Kitabı oku: «Kobudo 1»
Roland Habersetzer
Kobudô
Band 1: Bô und Sai
Aus dem Französischen
von Frank Elstner
Palisander
Impressum
Hinweis: Weder der Autor noch der Verlag übernehmen Verantwortung für Folgen, die sich aus dem Gebrauch oder dem Mißbrauch von Informationen, die in diesem Werk enthalten sind, ergeben können. Sie erinnern des weiteren daran, daß beim Umgang mit den hierin beschriebenen Waffen die jeweiligen landesspezifischen waffentechnischen Regelungen unbedingt einzuhalten sind. Es obliegt der Eigenverantwortung des Praktizierenden, sich über diese Bestimmungen ausreichend zu informieren. Allgemein gilt, daß der Umgang mit den Waffen des Kobudô vernünftig, vorsichtig, kontrolliert und angemessen zu erfolgen hat.
Der Verlag dankt Sven Hensel, Oliver Siegemund (CRB), Janett Kühnert und Norbert Wölfel vom Chemnitzer Karateverein, Helmut Götz, Mitglied des CRB aus Weiden und Franz Scheiner, Mitglied des CRB aus Würzburg, für die fachliche Unterstützung bei der Redaktion.
Deutsche Erstausgabe
1. Auflage November 2006
Titel der Originalausgaben:
Kobudô 1. Sai
© 1985 by Éditions Amphora s.a., Paris
Kobudô 3. Bo
© 1987 by Éditions Amphora s.a., Paris
Découvrir les Kobudo d’Okinawa
© 1992 by Éditions Amphora s.a., Paris
Deutsch von Frank Elstner
© 2006 by Palisander Verlag, Chemnitz
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Umschlaggestaltung: Anja Elstner
Redaktion & Layout: Viola Börner und Frank Elstner
Illustrationen: Roland Habersetzer, Archiv Roland Habersetzer
Fotos: Gabrielle Habersetzer, Archiv Roland Habersetzer
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013
ISBN 9783938305409
www.palisanderverlag.de
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Zitat
Der Autor
Danksagungen
Illustrationen
Widmung
Vorwort zur deutschen Ausgabe des „Kobudô“
Einführung in das Studium des Kobudô
A) Ryûkyû - Kobu - Jutsu
B) Landwirtschaftliche Geräte, Kriegswaffen, kodifizierte Künste: die Herausbildung einer Kultur
C) Ein eindrucksvolles Arsenal
D) Grundlagen für das Kobudô-Training
E) Stufen auf dem Weg zur Meisterschaft
F) Prinzipien
1.) Der Geist
2.) Die Höflichkeit
3.) Die physischen und physiologischen Prinzipien
4.) Die Positionen (Tachi)
5.) Die Trainingskleidung – Keikogi oder Hakama?
Teil I – Bô
Einleitung
1. Abschnitt – Hôjô undô (Grundtechniken)
Vorstellung
1. Kapitel – Technische Grundlagen
A) Das Halten des Bô (Honte no kamae)
B) Die Körperpositionen (Tachi)
C) Körpereinsatz beim Umgang mit dem Bô
D) Grundhaltung
E) Griffwechsel
F) Der Gruß (Rei)
G) Einnehmen der Ausgangshaltung (Yoi)
H) Einnehmen der Bereitschaftshaltung
I) Rückkehr in die Ausgangshaltung (Naore oder Yasume)
J) Ortswechsel
2. Kapitel – Die Angriffstechniken
A) Die Schlagtechniken (Uchi waza)
1.) Der seitliche Schlag (Yoko honte uchi)
2.) Der vertikale Schlag (Tate honte uchi)
3.) Die Schwingtechniken
B) Die Stoßtechniken (Tsuki waza)
1.) Der direkte Stoß (Tsuki)
2.) Der direkte gleitende und bohrende Stoß (Nuki)
3.) Der gleitende Stoß nach unten (Gedan nuki oder Gedan zuki)
3. Kapitel – Die Verteidigungstechniken
A) Mittlere Abwehrtechniken (Chûdan uke oder Yoko uke)
1.) Block von innen nach außen (Soto uke)
2.) Haken-Block (Kake uke)
3.) Block von außen nach innen (Uchi uke)
4.) Schräger Block (Harai uke) oder vertikaler Block (Tate uke)
B) Tiefe Abwehrtechniken (Gedan uke)
1.) Fegeabwehr (Nagashi uke oder Hane uke)
2.) Schräger Block (Harai uke oder Yoko uke)
3.) Vertikaler Block (Tate uke)
4.) Fegender Block (Gedan barai oder Gedan ura uke)
5.) Preßabwehr (Osae uke oder Otoshi uke)
6.) Schaufel-Abwehr (Sukui uke)
7.) Preßabwehr mit zwei Händen (Otoshi morote uke)
C) Hohe Abwehrtechniken (Jôdan uke)
1.) Schaufel-Abwehr (Sukui uke)
2.) Der Block mit zwei Händen (Morote age uke)
3.) Seitlicher hoher Block (Jôdan yoko uke oder Jôdan harai uke)
4.) Hohe Fegeabwehr (Jôdan nagashi uke)
5.) Mit beiden Händen nach unten gepreßter Block (Otoshi morote uke)
4. Kapitel – Kombinationen (Renzoku waza)
2. Abschnitt – Kumite (Kampftechniken)
Bô Kumite
A) Einfache Abfolgen
1.) Angriff mit Chûdan ura uchi von links nach rechts
2.) Angriff mit Gedan ura uchi von links nach rechts
3.) Angriff mit Gedan yoko honte uchi von links nach rechts
4.) Angriff mit Gedan ura uchi von links nach rechts
5.) Angriff mit Gedan yoko honte uchi von rechts nach links
6.) Angriff mit Jôdan ura uchi von links nach rechts
7.) Angriff mit Chûdan zuki
8.) Angriff mit Jôdan zuki
9.) Angriff mit Jôdan tate honte uchi
10.) Angriff mit Jôdan yoko (oder tate) honte uchi
11.) Angriff mit Jôdan tate (oder yoko) honte uchi
12a) Angriff mit Chûdan yoko honte uchi von rechts nach links
12b) Angriff mit Chûdan yoko honte uchi (oder Tsuki)
13.) Angriff mit Chûdan yoko honte uchi (oder Tsuki)
B) Kombinationen
1.) 14 Übungsserien
2.) Sechs Serien von Tamano Sensei
3.) Die Serie von Inoue Sensei
3. Abschnitt – Kata
Die Hauptkata für den Bô
Kata 1. Shôun no kon
Kata 2. Shûshi no kon (dai)
Kata 3. Shûshi no kon (shô)
Kata 4. Sakugawa no kon (shô)
Teil II – Sai
Einleitung
Geschichte und Verwendung
Die Meister des Sai
1. Abschnitt – Hôjô undô (Grundtechniken)
1. Kapitel – Das Halten des Sai
2. Kapitel – Die Verteidigungstechniken (Uke waza)
A) Tiefe Abwehrtechniken (Gedan uke)
1.) Fegende Abwehr (Gedan barai oder Gedan harai)
2.) Nach unten geführte Abwehr (Otoshi uke)
3.) Blocken über Kreuz (Gedan juji uke oder Gedan kosa uke)
B) Hohe Abwehrtechniken (Jôdan uke)
1.) Blocken über Kreuz (Jôdan juji uke oder Jôdan kosa uke)
2.) Nach oben geführter Block (Jôdan age uke)
3.) Block durch Verhaken (Jôdan kake uke)
4.) Fegende Abwehr
C) Mittlere Abwehrtechniken (Chûdan uke)
1.) Block durch Verhaken (Chûdan kake uke)
2.) Fegende Abwehr
3. Kapitel – Die Angriffstechniken (Tsuki und Uchi waza)
A) Direkte Angriffe (Tsuki waza)
1.) Stöße mit dem Knauf (Tsuki)
2.) Stöße mit der Spitze (Tsuki komi oder nuki)
3.) Stöße mit der Gabel des Sai (Yoku zuki)
B) Indirekte Angriffe (Uchi waza oder Furi dachi)
1.) Stöße mit dem Knauf
2.) Stöße mit dem Schaft
4. Kapitel – Das Wiederergreifen (Osame)
5. Kapitel – Kombinationen (Renzoku waza)
2. Abschnitt – Kumite (Kampftechniken)
1.) Angriff des Bô mit rechtem Chûdan yoko honte uchi (oder Chûdan zuki)
2.) Angriff des Bô mit linkem Chûdan yoko honte uchi (oder Chûdan zuki)
3.) Angriff des Bô mit rechtem Chûdan yoko honte uchi
4.) Angriff des Bô mit Jôdan honte uchi
5.) Angriff des Bô mit Tate honte uchi
6.) Angriff des Bô mit Jôdan yoko honte uchi (oder Tate honte uchi)
7.) Angriff des Bô mit rechtem Tate honte mochi
8.) Angriff des Bô mit rechtem Tate honte mochi
9.) Angriff des Bô mit Tate honte uchi (oder vertikaler Schwerthieb)
10.) Angriff des Bô mit Tate honte uchi
11.) Tiefer Rückhandangriff mit dem Bô
12.) Tiefer Rückhandangriff mit dem Bô
13.) Tiefer Rückhandangriff mit dem Bô
14.) Rückhandangriff mit dem Bô gegen den Körper (oder seitlicher Schwerthieb von außen nach innen)
15.) Angriff des Bô mit Jôdan nuki
16.) Angriff des Bô mit Jôdan nuki (oder Jôdan yoko honte uchi)
17.) Angriff des Bô mit Jôdan nuki (oder Jôdan yoko honte uchi)
18.) Angriff des Bô mit Gedan yoko uchi
19.) Angriff des Bô mit Chûdan yoko uchi
20.) Angriff mit dem Schwert von außen nach innen
21.) Bunkai (Analyse) des Beginns der Chatanyara kata
3. Abschnitt – Kata
Kata 1. Übungs-Kata
Kata 2. Tsuken Shitahaku no sai
Kata 3. Chatanyara no sai
Kata 4. Hamahiga no sai
Das Werfen des Sai
Anmerkungen
In Zeiten des Krieges muß man die Künste des Budô üben, um überleben zu können, in Zeiten des Friedens, um länger leben zu können …
Matayoshi Shinpô (1922 - 1997)

Roland Habersetzer mit Sai (Saint-Nabor, 2006)

Centre de Recherche Budo (CRB)
7b Chemin du Looch
F-67530 Saint-Nabor
Internet: www.karate-crb.com
Deutsche CRB-Website:
www.wslang.de/karatecrb

Der Autor
Roland Habersetzer, Jahrgang 1942, ist seit 1957 Praktizierender der Kampfkünste. Bereits 1961 erhielt er den 1. Dan und wurde so zu einem der ersten französischen „Schwarzgurte“ im Karate. Zu recht wird er sowohl als Spezialist der japanischen Kampfkünste (Budô) als auch der chinesischen (Wushu) angesehen. Nachdem er verschiedene Graduierungen in Frankreich, Japan und China erhalten hatte, wurde Roland Habersetzer in Japan durch O-Sensei Tsuneyoshi Ogura (10. Dan, Leiter des Dojô Gembukan in Kofu, Schüler von Yamagushi Gôgen, 1909 - 1989, und von Gima Makoto, 1897 - 1998) im Jahre 1992 der 8. Dan sowie der Titel eines Shihan zuerkannt, und im April 2006 der 9. Dan, Hanshi, sowie der Titel eines Soke (Meister-Gründer) für seinen eigenen Kampfkunststil „Tengû no michi“ (Tengû ryû Karatedô, Kobudô, Hôjutsu). Diese Graduierungen und Titel wurden durch Tadahiko Ôtsuka vom Tokioter Gôjûkensha (anerkannter Meister des Gôjû ryû, des Naha te und des Shuri te und direkter Schüler von Higa Yûchoku, 1910 - 1994, von welchem er den Titel des Hanshi erhalten hat) bestätigt. Damit wurden seine außerordentlichen Bemühungen bei der Verbreitung der Kampfkünste und die hohe Effektivität seines Wirkens gewürdigt. Bestätigt wurde hierdurch ebenfalls der Sinn, den Roland Habersetzer stets in den nunmehr 49 Jahren seiner Kampfkunstpraxis und in seinem Engagement für eine authentische Tradition gesehen hat, einer Tradition, die im Zeichen des größten Respekts vor den Stufen „Shu“, „Ha“ und „Li“ steht. Schließlich stellt dies auch die Legitimierung seines eigenen Konzepts der Praxis der Kampfkünste dar, des „Weges des Tengû“ („Tengû no michi“).
