Kitabı oku: «Es ist niemals zu früh, um Schalke zu leben – "5:04" – Eine Blau-Weisse Autobiografie»

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Rolf Rojek

Es ist niemals zu früh, um Schalke zu leben

„5:04“ – Eine Blau-Weisse Autobiografie

Impressum

©NIBE Media ©Rolf Rojek

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52146 Würselen

Telefon: +49 (0) 2405 4064447

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Inhaltsverzeichnis:

Vorwort Clemens Tönnies

Mein Vorwort – oder warum schreibe ich ein Buch?

1958 – Mein erstes Mal auf Schalke.

1961 – Der Umzug nach Beckhausen.

1969 – Schule, Lehre und das Pokalfinale.

1972 – Ein kaputtes Knie und ein Pokalhalbfinale mit 21 Elfmetern.

1972 – Schalke wird Herbstmeister und ich erlebe mein zweites Finale.

1975 – Meine erste eigene Bude.

1976 – Erst meine Wirtin, dann meine Ehefrau: meine Gudrun.

1976 – Unsere erste gemeinsame Wohnung.

1977 – Wie man(n) aus Kindern Schalker macht.

1982 – Vom Bauherr zum „Pleitegeier“: Unser Hauskauf in Saerbeck.

1984 – Zu Besuch bei Olaf Thon.

1988 – Mein geheimes Konto in Österreich.

1989 – Fanbetreuung aus dem Keller.

1990 – Das geklaute Fahrrad.

1990 – Die Fan-Kneipe „Auf Schalke“.

1990 – Mit Polizei-Geleitschutz ins Hotel.

1991 – Wie Trompeten-Willy wirklich auf Schalke kam.

1991 – Die „Sternenfahrt“ zum Auswärtsspiel nach Mainz.

1991 – Der erste Sonderzug nach Nürnberg.

1994 – Mein 40. Geburtstag in der Bundeswehrkaserne.

1994 – Und plötzlich sitzt du im Aufsichtsrat von Schalke.

1996 – Von Saerbeck zurück nach Gelsenkirchen.

1996 – Ohne Alkohol zum Auswärtsspiel nach Kerkrade? Fast ohne Alkohol!

1996 – Im Buskonvoi nach Brügge.

1997 – Ich war dabei: 144 internationale Spiele ohne Unterbrechung.

1997 – Veltins kommt auf Schalke. Prost!

1997 – Verdacht auf Krebs, und das vor dem UEFA-CUP Finale.

1997 – Valencia, ich brauche Karten.

1997 – Valencia, ich verkaufe Karten.

1998 – Der Fanverband übernimmt den Verkehrsverein Gelsenkirchen.

1998 – So war es: Gründung der GbR und GmbH.

1998 – Die Beerdigung meines Vaters.

2000 – Der blinde Belegprüfer auf Schalke.

2000 – Fußball ist unser Leben, der Film.

2000 – Andy Möller kommt auf Schalke.

2001 – Mein Freund Nazif.

2001 – Ich bekomme den Bullenorden.

2001 – Die „Annäherung“ von Supporters und Fan-Club Verband.

2002 – Auswärts in Polen – oder mit den SKBs über den Zaun.

2004 – Feuerwerk und Bengalos zu meinem 50. Geburtstag.

2004 – Der 4. Mai, unsere kirchliche Hochzeit in der Arena.

2005 – Fundraising oder was? Mein Vortrag in der Schweiz.

2004 – Ich bekomme das Bundesverdienstkreuz.

2006 – Einer meiner schwersten Tage, Rudis Entlassung.

2006 – Meine Beschneidung.

2006 – Die Betriebsprüfung.

2007 – Mit 120 Fans nach Petersburg.

2008 – So kam es: Die Auflösung der GmbH.

2008 – Der König von Benin.

2009 – Der kleine Zeh für den Sieg in München.

2009 – Die Familienmesse in der Arena.

2009 – Felix kommt auf Schalke.

2009 – Felix legt los: Erst Peter Peters und dann ich.

2009 – Mein teuerster Whisky, aber nicht ohne Cola-Light.

2010 – Magath und die Kleine Gruppe.

2010 – Ein Stück Tradition auf der Schalker Meile: Der Lottoladen.

2012 – Und plötzlich siehste nicht mehr viel.

2013 – „Ala“ Adolf Urban kommt nach Hause.

2013 – Viagogo, meine Fehlentscheidung.

2014 – Rolli allein zu Haus.

2016 – Rudi Reichl und der Bosch-Bus.

2017 – Alle gegen einen und keiner hilft.

2019 – Mein letzter Arbeitstag.

2019 – Vom Macher zum Rentner.

Rückblick: Ein Fanbeauftragter hat es manchmal schon schwer.

Es war einmal … Ein Sonntag nach einem Heimspiel.

Angst vor der Zukunft? Habe ich nicht!

Gelsenkirchen, meine Heimat, mein Zuhause.

Gastschreiber – Gerd Rehberg

Gastschreiber – Horst Poganaz

Gastschreiber – Karl-Werner Schulte, „Afrikakalle“

Gastschreiber – Henny ten Vergert

Gastschreiber – Holger Constabel

Unvergessen – Charly Neumann

Unvergessen – Rudi Assauer

Fertig, das war es dann!

Ich sage DANKE

Vorwort Clemens Tönnies

Rolf Rojek

... ist für mich der absolute Inbegriff eines Fußball-Fans – in Rolfs Fall fließt blau-weißes Blut durch seine Adern. Rolf hat ein Stück Schalker Geschichte mitgeschrieben, ja, er ist ein Stück Schalker Geschichte!

Ich erinnere mich an viele tolle Begegnungen mit ihm in und um unser zweites Wohnzimmer – die Arena auf Schalke, in der wir unzählige spannende Spiele zusammen verfolgt, Siege und Niederlagen miteinander geteilt haben. Oder aber wie er es immer wieder schaffte, mich unbeschadet und sicher von hinten ins Dortmunder Stadion rein und raus zu bringen. Hier bin ich ihm wirklich zu großem Dank verpflichtet!

20 Jahre lang waren Rolf und ich Nachbarn in den Sitzungen des Aufsichtsrats. Nur selten war Rolf hier mit der ersten Antwort auf seine Fragen zufrieden. Akribisch und mit größter Gewissenhaftigkeit mussten und wurden die Rechnungsprüfungen von ihm durchgeführt.

»Wir beide, wir machen das hier schon!«, waren allzeit seine Worte – und daran haben wir uns immer gehalten.

Glück auf,

Clemens Tönnies


Mein Vorwort – oder warum schreibe ich ein Buch?

Eines Tages, als wir wieder unseren Jour fixe auf Schalke hatten, saß ich anschließend noch mit Volker Fürderer in seinem Büro und erzählte ihm, was ich am Wochenende wieder für komische Sachen erlebt hatte. Volker musste lachen und sagte dann den verhängnisvollen Satz: »Du könntest ein Buch schreiben, was du so alles erlebt hast.« Dieser Satz war sicherlich zu diesem Zeitpunkt nicht ernst gemeint, aber wie ein Ohrwurm blieben die Worte in meinem Gehirn haften.

Nein, schreiben ist und war wirklich noch nie meine Stärke, ich kann viel besser erzählen. Obwohl mich schon einige meiner Freunde und Follower auf Facebook aufgefordert haben, ein Buch zu schreiben. Denn ich schreibe jeden Morgen einen kleinen Beitrag auf meiner Seite. Manchmal über aktuelle Themen aus Sport, Politik oder dem Weltgeschehen, aber oft handeln die Beiträge auch über mich und meine lustigen Pleiten, Pech und Pannen, die mir im Alltag passieren. Meinen Freunden und Followern auf Facebook gefällt das und sie halten mir seit Jahren die Treue.

Aber ein Buch schreiben ist eine ganz andere Hausnummer als tägliche Beiträge auf Facebook. Und außerdem: Über was soll ich schreiben? Über spannende Schalke-Spiele, geile Tore und Statistiken? In den vielen Fußballbüchern, die es auf dem Markt gibt, werden diese Themen doch tausendmal genauer und besser beschrieben. Warum soll ich das alles denn noch einmal auflisten?

Deshalb war ich mir eigentlich sicher: Ein Buch von mir will bestimmt kein Schalker lesen, oder besser, ein Buch von mir, das braucht nun wirklich kein Schalker. Und damit wollte ich das Projekt „Buch schreiben“ auch schon wieder zu den Akten legen, bis mir die Worte von Volker Fürderer noch einmal durch den Kopf gingen. »Was du so alles erlebt hast.« Ich überlegte.

Viel erlebt habe ich mit meinen fast 66 Jahren auf Schalke ja wirklich. In Sekundenschnelle flog ich durch die Vergangenheit und sah Familie, Freunde und Mitarbeiter, Fan-Clubs, Stadien und Städte, in denen die Schalker gespielt hatten, die Arena und die Fans in der Nordkurve. Und da war mir klar, diese schönen Erlebnisse muss ich aufschreiben!

Aber ich schreibe all das Erlebte nicht wegen Ruhm und Ehre und auch nicht, weil ich damit Geld verdienen will. Ich schreibe es in erster Linie für mich. Denn es ist unbezahlbar, sein Leben mit den vielen schönen und vielleicht auch nicht so schönen Erinnerungen beim Schreiben noch einmal zu erleben.

Ich bin mir sicher, es wird danach auch böse Kritik auf mich einprasseln. Einige werden aufgrund der Geschichten meckern, andere wegen meines Schreibstils, meiner Ausdrucksweise und der Grammatik – aber das ist mir egal. Wahrscheinlich sind auch nicht alle Ergebnisse und Zeitangaben richtig, aber auch das stört mich nicht. Mir geht es vielmehr um die Geschichten, die ich mit Familie, Freunden und zahlreichen Weggefährten erlebt habe.

Nein, ich bin weder Journalist noch Autor und ich will auch nichts davon werden. Ich bin Rolf Rojek und schreibe mein Leben genauso wieder, wie ich es erlebt habe.

Wenn ich es mit meinen Geschichten schaffe, auch nur einen Leser hin und wieder zum Lachen zu bringen, sodass die Alltagssorgen für einen Moment in den Hintergrund rücken, oder jemand aus dem Erlebten liest, dass es im Leben immer irgendwie weitergeht, wenn man sich nicht aufgibt, dann hat sich mein Schreiben schon gelohnt.

Und jetzt hoffe ich, dass euch meine Geschichten gefallen. Wenn ja, dann freue ich mich, wenn nicht, tut es mir leid. Aber das ist mein Leben – mal lustig, mal traurig, aber immer spannend und aufregend.

Und nun viel Spaß beim Lesen,

euer Rolf Rojek

1958 – Mein erstes Mal auf Schalke.

Als ich am 25. Juni 1954 in Gelsenkirchen-Schalke geboren wurde, fing Edi Frühwirth gerade seinen neuen Job als Trainer beim FC Schalke 04 an und löste damit Fritz Szepan ab. Die Mannschaft lieferte sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem 1. FC Köln und Rot-Weiß Essen um den West-Titel. Im letzten Spiel trafen wir auf RWE und unterlagen in den Schlussminuten mit 2:4. Somit mussten wir Schalker uns mit Platz drei begnügen und Köln kam weiter. Trotzdem wurde in diesem Jahr auf Schalke groß gefeiert.

Nein, nicht weil ich geboren wurde, sondern weil Schalke 50-jähriges Jubiläum hatte. Neben vielen feierlichen Veranstaltungen gab es auch zahlreiche Fußballspiele. Darunter das Spiel gegen den amtierenden deutschen Meister Hannover 96, der mit einem 5:1 regelrecht vorgeführt wurde.

Rechtzeitig zu diesem Jubiläum wurden die Geschäftsstelle des Vereins sowie die modernen Umkleidekabinen und Sanitäranlagen für die Mannschaft eingeweiht. Im gleichen Jahr holte der Schalker Berni Klodt mit der deutschen Nationalmannschaft beim legendären Wunder von Bern den Weltmeistertitel.

So gesehen war das Jahr 1954 ein gutes Jahr, um als Schalker in Gelsenkirchen geboren zu werden.

Natürlich war mein Vater, der 1924 in Katowice (Polen) geboren wurde, auch ein Schalker. Aber er war nicht so jemand, der täglich in Schalke-Klamotten durch die Stadt lief. Nein, mein Vater hatte nie etwas von Schalke an, auch nicht, wenn er in die Glückauf-Kampfbahn ging.

Wer noch die alten Bilder und Filme von früher im Kopf hat, der weiß, dass damals die meisten Fans nur mit Hut und Krawatte ins Stadion gegangen sind. Fan-Artikel gab es so gut wie gar nicht. Also bin ich ohne Schalke-Schnuller und ohne Schalke-Strampelanzug groß geworden. Ich glaube, in der damaligen Rojek-Wohnung gab es überhaupt kein einziges Teil, was mit dem FC Schalke 04 zu tun hatte. Trotzdem war man einfach Schalker, und zwar durch und durch.

Vier Jahre später war es dann soweit. Ich war mit meinem Vater das erste Mal auf Schalke. Aber ich muss sagen, ich erinnere mich daran eigentlich überhaupt nicht. Mein Vater hat mir diese Geschichte allerdings so oft erzählt, dass ich meine, mich an jede Einzelheit genauestens zu erinnern.

Es war der 18. Mai 1958 als der FC Schalke 04 im Niedersachsen Stadion von Hannover vor 81.000 Zuschauern Uwe Seeler und seine Hamburger Jungs mit 3:0 besiegte und damit zum siebten Mal die Deutsche Meisterschaft nach Gelsenkirchen holte. Ganz Fußball-Deutschland freute sich mit den Knappen und am Schalker Markt wurde der Bierhahn bis zum Empfang der Spieler nicht mehr zugedreht. Auch mein Vater gehörte selbstverständlich zu den Feiernden. Siegestrunken und in einer Bierlaune beschloss er, dass der kleine Rolli mit zum Empfang der Schalker Helden kommen darf. Und so kam es zu meiner Premiere auf Schalke …

Ich meine mich zu erinnern, dass es voll und laut war. Dass sich wildfremde Menschen freudetrunken und singend in den Armen lagen. Wobei die meisten wohl mehr betrunken als freudig waren. Egal, ganz Gelsenkirchen war an diesem Tag ein Tollhaus und mittendrin Papa Rojek und klein Rolli.

Aber es kam, wie es kommen musste: Ich verlor in diesem Tollhaus meinen Vater, oder besser gesagt, er mich. Und das zeigte mir, auch unter Tausenden von Menschen kannst du allein sein. Ich weinte. Was sollte ich denn nun machen? Da kam ein freundlicher Polizist auf mich zu und nahm mich auf den Arm. Auf seine schlaue Frage »Wo ist denn dein Papa?« konnte ich natürlich nicht antworten. Denn wenn ich das gewusst hätte, würde ich wohl nicht weinen und wäre bei ihm. Auch auf die Frage wo ich wohnte, konnte ich vor lauter Schluchzen nicht antworten. Doch die Rettung nahte, denn mein Vater hatte scheinbar endlich bemerkt, dass ich nicht mehr an seiner Hand war und suchte nach mir.

Der gute Polizist soll meinem Vater eine richtige Standpauke gehalten haben. Ob mein Vater sich von dem guten Polizisten zu Unrecht beschimpft fühlte, oder ob es an einem zu viel getrunkenen Bier mit Siegesgeschmack lag, bleibt bis heute ungeklärt. Ich weiß nur, dass mein Vater den Polizisten lautstark beschimpfte. Dabei war ich noch immer auf dem Arm des Polizisten und habe aufgrund des Streites noch mehr geheult und ich kackte mir dabei in die Hose. Ja, ich habe früher im wahrsten Sinne des Wortes auf Schalke geschissen …

»Nicht im Kopf, sondern im Herzen liegt der Anfang.«

(Maxim Gorki)

1961 – Der Umzug nach Beckhausen.

1961 zogen meine Eltern mit meinen Geschwistern und mir nach Gelsenkirchen-Beckhausen in die Braukämperstraße. Hier bin groß geworden, hier habe ich meine Jugend verbracht und hier bekam ich den letzten Schliff, um als Schalker in die blau-weiße Fanszene einzutauchen.

Die neue Wohnsiedlung der GGW wurde auf den Wiesen und Feldern von Bauer Holz gebaut. In den Wohngebäuden in Beckhausen sollten eigentlich Familien mit Kindern, mit vielen Kindern, ein neues Zuhause finden. Die Wohnsiedlung umfasste sieben vierstöckige Gebäude mit je zwei Eingängen für insgesamt acht Familien und drei sechsstöckige Gebäude mit drei Eingängen für insgesamt 36 Familien. Auf keinen Fall war das eine Ghetto-Siedlung, denn hier war alles sauber und neu.

Vorher wohnten wir, Papa Franz, Mutter Anita, meine zwölf Jahre ältere Schwester Renate, mein zwei Jahre jüngerer Bruder Klaus und der frischgeborene Bruder Peter, auf kleinstem Raum in zweieinhalb Zimmern. Der Umzug in die Braukämperstraße erschien meinen Eltern daher wie ein Umzug in eine bessere Welt mit bedeutend mehr Lebensqualität – obwohl dort auch nur drei Zimmer mit knapp 77 qm auf uns warteten. Die Vorfreude meiner Eltern auf unser neues Domizil war so groß, dass sie sich fast jedes Wochenende über eine Stunde zu Fuß auf den Weg machten, um den aktuellen Baustand auf der Baustelle zu begutachten.

Der Umzug in die neue und größere Wohnung hatte zur Folge, dass meine Eltern sich entschlossen, die Familie weiter zu vergrößern. Knapp zwei Jahre später wurde meine Schwester Gaby geboren und zwei weitere Jahre danach haben meine Eltern mit der Geburt meines Bruders Uwe die Familienplanung abgeschlossen.

Jetzt könnte man meinen, dass ein Familienleben mit sieben Personen auf 77 qm sich äußerst schwierig gestaltet. Dem möchte ich hier widersprechen, denn erstens war es früher so üblich und zweitens fand ich unser Familienleben zwar turbulent, laut und lebhaft, aber keinesfalls unangenehm oder beengend. Außerdem ging es uns doch noch gut.

Wir wohnten mit acht Personen oben in der vierten Etage, ganze 56 Stufen hoch. Ganz unten im Haus lebte die Familie Römer, die nicht nur ein Zimmer mehr, sondern auch mit knapp über 80 qm eine größere Wohnfläche hatte. Dafür hatte die Familie aber auch elf Kinder und war mit Abstand die größte Familie in der Braukämperstraße. Wir Kinder aus den beiden Wohnblöcken wurden daher bei allen anderen immer nur die „Römerbande“ genannt.

Ja, der gute Heinz Römer. Er hat seine Familie nach dem Umzug von der Braukämperstraße noch ein wenig weiter vergrößert, ich glaube, auf insgesamt vierzehn Kinder. Nie hätte ich gedacht, dass sich unsere Wege nach seinem Umzug noch einmal kreuzen würden, aber dat is Schalke. Ich traf Heinz irgendwann bei einer Stadionführung in unserer alten Glückauf Kampfbahn. Heinz wohnte dort in der alten Tribüne für mehr als 33 Jahre, er war als Platzwart für die Stadt und den Verein tätig.

Aber Heinz Römer war schon damals nicht der einzige Schalker in der Braukämperstraße. Mittendrin wohnte Heinz Blechinger, der erste Schalker, von dem ich mir persönlich ein Autogramm abholte. Zwei Blocks weiter wohnte die Schalker Familie Burdenski. Vater Herbert erzielte am 22. November 1950 beim ersten Länderspiel der deutschen Nationalmannschaft nach dem zweiten Weltkrieg den Siegtreffer zum 1:0 gegen die Schweiz. Außerdem war Herbert ein Mann des bekannten Schalker Kreisels – er holte 1937, 1939, 1940 und 1942 die deutsche Meisterschaft auf Schalke. Mit seiner Frau und den beiden Söhnen Dieter und Hans-Joachim „Jochen“ wohnten weitere Schalker in der Braukämperstraße. Dieter war Nationaltorwart und spielte unter anderem in Bremen und auf Schalke, sein Bruder Jochen war ein langjähriges Aufsichtsratsmitglied beim FC Schalke 04.

Doch irgendwann war es auf einmal vorbei mit den kinderreichen Familien in der Braukämperstraße. Die Familie Thon sollte unser neuer Nachbar werden. Ja, die Familie Günther Thon. Und die hatten doch tatsächlich nur ein Kind und bekamen trotzdem die „große Wohnung“. Vielleicht lag es daran, dass Günther schon damals ein großer Sportler in Gelsenkirchen war. 1967 wurde er als 21-jähriger mit seinem damaligen Club, den TSV Horst Emscher, deutscher Amateurmeister. Aber was er noch viel besser hinbekommen hatte, war sein Sohn, der Olaf. Na klar wussten wir damals noch nicht, was aus Olaf einmal werden sollte und wie mein Weg auf Schalke verlaufen würde.

Ich war nahe dran an den Schalkern, aber noch längst nicht mittendrin. Keiner konnte zu diesem Zeitpunkt ahnen, wie sich die Wege der Schalker noch einmal mit meinem kreuzen würden …

Olaf ging mit meinem jüngeren Bruder Uwe in die gleiche Schule, die beiden waren befreundet, sodass auch Olaf zur Römerbande gehörte. Unser damaliger Erzfeind war die „Rottorf-Bande“, die im Block gegenüber von uns wohnte. Oft gab es Kämpfe mit Stöcken, die wir als Schwerter benutzten. Na ja, das Wort Kämpfe ist wohl ein bisschen übertrieben... Wir haben von der Rottorf-Bande aber die selbstgebastelten Bögen im Wäldchen zerstört, sie haben uns dafür Stöcke aus unserem „Waffenlager“ gestohlen. Wenn man heute hört, wie Kinder im Alter von 8 bis 12 Jahren ihre Konflikte austragen, kann man sich über unseren damaligen Bandenkrieg nur kaputtlachen. Aber wir fühlten uns damals wie eine wilde Gang.

Wir wurden älter und die kriegerischen Zeiten änderten sich. Besonders als wir in unserer Bande Verstärkung von Detlef Zedler bekamen. Detlef wohnte zwar nicht in unseren Häuserblocks, aber er war eng mit uns befreundet. Deshalb musste die Rottorf-Bande Detlef auch als Mitglied der Römer anerkennen.

Detlef war ein guter Fußballer und spielte in der Jugendmannschaft des FC Schalke 04 auf dem legendären schwarzen Ascheplatz der Glückauf Kampfbahn. Er hat es sogar geschafft, dass die Schwerter und Bögen gegen Turnschuhe und Lederball eingetauscht wurden und sich unsere Banden nur noch auf dem Bolzplatz der Braukämperstraße bekämpften.

Ja, Detlef hatte einen richtigen Lederball. Was heute vielleicht ein bisschen lächerlich klingt, war damals etwas ganz Besonderes. Wenn wir zum Bolzplatz gegangen sind, hatten die Wenigsten von uns richtige Sportkleidung. Wir kickten meist in Turnschuhen und oft in ganz normaler Straßenkleidung, weil sich kaum jemand einen richtigen Trainingsanzug leisten konnte. Auch wenn die meisten in unserer Mannschaft schon älter waren, durften mein Bruder Uwe und Olaf Thon in der bunt gemischten Truppe mitspielen. Denn früher war es richtig anstrengend, mindestens neun Personen für eine Mannschaft zusammen zu bekommen. Familie Römer konnte uns da wenig weiterhelfen, da die Kinder in unserem Alter entweder Mädchen waren oder Jungs, die absolut kein Fußball spielen konnten. Der Altersdurchschnitt unserer Spieler lag also zwischen 6 und 14 Jahren. Ich glaube bis heute, dass einige unserer Spieler aber nicht wussten, warum ein Ball hüpft oder springt. Wahrscheinlich dachten sie, da sei ein Frosch drin.

Damals gab es für uns Blagen nur Freizeitbeschäftigungen wie Seilspringen, Verstecken, Fangen spielen oder eben auf dem Bolzplatz gehen und gegen die Pille treten. Wenn ein Kind aus der Braukämperstraße zu seinen Eltern gesagt hätte, dass es Schwimmen oder Tennis spielen möchte, wäre sicher ein unverständliches Kopfschütteln oder eine leichte Backpfeife die Antwort gewesen.

Also zurück auf den Bolzplatz. Zu unserer Mannschaft gehörte auch Olaf Thon. Trotzdem waren wir nicht so gut wie die Rottorf-Bande, die fast alle Spiele für sich entschied. Als wir aber irgendwann voller Ehrgeiz den ersten Sieg errungen konnten, brach auf dem Platz direkt wieder der Krieg aus und es wurden ein paar Ohrfeigen verteilt. Fast wie früher mit den Stöcken im Wald …

Detlef Zedler hat uns aber nicht nur zum Fußballspielen gebracht, er hat mich auch mit auf Schalke mitgenommen. Immer wenn Detlef am Samstag ein Heimspiel in der Glückauf Kampfbahn hatte, durfte ich mit. Wir liefen von Beckhausen über Sutum bis nach Schalke. Dort mussten die Kids damals noch auf dem alten Ascheplatz hinter der Tribüne spielen. Immer wenn das Spiel zu Ende war, nahm mich Detlef mit auf die Tribüne, um sich die „richtigen“ Schalker anzugucken. Detlef hat es sportlich bis in die zweite Liga geschafft und sogar einmal im Pokalspiel dem Toni Schumacher einen „eingeschenkt“.

Dank Detlef konnte ich nun alle 14 Tage auf Schalke gehen. Ich muss jedoch zugeben, dass ich als kleiner Junge das Spiel der Schalker noch nicht ganz so ernst genommen habe. Es gab im Stadion viel Wichtigeres. Ich kroch auf allen vieren an den Bierbuden auf dem Boden und sammelte die heruntergefallenen Pfennige der betrunkenen Fußballfans ein. Manchmal hatten wir nach so einem Spieltag stolze 2 DM aufgesammelt, das war damals eine Menge Kohle. Trotz der Pfennige auf dem Boden vor den Bierbuden war es immer ein Erlebnis, wenn die Schalker ein Tor schossen und das ganze Stadion jubelte. Auch wir Kinder haben immer lauthals gejubelt und lagen uns in den Armen. Wir sind wild herumgehüpft und gesprungen und hatten ein dickes Grinsen auf dem Gesicht. Das konnte aber auch passieren, wenn der Gegner mit vielen Fans nach Gelsenkirchen gereist ist. Beim Torjubel der generischen Fans haben wir Kinder vor lauter Pfennige sammeln häufig mitgefeiert, weil wir glaubten, der laute Jubel gilt den Schalkern.

Auch wenn Pfennige sammeln in dem Alter wichtig, vielleicht sogar wichtiger als das Spiel war, eins faszinierte mich jedes Mal – die Stimmung in der Schalker Kurve mit den blau-weißen Fahnen. Das hat mir schon damals gefallen. Jedes Mal, wenn wir nach einem Heimspiel zufrieden nach Hause gegangen sind, habe ich zu Detlef gesagt, dass ich mein gesammeltes Geld sparen und mir davon auch eine blau-weiße Fahne kaufen werde. Der Wille war da, aber meistens hat das Geld nur bis zum nächsten Kiosk gehalten und wurde dann gegen Klümpchen und Schoko-Bonbons eingetauscht.

»Die Jugend ist die Zeit, Weisheit zu lernen. Das Alter ist die Zeit, sie auszuüben.«

(Jean-Jacques Rousseau))

1969 – Schule, Lehre und das Pokalfinale.

1969 war ein ganz wichtiges und ereignisreiches Jahr in meinem Leben.

Mittlerweile war ich in der Schalker Fanszene schon als ein verrückter Hund bekannt. Ich trug zu den Spielen der Schalker immer ein altes blaues Baumwolltrikot mit der Rückennummer neun, eine von der Schwester gestrickte blau-weiße Pudelmütze auf dem Kopf, den von der Mutter selbstgestrickten und fast zwei Meter langen blau-weißen Blockschal um den Hals, dazu das mit blau-weißem Isolierband beklebte Tamburin in der einen und natürlich meine 6,20 Meter große Fahne in der anderen Hand.

Meine Fahne war sogar für einen kurzen Moment die größte Fahne in der Nordkurve. Die Fahne war blau-weiß-blau, etwa 2,40 Meter breit und gut 4,50 Meter lang und die blau-weißen Stoffe waren auf zwei gut drei Meter langen Bambusstäben aufgezogen, die miteinander verbunden waren. Natürlich war die Fahne so schon schwer genug, aber wehe, es regnete. Der Baumwollstoff konnte nämlich jede Menge Wasser aufsaugen und die Fahne gewann somit schnell an Gewicht, sehr viel Gewicht. In diesem Schalke Outfit machte ich mich Wochenende für Wochenende auf den Weg, um bei jedem Heimspiel und bei fast allen Auswärtsspielen meine Mannschaft zu unterstützen.

Früher hieß ich bei allen nur Rolli. In der Glückauf Kampfbahn gab es damals den Eisanbieter „Rolli Eiscreme“. Die Verkäufer zogen am Spieltag mit ihrem Bauchladen durch die Blöcke und riefen immer »Rolli Eiscreme!« Das haben meine Freunde mit Freude übernommen und somit war ich als „Rolli Eiscreme“ auf Schalke bekannt.

Im Jahr 1969 fieberte ich dem Sommer entgegen, da ich im Juni aus der Schule entlassen werden sollte. Einen Ausbildungsvertrag als Betriebsschlosser auf der Zeche Hugo hatte ich auch schon unterschrieben in der Tasche. Aber das war nicht der einzige Grund, warum ich mich auf den Sommer freute. Mein FC Schalke 04 stand im DFB-Pokalfinale. Am 14. Juni 1969 sollten wir in Frankfurt das Finale gegen die Bayern bestreiten. Mein erstes Finale. Voller Stolz schaute ich mir jeden Tag meine Eintrittskarte für das Spiel an und betete. Lieber Gott, lass uns die Bayern schlagen! Ja, damals betete ich noch.

