Kitabı oku: «Geliebte Welt»

Yazı tipi:

Roland Hardmeier

Geliebte Welt

Auf dem Weg zu einem neuen missionarischen Paradigma


Zu diesem Buch

Die evangelikalen Kirchen befinden sich mitten in einem Paradigmenwechsel. Das koloniale Missionsparadigma mit Europa im Zentrum gehört der Vergangenheit an. Am Horizont kündigt sich ein neuen Verständnis von Kirche und Mission an: Es ist der Anbruch eines missionalen Paradigmas, in welchem die Kirche sich mit Leidenschaft in Gottes geliebte Welt senden lässt.

Roland Hardmeier beschreibt diesen Paradigmenwechsel und begründet ihn theologisch. Dabei beleuchtet er auch die biblische Sicht von Gerechtigkeit und Heil sowie die Bedeutung sozialer Verantwortung. Auf verständliche Weise stellt er sie in den Dienst einer missionalen Theologie.

Dieses Buch ist die Fortsetzung des Bandes Kirche ist Mission. Gemeinsam begründen beide Bücher ein missionales Verständnis von der Aufgabe der Kirche in der Welt.

Über den Autor

Dr. Roland Hardmeier studierte Biblische Theologie an der Akademie für Weltmission in Korntal und Missiologie an der Universität von Südafrika. Von 1995 bis 2010 war er Pastor im Bund der Freien Evangelischen Gemeinden der Schweiz.

Er ist Autor mehrerer Bücher, selbständiger Dozent und Referent und unterrichtet bei IGW International und anderen Institutionen.

www.roland-hardmeier.ch

Impressum

Dieses Buch als E-Book:

ISBN 978-3-86256-759-1, Bestell-Nummer 590 026E

Dieses Buch in gedruckter Form:

ISBN 978-3-86256-026-4, Bestell-Nummer 590 026

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über www.d-nb.de abrufbar

Umschlaggestaltung: spoon design, Olaf Johannson Umschlagbilder: Anton Balazh/© ShutterStock® Lektorat: Roland Nickel, Altdorf/Böblingen Satz: Neufeld Media, Weißenburg in Bayern

© 2012 Neufeld Verlag Schwarzenfeld

Nachdruck und Vervielfältigung, auch auszugsweise,

nur mit Genehmigung des Verlages

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Inhalt

Zu diesem Buch

Über den Autor

Impressum

Einführung

Überblick

Dank

1. Die geliebte Welt

Der Kosmos im Neuen Testament

Die Welt des 21. Jahrhunderts verstehen

Moderne

Postmoderne

Globalisierung

Klimawandel

Evangelikale auf dem Weg zu einem neuen missionarischen Paradigma

Europa und der Rest der Welt

Heilsverständnis

Weltbezug

Mission

Soziale Aktion

Missionaler Gemeindebau

2. Der gerechte Gott

Altes Testament – Gerechtigkeit als solidarische Mitmenschlichkeit

Ein sozialer Verhältnisbegriff

Ein rechtlicher Grundbegriff

Der gerechte Gott

Die Propheten

Menschenpflicht Gerechtigkeit

Israels Gerechtigkeits-Paradigma

Übertragung

Menschenrechte

Lebensdienliche Wirtschaftsordnung

Gerechte Strukturen

Neues Testament – Entgrenzung und Überbietung des alttestamentlichen Gerechtigkeitsbegriffs

Kleingruppenethik

Jesus und Gerechtigkeit

Paulus und Gerechtigkeit

Die bleibende Gültigkeit der alttestamentlichen Sozialethik

Soziale Gerechtigkeit – Motive und utopisches Potenzial

Motive gerechten Handelns

Ein utopisches Potenzial

3. Die Fülle des Heils

Heilsgeschichte – Evangelikale und das Wirken Gottes in der Welt

Die traditionelle Auffassung

Die neuere umfassende Schau

Heilsdimensionen – dem Reichtum biblischen Heils gerecht werden

Die soziale Dimension

Die soteriologische Dimension

Die kosmische Dimension

Heilsbegriffe – von Social Gospel bis Befreiungstheologie

Der traditionelle evangelikale Heilsbegriff

Der Heilsbegriff des Social Gospel

Der Heilsbegriff der Befreiungstheologie

Das ökumenische Heilsverständnis

Die Fülle des Heils – die Entdeckung einer transformatorischen Kraft

Ganzheitlich

Altes Testament

Neues Testament

Ausgewogen

Transformatorisch

Kyrus

Wiederherstellung

Umfang und Grenzen des Heils

4. Die urchristliche Mission

Das vergehende jüdisch-alttestamentliche Paradigma

Das jüdisch-alttestamentliche Paradigma

Schwierigkeiten der urchristlichen Mission

Geografische Ausdehnung

Fehlende Modelle

Politische Situation

Kulturelle Differenzen

Gottes „Geheimnis“

Das heraufziehende christlich-hellenistische Paradigma

Stephanus und das hellenistische Judentum

Die Samariter

Der äthiopische Finanzminister

Mission an der Mittelmeerküste

Jesusbekenner in Damaskus

Der Römer Kornelius

Jerusalems Reaktion

Der Durchbruch des neuen Paradigmas auf dem Apostelkonzil

Die Entstehung des Konflikts

Antiochien

Die hellenistische Gestalt des Evangeliums

Reaktionäres Jerusalem

Der Konflikt und der Galaterbrief

Das Apostelkonzil von Jerusalem

Kirche im Paradigmenwechsel – von historischen Markern und Friktionen

Historische Marker

Kultureller Wandel

Friktionen

Stagnation oder Erweckung

5. Der Apostel Paulus

Auf den Ansatz kommt es an – Paulus im Lichte von Jesus verstehen

Jesus durch die Brille des Paulus definieren

Paulus im Lichte von Jesus verstehen

Verkündigung – ein Apostel auf den Spuren seines Meisters

Gelegenheitsschreiben

Wichtigkeit

Gründlichkeit

Inkarnation – Mission nach dem Vorbild von Jesus

Theologie der guten Werke

Paulus in Thessalonich

Paulus in Korinth

Paulus in Ephesus

Die Kollekte für Jerusalem

Sammlung in Korinth

Wichtigkeit der Kollekte

Gesellschaftsrelevanz – Gottesdienst zwischen jüdischer Synagoge und antikem Gastmahl

Jesus

Paulus und die Synagoge

Der urchristliche Gottesdienst

Das griechisch-römische Gastmahl

Der Gottesdienst in Korinth

Missstände in Korinth

Das paulinische Gottesdienstverständnis

Gottesdienst als Evangelisation

Transformation – Kirche als Laboratorium einer neuen Menschheit

Die Kirche als Alternative

Manifestation

Transformation

Paulus und die Frauen

Korinth

Ephesus

Möglichkeiten

Paulus und die Sklaverei

Die Situation im römischen Reich

1. Timotheusbrief

1. Korintherbrief

Der Philemonbrief

Von Addis Abeba bis Zürich – kulturelle Relevanz als Voraussetzung kirchlicher Lebenstauglichkeit

Kulturelle Relevanz

Christologische Orientierung

Charismatische Erbauung

Paulus – eine Bilanz

6. Die untrennbare Partnerschaft

Warum soziale Aktion?

Konsequenz der Nachfolge

Jesus, der Herr

Der vollkommene Mensch

Der Prophet

Frucht von Buße und Bekehrung

Sünde

Bekehrung

Kritische Würdigung

Streben nach Gerechtigkeit

Armut

Ungerechtigkeit

Ressourcengerechtigkeit

Spiritualität

Energische Spiritualität

Zur Tat drängende Spiritualität

Soziale Aktion und Evangelisation

Das Modell der untrennbaren Partnerschaft

Fazit

7. Das neue Paradigma

Ein umfassendes Heilsverständnis

Ein die soziale Aktion einschließendes Missionsverständnis

Eine missionale Ekklesiologie

Ein kontextuelles Schriftverständnis

Eine ganzheitliche Christologie

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

Die Edition IGW

Über den Verlag

Einführung

Als im Jahr 2009 Kirche ist Mission veröffentlicht wurde, war mir klar, dass ein zweites Buch nötig sein würde. Es war unmöglich, in einem Band alle Themen zu behandeln, die für die Grundlegung einer ganzheitlichen Missionstheorie wichtig sind. Insbesondere die Bedeutung sozialer Gerechtigkeit und die Frage ganzheitlichen Heils schienen mir vertiefter Betrachtung wert.

Auf die Veröffentlichung von Kirche ist Mission habe ich viele dankbare Rückmeldungen erhalten, besonders von Christen, die sich im sozialen Bereich betätigen und denen eine gesellschaftsrelevante Kirche am Herzen liegt. Eine besondere Freude war die Zuerkennung des Großen George-W.-Peters-Preises des Arbeitskreises für evangelikale Missiologie im Januar 2010. Kirche ist Mission war das richtige Buch zur richtigen Zeit. Seine Herausgabe rechtfertigte ich mit dem Hinweis, es sei Zeit für ein neues missionarisches Paradigma. Ein einzelner Band bot allerdings zu wenig Platz, um diesen Gedanken ausreichend zu entfalten und seine Wichtigkeit biblisch zu begründen. Dieser Aufgabe stelle ich mich nun mit dem vorliegenden Band.

Überblick

Die Hauptaufgabe von Geliebte Welt besteht darin, einen missionarischen Paradigmenwechsel in der evangelikalen Welt zu beschreiben, das anbrechende Paradigma zu charakterisieren sowie einige seiner theologischen Grundbedingungen aufzuzeigen. Ich bin der Überzeugung, dass sich die weltweite evangelikale Bewegung in einem Paradigmenwechsel befindet. Ein Paradigma ist eine epochale Gesamtkonstellation von Überzeugungen und Werten. Ein Paradigmenwechsel zeigt einen Umbruch zumindest einiger Werte an und führt als Folge davon zu einem qualitativ neuen Verständnis – in unserem Fall hinsichtlich der Aufgabe der Kirche und ihrer Mission. Geliebte Welt entfaltet diesen Umbruch und die damit zusammenhängenden theologischen Grundbedingungen in sieben Kapiteln:

Kapitel 1 „Die geliebte Welt“ befasst sich mit dem Verhältnis der Kirche zur Welt. Es skizziert die Welt des 21. Jahrhunderts, in welche die Kirche gesandt ist, mit den Stichworten „Globalisierung“ und „Postmoderne“. Die Welt wird nicht mehr wie im ausgehenden Paradigma als böse und vernachlässigbar empfunden, sondern als Gottes geliebte Welt erkannt. Ein Paradigmenwechsel – vom Kolonialismus zur Ganzheitlichkeit – wird postuliert und mit Blick auf die jüngere Missionsgeschichte und aktuelle Entwicklungen begründet.

Kapitel 2 „Der gerechte Gott“ dient dazu, die Bedeutung des viel bemühten Begriffs der sozialen Gerechtigkeit biblisch zu klären, zumal es sich um einen Schlüsselbegriff des anbrechenden Paradigmas handelt. Der Gerechtigkeitsbegriff im Alten und im Neuen Testament wird untersucht und in Beziehung zueinander gesetzt, mit dem Ziel, die bleibende Gültigkeit der alttestamentlichen Sozialethik für die Welt des 21. Jahrhunderts herauszustellen.

Kapitel 3 „Die Fülle des Heils“ begibt sich auf theologische Spurensuche, um das Verhältnis zwischen sozialer Gerechtigkeit und Erlösung zu klären. Inwiefern kann bei der Schaffung von sozialer Gerechtigkeit von einem Heilsereignis die Rede sein? Wie weit ist das biblische Verständnis von Erlösung und wo liegen seine Grenzen? Das Kapitel bietet Antworten auf diese Fragen, indem verschiedene Dimensionen von Heil in der Bibel untersucht werden. Der so gefundene ganzheitliche Heilsbegriff wird mit dem traditionellen evangelikalen Heilsbegriff und den Heilsbegriffen des Social Gospel, der Befreiungstheologie und der Ökumene verglichen.

Kapitel 4 „Die urchristliche Mission“ befasst sich mit der Bedeutung von Paradigmenwechsel in der Urkirche. Ausgangspunkt ist die These, dass in der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts nach Christus in der Urkirche ein missiologischer Paradigmenwechsel erstritten wurde und dass dieser die Voraussetzung für das Gelingen der urchristlichen Mission war. Der sich in Apostelgeschichte 1–15 ankündigende Paradigmenwechsel wird missiologisch nachgezeichnet und der Durchbruch des neuen Paradigmas am Apostelkonzil von Apostelgeschichte 15 beschrieben. Anschließend wird der Befund auf das 21. Jahrhundert übertragen und nach der Bedeutung von Paradigmenwechsel für die Kirche heute gefragt.

Kapitel 5 „Der Apostel Paulus“ stellt die Frage nach der Bedeutung des Apostels Paulus für eine missionale Theologie. Nicht selten wird in Paulus der Verkündiger einer reinen Heilslehre gesehen, der die Welt als böse und vernachlässigbar betrachtete. Doch stimmt dieses Paulusbild? Unter den Stichworten Verkündigung, Inkarnation, Gesellschaftsrelevanz und Transformation werden Jesus und Paulus miteinander verglichen. Dabei werden die Verkündigung des Apostels, seine Sammlung für die Jerusalemer Kirche, sein Verständnis von Kirche, seine Haltung zur Sklaverei und die Stellung der Frau in seiner Theologie untersucht. Besondere Aufmerksamkeit wird dem paulinischen Gottesdienstverständnis geschenkt. Das Kapitel ist ein ausführliches Plädoyer für kulturelle Relevanz als Voraussetzung kirchlicher Lebenstauglichkeit.

Kapitel 6 „Die untrennbare Partnerschaft“ geht davon aus, dass im anbrechenden ganzheitlichen Paradigma die soziale Aktion unverzichtbare Lebensäußerung der Kirche sein wird. Das Kapitel liefert eine biblische Begründung der sozialen Aktion als Teil der Mission der Kirche und definiert das Verhältnis von Evangelisation und sozialer Aktion.

Kapitel 7 „Das neue Paradigma“ ist ein abschließender Vergleich zwischen dem vergehenden kolonialen Paradigma und dem anbrechenden ganzheitlichen Paradigma.

Dank

Corinne Meier für das Tippen der zahlreichen Korrekturdurchgänge. Ohne ihre Hilfe wäre dieses Buch nie geschrieben worden.

Elisabeth Hardmeier für die entscheidende Hilfe bei den letzten Korrekturen.

Dem Institut für Gemeindebau und Weltmission für die begeisterte Zusammenarbeit in der Entstehung dieses Buches. Besonderen Dank an Mathias Burri für die Begleitung des Projekts.

Dem Neufeld Verlag für die unkomplizierte und angenehme Zusammenarbeit.

Dem Lektor Roland Nickel für das ausgezeichnete Lektorat und die wichtigen Hinweise.

Roland Hardmeier Kloten, im Mai 2012

1. Die geliebte Welt

Die Welt steht im Fokus der Heilsabsichten Gottes. Diese Welt, die wir bewohnen, ist Gottes geliebte Erde, die er befreien und erlösen will. Sie ist das Objekt seiner leidenschaftlichen Liebe:

Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht zugrunde geht, sondern das ewige Leben hat. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird. (Joh 3,16–17)

Joh 3,16–17 kommt zweifellos ein missiologischer Rang zu. Das Heilsangebot Gottes richtet sich an einzelne Menschen und auf die Welt als Ganzes. Der Kosmos ist das Objekt der leidenschaftlichen Liebe Gottes und darin eingeschlossen sind die Menschen in ihrem gesamten Lebenszusammenhang.

Zentrale missiologische Texte aus dem Neuen Testament unterstützen diese Gedanken. Jesus sendet seine Nachfolger aus, um das Salz der Erde und das Licht der Welt zu sein (Mt 5,13–16). Hier ist mehr im Blickfeld als die Sendung zu einzelnen Menschen, obschon sie diese freilich einschließt. Nachfolger von Jesus sollen für die Welt als Ganzes ein Segen sein, indem sie wie Salz bewahrend wirken und wie ein Licht Orientierung geben. Im missiologischen Vermächtnis des Evangelisten Markus sendet Jesus seine Jünger in die ganze Welt: „Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen“ (Mk 16,15). Hier ist die gesamte erschaffene Welt im Blickfeld. Im Matthäusevangelium werden die Jünger zu allen Völkern gesandt, um sie zu Jüngern zu machen (Mt 28,19). Gewiss schließt dieser Auftrag als zentrales Element die persönliche Jüngerschaft ein. Doch es ist ein Unterschied, ob Menschen zu Jüngern gemacht werden sollen oder ganze Nationen im Blickfeld sind.

Die Kirche ist also in die Welt gesandt. Sie nimmt teil an der Mission Gottes, der diese Welt so sehr liebt. Sie lässt sich wie Jesus in die Welt senden. Als Jesus in der Wüste dem Versucher widerstanden hatte (Lk 4,1–12), kehrte er von der Kraft des Heiligen Geistes erfüllt nach Galiläa zurück und begann seinen Dienst an den Menschen (Lk 4,14). Der Heilige Geist trieb ihn mitten hinein in die Welt zu den Menschen. Jesus ließ sich in den Lebenszusammenhang der Menschen senden und nahm Anteil am Ergehen einzelner, aber auch der jüdischen Gesellschaft. Mission ist ein trinitarisches Geschehen: Der Vater liebt diese Welt und sendet seinen Sohn in der Kraft des Heiligen Geistes in die Welt, und der Sohn gibt sein Leben hin für die Welt.

Wenn die Kirche ihren Auftrag erfüllen will, braucht sie eine Theologie der Welt. Von Nöten ist ein Verständnis der Welt als Schöpfung, ein Verständnis der Menschen als Individuen und soziale Wesen, ein Verständnis von Kultur und wie diese Bereiche zusammenhängen. Wir werden in diesem Kapitel mit Blick auf das Neue Testament und die Welt des 21. Jahrhunderts eine Theologie der Welt skizzieren:

Zuerst untersuchen wir den Begriff „Welt“ im Neuen Testament und versuchen seine Bedeutungsnuancen herauszuarbeiten.

Dann verschaffen wir uns einen Überblick über die Welt des 21. Jahrhunderts und fragen nach der missiologischen Bedeutung des Befundes.

Schließlich versuchen, wir die Kosmos-Theologie des Neuen Testamentes mit der Welt des 21. Jahrhunderts zusammenzubringen, indem wir Überlegungen über das Auftauchen eines neuen Paradigmas anstellen.

Der Kosmos im Neuen Testament

Der neutestamentliche Begriff kosmos bedeutet „Welt, Weltall, Gesamtheit“. Er kommt in den Evangelien und in den Briefen gegen zweihundert Mal vor mit deutlichem Schwergewicht in den Schriften des Johannes und bei Paulus (Balz 1992, 766). Folgende Bedeutungsnuancen treten hervor:

Erstens ist mit Kosmos die sichtbare, der Vergänglichkeit unterworfene Schöpfung gemeint. Die unsichtbare Wirklichkeit Gottes wird seit der Erschaffung der Welt an den Werken der Schöpfung wahrgenommen (Röm 1,20). Mit seinem Verstand kann der Mensch die Welt als von Gott erschaffen erkennen und ist darum unentschuldbar (Röm 1,21). Die Welt ist der Vergänglichkeit unterworfen, aber nicht der Vernichtung preisgegeben (Röm 8,20). Sie ist von der Sünde infiziert, bleibt aber Gottes gute Schöpfung, die seine Herrlichkeit und Macht bezeugt (Ps 19,1ff). Die Schöpfung wird eines Tages zusammen mit den Kindern Gottes von Sklaverei und Verlorenheit befreit werden (Röm 8,21). Das ewige Leben ist sich nicht als ein seelenloser Zustand vorzustellen, sondern als ein wirkliches Leben in einer wirklichen Schöpfung.

