Kitabı oku: «DAS THEODIZEE-PROBLEM»

Yazı tipi:

Ron Müller

Das Theodizee-Problem

AndroSF 125

Ron Müller

DAS THEODIZEE-PROBLEM

AndroSF 125

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: April 2021, Neuausgabe mit alternativem Umschlag

p.machinery Michael Haitel

Titelbildmotiv: Timofeew Vladimir, Shutterstock

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 221 8

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 875 3

1

Die Chefin des Kanzleramtes zog den Anhänger ihrer Kette aus dem Ausschnitt und küsste ihn. Ohne die Lippen vom silbernen Kreuz zu lösen, schloss sie die Augen.

Heute wird beginnen, was du uns aufgetragen hast. Schon einmal war deine Strafe verheerend, vor viereinhalbtausend Jahren. Doch diesmal ist es kein Wasser, keine Sintflut. Zu viele von uns haben die Warnungen noch immer nicht verstanden. Und das werden sie auch nicht! Deswegen strafst du sie mit Krankheit und Tod und lässt die Gläubigen nun Archen bauen – aber nur die, die reinen Gewissens sind. Und sie werden gewaltig sein, diese Archen. Lass uns unter Beweis stellen, dass wir würdig für einen neuen Bund mit dir sind – denn Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme.

Sie ließ das Kreuz ihrer Kette zurück in den Ausschnitt gleiten. Es hatte geklopft.

Ein Mann in Uniform deutete einen militärischen Gruß an und wartete darauf, dass die Chefin des Kanzleramtes vom Schreibtisch aufblickte.

»Ist alles in die Wege geleitet?«, fragte sie den Leiter des Sicherheitsdienstes und ließ ihre Unterlagen keinen Moment aus den Augen.

»So wie Sie es wollten«, erwiderte Roth.

Wäre er noch bei der Truppe und nicht ins Kanzleramt abkommandiert worden, hätte er seinen Antworten ein »Frau Staatssekretärin« anhängen müssen. Unter Politikern und hochrangigen Beamten jedoch war es üblich, diese Phrasen zu vermeiden.

»Wo haben Sie sie hingelegt?« Die Staatssekretärin sah zu ihm auf.

»In das Fach im Rednerpult.«

»Sie wissen, dass wir damit Geschichte schreiben?«

Er nickte, obwohl er keine Vorstellung davon hatte, was das tatsächlich hieß.

Sie erhob sich. »Dann fehlt wohl nur noch die, die durchs Programm führt.«

Sie strich ihr steif wirkendes Kostüm glatt, verließ das Büro und schritt auf den Saal zu, vor dem einige von Roths Männern bereitstanden.

»Viel Glück«, kam es ihm über die Lippen.

Nur für den Bruchteil einer Sekunde war in ihm eine Emotion hochgeschlagen, als er sich der Endgültigkeit dessen bewusst wurde, was der Staatssekretärin bevorstand.

Kaum war die Floskel ausgesprochen, fluchte er innerlich. Seitdem er für die engste Vertraute des Kanzlers arbeitete, bestach er durch Sachlichkeit und Äußerungen, die er auf das erforderliche Mindestmaß reduzierte.

»Glück sagen Sie? Das Glück ist mit den Dummen, Roth. Mit den Dummen! Was wir brauchen, sind Resultate. Und zwar so nötig wie nie zuvor, sonst hat das alles hier bald keinen Bestand mehr.«

Mit einer Arroganz, die den Leutnant, der Anfang dreißig war, beeindruckte, schritt sie auf einen der drei Eingänge des Sitzungssaals zu.

»Es beginnt, meine Herren!«, rief sie durch die Vorhalle.

Roth wartete, bis man die schweren und an die vier Meter hohen Türen hinter ihr verschloss und die Blicke seiner Männer auf ihn gerichtet waren.

»Verriegeln!«

Kaum hatte er den Befehl gegeben, wurden Ketten durch die Griffe der Flügeltüren gezogen. Sekunden später rasteten Vorhängeschlösser ein und er ordnete die Räumung des Kanzleramtes an.

2

»Denkst du, mich interessiert, was du sagst?«, brüllte Zoe über den Flur. »DU KOTZT MICH EINFACH NUR AN!«

Das Mädchen schmiss die Tür zu ihrem Zimmer mit aller Wucht zu und ließ einen Vater zurück, dessen Ratlosigkeit ein erschütterndes Ausmaß annahm.

»Kannst du aufhören, deine Mutter Tag für Tag in den Himmel zu heben? Als du noch bei ihr gewohnt hast, war auch nicht alles toll. Aber so was wird von dir ja komplett verdrängt. Hör auf, ihr ständig einen Heiligenschein aufzusetzen!«

Zornig schwollen der Pubertierenden die Adern am Hals an, während sie die Tür wieder aufriss und die Antwort durch die Wohnung schrie.