Mit meinen Freunden, Harry, Wowo, Ralle und wie sie alle hießen, machten wir große Pläne, was wir nach dem Pokalsieg alles anstellen wollten. Vom Anstreichen des Bahnhofsvorplatzes in blau und weiß bis zur Drei-Tages-Feier in der Glückauf Kampfbahn war alles dabei. Aber es kam alles ganz anders als gedacht …

Am Montag vor dem Finale bekam ich am ganzen Körper kleine Pickelchen. Ich machte mir keine ernsthaften Gedanken darüber, außer, dass ich vielleicht nicht mehr so gut aussah und die Mädels über mich lachen würden. Mehr Sorgen habe ich mir nicht gemacht. Doch plötzlich ließ mich meine Mutter nicht mehr aus dem Bett und sie rief den Doktor an. Früher kamen die Ärzte noch nach Hause, so auch unser Doc. Er stellte nach der Untersuchung die furchtbare Diagnose: Der kleine Rolli hat Windpocken. Ok, dachte ich, dann hast du eben Windpocken. Was solls, dann gehe ich eben mit Pickeln ins Stadion, wen soll das schon stören? Es störte zumindest den lieben Doktor. Neben absoluter Bettruhe gab es auch ein Kontaktverbot zu meinen Freunden. Ich schaute auf meine Eintrittskarte und hätte heulen können. Mit Tränen in den Augen hörte ich die Übertragung im Radio auf WDR 2 in meinem Bett: 1:0 durch Gerd Müller. Manfred Pohlschmidt konnte mit einem Traumtor zum 1:1 ausgleichen, bevor wieder Gerd Müller in seiner unnachahmlichen Art den 2:1 Siegestreffer für die Bayern schoss. Das war also mein erstes Pokalfinale mit meinem FC Schalke 04 …

Im Juni 1969 habe ich im Alter von 15 Jahren endlich nach neun Jahren die Schule verlassen. Nein, ein guter Schüler war ich mit Sicherheit nicht, ich musste aber nie eine Klasse wiederholen. Nein, ein dummer Schüler war ich auch nicht, aber ich war faul und habe die Schule nicht ernst genommen. Für mich gab es nur zwei wichtige Dinge im Leben, den Bolzplatz und Schalke.

Ich hatte jedoch das Glück, dass mein Lehrer viel Verständnis für mich aufbrachte. Er hat erkannt, dass viel mehr in mir steckte als das, was ich in der Schule zeigte. Wenn wir Gedichte lernen mussten, lernte ich immer nur eine Strophe und die Rechtschreibung war auch alles andere als gut. Als Englisch als Fremdsprache auf den Schulplan kam, entschied ich mich für Sport als Wahlfach. Die Überredungsversuche meiner Lehrer, Englisch sei eine Weltsprache, konterte ich mit: »Ich kann noch nicht einmal richtiges Deutsch, was soll ich dann mit Englisch.«

Mein Lehrer hat meine Mutter fast bei jedem Elternsprechtag mit den gleichen Worten empfangen. »Der Rolli ist stinkfaul, aber viel zu intelligent, um sitzenzubleiben. Den muss ich einfach mitnehmen.» Er hat mich immer mitgenommen, auch wenn auf meinem Zeugnis nur eine gute Note stand, in Sport. Ich gebe zu, ich habe mir nie ernsthaft Gedanken darüber gemacht, was ich nach der Schule werden wollte. Mein Opa war Betriebsschlosser, mein Vater war Betriebsschlosser. Warum sollte ich nicht auch Betriebsschlosser werden? Schließlich gab mit der Zeche Hugo und der Zeche Nordstern gleich zwei Zechen vor meiner Nase und beide suchten Auszubildende als Betriebsschlosser.

Besonders lustig war damals auch die Berufsberatung in der Schule. Zwei Männer und eine Frau besuchten uns am frühen Morgen in der Klasse. Wie ein Richter mit seinen Beisitzern saßen sie am Tisch und jeder von uns musste einzeln vor ihnen antreten. Nachdem wir unseren Namen genannt hatten, suchten sie in den Listen von unseren Lehrern nach Informationen über uns. Es hieß fast immer: »Betriebsschlosser, Elektriker, Zeche Hugo. Betriebsschlosser, Elektriker, Zeche Nordstern.«

Mein Schulfreund Manfred war ‘ne Granate in Mathematik, er hat mir immer die Hausaufgaben gemacht. Ob Prozentrechnung, Dreisatz oder Algebra, Manfred konnte alles. Ein kleiner Streber war er irgendwie schon. Wir alle haben ihn schon in einer Bank arbeiten sehen, doch die Berufsberatung meinte: »Betriebsschlosser, Zeche Nordstern.« Natürlich hat Manfred bitterlich geweint. Aber seine Eltern haben ihm später doch noch einen Ausbildungsplatz bei der Sparkasse Gelsenkirchen besorgt.

Mit mir fingen fast 40 weitere Abschlussschüler eine Ausbildung auf der Zeche Hugo an. Damals gab es noch eine Lehrwerkstatt, in der wir ein halbes Jahr lang eine Art Grundausbildung absolvierten. Wir haben dort so lange U-Stahl gefeilt, bis wir Blasen an den Händen bekamen. Natürlich war unter uns Auszubildenden, damals hieß es noch Lehrlinge, Fußball das ganz große Thema. Die meisten Auszubildenden waren selbstverständlich Schalke-Fans. Aber natürlich gab es auch in unseren Reihen Anhänger von Rot-Weiß Essen, Rot-Weiß Oberhausen oder dem MSV Duisburg. Es fehlten eigentlich nur Fans von Dortmund und Bochum, dann wäre der Ruhrpott komplett an unserer Werkbank vertreten gewesen.

An jedem Montag wurde in den ersten beiden Stunden an der Werkbank nur über Fußball geredet. Das hat unserem Ausbildungsmeister weniger gefallen. Oft haben wir Lehrlinge uns am Wochenende auch auf dem Sportplatz getroffen, natürlich als Gegner. Denn fast alle spielten irgendwo aktiv Fußball, sei es in Schaffrath, Buer, Hassel, Erle oder wie ich bei Beckhausen 05.

Der Sportplatz und das Vereinslokal in Beckhausen lagen auf der gleichen Straße, auf der ich wohnte. Dass das Vereinslokal und die Pächterin einmal mein Leben komplett auf den Kopf stellen würden, habe ich damals nicht geahnt …

Früher waren Gaststätten noch Begegnungsstätten. Man traf sich dort, um sich zu informieren, zu diskutieren und sich auszutauschen. Es gab häufig einen Flipper, es wurde Skat gespielt oder an der Theke um die nächste Runde geknobelt. Aus der Musikbox spielten unaufhörlich die gleichen Lieder. Egal ob in Beckhausen, auf Schalke oder anderswo: Fußball war immer das Thema Nummer 1 in den Kneipen.

Und das Beste? Na, als Stammgast im Vereinslokal konnte man immer auf Deckel trinken. Wer knapp bei Kasse war, bekam trotzdem sein Bierchen und konnte die selbstgemachte Frikadelle essen. Beim Wirt hatte damals jeder Stammgast Kredit.

»Die größten Meister sind die, die nicht aufhören Schüler zu sein.«

(Ignaz Anton Demeter)

1972 – Ein kaputtes Knie und ein Pokalhalbfinale mit 21 Elfmetern.

Seid ehrlich, dass kennt ihr auch: Man(n) sitzt gemeinsam beim Stammtisch, auf einem Geburtstag oder beim Grillen zusammen und spricht über Politik, Schalke oder einfach von früher, von damals als angeblich alles noch besser war. Es werden ein, zwei oder drei Veltins getrunken und irgendwann kommt das Thema, als man(n) jung war und selbst aktiv Fußball gespielt hat. »Früher als ich noch selbst gepöhlt habe, war ich gar nicht so schlecht. Wenn ich damals nicht meine Frau kennengelernt hätte … wer weiß, was aus mir geworden wäre.« Zur Bestätigung wird dann erstmal ein großer Schluck aus der Pulle Bier genommen.

Die Frauen sind also schuld, dass aus den meisten Männern keine Fußballprofis geworden sind. Aber das lasse ich jetzt einfach einmal so stehen, denn ehrlich, als ich damals noch jung und selbst aktiv in der Mannschaft gespielt habe, da war ich gar nicht so schlecht …

Mit meinen 72 Kilo Kampfgewicht bei einer Körpergröße von 182 cm hatte ich eine durchtrainierte Figur ohne Fettpölsterchen oder Bierbauch wie es heute der Fall ist. Kein Wunder, früher gab es keine Spielkonsolen und Smartphones, die Kinder haben auf der Straße gepöhlt, die Älteren waren meist selbst in einer Fußballmannschaft aktiv. Für mich gab es nur Schalke und ich habe selbst gekickt. Mit meinen Jungs war ich vier Tage in der Woche auf dem Bolzplatz, die restlichen drei Tage gehörten Schalke – alles eine Frage der Organisation.

Trotz meiner Begeisterung für den Sport war ich beim Geräte- und Bodenturnen eine Wurst. Ehrlich, ich schaffte es nie, mich an einem Seil oder einer Stange nach oben zu hangeln. Dafür war ich in fast allen Ballsportarten, vor allem im Fußball, nicht schlecht. Ganze drei Jahre habe ich in der Fußballauswahlmannschaft unserer Schule gespielt, während meiner Ausbildung kickte ich für die Auswahlmannschaft der Ruhrkohle und auch bei meinem Heimatclub, dem SUS Beckhausen 05, war ich aktiv. Ich bin sogar vorzeitig von der Jugend- in die Herrenmannschaft gerutscht. Neben meiner robusten Spielweise und meiner Durchsetzungskraft war Schnelligkeit meine Stärke. Bei den Leichtathletik Stadtmeisterschaften in Gelsenkirchen lief ich die 100 Meter in 12,1 Sekunden und erreichte damals den stolzen dritten Platz.

Meinen Stammplatz als Fußballspieler hatte ich aber nur in der zweiten Mannschaft von Beckhausen 05 und gurkte mit dem Team in der dritten Kreisklasse herum. Dass ich in der unteren Liga kicken musste, lag aber nicht daran, dass alle anderen Spieler besser waren als ich. Es lag vielmehr daran, dass mein Trainer sich auf mich verlassen konnte. Denn an jedem Wochenende, an dem Schalke spielte, konnte er sicher sein, dass ich mit Schalke unterwegs bin. Egal ob Heim- oder Auswärtsspiele – wenn Schalke spielte, konnte ich nicht selbst spielen. Nach den Auswärtstouren kam ich selten nüchtern und meist spät nach Hause, nach den Heimspielen ging es meist noch in die Kneipen am Schalker Markt. Unser Stammlokal „Der Kreisel“ haben meine Kumpels und ich häufig erst am frühen Morgen notgedrungen verlassen. Selbst Fußball spielen an den Wochenenden war also (fast) unmöglich. Also kickte ich, ohne zu murren, weiter in der zweiten Mannschaft und in der dritten Kreisklasse. Und da es in meiner Fußballklasse nicht tiefer ging, habe ich auch nie die Erfahrung gemacht, wie sich ein Abstiegskampf anfühlt. Das gefiel meinem damaligen Trainer Günther Thon überhaupt nicht. Er war nicht nur mein Trainer und Nachbar, sondern auch der Vater von Olaf Thon …

Günther kannte mich gut. Er wusste, dass ich das Zeug hätte, zwei Klassen höher in der ersten Mannschaft zu spielen. Daher versuchte er mich ab und an zu locken und setzte mich manchmal bei der ersten Mannschaft auf die Bank. Er hoffe, dass dadurch mein Ehrgeiz geweckt würde und ich Spaß am Fußballspielen hätte. Ich hatte Spaß am Fußball, aber eher am Fußball gucken. Der Schalke-Virus war größer als mein Ehrgeiz und so gurkte ich weiter in der letzten Liga rum. Aber trotzdem war es eine schöne Zeit, die ich nicht missen möchte. Ich hatte super Kumpels, mit denen ich gerne zusammen in der zweiten Mannschaft gespielt habe.

In den unteren Fußballklassen wurde auch nicht so viel Wert auf „schönen“ Fußball mit feinen Techniken gelegt. Es wurde vielmehr gerannt und hart gekämpft und auch nicht immer fair gespielt. Ein Vorteil, dass Schnelligkeit und Kampfgeist zu meinen Stärken gehörten, denn „schönen“ Fußball fürs Auge konnte ich nicht abliefern, geschweige denn feine Techniken.

Es war Sonntag, 28. Mai 1972 und unsere zweite Mannschaft von Beckhausen hatte ein Heimspiel. An diesem Tag strahlte nicht nur schon am frühen Morgen die Sonne vom königsblauen Himmel, unser Platzwart hatte auch verdammt gute Laune. Er erlaubte uns großzügig, dass wir endlich einmal wieder auf dem heiligen Rasen spielen dürfen. Und das kam wahrlich nicht oft vor, unsere Fußballheimat war der knochenharte Ascheplatz nebenan.

Wir haben das Spiel zwar 4:2 gewonnen und trotz meiner beiden Tore und den herausgeholten Elfmeter war ich unglücklich. Warum? Weil es wieder einmal mein linkes Knie erwischt hat. Als ich meinem Gegenspieler davonlief, zog er mir einfach und kompromisslos die Beine im vollen Lauf weg. Den fälligen Elfer verwandelte unser Mannschaftskapitän Ulli sicher zum 4:2, aber ich konnte nach dem Foul nur noch humpeln. Das linke Knie schmerzte fürchterlich und wurde dicker als mein Oberschenkel, und der hatte damals schon Gerd Müller Niveau.

Als ich am nächsten Tag zu meinem Hausarzt ging, warf er nur einen kurzen Blick auf mein Knie und schrieb mir sofort eine Überweisung ins Krankenhaus Bergmannsheil in Gelsenkirchen-Buer.

Am darauffolgenden Dienstag war ich überpünktlich um 8 Uhr morgens mit meinem Freund Horst in der Klink. Ich wollte möglichst früh drankommen, damit ich mich anschließend mit meinen Kumpels treffen konnte. Aber erst nach mehr als zwei Stunden Wartezeit wurde ich aufgerufen und durfte zum Doc. Der sah sich mein Knie kurz an und schickte mich direkt zum Röntgen – das ganze dauerte weniger als zwei Minuten und dafür musste ich über zwei Stunden warten. Vor dem Röntgenraum musste ich nicht so lange warten, nur etwas mehr als eine Stunde … Anschließend ging es wieder zum Doc und natürlich musste ich auch da wieder warten.

Als ich auf die große Uhr im Wartezimmer schaute, zeigte diese schon 12:30 Uhr an. Mein Kollege Horst und ich waren richtig genervt von der ganzen Warterei, außerdem schmerzte mein Knie vom langen Sitzen. Ich war kurz davor, einfach abzuhauen, zumal wir uns eigentlich gleich mit unseren Kumpels Ralle, Harry, Wowo und all den anderen in unserem Vereinslokal in Beckhausen auf der Braukämperstraße treffen wollten. Nicht einfach so, sondern heute hatte Schalke das erste Pokalhalbfinale in Köln. Da wollten wir natürlich dabei sein …

Seit 1935 gibt es den Wettbewerb im DFB-Pokal und in diesem Jahr wurde erstmalig ein Hin- und Rückspiel ausgetragen. Wir mussten nur noch die Kölner wegputzen und wären im Finale. Und nur wegen meiner blöden Knieverletzung sollte ich das wichtige Spiel in Köln verpassen? Nein, das wollte ich mir nicht entgehen lassen und beschloss abzuhauen. In den Moment, in dem ich meinen Freund Horst sagen wollte, dass wir gehen, rief mich der Doc in sein Behandlungszimmer. Mist!

Die Diagnose vom Doc war für mich zuerst erfreulich. Er meinte, ich hätte Glück gehabt und bräuchte nicht operiert werden. Stattdessen müsste ich punktiert werden. Natürlich wusste ich nicht, was punktieren bedeutet. Aber wenn keine OP nötig ist, kann es nicht so schlimm sein. Daher sah ich mich in Gedanken schon auf dem Wellenbrecher in Köln stehen und meine Mannschaft anfeuern …

Zur damaligen Zeit war die Medizin noch nicht so weit wie heute. Eine Kniepunktion war ein richtig schwerwiegender und schmerzhafter Eingriff, aber das wusste ich bisher (noch) nicht. Ich machte mir also keine großen Gedanken, als es zum OP-Raum ging. Nach einer örtlichen Betäubung fing der Doc an: Er schob mir einen Eisenstab, etwa so dick wie ein Strohhalm, unter die Kniescheibe. Scheiße, tut das weh! Anschließend saugte er noch Blut und Wasser aus meinem dick angeschwollenen Knie.

Mit höllischen Schmerzen und Tränen in den Augen wurde ich nach dem Eingriff in den Gipsraum verfrachtet. Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis zwei Pfleger den Raum betraten. Sie sagten mir, dass ich jetzt einen Gipstutor verpasst bekäme. Also eine Gipshülse, die vom Fußknöchel bis kurz unter die Leiste geht. Um 14:30 Uhr war ich fertig, sowohl mit der Untersuchung und dem Gips als auch mit den Nerven. Die beiden Pfleger holten meinen wartenden Freund Horst vom Flur in das Behandlungszimmer und riefen uns ein Taxi für die Heimfahrt. Uns wurde deutlich erklärt, dass ich mit dem Gips auf keinen Fall auftreten oder herumlaufen durfte.

»Was?« Wir schauten uns erschrocken an. »Wir wollten doch gleich zum Pokalspiel nach Köln!«, sagten wir. Die Pfleger sahen sich an, lachten uns aus und meinten, dass wir das ganz schnell vergessen können. Ich bekam ein absolutes Gehverbot, und Krücken! Bevor wir das Krankenhaus verließen, bekam ich zwei Schmerztabletten und den Hinweis, dass ich diese nur bei starken Schmerzen nehmen sollte.

Ich saß still und schwer enttäuscht mit meinem Gipsbein auf der Rückbank im Taxi, neben mir die Gehhilfen, als ich den Taxifahrer plötzlich anschrie: »Halt! Stopp!« Der Taxifahrer trat sofort auf die Bremse und fuhr rechts ran. »Oh mein Gott, was ist passiert? Ist irgendwas mit deinem Bein?«, fragte er erschrocken. »Nein«, antwortete ich ihm. »Alles ok, aber da drüben, da an der Straßenbahnhaltestelle stehen meine Kumpels. Und die wollen jetzt zum Pokalspiel nach Köln fahren …«

Tatsächlich standen an der Haltestelle „Hugobahn“ in Gelsenkirchen-Beckhausen über 20 Schalker in Trikots und königsblauen T-Shirts. Alle trugen selbstgestrickte Schals um den Hals, einige hatten blau-weiße Fahnen, damals noch ohne Vereinslogo, bei sich und warteten singend auf die Straßenbahn. Alle Versuche von meinem Freund Horst und vom Taxifahrer, mich vom Aussteigen abzuhalten, blieben erfolglos. Ich quälte mich mit meinen Krücken und dem Gipsbein aus dem Taxi und humpelte rüber zu meinen Kumpels, die mich freudig begrüßten. Das freudig begrüßen hieß damals bei uns, von jedem Kumpel einen großen Schluck aus der Flasche zu nehmen. Und das war eine verdammt harte Prüfung: Zu der Zeit war es bei uns üblich, dass wir uns vor jeder Auswärtsfahrt den billigsten Korn gekauft und fast eins zu eins mit Cola gemixt haben. Kein Wunder, dass meine Schmerzen im Knie schnell verschwanden und ich die Krücken nur noch unter dem Arm hielt.

Gehverbot hin, Gipsbein her. Natürlich bin ich mit meinen Kumpels zum Pokalspiel nach Köln gefahren und habe singend, hüpfend und trinkend im Schalke-Block gestanden. All das ging auch richtig gut mit Cola-Korn. Als sich die Schmerzen im Knie irgendwann aber trotzdem wieder bemerkbar machten, fielen mir die zwei Schmerztabletten aus dem Krankenhaus ein, die ich in der Tasche hatte. Die sollte ich doch nur bei starken Schmerzen nehmen, also jetzt. Ich warf mir direkt beide Tabletten auf einmal ein und spülte diese mit einem ordentlichen Schluck Cola-Korn runter. Und weg waren die Schmerzen …

In der 15. Minute kannte meine Glückseligkeit keine Grenzen mehr, da Klaus Fischer das 1:0 für unsere Schalker erzielte. Na gut, am Ende des Spiels mussten wir eine böse 1:4 Klatsche hinnehmen. Mit meinen Krücken unter dem Arm ging es wieder zurück nach Gelsenkirchen. Wir hatten alle noch ein wenig Hoffnung auf das Rückspiel in zehn Tagen. Es war noch nicht das Aus für Schalke, für mein Knie schon.

Drei Tage nach dem Pokal-Fight, also an einem Freitag, musste ich wieder ins Krankenhaus Bergmannsheil. Mein Knie schmerzte höllisch. Die Schwester, die mir den Gips entfernte, schimpfte wie ein Rohrspatz auf die Pfleger, die mir den Gipsverband angelegt hatten. »Wie konnten die beiden das nur so einen stümperhaften anlegen«, meckerte sie. »Der ist ja überall gebrochen! Was haben die beiden da für einen Scheiß gemacht?« Ich ließ sie einfach weiter schimpfen, denn sie wusste ja nichts von meinem Ausflug nach Köln …

Als der Gips ab war, kam auch schon der Doc ins Behandlungszimmer. Er schaute verwundert auf mein Knie, dass wieder dick angeschwollen war. Er tastete es ab und fragte mich, ob ich es stark belastet hätte. Ich schluckte. »Naja, ich bin nicht mehr als unsere Spieler in Köln gelaufen«, sagte ich. Daraufhin lachten der Doc und die Schwester laut, ich aber auch.

Mein linkes Knie ist seitdem kaputt. Noch heute habe ich große Probleme damit und bei den letzten Untersuchungen stellte sich heraus, dass an dem Knie eigentlich nichts mehr so richtig funktioniert. Aber ehrlich, wen hat das früher schon gestört, was später einmal ist. Schon damals zählte für viele wie mich, dass nichts wichtiger sein darf als Schalke. Schalke, wir leben dich …

Das Rückspiel im DFB-Pokal gegen Köln war am Samstag, 10. Juni 1972. Ein Tag, den ich niemals vergessen werde. Die Glückauf Kampfbahn platzte aus allen Nähten, mehr als 35.000 Zuschauern kamen zu diesem Spiel, obwohl der Vorstand von Schalke einen Topspielzuschlag verlangte. Die teuerste Karte kostete damals satte 25 Mark. Natürlich machten wir uns alle gegenseitig Mut. »Wir packen das. Hopp, hopp, hopp – heut schlachten wir den Ziegenbock!« Aber uns war auch klar, dass der Tabellenvierte aus Köln guten Fußball spielen kann und die Geißböcke würden den 4:1 Vorsprung aus dem Hinspiel mit allen Mitteln verteidigen.

Da damals die auswärts geschossenen Tore nicht doppelt zählten, war die Rechnung für dieses Spiel einfach: Wir müssten mindestens ein Ergebnis mit drei Toren Unterschied erzielen, um wenigstens in die Verlängerung zu gehen. Vier Tore Unterschied wäre der Einzug ins DFB-Pokalfinale. Es wurde das verrückteste und spannendste Spiel, das ich je auf Schalke gesehen habe. Schalke legte direkt zu Beginn los, wie die Feuerwehr und führte nach Toren von Fischer (14.), Rüssmann (32.) und Scheer (41.) schon mit 3:0. Wir hatten damit das Ergebnis aus dem Hinspiel ausgeglichen. Die Kampfbahn bebte und die Zuschauer in der Nordkurve schrien sich die blau-weiße Seele aus dem Leib. Doch nur eine Minute später wurden wir aus den Träumen gerissen und Löhr traf zum 3:1. Die Kölner waren jetzt wieder im Finale, aber es kam noch schlimmer. In der 52. Minute versenkte Löhr einen Elfmeter zum 3:2 und viele Schalker dachten, das sei das Ende. Als dann auch noch Klaus Beverungen zehn Minuten vor Abpfiff den Elfer für uns nicht verwandelte, gingen die ersten Zuschauer bereits aus dem Stadion. Auch ich hätte heulen können …

Doch in der 85. Minute zeigte der Schiedsrichter erneut auf den Punkt, es gab wieder einen Elfer für uns. Diesmal schnappte sich Helmut Kremers den Ball und versenkte ihn zum 4:2. »Jaaaaa!« Plötzlich tobte die Glückauf Kampfbahn und die Fans hatten wieder Hoffnung, wie die Mannschaft wohl auch. Die Knappen kämpften und grätschten, was das Zeug hielt, sie schlugen jeden Ball unermüdlich in den Kölner Strafraum, aber die Kugel wollte einfach nicht reingehen. Hinzu verzögerten die Kölner das Spiel so, wie wir es eigentlich nur von den italienischen Mannschaften kannten. Der Schiri konnte nicht anders und entschied für eine Nachspielzeit von 5 Minuten. 5 Minuten, noch gab es eine Chance.

Mit einer sagenhaften Unterstützung der Fans rollte Angriff auf Angriff auf das Kölner Tor. Aber die Sekunden verflogen und es kam der letzte Angriff der Schalker. Als der Schiedsrichter gerade abpfeifen wollte, wurde Rolli Rüssmann im Strafraum umgerissen. Elfmeter für Schalke! Die Kampfbahn bebte und bebte …

Helmut Kremers läuft an, schießt und trifft zum 5:2. Verlängerung!

Meine Kumpels und ich hielten es in der Kurve nicht mehr aus. Wir öffneten die kleine Tür im Zaun in der Nordkurve und stürmten in den Innenraum, gefolgt von hunderten Schalkern. Ich war auf dem Platz, mit meiner großen Schalke-Fahne und zum Glück ohne Gips – der wurde zwei Tage vor dem Spiel abgenommen. Die Verlängerung wurde angepfiffen.

Als nur noch zehn Minuten zu spielen waren, gab der Schiedsrichter den fünften Elfmeter in diesem Spiel, diesmal wieder für die Kölner. Wir waren entsetzt, das war es dann wohl für Schalke. Biskup läuft an und Norbert Nigbur pariert. »Schaaaaaaalke, Schaaaaaaaaaaaaaaaalke!« Wir lagen uns in den Armen. Schalke war im Elfmeterschießen! Und weiter ging es.

Wir Fans standen gequetscht hinter dem Tor sowie rechts und links davon am Strafraum. Auch ich stand dort mit meiner großen blau-weißen Fahne. Ich sah die durchschwitzen Trikots der Spieler, ich sah die Schweißperlen und die Anspannung in ihren Gesichtern. Auch ich war angespannt und musste pinkeln. Aber jetzt? Unmöglich! Los ging das Elfmeterschießen.

Bei den Kölnern verschossen Overath und Glowacz, bei Schalke Libuda und zum zweiten Mal in diesem Spiel Beverungen. So ging es die ganze Zeit hin und her. Mal sind in diesem spannenden Spiel die Kölner so gut wie weiter, mal Schalke. Bis zum Elfmeter Nummer 21! Der 21. Elfmeter wird vom Kölner Cullmann an den Pfosten geballert und Schalke zieht ins Pokalfinale 1972 in Hannover gegen die roten Teufel aus Kaiserslautern ein. Die Stimmung in der Glückauf Kampfbahn kochte über. »Finaaaale!« Ein Tag, den ich niemals vergessen werde. Ich war dabei!

»Manche Leute halten Fußball für eine Sache von Leben und Tod. Ich kann Ihnen versichern, es ist sehr viel wichtiger.«

(Bill Shankly)

1972 – Schalke wird Herbstmeister und ich erlebe mein zweites Finale.

Am Samstag, den 11. Dezember 1971, waren die Bayern zu Gast in Gelsenkirchen und die Glückauf Kampfbahn war, wie immer zu diesem „Top-Spiel“, restlos ausverkauft. Kein Wunder, wir waren am letzten Spieltag mit 26:6 Punkten, also mit einem Punkt Vorsprung vor den Bayern, Tabellenführer. Wir brauchten daher nur ein Unentschieden, um Herbstmeister zu werden.

Bis zur Halbzeit sah es ganz gut für uns aus, wir kämpften und versteckten uns nicht vor den Bayern. Somit ging es verdient mit einem 0:0 in die Halbzeit. Die Stimmung war gut und die Fans standen wie eine Eins hinter der Mannschaft. Dann kam die 77. Minute und Heinz van Haaren schoss das goldene Tor zum 1:0 für Schalke. Die Glückauf Kampfbahn bebte und der FC Schalke 04 war Herbstmeister.

Die Fans in der Nordkurve tobten. Damals gab es in der Kurve neben den normalen Fahnen auch viele besonders große Fahnen, so wie meine. Dennoch konnte man noch nicht von einem „blau-weißen Fahnenmeer“ sprechen. Egal. Ich war immer mittendrin, statt nur dabei.

Ich erinnere mich noch so genau an dieses Spiel, da vor mir in der Nordkurve zwei hübsche Mädels standen, die mir vorher noch nie aufgefallen sind. Mein Freund Ralle und ich haben den Torjubel sowie den Abpfiff zum Herbstmeister genutzt, um die Mädels zu umarmen, und zwar länger als sonst üblich. Sollte ich an diesem Tag etwa nicht nur Herbstmeister werden, sondern auch meine erste feste Freundin finden? Mir gefielen beide Mädels, Ulla mit den langen blonden Haaren und die kühle Susanne. Bei Ralle und Susanne hatte der Torjubel wohl Wirkung gezeigt, bei Ulla und mir leider nicht. Somit habe ich Ulla schnell vergessen, die Herbstmeisterschaft aber nicht …

Ich liebte die Nordkurve, die früher überhaupt nicht mit heute zu vergleichen war. Es gab weder Fangruppierungen, keinen Capo und nur wenige Fan-Clubs. Nichts war geplant oder organisiert, die Stimmung sprang mit dem Funken der Mannschaft auf die Fans über. Jeder hat gesungen, was und wie er wollte. Es kam daher öfters vor, dass verschiedene Lieder aus unterschiedlichen Richtungen gesungen wurden. Das Lied der lauteren Gruppe wurde dann von allen anderen übernommen.

