Kitabı oku: «Globalgeschichte schreiben»

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Roland Wenzlhuemer ist Professor für Neuere Geschichte an der Universität Heidelberg (Foto: Oliver Fink)


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Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.ddb.de> abrufbar.

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urhberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

© UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2017

Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart

Einbandmotiv: Edward Whymper. Escalades dans les alpes. 1873,

Seite 67 (Übersetzung aus dem Englischen)

Druck: CPI · Ebner & Spiegel, Ulm

UVK Verlagsgesellschaft mbH

Schützenstr. 24 · D-78462 Konstanz

Tel.: 07531-9053-0 · Fax 07531-9053-98

www.uvk.de

UTB-Band Nr. 4765

ISBN 978-3-8252-4765-2 (Print)

ISBN 978-3-8463-4765-2 (EPUB)

Inhaltsverzeichnis

Danksagung

Globalgeschichte …

Was kann Globalgeschichte?

Globalgeschichte als Perspektive

Globalgeschichte als Verbindungsgeschichte

Globalgeschichte und Globalisierung

Zur Forschungspraxis der Globalgeschichte

Verbindungen: Der große Mondschwindel

Verbindungen in der Globalgeschichte

Der Mond …

… und die Sonne

Verbindungen und Nicht-Verbindungen

Redux: Verbindungen in der Globalgeschichte

Raum: Anbindung und Isolation

Raum in der Globalgeschichte

Der Telegraf und die angebliche Vernichtung des Raums

Fanning und Cocos: Zur Pluralität von Kommunikationsräumen

Redux: Raum in der Globalgeschichte

Zeit: Telegrafie und Zeitstrukturen

Zeit in der Globalgeschichte

Telegrafie und Zeit

Telegrafie, Raum und Zeit

Telegrafie und Zeitempfinden

Redux: Zeit in der Globalgeschichte

Akteure: Meuterei auf der Bounty

Akteure in der Globalgeschichte

Huzza for Otaheite

Die Brotfruchtmission

Südsee und Karibik

Globale Akteure

Redux: Akteure in der Globalgeschichte

Strukturen: Durchbruch am Mont Cenis

Strukturen in der Globalgeschichte

Der Mont Cenis

Tunnelbau am Mont Cenis

Die Mont Cenis Pass Railway

Akteure und Strukturen

Redux: Strukturen in der Globalgeschichte

Transit: Die Flucht von Dr. Crippen

Transit in der Globalgeschichte

Schiffspassagen

Der Crippen-Fall

Weltinteresse

Gefangen im Transit

Die Verhaftung

Redux: Transit in der Globalgeschichte

… schreiben

Globalgeschichten

Redux: Was kann Globalgeschichte?

Nachweise

Quellen

Forschungsliteratur

Abbildungen

Personenregister

Sachregister

Danksagung

In diesem Buch kommen Gedanken und Vorarbeiten aus ganz unterschiedlichen Forschungs- und Diskussionskontexten zusammen. Es ist über viele Jahre gewachsen, mal langsamer und mal schneller. Während dieser Zeit haben sich zu meinem großen Glück eine Menge kluger, kreativer und duldsamer Menschen in das Projekt mithineinziehen lassen. Martin Dusinberre musste sich viele meiner frühen Ideen anhören und hat mich vor so mancher bewahrt. Andreas Hilger, Christoph Streb und Benedikt Stuchtey haben das Manuskript aufmerksam kommentiert und mir wertvolle Blickwinkel eröffnet. Unser hervorragendes Team an der Professur für Neuere Geschichte der Universität Heidelberg hat weder sich noch mich geschont. Uta C. Preimesser vom UVK -Verlag hat Autor und Idee auch zu Zeiten vertraut, als dazu wenig Anlass bestand. Ihnen und vielen anderen gilt mein bester Dank.

Die Grundlage für meine Arbeit ist meine Familie. Ihr widme ich dieses Buch.


Roland Wenzlhuemer März 2017

Globalgeschichte …
Was kann Globalgeschichte?

Globalgeschichte wird gemeinhin überschätzt – und zwar in ihren Möglichkeiten. Mit dem schnell wachsenden Zuspruch, den die Globalgeschichte im breiteren Feld der historischen Forschung findet, haben sich auch die Erwartungen, die an sie herangetragen werden, vervielfacht. Wie unter anderem Sebastian Conrad in seiner jüngsten, bestens gelungenen Einführung in die Globalgeschichte festhält, ist das ursprüngliche Interesse an einem globalhistorischen Ansatz aus der Überzeugung vieler Historikerinnen und Historiker hervorgegangen, dass die bekannten Analyseinstrumente für eine adäquate Interpretation der Geschichte im Zeitalter der Globalisierung nicht mehr ausreichen. Conrad sieht vor allem zwei Defizite, mit denen sich die Globalgeschichte nicht abfinden wollte: die Festlegung auf den Nationalstaat als primären (mitunter einzigen) Beobachtungsrahmen und den damit einhergehenden „methodologischen Nationalismus“1 sowie einen tief sitzenden Eurozentrismus, der für die Geschichtswissenschaft einen unverrückbaren Blickpunkt und festen Maßstab darstellte. Für Conrad war und ist die Globalgeschichte zuallererst ein Versuch, diese beiden „Geburtsfehler“ der modernen Geschichtswissenschaften zu adressieren.2

Das ist ein überaus ehrenvoller, aber schon einmal kein kleiner Anspruch für ein im Entstehen begriffenes Feld. Und mit der festen Etablierung der Globalgeschichte im historischen Feld sind kontinuierlich neue Aufgaben und Herausforderungen dazugekommen. So hat beispielsweise Patrick O’Brien in seinem Prolegomenon zur ersten Ausgabe des Journal of Global History angemerkt, dass Globalhistorikerinnen und -historiker sich dafür entscheiden würden, sich frei zu machen von „disciplinary boundaries, established chronologies and textual traditions for the construction of European, American, Indian, Japanese, Chinese or other national histories.“3 Martin Dusinberre hat kürzlich auf eindrucksvolle Weise davon gesprochen, dass die Globalgeschichte eine Pluralität von verschiedenen Stimmen zulassen müsse.4 Und nicht zuletzt wird auch darauf hingewiesen, dass all dies mit einer Internationalisierung der Forschungspraxis einhergehen müsse.5

Aus all diesen jeweils völlig berechtigten Forderungen, die allesamt schwerwiegende Lücken und Unwuchten der Geschichtswissenschaft ansprechen, ergibt sich in ihrer Gesamtheit ein dermaßen anspruchsvolles theoretisch-methodisches Programm, dass die Einlösung desselben zu einer schweren Last auf den Schultern der Globalgeschichte wird. Die Defizite, die es durch die Globalgeschichte zu überwinden gilt, verweisen im Kern auf die grundlegenden theoretisch-methodischen Probleme der Geschichte als Wissenschaft: auf Fragen der Standortgebundenheit, der Möglichkeit oder Unmöglichkeit von Objektivität, auf den Zuschnitt von Beobachtungsrahmen und Fächergrenzen. Konsequent zu Ende gedacht ergibt sich aus diesem Programm das Verlangen nach einer grundlegenden Neuperspektivierung der Geschichtswissenschaft, die letztlich auch mit neuen Organisations- und Arbeitsformen einhergehen muss. Aus einem solchen Anspruch heraus kann es auch nicht genügen, wenn die Globalgeschichte alleine sich müht zu dezentrieren,6 den nationalen Rahmen aufzubrechen oder Disziplinengrenzen zu überwinden. Ihr Beispiel muss von der Geschichtswissenschaft insgesamt aufgenommen werden.

Es ist nicht verwunderlich, dass aus einem solchen Anspruch – oder tatsächlich eigentlich aus einem Bündel von Ansprüchen – schnell eine grundlegende Überforderung folgen kann. Stellt sich doch sofort die Frage, auf welchem Wege und mit welchen Werkzeugen man dies auch nur ansatzweise einlösen kann. Wie genau kann es die Globalgeschichte schaffen, die von ihr identifizierten Defizite und Problemlagen zu adressieren und darüber hinaus auch noch eine grundlegende Rekalibrierung der Geschichtswissenschaft insgesamt anzuschieben? Man könnte nochmals zuspitzen und fragen: Was will die Globalgeschichte eigentlich wissen? Was ist ihr eigenes Erkenntnisinteresse? Und wichtiger noch, wie will sie aus dem gewonnen Wissen, aus der neuen Erkenntnis heraus, zur Überwindung zum Beispiel des Eurozentrismus oder eines methodologischen Nationalismus beitragen? Insbesondere die Frage nach dem Erkenntnisinteresse der Globalgeschichte ist in Wort und Schrift bereits auf vielfältige Weise diskutiert worden, die Rückbindung an die größere Zielsetzung des Feldes ist dabei üblicherweise aber kaum vollzogen worden. Dominic Sachsenmaier hat auf die „notwendige Unmöglichkeit“, Globalgeschichte zu definieren, hingewiesen.7 Diese Unmöglichkeit verweist auf die Lücke, die sich in der globalhistorischen Forschung zwischen geschichtstheoretischer Zielsetzung und geschichtswissenschaftlichem Erkenntnisinteresse auftut. Es ist viel darüber nachgedacht und auch geschrieben worden, was die Globalgeschichte eigentlichist – und mitunter ist diese gemeinsame Frage sehr unterschiedlich beantwortet worden.8 Viel weniger explizit wurde bisher danach gefragt, was die Globalgeschichte eigentlich innerhalb des breiten Ensembles der Geschichtswissenschaft leisten kann, was in diesem Zusammenhang ihre Mittel sind und wie sie mit ihrem Blick, mit ihrem Instrumentarium letztlich dazu beitragen kann, ihre eigenen Ansprüche einzulösen.

Daraus ergeben sich die Leitfragen dieses Buches: Was kann Globalgeschichte leisten und wie kann sie das? Die oben skizzierten Ansprüche einlösen zu wollen, überfordert das Forschungsund Lehrprogramm der Globalgeschichte insofern, als sich daraus kein klarer Zugang, keine Fragestellung ableiten lässt. Schon deshalb sollte man globalhistorische Forschung nicht als Lösungsweg verstehen, sondern als Problematisierung und kritische (Selbst)Reflexion, die im Idealfall zu einer Teillösung werden kann. Ein gutes Beispiel findet sich in Andrea Komlosys Einführung in die Globalgeschichte. Hinsichtlich etwa des Eurozentrismus sieht Komlosy die Aufgabe des Feldes zunächst einmal in der Freilegung eurozentrischer Bilder und Denkmuster. „Globalhistoriker bemühen sich, regional bedingte Weltsichten in ihrem jeweiligen Kontext zu verstehen.“9 Der Globalgeschichte fällt aus dieser Warte eine aufzeigende, nicht unbedingt eine überwindende Funktion zu. Es sollte darum gehen, mithilfe einer klaren und operationalisierbaren Fragestellung die persistenten Unwuchten historischen Denkens jenseits einfacher Generalisierungen deutlich aufzuzeigen, den Blick der Geschichtswissenschaften dahin zu lenken, wo etablierte Interpretationsmuster zu kurz greifen. Ein solcher Anspruch ist für die Globalgeschichte, die heute zumeist als spezifische Perspektive auf die Geschichte gesehen wird,10 auch einzulösen. Ein Perspektivenwechsel oder eine Perspektivenerweiterung können den Blick auf die oben skizzierten Probleme freigeben, können so Standort- und Maßstabsgebundenheit immer wieder kritisch in Erinnerung rufen. Das kann die Globalgeschichte als Perspektive leisten. Überwinden aber kann sie diese grundlegenden Bedingungen historischen Denkens nicht – nicht einmal durch die Multiplikation von Standorten und Maßstäben.

Globalgeschichte als Perspektive

Es bleibt die Frage, wie die Globalgeschichte das leisten kann. Welches Erkenntnisinteresse liegt ihr zugrunde? Was soll sie zeigen? Aber auch, welche Mittel stehen ihr dafür zur Verfügung und wie lassen sich ihre Fragen an die Geschichte operationalisieren? Dieses Buch wird versuchen, diese und andere Fragen zu adressieren. Es ist natürlich nicht das erste Werk, das sich damit auseinandersetzt. Historikerinnen und Historiker machen sich bereits seit einigen Jahren darüber Gedanken, was die Globalgeschichte eigentlich genau wissen will. Und auch über die Ansätze und Methoden der Globalgeschichte gibt es mittlerweile eine rege Diskussion. Selten aber werden diese beiden Teile – also die Frage nach dem globalhistorischen Erkenntnisinteresse und die Frage nach dem diesbezüglichen Vorgehen – direkt miteinander in Abstimmung gebracht. Oft stehen sie eigenartig separiert voneinander. Es mangelt an der Operationalisierung globalhistorischer Fragestellungen, an der Brücke zwischen theoretischem Anspruch und empirischer Umsetzung. In diesem Buch möchte ich Bausteine für genau diese Brücke zur Verfügung stellen, ohne dabei aber der Illusion zu verfallen, auf den wenigen Seiten und mit einer Handvoll Konzepten und Fallstudien diese bereits fertig bauen zu können.

Vielmehr will ich aufzeigen, wie die Globalgeschichte einzelne ihr bereits zur Verfügung stehende Begriffe und Konzepte so anwenden kann, dass die Wirkmächtigkeit eines globalen Handlungs- und Bezugsrahmens für das Denken und Handeln historischer Akteure nicht nur deutlich wird, sondern dieser in seiner Bedeutung auch in einen breiteren historischen Kontext eingebettet werden kann. Dieses Buch bringt dabei verschiedene Konzepte zur Anwendung, auf die im Folgenden noch näher einzugehen sein wird. Allesamt verweisen sie im Kern aber auf den Begriff der Verbindung – im Zusammenhang der Globalgeschichte im Sinne einer globalen oder transregionalen Verbindung –, der den konzeptuellen Dreh- und Angelpunkt der vorliegenden Überlegungen bildet. Nun ist der Begriff der Verbindung in der Globalgeschichte alles andere als neu oder ungewöhnlich. Im Gegenteil, er gehört zum meistverwendeten Vokabular des Feldes und ist nicht zuletzt deshalb zu einer Art terminologischem Passepartout geworden. Will man den Begriff aber nicht nur als gefälliges Label nutzen, sondern wissenschaftlich produktiv machen, so steht seine analytische Zuspitzung an. Was ist eine globale Verbindung und wie können wir sie theoretisch-methodisch fassen? Was unterscheidet globale Verbindungen von anderen Verbindungsarten? Wie können solche Verbindungen geschichtsmächtig werden? Letztlich, welche Rolle spielen sie hinsichtlich des Erkenntnisinteresses der Globalgeschichte? Verschiedene Verständnisse globalhistorischer Forschung warten mit jeweils unterschiedlichen Antworten auf diese Fragen auf. Eine Auseinandersetzung mit diesen Antworten lohnt, um das dieser Arbeit zugrundeliegende Verständnis von Verbindung nachvollziehbar herzuleiten.

