyō. Vielleicht geschah es in diesem Zusammenhang, dass er im Tempel von Hayashizaki beim Meditieren die Eingebung für das Wesen des iaijutsu empfing. Dieser Tempel befand sich im Dorf Okura, nahe Kitamaruyama, in der Provinz Oshu, und er war der Gottheit Hayashi Myojin geweiht. Solch eine unverhoffte göttliche Eingebung (tenshin-sho) war ein geradezu klassischer Vorgang, der dem Gründer einer Schule die erforderliche Aura verlieh und der Schule ihren endgültigen Namen.8 Allerdings findet sich in dem Buch »Bujutsu Taihaku Seiden« die Aussage, dass Hayashizaki, der sich als »inspiriert von den Göttern« betrachtete, sich dem Studium des Schwertkampfes zwischen 1595 und 1601 widmete, was bedeuten würde, dass er erst mit 46 Jahren damit begonnen haben soll. – Wie auch immer; die Persönlichkeit dieses Mannes war so stark, dass die Zahl seiner Schüler groß war und sein Einfluss prägend für das weitere Schicksal vieler von ihnen wurde. Weiterhin heißt es, dass sich die Spur des Meisters verlor, als er im Alter von 73 Jahren eine zweite Reise durch Japan als musha-shugyōsha vollführte. Doch was er hinterlassen hatte, hatte Bestand. Mehr als 200 Schulen des iai waren entstanden, inspiriert von seinen Lehren.

Hayashizaki Jinsuke Shigenobu nannte seine Schwertkampfschule zunächst Junpaku Den und später Musō-ryū Hayashizaki. Doch seine Schüler (deshi) und Nachfolger bevorzugten die Bezeichnung Shin Musō Hayashizaki-ryū oder Shinmei Musō Hayashizaki-ryū, wobei die Vorsilben shin bzw. shinmei auf die göttliche Inspiration anspielten. Mitunter finden sich auch die Namen Rinzaki-ryū, wobei Rinzaki eine andere Lesart der japanischen Schriftzeichen für Hayashizaki darstellt.

Wie lässt sich eine solch erstaunliche Wirkung der Lehren dieses Mannes erklären? Der entscheidende Punkt ist, dass Jinsuke Hayashizakis battōjutsu eine klare Ausrichtung auf Vergeistigung des Schwertkampfes besaß, und dies in einer Zeit, da die zu Untätigkeit gezwungenen Samurai nach einem neuen Sinn für ihre Anstrengungen beim Training suchten, einem neuen Grund, über sich selbst hinauszuwachsen, ganz im Sinne der Kriegerethik der tapferen bushi vergangener Zeiten. Der neue von Jinsuke entwickelte Stil hob sich von allen anderen im Lande ab, da er sowohl die chinesischen Theorien von Yin (in), dem negativen Element, und Yang (yo), dem positiven, als auch die Lehren des Zenbuddhismus des berühmten Mönches Takuan (1573 - 1645) – einen Weg des inneren Friedens und der Selbstvervollkommnung – in sich einschloss. Nach seinen Lehren, die auch das Wesen des echten iaidō unserer Zeit prägen, bestand das höchste Ziel des Schwertkampftrainings nicht mehr nur darin, das Schwert in vollendeter Weise als Waffe einzusetzen. Dank Jinsuke gewann die Kunst, die bereits als »das Ziehen des Schwertes« bekannt war, eine nichtaggressive Ausrichtung: Nur zur Verteidigung durfte sie im Kampf eingesetzt werden. Letztendlich ging es sogar um das Prinzip des Nicht-Kämpfens, was die Kampftechniken in ein Mittel der spirituellen Suche des Kriegers verwandelte. Die Kunst des Jinsuke ist ein Weg, der es dem Menschen ermöglicht, unter allen Umständen den Gleichmut zu bewahren und sein Ego zu disziplinieren. Dieser Weg führt zu einer solchen Schärfe des Geistes, dass der Praktizierende die sichtbare wie die unsichtbare Welt besser verstehen lernt. Der Feind ist am Ende nicht mehr außerhalb, sondern im Innern.

