Kitabı oku: «Reinkarnation - Kommen wir mehrmals auf die Welt?»
Reinkarnation – Kommen wir mehrmals auf die Welt?
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Text: © Copyright by Roland M. Horn
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Verlag:
Roland M. Horn
Kloppstr. 53
66271 Kleinblittersdorf
Roland.M.Horn@t-online.de
Druck: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin
Roland M. Horn
Reinkarnation
Kommen wir mehrmals auf die Welt?
In Erinnerung an Pernell Roberts
(18. Mai 1928 - 24. Januar 2010)
„Des Menschen Seele gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder zur Erde muss es,
Ewig wechselnd…“
(Johann Wolfgang von Goethe)
Inhaltsverzeichnis
Gibt es ein Leben nach dem Tod?
Reinkarnation in den Religionen
Einige ausgewählte Berichte
Raymond Moody und der Königsweg zum persönlichen Mythos
Auf der Suche nach Bridey Murphy
Die erstaunlichen Fälle des Ian Stevenson
Reinkarnation, Karma, Edgar Cayce und der Holocaust
Reinkarnation, Auferstehung, Endzeit, Aufstieg
Literaturverzeichnis
Gibt es ein Leben nach dem Tod?
Diese Frage beschäftigt die Menschheit vermutlich schon, seit sie existiert. Bereits der Neandertaler kannte Begräbnisstätten, und in der Zeit des modernen Menschen haben sich mancherlei Kulte und Religionen gebildet, die sich speziell mit dieser Frage auseinandersetzen. Was ist eigentlich der Tod?
Erlischt mit ihm das Bewusstsein des Menschen, das möglicherweise seinen Sitz im sterblichen Gehirn hat und mit ihm zugrunde geht? Oder ist das Gehirn nur „Verwalter“ eines Bewusstseins, das nach seinem Tod zugrunde geht, während das Bewusstsein weiterlebt? Lange Zeit galt dieses Thema als ein naturwissenschaftliches Tabu, das nur in den Bereich der Religion gehört. Man kann glauben, dass eine unsterbliche Seele den Tod überdauert, man kann daran glauben, dass die Seele nach dem Ableben auf der Erde in einen „besseren Ort“ gelangt, oder dass die „Bösen“ oder wahlweise die „Gottlosen“ von einem strafenden Gott in einen Ort des ewigen Schreckens geschickt werden, oder dass der Mensch beispielsweise nach dem Tod „schläft“, um am Tag des Jüngsten Gerichts wieder aufzuerstehen.
Die Naturwissenschaft geht das nichts an. Sie überlässt die Frage gerne der Religion, denn sie selbst kann nicht „messen“, ob es ein Weiterleben nach dem Tod gibt. Umso erstaunlicher ist es, dass wir in den letzten Jahren immer öfter auch von naturwissenschaftlicher Seite Informationen zu diesem Thema erhalten.
So erschien beispielsweise in der Online-Ausgabe der Welt vom 25. April 2008 ein Artikel des Wissenschaftlers Rolf Froböse, der dem Themenbereich „Quantenphysik“ zugeordnet ist, aber den Titel „Die Seele existiert auch nach dem Tod“ trug.
(http://www.welt.de/wissenschaft/article1938328/Die_Seele_existiert_auch_nach_dem_Tod.html)
In diesem Artikel wird eingangs auf das bekannte Phänomen der „Nahtoderfahrungen“ Bezug genommen. Klinisch tote Menschen berichten oft, dass sie aus ihrem Körper austreten und nachdem sie einige Zeit lang die Vorgänge um sie beobachtet hatten, in einen Tunnel gezogen werden, an dessen Ende meist helles Licht erstrahlt. Oft wird Musik gehört, die so schön ist, dass sie nicht mit jenen Klängen verglichen werden kann, die je auf diesem Planeten gehört wurden – diese Musik gleiche „Engelsgesang“. Oft begegnen die klinisch Toten einem Lichtwesen oder toten Freunden bzw. Verwandten, die ihnen mitteilen, dass sie auf die Erde zurückmüssen, weil sie beispielsweise ihre Aufgabe noch nicht erfüllt hätten. Die „Seelen“, die diese Botschaften hören, sind nie begeistert von dieser Auskunft, ja sie scheint für sie einen Schock darzustellen. Sie empfinden den jetzigen Zustand als viel schöner als alles, was sie zuvor erlebt hatten – sie fühlen sich glücklicher als auf der Erde. Doch es hilft nichts: Die „Seelen“ müssen auf die Erde zurück, und unverhofft finden sie sich oft plötzlich in ihrem Körper – beispielsweise in ihrem Krankenbett oder am Unfallort – wieder.
In dem o.g. Artikel wird von den sonderbaren Erlebnissen des amerikanischen Chemikers James Grant berichtet. Grant war jahrelang in Deutschland in einem Max-Planck-Institut tätig. Das sonderbare Erlebnis, um das es gleich gehen wird, trug sich während seines Studiums zu, das er nicht nur in den USA, sondern auch in London durchführte. Grant wollte in einem Studentenheim ein Zimmer beziehen, doch es war keines mehr frei. Folglich blieb ihm nichts anderes übrig, als sich in eine Warteliste einzutragen. Doch überraschend schnell wurde doch noch ein Zimmer frei.
Eines nachts – er war noch nicht lange Bewohner dieser Räumlichkeit – wurde Grant kurz nach dem Einschlafen wieder wach. Im Schein einer Straßenlaterne sah er einen jungen Mann mit schwarzem, gelocktem Haar. Grant war erschrocken. Er fragte sich: „Hat sich ein Nachbar in der Tür geirrt?“ Grant sprach die Gestalt an, doch jene reagierte überhaupt nicht. Mit einem tieftraurigen Gesichtsausdruck blickte sie Grant an. Als jener das Licht einschaltete, war die Gestalt nicht mehr zu sehen. Grant ist sich absolut sicher, nicht geträumt zu haben, und so erzählte er am nächsten Morgen der Heimleiterin von der mysteriösen Geschichte. Er beschrieb ihr genauestens, wie der Mann ausgesehen hatte, den er in der Nacht sah. Die Heimleiterin suchte nun in ihrem Archiv und holte ein Foto heraus, dass sie Grant zeigte. Und tatsächlich: Der spätere Chemiker erkannte den Mann als die Gestalt wieder, die er nachts in seinem Zimmer gesehen hatte. Natürlich wollte Grant sofort wissen, wer dieser Mann gewesen ist, und mit bebender Stimme sagte die Heimleiterin, dass es sich um Grants Vormieter gehandelt habe, der erst kurze Zeit vor dem Ereignis Selbstmord begangen habe.
Froböse betont, dass es sich bei dem Zeugen dieses Erlebnisses um einen vertrauenswürdigen Naturwissenschaftler gehandelt habe, obwohl er zu bedenken gibt, dass das Ganze nach Halluzination klänge. Tatsächlich gibt es die sogenannten hypnagogen Visionen oder Halluzinationen, die auch bei Gesunden nach dem Einschlafen vorkommen können. Sollte es sich um eine derartige Halluzination gehandelt haben, bleibt allerdings die Frage offen, wieso Grant eine reale Person halluziniert haben kann, die er gar nicht kannte. Wenn es nicht der Geist des verstorbenen Vormieters war, den Grant sah, müsste trotzdem eine übersinnliche Erklärung wie „Hellsehen“ herhalten. Grant hätte dann auf übersinnlichem Wege erfahren, wie sein Vormieter ausgesehen hatte und dieses Bild halluzinierte er dann in der Phase des Einschlafens. Doch macht diese Erklärung tatsächlich mehr Sinn als jene, nach der er einen Toten, einen Geist, gesehen hat? Dazu kommt, dass ähnliche Geschichten, wie die Grants, zahllos sind.
Froböse erinnert an eine weitere merkwürdige Geschichte, die ein anderer Wissenschaftler erlebt hat. Es handelt sich um den Naturwissenschaftler und Theologen Emmanuel Swedenborg (1688 – 1772). Diese Geschichte ist vielfach bezeugt. Swedenborg hatte eines Abends eine Vision, nach der in seiner 450 Kilometer entfernten Heimatstadt Stockholm ein Feuer ausgebrochen sei. Dieses Feuer kam einige Häuser vor der Wohnung des Naturwissenschaftlers zum Stillstand. Später bezeugte ein Bote, dass die Katastrophe tatsächlich stattgefunden hatte – genauso, wie Swedenborg sie gesehen hatte.
Ein ähnliches Erlebnis hatte auch eine Großmutter des Autors: Sie erzählte eines Morgens, dass in der Nacht zuvor einer ihrer beiden Söhne, der im Zweiten Weltkrieg kämpfte, gefallen sei. Sie nannte den Ort, an dem er gestorben war und den exakten Todeszeitpunkt. Dabei war sie ganz ruhig und gefasst. Die Familie fragte sich, ob sie irgendwelche Halluzinationen ohne Wahrheitsgehalt hatte, doch am gleichen Tag kam ein Bote und überbrachte die Botschaft vom Tod meines Onkels. Der Bote nannte Zeit und Ort – und beides stimmte mit der Fernwahrnehmung meiner Großmutter überein. Der Bote war darüber verwundert, dass meine Großmutter keinerlei Anzeichen von Überraschung zeigte.
Derlei Erlebnisse gibt es vielfach. Skeptiker versuchen dieses Phänomen statistisch zu erklären: Sie stellen fest, dass insgesamt gesehen nur eine Minderheit der Mütter, deren Kinder im Krieg verstorben sind, derartige Erlebnisse hatten. Dies seien „statistisch zu erwartende Zufälle“. Doch diese „Erklärung“ beantwortet nicht die Frage, wie meine Großmutter Todesort und -zeitpunkt wissen konnte.
Vieles wird heutzutage mittels Statistiken erklärt oder besser „wegerklärt“. Doch Statistiken haben ihre Tücken. So drückt beispielsweise eine statistisch ermittelte Lebenserwartung in einer bestimmten Epoche aus, dass der Mensch in jener Zeit durchschnittlich nur, sagen wir, 40 Jahre, alt geworden ist. Aus dieser Statistik geht nicht hervor, dass es in jenem Zeitraum beispielsweise eine sehr hohe Säuglingssterblichkeit gab, die die Statistik nach unten verfälscht. Man kann aus einer solchen Statistik nicht schließen, dass der Mensch in einer solchen Epoche grundsätzlich nicht alt wurde, obwohl die Statistik dies auf den ersten Blick suggeriert. Anhand des Hilfsmittels „Statistik“ kann auch bewiesen werden, dass der Klapperstorch die Kinder bringt, denn gleichzeitig mit dem Rückgang der Storchen-Population gingen auch die Geburten zurück. Damit soll nicht gesagt sein, dass Statistiken grundsätzlich unbrauchbar sind, sondern es soll nur dazu angeregt werden, eine gewisse Vorsicht walten zu lassen. Und mittels einer Statistik übersinnliche Fernwahrnehmungen „wegerklären“ zu wollen, ist ganz sicher keine allzu seriöse Vorgehensweise.
Doch kehren wir nun zu Froböses Erkenntnissen zurück: Er weist darauf hin, dass eine Reihe von Physikern Erlebnisse wie Grant oder Swedenborg sie hatte, mittlerweile ernst nähmen. Genau gesagt, spricht Froböse in diesem Zusammenhang von Erlebnissen, die landläufig als übersinnlich gälten und vermutet eine hohe Dunkelziffer, denn viele Menschen hätten Angst, sie würden als unglaubwürdig abgestempelt werden, wenn sie mit ihren Erlebnissen an die Öffentlichkeit gingen. Physiker kommen nach Froböse zu dem revolutionären Schluss, dass es eine physikalisch beschreibbare Seele gibt! Und die Basis dieser Behauptung ist das quantenphysikalische Phänomen der Verschränkung.
Froböse bringt einen der größten aller Wissenschaftler ins Spiel: keinen Geringeren als Albert Einstein. Dieser stieß einst auf diesen seltsamen Effekt und nannte ihn „Spukhafte Fernwirkung“. Während sich Einstein nicht weiter mit diesem Phänomen beschäftigte, lieferte in jüngerer Zeit der Wiener Quantenphysiker Anton Zeilinger, Froböse zufolge, den experimentellen Nachweis dafür, dass dieser Effekt tatsächlich existiert. Ein weiterer Wissenschaftler, der Froböses Indizienkette stützt, ist der Quantenphysiker Professor Hans-Peter Dürr, einstiger Leiter des Max-Planck-Instituts in München. Er ist heute der Meinung, dass der Dualismus (also die Zweiteilung) kleinster Teilchen sich nicht auf die subatomare Welt beschränkt, sondern allgemeingegenwärtig ist. Wie es einen Welle-Teilchen- Dualismus1 gibt, der sich insbesondere am Beispiel des Lichts festmachen lässt, das scheinbar in zwei gegenteiligen Formen – nämlich als elektromagnetische Welle als auch als Teilchen – auftreten kann, gäbe es nach Dürr einen Dualismus von Leib und Seele. Dürr ist, wie wir von Froböse hören, der Auffassung, dass es einen universellen Quantencode gibt. In diesen Quantencode soll die gesamte lebende und tote Materie eingebunden sein. Und dieser soll sich seit dem Urknall über das gesamte Universum erstrecken. Konsequenterweise glaubt Dürr auch an ein Leben nach dem Tod. Das, was wir „Diesseits“ nennen, sei im Grunde die „Schlacke“, die Materie, eben das, was greifbar ist. Das „Jenseits“ sei dabei das Übrige, die „umfassende Wirklichkeit, das viel Größere“.
Froböse weist darauf hin, dass diese Ideen nicht ganz neu sind, denn bereits der Psychologe und Psychiater Carl Gustav Jung habe ab 1947 einen geschäftigen Briefwechsel mit dem bekannten Physiker Ernst Pauli geführt und nach einer physikalischen Deutung so genannter Synchronizitäten gesucht. Hinter diesen „Synchronizitäten“ verbergen sich „Zufälle“, bzw., zeitnah aufeinander folgende Erlebnisse, die nicht über eine Kausalbeziehung verknüpft sind (das eine also nicht die Ursache des anderen ist), vom Beobachter allerdings als „sinnhaft“ und logisch empfunden werden. Leider wurde der lebhafte Briefwechsel zwischen Jung und Pauli bezeichnender Weise ein halbes Jahrhundert lang nicht ernst genommen. Froböse spekuliert, dass die Vorstellung, Seelenzustände und die unbelebten Welten seien miteinander verknüpft und wirkten aufeinander, der Forscherelite für eine ernsthafte Diskussion zu verwegen gewesen sei.
Der Heidelberger Physiker Professor Markolf H. Niemz glaubt, wie Froböse berichtet, dass beim Tod eines Menschen die Seele dessen Körper mit Lichtgeschwindigkeit verlässt. Niemz beschäftigt sich intensiv mit der Nahtodforschung. Diese „Sterbeerlebnisse“, wie weiter oben beschrieben, und insbesondere das Licht, das die Sterbenden am Ende des Tunnels sehen, vergleicht Niemz mit einer simulierten Reise in einem Raumschiff, das beinahe Lichtgeschwindigkeit erreicht. Bei jener entstünde durch den sogenannten Searchlight-Effekt der Eindruck, als bewege sich alles von vorn auf den Beobachter zu. Vergleichbar mit diesem Effekt ist jener, der entsteht, wenn ein Autofahrer bei der Fahrt durch Schneegestöber unterwegs ist. Auch wenn die Seele den Körper verlasse und sich durch den Tunnel bewege, käme es zu einer Bündelung der Lichtstrahlen von vorn. Gleichzeitig erscheinen die übrigen Teile des Alls mit Erreichen der Lichtgeschwindigkeit immer dunkler. Bei einem solchen Effekt müsse der Betroffene unweigerlich das Gefühl haben, durch eine dunkle Röhre hindurch in eine strahlende Lichtquelle am Ende des Tunnels zuzusteuern.
Natürlich ist dem Autor nicht unbekannt, dass diese Nahtoderlebnisse umstritten sind. Oft werden sie durch Halluzination erklärt, die durch Sauerstoffmangel im Gehirn entstehen, oder es wird die Ausschüttung eines Hormons ähnlich der Endorphine angenommen, die während des Sterbens des Gehirns ausgeschüttet werden und dem Sterbenden den Eindruck eines schönen Erlebnisses vermittelt, um den bevorstehenden Tod zu erleichtern. Schließlich ist der betroffene Mensch zwar klinisch tot, sein Herz hat also aufgehört zu schlagen, aber er ist noch nicht biologisch tot, denn mittels eines EEG können noch Aktivitäten im Gehirn gemessen werden.
Ein Problem gibt es freilich, wenn man von solchen Erklärungen ausgeht: Bei vielen derartigen Berichten nehmen die Personen, die eine Nahtod-Erfahrung durchmachen, Dinge wahr, die sie gar nicht gesehen haben können. Sie beschreiben beispielsweise, während sie über ihrem Körper schweben, eine Handlung, die von einer Person durchgeführt wird, die erst nach dem Ende der Herztätigkeit auf der Bildfläche erschien und können nach erfolgreichen Wiederbelebung Person und Handlung genau beschreiben. Als alternative Erklärung müsste man sich auch hier wieder mit einem übernatürlichen Phänomen, nämlich dem des Hellsehens, anfreunden, die aber das Geschehene nicht zwangsläufig plausibler erklärt als die Vorstellung, dass die Seele den Körper tatsächlich verlassen hat.