Sebastian Conrads in den letzten Jahren vorgelegte Einführungen in die Globalgeschichte stellen die im Moment wohl gelehrtesten und umsichtigsten Arbeiten in diesem Zusammenhang dar. Daher bilden seine Systematisierungsversuche und Zusammenführungen einen wesentlichen Referenzpunkt für viele der im Folgenden skizzierten Überlegungen. Entsprechend oft werde ich auf den nächsten Seiten auf sein Verständnis von Globalgeschichte Bezug nehmen und versuchen, darauf aufzusetzen.

Conrad identifiziert in der deutschsprachigen,11 noch ausführlicher aber in der englischsprachigen12 Einführung drei Hauptvarianten globalhistorischer Forschung, in denen globale Verbindungen jeweils unterschiedliche Rollen und Gewichtungen haben. Der ersten von ihm vorgestellten Variante liegt ein Verständnis globalhistorischer Forschung als Syntheseleistung zugrunde. Die Globalgeschichte, so Conrad, würde aus diesem Blickwinkel heraus als Weltgeschichte im wörtlichen Sinn verstanden. Sie umfasse alles, was jemals weltweit passiert sei. Die Versuche, diesen größtmöglichen Rahmen auszufüllen, können aber unterschiedlich ausfallen. So gibt es Großsynthesen, die tatsächlich versuchen, die wesentlichen historischen Entwicklungen einer bestimmten Zeit oder Epoche weltweit zu erfassen und integrativ darzustellen. Solche Darstellungen müssen notwendigerweise stark auswählen, welche Phänomene sie für relevant halten. Sie bleiben an der Oberfläche, sind sehr selektiv. Auf ein ähnliches Verständnis der Globalgeschichte bauen auch jene unzähligen Studien auf, die einem bestimmten Gegenstand durch Zeit und Raum der Weltgeschichte folgen. Für Pamela Crossley stellt diese Form der Globalgeschichte in ihrer Gesamtheit sogar den ultimativen Zugang dar. In ihrer Einführung in das Feld verwendet sie die Metapher eines context spinners, also eines natürlich nur hypothetischen Instruments, das die globale Geschichte jeweils aus der Warte eines bestimmten Materials, Produkts, Konzepts oder Naturphänomens sequenzieren könnte. Entstehen würden dabei jeweils integrierte globale Darstellungen zum Beispiel der Geschichte der Seide oder der Auswirkungen von Erdbeben, um nur zwei der von Crossley genannten Beispiele wiederzugeben.13 Die Kontextspinnmaschine würde uns anhand einzelner Themen durch die Geschichte der Welt führen und so eine Globalgeschichte ermöglichen. Dass ein solcher Ansatz überaus interessante Arbeiten hervorbringen kann, ist unbestritten. Aus globalhistorischer Warte handelt es sich aber auch hier um eine Syntheseleistung. Conrad weist schließlich auch darauf hin, dass Studien zu einzelnen, klar umrissenen Themen – er nennt die Geschichte der Arbeiterklasse in Buenos Aires, Dakar oder Livorno als Beispiel – aus dem skizzierten Verständnis heraus ebenfalls zu einer Globalgeschichte – in diesem Fall jener der Arbeit – beitragen können, ohne selbst den globalen Horizont ihres Gegenstandes zu untersuchen.14 Auch das ist eine Form der Synthese, und zwar einer arbeitsteiligen. All diesen Einzelansätze innerhalb dieses synthetischen Verständnisses von Globalgeschichte ist gemein, dass ihre Geschichten von gemeinsamen großen Rahmen zusammengehalten werden, nicht aber von einer inneren Kohärenz. Globale Verbindungen kommen in dieser Variante von Globalgeschichte natürlich vor, allerdings üblicherweise nicht als erkenntnisleitende Elemente.

In der zweiten von Conrad skizzierten Variante von Globalgeschichte spielen globale Verbindungen eine ganz zentrale Rolle. Dieses Verständnis des Feldes baut auf der Annahme auf, dass keine Kultur, keine Gesellschaft in völliger Isolation existiert, und Austauschprozesse eine wesentliche Bedeutung für ihre historische Entwicklung haben.15 In dieser Hinsicht gehört ein Fokus auf Verbindungen zu den wenigen wirklich konsensfähigen Eigenschaften der jüngeren Globalgeschichte. Die meisten Autorinnen und Autoren, die sich über die theoretisch-methodische Ausrichtung des Feldes Gedanken gemacht haben, verweisen an irgendeiner Stelle darauf, dass die Globalgeschichte sich mit der Rolle globaler oder transregionaler Verbindungen und den auf ihnen beruhenden, sich wechselseitig beeinflussenden Prozessen in der Geschichte beschäftigen soll.16 Allerdings wird dies nur selten in einer Form weiter ausgeführt, die es erlauben würde, daraus Rückschlüsse über die tatsächliche analytische Bedeutung von globalen Verbindungen zu ziehen. Was ein solcher Fokus auf Verbindungen konkret heißt, was die Globalgeschichte in dieser Hinsicht genau wissen will, welchen Erkenntnisgewinn sich das Feld davon erhoffen kann oder selbst die scheinbar simple Frage danach, was eigentlich als globale Verbindung zu werten ist – all das sind Fragen, auf die kaum einmal explizit eingegangen worden ist. Darum ist der Verweis auf die zentrale Bedeutung von Verbindungen, um abermals einen Gedanken von Sebastian Conrad zu borgen, unter Globalhistorikern als eine Art Schibboleth zu verstehen,17 das jenseits seiner Rolle als Zugehörigkeitszeichen relativ leer und vage bleibt, dadurch aber von jedem nach Gusto gefüllt und interpretiert werden kann. Für die globalgeschichtliche Forschung muss das ein nicht zufriedenstellender Zustand sein. Denn einerseits schiebt der stete Verweis auf die grundlegende Bedeutung von globalen Verbindungen diese ins Rampenlicht. Auf ihnen ruht der forschende Blick der Globalgeschichte. Gleichzeitig bleibt aber zumeist unklar, was damit konkret gemeint ist und wie man mit Verbindungen in der Forschungspraxis umgehen könnte. Damit werden Verbindungen zwar einerseits als zentraler Gegenstand der Globalgeschichte identifiziert, sie können zugleich aber keine erkenntnisleitende Funktion entfalten. Das ist bedauerlich, weil die analytische Konzentration auf globale Verbindungen und ihre Bedeutung in der Geschichte der globalgeschichtlichen Forschung gute Dienste leisten kann, wie im weiteren Verlauf dieses Buches ausführlich argumentiert wird.

Globalgeschichte als Verbindungsgeschichte

Kehrt man zu Sebastian Conrads Diskussion der drei Hauptvarianten von Globalgeschichte zurück, so zeigt sich dort ein ähnliches Unbehagen mit der Vagheit des Verbindungsbegriffs. Conrad zweifelt nicht grundsätzlich an der Wichtigkeit eines Fokus auf Verbindungen, für ihn kann das aber nur der Ausgangspunkt globalhistorischer Forschung sein.18 Vor allem aber müsse es der Globalgeschichte um die Bedingungen und beständigen Strukturen gehen, unter denen Verbindungen entstehen und wirken. „Exchange, in other words, may be a surface phenomenon that gives evidence of the basic structural transformations that made the exchange possible in the first place.“19 Conrad verweist darauf, dass die ersten beiden von ihm skizzierten Varianten der Globalgeschichte – also die Synthese und der reine Fokus auf Verbindungen – prinzipiell auf alle Zeiten und alle Orte,20 und man möchte ergänzen: alle Gegenstände, angewandt werden können. Die Globalgeschichte ist in diesem Zusammenhang eine Perspektive. Sie sei – und das ist Conrads dritte Variante – aber eben auch ein Gegenstand. Die sinnvolle Anwendbarkeit der Perspektive hängt aus dieser Sicht unter anderem von den strukturellen Bedingungen globaler Integration ab, also im Kern von der Frage, ob globale Verbindungen sich bereits strukturell verfestigt haben.21 In Conrads Argumentation macht nur eine solche Kombination von Perspektive und Gegenstand einen differenzierten analytischen Umgang mit globalen Verbindungen möglich. Ausgeführt wird dies unter anderem anhand des Beispiels der Einführung westlicher Uhren in Japan. Als dies im 17. Jahrhundert erstmals geschah, hätte dies praktisch keine Auswirkungen auf das soziale Zeitregime gehabt. Vielmehr wären die Uhren in das lokale Zeitregime integriert worden. Ganz anders im 19. Jahrhundert: Durch den höheren Grad globaler struktureller Verflechtung wären westliche Zeitmessungsinstrumente nun zu Symbolen der Modernisierung geworden. Das lokale Zeitregime hätte sich dramatisch verändert.22

Dieses und andere Beispiele für die Bedeutung struktureller globaler Integration sind in vielerlei Hinsicht instruktiv. Insbesondere, weil sie tatsächlich unterschiedliche Bedingungen von Verflechtung und Austausch aufzeigen und damit völlig zu Recht auf die Notwendigkeit einer Kontextualisierung von globalen Verbindungen hinweisen. Allerdings zeigt sich hier auch, welche konzeptuellen Schwierigkeiten sich aus der Gleichzeitigkeit von Perspektive und Gegenstand für eine analytische Schärfung der Globalgeschichte ergeben. Während Conrad in dieser dritten Variante den ergiebigsten Pfad globalhistorischer Forschung sieht und darauf hinweist, dass die meisten differenzierten Studien der letzten Zeit einen solchen Weg verfolgen würden,23 argumentiere ich in diesem Buch, dass es dadurch schwierig wird, ein Erkenntnisinteresse und damit auch einen konzeptuellen Kern der Globalgeschichte zu formulieren.

Prinzipiell ist Sebastian Conrad zuzustimmen, dass globale Verbindungen nicht alles erklären, nicht der Dreh- und Angelpunkt jeder Argumentation sein können. Wie jedes andere historische Phänomen sind sie in ihren Kontext einzubetten und in ihrer Bedeutung zu gewichten. Die Frage ist in diesem Zusammenhang daher vielmehr, wie eine solche sorgfältige Einordnung der Geschichtsmächtigkeit und damit verbunden die Herausarbeitung der spezifischen Qualität von globalen Verbindungen am besten erreicht werden kann. Eine Schwerpunktsetzung auf das, was Conrad „globale Integration“ nennt, erscheint mir in dieser Hinsicht nur bedingt hilfreich, weil dadurch analytischer Kern und interpretativer Kontext miteinander vermischt werden und sofort neue Ungewissheiten auftauchen. So stellt sich unmittelbar die Frage nach der Schwelle, an welcher Globalgeschichte zum Gegenstand wird. Wie sehr müssen sich globale Verbindungen verfestigen, wie dicht und tragfähig müssen globale Strukturen sein, damit wir von einem globalhistorischen Gegenstand sprechen können? Nehmen wir das ansonsten instruktive Beispiel westlicher Uhren in Japan. An welchem Punkt im 19. Jahrhundert ist Meiji-Japan genügend dicht mit der (westlichen) Welt integriert, dass wir fortan einen globalhistorischen Sachverhalt vor uns haben? Waren westliche Uhren in Japan vor diesem Punkt kein Fall für die Globalgeschichte, danach aber schon?

Die Frage nach der (im Übrigen schwer zu fixierenden) Schwelle mag banal klingen. Sie zeigt aber, wie sehr ein Fokus auf Integration, Verfestigung und Strukturbildung von der analytischen Schärfung globaler Verbindungen selbst ablenkt. Im Kern sollte es der Globalgeschichte darum gehen, wie durch das Handeln von Menschen globale Verbindungen entstehen und wie diese wiederum auf das Denken, Fühlen und Handeln von Menschen zurückwirken. Das kann innerhalb und außerhalb von strukturell verfestigten Bedingungen stattfinden. Diese zählen daher zu einem multifaktoriellen Kontext, in den das Wechselspiel zwischen menschlichen Akteuren und globalen Verbindungen selbstverständlich einzubetten ist. Das Erkenntnisinteresse und damit der analytische Fokus der Globalgeschichte sollte aber nicht auf diesem Kontext ruhen, sondern sich auf die Schnittstelle zwischen menschlichem Handeln und globalen Verbindungen konzentrieren.

Conrad, so kann man an dieser Stelle annehmen, würde hier entgegenhalten, dass globale Verbindungen natürlich entscheidende Elemente sind und in der Globalgeschichte immer eine zentrale Rolle einnehmen werden, ihre Absolutsetzung einem Erkenntnisgewinn aber nicht zuträglich ist. Er sieht in diesem Zusammenhang die Gefahr der Nivellierung und Gleichsetzung gänzlich unterschiedlicher Verbindungszusammenhänge und nennt auch ein Beispiel dafür. So hätte der gewaltsame Tod des letzten Maurya-Königs im Jahr 185 BCE und der damit verbundene Zusammenbruch seines Reiches zwar dramatische Auswirkungen auf Südasien und die hellenistische Welt gehabt, mit den Folgen des Attentats auf Franz Ferdinand im Jahr 1914 sei das aber nicht zu vergleichen, weil die Welt mittlerweile einen gänzlich anderen Integrationsgrad erreicht hätte.24 Dem Befund selbst kann man natürlich nur zustimmen. Aber auch hier handelt es sich letztlich um eine Frage der Einordnung und Gewichtung globaler Verbindungen und nicht um einen fundamentalen analytischen Unterschied hinsichtlich ihrer Geschichtsmächtigkeit. Man kann den gänzlich unterschiedlichen Grad globaler Integration in den beiden Vergleichsfällen nicht leugnen. Aber wer würde das überhaupt versuchen? Die wirklich spannende Frage ist doch, wie ein Ereignis – hier jeweils ein Attentat – sich über globale bzw. transregionale Verbindungen auf das Denken und Handeln anderer Menschen auswirkt.

Conrad, so kann man seine wohlüberlegte Argumentation zusammenfassen, meint, die Globalgeschichte hätte sich bisher zu viel mit bloßen Verbindungen auseinandergesetzt und zu wenig mit deren strukturellen Verfestigungen. Er plädiert dafür, die Globalgeschichte als Perspektive um die Globalgeschichte als Gegenstand zu erweitern. Das vorliegende Buch hingegen behauptet, dass die Globalgeschichte sich bisher viel zu wenig mit globalen Verbindungen auseinandergesetzt hat; und zwar zu wenig genau, zu wenig analytisch differenziert. So hat die Globalgeschichte bisher eine der wichtigsten Fragen in diesem Zusammenhang praktisch völlig übergangen: Was macht globale oder transregionale Verbindungen eigentlich besonders? Was hebt sie von lokalen oder regionalen Verbindungen, die formgebende Elemente jeder Gemeinschaft sind, analytisch ab? Inwiefern funktionieren sie unterschiedlich? Wo liegt ihre besondere Qualität, die es rechtfertigt, überhaupt von der Globalgeschichte als eigenständiger Perspektive zu sprechen? Auch diese Fragen mögen auf den ersten Blick selbstevident erscheinen, sind es aber in keiner Weise.