Die Auswärtsfahrten mit Schalke waren immer wie ein Überraschungsei: Ein bisschen Spiel, ein bisschen Spaß und ganz viel Spannung. Denn meist hast man erst im Bus erfahren, wer aus der Nordkurve auf der Fahrt mit dabei war. Die Busfahrkarten haben wir uns immer im Reisebüro Laska gekauft. Es gab keine Anmeldelisten, wer zuerst kam, war dabei.

Natürlich gab es auch früher schon Sonderfahrten mit dem Zug, die waren für uns Fans mit den großen Fahnen jedoch ganz schön gefährlich. Denn selbst wenn wir unsere Fahnenstangen in der Mitte teilen konnten, waren diese immer noch 2,5 bis 3 Meter lang. Die Bahnangestellten machten daher jedes Mal drei Kreuze, wenn wir mit dem Zug verschwunden waren. Die Sorge der Angestellten war groß, dass wir mit unseren langen Fahnenstangen an die Oberleitung kommen.

Aber auch beim Einstieg gab es oft Probleme, da die langen Fahnenstangen durch die Fenster in den Zug gereicht werden mussten. Wenn Hunderte von Fans auf dem Bahngleis drängeln, während andere mit ihren langen Fahnenstangen rumhampeln, wird es schnell stressig und so manche Zugscheibe ging zu Bruch.

Vor der Abfahrt in Gelsenkirchen sind wir oft in das WEKA (Westfälisches Kaufhaus) gegangen und haben uns mit einem Stauder Bier für 0,40 Pfennig eine Erfrischung gegönnt. Das war jedes Mal ein großes Schauspiel, wenn 150 bis 200 Schalke-Fans singend mit ihren Fahnen die Rolltreppe in die vierte Etage gefahren sind. Während die ersten Fans ihr Bier schon ausgetrunken hatten, standen die letzten Schalker noch immer unten an der Rolltreppe.

Ich glaube schon, dass meine Kumpels und ich so etwas ähnliches wie „Anführer“ der Nordkurve waren, auch wenn es keine organisierten Strukturen gab. Wenn ich mit Ralle, Harry, Wowo und meinen anderen Freunden irgendwo hingegangen bin, folgten uns fast alle. Ohne jemals mit meinen Jungs darüber gesprochen zu haben, denke ich, dass Ralle unser „Anführer“ war.

Ralle hatte eine große Klappe, liebte Auseinandersetzungen und legte sich daher auch gerne mit den Ordnungskräften an. Natürlich gab es viele „gefährliche“ Situationen, in die wir reingeraten sind. Manchmal, weil wir „die anderen“ suchten, häufig aber auch, weil „die anderen“ sich auf die Suche nach uns machten. Es wurden hin und wieder auch Backpfeifen verteilt und nicht immer sahen wir bei diesen Begegnungen gut aus. Aber wir haben zusammengehalten, und zwar immer. Nicht nur wenn es brenzlig wurde, sondern auch, wenn einer von uns Hilfe benötigte.

Am 28. Juni ging es, drei Tage nach meinem 18. Geburtstag, mit dem Sonderzug nach München. Die Bayern hatten nur einen Punkt Vorsprung, sodass wir das Spiel gewinnen mussten. Haben wir aber nicht. Wir haben fürchterlich einen auf den Arsch bekommen und 5:1 verloren. Somit hat die Herbstmeisterschaft leider nicht gereicht, um am Ende der Saison Meister zu werden. Die Bayern schnappten sich den Titel mit drei Punkten Vorsprung. In großer Trauer sind wir als Vizemeister jedoch nicht verfallen. Denn kaum aus München zurück, mussten wir am Samstag (1. Juli) gleich weiter zum Pokalfinale nach Hannover, der 1. FC Kaiserslautern war unser Gegner.

An diesem Samstag fuhr ich morgens mit der Straßenbahn zum Hauptbahnhof, meine große Fahne war selbstverständlich dabei. Dort empfingen mich meine Freunde wie immer mit lauten Gesängen. Der Frust von München war spätestens jetzt bei allen vergessen. Wir wollten auf den Bahnsteig gehen, als ich merkte, dass mein Portemonnaie weg ist. Ausweis, Zugfahrkarte und Eintrittskarte sowie mein gesamtes Bargeld, alles war weg. Aber in diesem Moment zeigte sich wieder einmal, wie schön es ist, wenn man gute Freunde hat. Es wurde nicht lange diskutiert und meine Freunde griffen in die Tasche, legten das Geld zusammen und kauften mir eine Fahrkarte und später in Hannover sogar noch die Eintrittskarte. Bratwurst und Bier brauchte ich an diesem Tag auch nicht bezahlen. Ja, meine Freunde und ich haben immer zusammengehalten und alles gemeinsam durchgestanden. Es war eine schöne und wilde Zeit, die ich nicht missen möchte.

Das Finale haben die Schalker souverän mit 5:0 gewonnen, die Tore schossen Helmut Kremers (15., 82.), Klaus Scheer (20.), Herbert Lütkebohmert (57.) und Klaus Fischer (66.). Nach dem verpatzten Pokalfinale 1969, bei dem ich aufgrund von Windpocken das Spiel am Radio im Bett verfolgen musste, war dies nun mein erstes Pokalfinale „live im Stadion“. Und es sollte nicht das letzte bleiben.

Drei Tage nach dem Pokalsieg habe ich mich bei der Bundeswehr als Zeitsoldat beworben. Am 1. Oktober 1972 begann meine Dienstzeit und der Kontakt zu meinen Freunden wurde leider immer weniger. Natürlich haben wir uns in den folgenden Monaten noch regelmäßig in der Kurve getroffen. Aber wie es im Leben meistens ist, die gemeinsamen Zeiten werden im Alter weniger und irgendwann trennen sich die Wege oftmals sogar für immer.

Die kühle Susanne aus der Nordkurve ist die einzige, mit der ich heute noch ein wenig Kontakt über Facebook habe. Und das freut mich sehr. Immer wenn ich etwas von ihr höre, denke ich an die alten Zeiten zurück, als Rolli noch ein richtig verrückter Schalker war, der mit seinen Jungs loszog …

»Ich bin in einem Alter, in dem man Jugendsünden gestehen sollte, bevor man sie vergisst.«

(Ephraim Kishon)

1975 – Meine erste eigene Bude.

Welcher Mann träumt nicht davon, ein Zimmer in seinem Vereinslokal zu haben? Ja, genau dort war meine erste eigene Bude. Ich wohnte über dem Vereinslokal von Beckhausen 05, „Der Sportplatz “, ganze 400 Meter von meinem Elternhaus entfernt. Eigentlich hatte ich gar nicht vor, mir eine eigene Wohnung zu nehmen. Aber da ich sowieso immer einer der letzten Gäste in unserem Vereinslokal war, glaubte eh jeder, dass ich in der Kneipe wohnte.

Meine Wirtin Gudrun war 24 Jahre jung und seit sechs Jahren mit Wolfgang verheiratet, die beiden hatten einen dreijährigen Sohn namens Thomas. Ich hatte von Anfang an sehr guten und engen Kontakt zu Gudrun. Nicht mehr, nicht weniger. Sie war meine Wirtin. Unabhängig davon stand ich eher auf Mädels mit langen blonden Haaren, ohne Brille und ohne Sommersprossen. Gudrun hatte zwar keine Brille, aber sie hatte kleine Sommersprossen und sie war nun einmal nicht blond. Auch wenn ich zugeben muss, dass die Sommersprossen niedlich aussahen, spielte das keine Rolle, denn Gudrun war meine Wirtin. Aber wir fanden uns sympathisch, verstanden uns ausgezeichnet und vertrauten uns immer und überall.

Neben der Gaststätte befand sich die Pächterwohnung im Erdgeschoss. Zu dieser Wohnung gehörte noch ein weiterer Raum, der jedoch nie benutzt wurde. Er befand sich nämlich in der dritten Etage unter dem Dach. Das Zimmer war vielleicht 15 qm groß und hatte nur ein Waschbecken, sonst nichts. Daneben war der Dachboden, in dem die sieben Mietparteien ihre Wäsche trockneten.

Als ich eines Morgens, nach einer durchzechten Nacht im Vereinslokal, gefragt wurde, wann ich nach Hause gegangen wäre, antwortete meine Wirtin Gudrun: »Wie immer. Rolli war der Letzte. Er kann hier wirklich bald einziehen.« Alle lachten und ich sagte: »Genau, und morgens komme ich dann immer zum Frühstücken zu euch nach unten« und wir alle hatten unseren Spaß. Es konnte ja auch niemand damit rechnen, dass aus dem Spaß schon am anderen Tag Ernst wird.

Und so kam der andere Tag. Wie immer haben wir uns vor den Heimspielen im Vereinslokal getroffen. Meine Wirtin Gudrun fragte mich plötzlich ernsthaft, ob ich das Zimmer haben möchte. Für 50 DM könnte ich die Bude haben, Nebenkosten wie Strom und Heizung sind inklusive, allerdings hat das Zimmer keine Toilette. Daraufhin habe ich mir die Bude einmal etwas genauer angeschaut und bekam doch irgendwie Zweifel. Seit Jahren hat hier keiner mehr gewohnt, das war nicht zu übersehen. Das Zimmer musste entrümpelt, die alten Tapeten entfernt und die Wände neu tapeziert werden. Die Tür und das Fenster brauchten einen Anstrich und der Teppich musste entsorgt werden. Solche Arbeiten habe ich nie machen müssen. Aber trotzdem sagte ich nach kurzem Zögern zu, schließlich musste ich die ersten zwei Monatsmieten nicht bezahlen. Das Geld diente als Renovierungszuschuss. Jetzt musste ich meinen Eltern nur noch beichten, dass ich mir „mal so nebenbei“ eine eigene Bude besorgt habe und ausziehen werde. Ich überlegte, was ich ihnen sagen könnte.

»Ich bin doch nur knapp 400 Meter von euch weg. Zum Essen und Kacken komme ich wahrscheinlich eh jeden Tag vorbei und die schmutzige Wäsche bringe ich dann auch gleich mit. So gesehen ist das ja eigentlich kein Auszug aus dem Elternhaus.« Genau so wollte ich meinen Eltern den Auszug erklären. Die Frage: »Ach Papa, du weißt ja, dass ich immer so wenig Zeit habe. Kannst du mir die Bude mal schnell renovieren?« wollte ich so ganz nebenbei stellen. Das wird er bestimmt machen, dachte ich. Dachte ich …

Meine Mutter sagte gar nichts zum Auszug und mein Vater zeigte mir den Vogel. »Mach deinen Mist doch allein, wenn du selbstständig sein willst«, meinte er. Aber mein Vater wäre nicht mein Vater, wenn er mir nicht die Bude renoviert hätte. Während ich mit meinen Freunden und mit meiner großen Fahne beim Schalker Auswärtsspiel alles gegeben habe, durfte mein Vater allein die Bude entrümpeln und renovieren. In der darauffolgenden Woche ist meine Mutter mit mir nach Buer gefahren und wir haben ein richtiges Jugendzimmer gekauft. Ja, meine Mutter war beim Kauf dabei. Immerhin hat sie die Hälfte des Geldes dazugegeben.

So hatte ich schnell meine erste eigene Bude. Aber es gab ja noch das Problem mit der fehlenden Toilette. Solange das Vereinslokal geöffnet hatte, konnte ich dort das stille Örtchen aufzusuchen. Aber die Kneipe hatte ja leider nicht immer geöffnet. An Ruhetagen habe ich also die Toilette bei meinen Eltern aufgesucht, der Weg dorthin war ja nicht weit. Als lustiger Junggeselle ging die Party bei mir aber häufig weiter, auch wenn die Wirtin Feierabend machte.

Ich gebe zu, wenn mit 21 Jahren die Sinne von mehreren Bierchen umnebelt sind und in deinem Zimmer ein paar betrunkene junge Leute feiern, machst du Sachen, über die du im Alter nur den Kopf schütteln kannst. Egal ob Jungs oder Mädels, alle haben das Waschbecken auf dem Dachboden als Ersatztoilette genutzt. Natürlich bekamen die Nachbarn schnell mit, was bei mir abging. Zwei bis dreimal in der Woche stieg die Party mit viel Lärm, Musik und Mädels, die Schritte auf dem Dachboden waren überall zu hören. Schon in der ersten Woche meiner eigenen Bude hat sich die Hälfte der Mieter beschwert, in der zweiten Woche die restlichen Mieter. Irgendwie verständlich, denn hätte ich damals von jedem Übernachtungsgast 10 DM genommen, hätte ich ohne Probleme die Miete für ein ganzes Jahr im Voraus bezahlen können. Wenn meine Freunde in der richtigen Bierlaune waren, haben sie teilweise mit vier oder fünf Leuten bei mir geschlafen. Meistens waren es zwar nur ein paar Stunden, aber das lag eher daran, dass wir bis zum Morgengrauen feierten.

Aber es waren nicht nur gute Freunde, die bei mir in der Bude gefeiert und geschlafen haben. Ich hatte viele Mädels zu Besuch. Warum und wieso kann ich heute eigentlich gar nicht beantworten, das müsste man eher Gudrun fragen, da sie alles besser beobachten konnte. Aber ich fühlte mich in keiner Weise als Aufreißer. Ich hatte keine feste Freundin, ich war Zeitsoldat, ich war Schalker und mein Lebensstil war bedenkenswert. Wann sollte ich da noch Zeit für eine Beziehung finden? Wenn die Jungs in unserem Vereinslokal knobelten, am Flipperautomat spielten oder am Billardtisch die Kugel einlochten, habe ich mich immer um die Mädels gekümmert. Ein Scherz hier, ein Kompliment da und manchmal habe ich mich auch selbst auf die Schippe genommen. So schnell wird man zum Hahn im Korb. Doch ich habe den Mädels auch häufig mit Tränen in den Augen erzählt, wie schwer mein Junggesellenleben war. Der Dienst bei der Bundeswehr ist hart und anstrengend, sodass ich in meiner schönen kleinen Bude nicht mehr zum Aufräumen oder Abwaschen komme.

»Willst du mal meine schöne Schalke Bude sehen?«, fragte ich dann meist und fast alle Mädels wollten meine Bude sehen. Sie kamen mit nach oben, haben das dreckige Geschirr abgewaschen und das Zimmer geputzt. Danach haben wir es uns gemütlich gemacht und zusammen etwas getrunken. Als wir später wieder ins Vereinslokal kamen, waren die Mädels meist stolz, einem armen Schalker geholfen zu haben. Und ich? Ich habe den Mädels nichts dafür bezahlt, oder besser: ich habe kein Geld geben müssen.

Meine Gudrun ist noch heute meine Zeugin der wilden Zeit als Junggeselle. Auch wenn sie die vielen Mädels nicht gezählt hat, hat sie alles mitbekommen. Das haben Wirtinnen (aber auch Wirte) wohl so an sich.

»Es muss nicht immer alles Sinn machen. Oft reicht es schon, wenn es Spaß macht.«

1976 – Erst meine Wirtin, dann meine Ehefrau: meine Gudrun.

Der Ruf, ein großer Schalke-Fan zu sein, verfolgte mich schon ziemlich früh. Und darauf war ich stolz, mächtig stolz. Das angeblich kein Mädel vor mir sicher war, ist mir ehrlich gesagt gar nicht so aufgefallen. Auch wenn mich viele Mädels in meiner ersten eigenen Bude besucht haben. Und es waren tatsächlich viele, vielleicht sogar sehr viele Mädels, die sich mein Zimmer angeschaut und den ein oder anderen Abwasch gemacht haben. Aber meist haben wir nur etwas getrunken, während ihre Freunde unten im Vereinslokal flipperten oder auf sie warteten.

Wolfgang, der Mann meiner Wirtin Gudrun, war verdammt eifersüchtig auf mich und hat mir immer eine Szene gemacht, wenn er getrunken hatte. Jedes Mal habe ich ihm geschworen, dass ich nichts mit seiner Frau, meiner Wirtin, hatte. Das sollte aber nicht heißen, dass sie nicht gut aussah. Gudrun war nicht mein Typ und zudem meine Wirtin. Und mit seiner Wirtin fängt man nichts an. Außer einem sehr guten, vertrauten und freundschaftlichen Verhältnis war nichts zwischen uns. Aber erzählt das mal einem eifersüchtigen Ehemann …

Aber wisst ihr, wenn man einem lange genug etwas einredet, dann glaubt man es später auch. Irgendwann, ich weiß nicht nach wie vielen weiteren Damenbesuchen auf meinem Zimmer, wurde Gudrun für mich immer interessanter. Es folgten zufällige Berührungen beim Bezahlen, ein intensiver Blickkontakt und wir hatten gemeinsame Lieblingslieder aus der Musikbox. Zu unseren Favoriten gehörten „Rocky“ von Frank Farian oder „Mississippi“ von Pussycat.

Ich konnte es kaum erwarten, jeden Tag nach Dienstschluss bei der Bundeswehr, mit meinem königsblauen FIAT 500 von Münster nach Gelsenkirchen zu rasen. Ja, ich hatte mich in meine Wirtin verliebt. Ich hatte mich in Gudrun verliebt.

Liebe ist schön? Nicht für mich und nicht in dieser Situation. Ich habe der Mutter von Wolfgang monatelang versichert, dass ich nichts von seiner Frau wolle. Tja, und nun war ich in sie verliebt. Wenn ich sie sah, fühlte ich etwas ganz anderes als bei all den anderen Mädels. Also hieß es für mich, allen Mut zusammennehmen. Denn was raus muss, muss raus.

Es war Freitag, der 12. März, als ich mit Freunden und Sportkameraden in unserem Vereinslokal in Beckhausen feierte, so wie eigentlich jedes Wochenende. Ich war mit meiner großen Klappe wieder einmal der Alleinunterhalter in der Gruppe, trotzdem suchten meine Augen immer wieder den Blickkontakt zu Gudrun. Bildete ich es mir nur ein, oder erwiderte sie die Blicke? Ich dachte an die Worte meines Vaters. »Wenn der Pimmel steht, ist der Verstand im Arsch«, sagte er einmal. Nein! Gudrun ist verheiratet und hat einen Sohn...

Ich versuchte die Gedanken mit Schalke Liedern zu verdrängen, schließlich stand am Samstag das Spiel gegen Hertha BSC Berlin an. Ich grölte mit meinen Freunden laut und falsch, aber die Nähe zu Gudrun zog mich magisch an. Ich konnte ihrem Lächeln nicht mehr widerstehen und fragte sie, ob wir zusammen Musik aus der Box auswählen sollen. Eine doofe Frage, immerhin kannten wir die Nummern „unserer Lieder“ auswendig. Trotzdem kam sie mit zur Musikbox.

»Du gehst doch morgen früh wieder einkaufen, kann ich dich dann mal was fragen?«, flüsterte ich ihr zu. Und das auch nur, weil ich schon etwas getrunken hatte, sonst wäre die Frage nie über meine Lippen gegangen. Gespannt wartete ich auf ihre Antwort und dachte, dass sie mir gleich den Vogel zeigt. »Ja, klar. Sagen wir um 9:30 Uhr auf dem Markt in Beckhausen?« sagte sie. Mein Herz hüpfte vor Freude und ich bekam einen roten Kopf. Am liebsten hätte ich mein Glück laut herausgeschrien, aber es kam nur ein leises »Ok.« Es sollte schließlich keiner etwas davon erfahren.

Der Abend in unserem Vereinslokal wurde lang, sehr lang. Ich wollte einfach nicht mehr weg von Gudrun. Aber irgendwann gegen 2:00 Uhr war Feierabend. Wie meistens konnte ich den Deckel nicht bezahlen, aber bei meiner Wirtin hatte ich unbegrenzten Kredit. Somit kam der Deckel zu den anderen. Ich glaube, alle Deckel im Vereinslokal zusammengerechnet würden ausreichen, um mindestens zwei Monatspachten zu bezahlen. In dieser Nacht konnte ich gut schlafen, das lag mit Sicherheit auch am großen Alkoholkonsum. Aber trotzdem wurde ich um 7:00 Uhr durch das Klingeln meines Weckers aus dem Schlaf gerissen. So gut es ging, bereitete ich mich auf mein Gespräch mit Gudrun vor.

Was sage ich ihr? Wie sage ich es ihr? Wie wird sie reagieren? Fragen über Fragen, aber nun gab es kein Zurück mehr. Männer müssen das tun, was sie tun müssen. Um 9:00 Uhr wartete ich in meinem FIAT 500 am Marktplatz in Beckhausen auf Gudrun. Zäh wie flüssiger Honig zogen die Minuten dahin. Ich überlegte ernsthaft zu flüchten, aber das habe ich bisher noch nie getan. Aber ich grübelte. Mein Gott wie dumm bin ich. Gudrun war zweieinhalb Jahre älter als ich, sie hatte einen Sohn und einen Mann, mit dem sie schon sieben Jahre verheiratet war. Sie war selbständig und führte wahrscheinlich ein zufriedenes Leben. Was soll ich ihr sagen? Ehrlich, ich hatte Köttel in der Hose. Ich überlegte, noch einmal zu verschwinden, aber es war zu spät. Gudrun kam mit wippenden Schritten über den Marktplatz auf meinen Wagen zu, öffnete die Tür und setzte sich. Nun gab es kein Zurück mehr.

Und jetzt? Was sage ich? Oh mein Gott, bin ich doof. Es gab kaum Zeit zum Nachdenken. »Na, wie kann ich dir helfen?« fragte sie. Indem du mich in den Arm nimmst und küsst, dachte ich und umklammerte mit meinen schwitzenden Händen krampfhaft das kleine Lenkrad. Und so machte ich das, was ich eigentlich immer mache. Ich sagte, was ich dachte und fühlte. »Gudrun, ich kann nicht mehr richtig arbeiten.« Sie fragte »Warum?«, und ich antwortete, »Weil ich immer nur an dich denken muss. Egal was ich mache, egal was passiert, ich denke immer nur an dich.«

Jetzt war es raus und ich stellte mich auf das Schlimmste ein. Jetzt wird sie mich anschreien und beschimpfen. Sie wird schreiend aus dem Auto stürzen, zu ihrem Wolfgang rennen und ihm alles erzählen. Oder sie wird mir eine scheuern. Aber nichts davon geschah. Es war mucksmäuschenstill im Auto. Schweigend saßen wir nebeneinander, die Blicke stur geradeaus. Nur unsere Atemzüge waren zu hören. Ich sagte nichts mehr. Gudrun sagte nichts mehr. In Liebesfilmen passiert so etwas nie und ich wollte am liebsten sagen, dass alles nur ein Scherz war. Aber nichts geschah. Wir blieben beide stumm und bewegungslos im Auto sitzen. Die Sekunden zogen sich wie Kaugummi und ich dachte daran, dass heute das Spiel gegen Berlin ist … Keine Ahnung, ob das der Grund war, weshalb ich die Stille mit den Worten »Darf ich dir ein Kuss geben?« unterbrach, aber genau das tat ich. Und ja, ich durfte sie küssen.

Zwei Stunden später saß ich in meinem Schalke-Outfit vor der Theke meiner Wirtin Gudrun, die große Fahne lehnte an der Wand und ich trank mein Alt mit Schuss. Schalke hatte an diesem Tag nicht für mich gespielt, denn es reichte nur für ein 2:2 vor knapp 20.000 Zuschauern im Parkstadion. Gede machte das 1:0 in der 44. und Klaus Fischer das 2:0 in der 52.Minute. Aber das war mir an diesem Tag sowas von egal. Ich hatte gewonnen, ich hatte Gudruns Herz gewonnen!

Das Vereinslokal war nach dem Spiel wie immer rappelvoll und Gudrun und ihre beiden Helfer hatten alle Hände voll zu tun, um die durstigen Kehlen der Gäste zu löschen. Doch immer wieder suchte ich heimlich den Körperkontakt zu ihr. Bei jedem Glas Alt mit Schuss, dass sie mir reichte, streiften sich unsere Hände. Immer wieder gab es heimliche Berührungen, wenn sich unsere Wege kreuzten. Irgendwann zu fortgeschrittener Stunde habe ich meinen ersten und einzigen Liebesbrief geschrieben. Auf einem Bierdeckel auf der Toilette schrieb ich die berühmten drei Worte Ich liebe dich! Romantisch, oder nicht? Es wurde noch romantischer: Bei der großen Hektik im Lokal konnte ich Gudrun den „Liebesdeckel“ unauffällig zustecken. Sie las die Zeilen, lächelte mir zu und versteckte den Deckel in dem großen Stapel unbezahlter Deckel. Dort wollte sie ihn später heimlich wieder herausholen und verschwinden lassen. Wollte sie, dabei ist es auch geblieben …

In den folgenden Tagen telefonierten wir viel und lange miteinander. Mich beschäftigte die ganze Zeit nur eine Frage: Wie geht es weiter? Und nach 14 wundervollen Tagen, wie sie nur Verliebte erleben können, stellte ich meiner Gudrun nun diese Frage. »Wie geht es weiter?«

Ich war dafür, offen und ehrlich zu sein und loszustürmen. »Sag es Wolfgang. Egal was passiert, ich bin bei dir.« Gudrun stimmte zu. Sie wollte es Wolfgang im richtigen Augenblick erklären. Aber wie es nun einmal mit dem richtigen Augenblick ist, er ist nie da! Es verging eine Woche, es verging die nächste Woche, und der richtige Augenblick war immer noch nicht gekommen. Mir war schon bewusst, wie schwierig die Situation für Gudrun war. Sie lebte in ihrer eigenen Wohnung, führte allein eine gutgehende Gaststätte und hatte ein Kind mit ihrem Mann Wolfgang. Und jetzt soll sie auf einmal alles aufgeben? Für was? Für den ersten Kuss im Auto oder für ein paar geheime Liebesstunden? Alles aufgeben für einen jungen, verrückten Schalker? ging es mir durch den Kopf.

Ja, es war schwer zu verstehen, wie es in Gudrun aussah. Aber auch für mich war es eine schwere Entscheidung. Bin ich schuld, dass eine Ehe zerbrochen ist? Wie muss sich der Sohn, der kleine Thomas fühlen? Kann ich überhaupt in einer Beziehung leben? Bisher hatte ich noch keine richtige Beziehung. Aber versucht einmal zwei Liebenden mit vernünftigen Argumenten zu kommen. Verliebte können und wissen alles. Dumm, aber verliebt, wollte ich so schnell wie möglich klare Verhältnisse schaffen.

Drei Wochen später, am 2. April 1976, spielte Schalke zu Hause gegen Karlsruhe. Bevor ich mich mit meinen Freunden auf den Weg zum Parkstadion machte, nahm ich Gudrun noch einmal das Versprechen ab, dass sie heute endlich mit Wolfgang sprechen wolle. Das Spiel endete 6:2 für Schalke und Klaus Fischer schaffte in der ersten Halbzeit einen lupenreinen Hattrick. Voller Glückshormone kam ich also nach dem Spiel in unserem Vereinslokal an. »Hast du was gesagt?« war meine erste Frage an Gudrun. Sie schüttelte nur den Kopf. Die Kneipe füllte sich und Gudrun kam langsam ins Schwitzen. Nach zwei Alt mit Schuss ging ich hinter die Theke, fragte Gudrun, ob Wolfgang hinten in der Wohnung ist. Sie nickte. Ich ging durch die Küche in die Pächterwohnung und sah Wolfgang auf der Couch sitzen, der sich die Sportschau anschaute. Er schaute nur einmal kurz hoch und sagte mit leiser Stimme zu mir, fast so als ob er schon etwas ahnte »Hallo Rolf, gibt’s was?« Und dann verlief das Gespräch in etwa so:

»Liebst du Gudrun noch?«, fragte ich.

»Ja«, antwortete Wolfgang.

»Sie liebt dich aber nicht mehr«, sagte ich darauf.

Er fragte »Warum?«

»Na weil sie mich liebt!«

Es folgte eine Pause.

»Dann musst du aber oben ausziehen«, waren seine Worte.

Und ein kurzes »Mach ich. Tschüss!« gab es als Antwort von mir.

Ich drehte mich um, ging durch die Küche, nahm meine Gudrun an die Hand und zog sie vom Zapfhahn weg. Wir gingen aus der Gaststätte und ließen die verdutzten Gäste zurück. Natürlich habe ich meinen Deckel bei Wolfgang nicht mehr bezahlt, das hat später Gudrun übernommen. Er hat später irgendwann übrigens auch meinen „Liebesdeckel“ an Gudrun gefunden.

Noch heute erzähle ich unsere „Liebesgeschichte“ so: Eines Tages kam Gudrun zu mir und sagte »Du hast zwei Möglichkeiten. Entweder du bezahlst deinen Deckel oder du heiratest mich.« Nachdem ich die Summe auf meinem Deckel gesehen habe, war meine Antwort klar: »Ok, wann hast du Zeit?« Manchmal glaube ich, meinen Deckel von damals hat sie bestimmt noch immer irgendwo versteckt, für alle Fälle …

Bei uns ist danach alles ziemlich schnell gegangen. Am 13. März 1976 gab es die Liebeserklärung, am 2. April 1976 holte ich Gudrun aus der Wohnung und 146 Tage später, am 26. August 1976, haben wir uns in Münster das Ja-Wort gegeben. Und heute sind wir 43 Jahre glücklich verheiratet.

»Es muss vom Herzen kommen, was auf Herzen wirken soll.«

(Johann Wolfgang von Goethe)

1976 – Unsere erste gemeinsame Wohnung.

