Kitabı oku: «Kobe Bryant»
KOBE
BRYANT
DER BESTE DER NBA
ROLAND LAZENBY
Aus dem Englischen von Robert Steiner und Alison Flint Steiner

Impressum
© 2016 by Full Court Press, Inc.
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel „SHOWBOAT“ im Oktober 2016 bei Little, Brown and Company, New York.
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© der deutschsprachigen Ausgabe:
egoth verlag GmbH, 2020
Untere Weißgerberstr. 63, A-1030 Wien
ISBN: 978-3-903183-40-7
ISBN E-Book: 978-3-903183-81-0
Übersetzung aus dem Englischen: Alison Flint-Steiner und Robert Steiner
Lektorat: Lisa Krenmayr
Grafische Gestaltung und Satz: Dipl. Ing. (FH) Ing. Clemens Toscani
Coverbild: Larry W. Smith / EPA / picturedesk.com
Printed in the EU
Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Rechteinhabers.
1. Auflage im September 2020
Gewidmet Schwarz und Weiß und all den
wunderbaren Schattierungen dazwischen
sowie Ella Mae Austin und Roger Davis, Doc Foster und
Estella Hampton und allen,
die uns so viele wertvolle Lektionen auf so viele verschiedene
Arten lehren,
sowie meiner wunderbaren, jahrelangen
Wegbegleiterin Karen, die nicht mit Gold
aufzuwiegen ist,
und meinen Kindern Jenna, Henry und Morgan sowie
meinen Enkelsöhne Liam und Aiden.
In liebender Erinnerung an Jeanie Lazenby Masten.
Inhalt
VORWORT: ONLY THE LONELY
Teil 1: JELLYBEAN
DIE FESTNAHME
VATERSCHAFT
SPASS AM SPIEL
PAM UND JELLY
DAS BOMBEN-KOMMANDO
Teil 2: WUNDERKIND
KOBE BEAN
DER HOFNARR
ITALIA
DAS ROTE FAHRRAD
LOWER MERION
THE VIBE
Teil 3: DER AUSERWÄHLTE
SUMMER LOVE
DER AUFSTIEG
EIN BÖSER, BÖSER JUNGE
ALLES FÜGT SICH ZUSAMMEN
TEAM BRYANT
ZU DEN STARS
Teil 4: CALIFORNIA STARS
PACIFIC PALISADES
DAS MÄRCHEN GEHT WEITER
CHAOS-THEORIE
CALIFORNIA STARS
HOCHZEITSGLOCKEN UND ANDERE SCHWIERIGKEITEN
GEBROCHENE KNÖCHEL, ZERBROCHENE HERZEN
Teil 5: MAMBA
ROCKY MOUNTAINS
DER SCHADEN
AUFSTIEG
VERMÄCHTNIS
DER BOSS
NACHRUF
DANKSAGUNG
DER AUTOR
Anfangs kam er als lebenslustiger Junge rüber. Doch das war er nicht. Kobe Bean Bryant musste immer hart arbeiten, um zu zeigen, dass ihm nichts und niemand etwas anhaben konnte. Speziell in seiner allerersten Saison in der NBA.
Damals, im Dezember 1996, war ich live dabei im Charlotte Coliseum, als er seinen ersten Wurf des Spiels – einen Dreipunkter – verwertete.
Nach dem Spiel tänzelte er gut gelaunt in die Umkleidekabine und klatschte mit mir ab. Er wusste gar nicht, wer ich war. Nur wieder so ein Typ mit einem Notizbuch und einem Diktiergerät. Doch er war begierig darauf, sich der Welt zu zeigen.
Etwas später in der Saison saß ich zusammen mit ihm in einem leeren Umkleideraum in Cleveland, während er auf seinen Auftritt beim Slam Dunk-Wettbewerb anlässlich des 50jährigen Jubiläums des NBA AllStar-Wochenendes wartete und die Zeit bis dahin totschlagen musste.
Wir sprachen über seine Rolle als das Gesicht einer Generation neuer Talente, die es in die NBA geschafft hatte – eine sehr junge Generation. Es war sogar die jüngste Gruppe an Spielern, die es jemals in die Topliga geschafft hatte. Er sprach über die Schwierigkeiten, Erwartungen, Risiken und die vielen Versuchungen, die auf einen erst 18-jährigen Spieler in dem Moloch, der sich Los Angeles nennt, lauerten.
Er erzählte, welchen Einfluss es auf ihn – einen damals 13-Jährigen – gehabt hatte, als Magic Johnson 1991 mit seiner HIVInfektion an die Öffentlichkeit trat und wie er später selbst alle Versuchungen mied, die Johnson nach eigener Aussage dazu verleitet hatten, mit drei- bis fünfhundert Partnern im Jahr Sex zu haben.
„Für mich ist das recht einfach“, meinte Bryant damals zu mir, „es gibt nämlich so viele Dinge in meinem Leben, die ich erreichen möchte.“
Nur ein paar Minuten später stand er auf und verließ die Kabine und unser tiefsinniges Gespräch und gewann den Slam Dunk-Wettbewerb mit einer meisterlichen Vorstellung. Ein Sieg, der seinen schon damals brennenden Ehrgeiz noch weiter anheizte.
Im Jahr darauf wurde er als Starter ins All-Star-Team gewählt, obwohl er bei den Lakers die meiste Zeit nur von der Bank aus zum Einsatz gekommen war. Dem folgte eine durchwachsene Saison, in welcher Lakers-Besitzer Jerry Buss ein Team mit Riesentalenten, bei dem jedoch nichts zusammenzulaufen schien, auseinanderbrach. Mitten in diesem Chaos in seiner dritten Saison wirkte der 21jährige Bryant recht verloren, einsam und frustriert.
„Ich will einfach der Superstar sein“, erzählte er mir und bestätigte damit wieder seine Ambitionen, zum besten Spieler der NBA zu avancieren. „Ich weiß nur nicht, wie ich es schaffen soll. Ich muss einfach einen Weg finden.“ Und das tat er, obwohl dieses Ziel damals fast unerreichbar schien. Im Jahr 2016, gegen Ende seiner aktiven Karriere, konnte Bryant auf die Statistik von 20 Saisonen zurückblicken und sagen, dass er sich einen Platz am Tisch mit den Größten dieses Sports verdient hatte. Ein Jahr zuvor hatte er sein großes Idol Michael Jordan von Platz drei der ewigen Bestenliste der NBA-Topscorer verdrängt und lag nun direkt hinter Kareem Abdul-Jabbar und Karl Malone. Was aber noch wichtiger war, war die Tatsache, dass er den Lakers zu fünf NBA-Titeln verholfen hatte, 18 Teilnahmen im All-Star-Team verzeichnen konnte und zwei olympische Goldmedaillen gewonnen hatte.
Doch an diesem Abend in Cleveland meinte er, dass er nicht wüsste, wie er es an die Spitze schaffen sollte, und so gab er sich selbst eine Antwort auf diese Frage, die er wahrscheinlich bereits die ganze Zeit über gekannt hatte. Er würde sich seinen Weg an die Spitze hart erarbeiten müssen. Das würde ihm auch gelingen und ihn zu einem der dominantesten Spieler machen, da er einfach härter arbeitete als alle anderen. Die Stationen seiner Karriere – bis heute unerreichte 20 Jahre bei einem einzigen NBA-Team – zeigen, dass Bryant, unnahbar und unnachgiebig, genial und voller Selbstvertrauen sowie eines der faszinierendsten Rätsel im amerikanischen Profibasketball ist. Er ist wahrscheinlich der am meisten getriebene Athlet in der Geschichte dieses Sports, jemand der sich über viele Saisonen hinweg unter Insidern dieses Sports einen Ruf für das minutiöse Studium von Gegnern und die intensive Vorbereitung aufbaute. Jemand, der jedes noch so kleine Detail genau analysierte. Im Gegenzug produzierte sein Leben Konflikte wie am Laufband – eine Nebenerscheinung seines Strebens, der Beste des Sports zu sein.
Abend für Abend, Tag für Tag, zwei Jahrzehnte lang, durch Verletzungstiefs und private Turbulenzen, durch zerbrochene Beziehungen – es gab keinen Preis, den er nicht zu zahlen bereit gewesen wäre, um der Größte zu sein.
Dabei wurde er zu dem, was man ihm immer wieder nachsagen würde: dem am meisten polarisierenden Spieler der NBA, unter Basketballfans gleichermaßen geliebt und verhasst. Schon als Kind begann sein Vater, der ehemalige NBA-Spieler Joe „Jellybean“ Bryant, ihm übermäßiges Selbstvertrauen einzuimpfen. Und das sollte auch zu seinem Markenzeichen werden.
Dieser undurchdringliche, unerschütterliche Glaube an sich selbst war die eine Eigenschaft, mit welcher Bryant all seine Zeitgenossen um ein Vielfaches überragte, sagt der Psychologe George Mumford, der ausgiebig mit Michael Jordan und Bryant zusammenarbeitete. „Das ist es, was ihn zu einer Klasse für sich macht.“ Der Grund dafür, dass dieses Selbstbewusstsein so unerschütterlich war, lag darin, dass Bryant nichts an sich heranließ, was es ankratzen hätte können, erklärt Mumford. „Er setzte sich nie mit Ansichten auseinander, die den seinen nicht entsprachen.“
Das half Bryant vor allem in seinen ersten Jahren in der NBA, Probleme zu bewältigen, half ihm durch seine Auseinandersetzungen mit Mitspielern und Trainern, durch die Vergewaltigungsvorwürfe 2003, durch die Probleme mit und die Entfremdung von seinen Eltern und später, als er sich immer wieder von schweren Verletzungen zurückkämpfte. Dieses Selbstvertrauen war auch die Basis für sein 81-Punkte-Spiel, seine unzähligen Würfe, die das Match zugunsten der Lakers entschieden, seine MVP-Auftritte und dass er nie ein schlechtes Gewissen gegenüber seinen Mitspielern hatte, auch wenn er wieder die meisten Würfe im Spiel verzeichnete. Es war auch der Grund, warum es sich Bryant während seiner Karriere zur Gewohnheit machte, auch mit Schmerzen zu spielen, die andere auf die Verletztenliste brachten, sagt Mumford. Dieses Selbstvertrauen war allerdings auch für ein anderes wichtiges Thema in seinem Leben verantwortlich, nämlich die Kluft zwischen ihm und seinem Teamkollegen Shaquille O’Neal, trotz der drei NBA-Meisterschaften, zu denen sie die Lakers gemeinsam von 2000 bis 2002 geführt hatten. Seine Beziehung zu dem hünenhaften Center beschrieb in vielerlei Hinsicht den Spannungsbogen seines von Ehrgeiz geprägten Weges; ein Weg, der Bryant immer wieder neue Konflikte bescherte und fast in jeder Phase seines Lebens präsent war.
„Showboat“ war O’Neals Spitzname für Bryant, als sich dieser als NBA-Neuling immer wieder mit Slam Dunks und seiner Sprungkraft in den Vordergrund schob.
Bryant hasste diesen Spitznamen zutiefst. Er fühlte sich damit zu jemandem degradiert, dem es an Ernsthaftigkeit und Kampfgeist fehlte, ein Vorwurf, der seinem Vater während dessen aktiver Zeit als Basketballprofi oft gemacht worden war. Andererseits steht dieser Spitzname auch für die ungeheure Liebe zu diesem Sport, die Bryant mit seinem Vater teilte und die Freude daran, Basketball zu einer Show zu machen.
„Das lag mir bereits als Kind im Blut, da mein Vater schon Basketball spielte“, erklärte Bryant. „Ich liebte Basketball. Zwar übte ich auch andere Sportarten aus, doch bei keiner hatte ich so viel Spaß wie beim Basketball.“ Als Kind verbrachte Kobe viele Stunden damit, seinem Vater dabei zuzusehen, wie dieser sein Können in der italienischen Liga, in der er nach dem frühzeitigen Ende seiner Profikarriere in Amerika spielte, zum Besten gab.
„Es war großartig zu sehen, wie die Zuseher auf seine Tricks und spielerischen Einlagen sowie seine Persönlichkeit reagierten, wenn er spielte“ erzählte mir Bryant. „Irgendwie wollte auch ich dieses Gefühl kennenlernen. Es war einfach cool, ihn spielen zu sehen. Er war eben Jellybean Bryant.“
Sam Rines, Bryants wichtigster Coach in der Amateur Athletic Union, sah die gleiche brennende Leidenschaft in Joes Teenager Sohn. „Er liebte Basketball, er atmete den Sport regelrecht“, sagt Rines. „Er war ein unglaublicher Showman, wenn es darum ging, das Publikum zu unterhalten.“ Das Alter Ego zu „Showboat“ ist die „Schwarze Mamba“ – ein Spitzname, den sich Bryant selbst gab, um der Kritik der Öffentlichkeit im Zuge der Anschuldigungen wegen sexueller Nötigung entgegenzutreten. Bryant bediente sich dieser tödlichen Schlange aus einem Quentin Tarantino Film, da sie seiner Meinung nach die perfekte Verkörperung seines vermeintlich grenzenlos ehrgeizigen Charakters darstellte.
Später beschrieb er diesen Prozess als das Akzeptieren „des Bösewichts“ als Teil einer äußerst ehrgeizigen Persönlichkeit. Als er in der HBO-Sendung Real Sports mit der Aussage seines früheren Teamkollegen Steve Nash konfrontiert wurde, in der dieser ihn als „verdammtes Arschloch“ bezeichnete, begann er herzlich zu lachen. Die Beschreibung traf es auf den Punkt, gab Bryant zu.
Trotz der Tatsache, dass er dieses Image einer schwierigen, ehrgeizigen Person pflegte, ging er es in der komplett durchwachsenen Saison 2015/16 ruhiger an. In diesem Jahr steckten die Lakers in einer spielerischen Krise und Kobe nutzte die Auswärtsspiele bereits als Abschiedstournee durch die Arenen der Liga. Doch gerade Bryants letztes NBA-Spiel im April 2016 zeigte wieder einmal, wie sehr er diesen Sport und seine Unterhaltungselemente liebte, indem er, der Erschöpfung nahe, noch einmal ein Ausrufezeichen in seiner Karriere setzte und Korb um Korb warf. So erzielte er allein 60 Punkte in diesem Spiel und führte seine Lakers nach einem Rückstand noch einmal zu einem grandiosen Sieg über die Utah Jazz. Oberflächlich betrachtet war dieses Spiel der bedeutungslose Abschluss einer für beide Mannschaften enttäuschenden Saison, in der beide Teams die Playoffs verpasst hatten. Doch die Enttäuschung über die Saison verwandelte sich in diesem Moment wie von Zauberhand in ein Freudenfest der Liebe, welche die Fans in Los Angeles für Bryant und seine Magie auf dem Parkett empfanden.
Lange Zeit war er der Mann in der Stadt gewesen, wenn es um Basketball ging. Mit seinem unglaublichen Können, von dem bereits viel verloren gegangen war, schaffte er es, das finale Kapitel mit einer bühnenreifen Vorstellung zu beenden, sich noch einmal als dieser einzigartige und überwältigende Entertainer in der Stadt, in der schauspielerisches Talent wohl am meisten geschätzt wird, zu präsentieren. Was nun folgt, ist mein Versuch, seine faszinierende Story, die in vielerlei Hinsicht vielleicht auch ein warnendes Beispiel ist, einzufangen.
Bryant, der 2016 zum Zeitpunkt des Erscheinens dieser Biografie erst 38 Jahre alt ist, hat wahrscheinlich eine erfolgreiche Zukunft nach seiner aktiven Zeit vor sich. Er ist der stolze Besitzer mehrerer Medienunternehmen in der Hoffnung, nach seiner Basketballkarriere eine Laufbahn als Autor oder Produzent einzuschlagen. Doch welchen Weg er auch immer in den kommenden Jahren gehen wird, sein Ehrgeiz, sein Mut sich wichtigen Momenten furchtlos zu stellen und die Verbissenheit, mit der er seine Ziele verfolgt, werden wahrscheinlich weiterhin ein Markenzeichen von ihm bleiben. So hoffe ich, dass er seine neuen Unternehmungen genauso beginnen kann wie damals den Abend in Charlotte, an dem er seinen ersten Korb in der Profiliga warf. Mit Abklatschen und diesen großen leuchtenden Augen, deren Blick in die Zukunft gerichtet war.
Roland Lazenby
August 2016
VORWORT
ONLY THE LONELY
Philadelphia
15. Juni 2001
Alle Zutaten seines Triumphes finden sich hier inmitten dieses klebrig süßen Sprühregens aus teurem Champagner. Es ist das Jahr 2001, in seinen Armen hält er die glitzernde Trophäe der National Basketball Association für den Gewinn der Meisterschaft. Ein Preis, den Kobe Bryant so liebt wie keinen anderen, die ultimative Belohnung für alle zwanghaft ehrgeizigen Athleten und Alphatiere, die sich zu diesem amerikanischen Profisport hingezogen fühlen. Über dem Teamlogo ziert der Schriftzug „Champions“ in gelbgoldenen Lettern die brandneue offizielle Los Angeles Lakers-Basketballkappe auf seinem Kopf.
Obwohl es Juni ist und er sich in einem vor Schweiß dampfenden Umkleideraum befindet, trägt er eine mehrfärbige Lederjacke – eine Spezialanfertigung mit Aufnähern jedes einzelnen der unzähligen Titel des L.A. Franchise – um damit zu zeigen, dass auch er sich nun, im zarten Alter von 22 Jahren, seinen Platz unter all den Größen dieses Teams erspielt hatte.
Er hat auch allen Grund, seinen Blick gen Himmel zu richten und zu lachen und diesen einzigartigen Moment zu genießen, den er an keinem anderen Ort als in Philadelphia, seiner Heimatstadt, erlebte. Bryant hatte den Lakers gerade zu einer 15-1 Siegesserie in den Playoffs verholfen und damit zum zweiten Mal hintereinander den NBA-Championship Titel nach L.A. geholt und das mit 4-1 Siegen in der Finalserie über die Philadelphia 76ers und seinen Erzfeind Allen Iverson.
Man bedenke, dass selbst die ehemalige – von Basketballfans geliebte und verehrte – Lakers-Legende Jerry West nur einen einzigen Titel in seiner 14jährigen Profikarriere holen konnte. Und nun stand ein junger Kobe Bryant bereits mit zwei Titeln hier. Mit Höchstgeschwindigkeit auf der Überholspur unterwegs, um seine Träume und Ziele zu erreichen, jeder große Erfolg nur ein vorbeirauschendes Straßenschild. Kobe wurde in einer Familie groß, die tief im Basketballsport verwurzelt war, in einer Familie, die sowohl ihn als auch die hohen Erwartungen an seinen bevorstehenden Erfolg nährte. Seine Mutter, Pam Cox Bryant, verehrte ihn von klein auf, genauso wie sie es schon Jahre zuvor bei ihren basketballspielenden Brüdern getan hatte. Wie eine enge Freundin der Familie einmal anmerkte, erinnerte sie Kobe Bryants Kindheit an eine alte Episode der TV-Serie The Twilight Zone – Unwahrscheinliche Geschichten, die von einem Kind handelte, das so sehr von seiner eigenen Familie verehrt wurde, dass sie jeden Tag seinen Geburtstag feierten. Doch es wurde kein verwöhntes und verhätscheltes Kind aus ihm wie in der Serie. Das Verhalten seiner Eltern hatte das genaue Gegenteil zur Folge und half ihm dabei, seinen Traum von klein auf zu verfolgen. Seit seinem ersten Erscheinen als Teenager auf öffentlicher Bühne im Jahre 1996 stand Bryant als intelligenter junger Mann in der Öffentlichkeit, höflich und formvollendet, allerdings mit einem Selbstvertrauen, das von einer anderen Welt zu stammen schien und eine beinahe abstoßende Wirkung auf viele hatte. Dieser unerschütterliche Glauben an sich selbst gründete sich teilweise auf die Bemühungen seines Vaters, Joe „Jellybean“ Bryant, das Selbstvertrauen seines Sohnes Schritt für Schritt aufzubauen – nachdem seine eigene, vielversprechende NBA-Karriere in den turbulenten 1970er Jahren vor seinen Augen zerbrochen war.
Seit seiner Jugend war Kobe Bryant ausgesprochen dreist, wenn er meinte, er würde einmal der beste Basketballspieler aller Zeiten werden. Jedes Mal begegnete man dieser Aussage mit Kopfschütteln und hochgezogenen Augenbrauen, denn solch ein Traum ist doch lächerlich und könnte niemals in Erfüllung gehen. Doch da ist er nun am Weg zu Ruhm und Reichtum, wie es einst seine Großmutter prophezeit hatte: nämlich, dass es zumindest ein Familienmitglied einmal dazu bringen werde.
Eigentlich sollte er von Freunden, Familie und Spielern seines alten HighschoolChampionshipTeams umringt sein. Kurz zuvor hatten seine Teamkollegen bei den Lakers die feuchtfröhlichen Feierlichkeiten damit begonnen, die hymnischen Textzeilen des Rappers DMX anzustimmen: „Y’all gon’ make me lose my mind, / Up in here, up in here, / Y’all gon’make me go all out, / Up in here, up in here.“ Diese Worte, die etwa so viel bedeuten wie „Ihr bringt mich alle um den Verstand hier drin, ihr bringt mich dazu, mich wie ein Narr zu benehmen“, sind die Versinnbildlichung von Bryants Leben. Doch anstatt groß mitzufeiern, hat er sich still und heimlich zurückgezogen. Er sitzt in einer sterilen Toilettenkabine des Umkleideraums. Das Gesicht in die Hände gestützt, sein Blick auf den Fliesenboden gerichtet, einfach ins Leere starrend. Er ist komplett verloren und allein, überwältigt und hin- und hergerissen von einer Welle an Emotionen, die sich in den Monaten zuvor aufgestaut hatte. Bereits in jungen Jahren bestand Bryants Existenz fast ausschließlich aus dem beinahe unmenschlichen Bestreben, es bis an die Spitze zu schaffen. Millionen von Schulkindern seiner Generation träumten davon, einmal so erfolgreich wie Michael Jordan zu werden, doch nur einer unter diesen Millionen Kindern hatte auch den eisernen Willen und die Motivation, so viel dafür zu tun wie Kobe Bryant. Schon als Teenager fiel er den Leuten bei Adidas auf und sie sagten ihm, dass sie ihn zum nächsten Michael Jordan machen würden. Das passte natürlich wunderbar zu seinen eigenen Plänen und innerhalb weniger Monate hatte er diese Rolle bereits perfekt einstudiert, obwohl er damals erst 17 war. Seine Verwandlung war unglaublich, erinnert sich Sonny Vaccaro, damals Sportmarketing Manager bei Adidas und Königsmacher in der Basketballindustrie.
Doch jetzt, in diesem Moment des großen Triumphs, bestätigte Bryants Gesicht, dass es keinen Preis gibt, den er nicht bereit war zu zahlen, kein Opfer, das er nicht bereit war zu bringen, um der Größte zu werden, der Spieler, der das Spiel dominiert. Erst kurz zuvor hatte er seine Familie diesem Ziel geopfert. Eine Familie, die weithin als Modell für Erfolg und Zusammenhalt bewundert wurde und vor deren Scherben er nun als Resultat seines unbeirrbaren Wunsches steht. Bald darauf würde er sich seines Agenten entledigen, seines Sportschuhausstatters und in naher Zukunft auch seines Trainers, Phil Jackson und seines Co-Stars Shaquille O’Neal. Doch jetzt waren es einmal seine Mutter und sein Vater sowie seine beiden Schwestern, die er ohne Vorwarnung und mit beinahe chirurgischer Präzision aus seinem Leben verbannte. Familienmitglieder erzählten Bekannten von gesperrten Kreditkarten, Autos, die ihnen wieder abgenommen wurden, Jobs die plötzlich gestrichen wurden, von unbeantworteten Anrufen, einer geräumten Familienresidenz und abgebrochenen Beziehungen.
„Es ist eine Tragödie, was da passiert ist“, meint Gary Charles, ein New York AAU-Coach und Freund der Familie. Eine Meinung, die auch von anderen Freunden und Bekannten der Familie immer wieder geäußert wurde. „Nach jedem AAU-Spiel war Kobe sofort zu seinem Vater gelaufen, hatte ihn umarmt und gefragt: ‚Hast du gesehen, was ich da gemacht habe?‘ und Joe antwortete, ‚Ja, klar hab ich das gesehen.‘ In der ganzen Zeit, die ich mit ihnen damals verbrachte, gab es nie einen Moment, in dem er seinen Vater nicht respektierte.“
Doch der riesige Erfolg, der über ihn hereinbrach, der Wunsch nach noch mehr und die unglaublichen Summen an Geld in Bryants Leben als Profibasketballer hatten irgendwie einen Keil in die Familie getrieben, einen Keil, der jeden, der sie näher kannte, überraschte.
In jener Nacht im Spectrum, Philadelphias Basketballarena, ist Chubby Cox, sein Onkel mütterlicherseits, sein einziges engeres Familienmitglied in der Arena. Als Cox und seine Frau abseits der Party und der Medien den jungen Lakers-Star treffen, bricht schließlich alles aus Bryant hervor. „Joe Bryant erzählte mir von dieser Nacht“, erinnert sich Gary Charles. „Als Kobes Onkel und Tante sich mit ihm trafen, umarmte er die beide und brach in Tränen aus. Er weinte und weinte.“
Dieses leise Schluchzen und der Schmerz auf seinem Gesicht an diesem Abend zeigten, wie tief der Verlust seiner Familie und seine Entfremdung von ihnen bei ihm saß. Trotzdem hatte es der entschlossene und willensstarke Jungstar für unumgänglich gehalten, seinen Pfad ohne seine Liebsten weiterzugehen. „Es ist hart, ein Star zu sein“, sagt Mo Howard, ein alter Freund der Bryants. „Es ist traurig, richtig traurig“, meint Anthony Gilbert, ein weiterer Freund aus Philadelphia, der Bryants Leben und Karriere genau verfolgte. „Es ist wie F. Scott Fitzgerald einst sagte: Hinter jedem strahlenden Helden verbirgt sich eine Tragödie.“
Teil 1
JELLYBEAN
„Ich hatte immer das Gefühl, dass ihn niemand ernst nahm, dass alle immer dachten, Joe Bryant wäre einfach der Spaßvogel.“
— Paul Westhead
Kapitel 1
DIE FESTNAHME
Philadelphia
5. Mai 1976
Der weiße Sportwagen fuhr langsam, beinahe lautlos, auf die Beamten im Polizeiwagen zu. Diese schienen es auch nicht besonders eilig zu haben und lauschten den Meldungen im Polizeisprechfunk, während sie langsam dahinrollten. Als der Sportwagen an ihnen vorüberfuhr, sahen sie einen großen farbigen Mann über das Lenkrad gebeugt.
Es war Anfang Mai 1976 im Fairmount Park und der Mann im Wagen war Joe Bryant, ein 21jähriger Rookie bei den Philadelphia 76ers. Bekannt als der lebenslustige Jellybean war er eine Art Held in der lokalen Basketballszene. Angeblich ging Joes Spitzname auf seine leichtfüßige Art Basketball zu spielen zurück.
„Ich glaube, die Jungs in Südphiladelphia nannten ihn Jelly“, erinnert sich Howard. „Sie nannten ihn so aufgrund seiner geschmeidigen, beweglichen Art zu spielen. Er bewegte sich ein wenig wie ein Wackelpudding.“
Andererseits naschte Bryant auch gerne diese süßen Geleebohnen. „Das war Sein’s, Jelly Beans“, lacht Howard. „Damals gab es diese Geleebohnen nur zu Ostern. Doch Joe hatte immer welche dabei.“ Später würden dann einige Leute behaupten, dass er diesen Spitznamen bekam, als ihn einige Fans an der Seitenlinie während eines Spiels mit Jelly Beans versorgten.
Aber egal woher der Name kam, er passte zu Bryants Stil. Jellybean war ein umgänglicher Mensch mit einem breiten Zahnlückengrinsen. Ein Gesicht, das man sofort mochte, wenn man es sah.
„Das war schon immer so“, erinnerte sich Mo Howard. „Er hatte immer ein Lächeln im Gesicht, war immer gut drauf und zu einem Späßchen aufgelegt.“ Und sein Herz war ebenso groß wie sein Lächeln. Jahre später erinnerte sich ein ehemaliger Schulkollege an Joe Bryant als jemanden, der einem kleinen jüdischen Jungen zu Hilfe kam, als dieser von ein paar Rabauken bedrängt wurde. Im Nachhinein betrachtet erklärt diese Unbekümmertheit vielleicht auch warum Jellybean Bryant in dieser lauen Nacht Anfang Mai 1976 das Schicksal herausforderte.
Zu Bryants Verteidigung könnte man sagen, dass er einen emotional schwierigen Tag gehabt hatte, der mit dem Begräbnis der Mutter seines engen Freundes Gilbert Saunders begonnen hatte. Für Joe Bryant war sie wie eine zweite Mutter gewesen. Als Kind verbrachte er viel Zeit im Haus der Saunders Familie. Er liebte es bei ihr am Tisch zu sitzen und ihre üppigen Mahlzeiten zu essen. Joes Familie hatte nur sehr wenig Geld und es war meist Frau Saunders, die ihm immer wieder einmal ein paar Schuhe oder eine Jacke zusteckte, wenn er neue Sachen benötigte. Nach besagtem Begräbnis fuhr Bryant an diesem Tag zur Wohnung der Familie Saunders und zog den Gehaltsscheck hervor, den er von den 76ers erhalten hatte, um zu zeigen, wie weit er es gebracht hatte. „Verdammt noch mal“, staunte Mr. Saunders und traute seinen Augen nicht. Bryant hatte einen Rookievertrag über fast eine Million Dollar mit dem Team abgeschlossen – eine beinahe unvorstellbare Summe zu dieser Zeit. Gilbert Saunders – der zu dieser Zeit Basketball für Cheyney State spielte – hatte den Eindruck, dass Bryant den Scheck herzeigte, um der Familie eine Freude zu bereiten. „Er war Teil meiner Familie, er war immer willkommen bei uns. Es war seine Art, meinem Vater zu zeigen: Das ist es, was ich jetzt mache.“
Die Ereignisse und die damit einhergehenden Emotionen dieses Tages helfen vielleicht zu erklären, warum es Jellybean in den mitternächtlichen Fairmount Park verschlagen hatte und er das Schicksal herausforderte. Schließlich war eines der Rücklichter an seinem Wagen ausgefallen und er besaß keinen Führerschein, nur einen längst abgelaufenen Lernführerschein. Er hatte erst im vergangenen Herbst damit begonnen, Fahrunterricht zu nehmen, nachdem er seinen Rookievertrag bei den 76ers unterschrieben und sich zwei nagelneue Datsun 280 Z – einen für seine Frau Pam und einen für sich selbst – gekauft hatte. Bryant war in Südwest Philadelphia aufgewachsen, in einer Gegend, von der er gerne sagte, sie wäre das „Ghetto“, eine eigene kleine Welt, in der sich lokale Gangs an jeder Straßenecke bekriegten. Und da war er nun, der stolze Besitzer eines Datsun Z, einer Straßenrakete, jemand der noch nie zuvor ein Auto besessen hatte. Ausgestattet mit etwa 170 PS bei nur 1.300 kg konnten diese Zweisitzer mit Einspritzmotor jeden der hinter dem Steuer saß gleichzeitig in einen Geschwindigkeitsrausch und in Angst versetzen, speziell jemanden wie Jellybean, der kaum Fahrpraxis besaß.