Im Jahre 1968 erschien sein erstes populärwissenschaftliches Buch über die Kampfkünste. Heute besteht sein Werk aus über 70 Büchern, was ihn zum Autor der weltweit bedeutendsten Buchreihe auf diesem Gebiet werden läßt. Seine Bücher, die in mehrere Sprachen übersetzt worden sind, gelten in allen frankophonen Ländern als historisches, technisches und pädagogisches Standardwerk, und auch in vielen anderen Ländern besitzen sie hohes Ansehen.
Schon frühzeitig zeigte sich Roland Habersetzer enttäuscht von der Tendenz des Karate, sich von der Kampfkunst zur Sportart zu entwickeln. Daher gründete er 1974 das Centre de Recherche Budo (CRB), eine internationale, unabhängige Organisation, die zahlreiche Budôka zusammengeführt hat, denen vorrangig der Erhalt der geistigen Werte der japanischen und chinesischen Kampfkünste am Herzen liegt. Durch sein Wirken im Rahmen des CRB, durch zahlreiche Lehrgänge und Seminare auf der ganzen Welt und natürlich auch durch seine technischen Handbücher und historischen Werke leistete er echte Pionierarbeit, damit die traditionellen Werte seiner Kunst nicht verloren gehen würden. Zwischen 1962 und 2002 unterrichtete er in seinem Dôjô in Straßburg. Stets umfaßte sein Ausbildungskonzept sowohl die Kampftechniken als auch deren kulturellen Hintergrund. Nach wie vor ist er als Budôka sehr aktiv, auch wenn sich seine Lehrtätigkeit inzwischen auf wenige Lehrgänge und Seminare hohen Anspruchs pro Jahr beschränkt.
Der weltweit anerkannte Experte im Karatedô, im Kobudô und im Taijiquan interessiert sich leidenschaftlich für Kampfkünste in all ihren Erscheinungsformen. Nach Effektivität im Kampf zu streben, bedeutet für ihn, alle Entwicklungen vorurteilsfrei zu betrachten. Diese Überzeugung führte den modernen „Ronin“, als den er sich sieht, dazu, seiner Praxis auch andere Techniken hinzuzufügen, was selbst den Umgang mit zeitgenössischen Waffen einschließt. So ist er (mit entsprechenden Diplomen aus den USA und aus der Schweiz) u. a. auch als Ausbilder im Kampfschießen mit Handfeuerwaffen tätig.
Mit seinem Institut Tengu, das er 1995 gründete, begann, parallel zu seiner Tätigkeit als Budôka, eine neue Etappe seiner Forschungen auf dem Gebiet der Kampfkünste. Das Ziel dieses Instituts besteht darin, auf Grundlage des Studiums und des praktischen Vergleichs zahlreicher Formen des Kampfes mit und ohne Waffe zu einem umfassenden Konzept der Selbstverteidigung zu gelangen, das den Gegebenheiten des heutigen Lebens gerecht wird. Die Absicht von Habersetzer Sensei besteht darin, der Praxis des Karatedô einen Sinn zu verleihen, der in der modernen Gesellschaft Bestand hat, einen Sinn, der nichts zu tun hat mit sportlichen oder spielerischen Varianten. Sein leidenschaftliches Streben gilt einer gültigen Neubestimmung des Konzepts des Kriegertums für unsere Epoche; Techniken, Taktiken und Verhaltensweisen der Praxis des klassischen Karatedô sollen mit den Gegebenheiten unserer Zeit in Einklang gebracht werden.
„Der Weg des Tengû“ (Tengû no michi) ist für ihn das Abbild einer neuen Bewußtwerdung, eines Willens, einer modernisierten Methode des Budô. Geistige Einstellung und technische Mittel entsprechen dabei den Anforderungen der heutigen Welt. Indem er nach langen Jahren auf dem Weg des klassischen Karatedô eine authentische Schule (Ryû) der vereinigten Kampfkünste (Shin Budô), „Tengû no michi“, gegründet hat, hat Habersetzer Soke nichts anderes getan, als den lebendigen Geist der Tradition in die Gegenwart zu tragen. Ganz im Sinne eines „Tatsujin“ („aufrechter Mensch“) ist er somit seiner ursprünglichen Wahl treu geblieben, indem er die Tradition mit Nachdruck und Überzeugung ehrt und weitervermittelt.
Danksagungen
Der Autor dankt Herrn Jean-Marie Hamert, Herrn Jean-Pierre Richeton, 4. Dan, Herrn Malou Hamert, 3. Dan und Herrn Daniel Petit, 2. Dan, Experten des Centre de Recherche Budo, sowie Herrn Thierry Habersetzer, die mit ihm zusammen auf den Aufnahmen zu sehen sind. Er dankt ebenfalls den Meistern und Experten Matayoshi, Chinen, Izumi, Adaniya, Iko Oshiro, Yoshiaki Gakiyu und Tamano, daß sie es gestattet haben, daß Fotos von ihnen in diesem Buch gezeigt werden.
Illustrationen
Fotos 17 und 286 stammen von Jean-Marie Hamert, alle anderen Fotos vom Autor sowie von Gabrielle und Thierry Habersetzer. Alle Zeichnungen stammen aus der Feder des Autors. Die Fotos 16, 17, 55, 228, 229, 230, 232, 251 bis 256, 258, 259, 286 und 384 wurden während Lehrgängen im Dôjô des CRB in Straßburg aufgenommen.
Dem Andenken von Meister Matayoshi Shinpô gewidmet als Zeichen des Respekts und der Dankbarkeit für das, was er darstellte und für all sein Wissen. Mögen auch in Zukunft Weitere dem Weg seines Kobudô folgen.
Roland Habersetzer

Der Autor mit Matayoshi Shinpô bei ihrer ersten Begegnung in Straßburg, 1973
Vorwort zur deutschen Ausgabe des „Kobudô“
Der Einfallsreichtum und die schöpferische Kraft des Menschen in Gefahr brachte zu allen Zeiten Techniken hervor, die dazu dienten, die Konfrontation mit anderen Menschen, mit wilden Tieren oder mit Naturgewalten überleben zu können. Diese Techniken mit und ohne Waffen waren stets mit bestimmten geistigen, religiösen oder philosophischen Grundideen verbunden. Man war überzeugt, daß ein Krieger nur zu siegen vermochte, wenn er Träger von Kräften war, die über ihn hinausgingen, und in deren Besitz er sich durch einen magischen Prozeß bringen konnte. Die Beherrschung einer Waffe galt lange Zeit als eine Art Zauberei. In allen Weltgegenden ist die Geschichte des Menschen als Krieger seit Anbeginn der Menschheit im Grunde überraschend ähnlich.