Zweitens wird Kosmos als Synonym für die Menschheit verwendet. Bei dieser Begriffsverwendung ist die Menschheit als Ganzes, ihr Lebensraum und die Beziehungen der Menschen untereinander im Blickfeld. Paulus dankt Gott für die Christen in Rom, „weil euer Glaube in der ganzen Welt verkündet wird“ (Röm 1,8; vgl. Kol 1,6). Paulus kann sagen, dass „die ganze Welt vor Gott schuldig“ sei (Röm 3,19). Dieselbe Tatsache ist im Blick, wenn Johannes sagt, die Welt habe Christus nicht erkannt (Joh 1,10; vgl. 17,23). Joh 1,10 vereinigt die hauptsächlichen Bedeutungsnuancen in einem Satz: „Er (Christus) war in der Welt (lebte unter den Menschen) und die Welt (Schöpfung) ist durch ihn geworden, aber die Welt (von Gott entfremdete Menschheit) erkannte ihn nicht.“

Drittens bezeichnet Kosmos die in Widerspruch zu Gott geratene und von ihm entfremdete Menschheit. „Gleicht euch nicht dieser Welt an“, mahnt Paulus, „sondern wandelt euch und erneuert euer Denken“ (Röm 12,2). Gott hat durch das Evangelium die Weisheit der Welt als Torheit entlarvt (1Kor 1,20). Die sich im Widerspruch zu Gott befindende Menschheit erkennt Gottes Wahrheit nicht, welche sich darin zeigt, dass Gott das Schwache, Niedrige und Törichte erwählt (1Kor 1,26–27). Die Weisheit der Welt ist insofern Torheit als die Menschen in ihrer Weisheit Gott nicht erkannten (1Kor 1,21). Nicht alle menschlichen Errungenschaften (z. B. kultureller oder intellektueller Art) dürfen als Torheit abgelehnt werden. Manche Dinge gehören zum Gutsein der Schöpfung, denn durch die Sünde ist das Gute der Schöpfung nicht ausradiert, nur befallen.

Verstärkt tritt diese Bedeutungsnuance in den Schriften des Johannes hervor. In ihnen finden sich die Grundzüge der paulinischen Rede von der Torheit des Kosmos in gesteigerter Radikalität (Balz 1992, 771). Die Welt ist durch Christus geschaffen, aber die Welt erkannte ihn nicht (Joh 1,9f). Die von Gott entfremdete Welt hasst Christus und die Kirche (Joh 15,18f). Weil die Welt gegen Christus ist und weil ihre Weisheit sich im Widerspruch zur Weisheit Gottes befindet, kann Johannes kategorisch sagen: „Liebt nicht die Welt und was in der Welt ist! Wer die Welt liebt, hat die Liebe zum Vater nicht“ (1Joh 2,15). Hier ist nicht von der Welt als Schöpfung die Rede. Auch nicht davon, dass Christusnachfolger die Menschen oder das Leben in seiner ganzen Vielfalt nicht lieben sollten. Ebenso wenig, dass kulturelle oder intellektuelle Leistungen irrelevant wären. Gott selbst liebt ja die Welt mit leidenschaftlicher Liebe. Johannes qualifiziert seine Aussage: „Denn alles, was in der Welt ist, die Begierde des Fleisches, die Begierde der Augen und das Prahlen mit dem Besitz, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt“ (1Joh 2,16). Die moralischen Entgleisungen und die Habsucht der Welt sollen wir nicht lieben. Die Welt als Schöpfung aber bleibt Gottes geliebte Erde, die Menschen sind Gottes geliebte Geschöpfe, und so wie Gott sollen auch wir lieben.

Das Neue Testament ist an Eindeutigkeit nicht zu übertreffen, in der es mit der im Widerspruch zu Gott stehenden Menschheit abrechnet. Die ganze Welt liegt im Argen (1Joh 5,19). Doch das ist nur die eine Seite. Johannes bezeugt mit derselben Radikalität, mit der er die Welt im Widerspruch zu Gott beschreibt, die durchgehaltene Liebe Gottes zum Kosmos (Balz 1992, 771). Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richte, sondern dass sie durch ihn gerettet werde (Joh 3,17). Der Kosmos als Gesamtheit – die im Unglauben verharrende Menschheit samt der seufzenden Schöpfung – ist das Objekt der Liebe Gottes. Das ist im Lichte der alttestamentlichen Endzeiterwartung eine überraschende Aussage. Aus der eschatologischen (endzeitlichen) Erwartung des Alten Testamentes ergab sich die Überzeugung, der Messias werde als von Gott eingesetzter Richter die Völker wie Krüge aus Ton zertrümmern (Ps 2,9), die Unterdrücker strafen und die Ungerechtigkeit aus der Welt schaffen (Jes 9,5–6). Jesus aber verkündete den Gott der Liebe, der sein Gericht noch nicht vollzieht und den Menschen in seiner Person Gnade anbietet. Jesus führte die Geschichte nicht ihrem gerechten Ende zu, sondern durch ihn griff Gott gnädig in den Geschichtsverlauf ein, um Heil bringend in der Welt zu wirken (Lk 4,19). Moltmann (2002, 135) drückt es treffend aus: „Alles was man bei Jesus unter dem Stichwort ‚Gewaltlosigkeit‘ aufzählen kann, ist zuletzt auf diese ‚Revolution im Gottesbegriff‘ zurückzuführen, die er demonstrierte: Gott kommt nicht zur gerechten Rache an den Bösen, sondern zur gnädigen Rechtfertigung der Sünder, ob Zeloten oder Zöllner, ob Pharisäer oder Sünder, ob Juden oder Samaritaner, und in Konsequenz auch: ob Juden oder Heiden.“

Die Welt ist zwar unter der Macht des Bösen, aber sie ist dem Machtbereich der Liebe Gottes nicht entzogen. Jesus spricht seinen Jüngern Trost zu, denn er hat die Welt überwunden (Joh 16,33). Dieses „überwunden“ ist nicht gleichbedeutend mit der Verwerfung der Welt. Genauso wenig wie die Verlorenheit der Welt (Joh 3,16) ihre Verwerfung bedeutet. Im Kreuzesgeschehen zeigt sich auch die Liebe des Vaters. Der Vater verlässt den Sohn und „erleidet den Tod des Sohnes im unendlichen Schmerz der Liebe … Der Schmerz des Vaters ist dabei von gleichem Gewicht wie der Tod des Sohnes“ (Moltmann 2002, 230). Diese schmerzliche Hingabe geschieht um der Liebe zum Kosmos willen! In seinem Sohn richtet Gott die Welt nicht (Joh 3,17), sondern nimmt ihre Sünden weg (Joh 1,29). Die Welt ist nicht verworfen, sondern wird durch Liebe überwunden (Joh 16,33).

Das ist im Einklang mit Paulus. Im Zentrum seiner Kreuzestheologie steht die Aussage: „Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, um durch ihn alles zu versöhnen“ (Kol 1,19–20). Und noch dramatischer: „Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, indem er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und uns das Wort von der Versöhnung (zur Verkündigung) anvertraute. Wir sind also Gesandte an Christi statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen“ (2Kor 5,19–20). Die Liebe zum Kosmos treibt Gott so weit, seinen Sohn hinzugeben, damit die Welt mit ihm versöhnt werden kann. Wo immer Menschen zu Christus finden und in ihm bleiben, werden sie zu einer neuen Schöpfung (2Kor 5,17–18) und so verwirklicht sich Gottes Versöhnung mit der Welt. Es ist nicht die Versöhnung der Welt mit Gott, sondern Gottes Versöhnung mit der Welt, denn von ihm geht sie aus. Die Hingabe seines Sohnes ist ein dramatischer Akt, in welchem der Schöpfer seine von Anfang an durchgehaltene Liebe zur Welt unter Beweis stellt.

Wir können nun den Ertrag unserer Untersuchung über den neutestamentlichen Kosmos-Begriff festhalten:

Kosmos bezeichnet im Neuen Testament den Lebensraum des Menschen, die Menschen selber und ihre Lebensweise, sofern es sich um die im Widerspruch zu Gott geratene Menschheit handelt.

Kosmos als Lebensraum des Menschen meint die unter der Sünde seufzende, aber immer noch gute Schöpfung. In diesem Sinn sollen wir die Welt lieben, weil Gott sie liebt.

Wenn es beim Kosmos-Begriff um die Lebensweise der sich im Widerspruch zu Gott befindenden Menschheit geht, steht die Warnung von der Angleichung an die Welt im Vordergrund. In diesem Sinn sollen wir die Welt nicht lieben.

Der Kosmos ist in seinem ganzen neutestamentlichen Bedeutungsradius des Wortes von Gott geliebt. Gott vollzieht sein Gericht über die Gottlosigkeit noch nicht, sondern bietet durch seinen Sohn Versöhnung an. Die Schöpfung selbst wird zusammen mit den Kindern Gottes befreit werden.

Das Neue Testament enthält eine deutlich formulierte Theologie der Weltzugewandtheit. Diese hat Auswirkungen auf eine biblische Missionstheologie: Wenn Gott seine Liebe zur im Widerspruch zu ihm befindenden Menschheit durchhält, indem er die Welt noch nicht richtet, sondern mit sich versöhnt, und wenn die seufzende Schöpfung zur Herrlichkeit der Kinder Gottes befreit werden wird, dann ist es die Aufgabe der Kirche, sich dem Gott anzugleichen, den sie bekennt, und diese Welt und ihre Menschen ebenso zu lieben. Die Welt ist dann nicht mehr die verworfene Welt, gegen die evangelisiert wird, und das Evangelium wird zu einer guten Nachricht für die Welt. Die Welt rückt in das Zentrum der Heilsabsichten Gottes und die Kirche existiert um der Welt willen. Sie ist beauftragt, die Botschaft der Liebe Gottes zum Kosmos zu verkünden und in ihrem Mikrokosmos praktisch zu demonstrieren. Sie ist im besten Sinn des Wortes ein von Gott erneuerter Mikrokosmos, denn in ihr ist die zukünftige befreite Welt schon in den alten Äon hereingebrochen. Und das bedeutet in letzter Konsequenz: Kirche ist nur Kirche, wenn sie Kirche für die Welt ist.

Die Welt des 21. Jahrhunderts verstehen

Die Kirche braucht ein Verständnis der komplexen Welt, in welche sie gesandt ist. Sie muss die Welt als Schöpfung kennen und die Menschen mit ihren Bedürfnissen, die in ihr leben. Und sie braucht ein Verständnis davon, wie menschliche Kulturen funktionieren. Die Kirche kann nur dann einen Beitrag zur Transformation (Umwandlung in Gottes Willen) der Welt leisten, wenn sie ein grundlegendes Verständnis des sozialen Gefüges hat, in dem sie sich bewegt. Das gilt auch für die Kirche selbst. Reimer (2009, 33) formuliert es so: „Gemeinde ist nicht nur eine spirituelle Größe. Sie ist immer auch eine konkrete soziale Gestalt. Somit ist es nur konsequent, die neutestamentliche Gemeinde auch soziologisch zu untersuchen. Die Rolle von Frauen und Männern, Familienaufbau, Beziehungen zu Reich und Arm, Vertretern verschiedener Kulturen, Organisationsstrukturen, Wege der Kommunikation etc. – all das sind Fragestellungen der modernen Sozialwissenschaften. Sie bei der Analyse der neutestamentlichen Gemeindemodelle zu missachten wäre fatal.“

Ein beträchtlicher Teil der Evangelikalen hat während langer Zeit eine Theologie der Welt nicht für nötig erachtet. Die Kirche sah ihre Mission nicht darin, einen Beitrag zu einer besseren Welt zu leisten. Im Zentrum ihrer Mission stand der einzelne Mensch mit seinem Bedürfnis nach ewigem Leben. Die Umwelt des Menschen, die Gesellschaft, die Schöpfung – das waren vernachlässigbare Größen. Wo dennoch ein Beitrag zu einer besseren Welt geleistet wurde, ergab sich dieser in der Regel als Nebenprodukt der Evangelisation. Tätige Nächstenliebe und soziale Aktion (persönliche Hilfeleistung und gesellschaftliches Engagement) wurden als Brücke zur eigentlichen Aufgabe der Evangelisation willkommen geheißen. Sie erhielten ihren Wert dadurch, dass sie der Kirche Möglichkeiten bot, das Evangelium zu verkünden. Ein selbständiger Wert wurde der sozialen Aktion in der Regel aber nicht zugemessen.

Wie sieht die Welt des 21. Jahrhunderts aus, in welche die Kirche gesandt ist? Was zeichnet diese Welt aus? Man wird nicht umhin können, eine Antwort auf diese Frage zumindest zu skizzieren. Das soll im Folgenden geschehen.

Moderne

Die Welt des 21. Jahrhunderts ist die Welt der Postmoderne, deren augenfälligstes Merkmal die Lossage von den ethischen Werten ist, die in der Moderne einen gesellschaftlichen Konsens bildeten. Dies gilt zumindest für die westliche Welt. Die Postmoderne bildet den großen kulturellen Rahmen des 21. Jahrhunderts.

Die Postmoderne kann nur auf dem Hintergrund der Moderne verstanden werden, aus der sie hervorgeht. Mit dem Begriff der Moderne bezeichnen wir die Neuzeit, die aus dem mittelalterlichen Weltbild hervorging und sich in allen Lebensbereichen radikal davon unterschied. Geisteswissenschaftlich gesehen setzte die Moderne mit der Renaissance des 14. Jahrhunderts ein. Bis zu jenem Zeitpunkt war Europa von der mittelalterlichen Denkweise geprägt. Kirche und Könige teilten sich die Macht. Die katholische Tradition mit ihren Dogmen prägte die Gesellschaft und die Kirche wachte über deren Einhaltung. Die soziale Schichtung wurde als von Gott gegeben hingenommen. Der Mensch lebte eingebunden in einen sozialen Zusammenhang und verstand sich mehr als Teil eines Ganzen denn als autonomes Individuum. Wissenschaftliches Arbeiten im modernen Sinn gab es noch nicht. Gelehrte wie Galileo Galilei (1564–1642), die sich erlaubten, naturwissenschaftliche Überlegungen anzustellen, die mit den Dogmen der Kirche nicht kongruent waren, mussten mit einem Verfahren der Inquisition rechnen. Galilei, der brillante Mathematiker, Physiker und Astronom, erntete für seine bahnbrechenden Theorien Gerichtsverfahren, Hausarrest und ein Lehrverbot. Andere Wissenschafter bezahlten ihre Überzeugungen mit ihrem Leben.

Die Wiederentdeckung antiker Kunst und Wissenschaften führte im 15. und 16. Jahrhundert die Epoche der Renaissance herbei. Es kam zu einer ersten Loslösung von der alles beherrschenden Macht der Kirche. Der Mensch und seine Freiheit sowie seine wissenschaftlichen und kulturellen Leistungen wurden neu entdeckt und im 19. Jahrhundert mit dem französischen Begriff „Renaissance“ (Wiedergeburt) bedacht.

Die Reformation war nicht zuletzt ein Kind der Renaissance. Martin Luther berief sich auf das individuelle Gewissen des Gläubigen und verteidigte seinen Glauben gegen die Gedankenfestungen der katholischen Kirche. Es war etwas völlig Neues, dass ein gewöhnlicher Mönch sich auf sein Verständnis des Evangeliums berief und bereit war, seine Ansichten gegen den Rest der Welt auch dann durchzusetzen, wenn es ihn Leib und Leben kosten sollte. In Luther erkämpfte sich das autonome Gewissen seinen Platz in der Geschichte.

Wissenschaftlich gesehen führte die Wiederentdeckung antiker Wissenschaften zu einem verstärkten Fragen nach der Natur und dem Ursprung der Dinge. Die Antworten der Kirche vermochten nicht mehr zu befriedigen, zumal sich die Tradition mit neuen wissenschaftlichen Theorien im Streit wiederfand. Die wissenschaftliche Moderne setzte im 17. Jahrhundert ein. Bisher hatten die Gelehrten aller Gattungen im Denkrahmen der kirchlichen Tradition gearbeitet. Mit dem Einsetzen der Renaissance begann man, die Erkenntnisse griechischer Größen wie Aristoteles zu studieren und gedanklich weiterzuentwickeln. Trotzdem setzte die an der autonomen Vernunft und dem Fortschrittsgedanken orientierte Moderne erst im 17. Jahrhundert fassbar ein. Denn erst jetzt kam es zu umwälzenden Veränderungen in Wissenschaft, Wirtschaft und Politik, welche die Welt des Mittelalters endgültig in die Vergangenheit drängten.

Im 17. Jahrhundert gelang es den europäischen Wissenschaften, sich erstmals über das Niveau des Mittelalters und der Antike zu heben. Eine neue Art wissenschaftlichen Arbeitens und Denkens setzte ein, die sehr bald auch die Theologie nachhaltig erschüttern sollte, welche bis zu jenem Zeitpunkt die Königin der Wissenschaften war. Fassbar wird diese neue Art zu denken und bald auch zu glauben schon früher durch Gestalten wie Nikolaus Kopernikus (1473–1543), der statt des geozentrischen Weltbilds (die Erde im Mittelpunkt), welches die Kirche vertrat, ein heliozentrisches Weltsystem vorschlug (die Sonne im Mittelpunkt), mit den Mitteln seiner Zeit aber noch nicht beweisen konnte. So spricht man mit Recht von der „kopernikanischen Wende“ als Ausdruck für verschiedene „Wenden“, welche die Moderne konstituierten. Johannes Kepler (1571–1630) bestätigte und korrigierte Kopernikus’ Hypothesen. Die Keplerschen Gesetze über die Umlaufbahnen der Planeten haben bis heute Gültigkeit. Galileo Galilei schließlich gelang der überzeugende Beweis des kopernikanischen Modells und der Nachweis, dass sich die Erde um die Sonne dreht. Dadurch wurde er zum Begründer der modernen Naturwissenschaften. „Das Aufzeigen der Naturgesetze und die grenzenlose Erforschung der Natur, die immer neue Bereiche erfassen sollte, waren jetzt grundgelegt“ (Küng 1999, 762).1

Moderne Wissenschafter wie Francis Bacon (1561–1626) und Isaac Newton (1642–1726) trieben die empirische Forschung voran. Ihrem Verständnis nach sollte die Wissenschaft nicht in erster Linie in theoretischen Erörterungen bestehen. Die Wissenschaft sollte auf Erfahrung und Verstand bauen. Der praktische Versuch, mit dem eine Annahme auf ihre Richtigkeit überprüft wurde, löste das theoretische Denken ab. Wissenschaftlich haltbar konnte in der Folge nur noch sein, was sich durch praktischen Nachvollzug erweisen ließ. Das brachte große Fortschritte in wissenschaftlicher Hinsicht. Damit war aber auch die Methode des auf der Vernunft basierenden Zweifels geboren. Alles, was nicht vernünftig erklärbar war, musste zunächst einmal radikal in Zweifel gezogen werden. Dafür steht der französische Naturwissenschafter und Philosoph René Descartes (1596–1650), der mit seinem berühmten Satz „Ich denke, also bin ich“ die Gewissheit von Gott in den Menschen verlegte. Damit war eine Wende im abendländischen Denken erreicht, denn nunmehr sollte das Faktum der eigenen Existenz zum Fundament aller Gewissheit werden (Küng 1999, 766). Gott war aus dem Zentrum des Kosmos vertrieben worden.

Die neue, an der Vernunft orientierte Denkweise, galt nicht nur für wissenschaftliche Behauptungen, sondern bald auch für das kirchliche Dogma. Die Moderne brachte die Epoche der Aufklärung hervor, die sich des Verstandes als Urteilsinstanz bediente, und bald wurde die Bibel kritisch untersucht und radikal neu interpretiert. Man hatte jetzt nicht mehr wie zweihundert Jahre zuvor das Bedürfnis nach Reformation, sondern nach Aufklärung. Die Aufklärung hatte einen ihrer einflussreichsten Vertreter im deutschen Philosophen Immanuel Kant (1724–1804), nach dessen Definition die Aufklärung „der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ ist. „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“, ist der Wahlspruch der Aufklärung.2 Küng (1999, 780–781) stellt die Frage, gegen wen sich der Wahlspruch der Aufklärung richtete, und antwortet: „Gegen die alles Denken beherrschenden kirchlichen Autoritäten aller Konfessionen, die – wiewohl sie durch Glaubensstreit und Glaubenskriege ihre Glaubwürdigkeit vielfach eingebüßt haben – die Menschen noch immer in unwürdiger Abhängigkeit zu halten versuchen. Deshalb will die ‚Aufklärung‘ (‚enlightenment‘) in einer von kirchlichem Aberglauben und kirchlichen Vorurteilen verfinsterten Welt das Licht der Vernunft verbreiten.“

Der methodische Zweifel zersetzte in einem zweihundert Jahre dauernden Prozess die biblische Botschaft und führte zur Auflösung des traditionellen Glaubensguts. Die entscheidenden Anstöße zur Weltgestaltung kamen zum ersten Mal nicht von der Kirche, sondern von der aus ihrem Machtbereich losgelösten Philosophie und Wissenschaft. Die neue Autorität war die menschliche Vernunft, die sich auf nichts berief als auf sich allein. Plötzlich war nicht mehr klar, was denn nun wahr, vernünftig und tugendhaft sei, und so fanden sich alle traditionellen Autoritäten von Aristoteles über den Papst bis hin zur Bibel „in einer Krise ihrer Legitimation“ (Küng 1999, 773). Diese Krise ist mit der anbrechenden Postmoderne nicht aufgehoben, sondern wird noch verschärft. Die Postmoderne stellt die Identitätskrise der Moderne dar, „deren Ansprüche auf eine umfassende universale Vernunftwahrheit sich nicht eingestellt haben“ (Hille 2000, 27).