Dazu kommt, dass Bryant sich in dieser Nacht wohl nicht nur von der Geschwindigkeit berauschen ließ – das lassen zumindest die beiden Ampullen mit Kokain und der stilvolle Dosierlöffel, die bei ihm im Wagen gefunden wurden, vermuten. Was das Ganze noch komplizierter machte, war, dass er zusammen mit Linda Salter, seiner Ex-Freundin und Schwester eines Teamkollegen seiner alten Schule, der John Bartram High, unterwegs war, während seine junge Frau und seine ein Monat alte Tochter in ihrem brandneuen Haus in einem von Philadelphias reicheren Vororten auf ihn warteten. Gleich zu Beginn der Ehe hatte seine Frau Pam das Kommando übernommen. Sie war von beeindruckender Schönheit, hatte aber auch eine recht unbarmherzige Seite. So bemerkten gute Freunde oft, dass, immer wenn eine Entscheidung getroffen werden musste, Bryant beinahe unterwürfig zu seiner Frau hinüberblickte. Selbst Familienmitglieder erzählten schmunzelnd, dass Jelly allein beim Gedanken daran, Pam zu verärgern, in Panik geriet. Und nun war er gerade dabei, sie so richtig zu verärgern und dabei in flagranti erwischt zu werden. Ganz egal in welcher Stimmung Bryant in dieser Nacht war, alles stürzte zusammen wie ein Kartenhaus, als er die blinkenden Polizeilichter, die ihm galten, bemerkte. Man kann verstehen, dass er in diesem Moment eine Reihe an Schwierigkeiten auf sich zukommen sah, nicht zuletzt, da er – ein Farbiger – am Steuer eines teuren Wagens saß und das spätnachts in einer von Bandenkriminalität und heftigen Rassenproblemen gebeutelten Stadt. Einige Monate zuvor war von seiner Vertragsunterzeichnung mit den 76ers als Schlagzeile in der Philadelphia Tribune zu lesen gewesen, gleich neben einem Artikel, der darüber berichtete, dass bereits mehrere Dutzend Afroamerikaner in den Monaten davor von der Polizei angeschossen oder erschossen worden waren. In den drei Jahren zuvor hatte die Polizei von Philadelphia 73 Personen erschossen und 193 weitere verwundet. Zu dieser Zeit war es für Polizeibeamte zur Routine geworden „Warnschüsse“ auf fliehende Verdächtige abzugeben. Während der vorangegangenen zwölf Monate waren fünf Polizeibeamte in Philadelphia ums Leben gekommen, unter anderem einer, der von einem 15-Jährigen vom Dach eines Sozialbaus aus kaltblütig erschossen worden war. Bei der Befragung meinte der Täter lapidar: „Ich wollte einfach einen Cop umlegen.“ Bryant brauchte keinen Zeitungsartikel, um zu wissen, wie es in der Stadt zuging. Kein farbiger Einwohner in der Stadt brauchte das.
Vielleicht war es wirklich nur eine einfache Routinekontrolle wegen eines kaputten Rücklichts, so wie es die Beamten später zu Protokoll gaben, doch der Gesamtkontext mutet doch merkwürdig an. Und es wurde noch merkwürdiger. Das wurde den Beamten spätestens dann bewusst, als sich der gut 2,10 m große Jellybean aus dem Fahrzeug schälte. Bryant versuchte ruhig zu bleiben, als ihm die Polizisten mit ihrer Taschenlampe ins Gesicht leuchteten. Er nannte sofort seinen Namen und entschied sich, dass es wohl das Beste wäre, den Polizisten gleich zu sagen, dass er keinen Führerschein besaß, um sich so eine Durchsuchung seines Wagens zu ersparen. Er gab ihnen seine Zulassung, doch die Beamten waren ob seiner Aussage keinen Führerschein zu besitzen verwirrt. Aus irgendeinem Grund geriet Joe Bryant immer mehr in Panik. Vielleicht war es die Angst vor seiner Frau, wenn sie das alles herausfinden würde, wie einige Leute später behaupteten. Vielleicht war es aber auch nur Angst vor der Polizei.
Was dann passierte, brachte nicht nur die Polizisten zum Staunen, sondern ganz Philadelphia einschließlich der damals noch sehr abgekapselten Szene der National Basketball Association der 1970er. Bryant drehte sich um und stieg in den Wagen. Zu diesem Zeitpunkt dachten die Beamten noch, dass er vielleicht doch seinen Führerschein aus dem Handschuhfach holen würde. Doch stattdessen startete er den Motor, legte den ersten Gang ein und brauste in seinem Z davon, sodass nur mehr der aufgewirbelte Staub und die ungläubigen Gesichter der Polizisten im Scheinwerferlicht zurückblieben.
Es dauerte einen Moment, bevor die Beamten realisierten, was da gerade passiert war und dass Joe Bryant gerade die Flucht ergriffen hatte. Kaum hatten sie sich gefasst, sprangen sie in ihren Wagen und nahmen die Verfolgung auf, während sie eine Fahndungsmeldung über Funk durchgaben. Schnell wurde ihnen bewusst, dass es zu gefährlich wäre, sich eine Verfolgungsjagd mit dem Sportwagen zu liefern. Joe Bryant war davongebraust und fuhr wie ein Verrückter mit gut über 160 Sachen nach Schätzung der Polizisten. Im Nu hatte er den Park verlassen und flog nun im Blindflug die Straßen Philadelphias hinunter. Ohne Licht.
Erst zwölf Minuten später wurde Bryant von einer anderen Streife gesichtet. Der Polizeibeamte Raymond Dunne schrieb in seinem Bericht, dass er gerade in westlicher Richtung auf der Cedar Avenue unterwegs war, als er im Rückspiegel einen sich schnell nähernden Sportwagen ohne Licht entdeckte. Der Fahrer hätte den Polizeiwagen wild angehupt, damit ihn dieser überholen ließ.
Was für eine Szene. Da war Jellybean Bryant auf dem Highway Richtung Hölle unterwegs und versuchte sogar noch zu überholen. Im letzten Augenblick scherte er aus und vermied eine Kollision mit dem Polizeifahrzeug. Dunne nahm sofort die Verfolgung auf, musste jedoch aufgeben, als die Geschwindigkeit gefährliche Ausmaße annahm. Später gab Dunne zu Protokoll, dass er Angst gehabt hatte, die Kontrolle über seinen Streifenwagen zu verlieren, wenn er Jellybean weiter verfolgt hätte. Nur wenige Minuten später bretterte Bryant in eine verkehrsreiche Kreuzung an der Baltimore Avenue, die von einem Fahrzeug blockiert wurde. Als Bryant versuchte dem stehenden Fahrzeug auszuweichen, verlor er die letzte Kontrolle, die er noch über seinen Wagen besaß. Zuerst fuhr der Z gegen ein Stoppschild, dann schlitterte er über die Farragut Street und nahm dabei ein Parkverbotsschild mit, bevor er wie ein Pingpongball die Straße hinunter von einer Seite zur anderen gegen parkende Autos prallte und danach wieder zurück auf die Fahrbahn und zu guter Letzt über den Bordstein sprang und gegen eine Mauer knallte.
Das hinterlassene Chaos erinnerte an einen kleinen Tornado. Bryant und seine Ex-Freundin saßen derweilen benommen in seinem komplett zerbeulten Wagen. Das war wohl auch der Zeitpunkt, an dem ihm bewusst wurde, dass er komplett vergessen hatte, das Kokain während seiner Flucht loszuwerden, welches die Polizei bei der darauffolgenden Durchsuchung des Wracks finden würde. Es war auch der Punkt, an dem Bryant seine letzte schlechte Entscheidung in dieser Nacht traf und einfach davonlief.
Dankenswerterweise gaben die Polizisten diesmal nicht den sprichwörtlichen „Warnschuss“ auf den fliehenden Jellybean ab. Abgesehen davon, dass er ein ausgezeichneter Basketballspieler war, war Bryant in der Highschool auch ein Star auf der Laufbahn. Trotzdem schaffte es einer der Beamten, Robert Lombardi, ihn nach ein paar Metern einzuholen. Als er ihn stellte, drehte sich Bryant um, bereit zuzuschlagen. „Er hob seine Faust, doch ich überwältigte ihn und legte ihm Handschellen an”, erinnerte sich Lombardi an den Vorfall. Dabei erlitt Bryant eine Platzwunde am Kopf, die mit sechs Stichen genäht werden musste. Jahrzehnte später erinnerte sich Gene Shue, Bryants damaliger Coach bei den Sixers, dass die Polizisten Bryant nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst hatten. Nun hieß es für Joe Handschellen, Gefängnis und die fürchterliche Angst davor, seiner Frau gegenübertreten zu müssen.
In weniger als einer halben Stunde hatte sich das ganze Glück des jungen Joe Bryant in eine Welt aus Scherben verwandelt. Andererseits hatte es viele andere in Philadelphia gegeben, die für weit geringere Vergehen in der Leichenhalle gelandet waren. In dieser qualvollen Nacht in der Zelle hatte Jellybean eine kleine Offenbarung. Jahre zuvor hatte seine Großmutter prophezeit, dass es irgendwer in der Familie einmal zu großem Ruhm und Reichtum bringen würde. In dieser Nacht im Mai 1976 wurde Bryant zum ersten Mal klar, dass er wohl nicht diese Person aus der Prophezeiung sein würde.
Kapitel 2
VATERSCHAFT
Während seiner gesamten Jugend war Joe Bryants Basketballkarriere auch eine Art strahlendes Vehikel in seinem Leben. Eines, das ihn an Orte brachte, die vielen anderen Farbigen verwehrt blieben. Jellybeans Spiel unterschied sich von dem der anderen. Er hatte einen ganz eigenen Stil, der sich bereits während seiner Kindheit zeigte, in der er viel Zeit bei seiner Großmutter in West Philadelphia, gleich neben einem öffentlichen Basketballcourt verbrachte. Sie ließ ihn jeden Tag draußen spielen, außer sonntags, wo sie ihn schon so früh aus dem Bett warf, damit sie beide Punkt sechs Uhr früh die Wohnung in Richtung der New Bethlehem Baptisten Kirche verlassen konnten, wo sie dann den Rest des Tages verbrachten.
Als er beinahe erwachsen war, zogen Bryant und seine Familie nach Südwest Philadelphia in ein heruntergekommenes Reihenhaus in der Willows Avenue, nicht weit vom Kingsessing Spielplatz, der sein neues Basketballzentrum wurde. Willows war ein hartes Pflaster, so wie viele Straßen in Südwest Philly. Doch sie war gesäumt von Bäumen, unter denen Jellybeans Vater, Big Joe, gelegentlich auf der Veranda saß und die Welt anlächelte. Und meistens lächelte die Welt auch zurück. Big Joe war groß und kräftig gebaut und viele Menschen in Philadelphia respektierten ihn aufgrund seiner Größe, Freundlichkeit und der Liebe zu seinem Sohn.
Dass er ein solches Ansehen in der Gemeinde besaß, war schon etwas Besonderes für einen Mann, der trotz äußerst widriger finanzieller Umstände drei Kinder großgezogen hatte. Noch Jahrzehnte später erinnerten sich Menschen aus den verschiedensten sozialen Schichten an Big Joe, oder Papa Bryant, wie ihn die Kinder aus der Umgebung nannten. Seinem Sohn beim Spielen zuzusehen, schien das Geheimnis hinter Big Joes Frohnatur zu sein. Er hatte große, kräftige Hände und ein rundes freundliches Gesicht, das fast immer lächelte. Doch seine Vorstellung von Disziplin war dann schon mehr von alttestamentarischer Natur. Einmal erzählte er Julius Thompson, einem Sportjournalisten aus Philadelphia, dass er seinen jugendlichen Sohn oft davor gewarnt hätte, „Tageslicht mit heimzubringen“, wenn dieser abends ausging. Anders gesagt, er sollte nicht zu lange ausbleiben und vor dem Morgengrauen heimkommen. Big Joe war eine imposante Erscheinung und fest entschlossen auf seinen Sohn aufzupassen. „Papa Bryant war immer dort, wo Joe war“, erinnert sich Vontez Simpson, ein Freund der Familie.
Als Big Joe älter wurde und sein Gewicht und Diabetes ihm gesundheitlich zu schaffen machten, nahm er sich einen Stock zum Gehen. Und selbst in dieser Zeit erfüllte ihn das Spiel seines Sohnes und danach das seines Enkels Kobe mit Energie. Wie gerne er die beiden spielen sah, war daran zu erkennen, dass er noch Jahre später, als sein Leben fast vollkommen von seiner Diabeteskrankheit bestimmt wurde, mit seinem Sauerstofftank im Schlepptau die Spiele seines Enkels besuchte.
Aus Georgia
Jellybeans Vater hätte wahrscheinlich viele traurige Geschichten erzählen können, doch er verschwendete selten Zeit damit, über die Vergangenheit zu sprechen. Er kam als Teil der großen Migrationswelle von Afroamerikanern, die aus dem Süden der USA in den Norden zogen, genauer gesagt aus dem sogenannten „Black Belt“1 im Bundesstaat Georgia, der sich entlang des Highway 41 durch den ganzen Bundesstaat zog.
Philadelphia war ein beliebtes Ziel. Vor allem Südwest Philly das aus ehemaligen Farmen, Landhäusern und botanischen Gärten im 19. Jahrhundert entstanden war, wurde zum Anziehungspunkt – erst für Migranten aus Europa, dann für Afroamerikaner, die Arbeit suchten. Um 1900 bestand die Bevölkerung der Stadt der brüderlichen Liebe, wie Philadelphia auch genannt wird, weitgehend aus Kaukasiern, doch das begann sich in den 1920ern, 30ern und 40ern rasch zu ändern, als Millionen von Schwarzen Richtung Norden zogen. Tagtäglich kamen Afroamerikaner in Zügen aus dem Süden in die Stadt, erzählt Julius Thompson, einer der ersten farbigen Sportjournalisten, die bei einer der großen Tageszeitungen an der Ostküste anheuerten. Nachdem es mit der Landwirtschaft in den 1930ern bergab gegangen war, packten viele Afroamerikaner ihr bisschen Hab und Gut zusammen und machten sich auf den Weg in die Städte des Nordens, um Arbeit zu finden und ein neues Leben zu beginnen. Diese Abwanderung wurde vor allem durch den Preisverfall landwirtschaftlicher Güter während der Depression begünstigt, die dem System des Pächterwesens ein jähes Ende setzte. Die Landwirtschaft war oft die einzige Möglichkeit für Afroamerikaner ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, in einem Land, in dem ihnen der Zugang zu Bildung lange verwehrt geblieben war.
Dazu kam die jahrzehntelange Gewalt weißer Lynchmobs gegenüber Farbigen, die die Migration beschleunigte. Brutale Vorfälle, die oft detailreich von den Tageszeitungen im Süden der USA beschrieben wurden. Mit dem Versprechen auf Arbeit während der Kriegsjahre in den Docks von Philadelphia und anderen Städten an der Ostküste in den 1940ern wurde die Verlockung in den Norden zu ziehen noch größer. Nach dem Krieg, als sich die Wirtschaft wieder komplett erholt hatte, wuchs die Zahl der Jobs sogar noch weiter.
In Georgia hatte Big Joe Bryant zusammen mit seinem Vater – der erste in einer Reihe von drei Joe Bryants – in der Landwirtschaft gearbeitet. Sechzig Stunden in der Woche für ein paar Cents am Tag. Alte Zensusaufzeichnungen belegen, dass Big Joes Großvater in den 1840ern in die Sklaverei geboren worden war und, so wie sein Sohn nach ihm, sein Leben auf den brutalen, gnadenlosen Feldern des Südens verbrachte. So wie viele andere war Big Joe Bryant ein Migrant, als er als junger Mann in Philadelphia ankam. Nachdem Big Joe den Umstieg vom Land- zum Stadtleben gewagt hatte, gründete er eine Familie. Zusammen mit seiner Frau hatte er drei Kinder, die er verehrte – vor allem seinen Ältesten, der seinen Namen trug.
Jellybean war schrecklich mager, doch aufgrund seiner Größe ließen ihn die älteren Jugendlichen, die die meisten Plätze für sich beanspruchten, bei ihnen mitspielen. Dafür war er immer dankbar. Wegen seiner schwächeren Statur lernte er an der Drei-PunkteLinie zu spielen. Diese Stunden mit den älteren Burschen auf den öffentlichen Basketballplätzen gaben ihm eine Identität. Er begann sich als Basketballer zu fühlen. Jahre später würde es seinem Sohn Kobe ähnlich ergehen. Ein Geschenk, welches die beiden miteinander teilten – ihre Liebe zum Basketball schon in frühester Jugend zu erkennen. „Er liebte das Spiel. Er spielte, damit er dieses Gefühl spüren konnte“, sagt Julius Thompson über Jellybean, obwohl er dasselbe über Kobe hätte sagen können.
Eines von Jellybeans frühen Idolen war Earl „the Pearl“ Monroe, der in den Sechzigern an der John Bartram High gespielt hatte. Monroe hatte seine eigene Art der Ballbehandlung und spielte unglaublich, als er Bartram 1963 zum Titel in der Philly Public League führte, vor den staunenden Augen des damals neun Jahre alten Joe Bryant. Es dauerte nicht lange, bis Earl Monroe auf die Winston-Salem State ging und danach bei den alten Baltimore Bullets und schließlich den New York Knicks landete. Für den jungen Joe Bryant und viele andere in den Generationen danach war Monroe ein leuchtender Stern am Basketballhimmel. So wie die Stars der 76ers aus der Saison 1966/67, als sie den NBA-Titel gewannen und Joe Bryant gerade einmal zwölf war – Spieler wie Wali Jones, Chet Walker, Hal Greer, Luke Jackson und Wilt „the Stilt“ Chamberlain. Kurz danach wurde Joe ein Fan von Kenny Durrett, dem Star an der La Salle University.
Joe war fasziniert von Durretts auffälligem Spielstil und verbrachte Stunden damit, den Ball zwischen seinen Beinen und hinter seinem Rücken hin und her zu dribbeln und blinde Pässe zu spielen. Alles Dinge, die kein großgewachsener Spieler damals auch nur ansatzweise ausprobiert hätte. Schon bald erkannten die Leute, dass es nichts gab, was JB – wie man ihn an der Shaw Junior High und dann später an der Bartram nannte – nicht mit einem Basketball tun konnte. Er hatte bereits ein natürliches Flair, ein spezielles Gefühl für die Showelemente dieses Sports, die nur wenige beherrschten – eine Mixtur aus Earl the Pearl, Bob Cousy, den Harlem Globetrotters und „Pistol“ Pete Maravich. Wo auch immer JB spielte, wurde er bestaunt. So große Typen wie er hatten normalerweise nicht diese Ballbehandlung.
Ärger an jeder Straßenecke
Als Jelly in die neunte Klasse kam, war er bereits knapp über zwei Meter groß. Dementsprechend lange waren auch seine Schritte, wenn er lief. Musste er irgendwo hingehen, begann er einfach zu joggen, um schneller dort zu sein. Das war eine Eigenschaft, die ihn besonders bei den Laufathletiktrainern der Stadt beliebt machte, aber auch bei den Talentsuchern im Basketball.
Oberflächlich betrachtet mag es so erscheinen, als ob Basketball im Philadelphia der späten 60er und frühen 70er Jahre eine schöne, nostalgische Geschichte gewesen wäre, hätte es da nicht ein großes Problem gegeben. Die Stadt war damals in einem dunklen Loch gefangen, in dem Straßenbanden an jeder Ecke lauerten und jungen Burschen, die dort aufwuchsen, Schwierigkeiten bereiteten. Die Philadelphia Daily News würde später einmal berichten, dass sich die Stadt im Würgegriff von 106 verschiedenen Gangs befand, jede davon mit ihrem eigenen Territorium und Mitgliedern die oft mit selbstgebauten, improvisierten Schusswaffen herumliefen. Die Territorialkämpfe unter den Banden, die sich sogar bis auf die Schulhöfe der Stadt erstreckten, forderten das Leben vieler junger Männer. Wie fest die Gangs Philadelphias Jugendliche im Griff hatten, zeigte sich daran, dass man es oft nur bis zur Schule schaffte – beziehungsweise man den Schultag überlebte – wenn man Mitglied in einer der örtlichen Gangs war. Nur in der Masse war man stark, allein blieb man auf der Strecke.
Allein im Jahr 1969, Joe Bryants erstem Jahr an der Bartram High, wurden 45 Morde im Zusammenhang mit Bandenkriminalität gezählt. Die Spannungen waren an allen Highschools der Stadt zu bemerken. So begannen Gangs bereits Burschen im Volksschulalter für sich zu rekrutieren. Doch irgendwie hatte Jellybean Bryant Glück. „Wenn du kein Sportler warst, dann warst du in Schwierigkeiten“, sagt Julius Thompson. „Diejenigen, die es schafften, hatten großen Rückhalt zu Hause.“
„Wenn ich so zurückblicke“, erinnert sich Gilbert Saunders, „ging es um Orientierung. Wie viele andere Kinder irrte auch Joe orientierungslos herum. Da brauchte es dann schon das sprichwörtliche Dorf, um Joe Bryant großzuziehen.“ Basketball war dieses „Dorf“ oder, besser gesagt, die Kraft, die alles zusammenhielt. Zusätzlich zu Big Joe, der immer ein Auge auf seinen Sohn hatte, dem Wohlwollen von Saunders’ Eltern und den Trainern and der Schule, war die Philadelphia Legende Sonny Hill und dessen BasketballLigen wohl der größte Faktor in Bryants Leben. Hill war so gut wie immer da, wenn es kritisch wurde und half Dinge, die schief gelaufen waren, wieder geradezubiegen.
Eine ähnliche Rolle spielte er im Leben vieler junger Spieler aus Philadelphia. Wie Gilbert Saunders schon sagte: „Sonny Hill hat mir buchstäblich das Leben gerettet. Und das Leben vieler anderer.“
Ein kleiner, drahtiger Guard, der in der alten Eastern League gespielt hatte, als die NBA aus nur zehn Teams und einer Handvoll Farbiger bestand, machte Sonny Hill Karriere als populärer Sportreporter sowie als Gewerkschaftsboss und Gemeinschaftsaktivist. Hill war selbst auf den Straßen Philadelphias aufgewachsen und wusste genau, welche Herausforderungen auf junge Spieler zukamen, sowohl in ihrem Leben als auch im Sport. Anfang der 1960er Jahre gründete Hill die Baker League, eine Sommerliga für Profis. Bald schon erreichte dieses Turnier einen hohen Bekanntheitsgrad, nachdem es Bill Bradley, der bei den New York Knicks unter Vertrag stand und sich ein Jahr Auszeit genommen hatte, geholfen hatte, sein Spiel wieder zu verbessern. Die Baker League Spiele im Sommer waren oft viel besser als die regulären Saisonspiele in der NBA damals, erklärt Dick Weiss, der lange Zeit als Basketballjournalist in Philadelphia tätig war. Es dauerte nicht lange, bis andere Spitzenspieler wie Wilt Chamberlain und Walt Frazier auf Hills Liga aufmerksam wurden und diesen Bewerb zum wichtigsten Sommerturnier machten, bevor die NBA ihre eigenen offiziellen Sommerligen einführte. Der Erfolg der Baker League spornte Hill an, 1968 ein weiteres Programm zu starten, dem Jahr in dem Joe Bryant die achte Klasse abgeschlossen hatte. Die Sonny Hill League bot einen strukturierten Spielplan für die besten Highschoolspieler der Region. Sie sollte das Markenzeichen von Hills Einfluss werden.
Die Spiele dieser Amateurliga fanden im Vorprogramm zu den Spielen der Baker League statt. „Die Hallen waren zum Bersten voll“, erinnert sich Weiss. „Die Spiele wurden zum Treffpunkt der afroamerikanischen Gemeinde.“
„Wir reden hier davon, junge Menschen zu inspirieren, ihnen eine Chance zu geben vor einem Baker League Spiel aufzutreten“, erinnert sich Howard. „Da waren Massen an Zusehern anwesend, das wusste man ja. Das war immer so.“ Da die Highschoolspieler vor den Profis spielten, brauchte es auch nicht lange, bis sich freundschaftliche Beziehungen ergaben. „Dort kamen wir an sie ran, konnten direkt mit ihnen sprechen. Oft auch kamen sie von selbst zu uns rüber und gaben uns Tipps. Es war einfach unglaublich“, so Howard. Zur damaligen Zeit gab es mehrere Ligen für die Topspieler der Highschools der Gegend. Vor Gründung der Hill League war die Narberth League, eine Vorstadtliga, die draußen auf den Basketballplätzen der Vororte Philadelphias spielte, die beste. Doch was die Hill League von allen anderen Amateurligen unterschied, war, dass sie eine Stadtliga war und die Spiele in einer Halle ausgetragen wurden.
„Nach einiger Zeit wurde die Sonny Hill League die Eliteliga“, erzählt Julius Thompson. Die Hill League und die Baker League erfüllten den Basketballsport in Philadelphia mit Stolz und das in einer schwierigen Zeit, speziell in den Jahren, in denen Frank Rizzo Polizeipräsident war und dann später auch Bürgermeister von Philadelphia“, erklärt Weiss. „Damals gab es große Spannungen zwischen Schwarzen und Weißen. Doch Basketball schien der einzige Sport zu sein, der die beiden Seiten friedlich zusammenbrachte.“ Hill gründete die Sonny Hill League teilweise auch aus dem Grund, den Straßengangs, die das Leben in Philly bestimmten, entgegenzuwirken. Mit so vielen Gangs, die permanent auf die Verteidigung ihres Territoriums bedacht waren, war es schwierig für junge Burschen mit öffentlichen Verkehrsmitteln von einem Viertel ins nächste zu kommen. Wenn sie es versuchten, kamen sie oft schnell in Konflikt mit den Banden und wurden gewaltsam vertrieben. Wenn ein Spieler jedoch eine dieser auffälligen Sporttaschen der Sonny Hill League trug, ließen ihn die Bandenmitglieder meist unbehelligt passieren. Hill hatte klugerweise das Trainerteam und das erwachsene Personal seiner Liga mit mehreren Bewährungshelfern und Personen aus der öffentlichen Sicherheit besetzt und so mussten die Gangs schnell einsehen, dass es keine gute Idee war, sich mit Spielern aus der Hill League anzulegen.
Dazu kam, dass die Sonny Hill League viel Wert auf Disziplin legte. „Es gab keine Diskussionen mit den Schiedsrichtern, keine Wutausbrüche oder Ähnliches“, erinnert sich Gilbert Saunders, der selbst in der Hill League spielte. „Es war ihnen egal, wie talentiert du warst. Man wurde immer für sein Verhalten und seine schulische Leistung zur Verantwortung gezogen.“ Die lange Lebensdauer der Hill League und ihr Erfolg lagen nur an Hills Persönlichkeit und seinem Einfluss, meint Weiss. „Er konnte eine ganze Stadt mit seiner Liga mobilisieren. Er hatte einen enormen politischen Einfluss in der Gemeinde und nutzte diesen, um seine Liga zu gründen.“
Zwar mag Hills Liga den Basketballsport in der Innenstadt wieder mehr ins Rampenlicht gerückt haben, doch nicht alle fanden Gefallen daran. Man unterstellte ihm, seinen Einfluss dazu zu nutzen, die besten Spieler zu bestimmten Highschools zu lotsen und dann zu bestimmten Colleges. Hill stritt diese Anschuldigungen immer ab und musste wertvolle Zeit dafür aufbringen, das Gegenteil zu beweisen. „Viele sahen in ihm einen Schwindler, der die Kinder einfach einer anderen Liga wegnahm“, erklärt Weiss. Sonny Hill erinnerte sich wie Jellybean als 14 oder 15-Jähriger in seine Liga kam, aber bald wieder ausschied. Denn obwohl er groß und athletisch war, fehlte es ihm an der Reife, die man als Sportler braucht, sagte Hill. „Ungefähr ein Jahr später kam er wieder und er war deutlich reifer geworden. Ich denke, das hatte vor allem mit seinem Vater zu tun.“ Big Joe liebte die Disziplin und Struktur der Liga so sehr, dass er noch immer als Freiwilliger mithalf, lange nachdem seine beiden Söhne die Hill Liga verlassen hatten. Diese Sommerligen waren es auch, in denen Jellybean das erste Mal auf Mo Howard traf und schnell mit ihm Freundschaft schloss.