Für das von der Insel Okinawa stammende Kobudô1 gilt prinzipiell das gleiche. Allerdings waren dem einfachen Volk, das diese Kampfkunst hervorgebracht hat, intellektuelle oder philosophische Konzepte anfangs noch fremd. Die Schöpfer des Kobudô waren vor allem pragmatisch eingestellt. Was für sie zählte, waren die reinen Kampftechniken mit improvisierten Waffen aus alltäglichen Werkzeugen der Bauern und der Fischer. Somit handelte es sich zu Beginn genau genommen um Kobujutsu, in dem die kriegerische (Bu) Technik (jutsu) das, was sich als Beginn einer Methode innerer Entwicklung (Dô) herausbildete, in den Hintergrund treten ließ. Natürlich sind auch in jener Zeit bereits verschiedene kulturelle Elemente, die charakteristisch für die Insel Okinawa waren, in die einheimischen Kampfkünste eingeflossen. So lassen sich beispielsweise in manchen klassischen Kata des Karatedô (Koshiki Kata) Bestandteile der traditionellen Tänze der Insel (Odori) nachweisen.2 Aber erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts verbanden sich die Techniken wesentlich mit bestimmten geistigen Elementen, die anderen japanischen Kampfkünsten entstammten. In jener Zeit entwickelte sich aus der kriegerischen Kunst des Kobujutsu die Kampfkunst des Kobudô, und dieses Kobudô wurde Teil der großen Familie der japanischen Kampfkünste. Letztere waren allesamt Wege (Dô, Michi) für den Menschen, der nach Vervollkommnung strebte. Die Herausforderung dieser Wege bestand in dem intensiven Üben von Techniken, die Ausdruck der Einheit zwischen Körper und Geist waren. Diese Einheit, die durch perfekte Beherrschung der Bewegungsformen und Haltungen erreicht wurde, war die Quelle für vollkommene Effektivität in jeder Hinsicht.
Sai (Dreizack), Bô (Stock), Nunchaku (Dreschflegel) und Tonfa (hölzerner Stiel mit seitlichem Griffstück) sind die vier Hauptwaffen des okinawanischen Kobudô. Ihre Techniken sind sehr komplex. Sie zu beherrschen erfordert ein Höchstmaß an Kontrolle, vor allem in Bezug auf die richtige Einschätzung von Abständen, die fehlerlose Koordination von Bewegungsabläufen und den richtigen Einsatz der inneren Energie (Qi). Das, was mitunter medienwirksam bei öffentlichen Vorführungen als Kobudô präsentiert wird, drängt den eigentlichen Sinn des Kobudô an den Rand, ganz zu schweigen von den Versuchen, diese Kampfkunst in einen Sport umzuwandeln. Tatsächlich hat sich der Endzweck dieser Kunst wie der aller Kampfkünste gewandelt. Ihre Techniken sind nicht mehr dazu bestimmt, im Kampf eingesetzt zu werden, wo sie gegen moderne Waffen weitgehend chancenlos wären. Heute besteht ihr Daseinszweck vorrangig darin, daß der Praktizierende mit ihrer Hilfe seine Persönlichkeit entwickeln kann. Der Gegner steht nicht mehr vor ihm, sondern befindet sich in ihm selbst. Das Ziel, „den Gegner zu besiegen“, wandelte sich zum Ziel, „sein eigenes Ego zu besiegen“.
Man findet im Kobudô den gesamten erzieherischen Reichtum der fernöstlichen Kampfkünste. Dessen außerordentlicher Wert drückt sich darin aus, daß all die Mühe, die man auf sich nimmt, um die Kampftechniken beherrschen zu lernen, dadurch belohnt wird, daß man in sich den Geist des Friedens und der Ehrfurcht vor dem Leben entdeckt. Als Instrumente, die dazu bestimmt sind, die Persönlichkeit zu schmieden (Seishin tanren) und nicht direkt auf die Außenwelt einzuwirken, sind die Waffen des Kobudô tatsächlich Waffen des Friedens. Denn es gilt immer und in jeder Hinsicht, daß die Beherrschung des Selbst die Basis für eine zivilisierte Gesellschaft ist.

Foto 1: Der Autor mit Matayoshi Shinpô Shihan, Präsident der Gesamtokinawanischen Kobudô Assoziation in dessen Dôjô in Japan. Dieses Foto entstand während einer Studienreise, die Roland Habersetzer als Leiter einer bedeutenden Gruppe von Experten des CRB im Sommer 1984 unternommen hat. Die Studienreise war die Fortsetzung einer Beziehung, die 1973 in Straßburg ihren Anfang genommen hatte.

Foto 2: Der Autor zusammen mit Kampfkunst-Meistern im Kôdôkan von Naha. Links im Bild Itokazu Seko, Mitbegründer des Pangai Noon ryû. Das Foto entstand bei der gleichen Gelegenheit wie Foto 1.
Ein aus seinem historischen Zusammenhang gelöstes Kobudô ist natürlich nicht mehr dasselbe, was es ursprünglich war. Diese Kampfkunst mit all ihren Techniken ist durch den Geist des Widerstands, des Nichthinnehmens, des Nichtaufgebens angesichts äußerer Zwänge geprägt. Sie bildete sich heraus, weil das freiheitsliebende Volk Okinawas sich gegen die Unterdrückung durch fremdländische Besatzer zur Wehr setzen wollte. Ihre Techniken, die sich in der Feudalzeit entwickelten, als die Insel von japanischen Invasoren beherrscht wurde, verwandelten Werkzeuge aus dem Alltag der Bauern und Fischer in todbringende Waffen. Praktiziert man diese alte Kampfkunst heute, so ist es wichtig zu versuchen, sie in ihrem ursprünglichen Geiste auszuführen, im Geiste eines Menschen, der frei ist und frei bleiben will, und der nicht alles, was man ihm aufnötigen will, hinnimmt. Eines Menschen, der seinen Widerstandsgeist gegen alles, was ihn zu zerstören versucht, bewahrt. Das Kobudô ist Teil des kulturellen Erbes Okinawas. Aber der dahinterstehende Wille des Menschen zu überleben, ist universell und gilt für alle Zeiten. Das alles sind starke Gründe dafür, die Kunst des Kobudô – die Techniken wie den Geist – nicht der Vergessenheit anheimfallen zu lassen.
Jede Facette des Kobudô erfordert lange Jahre geduldiger Praxis. Glücklicherweise ist es heute dank der phantastischen Entwicklung der audiovisuellen Techniken und der modernen Reisemöglichkeiten einfacher geworden, Zugang zum Kobudô zu erlangen.
Als ich im Jahre 1984 das Museum der Präfektur von Okinawa in Shuri besuchte, war ich äußerst erstaunt und betrübt darüber, daß dort nicht die kleinste Andeutung auf irgendeine Waffe des Kobudô zu finden war. In meinem 1985 erschienen Buch „Sai“ schrieb ich daraufhin: „Vielleicht ist es ja die Aufgabe des Westens, dieses verblüffende Vergessen seitens derjenigen, die daran am meisten interessiert sein müßten, überwinden zu helfen.“ – Erfreulicherweise haben sich die Zeiten geändert. Im Jahre 1987 hat Hokama Tetsuhiro in seinem Dôjô für Karate und Kobudô in Nishihara (Okinawa Gôjû ryu Kenshikai Honbu dôjô) ein bedeutendes Museum der okinawanischen Kampfkünste eröffnet.
Ich habe im Jahre 1973 mit der Praxis des okinawanischen Kobudô begonnen, als ich zum ersten Mal Matayoshi Shinpô3 Sensei begegnete, der einer der größten Meister auf diesem Gebiet war (10. Dan). Ich hatte die außerordentliche Ehre, ihn als Gast in meinem Haus im Elsaß empfangen zu dürfen. Später besuchte ich ihn mehrere Male in Japan.
Es war mir stets wichtig, meine Leidenschaft für die ostasiatischen Kampfkünste mit anderen teilen zu können. Aus diesem Grunde habe ich bereits 1975 ein Werk über diese alte okinawanische Kunst verfaßt.4 Aufgrund des großen Interesses, auf das dieses Buch stieß, entwickelte ich den Stoff weiter, so daß in der Folge drei Bände entstanden.5 Diese Bücher wurden in zahlreichen Ländern kopiert und plagiiert, mitunter sogar, ohne daß der Name des Autors genannt wurde. Obgleich einige meiner Werke dieses Schicksal teilen, hat mich das nie von meiner Haltung abgebracht, alles, was ich gelernt habe, offenzulegen. Mit dieser Absicht zur Popularisierung waren meine Bücher immer Wegbereiter. Ich wollte die Möglichkeit schaffen, daß auch andere aus den Quellen schöpfen können, damit der Weg offen bleibe, sowohl für jene, die ihn in Zukunft beschreiten wollen, als auch für die letzten authentischen alten Meister, die ihn mit ihrem ganzen Herzen lehren wollen. Ich habe daher niemals die mit dieser Arbeit verbundenen Mühen gescheut.

Siegel des von Matayoshi Shinpô gegründeten „Gesamtokinawanischen Kobudô Renmei“.
Ich vertrete die Ansicht, daß das Studium der traditionellen Waffen des Kobudô in den Dôjô häufiger vermittelt werden sollte. Ihre Praxis läßt einen seine Fehler leichter erkennen, sie schärft den Geist und führt zu größerer Bescheidenheit. Beim Umgang mit ihnen wird schnell deutlich, daß ihre eigentliche, ursprüngliche Bedingung der Kampf auf Leben und Tod ist. In diesem Zusammenhang möchte ich jeden Budôka daran erinnern, daß es zwar sehr gut ist, die Waffen immer besser zu beherrschen, man jedoch unbedingt vermeiden muß, tatsächlich einmal auf sie angewiesen zu sein.
All jenen, die mir dabei geholfen haben, daß dieses Werk entstehen konnte, möchte ich meinen aufrichtigen Dank aussprechen. Ich werde niemals vergessen, daß sie mich an ihrem Wissen teilhaben ließen, damit ich es meinerseits weitervermitteln kann. Diese Bücher hätten nicht entstehen können ohne die Meister Mochizuki Hiro, Chinen Kenyû, Adaniya Seisuke, Tamano Toshio, Suzuki Tatsuo, und vor allem nicht ohne die Meister Matayoshi Shinpô (1922 - 1997) und Inoue Motokatsu (1918 - 1993), denen ich diese Seiten mit besonderer Ehrfurcht und Dankbarkeit widmen möchte. Ich wünsche mir, daß auf diesem Wege ihre Kobudô-Kunst zu Ihnen, den Lesern, gelangen möge.