Postmoderne

In der Postmoderne – ihr Anbruch ist auf die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts anzusetzen – zeichnet sich eine Absage an das Vernunftdenken der Aufklärung ab. Ob diese nachhaltig sein wird, bleibt abzuwarten, auf jeden Fall existiert sie parallel zu einer weiterhin starken Wissenschaftsgläubigkeit. Damit ist ein Grundzug der Postmoderne bereits angeklungen: Die unterschiedlichsten Auffassungen, Trends und Gegentrends existieren am selben Ort und zur selben Zeit. Die Postmoderne ist ein heterogenes Gefüge, in dem es für die Menschen schwierig ist, sich zu orientieren. Alles ist möglich. Vernunftdenken und radikaler Pluralismus stehen Seite an Seite. Die Absage an das reine Vernunftdenken brachte eine kritische Betrachtungsweise jeglichen universalen Wahrheitsanspruchs mit sich und besteht weiterhin. Sobald der Mensch mit seiner Vernunft das Maß aller Dinge wurde, war es nicht mehr möglich, den Wahrheitsanspruch des Evangeliums ohne weiteres aufrechtzuerhalten. Die konservativen protestantischen Kräfte versuchten vergeblich, sich gegen die heranrollende Flut zu wehren. Das liberale Aufklärungsdenken drang in alle Gesellschaftsbereiche ein. Die Kirche verlor ihre traditionelle Stellung und ist nur noch ein Player unter anderen. Der amtliche Bonus ist weg. Das bedeutet: Gesellschaftlichen Einfluss können sich die Kirchen in der Postmoderne nur noch durch Glaubwürdigkeit und Gesellschaftsrelevanz erarbeiten.

Mit den wissenschaftlichen Erfindungen der Neuzeit wie der Elektrizität oder der Dampfmaschine ging in der Moderne ein zukunftsgerichteter und fortschrittlicher Optimismus einher. Man glaubte, mit der Erforschung der physikalischen Gesetze der Natur würde es möglich sein, die Welt zu beherrschen. Dieser Optimismus existiert seit der Mitte des 20. Jahrhunderts nicht mehr. Zunehmend wird deutlich, dass das rein vernünftige Denken die Probleme der Menschheit nicht lösen kann. Die Welt ist nicht, wie zu Beginn des wissenschaftlichen Aufbruchs der Moderne geglaubt, mit einem mechanischen Uhrwerk zu vergleichen, das vollständig kontrolliert werden kann. Küng (1999, 871–874) charakterisiert die Postmoderne zu Recht als eine Zeit der Erschütterung. Die moderne Verabsolutierung des Vernunftglaubens ist erschüttert. Vernunft, die keine Tradition respektiert und der nichts heilig ist, zersetzt sich selbst. Zunehmend wird klar, dass der Mensch nicht von der Vernunft allein lebt. Erschüttert ist auch die Verabsolutierung des Fortschritts. Wirtschaftlicher Fortschritt als Selbstzweck hat verheerende Folgen globalen Ausmaßes: Ressourcenknappheit, Umweltzerstörung, Finanzkrisen, erschütternde Armut.

Die Postmoderne mit ihrem Pluralismus bildet den großen gesellschaftlichen Rahmen, in dem die Kirche ihren Auftrag zu leben hat. Wie kann dieser skizziert werden?

Zunächst: Die Kirche muss durch die Verkörperung des von ihr verkündigten Heils überzeugen. Kein Weg führt daran vorbei. Fundierte Wahrheitsansprüche allein vermögen im Pluralismus der Postmoderne nicht mehr zu überzeugen. Es braucht eine Rückbesinnung auf die praktischen Aspekte des Evangeliums im Sinne des hohepriesterlichen Gebets, in welchem Jesus um die Einheit seiner Nachfolger betete (Joh 17,21). In dieser Einheit, die mit größter Anstrengung angestrebt werden muss, liegt die höchste Überzeugungskraft des Christentums, wie Schaeffer (1998, 191–192) ausführt:

Die sichtbare und tätige Liebe unter wahren Christen, welche die Welt auch heute mit recht zu sehen erwartet, sollte sich uneingeschränkt über alles Trennende hinwegsetzen (…) Wenn die Welt dies nicht beobachten kann, wird sie nicht glauben, dass Christus vom Vater gesandt wurde. Die Menschen werden nicht allein aufgrund zutreffender Antworten glauben. Das eine darf das andere nicht ausschließen. Die Welt muss auf aufrichtige Fragen zutreffende Antworten erhalten, zugleich aber muss unter allen wahren Christen einmütige Liebe herrschen. Das ist unerlässlich, wenn die Menschen wissen sollen, dass Jesus vom Vater gesandt wurde und das Christentum wahr ist.

Der Pluralismus der Postmoderne ist kein völlig neues Phänomen. Er hat seine antiken, mittelalterlichen und neuzeitlichen Vorformen. Neu ist, dass er jetzt dominant und obligat wird (Welsch 1999, 40). Ebenfalls neu ist, „dass die postmoderne Pluralität radikaler ist als jede vorherige, so radikal nämlich, dass sie nicht mehr durch Gegenmotive aufgefangen oder überboten werden kann, sondern jetzt konsequenterweise zur Grundverfassung werden muss“ (Welsch 1999, 40). Diese radikale Pluralität verlangt nach einer überzeugenden Antwort der Kirche. Denn die radikale Pluralität brachte auch einen Verlust an traditioneller Bindung mit sich. Hatte sich das christliche Abendland einmal von den kirchlichen Dogmen befreit, befreite es sich damit auch aus einem schützenden Verständnisrahmen, durch den die Welt interpretiert werden konnte. Die Folge davon war eine Erosion ethischer Werte, die alle Bereiche der Gesellschaft erfasste und den christlich-abendländischen Konsens hinwegschwemmte. Hille (2000, 22) spricht in diesem Zusammenhang von der prämodernen Glaubensgewissheit, die durch die moderne Vernunftautonomie erodierte und zum postmodernen Wahrheitspluralismus führte. Es ist „offensichtlich, dass die Moderne sich im Fortschritt der geistesgeschichtlichen Entwicklung immer vielfältiger ausdifferenziert. Zudem lösen sich auch die unterschiedlichen Philosophien und Ideologien in immer rascheren Zeitfolgen ab. Und eben dieser Wechsel der Deutungssysteme und ihre Ablösung ist in sich eines der charakteristischen Merkmale der heraufkommenden Postmoderne“ (Hille 2000, 25).

Angesichts des postmodernen Pluralismus darf die Kirche nicht von ihrer Überzeugung weichen, dass die Heilige Schrift Norma Normans bleibt. Die Bibel als Norm für Glauben und Leben ist die Wasserscheide in einer Welt der Beliebigkeiten. Die Antwort der Kirche auf die postmoderne Beliebigkeit kann darum nicht darin bestehen, alles Anstößige aus ihrer Botschaft zu entfernen, denn damit würde sie sich selbst abschaffen. Diesen Weg haben in der Moderne liberale Theologen beschritten und sind damit gründlich gescheitert (Hille 2000, 25). Der moderne leidenschaftliche Streit um die Wahrheit ist in der Postmoderne agnostisch aufgegeben. Jeder lebt seine individuellen Wahrheiten und seine ethischen Wertsetzungen im Kontext seines Submilieus (Hille 2000, 27). Dieser Unwissenheit über vorletzte und letzte Dinge darf und muss die Kirche die Gewissheit des Glaubens entgegensetzen.

Die Kirche in der Postmoderne ist angesichts der dominant werdenden Beliebigkeit auch als ethische Institution gefordert. Nur wenn ihre Mitglieder einen glaubwürdigen, nachhaltigen und dialogbereiten Lebensstil vorweisen können, wird sie noch gehört werden. Beruft sie sich dabei auf die in der Bibel verbriefte Offenbarung Gottes, wird sie nicht nur Widerspruch hervorrufen, sondern auch ein Leuchtturm der Orientierung sein. Denn die Postmoderne bringt ja gerade die Auflösung aller überkommenen Werte mit sich. Die Tatsache, dass wir den Begriff der Postmoderne benutzen, zeigt an, dass das Ende der Moderne eingeläutet ist. Die Postmoderne an sich ist aber alles andere als eine Lösung des Problems der Moderne. Die Moderne zersetzte in einem langen Prozess traditionelle Werte und setzte an ihre Stelle die autonome Vernunft. Die Postmoderne verlängert diesen Prozess und führt ihn mit letzter Konsequenz weiter. So gesehen ist die Postmoderne eher als Spätmoderne zu bezeichnen (Küng 1999, 877). Küng fragt, ob postmoderne Beliebigkeit, Spaß und Anarchie das Dilemma der Moderne etwa überwinden könnten und antwortet: „Die Moderne in ihren Widersprüchen wird auf diese Weise nicht wirklich überwunden, sondern nur noch einmal in überdrehter Form wiederholt“ (Küng 1999, 877).

Wenn wir Christen einen für das 21. Jahrhundert relevanten Lebensstil und Gemeinschaftssinn entwickeln, werden wir fähig sein einen Beitrag zur Weltgestaltung zu leisten. Nichts weniger als das ist unsere Aufgabe, denn wir sollen das Salz der Erde und das Licht der Welt sein. Ein Lebensstil der moralischen Glaubwürdigkeit ist in der Postmoderne ein fester Halt im Chaos einer durch Beliebigkeit auseinanderdriftenden Gesellschaft. „Die Reformation mit ihrer Betonung, dass die Bibel in allem, was sie lehrt, die Offenbarung Gottes darstellt, schuf der Gesellschaft eine Freiheit und auch eine Ordnung. Daher bestanden in den Reformationsländern Freiheiten (wie die Welt sie vorher noch nie gekannt hatte), ohne dass diese Freiheiten zu einem Chaos führten – weil sowohl die Gesetze als auch die Ethik von einem Konsens umgeben waren, der auf der Lehre der Bibel beruhte“ (Schaeffer 1984, 56). Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts besteht dieser Konsens nicht mehr. Die traditionelle christliche Auffassung ist in der Postmoderne eine Position der Minderheit. „Die Freiheit, die sich einst auf den biblischen Konsens und eine christliche Besinnung gründete, ist zu einer autonomen Freiheit geworden, die sich aller Zwänge entledigt hat … Hier liegt auch der Grund dafür, warum in jedem Lebensbereich ein moralischer Zusammenbruch zu verzeichnen ist. Die gigantischen Freiheiten, die wir einst genießen konnten, sind von ihren christlichen Beschränkungen abgetrennt worden und entwickeln sich zu einer zerstörerischen Gewalt, die ins Chaos mündet“ (Schaeffer 1984, 27). Schaeffer stellt weiter fest, dass die ruhigen Zeiten der Evangelikalen der Vergangenheit angehören und „nur ein fester Blick auf die Bibel wird es uns ermöglichen, dem alles durchdringenden Druck einer Kultur zu widerstehen, die sich auf den Relativismus und auf relativistisches Denken gründet“ (Schaeffer 1984, 57).

In Anbetracht dieser Situation ist es wichtig, sich der Tatsache zu stellen, dass die Kirche gemäß Joh 17,16–18 in der Welt ist (am Leben der Menschen teilnimmt und sich mit ihnen identifiziert), sich gleichzeitig aber nicht als von der Welt erweist (nicht nach der Art der Welt lebt). Der Rückzug ins christliche Getto ist einfach keine Lösung. So wie Christus völlig in die Welt des 1. Jahrhunderts eintauchte, sollten auch wir teilnehmen an den großen gesellschaftlichen Diskussionen und zu Lösungen beitragen. Eine Kirche, welche sich auf die Bibel als Norm für Glauben und Leben stützt und sich damit in Widerspruch zur Welt setzt, ist eine gesellschaftlich relevante Kirche, wenn sie zugleich durch authentische Gemeinschaft und hingebungsvollem Dienst an der Gesellschaft auffällt.

Globalisierung

Die Welt des 21. Jahrhunderts ist die Welt der Globalisierung. Es ist eine Tatsache, dass wir heute global leben. Wir konsumieren Güter des täglichen Bedarfs aus aller Herren Länder und fliegen um die ganze Welt herum für einen Sprachaufenthalt, eine Geschäftsreise oder einen Sommerurlaub. Die Globalisierung macht es uns in den Ländern des Westens möglich, Bedarfsgüter wie Kleider oder Nahrungsmittel günstig zu erwerben. Für die Menschen in den Billiglohnländern ist die Globalisierung hingegen zur Falle geworden. Es ist eine neue Schicht von sklavereiähnlicher Lohnarbeit entstanden, welche die Menschen um Würde und Leben bringt. Es wird in Zukunft nicht mehr möglich sein, ethisch zu leben ohne die Mechanismen der Globalisierung zu hinterfragen. Denn der Globalisierung liegt ein Todesmechanismus zugrunde, welcher die wenigen zu Gewinnern und die vielen zu Verlierern macht. Zu den Gewinnern gehören Sie und ich, die wir uns günstig ein Paar in Vietnam oder Indonesien produzierte Schuhe kaufen können. Zu den Verlierern gehören die Arbeiterinnen in der asiatischen Textilindustrie, die von ihrer Arbeit kaum leben können und die keine Arbeitsrechte besitzen. Die Verlierer, das sind die Arbeiter in den chinesischen Spielzeugfabriken, die Plüschtiere für den Weihnachtsverkauf und Kinderspielzeuge für McDonald’s herstellen. Es sind auch die Indianer in Peru, deren Boden durch den extensiven Bergbau vergiftet wird, sodass sie ihrer Lebensgrundlage beraubt werden.

Bis in die jüngste Zeit fiel der Ertrag der Globalisierung in Form wirtschaftlicher Gewinne gewöhnlich im Norden an, während das Leid in Form von Ausbeutung von Bodenschätzen und Arbeitskräften im Süden anfiel. Diese Gesetzmäßigkeit hat zu Beginn des 21. Jahrhunderts an Gültigkeit verloren (Sachs & Santarius 2005, 13ff). Die Verwerfungen der Globalisierung machen sich zunehmend auch im Norden bemerkbar. Schwellenländer wie China und Indien machen den Industrienationen Arbeitsplätze streitig. Politische Flüchtlinge und Wirtschaftsemigranten drängen in die Wohlstandsfestung Europa und bedrohen den sozialen Frieden. Umweltsünden gefährden das Klima – auch zum Schaden des Nordens. Steigt der Meeresspiegel an, wird Europa in wenigen Jahrzehnten von Umweltflüchtlingen überschwemmt. Die Ursachen dieser Entwicklung liegen in Europa und den Vereinigten Staaten. Die Geister des Wohlstands, des Konsums und des ungebremsten Wachstums, die Europa im Kielwasser von Kolumbus Ausfahrt in die Welt hinaussandte, kehren vagabundierend ins christliche Abendland zurück.

Die Globalisierung ist im Grunde genommen kein neues Phänomen. Sie begann im Mittelalter mit dem Befahren der Weltmeere. Die Welt rückte merklich zusammen. Es wurde möglich, global mit Gütern zu handeln. Einen ersten Höhepunkt erlebte der globale Welthandel in der Zeit des Kolonialismus und im Sklavenhandel. Besonders lukrativ war der sogenannte Dreieckshandel: Von Europa wurden Alkohol und Waffen als Tauschmittel für Sklaven nach Afrika verschifft. In Afrika wurden von lokalen Häuptlingen und weißen Sklavenjägern Sklaven gekauft. Sie wurden in die Karibik verfrachtet, wo sie verkauft und auf den Zuckerrohrplantagen innerhalb weniger Jahre zu Tode geschunden wurden. „Die Karibik war ein Schlachthaus“, stellt Hochschild (2007, 88) in seiner bemerkenswerten Studie über die Sklaverei fest. Von der Karibik wurden Zucker und andere Güter nach Europa verschifft. Dieses magische Dreieck verhalf Europa zu immensem Reichtum.

Im 20. Jahrhundert versetzte das Ende des Kommunismus der Globalisierung einen kräftigen Schub. Mit seinem Abgang war die Idee der staatlich gelenkten Wirtschaft gescheitert. Der Wirtschaftsliberalismus, welcher den schrankenlosen Welthandel predigt, setzte sich durch. In der gleichen Zeit wurde die Globalisierung durch den Faktor Internet beschleunigt. Es erlaubt international tätigen Firmen – sogenannten multinationalen Konzernen – globale Imperien zu schaffen, in denen Gewinne geschickt verschoben werden und billig produziert wird. Durch ihre schiere Größe sind sie zu globalen Playern in der Wirtschaftspolitik aufgestiegen. Es ist eine Machtverschiebung im Gange, weg von den Nationalstaaten hin zu multinationalen Konzernen. Diese kämpfen für Steuersenkungen, Privatisierungen und Deregulierungen und nehmen damit den nationalen Regierungen ihre Machtinstrumente weg (Clarke 2002, 112). Es ist nicht übertrieben, wenn Mander (2002, 9) sagt: „Die wirtschaftliche Globalisierung hat wahrscheinlich die fundamentalste Umstrukturierung der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse auf unserem Planeten mindestens seit der Industriellen Revolution zur Folge.“ Die Finanzkrise von 2008 hat gezeigt, wie gefährlich nahe am Abgrund sich der deregulierte Finanzsektor befindet und wie wenig es braucht, dass dieser die Weltwirtschaft in eine globale Depression stürzt.

Was bedeutet es angesichts der Globalisierung, in Gottes geliebter Welt Salz und Licht zu sein?

Unsere globale Lebensweise mit ihren sozialen Verwerfungen verlangt nach einer Neudefinierung des Begriffs „Nächstenliebe“. Die Frage „Wer ist mein Nächster?“ stellt sich angesichts einer global vernetzten Welt anders als in der jüdischrömischen Welt des Neuen Testamentes. Mein Nächster – das ist die Näherin, die in Bangladesh das T-Shirt näht, das ich ab Stange kaufen kann; es ist der Bauer mit seinem Kleinbetrieb in Zentralamerika, der die Kaffeebohnen anbaut, die ich in meiner Kaffeemaschine mahle; es ist die Familie auf den Fidschi-Inseln, die nach einer neuen Heimat sucht, weil der von mir mit verursachte Klimawandel ihr Land überflutet und versalzt.

Das Modell der wirtschaftlichen Globalisierung mit ihrem grenzenlosen Handel ist nicht zukunftsfähig, weil es nicht auf Gerechtigkeit beruht. Ungerechtigkeit aber gebiert Unfrieden. Die Errungenschaften der Moderne im Bereich der Menschenrechte (Religionsfreiheit, Redefreiheit, Versammlungsfreiheit, Pressefreiheit) müssen konsequent weiter verfolgt werden. Nun ist aber gerade die Globalisierung ein Angriff auf die Menschenrechte und die Menschenwürde. Millionen von Arbeitern in den Billiglohnländern werden ausgebeutet. Das Menschenrecht auf Versammlungsfreiheit (etwa in der Form des Zusammenschlusses zu Betriebsräten oder Gewerkschaften) wird beschnitten. Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich weiter. Die Finanzkrise hat auf einen Schlag Millionen von Menschen in der Zwei-Drittel-Welt noch ärmer gemacht, weil die Preise für Grundnahrungsmittel in die Höhe schnellten – unter anderem wegen spekulativer Geschäfte an den Warenterminbörsen.