Froböse bringt in seinem Artikel einen weiteren Wissenschaftler ins Spiel: Christian Hallwag, der sich nach Abschluss seines Physik- und Medizinstudiums am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen seit vielen Jahren mit der wissenschaftlichen Erforschung der Hirnfunktionen beschäftigt und der ebenfalls vom Quantenzustand des Geistes überzeugt ist. Er sagt: „Die Eigenschaften des Gehirns entsprechen haargenau denjenigen Charakteristika, die die äußerst rätselhaften und wunderlichen Erscheinungen der Quantenwelt auszeichnen.“
Froböse zitiert weiter den weltbekannten amerikanischen Physiker Professor John A. Wheeler, der sagte: „Viele Physiker hoffen, dass die Welt in gewissem Sinne doch klassisch sei – jedenfalls frei von Kuriositäten wie großen Objekten an zwei Orten zugleich. Doch solche Hoffnungen wurden durch eine Serie neuer Experimente zunichtegemacht.“
Froböse zieht nun auch noch den britischen Kernphysiker und Molekularbiologen Jeremy Hayward von der Universität Cambridge heran, der sagte: „Manche durchaus noch der wissenschaftlichen Hauptströmung angehörende Wissenschaftler scheuen sich nicht mehr, offen zu sagen, dass das Bewusstsein neben Raum, Zeit, Materie und Energie eines der Grundelemente der Welt sein könnte.“
Ist das menschliche Bewusstsein also tatsächlich nicht nur ein chemischer Vorgang, der vom individuellen menschlichen Gehirn erzeugt wird, sondern, wie Hayward es ausdrückte, „eines der Grundelemente der Welt“? Letzterer kommt jedenfalls zu dem Schluss, dass das menschliche Bewusstsein möglicherweise sogar grundlegender als Raum und Zeit sei!
Die buddhistisch-hinduistische „Naturphilosophie“ sieht dies übrigens interessanter Weise ebenfalls so. Doch kommen wir wieder auf Froböse zurück. Dieser resümiert: „Sollten sich die Thesen der Avantgarde unter den Physikern in nachfolgenden Forschungen bestätigen, dürfte dies unser Weltbild maßgeblich beeinflussen. So würden sich Naturwissenschaft und Religion fortan nicht mehr als Gegensätze gegenüberstehen. Vielmehr könnten sie sich komplementär ergänzen – geradewegs wie der rechte und der linke Schuh des Menschen.“
Froböse, der der Autor des Buches „Die geheime Physik des Zufalls, Quantenphänomene und Schicksal“ (Norderstedt 2008) ist, äußert sich auf der Internetseite der evangelischen Wochenzeitschrift Glaube und Heimat in einem Artikel mit dem Titel Zwei Seiten einer Medaille“ zu Wort. (http://www.guh-cms.de:8001/guw/blickpunkt/11-2009, Zugriff am 22.03.2009, später unter http://www.mitteldeutsche- kirchenzeitungen.de/2009/03/12/zwei-seiten-einer-medaille/zu finden. Zugriff am 07.03.2010)
Die dort eingangs gestellte Frage ist, ob die Wissenschaft einen Brückenschlag zur Religion anbieten kann. Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Zitat des oben erwähnten Professors Dr. Hans- Peter Dürr, der sagte: „Du kannst nicht von Gott reden, weil Gott eigentlich das Ganze ist. Und wenn er das Ganze ist, dann schließt es Gott mit ein.“ Dieses Zitat legt zugleich eine pantheistische und panentheistische Weltanschauung nahe, nach der die Gottheit bzw. „das Göttliche“ in allen Erscheinungen der Welt zu sehen ist. Somit vertritt der Pantheismus2 respektive Panentheismus3 die Ansicht, dass das Universum gleichbedeutend mit Gott sei. Dies schließt den Glauben an einen personalen Gott aus. Das evangelische Wochenblatt scheint allerdings kein Problem mit dieser Aussage zu haben.
In diesem Artikel wird das Verschränkungsprinzip mit folgenden Worten anschaulich erklärt: „Ändert ein Teilchen seinen Zustand, so erfolgt diese Änderung wie durch Geisterhand zum exakt gleichen Zeitpunkt auch bei dem anderen mit ihm verschränkten Teilchen. Diese Verschränkung bleibt auch dann erhalten, wenn die Wechselwirkung weit in der Vergangenheit zurückliegt und die beiden Teilchen weit voneinander entfernt sind.“
Große Teile des Universums seien dem naturwissenschaftlichen Mainstream zufolge mit dem vor 13,7 Milliarden geschehenen Urknall miteinander verschränkt. Froböse schreibt, dass diese „fundamentale Eigenschaft des Universums“ „dramatische Auswirkungen auf jedes einzelne Individuum“ habe. Dies liege darin begründet, dass der Körper der Menschen aus Organen, Zellen und Molekülen besteht, die wiederum von atomaren Teilchen gebildet würden. Diese Teilchen hätten auch Wellencharakter, woraus sich folgern ließe, dass auch unser Gehirn über Welleneigenschaften verfüge. Somit kommt Froböse zu dem Ergebnis, dass Teile der belebten und der unbelebten Welt miteinander verschränkt seien und auf subtile Weise miteinander kommunizierten.
Froböse verweist auf ein Physikerteam aus Genf unter der Leitung von Professor Nicolas Gisin, das im August 2008 zum ersten Mal die Geschwindigkeit des Informationsaustauschs zwischen zwei verschränkten Teilen messen konnte. Es errechnete, dass die Ausbreitungsgeschwindigkeit der spukhaften Fernwirkung mindestens 100.000-mal größer sein muss als die Lichtgeschwindigkeit. Das hieße, dass die wirkliche Ausbreitungsgeschwindigkeit der spukhaften Fernwirkung unendlich schnell und damit simultan erfolgt.
Der englische Quantenphysiker Terence Graham Rudolph vom Londoner Imperial College kommentiert diese Erkenntnis wie folgt: „Das Ergebnis zeigt, dass in der Quantenphysik das in unserer Vorstellungskraft herrschende Raum-Zeit-Gefüge überschritten wird.“
Froböse drückt diese Erkenntnis so aus: „Die Konsequenzen des Versuches könnten die Fugen unseres Weltbildes nicht minder dramatisch erschüttern wie zur Zeit der kopernikanischen Wende. So wird bereits darüber spekuliert, dass das Verschränkungsprinzip der Quantenphysik eine Pionierbrücke zwischen der Wissenschaft und der Spiritualität schlagen könnte.“
Froböse zitiert einen weiteren Wissenschaftler, der zu der Erkenntnis gekommen ist, dass die Quantenverschränkung den Beweis dafür darstellt, dass Geist und Seele den Körper überdauern können. Es handelt sich um den 1939 in New York geborenen Jack Scarfatti4, einen US-amerikanischen theoretischen Physiker und Autor von populären Werken über Quantenphysik und Bewusstsein. Scarfatti ist der Überzeugung, dass das Paradigma, das Naturwissenschaften und Geisteswissenschaften trennt, in nicht allzu ferner Zeit zusammenbrechen wird. „Nichts“, so sagt er, „geschieht im menschlichen Bewusstsein, ohne dass irgendetwas im Universum darauf reagiert. Mit jedem Gedanken, jeder Handlung beschreiben wir nicht nur unsere kleine Festplatte, sondern speichern auch etwas im Quantenuniversum ab, das unser irdisches Leben überdauert.
Froböse sagt: „Sollten sich die Theorien der Quantenphysiker in weiteren Versuchen bestätigen, dann würden sich auch Naturwissenschaft und Religion fortan nicht mehr als Gegensätze gegenüberstehen. Vielmehr könnten sie sich als komplementär ergänzen – geradewegs wie die zwei Seiten ein und derselben Münze.“
Es sieht tatsächlich danach aus, dass das oben beschriebene naturwissenschaftliche Tabu am Bröckeln ist, und wir müssen uns fragen, ob Religion und Wissenschaft tatsächlich so weit voneinander entfernt sind, wie es bisher angenommen wird. Können religiöse und spirituelle Vorstellungen von der Wissenschaft bestätigt werden? Es scheint nicht mehr ausgeschlossen zu sein.
Ein interessantes Experiment, das im Fernsehen übertragen wurde, stellt einen weiteren interessanten Hinweis auf ein Weiterleben nach dem Tod dar. Nur steht in dieser Geschichte kein Wissenschaftler im Mittelpunkt, sondern ein Spiritist: Arthur Ford. Über ihn sagt Professor Jerome Ellison von der Universität New Haven: „Arthur Fords Bedeutung für die Wissenschaft liegt darin, dass er die bis heute sichersten Beweise für Kontakte mit dem Jenseits geliefert hat. Sein Weltruf gründet sich auf die Aussagekraft seiner Botschaften von ‚drüben’. Wie ich selbst vermögen Tausende von Menschen zu bestätigen, dass die von ihm übermittelten Nachrichten ganz persönliche Informationen enthielten, deren Inhalt nicht zuvor abgesprochen worden sein konnte. Und die nur von dem Verstorbenen selbst ausgehen konnte.“ (Ford o. J., Rückklappentext.)
Arthur Ford war ein Trance-Medium, durch das während seiner Sitzungen ein „Kontrollgeist“ namens „Fletcher“ sprach. Fletcher war eines Tages, als Ford während einer Séance in Trance war, auf diese Weise erschienen und hinterließ eine Botschaft für Ford: Er werde von nun an sein Kontrollgeist sein. In den folgenden Sitzungen nahm „Fletcher“, der durch Ford sprach, den Kontakt mit den Toten auf. Oft warf er irgendwelche Namen in den Raum und sagte, dass ein Verstorbener Kontakt mit ihm aufnehmen wolle. Die Kontaktaufnahme war nicht immer einfach, denn der in einem frankokanadischen Dialekt sprechende „Kontrollgeist“ beklagte sich oft darüber, dass seine Partner im Jenseits die Botschaften, die er weitergeben sollte, zu schnell sprachen, was nach Fletcher (d. h. Ford in Trance mit dem französisch-kanadischen Akzent) zu Verständigungsschwierigkeiten und Irrtümern führte, insbesondere bei der Weitergabe komplizierter Eigennamen. Dies bedeutete Zeitverlust, und der spielte eine große Rolle, weil Ford nicht unendlich lange in Trance bleiben konnte. So misslang schon einmal die eine oder andere Séance. Ford berichtet auch von Vokabularschwierigkeiten und einer hektischen Sprachweise, die bei Fletchers Vermittlungen auftraten und ihn störten.
Ansonsten schien „Fletcher“ recht zuverlässig zu sein. Einmal hatte ihm ein gewisser Carlson aus dem Jenseits vermittelt, dass er eine wichtige Botschaft habe, in der es um einen Farbigen namens Martin Luther ginge. Es gäbe einen schlimmen Plan. Ein Geistlicher namens „Martin Luther King“ solle sehr bald ermordet werden. Er sah jedoch nicht, wann der Mord stattfinden sollte. Fletcher erklärte, dass Carlson nur „einen Teil des Bildes“ sah. „Vorhersagen wie diese empfängt man nur in groben Umrissen, nur den Plan“. Ein Jahr später, am 4. April 1968, wurde der bekannte Bürgerrechtler Martin Luther King ermordet.
Als Beispiel für die Jenseitskontakte, die Flechter vermittelte, sei nur eins genannt: Die Person, die den Kontakt suchte, war Dr. Morris Edmund Speare, Philosophiedozent an der John-Hopkins- Universität in Baltimore. Er lehrte jahrelang an Harvard und war Lektor beim Verlag Oxford University Press. Seine Frau war Florence Lewis Speare, die 1965 starb. Zu ihren Lebzeiten war sie eine bekannte Dramatikerin.
Dr. Speare hatte sechs Sitzungen mit Ford: Die erste am 12. März 1966 und die letzte am 13. März 1968. „Die glaubwürdigen Aussagen und Botschaften, mit denen mich der Kontrollgeist Fletcher überschüttete, haben mein Leben verändert“, sagte Dr. Speare. Die Botschaften stammten in der Hauptsache von Speares Frau, seinen Eltern, seinen früheren Universitätslehrern von verstorbenen Kollegen, von Verwandten seiner Frau und von eigenen Verwandten. Es dauerte manchmal Monate, bis es Speare gelang, den Wahrheitsgehalt bezüglich bestimmter Botschaften zu finden, doch der überwiegende Teil erwies sich nach seiner Darstellung als Wahrheit.
Fletcher gab die Worte seiner Frau wieder, die sagte, dass hier jemand sei, der ihn kenne und dessen Name David Little war. Little war Kurator der Harvard-Theatersammlung. Er würde sagen, dass alle Stücke und Romane von Speares Frau wie auch ihre Briefe von G. B. Shaw, Lady Gregory, William Butler Yeats und bekannten Persönlichkeiten dieser Sammlung zugeführt werden sollen. „Er war Vorsteher von Adams House in Harvard, kanntest Du ihn?“, sagte die Frau durch Fletcher. Doch Speare musste verneinen. Er kannte diesen Namen nicht, und in seiner Zeit gab es in Harvard auch kein „Adams House“.
Speare sagt, dass während der Sitzung nur drei lebende Menschen wussten, dass die Kuratorin der Harvard-Theatersammlung ihn um Florence’ Bücher und Skripte gebeten hätten, dass diese für eine Florence-Lewis-Speare-Gedächtnis-Stiftung bestimmt waren und dass sie neun Tage nach der Séance nach Harvard gebracht wurden. Später bekam Speare von der Harvard-Kuratorin einen Dankesbrief, rief sie an und fragte sie, wer David Little war und welche Stellung er in Harvard hatte; ob er vielleicht Kurator der Harvard-Theatersammlung war. Das war er nun tatsächlich nicht, doch er wurde oft mit den Aufgaben eines Kurators betraut – und er war Direktor von „Adams House“ – einem Haus, das erst lange Zeit nach Speares Zeit in Harvard errichtet wurde.
„Fletcher“ wies Speare darauf hin, dass seine Frau in jüngeren Jahren Flora genannt wurde, in ihrer Jugend jedoch einen anderen Spitznamen gehabt habe: Jean. Er fragte Speare, ob er diesen kenne. Doch Speare wusste davon nichts. Er musste erst nachschauen. Später jedoch fand er Briefe aus der Zeit, in der seine Frau ein junges Mädchen war, aus denen unzweifelhaft hervorging, dass sie damals „Jean“ genannt wurde. Weiter äußerte „Fletcher“, dass Speares Frau ihm das Bild einer Ecke ihres Wohnzimmers zeigte. In der Mitte stand ein Tisch, und er sprach von einer Lampe mit einem rötlichen Schirm. Weiter sprach er von einem Sessel, der rechts davon stand und von den Bücherregalen, die in der Ecke dahinter standen. Aus einem anderen Blickwinkel würde, wenn Speare in diesem Sessel sitzt, er eine Fotografie seiner Frau vor sich sehen. Speare gab zu, dass dies eine genaue Beschreibung seines Wohnzimmers war. Er beharrte darauf, dass Ford dieses Wohnzimmer nie zu sehen bekommen hatte und dass nie jemand sie ihm beschrieben hätte. Speare hatte diese Wohnung erst nach dem Tod seiner Frau bezogen und schloss daraus, dass sie – nach ihrem Tode – oft in diesem Wohnzimmer war.
„Fletcher“ teilte Speare mit, dass dessen Frau sehr glücklich sei. Sie hätte Fletcher gesagt, dass sie mitbekommen hätte, dass Speare unentwegt schreibt. Tatsächlich arbeitete Speare gerade an einem Buch. „Fletcher“ teilte Speare mit, dass ein Mann namens Will Cuppy „hier drüben“ sei, der sich bei Speare darüber bedanken wollte, dass er sich seiner Arbeiten angenommen und sie veröffentlicht hat. Speares Frau hätte Cuppy nie akzeptiert und war der Meinung, dass er es nicht wert sei, sich mit ihm abzugeben.
Speare sagt dazu, dass Cuppy ehemaliger Lektor der New York Herald Tribune gewesen sei und mit ihm zwei Bücher machte: Die großen Mysteriengeschichten der Welt und Die großen Detektivgeschichten der Welt. Cuppy sei brillant und geistvoll gewesen, doch man hätte ihn ständig zur Arbeit treiben müssen; Cuppy sei ein Quartalssäufer gewesen, und Speare hätte großen Einfluss auf ihn gehabt.
„Fletcher“ überbrachte nun wieder eine Meldung von Speares Frau, die sagte, dass sie und er gemeinsam an einem dreihundertjährigen Gedenktag teilgenommen hätten und wie „Fletcher“ sagt, zeigte sie auf die Zahl 1936. Florence sagte, dass dies in jenem College stattgefunden habe, in dem die beiden sich kennengelernt hätten. Sie sollen sich damals mit jemandem unterhalten haben, der Speare grüßte. Sie beschrieb ihn als „ziemlich klein“ und als „ulkig aussehenden Mann“, der meistens hohe Knopfstiefel trug. Seinen Anzug beschrieb „Fletcher“ als schlotternd, zerknittert und fadenscheinig, er sei aus blauem Serge gewesen. „Fletcher“ übermittelte, dass es sich dabei um „Onkel Fritz“ gehandelt habe. Sein richtiger Name sei Frederick Robinson. Er würde „Fletcher“ ein Bild mit dem Titel Canterbury Tales zeigen und zitierte ihn mit den Worten: „Ich kannte deine Frau viel früher als dich.“ Dieser „Onkel Fritz“ sei in seiner Jugend ein begeisterter Bergsteiger gewesen und Fletcher übermittelte seine an Speare gerichteten Worte: „Ich bin überzeugt, dass Sie, da Ihr Interesse am Leben wiedererwacht ist und Sie die wahre Bedeutung des Daseins erkannt haben, wahrscheinlich so lange leben wie ich.“
Speare konnte bestätigen, dass seine Frau und er an der Gedenkfeier zum dreihundertjährigen Bestehen der Harvard-Universität teilgenommen hatten, die 1636 gegründet worden war. Speare hatte drei Kurse bei Dr. Robinson belegt, und er erinnerte sich auch daran, dass seine Frau einmal zu ihm gesagt habe, sie habe Robinson lange vor ihm gekannt. Speare wollte es aber noch genauer wissen: Er setzte sich mit seinem noch lebenden Neffen im Cambridge in Verbindung, der ihm tatsächlich schrieb, dass sein Onkel von Verwandten und Freunden „Onkel Fritz“ genannt wurde und dass er jahrelang Mitglied des Appalachian Clubs und in seiner Jugend Bergsteiger gewesen sei. Dieser „Onkel Fritz“ sei im Alter von 95 Jahren gestorben und hätte in seinen letzten Jahren seine Anzugtaschen als eine Art Aktentasche benutzt, in dem er alle persönlichen Papiere aufbewahre. Dieser Neffe schrieb auch, dass sein Onkel im hohen Alter maßgearbeitete Knopfstiefel trug. Fords Buch „Bericht vom Leben nach dem Tod“ enthält zahlreiche derartige Berichte, die wie die Sitzung mit Speare dort wörtlich wiedergegeben wurden.