Im Gegenteil, nimmt man sie ernst, so stellen sie sich als ungewöhnlich schwierig zu erörtern und zu beantworten heraus. Die konsequente Auseinandersetzung mit ihnen hat aber für die globalhistorische Forschung zumindest zwei hilfreiche Effekte. Erstens verweist die Frage nach dem analytisch Besonderen globaler Verbindungen automatisch auch auf andere Faktoren und deren Einfluss auf das Denken, Fühlen und Handeln von Menschen. Eine weitreichende Kontextualisierung und differenzierte Gewichtung der untersuchten Phänomene ist die Folge. Globale Integrations- und Strukturbildungsprozesse und letztlich auch die Frage nach der Wirkmächtigkeit globaler Strukturen, die in diesem Buch in einem eigenen Kapitel ausführlich erörtert wird, müssen in diesem Zusammenhang als einer unter vielen Faktoren berücksichtigt werden. Zweitens schafft die Konzentration auf die Qualität der Verbindung selbst ein konzeptuelles Abstraktum, das den Kern des Erkenntnisinteresses der Globalgeschichte umfasst, diesen aus seinen spezifischen Kontexten zuerst einmal isoliert, um ihn dann wieder einbetten zu können. Dieses Abstraktum soll für die Globalgeschichte forschungsleitend sein. Es macht das Feld konzeptuell eigenständig und erlaubt es ihm, einen genuinen Beitrag zur Geschichtswissenschaft zu leisten, der über eine weltgeschichtliche Synthese oder ein reines Aufnehmen des Erkenntnisinteresses anderer Forschungsfelder – wie zum Beispiel der postcolonial studies oder der area studies – hinausgeht.

Eine solche Konzentration auf globale Verbindungen stellt keine Einengung der globalhistorischen Perspektive dar, sie unterschlägt nicht die Gegenständlichkeit globaler Integrationsprozesse, sondern ermöglicht es im Gegenteil, den globalhistorisch geschulten Blick in ganz unterschiedlichen Bereichen schweifen zu lassen und dennoch eine stete Rückbindung an das grundlegende Explanandum zu spüren. Wie und warum schaffen Menschen in ganz unterschiedlichen Lagen und Kontexten globale oder transregionale Verbindungen? Und wie wirken diese auf den Menschen zurück? Diese simple Fragestellung hat es in sich. Es geht um das Ausloten der Geschichtsmächtigkeit globaler Verbindungen. Dass dabei das Lot irgendwann den Grund berührt, dass die Grenzen des Einflusses von Transfer und Austausch in vielen Fällen vielleicht sehr schnell erreicht sind, das gehört zum Prozess der Gewichtung dazu. Das Ziel muss die Einordnung von globalen Verbindungen in ein Faktorenensemble sein, auch wenn das manchmal bedeutet, dass sie kaum eine oder keine Rolle spielten.

Um auf die eingangs angeführten Aufgaben der Globalgeschichte zurückzukommen, so erlaubt es ein durch ein Abstraktum geschärfter und geführter Fokus auf globale Verbindungen der Globalgeschichte vielleicht klarer als anderen Forschungsfeldern aufzuzeigen, dass eine Engführung auf die Nationalgeschichte zu kurz greift, dass ein eurozentrischer Blick der Geschichte nicht gerecht wird, das viele Stimmen schweigen oder überhört werden. Letztlich sind dies aber keine globalhistorischen Problemlagen, sondern Herausforderungen jeder historiografischen Arbeit. Aufgenommen werden müssen diese Einsichten daher von der Geschichtswissenschaft insgesamt.

Globalgeschichte und Globalisierung

Dieses Buch ist keine typische Einführung in die Globalgeschichte. Es ist nicht der Versuch einer systematischen Erschließung des globalhistorischen Forschungsfeldes, wie ihn viele namhafte Autorinnen und Autoren in den letzten Jahren unternommen haben. Dieses Buch bietet keinen Überblick über die Geschichte der Globalgeschichtsschreibung.25 Es diskutiert auch keine spezifischen Methoden der Globalgeschichte26 oder stellt in geordneter Weise mögliche Themen globalhistorischer Forschung vor.27 Noch weniger setzt es sich mit der Institutionalisierung der Globalgeschichte und der damit verbundenen Forschungslandschaft auseinander.28 Letztlich lotet es nicht einmal systematisch die Potentiale und Stolperfallen globalhistorischer Ansätze aus.29 Stattdessen versteht sich dieses Buch als Einführung in die Forschungspraxis – und zwar in der Form einer konzeptuellen Schärfung des Feldes und durch den Versuch, Theorie und Empirie soweit wie möglich zusammenzubringen.

Theorie meint in diesem Zusammenhang vor allem die Schaffung eines konzeptuellen Abstraktums und damit den Versuch, begrifflich über eine reine Oberflächenbeschreibung globalhistorisch relevanter Phänomene hinauszukommen. Ausgehend von einem verallgemeinerbaren Erkenntnisinteresse der Globalgeschichte will dieses Buch in theoretischer Hinsicht Leitfragen entwickeln, entlang derer in den Sozial- und Geisteswissenschaften bereits eingeführte analytische Begriffe in globalhistorischen Zusammenhängen fruchtbar gemacht werden können. Durch Adaption dieser Begriffe erfolgt die notwendige Operationalisierung der Forschungsfragen. Sie schließen die Lücke zwischen Theorie und Empirie, die sich in der Globalgeschichte erfahrungsgemäß immer wieder auftut. Ihre empirische Anwendung finden die so weiterentwickelten Konzepte in konkreten, jeweils klar umrissenen Fallstudien.

In den Fallstudien, die den zentralen Teil dieses Buches ausmachen, spielt auch der Begriff der Globalisierung immer wieder eine wichtige Rolle. Zwar gehört er nicht zu den sechs im Rahmen dieser Einführung exemplarisch ausgewählten Konzepten, die in den Fallstudien ihre Anwendungen finden, er schließt aber in vielerlei Hinsicht an diese an und verleiht ihnen Dynamik. Darüber hinaus eignet sich der Begriff der Globalisierung in besonderem Maße, um hinleitend zu den sechs ausgewählten Konzepten schon einmal zu zeigen, wie hilfreich es ist, solche Leitbegriffe vom Deskriptiven ins Analytische zu heben, vom Speziellen ins Allgemeine. Der Begriff der Globalisierung ist in globalhistorisch informierten Studien allgegenwärtig. In vielen Fachdiskussionen wird die Globalgeschichte implizit hauptsächlich als eine Geschichte von Globalisierungsprozessen verstanden.30 Manche Fachvertreter gehen über diese implizite Schwerpunktsetzung hinaus und fordern, dass sich globalhistorische Forschung explizit mit der Geschichte der Globalisierung beschäftigen soll.31 Trotz dieses offensichtlich engen Verhältnisses zwischen Globalgeschichte und Globalisierung gibt es im Feld kein auch nur halbwegs einheitliches Verständnis des Begriffs. Dies ist nicht der Ort, um die unzähligen, teilweise miteinander konkurrierenden Interpretationen wiederzugeben oder zu bewerten. Einen Eindruck von der Spannweite der Ansätze vermittelt aber zum Beispiel die bekannte Debatte zwischen Dennis Flynn und Arturo Giráldez auf der einen Seite32 und Kevin O’Rourke und Jeffrey Williamson auf der anderen.33 Erstere sehen Globalisierung als die Zunahme nachhaltiger Interaktion zwischen allen besiedelten Kontinenten. Letztere verstehen den Begriff als die globale Integration von Märkten. Beide Seiten schauen aus einer hauptsächlich wirtschaftshistorischen Perspektive auf die Geschichte der Globalisierung und kommen dennoch zu grundlegend unterschiedlichen Auffassungen des Begriffs. Erweitert man dies um Einschätzungen, zum Beispiel aus einer politik-, sozial- oder kulturwissenschaftlichen Richtung,34 so entsteht bald ein bunter Strauß von Definitionsangeboten. Um diese Spannweite zu illustrieren, weist Lynn Hunt in ihrem Aufsatz über Globalisierung und Zeit beispielhaft auf die Vorschläge von Jan Scholte oder Robert Keohane und Joseph Nye hin.35 Während Scholte in der Globalisierung nichts anderes als den Aufstieg von Supraterritorialität sieht,36 verweisen Keohane und Nye vor allem auf die globalisierende Wirkung neuer Technologien, die Entfernungen jeglicher Art schmelzen lassen.37

Nun ist das Fehlen eines eindeutig geklärten Begriffsverständnisses, einer gemeinsamen Definition in den Geistes- und Sozialwissenschaften ein hinreichend bekannter Sachverhalt. Hinsichtlich des Begriffs der Globalisierung halten Bruce Mazlish und Akira Iriye explizit fest, dass uns das Fehlen einer klaren Definition in keiner Weise beunruhigen sollte.38 Und auch Barry Gills und William Thompson eröffnen ihren Versuch, das Verhältnis von Globalgeschichte und Globalisierung zu klären, mit der Feststellung, dass sie, was unterschiedliche Ansätze und Begriffsverständnisse angeht, grundsätzlich „ecumenical and tolerant“ seien.39 Diese begriffliche Offenheit ist insgesamt sicherlich eine Stärke der Geistes- und Sozialwissenschaften und soll hier nicht prinzipiell in Frage gestellt werden. Ich will lediglich darauf hinweisen, dass die Art und Weise, wie der Globalisierungsbegriff in der Globalgeschichte benutzt wird, zumindest zwei klare analytische Nachteile hat. So macht es die große definitorische Schwankungsbreite erstens schwer, sich in der Geschichtswissenschaft über Epochen- oder Perspektivengrenzen hinweg über Globalisierungsprozesse austauschen zu können. Ein Beispiel dafür ist die immer wieder gerne geführte Diskussion, ab wann man in der Geschichte denn überhaupt von Globalisierung sprechen kann. Um diese Frage dreht sich nicht nur die bereits erwähnte Debatte zwischen Flynn/Giráldez und O’Rourke/Williamson im Kern. Sie verhindert häufig auch eine produktive Zusammenarbeit zwischen globalhistorisch interessierten Kolleginnen und Kollegen aus verschiedenen Epochen, die hier oft gänzlich unterschiedliche Auffassungen vertreten. Letztlich ist die Frage, wann Globalisierung beginne, nur eine Funktion der Frage, was Globalisierung eigentlich ist. Ein geteiltes Begriffsverständnis könnte demnach helfen, einen breiteren Dialog zu globalhistorischen Fragen zu ermöglichen. Ein zweites Defizit des momentanen, offenen Begriffsgebrauchs in der Globalgeschichte liegt in der Tatsache, dass die meisten Definitionen situativ gemeint sind und auf relativ eng umrissene Fragestellungen und Themengebiete zugeschnitten sind. Sie bleiben dadurch oft sehr deskriptiv, sind gleichzeitig aber außerhalb ihres eigentlichen Geltungsbereichs schwer zu operationalisieren. Dadurch ist es schwierig, Globalisierungsprozesse in der Globalgeschichte genau zu verorten – über die Beobachtung hinaus, dass sie darin eine wichtige Rolle spielen. Auch hier kann ein klareres, gleichzeitig aber auch abstrakteres Verständnis des Begriffs helfen.

Wie aber könnte das aussehen? Jürgen Osterhammel und Niels Petersson erkennen in den vielen verschiedenen Ansätzen zumindest einen gemeinsamen Bedeutungskern. „In den meisten Definitionsangeboten spielen die Ausweitung, Verdichtung und Beschleunigung weltweiter Beziehungen eine zentrale Rolle“, sagen sie.40 Anthony Giddens geht mit seiner mittlerweile über 25 Jahren alten Definition in eine grundsätzlich ähnliche Richtung, setzt die Betonung aber anders. Globalisierung ist für Giddens „the intensification of worldwide social relations which link distant localities in such a way that local happenings are shaped by events occurring many miles away and vice versa.“41 Will man den Begriff weiter abstrahieren, so könnte man auf Osterhammel/ Petersson und Giddens aufsetzend sagen, dass Globalisierung im Kern nichts anderes ist, als der Prozess der Loslösung sozialer Interaktion von räumlicher Nähe. Für diesen Prozess gibt es jeweils einen abstrakten Anfangs- und Endpunkt. Der Anfangspunkt ist, dass jede Form sozialer Interaktion zwischen Menschen nur in unmittelbarer räumlicher Nähe stattfindet. Der Endpunkt ist, dass zwischen sozialer Interaktion und räumlicher Nähe überhaupt kein Zusammenhang mehr besteht. Beides sind natürlich fiktive Punkte, die so in der menschlichen Lebenswelt nicht vorkommen. Sie können uns als Vorstellung aber dabei helfen, den Prozess dieser Loslösung, für den der Globus den Möglichkeitsraum darstellt, besser zu greifen.

Will man es etwas weniger abstrakt formulieren und trotzdem die Breite der Definition erhalten, so könnte man Folgendes sagen: Globalisierung ist ein Prozess, in welchem sich in die Interaktionsmuster von Menschen zunehmend mehr Verbindungen über lange Distanzen und damit indirekt über Grenzen ganz unterschiedlicher Art einfügen. In einem solchen Verständnis sagt der Begriff der Globalisierung erst einmal noch nichts über die Intensität und Wirkmächtigkeit dieser Verbindungen, sondern verweist lediglich auf eine Zunahme derselben, die aber natürlich auch sehr gering und graduell ausfallen kann. Globalisierung verweist hier also letztlich auf eine Veränderung in Verbindungs- und Interaktionsmustern.

Zur Forschungspraxis der Globalgeschichte

Dieses Abstraktum hat meiner Meinung nach zumindest zwei Vorteile. Erstens macht es einen über Epochen und Perspektiven übergreifenden Dialog erheblich einfacher. Es handelt sich nicht nur um die Betonung der Prozesshaftigkeit. Behält man die abstrakten Anfangs- und Endpunkte als Orientierungshilfen im Kopf, so wird deutlich, dass dieser Prozess ganz unterschiedlich stark oder schwach ausgeprägt sein kann, aber einen gemeinsamen qualitativen Kern hat. Das Abstraktum verweist darauf, dass Globalisierung als Prozess nicht zu verwechseln ist mit zum Beispiel einem Zeitalter der Globalisierung. Letzteres verweist auf eine Zeit oder Epoche, für welche Globalisierungsprozesse eine gesamtgesellschaftlich prägende Rolle einnehmen. Für welche Gesellschaften das zu welcher Zeit der Fall gewesen ist, darüber können Historikerinnen und Historiker vortrefflich streiten. Darüber verliert man aber häufig aus dem Blick, dass auch außerhalb solcher gesamtgesellschaftlich prägenden Zusammenhänge Globalisierungsprozesse für das Denken und Handeln von vielen Menschen hochrelevant gewesen sind.