Die Kirche sollte die Avantgarde der Gerechtigkeit sein. Denn eine gerechte Verteilung des Wohlstands, die Sicherung von Menschenrechten und eine gerechte Nutzung der ökologischen Ressourcen werden Schlüsselthemen des 21. Jahrhunderts sein. Was die Schaffung von Gerechtigkeit und Freiheit betrifft, hat sich die Kirche in den vergangenen Jahrhunderten keine Auszeichnungen geholt. Sie ist den Menschenrechten, welche die Aufklärung erkämpfte, weit hinterhergehinkt. Meier (2009, 1) gibt zu bedenken:

„Ist Freiheit nicht vor allem ein Wert der Aufklärung, der Leitwert des mit ihr verbündeten Liberalismus? Nur allzu oft füllen auch Theologen das Wort ‚christlich‘ mit Freiheit und Freiheitsrechten wie Glaubens- und Gewissensfreiheit. So geht kollektiv vergessen, dass die Freiheits- und Menschenrechte ihren Ursprung im Humanismus der Aufklärung haben – und sich nicht dank, sondern trotz der Kirche durchsetzen konnten. Noch die Päpste des 19. Jahrhunderts verurteilten Religionsfreiheit, Pressefreiheit und die freie Meinungsäußerung in Bausch und Bogen. Bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts lehnten die Großkirchen beider Konfessionen die liberalen Menschenrechte ab, weil sie das Freiheitsstreben des Individuums als sündhaftes Streben nach Autonomie, als Rebellion gegen Gott verstanden.“

Meier (2009, 1) weist darauf hin, dass die Kirchen sich erst dann mit den Menschenrechten anfreundeten, als diese bereits anerkannte Grundlage des Rechtsstaates geworden waren. Der Fehler der Kirchen bestehe darin, dass sie die Menschenrechte im christlichen Glauben für angelegt hielten. Dieses Urteil wird noch zu prüfen sein. Wir können aber schon jetzt sagen: Das Evangelium von Jesus Christus ist befreiend. Mit Verweis auf das Evangelium kann man die Verweigerung der Menschenrechte nicht erstreiten, ohne sich in Widerspruch zu dieser Guten Nachricht zu setzen. Der frühe Evangelikalismus – ehe Teile von ihm vom Weltverneinenden Fundamentalismus aufgesogen wurden –, erkannte dies deutlich. Hilborn (2004, 9–35) zeigt auf, dass die Evangelical Alliance von ihrer Gründung im Jahre 1846 an eine soziale Agenda entwickelte und sich insbesondere für Religionsfreiheit einsetzte. Einen ähnlich visionären Blick brauchen die Evangelikalen auf das 21. Jahrhundert, wenn sie Vorkämpfer des Schlüsselthemas „Gerechtigkeit“ sein wollen.

Klimawandel

Eine der fatalen Auswirkungen der Globalisierung und des ungebremsten Wachstums ist der Klimawandel. Dieser wird in der Welt des 21. Jahrhunderts eine so bedeutende Rolle spielen, dass es sich lohnt ihn gesondert zu behandeln.

Klimaforscher sind sich einig, dass der Klimawandel eine Tatsache ist und dass er hauptsächlich vom Menschen verursacht wird. Die Erderwärmung ist extremer und vollzieht sich schneller als alle bisher beobachteten zwischeneiszeitlichen Erwärmungen. Die dafür maßgeblichen Treibhausgase sind in der größten je gemessenen Konzentration vorhanden und steigen weiter an. In den evangelikalen Kirchen ist das Malen von Schreckenszenarien mitunter als Effekthascherei abgetan worden und man betonte, die Forscher seien sich nicht einig, ob überhaupt ein Klimawandel stattfinde. Das hat verhindert, dass das Thema ernsthaft thematisiert wurde.

Der WWF hat unter dem Titel „im Treibhaus wird es ungemütlich“ vorgerechnet, was es uns kostet, wenn die weltweite Durchschnittstemperatur um zwei Grad ansteigt.3 Etwa die Hälfte der Menschheit wäre Wasserknappheit ausgesetzt. Allein in Indien wären 500 Millionen Menschen betroffen, weil die gewaltigen Gletscher des Himalaja weniger Schmelzwasser abgeben würden. In Nordafrika könnte die Regenmenge um gegen die Hälfte abnehmen. Die Folgen wären Dürre, Armut und Flüchtlingsströme. An anderen Orten würde es deutlich mehr regnen als heute, weil sich das Klima in verschiedenen Regionen unterschiedlich entwickeln würde. Stürme, Überschwemmungen und Taifune nähmen an Häufigkeit und Intensität dramatisch zu. Wegen der unsicheren Klimaverhältnisse würden Missernten stark ansteigen und in manchen Regionen zu Hungersnöten führen. Es wäre weiter zu erwarten, dass Zecken und Mücken und mit ihnen verschiedene Krankheiten, insbesondere Malaria, weitere Verbreitung finden würden. Ein Drittel aller Pflanzenarten wäre vom Aussterben bedroht, weil sich der Regenwald des Amazonas zur Savanne wandeln würde. Schon heute werden chinesische Großstädte im Sommer von Wüstenstürmen heimgesucht, weil sich auf dem chinesischen Festland die Steppe ausbreitet.

Man kann sich darüber streiten, ob dieses Szenario überspitzt ist oder nicht. Unleugbare Tatsache ist, dass die Menschheit gegenwärtig um den Faktor 1,5 über der biologischen Kapazität der Erde lebt. Der Klimawandel führt vor Augen, dass eine grenzenlose wirtschaftliche Globalisierung auf Dauer nicht durchzuhalten ist. Sachs und Santarius vom Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt und Energie formulieren deutlich:

Es ist hohe Zeit, das Wohlstandsmodell der Industriemoderne auf den Prüfstand zu stellen. Mehr Gerechtigkeit in dieser Welt ist auf dem Verbrauchsniveau der Industrieländer nicht zu erreichen. Eine Wirtschaftsentwicklung konventionellen Stils, die einer wachsenden Weltbevölkerung insgesamt einen westlichen Lebensstandard bescheren möchte, wird ökologisch nicht durchzuhalten sein. (Sachs & Santarius 2005, 44)

In der modernen Wirtschaftsgeschichte ging man bisher davon aus, dass Wachstum mehr Wohlstand für alle bedeute.

Bei wirtschaftlichem Aufstieg werde sich darum – so die geläufige Antwort – die Frage der Gerechtigkeit auf Dauer von selber lösen. Diese Ankoppelung von Gerechtigkeit an wirtschaftlichem Wachstum war nach dem Zweiten Weltkrieg zum konzeptuellen Eckstein des Entwicklungszeitalters geworden. Seit jedoch die Endlichkeit der Biosphäre zutage tritt, also seit wenigen Jahrzehnten, steht dieser Eckstein auf schwankendem Boden. In einem begrenzten Umweltraum kann konventionelles Wachstum keine Gerechtigkeit mehr schaffen – es sei denn um den Preis einer zerrütteten Biosphäre (Sachs & Santarius 2005, 41).

Was bedeutet es angesichts des Klimawandels, dass Christen das Salz der Erde und das Licht der Welt sein sollten?

Es steht außer Zweifel, dass das Überleben der Menschheit einen nachhaltigen Lebensstil verlangt. So wichtig das Thema des einfachen Lebensstils ist, so ist doch klar, dass mit Genügsamkeit allein das Klima nicht zu retten ist. Unternehmen, Institutionen und Individuen müssen eine nachhaltige Existenz anstreben. Die Evangelikalen sollten daran arbeiten, dass dies eine ihrer Kernkompetenzen im 21. Jahrhundert wird. Dazu müssten sie eine biblisch fundierte Theologie der Welt entwickeln, welche eine Theologie der Ökologie einschließt. Diese Theologie der Ökologie hätte eine dreifache Aufgabe:

Erstens müsste sie biblisch fundiert sein und sich nicht dem theologischen Liberalismus anbiedern. Eine Theologie der Ökologie darf nicht auf Kosten der Evangelisation oder der Jüngerschaft gehen. Es kann nicht darum gehen, eine Einnivellierung des biblischen Evangeliums mit liberalen Theologien zu erreichen. Es muss vielmehr um die Ganzheitlichkeit der Guten Nachricht gehen, die eben nicht nur die Seele des Menschen und sein ewiges Heil betrifft, sondern auch den natürlichen Lebensraum des Menschen als von Gott geliebte Welt. Die Theologie der Ökologie müsste bei der Schöpfung in Gen 1 ansetzen und nicht erst beim Sündenfall in Gen 3 (Gnanakan 1999, 40–41).

Zweitens müsste die zu entwickelnde Theologie der Ökologie in den Sendungsauftrag der Kirche integriert werden. Es müsste klar werden, dass es beim Umweltbewusstsein nicht um ein Lieblingsthema einiger grün angehauchter Nachfolger von Jesus geht, sondern dass die Umwelt die Kirche als Ganzes angeht. Auf diese Weise würde die Kirche ernst damit machen, dass sie in dieser Welt existiert, dass sie mit dieser Welt auf Gedeih und Verderb verbunden ist und dass Gott sein Heil in dieser Welt verwirklichen will. Ökologisches Bewusstsein müsste konkret in das evangelikale Missionsverständnis eingebunden werden und den richtigen Platz zugewiesen bekommen.

Drittens müsste eine evangelikale Theologie der Ökologie konkrete Handlungsanweisungen für einen nachhaltigen Lebensstil enthalten. Das würde bedeuten, dass der nachhaltige Lebensstil ein Thema der Jüngerschaft und der Heiligung wird. Es würde um nichts weniger als eine weltliche Heiligkeit gehen. Die Kirche könnte eine Senfkornrevolution in Gang setzen, wenn es ihr gelänge, mit ihren Mitgliedern einen nachhaltigen, den Frieden fördernden und sozial gerechten Lebensstil zu entwickeln. Das eine wird in Zukunft ohne das andere nicht zu haben sein.

Evangelikale auf dem Weg zu einem neuen missionarischen Paradigma

Zweifellos: Die Evangelikalen befinden sich auf dem Weg zu einem neuen missionarischen Paradigma. Doch was ist unter einem Paradigma zu verstehen und wie findet ein Paradigmenwechsel statt?

Ein Paradigma ist nach der Definition des Wissenschaftstheoretikers Thomas S. Kuhn eine Gesamtkonstellation von Überzeugungen, Werten und Verfahrensweisen, die von den Mitgliedern einer bestimmten Gemeinschaft geteilt werden (Küng 1999, 145). Kuhn schlägt vor, dass die wissenschaftliche Erkenntnis sich nicht kumulativ verändert, also nicht dadurch zu neuen Erkenntnissen zur Lösung eines Problems gelangt, indem sie immer auf alten Erkenntnissen aufbaut, sondern dadurch, dass sich neue Erkenntnisse durch Revolutionen Bahn brechen. So bewerten etwa einige wenige Wissenschafter ein Problem oder eine Fragestellung qualitativ anders als dies gemeinhin der Fall ist. Sie suchen nach einer neuen Lösung, nach neuen Denk- und Verfahrensweisen und geben so den Anstoß zu einem neuen Paradigma (Bosch 1991, 183–185).

Der katholische Theologe Hans Küng wendet in seinem Buch Das Christentum Kuhns Paradigmentheorie auf die Kirchengeschichte an und zeigt auf, wie sich in einem langen Prozess verschiedene kirchliche Paradigmen entwickelten. Er unterscheidet 6 Paradigmen:

1. Das urchristlich-apokalyptische Paradigma des 1. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung, welches die Zeit des Neuen Testamentes und die nachapostolische Periode umfasst.

2. Das altkirchlich-hellenistische Paradigma der frühen Kirche, das sich bis in die frühmittelalterliche Zeit erstreckte und durch den Frühkatholizismus und die Kirchenväter geprägt war.

3. Das mittelalterlich-römisch-katholische Paradigma, das bis zum Anbruch der Reformation galt und durch das Papsttum, die Machtentfaltung der katholischen Kirche und die scholastische Theologie dominiert war.

4. Das reformatorisch-protestantische Paradigma, das mit der Reformation einsetzte und sich auf die unbedingte Autorität der Bibel als Wort Gottes berief.

5. Das aufgeklärt-moderne Paradigma, welches mit der Aufklärung einsetzte, durch Vernunftdenken und Fortschrittsglaube charakterisiert war und die liberale Theologie hervorbrachte.

6. Das zeitgenössisch-ökumenische Paradigma, dessen Beginn auf die Mitte des 20. Jahrhunderts anzusetzen ist.

Küngs Modell ist aus mehreren Gründen hilfreich: Es ermöglicht die Darstellung einer geschichtlichen und theologischen Entwicklung, ohne bereits Urteile über die Richtigkeit dieser Entwicklung zu fällen. Die unvoreingenommene Beschäftigung mit der Kirche wird dadurch erleichtert. Es ermöglicht, die grundlegenden Konstanten und die entscheidenden Variablen der unterschiedlichen Paradigmen herauszuarbeiten. Und es ermöglicht die Wahrnehmung des kontextuellen Charakters eines bestimmten Paradigmas, indem die theologischen Entwicklungen in ihrem geschichtlichen Kontext erfasst werden (Küng 1999, 90).

Ein Paradigma ist kirchengeschichtlich gesehen eine umfassende theologische Überzeugung, welche eine bestimmte Weltauffassung als Grundlage und zur Folge hat. Küng (1994, 90) spricht auch von einer „epochalen Gesamtkonstellation“, welche ein Paradigma ausmacht. Zweifellos existieren verschiedene Mikroparadigmen zur selben Zeit. Sie können sich voneinander unterscheiden oder zusammen zu einem Makroparadigma beitragen (Küng bezeichnet die von ihm unterschiedenen Paradigmen als Makroparadigmen).

Beleuchtet man die evangelikale Theologie durch Küngs Brille, kann gesagt werden: Der Evangelikalismus bildet ein selbstständiges Mikroparadigma, das Gemeinsamkeiten und Unterschiede mit den von Küng identifizierten Paradigmen aufweist. Die evangelikale Bewegung ist stark vom reformatorischen Paradigma geprägt. Der Evangelikalismus fußt auf der reformatorischen Vorrangstellung der Heiligen Schrift. Das Verhältnis zum Paradigma der Aufklärung ist distanzierter. Der Evangelikalismus unterscheidet sich insofern vom Vernunftdenken, als er sich erfolgreich gegen die liberalen Auswüchse einer aufgeklärten Theologie stemmte. Übernommen wurde der Fortschrittsglaube, der sich im 19. Jahrhundert in der Überzeugung niederschlug, das Evangelium habe einen weltweiten Siegeszug angetreten. Diese Fortschrittsgläubigkeit wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts durch eine pessimistische Eschatologie gebrochen und durch die beiden Weltkriege nachhaltig erschüttert. Wesentliche Elemente des reformatorisch-protestantischen und des aufgeklärt-modernen Paradigmas sind vom Evangelikalismus also aufgenommen worden und werden ihn weiterhin prägen. Parallel dazu deuten einige grundlegende Veränderungen, in denen sich der Evangelikalismus gegenwärtig befindet, den Eintritt in ein neues Paradigma an. Die These dieses Buch ist: Die evangelikale Missionstheologie befindet sich gegenwärtig im Übergang vom eurozentrisch-kolonialen Paradigma des Aufklärungszeitalters zum missional-ganzheitlichen Paradigma der Postmoderne. Ich werde den verbleibenden Platz in diesem Kapitel darauf verwenden das Charakteristische an diesem postulierten Umbruch zu skizzieren.

Europa und der Rest der Welt

Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts wurde das Christentum durch die Augen Europas definiert. Europa war das Christentum und das Christentum war Europa. Die aufgeklärte liberale Theologie Europas – und die evangelikale Theologie mit ihr – nahmen sich als neutrale Größe wahr, welche den christlichen Glauben für die ganze Welt definierte. Die Mission segelte im Windschatten der Unterwerfung der Völker und profitierte vom kolonialen Weltgefüge. Die Theologie in Europa vermochte sich eines Gefühls der Überlegenheit gegenüber anderen Kulturen nicht zu erwehren. Die evangelikale Theologie kämpfte zwar erfolgreich gegen die Auflösung traditioneller Glaubensinhalte, war von der Epoche der Aufklärung aber insofern angetan, als sie den Fortschrittsgedanken und die Überzeugung von der Überlegenheit der westlichen Kultur übernahm. Mission zeigte sich über weite Strecken auch als Kulturimperialismus.

Dieses eurozentrisch-koloniale Paradigma hatte seine ungebrochene Gültigkeit bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Mit der Entkolonialisierung bekam dieses feste Gefüge Risse. In den 1960er- und 70er-Jahren zeigte sich auf Kongressebene, dass die Stimmen aus dem Süden an Gewicht zunahmen. Historisch fassbar wird das durch den Kongress für Weltevangelisation in Lausanne, 1974. Waren die bis zu jenem Zeitpunkt stattfindenden Kongresse der Evangelikalen fast vollständig durch Vertreter aus Europa und den Vereinigten Staaten von Amerika dominiert gewesen, nahmen in Lausanne die Vertreter aus der Zwei-Drittel-Welt erstmals als gleichberechtigte Partner teil. Die weltweite evangelikale Bewegung war in Lausanne repräsentativ vertreten. Von den 2500 Teilnehmern aus 150 Nationen stammte je die Hälfte aus dem Westen und aus der Zwei-Drittel-Welt (Hardmeier 2008, 25–26). Den Stimmen aus dem Süden wurde Gehör geschenkt und das führte dazu, dass die soziale Verantwortung und die politische Betätigung gleichermaßen wie die Evangelisation zur Pflicht der Christen gerechnet wurden. In der am Kongress verabschiedeten Lausanner Verpflichtung heißt es in Artikel 5:

Wir bekräftigen, dass Gott zugleich Schöpfer und Richter aller Menschen ist. Wir müssen deshalb seine Sorge um Gerechtigkeit und Versöhnung in der ganzen menschlichen Gesellschaft teilen. Sie zielt auf die Befreiung der Menschen von jeder Art von Unterdrückung … Wir tun Buße für dieses unser Versäumnis und dafür, dass wir manchmal Evangelisation und soziale Verantwortung als sich gegenseitig ausschließend angesehen haben. Versöhnung zwischen Menschen ist nicht gleichzeitig Versöhnung mit Gott, soziale Aktion ist nicht Evangelisation, politische Befreiung ist nicht Heil. Dennoch bekräftigen wir, dass Evangelisation und soziale wie politische Betätigung gleichermaßen zu unserer Pflicht als Christen gehören.

Was die kulturelle Überlegenheit des Westens betraf, fand man selbstkritische Töne. Die Artikel 5 und 10 der Lausanner Verpflichtung waren die beiden Artikel mit der nachhaltigsten Wirkung. In Artikel 10 heißt es:

Jede Kultur muss immer wieder von der Schrift her geprüft und beurteilt werden. Weil der Mensch Gottes Geschöpf ist, birgt seine Kultur Schönheit und Güte in reichem Maße. Weil er aber gefallen ist, wurde alles durch Sünde befleckt. Manches geriet unter dämonischen Einfluss. Das Evangelium gibt keiner Kultur den Vorrang, sondern beurteilt alle Kulturen nach seinem eigenen Maßstab der Wahrheit und Gerechtigkeit und erhebt absolute ethische Forderungen gegenüber jeder Kultur. Missionen haben allzu oft mit dem Evangelium eine fremde Kultur exportiert, und Gemeinden waren mitunter mehr an eine Kultur als an die Schrift gebunden.

Steuernagel (1988, 150–156) und mit ihm die meisten Vertreter aus dem Süden hielten die Lausanner Verpflichtung für eine ausgewogene Verlautbarung. Sie waren erstmal zufrieden damit, dass ihre ganzheitliche Sicht von Mission Beachtung gefunden hatte. Anders der überwiegende Teil der Vertreter aus dem Westen. Arthur P. Johnston (1984, 319) bedauerte, dass die Bedeutung der Evangelisation aus seiner Sicht abgeschwächt wurde. Die schärfste Kritik brachte der deutsche Missionswissenschafter Peter Beyerhaus (1984, 12–13) vor, als er von einer „verräterischen Aufgeschlossenheit“ von Teilen der evangelikalen Bewegung für die kontextuelle Theologie sprach.

Die Zerrissenheit der Evangelikalen in den Jahren nach Lausanne (vgl. Hardmeier 2008, 31–57) ist ein deutliches Indiz dafür, dass sich in der evangelikalen Theologie ein Paradigmenwechsel abzeichnete. Der Westen behielt einen Teil seiner Dominanz, doch die Stimmen aus dem Süden mit ihrem Ruf nach der Ganzheitlichkeit des Evangeliums wurden immer stärker. Ein Paradigma wird nicht über Nacht geboren. Eine Zeit lang existieren das alte und das neue Paradigma nebeneinander. Vertreter des alten Paradigmas verteidigen die Richtigkeit ihrer Sichtweise, während die Proponenten des neuen Paradigmas auf Veränderung drängen. Schließlich setzt sich das neue Paradigma durch; die Errungenschaften des alten Paradigmas verschwinden nicht völlig, sondern bleiben idealerweise erhalten. Mit dem Lausanner Kongress ist ein solcher Paradigmenwechsel eingeleitet worden.