Als Juniors in der Highschool gewannen Jellybean und Mo Howard die Sonny Hill League mit einem Team, in dem auch Andre McCarter spielte, der kurz darauf schon für die UCLA auflaufen sollte. Bald sollten sich auch Mo Howards Vater, Edward, und Big Joe Bryant kennenlernen und herausfinden, dass sie beide aus Georgia stammten. Etwas, das die beiden schnell in Freundschaft verband. Egal ob Jellybean und Howard miteinander oder gegeneinander spielten, Mr. B und Howards Vater saßen nebeneinander und quatschten unaufhörlich. „Irgendwie waren die beiden füreinander gemacht. Die Generation von Afroamerikanern davor hatte niemals die Möglichkeiten, Sport zu betreiben so wie ihre Söhne“, erklärt Howard. „Für sie war es etwa so: Was immer ihr macht, wie berühmt und bekannt ihr seid, ihr müsst es mit uns teilen. Das war eine Art Bestätigung dafür, wer sie waren. Sie waren unsere Väter und es erfüllte sie mit Stolz, ein Gefühl, das sie bis dahin wahrscheinlich nicht in dieser Form gekannt hatten. Da saßen sie nun und hatten zwei Söhne, die großartige Basketballer waren. Wenn man über Kinder spricht, die es zu einem gewissen sportlichen Erfolg bringen, vor allem farbige Jungs, muss man auch sagen, dass der Vater oft erst auftaucht, nachdem die Kinder ordentlich Geld verdienen. Unsere Väter waren aber von Anfang an mit dabei. Sie besorgten uns die Schuhe und die Socken und sie gaben uns Geld, dass wir uns Hot Dogs nach dem Spiel kaufen konnten. Sie waren immer ein Teil unseres Lebens. Sie waren überall mit dabei. Die beiden waren der Meinung, dass man sie als Rabenväter bezeichnen würde, wenn sie nicht zu unseren Spielen kämen.“
1Ein sozialwissenschaftlicher Begriff der eine Region im Süden der USA beschreibt, die sich über 11 Bundesstaaten erstreckt und deren Einwohner mehrheitlich Afroamerikaner sind.
Kapitel 3
SPASS AM SPIEL
Trotz der Probleme, die in der Stadt herrschten und den Versuchungen, die überall auf ihn lauerten, schaffte es Jellybean auf dem rechten Weg zu bleiben – vor allem dank seines Talents im Basketball und der Menschen, die ihn unterstützten. Er hatte schon immer einen gewissen persönlichen Charme, doch was für seine Mentoren noch wichtiger war, war die Art und Weise, wie er spielte. Big Joe machte sich dann auch auf den Weg zum Platz, um die nächste Darbietung seines Sohnes zu sehen. Und damit war er nicht allein. „Wenn Joe spielte, war der Platz voll mit Zusehern“, erklärt Vontez Simpson. „Manchmal kam man nicht einmal mehr auf den Spielplatz selbst. Alle wollten Joe spielen sehen.“
„Mit seiner Art zu spielen bereitete Joe vielen Menschen eine große Freude“, stimmt Dick Weiss zu. Jellybeans Begabung war einzigartig, er hatte seine Technik durch das Spiel auf der Straße und in der Baker League entwickelt. Seine Mischung aus Größe, Athletik und Ballführung war es, die ihn sogar unter den Elitespielern der Stadt herausragen ließ.
„Das was alle umhaute, war, dass da ein 2,10 m Riese war, der so wie die anderen Spieler von dieser Größe mit dem Rücken zum Korb spielen und blocken hätte sollen“, erklärt Mo Howard, „aber Joey war ein Spielmacher. Wenn man ihm den Ball gab, spielte er wie ein Point Guard. Einmal nahm er den Wurf und punktete von der Dreipunktelinie, dann wieder begann er zu dribbeln und bediente seine Mitspieler mit einem blind geworfenen Pass oder er scorte mit einem Jump Shot. Niemand spielte damals wie Joey in Philadelphia.“ Seine Spielweise war neu und unkonventionell. Der größte Unterschied zu den anderen war einfach, wie er mit dem Ball umgehen konnte. „Ich sah, wie er Gegner im wahrsten Sinne des Wortes schwindelig gespielt hat“, erinnert sich Gilbert Saunders lachend. Man könnte leicht annehmen, dass sich Jellybean mit diesem Stil bei einem Highschoolteam unter einem konservativen Trainerteam nicht hätte durchsetzen können. Speziell an einer Schule wie der Bartram High, wo er für Coach Jack Farrell spielte, einen Trainer, der großen Wert auf Disziplin legte und fest entschlossen war, den Einfluss der Gangs auf seine Schüler einzudämmen. Doch Farrell erkannte Talent, wenn er es sah und er hatte etwas für farbige Spieler übrig. Er war schon etwas Besonderes – begriff einfach wie die Leute tickten. Die meisten Coaches verstanden ihre Spieler nicht. Jack Farrell aber tat es, er wusste, dass er es hier nicht mit ein paar Chorknaben zu tun hatte, sondern mit ziemlich harten Kids.
„Er hörte bei vielen Dingen auf Joey“, erinnert sich Vontez Simpson, der damals als Teammanager bei Bartram tätig war. „Er hörte sich seine Ideen an. Farrell ließ Joe viele Freiheiten am Ball.“ Doch am wichtigsten war, dass er Jellybeans Talent bereitwillig akzeptierte und die ganze Bandbreite seines Könnens auszunutzen versuchte, nämlich auch als Center seine großartige Ballbehandlung einzusetzen, um die eigenen Aufbauspieler gegen die oft aggressive Verteidigung der anderen Teams im Angriff zu unterstützen.
Zudem gab Farrell Jellybean auch grünes Licht, selbst Würfe zu nehmen. „Er nahm niemals einen Wurf, den er nicht wollte“, lacht Simpson. „Er nahm immer den langen Wurf aus der Ecke. Wenn man ihn ließ, nahm er den Wurf.“
Bei den meisten anderen Teams wäre ein Center, der solche Würfe nimmt, sofort wieder auf der Bank gesessen. Heute, im 21. Jahrhundert, ist ein solcher Wurf ganz normal, doch 1972 wurde so etwas als Disziplinlosigkeit erachtet. „Joe hatte in Jack Farrell jemanden gefunden, der ihn weit genug im Griff hatte, um das Beste aus ihm herauszuholen, ihm aber auch genug Freiheiten ließ, um sich selbst zu verwirklichen“, meint Paul Westhead. Auch die anderen Schulen hatten Spieler seiner Größe, doch die waren nur zum Blocken da, während Joey selten am Block spielte. Dazu kam seine Spielintelligenz. Er hätte eigensinnig spielen und 40 Punkte machen können, doch das tat er nicht. Er war ein Teamspieler, er wollte gewinnen. Allerdings gab es auch immer wieder Spiele, bei denen er mehr für das Publikum spielte, anstatt sich für die einfachere Variante zu entscheiden. Dieser Ruf folgte ihm auch mit ans College und später in die NBA. „Da war schon etwas dran“, sagt Vontez Simpson. „Und Kobe hat das von ihm geerbt.“
Die Debatte
Viele Jahre später debattierten die älteren Hasen in Philadelphia oft darüber, ob Kobe oder Joe Bryant der bessere Highschoolspieler war und ergriffen dabei meist Joes Seite, aufgrund seiner Größe und seiner einzigartigen Fähigkeiten. Zurückblickend meint Julius Thompson, dass Joe wohl der erste Spieler des 21. Jahrhunderts war. „Ich liebe Kobe, keine Frage, doch ich sah Joe spielen, als er am Zenit war“, sagt Thompson. „Joe war 2,10 m und konnte alles, was Kobe mit 1,98 m konnte.“ Dazu kommt, dass Joe einen Erfolg hatte, den Kobe nie erreichte, nämlich ein Team zum Titel in der Philadelphia Public League zu führen. Genau das tat Jellybean im Jahr 1972 in seinem letzten Jahr an der Highschool mit der Rückennummer 23. Er wurde zum MVP des Public LeagueTurniers gewählt, nachdem er Bartram zu Siegen über die Gratz High (trainiert von John Chaney, knapp bevor er Collegecoach wurde) und Germantown, das vom späteren NBA-Spieler Mike Sojourner angeführt wurde, verholfen hatte. Nach diesem Erfolg war die ganze Stadt auf Jellybean aufmerksam geworden.
Die Auszeichnung als MVP der Public League war eine von vielen, die Bryant in diesem Jahr erhielt und die das Interesse vieler Collegetrainer im ganzen Land erregten. Big Joe musste sogar die Telefonnummer wechseln, da das Telefon nicht mehr aufhörte zu klingeln. In diesen Tagen war Sonny Vaccaro, der spätere Marketingmanager einer bekannten Sportschuhfirma, ein wuschelköpfiger Mittelschullehrer aus Pittsburgh, der das sportlich wertvollste und wichtigste Highschool All-Star-Game des Landes veranstaltete. Diese Veranstaltung, die sich das Dapper Dan Roundball Classic nannte, zog Trainer der besten Colleges in ganz Amerika an, die jeden Frühling nach Pennsylvania pilgerten, um sich die Crème de la Crème der Highschooltalente des Landes anzusehen. Und diesmal hatten auch Joe Bryant und Mo Howard eine Einladung bekommen, bei diesem Turnier mitzuspielen. Auch die Väter von Jellybean und Mo Howard konnten es kaum erwarten zu dem Turnier zu fahren.
Big Joe Bryants Brust wuchs an diesem Wochenende noch weiter, als sein Sohn zum wertvollsten Spieler des All-Star-Spiels gewählt wurde, was Jellybean noch mehr Aufmerksamkeit bei Collegecoaches bescherte. Das war aber auch ein zweischneidiges Schwert, schließlich wollte die Familie, dass Joey in Philadelphia Collegebasketball spielte, wo sie ihn alle hautnah bei seinem Aufstieg zu Ruhm und Reichtum begleiten könnten. Auch Jelly wollte so nahe wie möglich an seiner Heimatstadt spielen und so entschied er sich schließlich für die La Salle University, wo auch schon Kenny Durrett, eines seiner Idole, gespielt hatte.
„Das Jahr 1972 war ein ganz Besonderes für Highschoolbasketball in Philadelphia, mit Joe Bryant und Mike Sojourner – der schließlich für Utah spielen sollte – und Mo Howard, die alle in derselben Klasse spielten und die Großen Drei waren. Das waren die drei Spieler, hinter denen jeder her war“, erklärt Dick Weiss. Während Joe sich für La Salle entschied, ging Mo Howard nach Maryland, der „UCLA of the East“, wie Coach Lefty Driesell sein Programm nannte.
Explorers
Was Mo und Joe jedoch nicht mit ihrer spielerischen Brillanz umgehen konnten, war die National Collegiate Athletic Association. Der Dachverband für Collegesport hatte wieder einmal seine Regeln betreffend der Spielberechtigung geändert, dieses Mal um auch den akademischen Erfolg von neuen Spielern abzusichern. Die neue Regelung bedeutete, dass weder Bryant noch sein Freund Howard in ihrem ersten Collegejahr spielberechtigt waren.
Howard zog trotzdem gleich nach Maryland, während Joe Bryant in diesem verlorenen Jahr eine Menge Zeit mit Gilbert Saunders verbrachte. Auf der La Salle spielte er nur college-interne Spiele. Selbst in seinem zweiten Jahr am College war Joey noch immer sehr mager (er wog weniger als hundert Kilo). Sein erstes offizielles Spiel für die La Salle Explorers spielte er in der Saison 1973/74, wo er sofort eine deutliche Aufwertung für den Talentpool des Colleges darstellte. Coach Westhead, dem bereits der Ruf eines Experten für Shakespeare vorauseilte, wachte über die Spiele mit akademischem Gebaren.
Jellybean trug seinen Teil dazu bei, indem er so spielte, dass es der Basketballversion eines jambischen Pentameters gleichkam. Ein Studentenmagazin der La Salle University beschrieb ihn als „extravagantes Genie“. „Es lag nicht nur an seiner Größe“, erinnert sich Westhead. „Sein Spiel war geschmeidig. Er war immer in Bewegung, niemals statisch. Statisch gab es in seiner Welt nicht. Es ging immer nur links, rechts, vor, zurück. Da war immer eine Leichtfüßigkeit in seinem Spiel. Das galt auch in der Verteidigung. Er versuchte immer seinen Gegnern den Ball zu stehlen.“ Als junger Coach liebte Westhead das offene Spiel, was aber hieß, dass sein Team immer in Bewegung bleiben und Pressing betreiben musste.
„Bryant war der Typ, der einen defensiven Rebound fing und anstatt auf seinen Aufbauspieler zu passen, den Ball dank seiner Fähigkeiten selbst bis unter den gegnerischen Korb brachte“, erklärt Westhead. „Das war selten in den 70ern und auch in den Jahren danach.“ Fünf Jahre später erlangte ein 2,06 m großer Magic Johnson damit Berühmtheit, als er Michigan State zur nationalen Collegemeisterschaft führte und, einige Jahre später, die Lakers zu fünf NBA-Meisterschaftstiteln. Im Jahr 2015 war es Draymond Green, ein Power Forward mit ausgezeichneten Spielmacherqualitäten und sehr guter Konterspieler, der einen großen Anteil daran hatte, dass die Golden State Warriors den NBA-Titel gewinnen konnten. Doch 1974 war ein Center mit Spielermacherqualitäten ein absolutes Novum.
Bryants zweite Saison im College war von vielen großartigen Leistungen gekrönt, unter anderem Siege über die dominanten Teams des Ostens, wie etwa Clemson und das sechstgesetzte Alabama in der Sugar Bowl, welche La Salle dank eines späten Korbs von Bryant für sich entscheiden konnte. Zu dieser Zeit gab es noch keine Wild Cards im NCAA-Turnier und die einzige Möglichkeit ins große Finale zu kommen, war das eigene Conference-Turnier zu gewinnen.
Im Ligafinale traf La Salle dann auf das Lafayette College. Zwei Minuten vor dem Ende lag La Salle mit sieben Punkten voran, als Joe Bryant seinem Gegenspieler den Ball abnimmt und allein auf den gegnerischen Korb zieht. Bryant sprang so hoch er konnte und stopfte den Ball in den Korb. Als er sich umdrehte, hatte er ein breites Grinsen auf dem Gesicht. Doch zu dieser Zeit waren Slam Dunks im Collegebasketball nicht erlaubt. Anstatt zwei weiteren Punkten für La Salle gaben die Schiedsrichter ein technisches Foul und zwei Freiwürfe für Lafayette. Noch immer grinsend ging Bryant zur Bank und sagte zu seinem Trainer: „Coach, ich konnte einfach nicht anders.“ „Ich glaube, er wusste genau was er tat“, erzählt Westhead. „Es muss im klar gewesen sein, dass wir das Spiel auf jeden Fall gewinnen würden und er dachte sich wohl: Jetzt habe ich die ganze Saison darauf gewartet, jetzt tue ich es einfach. Das Spiel gewinnen wir ja sowieso, also was soll’s.“ Eine treffende Beschreibung von Jellybeans Karriere. La Salle gewann und traf nun auf das mächtige Syracuse College. Doch trotz Joe Bryants ansonsten exzellenter Vorstellung, vergab er den Matchball und die Explorers mussten sich in der Nachspielzeit geschlagen geben. Somit zog Syracuse in die Final Four, das Semifinale, ein. Nach der Saison meldete Bryant „finanzielle Notlage“2 an und erklärte sich somit für die Profiliga als vorzeitig verfügbar. Auch Westhead war der Meinung, dass dies der richtige Zeitpunkt für Bryant war.
„Zurückblickend war Joe Bryant der erste 2,10 m große Point Guard in Amerika“, sagt Westhead. „Aber damals hätte niemand daran gedacht, Spieler von dieser Größe als Point Guard oder Spielmacher aufzustellen, oder vermutet, dass sie überhaupt solche Qualitäten besitzen könnten. Tatsächlich dachten auch viele, die Joe spielen sahen, dass er es übertrieb und seine Spielweise mehr an einen Forward hätte anpassen und nicht wie ein Point Guard hätte spielen sollen.“ Diese Kritik kam auch von Talentsuchern und anderen Trainern, doch Westhead stimmte dem nicht zu. Für ihn war es Zeit, Jelly endlich von der Leine zu lassen, denn sein bester Spieler war bereit, Profibasketball zu spielen. Und mit der Unterstützung seiner Fans in Philly im Gepäck war auch Joe Bryant sich sicher, ganz groß rauszukommen. Dass dieser Traum ein anderes Ende nehmen könnte, kam ihm nie in den Sinn.
2Finanzielle Notlage (engl. Financial Hardship) anzumelden, war damals die einzige Möglichkeit, vor Abschluss des Colleges in die Profiliga zu wechseln.
Kapitel 4
PAM UND JELLY
Während seiner Zeit an der La Salle verliebte sich Joe in eine auffallend schöne, junge Frau namens Pam Cox. Sehr zum Missfallen ihres Vaters. „Pam Cox hätte Anwältin werden können oder etwas Ähnliches“, meint John Smallwood, ein langjähriger Sportkolumnist bei der Philadelphia Daily News. „Stattdessen landete sie in einer Beziehung mit diesem verrückten Joe Bryant.“ Das war auch mehr oder weniger, was ihr Vater, John Cox II, dachte. Angeblich war ihm der Gedanke, dass sich seine Tochter mit Jellybean abgab, zuwider. Familienangehörige erinnerten sich, wie er immer wieder fragte, wie dieser Kerl für seine Tochter und ihren gewohnten Lebensstil aufkommen sollte. „Ihr standen alle Türen offen“, stimmt Dick Weiss zu. „Sie sah aus wie ein Fotomodel, eine wunderschöne junge Frau. Ich bin mir sicher, ihr Vater erwartete, dass sie einen Anwalt oder Arzt finden würde“, meint Weiss weiter. „Er hätte wohl nie gedacht, dass sie einmal einen Basketballprofi aus Südwest Philadelphia heiraten würde.“ Andererseits war diese Verbindung auch die Verbindung zweier Basketballfamilien. Pams Bruder, John Arthur Cox III, auch Chubby genannt, war ein All-Star-Guard auf der Highschool und spielte Collegebasketball für Villanova und San Francisco. Und Joe war gerade dabei Profi in der NBA zu werden. Doch es waren weder Joe noch Chubby, von denen Kobe diesen einen zentralen Baustein mitbekam, der ihn zu einem der besten und ehrgeizigsten Spieler aller Zeiten machen würde.
„Der Killerinstinkt, der kommt von Pam Cox“, erklärt Mo Howard lachend. Eine Meinung, die auch von anderen Freunden des Paars geteilt wird. „Sie ist wunderschön, doch sie kann auch eiskalt sein.“
Dazu kam, dass Pam Cox eine unglaubliche Selbstdisziplin an den Tag legen konnte, eine weitere wichtige Eigenschaft, die sie ihrem Sohn mitgeben würde. „Sie war diejenige, die dafür sorgte, dass Joe nie vom Pfad der Tugend abwich“, sagt Vontez Simpson. Einige Freunde der Familie sagen, dass es kein Zufall war, dass, als Pam und Joe zusammenkamen, Joes Spiel viel fokussierter und kontrollierter wurde als zuvor. Andere fanden allerdings, dass diese Beziehung auf wackeligen Beinen stand. Zum einen war der familiäre Hintergrund der beiden grundverschieden. Während die Bryants erst vor relativ kurzer Zeit als Migranten aus Georgia in die Stadt gekommen waren und sich auch finanziell nicht hocharbeiten konnten, waren die Coxes eine alteingesessene Familie aus Philadelphia, und zwar von der Sorte, deren Hochzeiten und gesellschaftliches Leben auf den Seiten der Philadelphia Tribune zu finden waren, einer der ältesten afroamerikanischen Tageszeitungen des Landes.
Der erste John Cox war ein wichtiges und angesehenes Mitglied der St. Ignatius Pfarre in West Philadelphia, einer wichtigen Glaubensgemeinde katholischer Afroamerikaner, gewesen. 1956 wurde er als einer der ersten Farbigen bei den Kolumbusrittern – eine der größten römisch-katholischen Laienvereinigungen für Männer – aufgenommen, was aufgrund der damaligen Spannungen zwischen Farbigen und Weißen und den sehr traditionalistischen Ansichten dieser Loge eine beachtliche Leistung war.
Sein Sohn, John Arthur Cox Jr., machte sich Ende der Vierziger-, Anfang der Fünfzigerjahre als gewiefter Boxer und Basketballer bei lokalen Bezirkteams einen Namen. Trotzdem war in dieser Zeit für junge Schwarze der Zugang zu Bildung äußerst begrenzt, selbst wenn sie begabt waren. Also trat er der Armee bei, anstatt aufs College zu gehen. Im Alter von 20 Jahren heiratete er die 17jährige Mildred Williams in einer Nacht-und-Nebel-Aktion, um gleich danach zu seiner neuen Dienststelle bei der Militärpolizei in Alaska aufzubrechen. Bald darauf folgte die Geburt der beiden Kinder des Paars, John Arthur „Chubby“ Cox III und seiner jüngeren Schwester Pam.
Nach Ende seines Militärdienstes kehrte John Cox II wieder nach Philadelphia zurück, wo er einen Job als Feuerwehrmann annahm. Die Integration Farbiger in den öffentlichen Dienst war kein einfaches Unterfangen in dieser Ära. Umso beachtenswerter ist es, dass John Cox Jr. es schaffte, sich in dieser schwierigen Zeit unter Bürgermeister Rizzos Administration zu einem der ersten farbigen Feuerwehrleutnants hochzuarbeiten. Er wurde nicht mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund geboren, sondern musste sich alles hart erarbeiten. Damit schaffte es das Paar, ihren beiden Kindern einen recht annehmlichen Lebensstil zu bieten. „Als ich Pam und Chubby das erste Mal traf, wohnten sie am Fairmount Park. Wenn man dort ein Haus hatte, hatte man es zu etwas gebracht, vor allem als Farbiger“, meint Mo Howard. Wahrscheinlich war ihre bescheidene Herkunft der Antrieb für John und Mildreds Erfolg. Es gab einige Stimmen, die John Cox II als einen schwierigen, oft herablassend wirkenden und kontroversen Menschen auch innerhalb der eigenen Familie beschrieben. Gail Williams, eine enge Verwandte von Mildred Williams Cox, schrieb sogar eine fiktive Geschichte über die Familie eines Basketballstars, bei der die beiden Charaktere, die Pam Cox und ihren Vater darstellten, nicht besonders gut wegkamen. Enge Vertraute der Familie bestätigten immer wieder, wie schwierig der Umgang mit Vater und Tochter manchmal sein konnte, hoben jedoch auch immer wieder ihre positiven Seiten hervor.
Eine Basketballliebe
John Cox mag vielleicht die Beziehung seiner Tochter zu Jellybean missfallen haben, doch ihre Verbindung, aus der drei äußerst erfolgreiche Kinder hervorgingen, würde für Jahrzehnte halten. Die Geschichte von Pam und Jelly sollte auch ein bestimmendes Element im Leben ihres berühmten Sohnes werden, von der Kinderstube bis hin zu der tiefen Kluft, die später das Leben der Familie prägen sollte.
Laut Pams Erinnerungen bemerkte sie Joe das erste Mal, als sie noch Kinder waren, da beider Großeltern nahe beieinander wohnten. Damals hätte sie sich nie für ihn interessiert, meinte sie einmal zu einem Reporter.
Joe kannte Pam nur durch Chubby, erklärt Gilbert Saunders. Ihr Bruder und Joe Bryant waren beide sehr umgänglich und hatten großes Talent. Jelly und Chubby verstanden sich richtig gut und sahen die Welt durch die Augen von jungen Basketballspielern. Chubby war ein Jahr unter Jellybean und Mo Howard in der Schule und sie spielten oft gegen- und miteinander. Chubby wollte immer so gut wie die beiden sein. Er wollte tun, was die beiden taten. Und um das zu erreichen, musste er Punkte machen. Joey hatte einen der höchsten Punktedurchschnitte in der Public League. Chubby war immer knapp dahinter, er war ein sehr, sehr guter Spieler, erinnert sich Mo Howard. Jahre später, als Howard den jungen Kobe Bryant spielen sah, erinnerte er ihn an Pams Bruder. „Dieses leicht angeberische Gehabe, das man am Anfang von Kobes Karriere sah, das war Chubby Cox“, sagt Howard.
Etwas ungewöhnlich war allerdings, wie sehr Pam Cox ihren Bruder verehrte. „In ihren Augen konnte Chubby nichts falsch machen“, erinnert sich Vontez Simpson. Es wurde bald klar, dass Chubby Cox von seinen Eltern und seiner Schwester mit so viel Liebe und Aufmerksamkeit überhäuft wurde, dass sein Vater beschloss Sonny Hill um Hilfe zu bitten.
„Die Cox Familie überließ mir ihren Sohn“, erzählt Sonny Hill. „Chubby kam aus einer besseren Familie. Er war so sehr verwöhnt worden, dass es der Familie nun reichte und sie ihn zu mir in die Liga schickten, um mehr Disziplin und Struktur in sein Leben zu bringen.“ Es war also nicht nur das angeberische Gehabe, das Chubby Cox und sein Neffe Kobe teilten. Beide waren sie die Lieblinge in ihren Familien und wurden von vorne bis hinten bedient.
Die Cox Familie lebte in einem Vorstadthaus, das einst Muhammed Ali gehört hatte. Ein recht exklusives Heim mit Swimmingpool und Poolhaus, welches sich die Familie aufgrund John Cox’ Rang bei der Feuerwehr und der Anstellung seiner Frau Mildred als Staatsbedienstete leisten konnte.
„Das waren hart arbeitende Leute, die ihren Kindern ein gutes Leben bieten konnten“, meint Mo Howard. „Sie hielten sich nicht für besser als andere, sie behandelten alle gleich.“ Einige dachten, dass all diese Annehmlichkeiten und Chubbys attraktive Schwester der Grund waren, warum Jellybean so viel Zeit dort verbrachte. „Ich denke, der materielle Erfolg der Familie war nicht der Grund“, sagt Howard. „Joey war immer der Gleiche, egal ob mit oder ohne Luxus. John Cox war allerdings jemand, der es nicht besonders gerne sah, wenn Fremde bei ihm abhingen und in seinem Pool schwammen. Doch es war nicht nur der Pool. Mr. Cox wollte einfach nicht, dass irgendwer in sein Haus kam, an seinem Tisch aß und mit seiner Tochter ausging“, erzählt Gilbert Saunders.
Pam Cox erinnerte sich in einem Interview einmal, dass sie sich das erste Mal während eines Spiels zwischen Villanova, wo ihr Bruder spielte, und La Salle, Joes Team, ihrer Gefühle für Jellybean bewusst geworden war. Die Familien saßen auf gegenüberliegenden Rängen und als sie aufstand und hinüber zu Joes Familie ging, um Big Joe Bryant zu begrüßen, sah sie, wie Jellybean bereits auf dem Weg zu ihren Eltern war, um Hallo zu sagen. Es war einer dieser Momente, erzählte sie später.
Joe war damals ein Rohdiamant, erklärt Saunders. „Pam war da, um ihn zu schleifen. JB war nicht gerade die erste Wahl in den Augen ihres Vaters, aber er war dazu bereit, sich von Pam formen zu lassen. Und so machte Pam etwas aus ihm. Mit ihrer Heirat setzte sie auch ein Zeichen.“
„Irgendwann zogen Jelly und Pam in ein winziges Apartment in Germantown, einem Stadtteil Philadelphias, und das, obwohl Pam leicht in der Luxuswohnung ihrer Eltern hätte bleiben können. Sie liebte Joe eben für das, was er war, egal was ihr Vater davon hielt“, erinnert sich Saunders. Die Tatsache, dass Jellybean als Nummer 14 in der ersten Runde des NBA-Drafts von den Golden State Warriors gewählt wurde, entspannte das Verhältnis zu ihrem Vater ein wenig. Damals hatten die Warriors gerade die NBA-Meisterschaften gewonnen. Somit schien dies ein vielversprechender Anfang für Jellybeans junge Karriere zu sein. Auch Joes Familie war glücklich darüber. Doch leider verliefen die Vertragsverhandlungen zwischen dem Team und Jellybeans Agenten, Richie Phillips, nicht sehr glücklich. Die Warriors boten ein Jahresgehalt von etwa 100.000 Dollar, was Phillips nicht akzeptierte. Und je länger der Sommer dauerte, desto ruhiger wurde es um die Vertragsgespräche. Während dieser Zeit voller Ungewissheit über Joes Zukunft heirateten Pam und Joe. Es war nur eine kleine Hochzeit mit den engsten Freunden und Familienmitgliedern im Haus eines guten Freundes. Schon bald stellte sich heraus, dass Pam bereits schwanger war.
Der Vertrag
Damals waren die Teams der NBA dazu verpflichtet, einem Spieler, den sie gedraftet hatten, spätestens bis Anfang September einen Vertrag vorzulegen. Wenn dies nicht geschah, verloren sie die Rechte an dem Spieler und der Spieler konnte sich als Free Agent deklarieren.
„Wenn du dem Spieler keinen Vertrag vorgelegt hast, hast du die Rechte an ihm verloren“, sagt Pat Williams, der damalige Manager der Philadelphia 76ers. „Dann hast du auch den Spieler verloren. Eines Tages bekomme ich einen Anruf von Richie Phillips, einem ehemaligen stellvertretenden Bezirksstaatsanwalt in Philadelphia, der auch Sportler und auch die Schiedsrichtergewerkschaft im Baseball vertrat. Richie und ich waren Freunde und er war Jellybeans Agent.“ Phillips fragte Williams wegen dieser Regelung und erzählte ihm, dass er noch nichts von den Warriors gehört hätte.
Williams war erstaunt. Die Rechte an einem ErstrundenDraftpick zu verlieren, wäre ein richtig grober Schnitzer gewesen. Franklin Mieuli, der damalige Besitzer der Warriors, die 1962 von Philadelphia nach Kalifornien gezogen waren, war eng mit dem Management der Sixers befreundet. Williams wusste, dass die Sixers Mieuli nicht vor den Kopf stoßen wollten und schlug vor, noch ein paar Tage zu warten und zu sehen, ob der Vertrag vielleicht noch zugestellt werden würde.
Ein paar Tage später meldete sich Phillips wieder und teilte Williams mit, dass sie noch immer keinen Vertrag bekommen hätten. Phillips wendete sich auch an die New York Knicks, die schnell ihr Interesse bekundeten. Williams ging zum Besitzer der Sixers, Irv Kosloff, und informierte ihn über die Lage: Warriors Manager Dick Vertlieb hatte kein Angebot abgegeben.
Kosloff zögerte, doch Williams erklärte ihm, dass Joe Bryant sicher bei einem anderen Verein unterkommen würde. Bryant, ein junges Talent, der gerne für Philadelphia spielen würde.
Inzwischen hatte Jack McMahon, der Assistenzcoach der Sixers, Jellybean in der Baker League beobachtet und seine Klasse erkannt. Der Trainerstab war nun geschlossen dafür, Joe Bryant unter Vertrag zu nehmen. Nachdem das Team zwei Jahre zuvor mit 937 die schlechteste Saison hingelegt hatte, die es jemals in der NBA gegeben hatte, waren sie nun mithilfe von Trainer Gene Shue dabei, eine neue Mannschaft aufzubauen. Dazu brauchten sie so viele junge Spieler, wie sie bekommen konnten. „Und so begannen wir mit den Verhandlungen“, sagt Williams.
