Kitabı oku: «Die Köln-Affäre»

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Die Köln-Affäre

Thriller

Von Rolf D. Sabel


Rolf D. Sabel

Die Köln-Affäre

Thriller

Cover: Unter Verwendung von 123RF 34317271 und 46453605

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ISBN E-Book: 978-3-96136-141-0

ISBN Print: 978-3-96136-140-3

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Für Ruth und Berthold Sabel

in liebevoller Erinnerung

Der Roman beinhaltet die Fortsetzung des Thrillers Die Agenten-Affäre (ratio-books 2021), kann aber auch ohne Kenntnis dieses Romans gelesen werden, weil alle Zusammenhänge erklärt werden.

„Der Fanatismus schafft auch bei ganz ungebildeten Leuten oft eine bedeutende Beredsamkeit und gibt ihren Äußerungen oft eine bemerkenswerte, formelle rednerische Form.“

Cesare Lombroso (1836 - 1909), italienischer Arzt, Professor der gerichtlichen Medizin und Psychiatrie, gilt als Begründer der Kriminalanthropologie

Inhalt

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

54. Kapitel

55. Kapitel

56. Kapitel

57. Kapitel

58. Kapitel

59. Kapitel

60. Kapitel

61. Kapitel

62. Kapitel

63. Kapitel

64. Kapitel

65. Kapitel

66. Kapitel

67. Kapitel

68. Kapitel

69. Kapitel

70. Kapitel

71. Kapitel

72. Kapitel

73. Kapitel

74. Kapitel

75. Kapitel

76. Kapitel

77. Kapitel

Epilog

Prolog

Ein Jahr hatte ich den Monsignore nicht gesehen, aber jetzt war es soweit. Wir hatten uns in meinem Kölner Stammlokal in der Wichterichstraße verabredet und ich musste nicht lange warten.

Monsignore Dr. Peter Diefenstein betrat das Lokal, schaute sich kurz um und steuerte auf meinen Tisch zu. In der Hand trug er eine schmale, schwarze Aktentasche.

Der Pfarrer der Basilika St. Pantaleon war ein stattlicher Mann, wohl gut in den Sechzigern, von hohem, schlankem Wuchs, kurzem, eisgrauen Haar, markanten Gesichtszügen mit buschigen grauen Augenbrauen und einer ausgeprägten Hakennase. Seit unserem letzten Treffen hatte er sich kaum verändert.

Er strahlte, als er mich sah und nahm die Maske ab, die die Coronazeit ihm abverlangte.

„Seien Sie herzlich gegrüßt“, sagte er mit seiner sonoren Stimme und wir schüttelten uns die Hände. Sein Blick fiel auf mein Kölschglas und verriet Interesse. „Auch ein Kölsch?“

„Sehr gerne“, sagte er und setzte sich. Er trug wie gewohnt seinen schwarzen Anzug mit weißem Collar. „Wie ist es Ihnen ergangen?“, wollte ich wissen, während die freundliche Wirtin in gewohnter Schnelligkeit die Kölschstange brachte. Er schüttelte den Kopf. „Die Zeiten ändern sich, die Kirchen werden leerer und besonders hier in Köln scheint ein Glaubenskrieg zu toben. Der Kardinal …“

Er führte den Satz nicht zu Ende.

Ich nickte. „Sie meinen zum Beispiel den synodalen Weg, oder? Aber ist es nicht gut, wenn Laien versuchen, sich mehr in die Kirchenarbeit einzubringen?“

Er wiegte seinen Kopf. „Ein wenig kommt mir das so vor, als wollten die Patienten in die Arbeit der Ärzte eingreifen.“

Ich fand den Vergleich amüsant, schwieg aber. Das sollte heute nicht unser Thema sein.

Und der Monsignore kam auch sofort zur Sache.

„Und was ist aus meinem äh … Manuskript geworden?“

Ja, das Manuskript, seine Aufzeichnungen, die er zu einem Roman ausgearbeitet und mir, dem Schriftsteller, vor einem Jahr anvertraut hatte. Wir hoben die Gläser und prosteten uns zu.

„Nun, ich habe einen kleinen, aber feinen Verlag in Lohmar gefunden, und der hat Ihr Werk veröffentlicht.“

„Aha!“

„Große Reichtümer dürfen Sie freilich nicht erwarten, aber immerhin, Ihr Buch ist auf dem Markt.“

„Welchen Titel hat es denn bekommen?“

„Die Agenten-Affäre!“

„Klingt interessant, so nach James Bond, oder?“

Ich nickte. „Der Verleger fand es jedenfalls interessant, wir müssen abwarten, ob …“

„Ich hab’ es wieder getan“, murmelte Diefenstein und senkte verlegen den Kopf. Ich sah ihn irritiert an und winkte die Wirtin mit einer kurzen Handbewegung weg, die die Speisekarte bringen wollte. Lächelnd legte sie die Karten auf den Tisch und verzog sich.

„Wie jetzt …?“

„Ich habe meine letzten Erlebnisse wieder aufgezeichnet und in eine Romanform gebracht!“

Zunächst war ich sprachlos, dann brach ich in ein lautes Lachen aus, das die Gäste der umliegenden Tische zu uns herüberblicken ließ.

„Das … das ist ja großartig. Das wird ja ein Fortsetzungsroman.“

„Sie meinen …?“

„Wir werden abwarten müssen, wie sich der erste Titel macht. Aber warum soll es nicht einen zweiten geben?“

„Zugleich habe ich mich bemüht, einer lieben Freundin, die vor kurzem gestorben ist, ein äh … kleines literarisches Denkmal zu setzen?“

Ich sah ihn neugierig an.

„Doris Bassler, die Frau meines besten Freundes. Sie starb überraschend schnell an Krebs.“

„Das ist Ihr protestantischer Kollege, nicht wahr? Ein Freund aus Studienzeiten?“

Diefenstein nickte bekümmert und leerte hastig sein Glas.

„Dann lassen Sie mal sehen, lieber Monsignore.“

Diefenstein holte die Aktentasche hervor und kramte eine Sammlung von Schriftstücken hervor, die nachlässig zusammengebunden waren. Ein kurzer Blick genügte mir, um zu zeigen, dass auch wieder der Lektor genügend Arbeit haben würde.

„Ich werde es mir ansehen und dann gerne weitergeben, wenn es so gut ist wie der erste Band. Aber jetzt sollten wir erst einmal etwas essen, oder?“

Diefenstein nickte nur und griff nach der Speisekarte.

Aus den Aufzeichnungen von Monsignore

Dr. Peter Diefenstein,

Pfarrer der Basilica St. Pantaleon – Band II

1. Kapitel
Köln/Domplatte

Dickes, bitteres Bier, schmutzige Gasthäuser, schmutzige, dicke Frauen und viel Speck. (aus dem Kölnbericht eines unbekannten englischen Reisenden, 17. Jahrhundert)

Aber das war vor mehr als zweihundert Jahren! Heute … Ein Schuss! Panisch flattern Tauben davon und suchen ihr Heil auf den nahen Dächern. Menschen schreien auf, blicken sich irritiert um. Der Mann, dem der Schuss gegolten hat, fällt wie vom Blitz getroffen um, sein Schädel explodiert. Blut und Gehirnfetzen verleihen dem Pflaster auf der Domplatte ein neues, bizarres Muster.

Aber wie konnte es dazu kommen?

Ein nahezu tropischer Sommer hatte die Domstadt an diesem frühen Augustabend fest im Griff. Karibik am Dom! Klimaerwärmung am Rhein! Globale Krise. Kennt jeder – fast jeder, wenn man von gewissen amerikanischen Amtsträgern absieht!

Schwüle, heiße Luft hatte sich wie ein Panzer über die Stadt gelegt, erschwerte die meisten sommerlichen Aktivitäten und machte das Atmen schwer. Die meisten Menschen trotteten in übler Laune dahin und warteten auf die Kühle des Abends, wenn sie dann käme.

Allerdings kündeten dunkle Wolken im Westen von einem aufziehenden Gewitter, das tatsächlich etwas Abkühlung bringen mochte und mancher Blick richtete sich zum Himmel, hoffnungsvoll oder furchtsam, je nach Stimmungslage. Wer konnte, verzog sich in die überfüllten Schwimmbäder, suchte die Kühle des umliegenden Grüngürtels auf oder lag zu Hause, die Füße in einen Eimer mit kaltem Wasser getaucht, in der Hand ein kühles Getränk, sorgsam darauf bedacht, im Einflussbereich des Ventilators zu bleiben.

Aber das waren naturgemäß nur wenige. Die, die das nicht konnten, und das waren die meisten, schleppten sich träge dahin, gingen in den Büros und Werkstätten lustlos ihrer Tätigkeit nach und sehnten sich nach dem Feierabend. Nur die meisten Schüler, die jauchzend in den Bädern rumtobten, teilten diese Sehnsucht nicht – sie hatten hitzefrei.

Die Gegend um den Kölner Dom dagegen war wie immer mit Touristen aus aller Welt überfüllt. Die Kölner überließen das Zentrum der Stadt zu dieser Zeit gerne kampflos den ausländischen Besuchern, die keine Wahl hatten. Sie waren an ihrem heutigen Ziel angekommen, und Wetter hin und Hitze her, jetzt galt es, das touristische Pflichtprogramm abzuwickeln, denn morgen war man schon auf der Kö in Düsseldorf, oder am Brandenburger Tor oder in einem der Märchenschlösser in Bayern oder …

Und so standen sie schnatternd vor der imposanten Kathedrale, machten mit langen Sticks ihre Selfies, tranken in den anliegenden Brauhäusern ungewohntes Bier aus seltsamen Gläsern und beobachteten mit verzückten Blicken die Ober in ihren blauen Schürzen, die für ihren rheinischen Charme gleichermaßen bekannt waren wie für ihre barsche Art.

Dä Köbes!

Und die, die nicht nur drei Stunden durch die Stadt hetzten, sondern sie mit aufmerksamem Blick durchstreiften, nahmen eine Menge Dinge wahr. Sie nahmen mit Erstaunen wahr, dass schwule Pärchen hier völlig unbehelligt durch die Menge flanierten, dass neben wunderschönen Altbauten Neubauten von erschreckender Hässlichkeit standen, dass die Straßen vielfach recht schmutzig waren, dass Kölsch offenbar nicht nur ein Getränk, sondern auch eine Sprache war, dass die wenigen Einheimischen, mit denen sie manchmal in Kontakt kamen, eben komisch, aber mit liebenswürdigem Akzent sprachen und von überbordender, leider aber auch meist oberflächlicher Freundlichkeit waren, dass es so viele Einheimische aber auch gar nicht mehr gab, weil ein hoher Anteil der Menschen hier einen Migrationshintergrund zu haben schien. Dass es viele wunderschöne Kirchen gab, aber die meisten leer waren, dass die Kölner auch auf Beerdigungen schon mal Karnevalslieder sangen und Trauer deshalb hier auch schon mal schnell in Frohsinn überging.

Dass das Verkleiden und Absingen seltsamer Lieder zu einer bestimmten winterlichen Jahreszeit, neuerdings sogar im Sommer üblich war und die Straßen zu dieser Zeit voller feiernder Menschen waren, von denen allerdings viele total betrunken waren und sich auch nicht scheuten, an Kirchen und Denkmäler zu urinieren.

Und dass es zu dieser Zeit nur hier eine Jungfrau gab, die eindeutig männliche Geschlechtsmerkmale hatte, dass es auch einen bekannten Fußballverein gab, der aber schon deutlich bessere Zeiten gesehen hatte und dass das alles in einer Stadt möglich war, wofür eigentlich mehrere Städte nötig gewesen wären.

Das alles nahmen Touristen in Köln wahr, wenn sie nur lange genug da blieben.

Aber es waren ja nicht alle Touristen auf der Domplatte.

Der Mann, der mit eiligem Schritt über die Domplatte ging, jene Domplatte, die Silvester vor zwei Jahren Schauplatz unsäglicher Ausschreitungen gewesen war und im Bewusstsein der aufnahmewilligen Bevölkerung so vieles verändert hatte, gehörte zweifellos nicht zur Gattung der Touristen.

Er hatte keinen Stadtplan unter dem Arm, keine Wasserflasche in der Hand und keinen Rucksack auf dem Rücken. Er machte keine Selfies und fragte niemanden nach irgendwelchen Wegen. Ihn interessierten nicht die Pflastermaler und nicht die Bettler, die mit gekrümmten Händen und Mitleid heischendem Gesicht um den Dom herum saßen.

Er war etwa Mitte Dreißig, von durchschnittlicher Größe, mit vollem schwarzem Haar, einem markanten Gesicht und kräftiger Figur. Sein beigefarbiger Anzug passte genau und verhüllte diskret die Pistole P226 X-Six Classic, die er in einem Schulterhalfter trug. Er war nur wenige Schritte vom Domhotel entfernt, dem ältesten und prächtigsten Grandhotel Kölns aus dem Jahr 1893, das nach den Zerstörungen im Krieg vereinfacht wieder aufgebaut worden war, aber wegen erheblicher Baumängel, die bei einem Sanierungsversuch vor einigen Jahren aufgetaucht waren, nun schon seit Jahren geschlossen war. Hier in Köln dauert so etwas eben länger als geplant und übersteigt die veranschlagten Kosten gerne um das Dreifache. Aber das stört den Kölner an sich nicht, er lebt nach der Devise:

Et hätt noch immer jot jejange!

Aber dann passierte es.

Ein Schuss, laut hörbar, offenbar aus geringer Entfernung abgegeben. Er traf den Mann in den Hinterkopf, ließ seinen Schädel förmlich explodieren und verteilte Blut und Gehirnmasse in bizarren Mustern auf dem Pflaster. Ohne einen Laut sank der Mann zusammen, während die Menschen in seiner Nähe in Panik schreiend auseinander stoben und die beiden japanischen Touristinnen, die gerade das Hotel fotografieren wollten, in namenlosem Entsetzen die Hände vor den Mund schlugen.

Nur wenige Minuten später eilten die Beamten von der nahen Wache der Bundespolizei am Bahnhof herbei. Wenige Minuten später rasten drei Streifenwagen der Kölner Polizei auf die Domplatte, ihr zuckendes Blaulicht spiegelte sich in den zahllosen Fenstern des verlassenen Hotels, schien ihnen für kurze Zeit ein geisterhaftes Leben zu verleihen.

Die neuen Beamten lösten die Kollegen der Bundespolizei ab, die nur für den Bahnhofsbereich, nicht aber für die davor liegende Domplatte zuständig waren und kurze Zeit später hatte sich die Szene in einen veritablen Tatort verwandelt, wie ihn die Gaffer aus dem Fernsehen zu kennen schienen.

„Dat is ja wie im Fernsehen“, rief ein Taxifahrer seinem Kollegen zu und biss genussvoll in sein Salamibrötchen.

Mit rot-weißen Bändern, mit grimmigen Beamten, die den Tatort großräumig absperrten, mit zwei Stellwänden um das Opfer und einem Notarztwagen der Kölner Feuerwehr, deren Besatzung freilich schnell einsah, dass hier weniger ein Arzt als vielmehr ein Bestatter zum Zuge kommen würde.

Hinter der Stellwand kniete ein schmaler Mann um die vierzig, schlank und hoch gewachsen, mit kurzem schwarzem Bart, grauen stechenden Augen und einem schlecht sitzenden, karierten Jackett, das er schon in den Tagen der Polizeischule getragen haben muss. Hauptkommissar Leo Breuer musterte den Toten aufmerksam.

Mit Handschuhen fischte er vorsichtig die Brieftasche des Mannes aus der Jacke und blickte überrascht auf das Siegel mit dem Adler, das auf dem Ausweis des Mannes prangte: Gordon Rush, Central Intelligence Agency C18 Field Agent Er pfiff leise durch die zusammengepressten Lippen. CIA!

Was macht ein Agent dieses ausländischen Dienstes hier bei uns? Und weshalb wurde er umgebracht? Da wartet eine Menge Arbeit auf uns! Oder auch nicht? Vermutlich wird das LKA die Sache an sich reißen. Oder der BND. Egal, erst mal weitermachen!

Ohne weiter etwas zu berühren, wandte er sich an seinen uniformierten Kollegen: Spurensicherung und Rechtsmedizin verständigt?“

„Sind in fünf Minuten da?“

Breuer nickte. Jetzt galt es, die Kollegen abzuwarten und darauf zu achten, dass der Tatort nicht kontaminiert wurde, aber wie sein Blick zeigte, hatten die Kollegen ganze Arbeit geleistet.

Fünfzehn Minuten später bog ein grauer Mazda auf die Domplatte, die sich inzwischen mit Gaffern und neugierigen Touristen gefüllt hatte. Ein Polizist winkte sie durch. Eine Frau in einem grauen Hosenanzug stieg aus, die langen grauen Haare zu einem Zopf gebunden, in der Hand trug sie einen schwarzen Ärztekoffer. Mit festem Schritt bahnte sie sich ihren Weg durch die Gaffer und eilte auf die Stellwände zu.

„Ah, Frau Dr. Wendler. Schön, dass Sie so schnell hier sein konnten.“

„Herr Breuer.“

Die angesprochene Rechtsmedizinerin, eine resolute Endvierzigerin in einem altmodischen, grauen Kostüm, nickte knapp, zog ihre Handschuhe an und machte sich an die Arbeit.

Sie drehte den Kopf des Opfers, betrachtete die grässliche Wunde am Hinterkopf und unterzog den restlichen Körper einer kurzen Untersuchung. Dann machte sie einige Fotos vom Kopf des Toten. Dachte einen Augenblick nach.

„Tod durch Gewehrschuss. Projektil ausgetreten, sollte hier in der Nähe zu finden sein. Nach der Größe der Wunde vermute ich, dass es sich um ein großes Kaliber gehandelt hat, vielleicht 12 mm. Der Schütze war kaum mehr als hundert Meter entfernt. Tod trat unmittelbar ein. Alles Weitere nach der Obduktion.“

Sie vermaß den Schusswinkel und blickte auf das Domhotel. „Schuss kam wahrscheinlich von dort“, sie deutete auf das Hotel. „Vielleicht zweiter oder dritter Stock.“

Dr. Wendler war nicht gerade für übermäßige Geschwätzigkeit bekannt, ihre Analysen waren knapp aber zutreffend, weshalb sie bei der Polizei sehr geschätzt wurde.

Breuer nickte und schickte sofort einige Beamten zum Domhotel, auch wenn er ahnte, dass der Täter dort wohl kaum auf die Beamten warten würde.

Inzwischen hatte sich der Himmel verdunkelt, in einiger Entfernung durchzuckten erste Blitze das drohende Grau der Wolken.

„Danke, Dr. Wendler. Wir sehen uns bei der Obduktion. Sie geben meinem Büro den Termin?“

„Morgen früh, zehn Uhr!“, lautete die knappe Antwort, bevor die Ärztin so unauffällig verschwand, wie sie gekommen war. Sofort machte sich die Spurensicherung an die Arbeit und die Blitze der Fotoapparate hellten die zunehmende Dunkelheit auf.

Kurz darauf leitete ein Donnerschlag einen heftigen Regenguss ein, der Gaffer und Touristen vertrieb und Spuren zunehmend verwischte. Nur Breuer und seine Kollegen standen im Regen und machten ihre Arbeit, während ihnen das Wasser über die grauen Wangen lief.

2. Kapitel
Warschau (eine Woche vorher)

Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift. Allein die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist. (Paracelsus)

Die polnische Hauptstadt lag friedlich in der Abendsonne, froh, einen weiteren Tag kaum erträglicher Hitze überstanden zu haben.

Unweit vom Kulturpalast, dem Warschauer Wahrzeichen, das die Sowjetunion im Jahre 1952 dem polnischen Volk zum Geschenk gemacht hat (die Alternative wäre der Bau einer U-Bahn gewesen, was weniger prestigeträchtig, aber praktischer gewesen wäre), der im Baustil des sozialistischen Klassizismus immer noch alle anderen Bauwerke Warschaus wie auch Polens überragt, liegt die Ul.Grzybowska. Sie verbindet das Geschäfts -und Bankenviertel Wola mit der Innenstadt und der Zlote Tarasy, dem modernen, großen Einkaufszentrum, ist Tag und Nacht belebt und von zahllosen Geschäften, Bars und Restaurants aller Ausrichtungen gesäumt.

Viele der Bars und Diners verfügen über eine Außengastronomie und die Menschen gönnen sich nach einem heißen Arbeitstag gerne einen kühlen Drink an den kleinen, mit bunten Decken gedeckten Tischen. Hier trifft man den Banker ebenso wie den Handwerker, die Studentin sitzt neben dem Touristen, der Busfahrer neben dem Versicherungsangestellten. Die Hausfrau hat ihre Einkäufe abgestellt und schlürft Hugo, der Arzt, der bemüht ist, Abstand von seiner Praxis zu bekommen, trinkt genüsslich seinen Weißwein.

Dazwischen Jugendliche, die neben ihren Eltern sitzen und unbekümmert auf ihre Smartphones hämmern, als gäbe es kein Morgen mehr. Sie haben der Welt ihre Belanglosigkeiten mitzuteilen oder spielen ihre Spiele, immer in dem Bemühen, ein Leben mehr zu erreichen. Andere checken ihren Account bei Facebook und kontrollieren die Zahl ihrer Follower. Schon wieder fünf neue! Wieder andere, die unvermeidlichen Kopfhörer in den Ohren, nippen gedankenverloren an ihrer Cola und wippen im Takt berauschender Töne mit, von ihrer Umwelt nehmen sie kaum noch etwas wahr.

An einem der Tische saß eine attraktive junge Frau, die die vierzig noch nicht erreicht hatte. Ihr langes blondes Haar fiel in Locken weit über die Schulter. Sie trug einen engen, schwarzen Rock, der ihre sportliche Figur vorteilhaft betonte und eine weiße Bluse, die einen dezenten Blick auf ihre schmalen Brüste zuließ. Ihr Gesicht war ebenmäßig, aber herb, weil sich an den Mundwinkeln Falten eingegraben hatten, die von vielen, wohl auch leidvollen Erfahrungen zeugten.

Die hochhackigen Pumps hatte sie ausgezogen und neben den Tisch gestellt.