Heilsverständnis

Kern des eurozentrisch-kolonialen Paradigmas ist ein individualistisches Heilsverständnis – darin zeigt sich der Einfluss der Moderne mit seinem im Individuum verankerten Denken – und als Folge davon ein bekehrungsorientiertes Missionsverständnis. Mission ist ein geografischer Begriff und wird inhaltlich weitgehend mit Evangelisation gleichgesetzt. Heil ist in diesem Paradigma eine ausschließlich persönliche Sache. Durch den Glauben an Jesus Christus erfährt der Mensch persönliches Heil. Zentraler zu verkündigender Glaubensinhalt ist der Sühnetod von Jesus Christus und seine Auferweckung aus den Toten. Das Heil wird unter dualistischen Gesichtspunkten betrachtet: Hier die unheilvolle Welt und die damit verbundenen Trübsale, dort das jenseitige Heil in einer perfekten neuen Schöpfung.

Das anbrechende missional-ganzheitliche Paradigma betrachtet biblisches Heil unter erweiterten Gesichtspunkten. Das Heilsverständnis des alten Paradigmas wird bejaht und erweitert. Zentral ist weiterhin die Rechtfertigung des Sünders durch den Glauben aufgrund der gesühnten Schuld am Kreuz. Das Heil endet jedoch nicht an diesem Punkt; es schließt verschiedene Dimensionen ein. So gibt es neben der persönlichen Dimension eine soziale, gemeinschaftliche und kosmische Dimension des Heils. Das Heilsverständnis des alten Paradigmas wird übernommen und durch neue Gesichtspunkte zu einer ganzheitlichen Sichtweise von Heil erweitert. Damit setzt sich das ganzheitliche Heilsverständnis des anbrechenden Paradigmas nicht in Widerspruch zum alten Paradigma, sondern gestaltet es inhaltlich umfassender aus. Die evangelikale Bewegung hat sich von Anfang an durch ihr Schriftverständnis und aus diesem heraus durch ihr Heilsverständnis definiert. Dies umso mehr, als diese zwei Bereiche am stärksten liberalen Anwürfen ausgesetzt waren und verteidigt werden mussten. Es liegt auf der Hand, dass die Rede von ganzheitlichem Heil geeignet ist, alte Ängste neu aufkommen zu lassen. Wir werden uns deshalb in einem separaten Kapitel der Heilsfrage stellen (Kapitel 3).

Weltbezug

Der Weltbezug des eurozentrisch-kolonialen Paradigmas durchlief verschiedene Phasen. Im 19. Jahrhundert zeichnete sich die evangelikale Theologie durch eine ausgeprägte Weltzugewandtheit aus. Für Mission und Diakonie wurden enorme Kräfte freigesetzt. Das hatte einerseits mit dem oben beschriebenen Heilsverständnis zu tun, das auf Bekehrung angelegt war und so eine brennende Motivation für Mission und Evangelisation ergab. Anderseits wurde der Fortschrittsglaube der Aufklärung übernommen. Man rechnete noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts damit, dass das Evangelium sich auf einem weltweiten Siegeszug befinde. Stattdessen brachen der theologische Liberalismus, der Darwinismus und der Säkularismus auf breiter Front durch. Der Schrecken zweier Weltkriege erschütterte den Fortschrittsoptimismus nachhaltig. Fortan verlegte sich die evangelikale Mehrheit auf den Standpunkt, die Welt sei böse und das Ende sei nur noch eine Sache kurzer Frist. Das führte zwar vereinzelt zu intensiven missionarischen Bemühungen, dämpfte aber das soziale Engagement.

Im missional-ganzheitlichen Paradigma wird eine neue Beziehung zur Welt gesucht und in der geliebten Schöpfung gefunden. Der Auftrag der Kirche wird missional, das heißt von ihrem Sendungsauftrag ausgehend, gedacht. Mission umschreibt die gesamte Aufgabe, zu der die Kirche gerufen ist, und dazu gehören nicht nur die Evangelisation und die Mission, sondern auch die Verkörperung des Heils in der Koinonia (Gemeinschaft) der Kirche und die soziale Verantwortung. Eine neue Weltzugewandtheit tritt zutage, welche die Welt nicht in erster Linie als abgefallenen Sündenpfuhl betrachtet, sondern als von Gott geliebt und darum ganzheitlichen Dienstes wert.

Ich habe in diesem Abschnitt drei Unterschiede zwischen dem eurozentrisch-kolonialen und dem anbrechenden missional-ganzheitlichen Paradigma beschrieben. Wir befinden uns in einem Paradigmenwechsel, der wie folgt zusammengefasst werden kann:

Im alten Paradigma wird das Christentum durch die Brille des Westens definiert. Im neuen Paradigma werden vermehrt die Stimmen des Südens und der Armen gehört. Dies führt zu einer Vermenschlichung der Kirche im besten Sinn des Wortes, weil die Welt nicht mehr allein durch die Brille der Reichen gesehen wird, sondern stärker durch die Brille der Armen.

Das alte Paradigma besaß als theologischen Kern ein individualistisches Heilsverständnis und als Folge davon eine auf die geistlichen Bedürfnisse der Menschen ausgerichtete Missionspraxis. Das neue Paradigma ist ganzheitlicher Natur. Seine Vertreter integrieren die Weltgestaltung und die soziale Verantwortung in den Sendungsauftrag der Kirche. Sie glauben, dass die Kirche mit dem ganzen Reichtum des Evangeliums auf die ganze Bandbreite der menschlichen Bedürfnisse reagieren muss. Aus diesem Grund habe ich das neue Paradigma als ganzheitlich charakterisiert.

Im alten Paradigma wird die Welt unter dualistischen Gesichtspunkten betrachtet. Die Welt ist ein vorübergehender Schauplatz, aus dem möglichst viele Seelen gerettet werden sollen. Im neuen Paradigma wird in der Welt die geliebte Schöpfung Gottes erblickt, die nicht als sinkendes Schiff fahren gelassen werden soll. Die Kirche nimmt aktiv an der Weltgestaltung teil und strebt danach, alle Bereiche des Lebens auf den Willen Gottes hin zu verändern. Dieser Sendungsauftrag ist zentral für die Ekklesiologie (Lehre von der Kirche). Aus diesem Grund habe ich das neue Paradigma als missional definiert.

Das verbindende Element des missional-ganzheitlichen Paradigmas ist ein neuer Weltbezug. Die Kirche wird als im Dienst der Welt gesehen. Sie dient den Menschen mit dem ganzen Reichtum, der ganzen transformierenden Kraft des Evangeliums. Sie ist nicht von der Welt, aber in der Welt und für die Welt da. Ich werde diese Feststellung abschließend an je einem Beispiel aus der Mission, der sozialen Aktion und dem Gemeindebau untermauern.

Mission

Ein Beispiel für den ganzheitlichen Charakter des anbrechenden Paradigmas ist die Erklärung des Vorstandes der Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Missionen (AEM) Schweiz zur integralen Mission, die am 17. November 2006 von den Mitgliedern angenommen wurde und das Jahresthema der AEM Schweiz 2006 war. In ihr spricht der AEM Vorstand ein für die evangelikalen Missionen im deutschsprachigen Raum bisher einmalig deutliches Bekenntnis zur integralen (gleichbedeutend mit ganzheitlich) Mission aus. Wesentlich angeregt wurde die Erklärung durch einen Vortrag des Peruaners Miguel Angel Palomino an der Jahrestagung vom 17.–18. März 2006 mit der Thematik „Verständnis des Evangeliums im Süden“. Die Erklärung begründet integrales Handeln von der Trinität her (Integrale Mission 2006):

Der dreieinige Gott als Schöpfer und Erhalter unserer Erde, als Lenker und Vollender der Geschichte, als Herr über den persönlichen und den gesellschaftlichen Bereich der Menschen, nimmt uns in sein umfassendes Heilshandeln hinein, das unsere persönliche Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft genauso betrifft wie unsere leibliche, geistig-geistliche, emotionale, individuelle und gesellschaftliche Existenz. Dieses umfassende (ganzheitliche/integrale) Heilsverständnis soll unser persönliches Leben und unsere Missionsarbeit prägen.

Das Heilsverständnis wird vom alttestamentlichen Begriff des „Schalom“ her definiert (a.a.O.):

Integrale Mission zielt auf ‚heile Welt‘ (Shalom) im Bewusstsein, dass dieser Shalom erst im umfassenden Eingreifen Gottes durch die Wiederkunft seines Sohnes Jesus Christus verwirklicht werden wird. Wo Menschen Gott kennen lernen und wo sie menschenwürdigere Lebensbedingungen erhalten, wird bereits etwas von der anbrechenden Herrschaft Gottes, dem Shalom, sichtbar.

Zugleich wird festgehalten, dass die persönliche Evangelisation vorrangig bleiben muss (a.a.O.):

In der Vielfalt von Bemühungen um eine ‚gerechtere Welt‘ bleibt die auf Ewigkeit angelegte persönliche Beziehung zu Gott Grundlage und Ziel aller Aktivität. Der Mensch findet letztlich erst durch die Versöhnung mit seinem Schöpfer zu seiner ursprünglichen Würde. Jesus Christus hat diese Versöhnung durch seinen Tod am Kreuz möglich gemacht und der Mensch kann sie durch Glauben annehmen.

Schließlich wird ausgeführt, dass dies bedeutet, dass alle Tätigkeiten der AEM von einem integralen Verständnis getragen sein sollen, dass die AEM auch eine prophetische Rolle habe, welche die Entscheidungsträger in die Pflicht nehme, und dass die AEM bereit sei, für bestimmte Aktionen humanitärer und politischer Art mit Menschen und Organisationen zusammenzuarbeiten, die dem „zentralen Heilsverständnis“ der AEM „kritisch oder ablehnend“ gegenüberstünden, ohne dass dabei eine Verleugnung der christlichen Identität infrage komme. Der damalige Exekutivsekretär der AEM Schweiz, Martin Vögelin, gab mir in einem Gespräch am 23. Mai 2007 zu verstehen, dass die Erklärung des AEM-Vorstandes „definitiv mehr als ein Jahresthema“ sei; sie deute eine Erweiterung des evangelikalen Missionsverständnisses an. Während „konservative“ Evangelikale von der Erklärung überrascht gewesen seien, hätte die AEM breite Zustimmung erhalten.

Soziale Aktion

Seit dem Lausanner Kongress 1974 wird in der evangelikalen Bewegung die soziale Verantwortung der Kirche intensiv diskutiert. Nachdem es in den 1980er-Jahren wegen der Frage des Verhältnisses von Verkündigung zu sozialer Verantwortung zu heftigen Friktionen gekommen war, hat sich die Situation zu Beginn des 21. Jahrhunderts stark verändert. Die Frage nach der sozialen Verantwortung der Kirche ist positiv beantwortet worden und als Folge davon sind zahlreiche soziale Aktionen entstanden. Als Beispiel darf das 1999 gegründete Micah Network gelten, das von René Padilla präsidiert wird. Das Micah Network umfasst gegen 300 christliche Entwicklungsorganisationen in über 70 Ländern. Das Ziel der Kampagne besteht darin, christlichen Organisationen zu helfen, eine biblische Antwort auf die Nöte der Welt zu finden, vor allem auf das Problem der Armut.

Im Jahr 2001 hielt das Micah Network seine erste internationale Konferenz ab in Oxford. Die an dieser Konferenz verabschiedete Micah Declaration on Integral Mission liest sich durchgängig wie das Manifest eines neuen missionarischen Paradigmas (www.stoparmut2015.ch):

Integrale Mission oder ganzheitliche Veränderung meint die Verkündigung und die gesellschaftliche Umsetzung des Evangeliums. Das heißt nicht nur, dass Evangelisation und soziales Engagement beide gleichermaßen zu geschehen haben. Vielmehr heißt das im Verständnis ganzheitlicher Mission, dass aus unserer Verkündigung soziale Konsequenzen folgen, weil wir die Menschen zur Liebe und zur Busse in allen Bereichen des Lebens ermutigen. Und unser soziales Engagement hat evangelistische Auswirkungen, da wir Zeugnis geben von der verwandelnden Kraft Jesu Christi. Wenn wir die Welt vernachlässigen, verraten wir das Wort Gottes, das uns doch aussendet, der Welt zu dienen. … Wie wir es im Leben Jesu sehen können, ist die Verknüpfung von Sein, Tun und Reden das Herz ganzheitlicher Mission. Jesus Christus ist die Mitte, darauf verpflichten wir uns gegenseitig neu. Sein opferbereiter Dienst ist das Muster einer jeden christlichen Nachfolge.

In Deutschland ist das Micah Network unter der Bezeichnung Micha Initiative bekannt und wird von der Deutschen Evangelischen Allianz getragen. In der Schweiz heißt dieselbe Initiative StopArmut und wird von der Arbeitsgemeinschaft Nord-Süd der Schweizerischen Evangelischen Allianz verantwortet. Die beiden Initiativen wollen einen substanziellen Beitrag zur Durchsetzung der Millenniumsziele der Vereinten Nationen leisten. Ziel ist es, durch verschiedene Maßnahmen die weltweite Armut bis zum Jahr 2015 zu halbieren. Dies will StopArmut durch die Motivation von Christen, die Beeinflussung von Entscheidungsträgern, die Auszeichnung von Modellen zur Armutsbekämpfung und Gebet erreichen (www.stoparmut2015.ch). Die deutsche Micha Initiative weist auf ihrer Homepage darauf hin, dass seit der Gründung der Weltweiten Evangelischen Allianz Evangelisation und gesellschaftliche Verantwortung eng zusammengehören und dass auch die Lausanner Verpflichtung diesen Punkt herausstreicht. Das macht zweierlei deutlich: Zunächst, dass sich das Bahn brechende neue Verständnis von der sozialen Verantwortung der Kirche auf historische Vorbilder beruft, wie es sie in der Frühzeit des Evangelikalismus gegeben hat. Man möchte die fundamentalistische Verabschiedung aus der Welt durch die Rückkehr zur ursprünglichen Weltzugewandtheit überwinden. Und dann auch, dass der Lausanner Kongress 1974 tatsächlich eine Wende im Weltbezug der Evangelikalen markiert. Die dort gemachten Anregungen sind in den 1980er-Jahren in der Zwei-Drittel-Welt mit Begeisterung aufgenommen worden und scheinen mit Verzögerung auch im Westen einen nachhaltigen Effekt zu erzielen.

Missionaler Gemeindebau

Schließlich sind die missionalen Ansätze im Gemeindebau ein weiteres und deutliches Anzeichen für einen Paradigmenwechsel. Ein Beispiel dafür ist die Theologie des gesellschaftsrelevanten Gemeindebaus des deutschen Missionswissenschafters und Gemeindegründers Johannes Reimer. In seinem Buch Die Welt umarmen nimmt er eine gründliche theologische Analyse des gesellschaftsrelevanten Gemeindebaus vor. Reimer (2009, 24) ist überzeugt, „dass erfolgreicher Gemeindeaufbau unmittelbar mit der Frage zusammenhängt, ob eine Gemeinde zu einer verständlichen und in der Gesellschaft angenommenen Form und Struktur gefunden hat.“ Es reiche nicht aus, bestehende Gemeinden zu erneuern indem etwa die Form des Gottesdienstes verändert werde. Ebenso wenig reiche es aus, Gemeinde zu restaurieren indem bestimmte Themen, die in der Vergangenheit vernachlässigt wurden, neu entdeckt würden. Es gehe vielmehr um eine neu gedachte und neu konzipierte Gemeinde. Reimer spricht von einem „kontextuell-theologischen Konzept, das beides ernst nimmt, die Botschaft des Neuen Testamentes und auch den Kontext, in dem diese Botschaft Fleisch werden soll“ (a.a.O., 22)

Missionaler Gemeindebau, also vom Sendungsauftrag her gedachter Gemeindebau, verlangt nach einer theologischen Grundlegung und nach einer Form, die für den jeweiligen Kontext relevant ist. Genau dies nimmt Reimer in seinem Werk vor. Er untersucht die biblischen Images von Gemeinde – die Gemeinde als Versammlung, Bau, Volk, Leib – und folgert: „Biblische Bilder von der Gemeinde machen deutlich, dass die Gemeinde von ihrem Wesen her missionarisch ist, oder sie ist keine Gemeinde. Das missionarische Wesen der Gemeinde schließt die erklärte Absicht zur Transformation der Welt, in der die Gemeinde existiert, ein … Mission der Gemeinde muss sowohl die Proklamation des Wortes Gottes als auch die soziale Aktion beinhalten. Erst da, wo die Gemeinde ihre transformative Rolle in der Gesellschaft wahrnimmt, wird sie ihrer missionarischen Aufgabe gerecht“ (a.a.O., 92).

Reimer begründet den missionalen Gemeindebau im Weiteren trinitarisch und missiologisch. Besonders interessant für unser Thema sind Reimers Ausführungen über die Gemeinde in der Welt (a.a.O., 182–193): Gott wirkt in der Welt. Er ist es, der die Geschichte lenkt. Die Gemeinde ist eingeladen, sich auf den Spuren des Schöpfers zu bewegen und an seinem Wirken in der Welt teilzuhaben. Die Gemeinde ist eine Gemeinschaft von Menschen in der Welt. Der Mensch hat von Gott ein Kulturmandat erhalten. Es ist nicht allein die Gemeinde, durch die Gott sein Reich erbaut. Alle Menschen tragen dazu bei. Das ist eine Einladung zum Dialog und zur Zusammenarbeit mit allen Menschen. „Nicht gegen die Menschen, sondern mit ihnen wird Gemeinde gebaut. Nicht gegen die Kultur, sondern in der Kultur“ (a.a.O., 186). Die Welt ist nicht nur Gottes gute Schöpfung, sondern zugleich eine gefallene Welt. Das Böse in der Welt ist eine Aufforderung zum Kampf. Die Gemeinde muss die Welt zu verstehen suchen. Dazu gehört, sie als vom Bösen korrumpierte Welt zu sehen, vor allem aber den Kontext zu kennen, in welchem Gemeinde konkret gebaut werden soll.

2. Der gerechte Gott

Gerechtigkeit ist von zentraler Bedeutung für das menschliche Zusammenleben. Der Kirchenvater Augustin hat treffend gesagt, dass Gerechtigkeit das ist, was eine Gesellschaft von einer Räuberbande unterscheidet. Die Frage nach der Gerechtigkeit ist gerade in der Epoche der Globalisierung von entscheidender Wichtigkeit.

In der Epoche der Globalisierung rückt die Welt zusammen; ob aus ihr eine Weltgesellschaft oder eine Weltwillkürherrschaft hervorgeht, entscheidet sich an der Gerechtigkeit … Die zukünftige Gestalt der Welt hängt davon ab, ob auf lange Sicht die Stärkung des Rechts oder das Recht des Stärkeren die Oberhand behält. (Sachs & Santarius 2005, 19)

Es ist keine neue, aber wichtige Erkenntnis: In einer gelingenden Gesellschaft herrscht Gerechtigkeit. „Denn eine ungerechte Gesellschaft entspricht weder den Strebungen des Menschen, noch kann sie auf Dauer Bestand haben“ (a.a.O., 19).

Am 3. Dezember 1984 ereignete sich in einer Pestizid-Fabrik des amerikanischen Chemiekonzerns Union Carbide (heute Teil der Dow Chemical) im indischen Bhopal die bisher schlimmste Chemiekatastrophe der Geschichte. Innerhalb weniger Stunden wurden große Mengen hochgiftiger Gase freigesetzt. In den ersten Stunden gab es mehrere tausend Tote. Bis heute sind an den Folgen des Unfalls 20.000 Menschen gestorben. Über 100.000 Menschen sind chronisch krank, und noch heute sterben Menschen an den Folgen des Unfalls. Gemäß offiziellen Zahlen wurden über 500.000 Männer, Frauen und Kinder in irgendeiner Weise Opfer des Unfalls.

Auf der Internetseite von Union Carbide kann man nachlesen, der Konzern habe sich eifrig bemüht, den Opfern Hilfe zu leisten.4 Das ist bestenfalls eine Übertreibung. 1989 wurde in einem außergerichtlichen Vergleich Entschädigungszahlungen in Höhe von 470 Millionen Dollar für die Opfer festgesetzt. Es mutet zynisch an, dass der amerikanische Ölkonzern Exxon nach dem Tankerunglück der Exxon Valdez in Alaska in erster Instanz zu einer Milliardenbusse verbrummt wurde, obschon dort keine Menschen direkt zu Schaden gekommen waren. Union Carbide hat bis heute das verseuchte Firmengelände nicht reinigen lassen. Heute spielen indische Kinder auf dem verseuchten Boden Fußball. Finden Sie das gerecht? Würden Sie ihr Kind dort spielen lassen?

Es sind solche und ähnliche Fragen sozialer Gerechtigkeit, welche die Menschen bewegen. Es geht um Fragen der Gerechtigkeit zwischen den Völkern, die Frage gerechter Arbeitsbedingungen und Entlohnung, die Fragen sozialer Diskriminierung, die Fragen der Chancengleichheit, der Teilhabe am Leben und nicht zuletzt um Ressourcengerechtigkeit.

