Kitabı oku: «366 mal Hoffnung»
ROLAND WERNER
366 mal
HOFFNUNG
Geistliche Impulse
zum Denken und Leben

INHALT
Cover
Titel
Impressum
1. JANUAR
2. JANUAR
3. JANUAR
4. JANUAR
5. JANUAR
6. JANUAR
7. JANUAR
8. JANUAR
9. JANUAR
10. JANUAR
11. JANUAR
12. JANUAR
13. JANUAR
14. JANUAR
15. JANUAR
16. JANUAR
17. JANUAR
18. JANUAR
19. JANUAR
20. JANUAR
21. JANUAR
22. JANUAR
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25. JANUAR
26. JANUAR
27. JANUAR
28. JANUAR
29. JANUAR
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3. FEBRUAR
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27. FEBRUAR
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3. MÄRZ
4. MÄRZ
5. MÄRZ
6. MÄRZ
7. MÄRZ
8. MÄRZ
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13. MÄRZ
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20. MÄRZ
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30. MÄRZ
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Weitere Bücher
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
ISBN 978-3-86506-840-8
© 2015 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
Für die Bibeltexte wurde neben der Lutherbibel 1984 die Übersetzung „dasbuch.
NT und Psalmen“ verwendet.
Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers
Titelfoto: fotolia Vera Kuttelvaserova
Satz: Brendow Web & Print, Moers
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
366 mal Hoffnung
Geistliche Impulse zum Denken und Leben
Denken und Glauben gehören zusammen.
Verstehen und Tun sind nicht zu trennen.
Das, wovon wir überzeugt sind, prägt unser ganzes Leben.
Wer Gottes gutem Geist Raum in seinem Herzen schafft, erlebt eine Erneuerung seines Denkens.
Wer sich von Gottes Wort bewegen lässt, kann auch in der Welt etwas bewegen.
Gewährt der Botschaft des Messias in euch einen weiten Raum! Helft einander, sie in ihrer ganzen Weisheit zu verstehen, und ermutigt einander dadurch! (Ko losser 3, 16)
So ermutigt Paulus die Christen in der Stadt Kolossä.
Dass die Botschaft des Messias auch in unserem Leben, unserem Denken und Herzen Raum gewinnt, dazu soll auch dieses Buch helfen. 366 geistliche Impulse sind darin zu finden, einer für jeden Tag des Jahres.
Die Gedanken zu Bibeltexten und Themen ersetzen natürlich nicht die eigene Bibellese. Die Bibel hat den absoluten Vorrang.
Wenn diese Texte also etwas bewirken sollen, dann dieses: Die Freude an der Bibel zu stärken und die Lust zu wecken, selbst in ihr zu forschen.
Und uns immer tiefer zu gründen in Glaube, Liebe und Hoffnung, die ihren Ursprung in Jesus haben.
Roland Werner
1. JANUAR
Danken, Loben, Segnen
Was ich dir versprochen habe, Gott, will ich erfüllen, meinen Dank will ich dir bringen. Denn du hast mein Leben dem Tod entrissen und meinen Fuß vor dem Fallen bewahrt! So werde ich mein Leben vor dir führen, o Gott, im Licht der Lebendigen.
PSALM 56, 13 - 14
Danken will ich für die Zeiten
Die du mir gegeben hast
Danken für dein gutes Leiten
Auch in Tagen voller Hast.
Loben will ich deine Gnade
Die an jedem Morgen neu
Loben die gebahnten Pfade
Deine Hand, so fest und treu.
Trauen will ich deinen Worten
Ganz verlässlich und ganz wahr
Trauen dir an allen Orten
Deinem Licht, so hell und klar.
Preisen will ich deine Werke
Überall in deiner Welt
Preisen dich für deine Stärke
Die der Welten All erhält.
Segnen will ich deine Leute
Deine Menschen, groß und klein
Segnen, gestern und auch heute
Und auch morgen bei dir sein.
2. JANUAR
Genug für ein ganzes Leben
Jesus Christus spricht: Meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.
2. KORINTHER 12, 9
Dieser Satz ist ein Kraftpaket für jeden Tag. Proviant für lange Wegstrecken. Eine Zusage für die Tiefpunkte unseres Lebens. Ein Motto, das durchträgt.
Paulus hatte das erfahren. Er, der Völkerapostel, hatte große Ziele. Er war hochmotiviert, beseelt von dem Wunsch, möglichst vielen die gute Nachricht von Jesus Christus zu bringen. Scheinbar unbegrenzt waren seine Kraftreserven, seine Bereitschaft, sich einzusetzen. Unermüdlich zog er immer weiter. Damaskus, Jerusalem, Antiochien, Tarsus, Arabien, Kleinasien, Galatien, Phrygien, Ephesus, Milet, Troas, Philippi, Beröa, Thessalonich, Korinth, Athen – Stationen seines Wirkens. Überall, wo er hinkam, nahmen Menschen seine Botschaft an und wurden zu Nachfolgern von Jesus.
Und dann das. Die Kraft schwindet. Ein Leiden macht Paulus zu schaffen, schränkt ihn ein. Kann das Gottes Wille sein? Wo liegt der Sinn, wenn er sich nicht mit ganzer Kraft für seinen Auftrag einsetzen kann? Was seine Krankheit oder Schwäche war, sein „Pfahl im Fleisch“ – wir wissen es nicht. War es ein körperliches Leiden oder eine seelische Bedrängnis? Auf jeden Fall war es ein echtes, großes Problem für den Völkerapostel.
Dreimal betet er, dreimal fleht er darum, dass diese Last von ihm genommen werde. Die Antwort: „Lass dir an meiner Gnade genug sein, denn meine Kraft vollendet sich in der Schwachheit!“ Keine Antwort, die leicht zu akzeptieren war. Aber eine Antwort, die ihm die Richtung zeigte und die ihm Frieden brachte. Gottes Kraft kommt zum Zug – mitten in Schwachheit.
Diese Zusage gilt auch uns. Angesichts unserer Grenzen und Schwächen und unserer Kraftlosigkeit. Gottes Kraft ist da, mitten in unserer Schwachheit. Kein leeres Versprechen, sondern echte Kraft. Genug für jeden neuen Tag. Genug für jede Herausforderung. Genug für ein ganzes Leben.
3. JANUAR
Es geht um das Herz
Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht!
HEBRÄER 3, 15
Das Herz ist in biblischer Sprache das Zentrum der Persönlichkeit. Es ist der Ort, wo Entscheidungen getroffen werden, der Sitz des Willens und des Gewissens. Wenn die Bibel vom Herzen spricht, meint sie also nicht zuerst unsere Gefühlswelt, sondern die innerste Ausrichtung unserer Persönlichkeit.
Wir Menschen sind mehr als unsere Emotionen. Wir sind geschaffen im Ebenbild Gottes mit der Möglichkeit, uns für das Richtige zu entscheiden, ganz egal, was unsere Gefühle uns sagen. Wichtig ist das Ziel, das wir erreichen wollen. Das Ziel motiviert. Ein Polarforscher kämpft sich durch alle Witterungen und Widrigkeiten hindurch, bis zu seinem Ziel. Sein Wille überwindet Müdigkeit und Lustlosigkeit.
„Heute, wenn ihr seine Stimme hören werdet, so verstockt eure Herzen nicht!“ Mit dieser Aufforderung stellt der Hebräerbrief seine Leser vor die Entscheidung. Die Juden, die an Jesus glaubten, waren unter großem Druck. Damals formierte sich der jüdische Volksaufstand gegen die Römer. Der Druck auf die Judenchristen war sehr stark, sich ihrer Umgebung anzupassen und sich von Jesus abzuwenden.
Gerade das ist die Gefahr der Verstockung. Gemeint ist die grundsätzliche Abkehr von Jesus, verbunden mit mangelnder Umkehrbereitschaft und Unkorrigierbarkeit. Das Gefährliche ist, dass solch eine Verhärtung des Herzens schleichend geschieht. Fast unmerklich verändert sich unser Inneres. Aus Freude am Glauben wird Gewohnheit. Begeisterung wird zur Mittelmäßigkeit. Statt Sehnsucht nach Gott macht sich Gleichgültigkeit breit.
Wir leben in einem reichen Land, in dem es alles im Überfluss gibt. Scheinbar brauchen wir Gott nicht. So stehen auch wir in der Gefahr, dass unsere Herzen sich verhärten. Umso wichtiger ist diese Warnung: Verhärtet eure Herzen nicht! Darin ist eine Einladung: Gott öffnet uns jederzeit die Chance zur Umkehr und zu einem Neuanfang.
4. JANUAR
Was Gott wirklich wichtig ist
Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.
LUKAS 19, 10
Ein kurzer Satz, der es in sich hat. Immer, wenn Jesus vom „Menschensohn“ spricht, spricht er über sich selbst. Er spricht von seiner Sendung, seinem Auftrag, seiner Identität. Der Menschensohn ist es, dem Gott seine Herrschaft übertragen hat.
Ganz feierlich sagt Jesus, was sein Auftrag ist. Drei Verben stecken in diesem Satz: Gekommen, suchen, selig machen. Diese drei Wörter fassen das ganze Evangelium zusammen. Drei Handlungswörter, die zeigen, was Gott wirklich wichtig ist.
Zuerst: Der Menschensohn ist gekommen. Das heißt: Gott bleibt nicht fern. Er hat sich auf den Weg zu uns gemacht. In Jesus ist er in diese Welt gekommen. Hat sie erlebt und erlitten. Ist an ihr zu Tode gekommen.
Dann: … um zu suchen. Nicht nur die, die auf ihn warten und nach ihm fragen, will er zu sich holen. Sondern: Jesus ist auf der Suche nach denen, die sich verstecken. Nach denen, die von ihm weglaufen. Nach den Gleichgültigen. In Jesus zeigt sich der Menschen-suchende Gott, er, der unterwegs ist zu uns. Unglaublich. Aber wahr.
Und zuletzt: … und selig zu machen. In heutiger Sprache müssten wir es anders ausdrücken. Retten, befreien, herauslösen. Denn es geht nicht um ein Gefühl der Glückseligkeit, sondern um Rettung aus der Verlorenheit, aus der Gottesferne.
Das ist unsere Chance auf echtes Leben, in Zeit und in Ewigkeit. Ohne das Eingreifen Gottes bleiben wir verloren. Aus eigener Kraft können wir uns nicht erlösen. Und so gilt es für alle Menschen: Jesus ist gekommen, um uns zu suchen und zu retten.
Wenn wir das begreifen, wird unser Leben neu. Wir verstehen, was Gott wirklich wichtig ist. Und dann wird uns auch das immer wichtiger: In seinem Namen gehen wir hin zu den Menschen und laden sie ein zu Jesus. Zu ihm, der gekommen ist, um uns alle zu suchen und selig zu machen.
5. JANUAR
Das Geschenk der Gnade
Aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.
EPHESER 2, 8
Dieser Spitzensatz des Apostels Paulus hat es in sich. Dass alle vier Hauptwörter in der Lutherübersetzung mit einem „G“ beginnen, ist sicher eine Besonderheit der deutschen Sprache. Diese vier Worte fassen auf eindrückliche Weise das zusammen, was das Evangelium ausmacht. Was als „gute Nachricht“, als unerhörte Neuigkeit, die alte römisch-griechische Kulturwelt und auch die jüdische Volksgemeinde aufrüttelte. Es sind die vier Worte: Gnade, Glaube, Gott, Gabe.
Gnade: Die Nachricht, dass Gott nicht käuflich ist, dass seine Gunst nicht erlitten oder erstritten werden muss, bewirkte ein großes Aufatmen in der antiken Welt, die von Angst vor den Launen der Götter geprägt war. Gott ist für uns. Er, der Schöpfer und Vater, der Erlöser und Bruder, er, der Erneuerer und kraftvolle Gottesgeist, will uns beschenken mit seiner Gnade. Diese Erkenntnis, noch mehr, diese Gewissheit befreit Menschen zum Leben mit erhobenem Haupt.
Glaube: Als Geschöpfe Gottes, ja noch mehr, als seine über alles geliebten Kinder leben wir unter seiner Gnade. Wir begegnen ihm im Glauben, im Vertrauen, dass er es gut meint und dass er uns niemals aus den Augen verlieren wird.
Gottes Gabe: Dass Gott uns aus Gnade annimmt, als unverdientes Geschenk, war auch der Auslöser für die geistliche Bewegung, die vor fünfhundert Jahren Europa veränderte. Die umwälzende Entdeckung der Reformation war nichts anderes als eine Wiederentdeckung dieser vier „G“s: Gott schenkt uns seine Gnade als unverdiente Gabe. Das können wir im Glauben ergreifen und so einen festen Grund für unser Leben finden. Und eine Hoffnung, die über den Tod hinaus aufleuchtet.
Wer das begreift, kann sein Leben als Christ zugleich entspannt und engagiert leben. Die Gnade Gottes ist dann kein leerer Glaubenssatz, sondern eine Erfahrung, die das Leben umfasst und beflügelt.
6. JANUAR
Begegnung in Bethlehem
Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht.
JESAJA 9, 1
Es war schon spätabends. Ich war eingeladen, mit einer Gruppe junger Leute von Jerusalem hinüber nach Bethlehem in die Geburtskirche zu fahren. Dort feierten die orthodoxen und die orientalischen Christen ihr Weihnachtsfest, in der Nacht vom 6. zum 7. Januar. Dieses Datum geht auf eine alte Tradition zurück, älter noch als die westliche, die die Geburt des Erlösers am 25. Dezember feiert.
Die kurze Busfahrt führte uns über den Militärposten an Rahels Grab, und bald hielten wir vor der Geburtskirche mitten in Bethlehem. Wie gewaltig dieser Bau ist, erkennt man erst, wenn man durch die kleine Tür eintritt, bei der man sich bücken muss. Die Kirche wurde im vierten Jahrhundert auf Veranlassung von Helena, der Mutter von Kaiser Konstantin, errichtet. Der Monumentalbau erhebt sich über der Höhle, von der die ortsansässigen Christen berichteten, dass hier Jesus geboren wurde. Es gibt keinen Grund, diese Aussage anzuzweifeln, denn hier wohnten von Anfang an ohne Unterbrechung Nachfolger von Jesus. Die ersten von ihnen waren noch Zeitgenossen von Maria und den Aposteln.
In dieser Nacht war die Kirche voller Menschen. An vielen Stellen wurden gleichzeitig die Gottesdienste gefeiert. Die Griechisch-Orthodoxen neben den Syrern, die Kopten neben den Armeniern. Es war wunderbar, das Sprachengewirr mitzuerleben, das Gotteslob in den verschiedensten Sprachen. Und mittendrin wir.
In dieser Nacht erlebte ich es wieder, das Wunder von Bethlehem. Mir wurde neu klar: Die Geburt von Jesus, unscheinbar vor zweitausend Jahren in einer Höhle, ist ein Ereignis von weltumspannender Bedeutung. Das hilfsbedürftige Kind in der Krippe ist der König der Welt.
„Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht!“ So hat es der Prophet vorausgesagt. Hunderte Jahre später wurde es wahr. Dort in Bethlehem. Und seitdem scheint das Licht Gottes, Jesus selbst, hinein in die Dunkelheit der Welt.
7. JANUAR
Es geht um alle
Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.
JOHANNES 12, 32
Mitten in den Wirren der letzten Tage seines Lebens macht Jesus diese erstaunliche Aussage. Vorausgegangen war sein triumphaler Einzug in Jerusalem. Vorausgegangen war auch der Abend in Bethanien, an dem Maria, die Schwester von Marta und Lazarus, Jesus mit dem kostbaren Nardenöl gesalbt hatte, als Vorbereitung für sein Begräbnis. Unmittelbar zuvor hatte Jesus davon gesprochen, dass er sein Leben geben wird wie ein Weizenkorn, das in die Erde fällt.
„Wenn ich erhöht werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen!“ Jesus geht es um alle. Alle sollen zu ihm finden. Der Schlüssel dafür, dass das möglich wird, ist seine „Erhöhung“. Damit ist zunächst gemeint: Sein Sterben am Kreuz. Dort hing er erhöht, angenagelt zwischen Himmel und Erde. Und zugleich ist es das Wort für seine Auferstehung und seine Thronbesteigung.
Das ist das Geheimnis: Dass Leiden und Herrlichkeit, Niederlage und Sieg zusammengehören. Bei Jesus und auch bei uns. Der erhöhte Jesus will die Menschen zu sich ziehen. Wie er das tut? Auf viele wunderbare Weisen. Und letztlich durch seinen Geist.
Aber auch: Durch uns. Wir dürfen mithelfen, dass Menschen zu ihm kommen. Wie damals die Jünger am See Genezareth die Netze noch einmal auswarfen und dann erlebten, dass sie übervoll waren, so geschieht es immer wieder: Wo sie am Ende sind und im Namen von Jesus noch einmal die Netze auswerfen, wird auf einmal ein großer Fang eingeholt. 153 Fische zählen sie (Johannes 21, 11). Das war nach damaliger Auffassung die Zahl aller Fischarten. Das bedeutet: Alle sollen zu Jesus finden. Jesus will alle zu sich ziehen.
Wie das geschehen kann, das bleibt ein Geheimnis. Aber dass das geschehen wird, das ist unsere Hoffnung. Und so steht am Ende die Frage im Raum: Haben wir alle Menschen im Blick? Wir sollen und dürfen es, weil Jesus alle im Blick hat.
8. JANUAR
Wo Glaube und Hoffnung sich treffen
Die Finsternis vergeht, und das wahre Licht scheint jetzt.
1. JOHANNES 2, 8B
Dass es in unserer Welt viel Dunkles gibt, ist uns ständig vor Augen. Die Nachrichten sind voll davon: Kriege und militärische Konflikte, Hungersnöte und Ausbeutung, Unterdrückung der Armen und Schwachen – die Liste ist endlos. Die Finsternis ist allgegenwärtig und greift nach uns, auch in unserem persönlichen Leben.
In diese Wirklichkeit hinein kommt die Nachricht, die wir uns selbst nicht sagen können. Es ist ein Satz voller Hoffnung und voller Glauben. „Die Finsternis vergeht, und das wahre Licht scheint jetzt!“ Starke Worte. Zuversichtlicher geht es kaum. Können wir darauf vertrauen?
Auf den ersten Blick scheint es wie ein Widerspruch: Ist das Licht schon da? Oder muss die Finsternis erst noch vergehen? Beides ist wahr. Wenn am Morgen die ersten Vorboten des neuen Tages erscheinen, ist es noch dunkel. Erst ganz langsam, fast unmerklich, wird es heller. Es gibt diese Spannung, diesen Augenblick, wo es fast aussieht, als ob es niemals hell werden will. Und doch ist der Sonnenaufgang nicht aufzuhalten. So ist es auch mit Gottes Herrschaft. Sie kommt fast unmerklich, wie Hefe, die den Teig durchzieht. Und doch: Niemand kann sie aufhalten.
Das Licht, das schon jetzt scheint, ist Jesus. Er ist das Licht der Welt. Vielen verborgen und doch wirklicher und wirksamer als alle Dunkelheit. Das Licht scheint jetzt schon. Daran haben die ersten Christen festgehalten. Das war ihr Glaube und ihre Hoffnung. Gegen alle Übermacht des römischen Staates, gegen alle Macht feindlicher Ideologien, gegen alle ethische Verwirrung und religiöse Verblendung hält Johannes daran fest: Das wahre Licht scheint schon jetzt!
Glaube und Hoffnung öffnen uns die Augen, beides zu sehen: Das langsame, aber unaufhaltsame Kommen des Reiches Gottes, das aufscheinen wird wie die Sonne am Morgen. Und die Wirklichkeit seines Lichtes schon hier und jetzt.
9. JANUAR
Auf die Frucht kommt es an
Lebt als Kinder des Lichts, die Frucht des Lichts ist lauter Güte und Gerechtigkeit und Wahrheit.
EPHESER 5, 8B-9
Die Ausgrabungen in Qumran im Jordantal haben es gezeigt: Die Gemeinschaft der Essener, die dort ihr Hauptzentrum hatte, unterschied die Menschen in „Kinder des Lichts“ und in „Kinder der Dunkelheit“. Am Ende der Zeit, so wurde dort gelehrt, werden die Söhne des Lichts in einem Entscheidungskampf die Söhne der Finsternis endgültig besiegen. Die Kinder des Lichts, das waren in ihren Augen sie selbst. Sie mussten sich bereithalten für diesen letzten Kampf zwischen Gut und Böse.
Paulus nimmt diese Begriffe auf. Doch er macht deutlich: Der entscheidende Kampf gegen das Dunkel besteht nicht im Krieg gegen andere Menschen. Der Kampf findet ganz woanders statt: In unserem eigenen Herzen, in unserem Denken, Fühlen und Wollen. Christusnachfolger sollen nicht gegen andere Menschen kämpfen, sondern den Kampf gegen die Sünde und Ungerechtigkeit im eigenen Leben aufnehmen.
Als „Kinder des Lichts“ zu leben bedeutet, dass wir uns nach Jesus ausrichten, nach ihm, der von sich sagte: „Ich bin das Licht der Welt!“ (Johannes 8, 12). Jesus ist unser Meister, unser Lehrer, unser Vorbild. Er lebte ein Leben voller Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. Das ist der Maßstab für uns als Jesusleute. Das soll auch unser Leben prägen.
Wenn auch, im Bild gesprochen, die Frucht letztlich von allein wächst, so können wir doch die Voraussetzungen zum Wachstum schaffen. Dazu braucht es Disziplin, Übung und Einübung. Als „Kinder des Lichts“ zu leben fordert uns ganz.