Eine solche Entwicklung rief auch Kritiker auf den Plan. Wie sollte bei solchen konzeptionellen Veränderungen, die natürlich auch zu einer Wandlung der Techniken führten, die Effektivität im realen Kampf gewährleistet werden im Vergleich zu den alten Techniken, für die die geistige Komponente noch keine größere Rolle spielte? So beginnen viele der Techniken, die Jinsuke zugeschrieben werden, in einer knieenden Position (seiza), was den alten Kriegern Japans aus den von zahllosen Schlachten geprägten Zeitaltern höchst sonderbar vorgekommen wäre. Diese Position wie auch die Haltung, bei der man mit erhobenem rechten Knie auf der linken Ferse sitzt (tate-hiza) ist eine »tote«, das heißt, starre Haltung.9 Hinzu kommt, dass die Samurai als Symbol ihrer Privilegien und als äußeres Zeichen ihres sozialen Ranges das daishō trugen, das heißt, das Paar aus langem (ōdachi) und kurzem Schwert (kodachi). Man kann leicht zeigen, dass ein iaidōka in knieender Position, der sein katana auf korrekte Weise im Gürtel trägt, das heißt, mit nach oben gerichteter Schneide und dem tsuba (Stichblatt) in der Mitte des Körpers auf Höhe des Nabels, so wie es der Stil vorschreibt, unmöglich das kurze Schwert im selben Gürtel tragen kann. Darüber, was ein Krieger tun soll, wenn er sich, wie es bei bestimmten Gelegenheiten erforderlich war, von seinem Langschwert trennen musste, schweigt das Shin Musō Hayashizaki-ryū. Normalerweise konnte ein Samurai in diesem Fall sich wenigstens noch mit seinem Kurzschwert verteidigen, wenn dies erforderlich war. Doch kein Praktizierender des Shin Musō Hayashizaki-ryū übt sich im Gebrauch desselben. Und es gab noch ein Problem: Die Art und Weise, wie im Shin Musō Hayashizaki-ryū das einzige Schwert am Gürtel befestigt wird, entspricht nicht der Trageweise des daishō. Das wiederum bedeutete einen Verstoß gegen die Etikette und zudem eine reelle Gefahr. Indem man die Scheide (saya) an der linken Seite nach hinten gerichtet trug, bestand das Risiko, damit versehentlich an das Schwert eines anderen Samurai zu stoßen. Solch ein saya-ate wurde als absichtliche Provokation aufgefasst, als eine Kränkung, die unverzüglich zu rächen der Gekränkte jedes Recht hatte, selbst mit einem Schwertstoß in den Rücken. In manchen Schulen, wie dem Shinkage-ryū (Bishu Yagyū), wurde das saya-ate als Taktik, sich »kränken« zu lassen, gelehrt, damit man den »Angreifer«, ohne ihm entgegentreten zu müssen, mit einem guten Vorwand niederstrecken konnte.

Ist das Shin Musō Hayashizaki-ryū nun eine ausschließlich spirituelle Übung oder noch immer eine Kampfkunst? Zweifelsohne trifft beides zu, selbst wenn die Techniken mit der Waffe extrem vereinfacht wurden. Man kann auch sagen, dass gerade diese Vereinfachung, die Präzision und Klarheit der Bewegung, die Konzentration und die Schnelligkeit der Handlung vieles, das für gewöhnlich als für den Kampf vorteilhafter gilt, ersetzt. Das heißt tatsächlich, dass dieser neue Geisteszustand, der durch die Praxis des iaidō entwickelt wird, dem entspricht, was in allen japanischen Kampfkünsten als sen-no-sen bezeichnet wird: Man strebt danach, den Gegner zu besiegen, indem man in genau dem Augenblick blank zieht, in welchem sich in dessen Geist die Absicht anzugreifen formt. Dies ist das Konzept des kobo-ichi – Angriff und Verteidigung sind eins –, welches den Kern jeder echten Kampfkunst bildet.

In diesem Sinne ließen die Lehren des Jinsuke seine Schüler zu wahren Pionieren der Kunst, das heute als iaidō bezeichnet wird, werden, die mit dem iaijutsu von einst nur noch teilweise zu tun hat.

Schulen wie das Musō Shinden-ryū und das Musō Jikiden Eishin-ryū, die zu den heutigen Erben der Lehren Jinsuke Hayashizakis zählen, stellen hervorragende Beispiele für Budō-Disziplinen dar, in welchen der Abstand, der die reine Techniklehre (jutsu) von einem echten Weg (dō) trennt, deutlich erkennbar wird. Mit dem – zu Recht oder zu Unrecht – Hayashizaki Jinsuke Shigenobu zugeschriebenen geistigen Beitrag wurde der »Weg des Schwertes« zu einer klassischen Kunst.


Wenig zählt die Länge seines Schwertes, wenn der Mann nicht um die Tugend weiß.

Chinesisches Sprichwort

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Litres'teki yayın tarihi:
22 aralık 2023
Hacim:
171 s. 70 illüstrasyon
ISBN:
9783938305812
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