Da es sich bei meiner ersten eigenen Wohnung eher um ein Zimmer ohne Toilette über einer Kneipe handelte, war der Umzug mit Gudrun von Gelsenkirchen nach Münster gar nicht so schwer. Ich packte eine Reisetasche mit Klamotten und fertig. Gudrun hatte ihren damaligen Mann Wolfgang verlassen und somit auch nicht viel mitgenommen. Unser Plan: Eine möblierte Wohnung finden und der Rest kommt schon von ganz allein.

Wir sind aus Gelsenkirchen weggezogen, weil ich bei der Bundeswehr beim Verteidigung Bezirks Kommando (VBK) am Hindenburgplatz in Münster stationiert war. Natürlich wollten wir eine Wohnung nahe am meinem Standort finden. Anfangs schliefen wir an den Wochenenden gemeinsam in meinem Zimmer bei der Bundeswehr, in der Woche hatten wir für ein paar Tage ein günstiges Hotelzimmer gebucht. Aber schon nach kurzer Zeit wurde uns eine 2 ½ Zimmerwohnung in Münster-Kinderhaus angeboten, die wir natürlich dankend annahmen.

Die ganze Situation war schon ein wenig komisch für mich. Vor ein paar Tagen hatte ich noch mein Junggesellenleben und konnte machen, was ich wollte. Ich hatte keine Verantwortung für andere, für mich gab es nur die Schalke Mädels. Nun lebte ich in einer festen Beziehung, hatte die Verantwortung für eine Frau und ein fünfjähriges Kind sowie einen unterschriebenen Mietvertrag für eine möblierte Wohnung. Dabei fühlte ich mich selbst noch gar nicht richtig erwachsen. Trotzdem war ich froh, dass wird die möblierte Wohnung bekommen hatten, auch wenn diese nicht ganz billig war.

Natürlich war mein Hauptfeldwebel über alles informiert. Von ihm bekam ich den Tipp, mich beim Bundeswehr-Sozialdienst zu melden. Die Stelle vermittelte damals günstige, aber gute Wohnungen für Zeitsoldaten. Ich kannte den Bundeswehr-Sozialdienst nicht, aber ich meldete mich dort. Nervös wählte ich die Telefonnummer und war angenehm überrascht, wie schnell und unkompliziert alles über die Bühne ging. Nachdem die Formalitäten erledigt waren und ich meine Kontaktdaten, meinen Dienstgrad und meinen Wohnungswunsch durchgegeben hatte, gab es nur noch eine Frage der netten Sachbearbeiterin. »Herr Rojek, Sie sind doch verheiratet?“ Da ich ihr doch nicht sagen konnte, dass ich erst ein paar Tage in einer Beziehung lebe, antwortete ich wahrheitsgemäß »Nee, noch nicht.« Sie fragte mich daraufhin »Aber Sie wollen doch sicherlich heiraten?“ Ja natürlich wollte ich irgendwann einmal heiraten, also antwortete ich mit einem »Na klar will ich« und witzelte weiter »Wer will das nicht?« Mit einem »Na, dann ist ja alles gut, Herr Rojek. Wir melden uns.« verabschiedete sich die nette Sachbearbeiterin von mir.

Zwei Tage später bimmelte bei mir auf der Dienststelle das Telefon und die nette Dame vom Bundeswehr-Sozialdienst war an der anderen Leitung. Sie berichtete von einer Dreizimmer-Wohnung mit 75 qm Wohnfläche, die nur zwei Minuten von meiner Dienststelle entfernt sei. Die Kaltmiete lag bei 260 DM. Noch am gleichen Tag schauten Gudrun, Thomas und ich uns die Wohnung an und waren begeistert. Ja, das soll unser neues Zuhause werden. Am darauffolgenden Tag redete ich mit meinem Hauptfeldwebel und sagte, dass die Wohnung schön sei und wir den Mietvertrag unterschreiben wollen. Das Geld war knapp und ein paar Möbel konnten wir nur kaufen, wenn wir das Konto überziehen. Ich erklärte meinem Hauptfeldwebel also, dass ich wohl einen Kredit aufnehmen müsste. »Geh doch zur KKB, die geben Zeitsoldaten sofort einen Kredit«, meinte er zu mir. Ich kannte damals keine KKB Bank, wusste aber, dass in der Stadtmitte so eine Bank existierte. Die Terminvereinbarung dauerte nur zwei Minuten. Ich sollte Personalausweis, Dienstbescheinigung und meine alte Bankverbindung mitbringen.

Ehrlich gesagt, ich hatte wohl schon einmal mein Konto überzogen, aber einen Kredit hatte ich noch nie benötigt. Na gut, bei Gudrun habe ich die letzten Tage im Monat zwar immer auf Deckel getrunken, den habe ich aber bei der nächsten Soldzahlung beglichen. Aber das waren immer überschaubare Summen, sodass ich mir gar nicht vorstellen konnte, dass mir die Bank einen größeren Betrag im Voraus auszahlt. Ich war sehr gespannt, wie das ausgehen sollte.

Mit Gudrun hatte ich ausgerechnet, dass wir für eine „günstige“ Erstausstattung einen Kredit von etwa 7.500 DM benötigen. Und so fuhren wir nach Dienstschluss zur KKB in Münster. Gudrun sollte auf meinen Wunsch hin erst einmal im Auto warten, damit ich sehe, wie die Beratung läuft und ob wir auch einfach so einen Kredit bekommen. Gudrun wartete also im Auto. Es dauerte ungefähr 30 Minuten. Als ich wieder bei war, fragte sie zögerlich »Und? Geht wohl nicht, oder?« Ich grinste und zeigte auf meine Tasche. »Doch, es geht. Ich habe hier 18.000 DM in der Tasche.« Ich musste bei der KKB, nach Bonitätsprüfung, nur meine Abfindungsprämie als Zeitsoldat als Sicherheit abtreten.

Gleich am nächsten Tag meldete ich dem Bundeswehr-Sozialdienst, dass ich die Wohnung nehmen würde und zwei Tage später wurde der Mietvertrag unterschrieben. Mit dem vielen Geld richteten wir uns die Wohnung wie geplant besonders schön und modern ein. Wir leisteten uns sogar einen großen Farbfernseher und das war damals nicht normal. Ich weiß noch genau wie meine Mutter später mit unserer Wohnung angegeben hat. »Rolf und Gudrun haben einen bunten Fernseher und sogar ein grünes Telefon, bei dem man die Nummern nicht mehr drehen, sondern drücken kann.« Damit waren wir technisch auf dem neusten Stand. Das war eine schöne Zeit. Wir lachten viel und waren glücklich, so wie es (frisch) Verliebte nun einmal sind.

Nach zwei Monaten Liebesglück in der ersten gemeinsamen Wohnung meldete sich die nette Sachbearbeiterin vom Bundeswehr-Sozialdienst bei mir auf der Dienststelle und fragte, ob wir zwischenzeitlich schon geheiratet hätten. Immerhin hatte ich ihr gesagt, dass ich heiraten wollte. »Äh, ja, das ist so«, fing ich an zu stottern. Die nette Dame am anderen Ende der Leitung kam mir Gott sei Dank entgegen. »Wenn Sie noch nicht verheiratet sind, schicken Sie mir bitte das Aufgebot. Das reicht mir fürs erste.« Am Abend versuchte ich mit Gudrun das Problem irgendwie zu lösen. Aber es gab keine Lösung. Wir haben den Mietvertrag unterschrieben, wir haben die Wohnung renoviert und eingerichtet und wir hatten zudem einen Kredit am Arsch. Was jetzt? Und dann beschlossen wir, das zu machen, was wir für das Richtige hielten – wir wollten heiraten! Mag sein, dass dies der unromantischte Heiratsantrag war, der je gemacht wurde. Aber egal, wir liebten uns und wir bestellten das Aufgebot.

Na klar, hinterher kann jeder sagen, wie dumm habt ihr euch damals verhalten. Und ich gebe allen recht, das war schon ein großes Risiko, was wir beide da eingegangen sind. Gudrun hatte sich gerade von ihrem Mann getrennt und war noch nicht einmal geschieden. Meine Bundeswehrabfindung war abgetreten und ich hatte einen hohen Kredit zurückzuzahlen. Und da war noch der kleine Thomas, der das Recht auf eine sorgenfreie Kindheit hatte. Aber wir haben nie gezögert, sondern immer an uns geglaubt. Am 26. August 1977 haben wir auf dem Standesamt in Münster geheiratet und es bis heute nicht eine Sekunde bereut.

Heute kann ich sagen, dass die Bundeswehr bei mir und Gudrun als Heiratsvermittler fungiert hat. Und darüber bin ich noch immer froh.

Ach ja, um das Glück vollkommen zu machen, haben wir einen Monat nach unserer Hochzeit beschlossen, unsere Familie zu vergrößern. Schon zehn Monate später wurde unsere Tochter Susanne geboren.

»Liebe ist, zwei Körper, zwei Herzen, zwei Gedanken, aber nur ein Weg.«

1977 – Wie man(n) aus Kindern Schalker macht.

Man sagt ja immer Schalker wird man nicht, Schalker ist man. Trotzdem frage ich mich, kann man eigentlich Kinder zu Schalkern erziehen? Na ja, vielleicht wenn man bei der Zeugung Schalke-Bettwäsche aufgezogen hat, unterm Bett der S04-Wimpel liegt oder im Radio kein Lovesong läuft, sondern „Schalke 04, Liebe im Revier“ ertönt. Aber ehrlich, wer macht das schon? Also müssen wir unseren Kindern von Anfang an Schalke vorleben, damit sie „freiwillig“ zu Schalkern werden.

Jeder der unsere Familie kennt, weiß, dass sich bei uns immer und überall alles um den FC Schalke 04 und den Farben Blau und Weiß dreht. Schalke hat sich bei mir schon früh im Leben eingenistet. Bereits als Kind war ich Schalke-Verrückt. Diese Verrücktheit wurde mit zunehmendem Alter nicht besser, eher hat sie zugenommen. Ein bisschen ruhiger wurde es erstmals, als unsere Tochter Susanne im Juni 1977 auf die Welt kam. Ich erinnere mich noch genau, als Gudrun mir mitteilte, dass sie im Juni ein Baby erwarte. Was habe ich mich gefreut. Eigentlich war ich schon „Papa“, denn Gudrun hat aus erster Ehe ihren 5-jährigen Sohn Thomas mitgebracht. Nun war es aber so, dass ein paar Tage später, am 9. Oktober 1976, Schalke in München spielte. Da wollten wir unbedingt hin. Gudrun war aber jetzt schwanger und ich war mir nicht sicher, ob ich mit einer schwangeren Frau die anstrengende Reise antreten sollte. Aber Gudrun wollte unbedingt nach München. »Ich bin schwanger, nicht krank«, sagte sie.

Also ging es ab in die bayerische Landeshauptstadt. Trikot, Schal und Mütze – schnell war alles eingepackt. Natürlich durfte auch meine neue und moderne Fotokamera, eine Pocket-Kamera, nicht fehlen. Und wie das früher halt so war, fotografierte und fotografierte ich, im Bus, während der Fahrt und in der Stadt. Als wir im Stadion ankamen, hatte ich nur noch zwei Bilder auf meiner Kamera.

Als ich kurz vor Anpfiff meine Gudrun im Block stehen sah, mit einem ganz kleinen Babybäuchlein, musste ich einfach ein Foto machen. Unser Baby, noch nicht auf der Welt, aber schon im Münchner Olympiastadion. Da geht Papas Herz auf …

Überraschend führten wir zur Halbzeit mit 2:0 durch Tore von Klaus Fischer und Erwin Kremers. Ich sah nachdenklich auf die große Anzeigetafel und überlegte, ob ich mein letztes Foto für dieses Ergebnis opfern sollte, oder ob ich doch lieber bis zum Abpfiff warte. Ich traute unseren Schalker wohl nicht so viel zu und machte das Foto mit dem 0:2 auf der Anzeigetafel. Wer konnte denn auch ahnen, dass die Schalker nach der Pause noch fünfmal trafen und mit einem 7:0 Schalker Vereinsgeschichte schrieben …

Ob das wohl der Grund war, warum Susanne ein Schalker Mädchen geworden ist? Ich kann es nicht sagen, aber ich fuhr danach nicht mehr so oft zu den Schalke-Spielen. Dafür musste Susanne im Bauch aber immer mit Gudrun und mir WDR 2 hören, wenn es am Samstag wieder hieß Tore, Punkte, Meisterschaft.

Ich war am 28. Juni 1977 nicht bei der Geburt unserer Tochter Susanne dabei. Warum weiß ich gar nicht mehr so genau, aber ich glaube, es war damals noch nicht üblich, dass Väter live bei der Geburt dabei sind. Aber natürlich bekam Susanne von der Verwandtschaft zahlreiche Hemdchen und Kleidchen in „Rosa“ geschenkt. So war das halt, Mädchen in rosa Kleidung, Jungs in blauen Klamotten. Aber Gudrun und ich haben von Anfang an dafür gesorgt, dass Susanne viel blau-weiße Kleidung im Schrank hat. Doch blau-weiße Kleidung allein macht noch lange keinen Schalker.

Susanne war gesund und entwickelte sich prächtig. Natürlich bin ich in den ersten Monaten nach ihrer Geburt fast gar nicht mehr auf Schalke gegangen. Meine Familie war mir wichtiger. Dennoch haben wir die Schalke-Spiele jeden Samstag in der Sportschau verfolgt. Wir hatten damals in unserer ersten gemeinsamen Wohnung eine riesige, runde und moderne Sitzgarnitur. Dazu gab es einen großen Clubsessel und einen Hocker für die Füße. Immer, wenn die Sportschau im Fernsehen begann, saß ich auf dem großen Clubsessel, die Füße auf dem Hocker, und neben mir meine Tochter Susanne. Und jedes Mal, wenn die Schalke-Spiele gezeigt wurden, nahm ich ihr rechtes kleines Ärmchen in meine Hand, hob es hoch wie im Stadion und rief immer wieder das langgezogene »Schaaaalke, Schaaaalke, Schaaaalke.« Ich fand das lustig und Susanne hatte scheinbar auch Spaß daran, sie lachte zumindest immer. Ob sie mich nun ausgelacht hat oder vor Freude grinste, kann ich nicht sagen. Aber da Susanne eine richtige Schalkerin geworden ist, glaube ich eher, es war vor Freude.

Unsere Tochter wurde langsam größer und irgendwann war es dann so weit. Wir saßen in unserem bequemen Sessel und hatten die Sportschau an. Susanne zappelte schon die ganze Zeit nervös neben mir, lachte und quietschte vor Vergnügen. Die Sportschau fing mit irgendeinem Fußballspiel an als Susanne plötzlich ihre kleinen Ärmchen bewegte und so etwas rief wie »lale.« Oh ja, ich war stolz wie Oskar, denn ich war mir sicher, Susanne wollte »Schaaaalke« rufen. Von diesem Tag an wiederholte sich ihr Verhalten jedes Mal, wenn im Fernsehen eine Zuschauerkulisse zu hören war. Und ihr war es sowas von egal, ob Fußball lief, Schalke spielte oder ob es sich um ein Handballspiel handelte. Hauptsache es war eine Zuschauerkulisse zu hören.

Ihr seht, auf die richtige Erziehung kommt es an. Aber nicht, dass ihr meint, das hat nur bei unserer Susanne funktioniert. Nein, auch bei unserer anderen Tochter Melanie hat der Schalke-Virus zugeschlagen. Und dass, obwohl Melanie ein ganz anderer Typ als unsere Susanne war. Melanie war von Anfang an viel unruhiger und wilder. Sie war auch bestimmter und egoistischer als ihre Schwester, sie wusste genau, was sie wollte und wie sie es bekam. Melanie war ein kleiner, blonder Wonneproppen und Susanne ein dunkles, zartes Püppchen. Nur ihre Liebe zu den Farben Blau und Weiß war bei beiden gleich.

Ich werde nie vergessen, als wir in unserem Sporthaus in Osnabrück waren und anschließend in der Stadt einkaufen wollten. Wir gingen zu C&A, weil Gudrun für den Urlaub noch einige Sachen kaufen wollte. Während sie nach einem Nachthemd suchte, musste ich im Geschäft auf die drei Kinder aufpassen. Jeder, der Kinder hat, weiß, dass dies nicht ganz einfach ist. Aber wer einen Bus mit 50 betrunkenen Schalke-Fans betreuen kann, der kann auch auf drei kleine Kinder aufpassen. Irgendwann rief mich dann Gudrun und ich verlor unsere Kinder für wenige Sekunden aus den Augen. Das reichte unserer kleinen Melanie schon, um irgendwo in einem Unterwäscheständer zu verschwinden. Sekunden später kam sie freudestrahlend wieder herausgekrochen und hatte einen Wäschebügel in der Hand, an dem ein roter Spitzenbüstenhalter mit passendem Slip hing. Melanie lief stolz durch den Laden, schwenkte dabei die Unterwäsche wie eine Fahne durch die Luft und rief laut: »Papa, Papa, ihhh, das ist Bayern.«

Was soll ich euch sagen, Schalker wird man nicht, Schalker ist man. Nur manchmal muss der Papa auch ein bisschen nachhelfen. Und was für die eigenen Kinder gut ist, muss auch für die Enkelkinder gut sein. Daher lehrte ich unserem Enkelkind Luca schon mit drei Jahren, dass Gelb die Zeckenfarbe ist. Und wisst ihr was passiert? Jedes Mal, wenn wir an irgendwelchen Blumengeschäften vorbeikommen, ruft Luca lauthals »Opa, Opa, ihhh Zecken-Blumen!«

Wie sich im Leben doch alles wiederholt …

„Kinder haben nur eine Kindheit. Darum macht sie unvergesslich.“

1982 – Vom Bauherr zum „Pleitegeier“: Unser Hauskauf in Saerbeck.

Saerbeck, ein schönes Dörfchen mit 4.900 Einwohnern im nördlichen Münsterland. Hier kennt jeder Jeden, hier ist die Welt noch in Ordnung. Ja, wir haben uns in Saerbeck sauwohl gefühlt. Wir wohnten damals in einer großen Doppelhaushälfte mit schönem Garten. Unsere Kinder gingen gerne in den Kindergarten und wir hatten viele gute Freunde. Dorfidylle pur.

Als Schalker gründete ich 1980 den Schalke Fan-Club Blau-Weiß Saerbeck, während ich beruflich erfolgreich als Versicherungskaufmann aktiv war und kurz davorstand, das alteingesessene Sportgeschäft Clausmeier in Osnabrück zu kaufen. Man könnte also sagen, unser Leben verlief prima.

Mit der Zeit kam unser Hausvermieter immer häufiger zu Besuch und wollte uns den Kauf der Doppelhaushälfte schmackhaft machen. Das Haus hatte rund 165 qm Wohnfläche, viele Zimmer, einen Keller und einen schönen Garten. Der Kaufpreis von 320.000 DM war eigentlich auch nicht zu hoch für das Objekt, trotzdem zögerten wir mit dem Kauf. Ich denke, wir waren noch nicht so weit, ein Haus zu kaufen. Mein damaliger Freund und gleichzeitiger Chef sowie meine Steuerberaterin haben mich zwar schon mehrfach dazu drängen wollen, dass ich mir bei meinem Verdient unbedingt eine Immobilie als Altersvorsorge zulegen sollte, aber der Kopf sagte noch immer nein. Dabei gab es keine finanziellen Probleme, im Gegenteil. Ich verdiente bei der Versicherung im Außendienst gutes Geld, ich hatte eine große Versicherungsagentur mit drei hauptamtlichen Mitarbeitern und betreute zudem 40 Vertreter im Nebenjob. Trotzdem bekam ich das Geld nicht geschenkt und musste dafür hart arbeiten.

Mein Alltag begann spätestens um 9.00 Uhr im Büro und endetet meist erst nach 20.00 Uhr. An den Wochenenden, an denen Schalke spielfrei hatte, saß ich auch in meinem Büro oder besuchte meine Kunden. Von nichts kommt nun einmal nichts! Trotz Zweifel machten Gudrun und ich uns immer mehr mit dem Gedanken vertraut, uns Eigentum anzuschaffen. Wenn unser damaliger Vermieter mit seinem Preis vielleicht etwas runtergegangen wäre, hätte er uns damit Verhandlungsbereitschaft signalisiert und wir vielleicht schon längst zugesagt.

Die Fußballbundesliga ging in die Sommerpause und in Spanien fing die WM an. Wie erwähnt, mein damaliger Chef bei der Vereinten Versicherung war auch gleichzeitig mein Freund. Wir beide waren als Zeitsoldaten in Münster stationiert. Er war fast ein Jahr früher als ich beim Bund fertig und startete anschließend eine Karriere bei der Versicherung. Mich holte er ein Jahr später dazu, weil er sicher war, dass ich dahin gehöre. Wir kickten auch jahrelang gemeinsam in der Betriebssportmannschaft und ich schaffte es, ihn nach und nach ein bisschen Schalke-Verrückt zu machen.

Hans-Jürgen, so hieß mein Chef und Freund, hatte mich und Gudrun zum Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Chile eingeladen. Wir wollten uns das Spiel gemeinsam bei Bier und Bratwurst anschauen. Kurz vor der Abfahrt fiel mir ein, dass wir noch kein Mitbringsel für die Ehefrau haben. Also ging es schnell ins Auto und zum einzigen Blumenladen, der genau in der Dorfmitte lag, um wenigsten einen Blumenstrauß mitzubringen. Die Verkäuferin war sehr freundlich und gemeinsam stellten wir einen bunten Strauß Blumen zusammen. Danach fragte sie mich, ob ich noch einen Wunsch hätte. Und so wie ich bin, äußerte ich meinen Wunsch, wenn auch nur aus Spaß.

»Ja, du kannst mir das Haus einpacken, ich suche noch eins.« Sie guckte mich an, lachte und antwortete genau so locker wie ich. »Super, wir wollen unser Haus verkaufen. Soll ich es in Papier oder Folie einwickeln?« Ich bekam große Augen und in meinem Kopf fing es sofort an zu arbeiten. »Ein Haus mit einem Ladenlokal mitten im Dorf, das wäre doch was.« Ich sagte ihr, dass ich jetzt leider keine Zeit hätte, aber ich mich gleich morgen früh bei ihr melden würde.

In Albachten schauten Gudrun und ich uns gemeinsam mit Hans-Jürgen und seiner Frau das Spiel an. Deutschland gewann 4:1. Aber das war für mich jetzt unwichtig, mir ging das Gespräch im Blumenladen nicht mehr aus dem Kopf. Direkt am Montagmorgen saß ich früh am Schreibtisch und machte Pläne, falls das mit dem Hauskauf funktionieren würde. Ein Blumenladen käme auf alle Fälle nicht mehr da rein. Auch nicht mein Versicherungsbüro, denn das hatte ich ja in Greven. Aber ich wusste durch mein gut funktionierendes Netzwerk, dass die beiden älteren Betreiber des einzigen Lottoladens in Saerbeck in Kürze schließen wollten. Lotto, das wäre was für mich, dachte ich. Und Gudrun ist außerdem eine fleißige Sammelbestellerin bei Quelle. Warum nicht auch eine Quelle-Agentur, überlegte ich. Das wären gleich zwei Gewerbe mit minimalem finanziellen Eigenaufwand. Ich nahm mir also vor, sofort nach dem Gespräch mit der Laden- und Hausbesitzerin, bei Lotto und Quelle anzurufen. Ja, ich war schon immer spontan. Ein paar Stunden später saß ich mit meiner Gudrun und den beiden Besitzern der Immobilie bei einem Kaffee zusammen. Wir machten eine Hausbesichtigung von maximal 15 Minuten, danach stand für uns fest: Wenn der Preis stimmt, schlagen wir zu.

Das Haus war zwar bedeutend kleiner als unsere Doppelhaushälfte und hatte nur knappe 110 qm Wohnfläche, dafür aber einen sehr schön angelegten Garten. Damit lässt es sich doch erst einmal leben, dachte ich. Gleichzeitig hatte ich aber schon andere Pläne im Kopf. Typisch für mich, den Kaufpreis kannten wir noch nicht, aber ich war gedanklich schon im Umbau.

Nun ja, mit 305.000 DM war das Objekt schon ziemlich nahe an unserer oberen Schmerzgrenze. Aber die Lage und meine Pläne glichen das wieder aus. So ging dann auch alles ganz schnell: Die Finanzierung über meinen Arbeitgeber war überhaupt kein Problem. Von der Lottozentrale aus Münster lag das OK für die Übernahme der alten Lottoannahmestelle vor und auch Quelle hatte bereits zugesagt. Ich denke, das war schon eine starke Aktion. Ein Haus mit Ladenlokal zu kaufen, dazu eine Lotto- und Quelle-Agentur übernehmen und das alles ohne Eigenkapital. Schon sechs Wochen später sind wir umgezogen und zwei weitere Wochen später gab es in Saerbeck eine große Neueröffnung zu feiern …

Es war ein schönes Ladenlokal. Die Lottoannahmestelle wurde durch Zeitschriften und Tabakwaren ergänzt und durch den Kontakt zu Rosi-Reisen in Marl haben wir zusätzlich ein „Mini-Reisebüro“ im Laden intrigiert. Ach ja, über Quelle bekamen wir auch noch eine Reinigungsannahmestelle. Ich habe es doch gleich gesagt, der Laden ist zu klein. Gudrun, als Besitzerin der Geschäfte, stöhnte über die viele Arbeit. Das hielt mich aber nicht davon ab, eine Kartenvorverkaufsstelle von Schalke und einige Fan-Artikel in den Laden zu holen….

Im laufenden und darauffolgenden Jahr erreichten wir so gute Umsätze, dass einem Ausbau des Objektes nichts mehr im Wege stand. Unser Architekt in Saerbeck war gut, aber auch teuer. Schnell hatte er die Pläne für die Vergrößerung des Ladenlokals fertig. Aber das war nicht alles. Ich wollte an dem kleinen Haus ein weiteres Haus anbauen lassen. Beide Häuser sollten bautechnisch als ein Wohnhaus bei der Gemeinde durchgehen, aber es sollte sich trotzdem um zwei verschieden Objekte handeln. Eine schwierige Aufgabe, aber für unseren guten Architekten kein Problem. So sah dann aber auch seine Rechnung aus. Mit der vom Architekten kalkulierten Bausumme inklusive aller Nebengebäude musste ich bei der Hausbank noch einmal 320.000 DM finanzieren …

Im Frühjahr sollte der Umbau beginnen, aber ich hatte noch gar keine Baufirma. Zum „Glück“ stellte mir mein damaliger Organisationsleiter meiner Versicherung einen Kontakt zu seinem guten Freund her, mit dem er in den letzten zwei Jahren vier Häuser gebaut hatte. Ich dachte, eine bessere Referenz kann es für mich nicht geben. Und mein Gespräch mit dem Bauunternehmer verlief durchweg positiv. Vielleicht lag es auch daran, dass ich noch nie ein Haus gebaut habe, denn ansonsten wäre mir vielleicht der günstige Preis aufgefallen. Aber so habe ich dann den Vertrag mit ruhigem Gewissen unterschrieben und damit begann das Unheil …

Ein paar Tage später standen Baukran und einige andere Geräte und Werkzeuge bei uns vor der Tür. Es wurde zügig und sauber gearbeitet, sodass mein Architekt zufrieden war. Und da ich ein guter Bauherr war, versorgte ich die Arbeiter und ihren Chef mit Kaffee und Brötchen oder manchmal auch mit einer leckeren Pizza. Schneller als geplant konnten wir das Richtfest feiern. Eines Tages kam der Bauunternehmer zu mir und meinte, ob ich vielleicht ein paar Helfer besorgen könnte, damit es noch schneller vorangehen würde. Na ja, er sah täglich meinen Schwager, meinen Bruder oder meinen Neffen bei uns herumlaufen. Ich sah daher keinen Grund, warum ich meine Verwandtschaft nicht ansprechen sollte. Was sollte dagegen sprechen sie zu fragen, ob sie helfen wollen? Schließlich könnte ich so viel Zeit und Geld sparen. Und natürlich packte meine Verwandtschaft mit an.

Trotz einer mehrwöchigen Sommerpause, die Mitarbeiter des Bauunternehmers mussten schließlich auch in den Urlaub gehen, ging es meines Erachtens gut voran. Das mein Architekt, der auch die Bauaufsicht hatte, sich öfters mit dem Bauunternehmer besprach, sollte eigentlich normal sein. Das sagten zumindest viele, die schon einmal selbst gebaut haben. Also machte ich mir da keine weiteren Gedanken.

Eines Tages nahm mich mein Bauunternehmer zur Seite und meinte, ich könnte über 5.000 DM sparen, wenn ich ihm die Bauaufsicht übertragen würde. Schließlich hätte er die Lizenz dazu. Natürlich war das anschließende Gespräch mit dem Architekten nicht so schön. Er fragte mich allen Ernstes, ob ich einen an der Waffel hätte, einem Bauunternehmer die Kontrolle für seine eigene Arbeit zu geben, nur um ein bisschen Geld zu sparen. Aber ich sagte ihm, dass mein Organisationsleiter, zu dem ich volles Vertrauen hatte, schon mehrere Häuser mit dem Bauunternehmer gebaut hat. Was soll da schon schiefgehen?

Noch heute habe ich seine Worte im Ohr: »Bitte schön, Herr Rojek. Ich habe Sie gewarnt. Hoffen wir, dass alles gut geht.« Aber es ging alles gut, zumindest bis die nächste Teilzahlung für die Bauleistung fällig war. Da kam der Bauunternehmer mit dem nächsten Verbesserungsvorschlag zu mir. Die ganze Arbeit würde noch effizienter laufen, wenn ich ihm eine Bankvollmacht über das Baukonto geben würde. Er bräuchte dann nicht mehr mit jeder einzelnen Rechnung, sei es vom Elektriker oder Installateur, zu mir kommen. Ich könnte damit Zeit und Geld sparen. Ja, dass die Bauaufsicht auch die Kontogewalt hatte, war nicht unüblich. Aber auch nur dann, wenn die Bauaufsicht nicht auch der Bauunternehmer war. Aber ich dachte, ich kann Geld sparen. Ihr wisst, was jetzt kommt. Eines Morgens stand ich auf, schaute aus dem Fenster und erstarrte. Der Baukran war weg!