Der Geist unserer Zeit prägt uns in eine andere Richtung. Da geht es um den eigenen Vorteil, um unser Wohlergehen und unseren Genuss. So bleibt die Frage, wie wir uns entscheiden. Ob wir nach dem Vorbild von Jesus leben wollen und uns nach seinem Licht ausstrecken. Dort ist das wahre Leben zu finden. Denn: „Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis.“ (1. Johannes 1, 5)
10. JANUAR
Heller als die Sonne
Über dir geht auf der HERR, und seine Herrlichkeit erstrahlt über dir.
JESAJA 60, 2
Ein seltsamer Satz. Irgendwie stimmt hier etwas nicht: „Über dir geht auf der Herr!“ Wie soll das gehen? Wie kann Gott „aufgehen“? Vielleicht hat dieser Satz ursprünglich anders gelautet. Vielleicht stammt er aus einem Morgenlied, einem Lied zum Lobpreis der Sonne: „Über dir geht auf die Sonne, ihr Glanz strahlt auf über dir.“ Und vielleicht kannte Jesaja dieses Lied als Kind und hat sich daran erfreut, dass die Sonne aufgeht und mit ihren Strahlen alles erhellt und erwärmt.
Vielleicht hat er dann, als er erwachsen war und sein Leben von Gott in Beschlag genommen wurde, dieses Lied umgedichtet und statt des Wortes „Sonne“ „der HERR“ eingesetzt. Warum? Weil er inzwischen wusste, dass es Dunkelheiten und Finsternisse gibt, die auch durch den hellsten Sonnentag nicht vertrieben werden. Weil er die Tiefen von Bosheit und Gottlosigkeit, Schuld und Verlorenheit kennengelernt hatte. Weil er allem erdenklichen und unausdenkbaren Bösen begegnet war: Krieg und Vertreibung, Gewalt und Elend, Flucht, Hunger und Tod.
Da hilft die Sonne allein nicht mehr! Nein, ein größeres, stärkeres, helleres Licht muss her. Nur dann kann ein neuer Tag des Heils anbrechen. Dieses größere Licht hatte Jesaja gesehen. Als er einen Blick in den Thronraum Gottes tun konnte, wurde alles ins rechte Licht gerückt. Er sah Gott als souveränen Herrscher, ihn, den Herrn, als Richter und König auf dem Thron, aber auch als Erbarmer und Erlöser.
Und dann sah er, dass dieser Gott, dieser Herr, der sich seinem Volk und dem Einzelnen zuwendet, über ihnen erscheint wie das Licht der Sonne. Das Erstaunliche ist, dass Gott uns Menschen nahe kommt. Er ist und bleibt der ewige Weltenlenker und ist doch auch unser Heiland und Freund. Kein Wunder, dass Jesaja dieses freudige Loblied auf ihn singt, auf den Herrn, dessen Wahrheit und Liebe heller strahlen, als jede Sonne es kann.
11. JANUAR
Keine bloße Erscheinung
Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.
1. JOHANNES 3, 8B
Als Sprachwissenschaftler beschäftige ich mich mit der Wirkung von Worten. Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich sie klingen. Das Wort „Erscheinung“ wirkt auf den ersten Blick wie ein schwaches Wort. Eine Erscheinung ist irgendwie unkonkret und unbestimmt. Jedenfalls berührt mich dieses Wort nicht so stark wie zum Beispiel die Worte „Schokolade“, „Ringkampf“ oder „Liebeslied“.
Doch die Erscheinung, von der Johannes hier spricht, ist keine blasse, farblose Theorie. Ganz im Gegenteil, sie ist ein unvergleichliches Geschehen. Ein Ereignis, das alles verändert: Gott selbst kommt in unsere Welt.
Als Jesus auf die Erde kam, war das zunächst ziemlich unscheinbar. Jesus, das Baby in einer Krippe, geboren von einer jungen Frau auf einer Reise. Niemand hätte das besonders bemerkt. Doch Jesus, der Mann, tat dann unglaubliche Dinge: Blinde konnten wieder sehen, Gelähmte gehen, vom Aussatz Gezeichnete wurden gesund. Für viele war das sicher das größte Wunder: Menschen, die von Dämonen geplagt waren, wurden frei. Sie konnten ihr Leben wieder in die eigene Hand nehmen. Die bösen Geister hatten keine Macht mehr über sie. Alle konnten es sehen: „Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels zerstöre.“
Doch Jesus vertrieb nicht nur böse Geister aus einzelnen Menschen, sondern überwand die Quelle des Bösen, den Teufel selbst. Am Kreuz und in der Auferstehung wurde das endgültig wahr, was in seinen machtvollen Taten schon aufleuchtete: Jesus ist erschienen, um die Werke des Teufels grundlegend zu vernichten.
Wer in seiner Nachfolge lebt, wird sich deshalb beherzt gegen die Werke der Finsternis stellen, gegen Lüge, Ausbeutung, Ungerechtigkeit und Gesetzlosigkeit. Weil Jesus den Sieg über das Böse erkämpft hat, können wir uns frei von Furcht vor bösen Mächten und voller Vertrauen einsetzen für Gottes gute Herrschaft in der Welt.
12. JANUAR
Was wirklich wesentlich ist
Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.
2. KORINTHER 5, 17
Was sich wie hohe Theologie anhört, steht in einem ganz praxisorientierten Zusammenhang. Die Christen in Korinth hatten viele Fragen. Wie können wir die Botschaft von Jesus weitersagen? Was ist unser Auftrag als Nachfolger von Jesus? Was sollen wir weitergeben, was und wie sollen wir verkündigen?
Doch hinter den Fragen standen massive Konflikte. Die Christen in Korinth kamen aus ganz unterschiedlichen Hintergründen. Unter ihnen fanden sich Juden, einheimische Griechen und auch Zuwanderer aus allen Teilen des römischen Reichs. Freie Bürger und Leibeigene, Reiche und Arme gehörten dazu. Gemeinsam wollten sie ihren Glauben in ihrer Umgebung leben. Doch vieles war unter ihnen noch ungeklärt, und es gab Streit über viele Fragen.
Paulus, der die Gemeinde in Korinth gegründet hatte, geht auf ihre Fragen ein. Eine nach der anderen beantwortet er. Doch immer wieder lenkt er den Blick auf das Wesentliche, auf das, was wirklich wichtig ist. Deshalb finden sich mitten in den praktischen Ratschlägen ganz grundsätzliche Aussagen, geistliche Spitzensätze. Man spürt, wie es aus Paulus hervorbricht. Es ist, als wolle er die Korinther mit einem Trompetenstoß aufwecken. In allem, was euch beschäftigt, vergesst nicht die großartige Tatsache: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden!“
Paulus will den Christen in all ihren Fragen dieses Eine ganz klarmachen: Ihr seid Teil der neuen Schöpfung Gottes. Wer das begriffen hat, kann sich auch mit den Einzelfragen beschäftigen. Und dann auch Antworten finden. Gott hat uns in Jesus zu neuen Menschen gemacht. Das klärt noch nicht alle Fragen. Aber es gibt uns die Grundlage, auf der unser Leben gelingt – als Einzelne und als Gemeinschaft.
13. JANUAR
Neu denken
Darum … verändert euch durch die Erneuerung eures Denkens!
RÖMER 12, 1
Im Denken fängt es an. Das Gute wie das Böse. Je nachdem, wie wir denken, gestalten wir unser Leben. Was wir tun, wie wir Menschen beurteilen, wie wir sprechen, was wir unterlassen – alles hängt an dem, was wir denken.
Ohne die Erneuerung des Denkens bleibt unser Leben als Christ halbherzig, oberflächlich und gespalten. Diese geistliche Disziplin, diese innere Selbsterziehung, kann uns niemand abnehmen. Kein Pastor, kein Seelsorger und kein Gottesdienstbesuch können diese Arbeit stellvertretend für uns tun.
Neu denken, das ist die Aufgabe. Paulus spricht konkrete Einstellungen und Verhaltensweisen an, die die Christen im geistlichen Erziehungsprogramm angehen sollen. Statt zu lügen, sollen sie lernen, die Wahrheit zu sprechen. Statt sich vom Zorn beherrschen zu lassen, sollen sie lernen, ihren Zorn zu begrenzen. Statt zu stehlen, sollen sie einüben zu arbeiten, um auch andere unterstützen zu können. Statt Negatives zu reden, sollen sie zur Sprache bringen, was andere fördert und aufbaut. Statt Bitterkeit, Wut, Zorn und negativen Gedanken und Gefühlen Raum zu geben, sollen sie lernen, anderen gegenüber gütig zu sein und einander zu vergeben.
Darum geht es in der Erneuerung des Denkens. Paulus wollte Menschen nicht nur oberflächlich bekehren. Nein, nach der grundlegenden Hinwendung zu Jesus musste ein ganzes Lernprogramm folgen, ein geistliches Training. Diese Disziplin des neuen Lebens führt vom erneuerten Denken zu neuem Reden und Handeln und schließlich auch zu neuen Gefühlen. Denn wer positiv über den anderen denkt, gut über ihn redet und versucht, ihm Gutes zu tun, bei dem ändern sich auch die Gefühle dem anderen gegenüber zum Guten.
Paulus wollte keine geistlichen Babys produzieren. Sein Ziel war, dass die jungen Christen sich zu geistlich reifen Persönlichkeiten entwickeln durch die Erneuerung ihres Denkens. Genau das brauchen wir auch heute.
14. JANUAR
Askese, die sich lohnt
Die Frucht des Geistes ist Liebe, Friede, Freude, Geduld, Freundlichkeit, Gerechtigkeit, Glaube, Sanftmut und Keuschheit.
GALATER 5, 22
Keuschheit. In unserer Zeit ein sperriges Wort. Wir können es auch als Selbstbeherrschung, Enthaltsamkeit oder Askese übersetzen. Die Grundbedeutung ist: Sich im Griff, sich in der Gewalt haben. Doch diese Begriffe sind ja nicht unumstritten. Häufig regen sie unter Christen zu heftigem Widerspruch an: „Wir leben doch von der Gnade! Wir müssen uns doch Gottes Annahme nicht mehr verdienen!“
Natürlich stimmt das. Gottes Gnade wird uns umsonst geschenkt. Seine Liebe gilt ohne jede Vorbedingung. Sie erschließt sich uns im einfachen Glauben, im Vertrauen auf das, was Gott in Jesus für uns getan hat. Gottes Gnade ist und bleibt die Grundlage für alles.
Doch ist das wirklich ein Argument gegen geistliche Lebensordnungen? Gegen das Einüben geistlicher Gewohnheiten, gegen Askese im Sinn von Konzentration auf Gott? Im Sudan habe ich ein eindrückliches Bild gesehen: Wenn das Wasser vom Nil hochgepumpt wird, kommt es zuerst in einen einfachen, aus dem Erdreich aufgeschütteten Kanal, in dem es weite Strecken fließt, bis es zu dem Feld gelangt, das es bewässern soll. Wenn dieser Kanal nicht da wäre oder zu viele undichte Stellen hätte, würde das Wasser nie an seinem Bestimmungsort ankommen.
Es stimmt: Das Wasser ist das Geschenk, das wir uns nicht erarbeiten können. Doch es braucht einen Kanal, um am Ziel anzukommen. In diesem Sinne richtet auch geistliche Konzentration unser Leben auf ein Ziel aus. Askese und Maß halten hängen mit unseren Prioritäten zusammen. Was ist uns wirklich wichtig? Was ist so bedeutsam, dass wir dafür andere Möglichkeiten bewusst ausschalten? Jesus hat einmal seinen Jüngern eine solche Zielvorgabe gegeben: „Trachtet zuerst nach Gottes Reich und nach seiner Gerechtigkeit!“ (Matthäus 6, 33)
Es gibt kein geistliches Leben ohne Askese, ohne Verzicht. Nur wenn ich auf manches verzichte, finde ich die Zeit, mich für andere einzusetzen. Nur durch bewusste Entscheidung und Konzentration finde ich Zeit und Kraft für meine Familie, für Freunde und für das Zwiegespräch mit Gott.
15. JANUAR
Ein ungewöhnlicher Wunsch
Ihn möchte ich erkennen und die Kraft seiner Auferstehung und die Gemeinschaft seiner Leiden, indem ich seinem Tod gleichgestaltet werde.
PHILIPPER 3, 10
Das Ziel, das Paulus nennt, scheint seltsam. Er wünscht sich zu leiden? Das klingt ungewohnt, ja vielleicht sogar krankhaft. Wie kann er das meinen? Was ist seine Sicht vom Leiden? Wenn wir genau hinschauen, verstehen wir Paulus besser.
Erstens: Seit Jesus am Kreuz gelitten hat, hat das Leiden eine ganz neue Qualität. Durch sein Sterben und Auferstehen hat er den Totalitätsanspruch des Negativen aufgehoben. Leiden und Tod verlieren für Christen den Schrecken, weil wir wissen, dass Jesus, der Auferstandene, am Ende den Sieg davonträgt. Darüber jubelt Paulus: „Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg?“ (1. Korinther 15, 55)
Zweitens: Leid gehört zu unserem Leben dazu. Auch Christen sind nicht aus Krankheit, Schmerzen, Enttäuschung, Trauer, Angst und Verzweiflung herausgenommen. Aber weil Jesus in das Leiden gegangen ist, wird auch unser Leiden angestrahlt von seinem erlösenden Leiden. Unser Leiden ist hineingenommen in die Gemeinschaft mit Jesus. Deshalb können wir Ja sagen zum Leiden. Jedes Leiden, auch das scheinbar willkürliche, kann zu einer Quelle der Kraft werden, wenn es in der Verbundenheit mit Jesus getragen wird.
Drittens: Wir brauchen uns das Leid nicht selbst zu suchen. Nicht das Leiden an sich, aber auch nicht das Erleben der Kraft Gottes an sich sind endgültiges Ziel für uns Christen. Beides gehört dazu. In beidem geht es um die Identifikation mit Jesus. Um das Nachbuchstabieren seiner Botschaft, um das Nachstolpern seines Weges. Die Gemeinschaft mit dem Gekreuzigten ist ein Ziel, das es wert ist, dass wir uns ganz darauf ausrichten.
Und so bleibt die Zuversicht: Alles, was uns begegnet – Kraft und Schwachheit, Erfolg und Versagen, Leben und Tod –, kann uns nur noch stärker verbinden mit Jesus, der Alles in Allem ist.
16. JANUAR
Worte, die das Leben erneuern
Wenn ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.
JOHANNES 8, 31 - 32
Es war die Aufgabe der Jünger von Jesus, seine Aussagen auswendig zu lernen und sie zu verstehen. So taten es damals alle Schüler. Da die meisten keine Bücher besaßen, versuchten sie, sich alle Lerninhalte einzuprägen. Am Ende ihrer Ausbildung konnten sie lange Texte fehlerfrei aus dem Gedächtnis wiedergeben.
Um dieses Auswendiglernen zu erleichtern, gab es verschiedene Methoden. Meist erklärte der Rabbi ein Thema und fasste am Ende das Gesagte noch einmal in einem Merksatz zusammen. Das sehen wir auch bei Jesus. Die Bergpredigt enthält genau diese kurzen, auf das Wesentliche reduzierten Merksätze.
Die Evangelien sind voll von solchen verdichteten, zugespitzten Aussagen von ihm. Seine Schüler lernten sie auswendig und konnten sie Jahre später noch genau wiedergeben. Deshalb sind die Aussagen in den Evangelien verlässlich. In ihnen sind die wirklichen Worte von Jesus überliefert.
Ein Jünger lernte die Lehraussagen seines Meisters auswendig. Wenn wir heute Schüler von Jesus sein wollen, sollten wir das genauso halten. Natürlich sind wir in einer anderen Situation als damals. Jeder von uns hat zumindest eine Bibel. Aber die Frage ist, was wir damit tun. Es kommt darauf an, dass die Worte von Jesus wirklich in uns Raum haben, in unserem Denken und in unserem Herzen. Das ist ein Training, das das ganze Leben umfasst.
Das ist unsere Herausforderung: Dass wir die Worte von Jesus in uns bewahren. Dass wir „in seinen Worten bleiben“. Das ist in Wirklichkeit keine lästige Pflicht. Denn die Worte von Jesus sind voller Kraft und Wahrheit. Was Jesus seinen Nachfolgern als Wegweisung anvertraut, eröffnet den Weg zu einem Leben voller Freude und Liebe. Jesu Worte erneuern unser Leben und zeigen uns den Weg zur Freiheit.
17. JANUAR
Kein schönes Gebet
Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.
PSALM 22, 3
Nein, das ist kein schönes Gebet. Es eignet sich nicht für erhabene Augenblicke im Gottesdienst. „Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht, und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.“ Resignation liegt in diesen Worten, ja, Verzweiflung. Wie eine Endabrechnung mit Gott, so klingen sie. Es bringt ja doch nichts, zu beten, zu schreien, zu hoffen. Du, Gott, schweigst! Da ist keine Antwort, die in meine Nacht hinein zu hören ist.
Dass der Psalmbeter, David, nun nicht seinerseits das Gespräch abbricht, muss einen Grund haben. Es ist sicher nicht seine Glaubensstärke und auch nicht, dass er seine Worte nicht so ernst meint oder seine Verzweiflung nur vorspielt. Seine Klage kommt aus tiefstem Herzen. Er ist vollkommen am Ende: „Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, ein Spott der Leute und verachtet vom Volke. Alle, die mich sehen, verspotten mich, sperren das Maul auf und schütteln den Kopf.“ (Psalm 22, 6) So klagt er. Er ist umgeben von Feinden, ausgeliefert, unfähig, sich selbst zu verteidigen.
Doch etwas hält ihn in aller Verzweiflung. Es ist die Erfahrung, die sich in den beiden Eingangsworten ausdrückt: „Mein Gott!“ Das bleibt, wenn nichts mehr bleibt: Die Gewissheit, dass allem Anschein zum Trotz Gott sein Gott ist. Mitten in der Angst, ja in der Todesnot, ist Gott noch da.
Kein Wunder, dass Jesus am Kreuz diesen Psalm betete. Auch in der Todesnot blieb Gott, sein Vater, sein Gott. So ist dieses Gebet ein Zeugnis von Vertrauen und Zuversicht mitten in der größten Verzweiflung.
Der ganze Psalm ist ein alttestamentlicher Blick auf Jesus. Jesus ist es, der in allem Leiden und sogar durch den Tod hindurch an Gott festhielt. Er ist es, der durch seine Auferstehung neues Leben in die Welt brachte. Seit er den Tod überwunden hat, können auch wir Hoffnung haben in den Todesnächten unseres eigenen Lebens.
18. JANUAR
Lernen und lehren
Die da lehren, werden leuchten wie des Himmels Glanz, und die viele zur Gerechtigkeit weisen, wie die Sterne des Himmels für immer und ewig.
DANIEL 12, 3
Lehrer sind ja nicht überall beliebt. Fast jeder hat Geschichten über seine Lehrer zu erzählen. Gute und weniger gute, witzige und seltsame. Aber auch ermutigende. Viele erinnern sich voller Dankbarkeit an manche Lehrer, die sie geprägt haben. Und selbst da, wo nicht so gute Erfahrungen mit Lehrern erzählt werden, lebt die Vorstellung, dass Lehrer eigentlich all dieses sein sollten: Vorbilder und Wegweiser, Wissensvermittler und Wegbegleiter, Mentoren und Förderer, ja sogar, wenn möglich, Freunde. Da, wo Lehrer das wollen und anstreben, und auch, wenn es nicht immer gelingt, ist ihr Lohn Dankbarkeit und Anerkennung.
Es gibt sie, die Sehnsucht nach Lehrern, die andere „zur Gerechtigkeit weisen“. Auch heute suchen gerade junge Leute nach solchen Vorbildern, nach Menschen, die sie an die Hand nehmen und die durch ihr Vorbild und ihre Worte zeigen, wie das Leben gelingen kann.
Wir haben die Chance und den Auftrag, solche Menschen zu werden. Als Nachfolger von Jesus, als seine Jünger. Schüler von Jesus zu sein und von ihm zu lernen ist der Weg, auf dem wir selbst Durchblick auf das bekommen, was wirklich zählt. Unser Denken, unser Handeln und auch unser Fühlen werden erneuert, wenn wir Jesus zu unserem Lebensmeister machen, wenn wir uns ihn zum Lehrer und Vorbild nehmen.
Von Jesus zu lernen, das ist ein lebenslanger Prozess. Dazu braucht es das immer neue Studium der Evangelien, die uns sein Leben vor Augen führen. Wenn wir seine Worte und seine Werte in uns aufnehmen und uns darum bemühen, sie in unserem Leben umzusetzen, dann können wir auch selbst zu glaubwürdigen Vorbildern und Lehrern werden. Zu Menschen, die nicht nur angelesene Weisheiten von sich geben, sondern das anderen weiterschenken, was für sie selbst zum Weg des Lebens geworden ist.
19. JANUAR
Wahrer Reichtum
Ihr sollt euch nicht Schätze sammeln auf Erden, wo sie die Motten und der Rost fressen und wo die Diebe einbrechen und stehlen. Sammelt euch aber Schätze im Himmel, wo sie weder Motten noch Rost fressen und wo die Diebe nicht einbrechen und stehlen. Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.
MATTHÄUS 6, 19 - 21
Hunderte Menschen hatten sich um Jesus versammelt. Gespannt lauschten sie seinen Worten. Wir können sie heute noch lesen, in der Bergpredigt. Jesus sprach über das Leben. Über das alltägliche und über das ewige Leben. Darüber, wie unser Leben gelingen kann. Er sprach von Hoffnung und Freiheit, von Glaube und Liebe. Mittendrin sprach er auch über Geld: „Wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz.“
Es geht Jesus um unser Herz. Denn da fängt alles an. Das Herz, das bedeutet das Zentrum des Menschen, unser Fühlen, Denken und Wollen. Woran denken wir am meisten? Worum machen wir uns Sorgen? Wonach streben wir? Eine ehrliche Antwort zeigt uns, was uns wirklich wichtig ist.