»WER VON UNS BEIDEN HAT DENN DIE MUTTER VERLOREN?«

Jetzt ist Schluss!, durchfuhr es Marten.

Am liebsten hätte er ihr eine runtergehauen. Es juckte regelrecht in seinen Fingern, sobald sie mit diesem Totschlagargument kam. Doch auch wenn er ihr nun unmissverständlich klarmachte, dass er sich gleich vergessen würde, brächte sie das nicht zum Schweigen. Er würde sie damit nur weiter provozieren und immer lauter werden lassen. Er hatte sich in seiner Wut sogar schon einmal ihr damals brandneues Clearphone gegriffen, ein komplett transparentes Handy, das einen ähnlich hohen Marktanteil hatte, wie das iPhone vor dreißig Jahren. Während er das gläserne Gerät in den Händen hielt, registrierten Sensoren die Pulsfrequenz an seinen Fingerkuppen. Angesichts der Schlagzahl schaltete es in den Notfallmodus. Ein Befehl von ihm, und der Leitstelle wären sein Standort, die aktuellen Vitaldaten und alle Vorerkrankungen übermittelt worden. Wer in diesem Erregungszustand ein Handy berührte, musste sich – den Logarithmen sämtlicher Smartphoneanbieter zufolge – mit hoher Wahrscheinlichkeit in einer Notsituation befinden. Aber Marten war nicht in Not, als er mit Zoe damals gestritten hatte. Er war stinksauer, weil seine Tochter seit zwei Jahren jegliche Streitkultur vermissen ließ und bei diesem Thema immer nur mit Melodramatik und einer Vielzahl an übelsten Beschimpfungen unterwegs war. Das änderte sich nicht einmal, als er das Gerät mit einem kurzen Befehl für vierundzwanzig Stunden gesperrt hatte – selbst diese drastische Maßnahme ließ die Pubertierende nicht verstummen. Auch nicht als er auf achtundvierzig und dann auf zweiundsiebzig Stunden erhöhte. Zoe war bei einem Streit durch nichts zu bremsen.

So wie heute.

»Ich setze Mama also einen Heiligenschein auf, ja?« Sie war noch nicht fertig. »Hast du eine Vorstellung, wie es ist, wenn der Sarg deiner Mutter in die beschissen kalte Erde runtergelassen wird?«

»Geht es auch weniger theatralisch.« Marten verdrehte die Augen. »Wie oft willst du noch damit kommen? Jedes Mal, sobald dir etwas gegen Strich geht?«

»Hätte ich an deiner Stelle jemanden wie Mutter kennengelernt, dann hätte ich sie auf Händen getragen. DU EKELHAFT SELBSTGEFÄLLIGER ARSCH!«, brüllte Zoe. »Warum bist du denn seit ihrem Tod allein? Denk mal drüber nach, Mann. Vielleicht liegt’s ja an dir.«

»ZOE!« Martens Blut kochte. »Warum hattest du bei deiner Mutter so ein gutes Leben? Weil ich es jahrelang finanzierte.«

»Mit Geld kannst du mich also kaufen?«

Halt die Klappe, sonst scheuer ich dir heute tatsächlich eine!

»ES IST SO ZUM KOTZEN HIER!«

Schallend flog die Tür zu, während Zoe sich innerlich schwor, nie wieder mit ihrem Vater ein Wort zu wechseln.

SO … WAS … GIBT’S … DOCH … GAR … NICHT!

Mit jeder Silbe schlug er wieder und wieder auf den Türrahmen ein, bis ein kleiner blutiger Abdruck zurückblieb.

»Deine Mutter hat dich wirklich super erzogen«, fluchte Marten vor sich hin.

»BEI MAMA HATTE ICH WENIGSTENS EIN LEBEN!«, feuerte sie durch die geschlossene Tür zurück. Ihre Stimme hatte längst den Normalbereich verlassen und überschlug sich.

»Ach, dann leck mich doch«, resignierte Marten. »Ich bin doch hier nicht immer der Arsch!«

Leck mich? Hab ich das tatsächlich eben zu meiner Tochter gesagt, fluchte er. Früher hatte ich mich besser im Griff. Aber da glaubte ich auch noch, dass ich das mit Zoe hinbekomme.

Niedergeschlagen ging er in die Küche und drückte auf den Knopf des Wasserkochers.

Es war lange her, dass eine Nachricht auf der Mailbox sein Leben komplett auf den Kopf gestellt hatte und er mit einem Mal nicht mehr allein wohnte.

»Du … ich«, hörte er damals die dünne Stimme von Zoes Mutter, »ich bin aus dem System gefallen.«

Sie hatte mit der Fassung gerungen und es hatte nicht viel gefehlt, dass sie zusammengebrochen wäre.