Sofort rannte ich zum Telefon und rief den Bauunternehmer an, da ich glaubte, jemand hätte den Kran gestohlen. Er beruhigte mich und sagte nur, er hätte einen wichtigen Auftrag in Rheine dazwischen bekommen, dafür bräuchte er den Kran. Bei uns am Haus seien wir eh schon weiter als geplant und es würden noch irgendwelche Formsteine für die Außenverkleidung fehlen. Daher dachte er, ich hätte nichts dagegen, wenn er für ein paar Tage die Arbeit bei uns liegen lassen würde. Ich habe vom Hausbau keine Ahnung. Und auch wenn es mir nicht unbedingt gefallen hat, stimmte ich der kurzen Unterbrechung zu. Ich erinnerte ihn aber noch einmal an das Loch im Dach, das schon lange von ihm abgedichtet werden sollte. Das Loch behinderte zurzeit noch nicht den Kundenverkehr in unserem Laden, deshalb ließ ich mich auch vertrösten. Er wollte in den nächsten Tagen vorbeikommen, um das Loch notdürftig abzudichten.

Aus ein paar Tagen wurde eine Woche, ein Monat und es wurde letztendlich Winter. Das Loch in der Decke war noch da, die Heizung im Ladenlokal ging nicht mehr, die Textilien im Geschäft waren klamm und schimmelten und auch die Elektroteile waren genauso feucht wie die Lottoscheine, die damals noch in der Maschine registriert wurden. Nichts ging mehr, nichts war mehr zu gebrauchen. Seltsamerweise bekam ich seit ein paar Tagen immer mehr Mahnungen von Handwerkern, die noch auf ihre Bezahlung warteten. Ich war nicht nur ärgerlich, sondern auch richtig wütend. Kein Umsatz mehr in unseren Geschäften, offene Rechnungen und ein Bau, der nur halbfertig war.

Und dann kam es Schlag auf Schlag. Es gab Gespräche bei der Bank, das Konto war leer. Der Bauunternehmer hat täglich Geld abgeholt, um damit angeblich Rechnungen zu bezahlen. Von der gesamten Darlehenssumme waren nur noch ein paar Hunderter auf dem Konto. Die vielen Kontaktaufnahmen zum Bauunternehmer blieben erfolglos, selbst der mittlerweile eingeschaltete Anwalt erreichte nichts. Wir mussten das Gewerbe in dieser Bauruine abmelden. Alle Kreditkarten wurden gesperrt, die Auto-Leasing Bank forderte nach der dritten Mahnung den Wagen zurück. Eine Katastrophe! Ich war pleite.

Und so etwas spricht sich nicht nur in einem Dorf schnell herum. Jeder Handwerker mit einer offenen Rechnung schaltete alle rechtlichen Möglichkeiten gegen uns ein, um an sein Geld zu kommen.

Ich mache es kurz: Mit beiden Hypotheken, allen Handwerkerrechnungen inklusive aller fremden Rechtsanwaltskosten und Gebühren hatte ich über 700.000 DM Schulden am Arsch. Dazu kam die Leasing-Bank, die Schadensersatzansprüche von Quelle und noch der Kontoüberzug. Denn kurz bevor alles zusammenbrach, hatte ich für meine Frau und meine drei Kindern die letzten 10 Euroschecks vordatiert und eingelöst.

Damals herrschte die Hochzinsphase, und Zinsen über 10% waren völlig normal. Somit erhöhte sich mein Schuldenstand jährlich um über 100.000 DM. Wahrlich keine schöne Situation für eine junge Familie, bei denen vor einigen Monaten die Welt noch in Ordnung war. Unser Rechtsanwalt klagte in unserem Namen gegen den Bauunternehmer, der in der Zwischenzeit mit seiner GmbH Insolvenz war. Insolvenz ist Insolvenz, da gibt es nichts mehr zu holen.

Wir klagten wegen Betrug vor dem Landgericht in Hamm, haben den Prozess gewonnen und einen Titel bekommen. Nur hatte der Bauunternehmer trotzdem kein Geld, um uns etwas zurückgeben. Von einem Titel der 30 Jahre zählt, konnte ich meine Familie nicht am Kacken halten. Von heute auf morgen war alles zusammengebrochen. Aber aufgeben und den Kopf in den Sand stecken, das war noch nie eine Option für mich.

Natürlich genossen wir bisher einen sehr hohen Lebensstandard, dieser musste runtergefahren werden, aber ohne, dass unsere Kinder eine große Veränderung spüren sollten. Also ging ich zu meinem Chef Hans-Jürgen und führte eines der besten Gespräche. Ich erzählte offen und ehrlich, dass alle Konten, Schecks und Kreditkarten gesperrt seien. Ich hatte nur noch die letzten 4.000 DM von den 10 Euroschecks, das war alles. Noch hatte mich keiner der Gläubiger zum Offenbarungseid gezwungen, aber das war nur noch eine Frage der Zeit. Den Gerichtsvollzieher duzte ich mittlerweile, schaffte es aber bisher immer noch, ihn ohne Beute wieder wegschicken. Ich erklärte meinem Chef und Freund, dass meine Familie mir das Wichtigste ist und ich alles Menschenmögliche dafür geben würde, um aus dieser fatalen Lage wieder herauszukommen. Wir einigten uns darauf, dass er den Versicherungsvorstand in München anrufen würde, um einen Zinsstillstand zu erreichen. Gleichzeitig wollte er den Vorstand bitten, das Gleiche bei meiner Hausbank zu erfragen, die beiden waren immerhin die größten Gläubiger auf meiner Liste. In der Zwischenzeit wollte ich mich mit allen anderen Gläubigern in Verbindung setzen und ihnen vorschlagen, jeweils am Monatsende, nach Abzug all unserer Kosten, den Restbetrag unter allen aufzuteilen. Die einzige Voraussetzung war: Kein Gläubiger zwingt mich dazu, den Offenbarungseid zu leisten. Sollte das geschehen, würde ich sofort die Arbeit einstellen und keinen mehr bedienen.

Schon nach wenigen Tagen hatte ich von allen Gläubigern die schriftliche Zusage. Auch mein Chef bekam von beiden Banken die Zusage, dass nichts weiter gegen mich unternommen würde. Während mein Arbeitgeber auch einem Zinsstillstand zustimmte, hat die Hausbank weiter ordentlich Zinsen berechnet. Das war mir aber erst einmal egal, jetzt hatte ich die Ruhe, die ich brauchte, um richtig zu arbeiten.

Jeder Gläubiger wurde am Monatsende mit einem kleinen Betrag vorerst zufrieden gestellt. Wenn ich einen guten Monat hatte, habe ich ein bisschen mehr Geld in die Hand genommen und bin zu einem kleineren Gläubiger gegangen und habe ihm angeboten anstatt einer monatlichen kleinen Rate jetzt sofort ein Drittel der Schuldsumme zu bezahlen und den Restbetrag zu vergessen. Fast alle Handwerker ließen sich auf diesen Deal ein, auch wenn ich manchmal noch etwas nachlegen musste. Aber innerhalb von zwei Jahren habe ich alle Handwerker in Saerbeck bezahlt, bereits zwei Jahre später die Leasing-Bank und Quelle. Nun blieben nur noch die beiden großen Banken über. Nach über fünf Jahren kam ich auch mit unserer Hausbank zu einem Vergleich und da meine Versicherungsbank auf den größten Teil der Hypothek verzichtete, war ich endlich wieder schuldenfrei.

Oh ja, das war eine ganz, ganz harte Zeit und ich bin froh und dankbar, dass mir unser damaliger Rechtsanwalt als unser Freund und Berater zur Seite stand. Und auch, dass mein Arbeitgeber mir für meinen Einsatz und meine Loyalität zur Firma, unheimlich entgegengekommen ist. Ohne die Unterstützung der beiden wäre die Sache vielleicht ganz anders ausgegangen.

Ich ärgere mich heute nicht darüber, dass ich damals so viel Geld verloren habe. Nein, ich bin eher stolz, dass ich fast 1 Million DM Schulden abgearbeitet habe und kein Gläubiger auf der Strecke geblieben ist. Das war fast so wie im Fußball, als die Bayern am letzten Spieltag der Saison 2000/01 nach Hamburg mussten: In der 90. Minute machte Sergej Barbarez das 1:0 für die Hamburger und Schalke 04 war eigentlich Deutscher Meister. Eigentlich. Die Bayern Spieler lagen zerstört am Boden und nur Olli Kahn rannte zu seinen Kameraden und furzte sie an. Weiter, weiter, immer weiter! Und in der 94. Minute machten die Bayern das nicht mehr für möglich gehaltene 1:1 und wurden deutscher Fußballmeister.

Ein bitterer Tag auf Schalke …

»Weiter, immer weiter!«

(Oliver Kahn)

1984 – Zu Besuch bei Olaf Thon.

Die Bayern kommen! Am 27. Oktober 1984, es war der 10. Spieltag, waren die Bayern wieder zu Gast im Parkstadion in Gelsenkirchen. Nein, wir haben das Spiel nicht wie so oft gegen die Bayern verloren, aber wir haben auch nicht gewonnen. In der 31. Minute brachte Klaus Augenthaler die Bayern mit 1:0 in Führung, aber in der 79. Minute konnte Bernhard Dietz den Ausgleich zum 1:1 Endstand erzielen.

Ich hatte wie zu jedem Heimspiel für unsere Mitglieder einen Bus von Saerbeck nach Gelsenkirchen organisiert. Klar, gegen Bayern einen Bus voll zu bekommen war wirklich keine Kunst. Denn so wie heute, waren auch früher die Spiele gegen die Lederhosen immer ausverkauft. Und weil die Nachfrage zu diesem Spiel so groß war, habe ich einen alten Gelenkbus für über 70 Personen organisiert: Keine Toilette, keine Klimaanlage, keinen Luxus, dafür aber viele Plätze für wenig Geld.

Normalerweise braucht ein Bus für die 104 Kilometer von unserem Vereinslokal „Dorfkrug“ in Saerbeck bis zum Busparkplatz am Parkstadion, wenn es alles gut läuft, etwa anderthalb Stunden. An diesem Tag haben wir mehr als zwei Stunden benötigt, da wir vier Pinkelpausen einlegen mussten. Und jeder, der zum Fußball fährt, weiß was das bedeutet. 70 feiernde Fußballfans nach jeder Pinkelpause wieder in den Bus zu bekommen, das ist ein Akt.

Wir sind damals immer über die A52 bei Marl nach Gelsenkirchen gefahren, da wir von hier aus besser zur Braukämperstraße 79 kamen. Genau, mein altes Zuhause, hier wohnten meine Eltern. Mutti und Vati haben während wir auf Schalke waren, auf unsere beiden kleinen Töchter Susi (7) und Melanie (4) aufgepasst. Thomas, unser Ältester, war schon immer mit im Stadion. An normalen Spieltagen lief es meist wie folgt ab: Opa Franz stand schon immer wartend auf der Straße. Der Bus rollte langsam an, hielt und öffnete die Tür. Ich stieg aus und hatte Susi und Melanie an der Hand. Ein kurzes »Hallo« zum Vater, anschließend habe ich ihm schnell eine Tasche mit all den wichtigen Dingen, die man als „Babysitter“ benötigt, übergeben, bin wieder eingestiegen und Abfahrt. Wenn die Formel 1 heute einen Reifenwechsel in 2,8 Sekunden schafft, waren wir mit gefühlten 20,8 Sekunden nicht schlecht. Da wir diesmal viele neue Mitfahrer dabeihatten, ließ ich den Bus etwas länger an der Straße stehen und zeigte auf das Haus, in dem meine Eltern lebten. Dann ergänzte ich, dass meine Eltern oben in der vierten Etage wohnten, genau da, wo gerade meine Mutter aus dem Küchenfenster die „Kinderübergabe“ anschaute. Ja, da oben wohnte ich viele Jahre. Aber: »Da unter uns, also ganz unten, da wohnte ein Star, da wohnte Olaf Thon.« Die Fans waren aus dem Häuschen und drückten ihre Nasen an den Fensterscheiben platt, trommelten mit den Fäusten dagegen und sangen wie bekloppt „Olaf Thon, Olaf Thon, Olaf Thon!“ Mag sein, dass die überschwängliche Begeisterung auch am Alkoholkonsum lag, immerhin wurde auf den 104 km doch schon das eine oder andere Bier getrunken. Auf den restlichen 3 Kilometern von der Braukämperstraße bis zum Parkplatz am Stadion habe ich den Fans noch die Geschichte erzählt, als der kleine Olaf früher meine Riesenfahne schwenken wollte.

Zum Spiel gegen die Bayern gibt es nicht viel zu sagen, wir haben 1:1 gespielt …

Während heute die meisten Fan-Clubs so schnell wie möglich vom Busparkplatz verschwinden wollen und teilweise sogar richtig böse werden, wenn es einmal länger dauert, war das früher noch ein bisschen anders. Man hat sich mit den anderen Fan-Clubs an den Bussen unterhalten und noch gemeinsam ein Bierchen getrunken. Oft wurden auf dem Busparkplatz auch Fahrgemeinschaften zum nächsten Auswärtsspiel gebildet. Es wurde noch viel miteinander gesprochen, vielleicht, weil es WhatsApp oder E-Mail noch nicht gab.

Wir waren mit unserem Bus aus Saerbeck häufig unter den letzten, die vom Parkplatz rollten. Diesmal drängte ich jedoch auf eine schnellere Rückfahrt, da ich mit Grauen an die zahlreichen Pinkelpausen dachte, die uns auf der Rückfahrt nicht erspart bleiben würden. Also ging es nach dem Spiel gegen Bayern schnell wieder in Richtung Braukämperstraße, um unsere beiden Töchter einzusammeln. Opa Franz wartete bestimmt schon ungeduldig auf uns. Und ja, vom weiten sahen wir schon meinen Vater mit den beiden Mädels auf der Straße stehen. Meine Anweisung an unsere Mitglieder, dass alle im Bus bleiben, um sofort weiterzufahren, hätte ich mir sparen können. Denn auch wenn die Fahrt vom Parkstadion bis zur Braukämperstraße nur knapp sieben Minuten dauert, mussten die ersten schon wieder pinkeln.

Während auf der einen Seite der Straße die Wohnblocks lagen, befanden sich auf der anderen Seite die Felder von Bauer Holz. Natürlich haben die Wiesen förmlich zur Pinkelpause eingeladen. Und jetzt stellt euch bildlich vor, wenn 70 nicht mehr nüchterne Fans auf der Braukämperstraße aussteigen, ihre Bierdosen in den Händen halten und sich dabei laut grölend oder singend in den Armen liegen. Wer gerade keine Bierdose in den Händen hielt, stand pinkelnd am Ackerfeld. Dieses Treiben führte dazu, dass immer mehr Menschen auf die Balkone strömten. Die Wohnsiedlung wurde damals von der GGW gebaut und allein in dem Haus, in dem meine Eltern und Olaf Thon wohnten, hatten 16 Familien ihr Zuhause. In den Häusern links und rechts nebendran wohnten nochmals 52 weitere Familien. Die meisten hatten ihren Balkon zur Straße, auf der unser Bus stand. Und wer von den Anwohnern nicht auf dem Balkon war, schaute aus einem der zahlreichen Fenster dem bunten Treiben zu.

Während ich die Zeit nutzte, um noch ein paar Worte mit meinem Vater zu wechseln, kamen die ersten Fans auf die Idee, zu Olafs Wohnung zu gehen. Mit wedelnden Schals und Fahnen in der Hand zogen die Jungs und Mädels von der Hauptstraße bis zur Eingangstür und grölten unaufhörlich „Olaf Thon, Olaf Thon, Olaf Thon!“ Inge, die Mutter von Olaf, schaute zuerst aus dem Fenster. Als sie dann aber unsere singenden Fans auf sich zukommen sah, zog sie sich ganz schnell zurück. Ich hätte gern gewusst, was sie in diesem Augenblick von uns dachte. Das Spektakel ging jetzt schon 10 Minuten und ein Ende war noch immer nicht abzusehen. Ich musste mich also ordentlich ins Zeug legen, um meine Mitglieder wieder in den Bus zu bekommen. Immer wieder fing einer an zu singen und alle anderen stimmten ein. Sie lagen sich in den Armen und posierten für die Nachbarn auf den Balkonen, die mit ihren Pocket-Kameras Fotos machten. Zum Glück gab es damals noch keine Handys.

Nach weiteren 20 Minuten hatte ich es endlich geschafft und alle, bis auf drei Leute, saßen wieder im Bus. Und wie das so ist, einer von den Dreien wollte unbedingt noch einmal seine Blase entleeren. Kurz bevor die letzten Tropfen fielen, hörte ich meinen Bruder Uwe aus dem Bus schreien: »Dahinten kommt der Olaf!« Tatsächlich, in dem Wagen, der gerade um die Ecke kam, saß Olaf Thon. Wie ein Bienenschwarm stürzten alle wieder aus dem Bus. Meine Mitglieder überrannten mich, stürmten über die Straße und folgten dem Wagen. Und wieder hallte ein schaurig schönes „Olaf Thon, Olaf Thon, Olaf Thon“ über die Braukämperstraße.

Trotz des Unentschiedens gegen die Bayern hatte Olaf gute Laune, denn so viel Zuspruch vor seiner Haustür hat er an diesem Tag nicht mehr erwartet. Ihr könnt euch vorstellen wie lange es nun dauerte, bis der letzte Fan endlich sein Autogramm bekommen hat. Auch als Olaf schon lange in seiner Wohnung verschwunden war, standen die Fans noch immer mit Tränen in den Augen vor der Wohnung und feierten Olaf weiter. Für mich fing nun mein Job wieder von vorne an. Ich glaube es war schon weit nach 20:00 Uhr, als ich endlich alle Mitreisenden im Bus hatte und wir die Fahrt nach Saerbeck fortsetzen konnten.

Ich bin mit Olaf auf der Braukämperstraße großgeworden und habe zahlreiche schöne Momente auf dieser Straße erlebt. Das war meine Heimat. Und jedes Mal, wenn ich heute noch an der ehemaligen Wohnung meiner mittlerweile verstorbenen Eltern vorbeikomme, sehe ich den Gelenkbus auf der Straße und die 70 Fans vor der verschlossenen Tür stehen. Und ein „Olaf Thon, Olaf Thon, Olaf Thon“ ertönt immer wieder in meinen Ohren …

»Das Leben ist nicht immer perfekt, aber es gibt Momente, die machen die Situation perfekt.«

1988 – Mein geheimes Konto in Österreich.

Ach, was hätte ich doch nur für ein tolles Leben, wenn nur die Hälfte von dem stimmen würde, was einige Fans sich so erzählen. Über mich und meine „angeblichen“ Vermögensverhältnisse gibt es ja die tollsten Geschichten. Hinter vorgehaltener Hand und aus natürlich wasserdichter Quelle wird erzählt, dass ich mehrere Häuser im Sauerland besitze und auch Ferienwohnungen in Bayern und auf Sylt sind meins. Natürlich nicht zu vergessen die (vielen) Häuser in Gelsenkirchen und die mehreren Eigentumswohnungen im Ruhrpott.

Diese Schlauköpfe haben immer geglaubt, dass alles, was ich im Schalker Fan-Club Verband an Einnahmen erwirtschafte, sei es durch Kartenvorverkauf, Fan-Kneipe oder Fan-Shop, mir persönlich gehörten. Das ich aber auch nur ein Angestellter des Verbandes war, haben, oder wollten, diese Schlauköpfe trotz mehrfachen Erklärungen nicht verstehen oder glauben. So habe ich dann irgendwann aufgehört, mich zu rechtfertigen. Aber immer, wenn dieses Thema irgendwo wiederaufkam, habe ich, ernsthaft mit einem Grinsen, behauptet, dass ich jetzt nur noch ein bisschen Geld sparen müsste, um mir dann die Berliner Brücke an der Schalker Meile in Gelsenkirchen kaufen zu können. Danach würde ich von allen eine Mautgebühr für die Berliner Brücke verlangen, dann hätte ich es geschafft …

Nur mal so nebenbei bemerkt: Ich habe keine Reichtümer und erwarte auch keine. Das Einzige, was ich gemeinsam mit meiner Gudrun besitze, ist mit ein altes Zechenhaus von 1904 in Gelsenkirchen-Erle. Für dieses Objekt zahlen wir eine monatliche Erbpacht und natürlich auch die Kosten für Strom, Heizung, Wasser und was sonst noch so anfällt. Und nein, wir haben weder Aktien noch Sparbücher und unsere Konten sind auch nicht prall gefüllt, sondern „nur“ ausgeglichen. Und wenn ich mich jetzt schon so „nackig“ mache: Gudrun und ich leben zusammen von 1.500 Euro Rente, aber damit sind wir glücklich und zufrieden.

Na gut, jetzt habe ich doch ein wenig geschwindelt, ich besitze ja noch ein geheimes Konto. Zwar nicht in der Schweiz, aber in Österreich. Und da ist auch noch ein „dickes“ Guthaben drauf. Wie ich zu diesem Konto kam, ich erzähle es euch.

Wie schon erwähnt, habe ich früher bei der Versicherung gutes Geld verdient. So konnten wir es uns leisten, mit unseren drei Kindern mindestens zweimal im Jahr für 14 Tage in den Urlaub zu fahren.

Im Jahr 1988 waren wir im Winterurlaub im Allgäu. Als ich irgendwann im August des Jahres am Abend vor dem Fernseher saß und durch die Programme zappte, bin ich bei einem Bericht über eine Bank in Österreich gelandet. Diese Bank war nur von deutscher Seite aus erreichbar. Ich glaube sogar, dass es da noch ein oder zwei andere Banken gibt. Aber die Bank, von der gerade im Fernsehen berichtet wurde, lag in Reutte, einem Ort, der nicht sehr weit von unserem Urlaubsort entfernt war. In diesem Fernsehbericht wurde erwähnt, dass unheimlich viele deutsche Geschäftsleute mit ihren dicken Autos hierhinfahren, um ganz viel Schwarzgeld einzuzahlen. Denn die österreichische Bank gibt scheinbar keine Daten an die deutschen Finanzbehörden weiter.

Mal ehrlich, wer von uns ist nicht gerne einmal ein Träumer? Ich war in diesem Augenblick nicht nur ein Träumer, sondern auch reichlich naiv. Ich war fasziniert von dem Bericht über ein „Geheimkonto im Ausland“ mit einem millionenschweren Guthaben. Und ja, ich verdiente damals wirklich gutes Geld. Aber es ist nicht möglich, vor allem bei einer großen Versicherung, auch nur irgendwie ein bisschen Schwarzgeld zu verdienen. Ich machte jedes Jahr meine Steuererklärung und musste meistens auch eine große Summe nachzahlen. Aber ich war zufrieden, auch ohne Schwarzgeld. Warum ich nun von einem „geheimen Konto“ schwärmte, wusste ich selbst nicht. Vielleicht, weil es spannend und aufregend klang, also setzte sich der Gedanke in meinem Kopf fest.

Ich schaute mir die Route von unserem Urlaubort im Allgäu nach Reutte etwas genauer an. Nur 20 Minuten Fahrzeit durch Deutschland. Hm, dachte ich, das wäre doch einen Abstecher wert. In meinen Gedanken sah ich mich schon in einem blauen Cabrio sitzen, mit dunkler Sonnenbrille und einem Silberkoffer voller Geldscheine auf dem Rücksitz, über die sonnige Bergstraße Richtung Reutte fahren.

Das Fernsehen berichtete, dass die deutsche Finanzbehörde auf der einzigen Zufahrtsstraße zur Bank hoch oben auf dem Berg liegen würde und sich jedes Auto, das in Richtung Reutte fuhr, notierte. Somit könnten später die Besitzer überprüft werden. Mensch, das wird ja so spannend wie in einem Krimi werden, dachte ich.

Ein paar Wochen später war es soweit und wir fuhren in Richtung Kempten in unseren Urlaub. Die ganze Zeit musste ich daran denken, was ich im Fernsehen gesehen habe. Natürlich hatte ich viel Bargeld für den Urlaub dabei. Aber viel Geld bedeutet mit fünf Personen auch, dass da wahrscheinlich nach einem zweiwöchigen Urlaub nicht viel überbleibt. Kreditkarten besaß ich damals noch nicht, dafür aber ein paar Euro-Schecks.

Wir feierten ein schönes Weihnachten im Allgäu mit viel Schnee und wir bereiteten uns langsam auf den Silvesterabend vor. Einen Tag vor dem Jahreswechsel ging ich zu Gudrun. »Ich fahre heute nach Kempten. Erhol du dich ein bisschen und wenn ich heute Nachmittag wiederkomme, gehen wir mit den Kindern lecker essen«, sagte ich unauffällig. Es brannte mir unter den Nägeln, ich wollte unbedingt diese Bank sehen. Deshalb notierte ich mir Anfahrtsweg und Adresse genau, denn ein Navi gab es damals noch nicht. Mein Ziel war die Raiffeisenbank Reutte in Jungholz.

Ich fuhr also mit unseren neuen Santana-Kombi los. Ein schöner Familienwagen und nicht ganz so teuer wie der große Bruder von VW, der Passat Kombi. Auf der Strecke nach Jungholz schaute ich immer wieder unruhig nach links und rechts und versuchte, irgendwo die Polizei zu entdecken. Die müssten bei der Kälte wahrscheinlich irgendwo in den Bergen liegen und sich und alle Autos notieren. Wahrscheinlich haben die Beamten auch schon längst mein Kennzeichen notiert und warteten bereits irgendwo auf mich. Mensch, war das spannend. Vielleicht halten die mich sogar an und durchsuchen mein Auto, dann könnte stolz und cool sagen: Ihr findet nichts, ich bin sauber.

Aber ich sah keinen Polizisten und ich kam auch nicht in eine Kontrolle. Aber dafür kam ich in Jungholz an. Ein sehr kleines Dorf, in dem sich im Herzen die besagte Raiffeisenbank aus dem TV-Bericht befand. Direkt vor der Bank konnte ich parken, hier stand nur ein Auto mit österreichischen Kennzeichen. Ich stieg aus und bin ungefähr vier oder fünf Mal an der Bank vorbeigelaufen, weil ich mich noch nicht traute, reinzugehen. Ich schaute mich um, ob mich jemand beobachtete, oder ob irgendwo dicke Autos parkten, aus denen vielleicht zigarrenqualmende Männer im Nadelstreifenanzug mit großen Koffern voller Schwarzgeld aussteigen würden. Aber es war nichts zu sehen, ich war so ziemlich der Einzige in diesem Dorf. Eigentlich wollte ich schon wieder zurück zu Gudrun und den Kindern fahren, denn meine Neugier war befriedigt. Aber irgendjemand flüsterte mir immer wieder ins Ohr. »Geh rein und eröffne das Konto. Wer weiß, wann du es gebrauchen kannst.«

Draußen war es kalt und es fielen schon die ganze Zeit kleine Schneeflocken. Aber das bemerkte ich erst, als ich die Bank betreten und im warmen Wartezimmer saß. Meine Ohren wurden heiß und rot. In der Bank war es ruhig, sauber und mollig warm. Aber es sah es auf keinen Fall wie in einer herkömmlichen Bank aus, eher wie in einer großen Rechtsanwaltskanzlei. Die Möbel waren aus edlen Materialien, der Schreibtisch der netten Empfangsdame aus Mahagoniholz, die Sitze aus weichem Leder. Die dicken Teppiche auf dem Boden sogen das Wasser von meinen nassen Schuhen auf und dämpften alle Schritte.

Eine schick gekleidete Frau kam mit einem Block und einen Stift in der Hand zu mir, fragte, ob ich etwas trinken möchte und welche Wünsche ich hätte. Ich bekam einen trockenen Hals und würgte nur ein »Ähh, ich möchte nur ein Konto eröffnen« hervor. Sie bat mich, in einer kleinen Nische Platz zu nehmen und fragte mich nochmals, ob ich einen Kaffee, ein Wasser oder etwas anderes trinken möchte. Ich nahm dann doch ein Wasser, denn meine Zunge fühlte sich dick und geschwollen an, sodass ich kaum ein Wort verständlich sprechen konnte. Das Glas Wasser leerte ich dankbar mit einem Zug und die schick gekleidete Dame schaute mich verwundert und fragend an. Bevor ich etwas sagen konnte, kam ein junger Mann im scheinbar teuren Designeranzug auf mich zu und bat mich freundlich, ihm in sein Besprechungszimmer zu folgen. Nach seinem Aussehen lässt er beim Après-Ski bestimmt mit seiner Kohle die Puppen tanzen, ging es mir durch den Kopf.