Sie zog an ihrer Zigarette, nippte an einem Cocktail, blätterte durch ein englisches Modejournal und ignorierte völlig die interessierten Blicke, die die Männer ihr zuwarfen. Ein Bild völliger Entspannung, wie es nur jemand bieten kann, der mit sich und der Welt im Reinen ist. Eher keine gestresste Touristin, vielleicht eine entspannte, einheimische Urlauberin? Oder eine erfolgreiche Geschäftsfrau?

Von der Straße näherte sich ein Mann von mittlerer Größe und untersetzter Figur.

Sein beigefarbener Anzug war ein wenig zu groß und verdeckte die sehnige Gestalt.

Die stechenden grauen Augen waren unter einem gleichfarbigen, breitkrempigen Sommerhut und einer schmalen Sonnenbrille verborgen. Er schien einen Tisch zu suchen und steuerte den Tisch neben der Frau an.

„Autsch! Can’t you be careful?“

„Oh, I am so sorry, Madam!“ Englisch mit deutlichem Akzent. Der Mann hatte die Frau angerempelt und die Frau hatte einen kurzen, stechenden Schmerz in der Seite gespürt, der sie zu dieser unwirschen Bemerkung veranlasst hatte.

Der Mann murmelte einige weitere Worte der Entschuldigung, entfernte sich aber dann wieder, ohne an einem der Tische Platz zu nehmen. Irritiert blickte die Frau ihm nach, griff nach ihrer juckenden Hüfte, maß dem Vorfall aber keine Bedeutung bei. Sie widmete sich wieder ihrer Lektüre.

Minuten später, der Mann war längst aus dem Blickfeld verschwunden, griff die Frau plötzlich an ihren Hals. Die Zigarette glitt aus ihren Fingern, Schaum trat aus ihrem Mund und sie begann zu röcheln. Ihr Gesicht wurde weiß wie ein Tischtuch, verkrampfte sich zu einer grauenhaften Fratze.

Die Kellnerin ließ vor Schreck einen Cappuccino auf das Bein eines russischen Touristen fallen, der empört aufschrie und fluchend mit seiner Zeitung nach der Kellnerin schlug.

Ein kleines Mädchen starrte entsetzt auf die Frau und fing in Panik an zu schreien.

An den Nebentischen sprangen Männer auf und eilten zur Hilfe.

Aber jede Hilfe kam zu spät!

Die Frau verdrehte ihre Augen, die Hände verkrampften sich und das Modejournal fiel auf den Boden. Sie schrie vor Schmerzen auf und sank auf den Boden.

„Tut doch was!“

„Holt die Ambulanz“

„Die Polizei! Alarmiert die Polizei!“

„Lockert den Kragen!“

Die Männer überschlugen sich in blindem Aktionismus und dem vergeblichen Versuch Hilfe zu holen.

Und während die Frau ihre letzten Atemzüge tat, stand der Mann mit den stechenden Augen und dem breitkrempigen Sommerhut keine zweihundert Meter entfernt im Eingang eines Wohnhauses und betrachtete die Szenerie mit unverhohlener Befriedigung.

Zufrieden verließ er den Tatort.

3. Kapitel
Berlin/Nicolaiviertel (zwei Wochen vorher)

Rache ist keine Zierde für eine große Seele. (Lessing)

Das Nicolai-Viertel im Ostteil gilt als der historische Kern der Stadt, eine romantische Altstadt, schon zu DDR-Zeiten liebevoll restauriert, eine überraschende Oase der Ruhe in der Hektik der Großstadt. Hier findet man sorgsam restaurierte Häuser aus der Barockzeit, die älteste Kirche, die kürzeste Gasse, um die dreißig Gaststätten jeglicher Couleur, fünf Museen und vierzig Läden. In den verkehrsberuhigten Gassen kann man entspannt bummeln oder einkaufen oder am Ufer der Spree die Seele baumeln lassen. Und das alles nur wenige Minuten vom Alex entfernt, dem pulsierenden Alexanderplatz, der früheren Mitte Ostberlins, der Hauptstadt der DDR. Dieses Viertel ist nicht nur das älteste, sondern nach Ansicht vieler auch das schönste der deutschen Hauptstadt. Kein Schmutz auf den Straßen, keine Junkies, die herumhängen und Passanten belästigen. Ein Bild des Friedens – in der Hauptstadt eher ungewöhnlich.

Für all das hatte der Mann, der an diesem Abend seelenruhig auf seinem Bett in einem Hotel unweit vom Nikolaikirchplatz lag, keine Augen. Weder für das Wohnhaus des berühmten Dichters Lessing, der um die Ecke gewohnt hatte, noch für das Ephraim-Palais, einen beeindruckenden Bürgerpalast aus dem 18. Jahrhundert, der gegenüber lag oder den Gasthof Zum Nussbaum, der 1507 erbaut, später zerstört und originalgetreu wieder aufgebaut worden war. Immerhin hatte er dort schon gegessen und war von der Qualität angenehm überrascht. Das war nicht der übliche Touristenfraß, das war exzellente Küche.

Eisbein mit Sauerkraut und Klößen!

Die Hälfte musste er zurücklassen, köstlich aber zuviel! Das hätte seiner Figur geschadet, und die war für seinen Job wichtig, lebenswichtig. Er maß 180 Zentimeter, war schlank und durchtrainiert, sein markantes Gesicht zierte ein Oberlippenbart, sein blondes Haar war voll und dicht. Ein gut aussehender Mann.

Zum Schluss hatte er sich einen Calvados gegönnt und das Lokal hochzufrieden verlassen.

Aber der Mann war kein Tourist.

Er war Feldagent Second Grade der CIA und er war hier, um einen Job zu erledigen.

Und er hatte ihn erledigt.

Er hatte eine Liste besorgt, die man in Langley hocherfreut zur Kenntnis nehmen würde. Eine Liste von Agenten des russischen FSB, dem früheren KGB, die hier in Deutschland aktiv waren, und zwar so aktiv, dass sie auch seiner Regierung schaden könnten. Man würde sich um sich kümmern müssen. Der Kalte Krieg war zwar vorbei, nicht aber die Tätigkeit der Agenten auf beiden Seiten. Vieles hatte sich geändert und die Dienste waren heute oftmals mehr an wirtschaftlichen als an militärischen Informationen interessiert, trotzdem konnte es nicht schaden, wenn man wusste, wer da unterwegs war und mit welchem Ziel. Und es hatte ihn nicht einmal eine Kugel gekostet! Nein, für läppische zehntausend Dollar hatte er die Liste bekommen.

Ihr Wert? Sehr viel größer!

Und für diese Summe gab ein geldgieriger russischer ExAgent gerne mal Informationen, die er keinesfalls hätte geben dürfen. Wenn man das in Moskau wüsste, wäre das sein Todesurteil.

Oder zwanzig Jahre in einem Gulag, einem der berüchtigten Arbeitslager.

Wie auch immer!

In vier Stunden ging sein Flug nach Washington und er freute sich auf seine Familie, seine Frau Judith und den kleinen Dean. Er hatte ihm einen kleinen deutschen Polizeiwagen gekauft und Dean würde das kleine Mitbringsel lieben. Er liebte alles, was mit der Polizei zusammenhing, und ein Wagen aus Deutschland war etwas Besonderes.

Der Mann schloss die Augen. Noch ein Stündchen Ausruhen. Er hatte den Wecker in seinem Smartphone gestellt, er würde nicht verschlafen. Er dämmerte langsam ein. Seine Pistole lag griffbereit auf dem Nachttisch. Man konnte nie wissen, obwohl er sich hier sehr sicher fühlte.

Deutschland kam ihm sehr sicher vor, sauber, ordentlich und sicher.

Zu sicher?

Er ahnte nicht, dass zum gleichen Augenblick ein Mann langsam die Treppe heraufkam und vor seiner Tür stehen blieb. Unten in der Empfangshalle war der Teufel los. Die einen reisten ab, die anderen kamen an. In diesem Durcheinander war es kein Problem, sich unauffällig an der Rezeption vorbei zur Treppe zu schleichen.

Und unauffällig war der Mann auch. Unauffälligkeit war sozusagen sein Markenzeichen, sein zweiter Vorname. Der Mann war von untersetzter Figur, aber sehnig und schlank. Er trug einen schwarzen Regenmantel und Sportschuhe. Was an ihm vielleicht am meisten auffiel, waren seine grauen stechenden Augen. Augen, die Furcht einflößen konnten.

Der Mann holte aus seiner Tasche einen Dietrich und öffnete leise und problemlos die Tür, das gehörte zu den vielen Fertigkeiten, die sein Beruf mit sich brachte.

Behutsam betrat er den Raum, leise und geräuschlos wie ein Leopard beim Anschleichen an seine Beute. Er blickte sich um, alles war aufgeräumt, bereit zum Aufbruch. Aber dieser Gast würde nie mehr aufbrechen, dafür würde er sorgen.

Er sah sein Zielobjekt auf dem Bett liegen. Er schlief wie erhofft. Er hatte ihn den ganzen Tag beobachtet, hatte die Übergabe beobachtet und ahnte, dass sein Opfer jetzt müde sein würde.

Er schlief – zum letzten Mal und für immer! Seine Pistole lag neben ihm, aber die würde ihm nichts nützen.

Er holte aus seinem Mantel eine CZ 2075 Rami Pistole 9mm Luger, seine Lieblingswaffe. Leicht und handlich, eine subkompakte Pistole mit Leichtmetallgriffstück, fester Visierung und 10 Schuss Magazin, der Schalldämpfer war bereits aufgeschraubt.

Er nahm Maß.

Unerbittliche Augen richteten sich auf das Opfer.

Plopp! Plopp!

Zwei Schüsse in Stirn und Herz!

Das Opfer gab einen leisen Laut von sich, während sich Blut und Gehirnfetzen auf dem Kopfkissen verteilten. Der Schütze gab einen grunzenden Laut der Zufriedenheit ab. Dann zog er Handschuhe an und holte eine Brieftasche aus der Jacke des Toten.

Er schlug sie auf.

Phil Peterson, Central Intelligence Agency C34 Fieldagent, darüber das Siegel des amerikanischen Geheimdienstes mit dem grimmig guckenden Adler und dem roten Stern.

Außerdem achtzig Euro und zweihundertfünfzig Dollar in Scheinen und ein Flugticket der Deutschen Lufthansa, Flug LH 9233, Platz 34 C. Der Platz würde wohl leer bleiben!

Voller Befriedigung steckte er die Brieftasche zurück, an Geld hatte er kein Interesse.

Die brisante Liste, die daneben steckte, übersah er allerdings. Auftrag erledigt!

Yaakov Goodman hatte seinen Job getan. Diesmal war es kein Job seines Arbeitgebers, des Mossad, gewesen. Diesmal hatte er auf eigene Rechnung gehandelt, aber die Befriedigung war umso größer.

Still und unauffällig verließ er das Hotel, während in Amerika bald eine Witwe in Tränen ausbrechen würde.

4. Kapitel
Köln/Innenstadt

Das Leben ist voller Leid, Krankheit, Schmerz – und zu kurz ist es übrigens auch. (Woody Allen)

Genau da, wo einst das malerische Pantaleonstor als Teil einer mittelalterlichen Befestigung stand, das zusammen mit anderen Toren und Mauerabschnitten 1881 einem unseligen Abriss aus Gründen der Stadterweiterung zum Opfer fiel, steht heute die einzige altlutherische Kirche Kölns. Im Krieg wurde der schöne, neugotische Bau aus dem Jahre 1900 völlig zerstört und durch einen schmucklosen Neubau Anfang der fünfziger Jahre ersetzt.

Eine für Köln leider alltägliche Erscheinung! Andere Städte …, aber lassen wir das!

Die Kirche verfügt im Erdgeschoss über einen großen Raum, der für Gottesdienste genutzt wird, und im Obergeschoss über eine Dreizimmerwohnung, die der Pfarrer mit seiner Familie bewohnt.

In der Küche dieser Wohnung stand Doris Bassler und schnibbelte mit müden Händen an den Zutaten eines Salats. Von Zeit zu Zeit unterbrach sie ihre Arbeit, um mit ihren Händen über den Leib zu fahren. Schon seit Wochen wurde sie von Übelkeit und Erbrechen geplagt, Appetitlosigkeit und ständige Müdigkeit kamen dazu. Dazu kam ein steter Gewichtsverlust, eine Erscheinung, die sie in früheren Zeiten begrüßt hätte. Aber jetzt? Sie war kein ängstlicher Mensch, aber ihr desolater Zustand beunruhigte sie zunehmend.

Sie hatte Markus, ihrem Mann, diese Probleme bis jetzt verschwiegen, aber sie ahnte, dass ein Gang zum Arzt unausweichlich war, ein Gang, den sie höchst ungern hinter sich brachte. Ärzte waren ihr ein Gräuel. Beim Gedanken an ihren Mann nahm ihr Gesicht einen liebevollen Ausdruck an. Seit fast dreißig Jahren waren sie verheiratet und sie hatte die Verbindung mit dem jungen stürmischen Theologiestudenten nie bereut. Sie hatten sich auf einer landesweiten Protestdemo gegen die Erhöhung der Studiengebühren kennengelernt,

schnell verliebt und noch schneller geheiratet, auch wenn die Eltern zunächst mit dem bärtigen Revoluzzer, wie Vater ihn nannte, nicht einverstanden waren.

Leider blieb ihnen die Erfüllung ihres Kinderwunsches verwehrt, aber auch ohne diese Erfüllung, die ihnen als Höhepunkt ihrer Partnerschaft erschienen wäre, führten sie eine sehr harmonische Partnerschaft, eine Partnerschaft, ohne die ihr bester Freund, Monsignore Dr. Peter Diefenstein von der benachbarten Basilika St. Pantaleon, auskommen musste.

Es tat gut, einen solchen Mann zum Freund zu haben und sie pflegten diese Freundschaft über alle Konfessionsgrenzen hinweg schon seit Studienzeiten.

Doris Bassler hatte seinerzeit ihren Lehramtsabschluss in Theologie, Geschichte und Italienisch gemacht, ohne je ein Klassenzimmer betreten zu haben. Irgendwie war es nie dazu gekommen und sie fühlte sich als Frau eines Pfarrers mit all den Tätigkeiten, die das rege Gemeindeleben mit sich brachte, vollkommen ausgelastet.

Sie leerte das Brett mit den geschnittenen Tomaten, Gurken und Zwiebeln in eine Schüssel, gab Öl und Essig, Salz und Pfeffer dazu und durchmischte den Salat. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass Markus sicher bald von seinem Besuch bei einem schwer erkrankten Gemeindemitglied zurückkehren würde.

Es schellte.

Hat Markus etwa seinen Schlüssel vergessen?

Mit schweren Schritten eilte sie zur Tür, ihr Magen regte sich wieder.

Sie öffnete die Tür und hatte keine Ahnung, dass sich mit der jetzigen Begegnung ihr Leben für immer ändern würde.

„Ja?“

Vor der Tür stand eine verhärmte Frau, schlank, fast dürr, das lange, strähnige Haar zu einem Zopf gebunden. Sie trug ein verschlissenes Sommerkleid und ihre Hände klammerten sich an eine Louis-Vitton-Tasche, die so wenig zu ihr passte, wie eine Nerzstola zu einem Eisbär.

Ein billiger Fake aus China, durchzuckte es sie, während die Frau sie ängstlich ansah.

„Ich … ich bin Frau Mundorf, Elke Mundorf.

Doris Bassler blickte die Besucherin irritiert an. Wer ist das denn?

„Sie kennen mich nicht mehr, oder?“

Doris Bassler kramte in ihrem Gedächtnis. Irgendwo hatte sie die Frau schon mal gesehen. Aber wo?

„Ehrlich gesagt nicht. Und was kann ich für Sie tun? Oder wollen Sie zu meinem Mann?“

Die Frau versuchte sich in einem Lächeln und offenbarte ein krummes, stark pflegebedürftiges Gebiss.

„Ihr Mann, der Herr Pfarrer, hat meine Anne, das ist meine Tochter, konfirmiert. Vor zwei Jahren war das.“

„Aha.“

Doris Bassler war immer noch nicht klar, was die Frau wollte und sie hatte wenig Lust, sie hereinzubitten um das herauszufinden. Sie fühlte sich krank und die Frau war ihr wenig sympathisch.

„Probleme. Wir haben große Probleme mit Anne, und da haben wir gedacht … wir haben gedacht, mein Mann und ich, der Herr Pfarrer könnte uns vielleicht helfen. Er war doch damals so freundlich zu Anne … und zu uns.“

Unwillig gab Doris Bassler den Weg frei.

„Kommen Sie doch herein, Frau äh … Mundorf.“

Die Frau nickte erleichtert und hauchte ein Dankeswort, zögernd betrat sie die Wohnung.

„Ich störe Sie doch wohl nicht?“

Und wie!, dachte Doris Bassler, setzte aber ein Lächeln auf.

„Nein, keineswegs, bitte nehmen Sie Platz.“

Sie führte die merkwürdige Besucherin in das geschmackvoll eingerichtete Wohnzimmer und wies auf einen der bequemen Sessel.

„Kann ich Ihnen etwas anbieten?“

„Ein Glas Wasser vielleicht, wenn es keine Umstände macht.“

„Gerne.“

Doris Bassler stand auf, um kurze Zeit später mit einem Glas Wasser und einer Flasche zurückzukehren. Sie stellte es vor die Besucherin und schaute sie aufmerksam an. Ihr Unwillen und ihre Müdigkeit waren mit einem Schlag verflogen. Wenn Hilfe gebraucht wurde, war sie zur Stelle, das hatte sie in den vielen Jahren an der Seite ihres Mannes gelernt.

Die Frau nahm einen hastigen Zug aus dem Glas, nestelte nervös an ihrer gefakten Tasche herum und begann zögernd und mit leiser Stimme.

„Unsere Anne ist jetzt sechzehn Jahre alt. Vor zwei Jahren, als sie hier konfirmiert wurde, war alles mit ihr in Ordnung. Sie ging zur Realschule und hatte gute Noten, sie trieb sich nicht mit Jungs herum, half mir im Haushalt und guckte nach ihrem Bruder.“

Sie leerte das Glas in einem Zug und atmete tief ein.

„Sie müssen wissen, wir haben noch einen Sohn. Den Guido. Der ist jetzt sieben.“

Doris Bassler nickte ihr aufmunternd zu und füllte das Glas erneut.

„Aber jetzt hat sich alles geändert.“

„Wieso?“

„Wegen Samira!“

„Samira?“

„Anne hat in der Schule ein Mädchen kennengelernt. Aus dem Iran. Sie trägt ein Kopftuch und komische Kleider. Die anderen Kinder lachen sie oft aus, aber das macht ihr nichts aus. Die Eltern sind vor einem Jahr aus dem Iran geflohen, weil der Vater für eine Zeitung gearbeitet hat, kritische Kommentare über diese äh … Agatollas, oder wie das heißt, geschrieben hat. Mit der ganzen Familie sind sie geflohen, Hals über Kopf bei Nacht und Nebel. Sie sind eigentlich nicht besonders gläubig, nur die Tochter. Sie wollte ihr Kopftuch nicht ablegen, sie betet dauernd und sagt, Allah habe sie auserwählt.“

Sie brach ihre Rede ab, Tränen standen in ihren Augen. Ihre Finger fuhren fahrig über das Kleid. Sie trank hastig weiter und das Wasser rann aus ihrem Mundwinkel.

„Samira war ständig mit meiner Tochter zusammen und sie hat meiner Anne Flausen in den Kopf gesetzt. Auf einmal bestand Anne darauf, auch ein Kopftuch zu tragen und hat uns gesagt, sie wolle zum Islam konvertieren. Sie wolle einen Gebetsteppich und weigert sich in die Kirche zu gehen. Sie hat sich einen Koran gekauft, in dem sie dauernd blättert und uns Sachen vorlesen will. Sie lernt sogar Sachen auswendig. Uns nennt sie Ungläubige, die Allah strafen werde. Stellen Sie sich das vor. Vor zwei Jahren konfirmiert und jetzt zum Islam. Im Ramadan hat sie gefastet und vier Kilo abgenommen, und sie ist doch ehe schon nur Haut und Knochen. Mein Mann hat getobt und ihr den Umgang verboten, aber es hat nichts genutzt. Ständig hingen die Mädchen zusammen und haben getuschelt.

Und wenn sie nicht zusammen waren, hingen sie am Handy. Sie hat kaum noch für die Schule gelernt, keine anderen Freundinnen getroffen, Jungs spielten überhaupt keine Rolle.“

Sie seufzte laut auf.

„Dabei hat sie doch vorher für den Mark von nebenan geschwärmt, obwohl mein Mann das verboten hat. „Ist doch erst 16“, hat er gesagt, „mein kleines Mädchen.“

Schließlich hat mein Mann ihr das Handy weggenommen. Anne hat geweint, gefleht, getobt, dann hat sie es geschluckt. Ich habe aber den Verdacht, dass sie sich heimlich ein neues besorgt hat.“

„Ihr Mann ist wohl recht streng zu ihr?“

„Mein Mann? Er ist seit fünf Monaten arbeitslos. Sie haben ihn entlassen. Seitdem ist er … anders. Er ist nur noch zu Hause und er trinkt zu viel. Ja, er ist streng, aber er meint es nur gut mit Anne. Sie ist …“, sie stockte kurz, „sie war immer seine kleine Prinzessin!“

Es entstand eine kurze Pause, während Doris Bassler ihre Besucherin nachdenklich betrachtete.

„Und jetzt?“

„Jetzt ist sie weg!“

„Wer ist weg?“

„Samira! Seit einer Woche kommt sie nicht zur Schule und die Eltern haben keine Ahnung, wo sie ist. Sie waren bei der Schule, bei der Polizei, haben überall gefragt, aber keiner weiß was. Und ich habe Angst, dass Anne auch so was macht. Man kann doch dabei nicht zusehen, oder? Vielleicht kann Ihr Mann mit ihr sprechen. Den hat sie doch damals im Konfirmandenunterricht so toll gefunden. Cool sei er gewesen, hat sie damals gesagt, richtig cool. Aber das war, bevor sie mit dieser … Samira zusammen war!“

Sie schluchzte laut auf, griff nach ihrem Taschentuch und schnäuzte sich vernehmlich.

Bevor Doris Bassler antworten konnte, hörte sie, wie ein Schlüssel im Türschloss gedreht wurde.