Ich wünsche meinen hochgeschätzten Lesern der deutschen Ausgabe, in diesen Büchern ein traditionelles Wissen zu entdecken oder zu vertiefen, das zum gemeinschaftlichen Erbe der Kampfkünste gehört.
Weiterhin möchte ich dem Palisander Verlag danken, daß er einem Werk neues Leben eingeflößt hat, das einst, als diese Kunst außerhalb Japans noch nahezu unbekannt war, den Weg des Kobudô in Europa bereitet hat.
Roland Habersetzer
9. Dan Karatedô (Japan), Hanshi
Soke: Tengû ryû
Saint-Nabor, Juni 2006
Einführung in das Studium des Kobudô
A) Ryûkyû – Kobu – Jutsu
Als Ryûkyû kobu jutsu hat man einst die auf der Insel Okinawa entstandene Gruppe von Kampfkünsten bezeichnet, die wir heute unter dem Begriff Kobudô kennen.6 Sie bildeten sich gemeinsam mit dem Okinawa te, dem Vorläufer des Karate, heraus. Es handelt sich hierbei um Kampfkünste mit Waffen, die im allgemeinen nichts anderes waren als gewöhnliche Geräte, wie sie bei der Ernte, beim Reisdreschen, bei der Fischerei usw. verwendet wurden. Um diese Waffen zu beherrschen, nutzte man die Kenntnis lokaler waffenloser Kampftechniken, wie das Naha te, das Shuri te oder das Tôde.7 Diese Synthese führte zu originellen und relativ komplexen Selbstverteidigungstechniken. Für den Gegner, die Samurai, welche einst die kleine Insel in ihren Besitz bringen wollten, waren diese Techniken oft außerordentlich überraschend und stets erschreckend wirkungsvoll, und sie fügten ihm verheerende Verluste zu.
Tatsächlich sahen sich die an sich friedfertigen Okinawaner, die zumeist Fischer und Landwirte waren, mehrfach in ihrer Geschichte mit Invasionen ausländischer Kräfte konfrontiert. Doch der Widerstandsgeist wurde zu einer Art zweiter Natur dieses Volkes, das unaufhörlich bedroht wurde, da es sich geographisch an einer „Wegkreuzung“ befand. Chinesen, Japaner, Malaien, Philippinos, sowie Piraten verschiedenster Herkunft suchten jahrhundertelang die Insel heim oder versuchten, sie zu besetzen. Solch ein Geschick über Generationen kann die Seele eines ganzen Volkes schmieden. Obwohl die Insel seit 1972 wieder unter japanischer Verwaltung steht (nach 1945 war sie von den Amerikanern unter General MacArthur okkupiert worden), fühlen sich ihre Bewohner noch heute sehr verschieden von denen des japanischen Mutterlandes, und sie werden nicht müde, dies zum Ausdruck zu bringen. Tatsächlich ist dieser Unterschied begründet, sowohl ethnisch als auch kulturell; er stellt einen unbestreitbaren zivilisatorischen Sachverhalt dar. Die Okinawaner ließen sich während ihrer bewegten Vergangenheit zu keiner Zeit von anderen assimilieren, im Geheimen nährten sie alles, was ihre Originalität ausmachte, und sie führten gegen die seit 1609 herrschenden Samurai des Satsuma-Klans einen Guerillakrieg, der die Okkupanten zermürbte.

Es ist bekannt, daß erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Ältesten auf Okinawa den Entschluß faßten, ihrem jahrhundertealten Widerstand ein Ende zu setzen und dem verhaßten Feind, welchen die Japaner so lange dargestellt hatten, das Okinawa te zu offenbaren. Noch länger dauerte es jedoch, bis die Japaner davon erfuhren, daß die schöpferische Kraft der Insulaner noch andere geheime Kampfkünste geschaffen hatte, das Kobu jutsu. Erst in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts wurde man sich dieser Tatsache zunächst in Japan und in der Folge in Europa bewußt. Seitdem herrscht Begeisterung über diese Entdeckung, was jedoch nicht ohne Gefahr ist. Der Zauber des Neuen und seine scheinbare Einfachheit könnten letztendlich dazu führen, daß die Kunst verfälscht wird. Die okinawanischen Waffenkünste zeichnen sich dadurch aus, daß sie grundsätzlich und ihrem Wesen nach bis heute für den sportlichen Wettkampf nicht geeignet sind. Dies stellte die beste Garantie dafür dar, daß sie – im Gegensatz zu so vielen anderen Kampfkünsten – unverändert erhalten bleiben konnten, sowohl, was ihre Techniken angeht, als auch hinsichtlich ihres geistig-philosophischen Hintergrunds. Damit bewahrten sie auch den Geist der „Unentgeltlichkeit“ und der Reinheit. Dies ist vor allem für diejenigen wichtig, für die Kampfkünste ein authentisches Mittel darstellen, sich selbst beherrschen zu lernen. Nicht zuletzt ist hier auch der Grund dafür zu finden, warum diese okinawanischen Künste auf gleichen Rang wie die anderen japanischen Budô-Künste erhoben wurden und dort unter dem Begriff Kobudô fortbestehen.
Ob dieser Zustand bestehen bleiben kann, ist schwer zu beurteilen. Der Druck seitens der Vertreter einer sportlichen Ausrichtung der Kampfkünste auf die letzten authentischen Hüter dieser Künste ist groß geworden. Hier und da lassen sich mittlerweile Verbiegungen des traditionellen Geistes ausmachen, und tatsächlich werden inzwischen bereits „Kobudô-Meisterschaften“ ausgetragen.
Die Zukunft wird offenbaren, ob der Wille jener, die als die letzten „Großen“ des Kobudô bezeichnet werden können, sich gegen die Versuche übertriebener Modernisierung durchsetzen kann, die bedauerlicherweise sehr effektiv sind, da sie einen kommerziellen Hintergrund haben.
B) Landwirtschaftliche Geräte, Kriegswaffen, kodifizierte Künste: die Herausbildung einer Kultur
Die langgestreckte Insel Okinawa befand sich in ihrer Geschichte unter dem Einfluß ihrer ungleich mächtigeren Nachbarn China und Japan. Rund tausend Kilometer von der chinesischen Küste entfernt, war Okinawa lange Zeit tributpflichtig gegenüber dem Reich der Mitte. Darüber hinaus diente es als Zwischenstation für alles, was im Umfeld von Soldaten oder Händlern aus dem zu jener Zeit mächtigsten Reich der Welt nach Japan gelangte. Bevor Okinawa durch japanische Samurai okkupiert wurde, war die Insel zudem Schauplatz unaufhörlicher Kämpfe zwischen rivalisierenden Piraten aus aller Herren Länder, was natürlich auch nicht ohne Auswirkungen auf die Insulaner blieb. All diese mannigfaltigen Einflüsse verwandelten Okinawa in einen einzigartigen und außerordentlich fruchtbaren Nährboden für Kampfkünste. Die Okinawaner setzten sich gegen die Fremdlinge zur Wehr; ihr Haß mündete in mehr oder weniger konfusen Racheaktionen, die letztendlich allesamt ergebnislos blieben. Trotzdem führte die niemals erlöschende Hoffnung auf Unabhängigkeit, die dem jahrhundertelangen Widerstand zugrunde lag, dazu, daß sich die Kampfkünste des Kobudô herausbilden konnten.
Um dies zu verdeutlichen, sollen im folgenden die wichtigsten Etappen der Geschichte des tapferen Inselvolkes, das um keinen Preis bereit war, seine Identität aufzugeben, einer kurzen Betrachtung unterzogen werden.
Über die Geschichte Okinawas vor dem 10. Jahrhundert ist sehr wenig bekannt. Die kleine Insel wurde von rivalisierenden Klanen beherrscht, die einander ohne Unterlaß befehdeten. Aber schon sehr früh – zur Zeit der Sui-Dynastie (581 - 618) – kamen die Ryûkyû-Inseln mit dem chinesischen Festland in Kontakt. Jahrhunderte später, in der Folge des verheerenden Gempai-Krieges in Japan zwischen den Klanen der Taira und der Minamoto (1180 - 1185), brachten sich zahlreiche Japaner auf Okinawa in Sicherheit. Zweifelsohne gelangten durch beide Ereignisse kriegerische Techniken auf die Insel, die die lokal vorhandenen, noch wenig entwickelten Kampftechniken der Einheimischen bereicherten.
Im 13. Jahrhundert ließ Shunten (auch Sonton genannt), der Fürst von Urasoe, der wahrscheinlich der erste König Okinawas wurde, ein Befestigungssystem bauen, das den Aufstieg einer Kriegerkaste demonstrierte. Seine Nachfolger setzten sein Werk fort.
Im 14. Jahrhundert endete das gegenüber der Außenwelt abgeschottete Dasein der Insel endgültig. Es entstanden Handelsbeziehungen mit China, Korea, Japan, aber auch mit den weiter entfernt liegenden Inseln Java und Sumatra. Im Jahre 1372 leistete König Sato den Treueeid gegenüber Kaiser Ming8 von China, und Okinawa wurde China gegenüber tributpflichtig.
1429 gelang es König Sho Hashi (1421 - 1439), die Herrschaft über die drei alten Provinzen Chuzan, Hokuzan und Nanzan zu erlangen und somit das erste vereinigte Königreich auf Okinawa zu schaffen. In jener Epoche entwickelten sich Naha und Shuri zu florierenden Handelsstädten, in denen man alle Produkte Südostasiens finden konnte und in denen Japaner, Chinesen, Malayen, Thailänder und Araber verkehrten. Es ist unschwer zu erkennen, daß die Okinawaner hier gute Möglichkeiten fanden, ihre eigenen Kampftechniken zu bereichern.
Ab 1421 scheint Okinawa auch gegenüber Japan tributpflichtig geworden zu sein.