Gerechtigkeit ist weder nur von zentraler Bedeutung für das menschliche Zusammenleben noch ausschließlich ein Schlüsselthema des 21. Jahrhunderts; Gerechtigkeit ist auch ein zentraler biblischer Begriff. Von welcher Art von Gerechtigkeit sprechen wir, wenn wir sagen, dass sie zentral für die Zukunft der Menschheit ist? Wer sagt uns, was gerecht ist und was nicht? Was ist unter dem häufig verwendeten Begriff „soziale Gerechtigkeit“ genau zu verstehen? Es ist die Aufgabe dieses Kapitels, auf diese Fragen eine biblische Antwort zu geben. Wir werden dies durch folgendes Vorgehen zu erreichen suchen:

Zuerst untersuchen wir das Konzept der Gerechtigkeit im Alten Testament, mit besonderer Berücksichtigung des mosaischen Gesetzes und der Botschaft der jüdischen Propheten.

Dann untersuchen wir das Konzept der Liebe im Neuen Testament und fragen insbesondere nach dem Zusammenhang zwischen Gerechtigkeit und Liebe.

Schließlich fragen wir nach den Motiven und der Bedeutung des utopischen Gerechtigkeitsideals.

Altes Testament – Gerechtigkeit als solidarische Mitmenschlichkeit

Gerechtigkeit ist der zentrale ethische Begriff des Alten Testamentes. Die im Deutschen mit den Begriffen Recht und Gerechtigkeit wiedergegebenen hebräischen Begriffe kommen im Alten Testament über 500 Mal vor. Allein schon die Häufigkeit, mit der die Frage nach der Gerechtigkeit aufgenommen wird, zeugt davon, dass es sich um ein wichtiges, die Epochen durchschneidendes Thema handelt.

Ein sozialer Verhältnisbegriff

Gerechtigkeit im Alten Testament ist ein sozialer Verhältnisbegriff, der so viel wie Gemeinschaftstreue bedeutet. Diese Gemeinschaftstreue schließt sämtliche Beziehungsebenen ein. So kann im Alten Testament von Menschen, die sich innerhalb ihres Familienverbandes angemessen verhalten, als von gerechten Menschen die Rede sein. Ebenso kann davon die Rede sein, dass ein Mensch gerecht ist, weil er sein Vertrauen auf das Wort Jahwes setzt (Gen 15,6). Und von Gott selbst wird gesagt, dass er gerecht ist, weil er den Schuldigen nicht frei spricht (Ex 34,7) und weil er treu zu seinen Versprechen steht (Deut 32,4).

In der griechischen Polis (Stadtstaat) war Gerechtigkeit ein staatstragender Begriff. Es herrsche Gerechtigkeit – so Platon – wenn jeder das ihm Zukommende tue. Das heißt, „gerecht war es, das Bestehen ganz unterschiedlicher gesellschaftlicher Vollmachten und Ränge zu akzeptieren und selbst das dem eigenen Rang Angemessene zu übernehmen“ (Seebass 1993, 502). Ähnlich ist auch im Alten Testament Gerechtigkeit ein sozialer Verhältnisbegriff, der mit „gemeinschaftsgemäßes Handeln“ oder „Gemeinschaftstreue“ wiedergegeben werden kann (Gerlach 2006, 175).5 „Der paradigmatische Text für dieses Verständnis ist die Geschichte von Juda und Tamar (Genesis 38). Tamars Mann Er, ein Sohn von Juda, war gestorben, ohne einen Nachkommen gezeugt zu haben. Ers Bruder Onan war nicht gewillt, die familiäre Pflicht zu erfüllen und seinem verstorbenen Bruder mit Tamar einen Nachkommen zu zeugen. Da ließ Gott Onan sterben. Aus Angst weigerte sich Juda, Tamar seinen jüngsten Sohn Schela zu geben. Tamar verkleidete sich als Kultdirne, bot sich Juda an und empfing von ihm ein Kind. Als man sie aufgrund der unehelichen Schwangerschaft mit dem Tode bestrafen wollte, konnte sie ein Pfand zeigen, das sie von Juda erhalten hatte. Juda musste bekennen: ‚Sie war gerechter als ich‘ (Gen 38,26). Judas Bruch der familiären Gemeinschaftstreue wog schwerer als Tamars Ehebruch“ (a.a.O., 175). Diese Geschichte macht deutlich, dass der Treue gegenüber der Sippe einen hohen Stellenwert beigemessen wurde – so hoch, dass eine Person (Tamar), die gegen ein ethisches Grundgesetz verstieß (nicht die Ehe zu brechen), gerechter sein konnte als jemand, der die Verpflichtungen gegenüber der Sippe (Judas Weigerung Tamar zu verheiraten) übergangen hatte. Gerechtigkeit und Gemeinschaftstreue kommen sich inhaltlich also sehr nahe.

Im Alten Testament – und hier häufig in den Psalmen – ist auch von Gottes Gerechtigkeit die Rede. Es geht um Gottes Heilshandeln, der sich durch seine zahlreichen Versprechen in einem freien Akt seinem Volk verpflichtet hat. Diese Versprechen löst Gott ein und erweist damit seine Treue. Diese Bedeutungsnuance von Gerechtigkeit tritt vor allem dann zutage, wenn es um Gottes Gerechtigkeitserweisungen im Sinne von Rettungstaten geht. Im Debora-Lied werden die Gerechtigkeitserweisungen Jahwes gepriesen (Ri 5,11), der durch die Richterin Debora und ihren Gefährten Barak Israel aus Not befreite. Auch die Befreiung aus Ägypten wird als rettende Tat, als Gerechtigkeitserweisung Jahwes, bezeichnet (Mi 6,5), denn mit der Befreiung aus der Sklaverei in Ägypten löste Gott seine Versprechen an Abraham ein und erwies dadurch seine Treue zu seinem Volk. In Ps 31,2 betet David: „Herr, ich suche Zuflucht bei dir. Lass mich doch niemals scheitern; rette mich in deiner Gerechtigkeit!“ Indem Jahwe den König rettet, erfüllt er sein Versprechen, dass sein Haus Bestand haben wird (2Sam 7,12), und erweist so seine göttliche Treue.

Ein rechtlicher Grundbegriff

Gerechtigkeit ist im Alten Testament nicht nur ein sozialer Verhältnisbegriff, sondern auch ein rechtlicher Grundbegriff, der sich von Gottes Gerechtigkeit ableitet. Das zeigt sich besonders gut im sogenannten Bundesbuch (Ex 21,1–23,33), der ersten Gesetzessammlung Israels. Mose stieg auf den Sinai und Gott sagte zu ihm: „Wenn ihr auf meine Stimme hört und meinen Bund haltet, werdet ihr unter allen Völkern mein besonderes Eigentum sein. Mir gehört die ganze Erde, ihr aber sollt mir als ein Reich von Priestern und als ein heiliges Volk gehören“ (Ex 19,5–6). Dann legte Gott Mose die Zehn Gebote vor, die eine Zusammenfassung des Willens Jahwes an sein Volk waren (Ex 20,1–17). Im Anschluss daran folgen im Bundesbuch einzelne Bestimmungen, welche das geistliche und soziale Leben Israels prägen sollten. Die Sammlung wird mit den Worten eingeleitet: „Das sind die Rechtsvorschriften, die du ihnen vorlegen sollst“ (Ex 21,1). Sie bestanden darin, dass die Israeliten bestimmte Dinge tun und andere lassen sollten. Damit sollten sie sich Jahwe angleichen, der ihnen den Bund gewährte, denn er ist gerecht und spricht den Schuldigen nicht frei: „Du sollst das Recht des Armen in seinem Rechtsstreit nicht beugen. Von einem unlauteren Verfahren sollst du dich fern halten. Wer unschuldig und im Recht ist, den bringt nicht um sein Leben; denn ich spreche den Schuldigen nicht frei. Du sollst dich nicht bestechen lassen; denn Bestechung macht Sehende blind und verkehrt die Sache derer, die im Recht sind“ (Ex 23,6–8).

Gerechtigkeit bestand darin, dass die Israeliten Jahwe glaubten und seine Gebote befolgten. Sie bildeten eine absolute Norm, die im Gott Israels selbst begründet war. Als ein heiliges Volk des Eigentums sollte Israel dem Heiligen Israels gleichen und seine Gerechtigkeit widerspiegeln – eine Gerechtigkeit, die sich in einer gerechten gesellschaftlichen Verfassung zeigen sollte, wie Ex 23,6–8 prägnant zum Ausdruck bringt. Entsprechend häufig, rund 30 Mal, wird im Alten Testament darum das Begriffspaar „Recht und Gerechtigkeit“ verwendet.

Der gerechte Gott

Jahwe ist die Quelle der Gerechtigkeit. Immer wieder offenbarte sich der Gott Israels als barmherziger, gnädiger und gerechter Gott. Er offenbarte sich auf dem Sinai Mose, ging an ihm vorüber und rief: „Jahwe ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue: Er bewahrt Tausenden Huld, nimmt Schuld, Frevel und Sünde weg, lässt aber (den Sünder) nicht ungestraft; er verfolgt die Schuld der Väter an den Söhnen und Enkeln, an der dritten und vierten Generation“ (Ex 34,6–7). Gottes Gerechtigkeit bestand darin, dass er seinem Volk Vergebung schenkte und so sein Versprechen an Abraham, Isaak und Jakob einlöste, Israel zu seinem Volk zu machen (Lev 26,39–45). Gerechtigkeit und Gnade wurden so zuweilen zu austauschbaren Begriffen.

In den Psalmen wird Gottes Gerechtigkeit angerufen und gepriesen: „Das Wort des Herrn ist wahrhaftig, all sein Tun ist verlässlich. Er liebt Gerechtigkeit und Recht, die Erde ist erfüllt von der Huld des Herrn“ (Ps 33,4–5). Gott ist erhaben über alle Götter und steht in der Götterversammlung auf für das Recht: „Gott steht auf in der Versammlung der Götter, im Kreis der Götter hält er Gericht. Wie lange noch wollt ihr ungerecht richten und die Frevler begünstigen? Verschafft Recht den Unterdrückten und Waisen, verhelft den Gebeugten und Bedürftigen zum Recht! Befreit die Geringen und Armen, entreißt sie der Hand der Frevler!“ (Ps 82,1–4). Dieser Königspsalm preist den Gott Israels als Gott über alle Götter. Es ist sein Wesenszug, dass er Gerechtigkeit liebt und für das Recht eintritt. In gleicher Weise preist Ps 99, ein weiterer Königspsalm, Gottes gerechte Herrschaft: „Der Herr ist König: Es zittern die Völker. Er thront auf den Kerubim: Es wankt die Erde. Groß ist der Herr auf Zion, über alle Völker erhaben. Preisen sollen sie deinen großen, majestätischen Namen. Denn er ist heilig. Stark ist der König, er liebt das Recht. Du hast die Weltordnung fest begründet, hast Recht und Gerechtigkeit in Jakob geschaffen. Rühmt den Herrn, unseren Gott; werft euch am Schemel seiner Füße nieder! Denn er ist heilig“ (Ps 99,1–5). Gott ist heilig, vollkommen und gerecht. Er ist die Quelle der Gerechtigkeit und an ihm allein entscheidet sich, was recht ist und was nicht. Auch in der Weisheitsliteratur wird die Gerechtigkeit Gottes gepriesen. „Jeder meint, sein Verhalten sei richtig, doch der Herr prüft die Herzen. Gerechtigkeit üben und Recht ist dem Herrn lieber als Schlachtopfer“ (Spr 21,2–3).

So wie Gerechtigkeit ein Grundzug des Wesens Gottes ist, so ist sein Gericht über die Ungerechtigkeit ein Grundzug seines Handelns. Gott sieht die Ungerechtigkeit und schreitet dagegen ein. „Ich habe das Elend meines Volkes in Ägypten gesehen, und ihre laute Klage über ihre Antreiber habe ich gehört“, steht als Grundmotiv der Barmherzigkeit am Anfang des Exodus. „Ich bin herabgestiegen, um sie der Hand der Ägypter zu entreißen und aus jenem Land hinaufzuführen in ein schönes, weites Land, in ein Land, in dem Milch und Honig fließen“ (Ex 3,7–8). Gott befreite sein Volk von der drückenden Ungerechtigkeit der ägyptischen Sklaverei und offenbarte sich als Befreier-Gott, der gegen das Unrecht einschreitet. Im Auszug aus Ägypten offenbarte Gott, dass das Heil, das er zu schenken bereit war, nicht nur mit der Erlösung von den Sünden zu tun hatte, wie die Einführung des Passa verdeutlicht, sondern auch mit Befreiung aus Unterdrückung.

Nachdem Jahwe die Israeliten befreit hatte, führte er sie in die Wüste. Im Gesetz offenbarte Gott sein heiliges Wesen und seinen heiligen Willen, der darauf ausgerichtet war, dass unter seinem Volk Gerechtigkeit herrschte. „Ich bin Jahwe, dein Gott, der dich aus Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus“ steht als bleibende Erinnerung über den Zehn Geboten (Ex 20,2). Gottes heiliger Wille führt aus der Sklaverei und der Ungerechtigkeit in Freiheit und Gottesdienst. Jedes Jahr, wenn die Israeliten den ersten Ertrag der Ernte einbrachten, legten sie das Bekenntnis ab: „Die Ägypter behandelten uns schlecht, machten uns rechtlos und legten uns harte Fronarbeit auf. Wir schrien zum Herrn, dem Gott unserer Väter, und der Herr hörte unser Schreien und sah unsere Rechtlosigkeit, unsere Arbeitslast und unsere Bedrängnis. Der Herr führte uns mit starker Hand und hoch erhobenem Arm, unter großem Schrecken, unter Zeichen und Wundern aus Ägypten, er brachte uns an diese Stätte und gab uns dieses Land, ein Land in dem Milch und Honig fließen“ (Deut 26,6–8). Der göttliche Segen, der sich in der Ernte zeigte, erinnerte die Israeliten beständig daran, dass sie einem Gott dienten, der sie aus der Rechtlosigkeit in einen Status der Rechtssicherheit, aus der Situation drückender Arbeitslast in ein Land, dessen Früchte sie selbst genießen durften, und aus der Bedrängnis in die Freiheit als Volk Gottes geführt hatte.

Die Propheten

Eine der Hauptaufgaben der Propheten bestand in der Durchsetzung des Bundes, den Jahwe am Sinai mit seinem Volk eingegangen war. Sie riefen Israel zur Treue gegenüber dem im Gesetz verbrieften Gotteswillen auf. Es ist nicht erstaunlich, dass die vom Gesetz geforderte Gerechtigkeit ein wichtiges Thema der Botschaft der Propheten war. Israel sollte nie vergessen, dass es einem gerechten Gott diente, der sich der menschlichen Not annimmt und gegen Ungerechtigkeit einschreitet. Als Israel in der Zeit zwischen der salomonischen Herrschaft und dem babylonischen Exil selbst zum Unterdrücker wurde, fiel es unter Gottes Gericht, wie einst die Ägypter unter Gottes Gericht gefallen waren. Im Namen Jahwes traten die jüdischen Propheten auf und sagten das Gericht über die Ungerechtigkeit an:

So spricht der Herr: Wegen der drei Verbrechen, die Israel beging, wegen der vier nehme ich es nicht zurück: Weil sie den Unschuldigen für Geld verkaufen und den Armen für ein Paar Sandalen, weil sie die Kleinen in den Staub treten und das Recht der Schwachen beugen. Sohn und Vater gehen zum selben Mädchen, um meinen heiligen Namen zu entweihen. (Amos 2,6–7)

Übertragen Sie das auf den globalen Welthandel! Treten die Großen die Kleinen nicht in den Staub, wenn sie sie zu tiefsten Löhnen schuften lassen? Beugen sie nicht das Recht der Schwachen, wenn sie ihnen verbieten, sich zu organisieren und für ihre Rechte aufzustehen? Missstände, wie Amos sie beschreibt, sind keine Kollateralschäden einer globalisierten Welt, in der einige Nutzen ziehen können und andere leider nicht, sondern es sind Verbrechen. Amos Sicht von Sünde ist radikal und umfassend. Er beklagt die Ungerechtigkeit gegenüber den Kleinen und Schwachen, und im gleichen Atemzug verdammt er sexuelle Unmoral. Wir finden keine künstliche Trennung zwischen sozialethischer Ungerechtigkeit und individueller Unmoral vor, denn Gott ist sowohl heilig als auch gerecht. Wie die anderen Propheten hatte auch Amos besonders für die, die sich durch Ungerechtigkeit bereicherten, scharfe Worte übrig:

Weh denen, die das Recht in bitteren Wermut verwandeln und die Gerechtigkeit zu Boden schlagen. Bei Gericht hassen sie den, der zur Gerechtigkeit mahnt, und wer Wahres redet, den verabscheuen sie. Weil ihr von den Hilflosen Pachtgelder annehmt und ihr Getreide mit Steuern belegt, darum baut ihr Häuser aus behauenen Steinen – und wohnt nicht darin, legt ihr euch prächtige Weinberge an – und werdet den Wein nicht trinken. Denn ich kenne eure vielen Vergehen und eure zahlreichen Sünden. (Amos 5,10–12)

Die Worte des Propheten klingen wie ein Kommentar zur globalisierten Weltwirtschaft. Auf der einen Seite die Armen und Hilflosen, die für ein Stück Brot oder einen Maisfladen unzählige Stunden Arbeit verrichten müssen – sofern ihnen der Lohn überhaupt ausbezahlt wird. Mehr als 2 Milliarden Menschen müssen mit weniger als 2 Dollar pro Tag auskommen. Wenn sie mit ihrem dürftigen Einkommen weder einen Arztbesuch noch sauberes Trinkwasser kaufen können, sind sie da nicht um ihren gerechten Lohn gebracht worden? Auf der anderen Seite die Wohlhabenden und Mächtigen, die sich schamlos bereichern und jährlich Millionen kassieren. Das Geld, das sie den Arbeitern vorenthalten, schlägt auf ihrem Konto zu Buche. Sie verwandeln das Recht in bitteren Wermut und machen sich den Gott der Gerechtigkeit zum Feind.

Menschenpflicht Gerechtigkeit

Im Alten Testament steht über allen menschlichen Beziehungen das von Jahwe geschenkte Gnadenverhältnis zu seinem Volk. Israel war Gottes Eigentum und auf das Tun des Willens Jahwes verpflichtet (Ex 19,5–6). Israel als Volk unter der Herrschaft Jahwes war nichts weniger als die Pflicht auferlegt, dem Gott, den es bekannte, zu gleichen, und wie er nicht nur heilig zu sein, sondern auch gerecht zu handeln. Gerechtigkeit üben ist eine in der alttestamentlichen Ethik fest verankerte Menschenpflicht. Nirgends kommt das prägnanter zum Ausdruck als in Micha 6,8: „Es ist dir gesagt worden, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir erwartet: Nichts anderes als dies: Recht tun, Güte und Treue lieben, in Ehrfurcht den Weg gehen mit deinem Gott.“ Israel wird hier als „Mensch“ angesprochen. Das weist darauf hin, dass Israel nicht nur Gerechtigkeit üben sollte, weil es ein erlöstes Volk war. Gottes Forderung nach Gerechtigkeit erstreckt sich auf alle Menschen. Es geht um eine allgemeine Menschenpflicht. Die Anrede „Mensch“ weist außerdem auch darauf hin, dass es um ein Ethos des Einzelnen geht. Das wird wiederum im Bundesbuch und den übrigen gesetzlichen Bestimmungen in den fünf Büchern Mose deutlich: Mit „du sollst“ und „du sollst nicht“ werden verschiedene Alltagsituationen eingeleitet, in welchen Gerechtigkeit geübt werden soll. Der verirrte Esel soll dem Feind zurückgebracht werden (Ex 23,4), die Armen sollen im Brachjahr vom Getreide auf dem Feld, den Trauben in den Weingärten und dem Öl in den Olivenhainen essen (Ex 23,10–11). Die Fremden sollen nicht ausgebeutet werden und das Recht des Armen nicht gebeugt werden (Ex 23,8–9).