Interessanter noch als diese Episoden erscheint mir das oben erwähnte Fernsehexperiment zu sein, das ebenfalls einige Hinweise dafür hervorbrachte, dass es ein Leben nach dem Tod tatsächlich gibt. Es war im Jahr 1967. Allen Spraggett, Redakteur für religiöse Angelegenheiten beim Toronto-Star, gab ein Buch über spiritistische Phänomene heraus. James Pike war Bischof der Episkopalkirche von Kalifornien und Verfechter fortschriftlicher Ansichten über tägliche Fragen des christlichen Glaubens. Nun waren die beiden zusammen mit Ford dazu eingeladen worden, im Fernsehen über Spraggetts Buch zu diskutieren. Vor dem Auftritt bat Pike Ford noch um eine private Séance. Ford schlug vor, diese Sitzung während der Fernsehsendung abzuhalten. Pike war einverstanden und ebenso die Verantwortlichen vom kanadischen Fernsehen. – Nun war „Fletcher“ also als Fernsehmoderator gefragt. Während dieser Fernseh-Séance meldeten sich „mehrere jenseitige Persönlichkeiten“, die Pike gekannt hatten. Am meisten suchte sein verstorbener Sohn Jim den Kontakt mit dem Bischof.
Jim hatte sich im Februar 1966 im Alter von einundzwanzig Jahren in einem kleinen Hotelzimmer in New York erschossen. Warum er dies getan hatte, blieb ein Rätsel. Das Verhältnis zu den Eltern war bis zuletzt außergewöhnlich gut. Einen Abschiedsbrief gab es nicht. Krankheiten oder berufliche Schwierigkeiten hatte Jim Pike auch nicht gehabt.
Es waren etwa zwei Wochen seit Jims Beerdigung vergangen, als in Pikes Wohnung – er hielt sich zu dieser Zeit zu Gastvorlesungen in Cambridge auf – merkwürdige „poltergeistartige“ Phänomene auftraten. Neben Pike selbst wurden die Phänomene von seinem Sekretär und einem weiteren Geistlichen, einem gewissen David Barr, beobachtet. Es war Morgen, als alle Uhren in der Wohnung stehen blieben – sie alle standen auf acht Uhr neunzehn. Auf die europäische Zeit übertragen war es genau der Zeitpunkt, an dem Jim sich in New York das Leben genommen hatte! Aber damit nicht genug: Überall in den Räumen tauchten auseinander gebogene Sicherheitsnadeln und Büroklammern auf. Die Spitzen dieser Büroklammern glichen Uhrzeigern, die ebenfalls diese Zeit anzeigten! Bücher, die in irgendeiner Beziehung zu Jim standen, standen nicht mehr auf ihrem Platz. Gesang- und Gebetbücher waren an Stellen aufgeschlagen, an denen es um das ewige Leben ging. Pike, Barr und der Sekretär saßen im Arbeitszimmer zusammen, während sie ein Poltern im Kleiderschrank vernahmen. Als sie nachschauten, fanden sie die Kleidungsstücke, die dort aufbewahrt wurden, durcheinander gewühlt am Boden liegen.
„Wenn sich so etwas doch einmal in meiner Gegenwart ereignen würde!“, sagte ein Gast, nachdem Pike ihm von den Vorkommnissen erzählt hatte, und prompt löste sich der Rasierspiegel, den Jim einige Monate vorher bei einem Besuch in Cambridge benutzt hatte, vom Kommodenaufsatz und fiel auf den Boden. Drei weitere Zeugen waren anwesend. Mervyn Stockwood, Bischof von Southwark, der sich mit Spiritismus beschäftigte, kam auf den Gedanken, dass Jim Pike verzweifelt versuchte, mit seinem Vater in Kontakt zu treten und brachte Pike mit dem Medium Edna Twigg zusammen. Sie wusste nicht, wer ihr Séance-Partner war, übermittelte jedoch dem Bischof Botschaften, die offensichtlich von dessen Sohn stammten. Ein weiterer Geistlicher, John Pierce-Higgins begleitete Pike als Zeugen und erklärte später anhand seines Protokolls, Jim habe seinem Vater durch das Medium mitgeteilt, er bereue seinen Selbstmord aufs Schärfste und wollte seinen Eltern nicht wehtun, ja, er wünschte, er könne seine Tat ungeschehen machen. Druck vor einer Examensarbeit sei offensichtlich ein Grund gewesen, doch es war auch von Drogen die Rede und dass „er einfach durchgedreht“ habe, wie aus Pierce- Higgins’ Protokoll hervorging.
Nun befand sich Pike also in der Fernseh-Séance und konnte durch „Fletcher“ an Einzelheiten gelangen. „Jim“ erklärte durch „Fletcher“, dass es mit einem gewissen Halverston begann, doch „Fletcher“ korrigierte den Namen gleich auf „Halverson“, der auch im Jenseits sei. Er ist nach „Fletchers“ Aussage kurz nach Jim gestorben. Als Pike der Name Halverson nichts sagte, ergänzte „Fletcher“, dass er mit Vornamen „Marvin“ hieß und mit moderner Musik und Kunst zu tun hatte.
Jetzt konnte sich Pike erinnern: Marvin Halverson war für den National Council of Churches tätig. Er arbeitete für den Nationalen Kirchenrat über das Verhältnis der Glaubensgemeinschaft zu moderner Musik und Kunst. Pike hatte vor Jahren eine Fernsehdiskussion, danach hatte er nie mehr etwas von ihm gehört. Jim gestand, wie „Fletcher“ äußerte, dass Jim während seiner Collegezeit in Berkeley, Kalifornien, zur Einnahme von Drogen, insbesondere LSD, verführt worden sei. Jim wollte dem entrinnen, indem er nach New York ging, um dort weiter zu studieren, doch dort traf er einige seiner College- Kameraden wieder. Und unter ihrem Einfluss nahm er erneut Drogen. „Fletcher“ übermittelte auch den direkten Grund für den Selbstmord: Er war die Folge eines Horrortrips, das Leben erschien ihm auf einmal nicht mehr lebenswert.
Nach der Séance fanden Ford und Pike eine Bestätigung für das Gesagte: Sie telefonierten mit Kontaktpersonen in Los Angeles und London. Durch sie wurden die Angaben, die „Jim“ über „Fletcher“ machte, bis ins Detail bestätigt. „Fletcher“ hatte übrigens auch von einem alten Mann slawisch- jüdischer Herkunft gesprochen, der Jim geholfen habe, sich dort einzugewöhnen. Pike war sich sicher, dass es sich dabei um Jims Großvater mütterlicherseits handelte – er war ein russischer Jude.
„Fletcher“ vermeldete auch die Anwesenheit eines Louis Pitt, einem Universitätsgeistlichen, der vorgab, Pike zu kennen. Auch das stimmte. Er war Pikes Vorgänger an der Columbia-Universität. Noch eine weitere Person, die Pike kannte, meldete sich über „Fletcher“.
Das Echo auf die Fernsehsendung war überwältigend.
Eine lange fruchtbare Zusammenarbeit schien zwischen Pike und Ford zu entstehen. Doch es kam anders. Ein Jahr nach der Fernsehsendung unternahm Pike auf eigene Faust eine Fahrt mit einem Kleinwagen durch die Wüste Negev zu den Fundstätten der Schriftrollen am Toten Meer. Auf der unwegsamen Wüstenpiste hatte er eine Panne und beschloss, sich zu Fuß zu der nächsten Siedlung durchzuschlagen. Er verlor die Orientierung und wurde erst nach ein paar Tagen weitab von der Piste in der Gluthitze der Wüste Israels gefunden. Er war tot.
Im Licht der eingehenden Informationen über die Verschränkung, die uns Froböse lieferte und die Aussage verschiedener Wissenschaftler, die sich dafür aussprachen, dass es ein Leben nach dem Tode geben müsse, scheinen Fords Darstellung gar nicht mehr so unwahrscheinlich. Jetzt scheinen Spiritismus und Naturwissenschaft sich einander zu nähern, und das naturwissenschaftliche Tabu, von dem wir eingangs sprachen, verkleinert sich. Eines Tages wird es hoffentlich ganz überwunden sein.
Reinkarnation in den Religionen
Nehmen wir also einmal an, es gibt tatsächlich ein Leben nach dem Tod. Dann steht wieder die Frage im Raum, was mit der Seele geschieht, nachdem sie sich vom Körper gelöst hat und durch den Tunnel in eine andere Welt entschwunden ist – eine Welt, die die Spiritisten Jenseits nennen – ein Begriff, der sich längst im allgemeinen Sprachbereich durchgesetzt hat. Doch wie ist das Leben im Jenseits? Medien berichten, dass es eine „schönere“ Welt ist, dass es dort keinen Tod mehr gibt. Oft wird von verschiedenen Entwicklungsstufen gesprochen, die man dort durchlaufen muss, und manchmal ist die Rede davon, dass die Seele sich irgendwann wieder verkörpert und auf diese Erde zurückmuss, bzw. diese Entscheidung selbst trifft, weil sie noch einiges zu lernen hat, bevor sie die Vervollkommnung erreichen kann.
Unsere westlichen Weltreligionen lehren diese Reinkarnation (Wiederverkörperung) offensichtlich nicht, obwohl wir bald erkennen werden, dass auch sie nicht frei von Elementen der Reinkarnationslehre sind, ja, dass sie in verschiedenen Richtungen dieser Weltreligionen doch gelehrt wird, bzw. in der Vergangenheit gelehrt wurde.
Doch die Domäne der Reinkarnationslehre sind die östlichen Religionen. Sie lehren ganz unverhohlen und offiziell, dass die Seele sich ständig auf der Erde wieder verkörpern muss. Der ehemalige Staatspräsident S. Radhakrishnan, einer der bedeutendsten indischen Gelehrten des 20. Jahrhunderts, sah bereits im Rigveda Ansätze dieser Lehre. Er sagte: „Das unsterbliche Selbst wird wiedergeboren in einem neuen Körper entsprechend der Verdienste seiner Taten.“ (Rig Veda I, 164, 30 und 38 nach Michel 2002, S. 13, zitiert nach J. Head/S. L. Cranston. Reincarnation. New York 1979, S. 36)
Dieser Rigveda zählt zu den wichtigsten Schriften des Hinduismus. Er ist einer der vier Teile der Veden. Diese Veden wurden im 5. Jahrhundert niedergeschrieben und nach heutiger Vermutung westlicher Gelehrter zuvor mit großer Genauigkeit mündlich überliefert. Der Rigveda ist der älteste Teil dieser heiligen Schriften. Die Rigvedasamhita, der Kern des Rigveda, enthält zahlreiche Hymnen, die in zehn Bücher eingeteilt werden, die Mandalas (Lichtkreise) genannt werden. Die ersten vier Bücher (I-IX), zu denen der oben zitierte Text gehört wurden vermutlich zwischen 1750 und 1200 vor der Zeitenwende geschrieben, das 10. Buch (Buch X) 1200 vor der Zeitenwende. Ein Bestandteil der Veden und des Rigveda sind die Upanishaden, die zum größten Teil philosophische Abhandlungen enthalten. Insgesamt gibt es etwa 150 Upanishaden, wovon 108 offiziell anerkannt werden. Diese Texte wurden vermutlich zwischen 700 v. Chr. und 200 v. Chr. verfasst.
Die westliche Indologie geht derzeit davon aus, dass eine ausgeprägte Wiederverkörperungs-Philosophie erst mit den ersten Upanishaden entstand, doch der Religionswissenschaftler Peter Michel weist anhand des obigen Zitats nach, dass es bereits im Rigveda sehr deutliche Hinweise auf sie gibt. Wir werden später noch ausführlicher auf die Karma-Lehre zurückkommen. Diese Karma-Lehre, nach der das neue Erdenleben sich aufgrund der im vergangenen Leben ausgeführten Handlungen entwickelt, schält sich mit der Abfassung der ersten Upanishaden (ca. 750 n. Chr.) erstmals heraus.
Die Diskussion über die Verschiedenartigkeit alles Seienden zeigt sich ebenfalls in der upanishadischen Epoche. In den frühesten Upanishaden wird noch nicht strikt nach Belebtem und Unbelebtem unterschieden – alles Leben ist eins, und so wird hier noch die Möglichkeit der Reinkarnation in Tiere und Pflanzen gelehrt. Das Selbst des Einzelnen ist identisch mit dem All-Selbst. In der Bhagavad-Gita, die vermutlich im 5.bis 2. Jahrhundert vor Christus entstand, gründet die Lehre von der Seele ausschließlich auf dem Reinkarnationsmodell. Michel weist dies nach, indem er aus VI, 45 zitiert: „Der Yogin aber, der von allen Sünden gereinigt, in vielen Lebensläufen sich vollendend mit Eifer strebt, erreicht sodann das höchste Ziel.“ (Michel 2002, S. 14f, zit. Nach der deutschen Übersetzung der Bhagavad Gita nach S. Radhakrishnan, Die Bhagavad Gita, Wiesbaden, o. J.)
Und in II, 27 nach S. Radhakrishnan. Die Bhagavad Gita, Wiesbaden, o. J, (eben da) heißt es: „Wie die Seele bereits in diesem Körper Kindheit, Jugend und Alter hat, so geschieht es auch, dass sie einen anderen Körper ergreift. Der Weise wird daran nicht irre.“
Michel fällt im Denken der Bhagavad Gita der dynamische, evolutive Aspekt der Wiedergeburt auf. Die Reinkarnation würde nicht mehr im Umfeld mythologischer Erzählungen interpretiert, sondern stelle sich als ausschlaggebender Bestandteil des Entwicklungsprozesses dar. Man muss sich das folgendermaßen vorstellen: Die Seele geht aus dem Absoluten, Brahman genannt, hervor, durchschreitet die Schöpfung und kehrt anschließend wieder zur Quelle zurück. Die Aufgabe der Seele ist es, sich durch Lernen weiterzuentwickeln. Dabei darf sie jedoch nicht im Reich der Schöpfung den schöpferischen Ursprung vergessen. Aber genau das tut sie: Die verkörperte Seele vergisst ihre eigentliche Heimat und sondert sich ab. Michel zitiert aus XIII, 21: „Die Seele genießt (…) die Erscheinungsweise der Natur. Ihr Hängen an den Erscheinungsweisen ist die Ursache für ihre Geburten in gutem oder schlechtem Mutterschoße.“ (Michel 2002, S. 15) Der Weg zur Rückkehr wird erst wieder möglich, wenn sich die Seele ihres eigentlichen Wesens bewusst wird.
Ob Menschen in Tierkörpern wiedergeboren werden, ist im Hinduismus umstritten. Der indische Mystiker Sri Aurobindo (Aurobindo Ghose, 1972-1950) lehnt diese Vorstellung ab, denn er sagt, es läge in der Gesetzmäßigkeit der Natur, dass ein einmal vollzogener Entwicklungsschritt nicht wieder aufgehoben würde: Ist eine Seele erstmal vom Tier zum Menschen aufgestiegen, ist nach Sri Aurobindo diese Entwicklung nicht mehr umkehrbar. Michel resümiert: „Der Weg der Reinkarnation stellt (…) bei den bedeutendsten indischen Denkern und Mystikern der 20. Jahrhunderts einen Weg der Lichtwerdung, der Vergöttlichung, dar. Alles von der Seele verursachte Dunkel muss auch von ihr wieder ins Licht gewandelt werden. Wenn dieser Prozess abgeschlossen ist, kann sie auf neuen, lichteren Pfaden ihren Weg fortsetzen. Frei von Erdenkarma strebt sie jenen Welten zu, die sie einst verließ und zu denen sie über den Erdenweg zurückfinden soll.“ (Michel 2002, S. 17)
Der Forscher Ian Stevenson, der in den ersten Jahren seiner Forschungen hauptsächlich im östlichen Raum unterwegs war und mit reinkarnationsgläubigen Personen arbeitete, stellt fest, dass der Gedanke der Wiederverkörperung ein wichtiges Grundprinzip in der Religion des Hinduismus ist. Die große Mehrheit der Inder seien immer noch Hindus, der ältesten noch existierenden Religion der Welt. Bekehrungsversuche von islamischen und christlichen Eroberern hatten nur sehr wenig Einfluss auf den Fortbestand des Glaubens fast aller Inder. (Stevenson 1976)
Stevenson erklärt, dass die Hindus an die Fortdauer eines wesentlichen Elements, des Atman eines jeden Menschen, glauben. Dieser Atman – der wohl der Seele gleichzusetzen ist – besteht nach dem irdischen Tod der Person weiter. Nach einer individuell verschiedenen Zwischenperiode verbindet sich der Atman mit einem neuen physischen Organismus zum körperlichen Weiterleben entsprechend seinem Karma.