Zu Beginn des 16. Jahrhunderts geschah etwas, das die originelle Ausrichtung der Kampfkünste der Insel entscheidend beeinflußte. König Sho Shin (1477 - 1526) ließ das erste Waffenverbot verkünden. Aus Furcht vor Revolten untersagten die Machthaber den Besitz aller Waffen. Diese wurden konfisziert und in einem Lager streng bewacht. Es gibt jedoch nichts, was das Interesse stärker beflügelt, als ein Verbot, und so waren die Okinawaner sehr danach bestrebt, sich trotz allem Waffen für den Kampf zu verschaffen. Zum einen führte dies dazu, daß man lernte, die bloßen Hände und andere Körperteile als Waffen einzusetzen, woraus sich in der Folge die Urformen des Karate entwickelten, und zum anderen lernte man, Geräte des häuslichen Gebrauchs im Kampf zu verwenden, die mit etwas Einfallsreichtum leicht in wirkungsvolle Waffen verwandelt werden konnten.
Zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde die zweite Etappe dieser Entwicklung eingeläutet. Japan war von neuem Schauplatz eines Bürgerkrieges geworden. Der Klan der Tokugawa ging als Sieger daraus hervor, Verlierer war der Satsuma-Klan, der durch die Familie Shimazu angeführt wurde. Der neue Shogun gestattete den zwar besiegten, aber keinesfalls vernichteten Satsuma, die Ryûkyû-Inseln für sich in Beschlag zu nehmen. Das war ein geschickter Schachzug, denn so gelang es ihm, sich gleichzeitig seiner stärksten Gegner zu entledigen und japanische Kontrolle über bis dahin durch China dominiertes Territorium zu gewinnen. Am 5. April 1609 landete der Satsuma-Klan mit 3000 Kriegern auf Okinawa und eroberte die Insel. Die Nachfolger der Satsuma blieben dort bis 1879 an der Macht. Sehr bald nach der Invasion erließ Klanführer Iehisa Shimazu seine ersten Verordnungen für die Insulaner, zu deren wichtigsten die Erneuerung des Verbots jeglichen Waffenbesitzes zählte. Hinzu kam, daß die Praxis jeglicher kriegerischer Übung untersagt wurde. Doch damit nicht genug. Um auch fern von ihrem Mutterland in den Besitz von ausreichend Metall zu gelangen, konfiszierten die japanischen Eindringlinge alle Metallgegenstände und metallenen Werkzeuge, und sie zerstörten schließlich alle Schmieden. Es ist gewiß, daß die Okinawaner auch diesmal dem Verbot trotzten. Das Edikt Shimazus beflügelte den Widerstandsgeist der Ureinwohner. Es begann eine Blütezeit der Kampftechniken. Bereits um 1630 bildeten sich Techniken mit der bloßen Hand, die als Te (Hand) bezeichnet wurden, heraus. Sie stellten eine Kombination aus lokalen Elementen und chinesischem Quanfa (Kungfu) dar.9 Doch die wirkliche Neuheit stellte die eindrucksvolle Perfektion im Umgang mit improvisierten Waffen dar. Dies war die Geburtsstunde der Systeme des Kobudô, wie wir sie heute kennen. Man bezeichnete diese Techniken zu jener Zeit als Tigua, ein Oberbegriff, der auf das Training mit Acker- oder Fischereigeräten, wie sie im täglichen Leben verwendet wurden, angewendet wurde.
All diese gewöhnlichen und harmlos erscheinenden Gerätschaften verwandelten sich in den Händen von Experten in furchtbare Waffen. Von nun an vollzog sich die Entwicklung des Tigua parallel zu der des Okinawa te, der Urform des Karate. Manche dieser Waffen wurden auf äußerst simple Weise eingesetzt, während andere ihre Wirksamkeit einer ausgefeilten Handhabung verdankten.
Zu jener Zeit ging es ausschließlich um den praktischen Nutzen der Kampftechniken. Man befand sich auf der Stufe des Bugei (kriegerische Techniken), jedoch noch nicht auf der des Budô (Kampfkunst, die die geistige Dimension mit einbezieht). Das Training fand unter äußerster Geheimhaltung statt, für gewöhnlich in der Nacht, und die Techniken wurden mündlich weitervermittelt. Mit der Zeit hoben sich allerdings aus der Vielzahl der Praktizierenden einige Experten heraus, die sich durch besondere Begabung auszeichneten. Es entstanden verschiedene Stilrichtungen, und deren Meister kodifizierten ihre Lehren und ließen der Improvisation immer weniger Raum. Doch dies war eine Entwicklung, die erst im Laufe des 19. Jahrhunderts zur Reife gelangte.
1868, im Jahr des Beginns der Meiji-Restauration, wurde alles, was auch nur im entferntesten einer kriegerischen Aktivität ähnelte, im gesamten japanischen Kaiserreich verboten. Dies stellte den Abschluß der Bakumatsu-Periode10 dar, das Ende des Shogunats, jener Militärregierung, die im Jahre 1603 durch Tokugawa Ieyasu installiert worden war. 1879 wurde Okinawa offiziell zur japanischen Provinz. Damals lebten 350 000 Einwohner auf der Insel, davon 23 000 in der Hauptstadt Naha. Es herrschte nun uneingeschränkt die japanische Ordnung, und die alten Kampfkünste schienen dazu verurteilt auszusterben. Doch noch gab es etliche alte Meister, Träger des bedrohten Erbes. Man zählte damals etwa 100 Kampfkunstschulen. Im Jahre 1903 kam es auf Okinawa zur ersten öffentlichen Vorführung der bis dahin eifersüchtig vor der Neugierde der Japaner gehüteten Kampfkünste; dies bedeutete nichts weniger als eine Offenbarung. Im darauffolgenden Jahr genehmigte die Regierung in Tokio die Ausübung dieser Künste, vor allem des Karate, in den Grundschulen, wo sie Bestandteil des Sportunterrichts wurden. Durch diese Entwicklung entging auch das Kobudô der Gefahr des Vergessenwerdens. Es sollte noch zehn Jahre dauern, bis die rasche Entwicklung des Karate durch Funakoshi Gichin und andere, die die Regeln der Geheimhaltung gebrochen hatten und ihre Kunst auch außerhalb Okinawas lehrten, zu einem Motor der Erneuerung auch für die okinawanischen Waffenkünste wurde. Zweifelsohne stand das Kobudô lange Zeit im Schatten des Karate, aber noch vor dem zweiten Weltkrieg begannen die ersten Japaner, jene sonderbaren Techniken zu studieren, die einst von den verachteten Bauern ihrer alten Kolonie entwickelt worden waren. Damit war das Weiterbestehen dieser Kampfkunst gesichert.
Während des zweiten Weltkriegs wurde die Insel Okinawa stark verwüstet und die Bevölkerung dezimiert. Zwischen dem 1. April und dem 10. Juni 1945 widersetzten sich dort Soldaten und Kamikazekämpfer verzweifelt den amerikanischen Truppen unter General MacArthur. 100 000 Menschen ließen in jenem blutigen Frühjahr an den Küsten Okinawas ihr Leben. Selbstverständlich gehörten auch viele Kampfkunstexperten zu den Kriegsopfern, und die Ausbildungssysteme auf dem Gebiet der Kampfkünste wurden durch den Krieg zerrüttet.
Zwischen 1945 und 1972 stand die Insel unter der Besatzungshoheit der siegreichen US-Amerikaner. Die Besatzungsmacht wurde ab 1950, mit Ausbruch des Korea-Krieges, noch verstärkt. Mehr als 100 000 GI waren damals permanent auf Okinawa stationiert. Viele von ihnen brachten bei ihrer Rückkehr in die USA erste Kenntnisse des Karate und auch des Kobudô in ihre Heimat. Schnell erwachte hierdurch das allgemeine Interesse an diesen neuartigen Kampfformen, zunächst in den USA, später im gesamten Westen. Wohl nie zuvor sind die okinawanischen Experten so umworben gewesen wie zu jener Zeit. Um dieser neuen Herausforderung zu begegnen, begannen sie sich in Verbänden, die mehr oder weniger miteinander rivalisierten, zu organisieren. Sie kodifizierten ihre Lehren auf neue Weise, nahmen fremde Kata in ihr Lehrsystem auf, modifizierten bestehende Kata und schufen neue. Parallel hierzu gründeten japanische Experten ihre eigenen Stilrichtungen, die sich durch wieder andere Veränderungen auszeichneten. Doch beide Gruppen von Experten, die okinawanischen wie die japanischen, betrachteten sich gleichermaßen als Erben der Kobudô-Meister des 19. Jahrhunderts. Das Ergebnis war, das die Einheit der Kampftechniken dieser alten Kunst endgültig zerstört wurde.

Meister Sakagami Ryûsho war der erste, der Kobudô einer breiten Öffentlichkeit vorführte. Dies geschah im Oktober 1970 während der ersten Karateweltmeisterschaft in Tokio. Im April 1972 organisierte Meister Hayashi Teruô die zweiten Kobudô-Meisterschaften im Rahmen der zweiten Karateweltmeisterschaft in Paris.
Am 15. Mai 1972 wurde Okinawa offiziell wieder der japanischen Regierungshoheit unterstellt.
C) Ein eindrucksvolles Arsenal
Das Kobudô ist für sich ein vollständiges und mannigfaltiges System. Es war perfekt an die Bedürfnisse einer bäuerlichen Bevölkerung angepaßt, die im Gegensatz zu den japanischen Samurai (Rittern) weder ein besonderes Interesse daran noch die Mittel dazu besaß, sich alle Finessen des Zweikampfes zu eigen zu machen. Die Originalität des okinawanischen Kobudô beruht weniger auf den Techniken, die sich im einzelnen herausgebildet haben, als auf deren Synthese und der Geisteshaltung, die hinter ihrer Anwendung stand.
Auch andere Völker Südostasiens, Inselbewohner (Java, Sumatra) oder Festlandbewohner (China, Vietnam) haben identische oder zumindest vergleichbare Waffen entwickelt wie die Okinawaner, und dies aus ähnlichen Gründen wie diese. Sie wußten sich ebenfalls des Dreschflegels, des Stocks, der Sichel usw. im Kampf zu bedienen. Schon im alten China war der Gebrauch dieser Werkzeuge als Waffen bekannt, wie auch im mittelalterlichen Japan. Doch nirgendwo sonst als auf Okinawa wurden die Kampftechniken mit landwirtschaftlichen Geräten so intensiv und so ausgefeilt entwickelt, was zweifelsohne nicht zuletzt an der räumlichen Begrenztheit der Insel lag.