Besonders in die Pflicht genommen werden die Besitzenden und die Mächtigen. Gerlach (2006, 199) trifft einen wichtigen Punkt, wenn er sagt, dass die biblische Gerechtigkeit nicht auf den Aspekt des barmherzigen Ethos reduziert werden dürfe. Die im Gesetz geforderte Rechtstreue ist umfassender Natur. Das Gesetz nimmt die Besitzenden in die Pflicht, wenn gesagt wird, dass die Brache zugunsten der Armen eingehalten werden soll (Ex 23,10–11). Und es nimmt die Mächtigen in die Pflicht, wenn es heißt, dass Arme, Witwen, Waisen und Fremde nicht ausgebeutet und das Recht der sozial Schwachen im Rechtsstreit nicht gebeugt werden dürfen (Ex 23,6–9). Das Konzept der Gerechtigkeit ist im Alten Testament in dem Sinn umfassend, als es den Einzelnen in die Pflicht nimmt gerecht zu handeln, und die Mächtigen und Reichen verpflichtet gesellschaftliche Strukturen zu schaffen, die Gerechtigkeit und Ausgleich ermöglichen. Alttestamentliche Gerechtigkeit ist kein bloßes Almosengeben für Bedürftige. Die vom Gesetz verlangte und von den Propheten mit Nachdruck eingeforderte Gerechtigkeit schnitt tief in die gesellschaftlichen Strukturen Israels.

Die politische Macht lag seit Davids Regierung hauptsächlich beim König. Er war der politische Entscheidungsträger und von ihm wurde erwartet, dass er im Namen Jahwes für Recht und Gerechtigkeit sorgte. David war der Prototyp des gerechten Königs. Von ihm heißt es, dass er für Recht und Gerechtigkeit im ganzen Volk sorgte (2Sam 8,15). Salomo verfeinerte die Gesetze Israels und sorgte für Rechtssicherheit auch für die Geringen (1Kö 3,16–28). Im Königpsalm 72 portraitiert Salomo den idealen Herrscher:

Verleih, dein Richteramt, o Gott, dem König, dem Königssohn dein gerechtes Walten! Er regiere dein Volk in Gerechtigkeit und deine Armen durch rechtes Urteil. Dann tragen die Berge Frieden für das Volk und die Höhen Gerechtigkeit. Er wird Recht verschaffen den Gebeugten im Volk, Hilfe bringen den Kindern der Armen, er wird die Unterdrücker zermalmen (…) Denn er rettet den Gebeugten, der um Hilfe schreit, den Armen und den, der keinen Helfer hat. Er erbarmt sich des Gebeugten und Schwachen, er rettet das Leben der Armen. Von Unterdrückung und Gewalttat befreit er sie, ihr Blut ist in seinen Augen kostbar. (Ps 72,1–14)

Der König, der gerecht regierte, erwies sich als wahrer Sohn Jahwes, des Königs über Israel, und wurde mit Recht gepriesen. Entsprechend wurden ungerechte Könige, Priester und andere einflussreiche Personen des öffentlichen Lebens von den Propheten angeklagt:

Weh der trotzigen, der schmutzigen, der gewalttätigen Stadt. Sie will nicht hören und nimmt sich keine Warnung zu Herzen. Sie verlässt sich nicht auf den Herrn und sucht nicht die Nähe ihres Gottes. Ihre Fürsten sind brüllende Löwen. Ihre Richter sind wie Wölfe in der Steppe, die bis zum Morgen keinen Knochen mehr übrig lassen. Ihre Propheten sind freche Betrüger. Ihre Priester entweihen das Heilige und tun Gewalt dem Gesetz an. Aber der Herr tritt für das Recht ein in ihrer Mitte, er tut kein Unrecht. (Zef 3,1–5)

Zefanja klagte die gesamte gesellschaftliche Elite seiner Zeit an. Jerusalem war zur gewalttätigen Stadt geworden. Ihre Fürsten missbrauchten ihr Amt und waren zu brüllenden Löwen geworden. Die Richter waren bestechlich und sorgten dafür, dass Gerechtigkeit käuflich war. Die Propheten redeten betrügerische Worte, die vom Klerus und den Mächtigen gerne gehört wurden. Die Priester, die den Gottesdienst aufrechterhalten und das Gesetz lehren sollten, entweihten das Heiligtum und missachteten das Gesetz. Propheten wie Zefanja ließen keinen Zweifel: Wenn es um Gerechtigkeit ging, waren alle Besitzenden, allen voran die politisch Mächtigen und die gesellschaftlich Einflussreichen, in die Pflicht genommen.

Ob es der König war, der das Verfügungsrecht über das Volk besaß, ob es Richter und Priester mit ihrer beträchtlichen Entscheidungsgewalt waren, ob es ein Sippenoberhaupt war, das in Familienangelegenheiten entschied, ob es der Besitzer eines Weinberges war oder ein schlichter Bauer, der zufällig den entlaufenen Esel seines Feindes fand – sie alle wurden von Jahwe auf gerechtes und barmherziges Handeln verpflichtet.

Israels Gerechtigkeits-Paradigma

Die Evangelikalen sind bisher zögerlich mit dem biblischen Gerechtigkeitsbegriff umgegangen. Gerechtigkeit wurde weitgehend mit Rechtfertigung gleichgesetzt. Der alttestamentliche Gerechtigkeitsbegriff wurde kaum in sozial verantwortliches Handeln einbezogen. Erhard Berneburg (1997, 272–274) widmet in seiner Dissertation Das Verhältnis von Verkündigung und sozialer Aktion in der evangelikalen Missionstheorie einen kurzen Abschnitt dem Zusammenhang zwischen evangelikaler Sozialethik und dem biblischen Verständnis von Gerechtigkeit. Er zeigt sich besorgt darüber, dass der alttestamentliche Gerechtigkeitsbegriff in der neueren evangelikalen Missionstheorie vermehrt zur Definierung der Sozialethik verwendet wird. Nach seinem Verständnis eignet sich der alttestamentliche Gerechtigkeitsbegriff nicht dazu. Gerechtigkeit sei zu allererst nicht ein Tun des Menschen, sondern ein Handeln Gottes und müsse soteriologisch verstanden werden (a.a.O., 272), denn die menschliche Verantwortung komme im Neuen Testament nicht unter dem Begriff der Gerechtigkeit zur Sprache (a.a.O., 273). Mit Blick auf die Entwicklung einer evangelikalen Sozialethik warnt er: „Gegenüber einer vorschnellen Identifizierung von aus der Heiligen Schrift erhobener Gottesgerechtigkeit und menschlichen Vorstellungen von sozialer Gerechtigkeit ist auf die strenge Unterscheidung zwischen beiden zu verweisen“ (a.a.O., 275). Berneburg möchte verhindern, dass es in der evangelikalen Missionstheologie zu einer humanistischen Verflachung des Evangeliums kommt, welche den soteriologischen Aspekt der Gottesgerechtigkeit schlussendlich negiert. Er warnt in diesem Zusammenhang vor einer sozialethischen Verengung des Gerechtigkeitsbegriffs (a.a.O., 275) und möchte so sicherstellen, dass Gerechtigkeit die persönliche Rechtfertigung des Sünders durch den Glauben an Christus bleibt.

Berneburgs Unbehagen spiegelt die traditionelle evangelikale Haltung zur sozialen Gerechtigkeit wieder. Man möchte nicht, dass die Bemühungen um soziale Gerechtigkeit die überaus deutliche Lehre von der Notwendigkeit der geschenkten Gottesgerechtigkeit im Sinne der Rechtfertigung durch den Glauben verdrängen. Das ist mit Nachdruck zu bejahen. Nur sollte dieses Unbehagen nicht dazu führen, dass man sich zu zögerlich mit dem Thema Gerechtigkeit befasst oder es gar negiert.

Wir brauchen eine solide biblische Theologie der Gerechtigkeit, welche alle Aspekte von Gerechtigkeit berücksichtigt und in das richtige Verhältnis zueinander rückt. Um dies zu ermöglichen, müssen wir die Frage stellen: Ist es zulässig, die alttestamentliche Sozialethik paradigmatisch zu verstehen? Mit anderen Worten: Dürfen die Vorstellungen von gerechtem Handeln und von sozial gerechten Strukturen, wie sie im Alten Testament vorkommen, modellhaft auf heute übertragen werden? Wird diese Frage verneint, ist ausgesagt, Israel stelle einen Sonderfall in der Heilsgeschichte dar, der uns in der Frage nach der sozialen Verantwortung nicht weiterhelfen könne. Man wird dann Zuflucht zum Neuen Testament suchen und feststellen, dass dort der Gerechtigkeitsbegriff kaum in Bezug zu sozial verantwortlichem Handeln gesetzt wird. Und daraus wird man folgern, es sei nicht die Aufgabe der Kirche, sich für soziale Gerechtigkeit einzusetzen. Mit dieser verkürzten Argumentation aber geht man des enormen Reichtums des Alten Testamentes in sozialethischer Hinsicht verlustig.

Übertragung

In meinem Buch Kirche ist Mission habe ich eine Rechtfertigung vorgetragen, die es erlaubt, das Gerechtigkeits-Paradigma des Alten Testamentes auf heute zu übertragen.6 Wenn wir eine paradigmatische Übertragung vornehmen, versuchen wir nicht, jedes einzelne Gesetz möglichst buchstabengetreu in unseren Kontext zu überführen. Wir fragen vielmehr nach der Intention, welche hinter einem bestimmten Gesetz liegt. Wir versuchen dadurch den die Zeiten und Kulturen überschreitenden Gehalt des Gesetzes zu identifizieren und diesen im Sinne der ursprünglichen Absicht auf heute zu übertragen. Das soll im Folgenden geschehen.

Menschenrechte

In den sozialen Schutzbestimmungen des Alten Testamentes sind im Kern basale Menschenrechte enthalten (Gerlach 2006, 188). Den Armen wird das Recht auf Nahrung zugestanden. Sie dürfen Nachlese auf den Feldern halten und während der Brache nehmen, was auf den Feldern wächst (Ex 23,6–8). Jeder Mensch hat ungeachtet seiner sozialen Stellung Anrecht auf rechtliches Gehör (Ex 23,1–3). Wer als Hebräer seine Freiheit verliert, hat dank des Sabbatjahrs nach spätestens sieben Jahren das Recht auf einen Neuanfang (Ex 21,2). Er muss freigelassen werden und nach spätestens fünfzig Jahren geht durch die Ausrufung des Jubeljahrs der Besitz an seine Familie zurück (Lev 25,8ff). Freilich werden diese Rechte nicht als Menschenrechte ausformuliert, sondern sie werden den Besitzenden und Einflussreichen als Pflichten auferlegt. Das ändert nichts am Umstand, dass mit den zahlreichen gesetzlichen Bestimmungen basale Menschenrechte angelegt sind. Gerlach ist zuzustimmen, wenn er sagt:

Die moderne Gewährung von Grundrechten ist damit im Kern in den biblischen Schriften angelegt und sie musste und muss bleibend weiterentwickelt werden. Dabei geht es im modernen Kontext um die Weiterentwicklung von Chancengleichheit und Teilhaberrechten sowie um die Ausbalancierung von Leistungs- und Bedarfsgerechtigkeit. (Gerlach 2006, 200)

Gerlach weist hier darauf hin, dass das biblische Gerechtigkeitskonzept in der Regel nicht direkt übertragen werden kann, es aber ein utopisches Potenzial aufweist, das zu neuen Handlungsoptionen provoziert. Die Kraft der Utopie und utopischer Texte könne helfen, neue Optionen überhaupt zu finden, durchzuspielen und zu erproben. Er nennt ein Beispiel:

Die Erlassjahrkampagnen, die seit den 80er-Jahren die gravierenden Missstände der internationalen Schuldenkrise in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gebracht haben, konnten sich auf die biblischen Erlassjahrforderungen und die Bestimmungen zum Jobeljahr berufen (Gerstenberger 2000). Anfangs als naiv belächelt konnte sich langsam die Einsicht durchsetzen, dass arme Länder einen begrenzten und geregelten Schuldenerlass erhalten müssen. Selbstverständlich sind die Missbrauchsmöglichkeiten solcher Erlasse und ihre Wirkung auf zukünftiges Verhalten mit zu berücksichtigen. Die Notwendigkeit einer Entschuldung, das Recht auf eine zweite Chance für jeden Menschen, wurde in Deutschland auch im Insolvenzrecht für Privatpersonen entwickelt. Interessanter Weise kam hier der biblische Rhythmus zu tragen: nach sechs Jahren des Wohlverhaltens ist eine Entschuldung und ein Neuanfang möglich. Die weitere Entwicklung wird aber auch bei diesem Gesetz zeigen, ob sich dieses Schutzrecht langfristig positiv auswirkt oder ob einem bestimmten Personenkreis künftig notwendige Kredite vorenthalten werden, zumal sich abzeichnet, dass die Privatinsolvenz auch strategisch ausgenutzt werden kann. (a.a.O., 200)

Das Gerechtigkeits-Paradigma des Alten Testamentes bietet einen enormen Reichtum auch für die Entwicklung einer globalisierungstauglichen Sozialethik:

Das kritische und utopische Potential der biblischen Schriften muss präsent gehalten werden, damit es verantwortungsethisch umgesetzt werden kann. Es muss dazu verwandt werden, dass die biblische Einsicht der Weisheitstradition auch in unserer modernen Gesellschaft wach bleibt und die langfristig positiven Folgen praktizierter Gerechtigkeit für ein Volk erkannt werden: „Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben“ (Sprüche Salomos 14,34). (a.a.O., 200)

Lebensdienliche Wirtschaftsordnung

In den sozialen Schutzbestimmungen des mosaischen Gesetzes sind nicht nur basale Menschenrechte angelegt. Die Schutzrechte für besonders verwundbare Personen sind so zahlreich und sie greifen so stark in das Gesellschaftsleben ein, dass vom Ziel einer lebensdienlichen Wirtschaftsordnung (Gerlach 2006, 199) gesprochen werden kann.

In den Schutzrechten des Bundesbuches (Ex 22,20–26) für besonders verwundbare Personen greifen die sozialen Regelungen, die Gott erließ, tief in das wirtschaftliche Alltagsleben ein. Zu den besonders schutzbedürftigen Personen zählten die Fremden: „Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid in Ägypten Fremde gewesen“ (Ex 22,20). Der Ausdruck „Fremde“ bezieht sich auf die in Israel lebenden Ausländer (Deut 14,21), aber auch die innerhalb des Landes vertriebenen Personen. Kriege und wirtschaftliche Not führten dazu, dass Familien das Land ihrer Väter verlassen und sich in einem anderen Stammesgebiet niederlassen mussten. Aus ihrer Sippe herausgerissen, mussten sie ohne verwandtschaftliche Beziehungen eine Existenz aufbauen und waren daher auf Hilfe jenseits der Familie angewiesen (Otto 1994, 84).

Die am stärksten verwundbaren Teilhaber der Gesellschaft waren Witwen und Waisen. Der soziale Zusammenhalt, die Durchsetzung der Rechte und die Sicherung der Existenz wurden in Israel durch die Einbettung in die Sippe erreicht. Witwen und Waisen fanden sich ohne dieses soziale Netz wieder und waren darum verwundbar. Sie hatten kein Familienoberhaupt, das ihnen rechtliches Gehör verschaffen konnte. Sie waren die schwächsten Glieder im sozialen Gefüge und darum besonders auf Schutz angewiesen. Entsprechend streng fallen die Schutzbestimmungen für sie aus: „Ihr sollt keine Witwe oder Waise ausnützen. Wenn du sie ausnützt und sie zu mir schreit, werde ich ihren Klageschrei hören. Mein Zorn wird entbrennen und ich werde euch mit dem Schwert umbringen, sodass eure Frauen zu Witwen und eure Söhne zu Waisen werden“ (Ex 22,21–23).

Den Armen wird im mosaischen Gesetz als besonders schutzbedürftige Personengruppe Beachtung geschenkt, obschon Armut des Öfteren Fremde, Witwen und Waisen betraf. Sie sollten doppelt geschützt werden, weil sie in Krisenzeiten nicht für sich selbst sorgen konnten und auf finanzielle Hilfe angewiesen waren. Dem wird mit der Regelung „Leihst du einem aus meinem Volk, einem Armen, der neben dir wohnt, Geld, dann sollst du dich gegen ihn nicht wie ein Wucherer benehmen. Ihr sollt von ihm keinen Wucherzins fordern“ (Ex 22,24) Rechnung getragen. Gott untersagte es, aus der Not der Armen wirtschaftliches Kapital zu schlagen. Der Zins sollte nicht nach Marktgesetzen festgelegt werden, sondern die Möglichkeiten des Zinsnehmenden berücksichtigen. Auf keinen Fall durfte die Geldverleihung der Beginn einer Verschuldungsspirale sein. Wenn man daran denkt, dass der Zinssatz für Geld bei rund einem Fünftel der aufgenommenen Summe lag, bei Getreide rund ein Drittel ausmachte und im Einzelfall über der Hälfte liegen konnte (De Vaux 1973, 171), stellte das Verbot des Wucherzinses eine wichtige Regelung zur Verhinderung permanenter Verarmung dar. Die Schutzrechte des Bundesbuches schließen mit einer Pfandrechtsregelung, welche wiederum den Armen und sonstigen schutzbedürftigen Personen zugute kommen sollte: „Nimmst du von einem Mitbürger den Mantel zum Pfand, dann sollst du ihn bis Sonnenuntergang zurückgeben; denn es ist seine einzige Decke, der Mantel, mit dem er seinen bloßen Leib bedeckt. Worin sollte er sonst schlafen? Wenn er zu mir schreit, höre ich es, denn ich habe Mitleid“ (Ex 22,25–26).

Die Schutzrechte für sozial Benachteiligte machen deutlich: Im alttestamentlichen Gerechtigkeits-Paradigma stand der soziale Zusammenhalt über dem Gewinnstreben. Besitz war sozialpflichtig. Sei es, dass jemand Ländereien besaß – die entscheidende Ressource im alten Israel –, sei es, dass jemand sich in irgendeiner Weise in einer Position der Stärke gegenüber anderen befand – etwa gegenüber Witwen und Waisen – sie alle wurden darauf verpflichtet, ihre Position oder ihre Ressource nicht zum Nachteil anderer auszunutzen, sondern dem Mitbürger zu dienen. Auf diese Weise wurde das Gewinnstreben ethisch begrenzt und in eine lebensdienliche Wirtschaftsordnung überführt, in der auch Schwache ihren Platz hatten. Das schrankenlose Gewinnstreben verfällt so deutlicher Kritik. Die Wirtschaft sollte den Menschen dienen und ihn nicht zu einem Handlanger der Gewinnmaximierung machen. Eine lebensdienliche Wirtschaftsordnung misst sich am Wohl der Schwachen.

Gerechte Strukturen

Das Konzept der Gerechtigkeit im Alten Testament weist einen breiten Bedeutungsradius auf. Gerechtigkeit meint Gemeinschaftstreue, Rechtstreue, Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und Barmherzigkeit gegenüber Armen und Schwachen. Der primäre Ort der Gerechtigkeit ist das Ethos des Einzelnen, nicht das von staatlichen oder sonstigen Institutionen (Gerlach 2006, 199). Der zum Volk Gottes Zugehörige war dazu gerufen, den Bund mit Jahwe zu halten und seine Liebe zu seinem Gott durch aktiven Gehorsam gegenüber seinem Willen zu demonstrieren. Es ging darum, den Herrn in jedem Bereich des Lebens zu lieben von ganzer Kraft und mit ganzer Seele. Die Liebe zu Gott und der daraus resultierende willige Gehorsam gegenüber Jahwe war die Achillesferse des sozialen Gefüges. Deshalb wird in den Gesetzen und Bestimmungen des Alten Testamentes mit „du sollst“ oder „du sollst nicht“ überwiegend der Einzelne angesprochen. Der Einzelne, insbesondere die Besitzenden, sollten nicht mechanisch eine Regelung einhalten, sondern von Herzen Barmherzigkeit und Freigebigkeit üben.

Das alttestamentliche Konzept der Gerechtigkeit lässt sich deswegen aber nicht auf barmherzige Zuwendungen reduzieren. Not sollte nicht bloß gelindert werden, nachdem sie entstanden war; sie sollte durch die Schaffung gerechter Strukturen und Institutionen möglichst vermieden werden. In den Worten von Gerlach (a.a.O., 199): „Neben der Erinnerung an die Gebote der Barmherzigkeit und Freigiebigkeit liegt ein besonderer Schwerpunkt der Kritik der alttestamentlichen Propheten auf der Anklage von Missständen im Rechtswesen, Anklagen über Bestechlichkeit, Käuflichkeit, Rechtsbruch aller Arten, besonders gegenüber Schwachen.“7 Der Gerechtigkeitsbegriff des Alten Testamentes kann nicht nur sozial und nicht nur soteriologisch verstanden werden. Er ist unvollständig, wenn er nicht auch juristisch verstanden wird. Gesetze hinsichtlich des Zinsnehmens, der Pfändung, der Bestechung, des rechtlichen Gehörs oder dem Schulderlass machen deutlich: „Die biblische Gerechtigkeit darf also nicht auf den Aspekt des barmherzigen Ethos reduziert werden … Gerechtigkeit zeigt sich in dieser Hinsicht vor allem darin, dass grundlegende Rechte vor Gericht, also bei Konfliktfällen, gewahrt bleiben. Machtungleichheit soll durch Gerichte ausgeglichen und nicht verstärkt werden“ (a.a.O.).