Markus, Gott sei Dank!

Sie fühlte sich mit dieser Situation doch leicht überfordert und war froh, dass ihr Mann kam. Der würde eher wissen, was zu tun war.

5. Kapitel
Langley/Virgina CIA-Zentrale

Ein Spion am rechten Ort ersetzt 20.000 Mann an der Front. (Napoleon)

Langley/Virginia ist nicht nur ein Vorort von Washington D.C., sondern auch Sitz des wenig bekannten Turner-Fairbank Highway Research Centers, eines Forschungsinstituts der US-Straßenverkehrsbehörde und der noch weniger bekannten Claude Moore Colonial Farm, eines von privater Hand betriebenen Landschaftsparks der US-Nationalparkverwaltung. Außer diesen beiden Institutionen, die der amerikanischen Öffentlichkeit in etwa so bekannt sein dürften wie die Fortpflanzungsgewohnheiten südamerikanischer Faultiere, gibt es in Langley nichts, fast nichts.

Nichts? Ja gut, da wäre noch der Stamm- und Ausbildungssitz der Central Intelligence Agency, kurz CIA genannt, des berühmten, mitunter auch berüchtigten, wohl aber mächtigsten Auslandsgeheimdienstes der Welt, auch wenn er durch die Maßnahmen einiger Präsidenten der Vergangenheit zum Teil herbe Einbußen in seiner Machtausübung hinnehmen musste. Wenn man aber vor den ausladenden Gebäuden der Agency steht und genau hinsieht, kann man vielleicht immer noch den Schleier sehen, der die Gebäude zu umgeben scheint und den Insider gerne als die Aura der Macht bezeichnen.

Ihre häufig recht rigorosen Mitarbeiter werden wegen des besonderen Abhängigkeitsverhältnisses vom Präsidenten auch schon einmal die Bluthunde des Präsidenten genannt. Mit einem Etat von rund fünfzehn Milliarden Dollar jährlich, etwa zwanzigtausend Mitarbeitern intern und möglicherweise hunderttausend Mitarbeitern weltweit darf der Dienst dieses Attribut exklusiv für sich in Anspruch nehmen.

Der Dienst wird von Ausschüssen des Senats und des Repräsentantenhauses kontrolliert, aber es scheint nicht schwierig, pikante Aufträge vor diesen beiden Kontrollgremien zu verbergen, zumal die Agency im Gegensatz zu anderen staatlichen Behörden ihren Haushalt nicht veröffentlichen muss. Auf Weisung des US-Präsidenten, und nur auf dessen Weisung, darf die Agency durch geheime Operationen politischen und militärischen Einfluss in ausländischen Staaten ausüben, was der Öffentlichkeit freilich meist verborgen bleibt.

Der Sturz des iranischen Premierministers Mossadegh im Jahre 1953 darf dafür ebenso als Beispiel gelten wie der Sturz des Präsidenten Guzman von Guatemala im darauf folgenden Jahr oder die Ermordung Che Guevaras in Bolivien 1967.

In die Geschichtsbücher eingegangen ist auch die misslungene, desaströse Invasion in der Schweinebucht, die 1961 unter Präsident Kennedy die Revolutionsregierung Castros auf Kuba stürzen sollte und auch diverse misslungene Attentate auf den Revolutionsführer dürften auf ihr Konto gehen. Die CIA hat sich von solchen Rückschlägen in ihrer Aktivität nicht zurückhalten lassen, sondern mischt in aller Welt munter mit, und nur böse Gerüchte sagen, dass es mitunter auch ohne Weisung des Präsidenten geht. Allerdings besagte Erlass Nr. 12033 von Präsident Ford aus dem Jahre 1976, dass der Dienst keine Morde mehr begehen dürfe.

So what?

Daraus kann man zum einen schließen, dass dies vorher der Fall war, zum anderen wird von denen, die glauben, dass der Dienst sich daran hält, auch vermutet, dass sie die Erde für eine Scheibe halten.

Aber in manchen Fällen steht selbst die mächtige Agency vor einem Rätsel, einem Rätsel, das sie allerdings mit allen Mitteln zu lösen versucht.

DCI Francis D. Lead, der mächtige Direktor of Central Intelligence, der Chef der noch mächtigeren CIA war ein imposanter Mann. Er maß fast 190 Zentimeter, seine mächtigen Schultern zeugten von einer sportlichen Vergangenheit, sein markantes, glattes Gesicht wies am Kinn ein Grübchen auf, das in früheren Zeiten seine Wirkung auf das andere Geschlecht nicht verfehlt hatte. Sein Haar war voll und an den Seiten ergraut, er trug es jetzt etwas länger als früher und achtete auf einen akkuraten Seitenscheitel. Und da er auch jetzt noch regelmäßig Sport trieb, hatte er jede Gewichtszunahme vermeiden können und das Gewicht behalten, das er einst gehabt hatte, als er noch Zweisternegeneral im United States Marine Corps war. Als Major General hatte er im Irak an der Operation Desert Storm teilgenommen und die Mutter aller Schlachten mitgemacht. Nicht in der Etappe am Schreibtisch, sondern in vorderster Front, was seine Soldaten mit hohem Respekt quittierten.

Er wurde mit dem Silver Star und der Iraq Campaign Medal ausgezeichnet und kam unverletzt in die Heimat zurück.

Von da bis zum Chefposten bei der CIA war ein kurzer Weg gewesen, worum ihn einige der Sesselfurzer in Washington, die nie eine Waffe in der Hand gehabt hatten, sehr beneideten. Seine hübsche Frau Lorraine und zwei gut gelungene Jungs rundeten sein Glück ab, weshalb er auch in schwierigen Situationen wie der jetzigen stets gelassen und cool wirkte. Lead hatte in Besprechungsraum E 112 kurzfristig eine Versammlung zusammengerufen. Es gab Probleme, Probleme, die keinen Aufschub duldeten. Aber bevor er die Unterredung eröffnete, drückte er auf einen Knopf unterhalb seines Schreibtisches. Metallplatten schoben sich mit einem leichten Summton vor die Fenster und vor die Tür, selbst die Belüftungsschächte blieben von dieser Maßnahme nicht verschont. Die Anwesenden, die im Vorraum ihre Handys abgegeben hatten, wussten, was das zu bedeutet hatte. Der DCI hatte den Raum damit in eine SCIF, eine Sensitive Compartmented Information Facility verwandelt, einen Raum, der höchsten Ansprüchen der Geheimhaltung genügte und jede Form von ungebetener Beteiligung ausschloss. Das geschah nicht so häufig, und so schauten die Anwesenden ihren Chef mit einer Mischung aus Irritation und Erstaunen an.

„Ist absolut notwendig“, meinte Lead lapidar, „Sie werden schon sehen!“

Er klopfte auf den Tisch, aber er hatte auch ohne diese Geste die Aufmerksamkeit der anderen drei Gesprächsteilnehmer. „Mr. Sanders, Ihren Bericht bitte.“

Horacio Sanders räusperte sich. Er war der neue Direktor der SAD, der Special Activities Division, jener geheimen Abteilung der CIA, die verdeckte Operationen in aller Welt ausführte und im Bedarfsfall über paramilitärische Einheiten verfügte, was der Öffentlichkeit und sogar dem Kongress weitgehend unbekannt war, weil die Kosten meist aus anderen, völlig unverdächtigen Etats abgezogen wurden.

Sanders war der einzige Farbige in diesem Kreis, im Dienst ergraut, von schlanker, hoher Gestalt. Seine hohe Stirn und seine goldene Nickelbrille verliehen ihm etwas Professorales und sein scharfer Intellekt bestätigte den äußeren Eindruck nachdrücklich.

Er war ursprünglich Analyst gewesen, kein Agent, was seiner Beförderung einen gewissen Überraschungseffekt verlieh. Er hatte nie im Militär gedient, nie eine Pistole in der Hand gehabt, nie einen Gegner getötet. Seine Waffen waren Computer und ein messerscharfer Verstand und wenn seine Finger wie rasend über die Tastatur flogen, schauten die Umstehenden mit offenen Mündern zu. Vor kurzem war es ihm gelungen, gewaltige Finanzströme von Saudi Arabien zu einigen Terrororganisationen aufzudecken, was dem arabischen Ölstaat einigen Ärger und ihm erhebliche Meriten eingetragen hatte.

Einige dieser Ströme hatte er sogar auf Offshore-Konten der Agency umgeleitet, was die Saudis gehörig geärgert und dem Präsidenten ein Schmunzeln abgerungen hatte.

Da aber für die Saudis auch ein zweistelliger Millionenbetrag kaum mehr als Peanuts bedeutet und die guten Beziehungen zu den USA den Scheichs sehr viel wichtiger waren als ein paar Gelder, die ohnedies weg gewesen wären, hielt man sich im Wüstenstaat mit Nachforschungen oder verärgerten Reaktionen zurück und ließ die Sache auf sich beruhen.

Nicht zuletzt diese Erfolge hatten zu seiner überraschenden Beförderung beigetragen, bei der der Präsident persönlich mitgewirkt hatte.

Sein Vorgänger Philipp McAllister war vor kurzem über eine Affäre, insgeheim Marschbefehl-Operation genannt, gestolpert, die das Missfallen des Präsidenten erregt und McAllister einen vorzeitigen Ruhestand eingebrockt hatte, freilich bei vollen Bezügen. Und statt Agenten mit dubiosen Aufträgen durch die Welt zu schicken, stand er jetzt mit Vorliebe am Potomac River und angelte nach Barschen.

Sic transit gloria mundi!

Sanders sonore Stimme erfüllte den Raum.

„Nun Sir, wir haben mehrere ungeklärte Todesfälle unter unseren Agenten.“

„Ja, und ich möchte wissen, wer unsere Agenten jagt! Berichten Sie!“

„Beim ersten Fall handelt es sich um die nach wie vor ungeklärte Ermordung der Agentin Cathy Meywether in Bern. Obwohl wir hart daran arbeiten, haben wir immer noch keine Ahnung, was da passiert ist.“

„Die schwarze Cathy“, murmelte Lead, „Operation Marschbefehl, oder?“

„Ja, Sir.“

„Weiter!“

„Der zweite Fall betrifft die Tötung unseres Stationschefs in London.“

„Tom Brendan, nicht wahr? Und haben wir da wenigstens irgendwelche Erkenntnisse?“

„Nein Sir, wir sind auch da noch keinen Schritt weitergekommen, aber die Umstände lassen vermuten, dass der Täter ein Insider war. Der Täter kannte den Code und hat gewartet, bis die Sekretärin in ihre Mittagspause ging. Er kannte also die Abläufe dort genau.“

„Insider, ja? Ärgerlich, sehr ärgerlich. Aber das sind Altlasten, die Sie von Ihrem Vorgänger übernommen haben. Trotzdem, ich erwarte, dass das so schnell wie möglich aufgeklärt wird. Weiter!“

„Der dritte Fall betrifft den Feldagent Second Grade Phil Peterson. Er wurde vor drei Wochen in Ostberlin ermordet, in seinem Hotel erschossen. Wir arbeiten mit der deutschen Polizei zusammen, haben aber keinerlei Hinweise auf den Täter, aber immerhin konnte die Liste sichergestellt werden, die er von einem russischen Informanten besorgt hatte.“

Leads Augen blickten zornig, im Geist sah er vor sich, wie ein weiterer, goldener Namensstern an die Marmortafel im Eingangsbereich seines Gebäudes angebracht wurde.

„Was nutzt mir die Scheißliste, wenn sie einen weiteren Agenten gekostet hat. Der Mann war verheiratet, hatte ein Kind. Wie soll man das der Frau beibringen?“

„Nun, mit Verlaub, Sir, das gehört zum Berufsrisiko und die Frau wird es verstehen. Sie kriegt schließlich eine ansehnliche Witwenpension.“

„Sanders, werden Sie nicht zynisch!“

Lead bemühte sich, seinen Abteilungsleiter empört anzublicken. In Wahrheit teilte er dessen Meinung – jedenfalls bis zu einem bestimmten Grad.

„Weiter!“, sagte er mürrisch.

Sanders war nicht aus der Ruhe zu bringen. Er fuhr sachlich fort.

„Der vierte Fall betrifft den Tod des Agenten Second Grade Gordon Rush. Er wurde vor einer Woche in Köln erschossen, das liegt in Deutschland …“

„Ich weiß, wo Köln liegt“, meinte Lead unwirsch, „den Kölner Dom kennt ja schließlich jeder!“

Sanders ließ sich dadurch nicht aus der Ruhe bringen.

„Natürlich, Sir. Und genau vor diesem Kölner Dom wurde er erschossen. Die Umstände sind noch ungeklärt, die Kölner Polizei hat noch keine Erkenntnisse über Täter oder Motiv weiß aber, dass das Opfer einer von uns war.“

„Weil …?“

„… er seinen Ausweis in der Tasche hatte!“

Lead nickte. Das war nicht ungewöhnlich und verstieß gegen keine Regel, solange er nicht verdeckt arbeitete. Das Bild des toten Agenten tauchte vor seinen Augen auf.

Sein volles schwarzes Haar, sein markantes Gesicht, seine kräftige Statur, seine offenen, ehrlichen blauen Augen. Erst seit drei Jahren bei der Agency, aber bald wäre eine Beförderung zum First Grade fällig gewesen.

Er hatte Rush gut gekannt und ihn wegen seiner sorgfältigen und gleichzeitig dezenten Arbeitsweise geschätzt. Eine dezente Arbeitsweise ist für eine Agency wie die ihre von höchster Bedeutung, egal, ob es sich dabei um eine Observierung oder eine angeordnete Liquidierung handelt.

Jetzt musste man seiner Frau Nancy und den beiden Kindern diese Nachricht beibringen – ein Scheiß-Job.

Okay, das würde Sanders machen, der kann so was. Eine angemessene Beisetzung in Arlington, kaum zwei Meilen von hier, mit Trompete, Salutschüssen und eingerollter, übergebener Fahne. Eine Pension für die Witwe und ein weiterer Name auf dem Messingschild im Eingangsbereich, auf der die im Einsatz umgekommenen Agenten verewigt waren. Das war alles, was von ihm bleiben würde.

Er zwang sich, in die Gegenwart zurückzukehren.

„Woran hat Rush gearbeitet?“

Tim Bernardini, sein Nebenmann, hob die Hand. Er war noch recht jung, ein untersetzter Mitdreißiger mit leichtem Bauchansatz, einer spitz gebogenen Nase und einer Schildplattbrille, die er gerne auf der Hand balancierte. Die Kollegen verglichen ihn gerne mit dem verstorbenen Schauspieler Robin Williams, ein Vergleich, den er gerne zur Kenntnis nahm. „Rush war zusammen mit Agent Wills auf eine Gruppe von Waffenhändlern angesetzt, die von Westdeutschland über Belgien und Holland Waffen in den Nahen Osten verschiebt, Adressat vermutlich IS-Gruppen im Libanon und in Syrien.“

„Wo ist Wills?“

„Noch in Köln.“

„Haben wir Kontakt zu ihm?“

„Ja, Sir!“

„Okay. Soll erst mal da bleiben. Hat die Ermordung von Rush mit seinem Auftrag zu tun?“

„Eher nicht, Sir“, antwortete Bernardini. „Die beiden Agenten waren erst seit vier Tagen unten und hatten noch keinen Kontakt zu der Gruppe geknüpft. Sie waren noch bei den Vorermittlungen. Von daher glaube ich nicht …“

„Okay!“

Lead unterbrach ihn unwirsch.

„Was ist mit Warschau?“

„Warschau ist noch mysteriöser, unser … äh … fünfter Fall“, Sanders sonore Stimme füllte den Raum.

„Barbara Dudek, Agentin First Grade. Erfahrene Agentin, seit mehr als zwölf Jahren bei uns. Sie war in Warschau auf Urlaub. Wie Sie sicher wissen, stammen ihre Großeltern aus Krakau in Polen. Sie leben noch dort und Agentin Dudek hatte sie besucht. Sie war auf dem Rückweg und machte für zwei Tage Station in Warschau.“

„Also hatte sie dort keinen Auftrag?“

„Nein, Sir, wie schon gesagt, sie war dort auf Urlaub. Hätte gestern zurückkehren müssen. Auch die Polizei in Warschau tappt noch im Dunklen. Allerdings gibt es zwischen den beiden Taten einen erheblichen Unterschied.“

„Nämlich?“

Nun meldete sich der dritte Teilnehmer, der bisher schweigend dabei gesessen hatte.

Agent Herbert Collins war erst seit zwei Jahren bei der Agency, ein schlanker, aber kräftiger, gut aussehender Mann mit vollem schwarzem Haar, energischem Kinn und ausdrucksvollen Gesichtszügen. Er lehnte sich nach vorne, als wolle er die Aufmerksamkeit des Direktors gewinnen, die er ohnehin hatte. „Rush wurde mit einem großkalibrigen Gewehr aus relativ kurzer Entfernung erschossen, Peterson mit einer 9 mm Pistole, aber Dudek wurde vergiftet.“

„Ich habe es in der Akte gelesen. Aber vergiftet? Wie? Weiß man Näheres?“

„Ja, Sir. Mir liegt der Obduktionsbericht aus Warschau vor, die Kollegen waren sehr kooperativ. Bei der Obduktion hat man eine winzige Kapsel aus Platin und Iridium gefunden, die das Gift Rizin freigesetzt hat. Rizin gewinnt man aus dem Samen des Wunderbaums, man kann es aber auch chemisch herstellen. Es gehört zur Gruppe der Lektine, die aus einer zellbindenden und einer giftvermittelnden Komponente bestehen. Seine tödliche Wirkung wird auf eine Hemmung der eukaryotischen Proteinbiosynthese zurückgeführt.“

„Mensch, Collins. Können Sie das auch etwas einfacher darstellen?“

Lead verzog seine Mundwinkel mürrisch nach unten und klopfte mit seinem Füller auf den Tisch.

„Natürlich, Sir. Ich werde mich bemühen, aber es handelt sich um einen durchaus komplexen Vorgang.“

„Also?“

„Bei der Proteinbiosynthese handelt es sich um die Neubildung von Proteinen in Zellen, das ist der für alle Lebewesen zentrale Prozess der Genexpression, durch den die Proteine der Erbinformation gebildet werden. Wird dieser Prozess nachhaltig gestört oder gar verhindert, tritt der Tod ein.“

„So schnell?“

„Normalerweise tritt der Tod erst nach Stunden ein“, ergänzte Sanders nüchtern, „wenn der Tod so schnell eintritt, muss es sich um eine besonders hohe Dosierung gehandelt haben.“

„Dazu kommt, Sir, dass solche Mittel gewöhnlichen Kriminellen nicht zur Verfügung stehen, man kann so etwas weder im Drogeriemarkt kaufen noch im Internet noch nicht einmal im Darknet. Mit diesen Mitteln arbeiten nur wenige Geheimdienste. Wir haben äh … auch schon damit gearbeitet.“

„Welche Geheimdienste arbeiten sonst noch mit … Rizin?“, wollte Lead wissen.

„Nun, soweit wir wissen, waren das der FSB und sein Vorgänger KGB, früher die ostdeutsche Stasi, der bulgarische Geheimdienst DANS, der israelische MOSSAD und zu Zeiten Ghadaffis der libysche Geheimdienst Amn Al-Jamahirya, aber das ist vorbei. In Libyen gibt es, wie Sie wissen, keinen nennenswerten Geheimdienst mehr, nur noch Chaos.

Vom Einsatz bei anderen Diensten ist uns nicht bekannt. Vielleicht arbeiten auch die Chinesen …“

„Bloße Vermutungen bringen uns nicht weiter“, raunzte Lead. „Fassen wir zusammen: Zwei unserer Mitarbeiter wurden in Bern und in London ermordet, das ist ein halbes Jahr her und wir haben keine Ahnung, wer die Täter waren. Das ist höchst unbefriedigend! Wenn der Senat davon erfährt, haben wir ein Problem. Oder besser, ich habe ein Problem. Und dann wurden drei weitere unserer Agenten im Abstand von jeweils einer Woche ermordet, in Köln und in Polen und in Berlin, mit unterschiedlichen Methoden. Zwischen den Opfern und ihren Tätigkeiten scheint kein Zusammenhang zu bestehen und trotzdem glaube ich nicht an einen Zufall. Zudem weist die Tötungsart zumindest in einem Fall auf die Verwicklung eines anderen Dienstes hin. Wer will uns hier an den Karren pissen?“

Keine Antwort, die Männer schwiegen.

Lead schlug mit der flachen Hand auf den Tisch.

„Verdammte Scheiße. Wir müssen das aufklären, und zwar bald. Dass Agenten im Dienst umkommen, ist normal, Berufsrisiko. Dass sie aber gezielt ermordet werden, ist nicht hinnehmbar, absolut nicht. Und die Öffentlichkeit ist auch schon informiert.

Hier, steht schon was in einer regionalen deutschen Zeitung, dem äh … Kölner Stadtanzeiger und es nur eine Frage der Zeit, bis sie das in der Post auch finden.

Er nahm eine Zeitung aus der Akte und knallte sie auf den Tisch:

Mysteriöser Mord auf der Domplatte

In den frühen Stunden des gestrigen Abends wurde auf der Domplatte ein mysteriöser Mord begangen. Ein Mann, etwa Mitte Dreißig, wurde aus kurzer Entfernung erschossen. Seine Identität ist der Polizei bekannt, wird aber aus ermittlungstaktischen Gründen noch verschwiegen. Wie wir aber aus gut informierten Kreisen erfahren haben, soll es sich bei dem Opfer um einen Mitarbeiter der amerikanischen CIA gehandelt haben. Was macht ein CIA-Agent am Dom und wer hat ein Interesse, ihn zu ermorden? Die Polizei tappt noch im Dunkeln. Zeugen werden gebeten, sich bei der Polizei unter 0221/ 229-0 zu melden.