Über das berüchtigte Kastenwesen schreibt Stevenson: „Die Hindus haben den Kastenbegriff seit Jahrhunderten bewahrt, obwohl er jetzt schwächer wird, weil sie dachten, er drücke wichtige Unterschiede unter den Menschen aus und reguliere sie. Aber sie glaubten auch, dass jemand seine Kaste von dem einen zum anderen Leben zum besseren oder schlechteren verändern könne durch Verdienste oder einen Fehler.“ (Stevenson 1976, S. 150)
Hierzu schreibt die Wikipedia: „Der Begriff Kaste (portugiesisch/spanisch casta – Rasse von lateinisch castus – rein) wird von der Völkerkunde und der Soziologie in erster Linie mit einem aus Indien bekannten sozialen Phänomen assoziiert. Er wird aber auch umgangssprachlich oder soziologisch allgemein benutzt und auf einzelne Gruppierungen anderer und sogar Gesellschaften angewandt.“
(http://de.wikipedia.org/wiki/Kaste - Zugriff am 28.02.2010).
Das Kastenwesen treffen wir insbesondere in Indien, auf Sri Lanka, in Nepal und Bali und bei den kurdischen Jesiden vor. Bei Stevensons Fällen, bei denen sich Menschen (vor allen Dingen während deren Kindheit) an frühere Leben erinnern konnten, ging es oft darum, dass sie mit ihren Familien bestimmte Speisen nicht zu sich nehmen wollten, weil die Person in Wirklichkeit einer höheren Kaste angehörte – einer Kaste, der sie, wie aus ihren Erzählungen herauszuhören war, in einem vergangenen Leben angehörte.
Tatsächlich hatte die Kastenzugehörigkeit in Indien bis vor einigen Jahrzehnten Auswirkungen auf alle Lebensbereiche einer Person und das Verhalten des Kastenangehörigen. So bestimmte sie – und teilweise tut sie das heute noch – die Partner- und Berufswahl. Arrangierte Hochzeiten werden oft innerhalb einer Kaste organisiert.
Was das angesprochene Thema „Mahlzeiten“ betrifft, so waren früher grundsätzlich keine gemeinsamen Mahlzeiten erlaubt, denn Hochkastige empfanden das gemeinsame Mahl mit Niedrigkastigen als verunreinigend. Heute gilt das nur noch bedingt, ist in ländlichen Gebieten allerdings noch stärker verankert als in anderen Regionen. Bei dem Kastenwesen handelt es sich um eine Einteilung nach ritueller Reinheit und Aufgabenbereich, es hat nichts mit „arm“ und „reich“ zu tun. Allerdings findet sich durch Jahrhunderte lange Ausbeutung Armut öfter bei niedrigen Kasten wie Shudras und „Unberührbaren“ als bei anderen Kasten. Insgesamt gibt es vier Hauptkasten (Varna), die sich dann wieder in Untergruppen (Jati) aufteilen. Varna ist Sanskrit und bedeutet „Klasse, Stand, Farbe“. Die vier Varnas heißen:
1. Brahmanen (traditionell die intellektuelle Elite, Ausleger heiliger Schriften, Priester)
2. Kshatriyas (traditionell Krieger und Fürsten, höhere Beamte)
3. Vaishyas (traditionell Händler, Kaufleute, Grundbesitzer)
4. Shudras (traditionell Handwerker, Pachtbauern, Tagelöhner).
Darunter stehen die Paria, die so genannten Unberührbaren. Sie gehören keiner Kaste an.
Der Ursprung des Kastenwesens ist ungeklärt. Ausgeformt wurden die Regeln des Kastenwesens erst in der Manusmiriti, dem Gesetzbuch des Manu, einer Schrift, die erst zwischen 200 v. Chr. und 200 n. Chr. entstand. Doch das bleibt umstritten. Auf die Untergruppen der Varna, die Jatis, soll an dieser Stelle nicht eingegangen werden. Es reicht zu sagen, dass von 2000 bis 3000 Jatis ausgegangen wird. Weniger bekannt ist, dass es in Indien auch christliche und muslimische Kasten gibt. Über den Buddhismus – die zweite große östliche Religion schreibt Stevenson: „Der Buddhismus hat die Hinduideen und -praktiken über die Kasten vollständig aufgegeben.” (Stevenson 1976, S. 150)
Der Buddhismus entstand in Indien im 6. Jahrhundert vor Christus. Er ist eine Reformbewegung des alten Brahmanismus. Begründer des Buddhismus war Siddharta Gotama. Sein Geburtsjahr war nach Ansicht westlicher Gelehrter vermutlich 563 v. Chr. Von ihm heißt es, dass er ein Leben von außerordentlicher Güte führte und die Erleuchtung über die wahre Natur des Menschen sowie seine Beziehung zum irdischen Leben und zum übrigen Universum erlangte. Nun war er ein Buddha bzw. Erleuchteter, der den Rest seines langen Lebens mit dem Lehren über Leben, Leiden und Wege der Befreiung von Leben verbrachte. Heute hat der Buddhismus in Indien nur noch wenig Anhänger, doch zählt Buddha zusammen mit anderen Hindu- Avataren5 wie Rama und Krishna zu den Hindu-Gottheiten. Während der Herrschaft des großen Ashoka im 3. Jahrhundert vor Christus blühte der Buddhismus auf und verbreitete sich weit über Indien hinaus. Missionare waren in Ceylon erfolgreich, und die Singhalesen, die Angehörige der indoeuropäischen Völkergruppe, von denen der größte Teil der Einwohner von Ceylon abstammte, wurden bekehrt. Sie blieben zum größten Teil Buddhisten, während die Mehrheit der Tamilen – das ist die Minderheit der Ceylonesen – Hindus sind.
Der Buddhismus spaltete sich in mehrere Richtungen auf. So gehören die Singhalesen zur Theravada-Schule, die manchmal auch Hinayana genannt wird. Deren Anhänger leiten ihre Glaubenslehren und Praktiken vom so genannten Pali-Kanon ab – das ist eine Sammlung von Buddhas Lehren, die im ersten Jahrhundert vor Christus zusammengestellt wurde. Ein anderer Zweig des Buddhismus ist die nördliche- oder Mahayana-Schule. Die Buddhisten glauben wie die Hindus, dass das irdische Leben Leiden mit sich bringt, das unvermeidbar ist, und dieses Leiden rührt von unserem Wunsch nach sinnlichen Freuden im irdischen Leben her. Diese Begierden seien es, die uns immer wieder in einander folgende Existenzen zurückführe. Die endgültige Befreiung vom so genannten Rad der Wiedergeburt könne erst nach der Aufgabe solcher Wünsche und der Freiheit von körperlichen Freuden erfolgen. Zahlreiche Techniken wie richtige Lebensführung und die Durchführung von Meditation könnten zu diesem Ziel führen. Diese Techniken führten allmählich zum Erlöschen (Nirwana) des Verlangens, das die Reinkarnation verursacht. (Stevenson 1976)
Michel schreibt ebenfalls, dass die hinduistische und die buddhistische Reinkarnationslehre einander ähneln. Problematisch sei allerdings die Frage nach dem Atman – dem Selbst. Die Frage, ob es eine individuelle Wesenheit gibt, die den körperlichen Tod überlebt und entweder sofort nach einem Jenseitsaufenthalt in einen neuen irdischen Körper zurückkehrt, ist hier nicht so einfach zu beantworten. Hier streiten sich zwei Gruppen: Die Vertreter der „Nicht-Selbst- Lehre” (Anatta) und die Befürworter einer individuell verstandenen Buddhanatur.
Auf alle Fälle gibt es zahlreiche Textüberlieferungen zur Reinkarnationslehre. Michel zitiert eine Stelle aus dem Dhammapadam, einer Anthologie von Aussprüchen des historischen Buddhas: „Vergangen Dasein, wer das kennt, So Unterwelt wie Oberwelt, Und die Geburten hat versiegt. Alleinig durch die Dinge schaut: Den Allvollendensendiger, Den heiß ich einen Heiligen.” (Michel 2002, S. 18, zit. nach Die Reden des Gotama Buddhas aus der „Mittleren Sammlung, übertragen von Nach Karl Egon Neumann a. a. O., Bd. 2, S. 701)
Michel meint, dass der Buddhismus im Gegensatz zum frühen Hinduismus und modernen indischen Lehren keine Wiedergeburt ins Tierreich kenne. Als Beleg zitiert er eine Stelle aus C. Humphreys, Karma und Wiedergeburt, München 1981, S. 87f: „Die Wiedergeburt kann im niedersten Wilden oder in einem König der Tugend stattfinden, aber nicht in etwas Tieferstehendem. Der degradierte Glaube an die Wiedergeburt in tierischer Form ist ein anderes Beispiel einer missverstandenen spirituellen Wahrheit.” (Michel 2002, S. 20)
Dies ist allerdings umstritten.
Der Komplex des Selbst bildet den eigentlichen Kernpunkt in der Diskussion der buddhistischen Reinkarnationslehre. Nach Michel stellt sich die Frage, ob die Vertreter der Anatta-Lehre den Buddha korrekt zitieren, wenn sie ihm unterstelle, dass er die vollständige Auflösung der Individualität in der Erleuchtung interpretiert habe. Der Dhammapadam sagt jedenfalls: „Das Selbst nur ist des Selbstes Herr, Welch höhren Herren gäb’ es wohl! Mit allbezähmten Selbst, fürwahr, Erlangt man schwer erlangbaren, Besitzt man einzig seltnen Herrn.” (zit. Nach Michel 2002, S. 22)
Michel schreibt dazu: „Offensichtlich unterscheidet der Buddha zwischen einem vergänglichen Selbst (Ego, Persönlichkeit etc.) und dem wahren (ewigen?) Selbst, so dass es fraglich erscheint, ob eine Position wie die Glasenapps den Kern der Lehre trifft, wenn er ausführt: ‚Es gibt für ihn keine unsterbliche beharrende Seelensubstanz, welche eine vom Körper verschiedene unveränderliche Einheit darstellt, vielmehr beruht auch das geistige Leben nur auf das ganze geistige Leben, nur auf der gesetzmäßigen Kooperation flüchtiger Faktoren.’” (Michel 2002, S. 22, Zitat im Zitat nach Glassenapp, Helmuth von, Die Philosophie der Inder, Stuttgart 1974, S. 310)
Michel weist darauf hin, dass die Theorie Glasenapps im Widerspruch zu den Ausführungen etlicher prominenter abendländischer Buddhisten steht. So zitiert er den Theosophen Henry S. Olcott, der im 19. Jahrhundert in seinem buddhistischen Katechismus, der auch von asiatischen Buddhisten sehr geachtet wurde, darauf hinwies, dass sich während des Lebens die Skandhas beständig änderten. Von diesen Skandhas gab es nach Buddha fünf:
• Das Körperliche (Rupa),
• Lust und Unlust, Empfindungen (Vedana).
• Unterscheidungs- und Begriffsvermögen (Sanjna),
• Triebkräfte und Willensregungen (Sanskara), sowie
• Reines Bewusstsein (Vijana).
Während der Mann A. B. von 40 Jahren, was seine Persönlichkeit betrifft, mit dem Jüngling A. B. von 18 Jahren identisch ist, schreibt Olcott, sei er auf der anderen Seite aufgrund der fortwährenden Abnutzung und Erneuerung seines Körpers und der Veränderung des Geistes und Charakters ein verschiedenes Wesen. In seinem späteren Alter ernte der Mensch genau jenen Lohn oder jenes Leid, die aus seinen Gedanken und Taten auf jeder vorhergehenden Stufe seines Lebens folgten. Genauso ernte auch das neue Wesen eines Wiederverkörperten, das die gleiche Individualität von vorher ist, nur in einer veränderten Form bzw. neuer Gruppierung der Skandhas, genau die Folgen seiner Taten und Gedanken in der vorherigen Existenz.
Michel erklärt: „Die Idee des kontinuierlichen Wachstums birgt große Überzeugungskraft; nur muss es innerhalb dieses Wachstumsprozesses einen Wachsenden geben. Wie der alte Mann, auf die Bilder aus seiner Kindheit zeigend, sagen kann: ‚Das war ich’, so muss auch das ICH, wenn es einmal rückschauend seine Inkarnationen übersieht, feststellen können: ‚Das war mein Weg.’” (Michel 2002, S. 23)
Michel ist der Überzeugung, dass die Skandhas die Strukturen des Reinkarnationsvorganges erklärten, wenn man von ihrer gesetzmäßigen inneren Verbindung oder Verwobenheit durch die Verkörperungen ausgeht, doch er betont: „Aber sie gewinnen ihre Sinnhaftigkeit erst unter der Annahme eines ewigen Individuums.” (Michel 2002, S. 23)
Auch der Zen-Buddhismus bekenne sich zum Selbst. So sagte einer seiner prominenten Vertreter, C. T. Suzuki, dass ohne das Selbst keine Individualität existiere und es ohne diese Individualität keine Verantwortung gäbe. Ohne die Idee der Verantwortung würde die Moral verschwinden und menschliche Gemeinschaft nicht länger möglich sein. Also kommt er zu dem Schluss: „Wir müssen in irgendeiner Weise ein Selbst besitzen.”
Michel ruft als Kronzeugen den Dalai Lama auf, der anlässlich eines Vortrags an der Harvard-Universität sagte, dass durch unsere eigene Verantwortung gewiss würde, dass das Selbst existiert. Würden wir eine vollkommene Selbstlosigkeit annehmen, gäbe es niemanden, der Mitgefühl entwickeln könne. Er sagt: „Selbst im Nirvana besteht die Kontinuität des Bewusstseins; die Kontinuität von Geist und Form (body) ist nicht aufgelöst.” Und weiter: „Wenn sich die Kontinuität von Geist und Form auflösen würde, während Nirvana verwirklicht wird, dann gäbe es niemanden, der Nirwana verwirklicht.” (Michel 2002, S. 24, zit. nach Suzuki, The Field of Zen, London 1969, S. 58, zit. in: Sylvia Cranston/Cary Williams, Reincarnation, New York 1984, S. 239)
Michel stellt fest: „Der moderne Buddhismus bejaht in seinen hervorragenden Repräsentanten die Existenz eines höheren Selbst, einer Buddha- Natur. (…) Allerdings darf die, was zu den bemerkenswerten Lehren des Buddhismus überhaupt zählt, nicht als statische Wesenheit verstanden werden. Ein ewiges Hallelujah-Singen findet nicht statt! Auch das höhere Selbst befindet sich, wie unbegreiflich dieses Geheimnis auch dem unerleuchteten Verstand erscheinen mag, in einem unabschließbaren, dynamischen Prozess der Annäherung an das Absolute. Nirvana ist nicht das Ende, sondern ein (neuer) Anfang des unendlichen Pfades.” (Michel 2002, S. 24)
Michel findet auch Hinweise auf einen rudimentären Reinkarnationsglauben im Judentum. So verweist er auf die Bibelstelle Hiob 14,14, in der es in der Bibelübersetzung nach Menge6 heißt: „Doch wenn der Mensch gestorben ist, - kann er dann wohl wieder aufleben?”
Als Hiob Gott diese Frage stellte, erhielt er keine Antwort. Darin erkennt Michel eine „dogmatische Offenheit” in der Frage nach der Frage nach der Reinkarnation im Alten Testament; doch möglicherweise handelt es sich hier nur um eine rhetorische Frage. Michel jedenfalls erkennt einige wenige Textstellen, die sich im Sinn der Reinkarnationslehre deuten lassen. So zitiert der aus dem Buch der Weisheit, wozu allerdings gesagt werden muss, dass es nur dem katholischen biblischen Kanon angehört. Im Protestantismus gehört es zu den so genannten Apokryphen, das heißt „verborgenen” Büchern. In der Luther-Übersetzung von 1914 sind sie wie in der (evangelischen) Menge-Übersetzung 1949/84 als zusätzliche Texte zwischen dem Alten und dem Neuen Testament zu finden. Luther schreibt in der Einleitung zu dem Apokryphen: „Das sind Bücher, so der heiligen Schrift nicht gleichgehalten, und doch nützlich und gut zu lesen sind”. In neueren Ausgaben der Luther- und Menge-Übersetzungen fehlen die Apokryphen, so dass sie allein in katholischen Übersetzungen zu finden sind, wo sie fest ins Alte Testament eingebettet sind.
Doch kommen wir nun wieder zu dem Text aus dem Buch der Weisheit zurück, wo es in Kapitel 8,19+20 heißt: „Ich war aber ein wohlbeanlagter junger Mann, der besaß auch ein gutes Gemüt, oder vielmehr, weil ich gutgeartet war, war ich in einen unbefleckten Leib gekommen.”