»Du musst das mit Zoe … du musst das übernehmen. Ich war lange genug für sie da. Die Hintergründe kann ich nicht erklären. Hol ihre Sachen ab. Die Zahlenkombination an der Wohnung ist ihr Geburtstag. Zoe ist heute und morgen bei einer Freundin. Ich lasse sie von da direkt zu dir bringen. Leb wohl!«

Dann hörte er das Unterbrechen der Leitung und die Stimme der Mailbox fragte, ob er die Nachricht löschen wollte.

Noch am gleichen Abend hatte er sein Schlafzimmer geräumt und so umgestaltet, dass es der damals Elfjährigen zusagen konnte.

Das war nun zwei Jahre her und er hatte seitdem von seiner Ex-Frau nichts mehr gehört.

Marten goss das siedende Wasser in eine Tasse. Als sich das Pulver darin gelöst hatte, zog Kaffeegeruch durch die Küche. Er hatte keine Vorstellung mehr davon, wie echter Kaffee roch. Nach der Katastrophe vor über zwei Jahrzehnten war von den früheren Agrarflächen nur ein Bruchteil übrig geblieben, den man dekontaminieren und durch Treibhäuser vor der Strahlung schützen konnte. Niemand kam in den Folgejahren auf die Idee, dort Genussmittel anzubauen – zu problematisch war es allein schon auf den begrenzten Flächen ausreichende Erträge an genverändertem Getreide, Obst und Gemüse zu erwirtschaften. Wer Kaffee oder Tabak wollte, musste auf Altbestände zurückgreifen, die vor der Katastrophe produziert worden waren – unbezahlbar für den Großteil der Bevölkerung. Alternativ gab es noch synthetisch hergestellte Substitute, wie das braune mit Koffein versetzte Pulver, dessen Geschmack und Geruch man im Labor an das Original angenähert hatte.

Marten wartete in der Küche. Es war Viertel vor acht. In den nächsten Minuten würde Zoe durch den Flur Richtung Schule rauschen und das Frühstück ignorieren, das er für sie gemacht hatte. Es würde ihr egal sein, dass ihr Vater überhaupt keine Nerven für diese Auseinandersetzungen hatte. Eigentlich sollte er längst an einem Vortrag arbeiten. Gewöhnlich hielt er ihn vor bis zu zwanzig Personen. Am heutigen Abend würden es achthundert sein.

»Ich hasse ihn! Ich hasse ihn wirklich!«, fluchte Zoe leise vor sich hin.

Sie stellte auf der Armbanduhr fünfundvierzig Minuten ein und stampfte auf kürzestem Weg aus dem Haus, um dem Verursacher ihres Ärgers kein weiteres Mal unter die Augen treten zu müssen.

Der Weg war überschaubar. Ein glücklicher Umstand, da es inzwischen nur noch eine Schule in der sechzigtausend Einwohner zählenden Stadt gab. Manche in der Klasse kamen von so weit her, dass sie jeden Morgen eine halbe Stunde Weg vor sich hatten. Eine Belastung, bei der die Partikelfilter, die den radioaktiven Feinstaub von den Lungen fernhalten sollten, an ihre Grenzen stießen. Die Filterkartuschen wurden auf eine Halbmaske geschraubt, die Nase, Kinn und Mund umschlossen. Vom Gesicht sah man damit nicht mehr als Augen und Stirn.

Zoe war selbst das noch zu viel.

»Am besten wäre so eine alte Maske aus den Weltkriegen«, hatte sie einmal zu ihrem Vater gesagt, als sie im Winter vor vier Jahren mitten in der Nacht zum Flughafen aufgebrochen waren und der Wagen warmlief. Kurz darauf ließ ein Gesetz nur noch Fahrzeuge mit Brennstoffzellen auf die Straße – eine Regelung, die Autos für die meisten Familien unerschwinglich machte. »Weißt du, was ich meine? So ein Gummiding, bei dem bis auf die Augen das komplette Gesicht verdeckt ist.«

Marten hatte damals eine Vorstellung davon gehabt, was seine Tochter gemeint hatte, die mit dem Finger auf der beschlagenen Beifahrerscheibe etwas zu zeichnen versuchte.

»Damit man nicht mehr sieht, wie alt der darunter ist«, sagte sie mit einer Mischung aus Verbitterung und Traurigkeit.

»Ich hasse es so, in die Augen der ganzen Erwachsenen zu sehen, sobald sie mitbekommen, wie jung ich bin. Diese neidischen Blödmänner!«

Das Bild auf der Scheibe nahm Formen an, bevor die Klimaanlage es trocknete: eine Faust mit ausgestrecktem Mittelfinger, zerrissen von Kondenswasserrinnsalen.