„Die Sache hat höchste Priorität, meine Herren. Wir werden unter Ihrer Führung, Collins, eine Gruppe von fünf Agenten zur hausinternen Ermittlung daran setzen. Das alles schmeckt nach einem Maulwurf in unseren Reihen, das Schlimmste, was uns passieren kann. Ich höre schon, wie der Kongressausschuss mir seine peinlichen Fragen stellt, daran darf ich gar nicht denken!“

Er machte eine kurze Pause, um seine Worte wirken zu lassen, bevor er fortfuhr: „Also, höchste Geheimhaltungsstufe und ich erwarte sehr bald Ergebnisse. Berichte unmittelbar an mich und nur an mich! Außerdem werden wir dem Agenten Wills in Köln Verstärkung schicken. Prüfen Sie, Sanders, wer dafür in Frage kommt.“

Er machte eine kurze Pause und griff nach dem Teeglas, das er immer vor sich stehen hatte.

„Wo treibt sich eigentlich Agent Donelli rum?“

„Er ist zurzeit in Mailand und observiert eine Gruppe von Salafisten“, sagte Sanders.

„Ziehen Sie ihn ab, ich will ihn auch in Köln haben, soll was Ordentliches für sein Geld tun. Nehmen Sie für die Observation ein paar junge Nachwuchsagenten.“

„Okay, Sir.“

Lead fixierte seine Mitarbeiter mit einem scharfen Blick, was Komplikationen bedeutete und erhöhte Alarmbereitschaft hervorrief.

„Im Übrigen ist die NSA bereits involviert und wird ihre Kontakte zu anderen Diensten einsetzen und da ein terroristischer Hintergrund nicht auszuschließen ist, hat auch das FBI erste Ermittlungen aufgenommen. Und damit nicht genug, auch der Stabschef vom Weißen Haus sitzt mir im Nacken! Ich habe den Eindruck, die halbe Welt steht hier in Langley vor der Tür und wartet darauf, wie wir das Problem lösen. Die Sache bläht sich auf wie Ballon und wir müssen aufpassen, dass wir nicht mitten drin sitzen, wenn er platzt.

Fünf tote Agenten aus unserer Firma!

Ein Albtraum!

In zwei Tagen habe ich ein Meeting mit den zuständigen Abteilungsleitern von NSA und FBI und dem Stabschef. Und dann möchte ich nicht als nackter Mann dastehen.“

Die drei Mitarbeiter nickten. Das war verständlich, diese Peinlichkeit mussten sie ihrem Direktor ersparen.

Aber schon fuhr Lead fort:

„Und noch etwas, Kollegen: Der Präsident persönlich ist beunruhigt, für ihn ist die Sache eine Angelegenheit der nationalen Sicherheit. Sie wissen, was das bedeutet, meine Herren, also ab an die Arbeit!“

6. Kapitel
Köln/Südstadt

Viele, die bei Kindern sind, tun ihre Pflicht, aber das Herz ist nicht dabei. Das merkt das Kind. (Wilhelm von Humboldt)

Die Merowingerstraße liegt in der Kölner Südstadt, unweit vom mittelalterlichen Severinstor, das im Gegensatz zum Pantaleonstor den Abrisswahn überstanden hat und zum Mittelpunkt der Südstadt wurde. Die Straße verfügt über eine gemischte Bebauung, bei der schöne alte Häuser aus der Gründerzeit neben hastig errichteten, schmucklosen Bausünden aus der Nachkriegszeit stehen. Der türkische Dönerladen findet sich hier ebenso wie die alte kölsche Eckkneipe, der Kramladen neben der Edelboutique, und zu den vielen Wohneinheiten gehören auch etliche Sozialwohnungen für weniger solvente Mieter.

In einer solchen Sozialwohnung saß Pfarrer Markus Bassler am frühen Nachmittag und nippte an einem dünnen Kaffee. Nach einem langen Gespräch mit Frau Mundorf hatte er die Einladung angenommen und versprochen, mit Anne, dem Sorgenkind, zu sprechen.

„Ich kann nichts versprechen, aber ich will es versuchen.“

Frau Mundorf hatte ihm dankbar die Hand gedrückt.

Die Wohnung empfing ihn mit einem durchdringenden Nikotingeruch, ergänzt durch die letzte Mittagsmahlzeit, wahrscheinlich Erbseneintopf.

Bassler saß auf einer Couch, die schon bessere Zeiten gesehen hatte und eher zum Sperrmüll als in ein Wohnzimmer gepasst hätte und betrachtete die kitschigen, in goldene Kunststoffrahmen gepressten Bilder, die im Original vor langer Zeit von Spitzweg gemalt worden waren. Der „Arme Poet“ hing neben dem „Eremit“, daneben der „Sonntagsspaziergang“ und der „Antiquar“, offenbar liebte man in diesem Haus den Münchener Maler. Aber daneben hing auch ein Hochzeitsfoto der Wohnungsinhaber, auf dem zumindest die Braut einen weniger glücklichen Eindruck machte, und das Foto eines hübschen jungen Mädchens im Konfirmationskleid. Anne in besseren Zeiten.

Couch und Sessel waren ordentlich mit leicht vergilbten Spitzendecken verziert, die bunte Tapete mit großblättrigem Blumenmuster war auch in den 70er Jahren schon sehr beliebt gewesen und der kleine Wohnzimmertisch aus rustikaler Eiche mit Delfter Kachelmuster wies zahlreiche Kerben auf. Auf dem Tisch eine aufgeschlagene Fernsehzeitschrift und ein überquellender Aschenbecher.

Im Hintergrund lief im großformatigen Fernseher eine belanglose Talk-Show, der Ton war abgestellt. Die Teilnehmer schrien sich gerade lautlos an.

Gegen die ungeputzten Fenster klatschten dicke Regentropfen, die wir kleine Perlen herunterliefen, ansonsten beherrschte eine penible Sauberkeit den Raum.

Gegenüber saß schweigend das Ehepaar Mundorf. Eduard, der Mann, Mitte fünfzig, fast zwei Meter groß, grobschlächtig mit zauseligem Bart. Die Schultern breit, aber nicht weniger breit die Hüfte, ein ausgeprägter Bierbauch wölbte sich unter dem T-Shirt.

Zähne und Finger nikotingelb, eine dominante und kompromisslose Erscheinung.

Jemand, mit dem man eigentlich keinen Streit haben möchte. Er trug ein verblasstes T-Shirt mit dem Aufdruck Fortuna Köln und eine alte Jogginghose, die an mehreren Stellen geflickt war. Seine Füße steckten in nagelneuen Adidasschlappen.

Bassler musste an das Zitat des Modeschöpfers Lagerfeld denken, das er vor kurzem beim Friseur in einer Frauenzeitschrift gelesen hatte. (Wo, wenn nicht beim Friseur liest ein Geistlicher auch schon mal in der Freundin):

Wer eine Jogginghose trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.

Vielleicht war das übertrieben, aber bei Mundorf schien es zuzutreffen und Bassler, der keine einzige dieser Hosen sein Eigen nannte, schüttelte sich innerlich bei dem Gedanken, so etwas tragen zu müssen.

Abrupt rief er sich zurück in die Gegenwart und fixierte Mundorf.

Seine kleinen Augen wirkten tückisch und drückten deutlich Missfallen aus, Missfallen über die Situation – und den Besucher. Seine narbige, rote Nase zeugte von erheblichem Alkoholkonsum.

Vor langer Zeit muss er einmal ganz gut ausgesehen haben, aber die Zeit und die Umstände haben ihn zu diesem Wrack gemacht, dachte Bassler. Mitleid regte sich in ihm. Es ist schon manchmal tragisch, wie das Leben den Menschen mitunter mitspielt. Wenn der Mann seine Arbeit nicht verloren hätte …

Mundorf drückte gerade seine Zigarette so intensiv aus, als wolle er eine lästige Fliege für alle Zeit beseitigen und warf immer wieder sehnsuchtsvolle Blicke auf den stummen Fernseher.

Daneben seine schmale, ängstlich wirkende Frau. Sie machte auf Bassler einen devoten Eindruck, schien ständig gebückt herumzulaufen und sich für ihr Dasein zu entschuldigen.

Gemeinsam warteten sie auf Anne, die „sich noch schnell fertig machen wollte“.

Und dann erschien sie – und Bassler erkannte sie nicht wieder.

Er hatte extra zu Hause ein Konfirmationsbild von vor zwei Jahren zur Hand genommen und Anne Mundorf herausgesucht, ein lebensfrohes Mädchen mit langem, braunem Haar, blitzenden, schalkhaften Augen und einer für ein vierzehnjähriges Mädchen gut entwickelten Figur.

Und jetzt?

Herein kam ein blasses Etwas mit grauem Kopftuch, darunter trug sie eine wald-grüne, bis auf den Boden reichende Shirt-Tunica, die den Körper und seine Formen völlig verhüllte, aber doch den Grad ihrer Abmagerung ahnen ließ. Nur die Augen blitzten noch so lebhaft wie vorher, allerdings weniger schalkhaft, mehr aggressiv.

Bassler reichte ihr die Hand, aber der Gruß wurde nicht erwidert.

Anne setzte sich auf den letzten freien Sessel und brachte etwas wie ein verkrampftes Lächeln zustande.

„Sicher sind Sie hier, um mich wieder auf den richtigen Weg zu bringen, oder?“

„Anne, sei nicht frech!“, polterte Eduard Mundorf und verzog angewidert seinen Mund.

Bassler hob seine Hand.

„Nein, Anne. Ich bin hier, weil mich deine Eltern darum gebeten haben und ich mich auch um meine Konfirmanden nach der Konfirmation zu kümmern pflege. Es kann mir nicht egal sein, wie sich meine Schützlinge weiter entwickeln. Wie ich sehe, machst du gerade eine Entwicklung durch, eine Entwicklung, die deine Eltern betrübt und die auch mich nachdenklich macht. Vielleicht kann ich helfen, dir und deinen Eltern.“

„Schützling? Helfen? Ich brauche keine Hilfe, meine Eltern vielleicht, ich nicht. Ich habe meinen Weg gefunden.“

In diesem Augenblick kam ein kleiner Junge herein, in der Hand trug er ein Schulheft.

„Kann mir jemand bei den Rechenaufgaben helfen?“

„Guido, lass uns bitte allein und geh wieder spielen.“

Kaum hörbar hauchte die Mutter das, aber es genügte, den kleinen Burschen sofort wieder verschwinden zu lassen.

„Was meinst du, wenn du sagst, du hättest deinen Weg gefunden, Anne?“, wollte Bassler wissen. Sein Ton war betont freundlich.

„Den Weg, den Gott mir gezeigt hat. Der einzig wahre Gott, Allah, der Allmächtige!“

„Blödsinn“, fauchte Vater Mundorf, „das haben wir alles dieser kleinen Moslemschlampe Samira zu verdanken. Das war kein Umgang für dich! Hab ich dir tausend Mal gesagt.

Jetzt ist sie abgehauen und bringt Schande über ihre ganze Familie.“

Elke Mundorf versuchte, ihren Mann zu beruhigen und legte ihre Hand auf seinen kräftigen, behaarten Arm, aber der Mann war nicht mehr zu bremsen und schüttelte die Hand ab.

„Und glaub nur ja nicht, dass du uns das auch antun kannst. Eher stecke ich dich in die Fürsorge, als dass ich so was zulasse.“

Anne hatte keine Ahnung, was die Fürsorge war, ein Begriff aus dem vorigen Jahrhundert, und schwieg. Sie blickte ihren Vater nur an. Aus ihren Augen sprach bodenlose Verachtung.

Mundorf nahm einen kräftigen Schluck aus der Bierflasche, die vor ihm stand. Es war 15.00 Uhr, genau die richtige Zeit für das dritte Bier. Er rülpste und sein saurer Atem verteilte sich im Raum.

„Wir sollten die Angelegenheit etwas sachlicher angehen“, versuchte Pfarrer Bassler vermittelnd einzugreifen. „Wie kommt es, dass du auf einmal so denkst. Ich habe dich im Konfirmationsunterricht anders kennengelernt, ganz anders.“ „Mag sein“, antwortete Anne und zupfte ihr Kopftuch herunter. Kein Haar war mehr zu sehen.

„Manchmal ist es eben so, dass sich die Augen für das Wahre erst später öffnen. Ja, es stimmt, Samira hat mir dabei geholfen. Aber sie ist keine Schlampe, sondern sie hat ihre Erleuchtung schon erhalten. Und sie hat mir geholfen zu erkennen, dass alles, was ich bisher getan habe, nichtig und ohne Sinn ist, oberflächlich, eitel, sinnlos. Der wahre Grund, weshalb wir hier sind, besteht darin Gott zu dienen.“

„Dagegen ist absolut nichts zu sagen“, meinte Bassler und nippte an seinem Kaffee, der inzwischen so kalt geworden war wie die Atmosphäre im Wohnzimmer, „aber du hattest einmal einen anderen Gott, einen Gott der Liebe und des Verzeihens, dessen Sohn Jesus Christus auf die Welt … “

Er konnte den Satz nicht beenden.

Anne Mundorf war aufgesprungen und deutete mit ihren Fingern auf den Geistlichen.

„Lüge! Alles Lüge! Der wahre Gott heißt Allah und Mohammed ist sein Prophet. Jesus war bestenfalls ein kleiner Prophet und wurde von euch als heiliger Popanz aufgebaut. Und der Lohn der Ungläubigen ist das Höllenfeuer.“

Ihre Augen blitzten und Speichel spritzte aus ihrem Mund. „Woher hast du das“, fragte Bassler tonlos.

„Sure 71“, kam die kühle Antwort, „und Ungläubige wie ihr werden in Scharen zur Hölle getrieben, Sure 72.“

„Anne, du versündigst dich“, hauchte Elke Mundorf und schlug die Hände vor den Mund.

Schlimmer war die Reaktion des Vaters.

Er stand auf, holte aus und schlug der Tochter mit der flachen Hand zweimal ins Gesicht, so heftig, dass Anne taumelte und in den Sessel zurücksank. Ihre Lippen bluteten.

„Steck dir deine gottverdammten Suren in den Arsch“, brüllte er wutentbrannt, „dir werd’ ich es zeigen, du gotteslästerliche Schlampe!“

„So geht das nicht“, rief Bassler empört und sprang auch auf. Er fiel dem Vater in die Hand und vereitelte einen dritten Schlag.

Anne sprang auf und verließ wortlos den Raum.

Die Mutter heulte, der Vater ließ sich in den Sessel sinken und griff schwer atmend nach Bier und Nikotin.

Bassler hatte verstanden, dass jedes weitere Wort sinnlos war. In dieser vergifteten Atmosphäre war ein sachliches Gespräch unmöglich. Er nickte den Eheleuten kurz zu und verließ die ungastliche Stätte.

7. Kapitel
Köln/Deutz

Die Architektur ist die Fortsetzung der Natur in ihrer konstruktiven Tätigkeit. (Karl Friedrich Schinkel)

Es ist zwei Jahre her, dass die Kölner Stadtväter beschlossen, durch eine fünfhundert Meter lange Freitreppe am Rhein der rechtsrheinischen Seite der Stadt eine neue touristische Attraktion zukommen zu lassen, den so genannten Rheinboulevard. Die Stadt hat sich dieses Projekt gut zwanzig Millionen Euro kosten lassen, aber wie die Akzeptanz in der Bevölkerung zeigt, war das eine gute Investition, auch wenn es, zumal in den Abendstunden, dort auch schon mal zu Randale und Ausschreitungen kommt und mehr Polizisten als Touristen aufmarschieren.

Die rechtsrheinische Seite Kölns ist eigentlich die falsche Seite und wird von den Kölnern, jedenfalls denen, die auf der richtigen Seite wohnen, leicht despektierlich Schäl Sick genannt. Der mundartliche Begriff soll aus der Zeit stammen, in der die Schiffskähne rheinaufwärts noch von Pferden gezogen wurden. Die Pferde auf der linken Rheinseite wurden demnach aufgrund der Spiegelungen der Sonne auf dem Fluss geblendet und manche wurden sogar auf einem Auge blind. Als man das erkannte, wurde den Pferden fortan immer auf dem Auge, welches dem Rhein zugewandt war, eine Scheuklappe angelegt. Dadurch waren sie schäl, was im kölschen Dialekt in etwa „schlecht sehen“ bedeutet. Und so hatte die „Schäl Sick“ ihren Ruf weg.

Der frühere Oberbürgermeister Kölns und spätere erste Bundeskanzler der Bundesrepublik soll einmal, als er über die Brücke fuhr und sich dieser Rheinseite näherte, die Gardinen seines Abteils mit dem Kommentar „in Deutz beginnt der Bolschewismus“ zugezogen haben. Aber das ist lange her und vielleicht nicht mehr als eine der zahlreichen Anekdoten, die sich um diesen großen Mann ranken.

Aber zurück zum neuen Rheinboulevard.

Auf den breiten Stufen dieses Boulevards konnte man herrlich sitzen, die Sonne genießen und dem Treiben auf dem mächtigen Strom zusehen. Riesige Lastschiffe, die sich in beiden Richtungen gemächlich begegneten, Jetski-Fahrer, die wagehalsig zwischen den Schiffen rasten, gelegentlich Ruderboote, die auf dem Fluss trainierten. Machte Spaß, das alles zu beobachten.

Und genau das tat der Mann auch.

Das Wetter hatte sich endlich gebessert, die Regenwolken waren nach Osten abgezogen und die Sonne überschüttete die Stadt mit ihren wärmenden Strahlen. Die Menschen waren wieder herausgekommen, saßen auf den breiten Stufen und genossen die Sonne des frühen Nachmittags.

Der Mann auch.

Er war gut, aber unauffällig gekleidet, maß fast 190 Zentimeter und war von schlanker, aber kräftiger Figur. Ein Beobachter hätte kaum vermuten können, dass sein Körper über eine Vielzahl gut trainierter Muskeln verfügte, weshalb er die Kleidung gern etwas größer trug. Heute trug er eine leichte, weiße Sommerhose, ein blaues Polohemd und darüber ein leichtes, hellbraunes Leinensakko. Sein struppiges, mittelblondes Haar zeigte an den Schläfen ein erstes zartes Grau und war in der Stirnmitte schon reichlich ausgedünnt, gleichwohl warfen ihm Frauen interessierte Blicke zu, wenn er auf den Straßen unterwegs war. Daran änderte auch die kleine rötliche Narbe nichts, die sein Kinn prägte und als Andenken an seinen Einsatz in Peru zurückgeblieben war.

Im Auftrag der Agency hatte er dort über Wochen einen sehr gefährlichen Mann beobachtet, den Kopf eines Drogenhändlerrings, der den Markt in den USA mit seinen todbringenden Artikeln überschwemmte und dabei vor allem Kinder und Schüler im Auge hatte. Am Schluss hatte er ihn auftragsgemäß liquidiert und war dabei fast draufgegangen. Bei einem mörderischen Gefecht mit den Leibwächtern des Drogenbosses war er getroffen worden und nur knapp dem Schicksal mancher seiner Kollegen entgangen.

Dieser Mann hieß Peter Wills und war Agent First Grade der CIA.

Dank seiner außergewöhnlichen Sprachkenntnisse, zu denen neben Grundkenntnissen in Arabisch auch Deutsch und Spanisch gehörten, hatte er jetzt Einsätze im Irak, im Sudan, in Deutschland und in Peru hinter sich. Immer war er für den Tod von Menschen verantwortlich gewesen, aber das hatte ihm weder Gewissensbisse verursacht noch seinen Schlaf nachhaltig gestört.

Die Opfer – das waren alles Menschen gewesen, die es verdient hatten. Drogenhändler, Verräter, feindliche Agenten, Terroristen.

Sie waren die Bösen.

Und er war einer von den Guten – und das hatte ihm seine Tätigkeit erleichtert und einen guten Schlaf ermöglicht.

Als er sich nach fünfjähriger Tätigkeit bei der Polizei von New York bei der Agency beworben hatte, was er ohne die ausdrückliche Empfehlung seines Commissioners wohl nie getan hätte, war ihm bewusst, dass seine neue Tätigkeit gefährlich sein würde. Aber neue Herausforderungen reizten ihn und so hatte er ohne Probleme das Aufnahmeverfahren in Langley durchlaufen und war inzwischen Agent First Grade.

Allerdings hatte sein Familienleben darunter sehr gelitten, er hatte keins.

Einige Affären, ja, aber keine Frau, keine Kinder. Zwei ernsthaftere Beziehungen, die in die Brüche gegangen waren, alles zum Wohle des Landes, das ihm seine Gehaltsschecks ausstellte.

Jetzt flogen seine Blicke über den Rhein und streiften die Besucher, die neben ihm auf der Freitreppe saßen. Er scannte seine Umgebung und versuchte, jede Form von Gefahr rechtzeitig aufzunehmen, ein Verhalten, das ihm in den Jahren, die er im Dienst der Agency verbracht hatte, in Fleisch und Blut übergegangen war.

Gelegentlich nippte er an einer Flasche Bitter Lemon, seinem Lieblingsgetränk. In der Hand hielt er eine zusammengerollte Zeitung.

Seine Gedanken wanderten zurück zu seinem letzten Auftrag, der ihn vor einem halben Jahr in die Domstadt geführt hatte. Es galt, an ein historisches Dokument zu kommen, das für seine Regierung von großer Bedeutung war. Im Laufe dieser Aktion hatte er hier in Köln einen alten Nazi getötet, ohne dass ihm diese Tat Gewissensbisse eingetragen hätte. Die Aktionen gegen den katholischen Pfarrer, wie hieß er noch gleich, ja … Diefenstein, hatten ihm weniger gefallen. Der Mann war ihm sympathisch gewesen und trotzdem hatte er ihn unter Druck setzen müssen.

Aber schließlich handelte er in nationalem Interesse, da darf man nicht zimperlich sein und so konnte er seinen Auftrag hier erfolgreich beenden. Wie das mit dem jetzigen Auftrag aussah, war noch nicht so klar.

Aber – Fuck – sein Kollege war erschossen worden.

Auf der Domplatte!

Vor der herrlichen Kathedrale!

Gordon Rush! Ein liebenswerter Kollege aus Chicago, verheiratet, zwei Kinder und Anhänger der Chicago White Sox, einem sympathischen Loserteam.

Jünger als er und erst seit fünf Jahren bei der Agency. Vielleicht hatte ihm noch ein wenig die nötige Härte gefehlt, die in diesem Job unausweichlich war. Er zeigte gerne die Bilder seiner hübschen Frau und der beiden Kinder, was in diesen Kreisen eher unüblich war.

Und jetzt war er tot!

Wer hatte ihn erschossen und warum?