Michel nennt noch zwei Verse aus dem „unumstrittenen” Alten Testament, die nachfolgend aus der Menge-Übersetzung entnommen dargestellt werden: „Du lässt die Menschen zum Staub zurückkehren und sprichst: Kommet wieder (=kehr zurück), ihr Menschenkinder!’ Denn tausend Jahre sind in deinen Augen wie der gestrige Tag, wenn er vergangen (Anm. Menge: A. Ü.: wann er verging (oder entschwand). Die kurze Dauer eines Tages wird am stärksten fühlbar, wenn er seinem Ende entgegengeht), und wie eine Wache in der Nacht. Du schwemmst sie hinweg: sie sind wie ein Schlag am Morgen, dem sprossenden Grase gleich; am Morgen grünt es und sprießt, am Abend welkt es (oder: man mäht es) ab, und es verdorrt.” (Psalm 90,3-6)
In der dritten von Michel zitierten Stelle heißt es nach Menge: „Der Herr hat mich geschaffen als den Erstling seiner Schöpfertätigkeit, als das frühste seiner Werke in der Urzeit. Von Ewigkeit her bin ich gebildet, von Anbeginn an, vor den Uranfängen der Erde (oder: Welt).” (Sprüche 8,22+23)
Hier heißt es doch ganz eindeutig, dass der Mensch nicht an seinem Geburtstag und nicht am Tag der Empfängnis zu Leben begann, sondern bereits mit Beginn der Schöpfung!
Michel schreibt, dass der Ursprung der jüdischen Reinkarnationslehre sich nur schwer bestimmen lässt, dass jedoch die Idee wiederholter Erdenleben unter den Juden nichts Ungewöhnliches zu sein scheint. Dies ergäbe sich u. a. aus den folgenden beiden Bibelstellen: „Dies ist nun das Zeugnis des Johannes, als die Juden aus Jerusalem Priester und Leviten zu ihm [gemeint ist Johannes der Täufer. R.M.H.] sandten, die ihn fragen sollten, wer er sei. Da bekannte er unverhohlen und erklärte offen: ‚Ich bin nicht Christus (= der Messias).’ Sie fragten ihn weiter: ,Was denn? Bist Du Elia?’ Er sagte: ,Nein, ich bin es nicht’. ,Bist du der Prophet?’ Er antwortete: ,Nein.’”(Joh, 1, 19-21) „Als Jesus dann in die Gegend von Cäsarea Philippi gekommen war, fragte er seine Jünger: ,Für wen halten die Leute den Menschsohn?’ Sie antworteten: ,Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elia, noch andere für Jeremia oder sonst einer von den Propheten.’ Da fragte er sie weiter: ,Ihr aber – für wen haltet ihr mich?’ Simon Petrus gab ihm zur Antwort: ,Du bist Christus (= der Messias), der Sohn des lebendigen Gottes.’ Da gab Jesus ihm zur Antwort: ,Selig bist du (zu preisen), Simon. Sohn des Jona, denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater droben im Himmel.’” (Matth. 16,13-17).
Die Jünger und eine nicht näher genannte Anzahl von „Leuten”, glaubten also wie selbstverständlich, dass Johannes der Täufer oder Jesus die Wiedergeburt alttestamentlicher Personen waren. Demnach muss der Gedanke an die Reinkarnation zu jener Zeit tatsächlich weit verbreitet gewesen sein.
Die Autorin Elisabeth Claire Prophet sagt in ihrem Buch Reinkarnation – The Missing Link In Christianity, dass es zwei Ansichten bezüglich der Wiederkunft Elias gäbe. Die erste besagt, dass er in einem himmlischen geistigen Körper wiederkommen würde. Zuvor war sein irdischer Körper 900 Jahre zuvor in einem Feuerwagen in den Himmel aufgestiegen.
Wir lesen in 2. Könige 2,11: „Während sie [Elia und Elisa d. A.] im Gespräch miteinander immer weitergingen, erschien plötzlich ein feuriger Wagen mit feurigen Rossen und trennte beide voneinander: und Elia fuhr im Wettersturm zum Himmel empor.” Nach E. C. Prophet beschreiben der jüdische Mystizismus und die Folklore gewöhnlich, dass Elia in einem himmlischen Körper erscheinen wird, so dass die Leute erwarteten, dass Elia in einem himmlischen Körper wiederkäme.
Eine andere Sicht war jene, die wir bereits gesehen haben: Seine Wiederkunft durch Reinkarnation. Prophet weist auf die interessante Möglichkeit hin, dass reinkarnationsgläubige Juden die Idee, Johannes der Täufer könnte der wiedergekommene Elia sein, damit erklärten, dass Elia zum Zeitpunkt der Erscheinung am Berg der Verklärung in seinem himmlischen Körper erscheinen könne, weil Johannes der Täufer zu diesem Zeitpunkt bereits tot war. Diese Erklärung erscheint mir allerdings eher wie eine Behelfslösung.
Zwei weitere Bibelstellen besagen: „(…)und wenn ihr es annehmen wollt: Er ist Elia, der da kommen soll.” (Matth. 11,14) Und: „Ich [Jesus, der Autor] sage euch aber: Elia ist bereits gekommen, doch sie haben ihn nicht erkannt, sondern sind mit ihm verfahren, wie es ihnen beliebte. Ebenso wird auch der Menschensohn durch sie zu leiden haben. Da verstanden die Jünger, dass er von Johannes dem Täufer zu ihnen gesprochen hatte.“ (Matth. 17,12)
Tatsächlich könnte man die Stelle so verstehen, dass Johannes der Täufer die Reinkarnation des Elias war, denn die Jünger hatten dies ja erkannt, nachdem Jesus es ihnen angedeutet hatte. Sonderbar ist allerdings das, was sich zutrug, bevor Jesus diese Worte gesprochen hatte: „Sechs Tage später nahm Jesus den Petrus, Jakobus und dessen Bruder Johannes mit sich und führte sie abseits (oder: in die Einsamkeit) auf einen hohen Berg. Da wurde er vor ihren Augen verwandelt: sein Antlitz leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden hellglänzend wie das Licht. Und siehe! Es erschienen ihnen Mose und Elia und besprachen sich mit ihm. Da nahm Petrus das Wort und sagte zu Jesus: ,Herr, hier sind wir gut aufgehoben! (Anm. Menge: […]: Es ist gut, dass wir hier sind.) Willst Du, so werde ich hier drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elia.’ Während er noch so redete, überschattete sie plötzlich eine lichte Wolke, und eine Stimme erscholl aus der Wolke, die sprach: ,Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe: höret auf ihn!’ Als die Jünger das vernahmen, warfen sie sich auf ihr Angesicht nieder und gerieten in große Furcht; doch Jesus trat herzu, fasste sie an und sagte: ,Steht auf und fürchtet euch nicht!’ Als sie aber ihre Augen aufschlugen, sahen sie niemand mehr als Jesus allein.
Als sie dann von dem Berge hinabstiegen, gebot ihnen Jesus: ,Erzählt niemand etwas von der Erscheinung, die ihr gesehen habt, bis der Menschensohn von den Toten auferweckt worden ist.’ Da fragten ihn die Jünger: ,Wie können denn die Schriftgelehrten behaupten, Elia müsse zuerst kommen?’ Er gab ihnen zur Antwort: ,Elia kommt allerdings und wird alles wieder in den rechten Stand bringen.” (Matth. 17,1-11) Danach folgen die Worte, die wir oben bereits gelesen haben. In Matth 17,11 beruft sich Jesus auf eine Stelle im Alten Testament: „Wisset wohl: ich sende euch den Propheten Elia, ehe der große und furchtbare Tag des Herrn kommt, der wird das Herz der Väter den Söhnen und das Herz der Söhne ihren Vätern wieder zuwenden, damit ich nicht kommen muss und das Land mit dem Bannfluch schlage (d. h. dem Untergang preisgebe).” (Mal. 3,23)
Daraus ergeben sich allerdings eine Reihe von Fragen: Wie kann Elias auf dem „Berg der Verklärung” erscheinen, wenn er gleichzeitig als wiederverkörperter Johannes der Täufer auf der Erde wandelt? (Eine eventuelle Antwort hat bereits Prophet gegeben) Auf die Frage, was es mit der „Generalversammlung” auf diesem Berg auf sich hat, will ich an dieser Stelle nicht eingehen7. Ebenso rätselhaft ist die Frage, warum Jesus seinen Jüngern gebot, nichts von der Erscheinung zu erzählen. Handelte es sich um ein „Geheimtreffen”?
Noch rätselhafter wird die Sache, wenn wir uns Joh. 1, 20+21 anschauen, wo es heißt: „Da bekannte er [gemeint ist Johannes des Täufers] unverhohlen und erklärte offen: ,Ich bin nicht Christus (= der Messias).’ Sie fragten ihn weiter: ,Was denn? Bis du Elia?’ . Er sagte: ,Nein, ich bin es nicht.“ Nach Michel zeigt diese Antwort zweierlei: Nämlich, dass die Reinkarnationslehre bekannt war und dass Johannes wenig über sich selbst wusste.
„Die Aussage des Johannes hervorzuheben, um die Aussage Jesu zu entkräften, er sei der reinkarnierte Elias, hieße, das Wort des Schülers über das Wort des Meisters zu stellen”, sagt Michel. (Michel 2002, S. 30) Eine andere Interpretation besagt, dass Jesus nur ausdrücken wollte, dass Johannes der Täufer, die „Kraft und Macht” des Elias hatte, jedoch nicht dessen Reinkarnation, sondern quasi mit diesem vergleichbar sei. Etwas spekulativer könnte man vermuten, dass Jesus seinen Jüngern diesen Gedanken nahelegte, um von der Geschichte abzulenken, die zuvor geschehen ist und über die sie ja kein Wort verlieren sollten. Doch wie dem auch sei, der Punkt, dass die Reinkarnationslehre bekannt war, bestätigt sich. Jesus hat ihr auch hier nicht widersprochen, sondern selbst eine Andeutung in diese Richtung gemacht, aus welchen Gründen auch immer. Gehörte das Konzept, nachdem wir mehrmals auf die Welt kommen, auch zum damaligen Glaubensgut? Michel weist noch auf eine andere Stelle hin, die dieses belegt. Wir finden sie in Joh. 9,1-3: „Im Vorübergehen sah er [gemeint ist Jesus, Anm. R.M.H.] alsdann einen Mann, der von Geburt an blind war. Da fragten sich seine Jünger: ,Rabbi (oder: Meister), wer hat gesündigt, dieser Mann oder seine Eltern, dass er als Blinder geboren worden ist?’ Jesus antwortete: ,Weder dieser hat gesündigt noch seine Eltern, sondern (dazu ist es geschehen), damit das Wirken Gottes an ihm offenbar würde.”
Wir müssen an dieser Stelle erkennen, dass die Jünger das Karma- Gesetz kannten und offensichtlich sogar daran glaubten. Denn wann soll der Blindgeborene gesündigt haben können? Doch nur in einem früheren Leben! Dieses schlechte Karma aus einem solchen früheren Leben, schlossen die Jünger offensichtlich, konnte – alternativ für eine Sünde seiner Eltern – dafür verantwortlich sein, dass er blind geboren wurde!
Michel weist daraufhin, dass es im 8. Jahrhundert zu einer Spaltung kam, bei der es um die Reinkarnationslehre ging, doch richtig greifbar sei die Reinkarnationslehre erst im Judentum des Mittelalters geworden. Michel zitiert hierzu aus dem Buch Bahir, dem ältesten kabbalistischen8 Buch. Aus diesen Passagen ergibt sich, dass die Reinkarnation selbstverständliches Glaubensgut war: „Warum geht es (manchem) Frevler gut und (manchen) Gerechten schlecht? Weil der Gerechte schon (einmal) in der Vergangenheit ein Frevler war, der nun bestraft wird. Aber bestraft man denn für (Vergehen der) Jugendtage? Rabbi Simon hat doch gesagt, dass man erst vom zwanzigsten Jahr ab bestraft!? Ich spreche ja nicht vom (selben) Leben, ich spreche davon, dass er schon in der Vergangenheit da war.”(Michel 2002, S. 26 zit. Nach Das Buch Bahir, neu hrsg. v. Gershom Scholem, Darmstadt (WBG) 1970, § 135)
In einer zweiten von Michel zitierten Stelle heißt es: „So steht geschrieben (Eccles9 1,4): Ein Geschlecht geht und ein Geschlecht kommt’ und Rabbi Akiba hat gesagt: Was bedeutet: ,ein Geschlecht geht und ein Geschlecht kommt?’ Ein Geschlecht, das schon einmal gekommen ist.” (ebd. § 86)
Besonders die erste Stelle erinnert an die gerade besprochene Bibelstelle, in der es um den Blindgeborenen und dessen eventuellen früheren Sünden ging. Michel teilt uns auch mit, aus welchem Jahr die letzte Fassung des Buches Bahir stammt: Es war nach Scholem 1180 in Südfrankreich. Da die allgemeine Interpretation in jener Zeit jedoch die Vorstellung von der Reinkarnation ablehnte, geht Scholem von Kartharer - Einflüssen aus und kann sich auch jüdische Überlieferungen als Quelle vorstellen. Der jüdische Einfluss in Südfrankreich war damals sehr groß. Die kabbalistische Auffassung unterscheidet sich jedenfalls in einem Punkt deutlich von jener der Kartharer: Sie verwirft die Möglichkeit einer Wiederverkörperung als Tier.
Ab dem 13. Jahrhundert entwickelt sich die Reinkarnationslehre zu einem festen Bestandteil der esoterischen Überlieferung des Kabbalismus. Nicht geklärt werden kann die Frage, ob diese Lehre für alle Menschen oder nur für das auserwählte Volk Israel galt. Jedenfalls hält Michel fest, dass die esoterischen Aspekte der Kabbala im Verlauf der Jahrhunderte eine herausragende Bedeutung erlangen. Die Eingeweihten des Judentums drangen in tiefe mystische Bereiche vor, die von der herkömmlichen (orthodoxen) Interpretation stark abweichen. Michel berichtet, dass im Judentum des 20. Jahrhunderts erneut ein starkes Interesse an der Reinkarnationslehre zu erwachen schien.
Der reinkarnationsgläubige Rabbi Yonassan Gershom berichtet in seinem Buch Beyond the Ashes, dass es bezüglich der jüdischen Vorstellungen über das Leben nach dem Tod vier verschiedene Ansichten gibt:
1. Weiterleben in den Nachkommen
2. Physische Wiederauferstehung
3. eine unsterbliche Seele im Himmel
4. Reinkarnation
Dazu kämen Mischformen.
Gershom betont, dass das Alte Testament nicht das einzige heilige Buch der Juden, sondern nur ein kleiner Teil davon ist. Ein weiteres wichtiges Buch im Judentum sei der Talmud, der eine gewaltige Erfassung von Schriften sei, die sich über sieben Jahrhunderte erstrecken (etwa von 200 v. Chr. bis 500 nach Chr.). Ursprünglich wurde der Talmud mündlich gelehrt. Er ist eingeteilt in mehrere Passagen mit ähnlichen Themen in 64 Sektionen, die „Traktate” genannt werden.
Das Kollektiv dieses gewaltigen Wissens – Bibel, Talmud, Halacha, Aggada, Mystizismus, Parabeln, Geschichten, Rituale, ethische Literatur und dergleichen – bildeten die Thora, die wörtlich übersetzt „Lehren” bedeute, auch wenn sie oft als „das Gesetz” übersetzt würde. Gershom legt Wert darauf, zu betonen, dass diese Thora nicht – wie oft von Christen vermutet – auf die Schriftrolle in der Synagoge beschränkt sei, die die fünf Bücher Mose enthalten. Wenn ein Jude davon spräche, er lerne die Thora, meinte er damit keineswegs nur das, was von Christen als „Das Alte Testament” bezeichnet wird. Im umfassenden Sinn beinhalte die „Thora” alle jüdischen Schriften, Lehren, Erkenntnisse und Praktiken über einen Zeitraum der letzten 5000 Jahre. Ein Grundsatz-Prinzip beim Lernen der Thora ist, dass es „nichts vor oder nach der Thora” gäbe, was bedeute, dass spätere Kommentare ältere Lehren nicht aufheben, sondern dass sie durch neuere Interpretationen ergänzt worden seien, die früheren Lehrern nicht offenbart worden seien. Ein Student jüdischer Texte versuche diese widersprüchlichen Alternativen miteinander in Einklang zu bringen, anstatt eine über die andere zu stellen. Gershom betont, dass es gerade über das Weiterleben nach dem Tod verschiedene Alternativen in Bibel und Talmud gäbe, und alle würden aufbewahrt.
Weiter sagt er, dass er die vier oben genannten Alternativen zu diesem Thema auch innerhalb der Jüdischen Gemeinschaft zu finden seien, auch wenn er versucht, sie in geschichtlicher Anordnung darzustellen. Gershom kommt zunächst auf den Glauben an ein Weiterleben in den Nachkommen zu sprechen. Viele Juden glauben nicht an ein individuelles Weiterleben der Seele, sondern eher, dass der Lebensfaden bzw. der „Keim” über die Nachkommen weitergegeben wird. Dies rührt aus den früheren biblischen Geschichten her. Dort wurden die Lehren nicht so sehr von Lehrer zu Schüler weitergegeben, sondern von Vater zu Sohn und Mutter zur Tochter, und Kinderlosigkeit war eine große Tragödie – nicht nur für die Kernfamilie, sondern für den gesamten Clan. Ohne Kinder endet die Linie der Eltern für immer, sowohl spirituell als auch buchstäblich. Innerhalb dieses Weltbildes gibt es keinen Platz für das Zölibat. Nach Gershom muss die Ehelosigkeit sowohl als Verantwortungslosigkeit gegenüber dem Stamm als auch als eine Art spirituellen Selbstmordes angesehen werden.