„Geld regiert die Welt.“ Dieser Satz gründet auf Erfahrung. Geld regiert das Leben vieler Menschen. Egal, ob sie Geld haben oder nicht. Das Streben nach Geld und die Sorge um Geld können uns gleichermaßen im Griff haben. Doch die Gleichsetzung von Reichtum und Glück erweist sich als trügerisch. Nicht die Geldmenge, die wir besitzen, entscheidet darüber, ob wir unglücklich oder glücklich sind, sondern welchen Stellenwert das Geld in unserem Leben hat.
Jesus warnt nicht nur davor, dass wir uns vom Streben nach Reichtum bestimmen lassen, sondern zeigt uns auch einen neuen Weg. Den neuen Schatz, nach dem es sich zu streben lohnt. Dazu braucht es eine Erneuerung unseres Herzens durch sein Wort. Bei Jesus finden wir einen anderen Schatz: Reichtum der Liebe und der Hoffnung. Genug, um davon weiterzugeben. Und um dabei zu entdecken, dass wir immer mehr zurückbekommen, als wir weggeben.
20. JANUAR
Thora statt Torheit
Die Vorschriften des HERRN sind zuverlässig und geben Weisheit den Unverständigen.
PSALM 19, 8
„Thora statt Torheit!“ Mit diesem etwas gewagten Wortspiel könnte man die Aussage aus Psalm 19 überschreiben. Es geht um das Lob der Thora. Mit dem hebräischen Wort Thora sind alle Gebote, Vorschriften und Wegweisungen umfasst, die in den fünf Büchern Mose enthalten sind. Der Psalmbeter preist die Thora, die Wegweisung Gottes, mit immer neuen Vergleichen. Die Thora gibt uns Kraft. Sie macht uns weise und zeigt uns den Weg, auf dem unser Leben gelingt.
Doch passt diese Aussage noch in unsere Zeit? Die wenigsten Menschen suchen in den Gesetzen des Alten Testaments eine Quelle für Lebensenergie. Viele Menschen sehen in den Geboten eher Einschränkungen. Gottes Gebote und gelingendes Leben – diese Begriffe packen wir nicht in die gleiche Kategorie.
Einer der Gründe dafür liegt in unserer geistesgeschichtlichen Tradition. Die große Wiederentdeckung der Reformation, dass Gott uns aus Gnade rechtfertigt, ist tief in unser Bewusstsein eingegraben. Und das ist gut so. Doch die Kehrseite dabei ist, dass viele denken, dass damit die Gebote Gottes nicht mehr so wichtig seien. Doch das ist ein Missverständnis. Wir dürfen Gottes Gnade nicht dazu benutzen, seine Gebote auszuhebeln. Gottes Gnade will uns dazu befreien, dass wir von ganzem Herzen, nicht aus Furcht oder Zwang, seine Gebote halten.
So bleibt es bestehen: Gottes Gebote zeigen den Weg zu einem gelingenden Leben. Dabei wissen wir: Der Rücken ist frei. Gottes Gnade, seine Vergebung, seine Liebe, trägt uns, auch wenn wir versagen. Denn das ist der tiefste Sinn der Thora: Sie weist uns auf Jesus hin, den Erlöser. Er hat das Gebot Gottes vollkommen erfüllt. So können wir frei und ohne Furcht leben. Wir sind nicht Knechte Gottes, die in Angst leben müssten, ja nichts falsch zu machen. Durch Jesus sind wir seine geliebten Kinder, die an seiner Hand auf seinen guten Wegen gehen können.
21. JANUAR
Eine Stimme für Gottes Botschaft
Des HERRN Wort geschah zu mir: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: „Ich bin zu jung“, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.
JEREMIA 1, 4 - 8
Es war keine leichte Zeit, in der Jeremia aufwuchs. Das spiegelt auch sein Name wider. Jeremia heißt: „Der Herr möge sich erbarmen!“ Gott hatte eine besondere Berufung in ihn gelegt. Ob Jeremia sich das gewünscht hatte, ist nicht klar. Auf jeden Fall ist es etwas Besonderes, wenn ein junger Mensch so deutlich wahrnimmt und versteht, was Gott von ihm möchte.
Wie Jeremia Gottes Reden hörte, wird nicht erzählt. Doch das ist klar: Jeremia soll seine Stimme erheben. Er soll als Botschafter Gottes, als sein Sprachrohr, die Menschen seiner Zeit ansprechen. Er soll ihnen sagen, was bei ihnen falsch läuft, und sie zu Gott zurückrufen. Keine leichte Aufgabe für den jungen Jeremia. Eine große Verantwortung liegt auf ihm. Doch Gott traut es ihm zu. Wie jung oder alt jemand ist, spielt für Gott keine Rolle. Er sucht Leute, die bereit sind, ihre Stimme zu erheben und das, was sie begriffen haben, weiterzusagen. Jeremia war dazu bereit. Wie steht es mit uns heute?
Auch damals nahmen nur wenige die Botschaft ernst. Doch Jeremia sagte Ja zu Gottes Auftrag. So erhob er seine Stimme laut und deutlich. Er stand auf für Gottes Wort und veränderte dadurch die Geschichte. In allen Anfeindungen erlebte er, wie Gott ihm beistand. Darauf konnte er sich verlassen. Das trug ihn durch: „Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.“
22. JANUAR
Der Name ist Programm
Ich werde sein, der ich sein werde.
2. MOSE 3, 14
Mose hatte in einer Gefühlsaufwallung einen Menschen ermordet und floh daraufhin aus Ägypten. Vier Jahrzehnte lebte er in der Wüste. Dann erlebte er eine neue Berufung. Gott begegnete ihm auf eindrückliche und einzigartige Weise. Im Wunder des brennenden Dornbuschs erkannte er das Reden Gottes. Der Auftrag, den er erfährt, war gewaltig. Wie kann er ihn ausführen? Wie konnte er seine Landsleute überzeugen, dass Gott ihn wirklich beauftragt hatte? Was ist der Name Gottes, unter dem sie ihn anrufen können? Wer ist Gott für sie? Und für Mose persönlich?
Eine neue Aufgabe braucht eine neue Vergewisserung. So fragt Mose den, der ihn ruft, nach seinem Namen. Die Antwort, die er bekommt, ist mehr als merkwürdig. „Ich werde sein, der ich sein werde.“ Oder auch: „Ich bin der, der ich bin!“
Ein seltsamer Name! Wie sollen wir ihn verstehen? Ist er eine Offenbarung – oder nicht doch eine Verhüllung? Gibt Gott sich Mose in die Hand, macht er sich ansprechbar, oder verbirgt er mit diesem geheimnisvollen Namen nicht seine Identität?
Die alten Völker glaubten, dass sie mit dem Namen das Wesen erfassen und den so Benannten damit dingfest machen konnten. Dasselbe glaubten sie in Bezug auf die Götter. Den Namen zu kennen bedeutet, Macht zu haben über den Genannten.
Auch Mose will Gott dingfest machen. Doch der Name, der ihm gegeben wird, ist keine dingliche Beschreibung, sondern eine Zusage. „Ich werde sein, der ich sein werde!“ Ob die Zusage stimmt, wird sich in Zukunft erweisen. Das ist das Wagnis, das Mose eingehen muss, und mit ihm das ganze Volk.
Gott: Sein Name ist Programm. Er ist keine leere Theorie, kein stummer Götze, keine philosophische Idee. Er ist der Lebendige, der Gott der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft. Er ist der Gott, der mit seinem Volk ist und sein wird. Alle Tage, bis an der Welt Ende. Weil Mose darauf vertraute, ging er zurück nach Ägypten und führte das Volk in die Freiheit.
23. JANUAR
Reden ist Silber. Richtig reden ist Gold.
Redet, was gut ist und erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören!
EPHESER 4, 29
Der Vers erinnert an die drei Siebe, die der Philosoph Sokrates einmal als Regeln zum richtigen Reden genannt haben soll: „Ist es wahr? Ist es hilfreich? Ist es nützlich?“
Hier, in den Ratschlägen von Paulus, hört sich das ähnlich an. In diesem einen Satz findet sich eine ganze Ethik des Redens. Die Frage, wie wir richtig reden können, spielt im Neuen Testament eine große Rolle. So ermahnt Jakobus: „Ein Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn!“ (Jakobus 1, 19)
Dass wir reden müssen, ist klar. Wir können die Gedanken anderer Menschen nur in Ausnahmefällen erahnen. Reden ist eine Grundform menschlicher Kommunikation. Es ist schlimm, wenn jemand die Fähigkeit zum Reden verliert, z. B. durch einen Schlaganfall. Und wie mühsam ist es, wenn wir in einem fremden Land keine gemeinsame Sprache haben, mit den Menschen dort zu sprechen.
Reden ist notwendig. Und dennoch ist auch jedes Reden gefährdet. Immer besteht die Gefahr, dass wir einander missverstehen oder aneinander vorbeireden. Worte können missbraucht werden, um andere zu manipulieren und Macht auszuüben.
Jesus redete mit Vollmacht (Matthäus 7, 28). Das erstaunte die Menschen. Auch die Männer der Tempelwache sagten das: „Noch nie haben wir einen Menschen so reden hören!“ (Johannes 7, 40) Sie sollten Jesus gefangen nehmen und kamen doch unverrichteter Dinge zurück, verändert durch die Macht seiner Worte.
Wie sollen wir also reden? Paulus nennt hier vier statt nur drei Regeln: „Redet, was gut ist und erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören.“ Das sind Maßstäbe, die sich an Jesus orientieren. Unser Reden soll gut, aufbauend, auf das Nötige konzentriert sein und vor allem anderen Segen bringen. Solches Reden ist wirklich mehr wert als Silber und Gold.
24. JANUAR
Von Herzen angenommen?!
Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob!
RÖMER 15, 7
Wer kennt sie nicht, Menschen, in deren Nähe man sich grundsätzlich wohlfühlt? Menschen, die uns das Gefühl geben, einfach angenommen und geliebt zu sein? Meine Tante Charlotte war so ein Mensch. Impulsiv, herzlich, engagiert, manchmal laut, aber auf jeden Fall fröhlich und zugewandt. Sie war jemand, die mit ihrem ganzen Leben ausdrückte, wovon unser Vers spricht.
Wie kommt es eigentlich, dass der eine Mensch Herzlichkeit und Annahme ausstrahlt und ein anderer eher Kritik und Kontrolle? Dieser Satz von Paulus enthält eine Antwort auf diese Frage. Er zeigt auch, wie wir von der einen zur anderen Einstellung wechseln können: Die Erfahrung, selbst angenommen zu sein, befähigt uns dazu, andere annehmen zu können.
Das war bei meiner Tante der Fall. Schon ihr Vater war ein zutiefst annehmender Mensch. Dabei war sein Leben nicht einfach. Als Zweitgeborener ging die väterliche Mühle nicht an ihn. Seine Frau, Erbin eines Bauernhofs, starb in jungen Jahren an Tuberkulose. Er blieb mit zwei kleinen Kindern zurück. Den Hof konnte er nicht allein bewirtschaften und verkaufte ihn auf Anraten von Verwandten, um in der Stadt ein neues Leben aufzubauen. Die Inflation der zwanziger Jahre des 20. Jahrhunderts fraß alles Geld auf. Als ungelernter Arbeiter fand er eine Anstellung in Duisburg bei Thyssen. Dort lernte er seine zweite Frau kennen, meine Großmutter. Seine Kinder aus der ersten Ehe starben beide, als sie Mitte zwanzig waren. Auch das trug und ertrug mein Großvater und blieb ein positiver Mensch. Die Kraft dafür fand er im Glauben an Jesus Christus.
„Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zum Lob Gottes!“ Die Gewissheit, von Gott angenommen zu sein, war für meine Tante, meinen Onkel, meine Großeltern und Eltern die tragende Grundlage ihres Lebens. Auf dieser Grundlage kann auch ich immer wieder einüben, mich selbst und andere anzunehmen.
25. JANUAR
Der Weg des Friedens
Gott richte unsere Füße auf den Weg des Friedens!
LUKAS 1, 79
Die Sehnsucht nach Frieden verbindet Menschen über alle Grenzen hinweg. Das wünschen wir uns: Frieden mit den Nachbarn, Frieden innerhalb der Familie, Frieden zwischen den Völkern, Frieden im eigenen Herzen.
Im Namen des Friedens werden Lieder gedichtet und Konferenzen abgehalten. Für den Frieden schließen sich Aktionsgruppen zusammen und werden Resolutionen verfasst. Im Namen des Friedens werden Kriege geführt, um, wie man sagt, dauerhaften Frieden zu ermöglichen.
Die Suche nach Frieden bewegt die Menschheit seit jeher. Und doch ist dauerhafter Friede gefährdet. Immer wieder brechen Konflikte auf, die zu Kämpfen führen und sich manchmal zu weltumspannenden Krisen ausweiten. Das 20. Jahrhundert, am Anfang als Goldenes Zeitalter besungen, entpuppte sich als eines der grausamsten in der Menschheitsgeschichte. Und auch in unserem 21. Jahrhundert ist es nicht weit her mit dem Frieden.
Woher rührt die Neigung von uns Menschen, den Streit zu suchen, wo Versöhnung doch der bessere Weg wäre? Woher stammt unser Bemühen, recht haben und recht behalten zu wollen? Und wie wird Frieden möglich, trotz allem?
Auch in der Bibel ist der Frieden ein wichtiges Thema. Schonungslos berichtet sie von Kriegen und Vernichtung. Sie erzählt, wie Menschen einander von Anfang an bekämpften und umbrachten. Die Bibel zeigt aber auch Wege zur Gerechtigkeit und zum Frieden. Sie zeigt uns, wie Friede möglich wird, weil Gott selbst Frieden und Versöhnung schenkt.
Die Bibel ermutigt uns zu einem Leben im Frieden. Wir sollen nach dem Frieden trachten und darum beten. Denn Gott allein kann bleibenden Frieden schaffen. Wer sich nach Frieden sehnt, kommt nicht an Jesus, dem Friedefürsten, vorbei: „Er ist unser Friede.“ (Epheser 2, 14) Er hat ganz auf Gewalt verzichtet und sein Leben am Kreuz gegeben. Er ist es, der unsere Füße auf den Weg des Friedens richtet.
26. JANUAR
Das Geschenk der Gerechtigkeit
Gerechtigkeit erhöht ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben.
SPRÜCHE 14, 34
Gott liebt das Recht. Er selbst ist gerecht und erwartet von seinem Volk Gerechtigkeit. „Gerechtigkeit erhöht ein Volk … “ Das biblische Denken ist ganzheitlich. So ist auch Gerechtigkeit in der Bibel nie losgelöst zu verstehen. Gerechtigkeit und Frieden hängen eng zusammen und damit verbunden Gottesfurcht und Recht.
Gerechtigkeit ist mehr als Chancengleichheit oder bloße Umverteilung von Gütern. Sie hat ihre Wurzel in der Gottesbeziehung und wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus. Gott will Gerechtigkeit, gerade im Leben der Menschen, die sich auf ihn berufen. Er ist ein Gott, der das Recht der Armen schützt und sie vor der Willkür der Reichen bewahrt. Wer mit Gott leben will, muss deshalb auch gerecht leben. So bedeutet das Wort „gerecht“ im Hebräischen auch „fromm“ und „gottesfürchtig“.
Im Neuen Testament wird das Thema Gerechtigkeit noch grundlegender angesprochen. Kann ein Mensch aus eigener Kraft überhaupt gerecht leben? Die Wirklichkeit unseres Lebens zeigt: Kein Mensch ist ganz gut oder gerecht. Nicht nur unsere Worte und Handlungen, sondern auch unsere innersten Motive sind von Selbstsucht und Egoismus gekennzeichnet. Paulus macht deutlich: Wir sind angewiesen auf Gottes Vergebung. Wir können nicht auf unsere eigene Gerechtigkeit vertrauen, sondern darauf, dass er uns seine Gerechtigkeit zueignet durch Jesus, der allein ohne Sünde war (Römer 3, 20 - 24).
Dass Gott uns durch Jesus aus Gnade gerecht spricht, soll aber nicht dazu führen, dass wir unser Leben einfach so führen, wie es uns gerade einfällt. Vielmehr führt uns das Geschenk der Gnade, die Gabe der Gerechtigkeit, die Gott uns zurechnet, dazu, unsererseits danach zu streben, gerecht zu leben. So sollen wir Gottes guten Willen in unserem Leben widerspiegeln, so dass er geehrt wird. (Matthäus 5, 11 - 16)
27. JANUAR
Gottes gute Forderungen
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist, und was der HERR von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten, Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.
MICHA 6, 8
Darf Gott das? Das könnte die erste Frage sein, die wir uns beim Hören dieses Bibelwortes stellen. Darf Gott, der Herr, etwas fordern? Sicher werden manche das verneinen. Wer ist Gott, dass er mir etwas zu sagen hätte? Gibt es ihn überhaupt?
Der Prophet Micha redet zunächst einmal zu den Menschen, die Gott als ihren Herrn anerkennen. Sie, die Angehörigen des Volkes Israel, stehen in einer besonderen Beziehung zu ihm. Diese Zugehörigkeit bringt zugleich besondere Verpflichtungen mit sich. Gottes Volk zu sein bedeutet, sich auch nach Gottes Willen zu verhalten.
Daran erinnert Micha die Israeliten seiner Zeit: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist, und was der Herr dein Gott von dir fordert … “ Darf Gott etwas von seinem Volk fordern? Ja, das darf er. Und zwar aus zwei Gründen. Erstens, weil er Israels HERR ist, der Befreier und Erlöser, der sich mit ihnen für immer verbindet als ihr Gott. Und zweitens, weil das, was er fordert, nichts Willkürliches ist, sondern wahrhaft gut und lebensfördernd. So hat sich Gott gezeigt: Als Gerechter und als Helfer, barmherzig, treu, verlässlich, gütig, gnädig. Er, der wahre Gott, ist ganz anders als die Götter der Völker. Er verlangt keine Selbstverstümmelung und keine Kindesopfer. Was er fordert, ist etwas völlig anderes: Eine neue Herzenshaltung. Sein Volk soll „Gottes Wort halten“, „Liebe üben“, „demütig sein vor seinem Gott“. Gerechtigkeit, Güte, Demut. Diese Grundwerte spiegeln Gottes Wesen und Willen wider.
Um zu erkennen, was gut und lebensfördernd ist, brauchen wir die Bereitschaft, Gottes Wort ernst zu nehmen. Wir brauchen die Bereitschaft, es zu achten und zu beachten. Wir brauchen den Willen, ihm zu gehorchen und unser Verhalten von Güte und Demut prägen zu lassen: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist, und was der HERR von dir fordert … “
Was machen wir mit Gottes Forderungen, mit der Erwartung, die er an seine Leute hat? An der Antwort auf diese Frage entscheidet sich, ob unser Glaube echt ist und unser Leben seine Gerechtigkeit, Freundlichkeit und Güte widerspiegelt.
28. JANUAR
Hier und heute himmlisch leben
Dies Gebot haben wir von ihm, dass, wer Gott liebt, dass der auch seinen Bruder liebe.
1. JOHANNES 4, 21
Die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten gehören zusammen. Daran erinnert Johannes und beruft sich dabei auf Jesus: „Dieses Gebot haben wir von ihm … “ Es stimmt: Jesus hat seinen Jüngern deutlich gesagt, dass dies ihre Aufgabe ist. Noch am letzten Abend vor seiner Hinrichtung wusch er ihnen die Füße und sagte: „Ich habe euch ein Beispiel gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.“ (Johannes 13, 15) Glaube und praktische Liebe, Vertrauen auf Gott und Dienst für den Nächsten gehören zusammen.
Selbstverständlich ist das nicht für uns. Tief in der westlichen Kultur ist die Trennung zwischen Glauben und Leben verankert. Wir sehen unseren Glauben als Privatsache an. Doch Glaube ist immer eine Gemeinschaftssache. Zur Gottesliebe gehört die Nächstenliebe.
Gott ist Liebe! In diesem Satz bündelt sich die ganze biblische Offenbarung: Gott ist Liebe. Ganz und gar und uneingeschränkt. Gott ist von Ewigkeit her Liebe, unverbrüchlich und treu. In der Liebe sind Vater, Sohn und Heiliger Geist untrennbar und unteilbar verbunden. Das ist das Geheimnis der Dreieinheit Gottes.
Es ist unglaublich, aber wahr: Wir sollen eintreten in diese ewige Beziehung der Liebe. Nein, wir werden nicht zu Gott. Die Unterscheidung bleibt, da ist ein Abstand, der nicht überwunden wird. Aber wir können etwas widerspiegeln vom Wesen Gottes, das Liebe ist. Das tun wir, indem wir einander in Liebe begegnen.
Das bedeutet nicht, dass Christen keine Konflikte untereinander erleben. Auch Jesus hat nicht zu allem, was seine Jünger taten, Ja und Amen gesagt. Liebe kann auch konfrontativ sein. Dennoch bleibt die Frage, ob wir uns auch bei Meinungsverschiedenheiten um Liebe bemühen und unser Handeln danach ausrichten. Dann können wir schon hier und jetzt ein Stück Himmel auf der Erde erleben. Denn die Liebe ist die einzige Währung, die Bestand hat, in Zeit und Ewigkeit.
29. JANUAR
Leben im Licht
Wenn wir im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde.
1. JOHANNES 1, 7 - 9
Wahre Gemeinschaft mit Gott und untereinander entsteht nur, wenn wir heraustreten aus der Ecke, in die wir uns allzu oft zurückziehen. Wenn wir es wagen, in das Licht zu treten, weil Gott Licht ist. Ins Licht treten heißt ehrlich werden – vor uns selbst und vor den anderen. Das wagen wir nur, wenn wir tief im Herzen verstanden haben, dass Gott uns liebt, wirklich und persönlich und unbegrenzt, trotz unserer Fehler und unseres Versagens. Sein Licht ist nicht das Neonlicht einer ungemütlichen Amtsstube, sondern das wärmende Licht des Kaminfeuers, wo wir ganz zu Hause sein können und ganz geborgen sind.