Das biblische Verständnis von Gerechtigkeit ist umfassend und beinhaltet ebenso wie die persönliche Verantwortung die Transformation der Strukturen. Gerechtigkeit bedeutet alttestamentlich sowohl Treue zu Gott als auch Gemeinschaftstreue. Sie beinhaltet sowohl die barmherzige Zuwendung als auch die Transformation der gesellschaftlichen Strukturen. Sie ist sowohl ein Handeln Gottes als auch ein Tun des Menschen.

Gerlach bilanziert: „Der forensische Aspekt der Gerechtigkeit behält seinen Stellenwert und darf nicht gegen den soteriologischen Aspekt ausgespielt werden“ (a.a.O., 199). Wenn Berneburg (1997, 272–275) Gerechtigkeit als ein Handeln Gottes und nicht als ein Tun des Menschen charakterisiert, wenn er Gerechtigkeit vorrangig als soteriologische Gabe bezeichnet und wenn er behauptet, die Bibel unterscheide streng zwischen Gottesgerechtigkeit und menschlicher Vorstellung von sozialer Gerechtigkeit, dann ist der eine Aspekt von Gerechtigkeit (der soteriologische) gegen einen anderen Aspekt (den sozialen) ausgespielt worden. Natürlich ist Berneburg beizupflichten, wenn er sicherstellen möchte, dass soteriologische Gerechtigkeit nicht zugunsten des sozialen Aspekts ihrer zentralen Stellung beraubt werden darf. Doch man kann die Bedeutung des einen Aspekts (des soteriologischen) so stark herausstreichen, dass der andere Aspekt (der soziale) praktisch negiert wird. Dieser Dualismus muss überwunden werden. Der Anbruch des 21. Jahrhunderts zeigt eine Rückkehr zu einem ganzheitlichen und biblischen Verständnis von Gerechtigkeit: Gerechtigkeit wird sowohl soteriologisch (damit begründet sich die Dringlichkeit der Evangelisation) als auch sozial verstanden (damit begründet sich die Pflicht sozialen Handelns). Mit diesem ganzheitlichen Verständnis ist die Kirche in der Lage, Antworten auf die geistliche und soziale Not der Menschen zu geben.

Neues Testament – Entgrenzung und Überbietung des alttestamentlichen Gerechtigkeitsbegriffs

Wenn man das Neue Testament auf die Bedeutung des Begriffs „Gerechtigkeit“ untersucht, scheint der Befund eindeutig zu sein: Gerechtigkeit ist ein soteriologischer Begriff, der die gnädige Rechtfertigung des Sünders durch Gott meint. Der Bedeutungsradius des Wortes scheint damit umfassend charakterisiert zu sein. Denn an kaum einer Stelle im Neuen Testament finden wir Aufrufe zu sozial gerechtem Handeln, die so ausführlich und eindringlich sind wie bei den alttestamentlichen Propheten. Überdies scheint das Neue Testament weniger an der Frage der Gerechtigkeit interessiert zu sein, dafür umso mehr an der Liebe. So oft im Alten Testament der Begriff „Gerechtigkeit“ oder „gerecht“ fällt, so oft findet sich im Neuen Testament der Begriff „Liebe“ oder „lieben“. Nun verbinden wir den Begriff der Liebe nicht unbedingt mit Gerechtigkeit. So entsteht der Eindruck, soziale Gerechtigkeit sei kein Anliegen der neutestamentlichen Ethik. In diesem Abschnitt werde ich argumentieren, dass dieser Eindruck dem Neuen Testament an entscheidenden Punkten widerspricht. Das Gegenteil ist der Fall: Das Neue Testament entgrenzt den alttestamentlichen Gerechtigkeitsbegriff und überbietet ihn.

Kleingruppenethik

Liebe ist der ethische Zentralbegriff des Neuen Testamentes. Sowohl Jesus als auch der Apostel Paulus und im Besonderen die Schriften des Apostels Johannes verwenden „Agape“ (Liebe) als den Begriff, der die Ethik des Neuen Testamentes zusammenfasst. Im Zentrum steht die Liebe Gottes zu den Menschen, welche er durch die Sendung seines Sohnes unter Beweis gestellt hat. Diesem Liebesbeweis nachgeordnet ist die Liebe untereinander, die eine direkte Folge des göttlichen Liebeshandelns ist.

Gerlach (2006, 189) ist zuzustimmen, wenn er die differierende Terminologie mit den unterschiedlichen sozialgeschichtlichen Ausgangssituationen in Verbindung bringt. Im Alten Testament ist der Begriff „Gerechtigkeit“ der Zentralbegriff zur Umschreibung und Definierung des sozialen Zusammenhalts eines ganzen Volkes. Es geht um die Entwicklung eines Rechtskodex auf persönlicher und struktureller Ebene. Solange Israel seine politische Selbstständigkeit wahrte, konnte der Wille Jahwes direkten Eingang in die gesellschaftlichen Institutionen finden. Konkret: Israel hatte die Freiheit und damit die Möglichkeit, die mosaischen Gesetze durch den Aufbau eines gottgefälligen Rechtswesens ungehindert umzusetzen. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass Israel diese Möglichkeit über weite Strecken nicht nutzte und sich in Widerspruch zu Jahwes Willen setzte. Mit dem babylonischen Exil verloren die Juden diesen Gestaltungsspielraum. Unter babylonischer, persischer, griechischer und schließlich römischer Herrschaft ging die politische Freiheit verloren. Damit war die Möglichkeit nicht mehr gegeben, dem Gerechtigkeits-Paradigma des alten Bundes in einer gesellschaftlichen Verfassung ungehindert Ausdruck zu verleihen. Die biblische Ethik war fortan lediglich beschränkt gesellschaftsgestaltend. Es blieb nur noch die Alternative im Kleinen.

Verschiedene Gruppen des jüdischen Volkes reagierten unterschiedlich auf die neue Situation:

Die Makkabäer wählten den Weg der Revolution. Ihre politische Option war eine Antwort auf den gewaltsamen Einbruch des Hellenismus mit seiner griechischen Lebensweise im 2. Jahrhundert v. Chr. Er zielte darauf, die Unabhängigkeit wiederherzustellen, was vorübergehend auch erreicht wurde, doch schließlich erodierte ihr Versuch von Innen her.

Die Essener traten als Totalverweigerer den entgegengesetzten Weg in die Wüste an. In ihrer Kommunität lebten sie ihre Auffassung von Jahwes Willen in subversiver Weise. Sie erwarteten keine Besserung der herrschenden Verhältnisse und unternahmen auch den Versuch nicht, diese zu ändern. Nach ihrem Geschichtsverständnis konnte das Reich Gottes nur durch göttliches Gericht und als Katastrophe der Geschichte herbeigeführt werden.

Die Sadduzäer, die sich vorwiegend aus der Priesteraristokratie rekrutierten, passten sich an die herrschenden Verhältnisse an und versuchten so Einfluss zu gewinnen, während die Pharisäer als Kompromissler und Teilverweigerer in Erscheinung traten. Sie glaubten, Gottes Eingreifen in die leidvolle Geschichte ihres Volkes durch das strikte Befolgen des Gesetzes beeinflussen zu können.

Schließlich gab es jene Menschen, die Duchrow (1997, 169–170) die messianischen Randgruppen nennt. Diese Leute – Jahwetreue wie Zacharias und Elisabeth, Maria und Josef, Simeon und Hanna – versuchten in der veränderten Situation Gott wohlgefällig zu leben und warteten still auf den Anbruch des Reiches Gottes.

Es ist richtungsweisend für die neutestamentliche Ethik, dass Jesus bei den messianischen Randgruppen anknüpfte. Er berief Leute aus diesem Segment der jüdischen Gesellschaft in seine Nachfolge – freilich auch politische Heißsporne wie Simon der Zelot und Kollaborateure des Systems wie der Zolleinnehmer Matthäus – und baute um sie herum die Urkirche auf. Ihre Situation war eine gegenüber dem alttestamentlichen Israel völlig veränderte. Die Christen, wie sie später genannt wurden, waren eine religiöse Gruppe unter vielen anderen. Rom tolerierte die unterschiedlichsten Kulte und Gruppierungen. Dieser religiöse Pluralismus fand dort seine Grenzen, wo Rom die Familie und den Staat gefährdet glaubte. Es gab für die Urkirche kaum gesellschaftsgestaltenden Spielraum, die politischen Mitspracherechte waren praktisch gleich Null. Dieser veränderten Situation wegen ist im Neuen Testament keine ausformulierte Sozialethik zu erwarten, wie wir sie im Alten Testament finden. Die neutestamentliche Ethik war entsprechend der Situation, in welcher sie Gestalt annahm, eine Kleingruppenethik, die subversiv gelebt wurde. Sie verstand sich als Kontrastethik zur griechisch-römischen Lebensauffassung.

Der Begriff „Kleingruppenethik“ bedeutet nun aber nicht, dass diese Ethik nichts mit der Welt zu schaffen haben wollte. Im Gegenteil: Sie beanspruchte, eine gesellschaftsgestaltende Alternative zu sein. Sie wollte Salz der Erde und Licht der Welt sein (Mt 5,13–16). Die Ethik des Neuen Testamentes kulminiert nicht nur deshalb in der Agape, weil diese durch Gottes Heilshandeln in seinem Sohn zentral war, sondern auch, weil es sich um eine realistische, auf den Kontext zugeschnittene Ethik handelte. In den Kleingruppen und den urchristlichen Gottesdiensten konnte die christliche Liebe ungehindert ausgelebt werden. Und diese Liebe schloss, wie wir noch sehen werden, das alttestamentliche Konzept der Gerechtigkeit ein.

Jesus und Gerechtigkeit

Jesus steht im Zentrum der missionalen Theologie. Nicht nur aus seinem Tod am Kreuz und aus seiner Auferstehung werden Folgerungen für Mission und Kirche gezogen, sondern auch aus seinem Leben. Jesus wird als Vorbild, als das Modell der Mission begriffen. So wie der Vater Jesus sandte, so ist auch die Kirche gesandt (Joh 20,21). Wenn wir nach der Bedeutung des Begriffs „Gerechtigkeit“ bei Jesus fragen – welches Bild ergibt sich da? Diese Frage ist von grundlegender Wichtigkeit. Denn das gesamte neutestamentliche Verständnis von Gerechtigkeit und Liebe fußt auf Jesus als dem Modell gerechten Handelns und Jesus als dem Lehrer von Gerechtigkeit und Liebe.

Jesus wandte einen beträchtlichen Teil seiner potenziellen Predigttätigkeit für die Begegnung mit an den Rand der jüdischen Gesellschaft gedrängten Personen auf. Diese Begegnungen waren für ihn nicht eine bloße Brücke zur Verkündigung, sondern besaßen einen Wert in sich selbst. Indem Jesus den Armen und Bedürftigen mit Liebe begegnete – Aussätzigen, Samaritanern, Zollbeamten, Prostituierten –, erfüllte er einen wichtigen Teil seiner Mission. Diese Menschen wurden von der jüdischen Gesellschaft mit der erniedrigenden Bezeichnung „Sünder“ bedacht. Zöllner, Huren und andere Sünder waren der Abschaum der Gesellschaft. Jesus sah in ihnen verirrte Gotteskinder. Er verkündigte ihnen Gottes gnädige Zuwendung und rief sie und ihre Unterdrücker zur Umkehr auf. Aussätzige fasste er an und machte sie gesund. Er sprach mit Samaritanern und überwand die tiefe soziale und geistliche Kluft zwischen den Juden und ihnen. Er rief Abzocker wie die Zollbeamten Matthäus und Zachäus in seine Nachfolge und krempelte ihr Leben um. Er sprach in der Öffentlichkeit mit Frauen und begegnete ihnen auf Augenhöhe – etwas das politisch nicht korrekt war. Er rettete eine Ehebrecherin vor der Steinigung (Joh 8,1–11) und ließ sich von Frauen mit zweifelhaftem Ruf berühren (Lk 7,36–50). Sein messianisches Selbstverständnis definierte Jesus mit den Worten aus dem Propheten Jesaja: „Der Geist des Herrn ruht auf mir; denn der Herr hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr des Herrn ausrufe“ (Lk 4,18–19).

In Jesu messianischem Selbstverständnis und in seinem diesem Verständnis entsprechenden Handeln zeigt sich ein Zweifaches:

Zum einen kam das gnädige und von Liebe durchdrungene Handeln gegenüber den Schwachen einer Kritik an den herrschenden Unrechtverhältnissen gleich. Jesus demonstrierte mit seinen tatkräftigen Liebesbeweisen, wie ungerecht und gnadenlos die Menschen auf der untersten Sprosse der sozialen Leiter behandelt wurden. Manche seiner Begegnungen mit Ausgestoßenen enthalten denn auch eine deutliche Kritik gegenüber seinen Gegnern. Die Frau, die Jesus unanständig berührte und pausenlos seine Füße mit ihren Tränen netzte, hat mehr geliebt als der Pharisäer, der Jesus zum Essen einlud und ihm nicht einmal einen Begrüßungskuss gegeben hatte (Lk 7,45). Die Ehebrecherin hat tatsächlich gesündigt, doch die, welche die Steine erhoben, um die Härte des Gesetzes an ihr zu vollstrecken, sind ebenfalls nicht ohne Sünde (Joh 8,1ff).

Zum andern stellt das Handeln Jesu gegenüber Armen und Ausgestoßenen das entscheidende Bindeglied zwischen der alttestamentlichen und der neutestamentlichen Ethik dar. Jesus brachte den Bedürftigen die vom Gesetz geforderte Barmherzigkeit entgegen und erfüllte damit das Gesetz. Er bejahte durch sein dem Gesetz entsprechenden Handeln das Gerechtigkeits-Paradigma des Alten Testamentes und überbot es durch die gnädige Zuwendung zu den Sündern. Das zeigt sich am messianischen Selbstverständnis von Jesus in Lk 4,18–19. Das Gnadenjahr ist das Jubeljahr von Lev 25,1ff. Jedes 50. Jahr sollten Schulden erlassen sowie Schuldsklaverei beendet werden und jeder zu seinem Besitz zurückkehren. Die Regelung des Jubeljahrs diente zur Verhinderung extremer Armut (und exzessiven Reichtums) und sollte sicherstellen, dass jeder genug hat (Hardmeier 2009, 162–168). In Lk 4,18–19 kündigte Jesus dieses Jubeljahr an – nicht als buchstäbliche Durchsetzung der alttestamentlichen Regelung, sondern als Prinzip gerechten Handelns. Auch wenn keine direkte sprachliche Verbindung besteht, so sind Jesu Worte über Armut, Reichtum und das Teilen von Besitz (Lk 6,20; 10,25–37; 14,33; 16,19–31; 21,1–4) eine Anwendung der Prinzipien des Jubeljahres auf die neutestamentliche Zeit. Das bedeutet, dass eine dem alttestamentlichen Israel geltende Regelung wie das Jubeljahr in eine andere Zeit und auf einen veränderten Kontext übertragen werden kann, ja muss, wenn man der Fülle biblischen Heils nicht verlustig gehen will.

Mit seiner Predigt und seinem Handeln unterstrich Jesus die andauernde Gültigkeit der alttestamentlichen Forderung nach gerechtem und barmherzigem Handeln. Das hat Folgen für die Mission der Kirche: Wenn Jesus den Opfern der jüdischen Gesellschaft die vom Gesetz geforderte Barmherzigkeit entgegenbringt und für ihr Recht eintritt, wenn er damit seine Sendung definiert (Lk 4,18) und wenn er seine Nachfolger so sendet, wie er gesandt war (Joh 20,21), dann hat die Kirche ebenfalls eine Mission der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit.

Wie kommt es nun, dass über Jesus hinaus im Neuen Testament Gerechtigkeit als sozialer Verhältnisbegriff praktisch ganz verschwindet und durch die Agape (Liebe) ersetzt wird? Die Antwort darauf ist in der Bergpredigt als dem Manifest der Ethik Jesu zu finden.

In den Seligpreisungen nennt Jesus die glücklich, die nach Gerechtigkeit hungern und dürsten (Mt 5,6), und die um ihretwillen verfolgt werden (Mt 5,10). Schon vorher preist er die Friedenstifter glücklich und nennt sie Söhne Gottes (Mt 5,9). In diesen drei Seligpreisungen werden die zentralen alttestamentlichen Begriffe Frieden (schalom) und Gerechtigkeit (zädäk, sedaka) zu zentralen Begriffen der Ethik Jesu. Überhaupt weisen die Seligpreisungen in die Richtung der Verwirklichung der alttestamentlichen Ethik: Wer seine Armut vor Gott erkennt, wie das die Psalmschreiber tun, ist glücklich zu nennen (Mt 5,3). Wer über seine eigene Sünde und das Leid seiner Mitmenschen trauert, wie Jeremia es tat, wird getröstet werden (Mt 5,4). Wer keine Gewalt anwendet (Mt 5,5) und reinen Herzens (Mt 5,6) Barmherzigkeit gegenüber seinem Nächsten übt (Mt 5,7), wie das Gesetz es fordert, der ist ein wahrer Friedenstifter und Sohn Gottes zu nennen (Mt 5,8).

Den mittleren Teil der Bergpredigt bilden sechs Antithesen, in welchen Jesus gegenüber den Hütern der Tradition die wahre Bedeutung des Gesetzes herausstellt. Sie werden mit den Worten eingeleitet: „Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen“ (Mt 5,20). Was dieses wahre Leben aus Gott ausmacht, das wird in den sechs Antithesen entfaltet. Das Gebot, nicht zu töten (Ex 20,13) wird verschärft zur Forderung nach Versöhnung mit dem Bruder und dem Gegner (Mt 5,21–26). Inhaltlich entspricht es der Seligpreisung des Friedenstiftens. Das Verbot des Ehebruchs (Ex 20,14) wird verschärft zur Forderung nach einem reinen Herzen, so wie es die sechste Seligpreisung formuliert (Mt 5,27–30). Die Erlaubnis zur Scheidung (Deut 24,1) wird dahingehend eingegrenzt, dass Jesus sie nur im Falle der Unzucht erlaubt (Mt 5,31–32). Das Meineidverbot (Lev 19,12) wird verschärft: Die Reinheit des Herzens soll so offenkundig sein, dass ein Ja ein Ja und ein Nein ein Nein ist (Mt 5,33–37). Das Prinzip von „Auge für Auge, Zahn für Zahn“ (Ex 21,24) wird insofern verschärft, als Jesus es nicht erlaubt, daraus eine persönliche Vergeltungsstrategie abzuleiten. Stattdessen fordert Jesus gewaltfreien Widerstand (Mt 5,38–42). Gerechtigkeit ist also schenkende Gerechtigkeit, die Gott denen gibt, die geistlich arm sind und nach Gerechtigkeit (vor Gott und in der Gesellschaft) hungern und dürsten. Und sie ist ein Tun des Menschen und zwar des Menschen, der nach den Seligpreisungen lebt.

Diese Gerechtigkeit kulminiert in der Feindesliebe: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Söhne eures Vaters im Himmel werdet“ (Mt 5,43–45). Das Gebot, den Nächsten zu lieben (Lev 19,18), und die traditionelle Ergänzung, den Feind zu hassen, wird von der Forderung nach Feindesliebe überboten. Zweifellos ist diese letzte Antithese der Höhepunkt. Jesus entgrenzt die alttestamentliche Ethik. Er durchbricht das traditionelle Freund-Feind-Schema und fordert seine Nachfolger auf, ihre Feinde und ihre Verfolger zu lieben. Diese radikale Liebe geht über die alttestamentliche Gerechtigkeit hinaus. Es ist nur folgerichtig, dass die Schreiber des Neuen Testamentes die Liebe zum zentralen ethischen Begriff erhoben. Denn dieser Begriff enthält die vom Alten Testament geforderte solidarische Mitmenschlichkeit. Alles, was im Alten Testament unter dem Begriffspaar Recht und Gerechtigkeit erscheint, integriert das Neue Testament in die Agape. Die Agape des Neuen Testamentes will den alttestamentlichen Gerechtigkeitsbegriff also nicht ersetzen, sondern bekräftigen und überbieten.

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