Gershom geht in seiner Betrachtung bis zur Geschichte von Abraham und Sarah zurück, in der Abraham sich darüber beklagte, dass er keinen Erben habe, deshalb würde sein Diener Eliezer alles erben. Doch Gott sagte ihm, seine Nachkommenschaft würde so unzählig sein wie die Sterne am Firmament. Sarah verstand das offensichtlich so, dass Abraham sich eine „Ersatzmutter” nehmen sollte. So gebar Hagar, Abrahams ägyptische Sklavin, einen Sohn, dessen Vater Abraham war. Er hieß Ismael. Dadurch konnte Abrahams „Keim” überleben. „Doch was ist mit der armen Sarah, seiner Frau?”, fragt sich Gershom.
Die Bibel, so antwortet er selbst, sagt, dass Gott sich „an Sarah erinnerte”. Engel erschienen als Botschafter und sagten ihr, dass sie trotz ihres hohen Alters noch ein Kind bekommen würde. Sarah wurde im Alter von 99 Jahren schwanger und die Linie von Abraham und Sarah konnte überleben: Sie wurde später zum Geschlecht der Juden.
Gershom schreibt, dass es eine Art von biologischer Basis für diesen Glauben gibt, nach dem ein „Lebensfunke” von allen Eltern in Samen und Ei überleben würde, sich zu vereinigen, um zum Kind zu werden. Wir wüssten nicht, was dieser „Lebensfunke” ist, doch wir wüssten, dass jedes Lebewesen, das in der Natur vorkommt, von einem anderen Lebewesen erdacht worden sei, so der Rabbi. So könne theoretisch dieser „Lebenskeim” zurück zu den eigentlichen Ursprüngen des Lebens selbst zurückgeführt werden. Etwas von diesen Vorfahren überlebt tatsächlich in den Nachkommen: Die DNA. Falls ein Individuum zerstört würde, bevor es reproduziert werden konnte, dann ist dieser „Lebensfunke” für immer aus dem Gen-Pool entfernt worden. In diesem Zusammenhang zitiert Gershom eine Stelle aus dem Talmud: „Wer auch immer eine einzelne Person zerstört, zerstört eine ganze Welt, und wer auch immer eine einzelne Person in der gesamten Welt rettet, rettet eine ganze Welt.” (Talmud Sanhedrin 4b nach Gershom 1994, S. 54) Gershom sagt, dass diese Stelle traditionell in diesem Kontext erklärt würde. Gewissermaßen bildet diese These ein Gegenargument gegen die Reinkarnation, denn viele Wissenschaftler sagen, dass vermeintliche Erinnerungen an frühere Leben auf irgendeine Weise genetisch in unserer DNA gespeichert seien. Nach dieser These erinnern wir uns nicht an Vorgänge aus einem vergangenen Leben, sondern aktivieren schlicht unsere Gene. Doch Gershom betont, dass dies nicht die Erinnerungen eines Kaukasiers erkläre, der unter Hypnose sich daran erinnert, in einem früheren Leben ein dunkelhäutiger Sklave gewesen zu sein. Es erkläre auch nicht, wie manche von den Menschen mit denen Gershom arbeitete, sich daran erinnern konnten, auf welche Art sie während des Holocausts starben – und das zu einer Zeit, in der seine Eltern noch am Leben waren!
Im mittelalterlichen jüdischen Mystizismus wurde die Idee eines „ursprünglichen Lebensfunken” in den Lehren über Adam Kadmon, dem ersten menschlichen Wesen, entwickelt. „Adam Kadmon” war Adam vor dem Sündenfall und der Erschaffung Evas. Er war ein Hermaphrodit – ein Zwitter –, der oft mit zwei Brüsten und männlichen Genitalien dargestellt wird. Er bzw. sie enthielt möglicherweise alle Seelen der gesamten Menschheit innerhalb seines bzw. ihres „Keims”. Dadurch würden alle heute lebenden Menschen den „Lebensfunken Adams” enthalten.
Gershom führt weiter aus, dass wir alle zu einer besonderen Linie von Vorfahren gehören. In vielen jüdischen Geschichten würde von einer heiligen Person gesagt, sie habe „einen Funken der Seele des Moses” oder einer anderen archetypischen Figur. Was das genau bedeutet, sei nicht immer klar, doch es bedeute definitiv keinen Rassismus! Zum Judentum konvertierte Personen seien symbolisch in den Stamm adoptiert und sind so ebenfalls Söhne und Töchter von Abraham und Sarah. Sie und ihre Nachkommen würden auf jede Weise als Juden angesehen, und so habe die moderne jüdische Gemeinschaft Mitglieder aus allen Rassen und Nationalitäten.
Gershom, der sich, wie wir noch sehen werden, besonders mit dem Holocaust beschäftigt, sagt, dass nach dem Glauben an das Überleben durch die Nachkommen nicht nur Millionen von Juden durch den Holocaust zerstört wurden, sondern sechs Millionen potentielle Welten ausgelöscht wurden. Jede dieser Menschen trug eine genealogische Linie, die nun für immer verschwunden sei. In manchen Fällen wurden sogar ganze Familien, vollständige Gemeinschaften ausgelöscht, ohne dass ein einziger überlebte. Ebenfalls verschwunden sind viele Familiengeschichten, die über Generationen hinweg von den Eltern an die Kinder weitergegeben wurden.
Aus diesem Grund ist es für die Überlebenden sehr wichtig, die Namen der im Holocaust Umgekommenen zu bewahren, insbesondere jene, die selbst keine Nachkommen haben, an die ihre Erinnerungen weitergegeben werden könnten. Deswegen ist es ihnen so wichtig, Monumente zu errichten und Berichte über den Holocaust und jene, die darin umkamen, zu erstellen, bevor die letzten Zeugen für immer von uns gegangen sind. In Yad Vashem, der „Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust” wird eine Liste aufbewahrt, die die Namen aller Juden, von denen man weiß, dass sie durch die Nationalsozialisten umgebracht wurden, enthält.
Weniger geglaubt wird unter den Juden heute die Vorstellung an eine körperliche Auferstehung, doch während der talmudischen Periode war das anders. Die Einwirkung dieses Glaubens war damals so stark, dass sie zur zentralen Lehre des Christentums wurde, das in jener Zeit jüdischen Wurzeln entsprang. Wann dieser Gedanke zum ersten Mal ins jüdische Denken Einzug hielt, weiß man nicht. Jedenfalls wird berichtet, dass Moses als Prinz an einem ägyptischen Hof auswuchs und die Ägypter glaubten, sein Leichnam müsse für das Leben nach dem Tod konserviert werden. Allerdings machte Moses keine direkten Angaben zur physischen Auferstehung. Das tat erst Jahrhunderte später der Prophet Daniel. Ich zitiere aus der Menge- Übersetzung: „Und viele von denen, die im Staube der Erde starben, werden erwachen, die einen zu ewigem Leben, die anderen zu Schmach, zu ewigem Abscheu.” (Dan. 12,2)
Gershom fragt sich, ob diese Lehre von der physischen Auferstehung mündlich durch Moses weitergegeben wurde, um erst Jahrhunderte später niedergeschrieben zu werden oder ob möglicherweise diese Lehre erst dem Daniel offenbart worden sein könnte. Letztlich kann er diese Frage nicht beantworten. Doch die alten Ägypter waren der Überzeugung, dass das Leben nach dem Tod in vielerlei Hinsicht dem jetzigen ähnelte, mit den gleichen Grundbedürfnissen und Begierden. Obwohl die Ägypter auch an eine Seele, das Ka, glauben, gab es ohne den Leichnam kein Weiterleben und deswegen mumifizierten sie die Leichname. Das Leben nach dem Tod war auch nicht demokratisch: Die Mumifikation war ein sehr kostspieliger und zeitraubender Prozess, der den oberen Klassen vorbehalten war – ein Weiterleben nach dem Tod stand also nur den Reichen und Mächtigen offen – die Armen mussten im Tode verbleiben, da ihr Körper verwesten.
Doch die Ägypter konservierten nicht nur den Leichnam, sondern füllten das Grab mit Gegenständen, die der Verstorbene im Leben nach dem Tod gebrauchten konnte. So wurden Speisen, Kleidung, Hausrat und sogar Diener, die ebenfalls mumifiziert wurden, mit ins Grab gegeben. Die hochgestellten Ägypter bekamen sogar handschriftliche Texte mit ins Grab, die die Seele auf ihrer Wanderung instruieren sollten.
Es könne sein, dass als Reaktion auf diese Überspanntheit, die Juden etwas Einfacheres ersannen, meint Gershom. Schließlich waren sie Sklaven in Ägypten und mit Sicherheit an der Errichtung der Königsgräber beteiligt. Die Juden müssten Gershom zufolge die Zwecklosigkeit dieses Unterfanges erkannt haben. An manchen Stellen sage die Bibel eindeutig, dass die Leichname tot sind. Als Beleg verweist Gershom u. a. auf Prediger 9,5+10, wo es nach Menge heißt: „Die Lebenden wissen doch noch, dass sie sterben werden, die Toten aber wissen überhaupt nichts und haben auch keinen Lohn mehr zu erwarten; sogar ihr Andenken wird ja vergessen. (…) Alles, was deine Hand mit deiner Kraft zu leisten vermag, das tu, denn in der Unterwelt, wohin dein Weg geht, gibt es kein Schaffen und keine Überlegung mehr, weder Erkenntnis noch Weisheit.”
Daraus schließen die Zeugen Jehovas, aber auch andere Christen, dass es keine unsterbliche Seele gibt, die nach dem Tode weiterexistiert. Gershom hält es aber für wahrscheinlicher, dass der Sinn dieser Bibelstelle und anderen ähnlichen jener ist, dass man die ägyptische Idee, nach der die Mumien wieder zum Leben kommen können und in ihren Gräbern herumwandern, abgelehnt wird.
In biblischen Zeiten wurden die Toten in simple Leichentücher gehüllt und lagen in Höhlen oder Krypten. Heute finden flache Holzsärge Anwendung, und die Leichname werden unterirdisch bestattet. Die Leichname werden auch nicht einbalsamiert. Die einzige Ausnahme in der Bibel scheint Joseph, der Sohn Jakobs, zu sein, der eine prominente Person in Ägypten war. Er nahm allerdings seinen elf Brüdern das Versprechen ab, seine Gebeine aus Ägypten heraus und in das Land seiner Vorfahren zu bringen. Moses tat dies zu irgendeiner Zeit während des Auszugs aus Ägypten.
Unter den richtigen Bedingungen können die Knochen auch ohne Mumifizierung mehrere Jahrhunderte, ja Jahrtausende „überleben”. Die Gebeine zu erhalten war wichtig für jene, die die physische Auferstehung lehrten, weil sie in den „Letzten Tagen” wieder eine Rolle spielen würden. Dann würden die Knochen wieder von Fleisch überzogen und unsterblich werden. Gershom schließt dies aus Hesekiel 37, wo ein Tal von Knochen beschrieben wird, die wieder lebendig werden. In der Vision des Propheten Hesekiel, der 500 v. Chr. während der babylonischen Gefangenschaft des jüdischen Volkes wirkte, heißt es: „Hierauf sagte er [gemeint ist Gott, R. M. H.] zu mir: ,Menschensohn, diese Gebeine hier sind [Menge stellt als Alternative für <sind> die Begriffe <bedeuten> und <stellen dar> in den Raum] das ganze Haus Israel. Siehe, sie sagen jetzt: <Verdorrt sind unsere Gebeine, und geschwunden ist unsere Hoffnung; es ist aus mit uns.> Darum weissage du und sage zu ihnen: <So hat Gott der Herr gesprochen: Wisset wohl, ich will eure Gräber öffnen, und Euch, mein Volk, aus euren Gräbern hervorgehen lassen und euch in das Haus Israel zurückbringen: dann werdet ihr erkennen, dass ich der Herr bin, wenn ich eure Gräber öffne, und euch mein Volk, aus euren Gräbern hervorgehen lasse. Ich will also meinen Geist in euch kommen lassen, dass ihr lebendig werdet, und will euch wieder in euer Land versetzen, damit ihr erkennt, dass ich, der Herr, es verheißen habe und es auch zur Ausführung bringe!> – so lautet der Ausspruch des Herrn.” (Hes. 37,11-14)
Meiner Ansicht nach geht aus dieser Stelle eindeutig hervor – und der Kontext der Kapitel um diese Stelle bestätigt dies –, dass hier von der Wiederherstellung des „Hauses Israel” die Rede ist, die in Bildern geschildert wird. Es geht darum, dass das Volk Israel ins Haus Israels zurückkehrt – um jenen Vorgang, der spätestens mit der zionistischen Bewegung im Jahr 1897 geboren wurde und in dem die Staatsgründung des modernen Staates Israel im Jahr 1948 seinen bisherigen Höhepunkt erreichte. – Eine Prophezeiung ist also in Erfüllung gegangen. (Vgl. Horn 2009: Apokalyptische Endzeit)
Doch Gershom teilt uns mit, dass diese Stelle durch die Jahrhunderte von vielen Juden – wie auch von Christen – wortwörtlich genommen wurde und diese erwarteten u. a. aufgrund dieser Stelle eine buchstäbliche körperliche Auferstehung.
Einige talmudische Weise sagen, dass diese Auferstehung nur im Lande Israel stattfinden könne, denn es ist ja vom „Haus Israel” die Rede. Das Land sei so heilig, dass sogar ein Ungläubiger durch den Vorteil auferstehen würde, dass er hier begraben worden sei. Doch was würde mit jenen Juden geschehen, die außerhalb des Landes Israels beerdigt worden sind? Sicherlich würde den Rechtschaffenen nicht aufgrund der Lokalisation ihrer Gräber das ewige Leben verweigert würden. Um dieses Problem zu lösen, entwickelte sich ein Stück Folklore, das zunächst im Talmud genannt wurde und in späteren Jahrhunderten durch zahlreiche Kommentare ergänzt wurde: Die Toten, die in anderen Ländern begraben wurden, würden unter der Erde durch Tunnel ins Land Israel kommen. In einigen dieser Berichte existieren diese Tunnel bereits, während in anderen die Toten sich wie Maulwürfe nach Israel graben müssten. Der Talmud legt nahe, dass Gott selbst die Tunnel öffnen würde, und die Toten würden „wie Flaschen an den Platz der Auferstehung rollen”. Bis heute wird ein Stückchen israelische Erde in jeden jüdischen Sarg eingestreut, um die Verbindung des Leichnams mit dem Heiligen Land zu symbolisieren.
Gershom hält es für denkbar, dass etwas Spirituelleres gemeint ist und erinnert an die im Kapitel „Gibt es ein Leben nach dem Tod” bereits erwähnten „Tunnel”, durch die Menschen gehen, die eine Nahtod-Erfahrung hatten, an dessen Ende sie oft eine wunderschöne Landschaft sehen. Für Gershom ist die Annahme verführerisch, dass ein weiser Talmud-Schreiber eine solche Nahtod-Erfahrung erlebte und diese seinen Kollegen so schilderte, als habe es sich um eine körperliche Erfahrung gehandelt.
Der Glaube an eine physische Auferstehung jedenfalls wird heute von den meisten Juden abgelehnt, wie Gershom berichtet. Dies läge nicht zuletzt am Holocaust, denn wenn der physische Körper verbrannt worden und die Asche zerstreut worden sei, wie können dann die nichtexistenten Knochen wieder wachsen?
Am Ende dieses Themas kommt auch Gershom auf den Gedanken, dass möglicherweise nicht irgendwelche Knochen am Leben bleiben, sondern viele der Überlebenden im Heiligen Land siedelten und bei der Gründung des Staates Israels auf dem eigenen Land halfen. Dies könne die „Auferstehung” sein, auf die sich Hesekiel bezieht – nicht auf eine buchstäbliche Auferstehung, sondern das Wiederaufleben des jüdischen Geistes nach solch einer großen Tragödie.
Der Glaube an eine unsterbliche Seele im Himmel, um auf dieses Thema zu sprechen zu kommen, wird in der Bibel nicht explizit erwähnt, auch wenn eine Seele in jüdischen Schriften erwähnt wird, die niedergeschrieben wurden, als der biblische Kanon bereits fertig gestellt war. Dies verführte einige Gelehrte dazu, zu glauben, das Konzept einer Seele sei nicht wirklich jüdisch, sondern aus anderen Religionen absorbiert worden. Doch Gershom hält diese Annahme für falsch. Es sei möglich, so Gershom, dass eine Doktrin mehrere Jahrhunderte lang mündlich existiere, bevor sie schließlich niedergeschrieben wird.
Im Mittelalter wurden jüdische Lehrer über das Leben nach dem Tod sowohl in wissenschaftlichen Schriften als auch Folklore bewahrt. Gershom stellt klar, dass in jeder Zeit der durchschnittliche Jude an eine Seele glaubte. Man lese öfter, dass Juden an einem Grab eines Heiligen oder eines geliebten Menschen beteten, worauf die Seele später in einer Vision bzw. einem Traum erschien. Obwohl die Seele den Körper verlassen hatte, wurde geglaubt, dass sie auf irgendeine Weise an den Ruheplatz des Körpers angeheftet sei und deswegen am Grab mehr ansprechbar war. Auch heute ist dieser Glaube noch sehr gebräuchlich.
Der jüdische Philosoph Maimodes, der im 12. Jahrhundert wirkte, versuchte den Glauben an eine Seele und eine körperliche Auferstehung zu verbinden. Obwohl er die Wiederauferstehung als einen Glaubensgrundsatz akzeptierte, hatte er Schwierigkeiten mit der Buchstäblichkeit mancher Texte. Er sah die Lösung darin, zu sagen, dass obwohl es eine Auferstehung des Leibes zur Zeit des Messias gäbe, dies nicht das Ende des Vorgangs war. Tatsächlich gäbe es ebenfalls einen spirituellen Zustand, in dem es keinen Tod und keinen Körper gab. Die gebräuchlichste jüdische Metapher für den Himmel ist für Gershom zweifelsfrei der Garten Eden, denn dort sei alles in Harmonie gewesen. Dort würden die Großen Propheten, Lehrer, Forscher, und Heilige sich unter dem Baum des Lebens versammeln, um die Geheimnisse der Thora zu teilen. Der Löwe liegt neben dem Lamm, und alles sei an diesem himmlischen Garten Eden wie es war, bevor Adam und Eva im Garten Eden der Genesis die verbotene Frucht aßen.