Entscheidend ist auch, daß sich die Techniken im Volk herausbildeten, wenn nicht sogar in der Masse der Bevölkerung, während sie anderswo, vor allem in Japan, einer Kriegerelite vorbehalten blieben, die die Exklusivität ihrer Macht eifersüchtig hütete. Somit blieb ihre Bedeutung in Japan auch eher marginal, sie wurden als Zusatztechniken zu den „edlen“ Kampftechniken geübt, deren Grundlage der Umgang mit dem Schwert war. Auf Okinawa hingegen wurde das Kobudô selbst als „edle“ Kunst angesehen.

Foto 3: Ein eindrucksvoller Waffenständer, der unterschiedliche Arten Sai (links) und Nunchaku (unten rechts) versammelt. Rechts oben sind Spieße und aus Schildkrötenpanzern gefertigte Chimbe (Timpe) zu sehen. Das Foto wurde im Dôjô von Meister Inoue in Shimizu, Japan, aufgenommen.
Kobudô war das Spiegelbild der körperlichen Möglichkeiten und der geistigen Haltung eines ganzen Volkes, das sich unaufhörlich mit Bedrohungen konfrontiert sah. Das ist der Grund, weshalb hier mehr als in jedem anderen Volk diese echte Einheit zwischen den Menschen und den Mitteln, die sie im Kampfe verwendeten, bestand. Es ist vollkommen gerechtfertigt, Kobudô als zivilisatorische Errungenschaft der Okinawaner zu betrachten, bäuerlich geprägt zweifelsohne, doch außerordentlich ausgefeilt. Diese Kampfkünste waren Ausdruck des Wesens einer Bevölkerung von Bauern und Fischern, die sich durch einen unbeugsamen Willen zur Unabhängigkeit auszeichnete, und ihre Entwicklung wurde unterstützt durch die Gewohnheit, die aus einem schwierigen Dasein erwachsenden Probleme einfallsreich zu lösen.
Das Kobudô kennt über 20 Waffen. Die Hauptkünste des Kobudô beziehen sich auf den Umgang mit den wichtigsten unter ihnen: Bô (Stock), Sai (Dreizack – Gabel mit drei Zinken – aus Metall), Tonfa (Holzstiel), Nunchaku (Dreschflegel für Reis aus Holz – zwei mit einer Schnur verbundene kurze Rundhölzer) und Kama (Sichel). Die Techniken im Umgang mit den ersten vier dieser Waffen sind Gegenstand dieses Werkes.11
Zu den Nebenkünsten des Kobudô gehören die Techniken mit Seiryuto (Buschmesser), Chimbe (Schild), Suruchin (Kette), Tekko (Schlagring), Kai (Ruder) und Suburie (Hacke). Einige Waffenarten im Kobudô bzw. der Umgang mit ihnen sind heute im Schwinden begriffen, nicht zuletzt deswegen, weil ihre Meisterung eine sehr lange Ausbildung voraussetzt.
D) Grundlagen für das Kobudô-Training
Die Praxis des Karate stellt eine hervorragende Voraussetzung für verschiedene Kobudô-Künste dar, wie z. B. für die Techniken des Sai, des Nunchaku und des Tonfa. Aikidô ist ebenfalls als Ausgangsbasis geeignet, doch müssen die dort üblichen runderen und fließenderen Bewegungen zu diesem Zweck stark verändert werden. Auch ist zu beachten, daß die okinawanische Kampfkunst mit dem Stock (Bô) sich beträchtlich von der in Japan praktizierten unterscheidet. Erstere wird aus tiefen Positionen heraus betrieben, wie sie typisch für Karate sind, während letztere auf Bewegungen nach Art des Kendô (Schwertkunst) beruht, von denen auch die Praxis des Aikidô inspiriert wurde. Unter diesem Aspekt ist dem Budôka, der mit dem Studium des Kobudô beginnen möchte, anzuraten, sich zunächst einer soliden Grundausbildung im traditionellen Karate (Kihon) zu unterziehen. Was er hierbei erlernt, wird es ihm schneller ermöglichen, seine Konzentration gleichzeitig auf seinen Körper (Stellungen, Bewegungen) und auf den Umgang mit der oder den Waffen des Kobudô richten zu können. Im Gegenzug wird sein Fortschritt im Kobudô sich in seinen Karate-Fertigkeiten widerspiegeln; beispielsweise werden durch die Praxis mit dem Sai die Armkraft und die Handgelenke gestärkt, was seine Blocktechniken, die Grundlage des gesamten Karate, verbessern wird.
Grundsätzlich kann man an das Kobudô-Training auf zwei verschiedene Arten herangehen. Zum einen kann man es als Ergänzung seiner Karateausbildung betrachten, wo es beispielsweise Zwecken der Körperertüchtigung dienen kann. Aus Mangel an Zeit werden die hierbei erworbenen Kenntnisse zwangsläufig oberflächlich bleiben. Zum anderen kann man sich einer vollständigen Kobudô-Ausbildung unterziehen, durch Trainingseinheiten, die vollständig dieser Kampfkunst reserviert sind. Dies stellt den Idealfall dar, der als einziger die Möglichkeit bietet, eines Tages zu echter Meisterschaft auf diesem Gebiet zu gelangen.
E) Stufen auf dem Weg zur Meisterschaft
Um die Kunst des Kobudô zu erlernen, ist ein systematisches Vorgehen erforderlich. Am Anfang steht das unermüdliche Training der Grundtechniken (Hôjô undô – dies entspricht dem Kihon des Karate). Des weiteren müssen die grundlegenden Kata, die sich durch Kürze und einfache Techniken auszeichnen und wenig spektakulär wirken, geübt werden. Einige von ihnen sind erst in jüngerer Vergangenheit entstanden. Es folgt das Studium der höheren Kata, die weit komplexer sind. Dies sind echte und ursprüngliche Kata, die von den alten Meistern geschaffen wurden.
Es gibt viele derartige Kata. Ihre Namen sind entweder aus den Namen ihrer Erschaffer abgeleitet, oder sie bezeichnen die geographische Herkunft oder die dominierenden Techniken. Früher gab es noch sehr viel mehr Kobudô-Kata, aber etliche sind oftmals einfach deswegen verschwunden, weil sie sehr schwierig zu erlernen waren.
Kata wurden in der Vergangenheit ausschließlich durch persönliches Lehren weitervermittelt, aus diesem Grunde gibt es keine Dokumente, die zweifelsfrei die Authentizität einer Kata belegen können. Dennoch sind, wie alle zeitgenössischen Meister bestätigen, diese Kata im wesentlichen die gleichen geblieben, es sind lediglich mitunter einige Techniken ein wenig modifiziert worden oder ihre Anordnung innerhalb der Kata hat sich etwas verändert. Um diese „Erosion“ des Erbes zu begründen, erklären die heutigen Meister, daß manche Abänderungen von Details ihnen notwendig erschienen, weil die Meister von einst nicht so systematisch und sorgfältig vorgegangen seien, wie es auf den ersten Blick aussehe, was in der bäuerlichen Herkunft vieler von ihnen begründet liege. Ich kann nicht beurteilen, ob diese Einschätzung stimmt. Auf jeden Fall wurden die fraglichen Veränderungen vor inzwischen mindestens 40 Jahren durch Meister, deren Kompetenz außer Frage steht, vorgenommen. Die Änderungen betrafen viele der alten Kata und wurden unter gleichen Gesichtspunkten ausgeführt. Ich erwähne dies lediglich aus dem Grund, weil mancher ernsthafte Budôka von dem Augenblick an, ab dem er Zugang zu den alten Kata bekommt und damit ins Herz seiner Kunst eindringt, ein gewisses Unwohlsein empfinden könnte, wenn er sich unverhofft mit technischen Unterschieden auf einem Gebiet konfrontiert sieht, wo er dies nicht erwartet hätte.
In Japan praktiziert man zunächst ausschließlich und jahrelang die Hôjô undô und die Kata, eine Methode des Lernens, die jedem Bewohner der westlichen Welt ermüdend erscheinen wird, die aber zu soliden Grundlagen führt. Tatsächlich ist sie unverzichtbar für jeden, der mehr als nur eine oberflächlichen Annäherung an das Kobudô erreichen möchte. Erst viel später beginnt man, Angriff und Verteidigung mit Partner zu üben, und dies natürlich stets auf konventionelle Weise, d. h. mit wohldefinierten Waffenarten und Angriffsmethoden und unter vollkommener Kontrolle der ausgeteilten Schläge.
Die erste Stufe beim Erlernen des Kobudô ist das Studium des Bô. Hierdurch wird insbesondere das Gefühl für den optimalen Einsatz des Körpers herausgebildet, man erlangt ein starkes Bewußtsein seiner Möglichkeiten und entwickelt auf diese Weise rasch die Eigenschaften, die erforderlich sind, um die anderen Kobudô-Künste anzugehen. Nach dem Bô erlernt der Praktizierende den Umgang mit dem Sai, und jetzt erst kann er beginnen, mit Nunchaku, Tonfa und Kama zu arbeiten. Was die oben erwähnten Nebenwaffentechniken des Kobudô angeht, so sind sie ausschließlich echten Experten ab dem 4. oder dem 5. Dan vorbehalten, sie spielen für die Masse der Praktizierenden keine Rolle.
Nach dem Vorbild des Karate wurde auch im Kobudô ein Gradierungssystem eingeführt. Die Kyû-Grade (aufsteigend vom 5. bis zum 1. Kyû) sind die Schülergrade, die man während ca. drei Jahren durchläuft. Die Dan-Grade (1. bis 10. Dan) sind die Meistergrade.
Einen ersten Zugang zum Kobudô wird man über einen Karateverband oder -verein erlangen können, zumindest wird man dort an geeignete Adressen verwiesen werden können. Welchem Meister man schließlich seine Ausbildung anvertraut, muß der Suchende am Ende selbst entscheiden.