Ihre Ermittlungen gegen die Waffenhändler waren noch in einem so frühen Stadium, dass von daher noch keine Gefahr drohen konnte.

Oder doch?

Wills schüttelte ratlos den Kopf.

Man hatte ihm aus Langley Hilfe zugesagt. Morgen schon sollte die eintreffen und er war gespannt, wer zu seiner Verstärkung kommen würde. Auch wenn ihm grundsätzlich das Gefühl von Furcht fremd war, konnte man in dieser Situation Hilfe gebrauchen.

Wills griff in sein Sakko und holte eine Packung Camel Filter heraus. Eigentlich hatte er mit dem Rauchen aufgehört. Eigentlich! Aber der Stress, den sein Job mit sich brachte, hatte ihn wieder nach den Glimmstängeln greifen lassen, auch wenn er wusste, dass das seiner Kondition abträglich war. Egal! Immerhin hatte er keine Partnerin, die ihn deswegen mit schiefen Blicken oder dummen Bemerkungen nervte.

Er zündete die Zigarette an, inhalierte tief und genoss die beruhigende Wirkung des Nikotins, die sich langsam in seinem Körper verbreitete.

Kleine Wölkchen stiegen wie kleine Rauchsignale auf, während er die Leute, die um ihn herumsaßen, eindringlich musterte. Touristen aus Asien, die auf den Rhein und den gegenüber liegenden Dom wiesen und in ihrer Sprache lachten und plapperten.

Andere standen mit dem Rücken zum Dom, machten wie verrückt Selfies mit einem Stick, und amüsierten sich dabei königlich.

Ein Eisverkäufer mit Wagen, der seine überteuerten Bällchen an naive Touristen verscheuerte.

Rentner im grauen Einheitsdress, die behaglich in der Sonne saßen und ihre alten Glieder wärmten, zwei Rollatoren standen in der Nähe. Ein Liebespaar, das sich in inniger Verzückung abschleckte. Ein paar Mädchen, die wie Hühner gackerten und sich gegenseitig Sprachnachrichten schickten, obwohl sie nebeneinander saßen. Ein persönliches Gespräch galt offenbar als extrem uncool. Flaschensammler, die aufmerksam das Territorium nach Beute absuchten. Ein Student, der weltverloren auf seinen Laptop hämmerte und zwischendurch Blicke in den Himmel warf, als könne von da die notwendige Erleuchtung kommen.

Auch einige Flüchtlinge, offenbar Araber, hatten den Boulevard entdeckt. Sie flüsterten miteinander und beobachteten aufmerksam die fremde Szenerie. Ihre Blicke wanderten zu den Mädchen in den kurzen Röcken und drückten abwechselnd Begehren und Missfallen aus. Alles normal und völlig unauffällig.

Und doch!

Ein Mann fiel ihm auf.

So durchschnittlich und unauffällig, dass er auffallen musste. Er saß etwa zwanzig Meter weiter. Der Mann trug einen breiten Sommerhut, war von mittlerer Größe und untersetzter Figur. Sein beigefarbener Leinenanzug war ein wenig zu groß und schlotterte um die schlanke, sehnige Gestalt. Er schien sich für seine Umwelt nicht zu interessieren und blätterte versunken in einem Reiseführer. Aber Wills hatte sofort bemerkt, dass er unter seiner Jacke ein Schulterhalfter trug, und die Ausbuchtung zeigte, dass es nicht leer war.

Wills trank die Flasche aus und ließ sie für die Flaschensammler stehen. Er drückte den Glimmstängel aus und sah sich um. Aschenbecher gab es hier nicht, und trotzdem war alles sauber. Keine Zigarettenreste auf dem Boden. Das machte Eindruck auf ihn und er versenkte die Kippe in der Flasche.

Langsam stand er auf und schlenderte in die entgegengesetzte Richtung. In Sichtweite war ein großes Hotel, auf das er zustrebte. Plötzlich ließ er seine Zeitung fallen, bückte sich und drehte sich ruckartig rum. Der Mann war weg. Wills spürte die Gefahr, seine Nackenhaare sträubten sich. In schnellen Schritten eilte er zu dem Hotel, kam gerade an einem Metallcontainer vorbei, als er das Geräusch hörte.

Das Geräusch einer Pistole, die durchgeladen wurde.

Er ließ sich fallen.

Keine Sekunde zu früh.

Der Schuss traf den Container, die abprallende Kugel streifte seinen Arm. Wills griff blitzschnell nach der SIG Sauer Scorpion, die er im Halfter unter der Jacke trug.

Er blickte vorsichtig über den Container, fand den Schützen aber nicht. Stattdessen eine weitere Kugel, die seinen Kopf nur um Haaresbreite verfehlte.

Er duckte sich und gab blind zwei Schüsse in die Richtung ab, in der er den heimtückischen Schützen vermutete.

Die Schüsse hatten inzwischen Aufmerksamkeit erregt. Hysterische Schreie, Rufe nach der Polizei, Sätze wie „Geht in Deckung!“ und „Ein Terrorangriff“ kamen vom Rheinboulevard. Die Menschen duckten sich in Panik, suchten so weit wie möglich Deckung oder liefen hektisch die Stufen hinauf, um sich in Sicherheit zu bringen.

Wills sah noch einen beigefarbenen Anzug samt Sommerhut in Richtung Messehalle verschwinden, dann kehrte plötzlich Ruhe ein, eine unheimliche Ruhe!

Er hatte wenig Lust auf die Polizei zu warten, deren schrille Sirenen in größerer Entfernung bereits zu hören waren. Er verschwand ebenso unauffällig wie sein Angreifer, aber jetzt hatte er immerhin eine Vorstellung, wie der Killer aussah.

Über die Gründe allerdings grübelte er nach wie vor, aber das würde er noch herausfinden. Und eine zweite Chance sollte der Killer nicht bekommen.

8. Kapitel
Ciudad Juarez/Mexiko

Warum die Hölle im Jenseits suchen? Sie ist schon im Diesseits vorhanden, im Herzen des Bösen. (J.J. Rousseau)

Ciudad Juarez liegt im Norden von Mexiko und ist mit dem gegenüberliegenden texanischen El Paso durch vier Brücken verbunden. Es wäre ein schönes Städtchen, es könnte eine Perle des Landes sein, wenn es nicht, ja wenn es nicht als eine der gefährlichsten Drogenmetropolen des mittelamerikanischen Landes gelten würde und daher auch eine Spitzenposition in der mexikanischen Kriminalitätsstatistik einnehmen würde, eine Spitzenposition, die es vor allem jener ausufernden Drogenkriminalität verdankt. Drogenhändler töten Drogenhändler, Drogenhändler töten Polizisten, Polizisten töten Drogenhändler und nicht selten kommen völlig Unbeteiligte ums Leben. Die Regierung versprach Hilfe, aber es änderte sich nichts. Touristen finden sich daher hier weniger.

Die Frau, die diesen Umständen zum Trotz in einem Straßencafé der mexikanischen Stadt saß und die Zeit bis zum baldigen Abflug überbrückte, war jedenfalls keine Einheimische. Sie hieß Mirinda Thyburn und war keine Touristin, sondern eine Feldagentin des SAD, einer Spezialabteilung der CIA. Sie trug ein kurzes, weißes Leinenkleid mit Spaghettiträgern, das ihre gebräunte Haut besonders zur Geltung brachte. Ein breiter Strohhut und eine große Sonnenbrille schützten ihr Gesicht vor der gleißenden Sonne und ungebetenen Beobachtern. Behaglich schlürfte sie ihren Mojito. Noch am Tag zuvor hatte sie lange, schwarze Locken gehabt und wunderbare blaue Augen. Aber jetzt hatte sie die Perücke ebenso abgelegt wie die Augenlinsen und auch die Oberweite war auf natürliche, immer noch beeindruckende Weite geschrumpft. Sie war nicht mehr wiederzuerkennen.

Die Agentin saß unter dem Schatten eines breiten Sonnenschirms, war bemüht Legionen von Moskitos abzuwehren und machte den unbedingten Eindruck, dass sie mit sich und der Welt zufrieden war. Aufmerksam beobachtete sie ihre Umgebung, aber im Augenblick schien keine Gefahr zu drohen. Im Augenblick, aber das konnte sich jeden Augenblick ändern. Vor allem hier, in dieser hochkriminellen Stadt mit der weltweit höchsten Mordrate, wo man sich so sicher fühlen durfte wie in einer Grube voller giftiger Nattern. Und auch die Männer eines am Vortag ermordeten Drogenbosses schweiften immer noch durch die Stadt und suchten beharrlich nach der Täterin, aber vergeblich. In der jungen Frau in dem Straßencafé hätten sie die Täterin niemals erkannt, zu sehr war das Aussehen verändert worden.

Eine junge Agentin wie sie zu diesem Auftrag zu schicken, war schon eine Herausforderung und ihr war zunächst ganz schwindlig geworden, als Horacio Sanders, der neue Chef des SAD, ihr die Einzelheiten des Auftrags mitgeteilt hatte. Sie hatte den Auftrag erhalten, einen der gefährlichsten Drogenhändler Mexikos zu liquidieren und sie hatte es geschafft. Eduardo Miguel Perez, von Freund und Feind auch El Brujo genannt, der Hexer, lebte nicht mehr, denn Sanders hatte die größte Schwäche des Drogenbosses herausgefunden, schöne junge Frauen, und Thyburn passte genau in dieses Beuteschema.

Perez war vor seinem plötzlichen Ableben ohne Zweifel ein schöner Mann, groß, gepflegt, mit einem Teint aus schimmernder Bronze, weißen Zähne, die ein Vermögen gekostet haben müssen und Anzügen aus feinstem Tuch, die kaum weniger teuer waren. Dazu gepflegte Umgangsformen, die kaum ahnen ließen, dass ihm ein Mordbefehl ebenso leicht von den Lippen kam wie ein Kompliment. Und dass er trotz aller der Verbrechen, die er begangen hatte, noch keinen einzigen Tag im Gefängnis gesessen hatte, machte seinen Beinamen Hexer erklärlich.

Sie hatte Perez an einem Abend im Salza Bongo, einem der teuersten Clubs der Stadt kennengelernt. Lange, schwarze Haare, die in ungebändigten Locken auf die Schulter fielen und strahlend blaue Augen hatten zuerst die Aufmerksamkeit des Mannes erregt. Ihr tief ausgeschnittenes Kleid mit einem etwas aufgepolsterten BH und ihre langen, gebräunten Beine hatten den erregenden Eindruck verstärkt. Sie hatten getanzt und getrunken, gelacht und geflirtet, immer beobachtet von den vier Bodyguards, die sie argwöhnisch beobachteten. Aber immer, wenn seine Hände unter ihr Kleid huschen wollten, schob sie sie zurück, höflich, aber bestimmt.

Und El Brujo war heiß vor Gier!

Er hatte ihr ins Ohr geflüstert, dass sie so schön wie die Sonne Mexikos sei und er sie haben wolle. Jetzt! Sie solle ihn auf seinen Landsitz begleiten, wo er ihr eine unbeschreibliche Nacht bescheren wolle. Der sei doch nur fünfzehn Minuten von hier entfernt, ein Katzensprung!

Und die Agentin hatte sich nicht lange geziert, hatte aber doch Einwände.

Ort und Zeit! Jetzt? Sofort? Sie müsse vorher in ihr Hotel, nur eben um die Ecke, um sich frisch zu machen. Er könne sie gerne begleiten, wenn er wolle. Aber ohne diese … diese furchtbaren Leibwächter. Diese groben Burschen mit dem schäbigen Grinsen in ihren vernarbten Gesichtern. Sie machten ihr Angst!

Perez hatte genickt und einige Worte mit seinen Wächtern gewechselt, dabei auf die Amerikanerin gedeutet und gegrinst. Seine Wächter hatten zuerst wild gestikuliert und Einwände gemacht. Dann aber, nach einem kurzen, aber deutlichen Wort von Perez, hatten sie auch gegrinst und sich an die Bar verzogen.

Sie verließen Hand in Hand die Kühle des klimatisierten Clubs und prallten wie gegen eine Wand, denn auch jetzt in der Nacht lastete immer noch eine drückende Hitze über der Stadt.

In der jungen Agentin wurden sofort alle Schweißdrüsen aktiviert, aber Perez schien das nichts auszumachen. Die Vorfreude auf ein sexuelles Abenteuer ließ ihn diese Unbill lässig ertragen, sein Testosteronlevel hatte einen unguten Höhepunkt erreicht.

Er liebte diese kleinen Abenteuer und konnte nicht genug von ihnen kriegen. Der einzige Zweck, zu dem schöne Frauen auf der Welt waren, da war er ganz sicher, bestand darin, Männern wie ihm Vergnügen zu bereiten! Mochten die anderen sich an seinen Drogen vergnügen, seine liebste Droge war – Sex!

Sie überquerten die Hauptstraße mit ihren lärmenden Clubs, schwitzenden Menschenmassen und glitzernden Reklametafeln und betraten eine schmutzige, stille Seitengasse, eine Abkürzung zum Hotel, wie die Schöne an seiner Seite glaubhaft versicherte.

Keine Passanten, nur vereinzelt Laternen, die ihr trübes Licht auf den Boden warfen, Schmutz und Abfall säumten die Gasse. Ratten balgten sich um Nahrungsreste her, wie Thyburn mit Ekel wahrnahm.

Und ein blasser Mond lugte zaghaft hervor, ein blasser Mond, der mit seiner halben Sichel nur wenig zur Erleuchtung beitrug.

Auch nicht zur Erleuchtung des Drogenbosses, der sich in Vorfreude die Lippen leckte und sich das bevorstehende Vergnügen in allen Einzelheiten ausmalte.

Freilich, in nüchternem Zustand und mit einem geringeren Testosteronspiegel hätte Perez die Gefahr vielleicht erkannt, die ihm drohte. Aber wenn der Alkohol das Hirn umnebelt, der Schwanz den Verstand ausschaltet und das Serotonin unkontrolliert den Körper überschwemmt, gleitet die Vorsicht so lautlos dahin wie die Natter im Gebüsch.

Thyburn zögerte nicht lange. Sie befreite sich vorsichtig von der Hand ihres Begleiters, holte ihre Glock 17 mit Schalldämpfer aus ihrer kleinen Tasche heraus und jagte dem Arschloch, das einen Schritt vor ihr ging, zwei Kugeln in den Hinterkopf. Bevor er begreifen konnte, was passierte, stand er schon vor seinem Schöpfer, oder wo auch immer.

El Brujo hatte sein widerliches Leben unter Thyburns Kugeln ausgehaucht und war in einer schmutzigen Pfütze aus Unrat, Urin und Abwasser verreckt. Bald schon würden sich die Ratten um ihn kümmern. Ein, wie Thyburn fand, durchaus angemessener Ort für das Ableben des Hexers. Er würde nie wieder Heroin aus Kolumbien in ihre Heimat schmuggeln und dazu beitragen, dass mehr als fünfzigtausend Amerikaner jährlich an diesem Teufelszeug starben.

Auftrag erfüllt!

Natürlich wusste die Agentin, dass andere an Perez’ Stelle treten und die Lücke füllen würden, aber dann würde sie wieder kommen, oder ein Kollege. Amerika würde jedenfalls nicht tatenlos zusehen, wie seine Jugend mit diesem Gift verdorben würde.

Der neue Präsident war da sehr klar in seinen Aussagen.

Auftrag erfüllt! Ohne Zeugen!

Na ja, so ganz unbemerkt war das Geschehen nicht geblieben:

Ein unauffälliger Mann mittleren Alters in der Kleidung der Einheimischen mit einem breiten Sombrero hatte aus geringer Entfernung alles beobachtet und hätte zugunsten der Agentin eingegriffen, wenn es nötig gewesen wäre, ihre Notfallhilfe, ein so genannter Backup!

Da sein Eingreifen nicht nötig war, verzog er sich unauffällig.

Thyburn verdrängte die Gedanken über die Einzelheiten an die erfolgreiche Mission aus ihrem Kopf. Sie empfand zu Recht einen gewissen Stolz über die gelungene Tat und machte sich über die besondere Art der Methode so ihre Gedanken.

Die Geschichte von Spionage und Gegenspionage hat erwiesen, dass eine Sexfalle offenbar in den meisten Fällen erfolgreich ist. Geld mag eine wesentliche Triebfeder sein, Patriotismus vielleicht, aber Sex geht immer, denn bei den meisten Männern steckt die Seele nicht in der Brieftasche, sondern im Schwanz! Allerdings musste Thyburn zugeben, dass auch Frauen für Sexfallen empfänglich sein können. In der Ausbildung hatte sie von den Methoden der ostdeutschen Stasi gehört, die gut aussehende junge Männer, die so genannten Romeos mit Erfolg auf frustrierte, vereinsamte Sekretärinnen in den Vorzimmern wichtiger Politiker ansetzte, um ihnen gegen Sex Informationen und Geheimnisse zu entlocken. Wo hatte deren Seele denn gesteckt?

Mirinda Thyburn, Agentin Second Grade der CIA, war nicht ohne Grund für diese spezielle Aktion ausgewählt worden. Sie bot dem aufmerksamen Betrachter einen sehr angenehmen Anblick. Mittellange, braune Locken, ein hübsches Gesicht mit schmalen Wangen und einer Stupsnase, strahlend weiße Zähne und eine schlanke Figur mit ansprechender Oberweite. Sie sprach vier Sprachen flüssig, darunter Deutsch, Französisch und Italienisch. Vor allem Deutsch, da die Eltern ihrer Mutter aus Deutschland stammten und zu Hause viel Deutsch gesprochen wurde.

Und vor ihrem Einsatz hatte sie Spanisch dazugefügt, was ihr auf Grund ihres Sprachtalents leicht gefallen war.

Wenn sie doch etwas ärgerte, dann war das ihr Vorname, auch nach sechsunddreißig Jahren noch.

Was hatten sich ihre Eltern nur dabei gedacht, ihrer Tochter den Namen eines Softgetränks zu geben? Gut, dass sie nicht Pepsi oder Fanta hieß! Zwar hatte die Mutter später behauptet, es habe sich um ein Versehen gehandelt. Der Vater sei beim Namenseintrag im Standesamt – wie immer – betrunken gewesen und hätte eigentlich den Namen Miranda, die Bewundernswerte, angeben sollen. Aber in seinem Zustand habe er die Buchstaben verwechselt, und so blieb es ein Leben lang beim Softgetränk, was sie schon oft, besonders in der Jugend, zur Zielscheibe sanften oder bösartigen Spotts gemacht hatte. Und wäre sie nicht so eine attraktive Erscheinung gewesen, wäre der Spott vielleicht das Einzige gewesen, das ihr zuteil geworden wäre. Nun ja, muss man mit leben und sie hatte es inzwischen gelernt.

Mirinda Thyburn leerte ihr Glas und legte einige Pesoscheine auf den Tisch, dann machte sie sich auf den Rückweg in ihr kleines Hotel. Für heute Abend war der kurze Rückflug in die Heimat gebucht und sie musste nur noch packen, eine Aufgabe von Minuten.

Sie verließ die breite Avenida Montes Urales und bog in eine kleine Seitengasse ein, als das geschah, was einer jungen hübschen Frau in jeder Stadt der Welt passieren kann, außer vielleicht im … Vatikan.

Zwei junge Mexikaner, augenscheinlich von Alkohol und Kokain reichlich zugedröhnt, vertraten ihr den Weg.

„Ah, schö … schöne Senorita, so allein?“

Der Bursche, der sie stockend und mit verschwommenen Augen ansprach, mochte vielleicht zwanzig Jahre alt sein. Er machte einen abgerissenen, schmutzigen Eindruck und versuchte sich in einem ebenso schmutzigen Lächeln, wobei er krumme, gelbe Zahnstummel zeigte, die Thyburn an ein Frettchen erinnerten.

Er war kleiner als die Agentin und sein dünnes, schwarzes Haar fiel ihm strähnig über die Stirn. Er trug zerrissene Jeans und ein speckiges, vor Dreck starrendes Hemd, an den Füßen billige Imitate von Markensportschuhen.

Der andere war etwa gleich alt, aber einen Kopf größer und von athletischer Figur, seine Muskeln, die von regelmäßigen Besuchen im Kraftstudio und der ebenso regelmäßigen Einnahme von Anabolika zeugten, schienen das verschlissene rote Muskelshirt fast zu sprengen.

Ein Bär auf Beutezug!

Ein paar neu aussehende, eng anliegende Jeans und spitze mexikanische Cowboystiefel, eine Qual für Füße und Augen, komplettierten das typische Outfit des südländischen Machos, der Frauen weniger Respekt zu zollen pflegte als den überall ansässigen Moskitos. Trotzdem hätte man ihn fast als gut aussehend bezeichnen können, wären da nicht diese stechenden schwarzen Augen gewesen, Augen, die Hass und Gier ausdrückten.

Was die beiden Typen allerdings einte, war die Tatsche, dass von ihnen ein durchdringender Geruch ausging, den man, ohne unhöflich zu sein, auch als Gestank bezeichnen durfte. Seife und ähnliche Errungenschaften der Zivilisation gehörten offenbar nicht zu ihrem täglichen Repertoire.

Der Muskelberg hatte jetzt Mut gefasst und beschlossen, die Sache zu beschleunigen.

„Vielleicht will … will die schöne Senorita etwas Sp … Spaß mit zwei schar … scharfen Jungs haben?“, brummte er mit dunkler Stimme und griff sich in den Schritt. Offenbar hatte die Entwicklung seines Sprachverhaltens mit seiner körperlichen Entwicklung nicht mithalten können.

„Jungs, das wollt ihr nicht!“

Thyburns Stimme klang leise, aber wer sie kannte, hätte die drohende Gefahr ahnen können.

Sie drehte sich kurz um, aber sie war allein. Hilfe war nicht zu erwarten und ihre Pistole lag wohl verwahrt im Hotelzimmer. Egal, sie verzog verächtlich ihre Lippen. Wer einen Drogenboss wie Perez beseitigen konnte, hatte keine Angst vor zwei zugekifften Pissern wie diesen beiden.