Darüber hinaus trägt ein dergestalt heruntergebrochenes Begriffsverständnis auch zur Klärung des Verhältnisses zwischen Globalgeschichte und Globalisierung bei und verweist damit letztlich zurück auf das Erkenntnisinteresse globalhistorischer Forschung. Versteht man Globalisierung als Prozess und stellt sie sodann in den Fokus globalhistorischer Forschung, so bedeutet dies, dass man vor allem an dieser Prozessualität interessiert ist, an Dynamiken, also an Wandel und Veränderung über die Zeit. Das ist die Globalgeschichte unzweifelhaft – aber nicht mehr als jede andere Form der historischen Forschung auch. Ein solcher Wandel im Sinne der Zunahme (oder im Umkehrschluss der Abnahme) transregionaler Verbindungen ist ein globalhistorisch hochinteressantes Phänomen. Aber wieder handelt es sich im Kern um eine Funktion des eigentlichen Erkenntnisinteresses der Globalgeschichte, nämlich um die Frage der Entstehung und Geschichtsmächtigkeit globaler Verbindungen. Verbindungen können für die Menschen auch prägend und handlungsleitend sein, wenn sie sich nicht verdichten oder in einer anderen Weise verändern. In der Praxis, das ist richtig, werden die allermeisten Fallstudien im Kontext von Globalisierungsprozessen angesiedelt sein. In solchen Zusammenhängen entfalten globale Verbindungen die größte Wirkung, beeinflussen Menschen und ihr Denken und Handeln am stärksten (wie immer, wenn Menschen mit etwas Neuem konfrontiert sind). Das heißt aber nicht, dass globale Verbindungen nur in solchen Kontexten geschichtsmächtig sind.

Blickt man hauptsächlich auf Globalisierungsprozesse und damit auf die Dynamiken globaler Verbindungen, so verliert man allzu leicht die konzeptuellen Bausteine dieser Prozesse aus den Augen. Die Verdeutlichung des Verhältnisses zwischen Globalgeschichte und Globalisierung führt daher letztlich zurück zum Erkenntnisinteresse des Feldes und zu den konzeptuellen Linsen, durch die wir auf der Suche danach blicken können. Dieses Buch schlägt in dieser Hinsicht sechs mögliche forschungsleitende Begriffe vor. Es handelt sich dabei um eine mehr oder weniger eklektische Auswahl, der nicht der Anspruch zugrunde liegt, auf ihrer Basis Globalgeschichte erschöpfend und vollumfänglich betreiben zu können. Zwar bilden diese sechs Begriffe in ihrer Summe eine gewisse konzeptuelle Breite ab, letztlich widerspiegeln sie aber auch das Forschungsinteresse dessen, der sie ausgewählt hat. Wenn dieses Buch daher im Folgenden über Verbindungen, Raum, Zeit, Akteure, Strukturen und Transit spricht, so ist dies nicht als Versuch der Kanonbildung zu verstehen, sondern als beispielhafte Annäherung an ein Interessenfeld. Diesem Buch geht es immer mehr um das wie als um das was.

Ebenso wenig sollte man die folgenden Kapitel als Einführung völlig neuer Begrifflichkeiten und revolutionärer Interpretationen verstehen. Im Gegenteil, vielleicht mit Ausnahme der Idee des Transits handelt es sich um in den Geistes- und Sozialwissenschaften hinlänglich bekannte und bestens eingeführte Begriffe. Was dieses Buch versucht zu leisten, ist eine Zuspitzung dieser Begriffe und ihre Fruchtbarmachung für globalhistorische Untersuchungen. Auch wenn in manchen Fällen, am deutlichsten vielleicht bei der Verbindung und beim Transit, einige Vorschläge gemacht werden, wie man diese Begriffe umdeuten könnte, so handelt es sich in keinem Fall um eine tiefgreifende Neuinterpretation etablierter Konzepte. Im Mittelpunkt stehen eher Fragen der Konzeptualisierung und Systematisierung bei gleichzeitiger Sorge um die analytische Anwendbarkeit, die für jeden Begriff auch anhand eines eigenen Fallbeispiels ausführlich demonstriert wird. Während die ausgewählten Konzepte aus unterschiedlichen Kontexten kommen und hinsichtlich ihres Abstraktionsniveaus nicht unbedingt auf einer Stufe stehen, so haben sie – zumindest wie sie in diesem Buch verwendet werden – gemeinsam, dass sie genau auf dem Grat zwischen Theorie und Empirie balancieren. Das heißt, meine Vorschläge zur Interpretation dieser Begriffe zielen darauf, soweit abstrakt und generalisierbar zu sein, dass über die einzelne Fallstudie hinaus Aussagen möglich werden und ein anschlussfähiger Beitrag zu den Fragen der Globalgeschichte bzw. der Geschichtswissenschaft allgemein erkennbar ist. Gleichzeitig aber sollen die Begriffe ihre Operationalisierbarkeit behalten und auf die jeweiligen Beispiele erkenntnisleitend anwendbar sein. Ein solches Begriffsverständnis gibt uns analytische Begriffe im eigentlichen Wortsinn an die Hand – also Ideen und Konzepte, mit deren Hilfe man einen Untersuchungsgegenstand in seine Einzelteile zerlegen kann, gleichzeitig aus dem Studium dieser Einzelteile aber auch Rückschlüsse auf den Untersuchungszusammenhang und seine größeren Mechanismen ziehen kann. Diese Ausrichtung und Zielsetzung ist den hier ausgewählten Begriffen gemeinsam.

Ein erster Abschnitt widmet sich dem auch in diesem einleitenden Kapitel bereits besprochenen Begriff der globalen Verbindung und identifiziert diesen als Grundbeobachtungselement der Globalgeschichte. Dem zentralen Erkenntnisinteresse des Forschungsfeldes, also der Entstehung und Wirkmächtigkeit globaler Verbindungen, nachspüren zu wollen, verlangt ein differenzierteres Verständnis des Verbindungsbegriffs als dies selbst in der Globalgeschichtsforschung zumeist vorhanden ist. Verbindungen dürfen daher nicht nur von ihren Enden her gedacht werden, sondern müssen als eigenständige historische Phänomene erstgenommen werden – ein Punkt, der später in der Idee des Transits wieder aufgenommen wird. Zudem entfalten globale Verbindungen ihre Bedeutung erst im Zusammenspiel mit anderen Verbindungsarten. Das sind die zentralen Argumente der Diskussion des Verbindungsbegriffs, die in der Folge anhand des Beispiels des sogenannten „großen Mondschwindels“ von 1835 ihre Anwendung finden. Im Sommer dieses Jahres veröffentlichte die New Yorker Zeitung Sun eine Reihe von Artikeln, in denen detailliert geschildert wurde, wie der angesehene britische Astronom Sir John Herschel mit Hilfe eines riesigen Teleskops menschenähnliches Leben auf dem Mond entdeckt hätte. Tatsächlich stammte der Text vom Chefredakteur der Sun Richard Adams Locke, der mit dem Schwindel vor allem die Auflage seiner Zeitung steigern wollte. Trotz so mancher Zweifel verfing der in vielerlei Hinsicht täuschend echt wirkende Bericht aber bei vielen Lesern, wurde in die ganze Welt hinausgetragen und von unzähligen Menschen enthusiastisch aufgenommen. Ich versuche in diesem Abschnitt aufzuzeigen, dass das Funktionieren des Mondschwindels unter anderem eine Konsequenz von Lockes geschicktem Spiel mit globalen Verbindungen und Nicht-Verbindungen war, die in ihrem Zusammenspiel eine neue, ungewohnte Situation und damit einen unerprobten Handlungsspielraum schufen.

Die beiden folgenden Kapitel schöpfen, was die Fallstudien angeht, aus der Geschichte der Telegrafie, die sich in besonderem Maße dazu eignet, die analytischen Qualitäten der Begriffe Raum und Zeit zu illustrieren. Im Abschnitt über den Raum versuche ich zu zeigen, dass sich die Art und Weise, wie globale Verbindungen wirkmächtig werden, mit Hilfe eines pluralen, relationalen Raumverständnisses verdeutlichen lässt. Als relationale Konstrukte bestehen Räume aus Verbindungen. Kommen globale oder transregionale Verbindungen hinzu, verändern sich Räume und verschieben sich dadurch in ihrem Verhältnis zu anderen Räumen. In dieser Verschiebung, so das zentrale Argument, manifestiert sich die qualitative Bedeutung von globalen Verbindungen und Globalisierungsprozessen für die involvierten Akteure. Deutlich spürbar wird dies zum Beispiel in der räumlichen Spannung, in der Telegrafisten in manchen Kabelstationen Anfang des 20. Jahrhunderts ihren Dienst verrichteten. Viele dieser Relaisstationen befanden sich in scheinbar idyllischen, geografisch aber weit abgelegenen Orten – etwa auf kleinen Inseln im Indischen oder Pazifischen Ozean. Das dort stationierte Personal erlebte die Gleichzeitigkeit gänzlich unterschiedlicher Räume tagtäglich in der Diskrepanz zwischen enger kommunikativer und loser geografischer Anbindung an die Welt. Zu welchen ungewöhnlichen Handlungs- und Ereignishorizonten, zu welcher eigenen Wahrnehmung der Welt das führen konnte, versuche ich anhand der deutschen Angriffe auf die britischen Kabelstationen auf Fanning Island und den Kokosinseln zu Beginn des Ersten Weltkriegs nachzuzeichnen.

Die Idee der Zeit ist von jener des Raums kaum losgelöst zu denken. Ähnlich wie dies auch bei einem dynamischen Verständnis von Raum der Fall ist, geht Zeit als soziokulturelles Phänomen aus den zeitlichen Beziehungen zwischen verschiedenen Akteuren, Objekten, Ideen oder Ereignissen hervor. Globale Verbindungen und Austauschprozesse wirken sich auch auf zeitliche Beziehungen aus und werden so für einzelne Akteure oder auch für ganze Gesellschaften spürbar. Das zeigt sich zum einen in einem sich verschiebenden Verhältnis zwischen Raum und Zeit, das ich anhand einiger Beispiele von telegrafischem Betrug in der Mitte des 19. Jahrhunderts zu illustrieren versuche. Wir kennen viele Fälle, in denen es Betrügern auf die eine oder andere Weise gelungen ist, mit Hilfe der Telegrafie entweder früher als alle anderen an wichtige Informationen zu kommen oder aber andere mit falschen Informationen zu füttern. So schufen sie kleine Zeitfenster, in denen sie selbst als einzige von einem bestimmten Wissen profitieren konnten. Globale Verbindungen haben sich aber auch im individuellen und kollektiven Zeitempfinden der Menschen niedergeschlagen. Dies wird neben vielen anderen Beispielen etwa im Handeln und Denken eines britischen Telegrafenbeamten in Indien deutlich, dessen Zeiterleben maßgeblich durch das für ihn neue Gefühl allzeitiger Erreichbarkeit geprägt wurde – eine Tatsache, mit der er im Übrigen heftig haderte.

In den beiden darauffolgenden Abschnitten werden die sozial- und kulturwissenschaftlichen Leitbegriffe Akteur und Struktur – und damit auch deren Verhältnis – auf globalhistorische Untersuchungszusammenhänge umgelegt. In der Diskussion des Akteursbegriffs will ich zum einen zeigen, wie menschliche Akteure solche Strukturen navigieren können, lege das Augenmerk aber vor allem auf die Frage, wie die Akteure durch ihre Handlungen globale Verbindungen schaffen und dadurch selbst zu Scharnieren zwischen verschiedenen Räumen werden. Veranschaulicht wird dies anhand der berühmt-berüchtigten Meuterei auf der Bounty des Jahres 1789. In diesem unerhörten Ereignis auf einem kleinen Schiff mitten im Pazifik liefen die verschiedensten Handlungsund Interpretationsstränge zusammen und machten die Meuterei damit erst möglich. Die Empfindungen und Handlungen der involvierten Menschen waren dabei von den Erfahrungen und Erwartungen völlig unterschiedlicher Gebiete und Gegenstände geprägt, die in den Akteuren selbst zusammenkamen. Die sozioökonomische Situation auf den britischen Plantagen in der Karibik spielte dabei ebenso eine Rolle wie das europäische Bild der Südsee oder die Bounty als Lebensraum.

Im Kapitel zu Strukturen versuche ich zu erörtern, wie globale Verbindungsmuster durch die Handlungen von Akteuren entstehen und gleichzeitig handlungsleitend und damit verfestigend auf diese zurückwirken können. Als Fallbeispiel dient dabei die verkehrstechnische Bezwingung des Mont Cenis. Das Bergmassiv, das schon immer den Waren- und Personenverkehr zwischen Savoyen und dem Piemont beeinträchtigt hatte, wurde Mitte des 19. Jahrhunderts von einem eher regionalen zu einem globalen Verkehrshindernis. Mit dem Aufkommen der Dampfschifffahrt, der Erweiterung des Eisenbahnnetzes in Europa und schließlich dem Bau des Suezkanals stellte der Mont Cenis plötzlich das einzige größere verbleibende Hemmnis für den Verkehr zwischen Großbritannien und Indien dar. Daraus resultierte ein erheblicher struktureller Druck, auch dieses letzte Hindernis zu beseitigen. Dieser Druck führte schließlich nicht nur zum Graben eines Tunnels, sondern auch zum Bau einer waghalsigen Eisenbahn über den Berg.

Ein letztes inhaltliches Kapitel ist dem Begriff des Transits gewidmet. Hier nehme ich einige Gedanken aus den vorhergehenden Abschnitten – insbesondere aus der Diskussion des Verbindungsbegriffs – auf und versuche diese zusammenzuführen. Die Idee des Transits geht davon aus, dass Verbindungen tatsächlich etwas anderes sind als das Verbundene, die Globalgeschichte diesen Sachverhalt aber weitestgehend übergangen hat. Globale Verbindungen haben ihren eigenen Raum und ihre eigene Zeit. Sie sind keine neutralen Zwischenglieder zwischen zwei oder mehreren verbundenen Punkten, sondern wirken als Mediatoren. Die Idee des Transits versucht diese Wirkmächtigkeit über die Rekombination des Verbunden hinaus begrifflich zu fassen. Zur Verdeutlichung dient das Beispiel der Flucht und schlussendlichen Gefangennahme von Hawley Harvey Crippen im Jahr 1910. Crippen wurde in London des Mordes an seiner Frau verdächtig, konnte aber zusammen mit seiner Geliebten vor der drohenden Festnahme fliehen. Die beiden schifften sich auf dem Dampfer Montrose ein, der sie von Antwerpen nach Montreal bringen sollte. Die vermeintliche Überfahrt in die Freiheit entwickelte sich aber zu einem „Käfig aus Glas“, in welchem die beiden Flüchtigen, sozusagen gefangen in der Passage, einer interessierten Weltöffentlichkeit präsentiert wurden. In dieser Fallstudie wird die Bedeutung des Zusammenspiels unterschiedlichster Verbindungsarten ebenso wie die eigene räumliche und zeitliche Dimension der Verbindung im Transit besonders spürbar.

Die Auswahl der hier vorgestellten Fallstudien ist in keiner Weise zwingend. Vielmehr spiegelt ihre Zusammenstellung meine eigenen Forschungsinteressen, meinen Zugang zum Fach und auch meine Zufallsfunde der letzten Jahre wider. Nur deshalb stammen die Beispiele allesamt aus dem sogenannten „langen 19. Jahrhundert“, dessen zeitliche Spanne ich aber immerhin versucht habe weitestgehend auszuschöpfen. Nur deshalb haben alle Beispiele einen mal mehr, mal weniger ausgeprägten Bezug zum britischen Weltreich. Nur deshalb kommen sie aus einem europäischen oder europäisch-kolonialen Zusammenhang. Nur deshalb spielen Themen wie die Telegrafie oder die Dampfschifffahrt eine überproportional große Rolle. Die Auswahl ist damit Spiegel der beschränkten Möglichkeiten meines eigenen Repertoires und nicht etwa eine zwingende Folge des analytischen Zugangs. Im Gegenteil, alle vorgestellten Konzepte hätten sich auch auf unzählige andere Untersuchungszusammenhänge aus anderen Epochen und anderen Kulturen anwenden lassen. Genau das ist einer der zentralen Punkte des hier vorgestellten Verständnisses von Globalgeschichte.