Die Tür zu seinem Besprechungszimmer war mindestens 40 cm dick und beidseitig mit Leder bezogen. Ich glaube, die besten Abhörgeräte des Geheimdienstes hätten dadurch kein Wort verstanden. Wir setzten uns an seinen Schreibtisch und ich merkte, dass ich trotz der angenehmen Temperatur, die im Raum herrschte, immer feuchter unter den Armen wurde. Der junge Mann berichtete mir, wie sicher die Kunden aus Deutschland in dieser Bank vor dem Finanzamt seien. Daten oder Zahlen würde nicht an Dritte weitergegeben, dafür verbürgt sich die Bank. Zur Bestätigung überreichte er mir die Geschäftsbedingungen und einige Zeitungsberichte, die ich natürlich nicht gelesen habe. »Super«, sagte ich »das ist ja alles toll hier, aber eigentlich wollte ich nur ein Konto eröffnen.« Der schick gekleidete Bankmitarbeiter antwortete »Das ist doch gar kein Problem«, nahm ein Blatt Papier und fragte nach meinen persönlichen Daten. Meine Zunge im Hals wurde schon langsam wieder dicker und das Sprechen fiel mir immer schwerer. Nachdem er meine Daten notiert und nochmals mit mir überprüft hat, stellte er die für ihn wohl wichtigste Frage: »An was für eine Summe haben Sie gedacht? Wieviel Geld möchten Sie einzahlen?«

Nun bildeten sich Schweißperlen an meinen dicken Hals, die langsam meinen Rücken runterliefen und mein Hemd durchnässten. Der kalte Schweiß stand mir auf der Stirn, schließlich hatte ich ja gar kein Geld zum Einzahlen mitgebracht. Die Idee mit dem „geheimen Konto“ war doch eh nur eine blöde Träumerei. Tja, aber nun saß ich hier und der Kerl im Anzug wollte von mir eine Summe hören. Ich überlegte kurz, ob ich noch irgendwie aus der Nummer rauskomme, aber mir fiel nichts ein. Also antwortete ich ihm. »Ich könnte mir vorstellen, mit 100 anzufangen.« Während er daraufhin den Einzahlungsbeleg fertig machte, fragte ich mich, wie ich das später Gudrun erklären solle. Soll ich ihr etwa sagen, dass wir heute nicht lecker Essen gehen, weil ich 100 DM auf einem Sparkonto in Österreich eingezahlt habe? Ich bin so doof, dachte ich und hörte den Mann wie durch einen dicken Nebel erklären, dass viele Anleger erst einmal klein anfangen und später, nachdem mehr Vertrauen zu der Bank besteht, die Beträge erhöhen. So langsam gewann ich meine Sicherheit wieder zurück. »Klar, später kann ich auch mehr einzahlen«, sagte ich. Dann warf ich einen Blick auf den Einzahlungsschein, den mir der junge Mann entgegenhielt. Ja, da standen wirklich 100 drauf. Aber mit drei weiteren Nullen hintendran, 100.000 DM Einzahlungssumme!

Ich wurde rot und ich weiß gar nicht mehr genau, was ich sagte, aber ich erklärte ihm, dass ich mit der 100 eher 100 DM meinte. Mit einer Schnelligkeit, die ich ihm gar nicht zugetraut habe, sprang er aus seinem dicken Sessel, rannte förmlich um den Schreibtisch, nahm mir den Einzahlungsschein aus der der Hand und zerriss ihn. Noch heute bin ich froh, dass er mir nur das Wasserglas weggenommen und mich nicht verhauen hat. Ruckzuck schubste er mich aus der Tür und sagte zu der schick gekleideten Dame »Herr Rojek möchte bei Ihnen etwas einzahlen« und schloss die Tür hinter sich. Wow, da stand ich nun mit meinem nassen Hemd und einem hochroten Kopf vor der Bankmitarbeiterin. Diese lächelte verständnisvoll. Solche Situationen hatte sie bestimmt schon öfter mitbekommen. Sie ging mit mir zu ihrem Schreibtisch, füllte den Einzahlungsschein auf 100 DM aus, nahm das Geld und händigte mir ein Sparbuch mit einem Guthaben von 100 DM aus. Sie lächelte amüsiert, als ich mich stotternd von ihr verabschiedete und ihr noch einen guten Tag und ein frohes neues Jahr wünschte.

Als ich wieder draußen vor der Tür stand, schneite es schon bedeutend mehr. Ich ließ die Schneeflocken auf mein heißes Gesicht fallen und empfand die Kühle als einen Segen. Endlich raus hier und nun schnell weg von dieser Bank, dachte ich still und leise. Ich holte mir an der Tankstelle eine eiskalte Cola und exte die Dose in fast einem Zug leer. Man, man, man. Was war das gerade nur? Ich schaute auf das Sparbuch in meiner Hand. Jetzt musste ich ein wenig schmunzeln. Was der Bankangestellte in seinem Anzug nun wohl der schick gekleideten Dame über mich erzählen würde? Ach egal, ich habe mein Konto. Und wer weiß, vielleicht habe ich ja irgendwann einmal so viel Geld, dass ich es dann genau hier einzahlen kann. Glücklich und zufrieden fuhr ich also wieder in Richtung unserer Ferienwohnung nach Kempten.

Nach 41 Jahren kam Gudrun mit dem Sparbuch in der Hand die Treppe runter. »Schau mal«, sagte sie, »was ich oben gefunden habe. Ob das Guthaben noch existiert?« Ich versprach ihr, in den nächsten Tagen in Österreich anzurufen. Und ja, ich habe angerufen. Und es ist genauso, wie es mir der Bankkaufmann vor 41 Jahren erzählte: Keiner bekommt die Daten von der Bank. Ich konnte ihn fragen, was ich wollte, er verwies mich immer wieder darauf, dass er mir nichts sagen dürfte. Ich müsste persönlich vorbeikommen. Tja, und nun stellt sich bei mir die Frage, fahr ich für 100 DM noch einmal nach Österreich oder soll unser Enkelkind das Geld später bekommen? Wer weiß, was er dann für Zinsen und Zinseszins auf dem Sparbuch erhält …

»Als ich jung war, glaubte ich, Geld sei das Wichtigste im Leben, jetzt wo ich alt bin, weiß ich, dass es das Wichtigste ist.«

(Oscar Wilde)

1989 – Fanbetreuung aus dem Keller.

Ich denke schon, dass ich ein richtiger „Ruhrpottler“ bin, einer der seine Heimatstadt Gelsenkirchen liebt und der stolz auf das Ruhrgebiet ist. Aber die Entscheidung, unsere Kinder im Münsterland groß werden zu lassen, halte ich auch heute noch für richtig. Es war eine schöne Zeit in Saerbeck, dem kleinen Dorf in der Nähe des Flughafens Münster-Osnabrück.

In Saerbeck arbeitete und lebte ich, hier wurden unsere Kinder groß, hier habe ich den Schalker Fan-Club Verband aufgebaut und großgemacht. Täglich hatte ich neue Ideen, um die Fanbetreuung zu verbessern und einmal schrieb sogar eine Zeitung „Das Herz der Schalker Fan-Zentrale schlägt im Münsterland.“ Wir hatten dort ein schönes Haus mit rund 160 qm Wohnfläche und einem fast 100 qm großen Keller. Das war schon sehr groß, aber für Gudrun, mich und unsere drei Kinder noch nicht groß genug. Immerhin brauchte ich schon fast 100 qm für die Fanbetreuung und mein Sportgeschäft.

Unser Keller wurde zum Ausstellungsraum für Sportartikel und zum Schalke-Büro umgebaut. Im kleinen Schalke-Büro standen Schreibtisch und Aktenschränke und es hing eine ganz große Deutschlandkarte an der Wand. Auf dieser Landkarte wurde jeder Fan-Club mit einem Steckfähnchen mit seiner Mitgliedsnummer markiert. Jedes Mal, wenn ein neuer Fan-Club dem Verband beigetreten ist, hatten meine beiden Töchter Melanie und Susanne Streit. Denn beide wollten das neue Steckfähnchen auf der Landkarte platzieren. Ja, das ist Kinderarbeit zum Wohle der Schalker Fan-Club Kultur.

Damals hatte ich noch ein Sporthaus in Osnabrück, „Sport Clausmeier“ hieß der Laden. Ich hatte die Lizenzen für die Ware von adidas, Puma, Nike und anderen großen Sportartikelherstellern. Schon zu dieser Zeit war es mein Ziel, viele Vereinsmannschaften als Kunden zu gewinnen. Während es heute zig Anbieter für Vereinsausrüstungen gibt, war das früher nicht selbstverständlich. Daher hatte auch schnellen Erfolg mit meinem Vorhaben. Ich sponserte unter anderem die Osnabrücker Dart-Liga, darunter den Dart-Club von Mike, einem gebürtigen Engländer, der in Osnabrück stationiert war. Rund 40% des Umsatzes machte ich allein mit dem Verkauf von Pokalen und Dart-Zubehör. Dart spielen hat zwar Spaß gemacht, aber ich bin Fußballfan, oder besser gesagt, Schalker. Also gehörten auch Fan-Artikel in mein Sortiment.

Ich weiß noch genau, ich galt damals als Exot, als ich auf der ISPO, der größten Sportfachmesse in München, verschiedene Fan-Artikel kaufen wollte. Während andere Fachhändler für mehrere tausend DM Sportbekleidung kauften, holte ich nur Aufnäher und Aufkleber für etwa 200 DM. Aber ich war stolz darauf.

Mein Hauptberuf war aber in der Versicherungsbranche. Und ein guter Versicherungskaufmann zu sein, dazu ein erfolgreicher Sportartikelverkäufer, der nebenbei noch den größten Fan-Club Verband aufbauen und zusätzlich ein liebevoller Ehemann und Familienvater bleiben wollte, das war auch für mich unmöglich. Also verkauften wir schweren Herzens unser Sportgeschäft in Osnabrück und verlegten den Verkauf von Sportartikeln nach Saerbeck, in unseren Keller. Wir nutzen die etwa 80 qm für Regale und Verkaufsvitrinen, auf denen sich Pokale, Sportbekleidung und Fan-Artikel türmten. Es gab keine offiziellen Öffnungszeiten, es wurden telefonisch Termine vereinbart, egal ob früh morgens oder spät abends. Entweder war Gudrun als Ansprechpartner vor Ort oder ich.

Nicht selten klingelte es am Sonntagmorgen schon um 8:00 Uhr bei uns an der Tür und irgendwelche Fans aus Bad Oeynhausen oder Warendorf besuchten uns unangemeldet, um sich Fan-Artikel für den Fan-Club anzuschauen oder zu bestellen. Das Geschäftliche war meist schon nach ein paar Minuten erledigt und dann folgte fast immer die gleiche Frage »Was gibt es Neues auf Schalke?« Um diese Frage zu beantworten, brauchte es häufig mehr Zeit und endete in einem Frühschoppen, der nicht selten bis in die Mittagsstunden ging. Und bevor es dann endlich Mittagessen gab, klingelte es wieder an der Haustür und der nächste Fan-Club stand auf der Matte. So ging es bei uns manchmal das ganze Wochenende zu. Ich hatte häufig das Gefühl, dass viele Fans einfach nur so vorbeikamen, um mit mir über Fußball, Schalke und die Fanbetreuung zu reden. Und dazu gab es ja auch immer eine kostenlose Flasche Bier. Danach wurde oft nur ein Schal oder ein Aufnäher gekauft, aber Hauptsache, es war ein schöner Vormittag. Diese unangemeldeten Besuche störten Gudrun und mich nicht, denn auch das gehörte für uns zur Fanbetreuung.

Aber die „Kundenbesuche“ im Privathaus Rojek wurden noch viel schlimmer, als ich mit dem Einverständnis von Rudi Assauer eine offizielle Kartenvorverkaufsstelle für die Heim- und Auswärtsspiele des FC Schalke 04 eröffnete. Von diesem Tag an änderte sich bei uns einiges, denn von nun an gab es keinen Feierabend mehr. Unsere „inoffiziellen“ Öffnungszeiten gingen von 8:00 bis 22:00 Uhr, ein Computer-Verkaufssystem gab es damals natürlich noch nicht. Ich holte die Karten von der Schalker Geschäftsstelle in Gelsenkirchen ab und Gudrun sortierte die Tickets anschließend nach Blöcken und Reihen, bevor die Karten per Hand verschickt an die Fan-Clubs gingen. Da Gudrun es aber jedem Fan-Club recht machen wollte, kam sie auf die Wahnsinnsidee, die Karten in der ganzen Wohnung auf dem Boden zu verteilen, um diese so besser zuzuordnen. Das Wohnzimmer war die Haupttribüne, der Flur die Gegengerade und so weiter. Überall lagen Karten nach Blöcken und Reihen sortiert herum. Wenn ich meckerte, meinte sie immer nur, dass ich im Stadion ja schließlich auch neben meinen Freunden sitzen möchte.

So zufrieden wie damals, waren Fan-Clubs und Mitglieder wohl nicht wieder. Es gab einen persönlichen und freundlichen Kontakt, keine festen Öffnungszeiten, alle Sonderwünsche wurden erfüllt und ein kostenloses Bier bei Gesprächen rund um Schalke gab es ja auch noch. Wen wunderte es da noch, dass der Schalker Fan-Club Verband einen so großen Zulauf hatte …

»Egal wie sehr du dich auch bemühst, du wirst es nicht schaffen, dass alle Menschen dich lieben.«

1990 – Das geklaute Fahrrad.

Irgendwie macht der Fußball uns alle ein bisschen „Gaga“. Warum machen erwachsene Menschen sonst immer so einen Unsinn, wenn es zum Fußball geht? Oder liegt es vielleicht am Alkohol? Schließlich gehören Bier und Fußball zusammen. Hm, ich glaube daran könnte es liegen …

Es war Anfang der Neunziger und ich organisierte wieder einmal einen Bus von Saerbeck zu einem Schalke-Heimspiel nach Gelsenkirchen. Wie immer war der Bus schnell ausverkauft. Ich kann heute gar nicht mehr sagen, gegen wen Schalke damals spielte, aber ich weiß, dass alle Fans aus dem Bus ganz schön einen im Tee hatten, als wir wieder in Saerbeck ankamen, ich inklusive.

Wie immer hielt der Bus an unserem Vereinslokal „Dorfkrug“, schließlich wollten sich einige nach so einer anstrengenden Fahrt noch einen Absacker gönnen. Und wie das so in einem Fan-Club ist, die einen gingen sofort nach Hause, die anderen etwas später. Ich gehörte zu denen, die gerne etwas später nach Hause gingen. Mein Kollege war da anderer Meinung. Er wollte mich am liebsten sofort nach Hause bringen, weil er noch zu einer Feier in den Nachbarort Greven wollte. Ich konnte ihn überredete, noch auf eine Cola mit in die Kneipe zu kommen, denn länger würde auch ich auf keinen Fall bleiben.

Na ja, aber wer schafft es schon, einem leicht angetrunkenen Mann, der in bester Laune gemeinsam mit seinen Freunden im Vereinslokal sitzt, ein frischgezapftes Bier in der Hand hält und dabei Schalke-Lieder schmettert, zu sagen, dass er jetzt langsam nach Hause muss? Ich glaube, dass schafft nur die Ehefrau oder die Mutter. Wie auch immer. Aus einem Bier wurden zwei Bier, dann waren es plötzlich drei Bier und immer mehr. Irgendwann war mein Fahrer weg. Er gab es auf, mich davon zu überzeugen, dass ich nach Hause muss.

Was solls, dachte ich. Es waren sowieso nur knapp 600 Meter bis nach Hause. Diese wenigen Meter zu laufen, dürfte doch wohl kein Problem werden. Aber als guter Ehemann wollte ich meiner Gudrun wenigstens mitteilen, dass mein Kumpel einfach abgehauen ist und ich jetzt laufen müsse. Das es nun etwas später wird, dafür kann ich ja nun nichts. Natürlich sagte sie, dass ich austrinken und nach Hause kommen soll, ich hätte genug. Hm, woher wusste Gudrun, dass ich noch etwas im Glas hatte? Und woher wollte Gudrun wissen, dass ich genug hatte? Ehefrauen, die wissen meistens immer alles (besser). »Jawohl mein Schatz, ich trinke aus und komme sofort nach Hause«, sagte ich zu ihr, was auch sonst?!

Ich denke, etwa 90 Minuten später war mein Glas leer. Mag sein, dass in dieser Zeit noch das ein oder andere volle Glas hinzukam. Wer weiß das schon. Jetzt war das Glas zumindest leer, ich war dafür voll und ich wollte mich so langsam auf den Weg nach Hause machen.

Bei uns im Vereinslokal gab es, wenn wir mit dem Bus auf Schalke waren, meist selbstgemachte und leckere Frikadellen und Schnitzel von unserer Wirtin Angelika. Diese lagen zum Verkauf hinter der Theke. Während Angelika meinen Deckel zusammenrechnete, stieg mir der Duft der leckeren Frikadellen und Schnitzel in die Nase. Mein Magen meldete sich direkt, denn feste Nahrung wäre jetzt nicht schlecht. Auch Gudrun würde sich bestimmt freuen, wenn ich noch etwas zu Essen mit nach Hause bringe. Welche Frau freut sich nicht, wenn ihr der Ehemann nach einem anstrengenden Tag etwas mitbringt? Unsere Wirtin Angelika packte mir drei Frikadellen und ein großes Schnitzel in Alu-Folie. Ich schaute mich noch einmal in der Kneipe um, ob nicht doch irgendwo noch mein oder irgendein Fahrer sitzt, der mich nach Hause fahren könnte. Leider nein. Also musste ich laufen.

Ich fand es schon ein bisschen traurig, dass mein Fahrer einfach abgehauen ist. Mich allein im Dunkeln laufen lassen, das ist ganz schön unfair von meinem Kollegen, dachte ich, als ich an den vier Fahrrändern vorbeitorkelte, die vor unserem Vereinslokal standen. Beim Vorbeigehen bemerkte ich trotz Alkohol, dass zwei der Räder nicht abgeschlossen waren, ein Damen- und ein Herrenfahrrad. Hm, wenn ich mir nun ein Rad ausleihe und es gleich morgen früh zurückbringe, wird das keiner merken, schwirrte es in meinem volltrunkenen Kopf, und ich bräuchte nicht allein im Dunkeln nach Hause laufen.

Warum auch immer fiel mir genau jetzt diese blöde Geschichte ein, bei der sich ein langer Schal in die Radspeichen verhedderte und die Radfahrerin zu Fall brachte. Das Mädchen verletzte sich bei diesem Unfall schwer. So dumm wollte ich auf keinen Fall sein und wickelte mir meinen selbstgestrickten meterlangen blau-weißen Schal mehrmals um den Hals. Jetzt kann nichts mehr passieren. Moment, da waren ja noch die Frikadellen und das Schnitzel. Ich konnte mir das Essen ja nicht in die Hosentasche stecken. Na gut, dann fahre ich eben einhändig, dachte ich Schlaumeier. Und schon bei den ersten Versuchen, das Rad zum Laufen zu bringen, scheiterte ich. Um die Anwohner und letzten Gäste im Vereinslokal nicht mit Lärm auf mich aufmerksam zu machen, entfernte ich mich erstmal mit dem Rad von der Kneipe. Ich schob das Fahrrad knappe 150 Meter weg über den Kirchplatz. Danach versuchte ich mehrmals verzweifelt auf das Rad zu steigen. Wahrscheinlich war es an diesem Abend so schwer, da ich schon viele Jahre nicht mehr mit dem Rad gefahren bin. Genau, das musste der Grund sein …

Ich schaffte es einfach nicht, mein Gleichgewicht zu halten, weil der ganze Weg aus Kopfsteinpflaster bestand. Also ging ich die nächsten 50 Meter zu Fuß weiter. Mit der rechten Hand schob ich das Rad, in der linken Hand hielt ich die Frikadellen und das Schnitzel. Jetzt waren es nur noch etwa 400 Meter bis nach Hause. Ich weiß nicht, der wievielte Versuch es war, bis ich endlich auf dem Rad saß, aber irgendwann klappte es und ich wackelte mit dem Rad gefährlich hin und her. Egal, dafür musste ich nicht mehr laufen.

Mit der linken Hand lenkte ich so gut es ging das Fahrrad, mit der rechten Hand schwenkte ich das Essen für Gudrun und sah dabei bestimmt genauso gut aus, wie ein Kellner, der in einem vollen Lokal serviert. Und plötzlich kam eine Kurve aus dem Nichts! Wo kommt die denn auf einmal her? Richtig, es handelte sich um eine neue Straße! Geistesgegenwärtig wollte ich das Lenker links herumreißen, doch irgendjemand muss die Lenkung manipuliert haben, sodass ich weiter geradeaus gefahren bin und mit voller Wucht in einer Gartenhecke landete …

Dank meiner guten und sportlichen Verfassung rollte ich mich erst über den Lenker, anschließend über die Hecke und landete schließlich im Garten. Leider hatte ich bei der Rolle Vorwärts, wie ein geübter Kugelstoßer mein „Päckchen“ mit den Frikadellen und dem Schnitzel abgestoßen. Die Weite wäre bestimmt rekordverdächtig, wenn mein „Päckchen“ nicht mit einem lauten Plopp an der Terrassentür des Hauses gestoppt hätte.

Ich hatte keine Zeit zu überlegen, ob es mir gut ging, denn der (Wach-)Hund des Hauses bellte, und zwar laut. Also sprang ich auf, schnappte mir das Fahrrad und trat die Flucht an. Ich wollte weg sein, bevor die Nachbarn aus dem Haus kamen. Nach ein paar Metern, die mir allerdings wie ein Langlauf vorkamen, fühlte ich mich in Sicherheit und machte schwer atmend eine Pause. Ich hatte Schürfwunden an den Händen, die Hose war grün vom Rasen, das Essen für Gudrun war futsch und dann war da ja noch das geliehene Fahrrad. Dabei war ich doch nur auf Schalke und hab mir anschließend ein oder zwei (oder mehr) Bierchen in unserem Vereinslokal gegönnt. Wie erkläre ich das nur meiner Frau? Plötzlich hatte ich dir glorreiche Idee, das Fahrrad einfach im Garageneingang des Nachbarhauses zu verstecken. Ich würde das Rad morgen früh abholen und heimlich wieder am Dorfkrug hinstellen. Was für eine gute Idee! Und so machte ich mich auf den Weg, die letzten paar Meter nach Hause zu wackeln.

Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, was ich Gudrun an diesem Abend alles erzählt habe, aber ich bekam Hunger. Die leckeren Frikadellen und das Schnitzel hat sich nun bestimmt der Hund reingehauen, der mich mit seinem Bellen verjagte. Während Gudrun für mich im Kühlschrank nach einem kleinen Mitternachtssnack schaute, wurden meine Augenlider immer schwerer und ich schlief im Sessel ein. Irgendwann in der Nacht bin aufgewacht, da ich einen ganz trockenen Hals hatte. Das Licht war abgedunkelt und der Fernseher lief. Aber Gudrun war nicht zu sehen, wahrscheinlich lag sie längst im Bett. Ich schaute auf die Uhr. Es war 4:25 Uhr. Ich zog mich schnell aus und legte mich noch leicht Gaga im Kopf zu meiner Gudrun ins Bett.

Als ich die Augen später wieder öffnete, hatte ich das Gefühl, das ich nur ein paar Minuten geschlafen habe. Ich schaute auf die Uhr und war erschrocken, es war bereits 9:20 Uhr. Für einen Frühaufsteher wie mich fühlt sich so etwas schon fast wie mittags an. Ich sprang aus dem Bett und bin fast wieder umgefallen. Ein großer Blitz durchzuckte meinen Kopf und es fing an, darin zu hämmern. Aua! Ich musste mich noch einmal hinlegen und die Augen schließen. Was war gestern Abend eigentlich passiert, dachte ich, und ich überlegte. Ach du Kacke, war mein erster Gedanke. Was hast du gestern Nacht nur wieder alles angestellt? Ich überlegte krampfhaft weiter, wie ich die einzelnen Erinnerungsbrocken zu einer Geschichte zusammensetzen konnte.

Ich bin nach der Busfahrt noch in unser Vereinslokal gegangen, um einen Absacker zu trinken. Eigentlich wollte ich sofort nach Hause, aber mein Fahrer ist einfach abgehauen. Ich musste also zwangsläufig etwas länger in der Kneipe bleiben. Aber hatte ich nicht noch Frikadellen gekauft? Ja. Aber gegessen habe ich keine. Wahrscheinlich habe ich das Essen im Dorfkrug liegen lassen. Moment, da war doch noch ein Fahrrad! Bin ich mit dem Fahrrad nach Hause gefahren? Hm. Meine Kopfschmerzen wurden stärker und in meinem Bauch zog sich alles zusammen. Alkohol? Nie wieder. Ich werde nie wieder im Leben Alkohol trinken, schon gar nicht, wenn ich auf Schalke bin.

Nun aber ab ins Bad. Nach dem Zähneputzen und der Dusche ging es mir ein bisschen besser. Jetzt musste ich Gudrun nur noch glaubhaft erklären, dass gestern nichts passiert ist und es wie immer ein normaler Tag auf Schalke war. Aber ehrlich gesagt, kennt Gudrun mich, und das sehr gut. Sie wird nicht eher lockerlassen, bevor ich ihr alles erzählt habe. Aber wie soll ich etwas erzählen, wenn ich mich selbst nicht mehr genau erinnern kann. Als ich aus dem Bad kam, ging ich rein zufällig zum Abfalleimer in der Küche und nahm den halbvollen Müllbeutel heraus. »Moin Schatz, ich komme gleich. Ich bringe nur schnell den Müll raus«, sagte ich zur ihr. Die Antwort wartete ich gar nicht erst ab, sondern ich ging raus und sah in den Müll. Aber die Reste von Frikadellen lagen da nicht drin. Ich schaute draußen nach links und rechts. Ein Fahrrad war nirgendwo zu sehen. Puh, Glück gehabt. Den Blödsinn habe ich scheinbar nur geträumt.

Ich ging also wieder rein und setze mich zu Gudrun an den Frühstückstisch, die gerade in der BILD am Sonntag blätterte. Ich versuchte so normal wie möglich zu sein. So normal, als wäre gestern überhaupt nichts „unnormales“ passiert. Warum auch, es war ja scheinbar nichts passiert und so viel hatte ich nun auch nicht getrunken. Ich erzählte Gudrun, dass mein Fahrer gestern einfach abgehauen ist und ich deshalb nicht sofort nach Hause kam. Ich sagte ihr auch, dass ich ihr eigentlich ein paar Frikadellen mitbringen wollte, das Essen aber in der Kneipe liegengelassen habe. Das kann ja schon einmal passieren, jeder vergisst mal etwas. Gudrun sagte nichts, aber sie sah mich an. »Und dann bin ich auch direkt nach Hause gelaufen«, erzählte ich weiter. Da der Tag auf Schalke so anstrengend war, bin ich wohl auch im Sessel eingeschlafen.

Ich habe unruhig geschlafen und komische Sachen geträumt. »Stell dir vor«, sagte ich, »Ich habe geträumt, ich bin mit dem Fahrrad von Gelsenkirchen zurückgefahren.« Gudrun biss in ihr Brötchen und sah mich mit einem Blick an, der mich sehr nervös machte. Sie glaubt mir nicht. Zum Glück bimmelte in diesem Augenblick das Telefon. Ich ging dran und am anderen Ende war Marion. Marion lebte mit ihren Mann Fritz erst seit kurzer Zeit in Saerbeck, beide waren Schalker und bereits Mitglied in unserem Fan-Club. Die beiden waren nett, auch wenn ihr Mann Fritz immer eine große Schnauze hatte. Er konnte alles, er wusste alles und er hätte auch alles schon längst gemacht, wenn er mehr Zeit hätte. Marion konnte einem manchmal schon leidtun, aber irgendwie war sie ihm trotzdem immer eine gute Frau. Es gab nur ein Problem: Fritz war ein bisschen eifersüchtig auf mich, denn Marion und ich verstanden uns gut, sie rief mich öfters an und wir haben auch im „Dorfkrug“ häufig zusammengesessen und über Gott und die Welt gequatscht. So auch gestern Abend. Nur daran konnte ich mich gar nicht mehr erinnern.

An der Art wie Marion mit mir redete, merkte ich, dass Fritz neben ihr stand und zuhörte. Sie fragte mich, ob ich gestern etwas Auffälliges am „Dorfkrug“ gesehen habe. Ich zog die Augenbrauen hoch. »Was Auffälliges?«, fragte ich sie.

»Ja, fremde Leute zum Beispiel«, sagte Marion und fügte hinzu: »Du wirst es nicht glauben Rolli, aber wir haben uns zwei nagelneue Fahrräder gekauft und waren damit gestern unterwegs. Am Abend sind wir mit den Rädern zum Dorfkrug gefahren und als wir die Kneipe verlassen haben, war mein Fahrrad weg. Fritz meinte, da du das Vereinslokal vor uns verlassen hast, müsstest du die Diebe vielleicht gesehen haben.« Mein Blutdruck stieg und ich bekam einen feuerroten Kopf. Gott sei Dank, konnte Marion mich nicht sehen. »Was?«, rief ich empört, »Die haben dein Fahrrad geklaut! Wo gibt es denn sowas?« In meinem Magen grummelt es schon wieder und Marion erzählte weiter, dass die beiden sich gestern Abend sofort auf die Suche nach dem oder den Dieben gemacht haben. »Du wirst es nicht glauben, aber wir haben mein Fahrrad an der Bushaltestelle in Richtung Greven gefunden«, sagte sie plötzlich. Oh ja, ich kenne die Bushaltestelle, diese befindet sich genau entgegengesetzt von unserem Haus. Hm, war ich das dann also doch nicht, fragte ich mich in Gedanken selbst.

Marions Stimme wurde auf einmal leiser und sie flüsterte ins Telefon. »Rolli, du alter Sack. Fritz ist gerade rausgegangen, um eine zu rauchen. Ich habe das Rad nicht an der Bushaltestelle gefunden, sondern neben eurem Haus in der Garageneinfahrt. Du hast mein Fahrrad gestern Abend im betrunkenen Kopf mitgenommen. Ich habe es Fritz anders erzählt, damit ihr beide euch nicht wieder streitet, er war sowieso schon wieder sauer und hatte dich als Dieb im Kopf.« Ach du Scheiße, dachte ich, was bin ich doch für ein Blödmann. Ich wollte gerade eine große Erklärung abgeben, als sie sagte: »Ach, da kommt ja mein lieber Mann wieder. Nein Fritz, wir brauchen keine Polizei anrufen, auch Rolli hat nichts gesehen und mein Fahrrad habe ich ja wieder. Also, alles ist gut!« Alles ist gut? überlegte ich. »Ja, alles ist gut, wir telefonieren morgen noch einmal«, sagte ich zu Marion und wir beendeten das Gespräch.