Das ist das Ziel unserer Gemeinschaft mit Gott und untereinander: „Und das schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen sei.“ (1. Johannes 1, 4) Vollkommene, selbstvergessene Freude, wie bei einem großen Fest. Gemeinschaft mit Gott – das ist das Fest der Versöhnung, das Fest der Wiedereinsetzung als Söhne und Töchter. Es ist das Fest der Heimgekehrten, das Fest der Abgebrannten, die nichts zu bringen haben als sich selbst. Und die alles geschenkt bekommen. Die Vergebung und Annahme erleben, gerade, weil sie Sünder sind.
So öffnet das Eingeständnis unserer Schuld die Tür zu echter Gemeinschaft. Das kann direkt vor Gott geschehen. Aber tiefe Gemeinschaft zwischen Menschen entsteht, wenn wir es auch wagen, ins Licht vor andere zu treten und voreinander unsere Schuld zu bekennen.
Die Aussage am Anfang des ersten Johannesbriefs ist kein Gesetz und auch keine geistliche Leistung. In Wirklichkeit ist sie eine Einladung, ausgesprochen von einem, der selbst in das Licht Gottes getreten ist. Und der deshalb durchgebrochen ist zu echter und bleibender Gemeinschaft.
30. JANUAR
Das Geschenk der Beichte
Bekennt einander eure Sünden!
JAKOBUS 5, 16
Zum Leben im Licht, zum Leben des Christen in der Gemeinschaft, gehört die Beichte grundlegend dazu. Beichte bedeutet, dass ich ins Licht trete und Gott alles sage und benenne, was in mir ist. Mit Beichte ist kein Ritual gemeint, sondern, dass ich endlich schonungslos offen und ehrlich werden kann.
Beichte heißt, dass ich meine Sünden Gott in Anwesenheit eines anderen Christen bekenne. Und dass dieser Mitchrist mir die Vergebung zuspricht, die Gott uns in Jesus schenkt. Wichtig ist dabei: Nicht der andere vergibt die Sünden, sondern Gott hat sie schon vergeben. Aber der andere spricht mir zu, dass das auch für mich gilt. Der Zuspruch der Vergebung durch einen anderen kann in uns die Gewissheit der Vergebung stärken. So betont es Dietrich Bonhoeffer in seinem Buch „Gemeinsames Leben“: „Wie das Bekenntnis meiner Sünde dort vor dem Selbstbetrug entzogen wird, wo es vor dem Bruder geschieht, so ist auch die Zusage der Vergebung mir erst dort ganz gewiss, wo sie der Bruder mir im Auftrag und im Namen Gottes zuspricht.“
In der Beichte begegnen sich Sünder. Der, der die Beichte hört, steht nicht über dem, der seine Sünden bekennt. Aber er spricht dem anderen zu, dass Gott gern Sünden vergibt – aufgrund dessen, was Jesus getan hat. Gemeinsam mit dem, der seine Schuld bekennt, kommt er zum Kreuz und spricht ihm zu, was Johannes der Täufer über Jesus sagte: „Siehe, das ist Gottes Lamm, das der Welt Sünde trägt!“ (Johannes 1, 29). Er zeigt dem anderen das Kreuz.
Die Erfahrung der Beichte ermöglicht neue, echte, tiefe Gemeinschaft. Wer es wagt, sich vor einem anderen zu öffnen und seine Schuld offen auszusprechen, geht einen Schritt in Richtung Freiheit.
„Bekennt einander eure Sünden!“ Wenn wir das tun, erfahren wir in der Tiefe, was das Kreuz bedeutet. Die ausgebreiteten Arme des angenagelten Jesus schaffen den weiten Raum, in dem wir Vergebung, Heilung und Versöhnung finden.
31. JANUAR
Leben in der Gemeinschaft der Heiligen
Denn auch der Leib ist nicht „ein“ Glied, sondern viele.
1. KORINTHER 12, 14
„Ich glaube an die Gemeinschaft der Heiligen.“ So lautet ein Satz aus dem apostolischen Glaubensbekenntnis. Doch wo können wir „Gemeinschaft der Heiligen“ erleben? Was bedeutet das praktisch?
Ein Blick auf die Herkunft des Wortes kann uns weiterhelfen: „Gemeinschaft“ ist die Übersetzung des griechischen Wortes koinonia. Und das bedeutet eigentlich Tischgemeinschaft, also das Miteinander im Haus, im Alltag, das Mitteilen und Anteilgeben, der Austausch von Menschen, die zusammengehören.
„Heilige“ andererseits sind im Neuen Testament schlicht und einfach die Menschen, die zu Jesus gehören, die sich seiner Führung anvertraut haben und dadurch „heilig“ sind. Sie sind nicht „heilig“ in sich selbst. „Heilig“ ist keine Eigenschaft, sondern bezeichnet die Zugehörigkeit. So sind „Heilige“ Menschen wie du und ich – mit der besonderen Eigenschaft allerdings, dass sie Jesus gehören. Das gilt für alle Christen, auch die Leute aus der etwas komischen Gemeinde um die Ecke.
Jetzt merke ich, wie dieser Begriff mir näher kommt, ja fast ungemütlich auf die Haut rückt. Denn das zu leben – Gemeinschaft der Heiligen – bedeutet dann doch: Ich bin aufgefordert zum Austausch mit anderen Christen, zur Anteilnahme an ihrem Ergehen, zum Hinhören, zum Anpacken, zum Mithelfen. Die anderen brauchen mich!
Und auch das stimmt: Ich brauche die anderen! Ich brauche zum Glauben die Gemeinschaft der Glaubenden. Ich brauche die Erfahrung der anderen Christen, ihre Weisheit, ihren Rat, ihre Unterstützung. Das gehört so unmittelbar zum christlichen Glauben hinzu, dass es sogar im Glaubensbekenntnis erscheint. Und was da bekannt wird, gehört zum unaufgebbaren Kern.
Es stimmt: Wir brauchen die „Gemeinschaft der Heiligen“. Nur durch dieses Miteinander können wir zu dem werden, was wir sein sollen. Gemeinsam erfahren wir die Gegenwart von Jesus, gemeinsam erleben wir seinen Geist.
1. FEBRUAR
Unsere Städte – Gottes Stadt
So wie wir es gehört hatten, so haben wir es dann auch gesehen in der Stadt des HERRN, der die Heere befehligt, in der Stadt unseres Gottes: Gott lässt sie fest stehen in Ewigkeit.
PSALM 48, 9
Über den Dächern der Stadt
Wölbt sich der Himmel
Schemel des Höchsten
Hoffnungshorizont
In den Häusern der Stadt
Wohnen wir Menschen
Schönes und Schweres
Lebenshorizont
In den Kirchen der Stadt
Singen wir Lieder
Hören und Beten
Glaubenshorizont
In den Straßen der Stadt
Tönt eine Stimme
Ruft heim zum Vater
Liebeshorizont
2. FEBRUAR
Gemeinschaft oder Hierarchie?
Sie kamen nach Kafarnaum. Im Haus angelangt, fragte Jesus seine Jünger: „Worüber habt ihr euch unterwegs gestritten?“ Sie schwiegen, denn sie hatten sich gestritten, wer von ihnen wohl der Größte wäre.
MARKUS 9, 33
Christliche Gemeinschaft ist eine Familie. Schwestern und Brüder, die zusammengehören. Unter ihnen soll es keine Unterschiede geben. Jesus lehrt das ganz eindeutig: „Aber ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder. Und ihr sollt niemanden unter euch Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist.“ (Matthäus 23, 8 - 11)
Doch die Neigung, sich untereinander zu vergleichen und voneinander abzusetzen, ist tief in uns verwurzelt. Selbst in der Gegenwart Gottes hören wir mit diesen unheilvollen Spielchen nicht unbedingt auf. Es ist tragisch, wie wir es in der Geschichte der Kirche geschafft haben, genau die Hierarchien wieder aufzubauen, die Jesus niedergerissen hat. Dabei sind das eigentliche Problem gar nicht die Titel, die ja zum Teil auch ihren Ursprung im Neuen Testament haben. Das Problem ist der Geist, in dem sie manchmal verwendet werden. Doch Gott schaut tiefer. Er schaut auf das Herz.
Entscheidend ist nicht, welche Titel wir tragen, sondern ob wir zu denen gehören, die sich um Jesus versammeln: „Und er antwortete ihnen: Wer ist meine Mutter und meine Brüder? Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise saßen, und sprach: Siehe, das ist meine Mutter und das sind meine Brüder!“ (Markus 3, 33 - 35)
Genau hier ist Jesus zu finden, bei den „Zwei oder Drei“ oder Sieben oder Zwölf oder Einhundertzwanzig, die um Jesus herum sind. Dort ist er in der Mitte. Es hängt eben nicht an den Menschen, an den Begabten, Berühmten und Besonderen. Es hängt vielmehr an Jesus, der uns nahe sein will. Alle Hierarchien und Herrschaften kommen zum Ende, wenn Jesus in unserer Mitte ist.
3. FEBRUAR
Die Einladung gilt
Christus spricht: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken.
MATTHÄUS 11, 28
Mancher mag über diese Einladung lachen. Dann ist das Christentum also doch eine Religion für die Schwachen! Eine psychologische Krücke für Versager, für Menschen, die mit ihrem Leben nicht zurechtkommen! Dieser Vorwurf ist immer wieder laut geworden. Nietzsche, der Prophet des Nihilismus, hat ihn vehement erhoben. Ihn störte, dass die Christen so bescheiden, demütig und schwach waren.
Auch heute meint mancher, er sei aufgrund seiner Bildung oder Herkunft über den einfachen Glauben an Jesus erhaben. Wer an Jesus glaubt, wird als naiv angesehen. Skepsis und Unglaube gelten als wissenschaftlich und aufgeklärt.
Doch merken wir bei genauerem Hinsehen, dass dieses simple Schwarz-Weiß-Bild nicht stimmt. Es gibt dafür zu viele gebildete und mit beiden Füßen im Leben stehende Persönlichkeiten, die sich zu Jesus bekennen. Und doch stimmt es: Gott leistet es sich, vor allem die Schwachen zu sich zu ziehen. So sagt es schon Paulus: „Es gibt ja nicht viele unter euch, die nach allgemeinen Maßstäben als Weise angesehen werden, und auch nicht viele Einflussreiche, nicht viele aus den höheren Gesellschaftsschichten! Sondern Gott hat gerade die auserwählt, die als ungebildet gelten, um so die Weisen in den Schatten zu stellen … Gott hat die herausgesucht, die aus keiner vornehmen Familie stammen … um so die, die etwas sind, von ihrem hohen Ross herunterzuholen.“ (1.Korinther 1, 26 ff)
Wem gilt also die Einladung? Die Antwort ist klar: Jedem, der sie auf sich selbst bezieht. Wer sich selbst für stark, gerecht und unverwundbar hält, wird sie überhören. Wer aber seine eigene Bedürftigkeit erkennt, für den bedeutet sie himmlische Musik. Wie wir auf Jesus reagieren, hängt immer davon ab, wie wir uns selbst sehen. Die Entscheidung, ob die Einladung von Jesus auch für uns gelten soll, fällt in unserem eigenen Herzen.
4. FEBRUAR
Unangenehme Nachrichten
Und er fing an, sie zu lehren: Der Menschensohn muss viel leiden und verworfen werden von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten und getötet werden und nach drei Tagen auferstehen.
MARKUS 8, 31
Religion ist das Opium des Volkes. So lautet der unvergessliche Spruch von Karl Marx. Viele Menschen würden ihm zustimmen. Genau! Religion kann höchstens ein bisschen wohltun. Kann uns wie eine Droge etwas vorgaukeln. Ein bisschen Glanz auf unsere ansonsten graue Existenz werfen. Wofür soll Glaube sonst gut sein, wenn nicht dafür, etwas Sinn in unser ansonsten als absurd empfundenes Leben hineinzugießen? Wenn es um die Höhepunkte des Lebens geht, um Geburt oder Hochzeit, ist Religion geduldet. Sie ist dafür da, dass wir uns wohlfühlen!
Doch da macht Jesus nicht mit. Dass es ihm nicht um die Erfüllung religiöser Gefühle ging, nicht um feierliche Stimmungen, zeigt diese Aussage. Sie wird häufig als die „erste Leidensankündigung“ bezeichnet.
Die Reaktion der Jünger lässt nicht auf sich warten: Angst, Entsetzen, Abwehr! Das darf auf keinen Fall geschehen! Doch Jesus will seine Schüler nicht in falscher Sicherheit wiegen. Er will, dass sie der Wirklichkeit ins Auge blicken und bewusst den Weg des Leidens mit ihm gehen. Den Weg der Passion. Den Weg zum Kreuz.
Was Jesus sagt, ist keine angenehme Nachricht. Keine Streicheleinheit für die Seele oder Balsam für das Gemüt. Doch Jesus mutet ihnen das zu. Er will ihnen auch an seinem schwersten Weg Anteil geben.
Gleichzeitig macht er deutlich, dass dies kein sinnloser Weg ist. Das, was hier geschieht, haben schon die Propheten vorausgesagt. Es ist Teil von Gottes großem Plan. Das macht das Leiden nicht automatisch leichter. Aber es eröffnet den Blick in die Zukunft. Leiden und Kreuz haben nicht das letzte Wort. Dieser hoffnungsvolle Ausblick ist kein religiöses Opium, sondern ein Schluck aus dem Becher des Lebenswassers.
5. FEBRUAR
Eine starke Herausforderung
Wer seine Hand an den Pflug legt und sieht zurück, der ist nicht geschickt für das Reich Gottes.
LUKAS 9, 62
Jesus gebraucht ein Bild aus der Landwirtschaft. Ein Bauer geht über das Feld und hält die Pflugschar, die von zwei Ochsen gezogen wird. Mit klarem Blick und dem Einsatz seiner Körperkraft sorgt er dafür, dass die Ochsen gerade gehen und so die Furchen gerade werden. Sein ganzer Einsatz ist gefragt, und am Ende gelingt es: Der Acker wird vorbereitet für die Aussaat und somit für die Ernte. Wenn die dann eingebracht wird, ist die Zukunft gesichert.
Genauso ist es mit dem Reich Gottes, sagt Jesus. Doch was bedeutet dieser Begriff, den er immer wieder verwendet? Dass Jesus damit kein geographisches Territorium meint, ist klar. Und dass es auch nicht einfach um den Himmel geht, wird bei genauem Lesen der Bibel ebenfalls klar. Was also ist gemeint?
Gottes Reich, das bedeutet Gottes allumfassende Herrschaft, den Bereich, wo er uneingeschränkt regiert, die Wirklichkeit, in der seine heilschaffende Kraft sich durchsetzt. Immer, wenn von „Gottes Reich“ die Rede ist, ist das etwas Gutes, Heilsames und Befreiendes. Hier kann sich Gottes guter Plan entfalten, hier können Friede, Gerechtigkeit und Liebe sich ausbreiten.
Mit Jesus bricht diese neue Wirklichkeit in unsere Welt ein. Wo er auftaucht, werden Menschen heil. Wen er berührt, der wird gesund. Um Jesus herum entsteht eine neue Gemeinschaft. Menschen, die mit Gott und miteinander versöhnt sind. All das sind Zeichen für Gottes heilsame Herrschaft. Hier bricht Gottes Reich schon an.
Jesus sucht nach Mitarbeitern. Nach Menschen, die als seine Nachfolger zu Trägern der Gottesherrschaft werden. Die mithelfen, dass Gottes guter Wille sich überall durchsetzt. Dazu braucht es ein ungeteiltes Herz, einen klaren Blick und festen Willen. Jesus sucht Leute, die geschickt sind für diese Aufgabe. Menschen, die die Hand an den Pflug legen und nicht zurückschauen.
6. FEBRUAR
So muss es sein!
Einer trage des anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.
GALATER 6, 2
Was Paulus hier den Christen in der Region Galatien schreibt, sollte eigentlich selbstverständlich sein. Die Last des anderen tragen. Sich für den Nächsten engagieren, sich für ihn zu interessieren – das sind christliche Grundtugenden.
Und doch macht der Brief deutlich, dass schon bei den frühen Christen der Haussegen manchmal schiefhing. Dass Gemeinde nicht immer den Himmel auf Erden bedeutete. Im Abschnitt vorher warnt Paulus die Galater davor, miteinander zu streiten. Fast satirisch sagt er: „Wenn ihr euch aber untereinander beißt und fresst, so seht zu, dass ihr nicht einer vom andern aufgefressen werdet!“ (Galater 5, 15)
Deutlich stellt er seinen Lesern zwei grundlegend verschiedene Lebenswege vor Augen. Der eine besteht darin, sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen. Auf den eigenen Vorteil bedacht zu sein und vor allem an sich selbst zu denken. Aus dieser Lebenseinstellung kann nur Streit resultieren. Denn der andere wird auch zuerst seinen eigenen Vorteil suchen. Paulus nennt dies „Leben nach dem Fleisch“. Gemeint ist damit ein Leben, geprägt von Egozentrik, Selbstbezogenheit, Gleichgültigkeit gegenüber den anderen und mangelndem Respekt vor Gott.
Der andere Lebensweg stellt Gott in den Mittelpunkt und damit dann auch den Nächsten. „Leben nach dem Geist“, so nennt Paulus diesen Entwurf. Gemeint ist der Geist Gottes, der unser Fühlen, Denken und Handeln erneuern kann.
Das ist das „Gesetz des Christus“. Es ist nichts anderes als ein Leben, das sich an Jesus orientiert. So wie er sich den Menschen zuwandte, können und sollen auch wir uns unseren Mitmenschen zuwenden. Die Lasten der anderen mitzutragen gehört einfach dazu. So sollen wir leben. So muss es sein. Dass auch wir dabei nicht zu kurz kommen, das verspricht Jesus uns: „Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, so wird euch das alles zufallen.“ (Matthäus 6, 33)
7. FEBRUAR
Mehr als ein neuer Pass
So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.
EPHESER 2, 19
Es ist eine traurige Wirklichkeit: Millionen Menschen in unserer Welt sind staatenlos. Durch Umstände, die außerhalb ihrer Macht liegen, durch Kriege, Flucht und Vertreibung finden sie sich irgendwo auf der Erde vor, staatenlos, heimatlos, oft ohne Rechte.
Für solche Menschen ist es ein großer Tag, wenn sie endlich einen Pass und mit ihm alle dazugehörigen Rechte bekommen. Endlich sind sie mit den anderen gleichberechtigt! Endlich können sie frei reisen, können all das tun, was alle anderen auch tun. Ein neuer Pass ist für sie wie eine Eintrittskarte in eine neue Lebenswirklichkeit. Ganz neue Möglichkeiten tun sich auf. Sie sind wieder wer!
Im ersten Jahrhundert waren die Rechte ebenfalls ungleich verteilt, ja, es war noch schlimmer. Da gab es freie römische Bürger, da gab es Ausländer, Unfreie, Leibeigene, Sklaven. Im Brief an die Christen in Ephesus nimmt Paulus diese Situation als Ausgangsbasis. Und jetzt erklärt er, was wir durch unsere Verbindung mit Jesus Christus geschenkt bekommen. Nämlich einen ganz neuen Status: „So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen!“
Das ist noch mehr wert als ein neuer Pass in einem der vielen Staaten auf unserer Erde. Diese Zusage bedeutet die Bürgerschaft in Gottes ewigem Reich. Hier gibt es keinen Unterschied zwischen den Menschen. Frauen, Männer, Angehörige aller Nationen und Völker, Staatenlose, Arme, Reiche, sie alle sind eingeladen, ihren Platz einzunehmen an Gottes Tisch.
Für uns ist zunächst wichtig, dass wir selbst die Einladung zur Himmelsbürgerschaft annehmen. Ganz persönlich. Und dann: Dass wir sie weitergeben an andere. Denn Gott lädt wirklich alle ein. Und drittens: Dass wir uns einsetzen für die, die in dieser Welt rechtlos und heimatlos sind. Alles drei gehört zusammen.
8. FEBRUAR
Gottes Bankensystem
Wem viel gegeben ist, bei dem wird man viel suchen, und wem viel anvertraut ist, von dem wird man umso mehr fordern.
LUKAS 12, 48
Auf den ersten Blick liest sich diese Aussage von Jesus fast wie eine Forderung aus einem Parteiprogramm. Die Reichen, denen viel gegeben ist, müssen mehr zahlen als die anderen. Die, die wenig haben, müssen nur wenig abgeben. Das Prinzip scheint einleuchtend. Je nach Besitzstand und nach Parteibuch wird man wohl dieser Aussage zustimmen oder sie ablehnen.
Wer jedoch genau hinhört, merkt, dass Jesus hier etwas ganz anderes meint. Es geht ihm nicht um ein allgemeines Prinzip, nach dem die politischen und sozialen Probleme in der Welt gelöst werden sollen. Vielmehr spricht er seine Nachfolger an, direkt und persönlich. Ihnen will er ihre Verantwortung deutlich machen. Sie sollen erkennen, dass sie reich beschenkt sind und dass daraus eine Verpflichtung erwächst. Wir denken zuerst an unsere Gaben: Musikalität, Verkündigung oder Seelsorge.
„Wem viel gegeben ist … “ Was Jesus hier aber vielmehr meint, sehen wir in einer anderen Begebenheit. Er war eingeladen zu einem Essen im Haus eines Pharisäers. Plötzlich erschien eine Frau von zwielichtigem Ruf. Sie war in die Feier eingedrungen, hatte sich vor Jesus niedergeworfen und – gegen alle Etikette – seine Füße geküsst, mit ihren Tränen benetzt und zu allem Überfluss auch noch mit ihren Haaren getrocknet. „Wem viel vergeben ist, der liebt viel … “ (Lukas 7, 47) Das war der Kommentar, den Jesus damals seinem Gastgeber, dem Pharisäer Simon, gab. Der hatte sich äußerlich korrekt verhalten, doch ohne echte Liebe.