Als Free Agent hatte Jellybean Bryant nun ein Druckmittel. „Wir glaubten daran, dass er das Potenzial zu einem Starspieler hatte“, erklärt Williams. „Wir waren auf der Suche nach Talenten. Joe war ein Held in Philly. Dazu hatte er das Glück, mit Richie Phillips einen Agenten zu haben, der mit allen Wassern gewaschen war. Und Richie hatte mit Jelly den absoluten Volltreffer gelandet.“
Die 76ers hatten selbst zwei großartige Spieler gedraftet, den 18 Jahre alten Darryl Dawkins und den 21jährigen Lloyd Free (später auch als World B. Free bekannt). Dawkins, die Nummer fünf im Draft, hatte einen Siebenjahresvertrag für 1,4 Millionen Dollar unterschrieben, von denen er im ersten Jahr knapp über 100.000 Dollar ausbezahlt bekam.
Joe Bryant, der als Vierzehnter gewählt wurde, bekam einen Dreijahresvertrag für 900.000 Dollar, wobei er 300.000 Dollar pro Saison einstrich. Das war schon etwas Besonderes, wenn man bedenkt, dass die Chicago Bulls erst zwei Jahre zuvor ihrem Veteranen Tom Boerwinkle nur 45.000 Dollar pro Jahr zahlten und beim Gedanken ihrem Fanfavoriten Jerry Sloan ein Jahresgehalt von 60.000 Dollar zu zahlen ins Schwitzen kamen.
„Das war ein ziemlicher Brocken damals“, sagt Williams. „Schlussendlich kamen wir ins Geschäft. Beide Seiten unterschrieben den Vertrag und wir gaben eine Pressekonferenz. Das machte Schlagzeilen in Philly. Der örtliche Lokalmatador spielte nun bei den Philadelphia 76ers.“
Zu Hause in der Willows Avenue versammelte Big Joe die gesamte Familie. Das ganze Herzblut, das er in das Basketballspiel seines Sohnes gesteckt hatte, trug plötzlich Früchte jenseits seiner Vorstellungen. „In der Nacht als er den Vertrag mit den 76ers unterschrieb, waren wir alle zusammen und weinten und dankten Gott dafür“, sollte sich Big Joe später daran erinnern. Jellybean erklärte Reportern, dass seine Spiele in Sonny Hills Baker League der Grund waren, warum er nun 800.000 Dollar mehr verdiente, eine Aussage, die Sonny Hill danach immer wieder wiederholen würde.
Der Verlust eines Erstrunden-Draftpicks war ein herber Rückschlag für die Warriors. NBA-Teams leben davon, junge Talente auszubilden. Trotz der Tatsache, dass die American Basketball Association in der folgenden Saison aufgelöst werden würde und dadurch eine Menge junger Talente frei wurden, war der Verlust eines Erstrundenpicks wegen eines solchen Formfehlers eine peinliche Angelegenheit, den das Team nicht gerne publik machen wollte. Aus diesem Grunde versuchte man von Seiten der Warriors diese Sache als Spielertausch darzustellen.
„Ich weiß gar nicht, was wir von den Sixers für Joe Bryant bekommen haben“, log Al Attles später. „Dick Vertlieb hat das abgewickelt. Ich wollte Joe.“
Auch wenn Joe einen hochdotierten Vertrag besaß, so waren es unsichere Zeiten für viele professionelle Basketballer. Neben der Auflösung aller ABA-Teams kürzte die NBA auch die Zahl der Spieler bei den eigenen Teams um eins, was den Verlust weiterer Rosterplätze bedeutete. Das Timing und die Umstände waren fast perfekt für Joe Bryant, nachdem er La Salle verlassen hatte. Wenn er es bis dahin noch nicht gewusst hatte, so machte es ihm spätestens dieser unglaubliche Vertrag klar, dass man von ihm erwartete sofort zu einem Starspieler zu werden.
„Wir hatten ein ganzes Arsenal an jungen Talenten zusammen“, sagt Pat Williams. Die Basketballfans in Philadelphia erkoren Jellybean zu ihrem Favoriten und feierten die Tatsache, dass einer von ihnen nun ein Sixer war. „Alle waren gespannt“, erinnert sich Mo Howard. „Joe wird nun in Philly spielen, er wird ein Sixer. Wir wussten, dass einer aus dem Team auf der Bank sitzen musste. Und derjenige würde dort wegen Joey Platz nehmen müssen.“ Das warf eine Frage auf: Wen würde Jelly ersetzen?
Kapitel 5
DAS BOMBENKOMMANDO
In den Augen von Paul Westhead und Mo Howard war Joe Bryant das Toptalent in der NBA. Mit Jellybean im Kader hatten die Sixers nun abgebrühte Veteranen als Starter und eine sehr junge Reserve direkt dahinter.
Fixstarter waren natürlich die starken Veteranen des Teams, Spieler wie Billy Cunningham, Steve Mix und George McGinnis. Dahinter kamen dann die blutjungen Rookies, unerfahren und mit sehr wechselhaften Leistungen. Das war auch der Grund, warum sie nur begrenzte Spielzeit erhielten.
Die jungen Talente, die von der Bank zum Einsatz kamen – Free, Dawkins und Bryant – machten sich bald einen Namen als „Bomb Squad“, also Bombenkommando, da sie dazu neigten, von fast jeder Position am Court auf den Korb zu werfen. Als jahrelanger lokaler Fanfavorit hatte Bryant natürlich große Erwartungen, doch seine erste Saison in der NBA sollte ihn schnell wieder auf den Boden der Realität zurückholen.
„Joe erhielt seine Minuten am Spielfeld“, erinnert sich Pat Williams. „Es war allerdings nicht leicht für ihn, die Spielzeit zu bekommen, die er gerne gehabt hätte. Er war ein Showman. Er brachte die Massen zum Toben, wenn er auf dem Feld war.“
Sein damaliger Trainer war Gene Shue. „Gene war ein alter Hase und hatte es nicht leicht mit all diesen jungen Spielern, die wir ihm plötzlich aus dem Nichts vor die Nase gesetzt hatten“, sagt Williams.
Wie die meisten Trainer zu dieser Zeit war Shue nicht gerade ein Pädagoge. Das war nicht Teil des Jobs, so wie heute, da NBA-Teams viele junge Spieler verpflichten. 1975 war Probasketball die Domaine von erwachsenen Männern.
„Gene war ein Basketballveteran, der von seinen Spielern erwartete, dass sie wissen, was sie da tun“, sagt Pat Williams. „Er war selbst Profi gewesen und war nun schon seit langer Zeit Trainer. Er gab vor, wie das Spiel zu spielen war und er erwartete von den Spielern, dass sich alle an seine Vorgaben hielten. Doch jetzt hatte Shue eine Horde junger Spieler, die alle den Ball verlangten und spielen wollten.“ Dass Shue Bryant nur sehr unregelmäßig einsetzte, erboste die Journalisten bei der Tribune, die ja die Zeitung für die afroamerikanische Gemeinde war.
„Wir waren erstaunt“, sagt Mo Howard, „wir verstanden nicht, dass niemand erkannte, was für ein Basketballer Joey war. Die Leute kamen zu den Spielen, nur um Joey zu sehen. Ein Wurf aus der Mitteldistanz oder ein Pass hinter dem Rücken zu einem Mitspieler und schon saß er auf der Bank. Ein schneller Konter, bei dem er den Wurf nahm und verfehlte und er saß auf der Bank. Das waren wir hier in Philly nicht gewohnt.“
Und so wurde Jellybeans lokaler Fanclub schon bald zu einer Last für ihn. Egal wohin er ging, musste Bryant erklären, warum er kaum Spielzeit bekam, was ihm natürlich schwerfiel, da er es selbst nicht wirklich wusste. Zum ersten Mal in seinem Leben war er mehr Zuseher bei dem Spiel, das er so liebte, als Spieler. Und die Frustration darüber stand ihm ins Gesicht geschrieben.
Sowohl Shues Faible für Bryant, als auch seine Verärgerung über die Situation waren selbst in einem Interview 40 Jahre später noch immer zu hören. „Joe bekam schon seine Minuten, doch das waren alles noch Kinder damals, erinnerte sich Shue. Sie wollten immer mehr Spielzeit, doch die gab es einfach nicht. Ich mochte Bryant. Es gab nur einfach nicht genug Spielminuten für Joe, um sein ganzes Potenzial auszuschöpfen und so bekam er eben immer nur Kurzeinsätze von der Bank aus.“
Bald schon wurden die Sixers von den Medien unter Druck gesetzt, dann von den Fans – und das, während sie versuchten, ihr Team nach der desaströsen 1973er Saison neu aufzubauen. Shue war engagiert worden, um das Team wieder konkurrenzfähig zu machen, doch die Fans wollten Bryant sehen.
In seiner ersten Saison mit den Sixers gewann Shue 25 Spiele. In seiner zweiten waren es dann bereits 34 und in Bryants erster Saison war er auf dem Weg zu 46 Siegen und einem Platz in den Playoffs.
Man hatte die Hoffnung, dass Jellybeans Verpflichtung ein altes Problem, das die Stadt im professionellen Basketball hatte, lösen könnte. Dieses hatte 1946 mit dem Titelgewinn der alten Philadelphia Warriors in der allerersten NBA-Saison, die jemals gespielt wurde, begonnen. Damals gewann Philadelphia dank eines weißen Sprungwurfwunders aus Kentucky namens „Jumpin’“ Joe Fulks. Im Jahr 1956 gewannen sie erneut den Titel mit weißen Stars, allen voran Paul Arizin, Neil Johnston und Tom Gola, der einer von mehreren lokalen Spielern aus der Stadt im Team war. „Das Team fand jedoch keinen Draht zu den Menschen in Nord Philadelphia, mit ihrer mehrheitlich farbigen Gemeinde – und gerade dort kamen exzellente Spieler her“, erklärt Dick Weiss.
„Anfang der sechziger Jahre holten sie dann Wilt Chamberlain ins Team, was ihnen half deutlich mehr Karten zu verkaufen“, ergänzt er. „Noch heute sagen die Menschen hier in Philadelphia, dass Wilt der wohl beste Spieler war, der jemals gespielt hat.“
Obwohl sie spielerisch sehr erfolgreich waren, wurden die Warriors nach der 1962er Saison – in der Chamberlain einen Durchschnitt von unfassbaren 50,4 Punkten und 25,7 Rebounds pro Spiel hatte – an die Westküste verkauft. Im März hatte der von allen in der Stadt geliebte „Wilt the Stilt“ ein Spiel bestritten, in dem er 100 Punkte erzielt hatte. In dieser Saison schaffte es das Team auch in die Conference-Finals. Die Warriors nach so einer erfolgreichen Saison in eine andere Stadt zu verlegen war „der Todesstoß“, wie es Frank Fitzpatrick vom Philadelphia Inquirer damals beschrieb.
Während die Warriors nach Kalifornien zogen, kamen die Syracuse Nationals nach Philadelphia und wurden zu den 76ers. Sie holten Chamberlain wieder zurück ins Team und gewannen 1967 zusammen mit ihm die Meisterschaft, nur um ihn in der Saison darauf gleich wieder an die Lakers zu verkaufen.
Als Basketballfan in Philadelphia hatte man es damals eben nicht leicht und so hofften die Sixers wieder mehr Fans zurückzugewinnen, indem sie ein lokales Talent aus Philly verpflichteten. Doch da Jellybean nicht viel Spielzeit bekam, stieg die Frustration der Fans weiter an, erklärt Weiss.
Viele der spielerischen Probleme der ersten Saison waren der Jugend, dem Mangel an Erfahrung und der spielerischen Inkonsistenz der drei jungen Talente geschuldet. Rookies bekommen normalerweise mehr Zeit, sich an die schnellere Spielweise in der NBA zu gewöhnen, doch Fans und Medien setzten den Verein unter Druck, Joe spielen zu lassen.
Zur damaligen Zeit waren Slam Dunks oder sogenanntes „Showboating“ – also offen zu zeigen, wie überlegen man dem Gegner ist – noch sehr verpönt. Dinge, die man oft mit Bryants Spielstil verband. Doch um überhaupt die Chance zum „Showboating“ zu bekommen, musste er erst einmal am Feld stehen. Im Jänner erlitt Billy Cunningham, einer der Stars des Teams, eine Knieverletzung, was Bryant mehr Spielzeit verschaffte. Bryant blieb seiner gewohnten Art, eine Show abzuziehen, treu. Mal um Mal zog er zum Korb, sprang ab, segelte durch die Luft und stopfte den Ball in den Korb, was seine direkten Gegner immer schlecht aussehen ließ. Auch Gegner wie den 2,10 m großen Elmore Smith von den Milwaukee Bucks.
Im Februar erklärte Bryant vor einer Horde ungläubiger Journalisten, dass er sich noch immer Hoffnungen auf die Trophäe für den besten neuen Spieler des Jahres mache. „Ich habe mir diese Ehrung zum Ziel gesetzt.“ Doch sie würde ihm verwehrt bleiben. Die Trophäe ging an Alvan Adams, der mit einem Durchschnitt von über 19 Punkten und 9 Rebounds pro Spiel seine Phoenix Suns bis ins NBA-Finale brachte.
Der Prozess
Drei Wochen nach Ende der Saison wurde Jellybeans Leben aufgrund seiner Fahrerflucht und Verhaftung auf den Kopf gestellt. Das war etwas, womit niemand gerechnet hatte, weder Big Joe noch Sonny Hill oder Bryants Freundeskreis und seine Fans – und schon gar nicht er selbst.
„Er war am Boden zerstört“, erinnert sich der ehemalige Sixers General Manager Pat Williams. „Er rechnete mit dem Schlimmsten. Dass seine Karriere nun vorbei sei und er in seiner Heimatstadt in Ungnade fallen würde. Es war der reinste Albtraum für ihn.“
Damals kam es nicht selten vor, dass man für ein einfaches Drogendelikt sofort für längere Zeit ins Gefängnis wanderte. Dann war da natürlich noch die Sache mit der Gefährdung der Öffentlichkeit. Joe Bryant war mit seinem Wagen ohne Licht durch die Stadt gerast und hatte sich eine Verfolgungsjagd mit der Polizei geliefert, wobei erheblicher Sachschaden entstanden war. Rechnete man das zum Besitz von Kokain dazu, so konnte ein Richter ohne weiteres ein Exempel an ihm statuieren und er hätte sich nicht einmal beklagen können. Sofort nach dem Vorfall gab seine Frau Pam einem Tribune Reporter ein Interview, in dem sie schwor „bis zum bitteren Ende“ an Joes Seite zu stehen.
Einige dachten wohl, dass John Cox jetzt endgültig der Schlag treffen würde, doch die Cox Familie war im August 1974 bereits einmal mit dem Gesetz in Konflikt geraten, als Chubby wegen Handtaschenraubes angeklagt worden war. Glücklicherweise konnte sein damaliger Anwalt – ein gewisser Richie Phillips, der im Jahr darauf Joes Agent werden sollte – einen Freispruch für Chubby in allen Anklagepunkten erwirken.
Nach Joes Anklage fand sich Phillips in einer Doppelrolle als Agent und Anwalt wieder, in der er sich recht wohlfühlte. Reportern erklärte er voller Selbstvertrauen, dass er davon ausging, dass alle Anklagepunkte gegen seinen Klienten fallengelassen werden würden – was recht erstaunlich war, wenn man an die erdrückende Beweislast dachte.
Die erste Anhörung vor Gericht war für Anfang Juni anberaumt. Trotz der drakonischen Strafen, die routinemäßig für Drogenvergehen ausgesprochen wurden, hielt man Kokain zur damaligen Zeit für keine besonders gefährliche Droge. Obwohl diese Droge schon lange im Umlauf war, hatten es die südamerikanischen Drogenkartells in den 1970ern geschafft, sich am amerikanischen Markt zu etablieren und überschwemmten das Land mit dem weißen Pulver, das unter den Wohlhabenden des Disco Zeitalters so hip und beliebt war. Die American Psychological Association hatte die Droge noch nicht offiziell als süchtig machend eingestuft und sie war fast an jeder Ecke erhältlich, ganz besonders in der NBA, wo die neue Gehaltsstruktur den Spielern viel Geld beschert hatte.
Im Jahr 1976 „verschnupften“ bereits einige Spieler einen Teil ihres Geldes, wenn man so sagen will. Es dauerte nicht lange, bis der NBA der Ruf von Drogenmissbrauch anhaftete. „Jeder nahm es“, erinnert sich Sonny Vaccaro. „Und ich meine wirklich jeder. Die ganze NBA-Kultur basierte damals auf Drogen.“
Philadelphia war eines der vielen Teams, die sich nun im Sog einer sich immer schneller verändernden Populärkultur wiederfanden. Der Fall Jellybean war einer der ersten, der das Problem an die Öffentlichkeit brachte. „Eine Menge Leute in Philly machten sich Sorgen um ihn; sie mochten ihn und wollten ihn nicht untergehen sehen“, erklärt Dick Weiss, der damals viel über die 76ers berichtete. „Keiner sprach damals darüber. Würde so etwas heute passieren, ginge es durch alle Medien. Doch damals war es Teil der Kultur.“
Wie auch immer, Bryants Verhaftung machte Schlagzeilen. Der Vorfall ließ ihn beinahe verzweifeln, doch neben Richie Phillips als seinem Anwalt gab es da noch einen weiteren wichtigen Faktor, der ihm half: seine Freundschaft mit Sonny Hill, in dessen Liga, wie erwähnt, viele Bewährungshelfer und andere Gerichtsmitarbeiter tätig waren. Und Hill würde es nicht zulassen, einen Spieler zu verlieren, den er selbst von den Straßen Philadelphias gerettet hatte.
Phillips hatte bereits zwanzig Leumundszeugen organisiert, die als Fürsprecher für Bryant auftreten sollten, eine Taktik, die bei einer ersten Anhörung noch nie eingesetzt worden war. Auf der Liste standen auch Bryants Coach und der General Manager des Teams. Zwar war das Team gerade verkauft worden, doch der damalige Eigner Irv Kosloff hatte viel für Jellybean übrig und erschien als Leumundszeuge vor Gericht, genauso wie Joeys früherer Leichtathletiktrainer Reverend Eugene Festus, ein ehemaliges Mitglied der berühmten Harlem Hellfighters – einem US Infanterieregiment im ersten und zweiten Weltkrieg, das nur aus Afroamerikanern bestand – und der selbst eine Legende in Philadelphia war.
Die Staatsanwaltschaft brachte eine Flut an Beweismittel ein, doch in der Verhandlung Commonwealth gegen Joseph Washington Bryant III kam Richter J. Earl Simmons schnell zu dem Schluss, dass kein ausreichender Verdacht für die Polizei bestanden hätte, Bryants Wagen zu durchsuchen. Das war eine erstaunliche Entscheidung, vor allem wenn man an Bryants Verhalten in der besagten Nacht denkt.
Am Ende wandte sich der Richter mit folgenden Worten an Bryant: „Ich erwarte mir, dass Sie von nun an ein unbescholtenes Leben führen. Sie sind ein hochrangiges Mitglied unserer Gemeinde und ich erwarte, dass Sie sich auch so verhalten. Sie sind ein Vorbild für die Jugend in Philadelphia. Ich hoffe, dass Sie sich diese Rolle als Vorbild weiterhin verdienen.“
„Der Verein stand zu ihm“, erinnert sich Pat Williams. „Joe war geknickt, aber unglaublich erleichtert und dankbar. Ich vermute, die ganze Sache hat ihm den Schock seines Lebens versetzt.“
Am nächsten Tag titelte die Delaware County Times „Bryant kommt ungeschoren davon“, eine Meinung, die auch von anderen lokalen Medien geteilt wurde. Zumindest eine leichte Strafe hätte ihm gebührt, meinten sie.
Zwar gab es keine offizielle Strafe, doch das Gespenst der Ereignisse jener Nacht sollte Bryant während seiner ganzen Karriere verfolgen. Für ihn war dies die schlimmste Strafe, die er bekommen konnte, eine Strafe, für die es keine Bewährung gab.
Mit der Zeit wurde aber deutlich, dass die Entscheidung des Gerichts auch die Familie gerettet hatte. Wäre der Richter nicht so nachsichtig gewesen, hätte Joe Bryant leicht eine Gefängnisstrafe absitzen müssen und es hätte wohl nie einen Kobe Bryant gegeben. Fans der Los Angeles Lakers wären nie in den Genuss der außergewöhnlichen Persönlichkeit des Mannes gekommen, der sich selbst die schwarze Mamba nennen würde.
Teil 2
Kapitel 6
KOBE BEAN
Im November 1977 legten die 76ers eine Siegesserie von 41 Spielen hin. Am Freitag vor Thanksgiving besiegten sie die Boston Celtics klar mit 121112. Sofort nach dem Spiel flogen sie zurück nach Philadelphia, wo sie innerhalb von drei Tagen ihre nächsten beiden Spiele, nämlich gegen Milwaukee und Houston, gewannen. Danach ging es nach Detroit, um gleich am nächsten Tag, Thanksgiving Day, wieder im Flugzeug zu sitzen. Irgendwann dazwischen fanden Joe und Pam Bryant Zeit, mit ihrem dritten Kind schwanger zu werden. Sharia hatte bereits 1976 das Licht der Welt erblickt und ihre zweite Tochter Shaya 1977. Genau neun Monate nach den Heimspielen vor Thanksgiving, kam ihr erster und einziger Sohn auf die Welt, am 23. August 1978, gerade nachdem Joe wieder einen erfolgreichen Sommer in der Baker League gehabt hatte.
Der Stammbaum der Bryants hatte schon drei Generationen an Josephs hervorgebracht. Auch die Coxes hatten bereits drei Johns in Folge. Doch anstatt die Familientraditionen fortzusetzen, entschieden Pam und John ihren Sohn Kobe taufen zu lassen, angeblich, da sie während Pams Schwangerschaft ein köstliches Dinner in einem japanischen Steakhaus genossen hatten. Wie sie beide einmal später sagten, gefiel ihnen der Klang des Namens, vor allem da sie es Ko-bie und nicht wie im Japanischen Ko-be aussprachen. Und da sie nicht ganz auf eine namentliche Verbindung zwischen Vater und Sohn verzichten wollten, gaben sie ihrem Sohn einen Mittelnamen, der an den Spitznamen seines Vaters erinnern sollte: Bean. Wie in Kobe Bean Bryant. Als ob man weitere Beweise dafür benötigt hätte, wie verrückt das Paar war, würden einige Beobachter später einmal anmerken.
Doch es waren die Siebziger, ein Jahrzehnt in dem eine neue Generation sich über die Grenzen vergangener Traditionen hinwegsetzte. Indem sie ihren Sohn Kobe Bean nannten, trafen Joe und Pam Bryant genau den Zeitgeist dieser Ära. Und sie waren ja schließlich auch ganz begeistert von dem Steak gewesen. Abgesehen davon würde sich dieser Name natürlich als die perfekte Wahl für ein Alleinstellungsmerkmal und bei der Vermarktung erweisen und ihren Sohn zu einem dieser Stars machen, die nur unter ihrem Rufnamen bekannt sind. Anfangs verwendeten die Zeitungen in Philadelphia noch beide Vornamen, wenn sie über den Sohn der Bryants berichteten, so wie in „der junge Kobe Bean ist ein vielversprechendes Talent“. Bei genauerer Betrachtung macht der Name Sinn, denn Fleisch vom Kobe-Rind ist äußerst kostbar, wird nach einer ganz besonderen Methode gezüchtet und verarbeitet und ist eine der am meist geschätzten und außergewöhnlichsten Marken, so wie Kobe Bean Bryant selbst.
Was jedoch viel wichtiger war als der Name, war seine Abstammung, wie Paul Westhead anmerkt. „Pam kam aus einer Sportlerfamilie. Chubby konnte schon was, er war sehr sportlich und hatte wirklich Talent. Zugegeben, er war kleiner als Joe, doch er war ein sehr guter Basketballspieler. Wenn man dann an Kinder denkt, die aus so einer Verbindung hervorgehen, so könnte man sagen, dass Kobe eine Menge Talent bei seiner Geburt mitbekommen hat.“
Neben den entsprechenden genetischen Voraussetzungen beginnt die Entwicklung großer Athleten meist mit einer sehr ehrgeizigen und perfektionistischen Mutter. In dieser Hinsicht ist Pam Cox Bryant allerdings ein wenig ein Rätsel, da sie anders als Deloris Jordan, Michael Jordans Mutter, niemals ein Buch schrieb, nie auf dem Cover einer Zeitschrift zu sehen war oder überallhin mitkam. Stattdessen hielt Pam sich meist hinter der Bühne auf. In den für ihren Sohn prägenden Jahren zeigte sie ein besonderes Talent dafür, aus dem Hintergrund die Fäden zu ziehen, was ihr sowohl die Bewunderung als auch den Zorn von Freunden und Familie einbrachte. Obwohl sie sehr attraktiv und intelligent war, Charme hatte und einen Sinn für die feinen und schönen Dinge im Leben, bevorzugte sie es, genauso wie schon ihr Vater zuvor, das Rampenlicht, in dem ihr Sohn stand, zu meiden.
Das vielleicht beste Beispiel für ihren Perfektionismus war ihre Familie. Ihre drei Kinder waren immer gepflegt, gut angezogen und sehr gut erzogen. Beide Töchter sowie auch der Sohn hatten schon vom Kindergartenalter an exzellente Manieren, sprachen ordentlich und benahmen sich vorbildlich. „Würden alle ihre Kinder so erziehen wie die Bryants, gäbe es viel mehr produktive Menschen auf der Welt“, meint Leon Douglas, Joes Teamkamerad in der italienischen Liga, der hautnah miterlebte, wie Pam ihre Kinder erzog.
Trotzdem sagten Familienangehörige und Freunde, dass Pam ihrem Sohn Kobe die meiste Aufmerksamkeit und Liebe zukommen ließ und eine enge Verbindung zwischen Mutter und Sohn bestand. „Als Pam endlich einen Sohn hatte, war sie überglücklich“, meint ein Freund der Familie. „Verstehen sie mich nicht falsch, sie liebte ihre beiden Töchter, doch Kobe war der Mittelpunkt der Familie, um den sich alles drehte. Vielleicht war es auch, was Joe wollte und sie wollte Joe nicht verlieren. Er war der Sohn, dem sie alles mitgeben konnten.“
Die Art, wie Pam als Teenager ihren Bruder Chubby verhätschelte, war also nur die Generalprobe für das Hauptevent, nämlich die Erziehung ihres Sohnes. „Als Kobe auf die Welt kam, erstrahlte Pam vor Glück“, erinnert sich Mo Howard. „Sie liebte ihren Sohn abgöttisch und gleich danach kam Chubby. Wie sie Chubby verhätschelt hatte, war schon heftig. Doch nun hatte sie ihren eigenen Sohn.“
Wenn es darum ging, das perfekte Familienbild zu wahren, war Pam gnadenlos. „Egal wie es innerhalb der Familie aussah, für uns erschien alles perfekt“, erklärt ein Freund der Familie. „Wenn sie über jemanden sprach, dann war immer alles vorbildlich. Sie versuchte alles so darzustellen, als wäre es perfekt. Kobe. Ihre Töchter. Einfach alles.“ Und diese Perfektion schloss Pams eigenes Verhalten mit ein. „Sie sah immer sehr attraktiv aus, war extrem nett und umgänglich, und so verhielt es sich auch mit ihren beiden Töchtern.“
Dieser Perfektionismus erstreckte sich auch auf die Leistungen, die sie von ihren Kindern erwartete. Die individuellen körperlichen und sportlichen Begabungen ihrer Kinder durften keine Entschuldigung sein. Sie erwartete von ihnen, dass sie ihre Hausaufgaben machten und sich pflichtbewusst und verantwortungsbewusst verhielten. Von Geburt an wuchs Kobe in einer Familie auf, die von anderen bewundert wurde und nicht nur in den Zeitungen von Philadelphia, sondern überall, wo sie hingingen.
Pat Williams erinnert sich, wie die Bryants ihren Sohn stolz ins Spectrum, die Basketballarena der Sixers, mitnahmen: „Die Leute fragten mich häufig: ‚Woran erinnerst du dich bei Kobe Bryant?‘ Und ich sagte dann immer, ich erinnere mich an seine Großeltern, wie sie ihn in den Armen hielten oder mit ihm im Kinderwagen zu den Spielen kamen. Man kann fast sagen, dass er im Spectrum aufwuchs. Sein erstes Lebensjahr verbrachte er bei den 76ers.“
Gilbert Saunders erinnert sich, wie er zufällig auf Joe und seinen kleinen Jungen traf, als er aus dem Fahrstuhl stieg. Der kleine Kobe Bean saß in einem Tretauto. „Es war ein kleiner Mercedes.“ Jellybean war ganz der stolze Papa – wenn er da war.
Später war Kobe Bryant für seine Vater-Sohn-Beziehung bekannt, die sich aus der Liebe beider zum Basketball ergab. Doch aufgrund Joes Bekanntheitsgrad und den Reiseverpflichtungen eines Profisportlers während Kobes Kindheit, verwundert es nicht, dass Kobe Beans erste und engste Bindungsperson Pam Bryant war. Selbst seine Schwestern bezeichneten Kobe als ewiges Muttersöhnchen.
Kobe nahm viel von Pams Persönlichkeit an, weit weg von der lebensfrohen Lebenseinstellung seines Vaters. „Von der Begeisterung her, der Liebe zum Basketball, bin ich mehr wie mein Vater“, sagte Bryant 1999. „Doch am Platz bin ich mehr wie meine Mutter. Sie hat das Temperament eines Pitbull Terriers“, erzählte er und klatschte dabei laut in die Hände, „gewinnen um jeden Preis. So vereine ich das Beste aus beiden Welten.“
Zum Großteil teilten Mutter und Sohn sehr nette Eigenschaften, doch eben auch ein Verhalten, das sie in Sekundenschnelle eiskalt erscheinen ließ. Diese Kälte konnte recht abschreckend auf andere wirken. In Kombination mit plötzlichen, heftigen Wutausbrüchen verwendeten sowohl Mutter als auch Sohn diesen Aspekt ihrer Persönlichkeiten, um andere wissen zu lassen, wie weit sie gehen durften.