F) Prinzipien
1.) Der Geist
Die Kunst des Kobudô ist faszinierend, aber schwierig zu erlernen. Ihr Studium ist zudem in gewisser Hinsicht undankbar, denn für gewöhnlich hat ihre Beherrschung keinerlei praktischen Nutzen. Dies gilt vor allem, wenn man, wie es im Sinne des Budô-Konzepts ist, darauf verzichtet, für Sportwettkämpfe zu trainieren.
Die Budôkünste üben heute eine besondere Anziehung auf jene aus, denen es eher darum geht, Meisterschaft über sich selbst zu erlangen, als einen hypothetischen Gegner besiegen zu können. Dies rechtfertigt ihre Präsenz in einer modernen Welt, die dem Menschen nicht mehr abverlangt, sein Überleben im ständigen Kampf zu sichern. Doch erst während der letzten beiden Jahrhunderte haben sich die alten Kampfkünste, in deren Zentrum die kriegerischen Techniken standen (Bujitsu), zu Kampfkünsten entwickelt, in denen der tatsächliche Kampf nicht mehr den eigentlichen Zweck darstellte, sondern der Weg des Kriegers, die Erziehung des Individuums, im Zentrum stand (Budô). Dies spiegelt den Wandel der gesellschaftlichen Verhältnisse wider, die seit jener Zeit zunehmend zivilisierter wurden.
Man hat behauptet, daß die okinawanischen Waffen, vor allem aber das Nunchaku, früher hauptsächlich durch Straßenräuber im Einsatz gegen die edlen, blanken Waffen der Samurai verwendet wurden. Das mag in dem Sinne stimmen, daß sich natürlich jedermann solch rustikale Waffen anfertigen konnte, und die aristokratische Elite wird gegenüber diesen Waffen genügend Verachtung empfunden haben, um sie dem einfachen Volk zu überlassen. Doch mit der Zeit hat die Entwicklung, wie sie in Japan stattgefunden hat, auch dieses Gebiet ergriffen. Aus dem Kobujutsu wurde vor allem in der Zeit zwischen 1850 und 1900 das Kobudô, in Anlehnung an die großen japanischen Budô-Künste Kendô, Jûdô und Aikidô. Die Geisteshaltung, die ihrer Praxis seither zugrunde liegt, ist die gleiche wie überall im Budô: Es geht um das beständige Streben nach der Einheit von Willen und Tat, die es ermöglicht, einen hypothetischen Gegner zu besiegen (unmittelbarer Aspekt) über die Meisterung des Selbst (wesentlicher Aspekt).
Hierfür ist eine vollkommene Kontrolle über den Körper und seine Reflexe erforderlich sowie eine große Geistesruhe, die selbst im heißesten Kampf aufrechterhalten werden muß. Die Gewalt, die der Körper während des Kämpfens zum Ausdruck bringt, darf auf keinen Fall den Geist „mitreißen“, andernfalls ist die Gefahr groß, daß die Wahrnehmungsfähigkeit stark vermindert wird und damit die geistige Effektivität. Dies steht im Einklang mit der grundlegenden Lehre des Budô, nach welcher der Geist den Körper stets beherrschen soll und zugleich die Schulung des Körpers den Geist bilden soll. Man darf im Kampf weder Gehässigkeit dem Gegner gegenüber empfinden, noch darf man aus egozentrischen Gründen danach trachten, ihn zu besiegen. Das heißt, die niedrigsten Instinkte des Menschen sollen überwunden werden. Die Kunst besteht darin, unter allen Umständen in der Lage zu sein, den Sieg zu erringen und zugleich dem Ergebnis des Kampfes vollkommen gleichgültig gegenüberzustehen. Es ist gewissermaßen so, daß der Sieg als allerletztes Mittel empfunden werden soll, das man einsetzt, weil es gar keine andere Möglichkeit gibt.
Dieses Ideal ist allen Budôkünsten gemeinsam, auch wenn es viele Praktizierende gibt, die es mehr oder weniger aus dem Blick verloren haben. Die echten Meister des Kobudô haben jedoch ihre Lehren stets daran ausgerichtet, und das ist der eigentliche Grund, weshalb diese alten Künste aus Okinawa es wert sind, in unseren Dôjô gelehrt zu werden.
Wie im folgenden Abschnitt dargelegt wird, ist auch der Gruß im Budô nichts anderes als eine Ausdrucksform dieses Ideals.
2.) Die Höflichkeit
Man sagt, daß die Künste des Budô mit einem Akt der Höflichkeit beginnen und enden, was das erste und höchste faßbare Zeichen der Kontrolle über sich selbst darstellt.

Zeichnungen: Ritsu rei, der Gruß im Stand. Die Fersen berühren einander, die Fußspitzen sind leicht nach außen gerichtet (Musubi dachi). Man hält sich gerade, jedoch ohne Steifheit. Die linke Hand hängt auf natürliche Weise neben bzw. leicht unterhalb der Hüfte, die rechte Hand hält die jeweilige Kobudô-Waffe auf der rechten Seite. Man grüßt, indem man den Oberkörper leicht nach vorn beugt, ohne den Rücken zu krümmen. Das heißt, der vollkommen gerade Oberkörper ist oberhalb des Gürtels nach vorn geneigt. Der Blick ist auf einen Punkt, der sich ungefähr zwei Meter vom Grüßenden entfernt am Boden befindet, gerichtet. Danach richtet man sich wieder auf, bevor man schließlich die gewünschte Kampfhaltung einnimmt.
Die Zeichnungen oben zeigen den Gruß mit Sai, wie er beispielsweise am Beginn einer Kata praktiziert wird. Die Zeichnung in der Mitte stellt dar, wie die beiden Sai während des Grußes gehalten werden, während die Zeichnung unten zeigt, wie die Waffen dabei angeordnet sind. Sie liegen übereinander und sind leicht zueinander verschoben. Der Daumen liegt am oberen (und außen liegenden) Seitenschaft des unteren Sai an und schließt sich um den Hauptschaft des inneren Sai. Der Zeigefinger ist gestreckt und liegt am Griff des äußeren Sai, und die anderen Finger biegen sich um den unteren Seitenschaft des äußeren Sai. Diese Anordnung ist in sich stabil, wenn man die Spitze des oberen Sai über Kreuz auf die Spitze des unteren Sai plaziert.
Im Kobudô beginnt und endet jedes Training mit einem Gruß (Rei), unabhängig davon, ob es sich um Einzel- oder Partnertraining handelt. Dies bringt den Respekt vor der praktizierten Kunst sowie vor dem Lehrer und dem Übungspartner zum Ausdruck. Der Gruß erinnert auch daran, die Tradition und die mit ihr verbundenen erzieherischen Werte zu respektieren. Wenn der grüßende Budôka sich dessen nicht vollkommen bewußt ist, ist seine Geste sinnlos, und das wirkliche Wesen der Kunst, die er zu praktizieren glaubt, entzieht sich ihm.
Der übliche Gruß (Ritsu rei) wird im Stand ausgeführt (siehe obige Zeichnungen für den Gruß mit Sai). Der zeremonielle Gruß (Za rei) wird wie im Karate am Anfang und am Ende von Trainingseinheiten kniend ausgeführt. Er richtet sich an das Kamiza, den Ehrenplatz im Dôjô, wo sich normalerweise ein Bildnis eines alten Meisters befindet, und an den Sensei (Lehrer).
3.) Die physischen und physiologischen Prinzipien
Die physischen Grundlagen der im Kobudô eingesetzten Techniken sind den Praktizierenden des Karate oder des Waijia, des äußeren Stils des Kungfu, bestens bekannt.
Totale und augenblickliche Mobilisierung der Energie:
Die Gesamtheit des Körpers muß an der Aktion teilhaben, sich als eine Einheit bewegen, nicht nur das Körperteil (Arm, Handgelenk), welches die eigentliche Bewegung ausführt. Man muß zwischen der äußeren Kraft (Chikara – die in Erscheinung tretende Kraft der Muskeln) und der inneren Kraft (Qi – die Lebenskraft), die unvergleichlich wichtiger ist, unterscheiden. Es ist vor allem diese „Lebenskraft“, die man zu mobilisieren versucht.
Übertragung und Konzentration der Energie:
Größtmögliche Effektivität wird durch dreierlei angestrebt: durch optimale Muskelkoordination – das Zusammenwirken mehrerer Bewegungen, wodurch die Kräfte addiert werden, durch zeitliche Konzentration der Energie – das Timing, die Schnelligkeit der Ausführung, und durch räumliche Konzentration der Energie – Kime, die kurze, aber intensive Entladung der Bewegungsenergie im Moment des Auftreffens. Dies wird durch vollkommene Kontraktion des Körpers in einem bestimmten Augenblick erreicht, was von einem Kiai, einem kurzen Schrei in Verbindung mit einer bestimmten Technik, begleitet werden kann. Psychisch gesehen ist Kime Ausdruck eines Geistes der Entschlossenheit.
Nutzung der Kraft aus der Bauchregion:
Es ist wichtig, sich des Energiezentrums (Tanden) des Menschen, bewußt zu sein, Quelle einer ungeahnten Kraft, die sich in der Bauchregion (Hara) konzentriert. Dieses „Zentrum“ ist in Wirklichkeit ein immaterieller Punkt, der sich im physischen Schwerpunkt des Menschen befindet. Das bedeutet, er ist einige Zentimeter unterhalb des Bauchnabels zu finden. Jede Kobudô-Technik muß so ausgeführt werden, daß man das Gefühl hat, der Schlag gehe vom Bauch aus und die Gliedmaßen seien nichts als durch die verwendeten Waffen verlängerte Werkzeuge. Der allgemeine Anfängerfehler besteht darin, zuviel Kraft aus den Armen und Schultern zu holen, ohne daran zu denken, die Bauchregion und die Körperpositionen (siehe S. 35 ff.) zu nutzen.