Das jedoch ist Gottes Hauptwährung: Seine Liebe, die er ohne jede Vorbedingung in uns investiert. Und die er dann mit Rendite wieder zurückhaben möchte. Nicht für sich, sondern für die anderen Menschen. Ihnen sollen wir unsere Liebe schenken und somit Gottes Investition in uns vervielfältigen.
9. FEBRUAR
Alles auf eine Karte
Wir liegen vor dir mit unserem Gebet und vertrauen nicht auf unsere Gerechtigkeit, sondern auf deine große Barmherzigkeit.
DANIEL 9, 18
Wer das ganze Gebet Daniels liest, der merkt: Hier geht es um etwas ganz Wichtiges. Das ist kein schnell hergesagtes Tischgebet und auch keine fromme Pflichtübung. Nein, Daniel betet mit aller Kraft. Er ringt mit Gott und mit der Vergangenheit seines Volkes. Er bittet um Vergebung und um die Gnade eines Neuanfangs. Er fleht darum, dass sich Gott seinem Volk noch einmal zuwenden, dass die Verbannung Israels enden möge. Drei Wochen lang betet er, immer wieder, anhaltend, mit ganzem Einsatz: „Wir liegen vor dir mit unserem Gebet … “
Dieses große Bußgebet von Daniel bleibt nicht ohne Folgen. Michael, der Engelfürst, wird zu ihm gesandt mit der Botschaft, dass Gott sich erbarmt hat. Die Schuld ist vergeben. Die Strafe wird von ihnen genommen werden. Israel darf wieder in seine Heimat zurückkehren.
Doch die Schau, die Daniel gewährt wird, geht noch weiter. Er erfährt, wie Gott Geschichte macht, Weltpolitik, weit über seine Zeit hinaus. Eine Gottes-Reich-Politik, durch die die Erlösung und Erneuerung der Welt anbrechen werden. Und so wird Daniel vom Beter zum Seher. Er bekommt eine Schau geschenkt, die in die Zukunft reicht und die Gottes gute Pläne für alle Menschen umfasst.
Daniel hat alles auf eine Karte gesetzt: Gottes Gnade und Erbarmen. Dass das die richtige Karte ist, zeigt sich ganz deutlich bei Jesus. Ihn, den Erlöser, kannte Daniel noch nicht. Aber Gott ließ ihn erahnen, dass eines Tages der Eine kommen wird, der in Gericht und Gnade allen Völkern Gottes Heil bringt.
10. FEBRUAR
Sag niemals nie!?
Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben, und sie werden nimmermehr umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.
JOHANNES 10, 11 UND 27 - 28
Sag niemals nie! Dies ist eine alte Weisheit. Doch Jesus sagt ganz uneingeschränkt: „Sie werden nimmermehr umkommen.“ Absoluter geht es kaum. Wir können diese Aussage als Bestätigung für uns hören: Wer Jesus folgt, der kann ganz getrost sein. Er kann Gewissheit haben, dass Jesus ihn durch alles hindurch festhalten wird. Dafür bürgt er, der gute Hirte, ganz persönlich. So haben Menschen zu jeder Zeit diese Spitzenaussage von Jesus als feste Zusage gehört, als Vergewisserung für ihr Leben mit ihm in Zeit und in Ewigkeit.
Wer ist es, der da spricht? Das ist bedeutsam. Es gibt schließlich viele Versprechungen. Nicht alle halten dem Realitätstest stand. Umso wichtiger ist es zu wissen, ob der, der spricht, auch die Macht hat, seinen Worten Taten folgen zu lassen. Wer ist es also, der da spricht?
Jesus sagt: „Ich bin der gute Hirte … “ Seine Zuhörer werden die Brisanz dieser Worte erkannt haben. Im Alten Testament hat sich Gott selbst als der wahre Hirte seines Volkes vorgestellt, als der Hüter Israels, der niemals schläft (Psalm 121).
Allen war klar, dass Jesus hier den höchsten Anspruch erhebt, der überhaupt möglich ist: Dass er, der Zimmermann aus Nazareth, niemand anderes ist als der, der sich seinem Volk offenbart hat als Gott, als Erlöser und Hirte. Dass sie in ihm, in Jesus, dem ewigen „Ich bin“ begegnen.
Das ist auch der tiefste Grund dafür, dass wir wirklich Gewissheit haben können. In Jesus begegnet uns Gott selbst. Und was der spricht, das hat Bestand. „Immer“ und „niemals“ sind im Mund von Jesus deshalb keine leeren Phrasen, sondern der feste Grund, auf dem wir stehen können. Er ist der gute Hirte, der alle seine Schafe im Blick hat und dem keines verlorengeht. Niemals und nie.
11. FEBRUAR
Anbetung
In dem Jahr, als der König Usija starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Thron, und sein Saum füllte den Tempel. Serafim standen über ihm, ein jeder hatte sechs Flügel, mit zweien bedeckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre Füße, und mit zweien flogen sie. Und der eine rief zum anderen: „Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth. Alle Lande sind seiner Ehre voll.“
JESAJA 6,1
Jesaja beschreibt eine gewaltige Schau. Er sieht den himmlischen Thronsaal und auf dem Thron ihn selbst, Gott. Diese Vision verändert sein Leben. Er wird zum Propheten für das Volk Israel berufen. Er ist der Prophet, der am deutlichsten den Kommenden sehen und voraussagen kann: Den Knecht Gottes, den Friedefürsten, den Messias Jesus. Die Szene in Gottes Thronsaal ist einzigartig: Selbst die mächtigen Serafim können Gott nicht direkt anschauen. Auch Jesaja sieht ihn nicht unmittelbar. Und doch wird er hineingenommen in die ewige Anbetung der Engel und himmlischen Mächte dort vor Gottes Thron.
So zeigt uns diese gewaltige Schau: Im Zentrum der Wirklichkeit geschieht eine fortwährende Anbetung Gottes. So gehört auch für uns die Anbetung Gottes in das Zentrum unseres Lebens. In der „Westminster Confession“ von 1646, dem grundlegenden Bekenntnis der anglikanischen Kirche, heißt es: „Man’s chief end is to glorify God, and to enjoy him forever!“ „Das große Ziel des Menschen ist es, Gott zu verherrlichen und uns auf ewig an ihm zu erfreuen.“ So ist die Anbetung Gottes keine Pflicht, die wir erfüllen müssen, sondern das Element, in dem sich unser Leben entfaltet, so natürlich wie die Luft, die wir atmen.
Im Gottesdienst steht deshalb die Anbetung zu Recht im Zentrum. Wenn wir Gott anbeten, stimmen wir ein in den ewigen Lobgesang der Engel. Wir reihen uns ein in die Gemeinschaft derer, die Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit loben. Wir erkennen ihn an als den wahren Gott, der immer war und ist und sein wird. Ihn, der „heilig, heilig, heilig“ ist.
12. FEBRUAR
Der Name Jesus
Und in keinem andern ist das Heil, auch ist kein andrer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden.
APOSTELGESCHICHTE 4, 12
Der Name Jesus. Als der Jugendpfarrer Wilhelm Busch in den 1950er Jahren auf einer Norwegenreise das Lied „Navnet Jesus blekner aldrig“ kennenlernte, das vom Heilsarmeeoffizier Welander auf eine Zulu-Melodie gedichtet worden war, war er davon so bewegt, dass er es nach Deutschland mitbrachte und überall singen ließ: „Jesu Name nie verklinget, ewiglich bleibt er besteh‘n … “ Dieses Lied prägte eine ganze Generation von Christen.
Der Name Jesus. So einfach. So elementar. So unvergleichlich. Immer wieder haben Menschen erlebt, dass es mit dem Namen Jesus eine besondere Bewandtnis hat. Als Jugendlicher las ich zum ersten Mal ein Buch über das Jesus-Gebet der russischen Kirche. Unzählige Male wird der Name Jesus dabei ausgesprochen. Meine kleinen Versuche in dieser geistlichen Übung haben mir geholfen, mich auf Jesus zu konzentrieren. Das Jesus-Gebet kann eine Hilfe zur inneren Ausrichtung auf den sein, der darin angerufen wird.
Der Name Jesus. In unserer gottvergessenen Zeit sollten Christen den Namen Jesus ohne Scheu nennen, auch wenn das Unverständnis oder Ablehnung auslöst. Viele, selbst in der Kirche, reden lieber zurückhaltender von „Christus“. Doch: Der Name Jesus muss geehrt werden. Denn er ist der Name über alle Namen (Philipper 2, 11). Er ist der Name des menschgewordenen Wortes Gottes. In ihm wird deutlich, wer Gott ist und wie er zu uns steht. Denn Jesus, die griechische Form des hebräischen Jeschua, bedeutet: „Der Herr ist Rettung. Der Herr ist selbst das Heil.“
Der Name Jesus. Er ist kein leerer Scheck, sondern ist gedeckt, unterschrieben mit dem Herzblut der Liebe Gottes. Der Name Jesus. Wer ihn mitten im Alltag anruft, kann Wunder sehen. Er wird erfahren: Jesus geht nicht an mir vorüber, wenn ich wie der blinde Bettler rufe: „Jesus, du Sohn Davids, erbarme dich meiner!“ (Markus 10, 47)
13. FEBRUAR
Gott mit dem ganzen Körper loben
Alles, was Odem hat, lobe den Herrn!
PSALM 150, 6
So heißt es im letzten Psalm der Bibel. Was aber, wenn einem der „Odem“ schnell ausgeht? Das kenne ich nur zu gut. Wir wohnen in Marburg in der Oberstadt, die, wie der Name schon sagt, oben liegt. Das heißt Bergsteigen, einfach, um nach Hause zu kommen. Und es heißt auch, dass ich öfter außer Atem komme. Erschreckend, aber wahr.
Das bringt es so mit sich, wenn man als Mann im mittleren Alter vor allem geistige Arbeit macht. Die trainiert vielleicht die Gehirnmuskeln, aber nicht so sehr die sonstigen. Arbeitskreise, Vorstände, Ausschüsse, überall wird gesessen. Auch in Gebetskreisen und Andachten. Und nicht zuletzt im Gottesdienst. Wir sitzen und sitzen und sitzen. Das Sitzen scheint des Christen liebste Haltung zu sein.
Für das Sitzen lässt sich natürlich auch eine gute biblische Begründung finden. Schließlich saß auch Maria, die Schwester von Marta und Lazarus, zu den Füßen von Jesus. Und als Marta ihr Beine machen wollte, nahm Jesus Maria in Schutz (Lukas 10, 38 - 42). Er erlaubte ihr, zu seinen Füßen zu sitzen, wie die anderen Jünger, und von ihm zu lernen. Jesus bestätigte damit, dass Maria gleichwertig war, genauso wichtig und fähig zum Lehren wie die Männer, die er berufen hatte.
Was Jesus aber sicher nicht wollte, war, eine bewegungsfeindliche Sitzkultur zu rechtfertigen. Manche Christen meinen ja, dass es auf den Körper nicht so sehr ankommt wie auf den Geist und die Seele. Doch Gott hat uns als ganze Menschen geschaffen, mit Körper, Geist und Seele. Alles, was wir sind und haben, soll Gott loben. Leib, Seele und Geist sollen geheiligt, also in den Dienst Gottes gestellt werden. Also: „Alles, was Odem hat, lobe den Herrn!“ Bewegung, Klatschen und Tanzen als Ausdruck des Gotteslobes sind also nicht nur erlaubt, sondern ganz im Sinne dessen, der den Menschen geschaffen hat, mit Körper, Seele und Geist. Und: Es macht auch noch Spaß und Freude! Und die sind auch nicht verboten.
14. FEBRUAR
Verantwortung für die Zukunft übernehmen
Das, was du von mir gehört hast vor vielen Zeugen, das übergib du wiederum anderen zuverlässigen Menschen, die dann auch in der Lage sein werden, andere zu unterrichten.
2. TIMOTHEUS 2, 2
Wie kann die christliche Gemeinde über Generationen lebendig bleiben? Wie kann der Glaube durch die Zeiten hindurch weitergegeben werden? Das war von Anfang an eine wichtige Frage.
Jede Lebensphase bringt neue Verantwortung und neue Chancen mit sich. Wenn wir älter werden, sollen wir das, was wir empfangen haben an Einsicht, an Wissen, an Erfahrung, an die nächste Generation weitergeben. Je früher wir damit anfangen, umso besser.
Paulus ist am Ende seines Lebens. In seinem Abschiedsbrief an Timotheus will er ihm den Blick für diese Aufgabe schärfen. Das, was Paulus Timotheus anvertraut hat, soll dieser an vertrauenswürdige Menschen weitergeben, die wiederum die nächste Generation unterrichten können. In diesem Satz ist die Weitergabe der Botschaft von Jesus über vier Generationen beschrieben.
Diese Generationenweitergabe des Glaubens ist auch heute noch ein Gebot der Stunde. Hier hakt es häufig. Viele Christen haben in ihrer Jugend das Evangelium für sich angenommen. Sie kennen die Bibel und haben verstanden, wer Jesus ist und was er für ihr Leben bedeutet. Doch dabei bleibt es. Sie haben viel empfangen, schaffen es jedoch nicht, diesen Schatz an die nächste Generation weiterzugeben.
Doch das ist auch für uns ein Teil unserer Berufung. Wir haben eine Verantwortung für die junge Generation. Wir sollen Jüngere ermutigen, sie, wenn nötig, auch liebevoll korrigieren, sie unterstützen und freisetzen, damit sie ihrerseits zu starken und reifen Nachfolgern von Jesus werden.
Sind wir bereit, so in die Sache Gottes in der Zukunft zu investieren? Sind wir bereit, das, was wir empfangen haben, auch weiterzugeben? Dass das nötig ist, macht uns Paulus eindrücklich deutlich. Wir alle haben Verantwortung für die Zukunft.
15. FEBRUAR
Salz und Licht
Ihr seid unglaublich wichtig für die Welt, genauso unverzichtbar wie Salz … Ihr seid unendlich wichtig! Genau wie das Licht, das die Welt erleuchtet.
MATTHÄUS 5, 13 - 14
Das ist eine gewaltige Zusage von Jesus. Sie könnte uns zu einem überzogenen Selbstbewusstsein verleiten. Es könnte glatt dazu verleiten, die Hände in den Schoß zu legen und unsere missionarische Aufgabe zu vernachlässigen. Schließlich können wir als „Licht der Welt“ einfach darauf warten, dass die anderen unser Licht sehen!
Diese Einstellung ist gar nicht so selten. Häufig hört man diese Meinung. Das klingt dann so: „Wir sollen nicht so viel von Jesus reden, sondern lieber so leben, dass wir gefragt werden.“ Und dann nicken viele Häupter zustimmend. Dieser Satz wird übrigens meist Franz von Assisi zugeschrieben.
Ob er das wirklich so gesagt hat? Und stimmt das eigentlich? Wer hat das schon einmal erlebt? Ich jedenfalls nicht. Wer will schon sagen, dass er so überzeugend, christlich, jesus-mäßig lebt, dass die Leute ihn erstaunt fragen, wie man solch einen ungewöhnlich heiligen Charakter entwickeln kann? Ich halte dies für eine Fiktion, für eine sehr fromm daherkommende Ausrede für unseren mangelnden missionarischen Eifer.
Es bleibt dabei: Die Menschen in unserem Land werden nur dann eine Chance haben, von Jesus zu hören, wenn wir Jesusjünger ihnen von ihm erzählen.
Hoffnung für das Leben des Einzelnen, für die Zukunft der Kirchen insgesamt und auch für das soziale Miteinander in unserer Gesellschaft erwächst aus dem Zeugnis des Glaubens.
Wenn wir dieser Herausforderung ausweichen, mit welchen Argumenten auch immer, dann könnte dies der erste Schritt sein auf dem Weg in eine Gesellschaft, in der es zwar eine christliche Geschichte, aber keine christliche Zukunft mehr gibt.
16. FEBRUAR
Missionsorientierte Gemeinde?!
Als sie Gott den Herrn anbeteten und dabei fasteten, sprach der heilige Gottesgeist zu ihnen: „Stellt mir Barnabas und Saulus ganz zur Verfügung für die Aufgabe, in die ich sie hineingerufen habe!“ Dann fasteten und beteten sie, legten die Hände auf sie und schickten sie los.
APOSTELGESCHICHTE 13, 3
Wir werfen einen Blick in das erste Jahrzehnt der Christenheit. Es brauchte ein deutliches Reden des Heiligen Geistes, bis die Gemeinde in Antiochien sich die Weltmission auf die Fahnen schrieb. Durch eine Verfolgungswelle waren Jesusjünger aus Judäa und Galiläa hierhingekommen. So hatte sich eine Gemeinde aus Juden und Nichtjuden gebildet, eine Gemeinde mit multikulturellem und multiethnischem Hintergrund. Auch die Gemeindeleitung bestand aus einem bunten Team. Da waren Barnabas, der aus Zypern stammte, der schwarzafrikanische Simeon, Lucius aus Nordafrika, dann noch Manahen, ein Mann aus der judäischen Oberschicht, und Saulus, der ehemalige Rabbiner.
Als diese unterschiedlichen Männer gemeinsam beteten und fasteten, gab der Geist Gottes einen klaren Auftrag: „Stellt mir Barnabas und Saulus ganz zur Verfügung für die Aufgabe, in die ich sie hineingerufen habe!“
Dieses Gebetstreffen war der Startschuss für die organisierte Weltmission der Kirche. Barnabas und Paulus wurden auf ihre erste Missionsreise ausgesandt. Immer wieder kehrten sie nach Antiochien zurück, um dort zu berichten. Immer neu wurden sie ausgesandt, um die gute Nachricht in immer neue Regionen zu tragen. Die Gemeinde in Antiochia hatte Weltmission auf ihre Tagesordnung gesetzt.
Gemeinde und Mission – dieses Verhältnis ist bis heute eine spannende Sache. Ohne Mission entsteht keine Gemeinde. Und eine Kirche, die ihren Auftrag zur Mission nicht wahrnimmt, ist auf Dauer nicht lebensfähig. Der Geist Gottes ist ein missionarischer Geist. Er will uns auch heute dazu bewegen, die schützenden Grenzen unserer Gemeinden zu überschreiten und den Menschen Gottes Liebe in Jesus weiterzusagen.
17. FEBRUAR
Wer bleibt, wenn keiner bleibt?
Dem König aller Könige und Herrn aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat, dem sei Ehre und ewige Macht!
1. TIMOTHEUS 6, 15 - 16
Die Vergänglichkeit unseres Lebens ist eine Tatsache. Es gibt Augenblicke, in denen sie uns plötzlich aufschreckt wie das grelle Licht eines Scheinwerfers eines Autos, das uns entgegenkommt. Das Lied der süddeutschen Band Gracetown fasst diese Tatsache in ergreifende Worte: „Seit tausend Jahren dreht sich unser Planet, und unser Leben dreht sich unaufhörlich mit. Und jeder Mensch hat sein Sonnensystem, in dem die Sterne und Kometen verglüh‘n. Was heute ist, ist morgen schon Vergangenheit, verschwindet, kaum erlebt, in Lichtgeschwindigkeit. Wir unterliegen dem Gesetz von Raum und Zeit und streben immer weiter nach Unendlichkeit … “
Das ist genau die Spannung, in der wir leben. Wir wissen es, wenn wir es auch oft verdrängen, dass wir vergänglich sind. Unser Leben ist begrenzt, eingeschlossen in Raum und Zeit, mit Anfang und Ende. Und doch: Etwas in uns lehnt sich dagegen auf. Wir können uns nicht abfinden mit dieser Unausweichlichkeit. In uns ruft etwas nach Unvergänglichkeit, nach Ewigkeit, nach einer anderen, unzerstörbaren Wirklichkeit.
Diese Sehnsucht läuft nicht ins Leere. Die offene Frage nach dem, was bleibt, findet ihre Antwort. Jedoch nicht in uns. Sondern in Gott: „Dem König aller Könige und Herrn aller Herren, der allein Unsterblichkeit hat … “
Und wir? Die gute Nachricht ist, dass er, der ewige Gott, uns Anteil gibt an dem, was nur er allein besitzt. Er nimmt uns hinein in seine ewige, unerschütterliche Wirklichkeit. „Wer den Sohn – Jesus – hat, der hat das Leben.“ (1. Johannes 5, 12) Weil das stimmt, singen Christen auch an den Gräbern ihre Glaubenslieder gegen den Tod und die Vergänglichkeit. Deshalb stimmt auch Paulus ein Siegeslied an: „ … dem sei Ehre und ewige Macht!“ Wer bleibt, wenn keiner bleibt? Es ist Jesus, der Auferstandene. Und alle, die ihr Leben mit ihm verbinden, in Zeit und Ewigkeit.
18. FEBRUAR
Sind Sie auch ein Gotteskind?
Gottes Geist bezeugt unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind.
RÖMER 8, 16
Es war während meiner Studentenzeit. Ich fuhr mit dem Zug von Köln nach Gießen. In Wetzlar stieg eine ältere Dame ein, die offenbar fast blind war. Also half ich ihr, einen Sitzplatz zu finden. Kaum hatten wir uns in dem vollen Abteil hingesetzt, drehte sie sich zu mir und fragte: „Und Sie, junger Mann, sind Sie auch ein Gotteskind?“ Natürlich nahm ich allen Mut zusammen und stammelte irgendetwas wie: „Ja, und ich studiere auch Theologie … “ Warum war mir die Frage peinlich? Ich hätte doch ganz fröhlich und unbekümmert sagen können: „Ja, natürlich, und das ist die beste Sache in meinem Leben! Ja, ich bin ein Gotteskind!“
Die Frage nach der Heilsgewissheit ist zum Randthema geworden. Und doch stand sie bei allen geistlichen Erneuerungsbewegungen im Zentrum. Es war die Erfahrung der Heilsgewissheit, die Martin Luther dazu befähigte, die freie, unverdiente Gnade Gottes als Grundlage unserer Gewissheit zu verkündigen. Paul Gerhardt dichtete seine Lieder inmitten der Nöte des Dreißigjährigen Krieges in dem Bewusstsein, bei Gott geborgen und seines Heils gewiss zu sein. Die britische Erweckungsbewegung im 18. Jahrhundert nahm ihren Anstoß in der Erfahrung, dass Gottes Geist uns bezeugt: Du bist ein Kind Gottes!