Die stärkste Triebfeder war jedoch Perfektionismus. Tex Winter, der als Trainer eng mit Jordan und Bryant zusammenarbeitete, meinte oft, dass Perfektionismus wohl die wichtigste aller Eigenschaften war, welche diese beiden Athleten teilten. Blickt man auf Bryants Erfolge zurück, so kann man getrost sagen, dass seine Mutter es war, die ihn zu der Person machte, die er heute ist.
Championship Blues
Auch wenn der Familienzuwachs Joe Bryant sicherlich glücklich machte, rief der Verlauf seiner Basketballkarriere wohl eher gegenteilige Emotionen in ihm hervor. Während der Off-Season 1977 schloss das Team einen Multimillionen-Dollar-Vertrag mit Julius „Dr. J“ Erving ab, der von den New York Nets kam, gerade als sich die ABA auflöste. Damit rutschte Joe in Gene Shues Rotation noch weiter nach hinten. Seine schon bisher magere Spielzeit, über die sich Jellybean als Rookie beschwert hatte, wurde auf einen Schlag noch einmal fast um die Hälfte gekürzt.
„Er hatte seine Momente“, sagt Pat Williams. „Wir wussten, dass Joe Bryant außergewöhnliches Talent besaß und wir alle waren uns sicher, dass wir mit diesem Schwung an jungen Spielern in eine rosige Zukunft blickten. Doch wir hatten eben auch eine Veteranentruppe, die noch über ihnen stand. McGinnis, Julius Erving, Steve Mix, Harvey Catchings und wir wollten Darryl auch weiter aufbauen. Wir hatten einfach schon zu viele Talente im Kader.“
Wenn er spielte, war Jellybean ein Teil des berüchtigten Bomb Squad, des Bombenkommandos – was nicht gerade zu seiner Entwicklung beitrug. „Der zweiten Garnitur war alles egal, sie mussten sich ja hinter Erving und den anderen einreihen. Deswegen gingen sie immer aufs Ganze, wenn sie ins Spiel kamen. Daher rührt wahrscheinlich auch Joes schlechter Ruf“, meint Mo Howard.
„Ich fragte Joe einmal, was bei den Sixers los wäre“, erzählt Vontez Simpson, „denn sie hatten ja echt viele Talente. Er meinte dann zu mir, dass sie niemanden in der Mannschaft hätten, der als Vorbild diente und ihnen ihre Grenzen aufwies. Das Team hatte viele junge Spieler, die viel Geld verdienten und ordentlich Party machten nach den Spielen.“ Trotzdem schafften es die Sixers ins NBA-Finale, wo sie sich jedoch den Portland Trailblazers, nachdem sie bereits 2-0 in der Serie vorangelegen waren, noch 4-2 in Spielen geschlagen geben mussten.
Da die Probleme vom Ende der vorangegangenen Saison auch in der neuen Saison weiterbestanden, wurde der neue Besitzer der 76ers, F. Eugene Dixon, immer unzufriedener mit Gene Shue, der einer der ersten Coaches war, der einen Agenten engagierte – den immer präsenten Richie Phillips. Eines Tages befahl Dixon seinem General Manager, Shue zu entlassen und den früheren Sixers Coach Billy Cunningham anzuheuern.
Cunningham brachte eine bestimmte Pragmatik mit. Joe Bryants Leistung in den vergangenen Playoffs war gut genug, dass sein Vertrag für weitere zwei Jahre verlängert wurde. Zwei Saisonen, in denen Coach Cunningham und seine Assistenten Chuck Daly und Jack McMahon die „Bomb Squad“-Atmosphäre im Team eliminierten.
Nachdem das Bombenkommando weitgehend entschärft war, schaffte es Philadelphia 1979 wieder in die Playoffs. Während einer auf Messers Schneide stehenden Serie gegen San Antonio brachte Cunningham Joe Bryant ins Spiel und musste mitansehen, wie dieser sofort einen weiten Wurf nahm, der den Korb verfehlte und im Gegenzug zu einem Korb für die Spurs führte. Cunningham holte Jellybean sofort wieder vom Spielfeld, doch die Sixers verloren das Spiel.
Vier Jahre lang hatte Joe bei Interviews immer wieder geklagt, dass er getradet werden wollte. Und nun ergab sich die Gelegenheit dazu.
Während der Vorbereitung auf die nächste Saison versuchte das Management der Sixers Bryant an ein anderes Team zu verkaufen. Doch es fand sich kein Abnehmer. Im Oktober schließlich, als die Saison bereits in den Startlöchern stand, bot Gene Shue den Erstrundenpick seines Teams für das Jahr 1986 an, um dafür Joe Bryant von Philadelphia zu erwerben.
In seinen ersten vier Jahren in der NBA hatte Jellybean bei den Sixers Kurzeinsätze auf allen fünf Positionen gehabt und gute Leistungen als Guard, Forward und sogar als Center gezeigt.
Rückblickend meinte Pat Williams einmal, dass Bryant flexibel einsetzbar war, aber eben nicht gut genug, um auf einer Position wirklich hervorzustechen. Für einen top Guard war er nicht schnell genug, für einen herausragenden Forward fehlte ihm die Athletik und er war nicht kräftig genug regelmäßig Center zu spielen.
Dazu kam noch, dass seine Leistungen nicht konstant genug waren, was sehr frustrierend war. In einem Spiel war er genial und im nächsten kam dann wieder fast gar nichts von ihm. Außerdem war die Partyatmosphäre in Philadelphia nicht gerade ideal für eine junge Familie mit drei Kindern, von denen das älteste gerade einmal vier war. Der Umzug nach San Diego gefiel Pam schon aufgrund des besseren Wetters und auch das Klima auf dem Platz sollte besser werden.
Kapitel 7
DER HOFNARR
Die Clippers gehörten damals dem Filmproduzenten Irv Levin und dem New Yorker Anwalt Harold Lipton. Gene Shue war mit dem Versprechen nach San Diego gekommen, schnellen und aufregenden Basketball spielen zu lassen. In seinem ersten Jahr bei den Clippers erreichte Shue den fünften Platz in der Western Conference mit 43 Siegen. Die Erwartungen stiegen noch weiter als das Team im September 1979 Center Bill Walton verpflichtete und ein Monat später Jellybean.
Mit der Wiedervereinigung mit Shue bekam Joe Bryant nun auch regelmäßige Einsätze und damit auch eine wichtige neue Identität – die des Rollenspielers. Nun, da er nicht mehr unter diesem Druck stand ein Starspieler zu sein, wie es in Philadelphia der Fall gewesen war, lebte er sich schnell in San Diego ein und punktete zweistellig.
Zum ersten Mal begriff Bryant auch den Erwartungsdruck, dem er in seiner Heimatstadt permanent ausgesetzt gewesen war. Nun konnte er klarer denken, meinte er. „Den Superstar zu geben, ist einfach nicht mein Ding.“
Obwohl er nicht mehr im Rampenlicht stand, hatte er weiterhin große Momente, in denen er selbst Superstars wie Kareem Abdul-Jabbar und Bostons Larry Bird einfach an die Wand spielte.
Walton spielte aufgrund seiner Fußverletzung, die er sich am Anfang der Saison zugezogen hatte, nur 17 Spiele und so kamen die Clippers auf mickrige 35 Siege, was auch die Zahl der Stadionbesucher in der Diego Sports Arena unter 6. pro Spiel sinken ließ. Die Besitzer entließen Shue nach der Saison und bestellten Paul Silas als neuen Trainer, der bei den Clippers seinen ersten Job als Headcoach antrat. Silas hatte sich als Spieler einen Ruf als harter, smarter Profi erarbeitet, nachdem er mit den Boston Celtics zwei Meistertitel als Forward an der Seite von Dave Cowens gewonnen hatte.
Im Frühling 1980 sah Joe Bryant wie ein 2,10 m großer Point Guard namens Magic Johnson die Lakers in sechs Spielen zu einem Sieg über Philadelphia im NBA-Finale führte. Johnson spielte während dieses Showdowns sowohl als Guard, als auch als Center und Forward. Er verkörperte genau den Typ Spieler, der Jellybean immer sein wollte. Damit kehrte auch seine Frustration zurück und die hypothetische Frage, wie alles hätte anders sein können.
„Ich vermute, Joe war seiner Zeit ein wenig voraus“, sagte Sonny Hill in einem Interview im Jahr 2015. „Das war alles noch bevor man Spieler seiner Größe in der Liga hatte. Das ist, warum er sich immer als der erste in der Art von Spielern wie Magic Johnson sah.“
„Redet man von Magic Johnson, dann spricht man von einem der besten Basketballspieler aller Zeiten. Joe war nicht einmal annähernd so gut“, sagt Gene Shue. „Ja, da gab es ein paar Ähnlichkeiten im Spiel, doch Joe war mehr ein Perimeter-Spieler: er konnte mit dem Ball umgehen, er konnte passen. Doch in der NBA war er nie der Mann, zu dem man sagte: ‚Ok Joe, wir wollen, dass du das jetzt die ganze Zeit machst.‘“
„Niemals der Star.“ Das war eine Phrase, die Joe Bryant seine gesamte Karriere verfolgen würde und ein Gedanke, der seinen Sohn dazu antreiben sollte, das genaue Gegenteil zu tun. „Ich will einfach nur der Star sein“, würde Kobe Bryant immer wieder und wieder zu Beginn seiner Karriere sagen.
Obwohl Jellybean für die Clippers spielte, trug sein kleiner Sohn eine winzige Lakers-Jacke. Der frische Wind, welcher da Einzug in den Sport gehalten hatte, war bereits zu spüren und Joe Bryant hatte mit den Lakers und Magic Johnson bald ein neues Ideal gefunden, so wie sein Sohn in den Jahren danach.
Jellybean blieb jedoch nichts anderes übrig als aus der Ferne zusehen und so weiterzumachen wie bisher. „Jeden Tag, den ich bei Auswärtsspielen verbrachte, rief ich zu Hause an und sprach mit Pam und den Kindern“, sagte er damals. „Und ich rief auch immer meinen Vater an, egal ob wir gewonnen oder verloren hatten.“
Währenddessen kümmerte sich seine Frau weiter um den jungen Haushalt und die Erziehung der Kinder. Es brauchte schon eine Frau mit besonderem Willen, die Finanzen zu verwalten und einen NBA-Ehemann auf dem Pfad der Tugend zu halten, erinnert sich Pat Williams. „Pam hielt die Familie am Laufen. Joe war ein unglaublich liebenswerter Kerl. Er konnte aber auch unberechenbar sein.“
Die Filmmontage über die Bryant-Familie in den 1980ern umfasste Erinnerungen an den kleinen Kobe, wie er einen Ball in einen winzigen Plastikkorb wirft, während er seinen Vater im Fernsehen für die Clippers spielen sieht. Am Anfang von Joes dritter Saison in San Diego war Kobe schon größer und so auch der Korb. Das brachte ihm auch die erste Schlagzeile seiner Karriere in der Philadelphia Tribune ein: ‚Bryants Sohn – Dunking als Dreijähriger?‘, fragte die Zeitung damals.
Allem Anschein nach hatte er sich das Trampolin seiner Schwestern ausgeborgt. Jahre später behaupteten seine beiden Schwestern, dass ihr Bruder bereits damals auch schon begann seine linke Hand zu trainieren.
„Er lief im Haus herum und dribbelte den Ball durch die Gegend. Ich wollte, dass er einmal Arzt wird“, erinnert sich Big Joe. „Er sagte zu mir: ‚Opa, ich will Basketballer werden.‘ Darauf sagte ich dann immer: ‚Aber als Basketballer schwitzt man dauernd und wird ganz müde.‘ Und er antwortete: ‚Opa, das sollen ja Basketballer auch, schwitzen und müde werden‘.“
Besser ging’s nicht
Das erste Mal in seiner Karriere war Jellybean kein Ersatzspieler mehr, der darauf hoffen musste, die eine oder andere Spielminute zu bekommen, sondern bekam volle Spielzeit jedes Spiel. Wie Cunningham in Philadelphia, so war auch Silas ein Trainer, der keine extra Showeinlagen duldete und trotzdem hatte der nun 26-jährige Jellybean seine beste Saison unter dem Rookiecoach mit einem Schnitt von 11,6 Punkten, 2,3 Assists und 5,4 Rebounds bei 28,8 Minuten Spielzeit pro Spiel. Allerdings war es nicht einfach für Silas, Bryant im Zaum zu halten.
Die Clippers brachten es auf 36 Siege und Bryant gab dem Team ein gewisses Flair, das dem Publikum gefiel, zumindest behauptete er dies immer in seinen Telefonaten mit Big Joe.
Doch die guten Zeiten waren nach der Off-Season vorbei, als Immobilienmagnat Donald Sterling das Team kaufte. Obwohl dieser mit seinem Vermögen prahlte, als er das Team erwarb, machte sich Sterling schnell einen Namen für seine Sparpolitik und kaum nachvollziehbaren Entscheidungen, die einen langwierigen und schmerzhaften Prozess in Gang setzten und das Franchise an den Rand des Abgrunds brachten.
Nachdem er einige Spieler abgestoßen hatte, um Gehalt einzusparen, rutschten die Clippers am Ende der Saison 1981/82 auf 17 Siege ab, denen 65 Niederlagen gegenüberstanden. Während der Saison hatte sich Jellybean darüber beschwert, dass das Team nicht in der ersten Klasse flog, so wie es in der Vereinbarung zwischen der Spielergewerkschaft und der Liga festgelegt war. Als das Management keine Reaktion zeigte, drohte er zusammen mit dem Team eines der nächsten Spiele zu boykottieren. Zwar konnte ihn Silas von der Idee mit dem Boykott abbringen, doch der Schaden war angerichtet und das Frontoffice der Clippers würde dies nicht vergessen. Es sah fast so aus, als wäre Joe auf einer persönlichen Mission gewesen seine Karriere absichtlich in den Sand zu setzen.
Nun stand auch noch „Clubhouse Lawyer“ – also ein Spieler, der ohne gefragt zu werden immer gleich die Regeln zitiert – als weitere negative Eigenschaft in seinem Lebenslauf.
Der einzige Lichtblick für ihn in diesem miserablen Jahr war wohl der kleine Kobe und seine Ballbehandlung beim Clippers Training. „Ich sah ihn in der Arena spielen“, erzählte Silas dem Sportjournalisten Jonathan Abrams einmal. „Er war noch ein kleines Kind damals.“
Jellybean erholte sich von den Niederlagen, indem er an seinen freien Tagen mit Kobe zu den Spielen der Lakers ging. „Kobe ist beinahe vier und schon ein großer Junge“, sagte Jelly damals. „Ich habe ihn zu ein paar Lakers Spielen mitgenommen und ihn den Spielern vorgestellt. Er ist ein großer Fan von Magic Johnson.“
Übersetzt hieß das natürlich, dass Joe Bryant selbst ein Fan von Magic war. Der hünenhafte Guard der Lakers verkörperte alles, was Bryant selbst sein wollte, doch nie sein konnte.
Nach Ende der Saison wurde Joe zusammen mit einem Zweitrundenpick der Clippers gegen einen Zweitrundenpick an die Houston Rockets abgegeben. Dies bedeutete auch, dass er von einem Team, mit dem es bergab ging, zum nächsten Verein, der sich am absteigenden Ast befand, wechselte – auch wenn Bryant dies anfangs noch nicht wusste. Er dachte, er würde dort einfach von Moses Malone, der zu den Sixers gegangen war, übernehmen und absahnen. Die Rockets wurden von Del Harris trainiert und hatten es 1981 ins Finale der NBA-Meisterschaften geschafft. Doch für die Saison 1982/83 hatten sie sich vorgenommen mehr Spiele zu verlieren, damit sie eine bessere Chance im darauffolgenden Draft hätten, um den Star der University of Virginia, Ralph Sampson, zu picken. Somit fielen die Rockets auf eine 14-68 Saison und Joe fiel mit ihnen.
Nach dieser Saison, seiner achten als Profi, wurde deutlich, dass niemand in der NBA an Jellybean interessiert war, obwohl er erst 28 Jahre alt war und am Zenit seiner Karriere. Zurückblickend meint Jerry West: „Er hat seine Karriere einfach weggeworfen.“ Paul Westhead wunderte sich, warum sein Collegestar nie ein wirklich respektierter NBA-Spieler wurde. Er hatte den Verdacht, dass die Ursache dafür, dass man ihn nie wirklich ernst nahm, in seinem Spitznamen lag und seine Verhaftung wegen Drogenbesitzes das Übrige dazu getan hatte.
Bob Ryan, der damals für den Boston Globe über die NBA berichtete, beschrieb Joe Bryant als den „Klassenclown“. Eine Ansicht, die viele teilten.
Nachdem die Saison 1983 vorüber war, zog er sich vom Sport zurück und begann Autos für den Besitzer der Rockets, Charlie Thomas, zu verkaufen. Zuerst gefiel es ihm, einen ordentlichen Beruf auszuüben, hatte sein ganzes Leben bis jetzt doch nur aus Basketball bestanden. Er mochte es, mit den Leuten zu reden und Autos, Pick-Up-Trucks und Lieferwägen zu verkaufen. Allerdings befand sich das Land zu dieser Zeit in einer Rezession, was hieß, dass die Zinsraten hoch waren und der Verkauf von Autos nur schleppend lief. Joe Bryant hatte keinen Collegeabschluss und kannte nichts anderes als Basketball.
Es waren schwere Zeiten für die Bryants, die wieder zurück nach Philadelphia zogen. Das einzige, das Joe noch neben seiner Familie hatte, war seine Freundschaft mit Sonny Hill. Er spielte weiterhin in der Baker League, wo er sein ganzes Showtalent ausleben konnte und ihn die Leute noch immer liebten. Zusätzlich begann er sogar als Trainer in der Sonny Hill Liga zu arbeiten, was ihm sehr viel Spaß machte. Hill wusste, dass noch eine Menge Basketball in Bryant steckte und begann Joe langsam dazu zu ermutigen, über eine Fortsetzung seiner Karriere in Europa nachzudenken. Dort war gutes Geld zu verdienen, erklärte er Joe.
In vielerlei Hinsicht war dies das Letzte, was Pam Bryant sich erhofft hatte. Immerhin war sie es, die sich die ganzen Jahre um die Familie kümmern musste und die Umzüge von Philly nach San Diego und dann weiter nach Houston organisiert hatte, und dabei eine Ehe mit einem selten anwesenden NBA-Ehemann am Leben erhielt. Und nun kam ihr Mann einfach so daher und erzählte ihr davon, dass sie wieder alles zusammenpacken und über den großen Teich nach Europa ziehen sollten?
Es dauerte einige Monate, bis sie sich mit der Idee abgefunden hatte. In der Zwischenzeit lebten sie immer noch in Houston, wo Joe weiter versuchte Autos zu verkaufen. Als sie später einmal danach gefragt wurde, was ihr an Houston gefallen hätte, sagte Pam gequält: „Die Pferde“. Gerade sie, bei der immer alles perfekt war, tat sich schwer etwas Interessantes zu finden, das sie über ihre Zeit in Texas sagen konnte.
Joe hatte sich nun endgültig dazu entschlossen, nach Italien zu gehen. Doch auch seine Kinder erzählten ihm, wie schwierig es für sie war, nach jedem Umzug wieder neue Freunde zu finden.
Schlussendlich verkaufte Joe seiner Familie den Plan, indem er ihnen sagte, dass es nur ein kurzes Jahr wäre und sie es als Gelegenheit betrachten sollten, ein anderes Land kennenzulernen. Dazu kam, dass sie das Geld brauchten. Pam hatte einen teuren Geschmack und sie wollte unbedingt ihr schönes Vorstadthaus behalten. „Sie hasste den Gedanken, Philadelphia wieder zu verlassen“, erinnert sich Joe. Doch am Ende gab sie widerwillig nach.
In diesem Sommer im Jahr 1984, kurz vor ihrer Abreise nach Italien, sah sich Kobe die Vorbereitung des US-Olympia-Teams für die Sommerspiele in Los Angeles im TV an. Das Olympiateam bestritt seine Vorbereitungsspiele gegen Spieler aus der Profiliga. Das war das erste Mal, dass ihm ein Spieler namens Michael Jordan auffiel. „Das Olympiateam bestand nur aus Collegespielern“, erinnert er sich. „Sie waren mitten in der Vorbereitung zu den Olympischen Sommerspielen und spielten gegen ein Profiteam. Da war dieser eine Spieler, der den Ball nahm und begann einen Konter zu laufen. Dann sprang er ab, segelte an Magic vorbei und stopfte den Ball in den Korb. Das war unmöglich, das konnte nicht wahr sein. Wer war dieser Typ? Den mag ich nicht, denn ich hielt zu Magic. Das war, glaube ich, das erste Mal, dass ich ihn sah.“
Kapitel 8
ITALIA
Das dunkelhäutige Gesicht scheint sich zu amüsieren, ein eingefrorenes Halbgrinsen vor einem Hintergrund aus weißen Spielern in einem Basketballcamp in Italien. Er steht allein in der rechten unteren Ecke des Fotos vor zwei Reihen strahlender italienischer Gesichter. Sie sind alle älter als er, doch der Ausdruck auf seinem Gesicht zeigt einen jungen Kobe Bryant, der bereits weiß, dass er schon jetzt ein weit besserer Spieler ist, als jeder einzelne der anderen jemals sein würde. Sie alle überragend steht ein lächelnder Joe Bryant, der besondere Gasttrainer des Camps. Während Jellybean immer lächelte, war Kobe das Gegenteil, vor allem wenn er am Platz stand, erinnern sich Freunde aus dieser Zeit.
„Seine Miene war immer ernst, wenn er spielte“, erinnert sich Michella Rotella, einer der älteren Jungen, der oft gegen den jungen Bryant auf einem Platz im toskanischen Dorf Ciriglio spielte. „Kein Lächeln. Immer hochkonzentriert.“
„Wenn es um Sport ging, war er immer todernst, immer angespannt“, meint Kobes Schwester Sharia.
„Kobes Mentalität war immer auf den Sieg fokussiert“, sagt Jacomo Vittori, ein anderer Freund aus Kindheitstagen in Italien.
„Als er acht war und ich elf, spielten wir in derselben Liga“, erzählte Sharia 1999. „Während wir alle Spaß beim Spiel hatten, wollte er nur gewinnen. Einmal, als wir 30 Sekunden vor Ende des Spiels mit zwei Punkten zurücklagen, rief er die ganze Zeit: ‚Gebt mir den Ball!‘. Es ging ihm nur ums Gewinnen. So war er eben schon immer.“
Das erste Mal als Kobe merkte, dass er Spiele allein entscheiden konnte, „war, als ich neun oder zehn war und bei den Junioren spielte. Wenn das Spiel auf der Kippe steht und du mit dem Rücken zur Wand, dann gebe ich nicht auf, sondern kämpfe. Entweder man kämpft oder man läuft davon und ich war schon immer ein Kämpfer.“
Jahre später meinte einer seiner Trainer bei Los Angeles, dass seine Zeit in Italien ihn gelehrt hatte, sich nicht auf seine unerfahreneren und weniger begabten Mitspieler zu verlassen, sondern nur auf seine eigenen Stärken. Als er bei den Lakers begann eigensinnig zu spielen, meinten einige seiner Coaches hinter vorgehaltener Hand, dass Bryant „wieder zurück in Italien wäre“.
„Er war wirklich egoistisch“, erinnert sich Jacomo Vittori und fügt hinzu, dass dieser Egoismus daher rührte, dass Kobe spielerisch einfach um so viel besser war als die anderen. „Das konnten alle sehen. Er war der einzige Farbige am Feld. Natürlich fiel es jedem auf. Er hatte richtig Talent.“
Das war auch die Zeit, in der sich gewisse Persönlichkeitsmerkmale, die er mit seiner Mutter teilte, erstmals bemerkbar machten. Er war ihr Nesthäkchen und sie liebte es, ihren Kobe herauszuputzen wie einen kleinen Gentleman, dass er fast wie ein Miniaturerwachsener aussah.
Pam Bryant hatte eine gewisse Umgangsform und selbst als kleiner Junge sah man starke Ähnlichkeiten in Kobes Verhalten. Italien und eine größtenteils europäische Kinderstube würden ihn immer leicht befremdlich erscheinen lassen, vor allem im amerikanischen Profibasketball.
Als man ihn am Beginn seiner NBA-Karriere einmal fragte, wie ihn die Zeit in Italien geprägt hätte, antwortete Bryant: „Ich springe hoch. Alles andere an mir ist italienisch.“
Das Leben in Italien tat den Bryants gut. Joes Tricks und Pässe, die in Philadelphia immer so bejubelt worden waren, kamen in Italien gut an. Gleich nach dem ersten Spiel begriff Joe, dass er hier seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte und wieder die Zuneigung der Fans, die ihm so fehlte, bekam. Die Italiener waren ganz begeistert von seinem Können am Ball und beschrieben Joes Spielweise immer mit dem gleichen Wort – „Schönheit“.
Italien war wirklich ein ganz spezieller Ort für Joe Bryants junge Familie und brachte sie einander wieder näher. Gleichzeitig wurde hier aber auch die Basis für Dinge gelegt, von denen die Familie noch nichts wissen konnte, Dinge, die inmitten des Glücks, das sie in Italien gefunden hatten, schwer zu verstehen gewesen wären, Dinge, die eine gewisse Kälte in ihr Leben bringen würden, Dinge, die der junge Kobe übernehmen und sich zu eigen machen würde.
So wie in den Vereinigten Staaten mussten die Bryants auch in Italien mehrmals umziehen, was eine gewisse Entfremdung förderte, ein Thema, das sich durch Kobes gesamtes Leben ziehen sollte. Als Kind hatte er es schwer, Freunde zu finden. Kaum hatte er endlich welche, war es auch schon wieder Zeit ‚Ciao!‘ zu sagen. Ihr erstes Heim in Italien hatten die Bryants in Rieti, wo Kobe kurz nach seinem sechsten Geburtstag auch mit der Schule begann. Sharia war damals gerade acht, Shaya sieben.
Rieti war eine kleine Gemeinde etwas nordöstlich von Rom gelegen und bekannt für den Stamm der Sabiner, deren Frauen der Legende nach von den Römern geraubt worden waren. Der malerische Ort liegt am Fluss Velino sowie an einem idyllischen See und grenzt im Süden an die Sabiner Berge. Mehrere Päpste hatten ihren Wohnsitz in diese Region verlegt.
Die Bryants lebten sich schnell ein. Der Verein stellte ihnen ein Haus und einen Wagen zur Verfügung. Zwar konnten sie kein Italienisch, doch die Kinder verbrachten ihre Nachmittage damit, sich gegenseitig mittels Wortspielen die Sprache beizubringen. Innerhalb von wenigen Monaten führten sie bereits ein angenehmes Leben in einer Welt, die so anders war als die, die sie zurückgelassen hatten. Für die Bryants war es aber auch eine wichtige Erfahrung in puncto zwischenmenschlicher Beziehungen.
„Wir hatten es sehr gemütlich dort“, sagte Kobe einmal. „Wir haben uns gleich eingelebt. Das Rückgrat ist die Familie. Wenn das einmal passt, ist alles andere auch gut. Das ist die Einstellung, die wir in Italien entwickelt haben. Egal, ob du 50 Punkte machst oder null, deine Familie steht hinter dir. Die Italiener machen das genauso. Es sind sehr warmherzige Menschen.“
Und so wurde Kobes Familie zum Fundament des Selbstvertrauens, das ihm sein Vater immer wieder versuchte mit auf den Weg zu geben. Joe Bryant erzählte später einmal, dass er es immer bereut hätte, zu wenig Vertrauen in sich selbst gehabt zu haben und nannte dies auch als einen der Gründe für sein Versagen. Für ihn war es wichtig, dass sein Sohn nicht die gleiche Schwäche haben würde. Ein weiterer Faktor für Kobes Selbstvertrauen war, dass er schon in frühester Kindheit dem Sport ausgesetzt war, was auch Fahrten zu den Spielen im Teambus mit seinem Vater einschloss. Jedes Profiteam hatte sein eigenes Jugendteam. Für das Jugendteam zu spielen und seinen Vater beim Training zu beobachten, half Kobe sein Spielverständnis zu entwickeln.
Im Nachhinein betrachtet war seine Zeit in Italien die wohl beste Basketballschule, die man sich vorstellen konnte. „Ich begann drüben auch Baseball zu spielen“, sagte er in einem Interview. „Das war großartig, da ich zum ersten Mal die grundlegenden Dinge von Anfang an lernte. Ich glaube, die Kids, die hier in den Staaten aufwachsen, lernen zuerst einmal diese ganzen Tricks, die so toll aussehen. In Italien bringen sie dir die Grundlagen bei und lassen diesen ganzen anderen Nonsens weg.“ Auch das zeigt, dass er über ein geschärftes Bewusstsein für den „Nonsens“ verfügte, der die Karriere seines Vaters ruiniert hatte.
Einige Coaches würden dem später einmal widersprechen und sagen, dass er sich gerade dadurch seine eigene Welt schuf, die ihn zu einem unbeliebten Mitspieler machen sollte. Doch auch seine Kritiker mussten zugeben, dass ihm diese Zeit auch in spielerischer Hinsicht half sich zu verbessern. „Ich denke, dass in Italien der Grundstein zu seiner Spielweise gelegt wurde“, meint Leon Douglas, Joes Teamkollege aus der italienischen Liga. „Dort konnte er alles ausprobieren und jeden einzelnen Aspekt des Spiels erlernen.“
Etwas anderes, das Bryant aus Italien mitgenommen hatte, war, dass er mit unglaublichem Willen und beinahe manischer Akribie daranging, sein Repertoire zu erweitern, wenn er meinte, dass ihm gewisse spielerische Skills fehlten. Eigentlich hörte er nie auf an sich zu arbeiten, wenn es um Basketball ging, das war schon als Kind so. Wenn er nicht gerade selbst spielte, sah er sich Videos von NBA-Stars an, erinnert sich Vittorio, der viele Stunden mit Kobe in seiner Kindheit verbrachte. „Kobe wollte immer nur Basketball spielen. Immer.“
Während der nächsten Jahre zeigte sich, dass er verstanden hatte, wie wichtig es war, immer fokussiert zu bleiben und er hatte bereits das entwickelt, was er später als „den Code“ bezeichnen würde. Kobe wusste schon früh, dass er Basketballprofi werden wollte, was wiederum bedeutete, dass er dieses Ziel nie aus den Augen verlieren durfte. Italien erwies sich dabei als ein wesentlicher Bestandteil, der ihn zu dem Spieler machen sollte, der er sein wollte. Neben den netten Menschen und der entspannten Atmosphäre spürte man auch viel Leidenschaft, egal wo man hinblickte. Von den zahllosen Renaissance Kathedralen und Kirchen bis hin zu den Basketballstadien vollgepackt mit singenden und tanzenden Fans. Sowohl diese Erfahrung als auch Joes Hartnäckigkeit waren es, die Kobes unverwüstlichen Glauben an sich selbst befeuerten.