Hier muss ich aber sagen, dass diese Welt, nimmt man die biblische Geschichte vom Garten Eden wörtlich. so harmonisch wie sie oft und hier dargestellt wurde, gar nicht war. In 1. Mose 2, 15-17 lesen wir: „Als nun Gott, der Herr, den Menschen genommen und ihn in den Garten Eden versetzt hatte, damit er ihn bestelle und behüte, gab Gott der Herr dem Menschen die Weisung: ,Von allen Bäumen des Gartens darfst du nach Belieben essen, aber vom Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen – von dem darfst du nicht essen; denn sobald du von diesem isst, musst du des Todes sterben.” Aus dieser Stelle geht deutlich hervor, dass Gott den Menschen in den Garten Eden gesetzt hätte, um ihn zu bestellen – also quasi als Gärtner – und nicht, um unter dem Baum des Lebens zu sitzen. Merkwürdig ist auch, dass, wie wir aus der Bibel wissen, der Mensch nicht an dem Tag, an dem er von der verbotenen Frucht aß, starb. Wenn wir uns an den Ausspruch der „Schlange” erinnern, die nach 1. Mose 3,4 sagte: „Ihr werdet sicherlich nicht sterben, sondern Gott weiß wohl, dass Euch sobald ihr davon esst, die Augen aufgehen werden und ihr wie Gott selbst sein werdet, indem ihr erkennt, was gut und böse ist”, müssen wir uns fragen, ob aus diesen Stellen nicht deutlich hervorgeht, dass jener Gott log und die Schlange die Wahrheit sagte. – Dies ist zumindest dann der Fall, wenn wir die Geschichte vom Garten Eden wörtlich nehmen. Die reinkarnationsgläubige Autorin Elisabeth Claire Prophet sagt aber, dass jene, die an die Reinkarnationslehre glauben, selten die Bibel wörtlich nahmen und eher nach versteckten Symbolen schauen. Für sie war der Garten Eden nicht so sehr ein historischer Platz, sondern ein ewiger Zustand, in dem die Seelen ein Teil von Gott waren. Irgendwann hätten die Seelen diesen Zustand verlassen, um auf die Erde gesetzt zu werden, um diesen Zustand wiederzuerlangen. Da der menschliche Körper endlich und schwach ist, gingen die an die Reinkarnationslehre Gläubige davon aus, dass die Seelen mehr als ein Leben brauchen, um den Prozess zu vollenden. Für sie geht der Weg zur Wiedervereinigung mit Gott Hand in Hand mit der Reinkarnationslehre. Wenn die Sicht dieser reinkarnationsgläubigen Christen richtig ist und der „irdische Garten Eden” nur Symbolik war, liegt der Gedanke nicht allzu fern, dass genauso „der himmlische Garten Eden” symbolisch zu verstehen ist und das Ende des Weges der Seele zurück zu Gott repräsentiert.
Doch wenden wir uns nun wieder den interessanten Äußerungen Gershoms zu. Ein anderes gebräuchliches Bild vom Himmel, speziell in den chassidischen1010 Schriften, sei jenes von der Himmlischen Akademie, die ebenfalls als ein großer Platz geschildert wird, an dem die Thora gelehrt wurde, wo die würdigen Seelen um einen ewigen Sabbat - Tisch herum saßen, um zu studieren, zu schlemmen und zu singen. Die Himmlische Akademie ist ebenso zugänglich für spezielle heilige Seelen, die immer noch auf Erden sind. In den Geschichten über „Baal Shem Tov”, d.h. der Meister des Guten Namen und Gründer des Chassidismus im 18. Jahrhundert, wird gesagt, dass er regelmäßig nachts seinen Körper verließ, um in himmlische Reiche aufzusteigen. Dort erlernte er die heiligen Geheimnisse der Kabbala, die er seinen irdischen Schülern weitergab.
Gershom zitiert aus: Buber, Martin: Tales of the Hasidim, Vol. 1, Schocken Books, New York 1947, S. 61: „Er [der Kantor des Baal Shem Tov] erzählte von den Stunden, in denen die Seele des Meisters in den Himmel aufstieg, während sein Körper wie tot zurückblieb und dass seine Seele dort mit wem auch immer er wollte, sprach, mit Moses, dem getreuen Hirten, mit dem Messias, und fragte und bekam geantwortet.” (Gershom 1994, S, 65f) Gershom berichtet weiter, dass die Seele eines Verstorbenen erst dann in den Garten Eden oder die Himmlische Akademie gelangen kann, wenn er vor dem Himmlischen Gericht beurteilt worden ist. Dieses Gericht ist dem irdischen Beth Din, dem rabbinischen Gericht, nachempfunden, vor dem die Juden durch die Jahrhunderte hindurch ihre Dispute beseitigten, bevor sie die Bürgerrechte durch weltliche Gerichte erhielten. Unter bestimmten Umständen wird auch heute noch ein Beth Din einberufen. Dieses Gericht besteht aus drei jüdischen Gelehrten, von denen einer ein geweihter Rabbi sein muss.
Gershom fand eine interessante Parallele zum Himmlischen Gericht in den Untersuchungen des Dr. Joel Whitton. Whitton führte unter Hypnose viele Probanden zu etwas zurück, das er „Bardo” nannte. Bardo ist ein buddhistischer Begriff, der auf einen spirituellen Zustand zurückgeht, in dem die Seele sich zwischen zwei Inkarnationen aufhielt. Viele von Whittons Probanden berichteten, dass sie vor einer „ätherischen Gerichtsstelle” erscheinen mussten, und diese wurde gewöhnlich von drei Richtern gebildet. Gershom ist sich ziemlich sicher, dass keiner der Probanden je von dieser jüdischen Lehre von dem Himmlischen Gericht gehört hatte.
Vielleicht fragen Sie sich jetzt, was mit den Seelen geschieht, die ein schlechtes Karma haben, also vereinfacht und mit den Worten der Bibel gesagt, „schlecht bzw. sündig sind”? Auch hierauf weiß Gershom eine Antwort: Ihnen ist die Gehenna bestimmt, eine Art von Fegefeuer, in dem sie geläutert werden, bevor sie in den „Garten Eden” eintreten dürfen. Dieser Aufenthalt im „Fegefeuer” ist von unterschiedlicher Dauer, je nach den Taten der Einzelnen, dauert aber selten länger als ein Jahr. Einen ewigen Höllenaufenthalt gibt es im Judentum nicht, denn jede Person, unabhängig davon wie „böse” sie war, hat irgendwann einmal etwas Gutes getan, das belohnt werden muss. Wenn die Gehanna allerdings nur ein Jahr dauere, dann sei nicht klar, was mit einer Seele wie der Adolf Hitlers passiert, denn ein Jahr wäre für dessen Untaten reichlich kurz. Whittons Untersuchung lege nahe, dass die Seele in der nächsten Welt all die Qualen erleben muss, die sie anderen zugefügt habe. Gershom weist darauf hin, dass nach der esoterischen Tradition der Begriff der Zeit nach mancherlei esoterischen Überlieferungen in der kommenden Welt gar keine Bedeutung hätte, und so wisse man nicht, wie lange einer Seele dort „ein Jahr” vorkommt.
Manche jüdische Mystiker lehren, dass die geistige Welt eine bestimmte Anzahl von „Stockwerken” habe. Sie unterscheiden zwischen einer „niedrigeren Gehenna”, in der die Emotionen gereinigt werden und einer „höheren Gehenna”, in der der Geist gereinigt werde. So sei auch der „niedrigere Garten Eden” da, um emotionale Freuden zu erleben, während der „höhere Garten Eden” auch den Geist befriedigt. Wenn eine Seele von einer Ebene zur anderen wechselt, ist sie eingetaucht in einen „Fluss von Licht”. Seelen in höheren Ebenen können absteigen, um Seelen in niedrigeren Levels zu helfen, während sie umgekehrt Hilfe von solchen in höheren Ebenen bekämen. Alles befindet sich in einem Zustand des Wachsens, denn nur Gott der Schöpfer ist perfekt, so heißt es. Erleuchtung ist in diesem Modell ein Prozess und kein statischer Zustand.
Dies erinnert an die weiter oben besprochenen Ausführungen zum Nirwana, in denen ebenfalls gesagt wurde, dass auch der Aufenthalt dort ein fortschreitender Prozess und kein statischer Zustand sei. Wie bereits erwähnt, gibt es im Judentum auch eine Strömung, die an die Reinkarnation glaubt und somit sind wir wieder beim Kernthema angelangt. Gershom erklärt uns, dass es einige biblische Verse gibt, die von späteren Kommentatoren als Anspielungen auf die Reinkarnation verstanden werden, doch um diese Hinweise zu verstehen, müsse man den „Code” kennen, durch den Juden oft biblische Texte läsen. Eines dieser „Code-Wörter” sei im Bahir erklärt, von dem wir bereits gehört haben. Dieses Buch wird dem talmudischen Weisen Rabbi Nehunia ben Hana zugeschrieben. Wie Michel beruft sich Gershom auf die Bibelstelle Prediger 1,4 in der es nach Menge heißt: „Ein Geschlecht geht dahin, und ein anderes kommt, doch die Erde steht ewig unbewegt.”
Gershom zitiert aus dem Bahir: „Was ist die Bedeutung von [der Phrase] ,Generation zu Generation’? Rabbi Papas sagt [Prediger 1:4 zitierend]: ,Eine Generation geht und eine Generation kommt.’ Rabbi Akiba sagte: ,Die Generation kam’ – ist bereits gekommen.” (Gershom 1994, S. 71 nach Bahir Sektion 121).
Und Gershom bemerkt dazu: „Dies ist eine sehr wichtige Passage, weil sie uns sagt, dass der Bahir ‚Generationen’ als ‚Inkarnationen’ liest, das bedeutet, dass die Generation, die ‚geht’ die gleiche ist, wie jene, die kommt”. (Ebenda) Gershom schreibt weiter, dass es in der rabbinischen Literatur üblich sei, ein Wort für ein anderes zu lesen. Manchmal basiere die alternative Schreibweise auf Wortspiele in der hebräischen Sprache, während es in anderen Fällen einfach einen Weg darstelle, um einen älteren Text in dem Licht neuerer Informationen zu interpretieren. Wie lange diese Lesart von „Inkarnationen” für „Generationen” gebräuchlich war, bevor sie im Bahir niedergeschrieben wurde, ist unbekannt. Doch allem Anschein nach war es eine akzeptierte Interpretation, denn die gleiche Praxis finden wir auch im Buch Zohar, einem besser bekannten kabbalistischen Text.
Gershom schreibt, dass die Praktik, „Generationen” als „Inkarnationen” zu lesen, hilft, ein neues Licht auf andere Bibelstellen zu werfen. Er führt eine Stelle aus dem Deuteronomium (5. Buch Mose) an, in der es nach der Übersetzung von Leopold Zunz heißt: „Der Ewige unser Gott hat mit uns einen Bund geschlossen in Choreb. Nicht mit unseren Vätern hat der Ewige diesen Bund geschlossen, sondern mit uns, diesem hier, die wir heute alle leben.” (5,2+3) Moses erklärte hier der neuen Generation, die die kurz davorsteht, den Jordan zu überqueren und ins gelobte Land einzuziehen, den Bund am Sinai.
Anschließend an den Vers wiederholt Moses die zehn Gebote. „Ein Bund ist ein Abkommen oder ein Übereinkommen zwischen zwei oder mehreren Parteien für beiderseitigen Nutzen”, erklärt uns Gershom. Das Format des Bundes, wie er in der Thora skizziert wird, folge genau der konventionellen Art von Lehnsherr-Verträgen zwischen Herrschern und Vasallen-Staaten im antiken Nahen Osten.
Zunächst stellt der Herrscher, der die Verträge anbiete, sich selbst vor („Ich bin der Herr, Dein Gott”), dann legt er die Bedingungen des Abkommens (die Zehn Gebote) dar. Eine Aufzählung von Leistungen folgt ebenso wie Belohnungen für die Beibehaltung des Abkommens, wie sie im aus dem 27. Kapitel des 5. Buches Mose nachgelesen werden kann. Ebenso folgt eine Aufzählung von Konsequenzen, die auf das Brechen des Bundes folgten. Sie sind im gleichen Kapitel dargelegt. Dieses Format des Abkommens müsste nach Gershom der Generation, die am Sinai steht, vollkommen geläufig sein. Es müsste von den Personen ratifiziert werden. Diese Ratifizierung finde sich im Buch Exodus (2. Buch Mose), wo es nach Zunz heißt: „Da hub an das ganze Volk insgesamt und sprach: Alles, was der Ewige geredet, wollen wir tun! Und Mosche brachte die Worte des Volkes zurück zu dem Ewigen.” (19,8)
Gershom ist der Meinung, dass Gott nicht ein ärgerlicher Diktator im Himmel sei, der willkürlich seinen Willen seinem Volk überstülpt. Er hätte vielmehr ein spezielles Abkommen mit seinem Volk getroffen, dem es freigestellt sei, es zu akzeptieren. Die Idee, dass Juden ein Bundesverhältnis mit Gott haben, sei in der jüdischen Theologie so zentral, dass sie gewöhnlich als gegeben angesehen würde. (Die Frage, ob der Umgang des biblischen Gottes mit den Menschen mit „Zuckerbrot und Peitsche” tatsächlich so positiv zu sehen ist, lassen wir einmal dahingestellt sein.)
Jedenfalls erkennt Gershom ein ernsthaftes Problem, mit dem oben zitierten Text aus dem Deuteronomium (5,2+3): Lediglich drei der Erwachsenen, die am Sinai präsent gewesen seien, nämlich Moses, Josua und Kaleb, waren noch am Leben, als Gott die Worte sprach. Der Rest der Generation sei während der Dauer der 40-jährigen Wüstenwanderung verstorben. Angenommen, ein paar Kinder, die sich an die Offenbarung am Sinai noch erinnern könnten, waren sie zu jener Zeit minderjährig und nicht Bestandteile des Abkommens, wie konnte denn Moses sagen, dass der Bund „jeden von uns” einfasse, „der heute hier sei”, sagt Gershom. Dies würde doch dem freien Willen neuer Generationen widersprechen.
Die mündliche Tradition des Midrasch (die Auslegung religiöser Texte im rabbinischen Judentum) sage, dass der Bund rückwirkend galt, also auch für jene Juden, die vor der Offenbarung am Sinai gestorben sind. Sie berufen sich auf die Phrase: „mit unseren Vätern”. Interessant ist übrigens, dass die Zunz-Übersetzung „Nicht mit unseren Vätern” übersetzt. Bei der von Gershom benutzten Übersetzung heißt es (ins Deutsche übersetzt) „nicht nur mit unseren Vorfahren”. Doch auch bei Menge heißt es „Nicht mit unseren Vätern.” Und auch im Luther-Text von 1914 heißt es: „Und hat nicht mit unseren Vätern diesen Bund gemacht, sondern mit uns…”.
Wie dem auch sei, nach dem Midrasch würden zukünftige Generationen verborgen in der Phrase „Die an diesem Tage nicht hier sind.” Gershom verweist hier auf die Stelle Deuteronomium (5. Mose 29,13-15): „Und nicht mit euch alleine schließe ich diesen Bund und diesen Verteidigungsfluch; sondern so mit dem, der heut hier mit uns ist, stehend vor dem Ewigen unserem Gotte, als mit dem, der heut hier nicht mit uns ist. Denn, ihr wisset, wie wir gewohnt im Lande Mizrajim, und wie wir gezogen mitten durch die Völker, die ihr durchzogen.” (Zunz-Übersetzung)
Daher würden alle Seelen der Juden, die jemals geboren werden würden, gegenwärtig sein, einschließlich jener, die physikalisch inkarniert sind. Selbst vor der Geburt hätte jeder Jude bereits freiwillig gewählt, und war somit an den Bund vom Sinai gebunden. Diese Idee, nach der alle Generationen von Seelen beim Bund vom Sinai gegenwärtig gewesen seien, sei heute unter Juden akzeptiert, so dass selbst in der Thora, die von der Reform-Bewegung hergestellt wurde, diese Auslegung ohne eine Fußnote anzubringen, zitiert würde.
Die Kabbalisten jedoch, gingen einen Schritt weiter, wie uns Gershom berichtet. Basierend auf die Lesart „Generationen” als „Inkarnationen” waren nach den Mystikern nicht alle Seelen anwesend, sondern eben diese Seelen, die am Sinai standen und später während der Wüstenwanderung starben, waren nun wieder verkörpert und hörten die letzten Worte des Moses. Deswegen, so Gershom, schloss Gott den Bund „nicht nur mit unseren Vorvätern” sondern auch „mit uns, den Lebenden”, denn die gegenwärtige Generation seien die Reinkarnationen ihrer Vorfahren.