Verbindungen
Der große Mondschwindel
Verbindungen in der Globalgeschichte

Christopher Baylys grundlegendes Werk über die Geburt der modernen Welt trägt im englischen Original den Untertitel Global connections and comparisons.1 Daran direkt oder indirekt anschließend ist in der Folge häufig ein historiografischer Zugang der Globalgeschichte insgesamt beschrieben worden, in dessen „Mittelpunkt […] grenzüberschreitende Prozesse, Austauschbeziehungen, aber auch Vergleiche im Rahmen globaler Zusammenhänge“2 stehen, wie Sebastian Conrad es in seiner deutschsprachigen Einführung in die Globalgeschichte zusammenfasst. Patrick O’Brien hat dieselbe Definition in seinem Prolegomenon zur ersten Ausgabe des Journal of Global History im Jahr 2006 unternommen.3 Hierzu ist grundlegend anzumerken, dass die Begriffe Verbindung (connection) und Vergleich (comparison) hinsichtlich ihrer Bedeutung in der Geschichtswissenschaft von gänzlich unterschiedlicher Natur sind. Der Vergleich ist eine Methode und damit ein Untersuchungsinstrument.4 Damit bleiben globale Verbindungen als grundlegende Untersuchungseinheiten der Globalgeschichte. Sie sind die Bausteine für jede Form von Kontakt, Austausch und Vernetzung. Ein zentrales Interesse gilt dabei Fragen nach der Entstehung solcher Verbindungen und nach ihrer Bedeutung für die historischen Akteure. Sie werden als geschichtsmächtig identifiziert und hinsichtlich ihrer Bedeutung innerhalb der wirtschaftlichen, sozialen oder kulturellen Entwicklungszusammenhänge einer bestimmten Region oder Zeit untersucht. Im Zentrum eines solchen Zugangs steht die Überzeugung, dass wir eben das Denken und Handeln historischer Akteure – und damit die Geschichte selbst – nicht verstehen und erklären können, wenn wir nicht auch die überregionalen Verbindungen, ihre lokalen Manifestationen und ihr Zusammenspiel mit intrinsischen Faktoren verstehen.

Transregionale Verbindungen sind demnach die Grundbeobachtungselemente der Globalgeschichte. Sie sind zentrale Elemente in einflussreichen Konzepten wie dem Transfer5, der connected oder entangled history6 oder der contact zone.7 Kaum eine globalhistorische Untersuchung kommt ohne den Begriff der Verbindung aus. Und auch in den verschiedenen, in diesem Buch behandelten Beispielen stehen sie analytisch im Mittelpunkt. Sie werden durch Akteure geschaffen (siehe Meuterei auf der Bounty), in Strukturen gegossen und wirken so auf die Akteure zurück (siehe Mont Cenis). Sie schaffen neue Räume und zeitliche Gefüge (siehe Telegrafie). Globale Verbindungen sind also unzweifelhaft von ganz zentraler Bedeutung hinsichtlich des Erkenntnisinteresses der Globalgeschichte.

Dieser Umstand verweist gleichzeitig aber auf ein Grundproblem der Globalgeschichte: Jede Form menschlichen Denkens und Handelns ist in ein komplexes Muster von Verbindungen und Austauschprozessen eingebettet. Jede Form sozialer Organisation beruht grundlegend darauf. Zwischenmenschliche Verbindungen und Interaktionen bilden die Basis jeglicher Form von Vergesellschaftung. Damit ist jede humanwissenschaftliche Disziplin automatisch und immer mit der Bedeutung solcher Verbindungen beschäftigt – auch und ganz besonders die Geschichtswissenschaft. Für die Globalgeschichte ergibt sich daraus, dass ihr Zugang etablierte Ansätze nicht durch einen Fokus auf Verbindungen komplementiert, sondern durch die Beschäftigung mit transregionalen, globalen Verbindungen. Die entscheidende Frage ist demnach, was solche globalen Austauschprozesse und die damit verbundenen Grenzüberschreitungen in theoretischer Hinsicht von anderen Verbindungsarten unterscheidet. Warum und wie müssen Interaktionen über lange Distanzen und über Grenzen hinweg anders gedacht, anders untersucht werden? Inwiefern unterscheiden sie sich hinsichtlich des Denkens und Handelns der jeweiligen Akteure konzeptuell von den grundlegenden Verbindungsmustern jeder Gemeinschaft? Diese Fragen mögen zunächst trivial erscheinen, die Antworten darauf selbstevident. Das Nachdenken darüber aber zwingt uns, unser gängiges Konzept von Verbindungen analytisch zu schärfen und zu fragen, wie sich Faktoren wie räumliche Distanz, nationale Grenzen oder kulturelle Unterschiede – um nur einige zu nennen – diesbezüglich auswirken.

Bisher wurden globale Verbindungen in der Globalgeschichte kaum konzeptualisiert und dadurch gibt es auch wenig bewusste Auseinandersetzung mit dem oben skizzierten Problem. Auch wenn der Begriff der Verbindung in der einschlägigen Forschung omnipräsent ist, so wird er zumeist deskriptiv verwendet. Das macht es schwierig, sich zu diesen wichtigen Fragen zu verhalten. Diese konzeptuelle Lücke ist in der Hauptsache wahrscheinlich eine Konsequenz unserer Perspektive auf Verbindungen. Hier sind insbesondere zwei Punkte erwähnenswert. Erstens denken wir Verbindungen zumeist von ihren Enden her. Wir denken an die Menschen, Orte oder Dinge, die in Verbindung miteinander stehen oder in Verbindung gebracht werden. Dort suchen wir nach den Effekten von Kontakt und Austausch und untersuchen selbige als Faktoren menschlichen Denken und Handelns. Das heißt der Fokus der Globalgeschichte liegt hauptsächlich eigentlich auf dem Verbundenen, nicht auf der Verbindung selbst. Verbindungen werden zumeist als quasi neutrale Zwischenglieder gesehen. Diesen Punkt werde ich vor allem anhand des Begriffes Transit in der sechsten Fallstudie aufnehmen und detaillierter diskutieren.

Zweitens denken wir Verbindungen binär, als eins oder null, als existent oder nicht existent. Globalgeschichtliche Forschung ist in vielen Fällen auf den Nachweis einer Verbindung zwischen Gegenständen konzentriert, die man bisher als nicht verbunden wahrgenommen hat. Tatsächlich aber wird ein solcher Ansatz der Komplexität historischer Sachverhalte nicht gerecht. Verbindungen treten immer im Plural auf und verhalten sich zueinander. Beziehungen zwischen einzelnen Akteuren und deren Gemeinschaften basieren immer auf einem ganzen Bündel verschiedener Verbindungsformen. Globale Verbindungsbündel müssen große Distanzen überbrücken und überschreiten in diesem Zusammenhang häufig verschiedenste Arten von Grenzen oder Hindernissen. Das beeinflusst manche Verbindungsarten aus dem Bündel mehr als andere. Einige funktionieren besser über kurze Distanzen, manche überschreiten Grenzen, andere nicht. Im Vergleich zu lokalen Verbindungen verändert sich das Zusammenspiel der einzelnen Verbindungen, was auf deren Qualität zurückwirkt. Die Zusammensetzung eines solchen Verbindungsbündels variiert nicht nur von Situation zu Situation, sie unterscheidet somit auch globale von lokalen Austauschprozessen. Man könnte sagen globale und lokale Verbindungen differieren (abhängig natürlich auch vom jeweiligen historischen Kontext) im Zusammenspiel von verschiedenen Verbindungen und Nicht-Verbindungen in solch einem Bündel.

Will die Globalgeschichte auf produktive und analytisch solide Weise der Rolle von transregionalen Verbindungen in der Geschichte nachspüren und deren Bedeutung präzise ausloten, so benötigt sie zumindest auf diesen beiden Ebenen ein differenziertes, anschlussfähiges Verständnis von Verbindungen. Erstens muss sie Verbindungen als eigenständige historische Phänomene ernstnehmen, die einen eigenen Raum und eine eigene Zeit aufweisen. Sie muss Verbindungen als Mediatoren und nicht als Zwischenglieder, um Begriffe aus der Akteur-Netzwerk-Theorie zu bemühen, betrachten und zu einer integrierten Untersuchung von Verbindung und Verbundenem kommen. Wie dies aussehen könnte, wird im Abschnitt zum Transit anhand einer konkreten Fallstudie nachvollzogen. Zweitens muss die Globalgeschichte aber auch die Pluralität und Vielschichtigkeit von globalen Verbindungen in den Blick nehmen. Das folgende Beispiel ist der Versuch, diese Vielschichtigkeit und ihre Bedeutung für das Denken und Handeln historischer Akteure empirisch zu illustrieren. Es soll unter anderem gezeigt werden, dass globale Verbindungen sich im 19. und 20. Jahrhundert nicht nur stetig verfestigen, sondern auch instabil, gefühlt, eingebildet, vage oder unterbrochen sein können und deshalb nicht an Bedeutung für das Denken und Handeln der Menschen verlieren. Verdeutlichen lässt sich dies zum Beispiel am sogenannten „großen Mondschwindel“ des Jahres 1835 und seiner Rezeptionsgeschichte.

Im April 1836 fühlte sich der Herausgeber der Londoner Athenaeum – einer Zeitschrift für Literatur, Wissenschaft und Kunst – verpflichtet, sein gebildetes Publikum über den Wahrheitsgehalt kürzlich verbreiteter Mondbeobachtungen aufzuklären:

The absurd accounts lately referred to in our daily papers, about some extraordinary discoveries made by Sir John Herschel, are now said to have been originally put forth in America. How this may be, we know not, but a correspondent has obligingly forwarded to us copies of the Granada Free Press newspaper, in which we find a „full, true, and particular“ report, professedly copied „from a Supplement to the Edinburgh Journal of Science,“ […] [t]he papers are admirably written, and we would willingly have given our readers a taste of their quality, but it would have required more space than we could conscientiously spare for a mere joke.8

Für die gelehrten Leser des Athenaeum war sie also bestenfalls ein gutgeschriebener Scherz, die unglaubliche Geschichte, die sich seit Monaten von Nordamerika ausgehend über die Karibik9 nach Europa und darüber hinaus verbreitete. Für unsere Zwecke aber ist sie aus verschiedenen Gründen ein besonders geeignetes Fallbeispiel. Erstens ist diese sogenannte Great Moon Hoax selbst in vielerlei Hinsicht ein globales Phänomen. Die Geschichte breitete sich von New York über große Teile der Welt aus, wurde breit rezipiert und diskutiert. Zudem verweist das große Interesse an der Mondbeobachtung und an der Astronomie auch auf eine gewisse globalisierte Selbstwahrnehmung der Zeitgenossen im frühen 19. Jahrhundert. Die Beobachtung des Extraterrestrischen machte für sie die Weltgemeinschaft besonders deutlich. Zweitens und noch wichtiger brechen sich im Mondschwindel des Jahres 1835 verschiedenste Ebenen der Verbindungsgeschichte. Der Schwindel konnte nur dank des geschickten Spiels mit globalen Verbindungen und Nicht-Verbindungen, die in einem Verbindungsbündel zusammenwirkten, überhaupt funktionieren. Diese globale Anatomie der moon hoax soll im Folgenden exemplarisch beleuchtet werden.

Der Mond …

Am Freitag, 21. August 1835, druckte die New Yorker Tageszeitung Sun auf Seite 2 ein Sammelsurium von insgesamt 27 verschiedenen Kurznachrichten oder Informationen in eigener Sache.10 In diesen Meldungen versteckt und direkt nach dem Hinweis, dass die Redaktionsräume der Sun kürzlich umgezogen wären, geschaltet, fand sich dort folgende Nachricht:

Celestial Discoveries. – The Edinburgh Courant says – „We have just learnt from an eminent publisher in this city that Sir John Herschel, at the Cape of Good Hope, has made some astronomical discoveries of the most wonderful description, by means of an immense telescope of an entirely new principle.“11

Einer damaligen gängigen Praxis folgend zitierte das New Yorker Blatt im Wortlaut aus einer schottischen Zeitung – oder gab zumindest vor, das zu tun. Man verwies auf den Edinburgh Courant, welcher von einem Verleger gehört hätte, dass der berühmte britische Astronom John Herschel (Abb. 1) mit Hilfe eines riesigen Teleskops bahnbrechende astronomische Entdeckungen gemacht hätte. Auf die Natur dieser Entdeckungen oder deren genauere Umstände ging man nicht ein. Es folgte auch kein Hinweis darauf, dass zu diesem Sachverhalt weitere Ausführungen zu erwarten seien. Diese wenigen Zeilen waren alles, was die Sun an diesem Freitag zu der Angelegenheit zu sagen hatte.


Abbildung 1: Sir John Herschel, fotografiert von Julia Margaret Cameron April 1867.

Es ist anzunehmen, dass die Leserschaft der Freitagsausgabe den Zeilen erst einmal wenig Bedeutung beigemessen hat – vorausgesetzt, dass sie überhaupt von einem größeren Leserkreis wahrgenommen wurden. Die Sun war das erste penny paper in den Vereinigten Staaten und wurde vor allem von Zeitungsjungen auf der Straße verkauft. Ihre Leser waren üblicherweise mehr am illustren Tagesgeschehen in und um New York interessiert als an den neuesten wissenschaftlichen Entdeckungen. Daher war der kurze Hinweis auf celestial discoveries wohl nur zum Teil als freitäglicher Teaser gedacht, der Spannung erzeugen und die Neugierde der Leserschaft wecken sollte. Vielmehr war er Teil eines durchdachten Täuschungsmanövers, das den später folgenden Artikeln in der Retrospektive zusätzliche Glaubwürdigkeit verleihen sollte. Mit der unscheinbaren Nachricht startete die Sun am 21. August 1835 die Great Moon Hoax, den sogenannten „großen Mondschwindel“, der nicht nur in der New Yorker Öffentlichkeit auf riesiges Interesse stieß, sondern auch weit in den amerikanischen Westen und sogar nach Europa weitergetragen wurde.