Je größer sein Selbstvertrauen wurde, desto weniger beachtete er seine Mitspieler. Einige seiner damaligen Teamkameraden erinnerten sich über die Jahre immer wieder daran, wie geringschätzig sie sich von ihm behandelt fühlten. Sie beschwerten sich so lange, bis die italienischen Trainer begannen Bryant auf die Bank zu setzen, um den anderen Spielern auch Gelegenheit zu geben sich zu profilieren. „Ich war oft in Schwierigkeiten damals, andauernd den Mund offen und dumm gequatscht, was die älteren Burschen noch mehr verärgerte“, erinnert er sich.
Während dieser ersten Jahre in Italien, erkannten die Bryants bereits die Zukunft ihres Sohnes und begannen ihn auf seinem Weg zu unterstützten. „Sie haben dort Minikörbe für die Siebenjährigen“, erzählte Joe damals. „In einem Spiel erzielte Kobes Team 22 Punkte, von denen er selbst 16 warf. Danach holten sie ihn in die Altersgruppe der Zehnjährigen hinauf und auch dort war er besser als die anderen. Er hat einen gelben Gürtel in Karate und Baseball trainiert er auch.“
Zeit mit der Familie
Als Fremde in einem fremden Land lernten die Kinder der Bryants und ihre Eltern, was es hieß, aufeinander angewiesen zu sein. „Wir mussten uns einer anderen Kultur anpassen“, erinnert sich Kobe. „Meine Familie und ich mussten uns zusammenraufen. Es war als besuchte man eine andere Welt. Wir kannten niemanden in Italien und hatten nur einander. Also muss man zusammenhalten.“
Auch Joe Bryants Leben als Basketballer änderte sich aufgrund des kulturellen Unterschieds. Obwohl Fußball in Südeuropa weitaus populärer war, zeigten die Italiener doch ein bemerkenswertes Interesse an ihren lokalen Basketballteams. Italienische Vereine durften nur ein Maximum von zwei Amerikanern in der Mannschaft haben. Die Gehälter, die gezahlt wurden, waren für die Legionäre aus Übersee zufriedenstellend, genauso wie der Spielplan, der viel mehr Zeit für die Familie ließ als der Spielplan der NBA, wo es zwischen drei und fünf Spielen pro Woche gab und man permanent auf Achse war.
In Italien lag der Schwerpunkt auf den Trainingseinheiten, von denen es normalerweise immer zwei pro Tag gab, etwas das im amerikanischen Profibasketball undenkbar wäre. Spiele gab es in der Regel nur einmal pro Woche, meist sonntags, und die Saison dauerte von Oktober bis Mai.
„Ich kann die Kinder zur Schule bringen und sie am Nachmittag wieder abholen“, erklärte Joe der Philadelphia Tribune. Während sich Jellybean in der NBA wie in einem Käfig vorgekommen war, begann er sich in der italienischen Liga recht schnell wohlzufühlen. Langsam avancierte er dort zum Star mit einem Durchschnitt von 30 Punkten pro Spiel (man muss erwähnen, dass er die meisten Spiele gegen Spieler im Alter von 18 oder knapp darüber spielte). Wenn er Lust hatte und seine Show abziehen wollte, war das kein Problem dort. Auf den Rängen stimmten die Fans Gesänge über sein Können an. Einer dieser italienischen Schlachtgesänge, den sich Kobe gemerkt hatte, ging etwa so: „Wer ist besser als Magic oder Jabbar? – Joseph, Joseph Bryant!“.
Über den Winter 1987 erzielte Joe im Schnitt 37,8 Punkte für Rieti. Sein größter Fan blieb jedoch sein Sohn, der ihn zu vielen seiner Trainings begleitete. „Er spielte mit so viel Charisma“, erzählte Kobe später einmal über die Jahre, die sein Vater in Europa gespielt hatte. „Er brachte mir bei, das Spiel zu genießen.“
Der Umzug nach Italien bewirkte nicht nur, dass Joe mehr Zeit mit seinen Kindern verbringen konnte, sondern hatte auch sehr positive Auswirkungen auf seine Ehe mit Pam. „Pam und ich verbringen nun viel mehr Zeit miteinander als zu meiner Zeit in der NBA“, vertraute er einem Reporter 1986 einmal an. „Wir sind nun auch beste Freunde. Freunde und Liebende. Wir gehen gemeinsam laufen und trainieren zusammen im Fitnessstudio. Wir joggen für fünf oder sechs Meilen. Pam läuft ihre acht bis 10 Meilen. Vielleicht melden wir uns nächstes Jahr bei einem Rennen an. Eigentlich wollte Pam nicht weg aus Philadelphia, doch jetzt fühlt sie sich richtig wohl.“
Neben Basketball nahmen Kobe und seine Schwestern Ballettunterricht, und Shaya fand genauso viel Gefallen am Karatetraining wie ihr Bruder. Die Schulen, die sie besuchten, waren katholisch und wurden von strengen Nonnen geleitet, die den Kindern eine erstklassige Erziehung angedeihen ließen.
„Meine Kinder können schon so gut Italienisch, dass sie sogar im landesweiten Fernsehen interviewt wurden“, sagte Joe. „Mein Vater muss sie immer darin erinnern, Englisch zu sprechen. Pam und ich sind gerade dabei, die Sprache zu lernen. Den Sportteil kann ich bereits lesen. Die italienischen Zeitungen gehen nicht gerade zimperlich mit ihren Fußballern um, wenn sie ein schlechtes Spiel hatten.“
Fußball war mit Abstand Sport Numero Uno in Italien. Sogar die wenigen öffentlichen Basketballplätze, die es gab, mussten immer wieder als kleine Fußballfelder herhalten. In seiner Zeit in Übersee wurde Kobes Einzelgängertum, das er mit seiner Mutter teilte, noch ausgeprägter. Er ging auf den Sportplatz und begann allein Werfen zu üben und an seiner Technik zu arbeiten. Wenn ein paar italienische Kinder auftauchten und spielen wollten, teilte er den Platz mit ihnen. Wenn dann noch mehr hinzukamen, dauerte es meist nicht lange, bis sich eine Mehrheit fand, die doch lieber Fußball spielen wollte. Das war dann auch der Punkt, an dem Kobe sein Training beenden musste und sich ihnen anschloss. Mit seinem sehr schlanken, hochgewachsenen Körper war er der ideale Tormann. Einige seiner Freunde von damals erinnern sich, dass er auch ein wirklich guter Stürmer war, was sich an seiner Beinarbeit und seinen Dribbelkünsten zeigte.
Fußball begann ihm richtig Spaß zu machen und so wurde er auch zu einem lebenslangen Fan, doch selbst dieser Sport vermochte den eisernen Griff des Basketball, in dem er gefangen war, nicht zu lösen.
Schlussendlich war es Pam und nicht Joe, die einen Korb zu Hause aufstellen ließ, was seinen Fanatismus für den Sport noch schneller wachsen ließ und seine Tendenz, sich von anderen Kindern zu isolieren.
Seine Großeltern in Philadelphia versuchten die Verbindung der Familie zur amerikanischen Kultur am Leben zu erhalten, indem sie viele Videos von Sportereignissen, meist Basketball, und verschiedene TV-Sendungen, speziell die Cosby Show, schickten. Angeblich war Kobe von dem, was er auf den Videos sah, so beeindruckt, dass er eine Zeit lang Breakdance machte. Was jedoch weitaus wichtiger war, waren die Basketballspiele, von denen er etwa 40 pro Saison zugesandt bekam.
„Sie sandten uns alle möglichen TV-Serien und Filme“, erinnert er sich. „Doch, worauf ich mich immer am meisten freute, waren die Basketballspiele. Ich brauchte die Videos, denn drüben hätte ich bis drei Uhr früh aufbleiben müssen, um sie zu sehen, aber ich hatte am nächsten Tag Schule. Das kam also nicht in Frage. So musste ich eben auf die Videos warten. Ich wartete immer ungeduldig auf den Postboten, dass er die Kassetten in unseren Briefkasten legte.“
Bald schon abonnierte Joe einen Service, der Videos von Spielen lieferte. Joe und Kobe sahen sich die Videos gemeinsam an, und passten besonders auf die Details auf, wie Beinarbeit – eine Einführung in Drop-Steps, Jab-Steps und V-Cuts – sowie die unterschiedlichen Offensiv- und Defensivstrategien der Teams in der NBA und ihrer Stars.
„Ich habe mir alle angesehen, von Magic Johnson über Larry Bird bis hin zu Michael Jordan und Dominique Wilkins“, erinnert sich Bryant. „Ich habe mir ihre Moves angesehen und in mein Spiel übernommen.“
Und so begann er sich anzugewöhnen, Spielmitschnitte zu studieren, normalerweise eine Aufgabe der Assistenztrainer. Als er dann in die NBA kam, verbrachte Kobe jeden Tag Stunden damit, seine eigene Leistung und die seiner Gegner bis ins kleinste Detail zu analysieren. Weit genauer und akribischer als es irgendein anderer NBA-Profi jemals tun würde.
In Italien pausierte der junge Kobe das Video und verlangsamte die Geschwindigkeit, um sich eine Sequenz nach der anderen anzusehen, wobei sein Vater oft daneben saß und ihn auf die wichtigsten Details hinwies. Wenn Joe nicht da war, studierte Kobe die Videos allein und verinnerlichte ganze Abläufe, vor allem jene, die Absichten und Tendenzen von Spielern verrieten. Im Alter von neun Jahren hatte er sein erstes Scouting-Video über einen recht unbekannten Guard der Atlanta Hawks namens John Battle zusammengestellt.
Zu dieser Zeit hatte auch Michael Jordan begonnen der NBA seinen Stempel aufzudrücken, doch der unangefochtene Star im Haushalt der Bryants, während Kobes Kindheit, war Magic Johnson. „Ich wollte damals nur Magic sehen“, erinnert er sich. „Alleine der Enthusiasmus, den er ausstrahlte, wenn er spielte. Er liebte es, auf dem Platz zu stehen, das konnte man sofort erkennen. Seine Pässe waren der reinste Wahnsinn.“
Die Lakers waren damals auf dem Höhepunkt angelangt und hatten dank Johnsons unglaublicher Ballkünste in den 1980ern einen Dauerplatz in der Finalserie der NBA gebucht. Das machte das L.A. Franchise zum Liebling der TV-Stationen. Kobes Zimmer glich einem Schrein für Magic Johnson, dominiert von einem riesigen Poster des Lakers-Point-Guards. Es war kein Zufall, dass Kobes Vater Johnson immer als Beispiel für den kompletten Basketballer zitierte.
Auf dem Fernseher daheim spielte er Magics Highlights rauf und runter, worüber einige seiner Kritiker später recht überrascht waren, da sich so wenig von diesem großen Passgeber in Bryants eigenem Spiel als Profi wiederfand. Obwohl Joe Kobe Videos von sich selbst aus vergangenen Tagen anbot, brauchte Kobe sie nicht.
Joe spielte eins-gegen-eins mit Kobe, wann immer er konnte, doch mit so vielen Trainingseinheiten war es unmöglich für Joe, Kobes unstillbaren Durst nach Basketball zu befriedigen.
Also begann Kobe, allein gegen sich selbst zu spielen. Er nannte es „Schattenbasketball“. „Ich spiele gegen meinen eigenen Schatten.“ Dazu bedurfte es auch unglaublicher Fantasie, die NBA-Stars, deren Bewegungen er von den Videos her auswendig kannte, zu visualisieren. Ähnlich wie Jerry West, der 40 Jahre davor – als dürrer Junge aus den Bergen Virginias – Stunden damit verbracht hatte, alleine am Korb zu trainieren.
Kapitel 9
DAS ROTE FAHRRAD
Jeden Sommer packten die Bryants ihre Sachen und flogen zurück nach Philly, wo Joe in der Baker League spielte und gleichzeitig als Coach in der Sonny Hill Liga aushalf. Nach zwei Saisonen in Rieti, zogen die Bryants für die Saison 1986/87 nach Reggio Calabria, einer Küstenstadt an der Südspitze Italiens mit einem ähnlichen Klima wie San Diego. Nach der nächsten Off-Season in Philadelphia kehrte die Familie nach Italien zurück und wieder einmal in eine neue Stadt. Kobe war nun in ein Alter kommen, in dem er bereits Aufgaben am Court übernehmen konnte.
Joes neues Team war in Pistoia, ein kleines aber geschichtsträchtiges Städtchen in der Toskana, das sich gerade auf seine Saison in der zweiten italienischen Liga vorbereitete. Auf Empfehlung seines Sohnes hatte der Präsident von Olimpia Pistoia, Piero Becciani, Joes Vertrag von Reggio Calabria um für Italien sagenhafte 150 Millionen Lire (damals etwa 115.000 Dollar) erworben. Das Team aus Pistoia hatte sich hohe Ziele gesetzt und wollte mit einer Offensivattraktion beim Publikum punkten und das Momentum der Begeisterung zum Bau einer neuen Halle nutzen. Leon Douglas, der zweite Amerikaner, der für die Saison 1987/88 vom Team unter Vertrag genommen wurde, erinnert sich, dass die Verpflichtung von Joe und ihm Pistoias letzter verzweifelter Versuch war, das Team zu retten, welches im ersten Jahr seine Heimspiele nicht einmal zu Hause austragen konnte. Stattdessen musste die Mannschaft für ihre Heimspiele in das mehr als 40 Kilometer weit weg gelegene Florenz reisen.
Bryant war die Offensivunterhaltung, die sie brauchten, um die Fans zu begeistern, sagt Douglas und fügt hinzu, dass er acht Jahre lang gegen Joe in Italien gespielt hatte und dabei war, als Joe einmal 70 Punkte in einem Spiel erzielte.
„Er hatte ein ganzes Arsenal an Waffen“, meint Alessandro Conti, der im Marketing- und Kommunikationsbereich des Vereins tätig war. „Joe Bryant war eine Berühmtheit im italienischen Basketballsport. Pistoia musste viel Geld auf den Tisch legen, um ihn zu bekommen.“
Das Risiko hatte sich gelohnt. Wo auch immer Pistoia spielte, kamen enthusiastische Fans in Scharen und feuerten Joseph Bryant an.
Sie verehrten ihn wie einen Gott, erinnert sich Jacomo Vittori, Kobes Freund aus der Kindheit. „Alles, was er tat oder sagte, war, als käme es aus Gottes Mund. Kobe hatte das gleiche Selbstvertrauen.“
Vittori lernte Kobe im ersten Jahr kennen, als sie beide als Putzkommando für das Team in den Pausen fungierten und Schweiß und Schmutz vom Parkett in der Halle in Florenz wischten. „Er war eines der Kinder, die den Schweiß vom Parkett wischten“, sagt Leon Douglas.
„Als Balljunge war ich immer knapp am Spielgeschehen“, erinnert sich Kobe. „So bekam ich ein Gefühl für die Geschwindigkeit und Körperlichkeit des Spiels.“
Jene, die ihn sahen, erinnern sich an Kobe als einen Jungen, der das Rampenlicht liebte. So sehr, dass er sogar rauslief, um den Boden aufzuwischen, obwohl es gar nicht nötig war, nur weil er das Publikum brauchte. In der Halbzeit ging Kobe auf den leeren Court und übte sein Schattenbasketball sowie seine Dribblings und Würfe. Oft auch unter Applaus und zum Erstaunen der Zuseher, die ihre Fähnchen schwangen, sangen und Vater und Sohn zujubelten.
„Wenn eine Auszeit genommen wurde, warf mir der Referee den Ball zu“, erzählt Bryant. „Dann habe ich ein wenig gedribbelt, bin aufs Parkett, machte einen Korbleger und ein paar Freiwürfe, bis das Spiel wieder weiterging.“ „In der Halbzeit unserer Spiele gab es immer die Kobe-Show“, erinnert sich Douglas. „Er ging raus und begann zu werfen. Als wir nach der Halbzeit aus der Kabine kamen, mussten wir ihn quasi vom Court jagen.“
Jahre später spielte Kobes ehemaliger Teamkollege von den Lakers, Metta World Peace, sein erstes Spiel in der italienischen Liga vor einer jubelnden Menge in Pistoia. Gleich nach dem Spiel rief er Kobe an und sagte zu ihm: „Gut, jetzt weiß ich, warum du so spielst, wie du spielst.“
Die amerikanischen Fans sind nicht annähernd so leidenschaftlich wie die Fans in Italien, sagt Leon Douglas über Pistoia. Alessandro Contis Freundin bestätigt das. Sie reiste in die USA und sah sich ein Spiel im Madison Square Garden an, dem angeblichen Mekka des Basketballs, und war erstaunt, dass ein Großteil der Fans dort das Spiel gar nicht richtig mitverfolgte.
„Diese Leidenschaft der Fans in Italien prägte Kobe in seiner Jugend“, sagt Conti.
„Er wuchs hier in Pistoia auf und sah unsere Fans“, erklärt Jacomo Vittori. „Hier hat er gelernt, alles zu geben und zu kämpfen.“
„Viele Kids kommunizieren oder reden kaum mit anderen, wenn sie jung sind“, meint Leon Douglas. „Sie sind introvertiert. Kobe war überhaupt nicht introvertiert. Er kommunizierte. Er wusste, wie man mit Erwachsenen umging. Er war vielleicht noch ein Kind, doch er konnte sein Verhalten je nach Bedarf im Handumdrehen an Erwachsene sowie an seine Altersgenossen anpassen.“
Kobe hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, im Mannschaftsbus zu den Spielen mitzufahren. Er hatte schon so viele Videos gesehen, dass ihm bewusst war, dass sein Vater für einen zweitklassigen italienischen Verein spielte, weit abseits des Glanzes der NBA.
„Einmal sagte Kobe etwas sehr Tiefsinniges“, erinnert sich Douglas. „Er sagte: ‚Wenn ich einmal älter bin, zeige ich euch, wie man spielt.‘ Er sagte, dass er einmal ein großer Spieler werden würde. Dieser Gedanke war schon damals tief in ihm verankert.“
„Ich erinnere mich an den kleinen Kobe und seine wunderbare Familie“, sagt Eugenio Capone, der damals auch für Pistoia spielte. „Ich werde nie vergessen, wie Joe nach dem Training oder einem Spiel mit ihm eins-gegen-eins spielte oder mit ihm den Umgang mit dem Ball und Werfen übte. Sie hatten viel Spaß dabei, aber gleichzeitig war es ein richtig ernstes Training.“
Während dieser Zeit war Joe stets Freund und Begleiter. Die Enttäuschung über seine eigene Karriere bestärkte ihn darin sicherzustellen, dass seinem Sohn dieses Schicksal nicht wiederfahren würde. Doch so sehr Joe auch einen erfolgreichen Sohn wollte, so war es doch Kobes eigene Motivation, die ihn antrieb.
„Mein Vater kam niemals zu mir und sagte: ‚Komm Junge, du musst jetzt dies oder das machen‘“, erklärt Kobe. „Ich ging zu ihm und suchte seine Hilfe, wenn ich sie benötigte.“
Kobe hatte seine eigenen Vorstellungen, was Basketball anbelangte und diese Träume wurden durch ganz andere Dinge angefacht als den Einfluss seines Vaters.
Ciriglio
Mit dem Umzug nach Pistoia suchten Joe und Pam ein Zuhause, wo sie mehr Ruhe hätten, abseits des hektischen Treibens der Stadt, und fanden es in einer großen Villa in dem kleinen Dorf Ciriglio, am Ende einer sich auf einen Hügel hinaufwindenden Straße. Es war ein idyllisches Fleckchen Erde. Die Einwohner dort sprechen noch immer davon, als Joe Bryant zum ersten Mal ins Dorf kam, eigenartig über das Lenkrad seines Volvo Kombi gebeugt, und einen Zwischenstopp im örtlichen Café einlegte, wo er einen Cappuccino in einer riesigen Tasse bestellte.
„Joe Bryant war wie der Bürgermeister von Ciriglio“, sagt Roberto Maltinti lachend. Sein Lächeln, seine Anwesenheit in den örtlichen Cafés, seine wunderbare Familie und seine schon beinahe legendäre Persönlichkeit halfen ihm, schnell die Herzen der Menschen zu erobern. Noch Jahre später dachten die Dorfbewohner sowie der Teambesitzer gerne an die Bryants zurück.
Maltinti erinnert sich, dass Kobe seinen ersten Werbevertrag im Alter von neun Jahren erhielt. Die Liga hielt gerade ihr All-Star-Spiel in Rom ab und Kobe bot sich als Balljunge an. Maltinti hatte nichts dagegen, verlangte aber, dass Kobe dabei einen Pulli mit dem Logo von Maltintis Firma tragen sollte. Kobe erklärte sich einverstanden, doch er war ein guter Verhandler. Er wollte ein neues Fahrrad. Am Morgen nach dem Spiel rief er bei Maltinti an. „Ich will ein rotes Fahrrad“, sagte er.
Endlich hatte Kobe einen fahrbaren Untersatz. Damit konnte er den kurzen Weg von Ciriglio den Berg hinunter bis zum Basketballplatz vor der Schule zurücklegen, um dort mit den älteren Burschen des Dorfes Basketball zu spielen. An Tagen, an denen niemand anderer dort war, spielte er eben wieder gegen sich selbst. „Er kam heim, machte seine Hausaufgaben und verließ dann das Haus und tat so als wäre er Dr. J“, erzählt Leon Douglas.
Maltinti erinnert sich daran, dass Mutter und Sohn sich sehr ähnlich waren. Der Teambesitzer selbst war ein großer Bewunderer von Pam Bryant. Sogar Jahre später schwärmte er noch immer von ihr.
Pamela war wie ein Feldwebel, sagte Maltinti 2015 in einem Interview. „Sie war das Oberhaupt der Familie, der Boss. Sie war wunderschön, freundlich, aber auch knallhart.“
Die Villa der Bryants war so groß, dass sie nach ihrem Auszug in zwei Häuser aufgeteilt wurde. Pam richtete das Haus ein und schmückte es, speziell zu Weihnachten, wo sie einen Ort der absoluten Ruhe daraus machte, erzählt Maltinti. Jahre später, als er hörte, dass die Familie sich entzweit hatte, bot er ihnen an, über Weihnachten wieder nach Ciriglio zu kommen, um in dieser friedlichen Atmosphäre wieder zueinander zu finden.
Vittori verbrachte viel Zeit mit den Bryants in Ciriglio – so viel, dass Shaya Bryant seine erste Freundin wurde. Er erinnerte sich auch daran, dass Kobe sehr oft bei den Vittoris aß. „Er liebte Pasta“, sagt Vittori. Kobe beeindruckte Vittoris Eltern mit seinen Manieren, die sich allerdings nicht bis auf den Basketballplatz erstreckten.
„Er hat dir nie den Ball zugespielt“, lacht Vittori. „Aber er wollte immer spielen. Immer. Er wollte einen Wurfwettbewerb.“
Diese Wurfwettbewerbe waren für ihn wie ein Traum, der Realität wurde. Dabei waren seine Gedanken weit weg in der NBA und er zählte die letzten Sekunden auf der Uhr hinunter, in denen er gegen Jordan, Magic, Dr. J, seinen eigenen Vater oder wen auch immer den entscheidenden Korb erzielt.
Kobe arbeitete hart daran, die Bewegungsabläufe der NBA-Stars zu studieren und kopieren. Später sagt er dann, dass ihn diese Spieler nicht besonders beeindruckten, da er ihre Moves selbst ausführen konnte. Und ja, das konnte er.
Die Kinder der Bryants verbrachten viele Nachmittage im Haus der Vittoris und manchmal, wenn Joe sie abholen kam, brachte er Vittoris Mutter Blumen mit. Genauso oft verbrachte Vittori Zeit oben in Ciriglio bei den Bryants.
Es lief zwar nicht alles perfekt beim Team in Pistoia, doch Joe Bryant und Leon Douglas schafften es, dem Club dabei zu helfen, seine Ziele zu erreichen. Als sie für ihre zweite Saison bei dem Verein zurückkamen, stand dort bereits eine 5.000 Zuseher fassende Arena. Es war ein niedriges Gebäude ähnlich einer Quonsetbaracke, doch den Leuten im Ort gefiel es. „Die Halle war immer ausverkauft“, erzählt Alessandro Conti.
Joe Bryant hatte wieder eine starke Saison, doch er gab Maltinti keine Chance, ihm einen neuen Vertrag anzubieten. Stattdessen unterschrieb er bei Reggio Emilia und damit waren die Bryants wieder einmal unterwegs zu neuen Ufern.
Auch dort gab es eine Jugendmannschaft und Kobe legte wieder das gleiche Verhalten an den Tag: er trainierte hart, war aber immer noch abgehoben in der Kabine. Auf dem Parkett wollte er alles selbst machen, sodass sich seine Teamkollegen überflüssig vorkamen. Er war so viel besser als die anderen, so entschlossen, dass es fast unmöglich für ihn war, seine Mitspieler zu verstehen. Letztlich begannen sie es ihm übel zu nehmen, dass er so eigensinnig spielte.
Kobe erzählte später einmal, dass sie zu ihm sagten: „Hier in Italien bist du gut, aber wenn du wieder zurück in Amerika bist, wird das anders sein. Das ist ein ganz anderes Spiel da drüben“.
Damit hatten sie nicht unrecht, zumindest am Anfang. Als Kobe im Sommer wieder in Philadelphia war und als Elfjähriger in der Sunny Hill League spielte, erzielte er keinen einzigen Korb in all seinen Spielen. Gut, er spielte in einer höheren Klasse, in der seine Gegner alle älter waren als er, doch er wurde regelrecht in Grund und Boden gespielt.
„Kobe wuchs quasi in dieser Liga auf“, sagte Tee Shields, der schon Joe in der Sonny Hill League trainiert hatte, einmal zu Reportern. In einer seiner ersten Saisonen in Hills Liga sah sich ein Berufsberater die Spieleranträge durch, um zu sehen, wo es Probleme geben könnte und bemerkte, dass Kobe unter Karriereziel „NBA“ eingetragen hatte. Das war genau eine dieser unrealistischen Erwartungen, vor denen die Sonny Hill League die jungen Burschen bewahren wollte. Für Sonny Hill war Basketball nur der Köder, der die Burschen von den Versuchungen und Schwierigkeiten auf Philadelphias Straßen fernhalten sollte. Natürlich war der Sport auch wichtig, doch der Schwerpunkt lag darauf, den Jugendlichen realistische Zukunftsaussichten aufzuzeigen. Der Berater hatte schon sehr oft diese Antwort gelesen. Viele junge Spieler dachten, sie wären auf dem Weg zu NBA-Ruhm und dem großen Geld. „Die Chance, es in die NBA zu schaffen, liegen etwa bei eins zu einer Million“, meinte der Berufsberater zu Kobe, „du solltest dir also etwas anderes für deine Zukunft überlegen“.
„Dann werde ich eben der eine aus der Million sein“, soll Kobe darauf geantwortet haben. Magic Johnson hatte es ja auch geschafft, genauso wie Michael Jordan. Warum sollte er es also nicht schaffen?
Das war genau diese Art von Selbstvertrauen, die ihm sein Vater beigebracht hatte. Später gab es einige Stimmen, die diese Einstellung als reine Arroganz bezeichneten. Andere wiederum waren voller Bewunderung für jemanden so jungen, der so zielstrebig war, ganz zu schweigen von seiner Begabung, egal wie viele Punkte er als Elfjähriger erzielt hatte.
Doch für Kobe selbst war diese Antwort nur logisch. Er wurde dazu erzogen, sich nicht als durchschnittlich zu sehen. Er wusste nur allzu gut über seinen Stammbaum Bescheid.
„Mein Vater und Onkel Chubby verbrachten viel Zeit mit mir“, erzählte Bryant einst über seine Jugend. „Sie trainierten mit mir Werfen, Rebounds zu fangen und wie man verteidigt. Darüber hinaus motivierten sie mich, immer alles zu geben.“
Insgesamt verbrachte Joe Bryant acht Saisonen in Europa als Spieler und Trainer in Italien, Spanien und Frankreich. Diese Erfahrung bedeutete auch, dass der junge Kobe viel herumgereist war und viele Orte und Sehenswürdigkeiten kennengelernt hatte: von den Alpen über den Vatikan bis hin zum Forum Romanum und den romantischen Kanälen Venedigs. Erst Jahre später, als sie auf diese Zeit zurückblickten, verstanden die Amerikaner, die in Italien gespielt hatten, wie entspannt dort alles war, egal für wen sie spielten. Joe erinnerte sich, wie er abends mit der Familie durch die örtlichen Straßen bummelte und Eiscreme aß – Erinnerungen, an denen sich die Familie Jahre später festhalten konnte, als sich die Dinge zum Schlechten wendeten.