Ausnutzung der Rückzugskraft (Hikite):
Bei jedem Stoß muß sich der gesamte Körper einen sehr kurzen Augenblick lang anspannen, damit die gesamte Energie beim Auftreffen übertragen werden kann. Eine maximale Wirkung wird erzielt, wenn synchron zum Schlag der andere Arm mit der gleichen Kraft eine Bewegung in Gegenrichtung des Schlages ausführt. Beim Nunchaku bedeutet dies eine seitliche Ausgleichsbewegung des freien Arms, z. B. beim paarweise eingesetzten Sai eine Bewegung der zweiten bewaffneten Hand entgegengesetzt zur Richtung des Angriffs.
Die Atemphasen:
Die höchste Effektivität wird erzielt, wenn die Muskeltätigkeit synchron zur Atmung erfolgt. So atmet man während des Kime stoßweise und nur teilweise aus, wobei ein vollständiges Anspannen der Bauchmuskulatur erfolgt. In den Phasen der Vorbereitung, während derer eine Muskelanspannung die Bewegung verlangsamen würde, atmet man hingegen ein. Die Kunst beim Kobudô besteht darin, sich während der Vorbereitungsphase schnell und sehr geschmeidig zu bewegen und schließlich, um die Bewegung der Waffe zu unterstützen, in einer totalen Muskelanspannung förmlich zu „explodieren“ (Ausführungsphase – Kime). Der Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung ist etwas absolut Fundamentales, das erst begriffen werden kann, wenn man die Anfangsgründe einer Budôkunst hinter sich gelassen hat. Man benötigt hierbei die unmittelbare Anleitung durch einen Lehrer. Es ist wichtig zu begreifen, daß die Wirksamkeit des Stoßes durch das Sai oder durch ein Ende des Nunchaku weit mehr aus der Geschwindigkeit, die man diesen Waffen verleiht, stammt als aus der Kraft, mit der man den Arm bewegt, dessen Hand die Waffe hält.
Die natürlichen Waffen:
Wie im Karate gibt es im Kobudô Blöcke und Schläge, und auch die Techniken sind oft sehr ähnlich. Der Unterschied besteht lediglich darin, daß der Stoß im Kobudô durch die Waffe erfolgt. Dennoch muß man stets so agieren, als pariere man mit dem eigenen Arm (der in diesem Fall durch die Waffe, die ihn verlängert, abgefedert und geschützt wird) und als schlüge man mit der eigenen Faust (die bewaffnet und durch die Waffe quasi verlängert ist). Das Körpergefühl, das diese Techniken begleitet, ist jedenfalls exakt das gleiche wie beim Üben des Karate.
Beintechniken:
Gelegentlich wird der Kobudôka eine Aktion durch eine Beintechnik (Feger) oder durch eine Fußtechnik (Stoß mit dem Fuß) ergänzen. Laut Meister Matayoshi ist dies eine recht neue Entwicklung im Kobudô, denn im ursprünglichen, alten Kobudô wurden ausschließlich die Arme eingesetzt. Das Studium der traditionellen Kata unterstützt diese Sichtweise: in keiner der alten Kobudô-Kata gibt es einen Fußtritt, obgleich sie ansonsten allesamt in den klassischen Positionen des Karate ausgeführt werden. Derartiges läßt sich erst in modernen Kata, die durch jüngere Experten zusammengestellt wurden, finden. Stöße mit der bloßen Faust hingegen existieren bereits in den klassischen Kata des Kobudô, beispielsweise in der Kata Chatanyara no sai, in welcher die ersten Techniken mit einem einzelnen Sai und mit bloßer Hand ausgeführt werden; das zweite Sai, das bis dahin im Gürtel steckte, kommt erst in der Folge zum Einsatz.
Einnehmen der Bereitschaftsstellung (Yoi):
Nach dem Gruß wird eine Stellung eingenommen, die noch keine echte Kampfhaltung darstellt, jedoch das unmittelbare Bevorstehen der Handlung und die physische und geistige Konzentration zum Ausdruck bringt. Es handelt sich um die Stellung Yoi („bereit“), die vor der Handlung oder an ihrem Ende, vor dem abschließenden Gruß (Yame oder Yasume) eingenommen wird. Siehe Zeichnungen auf der gegenüberliegenden Seite.

Zeichnungen a-d: Yoi mit Sai. Nach dem Gruß richtet man sich auf (a) und hebt die Sai (b). Erst wird der linke und dann der rechte Fuß zur Seite gesetzt, wodurch die Haltung Heikô dachi eingenommen wird. Das Körpergewicht ist gleichmäßig auf beide Füße verteilt (c). Gleichzeitig drehen sich die Handgelenke nach außen und nach unten, so daß die Knäufe der Sai so nach unten gerichtet werden, daß eine gedachte Linie von den Unterarmen über die Knäufe bis zu den Zehen führt (d).
4.) Die Positionen (Tachi)
Das Kobujutsu aus alter Zeit kannte keine Standardstellungen. Die Meister, die später die Kunst des Kobudô herausgearbeitet und vertieft haben, waren allesamt auch Meister des Karate. Da die Grundstellungen des Karate aus ihrer Sicht besonders effektiv waren, haben sie sie auch im Kobudô eingeführt. In diesen Positionen wird das Körpergewicht auf eine bestimmte Weise verteilt, und der Schwerpunkt des Körpers wird nach unten verlagert. Auf diese Weise erlangt der Kobudôka eine große Stabilität, wodurch die Techniken kraftvoller ausgeführt werden können. Allerdings sind die Kobudô-Stellungen weniger ausgeprägt als die des Karate, was vor allem für die okinawanischen Stile gilt. Für Okinawa gilt ohnehin, daß in der Praxis des alten Shôrin-ryû-Karatestils die Stellungen höher waren als im modernen japanischen Karate und auch weniger breit. Hingegen waren die Bewegungsabfolgen schneller. Die Zeichnungen auf den Seiten 37 und 38 stellen die wichtigsten dieser Kobudô-Positionen dar.
a) Heisoku dachi: Füße zusammen und parallel.
b) Musubi dachi: Fersen zusammen, Fußspitzen zeigen nach außen.
c) Heikô dachi: Füße voneinander entfernt und parallel.
d) Hachiji dachi: Füße voneinander entfernt, Fußspitzen zeigen nach außen.
e) Zenkutsu dachi: Ein Fuß vorn, vorderes Knie gebeugt, hinteres Bein gestreckt. Häufig für Angriffe verwendet.
f) Shumoku dachi: Ein Nekoashi dachi, bei dem der vordere Fuß weiter nach vorn gesetzt ist. Wie beim Nekoashi dachi ist diese nach hinten gelagerte Position gut für die Verteidigung geeignet. Der vordere Fuß wird auf eine Linie, die von der Ferse zum im rechten Winkel gesetzten hinteren Fuß verläuft, gesetzt. Die Knie sind stark gebeugt. Man beachte, daß diese Stellung dem aus dem Karate bekannten Kôkutsu dachi entspricht. Allerdings ist dem Autor keine originale Kata aus Okinawa bekannt, in der diese Stellung vorkommt, nur in japanischen Formen wird sie verwendet. Die ursprünglichen okinawanischen Kobudô-Kata setzen an deren Stelle den Nekoashi dachi oder andere der unten beschriebenen Positionen ein.
g) Nekoashi dachi: Diese und die folgende Stellung sind die am häufigsten eingesetzten. Sie eignen sich besonders gut für schnelle und flüssige Ortsveränderungen. Das Gewicht des Körpers lagert auf dem hinteren, eingebeugten Bein, während das vordere Bein lediglich auf dem Zehen ballen ruht und die Ferse angehoben ist.
h) Kôkutsu dachi: Diese Stellung darf nicht mit der gleichnamigen Position des Karate verwechselt werden. Tatsächlich handelt es sich hier um einen Zenkutsu dachi, bei dem der Oberkörper nach hinten gedreht ist. Der einzige Unterschied besteht im seitlichen Abstand der Füße. Während sich im Zenkutsu dachi die Füße auf parallelen Linien befinden, die hüftbreit voneinander entfernt sind, stehen hier die Fersen auf einer Linie. Der Kôkutsu dachi aus Okinawa, den man übrigens auch in den alten Karate-Kata findet, stellt eine ausgezeichnete Stellung für die Verteidigung dar (Block oder Ausweichen).





i) Sagiashi dachi: Stellung auf einem Bein. Das andere Bein ist angewinkelt, der Fuß befindet sich auf Höhe des Knies des Standbeins, welches leicht gebeugt ist. Dies stellt eine ausgezeichnete Position für die Verteidigung und für das Ausweichen dar, die es darüber hinaus ermöglicht, schnell einen Sprung für den Gegenangriff auszuführen.
j) Kôsa dachi (Kake dachi): Ein Fuß wird über Kreuz hinter den anderen gesetzt, die Ferse ist angehoben, und nur die Zehenballen berühren den Boden, während der andere Fuß den Boden mit der gesamten Sohle berührt. Die Knie, die sich sehr nah beieinander befinden, sind gebeugt. Diese Stellung ermöglicht vor allem sehr schnelle Ausweichbewegungen, bei denen man sich auf der Stelle dreht.
k) Shiko dachi: Weite Stellung, ideal dafür geeignet, seitwärts zu schlagen. Diese Position ermöglicht es, sich seitlich zum Gegner zu bewegen. Das Körpergewicht ist gleichmäßig auf beide Beine verteilt, und die Fußspitzen sind nach außen gerichtet. Die Knie sind stark gebeugt.
l) Kiba dachi: Die Stellung ist im wesentlichen gleich dem Shiko dachi, jedoch stehen die Füße parallel zueinander.
Fudô dachi (ohne Abbildung): Dies ist eine sehr ausgewogene natürliche Stellung, eine Synthese aus Zenkutsu dachi auf dem vorderen Bein und Shumoku dachi auf dem hinteren Bein. Es handelt sich um eine „unbewegliche“ (fudô) Stellung, die einen raschen Übergang zu Angriff oder Verteidigung ermöglicht.
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