Was für ein Wochenende. Aber so ist das manchmal, wenn Schalker auf Reisen gehen. Da kann immer etwas Dummes passieren. Man sollte allerdings aus seinen Fehlern lernen, so wie ich. Ich werde meinem Kumpel bei der nächsten Fahrt auf Schalke den Autoschlüssel wegnehmen, damit er sich nicht still und heimlich aus dem Vereinslokal schleichen kann …

»Das Leben ist wie ein Fahrrad. Man muss sich vorwärts bewegen, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren.«

(Albert Einstein)

1990 – Die Fan-Kneipe „Auf Schalke“.

Wenn ich früher für eine Veranstaltung oder eine Busfahrt Getränke holen musste, ging ich immer zum Bierverleger meines Vertrauens, Wilfried Hövelmann. Bei Wilfried erhielt ich die Ware auf Kommission, und das zu einem verdammt guten Preis. Außerdem konnte ich jederzeit auf einen Kaffee und ein Pläuschchen zu ihm ins Büro kommen. Wir quatschten über alles, worüber Männer eben gerne quatschen – obwohl sie meist keine Ahnung davon haben. Daher war es auch verständlich, dass Fußball, und besonders der FC Schalke 04, eines unserer Lieblingsthemen war.

Irgendwann muss ich Wilfried in einem Gespräch erzählt haben, dass ich eine Kneipe in Gelsenkirchen suchte, in der ich mich mit Fans und Fan-Clubs treffen und Veranstaltungen abhalten könnte. Denn bisher habe ich mich an fast jedem Wochenende mit irgendwelchen Fan-Clubs in Gelsenkirchen in deren Vereinskneipen getroffen, um dort die Versammlung abzuhalten. Natürlich wollten mir die Fan-Clubs immer das Bier bezahlen, aber meist wollte ich das gar nicht und habe mein Bier und meine Bratwurst selbst bezahlt. Von meinen Gästen aushalten lassen? Auf keinen Fall! Und so kam es, dass ich am Monatsende fast immer einen stattlichen Bewirtungsbetrag vorzeigen konnte.

Als ich eines Tages wieder einmal bei Wilfried einen Kaffee schnorrte, sagte er beiläufig zu mir »Ach ja Rolf, kannst du nächste Woche zu einer Besichtigung vorbeikommen? Ich habe hier in Gelsenkirchen eine tolle Kneipe für dich. Und das Schöne: die Kneipe ist groß und liegt direkt im Stadtteil Schalke. Da kannst du dich, so oft du willst, mit deinen Fan-Clubs treffen und austoben.« Das hört sich doch ganz gut an, dachte ich. Wenn ich mit dem Pächterehepaar klarkomme, wäre das optimal. Wir machten also guter Hoffnung einen Termin für die Besichtigung aus.

Zu dieser Zeit wohnte ich noch in Saerbeck, einem kleinen Dorf im schönen Münsterland, etwa 104 km vom Parkstadion entfernt. Da ich immer viele Termine auf Schalke und mit Fan-Clubs hatte, fuhr ich die Strecke Saerbeck-Gelsenkirchen-Saerbeck mehrmals pro Woche. Eine gute Terminplanung war also sehr wichtig. Auch wenn ich es sonst zumindest immer versucht habe, pünktlich bei meinen Terminen zu erscheinen, bin ich nicht zur Besichtigung der Kneipe erschienen. Ich hatte mich auf Schalke festgequatscht und ganz ehrlich, so ernst habe ich den Termin nun auch nicht genommen. Und das Pächterehepaar musste wahrscheinlich eh vor Ort sein und in der Kneipe arbeiten …

Als mich Wilfried anrief und fragte, wo ich bleibe, entschuldigte ich mich und sagte ihm, dass ich auf Schalke festsitze. »Schade, alle sind da und wir warten auf dich« war seine Antwort. Moment mal, »Alle?«, fragte ich. »Wer sind alle?« Wilfried klärte mich auf. Die derzeitige Wirtin, der Hausbesitzer, die Vertreter der Krombacher Brauerei und der Vorsitzende des Sparclubs waren zu dem Termin gekommen, um mich kennenzulernen und mit mir zu sprechen. Ich bekam ein schlechtes Gewissen, entschuldigte mich und machte einen neuen Termin aus. Eigentlich, so dachte ich, schaue ich mir nur eben die Räumlichkeiten an, quatsche mit der Wirtin und bespreche die Einzelheiten für die Versammlungen. Fertig. Wie auch immer, der neue Termin war ein paar Tage später.

Ich war fast pünktlich, fast. Denn ich bin ein großer Fan von Pünktlichkeit, aber leider nur bei anderen. Mit einer halben Stunde Verspätung stand ich also vor der angegebenen Adresse. Mein erster Gedanke: Oh Gott, wo bin ich denn hier gelandet? Die Kneipe war in einem Eckhaus. „Gaststätte Jägerhof“ stand auf meinem Zettel, Uechtingstraße 98 (Ecke Wilhelminenstraße). Ich schaute noch einmal auf den Zettel, dann auf die Hausnummer an dem Eckhaus. Ja, das war die besagte Kneipe. Ich war also an der richtigen Adresse.

Eine kurze Erklärung von mir: In der Gegend wohnten die Ärmsten der Armen und die Polizei kam nur hierher, wenn sie gerufen wurde, und zwar mit einem Mannschaftswagen. Und das war nicht selten der Fall …

Mein erster Eindruck war also ein klares Nein. Hierher soll ich meine Gäste einladen? Auf keinen Fall! Mit dem klaren Nein im Kopf betrat ich die Kneipe und war direkt über die Größe des Gastraums überrascht. Mit der dunklen Holzverkleidung wirkte der Raum zwar etwas bedrückend und die spärlichen Tiergeweihe an den Wänden änderten das auch nicht. Aber so wurden viele Kneipen in den 70ern gebaut und eingerichtet. Und immerhin war ich ja im „Jägerhof“. In der Mitte des Schankraumes stand ein großer Billardtisch, der fest am Boden verschraubt war. An der langen Theke hatten gut und gerne 30 Personen Platz, um ihr Bier zu trinken. Zudem rundeten sechs Tische das Mobiliar in der Gaststätte ab. An einem dieser Tische saß Wilfried mit fünf weiteren Personen, die sofort ihre angeregte Unterhaltung abbrachen, als ich den Raum betrat. Ich ging auf sie zu, begrüßte alle freundlich und machte gleich einen lustigen Spruch.

Natürlich flachsten wir sofort ein bisschen über unseren S04 und Wilfried eröffnete die Diskussionsrunde mit den Worten, dass ich hier mit meinen Fan-Clubs ungestört über die Niederlagen unseres Clubs diskutieren könnte. Ich nahm den Ball gekonnt auf und gab zurück, dass bei diesem giftgrünen Anstrich sicherlich keine ruhigen Diskussionen zustande kommen könnten. Alle lachten. »Kein Problem, dann streiche doch einfach alles in blau-weiß an«, meinte Wilfried. Und wieder lachten alle und ich dachte direkt, was für eine coole Wirtin, jetzt braucht sie nur noch das Geld für den Anstrich rausrücken.

Mit wurden alle Räume der Gaststätte gezeigt, darunter eine verdammt kleine Küche und ein mickriger Personalraum sowie ein riesiger Saal und natürlich die Toiletten. Für mich war das keine Gaststätte, wie ich sie mir wünschen würde. Aber mit ein paar Schalke-Bildern und Fan-Artikeln an den Wänden kann man aus dem Laden schon etwas machen. Und da ich mich hier nur mit den Fan-Clubs treffen will und anschließend wieder nach Hause fahre, sollte das passen.

Um mich zu vergewissern, fragte ich die Wirtin direkt. »Ich kann hier wirklich Schalke-Bilder aufhängen und auch der Außenanstrich wird geändert?« Der Vertreter der Krombacher Brauerei fiel ins Wort und sagte, dass es sogar eine Bezuschussung geben würde, wenn wir das Logo von Schalke oder dem Schalker Fan-Club Verband anbringen wollten. Alle nickten und ich fand dieses viele Entgegenkommen schon sehr komisch. Daher fragte ich nach, wie denn wohl die anderen Gäste reagieren, wenn der „Jägerhof“ plötzlich zu einer Fußballkneipe wird. »Werden die Stammgäste diese Veränderung akzeptieren?«, fragte ich. Und jetzt lachten alle noch mehr. »Rolf, das ist doch deine Sache. Als Pächter kannst du machen, was du willst!«, gab Wilfried zu erklären.

Pächter? Ich bin fast umgefallen, ich suchte doch nur eine Kneipe, in der ich mich mit meinen Fan-Clubs zurückziehen konnte, um meine Besprechungen abzuhalten. Ich wollte doch keine Kneipe pachten! Das teilte ich allen sofort mit und merkte dabei mit jedem Wort, wie sehr sie enttäuscht waren. Und dann redeten sie auf mich ein, was für einen Fehler ich machen würde. Die Unabhängigkeit bei Versammlungen, die eigenen Fan-Club Partys und natürlich die guten Verdienstmöglichkeiten. Es wäre so viel möglich, wenn ich ja sagen würde. Als ich dann den Pachtpreis erfahren habe, war ich doch ein wenig überrascht, wie günstig die Pacht für eine so große Kneipe war. Ich bat also um ein paar Tage Bedenkzeit und fuhr nachdenklich nach Hause ins Münsterland.

Im Auto gingen mir 1904 Gedanken durch den Kopf und eine Idee jagte die andere. In einer großen Kneipe, da könnte ich einiges machen: Fan-Partys und Diskussionsrunden mit Schalke-Promis am Spieltag, Treffen zwischen Schalke-Vorstand und Fan-Clubs und noch viel mehr. Und wenn der „Jägerhof“ den richtigen blau-weißen Anstrich bekommt, das könnte eigentlich doch etwas für uns sein. Zu Hause angekommen merkte Gudrun sofort, dass mich etwas beschäftigte. Natürlich wollte sie wissen, was los war und auch, wie das Gespräch in der Kneipe verlief. Ich redete nicht lange um den heißen Brei herum und ließ die Katze sofort aus dem Sack. »Was hältst du davon, wenn wir wieder eine eigene Fan-Kneipe aufmachen?«, fragte ich sie. Nein, Gudrun hat mich weder geschlagen noch rausgeschmissen. Immerhin war sie selbst früher Vereinswirtin, sogar meine. Daher kannte sie die harte Arbeit im Gaststättengewerbe nur zu gut. Was soll ich sagen? Ich war so begeistert von der Idee, eine eigene Fan-Kneipe zu haben – und wenn ich begeistert bin, kann ich jeden davon überzeugen: Gudrun sagte ja, der Vorstand und der Beirat des Schalker Fan-Club Verbandes sagten ja und auch die Brauerei sagte ja. Und schon hatte der Schalker Fan-Club Verband seine eigene Fan-Kneipe mit dem Namen „Auf Schalke“.

Ach ja, der giftgrüne Anstrich wurde bereits eine Woche später von einem Graffiti-Künstler übermalt, und zwar in einen blau-weißen Tempel …

»Man geht leichtfertig in die Fan-Kneipe und kommt leicht fertig wieder raus.«

1990 – Mit Polizei-Geleitschutz ins Hotel.

Es muss im Jahr 1990 gewesen sein, als ich einen Anruf von einem Schalke-Mitglied aus Luxemburg bekam. Er wollte einen Schalke Fan-Club gründen und ich sollte ihn dabei unterstützen. Damals war ich richtig heiß darauf, Fan-Clubs im Ausland für den FC Schalke 04 oder den Fan-Club Verband zu gewinnen. Also sagte ich ihm, dass ich zur Gründungsversammlung nach Luxemburg kommen würde.

Nach mehreren Telefonaten stimmten wir einen Termin und den Versammlungsort ab. Ich fragte nach einer Übernachtungsmöglichkeit vor Ort, da die Anreise ja schon etwas weiter sei. Sofort haben mir mehrere Mitglieder aus dem Fan-Club angeboten, bei ihnen zu Hause zu übernachten. Das war sehr lieb gemeint, aber ich gehöre zu den Menschen, die ziemlich wenig Schlaf brauchen und deshalb immer früh aufstehen. Und ehrlich gesagt habe ich keine Lust und keine Ruhe, morgens um 5.04 Uhr wachzuwerden und dann solange im Bett liegen zu bleiben, bis auch meine Gastgeber wach werden. Deshalb bevorzuge ich lieber ein Hotelzimmer, auch wenn mir dadurch Übernachtungskosten entstehen.

Die Versammlung sollte etwa 30 km hinter Luxemburg-Stadt stattfinden. Ich machte mich also an einem Freitagabend auf den Weg ins schöne Luxemburg und fand auch ziemlich problemlos den kleinen Ort und das Vereinslokal. Wenn ich sonst zu Versammlungen ging, war das Vereinsheim meist mit Fahnen geschmückt und überall hingen Wimpel und Poster von Schalke an den Wänden. Hier war davon gar nichts zu sehen. Zuerst dachte ich, dass ich an der falschen Gaststätte sei, bis mich der Wirt ansprach. »Du bist doch Rolf Rojek, oder? Wir warten alle auf dich im hinteren Zimmer.« Erleichtert, doch richtig zu sein, ging ich mit dem Wirt in das hintere Zimmer, in dem rund 20 Personen auf mich warteten. Auch in hier gab es nichts blau-weißes zu sehen, lediglich zwei Personen hatten einen Schalke-Schal um den Hals. Dafür schwebte eine dicke Rauchwolke in der Luft, denn damals gab es noch keine Rauchverbote. Die Luft war stickig und die Atmosphäre etwas kühl.

Nach der Begrüßung erklärte ich den Fans, wie ein Schalke-Fan-Club gegründet wird und welche Vorteile die Mitgliedschaft im Schalker Fan-Club Verband bietet. Die Fragen der anwesenden Fans waren gering und ich hatte schon Zweifel, ob sich die Fahrt hierher für den Verband gelohnt hat. Aber wie es manchmal so ist, mit einigen Witzen, mit meinen Geschichten und mit meiner Begeisterung, warum und wieso es geil sei, einen Schalke-Fan-Club zu gründen, wurde das Eis gebrochen und es kam eine wirklich gute Stimmung auf. Es wurde viel gelacht und das Formelle war schnell zu Ende. Kurz danach wurde der erste Schalke-Fan-Club in Luxemburg gegründet …

Bevor wir zum gemütlichen Teil übergingen, fragte ich nach meinem Zimmer, da ich wenigstens noch meine Tasche auspacken wollte. Die Jungs erklärten mir, dass mein Hotelzimmer im etwa 9 km entfernten Ort sei, denn hier in dem Dorf gab es kein Hotel. Damit war klar: Heute gibt’s nur Cola, schließlich musste ich ja noch fahren. Es sei denn, es gibt ein Taxi. Aber auch hier bekam ich die Antwort, dass ein Taxi zu später Stunde unmöglich zu bekommen sei. Na toll, jetzt bist du bis nach Luxemburg gefahren und kannst nicht einmal ein Bier mit den Jungs und Mädels trinken, dachte ich. Aber alle redeten auf mich ein und überzeugten mich letztendlich, dass sie mich schon heil und unversehrt in mein Zimmer bringen würden. Und so gab es dann doch Bier für mich.

Als Andenken an den Abend in Luxemburg holte ich mir beim Wirt einen 0,5 Liter Bierkrug aus Ton, auf dem ich alle Gründungsmitglieder unterschreiben ließ. Und es war wirklich ein schöner Abend, ich habe viele und lustige Geschichten aus meinem Schalke-Leben erzählt, bis ich gegen 1:00 Uhr in der Nacht langsam ins Hotelzimmer wollte. Immerhin musste ich um 6.00 Uhr in der Früh wieder raus, damit ich rechtzeitig wieder auf Schalke bin. Ich fragte also, wer mich zum Hotel fahren könnte und einer der Fans meinte, dass ich zu meinen Wagen gehen und hinter den anderen herfahren sollte. Ich lachte und fragte ihn, ob ich direkt zur Polizeiwache fahren sollte, um meinen Führerschein abzugeben. Und was machte er? Er lachte. »Dann kannst du mir deinen Lappen ja gleich geben, denn ich bin bei der Polizei.« Ich muss wohl ziemlich doof geschaut haben, denn plötzlich fingen alle an zu lachen. »Mach dir keine Gedanken, die Polizei wird dich nicht anhalten. Wir sind hier die Polizei«, waren seine Worte. Und genauso war es auch. Was ich nicht wusste: fünf der anwesenden Fans waren Polizisten. So sind wir mitten in der Nacht in einer Autokolonne, zwei Autos vor mir und zwei Autos hinter mir, besetzt mit Polizisten, langsam in das rund 9 km entfernte Dorf zu meinem Hotelzimmer gefahren.

Im Nachhinein muss ich sagen, dass es eine große Dummheit war, an diesen Abend noch mit dem Auto zu fahren. Es ist zum Glück nichts passiert, aber ich kann nur jeden davor warnen, nach dem Alkoholkonsum mit dem Auto zu fahren. Egal, ob es nur ein paar Meter oder wenige Kilometer sind und egal, ob die Polizei dir Geleitschutz gibt.

Zehn Jahre später wurde ich von dem Schalke-Fan-Club aus Luxemburg zum Jubiläum eingeladen. Diesmal sah das Vereinslokal auch so aus, wie ein Schalker es erwartet: An den Wänden hingen überall unsere Schals, Bilder und Wimpel vom Fan-Club Verband und dem FC Schalke 04. Es waren auch deutlich mehr Mitglieder als vor 10 Jahren anwesend, das Durchschnittsalter war jedoch höher. Ich freute mich, dass sogar noch zwei Gründungsmitglieder dazugehörten. Nach zwei Stunden Rede und Antwort in geselliger Runde erhielt ich als Geschenk eine Holzkiste mit einer drei Liter Flasche Wein. Keine Sorge, die habe ich an dem Abend nicht geleert. Aber die Kiste war groß genug, sodass ich auch diesmal alle Mitglieder darauf unterschreiben ließ. An diesem Abend fuhr ich ohne Alkohol und Polizeischutz zufrieden in Richtung Gelsenkirchen.

Leider hat sich der Fan-Club kurze Zeit später aufgelöst …

»Über 6% der Deutschen sterben durch Alkohol, die restlichen 94% sterben auch.«

1991 – Wie Trompeten-Willy wirklich auf Schalke kam.

Tätä, tatä, tätätäre täte – Attacke! Wenn Marino Fioretti, von allen nur Fio gerufen, mit seiner Trompete zur Attacke geblasen hat, bebte das Stadion. Das war damals schon eine geile Fan-Aktion, die Fio ins Leben gerufen hat. Fio erreichte mit seiner Attacke nicht nur auf Schalke Kultstatus, er war der erste Fan, den ich kannte, der sich eine eigene Autogrammkarte anfertigen ließ.

Fio war von Beruf Baggerführer. Der damalige Schalke-Hauptsponsor Müller zahlte Fio 7.500 DM im Jahr für seinen Einsatz und machte ihn zum ersten bezahlten Fan in der Fußballbundesliga. Nicht jeder Fan war damit einverstanden, aber Fio genoss den Ruhm, den er sich mit seiner Trompete erspielt hatte. Er war nicht nur bei den Schalke-Spielen anwesend, sondern immer öfters auch auf größeren Fan-Veranstaltung.

Mein Fan-Club Blau-Weiß Saerbeck organisierte Anfang der 90er Jahre ein großes Fußballturnier und kein geringerer als FIFA Schiedsrichter Walter Eschweiler pfiff das Finale. Nach dem spannenden Endspiel wurde in der Saerbecker Bürgerhalle zur Siegerehrung mit anschließender blau-weißer Nacht eingeladen. Über 250 Fans gaben sich an diesem Abend die Kante. Das kühle Bier floss in Strömen in die durstigen Sportlerkehlen. Die meisten Teilnehmer konnten besser trinken als kicken, aber das war egal. Wichtig war, dass Alle Spaß hatten.

Es war eine schöne und gelungene Veranstaltung, die sich gegen Mitternacht so langsam auflöste. Und wie bei vielen anderen Veranstaltungen auch, ging der harte Kern in die Verlängerung. Der harte Kern bestand aus fast 50 Gästen, die nicht einmal gehen wollten, als Band und DJ ihre Sachen packten. Immer wieder wurden Fangesänge und das Vereinslied „Blau und Weiß wie lieb ich dich“ angestimmt. Der Gesang war laut, aber nicht schön. In Saerbeck störte das niemanden.

Zu später Stunde kam einer der Gäste mit zwei Glas Bier in der Hand auf mich zu, gab mir ein Glas und sagte: »Ich bin der Willy und komme vom Niederrhein.«

Schön, dachte ich und stieß mit Willy auf Schalke an. Doch dann erzählte mir Willy unaufgefordert seine traurige Lebensgeschichte. Er ist schon sein ganzes Leben ein echter Schalker und würde so gerne mehr für diesen Club geben. Aber leider kann man ja nicht immer alles so machen, wie man es gerne hätte. Trotz seines gehörigen Alkoholpegels setzte Willy einen traurigen Dackelblick auf. Ich fragte ihn, was er denn gerne mehr machen würde. Willy druckste herum und erzählte dann, dass er Probleme mit Fio hätte. Er würde auch gerne mal die Attacke auf Schalke blasen, aber angeblich hat Fio ihm das verboten. Ich war verwundert, da ich Fio so nicht kannte und mir deshalb auch nicht vorstellen konnte, dass er so etwas sagen würde. Und Willy sah auch nicht so aus, als könnte er Trompete spielen. »Wie, du kannst Trompete spielen?«, fragte ich ihn verwundert. Jetzt hatte ich ihn scheinbar bei seiner Ehre gepackt, denn er schaute mich böse an. »Na klar kann ich das. Soll ich es dir beweisen« antwortete er. »Wenn ich höre, wie du die Attacke bläst, werde ich sofort mit Fio sprechen«, sagte ich, da ich auch schon einen im Tee hatte …

Willy stellte wortlos sein Bier auf den Tisch und torkelte zu der Band, die gerade dabei war, ihre Sachen einzupacken. Und tatsächlich packte einer der Männer eine Trompete aus und gab diese Willy. Eigentlich war ich schon darüber verwundert, dass Willy überhaupt noch die Bühne hochkam. Noch überraschter war ich, als er sich mit wackligen Beinen in der Mitte auf der Bühne positionierte, die Trompete kurz testete, ansetzte, und dann sauber und fehlerfrei „Il Silenzio“ spielte, ich glaube zumindest, dass es das Lied war. Danach folgte die Attacke. Ich war echt überrascht, das hätte ich ihm nie zugetraut. Und ehrlich: es hörte sich wirklich gut an.

Willy kam stolz zu mir an den Tisch und strahlte. »Na, wie habe ich das gemacht?«, fragte er. Was sollte ich sagen? Willy hatte mein Wort, ich würde mit Fio sprechen. Außerdem hatte Fio in der letzten Zeit öfters über gesundheitliche Probleme gesprochen, einige munkelten bereits, dass er aufhören wolle.

Irgendwann habe ich also Fio angerufen und ihn gefragt, ob er Willy wirklich die Attacke auf Schalke verboten hätte. Ich fragte ihn auch, wie er seine Zukunft auf Schalke sieht. Nach einem längeren Gespräch einigten wir uns darauf, dass auch Willy mal die Attacke auf Schalke blasen darf, immerhin ist diese nicht geschützt. Ich informierte Willy im Anschluss über das Gespräch. Er war stolz und jubelte vor Freude. Wir einigten uns darauf, dass er in 14 Tagen erstmalig mit seiner Trompete auf Schalke die Attacke blasen soll.

Ein paar Tage vor dem besagten Spiel rief Willy mich an und druckste ein bisschen herum. Er freut sich unheimlich, dass er die Attacke spielen darf, aber er hat derzeit ein kleines Problem. Er sei arbeitslos und könne sich keine Eintrittskarte für das Spiel kaufen, zumal er auch eine junge Familie hat.

»Das ist doch kein Problem, Willy. Die Stehplatzkarte bezahlt der Fan-Club Verband«, sagte ich zu ihm. Er freute sich und legte nach. Denn normalerweise geht er immer mit seiner Partnerin auf Schalke, aber sie hat natürlich auch kein Geld für eine Eintrittskarte. Ich versprach Willy, dass ich ihm für seinen Auftritt zwei Stehplatzkarten besorgen würde. Lange Rede, kurze Hose: Willy blies ein paarmal die Attacke im Stadion, alle waren begeistert und wir hatten einen Ersatz für Fio gefunden. Willy wurde später auch ehrenamtlicher Mitarbeiter beim Schalker Fan-Club Verband und erhielt einige Sonderrechte. So bekam er vom Schalker Fan-Club Verband immer seine Stehplatzkarten und später auch eine neue Trompete. Seine erste Trompete schenkte er mir und immer, wenn ich diese ansehe, denke ich immer daran, wie alles mit der Attacke angefangen hat …

»Jeder Mensch ist austauschbar, aber nicht jeder ist ersetzbar.«

(Tobias Neufeld)

1991 – Die „Sternenfahrt“ zum Auswärtsspiel nach Mainz.

Da hat es Rudi Assauer wieder einmal gut gemeint und dann geht es voll in die Hose. Warum Rudi den Fans damals versprochen hat, kostenlose Busse zum Achtelfinale im DFB-Pokal nach Bremen einzusetzen, kann ich gar nicht sagen, denn der Schalker Fan-Club Verband hatte nichts damit zu tun. Es war auf jeden Fall ein teures Versprechen, was Rudi da von sich gegeben hat.

Am 30. November 1990 konnte also jeder Schalke-Fan kostenlos mit den bereitgestellten Bussen zum Auswärtsspiel nach Bremen mitfahren. Damals gab es weder Fan-Ordner im Bus, geschweige denn organisierte Reisen mit Mitfahrerlisten, auf denen jeder Teilnehmer registriert war. Nein, es konnte jeder anonym mitfahren. Und was passierte? Wir haben nicht nur das Pokalspiel mit 3:1 verloren, wir haben auch an Ansehen verloren. Kaum ein Rasthof zwischen Gelsenkirchen und Bremen wurde von randalierenden und plündernden Chaoten verschont. Auch die kostenfrei zur Verfügung gestellten Busse mussten daran glauben: aufgeschlitzte Sitze, Brandlöcher im Polster, abgerissene Fenstervorhänge und Aschenbecher sowie zerstörte und restlos überfüllte Toiletten. Viele Busse waren nach dieser Fahrt für mehrere Tage nicht mehr einsatzbereit. Besonders schlimm traf es das Unternehmen Brune Busse aus Gelsenkirchen. Ulrich Brune, Chef der Firma, war so entsetzt und wütend, dass er in der Gelsenkirchener Tageszeitung einen Bericht mit Bildern von seinem zerstörten Bus abdrucken ließ. Die dicke Überschrift lautete: „Nie wieder Schalke-Fans fahren.“ Ich hatte volles Verständnis für all jene, die durch unsere Fans einen Schaden zu beklagen hatten, auch, wenn ich nichts mit der Organisation der Fahrt zu tun hatte. Ich habe Ulrich Brune diese Worte auch in einem persönlichen Brief mitgeteilt.

Schalke ist nach der Niederlage zwar im DFB-Pokal ausgeschieden, trotzdem herrschte große Euphorie. Es sah nämlich verdammt gut aus, dass wir am Ende der Saison endlich wieder erstklassig spielen würden. Auf einem unserer Fan-Treffen im März 1991 verlangte Rudi Assauer von uns Fans, dass wir auch in den letzten Spielen die Mannschaft voll und ganz unterstützen müssten. Ich nutzte die Gunst der Stunde und habe Rudi vorgeschlagen, dass die Mitglieder des Fan-Club Verbandes zu einem Auswärtsspiel fahren und als 12. Mann hinter der Mannschaft stehen. Allerdings müsse der Verein die Busse bezahlen. Rudis Blick sagte alles, ihm ist fast die Zigarre aus dem Mund gefallen und er zeigte mir den Vogel. Er erinnerte mich noch einmal an die Fahrt zum Pokalspiel nach Bremen und wie viel der Verein hinterher an Schäden bezahlen musste. Aber ich ließ nicht locker und brachte das Argument, dass es sich bei der Fahrt nach Bremen um eine unorganisierte Fahrt handelte. Würde der Schalker Fan-Club Verband die Fahrt organisieren und betreuen, wäre das anders und besser. Rudi traute mir noch nicht ganz, aber ich ließ nicht locker. »Für jeden Bezirk einen Bus und ich verspreche dir, du wirst nach der Fahrt kein Ärger haben«, sagte ich ihm. Zu meiner Freude stimmte Rudi dem zu, aber nicht, ohne mir noch eine letzte Warnung mitzugeben. »Na gut, Alter, dann hast du jetzt die Verantwortung für 16 Busse, die wir bezahlen. Aber wehe dir, es kommen danach Beschwerden, dann trete ich dir persönlich in den Arsch.«

Ein paar Tage später schaute mir den Spielplan an und es gab eigentlich nur ein Spiel, das infrage käme, das Spiel in Mainz. Nachdem ich Rudi die Kosten für die Busse mitgeteilt hatte, kam von ihm das OK und ich konnte mit der Planung für die „Sternenfahrt“ beginnen. Wir nannten diese Fahrt Sternenfahrt, da aus allen Himmelsrichtungen Deutschlands ein Bus nach Mainz rollte.

Die 16 Busse verteilte ich auf die 16 Bezirke im Fan-Club Verband. Nicht jeder Bezirk wollte zu diesem Spiel einen Bus organisieren, sodass die Fans und Mitglieder in Gelsenkirchen mit mehreren Bussen planen konnten. Die Plätze in den Bussen waren schnell vergeben, allerdings musste sich jeder Teilnehmer vorab schriftlich mit seiner privaten Anschrift anmelden. Wir setzten in jedem Bus zwei verantwortliche als Fan-Ordner ein, die neben einer Mitfahrerliste und Musikkassetten auch ein Busschild mit der Bus-Nummer sowie die Anfahrt zum Stadion-Parkplatz und ein Merkblatt mit Verhaltensregeln im Bus, an Rasthöfen und im Stadion bei sich hatten. Natürlich habe ich die Sternenfahrt mit der Polizei abgesprochen und nach Rücksprache mit der Polizei Mainz wurde uns angeboten, dass jeder vom Fan-Club Verband gekennzeichnete Bus von einem Polizei-Kradfahrer an der Autobahn Ausfahrt in Empfang genommen und ohne weitere Kontrollen zum Stadion-Busparkplatz gebracht wird. Dieses Angebot haben wir selbstverständlich angenommen. Ohne Kontrollen und ohne Stau von der Autobahn bis auf den Parkplatz? Etwas Besseres hätte uns gar nicht passieren können!