Vier Tage später am Dienstag, 25. August, druckte die Sun den ersten von sechs langen Artikeln zum Thema.12 Der Text selbst wurde direkt auf der ersten Seite platziert und füllte diese aufgrund seiner beträchtlichen Länge auch zum Großteil. Erst auf der zweiten Seite folgte eine kurze Erklärung der Redaktion:

We this morning commence the publication of a series of extracts from the new Supplement to the Edinburgh Journal of Science, which have been very politely furnished us by a medical gentleman immediately from Scotland, in consequence of a paragraph which appeared on Friday last from the Edinburgh Courant. The portion which we publish to day is introductory to celestial discoveries of higher and more universal interest than any, in any science yet known to the human race.13

Die Erklärung verwies auf die kurze Notiz vom 21. August und brachte nun neben dem Edinburgh Courant vor allem das Edinburgh Journal of Science ins Spiel, aus dessen Beiheft die Serie von Artikeln stamme. Der Titel des Haupttexts auf der Frontseite wies ebenfalls deutlich auf die Provenienz des folgenden Textes hin: GREAT ASTRONOMICAL DISCOVERIES, LATELY MADE BY SIR JOHN HERSCHEL, L. L. D. F. R. S. &c. At the Cape of Good Hope [From Supplement to the Edinburgh Journal of Science.]14 Darauf folgte der eigentliche Text, welcher der üblichen Praxis folgend nicht paraphrasierte, sondern den angeblichen Inhalt des Edinburgh Journal of Science im Originalwortlaut wiedergab:

In this unusual addition to our Journal, we have the happiness of making known to the British publick, and thence to the whole civilized world, recent discoveries in Astronomy which will build an imperishable monument to the age in which we live[.]15

Allerdings verrieten die zahlreichen verbleibenden Zeilen dieses ersten Berichtsteils noch sehr wenig von den bahnbrechenden Entdeckungen selbst. Vielmehr diente der Text als vielschichtige Vorbereitung der späteren Folgen, die einerseits einen Spannungsbogen aufbaute, vor allem aber ein breites Fundament für die Glaubwürdigkeit der kommenden Ausführungen legte. Eine zentrale Rolle in diesem Zusammenhang spielte ein technisch völlig neuartiges, riesiges Teleskop, das John Herschel entwickelt haben sollte, und das die angedeuteten Entdeckungen überhaupt erst möglich gemacht habe. In einem chronologischen Vorgriff hieß es schon früh im Text, Herschel hätte, nachdem er das Teleskop schließlich aufgebaut und eingestellt hatte, für einige Stunden feierlich innegehalten, bevor er seine Himmelsbeobachtungen begann, um sich geistig auf seine großartigen Entdeckungen vorzubereiten.16 Der Autor des Artikels nahm dieses Innehalten stilistisch immer wieder auf – „And well might he pause!“ –, um die überwältigende Natur von Herschels angeblichen Erkenntnissen zu unterstreichen, ohne schon zu viel darüber zu verraten. Erst im folgenden Absatz gab es schließlich einen ersten konkreten Hinweis auf die Sensation:

[T]he younger Herschel, at his observatory in the Southern Hemisphere, has already made the most extraordinary discoveries in every planet of our solar system; has discovered planets in other solar systems; has obtained a distinct view of objects in the moon, fully equal to that which the naked eye commands of terrestrial objects at the distance of hundred yards; has affirmatively settled the question whether this satellite be inhabited, and by what order of things; has firmly established a new theory of cometary phenomena; and has solved or corrected nearly every leading problem of mathematical astronomy.17

Versteckt zwischen vielen Punkten von astronomischem Fachinteresse, fand sich hier die eigentliche Sensation angedeutet. Herschel hätte die Frage nach Leben auf dem Mond – eine Frage, die im Rahmen der damals wogenden Debatte um extraterrestrisches Leben18 gerade sehr aktuell war – definitiv beantwortet. Darüber, wie seine Antwort aussah, konnten die Leser zu diesem Zeitpunkt aber nur spekulieren, denn der lange Rest des Textes beschäftigte sich praktisch ausschließlich mit den technischen Voraussetzungen für Herschels Forschungsergebnisse und deren Vermittlung. Zuerst wurde ein gewisser Dr. Andrew Grant vorgestellt, eine, wie sich später herausstellen sollte, frei erfundene Figur – ein Astronom, der beim Vater William Herschel gelernt habe und nun die rechte Hand des Sohnes John Herschel sei. Auf Grants Informationen aus erster Hand, die er mit der ausdrücklichen Erlaubnis Herschels weitergegeben habe, würde dieser Bericht beruhen. Der gesamte Rest des ersten Artikels widmete sich dann ausschließlich der Erfindung und Entwicklung von Herschels neuartigem Teleskop, das in exzessiver technischer Detailliertheit beschrieben wurde. Der tatsächliche Autor des Artikels verstand offensichtlich genügend von Optik und Astronomie, um hier an den Stand von Technik und Wissenschaften anschließen zu können und die Entwicklung eines Teleskops mit einer sieben Tonnen schweren Linse und 42.000facher Vergrößerungskraft halbwegs plausibel zu schildern. Der Text endete damit anzumerken, dass Herschel schon während der Konstruktion des Teleskops so überzeugt von dessen Kapazität war, „that he expressed confidence in his ultimate ability to study even the entomology of the moon, in case she contained insects upon her surface.“ Der Artikel schloss mit dem Versprechen: „To be continued.“19

Schon einen Tag später am 26. August wurde dieses Versprechen eingelöst. Nach längeren Abschnitten, die die Hintergründe von Herschels Aufenthalt am Kap der Guten Hoffnung darlegten und die dortige Installation des Teleskops beschrieben, kam man schließlich zur Schilderung der ersten lunaren Entdeckungen. Bis zum 10. Januar hätte Herschel hauptsächlich den südlichen Sternenhimmel untersucht, bevor er sein Teleskop schließlich auf den Mond richtete – und dort als erstes ein Feld dunkelroter Blumen ausgemacht habe, das Dr. Grant an den heimischen Klatschmohn erinnerte. „[A]nd this was the first organic production of nature, in a foreign world, ever revealed to the eyes of men.“20 Im folgenden Absatz stießen die Astronomen sodann auf Wälder, deren Bäume an Eiben und Tannen erinnerten. Man entdeckte einen See und riesige Quartzformationen, die Grant zuerst für künstlich angelegt (und damit für den Beweis intelligenten Lebens auf dem Mond) hielt, bis Herschel ihn diesbezüglich korrigiert habe. Erst nach weiterer intensiver Suche sei Herschel schließlich auf tierisches Leben gestoßen.

In the shade of the woods on the south-eastern side, we beheld continuous herds of brown quadrupeds, having all the external characteristics of the bison, but more diminutive than any species of the bos genus in our natural history.21

Zudem hätten die Astronomen noch bläuliche Einhörner und pelikanartige Vögel, die nach Fischen tauchten, gesichtet. Schließlich hätte man angesichts dieser großartigen Entdeckungen noch mit dem besten „East India Particular“ – einer Madeira-Marke – angestoßen. Der Artikel endete mit dem Hinweis, dass am 13. und 14. Januar noch viele weitere Tiere beobachtet worden wären, die im Folgenden „in the graphic language of our accomplished correspondent“ wiedergegeben werden sollten. An dieser Stelle brach der Text mit einem klassischen Cliffhanger und dem üblichen Versprechen einer Fortsetzung ab.22

Diese erschien bereits am folgenden Tag und fiel bedeutend kürzer aus als die vorhergehenden Abschnitte. Herschel entdeckte darin weitere Tierarten, insbesondere eine spezielle, lunare Art des Bibers, den Zweibeiner-Biber. Dieser sehe praktisch genauso aus wie seine terrestrischen Verwandten, mit der Ausnahme, dass er keinen Schwanz habe und auf zwei Beinen gehe. Auch ansonsten legte der Biber sehr menschliches Verhalten an den Tag:

It carries its young in its arms like a human being, and moves with an easy gliding motion. Its huts are constructed better and higher than those of many tribes of human savages, and from the appearance of smoke in nearly all of them, there is no doubt of its being acquainted with the use of fire.23

Der Artikel beschrieb dann noch einige weitere geologische, botanische und zoologische Entdeckungen Herschels, die sich in ihrem Neuigkeitswert aber kaum mit dem Biber messen konnten. Der Text schloss mit dem Hinweis, dass Herschel für seine nächsten Beobachtungen einzigartige Erwartungen hätte. Genau da setzte der vierte Abschnitt an, den die Sun am darauffolgenden Tag, Freitag, 28. August, abdruckte. Er war sogar noch etwas kürzer als der Vortagestext und damit schnell und leicht zu lesen. Nach den – mit Ausnahme des Bibers – verhältnismäßig wenig aufregenden Textpassagen des Vortages, folgte nun die Klimax. Herschel sei auf menschenähnliche, mit Flügeln ausgestattete Wesen gestoßen (eine zeitgenössische künstlerische Interpretation findet sich in Abb. 2 und 3). Der fiktive Erzähler Dr. Grant hielt fest:

[W]e were thrilled with astonishment to perceive four successive flocks of large winged creatures, wholly unlike any kind of birds, descend with a slow even motion from the cliffs on the western side, and alight upon the plain. They were first noted by Dr. Herschel, who exclaimed, „Now, gentlemen, my theories against your proofs, which you have often found a pretty even bet, we have here something worth looking at[“.]24

Erzählerisch war dieser Abschnitt eindrucksvoll gestrickt. Ohne lange Umschweife und mit nur wenigen technischen Ausführungen wurde dem Leser die Sensation serviert: menschenähnliches Leben auf dem Mond! Gezielt fügte man direkt anschließend noch ein paar Sätze ein, die die Vorstellungskraft der Leserschaft beflügeln sollten. Dr. Grant beschrieb die Fledermausmenschen zuerst in einigem Detail, hielt dann aber inne:

Our further observation of the habits of these creatures, who were of both sexes, led to results so very remarkable, that I prefer they should first be laid before the public in Dr. Herschel’s own work, where I have reason to know they are fully and faithfully stated, however incredulously they may be received. […] We scientifically denominated them as Vespertilio-homo, or man-bat; and they are doubtless innocent and happy creatures, notwithstanding that some of their amusements would but ill comport with our terrestrial notions of decorum.25



Abbildungen 2 und 3: Illustrationen aus der italienischen Übersetzung des Mondschwindels.

Dr. Grant wollte zum Verhalten der Fledermausmenschen an dieser Stelle also nicht mehr sagen und verwies auf Herschel. Damit ließ man der Fantasie der Leser den größtmöglichen Spielraum. Die Anspielungen auf ein ungezwungenes Sexualverhalten der Mondbewohner waren überdeutlich. Es müssten wohl geradezu unglaubliche Dinge sein, die sich da abspielten, wenn selbst Grant nicht darüber sprechen wollte. Zudem sicherten sich die Erfinder der Geschichte gegen Kritik und Unglauben ab, indem man die Detailbeschreibungen aufschob und an Herschel delegierte. Im folgenden Absatz fand sich zudem noch ein Hinweis darauf, dass Herschels eigene Ausführungen gemeinsam mit zertifizierten Berichten von Augenzeugen veröffentlicht würden. Unter diesen Augenzeugen würden sich neben namhaften zivilen und militärischen Persönlichkeiten der Kapkolonie auch „several Episcopal, Wesleyan, and other ministers“26 befinden.

Was sollte auf die Entdeckung menschenähnlichen Lebens auf dem Mond nun noch folgen? Der fünfte, ebenfalls wieder kurze Abschnitt am 29. August begann verhältnismäßig unspektakulär. Die Oberfläche des Mondes wurde weiter beschrieben – schließlich sei man auf vulkanische Aktivität gestoßen. Herschel habe eine weitere grandiose Theorie entwickelt und gemeint, dass die Umgebung eines Vulkans sicherlich bewohnt sei, da der „flaming mountain“27 die Anwohner in den langen Nächten mit Licht versorge. Bei eingehenderer Suche sei man zwar nicht auf weitere Lebewesen, aber dafür auf eine architektonisch hochinteressante Tempelanlage gestoßen, die Herschel und seinen Mitarbeitern Rätsel aufgeben würde. Die Mondmenschen waren also offensichtlich religiös. Aber ansonsten stand man vor vielen ungelösten Fragen. Um den Spannungsbogen nochmals über das Wochenende zu halten, ließ man Dr. Grant schließen:

I by no means despair of ultimately solving not only these but a thousand other questions which present themselves respecting the objects of this planet; for not the millionth part of her surface has yet been explored, and we have been more desirous of collecting the greatest possible number of new facts, than of indulging in speculative theories, however seductive for the imagination.28

Der letzte Teil des Berichts erschien schließlich am Montag, dem 31. August. Man bemühte sich, die zuvor geweckten Erwartungen auch zu erfüllen, und griff auch dieses Mal wieder zu einigen erzählerischen Kniffen. Schon zu Beginn berichtete Dr. Grant, dass Herschel in der Nähe des Tempels bald weitere Fledermausmenschen entdeckt hätte – „of larger stature than the former specimens, less dark in color, and in every respect an improved variety of the race.“29 Es gab demnach offensichtlich biologische und damit auch soziokulturelle Unterschiede unter den Mondbewohnern. Auch die nun folgenden Schilderungen Grants thematisierten Einblicke in das Sozialverhalten und damit das gesellschaftliche Gefüge. Dann nahm der Bericht eine weitere dramaturgische Wendung. Erschöpft von all den aufregenden Beobachtungen, hätte man schließlich vergessen, nach getaner Arbeit die Teleskoplinse so zu drehen, dass sie tagsüber kein Sonnenlicht einfangen kann. Die konzentrierten Sonnenstrahlen hätten morgens dann das Gebäude in Brand gesetzt und erheblichen Schaden angerichtet. Nach einwöchigen Reparaturen wäre der Mond erst einmal nicht mehr zu sehen gewesen, weshalb Herschel seine Untersuchungen mit dem Saturn fortgesetzt hätte. Der Text schilderte seine diesbezüglichen Beobachtungen und verwies auch auf die Leistungen von William Herschel, der 1759 immerhin zwei der sieben Saturnmonde entdeckt hätte. Erst als nach bereits recht detaillierten Ausführungen zur Saturnforschung das Edinburgh Journal of Science scheinbar ansetzte, noch wissenschaftlicher zu werden, gab die Sun vor, einzuschreiten:

Having ascertained the mean density of the rings, as compared with the density of the planet, Sir John Herschel has been enabled to effect the following beautiful demonstration. [Which we omit, as too mathematical for popular comprehension. — Ed. Sun.]30

Das schottische Wissenschaftsjournal, aus dem die Sun ja scheinbar immer noch wörtlich zitierte, setzte dann nochmals an über die Ringe und Gürtel des Saturn zu dozieren – aber auch hier schritt die Redaktion des penny paper ein:

[[…] But the portion of the work which is devoted to this subject, and to the other planets, as also that which describes the astronomer’s discoveries among the stars, is comparatively uninteresting to general readers, however highly it might interest others of scientific taste and mathematical acquirements. — Ed. Sun.]31

Entsprechend schloss der sechste und letzte Teil der Artikelserie damit zu sagen, dass Herschel mit dem Neumond im März endlich seine Mondbeobachtungen hätte fortsetzen können. Der Text endete mit Dr. Grants Bericht über die Entdeckung weiterer Fledermausmenschen und dem abermaligen Verweis auf Herschels eigene Veröffentlichung:

[W]e found the very superior species of the Vespertiliohomo. In stature they did not exceed those last described, but they were of infinitely greater personal beauty, and appeared in our eyes scarcely less lovely than the general representations of angels by the more imaginative schools of painters. […] I shall, therefore, let the first detailed account of them appear in Dr. Herschel’s authenticated natural history of this planet.32

Die Redaktion der Sun fügte noch an, dass an dieser Stelle das Beiheft des Edinburgh Journal of Science enden würde – ausgenommen natürlich die vierzig Seiten „illustrative and mathematical notes“33, die man den Lesern der Sun ersparen würde.