„Doch, wollen wir“, rief das Frettchen. Das Bürschlein stand plötzlich so nah vor ihr, dass sein stinkender Atem sie streifte. Entschlossen griffen seine schmutzigen Hände nach den dünnen Trägern des Kleides. Mit einem Ruck hatte er den einen Träger heruntergerissen und eine Brust der Agentin entblößt. Doch, bevor er sich an diesem Anblick erfreuen konnte, schlug das Schicksal ohne Erbarmen zu. Doch eigentlich war es nicht das Schicksal, das man für das nachfolgende Geschehen verantwortlich machen konnte.

Es war eher ein mörderischer Handkantenschlag der jungen Agentin, der im nächsten Augenblick den kleinen Ganoven gegen die Hauswand und ins Reich unliebsamer Träume beförderte. Mit blutiger Stirn, einem ächzenden Laut und verdrehten Augen sank der Bursche zusammen.

Sein Partner betrachtete das Geschehen verblüfft und erstarrte einen Augenblick, aber nur kurz.

„Das sollst du büßen, Gringoschlampe“, schrie das Muskelshirt wutentbrannt.

Seine Faust holte aus, aber bevor er genau registrierte, was geschah, hatte ihm Thyburn mit solcher Wucht zwischen die Beine getreten, dass ihm Tränen aus den Augen schossen und er laut aufheulte. Ein gezielter Faustschlag auf den Solarplexus, ein gemeiner Hieb gegen die Schläfe und er gesellte sich zu seinem Kollegen, der immer noch bewusstlos an der Wand lag.

„Ja Jungs, ich hatte euch gewarnt!“, sagte Thyburn.

Sie schüttelte ihre Hände aus und brachte notdürftig ihr Kleid in Ordnung. Ungerührt setzte sie ihren Weg fort. Zu etwas musste ja die intensive Ausbildung in Camp Peary gut sein, die sie damals mehr als einmal verflucht hatte.

Techniken wie Krav Maga, eine Nahkampftechnik, die die Agency vom israelischen Mossad übernommen hatte, konnten in Situationen wie diesen sehr hilfreich sein.

Die beiden mexikanischen Sexgangster, die bald unter einigen Schmerzen erwachen und laut fluchen würden, hätten ein Lied davon singen können.

Der Einheimische mit dem Sombrero, der in Wahrheit aus Chicago stammte und denselben Arbeitgeber wie die junge Agentin hatte, schmunzelte. Respekt! Sein Auftrag war es, die Kollegin bis zum Abflug unsichtbar zu begleiten und so hatte er aus dem Hintergrund alles aufmerksam mit angesehen. Ein Eingreifen war nicht nötig gewesen.

Wenig später hatte Thyburn ihr kleines Hotel erreicht und packte ihre wenigen Sachen in den Koffer. Ihr Handy läutete. Wer zum Teufel ruft mich jetzt an?

Ein Blick auf den Anrufer ließ sie kurz zusammenzucken und den Zerhacker einschalten, der den Anruf in kleine Segmente zerteilte. Die Segmente wurden dabei mit einem Ringmodulator in verschiedene Frequenzbereiche verteilt, was die Sprache für einen ungebetenen Zuhörer unverständlich machte. Ein Verfahren, was als etwas überholt galt, aber immer noch funktionierte.

„Guten Tag, Sir!“

„Guten Tag Agentin Thyburn“, dröhnte die sonore Stimme von Horacio Sanders, des Chefs von SAD.

„Zerhacker?“

„Ist eingestellt!“

„Natürlich! Ich habe Ihren Bericht erhalten. Gute Arbeit! Ein Schwein weniger, das unserem Staat gewaltigen Schaden zugefügt hat!“

„Danke Sir. Ich werde dann jetzt zurückkommen.“

„Nein, Agentin Thyburn, werden Sie nicht.“

„Werde ich nicht?“

„Wir haben einen neuen Auftrag für Sie.“

„Aha“

„Sie werden nach Köln in Deutschland fliegen und dort Ihren Kollegen Peter Wills treffen. Der Agent braucht ihre Hilfe, er wird Ihnen alles Weitere erläutern. Sie haben doch schon mit ihm zusammengearbeitet, nicht wahr?“

„Ja, Sir in München.“

„Richtig, und recht erfolgreich, soweit ich mich erinnere. Ticket liegt am Flughafen für Sie bereit.“

„Okay, Sir, aber ich hatte nur ein paar leichte Sachen für Mexiko dabei und …“

„Kaufen Sie neue, Lady, die Agency zahlt alles!“

Sanders lachte dröhnend auf, die Verbindung war beendet. Sieben Stunden später saß sie in einer Maschine der British Airways, die sie nach neunzehn Stunden und einem Stopp vom International Abraham Gonzalez Flughafen in Ciudad Juarez in die schöne Domstadt brachte, wo ein neues gefährliches Abenteuer wartete, ein Abenteuer, das sie allerdings ihr Leben kosten könnte.

9. Kapitel
Köln/Südstadt

Die Nacht ist keines guten Menschen Freund – so oder so ähnlich haben es die Alten gerne gesagt. Und die Alten hatten recht, auch heute, denn auch diese Nacht sollte in Köln nichts Gutes bringen.

Tiefschwarze Nacht lag über der Domstadt. Der Mond hatte sich hinter dunkle Wolken verzogen und leuchtete weder den letzten Nachtschwärmern, die aus den Clubs und Kneipen kamen, noch den Taschendieben, die erfreut ihre Beute zählten und sich in ihre schäbigen Quartiere am Rande der Stadt verzogen und auch nicht den Zeitungsboten, die jetzt zu dieser frühen Zeit ihre Zeitungen einwarfen.

Anne Mundorf schaute auf ihre Uhr. Das Zifferblatt zeigte kurz vor fünf Uhr. Die richtige Zeit für das, was sie vorhatte. Wenn nicht jetzt, wann dann?

Zwei Tage waren seit der schlimmen Auseinandersetzung mit ihren Eltern vergangen, und heute war Zeit, die Rechnung zu präsentieren.

Vor allem dem Vater, der sie so unwürdig behandelt hatte.

Sie trug ihre islamische Kleidung und hatte die wenigen Sachen, die sie brauchte, in einer kleinen Reisetasche untergebracht. Ihr letzter Blick galt ihrem kleinen Bruder.

Guido schlief und hatte keine Ahnung von den Schlechtigkeiten dieser Welt. Sie strich ihm sanft über die Stirn und verließ das Zimmer, ohne sich umzusehen. Ihn würde sie vermissen. Ihr Weg führte sie in die Küche, wo sie ein Küchenmesser herausholte. Dann schlich sie sich in das elterliche Schlafzimmer, wo der Vater allein lag und schnarchte.

Zeit für die Abrechnung!

Die Mutter hatte schon, wie immer, das Haus vor einer Stunde verlassen, um sich einer Putzkolonne anzuschließen. Ihr Fuß stieß gegen eine Bierflasche, die vor dem Bett lag, und sie schlug erschrocken die Hand vor den Mund, aber der Vater war wie üblich viel zu besoffen, um solche kleinen Lärmquellen zu bemerken.

Jetzt stand Anne vor ihrem Vater und hob die Hand mit dem Messer über die Brust, die sich deutlich hob und sank. Ein kraftvoller Stich, und das elende Leben eines Ungläubigen und Kinderschänders hätte sein verdientes Ende gefunden. Der Grund für dieses Vorhaben lag jedoch nicht in der unwürdigen Behandlung, die Anne seit ihrem Übertritt zum Islam durch den Vater erdulden musste. Nein, dieses Schwein hatte sie seit Jahren missbraucht!

Immer wenn die Mutter das Haus verlassen hatte, schlich sich der Vater zur Tochter, hob ihr Nachthemd und streichelte ihren Bauch, bis er zu der behaarten Zone kam, die ihr ein entsetztes Stöhnen und ihm ein geiles Grunzen abrang. Er hatte keine Hose an und zwang sie lautlos, sein erigiertes Glied zu streicheln, dann drang er in sie ein und weder ihr Weinen noch die Drohung, der Mutter etwas zu sagen, konnte ihn von seinem widerwärtigen Tun abhalten.

„Mama wird dir nicht glauben, mein Kind“, zischte er ihr ins Ohr, „im Übrigen ist es völlig normal, was ich tue. Ich muss doch sehen, ob du immer noch mein kleines Mädchen bist oder ob du unartig warst und mit den Jungs herumgemacht hast.“

Und wenn sein vor Bier stinkender Atem sie streifte, hätte sie kotzen können, was sie regelmäßig nachher auch tat. Die Mutter merkte nichts, oder tat sie nur so, weil sie auch Angst vor dem gewalttätigen Ehemann hatte?

Mit Samira hatte sie darüber gesprochen, und die hatte ihr geraten, das ungläubige Schwein abzustechen.

„Er hat Allah geschändet, sein Name ist groß, und er muss sterben. Aber du musst es so machen, dass unser Plan nicht gefährdet wird.“

„Aber wie soll ich das machen? Die Polizei wird es herausfinden und dann …“

„Hmm, besser, du wartest damit. Unser Plan ist wichtiger, danach ist immer noch Zeit. Aber tu, was dir dein Gewissen sagt, denn dein Gewissen ist der Spiegel deiner Seele.“

Im Gegensatz zu früheren Ratschlägen hatte Anne das nicht geholfen und sie war völlig ratlos.

Seit zwei Jahren ging das schon, kurz nach der Konfirmation hatte es angefangen, als habe der Vater diesen heiligen Akt noch abwarten wollen, bevor er sich als Schänder des eigenen Kindes entpuppte. Was war aus dem liebevollen Vater geworden, der seine Prinzessin vor allen Drachen beschützen wollte, wie er es der Vierjährigen einst versprochen hatte, der ihr liebevoll Geschichten von Hexen und Zauberern vorgelesen hatte und sie mit einem zärtlichen Kuss in die Nacht verabschiedet hatte. Sie schüttelte sich und Tränen traten in ihre Augen.

Jetzt stand sie vor ihrem Erzeuger, den sie Vater nicht mehr nennen konnte, denn Väter benahmen sich nicht so! Dieser stinkende Drecksack, der vor ihr lag, hatte nichts mehr mit dem Vater alter Tage zu tun.

Sie zielte mit ihrem Messer auf seinen breiten Brustkorb. Ein Stich, vielleicht zwei – und das Schwein hätte seine verdiente Belohnung bekommen. Aber sie zögerte.

Sie würde Guido den Vater nehmen und außerdem würde man sie als Mörderin jagen und man würde sie finden. Polizei, Gericht, Urteil, Knast!

Und dann könnte sie nicht das vollenden, was sie mit Samira abgesprochen hatte und was viel wichtiger war.

Sie schüttelte den Kopf, legte das Messer auf den Nachttisch und ging wieder in die Küche. Hastig nahm sie sich den Notizblock, der eigentlich für das Notieren von Einkäufen vorgesehen war und warf ein paar flüchtige Zeilen darauf. Dann verließ sie die Wohnung in der sicheren Gewissheit, hierhin nie mehr zurückzukehren.

10. Kapitel
Köln/Pantaleonsviertel

Es ist nichts schrecklicher als eine tätige Unwissenheit. (Goethe)

Einen Tag nach jenem abgebrochenen Mordversuch saßen wir auf der Terrasse meines gemütlichen Pfarrhauses von St. Pantaleon bei einem Glas Weißwein zusammen und diskutierten die Situation. Wir, das waren ich, Monsignore Dr. Peter Diefenstein, meines Zeichens Pfarrer von St. Pantaleon und mein Freund Markus Bassler, Pastor der in unmittelbarer Nähe liegenden Johanniskirche. Er war von gleichem Alter wie ich, wirkte aber jünger, wie ich neidlos zugeben musste. Die noch in reichem Maße vorhandenen blonden Haare und die kräftigere Figur ließen ihn jünger und dynamischer erscheinen.

Neben ihm saß seine Frau Doris, die inzwischen viel von ihrer einstigen Strahlkraft eingebüßt hatte. Gesicht und Körper ausgezehrt, die Hände fahrig, die Frau wirkte krank, versuchte aber, sich unbeschwert zu geben.

Die Basslers hatten ausführlich Bericht erstattet und ich hatte konzentriert zugehört. Zu der Frage, wie man Anne Mundorf helfen konnte, gab es verschiedene Antworten, und keine konnte richtig überzeugen. Unsicherheit beherrschte den Raum.

„Man sollte das Jugendamt einschalten“, meinte ich, „die Eltern sind offenbar überfordert und der Vater scheint ein besonders schlimmer Finger zu sein.“

„Ja, ist er, ein wahres Ekel“, meinte Bassler, „aber das Jugendamt? Bis sich das um die Sache kümmert, ist das Mädchen schon in Syrien und hat sich der IS angeschlossen.“

Er hatte offenbar keine gute Meinung von der städtischen Behörde, und diese Meinung basierte auf unguten Erfahrungen, die er mit der Behörde gemacht hatte.

„Aber ohne die Einwilligung der Eltern können wir nichts tun“, meinte Doris Bassler lakonisch und nippte an ihrem Glas. Sie versuchte, die Schmerzen in ihrem Leib, die ihr wieder seit Tagen zu schaffen machten, so gut wie möglich zu ignorieren. „Und wenn wir die Polizei einschalten“, meinte ich lahm, „ich kenne da jemanden, der uns vielleicht helfen könnte.“

In das Schweigen hinein, das nun herrschte, klingelte Basslers Handy. Bassler blickte entschuldigend um sich, dann drückte er die Taste.

„Ja, Bassler.“

Während er konzentriert zuhörte, verdüsterte sich seine Miene zusehends.

„Wir sind im Pfarrhaus von St. Pantaleon. Kennen Sie das? Gut, können Sie zu uns kommen, wir diskutieren ihr Problem gerade. Und bringen Sie den Zettel mit. Bis gleich.“

Er legte auf. Doris Bassler und ich blickten ihn fragend an.

„Das war Frau Mundorf“, sagte er und leerte sein Glas mit einem Zug.

„Und?“, kam es wie aus einem Munde.

„Anne ist weg. Abgehauen. Sie hat einen Zettel da gelassen. Ich hab der Mutter geraten, hierhin zu kommen. War doch in Ordnung, Peter, oder?“

Ich nickte und machte eine ausholende Handbewegung.

„Selbstverständlich. Wir müssen ihr helfen. Ihr Mann wird ihr keine große Hilfe sein.“

Ich schenkte Wein nach und wir hingen unseren Gedanken nach, bis es schon nach wenigen Minuten klingelte. Von der Merowingerstraße bis hierhin dauerte es höchstens fünfzehn Minuten, und länger hatte die Besucherin auch nicht gebraucht. Sie musste gelaufen sein.

Meine Haushälterin hatte sich schon in ihr kleines Zimmer zurückgezogen, also ging ich herunter um die Tür zu öffnen, und kam mit Frau Mundorf zurück, einer Frau, die Basslers kaum wiedererkannten.

Verhärmt hatte sie schon lange vorher ausgesehen, aber jetzt standen Furcht und Entsetzen in ihrem Gesicht. Das dünne graue Haar trug sie dieses Mal nicht als Zopf, sondern es hing strähnig am Kopf herunter und rahmte ein Gesicht ein, das von Kummer und Not entstellt war.

Schwer atmend ließ sie sich in den Sessel sinken, den ich ihr angeboten hatte, griff in ihre Louis-Vitton-Tasche und kramte einen Zettel hervor.

Sie wedelte mit dem Zettel herum und ihre Augen füllten sich mit Tränen.

„Sie ist weg“, keuchte sie, „heute, irgendwann in der Nacht ist sie abgehauen. Ich war auf Arbeit und Eduard, mein Mann, hat nichts gemerkt. Er hat geschlafen, wie immer. Wenn er nicht schläft, trinkt er oder er guckt irgendeinen Schwachsinn im Fernseher.“

Sie begann zu weinen und holte sich umständlich ein Taschentuch aus ihrer Tasche.

„Das hier, das hat sie dagelassen. Das ist alles nach sechzehn Jahren, was sie uns da gelassen hat.“

Sie reichte den Zettel herüber.

Liebe Mutter Ich bin jetzt weg. Ich werde jetzt das tun, was Allah, sein Name sei gepriesen, mir aufgetragen hat. Suche mich nicht, ihr werdet mich nicht finden. Ich werde eine Kriegerin Gottes sein und ihr könnt stolz auf mich sein.

Übrigens heiße ich jetzt Aabidah, das heißt Dienerin Allahs. Gib Guido einen Kuss, ihn werde ich vermissen, und dich auch, aber nicht deinen Mann, den ich nicht mehr Vater nennen werde.

Aabidah

Über Minuten herrschte Schweigen. Das musste erst verdaut werden.

Ich hatte der Frau inzwischen ein Glas Wein geholt, das sie hastig herunterschluckte.

Dann begann Bassler mit leiser Stimme. „Wir müssen die Polizei informieren!“

„Die Polizei? Wieso das denn?“

Die Stimme von Frau Mundorf klang leicht hysterisch.

„Ich habe von Fällen wie diesem schon mehrfach gehört“, meinte ich, „es besteht die Gefahr, dass sich Anne äh … radikalisiert hat und sich entweder im Ausland einer terroristischen Organisation anschließt oder hier im Inland Anschläge begeht. Das muss verhindert werden!“

„Und was meint Anne, wenn sie von dem Mann spricht, den sie nicht mehr Vater nennen will?“, warf Doris Bassler ein.

Elke Mundorf schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht, aber vielleicht“, sie stockte und rang nach Luft, „vielleicht hat Eduard sich nicht immer so benommen, wie man es von einem Vater erwarten müsste.“

„Sie meinen, er hat sie … missbraucht?“

Basslers Miene verzog sich vor Ekel.

„Ich weiß es nicht“, hauchte Elke Mundorf tonlos, „aber ich würde es nicht ausschließen.

Er hat sich so verändert, vor allem seit er arbeitslos ist. Jahrelang hat er beim Schutz- und Wachdienst gearbeitet. Er hatte einen Wagen, fuhr nachts herum und sicherte Objekte und so.

In seiner Uniform hat er richtig gut ausgehen, so … stattlich. Einmal ist er von einem Einbrecher niedergestochen worden, aber das hat er gut verkraftet. Er hat den Typ trotz der Verletzung verprügelt und der Polizei übergeben. Ein tapferer Mann! Ein guter Mann!

Aber dann hat er angefangen zu trinken, Gott weiß, warum. Er wurde unpünktlich und kam besoffen zur Arbeit. Und dann, dann haben sie ihn entlassen. Von heute auf morgen. Und ab da hat er sich verändert. Ich erkenne ihn gar nicht wieder. Das ist nicht der Mann, den ich einmal geheiratet habe!“

Sie seufzte tief auf und schielte nach dem leeren Weinglas. Während ich das Glas sofort wieder füllte, sagte ich: „Es gibt bei der Stadt Köln eine Beratungsstelle für moslemische Frauen und Mädchen, die Gefahr laufen radikalisiert zu werden. Ich habe mit dieser Stelle schon einmal zusammengearbeitet und könnte den Kontakt herstellen.“

Mein Vorschlag wurde angenommen und während die Runde auseinander ging, nahm sich Doris Bassler vor, endlich einen Arzt aufzusuchen, denn die Schmerzen in ihrem Leib nahmen unerträgliche Formen an.

11. Kapitel
Köln-Sülz

Man jagt den Fuchs nicht in seinem Bau. Dieses alte Sprichwort aus dem Talmud hat sich auch die CIA zu Eigen gemacht.

Jedenfalls verfügt die Agency in vielen Städten der Welt über ein Sicheres Haus, Häuser, die entsprechend ausgerüstet und überwacht werden und den Agenten im Bedarfsfall eine geschützte Rückzugsmöglichkeit bieten. Die Feldagenten sprechen auch gerne von ihrem Fuchsbau. Der Unterhalt für diese Häuser bedeutet einen gewissen logistischen Aufwand und ist mit erheblichen Kosten verbunden, besonders wenn man bedenkt, dass es ein solches Netz von Häusern auf der ganzen Welt geben muss.

Seit der Senat die Mittel für die Agency ohne Erbarmen gekürzt hatte, waren viele dieser Häuser aufgegeben worden. Und deshalb gab es in Köln ein solches Haus nicht.

Stattdessen hatte die Agency im Kölner Stadtteil Sülz ein kleines Apartment angemietet, das dieser Funktion immerhin nahe kam, aber nicht über die logistischen Faktoren wie zum Beispiel eine ständige Besetzung verfügte, die eigentlich nötig wären um absoluten Schutz zu garantieren.

Immerhin stand es allen Agenten, die im Rheinland tätig waren, in Notfällen wie diesem als Rückzugsort zur Verfügung. Und der Stadtteil Sülz hat immerhin den Vorteil, dass er in der Nähe der Universität liegt und viele Studenten dort leben. Das bringt eine große Fluktuation mit sich, was dazu führt, dass der eine den anderen kaum kennt, weil der ja nach einigen Semestern wieder ausgezogen ist.

Das Apartment lag in einem Haus, das über zwanzig Wohneinheiten verfügte, alle mit zwei, höchstens drei Zimmern. Die Mieter waren früher vielfach Damen des horizontalen Gewerbes, inzwischen hatte sich das Klientel zunehmend in eine akademische Richtung verändert, es waren überwiegend Studenten, die hier in der Nähe der Universität eine durchaus nicht preiswerte Bleibe gefunden hatten.

Die Wohnung selbst war mit schlichten Möbeln aus schwedischer Produktion eingerichtet, verfügte über zwei kleine Schlafräume, eine winzige Küche und einen Wohnraum, der in einem gesicherten Schrank ein ausreichendes Waffenarsenal beinhaltete.

Das Namenschild lautete auf Schmitz, ein Name, den in Köln nahezu jeder Dritte zu tragen scheint und insofern an Unverfänglichkeit kaum zu überbieten ist.

Vor diesem Haus in der Paul-Schallück-Straße hielt am späten Abend ein Taxi.

Eine junge Dame stieg aus, bezahlte den Fahrer und belohnte ihn für seine radikale Fahrweise mit einem strahlenden Lächeln. Sie klingelte bei Schmitz und wartete, bis eine vertraute Stimme sich meldete.

„Ja?“

„Ich komme von den Zeugen Jehovas!“

„Haben Sie den Wachturm dabei?“

„Neueste Ausgabe!“

„Okay!“

Der vereinbarte Erkennungscode, der besagte, dass beide Parteien ohne Druck handelten und kein gewaltsames Eindringen Dritter zu befürchten war.