Der Bund am Sinai ist nach dieser Lehre nicht wie irgendein irdisches Übereinkommen, das mit dem körperlichen Tod einer der Parteien endet, sondern ein ewiger Bund durch die Generationen (=Inkarnationen) hindurch, weswegen er sich auch von einem Leben auf das nächste übertrage. Obwohl die frühen kabbalistischen Texte mit dunklen Hinweisen, die nur von Eingeweihten anerkannt wurden, auf die Reinkarnation anspielten, tauchten konkretere Hinweise erst im 14. Jahrhundert auf. Zunächst wurde die Reinkarnation im Hebräischen „ha’taka” (Übertragung) oder ibbur (Imprägnation) genannt, doch im Zohar wird die Reinkarnation „gilgul” genannt, und dies ist der Ausdruck, der bis heute noch gebräuchlich ist.
Ursprünglich bedeuteten „gilgul” und „ibbur” das gleiche, doch gegen Ende des 14. Jahrhunderts wurde unterschieden. „Ibbur” bedeutete nun den Eintritt einer anderen Seele in den Körper einer lebenden Person (eine Art „gutartiger Besessenheit”), der für einen guten Zweck auftrat. Die Seele blieb nur solange in diesem Körper, bis bestimmte Taten ausgeführt waren. „Gilgul” jedoch bedeutete die erneute Geburt einer Seele in einem neuen Körper – und das ist das, was wir Reinkarnation nennen. Im Bahir würde gesagt, dass die Reinkarnation für die Dauer von tausenden Generationen weitergeführt werden könne – und Generation bedeutet ja, wie wir gesehen haben, Inkarnationen, so Gershom. Andererseits glaubte der Rabbi Isaak Luria, ein Mystiker des 16. Jahrhunderts, dass eine Seele höchstens drei oder vier Mal wiederkehrte.
Gershom erklärt uns die Bedeutung des Begriffes Kabbala: Er bedeute „das, was erhalten worden ist.” Das Wort „Kabbala” wurde abgeleitet von dem hebräischen Verb, das gebraucht wird in „Moses erhielt (kibel) die Thora am Sinai” sowie für „den Sabbat erhalten” (kabbalat shabat) im Freitag-abendlichen Dienst in der Synagoge. So ist „Kabbala” Gershom zufolge nicht so sehr eine niedergeschriebene Tradition, die durch Weise überliefert worden ist, sondern eher ein spiritueller Prozess des Erhalts von innerer Weisheit.
Es ist schwer zu sagen, wie weit die Kabbala im Mittelalter verbreitet war, sagt Gershom, weil die Ausübung der Kabbala in die äußerlichen Formen des Orthodoxen Judentums integriert war. Ein Kabbalist und ein Nicht-Kabbalist könnten jeweils exakt die gleiche Liturgie aufsagen und sie vollkommen unterschiedlich wahrnehmen, und so sei es schwer, den Unterschied zu beschreiben.
Die Lehren der Mystiker waren nicht notwendigerweise der durchschnittliche Glaube, belehrt uns Gershom. Die Kabbala wurde als eine geheime esoterische Doktrin betrachtet, die nur den meisten gelehrten Rabbis zugänglich war. Es wurde als gefährlich betrachtet, die Kabbala den Massen zu lehren, weil ihr esoterischer Symbolismus Ungläubige in einen Irrglauben treiben könnte und die einfachen Menschen dazu tendieren, sie für Magie zu verwenden. Obwohl die Rabbis die Magie für grundsätzlich wirksam hielten, waren sie der Überzeugung, dass nur die höchsten und heiligsten dazu qualifiziert waren, Magie auszuüben. Erst im 16. Jahrhundert, als der Buchdruck erfunden wurde, wurde es möglich, Bücher in vergleichsweise hoher Auflage zu drucken, so dass die Kabbala offen studiert und praktiziert werden konnte. Im 18. Jahrhundert wurde die Kabbala durch den Gründer des Chassidismus populär, so dass viele der Konzepte nun auch Laien zugänglich waren.
Gershom erklärt uns, dass alle Richtungen des heutigen Chassidismus an die Reinkarnation glauben, während reformierte und orthodoxe Juden in Bezug auf die Reinkarnation skeptisch sind. Mittlerweile hätten viele Juden die östlichen Religionen studiert, in denen, wie wir gesehen haben, die Reinkarnation gelehrt wird. Viele Juden weisen dies nicht zurück, sondern spüren jüdische Entsprechungen von Konzepten auf, wie beispielsweise Meditation, geistiges Heilen, und eben die Reinkarnation. Bei dieser Suche würden oft „verlorene” Techniken wiedergefunden, die dazu verhelfen, Licht auf ältere dunkle Lehren zu werfen, die in jüdischen Texten beschrieben werden. Dieser Prozess der vergleichenden Religionsphilosophie hat eine Bewegung gegründet, die man „neo-chassidisch” nennen könnte. Sie versucht, die Mystizismen der chassidischen Lehre mit einem personalisierten ganzheitlichen Bewusstsein zu kombinieren, und Gershom bekennt sich dazu, dieser Gruppe anzugehören.
Wer hätte das gedacht? Zumindest eine jüdische Strömung – der Chassidismus – glaubt an die Reinkarnation und stellt sogar fest, dass Bestandteile ihrer alten Lehre den östlichen Religionen, die wir vorher besprochen haben, sehr ähnlich sind – ja, die Entwicklung des Chassidismus scheint diese Religionen sogar ein Stück weit einander näher zu bringen. Man könnte grob sagen, dass es zwischen dem Judentum einerseits und dem Buddhismus und Hinduismus andererseits – wobei die beiden Letztgenannten untereinander sehr ähnlich sind – Gemeinsamkeiten gibt, ja dass sie sich gar nicht so sehr unterscheiden, wie man das auf den ersten Blick annehmen würde – und ein überraschender (teilweise) gemeinsamer Nenner ist die Reinkarnation.
Die Frage, die sich jetzt stellt, ist die nach der christlichen Religion, die ja bekanntlich auf jüdischen Wurzeln fußt. Bietet sie ebenfalls Hinweise auf die Reinkarnation, obwohl hier ja die „Auferstehung des Fleisches” gelehrt wird? Doch wir haben ja bereits gesehen, dass Stellen im Neuen Testament, in dem die Jünger Jesu auf die Reinkarnation anspielen, Jesus zwar andere Erklärungen bietet, aber der Grundannahme der Jünger, dass es eine Reinkarnation gibt, nicht widersprach.
Die Kirchenväter jedoch sind sich sicher: Die Lehre von Reinkarnation und Karma widerspricht dem christlichen Glauben und ist weder biblisch begründbar, noch von der Kirche jemals gelehrt worden, wie Peter Michel feststellt. Er kommt aber sehr bald darauf zu sprechen, dass es einen Widerspruch gibt: Gott wird von den so genannten Kirchenvätern als eifriger Gott dargestellt, der die Sünden der Väter heimsucht an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied, wie es in 5. Mose 5,9 heißt. Beschreibt dies tatsächlich die Handlungsweise eines liebenden Gottes? Für Michel liegt es näher, dass hier ein Hinweis auf das Gutmachen einer alten Schuld – eben die Schuld der Väter – in einem oder mehreren neuen Erdenleben – als „Kinder” gegeben wird. Dies wäre doch humaner als die Lehre von der Erbsünde, meint Michel.
Der Religionswissenschaftler verweist auf das gnostische Christentum, das ein Indiz dafür darstelle, dass es unter den Jüngern einen eingeweihten Kreis gegeben habe, der Einblick in tiefere Geheimnisse hatte. Wir werden auf das gnostische Christentum noch zurückkommen, doch zunächst müssen wir auf zwei Bibelstellen eingehen, die nach Michels Meinung auf der Grundlage der Reinkarnationslehre am besten erklärt werden könnten.
In der ersten dieser Stellen sagt Jesus ein Gleichnis: „Weiter ist das Himmelreich einem Schleppnetz gleich, das ins Meer ausgeworfen wurde und in welchem sich Fische jeder Art in Mengen fingen. Als es ganz gefüllt war, zog man es an den Strand, setzte sich nieder und sammelte das Gute (=die guten Fische) in Gefäße, das Faule (=die unbrauchbaren) aber warf man weg. So wird es auch am Ende der Weltzeit zugehen: Die Engel werden ausgehen und die Bösen aus der Mitte der Gerechten absondern und sie in den Feuerofen werfen; dort wird lautes Weinen und Zähneknirschen sein.” (Matth.13,47-50)
Die zweite von Michel genannte Stelle – in der Jesus wieder ein Gleichnis schildert – lautet: „Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weingärtner. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, entfernt er, und jede (Rebe), die Frucht bringt, reinigt er, damit sie noch mehr Frucht bringe. Ihr seid bereits rein infolge des Wortes, das ich zu euch geredet habe: bleibt in mir und so bleibe ich in euch. Wie die Rebe nicht von sich selbst aus Frucht bringen kann, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr es nicht, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben: wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reichlich Frucht; dagegen ohne mich könnt ihr nichts vollbringen. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie die Rebe und verdorrt; man sammelt sie dann und wirft sie ins Feuer: da verbrennen sie.” (Joh. 15,1-6)
Michel glaubt, dass man die weggeworfenen Fische und die abgeschnittenen Reben als die zur Wiederverkörperung bestimmten Seelen auslegen ließ, „ohne der textlichen Vorlage Gewalt anzutun”. Fragen bleiben aber trotzdem: Was ist mit dem Hinweis auf das „Ende der Weltzeit”? Andererseits stellt sich natürlich die Frage, ob es gerecht wäre, wenn die „schlechten Menschen” am „Ende der Welt” in einen Feuerofen geworfen würden; in dem „lautes Weinen und Zähneknirschen” sein würde. Die Interpretation Michels wäre auf jeden Fall gerechter, auch wenn sie sich nicht hundertprozentig mit dem Text deckt.
Eine Stelle, die scheinbar eindeutig gegen die Reinkarnation spricht, finden wir im Hebräerbrief (9,27-28): „Und so gewiss es dem Menschen bevorsteht (oder: bestimmt ist), einmal zu sterben, danach aber das Gericht, ebenso wird auch Christus nachdem er ein einziges Mal als Opfer dargebracht worden ist, um die Sünden vieler wegzunehmen, zum zweiten Mal ohne (Beziehung zur) Sünde denen, die auf ihn warten, zum Heil (oder zur Errettung) erscheinen.”
Hier wird doch eindeutig gesagt, dass der Mensch nur einmal stirbt und dass danach das Gericht folgt. Oder etwa doch nicht? Michel verweist auf eine Rückübersetzung durch den Pfarrer Günter Schwarz. Dieser hatte versucht, einen aramäischen11 Originaltext zu übersetzen. Nach seiner Übersetzung lautet der Text: „Wie lange es dem Menschen bestimmt ist zu sterben, danach aber ein Gericht, so lange wird auch Christus, den auf ihn Wartenden erscheinen zum Heile.” (Michel 2002, S. 31)
Aus dieser Übersetzung geht nicht mehr eindeutig hervor, dass der Mensch nur einmal stirbt. Michel sieht in dieser Übersetzung sogar ein Argument für die Reinkarnationslehre. Der Theologe Walter-Jörg Langbein teilte mir zu dem Vers jedoch folgendes mit: „Im griechischen Text des Neuen Testaments steht ,hapax’. ,Hapax’ heißt, und nach meinen Recherchen besteht darin vollkommene Einigkeit, einmal, auch nur einmal. So ist meiner Überzeugung nach der Text eindeutig so zu übersetzen, dass der Mensch (nur) einmal stirbt, so wie Jesus nur einmal geopfert wurde. In beiden Fällen wird das Griechische ,hapax’ verwendet. Gary F. Zeolla hat eine wörtliche Übersetzung des Neuen Testaments vorgelegt. Auf S. 308 übersetzt er Hebräer 9, Verse 27 und 28 so: ,And just as it is laid up (destined) for people to die once, and after this (comes) judgement, so also Christ, having been offered once to bear (or, to take away) the sins of many, will appear a second time without (reference to) sin to (bring) salvation to the ones eagerly waiting for him.’12 Auch hier gibt es keinen Zweifel, dass der Mensch nur einmal stirbt. (Quellenangabe: Zeolla, Gary F.: »Analytical-Literal Translation of the New Testament of the Holy Bible«, Bloomington, Indiana, 2005, S. 308) Im Kommentar zum Neuen Testament von Walvoord und Zuck heißt es: ,(Hebräer) 9,27-28: Mit dieser Feststellung rücken eschatologische Realitäten in den Blick. Die Menschen sind sündhafte Geschöpfe, die dazu bestimmt sind, einmal zu sterben, danach aber das Gericht zu durchlaufen. Diese Gefahr ist nun jedoch gebannt, weil Christus einmal (Hapax, vgl. Vers 28) geopfert worden (ist), die Sünden vieler wegzunehmen. Das wiederholte ,einmal’ (9,27-28) und ,ein für allemal’ (7,27; 9,12.26;10,10) unterstreicht die Endgültigkeit und Einzigartigkeit der Opfertat Christi im Gegensatz zum regelmäßig wiederkehrenden Opferdienst der Leviten. Doch das einmalige, endgültige Opfer Christi (V.26.28) gleicht auch dem einmaligen Tod, den jeder Mensch sterben muss.’ (Quellenangabe Walvoord, John F. und Zuck, Roy B. (Herausgeber): ,Das Neue Testament Erklärt und Ausgelegt’, Band 5, S. 398, 3. Auflage, Holzgerlingen, 2000). Ich habe keine Bestätigung für die von Dir zitierte Rückübersetzung ins Aramäische gefunden, die ein wiederholtes Sterben im Sinne der Wiedergeburt zumindest anzudeuten scheint.”
Walvoord ist ein Autor, der aus dem evangelikalen Christentum kommt, und für den sich somit der Glaube an eine Reinkarnation verbietet, doch abgesehen davon scheinen die Hinweise darauf, dass Hebr. 9,27+28 eher für als gegen die Reinkarnationslehre spricht, sehr dünn zu sein. Offenbar wird hier tatsächlich gelehrt, dass der Mensch nur einmal stirbt. Es ist auch nicht zu leugnen, dass in den Paulus- Briefen öfter von der Auferstehung die Rede ist – Auferstehung im Sinne von Auferstehung des Fleisches. Und der Hebräerbrief stammt – obwohl kein Verfassername angegeben worden ist – allem Anschein nach von Paulus, der als ehemaliger Verfolger der Hebräer allen Grund hatte, anonym zu schreiben.
Prophet meint bezüglich dieser Stelle, dass der Autor des Hebräerbriefes damit nicht die Reinkarnation leugnen wollte, sondern dass er erklärte, dass sich wiederholende Blut-Tieropfer ein Teil des Alten Bundes waren, über den wir bereits gesprochen haben, die aber unter dem neuen Bund, den Jesus etablierte, nicht mehr gebraucht würden. Doch Jesus gab sein eigenes Blut – ein Opfer, das nur einmal vollbracht werden musste. Die einfachste Lösung ist nach Prophet, dass der Vers daraufhin abzielt, dass der sterbliche Körper nur einmal stürbe. Sie meint, dass das Gericht, das nach dem Tod geschehen soll, jenes sein kann, das auch bei Nah-Tod-Erlebnissen oft beschrieben wird. Ein Gericht, das nach dem Tod stattfindet, widerspräche ja nicht der Möglichkeit der Reinkarnation. In dieser Passage sei ja nicht die Rede von „Es ist dem Menschen bestimmt, einmal zu leben“.
Prophet erwähnt jedoch auch eine zweite Möglichkeit, nach der der Autor des Hebräerbriefes eine mystische Bedeutung im Sinn hatte, als er die Phrase „einmal zu sterben” verwendete. Diese Möglichkeit taucht bei reinkarnationsgläubigen Christen spätestens im 17. Jahrhundert auf. Im Jahr 1684, London, brachte Franciscus Mericus van Helmont ein Buch mit dem Titel Two Hundred Queries Moderately Propounded Concerning the Doctrine of the Revolution of Humane Soul and Its Conformity to the Truth of Christianity heraus. In diesem Buch fragt der Autor, was, falls die Stelle „einmal zu sterben” wörtlich genommen werden müsse, mit Menschen sei, die vom Tode auferweckt wurden, wie Lazarus und der Tochter des Jairus (s. Markus 5), die Jesus vom Tode erweckt hat?
Jesus sagt nach Joh. 11 über Lazarus von Bethanien eindeutig, dass er gestorben sei und vier Tage im Grab lag, bevor er ihn auferweckte. Jairus’ Tochter und Lazarus von Bethanien, bei dem dies deutlich betont wird, waren also tot, bevor sie Jesus wieder zum Leben erweckten. Da davon auszugehen ist, dass sie später (erneut) starben und nicht heute immer noch unter uns wandeln, hieße dies, dass sie zweimal gestorben sind, nicht einmal, wie es nach Hebr. 9,27+28 dem Menschen bestimmt ist! So kam van Helmont zu dem Schluss, dass die Stelle einen tieferen, weniger offensichtlichen Sinn haben müsste.
Prophet stellt eine solche Möglichkeit für einen „tieferen Sinn” vor. Sie sagt, was einmal stürbe, sei der „fleischliche Sinn”, wie Paulus das menschliche Ego nannte. Im Römerbrief, Kapitel8, Vers 6-8 heißt es: „Denn die fleischlich gesinnten (Menschen) haben ein fleischliches Trachten, die geistlich gesinnten aber ein geistliches. Denn das Trachten des Fleisches bedeutet Tod, das Trachten des Geistes dagegen bedeutet Leben und Frieden, und zwar deshalb, weil das Trachten des Fleisches Feindschaft gegen Gott ist; es unterwirft sich ja dem Gesetz Gottes nicht, vermag das aber auch gar nicht; so könnten sie dem fleischlich gerichteten (Menschen) Gott nicht gefallen.”
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