Im August 1991 fasste Joe den Plan, zumindest noch eine Saison weiterzuspielen. Zu dieser Zeit schien auch Pam sich damit abgefunden zu haben, in Übersee zu leben. Sie konnte bereits exzellent italienisch kochen und hatte viel Europäisches in ihren Lifestyle übernommen. Dazu hatte sie auch noch ein gutes Auge für Design. „Es ist wundervoll in Italien“, sagte sie damals. „Die Menschen hier sind so nett und jeder kennt jeden. Dass Joe dort spielen darf, ist Glück im Unglück.“
„Ich muss sagen, dass meine Frau immer an meiner Seite stand in Italien“, gestand Joe der Tribune. „Ich liebe sie dafür, dass sie sich so gut um mich und unsere Familie kümmert.“
Das Ende ihrer schönen Zeit in Italien erreichte die Bryants in Form eines Anrufs mitten in der Nacht im Herbst 1991. Kobes Großeltern informierten die Familie, dass Magic Johnson öffentlich bekannt gegeben hatte, sich mit HIV infiziert zu haben und er sich deshalb vom Basketball zurückziehen würde. Am nächsten Morgen erzählten Pam und Joe Kobe davon, ohne dabei zu sehr in die Details der Krankheit zu gehen, die den Star der Lakers zum Rücktritt gezwungen hatte. Das war aber egal. Der damals 13-Jährige war am Boden zerstört. Er weinte, wollte kaum etwas essen und trauerte über eine Woche. „Ich versuchte zu verstehen, was da passiert war“, sagt er später einmal. Er wusste nicht, was dieses HIV war. Also versuchte er es herauszufinden. „Ich weinte. Ich wusste nicht, worum es dabei ging. Also las ich einige Bücher und borgte mir einen Film zu dem Thema aus, um mehr herauszufinden. Als Kind weißt du nicht, wie du damit umgehen sollst. Ich hatte die Hoffnung, ihm irgendwie helfen zu können. Es war wirklich eine schwere Zeit für mich.“
Joe hatte die Saison bei einem kleinen Verein in Frankreich begonnen, während seine Kinder eine Schule gleich über der Grenze in der Schweiz besuchten. Er hätte ewig weiterspielen können in Europa – oder zumindest noch für zwei weitere Saisonen – hatte er den Eindruck, als Spezialist für Sprungwürfe bei dem einen oder anderem Team. Doch trotz ihres komfortablen Lebens in Europa hatte Pam langsam genug davon, von Stadt zu Stadt zu ziehen und sie verspürte Heimweh. Außerdem mussten die Kinder zurück in die Staaten und ihre schulische Ausbildung abschließen.
Joe machte sich wieder einmal Sorgen über ein Leben nach seiner Zeit als Profi, hatte er doch keinen Collegeabschluss. Vielleicht könnte er es als Trainer probieren? Nach sechzehn Jahren Profibasketball hängte er seine Schuhe an den Nagel, nur wenige Tage nachdem Johnson seinen Rücktritt erklärt hatte. Jellybeans Basketballreise brachte ihn, soweit es ging. Nun war Kobe an der Reihe und sein Weg begann immer schneller nach oben zu führen.
Im Sommer 2013 besuchte Kobe Ciriglio, mit Rucksack und pastellfarbenem Leibchen. Er posierte für Fotos neben dem Ortsschild und besuchte den kleinen Basketballplatz zwischen den Bäumen, auf dem er immer gespielt hatte, der allerdings schon halb verfallen war, genauso wie das verlassene Fußballfeld darunter. Die Zeit war auch hier nicht stehengeblieben.
In Pistoia besuchte er zusammen mit seinem Bodyguard die alte Basketballhalle, die gebaut worden war, als er zehn war. Er ging schnurstracks nach oben und wusste noch genau, wo die Türe war, durch die er immer ohne Schlüssel in die Halle gelangt war. Er ging die Galerie der Arena ab und blickte hinunter auf das Spielfeld, wo er als Balljunge früher seine Halbzeitshows abgezogen hatte. Dort stand er nun und ließ die Erinnerung an sich vorbeiziehen. Danach verließ er schnell die Halle.
Im Jahr 2015 kam er noch einmal nach Pistoia, wo er eines Morgens zur Überraschung aller ohne Vorwarnung im Stadtzentrum auftauchte. „Ist das wirklich Kobe?“, fragten sie.
Alessandro Conti, der damalige Pressebeauftragte des Vereins, hörte, dass Kobe in der Stadt war und lief von seinem Haus hinüber, um ihn zu begrüßen. Aber der Superstar war bereits wieder verschwunden und hetzte bereits zum nächsten Ort, um die vielen Stationen seiner Kindheit zu besuchen.
Kapitel 10
LOWER MERION
Knapp vor den US-Präsidentschaftswahlen im November 1991 kehrten die Bryants nach Philadelphia zurück und ein relativ unbekannter Politiker aus Arkansas namens Bill Clinton hatte sich gerade die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten gesichert.
Die Bryants zogen wieder in ihr altes Vorstadthaus in Wynnewood und schon lieferten sich Joe und sein Sohn legendäre Duelle in der Auffahrt. Da Kobe nun schon größer und auch als Spieler besser war, musste Joe viel körperlicher spielen, um sich gegen seinen Sohn zu behaupten. Die daraus folgenden blutigen Lippen und Schreiduelle trieben eine verärgerte Pam immer wieder aus dem Haus, um die beiden Streithähne voneinander zu trennen. Dabei warf sie Joe böse Blicke zu.
Ein paar Tage vor Thanksgiving – nur wenige Wochen nachdem Magic Johnson seine Erklärung zu seiner HIV-Infektion abgegeben hatte – starb Freddie Mercury, der Frontman der britischen Rockband Queen, an AIDS, was die Emotionen bei den Lakers und ihren Fans, die ein ähnliches Schicksal für Johnson befürchteten, noch weiter hochgehen ließ. Das Franchise befand sich in einem allgemeinen Trauerzustand und ohne Johnsons Führungsqualitäten wurde das Spiel der Lakers zusehends schlechter.
Inzwischen bereitete Kobe Bean sich auf seine Zeit an einer amerikanischen Highschool vor. Als Achtklässler hatte er Probleme, sich in der urbanen afroamerikanischen Welt zurechtzufinden. In den acht Jahren in Übersee hatte er eine komplett andere Identität aufgebaut. Seine Schulkollegen aus den Vororten Philadelphias wunderten sich über ihren neuen Klassenkameraden mit dem eigenartigen Akzent. Wie immer stürzte er sich sofort in den Basketballsport. Er fand einen anderen Jungen in der Nachbarschaft, Robby Schwartz, der zwar kleiner und noch dünner war als er, doch in vielerlei Hinsicht genauso getrieben wie Kobe. Robby diente ihm als Trainingspartner beim Werfen und Üben seiner Moves. In den Eins-gegen-eins-Spielen über den ganzen Platz gewann Schwartz vielleicht zehn aus hundert Spielen.
Bryant war nun gut über 1,80 groß und sehr dünn. Dazu kamen die langen Arme, die wie Schlangen aus seinen knochigen Schultern krochen. Seine Trainer erlebten ihn als barschen und ungeduldigen Jungen, der sich nicht damit abfinden konnte, wenn er in einem Spiel ausgewechselt wurde. Das ging so weit, dass Joe sogar damit begann, auf Italienisch auf ihn einzureden, um ihn zu beruhigen. Doch mit seinem Egoismus stieß er die anderen immer wieder vor den Kopf. Offensichtlich musste sich Bryant immer und immer wieder aufs Neue beweisen.
Die erste Gelegenheit dazu ließ nicht lange auf sich warten. An seinem ersten Tag an der Bala Cynwyd Junior High saß er gerade beim Mittagessen in der Schulkantine als ein anderer Junge zu ihm hinüberging und sich neben ihn stellte. „Ich habe gehört, du sollst ein ziemlich guter Basketballer sein“, sagte er zu Kobe. „Wenn du also der Chef hier am Platz sein willst, dann musst du erst einmal den richtigen Chef hier besiegen.“
„Also spielte ich gegen ihn nach der Schule“, erzählt Bryant. „Ich habe ihn zu null besiegt und mir den Respekt der anderen verdient. Dieses Sich-mit-jemandem-Messen war genau das, was ich die ganze Zeit über in Italien gesucht hatte. Ich konnte das Adrenalin in meinen Adern spüren. Der Typ hatte keine Ahnung, was da mit ihm geschah.“
Der „Chef“ von der Bala Cynwyd Junior High blieb nicht der einzige, der von einem 13-jährigen Kobe gedemütigt wurde. Nun doch schon um vieles älter hielt sich Mo Howard immer noch für einen soliden Basketballspieler und spielte mit einer Gruppe alter Freunde, zu der auch Joe gehörte, in einem Fitnessstudio in Philadelphia. „Wenn wir einen oder zwei Spieler zu wenig hatten, fragten wir einen unserer Söhne, ob sie mitspielen wollten“, erzählt Howard. „Junge, Junge, ich sage dir, das erste Mal als Kobe mitspielte, war es meine Aufgabe ihn zu decken. Der Kleine hat mir den Arsch versohlt. Der war damals erst dreizehn. Du kennst sicher noch den Blick, den er draufhatte, als er später für die Lakers scorte? So sah er mich damals schon an. Dieses Kid hat mein Ego komplett zerstört.“
Die Nachricht von dem Neuen im Team der Bala Cynwyd, dem Sohn eines Basketballspielers, machte schnell die Runde. Gregg Downer, der 33-jährige Trainer an der nahegelegenen Lower Merion High, kam vorbei, um sich diesen Achtklässler anzusehen. „Als ich zu dem Spiel ging, war das nicht gerade die Kobe Bryant-Show, die ich mir erwartet hatte“, sagte Downer 2015 in einem Interview. „Er wurde die ganze Zeit ein- und ausgewechselt. Es war schwer zu sagen, wie gut er wirklich war. Er war dünn, etwas über 1,80 m groß und hatte vielleicht knapp über 60 Kilo. Es sah so aus, als wollte er auf der Position des Point Guards spielen. Das soll heißen, dass er immer den Ball haben wollte.“
Downer war in seiner zweiten Saison Coach an der Lower Merion, einer Highschool, die im vorstädtischen Montgomery County ihre letzte Meisterschaft im Jahr 1943 gewonnen hatte. Er suchte nach einem Weg, das Basketballprogramm der Schule wieder auf Erfolgskurs zu führen und dieser magere Junge auf dem Parkett mochte ein Teil der Lösung für dieses Problem sein.
Also lud Downer den neuen Achtklässler zu einem Training der Schulauswahl an der Lower Merion High ein. „Dort konnte ich ihn mir genauer ansehen.“ Das zukünftige Talent tauchte mit seinem 2,10 m großen Vater auf. „Als ich mit Kobe mit dem Training begann, stand Joe in einer Ecke. Ich begann eins und eins zusammenzuzählen und langsam dämmerte es mir, wer da stand.“
Downer hatte in den 1980ern als Point Guard für das Lynchburg College gespielt, einem Team aus Virginia in der dritten College-Division. Doch in den 70ern war er ein Hardcore Sixers-Fan gewesen, mit Saisonkarten für das Spectrum. Sein großes Vorbild war Doug Collins, doch nun kamen auch seine Erinnerungen an Jellybean wieder zurück. Er erinnerte sich sogar daran, dass Jellybeans Vater nicht weit von ihm im Spectrum saß.
Schon nach kurzer Zeit erkannte Downer, dass er hier jemanden mit der Begabung eines Profibasketballers vor sich hatte, der – obwohl noch fast ein Kind – die Spieler von Downers Schulauswahl nach Belieben an die Wand spielte.
Die älteren Spieler der Lower Merion sahen dies genauso und es wurde ihnen zum ersten Mal bewusst, dass ihr sportliches Leben hier an der Highschool schon bald von einem Freshman bestimmt werden könnte.
„Wenn du einmal sein Grundtalent, das er mitbrachte, gesehen hast“, erinnert sich Downer, „und wusstest, woher er kam und seine Arbeitsmoral und Führungsqualitäten sahst, dann wusstest du, dass du hier jemanden ganz Speziellen, ja sogar Einzigartigen, vor dir hattest.“
Im Verlauf des Trainings flüsterte er seinem Assistenzcoach zu, dass Kobe der Typ Spieler war, der ihnen ihre Jobs in Zukunft sichern würde.
Im gleichen Sommer traf Donnie Carr, ein Spieler, der in etwa gleich alt wie Bryant war, in der Sonny Hill League auf Kobe. Beide hatten sie zwar gerade erst die achte Klasse abgeschlossen, doch sie spielten in der höchsten Klasse bei den Siebzehn- und Achtzehnjährigen mit.
Carr hatte schon einiges über diesen Sohn eines NBA-Spielers mit endlosem Potenzial gehört. „Aber das erste Mal als ich ihn sah“, erinnert sich Carr, „war da nur ein magerer, großgewachsener Junge mit zwei Knieschonern. Gar nicht so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Er befand sich noch im Wachstum und hatte Probleme mit seinen Knien. Deshalb hatte er auch Probleme mit dem In-die-Knie-Gehen. Er war wirklich groß. Lange Arme, langer Körper. Er war fast 1,90 m.“
Die Knieprobleme stellten sich als Morbus Osgood Schlatter heraus, eine schmerzhafte Reizung der Patellasehne vor allem bei Jugendlichen, die viel Sport betreiben. Dieses Problem machte ihn langsam und schwerfällig. Um in diesem Zustand einen Wurf anzubringen, musste er seine Gegenspieler an eine bestimmte Stelle locken und ihr Timing beim Blocken mittels einer Serie von Pump Fakes, also angedeuteten Würfen, durcheinanderbringen, um zu werfen. Einmal in der Luft hatte er genügend Höhe, um über die Verteidiger hinwegzuwerfen, erinnert sich Carr. „Ehrlich gesagt, es war schon ein gewisses Potenzial zu sehen, aber es war jetzt nicht so außergewöhnlich. Er war eben noch nicht so schnell und explosiv wie er es einige Jahre später sein sollte. Damals war er dieser schlaksige Junge, der sich in Zeitlupe bewegte und wir dachten uns eben: Er ist schon gut, aber ist er wirklich so gut, wie alle sagen? Natürlich hat ihm das niemand ins Gesicht gesagt, aber wenn wir untereinander waren, war die einhellige Meinung, dass er echt nicht so speziell war, wie alle taten.“
Die große Highschoolrivalität zwischen Carr und Bryant begann in jenem Sommer in der Sonny Hill League. „Unsere Rivalität nahm ihren Anfang, weil wir uns gegenseitig mit Trashtalk zulaberten. Kobe kam zwar aus der Vorstadt, doch er benahm sich nicht wie jemand, der aus der Vorstadt war, das habe ich immer gesagt. Er benahm sich wie ein Kid aus der Stadt. Das war echt, nicht imitiert. Er hatte immer diese typische Abgebrühtheit von jemandem aus Philadelphia und diese Mentalität, nie aufzugeben. Er liebte Herausforderungen.“
Carr sah, dass Kobe viel Zeit damit verbrachte, immer neue Herausforderungen und Motivationen für sich zu suchen. „Er hatte damals schon diese Einstellung, die man ihm später nachsagen würde. Er suchte immer nach etwas, das das Feuer in ihm weiter anfachte und ihm half, immer am Limit zu spielen.“
Eddie Jones, damals ein knapp 2 m großer Forward an der Temple University, war einer von vielen, die Kobe in der Hill League spielen sahen. „Schon mit dreizehn konnte er die anderen in Grund und Boden spielen“, erinnert Jones sich.
„Es war ein großartiger Bewerb, der echt Spaß machte“, sagt Bryant über die Sonny Hill Liga. „Eddie Jones kam immer wieder vorbei und Aaron McKie und Rick Brunson. Das waren die Jungs von der Temple University, die nach uns spielten. Da blieb ich immer länger und sah ihnen zu. Eddie hat mich immer in sein Team geholt, wenn sie zum Spaß gegeneinander spielten.“
Frühe Aces
In jenem Herbst an der Lower Merion erkannte Downer, dass Bryant eine erstaunliche Arbeitsmoral hatte. Er puschte sich durch ein mörderisches Programm aus Konditions- und Gewichtstraining sowie nonstop Basketballtraining. Bei allen Mannschaftstrainings versuchte er immer der Beste zu sein. Vier Jahre lang hatte er in dieser Hinsicht eine makellose Bilanz. „Als ich sah, wie gut Kobe Bryant war, holte ich Leute aufgrund ihres spielerischen Könnens in den Trainerstab“, sagt Downer.
„Meine einzige Intention war es, Leute zu finden, die den Jungen decken und mit ihm mithalten konnten und eine Herausforderung für ihn waren.“
So heuerte er einen ehemaligen Collegespieler, einen athletischen Guard namens Jimmy Kieserman an. Dann überredete er seinen eigenen Bruder, Drew, der groß und kräftig war, sein Büroleben aufzugeben und als Coach zu arbeiten. Der Witz war, dass alle dachten, sie hüpfen nur kurz einmal ins Flugzeug, kommen rüber und spielen ein wenig Guard gegen diesen 14-Jährigen. Das sollte doch kein Problem sein. Doch das Lustige daran war, dass dieser junge Freshman sie alle alt aussehen ließ auf dem Spielfeld. Downers nächster Schachzug war, den Vater des Jungstars ins Boot zu holen, vor allem da er besorgt war, dass so ein kleines Sportprogramm wie das der Lower Merion seinen neuen Star schnell an eines der großen, alteingesessenen Programme, wie etwa das der Roman Catholic – zu deren Mannschaft Carr zählte – verlieren könnte. Wenn Kobes Vater als Coach für ihn arbeitete, würde dies die Bindung zur Lower Merion stärken; plus, die beiden Töchter der Bryants gingen auch auf die Lower Merion, wo sie sich gut eingelebt hatten und Volleyball spielten. Diese Gefahr hing noch einige Saisonen wie ein Damoklesschwert über seinem Team. Doch mit der Zeit wurde immer deutlicher, dass Bryant ein Programm haben wollte, bei dem er den Ton angab, wo er die Spielzeit bekam, die er benötigte, um sich weiterzuentwickeln, ein Programm, das zu seiner Einstellung passte.
„Die ersten paar Male, als wir gegen Schulen aus der Innenstadt spielten, redeten alle über mich“, erklärte Kobe einmal. „Die Hälfte von ihnen sagte, ich wäre ein verweichlichter Vorstadtjunge.“
Diese negative Stimmung war zum Teil der Leistung der Lower Merion in Bryants Freshman-Jahr geschuldet. Unter Downer hatte das Team im Jahr davor stolze 20 Siege erreicht. Die Erwartungen lagen nun hoch, doch die Abgänge einiger Spieler nach ihrem Abitur und Verletzungen hatten den Roster ausgedünnt. Und so legten die Lower Merion Aces in der Saison 1992/93 mit Kobe Bryant als Starter eine enttäuschende 4-20 Saison hin.
„Das war nicht gerade schön“, sagt Downer. Es war auch der Punkt, an dem der Trainer und sein zukünftiger Star herausfanden, wie sehr sie es beide hassten zu verlieren. „So viele Niederlagen bedeuteten fast den Weltuntergang für ihn“, sagt Downer und zu verlieren machte es auch schwieriger ihn auszuwechseln. „Er machte alles im Team, er spielte auf jeder Position, doch es war so gut wie unmöglich, ihn auf die Bank zu setzen, das kann ich Ihnen sagen.“
Wie schon sein Vater hatte Kobe Bean auch die Angewohnheit immer wieder schlechte Würfe zu nehmen. Aus diesem Grund nahm Downer ihn immer wieder vom Feld, damit er sich dieses Verhalten abgewöhnte. „Zumindest haben wir es ein paar Spiele lang versucht, doch das war keine so gute Idee“, erinnert sich Downer. „Er hat uns immer bitterböse angesehen und dabei herumgeschrien. Er konnte es nicht leiden, ausgewechselt zu werden.“ Wenn es zu heftig wurde, redete Joe auf Italienisch auf Kobe ein, um ihn wieder zu beruhigen. Downer verstand zwar kein Wort, doch es schien zu funktionieren. „Ich glaube, Joe war ein guter Puffer“, erklärte Downer. „Kobe schrie mich nicht oft an, doch wenn er es tat, musste er seinem Vater Rede und Antwort stehen.“
Es war also nicht verwunderlich, dass Coach Downer seine Idee mit dem Auswechseln nochmals überdachte. Auch der Trainerstab passte sich der neuen Spielphilosophie an: Ein schlechter Wurf von Kobe ist besser als ein Fehlpass eines seiner Mitspieler.
„Er hatte Spielintelligenz, das war offensichtlich“, erklärt der Trainer. „Er gab exzellente Pässe, auch schon als Freshman. Er machte seine Mitspieler einfach besser. Ich glaube, in der Zeit als wir spielerisch in der Krise waren und niemanden hatten, um unsere Abgänge zu ersetzen, sagte er sich: Jetzt muss ich hier wohl das meiste alleine machen. “
Das war natürlich ein ausgezeichneter Nährboden für Spannungen zwischen dem jungen Bryant und seinen älteren Mitspielern – die gleichen Spannungen, die schon in Italien zum Vorschein gekommen waren und die es auch in der Zukunft in der NBA geben würde.
„Mit der Zeit kam das Alphatier in ihm immer mehr zum Vorschein“, sagt Downer über Bryants dominante Persönlichkeit. Doch der springende Punkt für jeden Trainer in dieser Lage war, dass Bryants Anwesenheit vieles leichter machte. „Was unsere Arbeit einfacher machte, waren seine Arbeitseinstellung und dass er alles, was ihn besser machen konnte, aufsaugte wie ein Schwamm“, erzählt Downer. „Man musste ihm nie etwas zweimal sagen, so wie es oft bei anderen der Fall ist. Mit Kobe hatten wir nun zwar das Mittelstück, aber wir hatten nichts darum herum.“
Er war der Schnellste und arbeitete am härtesten von allen im Team. Er konfrontierte seine Mitspieler und zog sie zur Verantwortung. Natürlich führte ein solches Verhalten unweigerlich zu Spannungen im Team, vor allem aufgrund der vielen Niederlagen im ersten Jahr. „Selbst seine Teamkameraden konnten ihm sein Engagement nicht absprechen und das machte es schwierig für sie, unsere Entscheidungen nicht doch bis zu einem gewissen Grad zu akzeptieren“, erklärt Downer.
Evan Monsky, einer der älteren Spieler des Teams damals, sagt, dass man, wenn man auf Bryants Verhalten zurückblickt, auch verstehen muss, dass sein Drang der Star zu sein, nicht die omnipräsente, alles bestimmende Eigenschaft seiner Persönlichkeit war, wenn er in der Kabine saß. „Er war ein normaler, fröhlicher Junge, der lachte und Witze riss, genauso wie alle anderen.“
Trotzdem war es nicht immer leicht für die Coaches Kobe Beans überschäumendes und anmaßendes Verhalten zu schlucken. „Ich habe ihn immer ein wenig stur empfunden“, gibt Downer zu. „Ich fand ihn auch immer ein wenig arrogant. Aber das sind eben die Eigenschaften, die dich groß machen.“
Downer spielte gerne eine Front the Post-Verteidigung, bei der sich die Verteidiger vor den gegnerischen Post-Spielern positionierten, um zu verhindern, dass diese angespielt werden. „Einmal fauchten wir Kobe an, er solle sich vor seinen Gegner stellen und er sagte darauf: ‚So werde ich aber nicht in der NBA spielen.‘ ‚Das ist hier auch nicht die NBA‘, schrien wir dann zurück.“
Manche meinen, dass Kobe Bryant das Programm an der Lower Merion diktierte und dass dies nicht zuletzt durch die Tätigkeit seines Vaters im Trainerstab gefördert wurde. Darin mag vielleicht sogar ein Körnchen Wahrheit stecken, doch Downer machte immer klar, dass Joe Bryant niemals etwas Unangemessenes tat und seine Aufgaben als Trainer pflichtbewusst erfüllte und ein solider Coach für die Junioren und exzellenter Assistenztrainer für die reguläre Schulauswahl war.
„Damals gab es etwas, das sie die ‚Gurt-Regel‘ nannten, das hieß, die Trainer durften beim Coachen die Bank nicht verlassen“, erinnert sich Downer. „Eine dämliche Regel, wirklich dämlich. Diese Regel verfolgte mich etwa zehn Jahre lang in meiner Trainerkarriere.“
In einem Spiel im ersten Jahr stand Joe einmal von der Trainerbank auf, um eine Schiedsrichterentscheidung zu diskutieren und wurde dafür prompt mit einem technischen Foul bestraft. Beim nächsten Spiel war er nirgends zu sehen. Einer der Trainer erblickte ihn dann während der ersten Hälfte irgendwo in den Zuschauerrängen sitzend. Downer sandte jemanden zu ihm, der ihn fragte, warum er nicht unten auf der Trainerbank war. Joe antwortete, dass er das Team nicht wieder in Schwierigkeiten bringen wollte und sich darum entschieden hatte, sich aus dem emotionalen Hexenkessel da unten etwas zurückzuziehen. Downer und die anderen Coaches mussten lachen, bestanden aber darauf, dass Joe wieder unten bei ihnen Platz nahm, da seine Anwesenheit zu wertvoll für das Team war. Abgesehen davon sprach keiner von ihnen Italienisch.
„Die Jahre mit Kobe Bryant prägten mich“, meint er. „Wissen Sie, wenn man alle Puzzleteile zusammensetzt und ihn sich jetzt ansieht, wie weit er es gebracht hat, seine Einzigartigkeit, dieser Fokus – das ist einfach unglaublich.“
Die Niederlagen in der ersten Saison machten es sicher nicht einfach für den jungen Trainer und seinen Freshman-Star, doch anstatt einen Keil zwischen die beiden zu treiben, schweißte es sie mehr zusammen.
„Im ersten Jahr war es wirklich schwer“, erinnert sich Bryant. „Ich glaube, am Ende stand es 4-20. Das war ein hartes Jahr. Doch es war eine neue Erfahrung für mich. Mein Coach an der Highschool war ein fantastischer Trainer. Oft blieb er noch nach dem regulären Training da oder kam noch vor dem Training, um mit mir zu üben. Er hatte großen Anteil daran, dass ich als Spieler gereift bin.“
Trotz der Enttäuschung über die klaren Niederlagen seiner Mannschaft in dieser Saison, demonstrierte Bryant immer wieder seine Athletik, was zu einigem Erstaunen in der Highschool-Basketballszene Philadelphias führte. Sein Talent und seine Motivation begeisterten viele Trainer in der Stadt. Sam Rines, Coach in der Amateur Athletic Union in Philadelphia und immer auf der Suche nach neuen Talenten, erinnert sich daran, als er Bryant zum ersten Mal sah. „Er war noch nicht so etabliert“, sagt Rines. „Ich meine, man konnte schon sehen, dass er gut war und er war der Typ, den man sich ansieht und dann sagt: ‚Verdammt noch mal, der ist erst in der neunten Klasse.‘“
Kurz danach erlitt der junge Bryant eine Knieverletzung und verpasste die letzten Spiele seiner Freshman-Saison. „Er war vierzehn und etwa 1,87 m“, erzählt Jeremy Treatman, ein lokaler Basketballjournalist und Kommentator. „Er war so dünn. Die Kniescheibe brach er sich, als er mit einem anderen Spieler leicht zusammenstieß. So dünn war er.“
Das gab Downer die Gelegenheit zu sehen, wie hoffnungslos das Team ohne Bryant gewesen wäre.
Auch nach der ersten Saison beobachtete Downer diesen immensen Druck, den Bryant ins Team gebracht hatte. Schnell begriff er, dass dieser Druck in den nächsten Jahren dramatisch ansteigen würde. Kobe Bryant hatte ein klares Ziel vor Augen und wenn du nicht mit an Bord warst, war er der Typ, der dich am Kragen packen und aus dem Zug werfen würde, das war klar und deutlich.
Kapitel 11
THE VIBE
Zwar hatte sich die Szenerie für Kobe Bryant geändert, doch die Dynamik blieb wie immer dieselbe. In seiner zweiten Saison an der Lower Merion erschien plötzlich ein weiteres farbiges Gesicht in diesem Meer flauschig weicher Blässe. Es war das Jahr, in dem er und Jermaine Griffin sich kennenlernten – der eine dem privilegierten Leben in Europa entflohen, der andere ein New Yorker aus dem Far Rockway in Queens.
Wie Kobe war Griffin im zweiten Highschooljahr, als er vom harten Pflaster in „Far Rock“ als Teil eines Jugendprogramms namens ABC, A Better Chance, an die Lower Merion kam. Er war einer von acht Jugendlichen, die zusammen mit einem Sozialbetreuer in einem Haus wohnten. Das Programm gab Jugendlichen die Chance, ihr Leben neu auszurichten. „Sie nahmen viele Jugendliche aus den innerstädtischen Bezirken“, erklärte Griffin 2015. „Ich hatte damals das Gefühl, dass es eine gute Idee wäre, daran teilzunehmen.“
Hier traf Griffin nun auf eine Welt, die das genaue Gegenteil von „Far Rock“ war, ein an der Küste New Yorks gelegener Bezirk voller Sozialwohnungen und tausender heruntergekommener Bungalows, die noch aus einer Zeit stammten, in denen Far Rockaway als beliebtes Ausflugsziel fernab des Asphaltdschungels galt. Inzwischen waren dort Schießereien, Drogen und Prostitution an der Tagesordnung. Dieses Klima der Gewalt stand im krassen Gegensatz zu der langsam beginnenden Aufwertung der Gegend, hervorgerufen von Yuppies, die begonnen hatten billig Grundstücke in dem Stadtteil aufzukaufen. Griffin hatte schon viel in seinem jungen Leben gesehen, doch A Better Chance bot ihm eine ganz neue Erfahrung. „Ich kam aus einer Gegend, wo vorwiegend Schwarze wohnten“, erklärt er. „An der Schule, die ich in Lower Merion besuchte, waren mehrheitlich Weiße. Das war ein Kulturschock für mich.“
Obwohl Basketball nichts mit seiner Entscheidung an diesem Programm teilzunehmen zu tun hatte, sollte es schnell zu einem wichtigen Element werden. Eine der ersten Personen, die Griffin bei seiner Tour durch die Schule traf, war Gregg Downer, dem Griffins Größe von knapp über 1,90 m sofort auffiel.
Schnell lernte er dann auch Kobe Bean kennen und beide empfanden schnell gegenseitigen Respekt. „Als ich ihn das erste Mal traf, war er ein cooler Junge“, erinnert sich Griffin. „Wir haben uns nur angesehen. Er machte sein Ding und ich meins.“
„Basketball gehörte sicher auch dazu“, meint Downer, „doch ich glaube, dass die Chemie zwischen ihm und Kobe einfach gepasst hat. Jermaine spielte quasi die zweite Geige in der Mannschaft. Er war sehr wichtig für uns und er wurde Kobes Freund.“
„Kobe war der mit dem größten Selbstvertrauen“, sagt Griffin. „Ich glaube, das war auch der Grund, warum wir so gut befreundet waren während unserer Schulzeit. Ich kam aus New York, das unterschied mich von den anderen hier und ich sprach auch anders, ein leicht anderer Dialekt, ein anderer Stil, und das hat es auch gebraucht.“ Damit konnte Griffin seinem neuen Freund auch ganz neue Perspektiven bei den Entscheidungen und Themen, mit denen sich Kobe auseinandersetzen musste, eröffnen.