Wills erkannte die Stimme sofort. Ein Schmunzeln machte sich auf seinen Lippen breit.

Thyburn ignorierte den Aufzug und stieg die wenigen Treppen in den ersten Stock hinauf. Dieses Stockwerk ist wichtig, weil es neben den üblichen Wegen einen weiteren Fluchtweg durch den Garten ermöglicht, falls, na ja, falls das Haus doch nicht so sicher ist. Der Garten selbst verdiente diesen Namen eigentlich nicht.

Ungepflegt und ohne Blumenschmuck, zwei in die Jahre gekommene Liegestühle standen auf dem mit Unkraut durchsetzten Boden, der sonst kaum Grün aufwies. In der einen Ecke verdorrte eine Hortensie, in der anderen befand sich ein verrosteter Container, der mit Gartenabfällen gefüllt war und den Eindruck erweckte, dort schon seit Baubeginn zu stehen.

Ein lachender Peter Wills empfing den Ankömmling.

„Mirinda! Ich freue mich ehrlich, dich zu sehen.“

Der Agent strahlte und nahm seine Kollegin herzlich in die Arme. Die beiden Agenten hatten vor einem halben Jahr in München erfolgreich zusammengearbeitet und im Auftrag der Firma einem Altnazi ein wichtiges Dokument abgenommen. Mirinda Thyburn war auch damals ihrem Kollegen zur Hilfe geschickt worden, weil die ursprüngliche Kollegin, Cathy Meywether von einem Mossad-Agenten getötet worden war. Nach erfolgreicher Mission hatten sie eine kurze, aber stürmische Liebesaffäre und sich danach aus den Augen verloren. Die Agency hatte sie in ganz verschiedene Teile der Welt geschickt und nun sahen sich seit einem halben Jahr zum ersten Mal wieder.

Wills führte sie in das behagliche kleine Wohnzimmer und sie setzten sich auf die beiden Sessel gegenüber dem Fenster.

„Gut siehst du aus, Kollegin!“

Er hielt ihre Hand und betrachtete sie von oben bis unten.

„Du hast deinen Charme auch nicht verloren, Peter“, entgegnete Thyburn.

„Denkst du manchmal noch an München?“

„Woran? An den alten Hackler, den wir hochgenommen haben?“

„Ja, an das und das, was nachher passiert ist? Ich fürchte, wir haben uns da äh …wenig professionell verhalten. Gut, dass Langley davon nichts mitbekommen hat.“

„Ich bereue das nicht Peter. Es war … schön.“

„Ja, Mirinda, war es. Wir standen nach der gefährlichen Sache in München unter Adrenalin und haben ein Ventil gesucht. Sex ist eines der Ventile in solchen Situationen.“

Thyburn sah ihn überrascht an.

„So hast du das damals gesehen. Ich war dein … Ventil?“

Wills lachte laut auf und schüttelte den Kopf.

„Sei nicht albern. Ich wollte es genau wie du und ich habe es nie bereut. An diesem Abend hatte ich plötzlich Gefühle für dich entwickelt, die mir vorher fremd waren. Ernste Gefühle, nicht oberflächlich. Es ging mir nicht um … Sex!“

„Nicht?“

„Nein, und wer weiß …?“

Er vollendete den Satz nicht und schlug sich gegen die Stirn. „Sorry, was bin ich für ein lausiger Gastgeber. Du hast bestimmt Durst? Wasser oder was Stärkeres? Und was zu essen?“

„Gegessen habe ich was im Flieger, aber Wasser wäre prima.“ Er stand auf, holte eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank und zwei Gläser aus dem Schrank. Er goss die Gläser ein und holte seine Zigaretten raus.

„Du rauchst? Seit wann rauchst du denn?“

Thyburns Miene drückte mittleres Entsetzen aus.

„Seit unserem Einsatz in München. Nur ein paar am Tag. Stört es dich?“

Mirinda Thyburn schüttelte den Kopf, obwohl sie Rauchen hasste.

„Geht schon!“

„Prima! Aber jetzt sollten wir uns unserer neuen Aufgabe widmen.“

„Okay, was liegt an?“

Wills blies den Rauch in kleinen Wolken zur Decke und brachte sie in kurzen Worten auf den neuesten Stand.

Thyburn brachte ein verlegenes Hüsteln zustande und wedelte den Rauch mit grimmiger Miene von ihrem Gesicht weg.

„Und auf dich wurde geschossen? Hast du eine Ahnung von wem?“

Aus Thyburns Stimme klang echte Sorge.

Wills fasste sich an den Kopf. „Donnerwetter, das weißt du auch schon.“

„Klar, glaubst du, ich komme unvorbereitet?“

Er schüttelte den Kopf. „Beiger Anzug, Sommerhut. Das ist alles.“

Er drückte seinen Glimmstängel aus.

Es war dunkel geworden. Wills stand auf und knipste eine kleine Stehlampe an.

Thyburn bemühte sich, ein Gähnen zu unterdrücken.

„Du bist müde! Gott, was bin ich für ein Gastgeber. Du wirst müde sein und bestimmt hast du Hunger.“

„Nein!“

Thyburns Stimme klang entschieden.

„Ich habe im Flugzeug genug geschlafen und gegessen. Alles gut! Wie geht es weiter?

Ich denke, die Agency erwartet von uns, dass wir diesen Typ mit dem Sommerhut finden, oder? Kann es sein, dass er auch für die beiden anderen getöteten Agenten in Warschau und Köln verantwortlich ist?“

Wills nickte. „Ja, in Langley wird das vermutet.“

„Aber wer könnte das sein? Offenbar hat es ja nichts mit eurem Auftrag hier zu tun.“

„Nein, wohl kaum. Dazu kommt: Wer immer das ist, er muss Informationen haben, die eigentlich nur ein Insider hat, und zwar Insider ganz oben.“

„Du meinst einen Maulwurf in der Agency? In der … Chefetage?“

„Überleg mal! Wer kann wissen, dass Peterson in Berlin aktiv war, Rush und ich hier eingesetzt sind und die Agentin Dudek in Warschau Urlaub machte? Wer hat solche Informationen? Ich nicht und du auch nicht.“

Sie machte eine kurze Pause

„Kanntest du Peterson oder Dudek übrigens?“

„Nein, nur dem Namen nach. Aber du hast Recht. Das kann nur jemand wissen, der über unsere Einsatzlisten verfügt.“

„Und den werden wir finden, Ich hab auch schon eine Idee.“ Er griff nach seinem Handy und gab eine bestimmte Tastenfolge ein.

12. Kapitel
Langley/Virgina CIA-Zentrale

Spionieren ist eine schöne Sache, man verschafft sich die Genüsse des Diebes und bleibt dabei ein ehrlicher Mann. (Nestroy)

„Guten Tag. Central Intelligence Agency, Langley. Zentrale. Was kann ich für Sie tun?”

Eine weibliche, etwas rauchig klingende Stimme meldete sich aus der fernen Heimat.

Zu viele Zigaretten und zu viel Whiskey, wahrscheinlich blond wie Marilyn mit leicht verlebten Zügen und einem grell rot geschminkten Mund lautete Wills Schnelldiagnose.

Er musste ein guter Menschenkenner sein, denn wenn er sie gesehen hätte, hätte er seine Diagnose voll und ganz bestätigt gefunden.

„Feldagent Peter Wills.“

„Ihren Code bitte!“

Keine Verbindung ohne den persönlichen Code, mit dem ein Feldagent seine Authentizität nachwies.

„Code 27476-G.“

Kurze Stille, der Code wurde in der Liste der Feldagentengesucht.

„Ihr Anliegen, Agent Wills.“

„Ich möchte SAD-Direktor Sanders sprechen.“

„Einen Augenblick, Agent Wills.“

Es knackte in der Leitung und wenig später füllte die sonore Stimme von Horacio Sanders den Hörer.

„Agent Wills, Sie leben also noch?“

„Ja, Sir, wieso äh …“

„Ich habe natürlich von dem Mordversuch an Ihnen gehört.“

„Aber das habe ich erst gestern Abend Agent Bernardini gemeldet.“

„Und zehn Minuten später wusste ich es. Er hat mich zu Hause angerufen und beim Barbecue gestört“, das Schmunzeln war durch den Hörer zu ahnen.

„Sie sollten wissen, Agent, dass in meiner Abteilung nichts passiert, was ich nicht zehn Minuten später weiß. Ob der Hausmeister furzt, die Sekretärin neue Brüste oder die Telefonistin ihre Tage hat, ich weiß es.“

Wills grinste. Der Alte hatte prinzipiell Recht. So war er. Aber in diesem Fall schien er doch nicht alles zu wissen, und das war gut so!

„Und, ist Ihre Verstärkung schon eingetroffen?“

„Jawohl, Sir, Agentin Thyburn sitzt neben mir.“

„Gut, gut! Wenn nötig, werde ich Ihnen noch jemanden schicken. Was kann ich für Sie tun?“

„Sir, ich brauche eine Liste aller Personen in der Agency, die Zugang zu unseren Einsatzplänen haben.“

„Zugang zu den Einsatzplänen?“

Sanders räusperte sich. „Agent Wills, Sie wissen, dass Sie dazu keine Zugangsberechtigung haben, das liegt weit über Ihrer Gehaltsklasse. Wozu beim Allmächtigen brauchen Sie die denn?“

Wills schilderte in kurzen Worten seine Vermutung und wartete die Reaktion ab.

In Langley herrschte zunächst Schweigen.

„Ein Maulwurf? Ehrlich gesagt, der DCI hat so etwas angedeutet“, sagte Direktor Sanders, „aber es ist eine beschissene Vorstellung zu glauben, dass hoch oben in unseren Reihen jemand ist, der mit dem Killer zusammenarbeitet und unsere Leute zum Abschuss freigibt.

Und was für ein Motiv sollte der Mann haben? Geld, Rache, Ideologie?“

„Mann? Es könnte auch eine Frau sein, oder?“

„Natürlich, Agent Wills, natürlich.“

„Und das Motiv? Ich weiß es nicht, Sir, aber ich habe in meinen Jahren bei der Agency gelernt, dass es die abenteuerlichsten Motive für Schurkereien dieser Art gibt und dies scheint mir im Augenblick der einzige Weg zu sein das herauszufinden.“

„Gut, Mann, ich will eine Ausnahme machen und hoffe, dass es nicht meinen Kopf kostet.

Sie sollen Ihre Liste kriegen, auf dem üblichen Weg über unser Konsulat in Düsseldorf. Sie dürfen sie einsehen, aber das Konsulat verlässt sie nicht. Ich vertraue auf Ihre absolute Diskretion und Ihr Gedächtnis. Wenn die Liste in die falschen Hände gelangen würde, nicht auszudenken“, dröhnte Sanders.

„Und wie gesagt, ich werde Ihnen weitere Hilfe schicken.“

„An wen haben Sie gedacht?

„Weiß ich noch nicht!“

„Okay, danke.“

Wills dachte an die Liste, die bald vor ihm liegen würde.

Nur anschauen, nicht anfassen!

Wills versprach es und das Gespräch, das wie üblich auf einer abhörsicheren Leitung geführt worden war, war beendet.

13. Kapitel
Köln-Sülz

Verrat ist immer eine Frage der Definition (Talleyrand)

Wills blickte Thyburn triumphierend an.

„Wir kriegen die Liste.“

„Sanders?“

„Ja!“

„Kriegen sie?“

„Na ja, zumindest darf ich einen Blick drauf werfen. Und wahrscheinlich kriegen wir noch jemanden zur Unterstützung.“

„Aha! Kann nicht schaden.“

„Ich werde mir alle Namen in mein phänomenales Gedächtnis einprägen.“

„Und dann?“

„Dann werden wir Namen für Namen durchgehen und hinter jedem Namen ein Motiv notieren, wenn uns eins einfällt. Wir sortieren die aus, die wir ausschließen können und irgendwann werden wir bei einem hängen bleiben. Und den schnappen wir uns und Gott sei ihm gnädig!“

„Wenn ein Maulwurf in der Firma diese Liste hat, dann weiß er auch, dass ich jetzt hier bin, oder?“

„Natürlich, aber worauf willst du hinaus.“

„Ich werde der Lockvogel sein.“

„Lockvogel?“

„Dich hat der Killer schon versucht umzubringen, ohne Erfolg. Dann wird er es jetzt bei mir versuchen. Aber …“

„Pscht!“

Wills legte seine Finger plötzlich auf den Mund. Er deutete zum Fenster.

„Jemand im Garten! Leg dich auf den Boden, vom Garten aus kann man dich nicht sehen“, flüsterte er. Thyburn glitt augenblicklich auf den Boden.

Er stand auf, ging in die Hocke und schlich sich zum Fenster. Draußen war es fast stockdunkel, ein blasser Mond erhellte den Garten schemenhaft.

Eine Gestalt war mehr zu ahnen als zu sehen, ganz in schwarz, den Kopf mit einer Sturmhaube verhüllt. Sie stand auf dem Container und hielt etwas Längliches, Glänzendes in der Hand.

Und dann ging alles ganz schnell.

„Deckung“, schrie Wills und warf sich hin.

Thyburn nahm Deckung hinter dem Sessel und griff nach ihrem Pistolenhalfter. Keinen Moment zu früh! Sekunden später peitschte eine Serie von Schüssen durch die Luft und durchschlug das Fenster. Die Projektile gruben sich in Wand und Möbel oder prallten ab. Ihre Querschläger sausten unheilvoll durch die Luft.

„Kalaschnikow!“, schrie Wills.

Er robbte über den Boden und griff nach seiner SIG Sauer Scorpion. Obwohl der Kugelhagel andauerte, hob er die Hand über den Fensterrand und gab in schneller Folge vier Schüsse ins Dunkle ab. Ein Schmerzensschrei verriet, dass zumindest eine der Kugeln ihr Ziel gefunden hatte. Der Kugelhagel endete abrupt. Ein Geräusch, als sei jemand von dem Container gesprungen, dann wurden auch schon Fenster geöffnet und Schreie tönten durch die Nacht.

„Was war das?“

„Welches Arschloch ballert hier rum? Silvester ist doch vorbei!“

„Idiot, das waren Schüsse!“

„Ruft die Polizei!“

„Bist du verletzt?“ Wills robbte hinter den Sessel, wo Thyburn kauerte. Sie war blass und zitterte leicht.

„Nein, alles gut!“ Sie deutete auf den Sessel, der zahlreiche Kugeln abgefangen hatte.

„Aber du blutest!“, aus Wills Stimme klang echte Besorgnis.

„Querschläger, nichts Besonderes“, murmelte die Agentin und wickelte sich ein Tuch um den Arm.

„Wir müssen abhauen. Sofort! In fünf Minuten sind die Cops da und ich möchte ihnen nicht erklären müssen, warum wir offensichtlich das Ziel des Anschlags waren.“

Thyburn hatte ihre Tasche noch gar nicht ausgepackt, Wills aktivierte sein GPS, raffte in aller Eile die wichtigsten Sachen zusammen und Minuten später hasteten sie die Treppe hinab und drängten sich durch die Mitbewohner, die im Treppenhaus standen und das Geschehen aufgeregt diskutierten. Zwischen Hysterie und Neugier waren hier alle Reaktionen zu finden.

In dem Durcheinander fiel es gar nicht auf, dass es zwei Mitbewohner besonders eilig zu haben schienen, den Tatort zu verlassen.

Und keine Sekunde zu früh!

Die Polizeiwache Rhöndorfer Straße war vom Ort des Geschehens nur fünf Minuten entfernt, und länger dauerte es auch nicht, bis zwei Streifenwagen mit Blaulicht und durchdringender Sirene vor dem Haus hielten. Da standen die beiden Agenten schon auf der anderen Straßenseite und beobachteten aus sicherer Entfernung das Geschehen.

Fünf Beamte, darunter zwei Frauen mit langen blonden Zöpfen sprangen heraus und trafen auf eine Schar aufgeregter Hausbewohner, die ihnen in wildem Durcheinander einen verworrenen Ablauf schilderten. Und während zwei Beamten sich anschickten, den Garten mit Taschenlampen zu durchsuchen, begannen die anderen, die verworrenen Zeugenaussagen aufzunehmen.

„Wir haben genug gesehen“, sagte Wills lakonisch, „wir hauen ab!“

„Das war knapp“, flüsterte Thyburn. „Gut, dass deine Ohren in Ordnung sind.“

„Nicht nur meine Ohren“, grinste er etwas anzüglich.

„Aber das beweist meine Theorie. Der Unbekannte kennt nicht nur unseren Aufenthaltsort, sondern er weiß auch, dass du hier bist. Er wollte zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, aber der Bursche wird langsam unvorsichtig. Das war jetzt schon der zweite Anschlag, der ihm misslungen ist. Und ich schwöre, den dritten wird er nicht überleben!“

Aber darin sollte sich der gute Agent irren!

14. Kapitel
Köln/Innenstadt

Seit jenem Tag, an dem der erste Schuft seinen ersten Dummkopf fand, gibt es Quacksalber. (Voltaire)

Dr. Klaus Marquardt galt in Köln als einer der Experten im Bereich der Inneren Medizin.

Seine Praxis auf dem Hohenstaufenring war klein, aber exquisit und nur Privatpatienten zugänglich. Marquardt war überdurchschnittlich groß und sehr schlank, fast schon hager. Sein volles Haar war weiß und lockig, seine randlose Brille betonte ein asketisches, aber freundliches Gesicht. Ein gepflegter Oberlippenbart verlieh ihm einen Hauch von Jugend und das kräftige, weiße Gebiss zeugte von besonderer Pflege. Ein Mann, der Kompetenz und Vertrauen ausstrahlte und dazu ausgesprochen gut aussah.

Daran änderten auch die mehr als sechzig Jahre nichts, die er schon hinter sich gebracht hatte.

Sein gestärkter blütenweißer Kittel verstärkte nachhaltig den Eindruck von Würde und Kompetenz. Er würde nie, wie manche andere Kollegen, ohne Ärztekittel auftreten. In Jeans und Buschhemd vielleicht? Gruselige Vorstellung!

„Ein Polizist trägt auch seine Uniform“, pflegte er zu sagen, wenn er darauf angesprochen wurde.

Doris Bassler hatte sich wieder angezogen und wartete auf das Ergebnis. Sie war nervös und nestelte mit fahrigen Händen an ihrer Tasche. Ihr Mann wusste nichts von dem Arztbesuch. Vielleicht war die Diagnose doch nicht so schlimm, und sie wollte ihm eine sinnlose Beunruhigung ersparen.

Das Ergebnis des Blutbildes lag jetzt ebenso vor wie der Befund des Ultraschalls und der Computertomographie. In den letzten Tagen war ein MRT veranlasst worden, sogar eine endoskopische Darstellung von Pankreasgang und Gallenwegen durch eine Röntgenaufnahme unter Kontrast. Nichts war ausgelassen worden, was gut, teuer und hilfreich war. Die Krankenkasse würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.

Der Arzt musterte seine Patientin nachdenklich. Er legte seine Hände zu einer Pyramide zusammen, wie er es immer unwillkürlich zu tun pflegte, wenn er schlechte Nachrichten zu überbringen hatte. Vielleicht sollte die Pyramide ein Schutzdach für den Patienten darstellen.

„Frau Bassler, es hat wenig Zweck, um die Sache herumzureden. Sie haben eine sehr gefährliche Krankheit, und sie ist in einem ziemlich fortgeschrittenen Zustand.“

Doris Bassler guckte ihn fragend an. Erste Tränen sammelten sich in ihren Augen.

„Vielleicht sollten wir zuerst Ihren Mann dazuholen.“

Bassler schüttelte den Kopf. „Weiter“, hauchte sie tonlos.

„Ein Pankreaskarzinom oder um es für Sie verständlicher zu machen Bauchspeicheldrüsenkrebs!“

Bassler schlug die Hände vor den Mund. Ein Todesurteil! Von diesem Krebs hatte sie schon gehört und er zählte zu den schlimmsten. Ihre Mutter war daran gestorben. Damals hatten zwischen Diagnose und Tod fünf Monate gelegen!

Dr. Marquardt stand auf und goss ihr ein Glas Wasser ein.

Wieso glauben eigentlich alle Menschen, selbst Ärzte, dass in einer solchen Situation ein Glas Wasser helfen konnte, dachte Bassler und stieß das Glas unwirsch zur Seite.

Wasser schwappte über und versah den dunklen Schreibtisch mit einem Kranz.

Vorsichtig legte der Arzt seine Hand auf die zitternde Schulter seiner Patientin.

„Eigentlich gehören Sie nicht zu der Gruppe von Menschen, die eine Disposition für diese Erkrankung haben.“

„Was wäre denn typisch als Disposition“, sagte Bassler leise. „Riskante Lebensgewohnheiten wie Rauchen, übermäßiger Alkoholkonsum, Übergewicht und fett- und fleischreiche Ernährung, alles Dinge, die ich bei Ihnen ausschließe.“

Er machte eine kurze Pause und sah seine Patientin nachdenklich an.

„Hat es in Ihrer Familie diese Krankheit schon gegeben?“

„Meine Mutter ist daran gestorben“, kam es kaum hörbar.

Dr. Marquardt nickte einfühlsam.

„Die genetische Disposition ist in der Tat eine erhebliche Komponente. Das Problem dieser Krankheit ist, dass es weder geeignete Früherkennungsmaßnahmen gibt noch rechtzeitige Warnzeichen. Bei anderen Krankheiten gibt es Vorsorgeuntersuchungen. Bei Brustkrebs, Prostata, Darmkrebs, das kennen Sie. Aber bei Pankreaskarzinom“, er machte wieder eine kurze Pause und spielte mit seinem Kugelschreiber, „wenn man wie Sie schon erhebliche Beschwerden hat, ist es schon etwas … spät.“

Bassler atmete tief ein.

„Sie meinen, zu spät?“

Dr. Marquardt ersparte sich die Antwort, die nur Ja hätte lauten können.

Doris Bassler griff jetzt doch nach dem Wasser und leerte das Glas in einem Zug.

„Welche Behandlung gibt es und wie erfolgreich sind sie?“

„Nun, da gibt es durchaus viel Hoffnung …“

„Die Wahrheit, Herr Doktor! Reden Sie nicht um den heißen Brei herum, sondern sagen Sie mir die Wahrheit. Ich will sie hören und ich kann sie vertragen!“

Ihre Hände verkrampften sich.