Heilsgewissheit wurzelt nach biblischem Verständnis immer in Gott, nicht in uns selbst. Nicht was ich oder du getan haben, sondern was Christus für uns getan hat, ist Wurzelgrund unseres Christseins. So sagt es auch Paulus in seinem Hohelied der Gewissheit: „Ist Gott für uns, wer kann dann wider uns sein?“ (Römer 8, 31)
Diese Gewissheit entstammt nicht unseren religiösen Erfahrungen oder frommen Leistungen. Nein, sie wurzelt in dem, was Gott durch Jesus getan hat. Seine Liebe ist es, die uns trägt. Seine Kraft ist es, die uns erhält. Seine Treue ist es, die uns zum Ziel bringt. Sein Geist selbst besiegelt es in uns: Wir dürfen Kinder Gottes sein!
19. FEBRUAR
Weitergeben
Erzählt unter den Nationen von seiner Herrlichkeit und unter allen Völkern von seinen Wundertaten!
PSALM 96, 3
Ein Freund hatte ein inneres geistliches Bild: Einen Stausee, bis an den Rand gefüllt mit Wasser. Er drohte überzulaufen und so die Staumauer und alles Land dahinter zu zerstören. Das Wort, das sich mit dem Bild verband, war: Öffnet die Schleusen! Lasst das Wasser kanalisiert abfließen! So bringt es Nutzen, wo immer es hingelangt.
Dieses Bild zeigt den Schlüssel für geistliche Lebendigkeit: Weiterzugeben, was wir bekommen haben. Nur so kann man verhindern, dass das Wasser abgestanden und schal wird. Mit anderen Worten: Wir sollen von dem weitersagen, was Gott uns geschenkt hat. Aber wie können wir das lernen, ganz praktisch?
Beim Weitersagen und Miteinanderteilen ist der erste Schritt, selbst zu erkennen, was Gott uns gegeben hat. Hier kann ein Tagebuch helfen, in dem wir festhalten, was uns an Wirken Gottes, an Führungen und Wundern in unserem Leben begegnet.
Dann ist der zweite Schritt nicht mehr weit: Weitersagen, was uns wichtig geworden ist. Wenn wir es zunächst wieder lernen, in unseren Begegnungen in der Familie, dem Hauskreis oder der Gemeinde unsere Erfahrungen mit Gott in Worte zu fassen, werden wir anschließend auch wieder sprachfähig für die Menschen in unserer Umgebung, die noch nicht entdeckt haben, dass Gott für sie eine persönliche Gottesgeschichte bereit hält.
Aber Vorsicht: Wir sollten nicht nur die positiven Dinge, die Erfolge und Gebetserhörungen weitererzählen. Wir dürfen auch die Zeiten erwähnen, wo wir Rückschritte erlebt, Fehler gemacht haben und eine Heilung oder Veränderung bislang ausgeblieben ist. So wird unsere Geschichte echt und nachvollziehbar.
Wenn wir die persönliche Gottesgeschichte unseres Lebens neu entdecken, wird unser Herz erfüllt von Dankbarkeit und unser Mund frei, anderen von Gottes Liebe und von seinem Handeln in unserem Leben zu erzählen.
20. FEBRUAR
Freundschaft leben
Ich nenne euch nicht mehr Knechte, sondern Freunde.
JOHANNES 15, 15
Freundschaft leben. Das ist ein Traum! Freundschaft. Das Wort erscheint wie eine Postkarte aus einem fernen Land. Dort möchte ich sein! Dort möchte ich entspannen, aufatmen, aufleben. In dieser Landschaft könnte ich mich einfach fallen lassen.
Freundschaft. Dieses Wort ist auch ein Leitbild, ein Idealentwurf. So möchte ich leben, so möchte ich sein. Ich möchte Anteilnahme, Aufmerksamkeit und Freundschaft schenken. Ich möchte ein Freund sein für meine Nächsten, meine Mitarbeiter, meine Nachbarn, ja, eigentlich für alle.
Doch dann merke ich, dass ich an Grenzen komme. Meine Vorsätze tragen nicht. Ich scheitere an meinen eigenen Zielen. Es ist eine Selbstüberschätzung zu meinen, dass es nur mein gutes Wollen braucht, um Freund zu sein und Freundschaft zu leben. Freundlichkeit, die Voraussetzung für Freundschaft, ist nicht immer abrufbar, weder bei mir noch bei meinem Gegenüber. Am Ende von gemeinsamen Wegen kann, allem guten Willen und allen Bemühungen zum Trotz, auch das Gegenteil stehen: Zerbrochene Beziehungen, Unverständnis, Traurigkeit und offene Fragen.
„Ich nenne euch nicht mehr Knechte, sondern Freunde.“ Diese Aussage von Jesus zeigt einen anderen Weg. Sie steht quer gegen alle eigenen Versuche, Freundschaft zu leben. Ich merke: Hier bin nicht mehr ich im Zentrum, und auch nicht der andere Mensch, der Nächste, sondern Jesus. In seiner Autorität nennt er uns seine Freunde.
Was er sagt, wird Wirklichkeit. Jesusjünger sind nicht Knechte, sondern seine Freunde. Sie sind nicht mehr abhängig von Lob und Tadel, von Lohn und Leistung: „Ich nenne euch Freunde. Ihr dürft mir nahe sein. Nicht, weil ihr etwas Besonderes getan habt, sondern weil ich Ja zu euch sage.“
Freundschaft mit dem, dessen Liebe keine Grenzen kennt. Wenn das stimmt, Jesus, dass du wirklich so unser Freund, ja auch mein Freund bist, dann … kann ich einfach Danke sagen und lernen, als Freund zu leben.
21. FEBRUAR
Konkurrenzlos wichtig
Die neue Wirklichkeit Gottes ist wie ein reisender Händler, der überall schöne Perlen suchte. Eines Tages fand er eine Perle, deren Wert alle anderen übertraf. Sofort ging er weg und verkaufte alles, was er besaß, und kaufte dann diese eine Perle.
MATTHÄUS 13, 45 - 46
Was ist Jesus uns wert? Wie wichtig ist er für uns? Was sind wir bereit, für ihn einzusetzen? Inmitten der Abwanderungsbewegung vom Christentum, die wir in Europa in den letzten Jahrhunderten erleben, muss jeder ganz persönlich die Frage beantworten, die Jesus seinen Nachfolgern in einer ähnlichen Situation stellte: „Wollt ihr auch gehen?“ (Johannes 6, 67). Und wie Petrus damals wollen auch wir antworten: „Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens; und wir haben geglaubt und erkannt: Du bist der Heilige Gottes.“ (Johannes 6, 68 - 69)
Erst, wenn wir an diese Grenze gekommen sind, an der wir uns letztgültig entscheiden müssen, merken wir, wer Jesus für uns ist. Dann erkennen wir, ob er mehr ist als ein Gast in feierlichen Stunden, mehr als eine religiöse Gallionsfigur, die wir mit uns herumführen.
Christen sind Menschen, die ohne Jesus gar nicht mehr existieren können. Ihre Identität und die seinige sind so eng verknüpft, dass es sie gar nicht mehr ohne ihn geben kann. Christen sind Menschen, die die unvergleichliche Bedeutung von Jesus erkannt haben. Frauen und Männer, die Jesus an die erste Stelle ihres Lebens setzen. Menschen, die ihren Anfang, ihre Mitte und ihr Ziel in ihm gefunden haben.
Christen sind Leute, die wie der Kaufmann in der Beispielgeschichte alles auf eine Karte setzen. Menschen, die alles verkaufen, um die eine, kostbare Perle zu besitzen, Jesus Christus.
Und wir dürfen eine weitere Bedeutung erkennen: Auch Jesus ist der Kaufmann, der alles aufgibt, um die Perle zu kaufen. Das sind wir. Wir sind für Jesus konkurrenzlos wichtig.
22. FEBRUAR
Gnade vor Recht
Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.
RÖMER 5, 8
In diesem einen Satz findet sich das ganze Evangelium. Vier Hauptworte stecken da drin: Gott. Liebe. Christus. Sünder. Vier Worte voller Power, voller Aussagekraft.
Und auch ihre Reihenfolge ist voller Bedeutung: Gott steht auf der einen Seite des Satzes, die Sünder auf der anderen Seite. Noch genauer müsste es wohl heißen: Gott steht auf der einen Seite der Kluft, wir Sünder auf der anderen. Denn es geht nicht um Worte oder Konzepte, sondern um unsere Lebenswirklichkeit.
Dass wir Menschen schuldig geworden sind und immer wieder schuldig werden, aneinander und vor Gott, das hat Paulus am Anfang seines programmatischen Briefs ausführlich dargelegt. In dieser Schuldverfallenheit sind alle Menschen gefangen, die Juden und die übrigen Völker, die Religiösen und die Gottesleugner. Kein Mensch kann aus seiner Kraft oder Frömmigkeit vor Gott bestehen.
So klafft eine schier unüberbrückbare Kluft zwischen den beiden Polen: Gott auf der einen, wir Sünder auf der anderen Seite. Und doch: Mitten in dieser Spannung finden sich zwei weitere Begriffe: Liebe und Christus. Und auch hier geht es nicht um Worte oder Theorien, sondern um Realitäten. Zwischen uns und Gott gibt es einen Vermittler. Der ist Jesus Christus selbst. Sein Kommen, sein Leben und sein Sterben sind Ausdruck der alle Grenzen überwindenden Liebe Gottes.
Gott. Liebe. Christus. Sünder. Gott sendet aus Liebe Jesus Christus zu uns, den Sündern. Und so dreht sich die Reihenfolge um: Wir Sünder erfahren durch Jesus Christus die Liebe Gottes. Gott kommt in Jesus zu uns, damit wir durch Jesus zu ihm kommen können. Jetzt lautet die Reihenfolge: Sünder. Christus. Liebe. Gott.
Das ist das Wesen der Gnade. Alles wird umgedreht. Es ist Gottes vorauslaufende Gnade, die all das schenkt und all das tut, was wir selbst nicht tun oder uns erarbeiten können.
23. FEBRUAR
Doppelt hält besser!
Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!
PSALM 103, 1 - 2
Das scheint sich David, der Dichter dieses Psalms, gedacht zu haben: „Lobe den Herrn, meine Seele!“ So fängt er an. Die Aufforderung ist klar und braucht keine weitere Erklärung. Trotzdem wiederholt er sie umgehend: „Und was in mir ist, seinen heiligen Namen!“ Doppelt hält eben besser, mag er sich gedacht haben. Was ich zu sagen habe, ist so wichtig, dass ich es wiederholen muss!
Bibelleser wissen, dass diese Doppelung des Gedankens häufig in der Bibel erscheint, ganz besonders in dichterisch durchgeformten Aussagen. Die Wiederholung ist ein Stilmittel althebräischer Poesie. Der gleiche Gedanke wird mit leichter Veränderung noch einmal aufgenommen.
Dieses Motiv begegnet uns vor allem in den Psalmen. Besonders stark wirkt es, wenn sich, so wie hier, die einzelnen Satzglieder überkreuzen. Die Wiederholung soll die Aussage verstärken und vertiefen: „Lobe den Herrn, meine Seele!“ Das ist der Grundton. Und dann folgt das Echo: „Und was in mir ist, seinen heiligen Namen!“
Doch das, worauf es ankommt, ist ja der Inhalt. Die dichterische Form soll diesen nur hervorheben. Und dabei helfen, dass wir uns ihn besser einprägen können. Denn wir sollen nicht beim Äußeren, bei den Worten, steckenbleiben, sondern zum Kern durchdringen. Wenn wir diesen in uns aufnehmen, dann kann es unser Denken und Fühlen erneuern, ja, und auch unser Tun verändern. Das ist das Ziel.
Wichtig ist nicht, in welcher Stimmlage, Melodie, Sprache oder Musikrichtung wir Gott loben, ob mit Worten oder Melodien, ob nur in Gedanken oder laut. Sondern es kommt darauf an, dass wir es wirklich tun.
Denn Gott zu loben – das ist angemessen und richtig. Von ihm kommt alles, was wir sind und haben. Jeder Tag, jeder Augenblick, jeder Atemzug. Er ist Ursprung und Ziel unseres Lebens. Gerade darum soll dieses doppelte Lob uns prägen: „Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen!“
24. FEBRUAR
Aufbruch ist angesagt
Denn wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.
HEBRÄER 13, 14
Ist der Glaube ein Standpunkt? „Hier steh ich nun, ich kann nicht anders! Und ich will auch nicht anders!“ Oder ist Glaube nicht eher ein Weg? Ist die Gemeinde eher ein Schiff oder mehr wie ein Hafen?
Schon die ersten Glaubenden, von denen die Bibel erzählt, standen vor dieser Frage: Sollen wir bleiben oder gehen? Sollen wir uns hier einrichten oder sollen wir aufbrechen? Von Anfang an ist dies eine Lebensfrage für Menschen, die mit Gott ernst machen wollen. Was entspricht dem Willen und Wesen Gottes? Zuerst Vorsicht walten lassen, keine Risiken eingehen? Oder sollen wir Dinge ausprobieren, die nicht zum Üblichen und Althergebrachten gehören?
Es stimmt: Die Pioniere in der Geschichte der Christenheit wurden zu Lebzeiten meist angefeindet und erst im Nachhinein gefeiert und verehrt. William und Catherine Booth zum Beispiel, die Gründer der Heilsarmee. Sie taten Unerhörtes: Sie benutzten zur Evangelisation Blasmusik. Die war als weltlich verschrien, gerade richtig für ein Schützenfest! Sie ließen Frauen predigen und leiten. Sie ließen ihre bürgerliche Kleidung hinter sich und zogen sich eine Uniform an. Sie gingen in die Lasterhöhlen und Bordelle, um den Ärmsten der Armen und den Verworfenen und Abgeschriebenen die gute Nachricht der Erlösung zu bringen. Von der vornehmen Gesellschaft verachtet, vom Pöbel mit faulen Eiern beworfen, von anderen Christen mit Argwohn beäugt, veränderten sie doch das Gesicht der englischen Gesellschaft und erreichten Abertausende, die sonst keine Berührung mit dem Evangelium gehabt hätten.
In der Bibel merke ich: Glaube ist Aufbruch. Der Auftrag Gottes an Abram und Sarai, ihre Heimat zu verlassen, der Ruf von Jesus an seine Jünger, alles zu verlassen und ihm nachzufolgen, der Ruf des Heiligen Geistes am Ende der Bibel: „Komm!“ Wenn Gott uns ruft, soll das unsere Antwort sein: „Hier bin ich, sende mich!“ (Jesaja 6, 8)
25. FEBRUAR
Überrascht von Gott
Du sollst dir kein Bildnis machen!
2. MOSE 20, 4
Natürlich weiß ich, dass Gott größer ist als meine Vorstellungskraft. Ich stimme dem zweiten Gebot ganz und gar zu. Und doch ertappe ich mich dabei, dass ich es immer wieder übertrete. Und zwar gerade dann, wenn ich eigentlich offen sein will für Gott und für die Begegnung mit ihm. Doch gerade hier liegt das Problem.
Ich habe meistens eine ganz bestimmte Vorstellung davon, wo und wie ich Gott begegnen kann. Ich plane diese Gottesbegegnungen ein: Bibellesen, Beten, ein bestimmter Gottesdienst, eine Konferenz … und bin dann enttäuscht, wenn Gott scheinbar nichts Besonderes tut. Schließlich habe ich mir ja Zeit genommen! Jetzt müsste er doch in besonderer Weise zu mir reden, oder?
Es fällt mir schwer, zu akzeptieren, dass ich Gott nicht in der Tasche habe. Er ist immer wieder anders, als ich ihn mir vorstelle. Ist das vielleicht eine unserer größten Versuchungen, dass wir versuchen, uns Gott zu schaffen, dass er in unser Bild passt?
Erstaunlich, dass Gott sich das gefallen lässt. Dass er trotz unserer Versuche, ihn in unsere Vorstellungen und Erwartungen einzuzwängen, den Kontakt mit uns nicht abbricht. Das bringt mich zum Staunen: Warum bleibt Gott mir zugewandt – trotz all meiner Versuche, ihn in ein Bild nach meinem Geschmack einzuzwängen? Warum hat er mich nicht längst abgeschrieben?
Und so bin ich überrascht von Gott. Ich erkenne: Im Grunde bin nicht ich es, der Gott sucht. Sondern es ist Gott, der auf der Suche nach mir ist. Er will die Begegnung mit mir. Er überrascht mich damit, dass er sich nicht an meine Erwartungen hält und sich das Recht herausnimmt, in meinen Alltag hineinzuplatzen. Das ist meine Chance: Gott tritt heraus aus dem Bild, das ich mir von ihm gemacht habe, und zeigt sich mir neu. So, wie er wirklich ist. Dafür bin ich dankbar. Und ich fasse wieder Mut, aus meinen Traumbildern herauszutreten und dem wirklichen Gott zu begegnen. So wie er ist. So wie er uns in Jesus nahekommt.
26. FEBRUAR
Jesus im Zentrum
Wir verkündigen nicht uns selbst, sondern Jesus, dass er der Herr ist.
2. KORINTHER 4, 5
Wieder einmal saß eine Gruppe von Theologiestudenten bei uns im Donnerstagsgottesdienst in der Pfarrkirche in Marburg. Ihr Seminar besuchte, was löblich ist, alle möglichen Gottesdienste. Und auch die unmöglichen – also auch unseren. Sie blieben inkognito, sie nahmen also nicht die Möglichkeit wahr, sich am Anfang bei der Begrüßung vorzustellen. Hinterher schrieben sie einen Bericht. Über die Predigt wurde vermerkt: „Das Merkmal des Christus-Treffs scheint offensichtlich eine ausgeprägte Christologie zu sein. Es ging in der Predigt um Jesus Christus.“ Soweit das Fazit ihrer theologischen Analyse.
Ich fand das wunderbar. Wenn das Alleinstellungsmerkmal dieses Gottesdienstes darin bestand, dass es um Jesus ging, dann ist ja alles in Ordnung! Was mich allerdings wunderte, war, dass es besonders vermerkt wurde. Eigentlich sollte es in der gesamten christlichen Kirche so sein, oder? Vielerorts ist das auch der Fall, Gott sei Dank! In vielen Gottesdiensten geht es um Jesus. Und darum, was er für uns bedeutet. Allerdings muss ich bekennen, dass ich auch schon Predigten durchlitten habe, in denen der Name Jesus nicht ein einziges Mal Erwähnung fand. In solchen Gottesdiensten bin ich dann immer sehr dankbar für die Kirchenlieder und die Liturgie, die genau da, wo der Prediger schweigt oder ausweicht, das Zentrum benennen, um das es geht: Jesus Christus.
Ja, es geht in der Kirche um Jesus Christus! Dass das besonders betont werden muss, scheint nicht neu zu sein. Schon Paulus musste das unterstreichen. Damals wie heute droht der Geist der Zeit nicht nur die Gesellschaft prägen zu wollen, sondern auch die christliche Gemeinde zu bestimmen. Demgegenüber ist es wichtig, dass wir hier klar sind. Jesus selbst muss das Zentrum sein. Nur so bleiben wir lebendig, als Kirche und als Einzelne. Und nur so haben wir überhaupt das Recht, uns Christen zu nennen.
27. FEBRUAR
Jesus und …?
Als sie ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein.
MATTHÄUS 17, 8
Es ist seltsam: Die Bewegung, die mit Jesus ihren Ursprung nahm, die christliche Kirche, hatte oft nichts Besseres zu tun, als genau diesen Jesus aus dem Zentrum an den Rand zu rücken. Viele andere Dinge wurden im Lauf der Kirchengeschichte wichtig und immer wichtiger. Das war häufig etwas ganz anderes als das, wozu der Meister seine Jünger berufen hatte. So ging es mehr um die Kirche selbst anstatt um Jesus. Es ging um die Vernunft, um Tradition, um Dogmen und Liturgien, um die Heiligen, um Feiertage und Fastenregeln und oft um den eigenen Machterhalt. Und das alles anstelle von Jesus.
Bereits in der Frühgeschichte des Christentums versuchte man, Jesus in ein System einzuordnen und so aus dem Zentrum zu rücken. Die Christen, an die sich der Hebräerbrief richtet, wollten in Jesus eine Art „hohen Engel“ sehen, zwar besonders, aber nicht einzigartig. Dagegen unterstreicht der Verfasser die Einzigartigkeit von Jesus: „Lasst uns aufsehen zu Jesus, dem Anfänger und Vollender des Glaubens.“ (Hebräer 12, 2)
Die Frage steht bis heute im Raum: Wer ist Jesus? Welchen Platz räumen wir ihm ein? In den Glaubensbekenntnissen wird es festgehalten: Jesus ist der, auf den es ankommt. Er allein ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. (Johannes 14, 6) Er allein ist wahrer Mensch und wahrer Gott. Jede Generation muss neu für sich die Frage beantworten, wer Jesus für sie ist. Folgen wir dem Zeugnis des Neuen Testaments, das Jesus als ewigen Gottessohn, als Menschensohn, also als Weltenrichter, als Messias und Erlöser, als Herrn der Herrn und König der Könige beschreibt? Oder sehen wir in Jesus nur einen Menschen, der zwar besonders gut, weise und liebevoll war, aber eben auch nur ein Mensch?