… und die Sonne

In der kurzen Zusammenfassung des sechsteiligen Berichts im vorigen Kapitel wird nicht nur der Inhalt des sogenannten „großen Mondschwindels“ deutlich, sondern auch dessen beindruckende, mit großer Liebe zum Detail vorgenommene Inszenierung. Die Sun überfiel ihre Leser nicht mit großartigen Enthüllungen über Leben auf dem Mond, sondern machte lange Tage nur vage Andeutungen. Stattdessen ergingen sich die Autoren der angeblich zitierten schottischen Zeitschrift in ausführlichsten technischen Beschreibungen. Diese bauten sprachlich wie inhaltlich auf dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik auf. Damit überforderten sie weite Teile der Leserschaft, machten aber wohl gerade deshalb einen glaubwürdigen Eindruck. Zudem rief der Bericht viele weithin bekannte wissenschaftliche Autoritäten an. Neben dem Protagonisten John Herschel wurde dessen berühmter Vater William mehrfach erwähnt. Der schottische Physiker David Brewster wurde namentlich genannt und damit auch indirekt ein Bezug zum Edinburgh Journal of Science hergestellt, dessen Herausgeber Brewster bis 1832 gewesen war. Zudem liefen die sechs Teile zwar klar und deutlich auf eine Klimax zu, dennoch aber wurde der Erzählfluss immer wieder von für den Laien wohl eher weniger interessanten Einlassungen zur Topografie des Mondes oder technischen Details der Mondbeobachtung unterbrochen.34 Dies sollte wohl zum einen – ebenso wie die beschriebenen Cliffhanger – die Spannung beim Leser nochmals erhöhen, trug aber sicherlich auch nochmals zur Glaubwürdigkeit des Texts bei. Dazu kamen schließlich die vagen Andeutungen auf Nichtbeschriebenes (vielleicht sogar Unsägliches?), das wenn dann nur von Herschel selbst offenbart werden dürfe.

Der Inhalt des Berichts mochte unglaublich sein, seine Verpackung aber war es nicht. Geschickt baute der Text auf den globalen (im konkreten Beispiel hauptsächlich transatlantischen) Verbindungen der Zeit auf und nutze sie, um glaubhaft zu erscheinen. Viel Zeit und Mühe muss in diesen Text geflossen sein, ebenso wie breite astronomische und physikalische Kenntnisse und ein ausgeprägtes schriftstellerisches Talent, um eine derart überzeugende Inszenierung zu erreichen. Mit großer Wahrscheinlichkeit war der Journalist und damalige Chefredakteur der Sun Richard Adams Locke der Verfasser des Texts. Locke hatte seine Autorenschaft nach der Aufdeckung des Schwindels zwar nur indirekt zugegeben, in der Retrospektive spricht aber fast alles für ihn als Verfasser. Auch von vielen Zeitgenossen wurde er schon relativ früh nach der Veröffentlichung des Berichts als dessen Autor identifiziert – allen voran von James Gordon Bennett, dem Besitzer des New York Herald, der Lockes Autorenschaft auch sofort in seiner Zeitung öffentlich machte.35

Richard Adams Locke war in der schreibenden Zunft New Yorks kein Unbekannter und wurde unter anderem für seinen scharfen Verstand geschätzt. Edgar Allan Poe hat im sechsten Band der Literati of New York City über ihn geschrieben:

He is about five feet seven inches in height, symmetrically formed; there is an air of distinction about his whole person — the air noble of genius. His face is strongly pitted by the small-pox, and, perhaps from the same cause, there is a marked obliquity in the eyes; a certain calm, clear luminousness, however, about these latter, amply compensates for the defect, and the forehead is truly beautiful in its intellectuality. I am acquainted with no person possessing so fine a forehead as Mr. Locke. He is married, and about forty-five years of age, although no one would suppose him to be more than thirty-eight. He is a lineal descendant from the immortal author of the „Essay on the Human Understanding.“36

Richard Adams Locke wurde im Jahr 1800 im County Somerset in England geboren (auch wenn er später New York als seinen Geburtsort angab). Die Familie Locke war verhältnismäßig gut situiert und umtriebig. Neben vielen anderen einflussreichen Personen entstammte ihr unter anderem auch der Philosoph John Locke (1632-1704) – allerdings war Richard Adams Locke im Gegensatz zu seinen eigenen später von Poe übernommenen Angaben kein direkter Nachkomme Johns. Richard war ein guter Schüler und wurde von einem Privatlehrer unterrichtet. Er gab später an, in Cambridge studiert zu haben – allerdings gibt es in den dortigen Immatrikulationslisten keinen Hinweis darauf, dass er auch nur einen Kurs besucht hätte. Anstatt sich auf dem Familienanwesen zu engagieren, wurde Locke Journalist. Er schrieb zuerst für mehrere Zeitungen in London und wurde später Redakteur eines neugegründeten Blattes in Somerset. Seine republikanischen Ansichten erwiesen sich aber als unpopulär. Er verlor seine Stelle, sah in England wenig Perspektive und wanderte Ende 1831 mit seiner kleinen Familie nach New York aus.37 Dort machte sich Locke schnell journalistisch einen Namen. Der junge Benjamin Day, Gründer und Besitzer der Sun, wurde auf ihn aufmerksam. So wurde Locke im Mai 1835 neuer Redakteur des Blattes.38

Day hatte die Sun zwei Jahre zuvor als erstes penny paper der Stadt (abgesehen von einem anderen, sehr kurzlebigen Unterfangen) gegründet. Anders als die bereits existierenden Tageszeitungen, die auf ein wohlhabenderes, besser gebildetes Publikum zielten, wurde die Sun nicht zum Preis von sechs Cent, sondern für lediglich einen Cent pro Ausgabe verkauft. Benjamin Day wollte damit ein breites Publikum und eine hohe Auflage erreichen. Er war mit diesem Plan auch einigermaßen erfolgreich. Die Sun erzielte Mitte 1835 eine tägliche Auflage von etwa 15000 Stück.39 Bald folgten andere, ähnlich konzipierte Zeitungen – zum Beispiel der bereits erwähnte New York Herald unter Bennett – und die sogenannte penny press begann sich zu formieren. Diese unterschied sich allerdings nicht nur in Preis und einem kleineren Format von den etablierten Blättern – sie schlug auch einen anderen Ton an. Sie langweilte ihre Leser kaum mit differenzierten politischen Analysen oder der in den hochklassigeren Blättern üblichen internationalen Berichterstattung. Stattdessen widmete sie sich gefälligeren und oft auch regionaleren Themen. Häufig tendierten ihre Artikel zum Sensationalismus und versuchten mit aller Macht, die Aufmerksamkeit einer breiten Leserschaft zu gewinnen.40

Lockes elaborierter Mondschwindel lässt sich insofern gut in der üblichen Berichterstattung der penny press verorten, als es sich um eine sensationelle Geschichte handelte, die ohne Rücksicht auf ihren Wahrheitsgehalt allein mit der Auflagenzahl im Auge lanciert wurde – auch wenn Locke die Great Astronomical Discoveries wohl als Satire gemeint hatte, wie er selbst beteuerte.41

Verbindungen und Nicht-Verbindungen

Die Reaktionen der Leserschaft fielen ganz unterschiedlich aus. Fast unmittelbar nach der Veröffentlichung der ersten großartigen Entdeckungen äußerten viele Medien auf unterschiedliche Weise ihren Unglauben. Manche wie etwa das Journal of Commerce zeigten sich in ihren Artikeln skeptisch, dass der Bericht der Wahrheit entsprechen könne, und vermuteten eine Fälschung. Der Transcript, ein mit der Sun konkurrierendes penny paper, begegnete den lunaren Entdeckungen auf satirische Weise und wartete mit zusätzlichen Informationen von einem eigenen Korrespondenten auf. Diese waren bewusst so abstrus, dass der eigentliche Bericht der Sun damit ins Lächerliche gezogen wurde.42 Niemand aber wandte sich so offensiv gegen die Artikel wie Bennetts New York Herald. Bereits am 31. August – dem Tag, an dem in der Sun die letzte Folge erschien – veröffentlichte Bennett auf der Titelseite des Herald einen bissigen Text mit dem Titel The Astronomical Hoax Explained. Darin sagte er deutlich und in der ihm eigenen Direktheit, dass es sich um einen Schwindel handeln musste. Zudem brachte er, wie bereits erwähnt, Richard Adams Locke als Autor der Geschichte ins Spiel, und verbreitete allerlei Halbwahrheiten über dessen Lebenslauf. Lockes erzählerisches Können aber schien Bennett zu bewundern: „Mr. Locke, however, deserves great credit for his ingenuity – his learning – and his irresistible drollery. He is an original genius [.]“43 Locke antwortete in einem offenen Brief auf Bennetts Enthüllungen und wollte seine Autorenschaft partout nicht einräumen. Spitzfindig behauptete Locke: „[…] I did not make those discoveries.“44 Lockes Weigerung, die Fälschung offen zuzugeben, verärgerte Bennett und ließ ihn in den nächsten Tagen viele weitere Angriffe gegen die Sun fahren, die aber von der New Yorker Öffentlichkeit kaum aufgenommen wurden. Selbst unter jenen, die an der Glaubhaftigkeit der Geschichte zweifelten, wollte sich kein Ärger breit machen. Laut Mario Castagnaro wären viele Leser und Journalisten dem Wahrheitsgehalt der Beobachtungen indifferent gegenübergestanden und der Meinung gewesen: „wonderful if true, entertaining if not.“45 Das mag auch erklären, warum eine große Anzahl von Zeitungen auf den Zug mitaufsprang und die Mondgeschichte ebenfalls abdruckte. Asa Greene, der damalige Redakteur des Transcript, veröffentlichte zwei Jahre später einen Reiseführer für die Stadt New York und sprach darin unter anderem auch über den Mondschwindel:

All New York rang with the wonderful discoveries of Sir John Herschell [sic]. Every body read the Sun, and every body commented on its surprising contents. There were, indeed, a few sceptics; but to venture to express a doubt of the genuineness of the great lunar discoveries, was considered almost as heinous a sin as to question the truth of revelation.

Nor was it only among the populace in general, that the moon story was believed. Certain of the sixpenny editors also gave into it, and copied the account, with flaming notices of the very wonderful and important discoveries of Sir John Herschell at the Cape of Good Hope. The papers in this city, which were thus caught, were the Daily Advertiser and the Mercantile Advertiser. The Daily Advertiser of Newark, and the Daily Gazette of Albany, were also among the ready believers of the great discoveries. How many papers, in other places, swallowed the hoax, we do not know. Most of the editors, we believe, prudently kept their minds suspended as to the truth or falsehood of the account; though most of them copied it, as a capital story, whether it should turn out true or false.46

Greene sah also zum einen ebenso die pragmatische Indifferenz gegenüber dem Wahrheitsgehalt der Geschichte, wies aber durchaus auch auf die große Zahl jener hin, die die Entdeckungen für bare Münze nahmen. Edgar Allan Poe war in dieser Hinsicht in seinem bereits erwähnten Beitrag über Richard Adams Locke noch deutlicher. Er schrieb zurückblickend:

Not one person in ten discredited it, and (strangest point of all!) the doubters were chiefly those who doubted without being able to say why – the ignorant, those uninformed in astronomy, people who would not believe because the thing was so novel, so entirely „out of the usual way.“ A grave professor of mathematics in a Virginian college told me seriously that he had no doubt of the truth of the whole affair! The great effect wrought upon the public mind is referable, first, to the novelty of the idea; secondly, to the fancy-exciting and reason-repressing character of the alleged discoveries; thirdly, to the consummate tact with which the deception was brought forth; fourthly, to the exquisite vraisemblance of the narration.47

Beide beobachteten Reaktionen – also der Glaube an die Echtheit der Entdeckung ebenso wie die relative diesbezügliche Gleichgültigkeit – brauchten die Möglichkeit der Authentizität. Das heißt, der Bericht musste zumindest ein gewisses Maß an Glaubhaftigkeit besitzen, um Glauben einerseits und Unterhaltung andererseits zu speisen. Poe identifizierte in obigem Zitat vier hauptsächliche Faktoren, die seiner Meinung nach zur Glaubhaftigkeit des Mondschwindels beigetragen hatten. Neben ihrer Neuartigkeit und der Art und Weise, wie die Geschichte die Fantasie der Menschen beflügelte, nannte er unter anderem auch den „consummate tact“, also grob übersetzt die exzellente Dramaturgie hinter der Täuschung. Entscheidend war aber wohl Poes vierter Aspekt der vraisemblance der Erzählung. Anschließend an ein literarisches Konzept aus dem französischen Klassizismus konstatierte Poe dem Mondschwindel damit ein hohes Maß an Plausibilität und Wahrscheinlichkeit. Der Bericht fügte sich möglichst nahtlos in eine bereits bestehende Wissens- und Erwartungslandschaft ein. Das zeigen viele zeitgenössische Einschätzungen des Texts, so zum Beispiel auch ein anonymer Leserbrief an eine Stralsunder Zeitschrift, die zuvor Auszüge der Beobachtungen in Übersetzung abgedruckt hatte:

Was nämlich den allgemeinen Charakter der Berichte betrifft, von dem deutschen Uebersetzer an bis zu dem angeblichen Beobachter selbst, so können wir nicht anders urtheilen, als daß das, was einen Bericht aus der Wahrnehmung bekundet, in ihnen durchaus überwiegend sey, gegen das, was einen Bericht aus der Phantasie verräth.48

Es stellt sich nun die Frage, welcher Mittel sich Richard Adams Locke bediente, um seinem Fantasietext vraisemblance zu geben und ihn damit als „Bericht aus der Wahrnehmung“ erscheinen zu lassen. Es wird sich zeigen, dass neben seinem erzählerischen Können und seinen naturwissenschaftlichen Kenntnissen vor allem sein geschicktes Spiel mit globalen Verbindungen und Nicht-Verbindungen eine entscheidende Rolle in diesem Zusammenhang spielte.