Marquardt legte den Kugelschreiber weg und kehrte zu seiner Händepyramide zurück, seine Stimme senkte sich.

„Die erste Option ist eine Operation. Dabei werden das Tumorgewebe und die umgebenden Lymphknoten möglichst weitgehend entfernt. Aber …“, er machte eine kurze Pause und es fiel ihm offensichtlich schwer weiter zusprechen, „das geht bei Ihnen nicht.“

„Warum nicht?“

„Der Tumor ist zu groß, und er hat bereits Metastasen in Leber und Lunge gebildet.“

Bassler nickte. Ihr Mund war trocken geworden und neue Tränen trübten ihre Sicht. Sie fuhr hastig mit einem Taschentuch über ihre Augen. Aber jetzt wollte sie alles wissen.

„Gar keine Hoffnung mehr?“

„Doch, doch“, wiegelte der Arzt ab. „Wir werden eine Chemotherapie durchführen und die kann sehr erfolgreich sein.“

Bei seiner Aussage fühlte er sich äußerst unwohl, denn er wusste genau, dass er nicht die Wahrheit sagte. Bei diesem Stand der Krankheit konnte eine Chemotherapie bestenfalls eine kurzzeitige Lebensverlängerung bringen. Nein, er wusste genau, dass die liebenswerte Patientin, die vor ihm saß, unweigerlich einem baldigen Tod geweiht war.

„Ich würde Ihnen gerne die Einzelheiten und Folgen dieser Therapie erläutern und …“

Bassler winkte ab.

„Nicht jetzt, Herr Doktor, ich werde das in aller Ruhe mit meinem Mann besprechen und dann entscheiden, wie es weitergeht. Vielen Dank!“

Sie verabschiedete sich und verließ die Praxis.

Im Treppenhaus brach sie zusammen.

15. Kapitel
Meschenich bei Köln

„Sie mögen in diesem Augenblick ein triumphierendes Machtgefühl empfinden. Aber sie sollen sich nicht täuschen. Der Terrorismus hat auf die Dauer keine Chance. Denn gegen den Terrorismus steht nicht nur der Wille der staatlichen Organe. Gegen den Terrorismus steht der Wille des ganzen Volkes. Dabei müssen wir alle trotz unseres Zorns einen kühlen Kopf behalten.“ (Helmut Schmidt, 1977)

Im Süden von Köln liegt der Ortsteil Meschenich, ein gutes Stück von der Innenstadt entfernt und dem Städtchen Brühl eigentlich näher als Köln. Das ehemals idyllische Dörfchen hat sich stark verändert – und nicht zu seinem Vorteil.

Grund ist der 1973 erbaute Hochhauskomplex aus neun Hochhäusern, die bis zu 26 Etagen haben und mehr als dreizehnhundert Wohneinheiten aufweisen. Hier leben mehr als viertausend Menschen aus über sechzig Nationen. Was als hochwertiges Immobilienprojekt mit Schwimmbad, Saunabereich, Tennisplatz, Fußballplatz, Tiefgarage und Kindergarten im Rahmen eines Bauherrenmodells konzipiert worden war, endete als multikulturelle Bausünde, als Ghetto, als Musterbeispiel für städtebauliche Fehlplanung mit erheblichem Kriminalitätspotential.

Der zunehmende Zuzug finanzschwacher Migranten führte zu eklatanten sozialökonomischen Unterschieden und dazu, dass die ursprünglich vorgesehene Zielgruppe das Gebiet fluchtartig verließ. Dazu kam, dass in der Nähe Prostituierte und ihre Beschützer in erheblicher Zahl ihrem Gewerbe nachgingen mit all den unerfreulichen Begleiterscheinungen, die das Gewerbe mit sich zu bringen pflegt.

Wer dort lebt, kann nicht anders und lebt nach der Devise: Wenn ich nicht haben kann, was mir gefällt, muss mir eben das gefallen, was ich habe!

In einem dieser Hochhäuser, einem ziemlich verwahrlosten Zimmer des 18. Stocks mit zugegeben interessanter Fernsicht bis auf den Dom saßen Samira Darashi und Anne Mundorf, die sich jetzt Aabidah nannte, zusammen und überlegten das weitere Vorgehen.

Samira war einen Kopf kleiner als ihre Freundin, ihre langen schwarzen Haare verbarg sie unter einem gemusterten Kopftuch. Ihre Gesichtszüge waren kaum hübsch zu nennen, eher herb und bestimmend und ihre kleinen Augen weckten kein Vertrauen. Über der Jeans trug sie einen schwarzen Umhang, der bis zum Knöchel reichte.

Das Zimmer wies außer drei Matratzen, einem Tisch mit vier verschlissenen, mit Brokat bezogenen Sesseln und einem Schrank, dem sämtliche Türen fehlten, keine Möbel auf und hatte den Charme einer verlassenen Turnhalle in Aleppo. Auf dem Tisch standen noch die Reste eines kargen Frühstücks.

„Du hast das richtig gemacht, Aabidah“, sagte Samira bestimmt und legte den Arm um ihre Freundin, „zu Hause hattest du die Hölle, jetzt wartet das Paradies auf dich.“

Aabidah nickte ohne rechte Überzeugung. Sie hätte heulen können. Auf einmal war ihr die Tragweite ihres Tuns bewusst worden. Sie hatte einen völligen Bruch mit der Familie vollzogen, liebe Menschen wie Mutter und Bruder zurückgelassen und war in eine ferne, völlig unsichere Zukunft aufgebrochen. Eine Zukunft, die ihr, wie sie wusste, nicht Liebe und Hoffnung, sondern Tod und Zerstörung bringen konnte. All die markigen Worte, die sie noch im Gespräch mit Pfarrer Bassler im heimischen Wohnzimmer voller Begeisterung von sich gegeben hatte, waren verflogen. Und wenn nicht Samira wäre, würde sie vielleicht …

„Schau mich an!“

Samiras Stimme holte sie aus ihren trübseligen Gedanken abrupt heraus.

„Ich war früher auch so verzagt wie du. Jetzt habe ich den richtigen Weg gefunden, Allah, sein Name sei gepriesen, hat mir geholfen und jetzt fühle ich mich glücklich. Er hat Großes mit uns vor und wir dürfen uns glücklich preisen. Wir werden gemeinsam mit unseren Brüdern und Schwestern in den Kampf ziehen, und wir werden siegen!“

„Ja“, sagte Aabidah lahm, „und wie geht es jetzt weiter?“

Ihre Stimme klang schüchtern und verzagt.

„Wir müssen mit Ahmed sprechen, er wird gleich hier sein.“

Sie goss der Freundin ein weiteres Glas Tee ein und gemeinsam kauten sie an dem trockenen Keks, der auf dem Tisch lag. Minuten lang hingen sie ihren Gedanken nach, die eine voller Zweifel, die andere in fanatischer Vorfreude.

Dann öffnete sich die Tür.

Ein Mann trat ein, um die Dreißig, mit langem, schwarzem Vollbart. Sein gebräuntes Gesicht wies ebenmäßige, sympathische Züge auf, weiße Zähne glänzten zu einem freundlichen Lächeln. Er trug einen arabischen Kaftan, eine Djellaba in dunklem Grau, auf dem Kopf eine Mütze, eine Taguia in gleicher Farbe. Mit erhobenen Händen ging er auf die beiden Mädchen zu, die sofort aufgestanden waren.

Er schlug gegen seine Brust und umarmte sie.

„Samira! Aabidah! Salem aleikum! Mein Herz freut sich, euch zu sehen.

Besonders dich, Aabidah, weil ich weiß, dass du nun dem Ruf Gottes gefolgt bist und aus einer Kāfirah eine wahre Tochter Allahs geworden ist. Wir wollen uns verbeugen und Allah danken.“

Sie begaben sich auf die Knie und dankten Gott in stiller Andacht, wobei Aabidah keine Ahnung hatte, was sie sagen sollte. In ihrem Herz tobten immer noch die Stürme der Ungewissheit.

Der Mann erhob sich. „Ich bin Ahmed Al Mansour und werde euch den Weg zeigen, den Allah, sein Name sei gepriesen, für euch bestimmt hat.“

Sie erhoben sich und setzten sich auf die Sessel.

„Ihr werdet erst einmal hier bleiben“, sagte der Mann und schaute sich um.

„Ist hier nicht so gemütlich, aber feine Möbel und all dieser Tand sind für Ungläubige. Wer Allah dient, kommt mit wenig zurecht, oder?“

Beide Mädchen nickten heftig, die eine aus Überzeugung, die andere, weil es ihre Freundin tat.

„Gut! Ihr werdet mit allem versorgt, was ihr braucht und wir haben Vorräte.

Ihr müsst die Wohnung also nicht verlassen. Hamit, ihr werdet ihn heute Mittag noch kennen lernen, und ich werden euch mit allem versorgen. Das Wichtigste hab ich euch erst einmal mitgebracht.“

Er zauberte unter seinem Kaftan zwei herrlich gebundenen Koranausgaben hervor und reichte sie den Mädchen. Rotes Leder, goldene Letter, heilige Worte!

„Was könnte ich euch Besseres schenken als die wörtliche Offenbarung Allahs an Mohammed, seinen Propheten, nicht wahr?“

Er strahlte und die beiden Mädchen taten es ihm nach. Sie griffen nach den Koranausgaben und küssten sie.

Etwas von der kraftvollen Überzeugung Ahmeds war auf Aabidah übergegangen und sie fasste wieder Mut.

Alles wird gut und ich werde meine Aufgabe meistern, fühlte sie. Sie sah sich ermutigt, eine Frage zu stellen, die ihr schon lange auf dem Herzen lag.

„Und was genau wird unsere Aufgabe sein?“, wagte sie zu sagen.

Ahmeds Stirn umwölkte sich.

„Ungeduld ist ein Laster der Ungläubigen, Allah verderbe sie! Sie werden am Tage der Tage in der Hölle schmoren und ihre Ungeduld büßen!

Ihr aber, seine Töchter, die Perlen des Propheten, ihr werdet in Geduld warten, bis euch eure Augen für eure Aufgabe geöffnet werden.

Bis dahin betet und dankt Allah für die Gnade, dass er euch auserwählt hat. Ich muss jetzt gehen.“

Er schaute auf seine Uhr, für einen armen Moslem ein erstaunlich wertvolles Exemplar, in gewissen Konsumentenkreisen auch als Omega Speedmaster bekannt.

„In einigen Stunden wird man euch das Mittagessen bringen. Und vergesst nicht eifrig im Koran zu lesen.“

Er zwinkerte ihnen zu. Dann verschwand er ohne weitere Worte und verließ die beiden Mädchen.

16. Kapitel
Köln/Rodenkirchen

Die meisten Hotels verkaufen etwas, was sie gar nicht haben: Ruhe. (Tucholsky)

Die beiden Agenten hatten sich ein Taxi genommen und die Innenstadt eilig verlassen.

Im weit außerhalb gelegenen Stadtteil Rodenkirchen, direkt am Rhein gelegen, hatten sie in einem etwas heruntergekommenen Hotel ein Doppelzimmer mit Rheinblick und Frühstück genommen. Die ältliche Matrone an der Rezeption hatte unter ihrem Platinblond einen starken grauen Ansatz. Ihr spitzer Mund und die runde Brille verliehen ihr etwas Eulenhaftes.

Agnes Broschitzky stand auf ihrem etwas schmuddeligem Kittel.

Sie war gleichermaßen verwundert und erfreut, dass zu so später Stunde noch ein Zimmer vermietet werden konnte, was umso erfreulicher war, als alle anderen Zimmer leer standen. Wenn in Köln keine Messe war, war das in diesem Haus ein Normalzustand.

Und weil sie eine gewisse Notlage des vor ihr stehenden Pärchens sofort erkannte, hatte sie direkt den Zimmerpreis um zwanzig Prozent angehoben, auch wenn sie die Art der Notlage gänzlich falsch einschätzte.

„Aber mit Frühstück“, wie sie betonte und in einem freudlosen Lächeln ihre Jacketkronen präsentierte.

Wills hatte, wie immer in solchen Fällen einen Ausweis und eine Geschäftskarte präsentiert, beide so unecht wie das Gebiss der Hotelwirtin, aber von der Agency meisterhaft gefälscht:

James Elroy,

Vertreter der amerikanischen Firma

Pittsburgh/Pennsylvania

Hutch & Söhne

Import - Export von Elektrogeräten

Mirinda Thyburn hatte er als seine Ehefrau vorgestellt.

Die Rezeptionseule steckte sie weg, ohne einen Blick darauf zu werfen. Hauptsache, hier wurde beim Einchecken bezahlt. Die und verheiratet! Ja, klar, die wollen hier nur vögeln, der Kleinen hängt ja schon die Zunge raus! Egal, solange sie im Voraus bezahlen und das Bett nicht allzu sehr beschmutzen. Sie händigte den Schlüssel für Zimmer 12 aus, schenkte den neuen Gästen ein falsches Lächeln und wandte sich wieder ihrem Rätselmagazin zu.

Europäische Großstadt mit zwölf Buchstaben. Scheiße, was soll das denn sein?

Das Zimmer war recht groß, mit modernen Möbeln und dem üblichen Hinweis Nichtraucherzimmer ausgestattet, was Wills mit einem Stirnrunzeln quittierte.

Er öffnete die Balkontür und trat heraus, Thyburn folgte ihm. Wills angelte eine Zigarette aus der Packung, zündete sie an und stieß den Rauch genießerisch aus. Thyburn sah ihn kritisch an. Als er den skeptischen Blick seiner Kollegin sah, sagte er süffisant: „Nichtraucherzimmer! Vom Balkon steht da nichts!“

Thyburn schüttelte schweigend den Kopf.

Wenn wir länger zusammenarbeiten, werd ich dir das schon abgewöhnen, mein Lieber!

Vor ihnen lagen die dunklen Fluten des mächtigen Stroms, über ihnen prangte ein für Großstadtverhältnisse ungewöhnlicher Sternenhimmel, ein Bild, das man unter anderen Umständen als romantisch hätte bezeichnen können. In der Ferne ragten die beiden Türme des Doms majestätisch in die Höhe. Ein Weltkulturerbe von sensationeller Schönheit! „Schön hier“, sagte Thyburn und erlag der Versuchung, sich an die Schulter ihres Kollegen zu schmiegen.

„Wir müssen nach deiner Wunde sehen“, Wills Ton klang sachlich. Er drückte seine Zigarette in einem Blumenkasten aus, der gefüllt mit kräftigen roten Pflanzen war –Keine Ahnung, wie die heißen– und sie gingen hinein.

Thyburn zog Jacke und Bluse aus und Wills bemühte sich, keinen Blick auf ihren gut gefüllten BH zu werfen. Es gab im Badezimmer einen kleinen Schrank, der neben den üblichen Utensilien auch Desinfektionsmaterial und Pflaster beinhaltete.

„Nur ein unbedeutender Querschläger“, sagte Thyburn, während Wills die kleine Wunde desinfizierte und mit einem großzügigen Pflaster versah.

Sie bedienten sich an der kleinen Minibar und ließen sich in die ausladenden Sessel fallen.

„Das war knapp“, sagte Mirinda Thyburn und leerte ein kleines Whiskyfläschchen in einem Zug, „aber wer zum Teufel konnte wissen, dass wir in dieser Wohnung waren?“

Will schüttelte den Kopf.

„Ich habe es über eine sichere Leitung nach Langley gemeldet, wie es üblich ist.“

„Dann sitzt der Verräter in Langley?“

„Ja, das vermute ich. Und das passt zu den übrigen Vorfällen mit unseren Kollegen Rush, Peterson und Dudek. Aber ich habe keine Ahnung, wer das sein könnte.“

„Er dürfte vermutlich ziemlich oben sitzen, oder?“

Wills nickte. „Wahrscheinlich, und das macht es für uns umso schwieriger.“

Er blickte seine Kollegin nachdenklich an.

„Wie bist du eigentlich zur Firma gekommen?“

Thyburn lächelte. „Das war eigentlich ziemlich einfach. Sie haben mich direkt nach der Uni rekrutiert. Ich vermute, dass einer meiner Professoren ihnen einen Tipp gegeben hat. Dann Ausbildung in Camp Peary, ich war Jahrgangsbeste in Analystik und Linguistik und beherrschte mehrere Fremdsprachen. Das war’s!“

Wills nickte anerkennend.

„Respekt!“

Sie schwiegen eine Weile und widmeten sich ihren Getränken, bevor Thyburn fortfuhr:

„Und wie geht es jetzt weiter?“

„Wir warten zunächst einmal ab, bis ich die Liste gesehen habe. Dazu müssen wir ins Konsulat nach Düsseldorf fahren, hier gibt es keins.“

„Okay, und dann?“

„Dann beginnen unsere Ermittlungen. Es muss einen Zusammenhang mit einem der Namen und dem Killer geben.“ Thyburn nickte. „Und weiß die Agency, wer Brendan in London auf dem Gewissen hat?“

„Nein! Aber wir wissen es, oder?“

„Kollege Donelli! Und deshalb wissen wir auch, wer die schwarze Cathy auf dem Gewissen hatte.“

Wills nickte. „Brendan war ein korruptes Schwein!“

„Ja“, sagte Thyburn, „aber mir macht es etwas Sorge, dass wir das alles wissen, die Agency aber nicht. Immerhin unser Arbeitgeber. Und wenn sie es wüsste, wäre man dort recht unentspannt, oder?“

„Unentspannt? Man würde uns zum Teufel jagen oder Schlimmeres! Aber egal, war ’ne Art privater Feldzug, den wir Cathy schuldig waren.“

Plötzlich setzte sich Mirinda Thyburn senkrecht auf.

„Mir kommt da eine Idee! Vielleicht verrückt, aber … “

„Lass hören!“

„Erinnerst du dich noch an Netanya?“

„Ist zwar schon was her, aber sehe ich sie vor mir.“ Er formte die Finger wie eine Pistole.

„Piff, paff und das Schwein war tot!“

Wills sah die Szene so lebhaft vor sich, als wäre es nicht vor einem halben Jahr, sondern gestern passiert: Itzak Goodman, ein Agent, ein Killer des israelischen Mossad, der in Agentenkreisen unter dem Namen Mal‘ach ha-Mawet, Todesengel, bekannt war, hatte die CIA-Kollegin Cathy Meywether in Bern erschossen, um an ein brisantes Dokument zu kommen.

Den Aufenthaltsort hatte der israelische Agent von Tom Brendan erfahren, dem Stationsleiter der CIA in London, der dafür gut bezahlt worden war. Daraufhin war ihr Kollege Jack Donelli, der ihnen bei ihrer Mission in München das Leben gerettet hatte, auf eigene Faust nach London geflogen und hatte Brendan erschossen ohne Spuren zu hinterlassen.

Die Agency im heimischen Langley tappte in Dunklen, aber der Verräter Brendan hatte seine gerechte Strafe erhalten.

Wills und Thyburn hingegen waren nach Israel gereist, hatten Goodman in eine Sexfalle gelockt und getötet. So hatten sie den Tod ihrer Kollegin gerächt, ohne dass die Agency von all dem Kenntnis hatte. Ein gefährliches Spiel, ein privater Rachefeldzug, der wohl kaum die Billigung ihres Arbeitgebers gefunden hätte.

„Ja, das Schwein hat seine gerechte Strafe bekommen.“

Thyburns Stimme riss Wills in die Gegenwart zurück. Er stand auf und holte sich eine kleine Flasche Bitter Lemon aus der Minibar. Geht alles aufs Spesenkonto. Er öffnete die Flasche mit dem Mund, nahm einen tiefen Schluck und sah seine Kollegin fragend an.

„Also, was war mit deiner Idee?“

„Dieses Schwein war immerhin Angehöriger des Mossad. Hältst du es nicht für möglich, dass die Israelis sich an uns rächen wollen?“

„Das würde erstens voraussetzen, dass sie wissen, wer ihn auf dem Gewissen hat. Wir haben aber unsere Visitenkarten nicht hinterlassen und alle Spuren beseitigt, oder?“

Thyburn nickte. „Haben wir.“

„Und zweitens kann ich mir nicht vorstellen, dass der Mossad aus diesem Grund einen Privatkrieg gegen den Geheimdienst eines befreundeten Staates führt. Immerhin ist unser Land der einzig verlässliche Partner, den Israel im Nahostkonflikt hat, oder?“

Thyburn nickte wieder. „Stimmt!“

„Und wir sind nicht irgendein Partner. Wir sind der Partner!“

„Auch richtig!“

Wills schüttelte bedächtig den Kopf und leerte seine Flasche.

„Also, worin bestehen deine Bedenken?“

Thyburn führte ihren Gedanken schnell fort:

„Aber der Mossad ist nicht schlechter organisiert als wir und er hat seine Quellen. Ich halte es für möglich, dass sie wissen, dass wir hinter diesem Anschlag stecken. Es gibt tausend Überwachungskameras, in den Hotels, auf den Straßen, an jeder Kreuzung. Israel ist ein totaler Überwachungsstaat und jeder weiß, warum! Viele Araber würden sie am liebsten immer noch ins Mittelmeer werfen und die Israelis versuchen mit allen Mitteln sich zu schützen. Das hat schon fast paranoide Symptome. Denk allein an die Kontrollen am Flughafen!“ Sie machte eine kurze Pause und ließ ihre Worte wirken, bevor sie energisch fortfuhr: „Und der zweite Faktor: Vielleicht steckt gar nicht der Geheimdienst selbst dahinter, sondern eine private Person. Denk daran, dass wir diese Aktion auch ohne Wissen und Billigung der Agency durchgeführt haben, genau wie Donelli die Aktion in London, als er diesen Verräter Brendan liquidiert hat.“

Wills war nachdenklich geworden.

„Vielleicht hast du sogar recht. Es könnte ja sogar sein, dass Goodman einen Vater, einen Bruder oder einen Sohn im Dienst hatte, der uns jetzt auf den Fersen ist. Wir haben den einen Goodman erledigt, jetzt ist uns der andere auf den Fersen. Klingt doch logisch, oder?“

„Sag ich doch!“

Und Wills ahnte ja nicht, wie recht er mit dieser Vermutung hatte!

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