Wie wir diese Frage beantworten, hat Auswirkungen auf unser Leben. Neue Prioritäten, neue Ziele rücken ins Zentrum unseres Denkens, Handelns und Redens, wenn dort, im Zentrum, Jesus allein zu sehen ist.
28. FEBRUAR
Buße – die Umkehr des Herzens
Siehe, des Herrn Arm ist nicht zu kurz, dass er nicht helfen könnte, und seine Ohren sind nicht hart geworden, sodass er nicht hören könnte, sondern eure Verschuldungen scheiden euch von eurem Gott, und eure Sünden verbergen sein Angesicht vor euch, dass ihr nicht gehört werdet.
JESAJA 59, 1 - 2
„Warum hilfst du uns nicht? Warum greifst du nicht ein, wenn es uns schlechtgeht?“ So lautete die Anklage der Zeitgenossen des Propheten Jesaja. Gottes Antwort ist deutlich: Warum kehrt ihr nicht um? Warum geht ihr auf euren eigenen Wegen und tut das, was unrecht ist? Schaut euer Leben ehrlich an, kehrt um und bekennt eure Sünden!
Was ist Buße? Das alte Wort bedeutet nichts anderes als Umkehr. Buße meint die Umkehr unseres Herzens, die Abwendung vom Falschen und die Hinwendung zu dem, was richtig und gut ist und Gottes Willen entspricht. Nur durch Umkehr und Eingeständnis unserer Schuld kann unser Leben gesunden. Manchmal wollen wir diesen Schritt überspringen. Wir wissen um die allumfassende Gnade Gottes. Das ist gut. Doch vor die Schuldvergebung gehört das Schuldbekenntnis. Manchmal sind wir zu schnell bei der Gnade. Wir nehmen uns nicht die Zeit, unserer Sünde ins Auge zu schauen, sie klar zu benennen und uns damit bewusst von ihr abzuwenden.
Wenn wir hier kneifen, werden wir anfällig dafür, denselben Fehler wieder zu begehen. Auf dem Bekenntnis unserer Schuld dagegen liegt ein großer Segen. Hier wird Gottes Gnade konkret erfahrbar. Die Zusage der Vergebung der Sünden führt uns in neue Freiheit und Freude hinein.
Buße ist keine Selbstzerfleischung. Nein, sie ist unsere Antwort auf Gottes Einladung zu einem Neuanfang. Diese geistliche Übung, diese Umkehr des Herzens, kann so natürlich werden wie das Atmen, so selbstverständlich wie der Herzschlag. Durch das Bekenntnis unserer Schuld finden wir wieder den Weg zurück zum Vaterhaus. Da gehören wir hin. Dort finden wir, wie der verlorene Sohn, unsere Identität als geliebte Kinder Gottes.
29. FEBRUAR
Fasten
Wenn ihr fastet, sollt ihr nicht sauer dreinsehen wie die Heuchler; denn sie verstellen ihr Gesicht, um sich vor den Leuten zu zeigen mit ihrem Fasten.
MATTHÄUS 6, 16
Fasten gewinnt in unserer Wohlstandgesellschaft wieder an Bedeutung. Gerade, wo es alles in Hülle und Fülle gibt, ist es eine sinnvolle Übung. Doch Fasten kann auch ein Ausdruck dafür sein, dass wir uns ganz auf Gott ausrichten wollen.
Fasten ist zunächst einmal der Verzicht auf Nahrungsaufnahme für eine bestimmte Zeit. Dabei gibt es verschiedene Fastenarten. Eine besteht darin, dass man gar keine Nahrung aufnimmt, mit Ausnahme von Wasser. Dies ist das Fasten, das Jesus in der Wüste praktizierte (Matthäus 4, 1 - 11). Fasten kann aber auch heißen, dass man nur bestimmte Speisen vermeidet, zum Beispiel Fleisch, Süßigkeiten oder andere Genussmittel.
Dieser Verzicht auf Nahrung rührt an unserer Existenz und zeigt uns, dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt (Matthäus 4, 4), sondern abhängig ist vom schöpferischen und erhaltenden Wort und Willen Gottes. Fasten ist eine Verstärkung unseres Gebets. Warum das so ist, bleibt ein Geheimnis. Gott braucht unser Fasten ebenso wenig wie unser Gebet, um zu handeln. Aber auf eine Weise, die für uns nicht erklärlich ist, bewirken Fasten und Beten etwas, das sonst vielleicht nicht geschehen würde.
Klar ist: Wir können Gott nicht zwingen. Nicht durch unser Gebet und auch nicht durch unser Fasten. Gerade beim Fasten machen wir deutlich: Wir sind schwach. Aber Gott ist stark. Wir sind zerbrechlich, bedürftig, abhängig. Doch Gott ist und bleibt der Herr. Er bleibt souverän. Das anzuerkennen, ist ein wesentlicher Teil dieser geistlichen Übung.
Wenn wir fasten, werden wir selbst verändert. Es führt uns an die Grenze dessen, was wir selbst bewirken können, und drückt aus, dass wir abhängig sind von Gott, der alles bewegt und bewirkt. Und so ist unser Fasten, verbunden mit Gebet, letztlich der Ausdruck dafür, dass wir uns selbst nichts, aber Gott alles zutrauen.
1. MÄRZ
Sei gesegnet!
Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der HERR segne dich und behüte dich!
4. MOSE 6, 23 - 24
Sei gesegnet, wenn morgens der Tag anbricht.
Sei gesegnet im hellen Mittagslicht.
Sei gesegnet am Abend und in der Nacht.
Sei gesegnet durch ihn, der über dir wacht.
Sei gesegnet durch die Güte deines Herrn.
Sei gesegnet von ihm, denn er segnet gern.
Sei gesegnet auch in Zeiten der Not.
Sei gesegnet von ihm, dem guten Gott.
Sei gesegnet, wenn etwas in dir zerbricht.
Sei gesegnet und wisse: Er lässt dich nicht!
Sei gesegnet, auch wenn alles vergeht.
Sei gesegnet in ihm, der zu dir steht.
Sei gesegnet und lerne, ein Segen zu sein.
Sei gesegnet von ihm, er schenkt voll dir ein.
Sei gesegnet und lebe in seinem Licht.
Sei gesegnet von Jesus und fürchte dich nicht.
2. MÄRZ
Schweigen
Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.
PSALM 62, 2
Wie das Fasten ist das Schweigen eine geistliche Übung des Verzichts. Wer schweigt, nimmt bewusst Stille auf sich. Er verzichtet darauf, sich zu allem und jedem zu äußern. Er nimmt sich und seine Meinung zurück und überlässt den anderen, und letztlich auch Gott, die Gestaltung dessen, was geschieht. Schweigen ist somit ein Ausdruck des Vertrauens, dass Gott alles gut lenken wird, auch wenn wir selbst keinen Einfluss nehmen.
Eng verbunden mit der Übung des Schweigens ist der Verzicht auf Informationsaufnahme. Bei Aufenthalten in Afrika war ich wochenlang von der Außenwelt abgeschnitten. Wenn ich dann wieder Nachrichten bekam, merkte ich zweierlei: Erstens, dass ich sie oft gar nicht einordnen konnte, weil mir der Zusammenhang fehlte. Und zweitens, dass vieles, worüber tagelang diskutiert wurde, aus der Perspektive eines anderen Kontinents mit ganz anderen Problemen unbedeutend und nebensächlich erscheint. Ich merkte: Ich muss nicht alles wissen – und kann es auch gar nicht. Noch weniger kann ich alles, was geschieht, beeinflussen.
Zeiten des bewussten Schweigens helfen uns, die Hauptsachen von den Nebensächlichkeiten zu trennen. Sie helfen uns, unsere Gedanken zu ordnen und das, was wirklich zählt, im Nachsinnen und im Gebet vor Gott zu bedenken.
Schweigen eröffnet uns den Freiraum, auf Gott zu hören. Schweigen und Hören gehören eng zusammen. Schweigen ist verbunden mit Vertrauen: „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.“ (Psalm 62, 2) An anderer Stelle sagt David, einfach und wunderschön: „Fürwahr, meine Seele ist still und ruhig geworden wie ein kleines Kind bei seiner Mutter; wie ein kleines Kind, so ist meine Seele in mir.“ (Psalm 131, 2)
Bei Gott zur Ruhe kommen und zu schweigen, kann uns unendlich guttun. Darum betet Otto Riethmüller: „Zeig uns dein königliches Walten. Bring Angst und Zweifel selbst zur Ruh! Du wirst allein ganz Recht behalten. Herr, mach uns still und rede du!“
3. MÄRZ
Hören
Gott der Herr hat mir eine Zunge gegeben, wie sie Jünger haben, dass ich wisse, mit den Müden zu rechter Zeit zu reden. Alle Morgen weckt er mir das Ohr, dass ich höre, wie Jünger hören. Gott der Herr hat mir das Ohr geöffnet. Und ich bin nicht ungehorsam und weiche nicht zurück.
JESAJA 50, 4 - 5
Wir waren an einer Lebensentscheidung. Elke und ich saßen im Wohnzimmer bei einem alten Pfarrerehepaar und breiteten unsere Frage aus. Nach einiger Zeit sagte Pfarrer Veller: „Nun haben wir genug geredet. Jetzt wollen wir auf Gott hören!“ Was jetzt folgte, war Standard. Jeder nahm seinen Stift und sein Heft heraus und schrieb in der Stille auf, was er meinte, was Gott zu dieser Frage sagte. Nach einiger Zeit las jeder reihum vor, was er niedergeschrieben hatte. Erstaunlicherweise gab es fast immer – und so auch dieses Mal – fast vollkommene Übereinstimmung. Wir hatten gemeinsam auf Gott gehört, und er hatte geredet. Jetzt war die Sache klar. Die Entscheidung, die wir damals trafen, haben wir nie bereut.
Wenn wir wollen, dass Gottes Wirklichkeit in unseren Alltag hereinkommt, müssen wir lernen, auf seine Stimme zu hören. Dazu muss Gott uns die Ohren öffnen. Von Natur aus sind wir schwerhörig, wenn es um Gottes Reden geht.
Hören auf Gott muss eingeübt werden. Bei jedem Gottesdienst können wir dafür beten, dass wir durch die Verkündigung, die Lieder und alles andere hindurch Gottes Stimme hören. Auch im Alltag können wir einüben, auf die feine, oft leise Stimme Gottes zu hören. Wesentlich ist, dass wir regelmäßig in der Bibel lesen und Gott bitten, durch sie zu uns zu reden. Denn sie ist der Maßstab, an dem sich alles, was wir zu hören meinen, ausrichten muss.
Wenn wir lernen, auf Gottes Stimme zu hören, können wir auf den Wegen gehen, die er für uns vorbereitet hat. Wie der junge Samuel im Tempel können wir beten: „Rede, Herr, denn dein Knecht hört!“ (1. Samuel 3, 9) Dann erfahren wir: „Unser Gott kommt und schweigt nicht.“ (Psalm 50, 3)
4. MÄRZ
Sich der Gegenwart Gottes bewusst werden
Ich habe den Herrn allezeit vor Augen; steht er mir zur Rechten, so werde ich festbleiben.
PSALM 16, 8
Buße tun, Fasten, Schweigen vor Gott, auf Gott hören – wenn wir das tun, rechnen wir damit, dass Gott wirklich da ist. Wenn wir uns so Gott zuwenden, vertrauen wir darauf, dass Gott unser Handeln ernst nimmt. Wir vertrauen darauf, dass er in unser Hören und Schweigen hinein sein helfendes und heilendes Wort spricht und unser Beten und Fasten miteinbezieht in seinen Plan und sein Handeln in dieser Welt.
„Ich habe den Herrn allezeit vor Augen.“ Dies ist die geistliche Übung der Vergegenwärtigung. Wir erinnern uns daran, dass Gott jederzeit und immer gegenwärtig ist. Mitten im Alltag machen wir uns bewusst, dass Gott wirklich da ist und dass er bei uns ist. Dabei geht es nicht um eine mystische Erfahrung. Sondern: Wir üben ein, darauf zu vertrauen, dass die Zusagen, die Gott in seinem Wort gibt, wirklich stimmen: „Fürchte dich nicht, ich bin mit dir!“ (Jesaja 41, 10) Das Bewusstsein der Gegenwart Gottes ändert unsere Lebenshaltung. Wir versuchen nicht, Gott durch eine geistliche Methode in unser Leben hereinzuholen, sondern vielmehr: Wir machen uns klar, dass er schon längst da ist. An jedem Ort, zu jeder Zeit. Und auch bei uns ganz persönlich.
Wie kann dieses Bewusstsein eingeübt werden? Das regelmäßige Gebet im Lauf des Tages ist eine Hilfe. Das Dankgebet bei den Mahlzeiten genauso wie kurze Gebete beim Losfahren mit dem Auto sind Erinnerungen an uns selbst: Gott ist da. Vor ihm wollen wir leben. Diese kleinen Augenblicke können uns helfen, Gott „allezeit vor Augen“ zu haben. So können wir unsere Herzen mitten im Alltag für Gottes Gegenwart öffnen.
Auch Paulus ermutigt zu solch einer Ausrichtung unseres Herzens auf Gottes Wirklichkeit: „Ganz gleich, was ihr gerade redet oder tut – lasst das alles im Namen von Jesus, dem Herrn, geschehen und zeigt Gott eure Dankbarkeit durch ihn!“ (Kolosser 3, 17)
5. MÄRZ
Tun, was notwendig ist
Ein Beispiel habe ich euch gegeben, damit ihr tut, wie ich euch getan habe.
JOHANNES 13, 15
Zu einem geistlich geprägten Leben gehören nicht nur Beten und Hören, nicht nur Stille und Besinnung, sondern auch das konkrete Handeln: Der Einsatz für andere, das beherzte Anpacken und das Tun dessen, was gerade notwendig ist.
Auch hier ist Jesus unser Vorbild. Er, der selbst vierzig Tage fastete, der sich immer wieder zum Gebet in die Einsamkeit zurückzog, er, der in ständigem Gesprächskontakt mit dem Vater lebte, half den Menschen ganz praktisch. Wenn die Massen auf ihn einströmten, nahm er sich Zeit für jeden Einzelnen (Matthäus 8, 16 - 17). Auch wenn sie sein Programm unterbrachen, war er bereit, sich ihnen zuzuwenden. Statt wie geplant in der Einsamkeit zu beten, tröstete und heilte er viele Kranke (Markus 6, 30 - 34).
Ganz deutlich zeigte Jesus am Abend vor seinem Sterben, dass praktisches Dienen zu den grundlegenden Aufgaben seiner Jünger gehört, ja, dass der niedrigste Dienst der höchste Ausdruck eines Lebens in der Gottesliebe ist. Denn die ist ohne die praktische, in die Tat umgesetzte Liebe zum Nächsten nichts als fromme Illusion.
Wir teilen unsere Wirklichkeit häufig in einen vermeintlich geistlichen und einen scheinbar weltlichen Bereich auf. Den ersten bewerten wir als wertvoller und heiliger als den zweiten. Der Pastor gilt bei uns mehr als der Hausmeister, die Seelsorgerin mehr als die, die das Geschirr spült. Es ist Zeit, dass wir diese falschen Bewertungen über Bord werfen. Denn bei Jesus gilt diese gespaltene Weltsicht nicht.
Wenn wir auch die praktischen Tätigkeiten und unseren gesamten Alltag als Gottesdienst begreifen, wird unser Glaube ganzheitlicher und geistlich gesund. Alles, was wir tun „mit Worten oder mit Werken“ (Kolosser 3, 17), kann so zum Ausdruck unserer Anbetung werden. Auf diese Weise lernen wir, auch im praktischen Einsatz für andere und in der handfesten Mitarbeit, Gott zu lieben mit all unserer Kraft.
6. MÄRZ
Gerne geben
Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb.
2. KORINTHER 9, 7
Der Umgang mit Geld und allen anderen Gütern, die wir besitzen, spiegelt unsere Einstellung zum Leben, und damit letztlich auch unsere Gottesbeziehung, wider. Jesus sagte deutlich, dass wir nicht Gott und dem Mammon, also dem Geld, gleichzeitig dienen können (Matthäus 6, 24; Lukas 16, 13).
Wer frei sein will, um Gott zu dienen, muss sich von den Ansprüchen der Mächte und Gewalten frei machen. Der aramäische Begriff Mammon bedeutet einfach „Habe“ oder „Vermögen“. Jesus betont, dass sich hinter dem materiellen Besitz eine Macht verbirgt. Geld ist eine Macht, die uns ganz beherrschen kann.
Ein Blick in die Gesellschaft zeigt, dass diese Einschätzung zutrifft. Das Jagen nach Geld und Reichtum treibt die Menschen um. Oft wird der Wert eines Menschen danach bemessen, wie viel er besitzt. Wer viel hat, wird bewundert und beneidet. Wer nichts oder wenig hat, versucht, so viel zu bekommen wie möglich. Jesus warnt ganz deutlich: Ihr könnt nur einen Herrn in eurem Herzen anbeten, nur einem in eurem Leben dienen. Gott oder Geld? – Das sind hier die Alternativen.
Geben ist deshalb eine geistliche Übung. Wenn wir abgeben von dem, was wir haben und zu brauchen meinen, drücken wir unser Vertrauen aus, dass Gott uns auch in Zukunft versorgen wird. Abgeben von unserem Besitz bedeutet Abgeben von unserer vermeintlichen Sicherheit. Deshalb tut es so weh. Deshalb ist es auch so heilsam. Geben ist ein Ausdruck des Vertrauens auf Gott.
Denn letztlich ist alles, was wir haben, von Gott anvertraut. Es ist ein Geschenk, an dem wir uns erfreuen und mit dem wir wiederum andere beschenken können. Wenn wir abgeben von dem, was wir sind und haben, folgen wir dem nach, der sich selbst gegeben hat, ohne dafür eine Gegenleistung zu erwarten.
„Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb!“ Unser Geben soll von Herzen geschehen, voller Dankbarkeit und in dem Vertrauen, dass Gott auch in Zukunft für uns sorgen wird.
7. MÄRZ
Die Fröhlichkeit des Herzens
Freut euch in dem Herrn zu jeder Zeit!
PHILIPPER 4, 4
Wer in die Bibel schaut, merkt: Freude ist ein Grundmerkmal des Lebens als Christ. Wenn wir uns jedoch in der christlichen Gemeinde umschauen, können schon Zweifel aufkommen, ob wir das mit der Freude so richtig verstanden haben. Vielleicht fordert Paulus gerade deshalb zur Freude auf.
Ein Freund erzählte mir von der Großmutter seiner Frau. Sie war eine Bauersfrau im mittleren Westen der Vereinigten Staaten. Ihr Leben lang hatte sie hart gearbeitet, ihre große Familie und den Hof organisiert. Myrtle war ihr Name. Trotz aller Mühe und Arbeit hatte sie ein fröhliches Herz. An ihrem Kühlschrank fand man nach ihrem Tod einen Zettel, den sie offensichtlich jeden Morgen gelesen hatte: „Guten Morgen, Myrtle, hier ist Gott. Wie geht es dir heute? Ich brauche dich auch heute nicht, um die Welt zu regieren. Das schaffe ich alleine. Deshalb wünsche ich dir einen schönen Tag!“
Echte, gelassene und tiefe Herzensfröhlichkeit wird möglich, wenn wir erkennen, wer Gott wirklich ist: Der allmächtige Schöpfer und Herr dieser Welt und zugleich unser liebender Vater. Und wenn wir erkennen, wer wir durch ihn sind: Seine geliebten Kinder. Wenn wir Gott Gott sein lassen, werden wir befreit zur Freude.
Die Fähigkeit zur Freude und Fröhlichkeit ist die Frucht einer Übung des Herzens. Sich zu freuen kann richtiggehend erlernt werden. Freude hängt zusammen mit Dankbarkeit und Bescheidenheit. Und sie wurzelt in der Gewissheit, dass Gott die Geschicke unseres Lebens in seiner Hand hält.
Deshalb sind unverkrampfte Freude und gelassene Fröhlichkeit die angemessene Lebenshaltung für uns Christen. Auch angesichts von Leiden, Krankheit, Bedrohung und Tod. Wenn wir zu dieser Fröhlichkeit durchdringen, verändern sich auch unsere Gemeinden. Wir werden eine natürliche missionarische Ausstrahlung gewinnen. Weil Freude und Fröhlichkeit einfach ansteckend sind.
8. MÄRZ
Der Ruf
Jesus sagte zu ihm: „Folge mir nach!“ Da stand Levi auf und wurde ein Nachfolger von Jesus.
MATTHÄUS 2, 14
Wie Levi damals haben es seitdem viele gemacht: Sie haben alles verlassen und sind Jesus nachgefolgt. So auch der indische Christ Sadhu Sundar Singh. Aufgewachsen in einer vornehmen Sikh-Familie am Ende des 19. Jahrhunderts, wurde er schon als Kind von seiner Mutter in die Traditionen der hinduistischen und der Sikh-Religion eingeführt. Nach dem frühen Tod seiner Mutter führte er seine religiösen Übungen weiter fort. Bald konnte er die heiligen Bücher beider Religionen auswendig. Dennoch konnte er für seine Seele, die nach Gott suchte, keinen Frieden finden.
Als knapp Fünfzehnjähriger beschloss er, sich am nächsten Morgen das Leben zu nehmen, wenn sich Krischna oder eine andere Gottheit ihm nicht offenbarte. Nach der durchwachten Nacht, als die Zeit, zu der der Morgenzug kam, unter den er sich werfen wollte, immer näher rückte, erschien ihm Jesus in einem überirdischen Licht und rief ihn, ihm nachzufolgen. Für Sundar Singh bedeutete das, vom Vater verstoßen und enterbt zu werden. Familienangehörige versuchten, ihn zu vergiften. Doch er ließ sich nie entmutigen. Jahrelang wanderte er als christlicher Sadhu, als Wandermönch, durch Indien und verkündigte die Botschaft Jesu. Neunzehnmal drang er in das damals für die christliche Botschaft verschlossene Tibet ein und predigte oft unter Lebensgefahr in abgelegenen Bergdörfern und Klöstern. Von seiner letzten Wanderung nach Tibet kehrte er nicht mehr zurück. Wie er starb, ist nie bekannt geworden.