Die jüngere Forschung zur Geschichte der Schifffahrt hat überzeugend dargelegt, dass Ozeane in der Menschheitsgeschichte nicht nur trennende, sondern immer auch verbindende Elemente waren.49 Ein Beispiel dafür ist die sogenannte „atlantische Welt“, in der große Teile Europas, Nordamerikas und der Karibik zusammenkommen.50 Zwischen diesen Regionen herrschte seit der intensivierten kolonialen Erschließung Nordamerikas ein reger Austausch von Menschen, Waren und Informationen – unter anderem auch im Bereich der Wissenschaft. So war Sir John Herschel (ebenso wie sein Vater William) für den gebildeten New Yorker des frühen 19. Jahrhunderts kein Unbekannter. Der Engländer Herschel galt auch in Nordamerika als einer der bedeutendsten Wissenschaftler der Zeit. Man war über seine im November 1833 begonnene Reise nach Südafrika, wo er Beobachtungen des südlichen Himmels vornehmen wollte, gut im Bilde. Selbst im verhältnismäßig provinziellen Cincinnati berichtete ein einschlägiges Blatt im April 1834 (also mit ca. 5 Monaten Verzögerung) über Herschels Abfahrt zum Kap:

The long projected voyage of sir John Herschel to the southern hemisphere is at length proceeded in. […] To the learned of all countries, the voyage of our astronomer may be regarded as an event of unusual interest[.]51

Auch Herschels Werke waren in Amerika zumindest unter den gebildeten und einschlägig Interessierten bekannt. So hatte nicht nur Richard Adams Locke Herschels A Treatise on Astronomy kurz nach dessen Erscheinen in den USA im Jahr 1834 gelesen. Auch Edgar Allan Poe war bestens mit Herschels Einsichten vertraut – so vertraut, dass seine Geschichte Hans Phaall – A Tale in vielen Passagen ganz deutlich auf Herschels Text aufbaute.52 Ähnliches galt für die Person und das Werk David Brewsters, der im einleitenden Abschnitt des Mondschwindels als Kronzeuge für die Verbesserung von Herschels Teleskop herhalten musste. Brewster war ein berühmter schottischer Physiker, der sich vor allem auf dem Gebiet der Optik einen Namen gemacht hatte.53 Zu seinen bekanntesten Arbeiten gehörte die Wiederentdeckung des Kaleidoskops ebenso wie das sogenannte „Stereoskop“. Durch diese und andere Arbeiten galt Brewster im frühen 19. Jahrhundert als Autorität in Fragen der Optik. Darüber hinaus hatte er 1819 gemeinsam mit Robert Jameson das einflussreiche Edinburgh Philosophical Journal geründet und dieses bis 1824 wesentlich mitgestaltet. Danach rief er das Edinburgh Journal of Science ins Leben, das er bis 1832 herausgab. Durch diesen direkten Bezug zwischen David Brewster und der Zeitschrift, aus welcher die Sun die Mondbeobachtungen angeblich übernommen hatte, erhöhte sich nochmals die vraisemblance der Geschichte. Die am 21. August 1835 abgedruckte Kurzmeldung, die man vorgeblich vom Edinburgh Courant übernommen hatte, verwies als Quelle auf einen „eminent publisher in this city“54. Auch wenn Brewster seit 1832 nicht mehr für das Edinburgh Journal of Science verantwortlich war, so weckte ein solcher Satz auf der anderen Seite des Atlantiks nach wie vor entsprechende Assoziationen. Konnte Brewster selbst hier die Quelle sein?

Die einschlägigen britischen Wissenschaftsjournale – unter ihnen eben auch das Edinburgh Journal of Science und das Edinburgh Philosophical Journal – wurden von der nordamerikanischen Bildungselite intensiv rezipiert, wenn auch mit Verzögerung zum europäischen Publikum. Zum einen heißt das, dass Locke mit der Behauptung, man würde vom Edinburgh Journal of Science abdrucken, auch an das wissenschaftliche Prestige dieser Publikationen anschließen konnte. Dies wird unter anderem in den folgenden Zeilen deutlich, welche die britische Schriftstellerin Harriet Martineau über die Reaktionen auf Herschels angebliche Entdeckungen schrieb:

I happened to be going the round of several Massachusetts villages when the marvellous account of Sir John Herschel’s discoveries in the moon was sent abroad. The sensation it excited was wonderful. As it professed to be a republication from the Edinburgh Journal of Science, it was some time before many persons, except professors of natural philosophy, thought of doubting its truth.55

Neben einer Erhöhung der Glaubwürdigkeit des Berichts bedeutet die Zirkulation europäischer Wissenschaftszeitschriften in Nordamerika aber auch, dass die wissenschaftlichen Debatten, die in diesen Zeitschriften geführt wurden, auch den nordamerikanischen Lesern weitgehend bekannt waren. Eine populäre Auseinandersetzung wurde dort (aber nicht nur dort) seit Jahren über die Frage geführt, ob es Leben auf dem Mond gebe und welche Zeichen man dafür gefunden habe.56 Folgt man der Debatte, so zeigt sich, dass im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert unzählige Kirchenmänner und Wissenschaftler (manchmal auch in einer Person) glaubten, es müsse intelligentes extraterrestrisches (und insbesondere lunares) Leben geben. Unter anderem wurden die diesbezüglichen Erkenntnisse der deutschen Astronomen Franz von Paula Gruithuisen, Wilhelm Olbers und Carl Friedrich Gauss in einem Artikel über The Moon and its Inhabitants zusammengefasst, der 1826 in der ersten Ausgabe des Edinburgh New Philosophical Journal – der Nachfolgepublikation des Edinburgh Philosophical Journal – erschien. Erwähnt wurden darin Gruithuisens angebliche Sichtung von Spuren großer Bauwerke (unter anderem jene eines Tempels), Olbers Vermutungen über Vegetation auf dem Mond und Gauss’ Vorschlag der Kommunikation mit den Mondmenschen mittels der Vermittlung mathematischer Grundprinzipien.57 Mit diesem Artikel war nachweislich auch Richard Adams Locke vertraut.58

Zumindest im heute in der Universitätsbibliothek von Harvard aufbewahrten Exemplar ist „Thomas Dick, LL.D. of Dundee“ als Autor des kurzen Artikels im Edinburgh New Philosophical Journal handschriftlich hinzugefügt worden.59 Der Schotte Dick war Astronom und zugleich Priester. Er war ebenfalls überzeugt davon, dass es schon aus rein religiösen Gründen extraterrestrisches Leben geben müsse, und tat der Welt davon unter anderem in seinen Werken The Christian Philosopher (1823) oder Philosophy of Religion (1826) kund.60 Richard Adams Locke konnte Dicks Standpunkt und wohl die gesamte Debatte über Leben auf dem Mond nicht ernstnehmen. Fünfzehn Jahre nach Veröffentlichung des Mondschwindels schrieb er, die Geschichte sei eine Satire auf diese Kontroverse und vor allem auf Thomas Dick gewesen.61 Auch der Text selbst enthält durchaus Hinweise auf eine solche satirische Absicht, die allerdings von den meisten Zeitgenossen übersehen wurden. So kann man die Entdeckung einer Tempelanlage im fünften Teil auch als Spitze gegen Gruithuisens Mondbeobachtungen sehen.62 Locke ließ Dr. Grant zur Entdeckung des Tempels außerdem wörtlich sagen: „It was a temple – a fane of devotion, or of science, which, when consecrated to the Creator is devotion of the loftiest order[.]“63 Das kann man als klare Anspielung Lockes auf Thomas Dicks Vermischung von Religion und Wissenschaft sehen. Aber nicht nur für Dick hatte die Frage nach außerirdischem Leben eine klare religiöse Dimension, wie zum Beispiel in den weiteren Zeilen von Harriet Martineau sichtbar wird:

A story is going, told by some friends of Sir John Herschel (but whether in earnest or in the spirit of the moon story I cannot tell), that the astronomer has received at the Cape a letter from a large number of Baptist clergymen of the United States, congratulating him on his discovery, informing him that it had been the occasion of much edifying preaching and of prayer-meetings for the benefit of brethren in the newly-explored regions; and beseeching him to inform his correspondents whether science affords any prospects of a method of conveying the Gospel to residents in the moon.64

Die Geschichte, dass sich Kirchenmänner bereits über die Missionierung der Mondbewohner Gedanken machten, kursierte auch noch in anderen Versionen.65 Auch das macht nochmals die Ubiquität der Debatte über außerirdisches Leben – ebenso wie die verbreitete Praxis des Vermischens wissenschaftlicher und religiöser Elemente – deutlich.

Es gibt demnach eine ganze Reihe von globalen – im konkreten Fall meist transatlantischen – Verbindungen und Austauschprozessen, an die Richard Adams Locke mit seiner Geschichte bewusst oder unbewusst anschloss. Zeitungs- und Zeitschriftenberichte aus Europa überquerten im frühen 19. Jahrhundert ebenso regelmäßig den Atlantik wie dies wichtige wissenschaftliche Werke taten. Mit einigen Wochen Verzögerung war die nordamerikanische Öffentlichkeit über die aktuelle Arbeit John Herschels, seine Reise zum Kap und sein neues Teleskop ebenso gut informiert wie der europäische Zeitungsleser. Die wissenschaftlich interessierten Amerikaner hatten Zugang zu den einschlägigen europäischen Publikationen, kannten deren Herausgeber und verfolgten die wichtigsten aktuellen Debatten. Kurz, nordamerikanische und europäische (und allen voran natürlich britische) Akteure waren über den Atlantik eng miteinander verbunden. Neben Menschen und Waren bewegte sich auch Wissen über den großen Teich.66 Richard Adams Locke spielte in seinem Text äußert geschickt mit diesen existierenden globalen Verbindungen und schloss mit seinen Ausführungen direkt an einen Erfahrungsrahmen seiner Leserschaft an. Er schuf auf diese Weise neue, nicht weniger wirkungsmächtige Verbindungsformen: Erwartungen, Hoffnungen, Möglichkeiten globaler Natur.

Ebenso wie von den beschriebenen transregionalen Verbindungen lebte der Mondschwindel aber auch von Verbindungsunterbrechungen bzw. -verzögerungen. Auch dies wird beispielhaft an der Person Herschels und an der Zirkulation der erwähnten Wissenschaftsjournale deutlich. Frank O’Brien recherchierte Anfang des 20. Jahrhunderts die Geschichte der Sun und schrieb unter anderem auch über den Mondschwindel. Er berichtete, wie sich kurz nach der Veröffentlichung der angeblichen Entdeckung zwei Professoren aus Yale auf den Weg nach New York machten. Dort besuchten sie die Redaktion der Sun und verlangten, das Original des Edinburgh Journal of Science zu sehen, aus dem der Bericht angeblich übernommen worden war. Benjamin Day zeigte sich indigniert, dass die Professoren an der Authentizität des Berichts Zweifel hegten, schickte sie aber weiter zu Locke. Dieser gab sich hilfsbereit und sagte, dass sich das fragliche Heft bei einem Drucker in der William Street befände, wo es natürlich eingesehen werde könne.

As the Yale men disappeared in the direction of the printery, Locke started for the same goal, and more rapidly. When the Yalensians arrived, the printer, primed by Locke, told them that the precious pamphlet had just been sent to another shop, where certain proof-reading was to be done. And so they went from post to pillar until the hour came for their return to New Haven.67

Ob sich diese Episode tatsächlich so zugetragen hat, mag man zumindest in Zweifel ziehen. Sie illustriert allerdings, dass die Bezugnahme auf die schottische Zeitschrift nicht nur die Glaubwürdigkeit der Beobachtungen erhöhte, sondern auch dazu führte, dass viele Leser das Original auf Echtheit prüfen wollten. Das aber hatte Locke – absichtlich oder unabsichtlich – unmöglich gemacht. Das Edinburgh Journal of Science war 1832 in einer anderen Zeitschrift, dem London and Edinburgh Philosophical Magazine and Journal of Science, aufgegangen. Man kann vermuten, dass Locke, der England 1831 verlassen hatte, darüber nicht im Bilde war,68 oder dass er eigentlich das Edinburgh New Philosophical Journal gemeint hatte, in dem 1826 auch der Artikel von Thomas Dick erschienen war.69 In jedem Fall aber wurde so eine unmittelbare Überprüfung der Behauptungen der Sun unmöglich. Da die fragliche Zeitschrift im Jahr 1835 nicht mehr erschien, konnte auch niemand an der amerikanischen Ostküste über aktuelle Exemplare verfügen. Noch dazu gab die Sun an, der ursprüngliche Bericht wäre nicht in einem regulären Heft, sondern in einem Supplement zur Zeitschrift erschienen, was die Überprüfung der Angaben weiter erschwerte. Durch den Bezug auf ein kürzlich eingestelltes Journal, die Anspielungen auf bestehende Zeitschriften mit ähnlichen Titeln und den Verweis auf das Beiheft schloss Locke einerseits an bestehendes Wissen an, schuf gleichzeitig aber Unsicherheit und Verwirrung über die Herkunft des Artikels. Dadurch entstand ein Fenster der Möglichkeiten, das nur durch eine viele Wochen dauernde Rückfrage in Großbritannien endgültig geschlossen werden konnte.

Eine ähnliche Nicht-Verbindung lag auch hinsichtlich der Verfügbarkeit von John Herschel selbst vor. Dieser befand sich zur fraglichen Zeit für mehrere Jahre am Kap der Guten Hoffnung, um dort im eigenen Observatorium astronomische Untersuchungen durchzuführen. Zum einen waren dadurch unmittelbare Rückfragen über seine Entdeckungen noch schwieriger und langwieriger, als wenn er sich in England aufgehalten hätte. Noch wichtiger aber war wohl, dass nur eine sehr beschränkte Anzahl von Menschen vor Ort über die Ergebnisse seiner Arbeiten im Bilde war. Damit gab es niemanden, der direkt Zeugnis über die Echtheit der fraglichen Berichte hätte ablegen können – niemand, außer dem von Locke erfundenen Dr. Grant oder unfreiwillig in den Zeugenstand genommenen David Brewster. Auch hier entstand durch die fehlende Verfügbarkeit von Herschel und seinen Mitarbeitern ein Möglichkeitsfenster, das zur zumindest temporären Glaubhaftigkeit der Geschichte erheblich beitrug. Locke knüpfte an bestehendes Wissen an, verhinderte aber, dass dieses aktualisiert werden konnte.

Erst Ende des Jahres 1835 erfuhr John Herschel schließlich selbst von seinen großartigen Entdeckungen. Caleb Weeks, Besitzer einer Tierschau aus Long Island, schiffte sich kurz nach der Veröffentlichung der Sun nach Südafrika ein, um dort exotische Tiere für seine Menagerie zu suchen. Er nutzte diese Chance, um Herschel über die moon hoax zu informieren. Dieser zeigte sich zunächst erstaunt und amüsiert.70 Nach einiger Zeit aber erreichten ihn viele briefliche Anfragen aus aller Welt, in denen sich die Absender nach der Echtheit der Entdeckungen erkundigten oder einfach seine Meinung zu der Geschichte hören wollten. Das irritierte Herschel dann doch und er schrieb in einem Brief an seine Tante Caroline: „I have been pestered from all quarters with that ridiculous hoax about the Moon – in English French Italian & German!!“71 Schließlich wandte Herschel sich in einem offenen Brief direkt an die Londoner Zeitschrift Athenaeum und bedankte sich für die Richtigstellung, die dort im April 1836 abgedruckt worden war. Scheinbar nahm er die ganze Sache immer noch nicht besonders schwer: „Since there are people silly enough to believe every extravagant tale which is set before them, we ought to hope that these tales may be as harmless as that now in question[.]“72

Hinsichtlich der Wirkung von Lockes fiktionalem Bericht war also nicht nur das Anschließen an bestehende Wissensbilder und Erwartungshorizonte in der eng verflochtenen transatlantischen Welt wichtig. Genauso entscheidend war es, dem Publikum keine unmittelbare Möglichkeit zur Verifikation oder Falsifikation der Schilderungen zu geben. Es war diese geschickte Einbettung in ein Netz von transregionalen Verbindungen und Nicht-Verbindungen, durch die ein verhältnismäßig großer Spielraum für Interpretation und Imagination geschaffen werden konnte.

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