Bryant durchlebte gerade seinen eigenen Kulturschock an der Lower Merion. Zwar schien er sich an dieser weißen Vorstadtschule recht wohlzufühlen, er war aber auch begierig darauf, typisch afroamerikanische Dinge kennenzulernen, um ein besseres Gefühl für seine kulturellen Wurzeln zu bekommen und sich nicht mehr wie ein Fremder in einem fremden Land zu fühlen. „Kobe sagte: ‚So geht’s.‘ Und ich sagte: ‚Kobe, ich denke wir sollten es lieber so machen‘, erinnert sich Griffin. Das war der Grund warum wir beide uns auf Anhieb verstanden – er musste nicht mein Händchen halten und ich nicht seines. Jeder von uns hatte seinen eigenen Führungsstil.“
Trotz allem, Bryants Selbstbewusstsein in seinem zweiten Jahr war unerreicht. Griffin sah aber darüber hinweg und lernte schnell neue Facetten der Persönlichkeit seines Freundes kennen. Unter all dem überlegenen Gehabe steckte eine Sensibilität, die allerdings von seiner Einstellung, alles selbst machen zu wollen, überschattet wurde. „Ich habe sicherlich eine Seite an ihm kennengelernt, die andere nie zu Gesicht bekommen haben“, sagt er.
„In vielerlei Hinsicht war Bryant wie jeder andere“, meint Griffin, außer dass er ein Alphatier war auf dem Weg ein Weltklassebasketballer zu werden.
Evan Monsky, ein anderer Teamkollege damals, pflichtet Griffin bei, dass Kobe nur ein heranwachsender Junge war, der versuchte seinen Platz in dieser manchmal recht komplizierten Welt der Highschool zu finden.
Bald schon würde dieses ungezwungene Leben dem Ruhm weichen und Bryant sich diesem hingeben, so wie es jeder Teenager machen würde. Sein zweites Jahr war das letzte, in dem er seine jugendliche Unbedarftheit und Freiheit, die ein Amateur eben genießt, auskosten konnte, bevor ihn das Leben, nach dem er sich so sehnte, einholte und wegtrug.
„In der Highschool machten wir immer Witze, spielten anderen Streiche und solche Sachen“, erinnert sich Griffin. „Wenn man zur Schule geht, gibt es immer Tage, an denen du lieber nicht gehen willst. Tage, an denen du dir eine kleine Auszeit nehmen willst. Wir gingen gerne zur Schule, doch es gab auch Zeiten, da wollten wir mal raus und was essen gehen oder uns eine kleine Pause genehmigen, einfach nur kurz weg und Musik hören oder so.“
Zusammen schlichen sie sich aus der Schule und zusammen besuchten sie auch den Englischunterricht bei Jeanne Mastriano, einer jungen Lehrerin mit Brille, die einen Hauch Gegenkultur ausstrahlte. „Sie war eine meiner Lieblingslehrerinnen“, sagt Griffin. „Sie hatte einfach etwas. Dass ich in ihrer Klasse war, hat mich verändert und gab mir eine Perspektive, was das Schreiben, Leben, Reden und Lesen anbelangte. Es hob mich auf ein ganz neues Level.“
„Wir schrieben viel in der zehnten Klasse“, erinnert sich Mastriano 2015. „Eine Menge freies Schreiben, einfach nur Gedanken und Ideen rauslassen – sowohl die Guten, als auch die nicht so guten.“
Schreiben bedeutete Griffin wirklich viel, vor allem in Bezug auf seine Erinnerungen an Far Rock, genauso wie es Bryant half, sein eigenes Leben genauer unter die Lupe zu nehmen – so sehr, dass er Mastriano 2015 sogar als seine „Muse“ bezeichnete, worüber sich seine ehemalige Lehrerin sehr amüsierte, wurde sie doch damit einer „Halbgöttin“ gleichgesetzt. „Eine Muse, eine der neun göttlichen Schwestern der Inspiration, verstehen Sie?“, erzählte sie einem Radiojournalisten. „Zu seiner Zeit an der Highschool hat er mich nie so bezeichnet, doch wir hatten immer ein gutes Verhältnis. Trotz der ganzen Wochenenden, die er beim Basketball verbrachte, hatte er immer seine Hausübungen, er war sehr diszipliniert“, erinnerte sie sich.
Die Disziplin hatte er von Pam, sagen Familienfreunde. Disziplin war ein wichtiges Element in ihren Bemühungen, das sich ständig verändernde Umfeld ihres Sohnes einigermaßen zu kontrollieren.
Auch wenn sich Bryant bei seinen schulischen Pflichten nicht annähernd so hineinsteigerte wie beim Basketball, so erkannte Mastriano seinen Hunger nach Wissen. „Für ihn ist Lernen etwas, das ihn stärker macht. Er ist ein aufmerksamer Zuhörer“, meinte sie 2014 einmal.
Mastriano benotete Griffins und Bryants schriftliche Arbeiten und drängte die beiden, sich die Frage zu stellen, was sie mit ihren schriftlichen Werken bezwecken wollten, um ihnen einen tieferen Sinn zu geben.
„Kobe schrieb immer über Basketball“, sagte sie. „Er sprach immer darüber, ein professioneller Basketballer zu werden.“ Bryant hatte schon seit längerem eine gewisse Affinität fürs Schreiben, vor allem von Gedichten, gehabt, was Kobes Großvater, Big Joe, sehr freute. Über die Jahre hinweg hatte Big Joe oft über all die Dinge gestaunt, die ihm sein Enkelsohn gezeigt hatte, und immer wieder gesagt, dass Kobe so viel Talent in den verschiedensten Bereichen besaß und er vielleicht darüber nachdenken sollte, etwas anderes als Basketball zu machen. Doch Jellybean und sein Sohn waren so in der Welt des Basketballs verloren, dass es nie wirklich dazu kam.
Der Rapper
Die Möglichkeit seine Gedanken zu Papier zu bringen, war etwas, an dem sich der junge Bryant außerhalb des Basketballcourts festhalten konnte. Ein Weg sich mit seiner Identitätskrise auseinanderzusetzen, war, die afroamerikanische Kultur seiner Eltern genauer zu erkunden.
Seltsamerweise fand er einen Schlüssel, der ihm das Tor zu dieser Kultur eröffnen konnte, im jüdischen Gemeindezentrum auf der City Avenue, im vorstädtischen Wynnewood. Joe, sein Vater, arbeitete dort als Fitnessdirektor – einer seiner vielen kleinen Jobs, die er hatte, um wieder Geld zu verdienen, nachdem er nicht länger Profi war. Daneben arbeitete er noch an der Lower Merion als Assistenztrainer sowie als Trainer der Mädchenschulauswahl an einer jüdischen Privatschule in Wynnewood, Akiba, wo er sehr beliebt war. „Er war phänomenal“, erinnert sich Jeremy Treatman, damals Coach der Burschen der Akiba Schulauswahl.
Treatman erinnerte sich auch an Kobe als Teenager, als er öfters mit seinem Vater zu den Trainingseinheiten mitkam und etwas abseits an einem eigenen Korb sein Ausnahmekönnen zeigte. So spielte kein Teenager.
Treatman fragte Joe einmal, ob er in Kobes Alter auch so gut gewesen war.
„Nicht einmal annähernd“, antwortete Joe lachend. „Wirklich?“, sagte Treatman staunend.
„Glaub mir“, sagte Joe. „Er ist weitaus besser als ich in seinem Alter. Sieh ihn dir doch an.“
Abgesehen vom Basketball war das jüdische Gemeindezentrum auch der Ort, wo Kobe jemanden kennenlernen würde, der einen starken Einfluss auf sein Teenagerleben haben sollte. In der Zeit, in der Vater und Sohn in der Sporthalle dieses Zentrums trainierten, machte Kobe Bekanntschaft mit dem etwa sechzehnjährigen Anthony Bannister, einem der dortigen Hauswarte. Bannister war ein Experte, was Rapmusik betraf, von den guten alten Klassikern des Genres bis hin zur neu aufblühenden Welle schwarzer Musik – Hip-Hop, R&B, diese wirbelnden Wortkaskaden basierend auf Wut, Machoverhalten und Bling, die die Fantasien der Jugend rund um den Globus für über ein Jahrzehnt prägten. Dieses Dauerfeuer an gesprochenen Worten beim Rap gefiel dem jungen Poeten in Kobe.
Aufgrund seiner Freundschaft zu Kobe geriet auch Griffin immer mehr in den Sog des jüdischen Gemeindezentrums und der „Bannister Experience“, die auch andere Personen, die versuchten sich einen Namen in der Rapperszene Philadelphias zu machen, miteinschloss.
„Er hatte sicherlich einen gewissen Einfluss“, erinnert sich Griffin an Bannister. „Er war ein cooler, entspannter Typ, der Musik liebte, gerne schrieb und andere unterhielt. Er war vielleicht ein paar Jahre älter als wir.“
„Der Typ ist unglaublich“, sagte Kobe zu Griffin. „Er konnte rappen“, erinnert sich Griffin an Bannister. „Er war einfach gut darin, Dinge in Worten auszudrücken.“
Bannister führte Bryant in dieses Genre ein, zeigte ihm, wie man Beats und Teile von Liedern sampelt, dann seine eigenen Worte und Ideen darüberlegt, Sachen einfach neu und originell verwendet und Teile von verschiedenen Songs einander gegenüberstellt.
„Kobe war vierzehn, dünn und drahtig, aber leidenschaftlich und entschlossen“, erklärte Bannister einmal dem Autor Thomas Golianopoulos. Im Gegenzug bedankte sich Bryant bei Bannister damit, dass er seine neusten Tricks am Platz an ihm ausprobierte.
Die nächste Station für sein neu gefundenes Interesse an Musik war eine Gruppe ähnlicher Gestalten in der Schulkantine der Lower Merion, die ihre Zeit mit Freestyling verbrachten und einfach Texte und Beats raushauten und sich mit anderen Rappern maßen. Dort war es auch, wo Bryant jemand anderen Wichtigen kennenlernte, und zwar Kevin „Sandman“ Sanchez. Bryant hatte ihn mit einem Reim beeindruckt, in dem er als Cyborg gegen MCs kämpfte. Griffin erinnert sich: „Es kam nicht selten vor, dass andere ihm vorwarfen aus einer privilegierten Familie zu kommen und er deshalb über gewisse Dinge nicht rappen dürfe. Dass er eigentlich überhaupt nicht rappen sollte, oder wenn, dann nur über dieses oder jenes. Aber für Bryant war Musik eine Art Flucht aus dem Alltag, eine andere Art zu kommunizieren, eine Geschichte zu erzählen, so wie Basketball ein anderer Weg war allem zu entkommen.“
Einige Beobachter empfanden Bryants Versuche sich als Rapper zu profilieren als den offensichtlichen Versuch, seine Street Credibility – also die Glaubwürdigkeit bei seinen gleichaltrigen Kollegen – zu verbessern.
„Wenn Bryant auf der Suche nach Glaubwürdigkeit war, so fand er sie auf indirektem Weg“, erklärt Griffin. Jegliche Street Cred hing normalerweise mit seinen Beats oder dem A-cappella-Zugang zusammen. Es war nicht so, dass Bryant versuchte vorzugeben, er sei auf der Straße aufgewachsen.
In den USA entwickelte sich Rapmusik unterschiedlich, abhängig von der jeweiligen Stadt. In Philadelphia etwa drehte sich vieles um die sogenannten Battles, diese scharfzüngigen Schlagabtäusche, die geradezu maßgeschneidert waren für jemanden, der einen solchen Wettkampfgeist wie Kobe besaß.
In vielerlei Hinsicht lernte Bryant eigentlich nur, seine sportlichen Intentionen auf eine Art zu artikulieren, dass seine gleichaltrigen Kollegen, wie Donnie Carr, sie verstehen konnten. Rap bot ihm ein Mittel, sich rasch verständlich zu machen.
Rap-Battles waren unverfälschte, direkte Konfrontationen und Bryant zeigte schnell Talent dafür. Es half sicherlich auch, dass er gerade zu einem imposanten Zweitmeterriesen heranwuchs, vollgepackt mit jedem Gramm Selbstbewusstsein, das er in seinen schlaksigen Körper hineinstopfen konnte.
„Im Basketball muss man immer einen Zug vorausdenken, egal ob man verteidigt oder angreift“, sagt Griffin. „Das gleiche gilt beim Rappen.“
Bryant der Rapper würde sich schon bald noch weiter hinauswagen und in Philadelphias Hip-Hop-Szene hineinschnuppern. „Er forderte Typen zu Battles, die bereits viele Jahre rappten“, erzählt Griffin, „und wir waren noch neu in dem Genre. Wir gingen einfach in diese Battles und wollten beweisen, dass wir es mit den Besten aufnehmen konnten.“
Basketball war ein wichtiges Element in diesen Battles, was wiederum das Schreiben der Texte beeinflusste und Bryant und Griffin dazu brachte, Dinge zu finden, die sie sampeln konnten. Laut Griffin kam dabei die meiste Inspiration von Bannister. „Wenn du am Anfang stehst, hörst du die Sachen von verschiedenen Leuten, du versuchst deinen eigenen Sound zu finden und dein eigenes Thema zu kreieren und nimmst ein wenig von hier und ein bisschen von da.“
Anfangs machten sie sich vorher noch Notizen, doch Bryant lernte schnell zu improvisieren. Es genügte dann, nur einen Beat zu hören, einen gewissen Rhythmus zu finden und einfach auf sein Herz zu hören.
„Wir mussten nichts mehr niederschreiben“, erklärt Griffin. „Du bist einfach nur mehr rausgegangen und hast gereimt und gerappt.“
In dieser Umgebung wurde Kobe Bryant zu einem respektablen Rapper und das Projekt, das er mit Bannister und ein paar anderen Künstlern gegründet hatte, entwickelte sich zu einem erfolgreichen Plattendeal mit Sony Music und brachte wieder neue Einflüsse ins Leben der Bryants, das sich für immer verändern würde.
Der Name der Band war CHEIZAW, ein Akronym für Canon Homo sapiens Eclectic Iconic Zaibatsu Abstract Words, etwas das sie sich von der Chi Sah Gang in einem Kung-Fu-Film der Shaw Brothers mit dem Namen Die fünf Kampfmaschinen der Shaolin abgeguckt hatten.
Sie holten neue Mitglieder dazu und zogen von Rap-Battle zu Rap-Battle durch ganz Philly, von der South Street, der Parkside und der Temple University bis hin zum Belmont Plateau und in verschiedene Clubs und Malls.
Bryant selbst nannte sich „the Eighth Man“, also der achte Mann, nahm aber nur sehr selten an öffentlichen Auftritten der Gruppe teil. Wenn er einmal bei einem öffentlichen Auftritt dabei war, erstaunte es Griffin immer wieder, wie sehr die Veranstaltung einem rowdyhaften Basketballspiel ähnelte, mit Fans auf der einen und anderen Seite und einigen dazwischen, darauf wartend, auf eine Seite gezogen zu werden.
CHEIZAW wurde zum Liebling der Rap-Battle-Szene Philadelphias.
Es dauerte nicht lange bevor Gregg Downer einmal einen Blick in den hinteren Teil des Mannschaftsbusses warf und sah, wie Bryant seine Mannschaftskollegen und Griffin rund um sich versammelt hatte und die Gruppe mit seinem Freestyle unterhielt. Sie waren alle etwa im selben Alter und dem jungen Kobe Bryant lag viel daran, eine enge Beziehung zu seinen Teamkameraden zu haben.
„Wenn du mit Freunden zusammen bist, dann berührt das auch etwas in dir“, blickt Jermaine Griffin zurück. „So ist das mit der Musik. So ist das auch mit Basketball.“
Teil 3
Kapitel 12
SUMMER LOVE
Jahrelang war Joe Bryant von Julius Erving fasziniert, ja beinahe eifersüchtig auf ihn gewesen. Als Teamkollege des berühmten Doctor J lernte er etwas, das durch den schnellen Aufstieg Magic Johnsons bestätigt wurde. Was Joe Bryant aus seiner Zeit in der NBA mitgenommen hatte, war, dass du ein Star sein musst, wenn du im Pro-Basketball wirklich ganz oben stehen willst – du musstest eine Kombination aus Talent und Selbstbewusstsein mitbringen, die Einstellung, der beste Spieler in einem Team zu sein. Ein Star wird einfach anders behandelt als der Rest.
Jellybean brachte sicherlich eine gewisse Begabung mit. Wie viele gute Athleten hatte Joe auch ein großes Ego, das befriedigt werden wollte. Doch die Besten der Besten, Elitespieler wie Erving und Johnson, hatten einen Weg gefunden ein Team ihrem Willen und besonderem Talent unterzuordnen. Fast alles im Verein drehte sich um sie.
Jellybean fehlte dieses letzte bisschen Talent, beziehungsweise die Zielstrebigkeit, um ein Starspieler in einem NBA-Team zu werden. Doch genau das wurde nun Teil des Mantras, das er als Vater seinem Sohn weitergeben wollte. Ginge es nach Joe, so würde es seinem Sohn niemals an Selbstbewusstsein mangeln.
Ganz gleich ob Basketball oder Rap, im Laufe der Zeit wurde Kobe Beans eigener, angeborener Ehrgeiz, der Beste zu sein, immer deutlicher – auch ohne Joes Zutun. Egal auf welchem Niveau oder bei welchem Team Kobe Bean spielte, er setzte seine Dominanz durch. War er einmal in einer Situation, wo das nicht der Fall war, so versuchten er und seine Familie diese Situation zu verändern.
Gregg Downer erlebte es selbst an der Highschool. Zwar war er anfangs besorgt, dass Bryant an eine Schule mit einem prestigereicheren Programm wechseln könnte, doch es wurde bald klar, dass dies niemals passieren würde, da Bryant mit der Lower Merion den Platz gefunden hatte, an dem er den Ton angeben konnte.
Mit dieser Gewissheit begann Bryant gegen Ende seiner ersten Saison an der Highschool vom Undenkbaren zu sprechen, nämlich einer State Championship, einem Landesmeistertitel. Die Aces machten einen großen Schritt vorwärts in diesem Jahr mit 16 Siegen und nur sechs Niederlagen. Dabei erzielte Bryant im Schnitt 22 Punkte und 10 Rebounds, eine recht beachtliche Statistik, bedenkt man, dass ein Spiel in der Highschool nur 32 Minuten dauert.
Trotz des Erfolgs könnte man argumentieren, dass Kobe Bryants eigentliche Entwicklung ganz woanders stattfand, weit weg von der Lower Merion und Highschoolbasketball. Die wachsende Popularität von Basketball auch in der spielfreien Zeit war vor allem ein Verdienst der Amateur Athletic Union, die in den 1990ern eine wichtige Rolle bei der Entdeckung und Entwicklung von Elitetalenten spielte und die später sogar noch viel bedeutender werden sollte.
Es war nicht allein die AAU, sondern eine Reihe an Eliteturnieren, bei denen die besten und größten Talente des Landes zusammenkamen. In einem Interview 2015 erklärte Sam Rines, der Coach von Bryants AAU-Team, den Sam Rines All-Stars, dass er Joe Bryants Sohn jedes Jahr von März bis Oktober trainierte, während Gregg Downer ihn nur relativ kurze Zeit bei sich hatte, nämlich von Ende Oktober bis Anfang März.
Bryant hätte laut Rines auch bei bekannteren, stärkeren AAU-Teams spielen können, doch er bevorzugte Rines’ weniger bekanntes und weniger ambitioniertes Team, da er dort der Starspieler in der Mannschaft war. Als sich die Bryants auf die Suche nach AAU-Teams machten, war Rines ein junger Trainer, der ein Team übernommen hatte, das 1992 von seinem Vater – auch ein Sam Rines – gegründet worden war. Rines Sr. hatte als Pennsylvania Highschoolcoach in den 1970ern eine Landesmeisterschaft gewonnen und war dann 12 Jahre lang als Assistenzcoach an der La Salle University tätig, bis er 1992 in Pension ging.
Doch bevor Kobe bei Rines’ Team spielen konnte, musste Joe erst sicherstellen, dass sein Sohn dort auch der Star sein würde. Der Status eines Spielers wurde unter anderem an der Anzahl der Würfe, die er in einem einstündigen AAU-Spiel nehmen durfte, gemessen. Je mehr Würfe, desto besser die Chance, Interesse bei den Colleges zu wecken.
„Joe und mein Vater unterhielten sich darüber, wie Kobe in einem für ihn geeigneten Umfeld spielen konnte“, erklärt Rines. „Es gibt einen Unterschied, ob du zwanzigmal wirfst oder nur fünfmal.“
Kobe brauchte diese fünfzehn zusätzlichen Würfe für seine Entwicklung. Die Trainer und anderen Spieler müssten eben einsehen, dass Kobe an der Spitze der Hierarchie stand.
Rines lernte sehr schnell, dass Bryant es hasste vom Feld genommen zu werden, genauso wie schon auf der Lower Merion. Der AAU-Coach erinnert sich, dass Bryant so extrem auf Auswechslungen reagierte, dass sich das Team im Endeffekt dazu entschloss, nur neun Spieler in der Mannschaft zu haben, um weitere Konflikte zu vermeiden. Doch selbst dann kam es nach jeder Auswechslung zu heftigen Konfrontationen.
„Wir hatten nur neun Spieler, da wir versuchten Kobe drinnen zu lassen“, gab Rines 2015 in einem Interview zu. „Er liebte es zu spielen, wir wussten das. Wir wussten auch, dass wir nicht fünf Spieler austauschen konnten, wie es sonst üblich war, denn er wollte nicht runter vom Feld. Kobe war einfach Kobe. Er war ein Showman. Ich habe nie jemanden anderen gesehen, der so konzentriert war am Feld wie Kobe, wenn er auf seiner Bühne stand. Kein Nonsens, kein auf die leichte Schulter nehmen. Er machte kein freundliches Gesicht. Er zerstörte dich in jedem Viertel und zeigte keine Gnade. Es war ihm scheißegal.“
„Er war ein reines Alphatier“, so Rines weiter. „Jedes Mal, wenn er auf dem Platz stand, war er das absolute Alphatier. So war er schon mit dreizehn, vierzehn und fünfzehn.“
In seinem AAU-Team waren Bryants Proteste über seine Auswechslungen noch viel heftiger, wenn nicht sogar irrational, denn AAU-Teams waren eine Ansammlung der besten Spieler von verschiedenen Schulen, nicht nur von einer, wie der Lower Merion. Trotz aller Ärgernisse half die Verpflichtung eines Spielers wie Bryant, Rines’ Verein, der als Wochenendklinik begonnen hatte, weiter zu wachsen.
„Wir holten einen Spieler von hier und einen von da, um das Team stärker zu machen“, erklärt Rines. „Nachdem wir dann besser waren, kamen andere auch zu uns, vor allem auch, weil jemand wie Kobe bei uns spielte. Kobe war wertvoll. Davor waren wir vielleicht ein zweitklassiges AAU-Team mit gerade einmal zwei oder drei Spielern in der Mannschaft, die bei den schlechteren Teams der Division I mitspielen hätten können. Mit Kobe hatten wir plötzlich ganz andere Möglichkeiten.“
AAU-Turniere standen im Ruf, das Spiel in den Vordergrund zu stellen und weniger auf das Erlernen von Grundkompetenzen zu achten, doch der alte Rines wollte junge Talente entwickeln indem er sich auf die Grundlagen und regionale Bewerbe konzentrierte. Das Format erlaubte Rines Jr. sich seine ersten Sporen als Headcoach zu verdienen, während Rines Sr. ihm als älterer, erfahrener Assistent zur Seite stand.
Kobe respektierte den älteren Rines und krachte bald mit dem jüngeren Headcoach zusammen.
„Wir sind 25 Punkte vorne“, erinnert sich Rines an eines der ersten Spiele mit Kobe. „Er meinte, er hätte nicht gut genug gespielt, um sich eine Pause zu verdienen. Er wollte wieder aufs Feld. Wir stritten uns.“
„Wechsle mich wieder ein“, schrie Kobe ihn an.
„Nein“, antwortete Rines, „du spielst heute nicht mehr, nachdem du so mit mir geredet hast.“
Und Jellybean war immer da, um seinen Sohn zu unterstützen.
„Joe und ich gerieten auch schon einmal aneinander“, erzählt Rines. „Er hatte dieses typische Elternverhalten.“
Die Eltern von AAU-Spielern waren bekannt dafür, recht aggressiv gegenüber den Coaches zu werden, wenn es um Spielzeit für ihre Kinder ging. AAU-Basketball war damals dazu da, dass Collegetrainer sich Spitzentalente ansehen konnten. Um gesehen zu werden, musste man natürlich spielen. Außerdem kostete es Geld, bei einem Team spielen zu dürfen. Die Eltern wollten, dass ihre Söhne auch etwas für ihr Geld bekamen. „Wenn Kobe und ich wieder einmal stritten, begann Joe auf Italienisch mit ihm zu reden“, sagt Rines über seine Streitereien mit Kobe. „Niemand von uns verstand, was er sagte, aber Kobe beruhigte sich wieder. Es muss aber auch gesagt werden, dass Kobe ein echtes Problem hatte, seine Wut zu kontrollieren.“
Woher diese Wut stammte, blieb ein Geheimnis, doch ein Teil kam anscheinend von Bryants Unvermögen wie ein Elitespieler mit dem Ball umzugehen. Dennoch gab es so viel Gutes an seinem Spiel, das den Trainern gleich gefiel, wenn sie ihn zum ersten Mal im Einsatz sahen. Rines erinnert sich, als er Bryant das erste Mal bei einem Eliteturnier sah.
„Es war in Delaware“, erzählt er. „Ich beobachtete ihn aufmerksam, ich kannte ihn damals noch nicht. Ich stand dort und sah ihn mir an. Da war dieser schlaksige 1,96 oder 1,98 m große Junge, der Jumpshots warf. Er war phänomenal, speziell da er bei den Zwölftklässlern mitspielte. Natürlich fehlte ihm damals die Physis, um sich unterm Korb gegen die anderen durchzusetzen, doch er hatte die Athletik und einen tollen Wurf.“
An diesem Tag sah Rines nichts, das ihn glauben machte, dass er hier einen zukünftigen NBA-Spieler vor sich hatte. „Du konntest sehen, dass er einer der besseren Freshmen war, aufgrund seiner Größe und seiner Athletik“, sagt er.
Er kam zum Schluss, dass Bryant ein sehr guter Highschoolspieler werden könnte.
„Kobe war noch so jung und bereits so gut“, erklärt Rines. „Ballkünstler war er keiner. Doch in den Bereichen, wo er Aufholbedarf hatte, arbeitete er hart und entwickelte sich.“
Je mehr Zeit er mit Bryant verbrachte, desto mehr sah er einen Teenager, der beinahe jede freie Minute mit Basketball verbrachte. „Am Morgen begann er sein Training mit den Profis im Bellevue Hotel und am Nachmittag ging es dann an der St. Joseph’s University auf die Laufbahn, samt Sprintfallschirm und Balltraining. Am Abend ging er dann ins jüdische Gemeindezentrum und trainierte dort allein weiter.“
Die Spiele im Sommer waren eine Art Testlabor für ihn. Als mehr Geld in den Sport zu fließen begann, versuchten die Coaches in der AAU, Spitzenspieler für ihre Teams zu rekrutieren, was wiederum andere Topspieler anzog und das Interesse von Sportschuhherstellern und anderen Firmen weckte. Es stellte sich schnell heraus, dass Kobe die oberste Priorität in Rines’ Team war. „Wenn Kobe einen schlechten Wurf nahm, dann war es Teil seines Lernprozesses, um besser zu werden“, sagt Rines. „Wir mussten eben akzeptieren, wer er war und was er war.“
„Er machte eine Phase durch, in der er wirklich ganz egoistisch spielte“, fügt Rines an. „Dann durchlief er eine Phase, in der er lernte zu dribbeln und wie man Crossovers macht, auch wenn er dabei den Ball sieben- oder achtmal hintereinander ins Seitenaus kickte, nur weil er einen bestimmten Move trainieren wollte. Wie soll man das coachen? Wenn er irgendetwas einstudieren wollte, dann tat er es, egal, was um ihn herum geschah. Am Ende sagte ich dann: ‚Was zum Teufel soll das? Können wir das Spiel bitte gewinnen? Lass uns erst das Spiel gewinnen, dann kannst du jeden verdammten Move ausprobieren, den du willst.‘ Denn ehe wir es uns versahen, waren wir 12, 14 oder 16 Punkte hinten, nur weil er an einem bestimmten Crossover-Move in einem AAU-Spiel arbeiten wollte.“
Bryants Konzentration auf seine eigene Entwicklung schadete dem Team einige Male und entsprach ganz und gar nicht der Idee der AAU, denn die Spiele waren ja im Grunde eine Plattform für Spieler, sich den Spielerbeobachtern der Colleges zu präsentieren.
„Die Spieler waren darauf angewiesen, dass Collegescouts zu den Spielen kamen“, erklärt Rines. „Aber wenn du ein Mitspieler bist, der darauf wartet einen Sprungwurf zu machen und Kobe sieht dich nicht oder spielt den Ball ins Aus, dann kommst du nicht auf die Anzahl der Würfe, die du haben solltest, nur weil jemand den Ball nicht passen wollte oder schlechte Entscheidungen traf. Das hat natürlich Auswirkungen auf beide, den Ballträger und den Werfer, denn die Scouts denken sich dann: Er ist gut, aber irgendetwas fehlt.“
„Bryants Defizite in der Ballbehandlung mussten auf diesem Niveau ausgeglichen werden“, erklärt Rines. „Wir mussten ihm andere Guards hinstellen, damit er besser aussah.“
Ein Spieler wie der Elite Point Guard Shaheen Holloway konnte Bryants Schwächen schonungslos aufzeigen, was wiederum Kobe weiter darin bestärkte, diese Mankos zu eliminieren.
„Das Beste aber war, dass alle Teams gute Spieler hatten, da gab es keine einfachen Gegner. Das schlechteste Team hatte vielleicht sieben Division I Spieler“, so Rines.
Im Laufe der Saison identifizierten die Trainer ein Problem, welches immer wieder in Bryants Karriere auftauchen würde. „Viele seiner Probleme kamen daher, dass er zu viel nachdachte oder überanalysierte. Joe und ich hatten schon früher darüber gesprochen. Joe selbst war immer recht entspannt. Er sagte zu Kobe: ‚Denk nicht drüber nach, spiel einfach. Spiel einfach. Du bist hier, um dich zu verbessern. Wir sind nicht gekommen, damit du dich hysterisch aufführst.‘“
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