Der 25. Mai kam und die 16 Busse machten sich auf den Weg nach Mainz. Verständlicherweise war ich der Erste, der auf dem Parkplatz in Mainz auf die Busse wartete. Nach und nach trudelten unsere Busse ein. Die Fan-Ordner kamen zu mir und gaben einen Stimmungsbericht aus dem Bus. Überall folgte die gleiche Rückmeldung: gute Stimmung, keine Zwischenfälle im Bus oder an Rasthöfen und eine gelungene Abholung durch die Polizei an der Autobahnabfahrt. Alle waren zufrieden und stolz nahm ich die Berichte entgegen.

Das Spiel in Mainz endete 1:1 durch ein Tor von Ingo Anderbrügge (83.), aber es reichte trotzdem für den vorzeitigen Aufstieg in die 1. Bundesliga. Mit großem Jubel und viel Alkohol ging es für die 16 Busse wieder nach Hause, und zwar ohne Zwischenfälle.

Am darauffolgenden Montag stand ich schon früh morgens bei Rudi auf der Matte und überbrachte ihm die frohe Botschaft, dass die vom Schalker Fan-Club Verband organisierten 16 Busse ohne Zwischenfälle und ohne Schäden die Fahrt nach Mainz überstanden haben. Rudi guckte nur kurz von seinem Schreibtisch auf und meinte: »Ich habe auch nichts anderes erwartet.«

Auf dieser Fahrt waren auch zwei Busse von Ulrich Brune dabei. Auch er war sehr froh, dass ich mein Wort hielt und er seine Busse unbeschädigt zurückbekam. Nach dieser Sternenfahrt haben wir vom Schalker Fan-Club Verband zu jedem Auswärtsspiel von Schalke Fan-Busse mit Fan-Ordnern eingesetzt. Markus Brune, der später den Betrieb seines Vaters übernahm, wurde sogar zu einem wichtigen Partner im Fan-Club Verband. Mit Markus sind wir viele Jahre zuverlässig und sicher zu allen Auswärtsspielen des FC Schalke 04 gefahren. Unvergessen bleiben auch die Fahrten zu den internationalen Spielen. Denn zu jedem Ort, der mit dem Bus zu erreichen war, wurde von uns ein Bus eingesetzt. Auch wenn der Schalker Fan-Club Verband die Partnerschaft mittlerweile beendet hat, der legendäre „Bosch-Bus“ kommt immer noch von Brune Busse.

»Auffällig ist, dass Menschen, die alles besser wissen, nie etwas besser machen.«

1991 – Der erste Sonderzug nach Nürnberg.

Ich war damals noch „jung“ und gerade erst 38 Jahre (geworden). Ich hatte eine tolle Familie und einen Job, der mir finanzielle Unabhängigkeit bescherte und mir Spaß machte. Eigentlich könnte man zufrieden sein. Eigentlich. Nicht aber, wenn man immer neue Herausforderungen sucht, so wie ich.

Seit 1984 gehörte ich dem Vorstand des Schalker Fan-Club-Verbandes an und konnte in meiner Amtszeit schon viel bewegen. Ich erlaubte mir den Luxus, jedes Wochenende unsere Fan-Clubs in ganz Deutschland und auch über die Landesgrenzen hinaus zu besuchen. Klar, so kam ich viel herum, aber das Familienleben musste zwangsläufig in den Hintergrund treten.

Auf den damaligen Versammlungen gab es nicht so viele Probleme wie heute. Es wurde oft nur diskutiert, wie der Verein die Mitglieder und Fan-Clubs besser unterstützen könnte. Probleme mit Preisen und Zuteilungen wie heute bei den Eintrittskarten für Heim- und Auswärtsspiele waren damals kein Thema, vielmehr interessierten sich unsere Fan-Clubs für die „Chaoten“ auf Schalke. Die Frage, warum einige „Chaoten“ jeden Spieltag den Namen des FC Schalke 04, und damit auch die ordentlichen Mitglieder, durch Vandalismus und Schlägereien in die Kritik brachten, war häufig ein Thema auf den Versammlungen. Schon damals wie auch heute habe ich immer versucht zu erklären, dass nicht jeder Fan, der ein Trikot und Schal trägt, auch ein Chaot ist. Und an dem Thema ist gut zu erkennen, wie sich die Zeiten und Wichtigkeiten bei den Fan-Clubs geändert haben. Damals waren etwa 123 Fan-Clubs mit 6.000 Fans im Verband registriert.


Es war Ende Mai im Jahr 1991, als ich auf der Rückfahrt von einer Fan-Club Versammlung, auf dem die „Chaoten“ wieder einmal Thema waren, im Auto mit dem damaligen Pressewart des Fan-Club Verbandes, Dietmar Biedermann, über die Anreise der Fans zu den Auswärtsspielen diskutierte. »Warum gibt es eigentlich keine Sonderzüge mehr?«, fragte mich Dietmar. Stimmt eigentlich, dachte ich. Immerhin hat der Fan-Club Verband auf der sogenannten „Sternenfahrt“ gerade erst erfolgreich Fans in 16 Bussen aus allen Ecken Deutschlands zum Auswärtsspiel nach Mainz gebracht. Es gab keine Randale, keine Schlägereien, sondern nur Lob. »Warum sollte eine organisierte Auswärtsfahrt nicht auch im Sonderzug funktionieren?«, fragte Dietmar. Er hatte recht. Warum eigentlich nicht.

Ich rief also am nächsten Tag direkt bei der Bundesbahn in Münster an. Und die haben wohl gedacht, dass ein Idiot anruft. Immerhin war klar, dass die Bundesbahn seit Jahren keine Sonderzüge mehr zu Fußballspielen einsetzte. Denn fast kein Zug schaffte es nach diesen Fahrten ohne größere Schäden in seinen Heimatbahnhof zurück. Und jetzt ruft einer an und will einen Sonderzug machen?

Ich weiß nicht, wie oft ich am Telefon weitergeleitet wurde und immer wieder von vorne erzählen musste. Und ich erreichte an diesem Tag auch erst einmal nichts. Doch wer mich kennt, weiß, dass spätestens jetzt mein Ehrgeiz geweckt war. Warum kein Sonderzug? Der letzte Beamte am Hörer gab mir den Rat, den neuen Spielplan abzuwarten, der in den nächsten Tagen veröffentlicht wird. Danach sollte ich mir erst einmal Gedanken machen, zu welchem Spiel ich einen Sonderzug einsetzen will, von welchem Bahnhof dieser abfahren und an welchen Stationen der Zug halten soll. Sofern der Zug ab Osnabrück starten soll, müsste ich mich an die Kollegen vor Ort wenden, so die Aussage des Bahnbeamten.

Zwei Wochen später fuhr ich mit dem Spielplan in der Hand zur Hauptverwaltung der Deutschen Bahn nach Osnabrück. Für mich kamen eigentlich nur zwei Spiele infrage – nach München oder Nürnberg. München hatte sich allerdings sofort erledigt, das Spiel fand an einem Dienstag statt. Also blieb nur noch die Fahrt zu unseren Freunden nach Nürnberg. Das Spiel war auf den 14. Dezember 1991 terminiert. Das machte mich ein wenig unruhig. Wie wird das Wetter am 14. Dezember sein? Können Schnee, Frost und Regen vielleicht zu einer Spielabsage führen – was mache ich dann? Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch kam ich in Osnabrück bei der Zentrale der Bundesbahn an.

Ich betrat ein Büro, in dem bereits sechs Beamte der Deutschen Bahn saßen und auf mich warteten. Nach einer kurzen Vorstellungsrunde ging es los: Alle redeten laut und wild auf mich ein. Es wurden mir die schlimmsten Szenarien um die Ohren gehauen. Mir wurde gesagt, was alles passieren kann, wie hoch die eventuellen Schäden liegen, für die ich aufkommen müsste und wie pleite ich danach wäre. Schließlich hatten alle ausreichend Erfahrung mit Sonderzügen. Eigentlich fehlte im Raum nur noch ein Psychologe, der bescheinigte, dass ich mit meiner Idee ein bisschen „Balla Balla“ sein muss. Nachdem alle auf mich eingedroschen hatten, herrschte Stille und alle Anwesenden dachten wohl, ich würde kleinlaut meine Idee verwerfen. Aber genau dann, wenn jemand meint oder zu mir sagt, das schaffst du nicht, dann will ich es schaffen! Daher unterbrach ich die Stille mit meiner Frage. »Was kostet jetzt der Sonderzug?«

Ja, ich habe es geschafft, dem Druck standzuhalten und die Beamten der Bahn davon zu überzeugen, mir einen Zug zur Verfügung zu stellen. Den Sonderzug würde ich nach dem gleichen Konzept, wie die 16 Busse nach Mainz, nach Nürnberg und wieder zurückbringen – ohne Schäden. Wenn auch nicht gerne, erfuhr ich die Konditionen für meinen Sonderzug: 13 Waggons + 2 Sambawagen als Schnäppchenpreis für 64.000 DM.

Noch nachdenklicher als schon auf der Hinfahrt, fuhr ich zurück nach Hause. Mir gingen wieder einmal 1904 Gedanken durch den Kopf. 64.000 DM, das ist verdammt viel Geld. Aber ich war fest überzeugt, dass der Sonderzug voll wird. Ein kleines Problem beschäftigte mich trotzdem noch: die Haftung. Diese wollte ich nicht dem Schalker Fan-Club Verband übertragen, sodass ich den Sonderzug als Privatmann chartern müsste und damit auch persönlich für die 64.000 DM und alle Schäden haften würde. Und das wäre es dann mit meiner sicheren Existenz gewesen. Was sollte ich nun machen? Wahrscheinlich würden die meisten vernünftigen Menschen die Sache abblasen. Aber wenn ich mir einmal etwas in den Kopf gesetzt habe, will ich es auch umsetzen. Und ich wollte einen Sonderzug starten. Ich brauche euch nicht zu sagen, wie ich mich entschieden habe, denn viele von euch waren in diesem Sonderzug nach Nürnberg dabei …

Einen Tag nach dem Gespräch in Osnabrück informierte ich die Bahn, dass der Vertrag aufgesetzt werden kann. Für mich begann die Organisation: Wie hoch muss der Fahrpreis sein? Wo soll der Zug halten? Wer sorgt für Sicherheit und Ordnung im Zug? Wer kontrolliert die Fahrkarten? Wo finde ich einen DJ für die Sambawagen? Wer übernimmt die Bewirtung? Und wie komme ich an Eintrittskarten? Fragen über Fragen, auf die ich (noch) keine Antwort hatte. Nein, bisher hatte ich nur einen Zug, die persönliche Haftung, meine Frau, meine Kinder und einen Haufen Selbstvertrauen.

Nachdem die Planung weiter voranschritt, erhielt ich von der Bundesbahn den vorläufigen Fahrplan. Der Sonderzug sollte um 4:30 Uhr in Osnabrück starten. Weitere Haltestellen waren die Bahnhöfe in Münster, Gelsenkirchen, Oberhausen, Duisburg, Düsseldorf, Köln, Bonn und Frankfurt.

Damals war die Bewerbung für Auswärtsfahrten nicht so einfach wie heute. Internet mit Facebook, Twitter und Co. oder Nachrichten über WhatsApp gab es noch nicht. Briefe wurden auf den ersten Computern oder der Schreibmaschine getippt, kopiert und mit der Post verschickt. Ich habe ein Anmeldeformular mit Reisebedingungen erstellt, um mich wenigstens ein bisschen abzusichern und den Mitfahrern zu zeigen, dass auch sie Verantwortung mit ihrem Verhalten im Zug tragen. Sagen wir mal so: Nach den heutigen rechtlichen Bestimmungen hätte mich damals wohl jeder verklagen können.

Jetzt musste ich noch das Problem mit den Eintrittskarten lösen. Damals durften Eintrittskarten für die Auswärtsspiele des FC Schalke 04 nur über Pele Novak in seinem berühmten Lotto-Laden verkauft werden. Genau da habe ich auch immer alle Auswärtskarten für den Schalker Fan-Club Verband geholt. Für jede Stehplatzkarte musste eine Vorverkaufsgebühr von 1 DM gezahlt werden, für jede Sitzplatzkarte waren es 2 DM. Aber das war mir egal, ich war froh, dass ich die fast 900 Eintrittskarten für Mitfahrer und Helfer bekommen habe. Im Sonderzug gab es insgesamt 844 Sitzplätze. Die Verteilung war für mich ganz einfach, ich machte meine Gudrun dafür verantwortlich.

Ich muss zugeben, in den Wochen und Tagen vor der Fahrt habe ich oft schlecht geschlafen. Mir war bewusst, dass ich jeden freien Platz im Zug aus meiner Tasche bezahlen musste. Über eventuelle Schäden, die passieren könnten, machte ich mir weniger Sorgen. Und dass, obwohl mir jeder, dem ich voller Stolz von meinem Sonderzug erzählte, den Vogel zeigte. Ich gab den damaligen Bezirksleitern des Fan-Club Verbandes das Vorkaufsrecht für einen ganzen Waggon, es konnten also 77 Plätze in jedem Bezirks-Waggon vergeben werden. Jeder Bezirksleiter durfte kostenlos mitfahren, musste dafür aber auch in seinem Waggon für Ruhe und Ordnung sorgen.

Zu der Zeit des Sonderzuges war ich noch bei der Versicherung tätig und führte eine sehr gutgehende Agentur. Und wie das früher so war, wurde guten Versicherungsvertretern das Geld hinterhergeschmissen. Es gab zahlreiche Wettbewerbe mit teuren Preisen als Gewinn und ich sahnte dabei ab: Christmas Shopping in New York für zwei Personen mit Flug, Unterkunft im 5-Sterne Hotel plus 1.000 DM Taschengeld. Fast jeder hätte sich darüber gefreut, ich eher weniger. Denn die Fahrt mit dem Sonderzug nach Nürnberg war genau an dem Wochenende, an dem auch die Reise nach New York stattfinden sollte.… Also versuchte ich die Reise zu einem Schnäppchenpreis zu verkaufen. Das war aber gar nicht so einfach, denn alle, die ich kannte, haben sich für den Sonderzug nach Nürnberg angemeldet oder aber, sie hatten kein Geld. So kam es, dass ich meine ältere Schwester Renate schon fast nötigen musste, nach New York zu fliegen. Ich habe ihr die Reise geschenkt, auch wenn sie selbst lieber im Zug mit nach Nürnberg gefahren wäre. Aber um ehrlich zu sein: Die 1.000 DM Taschengeld habe ich meiner Schwester nicht gegeben, das Geld habe ich lieber in die Organisation des Zuges gesteckt.

Zu Beginn der Bundesligasaison war der Sonderzug zu etwa 60 % ausgelastet. Unser Pressesprecher Dietmar Biedermann und ich nahmen Kontakt mit dem Fankoordinator aus Nürnberg auf, damals war Klaus Spilgert für den Club verantwortlich. Klaus war von dem Sonderzug begeistert und versprach mir einen riesigen Empfang, den ich so schnell nicht vergessen würde. Er sollte nicht übertrieben haben, was ich zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht wissen konnte …

Wir luden für den Sonderzug auch ein paar offizielle Gäste ein. Der damalige S04-Präsident Günter Eichberg sagte die Fahrt zu und auch Erwin Weiss wollte mitfahren und für Stimmung sorgen. Von nun an riefen täglich irgendwelche Pressevertreter bei mir an, die über den Sonderzug und die Fan-Freundschaft zwischen Schalke und Nürnberg berichteten. Viele dieser Leute wollten sogar im Zug mitfahren, aber nur wenn es im Zug auch einen Sitzplatz gibt, natürlich kostenfrei.

Gegen Ende September war die Fahrt schon zu 80 % ausverkauft und es kamen täglich neue Anmeldungen hinzu. Vieles Anmeldungen gingen per Fax ein, oft jedoch unlesbar. Daher wurde unheimlich viel nachtelefoniert und recherchiert. Aber meine Gudrun schaffte es, jede Bestellung zu bearbeiten und jeden Teilnehmer im richtigen Waggon zu platzieren. Im Oktober war der Sonderzug nach Nürnberg eigentlich ausverkauft. Ich rief bei der Bahn in Osnabrück an, berichtete über den Stand der Dinge und fragte nach, ob noch ein oder zwei weitere Waggons an meinen Sonderzug gehängt werden können. Aus Sicherheitsgründen konnte ich leider nur noch ein Waggon bekommen, den ich dankbar annahm. Die 77 freien Plätze waren für die berühmten „Sonderfälle“, die immer und überall auftauchen.

Ab jetzt tauschte ich mich fast täglich mit Klaus Spilgert aus Nürnberg aus. Wir besprachen den Zeitplan für die Ankunft des Sonderzuges in Nürnberg und das weitere Programm vor Ort. Die Freude war groß, dass durch den Sonderzug die Fan-Freundschaft zwischen Schalke und dem Club wieder ein bisschen zum Leben erweckt wurde. Bei einem unserer Telefonate kamen wir auch auf die Idee, dass die mitfahrenden Schalke-Fans und Fan-Clubs von den Nürnbergern am Bahnhof in Empfang genommen werden könnten. Somit würde einer gemeinsamen Fan-Fete bis zur Rückfahrt des Sonderzuges nichts im Wege stehen. Wir dachten an eine Art Patenschaft und noch heute gibt es Fan-Clubs, die diese Patenschaft leben.

Über den damaligen Leiter des Schalker Fan-Projektes Michael Kissen besorgte ich mir Ordnungspersonal, dass keinem Fan-Club angehörte, sondern im Fan-Projekt engagiert war. Sicher ist sicher, dachte ich.

Die letzte Woche vor dem Spiel in Nürnberg begann und es waren noch etwa 60 freie und unbezahlte Plätze im Zug. Das hört sich viel an, aber ich denke, heute ist es nicht anders. Jeder wird verstehen, dass für mich zu diesem Zeitpunkt nichts mehr wichtig war, weder mein Chef noch meine Versicherungsagentur samt Kunden geschweige denn irgendwelche Arzttermine oder Familientreffen – für mich gab es nur noch den Sonderzug.

Klaus Spilgert aus Nürnberg informierte mich, dass die Nürnberger Polizei eigenständig entschieden hat, den Sonderzug am Nürnberger Hauptbahnhof halten zu lassen, die Endstation jedoch der Bahnhof Nürnberg-Dutzendteich sei. Von da aus könnten alle Fans zu Fuß ins Stadion gehen. Klaus sagte mir, dass er mich und die Paten-Fan-Clubs mit einer großen Delegation am Zug abholen will. Mit einer Blaskapelle würden wir gemeinsam ins Stadion einmarschieren und dort mit unseren Fahnen eine Ehrenrunde drehen. Im Anschluss sollte es auf dem Platz ein Penaltyschießen zwischen beiden Fan-Verbänden geben. Insgesamt haben sich 25 Fan-Clubs für die Patenschaft angemeldet.

Die Zeit bis zum Spiel in Nürnberg verflog. Unser Haus in Saerbeck war eigentlich nicht mehr bewohnbar, da meine Gudrun alle Bestellungen für den Sonderzug nach Abteilen auf dem Boden sortiert hat. Sie versuchte so, die entsprechenden Eintrittskarten zuzuordnen. Heute würde die Zuteilung wahrscheinlich in wenigen Sekunden über eine Software laufen. Damals hatten wir aber keinen Computer, geschweige denn eine Software. Alles lief von Hand, vom Rechnung schreiben über die Zuteilung des Sitzplatzes im Zug bis hin zur Eintrittskartenverteilung. Und das bei über 900 Bestellungen. Nachtschichten und Wochenendarbeiten waren daher vorprogrammiert.

Und es gab da auch noch ein paar Probleme zu lösen: Da ich mir fest vorgenommen hatte, den Fan-Club Verband nicht der Gefahr einer Pleite auszusetzen, habe ich alle Buchungen über unser damaliges Sporthauskonto abgewickelt. Unsere Steuerberaterin schlug die Hände über den Kopf zusammen, wie konnte ich nur so einen Blödsinn machen. Tja, so ist es wohl oft im Leben – wer etwas besonders gut machen will, macht es meist verkehrt: Nachdem ich den Zug mit der Deutschen Bahn abgerechnet und den Gewinn an den Fan-Club Verband gegeben habe, kam ein Jahr später natürlich das Finanzamt zu mir und wollte die Mehrwertsteuer von mir haben. Ein anderes Problem waren die Eintrittskarten. Die Tickets wurden bewusst nicht mit der Post verschickt, da es zu unsicher war. Denn jede nicht angekommene Karte würde zu einer Endlosdiskussion führen. Daher sollten die Karten direkt im Zug ausgegeben werden. Ich weiß nicht, wie meine Gudrun es hinbekommen hat, aber drei Tage vor Abfahrt waren alle Plätze verkauft, bezahlt und die Eintrittskarten zugeteilt. Mit einem Koffer voller Geld fuhr ich nach Osnabrück und bezahlte den Zug. Für mich war jetzt nur noch wichtig, dass es endlich losgeht.

Ihr könnt euch vorstellen, dass unser Telefon die letzten zwei Tage vor der Abfahrt nicht mehr stillstand. Bis spät in die Nacht klingelte es und Fragen wie wann hält der Zug hier, wann ist der Zug da und wann bekomme ich die Eintrittskarte wurden beantwortet. Den Mittwoch vor der Fahrt ging ich mittlerweile sichtlich genervt ans Telefon. Aber zu meiner Überraschung war kein fragender Fan am anderen Ende der Leitung, sondern Schalke 04. Dr. Wehrmann rief an, um mir mitzuteilen, dass Günter Eichberg nicht mitfahren kann. Dafür würde aber Herbert Burdenski mitkommen. Ehrlich gesagt, war mir das jetzt egal. Natürlich wäre es schön, wenn der Schalke-Präsident im Zug sitzt. Ich hatte aber andere Sorgen als einen Promi im Zug. Doch Dr. Wehrmann hatte noch eine weitere und sehr wichtige Information für mich.

Er sagte mir, dass in der Nacht aus Versehen die Sprinkleranlage im Nürnberger Stadion angegangen sei. Eine dicke Eisschicht bedeckt nun den Rasen und es sei noch nicht sicher, ob das Spiel überhaupt stattfinden kann. Mir stockte der Atem. Was hat der Geschäftsführer von Schalke 04 da gerade gesagt? Das Spiel ist gefährdet? Ich musste mich sofort setzen und der Angstschweiß stand auf meiner Stirn. Dr. Wehrmann erzählte weiter, dass am morgigen Donnerstag um 10:00 Uhr eine Platzkommission vom DFB die Sache begutachten und eine Entscheidung treffen würde. Sobald er weitere Informationen vom DFB hätte, würde er sich bei mir melden. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie die Nacht für mich war. Im Geiste sah ich mich mit meiner Familie und meinem letzten Hab und Gut unter einer Brücke liegen, weil wir alles verloren haben. Ich haftete für den entstandenen Schaden! Also sah ich mich vor Gericht stehen und der Richter verdonnerte mich im Minutentakt zum Schadensersatz für fast 1.000 Fans, weil mich alle verklagten. Die Nacht war endlos lang und ich machte kein Auge zu.

Es war Donnerstag 10:00 Uhr und ich saß übernervös vor dem Telefon. Es bimmelt bald jede Minute und nie war Dr. Wehrmann am anderen Ende der Leitung. Daher wimmelte ich jeden Anrufer ab und sagt, dass ich mich später melden wurden. Es war schon 11:00 Uhr und noch immer kein Anruf von Dr. Wehrmann. Einfach im Internet nachgucken was der DFB in Nürnberg entschieden hat war damals leider nicht möglich. Ich konnte also nur warten und bibbern, bis um 12:00 Uhr endlich der Anruf kam, das Spiel findet statt.

Es war Freitag. Nur noch ein Tag und der Zug startet. Schon am frühen Morgen erstellte ich eine Liste, was ich noch alles erledigen wollte, und das war einiges. Im Zug durchgehen und in jedem Abteil Reisebedingungen auslegen. Mit jedem Bezirksleiter, der eine Patenschaft für einen Waggon übernommen hat, die letzten Informationen austauschen. Die letzten Anweisungen für die Fan-Ordner erstellen. In beiden Sambawaggons die Warenbestellung überprüfen. Mit den DJs den genauen Ablauf und die Musik absprechen. Die Ansagen für die Bahnhöfe aufschreiben und weitergeben. Und vieles mehr. Meine To-Do-Liste wurde immer länger. Irgendwann kam meine Gudrun zu mir an den Frühstückstisch und wir gingen gemeinsam alles durch.

An diesem Freitag musste ich dummerweise noch zu der Weihnachtsfeier der Bezirksdirektion meiner Versicherung in Bremen. Ich weiß nicht, was mich geritten hat, in der Nacht vor der Abfahrt unseres Sonderzuges zu einer Weihnachtsfeier nach Bremen zu fahren. Aber versprochen ist versprochen. Während ich beim Frühstück abwechselnd telefonierte, Notizen machte und ins Brötchen biss, vertiefte sich meine Gudrun in die Bild-Zeitung. So ganz nebenbei fragte sie mich: »Sag mal, wenn im Zug irgendetwas passiert, wer haftet eigentlich dafür? Der Fan-Club Verband?« Ich druckste ein wenig herum »Ja, so ungefähr«, nuschelte ich. »Das ist aber komisch«, sagte sie. »hier in der Bild-Zeitung steht, dass ein verrückter Schalke-Fan aus dem Münsterland als Privatperson einen Sonderzug nach Nürnberg angemietet hat.« Und meine Gudrun schaute mich so an, so wie Frauen einen Mann anschauen, um ihn in die Enge zu treiben. Ich wusste, aus der Nummer komme ich nicht wieder heraus. »Ja, mein Schatz, aber du weißt doch, wir Schalke-Fans sind die Besten und ich habe volles Vertrauen in die Fan-Clubs und in meine Mitarbeiter. Vertrau mir, wir schaffen das schon«, sagte ich ganz lieb zu ihr. Ich weiß bis heute nicht, ob sie mir das geglaubt hat. Aber sie sagte kein weiteres Wort mehr dazu, weder im Bösen noch im Guten, sie nahm es einfach zur Kenntnis.

Oh ja, mein Sonderzug nach Nürnberg war wieder einmal eine riskante Sache. Schließlich könnte auch alles in die Hose gehen und meine Familie müsste wie in meinem schlimmsten Traum unter der Brücke schlafen. Aber ich war fest davon überzeugt, dass die Mitglieder des Fan-Club Verbandes keine Chaoten und Randalierer sind. Und ich Doofmann bin dann wirklich am Freitag, einen Tag vor Abfahrt des Sonderzuges nach Nürnberg, die rund 180 km nach Bremen zur Weihnachtsfeier gefahren. Um 23:00 Uhr seilte ich mich ab und fuhrt zurück, sodass ich gegen 1:00 Uhr nachts wieder in Saerbeck war.

Dort wartete auch schon ungeduldig meine Familie auf mich, Gudrun und die Kinder, alle in blau und weiß gekleidet. Während ich mich umzog, teilte mir Gudrun den neusten Stand mit: Erwin Weiss sagte die Fahrt ab, etwa 20 Fans haben die Fahrt storniert, würden aber eine Ersatzperson schicken. Ich war müde und kaputt, und ehrlich gesagt interessierte mich das alles nicht mehr. Ich wollte nur noch eins, das der Zug endlich rollt. Also gab es schnell noch einen Kaffee gegen die Müdigkeit und dann ging es los zum Auto. Die anderen Mitfahrer aus Saerbeck warteten schon und gemeinsam fuhren wir im Konvoi die 40 km zum Osnabrücker Hauptbahnhof.

Auf der einen Seite hatte ich ein riesiges Glücksgefühl im Kopf und war stolz darauf, dass ich es geschafft habe, einen Sonderzug nach Nürnberg einzusetzen. Auf der anderen Seite hatte ich riesige Bauchschmerzen, denn ich machte mir jetzt doch ein paar Sorgen, was alles im Zug passieren könnte. Ich sah die Bilder von zerstörten Bussen vor den Augen, mir gingen Zeitungsberichte von randalierenden Fans in Zügen durch den Kopf und ich dachte an meine Familie. Wird alles gut gehen?

Die nächtliche Fahrt zum Osnabrücker Hauptbahnhof wurde immer wieder durch lautes Hupen unterbrochen. Auf der Autobahn waren unzählig viele Schalker unterwegs, die alle eins wollten: mit dem Sonderzug nach Nürnberg. Ich hatte das Gefühl, als würden alle 900 Mitfahrer in Osnabrück zusteigen. Dabei waren es laut der Anmeldeliste nur knapp 150 Fans, die am Abfahrtbahnhof einsteigen würden.

Die letzten 100 m bis zum Bahnhof waren schaurig schön, denn schon vom weiten hörten wir immer wieder das lang gezogene „Schaaaaalke, Schaaaaaaalke“ durch den Bahnhof hallen. Es war erst kurz nach 2:00 Uhr in der Nacht, aber es standen schon fast 100 Schalker singend in der kalten Bahnhofshalle, die uns lautstark empfingen. Nach der Begrüßung der Fans ging ich zu den ungefähr 20 anwesenden Bahnpolizisten, die uns im sicheren Abstand beobachteten. Ich stellte mich vor und erklärte ihnen, dass sie sich keine Sorgen machen müssen. »Wir sind Schalker und keine Chaoten«, sagte ich.

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Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Litres'teki yayın tarihi:
12 kasım 2025
Hacim:
565 s. 10 illüstrasyon
ISBN:
9783969178744
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

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