Seine Entschlossenheit, alles für Jesus hinzugeben, drückt er in dem weltbekannten Lied „I have decided to follow Jesus“ aus: „Ich bin entschieden, zu folgen, Jesus – niemals zurück! Die Welt liegt hinter mir, das Kreuz steht vor mir – niemals zurück! Ob niemand mit mir geht, doch will ich folgen – niemals zurück!“
Der Ruf von Jesus erreichte damals die Menschen in Indien und weit darüber hinaus. Auch vor uns steht heute die Frage, wie wir auf seinen Ruf antworten.
9. MÄRZ
Das Wunder der Verwandlung
Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde hineinfällt und dort stirbt, dann bleibt es für sich allein. Wenn es aber sein eigenes Leben in den Tod gibt, dann bringt es sehr viel Frucht hervor.
JOHANNES 12, 24
Mitten im Alltag sind Wunder verborgen. Unter der Oberfläche des Bekannten und Natürlichen hat Gott Botschaften versteckt, die für uns alle von Bedeutung sind. Jesus weist seine Jünger auf diese Wahrheiten hin, die der Schöpfer in die Schöpfung hineingewebt hat.
Jesus nimmt ein Weizenkorn in die Hand. Klein und unscheinbar ist es. Ein einziger Windstoß kann es fortblasen. Für sich genommen ist es unbedeutend. Und doch trägt es ein großes Potenzial in sich. Aus diesem einen Weizenkorn können zehn, zwanzig oder mehr Körner hervorkommen und aus denen wiederum viele weitere Körner. So kann in wenigen Schritten aus einem einzigen Korn eine übergroße Ernte erwachsen.
Doch wie kann das geschehen? Nur dadurch, dass das Weizenkorn sich selbst aufgibt. Dass es sich in der Erde auflöst. Diese Selbsthingabe ermöglicht neues Leben. Das ist die Lehre aus dem Gleichnis vom Weizenkorn.
Dass Jesus hier über sich selbst spricht, ist klar. Sein Sterben am Kreuz ist die Saat, die der Welt neues Leben schenkt. Weil er sein Leben hingab, können wir leben bis in Ewigkeit. Er selbst ist das Weizenkorn, das zum Brot für die Welt wird.
Das ist die Botschaft, die im Weizenkorn verborgen ist: Die Botschaft vom Kreuz und von der Auferstehung. Noch genauer: Von Jesus, dem Gekreuzigten und Auferstandenen. Sein Sterben ist die Tür zum ewigen Leben.
Und doch birgt das Weizenkorn noch eine weitere Wahrheit für unser eigenes Leben in sich. Die Botschaft ist deutlich: Wer Jesus folgt und wie er sein Leben nicht festhält, wer seine Rechte aufgibt und bereit ist, zu dienen, statt sich dienen zu lassen, der erlebt dasselbe Wunder der Verwandlung. Aus einem freiwilligen Opfer schafft Gott Segen für viele. Das ist die Verheißung, die auch auf unserem Leben liegt.
10. MÄRZ
Mehr als ein Ende
Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, und es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten von dem Menschensohn.
LUKAS 18, 31
Wir können nur ahnen, was die Freunde von Jesus gedacht haben, als er ihnen diese Worte sagte. Hinauf nach Jerusalem zu gehen – das war etwas Schönes. Abstand vom Alltag mit all seiner Arbeit. Teilnehmen an den großen Tempelfesten. Spannend, aufregend, bereichernd. Der Pilgerweg nach Jerusalem erschallte von Gesang, von den Pilgerliedern, die sich in den Psalmen finden. Hinaufziehen nach Jerusalem, das war ein Anlass zur Freude.
Und doch: Dieses Mal war es anders. Das spürten die Jünger von Jesus deutlich. Das, was dort in Jerusalem „vollendet“ werden sollte, legte sich wie ein Schatten über ihre Seelen. Vielleicht dachten sie an die Andeutungen Jesu, wo er davon sprach, dass der Menschensohn leiden und sterben müsste. Worte, die für sie wohl nur halb verständlich waren.
Der Weg nach Jerusalem, den sie antraten, war vielleicht beides: Ein Weg voller Beklemmung und Furcht, und zugleich voller Erwartung und Hoffnung. Denn sagte die Prophezeiung von Daniel nicht auch, dass der Menschensohn alle Macht und Autorität übertragen bekommen sollte? Würde vielleicht dort doch das geschehen, was sie erhofften: Jesus wird als König von Israel und über die Völker eingesetzt?
Dass es dann wirklich so kam, das wissen wir. Jesus von Nazareth, König der Juden! So stand es auf der kleinen Tafel am Kreuz. Der Menschensohn wurde zum König. Doch nicht auf einem Thron aus Gold oder Silber, sondern an einem Kreuzesstamm. Ausgeliefert von den eigenen Landsleuten. Hingerichtet von Soldaten der römischen Besatzungsmacht.
Und doch: Das Ende war mehr als ein Ende. Es war der Anfang eines neuen Lebens. Jesus blieb nicht im Tod. Darum ist sein Weg dort in Jerusalem nicht zu Ende. Er geht weiter. Denn Jesus lebt und sendet seine Jünger in alle Welt. Wer ihm folgt, ist Teil seiner Geschichte. Und die hat kein Ende.
11. MÄRZ
Das Geheimnis des Menschensohns
Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.
MATTHÄUS 20, 28
Auf dem Weg nach Jerusalem, zu dem Passafest, das sein letztes sein sollte, spricht Jesus mit seinen Freunden. Sie haben im Laufe der Zeit, in der sie mit ihm unterwegs waren, erkannt, dass er der Messias ist. Doch das, was er über den Menschensohn sagt, verwirrt sie immer noch. Wer ist dieser geheimnisvolle Menschensohn? Sie ahnen, ja, sie wissen, dass er sich damit selbst meint.
Das Wort Menschensohn stammt aus dem Buch des Propheten Daniel. Dort ist er eine hoheitsvolle Gestalt, der alle Macht und Autorität übergeben wird. Er ist der Weltenrichter, der Herr über alles. Dass Jesus die Bezeichnung Menschensohn in diesem Sinn für sich selbst verwendet, ist offensichtlich. Er wusste, dass Gott ihm diese Aufgabe und Autorität übergeben hatte.
Das macht das Paradox noch umso deutlicher. Der Weltenherr wird zum Diener aller. „Genauso ist es mit dem Menschensohn, dem Gott alle Macht übergeben hat. Der ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um ein Diener zu werden und sein Leben in den Tod zu geben als einen Einsatz, durch den Unzählige freigekauft werden.“ (Matthäus 20, 28)
Jesus gibt sich selbst hin. Der Herr wird zum Knecht. Der Weltenherr zum Diener aller. Seine Selbsthingabe am Kreuz ermöglicht neues Leben für die Menschen. Diese Botschaft gehört ins Zentrum des christlichen Glaubens. Gott gibt sich selbst – in Jesus.
Das ist das Geheimnis der Passion. Die Jünger damals begriffen es nur stückweise. Und auch wir stehen immer wieder staunend vor diesem Geheimnis:
„Nun in heil‘gem Stilleschweigen sehen wir vor Golgatha, tief und tiefer wir uns neigen vor dem Wunder, das geschah, als der Freie ward zum Knechte und der Größte ganz gering, als für Sünder der Gerechte in des Todes Rachen ging.“ (Friedrich von Bodelschwingh)
12. MÄRZ
Ein seltsamer Zusammenhang
Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.
JOHANNES 3, 14B-15
In der Nacht kommt Nikodemus, der Professor der Theologie, zu Jesus. Er will wissen, was es mit diesem Lehrer aus Nazareth auf sich hat. Doch er will noch mehr. Nikodemus fragt Jesus nach dem Weg zum ewigen Leben. Das ist die Frage nach dem Zentrum. Denn ohne die Dimension der Ewigkeit hat alles, was wir denken und tun, keinen bleibenden Bestand und keine wirkliche Bedeutung. Jesus versucht, dem jüdischen Theologen zu zeigen, welche Bedeutung er, Jesus, selbst für das ewige Leben hat: „Der Menschensohn muss erhöht werden, damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“
Ob Nikodemus das verstanden hat? Ob er verstand, dass Jesus selbst der Menschensohn ist, der Weltenherrscher, von dem Daniel im 7. Kapitel spricht? Ob Nikodemus verstand, was Jesus hier mit dem Wort „erhöhen“ meinte? Erhöhen – dieses Wort begegnet uns im ganzen Johannesevangelium. Damit beschreibt Jesus sein eigenes Sterben hoch am Kreuz. Und zugleich schwingt dabei schon die Überwindung des Todes mit.
Eines wissen wir: Nikodemus wurde ein Nachfolger von Jesus. Zunächst heimlich. Doch nach dem Tod Jesu stellte er sich öffentlich zu ihm. Spätestens jetzt hatte er es verstanden, dass zwischen Jesu Sterben am Kreuz und dem ewigen Leben dieses kleine, erstaunliche, verbindende Wort steht, „damit“: „ … damit alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.“ Ein seltsamer Zusammenhang. Und doch ein notwendiger. Das Selbstopfer von Jesus am Kreuz ist der Schlüssel zum Leben.
Dass sein Sterben mehr war als ein Justizmord, mehr als das furchtbare Leiden und die rasenden Schmerzen, mehr als der Spott und Hohn, das zeigt Jesus hier. Für ihn ist das Kreuz die Erhöhung. Der Anfang seiner Rückkehr zum Vater. Und dabei ist er nicht allein. Bei Jesus sind die, die durch ihn und von ihm das größte Geschenk überhaupt empfangen haben: Das ewige Leben.
13. MÄRZ
Was am Kreuz geschah
Er hat unsre Sünde selbst hinaufgetragen an seinem Leibe auf das Holz.
1. PETRUS 2, 14
Gott weiß, dass wir Menschen aus eigener Kraft mit den Problemen der Sünde, des Unrechts und der Schuld nicht fertigwerden. Deshalb geht er bis zum Äußersten. Seine Antwort ist das Kreuz. Diese paar Meter Holz, an denen der Mann aus Nazareth, Jesus, hingerichtet wird.
Doch was bedeutet das? Petrus schreibt es in seinem Brief: „Er hat unsre Sünde selbst hinaufgetragen an seinem Leibe auf das Holz.“ Genau das passierte an diesem Tag vor fast 2000 Jahren vor den Toren von Jerusalem. Dort am Kreuz geschah das Undenkbare: Gott, der Richter selbst, kommt und tritt an die Stelle des Schuldigen. Er nimmt die Last der Sünde auf sich.
Es ist Gott selbst, der in Jesus die Schuld der Welt trägt. Manche missverstehen das, was hier geschieht. Sie meinen, dass die Bibel behaupte, dass Gott den unschuldigen Jesus hat sterben lassen, während er unbeteiligt vom Himmel herabschaute.
Nein, Gottes Herz zerbrach dort am Kreuz. Er gab sich selbst in den Tod, um die von ihm getrennte Schöpfung wieder zu sich zurückzuholen. Das betont Paulus: „Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selbst.“ (2. Korinther 5, 14)
Das Leiden von Jesus am Kreuz ist das Leiden Gottes, des Vaters. Hier nimmt Gott selbst das Leiden der Menschheit auf sich. Es ist kein Fremder, der hier am Kreuz stirbt. In Jesus, dem ewigen Gottessohn, steigt Gott selbst in das tiefste Leiden ein. Er, der Gerechte, leidet das Los der Ungerechten, er, der Sündlose, gibt sich selbst für die Sünder. So ist das Kreuz der Ort, an dem sich Gottes Gerechtigkeit und Gottes Liebe in vollkommener Weise zeigen.
So ist Gott: Er liebt uns so sehr, dass er das Leid, die Schmerzen, ja sogar die Schuld und den Tod der Menschen auf sich nimmt. Die Folge: Wir dürfen ohne Schuld, frei und mit einem guten Gewissen, voller Freude und Dankbarkeit leben. Jesus hat am Kreuz den Weg frei gemacht. Und so kann alles neu werden.
14. MÄRZ
Der Kuss des Vaters
So stand er auf und kam zu seinem Vater zurück. Als er noch weit entfernt war, sah sein Vater ihn und wurde von Mitgefühl erfasst. Er rannte los und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.
LUKAS 15, 20
Wie sehen wir Gott? In der Vorstellung der Völker ist Gott meist weit entfernt und schwer zu erreichen. Die Religionen sind Versuche, eine Beziehung zu Gott oder den Göttern aufzubauen. Doch dabei muss immer der Mensch etwas leisten. Immer ist der Mensch auf dem Weg zu Gott. Doch er weiß nie, ob er ankommen wird. Er kann sich nicht sicher sein, ob er wirklich alles richtig gemacht hat und ob sein Gott in der Stimmung ist, ihn zu erhören.
Die Bibel zeigt: Es ist genau anders herum! Der Mensch ist auf der Flucht vor Gott – auch in all seiner Religiosität. Gott dagegen ist auf der Suche nach uns Menschen. Er sehnt sich nach der Beziehung zu seinen Geschöpfen. Gott ist nicht fern oder uninteressiert, sondern ein Vater, der seine Kinder liebt. Er ist der Hirte, der sein verlorenes Schaf sucht. Er ist der König, der auf allen Straßen und Gassen zu seinem Fest einlädt. Das ist der Kern der Bibel, vorgezeichnet in der Geschichte Gottes mit seinem Volk Israel und entfaltet in Jesus.
„Wer mich sieht, sieht den Vater!“, so sagt es Jesus (Johannes 14, 9). Er ist „das Ebenbild des unsichtbaren Gottes“ (Kolosser 1, 15). Gott blieb nicht verborgen. Er hat sich auf den Weg gemacht zu uns, in Jesus.
Das ist das Geheimnis der unvergleichlichen Geschichte vom „verlorenen Sohn“: Jesus selbst ist der Vater, von dem er erzählt: „Als er noch weit entfernt war, sah sein Vater ihn und wurde von Mitgefühl erfasst. Er rannte los und fiel ihm um den Hals und küsste ihn.“ (Lukas 15, 20) Das ganze irdische Leben von Jesus war nichts anderes als dieser „Kuss des Vaters“. Menschen sollten erleben: So ist Gott.
Wenn ein Mensch das begreift und in Gottes ausgestreckte Arme läuft, dann ist Freude angesagt. Bei dem Fest feiert der ganze Himmel mit!
15. MÄRZ
Etwas Schönes für Jesus
Sechs Tage vor dem Passafest kam Jesus nach Betanien, wo Lazarus war, den Jesus auferweckt hatte von den Toten. Dort machten sie ihm ein Mahl und Marta diente ihm; Lazarus aber war einer von denen, die mit ihm zu Tisch saßen. Da nahm Maria ein Pfund Salböl von unverfälschter, kostbarer Narde und salbte die Füße Jesu und trocknete mit ihrem Haar seine Füße; das Haus aber wurde erfüllt vom Duft des Öls.
JOHANNES 12, 1 - 3
Der amerikanische Evangelist und Autor Leighton Ford, der mir seit vielen Jahren zu einem väterlichen Freund und Begleiter geworden ist, erzählt von einer Begegnung mit der albanischen Nonne Mutter Teresa in Kalkutta. Nachdem er einen Tag ihr Leben miterlebt hatte, fragte er sie, woher sie und ihre Schwestern die Kraft bekämen, tagein, tagaus die schwere Arbeit der Pflege von Schwerstkranken und Sterbenden durchzuführen. Als Antwort hob sie ihre Hand, deutete auf die fünf Finger und sagte: „Das kann ich in fünf Worten ausdrücken. Sie lauten: Do it all for Jesus!“ Tue es alles für Jesus.
Als Christen wollen wir uns für Gott und seine Sache in dieser Welt einsetzen. Dass wir etwas tun müssen, steht für uns außer Zweifel. Doch wie wir das tun, mit welcher Einstellung und inneren Haltung, ist sicher ebenso wichtig wie das, was wir tun.
Maria tat etwas Schönes: Sie opferte das, was sie hatte – die kostbare Narde, die aufgrund ihres hohen Wertes für sie eine Art Lebensversicherung darstellte –, um Jesus zu ehren und ihm ihre Liebe und Dankbarkeit auszudrücken. Ihr Handeln war nicht zweckmäßig, sondern einfach „etwas Schönes für Jesus“.
Wir können viel Richtiges und Gutes tun. Aber das ist nicht alles. Auf die Spur der Freude gelangen wir, wenn wir es von Herzen tun, als Ausdruck des Danks und der Liebe. So wie die Schöpfung nicht nur aus Ordnung und Zweckmäßigkeit besteht, sondern auch Schönheit ausstrahlt, so kann und soll unser Leben und unser Einsatz für Gott auch etwas von dieser Schönheit und Anmut widerspiegeln.
16. MÄRZ
Tiefer sehen lernen
Daraus folgt: Kein einziger Mensch kann sich selbst aufgrund seiner eigenen Taten vor Gott gerecht machen. Denn das Gottesgesetz macht deutlich, was Sünde wirklich ist.
RÖMER 3, 20
Wie sehen wir richtig? Was sehen wir, wenn wir die Welt und uns selbst anschauen? Der selbstgerechte Pharisäer Saulus hatte vieles völlig falsch gesehen. Erst als er Jesus sah, lernte er, so zu sehen, wie es richtig ist. In Begegnung mit Jesus wurden seine Augen geöffnet. Das veränderte sein Leben völlig.
Von Jesus sehen lernen bedeutet, ihn richtig sehen zu lernen. Und damit eng verbunden, auch sich selbst richtig zu sehen. Von Simon Petrus, einem der engsten Freunde von Jesus, werden diese Stunden der Selbsterkenntnis berichtet. Nach dem überraschend großen Fischfang begreift er, dass Jesus sogar Herr über die Naturmächte ist. Und er erkennt zugleich sich selbst in einer bis dahin unbekannten Tiefe: „Geh fort von mir, Herr! Ich bin ganz und gar in meinen Sünden gefangen!“ (Lukas 5, 8)
Als Jesus die Menschen seiner Zeit ansah, sah er zweierlei: Die Wirklichkeit der Verlorenheit und die Möglichkeit der Erlösung. Er sah sie wie Schafe, die von ihren Hirten verlassen sind – ein Bild für Bedrohung und Zerstörung. Aber er sah sie auch wie eine große Ernte – ein positives Bild von dem, was im Leben genau dieser Menschen an Frucht möglich ist. Jesus sah immer die Wirklichkeit dieser Welt und die Möglichkeiten Gottes zusammen. Und über allem war er von Mitgefühl bewegt.
Das ist das Neue an der Botschaft der Bibel. Von der Wirklichkeit der Sünde reden ja alle Religionen. Alle suchen nach Wegen der Überwindung dieser grundlegenden Realität unserer Welt. Aber nicht der scharfe moralische Blick der Selbstgerechtigkeit, nicht der unbarmherzige, unbeteiligte Blick der Gleichgültigkeit ist das, was wir von Jesus lernen. Sondern: Wir sollen unsere Mitmenschen und uns selbst anschauen, wie Jesus es tut, voll Erbarmen und Barmherzigkeit.
17. MÄRZ
Die Gegenwart Jesu zu anderen bringen
So sind wir Botschafter an Christi Statt und bitten: Lasst euch versöhnen mit Gott.
2. KORINTHER 5, 20
Ein Botschafter ist nicht nur Überbringer der Botschaft, sondern repräsentiert auch den, der ihn gesandt hat. Unser Auftrag in der Welt ist es, Christi Botschafter zu sein, ihn zu repräsentieren, zu handeln und zu reden an seiner Statt. Dabei ist Jesus selbst unser Vorbild: „Ein Beispiel habe ich euch gegeben, dass ihr tut, wie ich getan habe.“ (Johannes 13, 15)
Auch Paulus betont: Jesus ist das Vorbild für unsere Hingabe: „Ein jeder sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war. Obwohl er in göttlicher Gestalt war, hielt er es nicht wie einen Raub fest, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst … “ (Philipper 2, 5 - 7a) So sagt es auch Johannes: Wie Jesus sollen wir uns einsetzen und auch das Leiden nicht scheuen: „Der Knecht ist nicht über seinem Herrn und der Bote nicht über dem, der ihn gesandt hat.“ (Johannes 13, 16)
So sind wir wie Jesus in die Welt gesandt. Das Wort Sendung entspricht dem lateinischen Wort Mission und dem griechischen Wort Apostolat. Gemeinde ist also immer missionarische, apostolische, gesandte Gemeinde. Jeder Christ soll ein Missionar sein, einer, der mit einer Sendung unterwegs ist. Wir alle sind Teil der Mission Gottes. Schon deshalb ist unsere oft statische Vorstellung von Gemeinde falsch. Gemeinde soll unterwegs sein. So sagt es Jesus: „Gehet hin in alle Welt!“ (Matthäus 28, 18)
Jesus hat jedem Christen und jeder Gemeinde einen missionarischen Auftrag erteilt. Jede Gemeinde hat ein Umfeld, in dem sie Gottes Reich leben und darstellen soll. Für die Gemeinde in Ephesus war Kleinasien ihr natürliches Missionsgebiet. Für die Gemeinde in Korinth war es die Landschaft Achaja. Für die Jerusalemer Urgemeinde war es zuerst Judäa, dann Samaria, dann die Enden der Erde (Apostelgeschichte 1, 8). Immer weitere Kreise sollen mit dem Evangelium erreicht werden. Wie steht es mit uns? Wo sind wir gefragt als Botschafter für Jesus?
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