»Was soll ich sagen, Zoe?«, hatte Marten geantwortet. »Komme mal als Erwachsener mit der Diagnose klar, dass du nie Kinder haben wirst. Und die hat inzwischen fast jeder. Das ist schwer zu verkraften.«

Das ist mir doch kackegal, Mann! Versuchst du überhaupt manchmal, mich zu verstehen?!, hatte sie ihn in Gedanken angefaucht.

Sie hatte damals nicht vorgehabt, ihm zu antworten. Das Gespräch war mit dem Schwachsinn, den er von sich gegeben hatte, für sie beendet.

Zoe war zu diesem Zeitpunkt bereits das einzige Kind in ihrer Straße. Im Sommer zuvor gab es noch ein zweites, doch das erlag Monate später einem Lungenkarzinom. Seitdem hatte es keine Lebendgeburt mehr gegeben – auf einer Strecke von zwölfhundert Metern mit über hundertsechzig Hausnummern und an die siebenhundert Menschen.

Zoe trat vom Grundstück hinaus auf die Straße und zog die Kapuze des Capes tief ins Gesicht. Sie schluckte den Ärger des morgendlichen Streits mit ihrem Vater hinunter und spürte, wie Wut in ihr aufstieg. Das passierte an jedem Tag, an dem sie zur Schule musste, denn sie wusste genau, was sie auf dem Weg dorthin erwartete.

Die alte Frau aus dem Nachbarhaus stand hinter der Gardine und schien noch immer nicht begriffen zu haben, dass man ihr Geglotze von draußen sah – unabhängig davon, ob sie das Licht im Zimmer ein- oder ausgeschaltet hatte. Zoe riss den Arm zornig in Richtung der Alten und verzog ihr Gesicht zu einer wütenden Fratze.

Erschrocken wich die Frau zurück.

Zoe ging weiter, wohlwissentlich, dass gleich auf der anderen Straßenseite die Tür geöffnet würde.

Der Typ, der das heruntergekommene Haus allein bewohnte, sollte wie immer ohne Cape, nur in dreckigen, schlabberigen Klamotten vor bis an den Zaun gehen, Zoe zulächeln, den Müll in die Tonne werfen und erst wieder hineingehen, wenn sie außer Sicht wäre. Natürlich sah sie dessen Gesicht unter der Maske nicht, aber so, wie sich die Augen verzogen, konnte es nur ein widerliches Lächeln sein, das er ihr allmorgendlich entgegenbrachte. Der Mann ekelte Zoe an.

»Mann, verpiss dich, du pädophiles Schwein!«, schrie sie über die Straße und verscheuchte ihn, als er, wie erwartet, die Haustür öffnen wollte.

Ohne sich noch einmal umzudrehen, zog sie das Tempo an, um ihrem Ziel näherzukommen.

Der Rest der Anwohner war unauffällig und selten zu sehen. Es gingen ohnehin nur noch die ins Freie, die keine andere Möglichkeit hatten. Abgesehen von dem Personenkreis, bei dem es egal war, weil die tödliche Diagnose bereits feststand.

Ihnen allen war eines gemein: die Art, Zoe anzusehen – vorwurfsvoll und anschuldigend zugleich.

Man konnte dafür Verständnis aufbringen, sobald man eine gewisse Reife hatte. Doch für einen Teenager war es unerträglich. Blicke dieser Art erdrückten.

Ist es zu viel verlangt, dass du etwas demütiger bist, du undankbares Miststück? Du wirst leben, obwohl du in deinem Alter noch nichts geleistet hast, schien ihr eine abgerissen wirkende Sechzigjährige entgegenzuschreien, die sich Zoe auf dem Gehweg näherte. Doch aus dem Mund der Frau war kein Ton gekommen. Nur das Fehlen ihrer Haare sprach Bände.

Zoe war froh, dass ihr Schulweg nur dreihundert Meter betrug. Weitere solche Begegnungen verkraftete sie heute nicht.

Nur noch die Straße runter, einmal abbiegen und …

»Ach Kacke!«

Als sie um die Ecke kam, stand ein Bus vor der Einfahrt.

Der Geschichtsausflug.

Geschichte fand Zoe grundsätzlich gut. Nur die Jungen aus ihrer Klasse nervten und machten aus jedem Ausflug eine Katastrophe.

Bei der Klassenfahrt im Frühjahr hatten die vier Halbwüchsigen beispielsweise festgelegt, wer welches der drei Mädchen bekäme, auch wenn das völlig aussichtslos war. Es wurden sogar Wetten abgeschlossen, wer es wohl schaffen würde, seines zu küssen.

Die Tatsache, dass es in der Klasse rein rechnerisch nicht für jeden Jungen ein Mädchen gab, sorgte dabei regelmäßig dafür, dass solche Spiele mit Ärger endeten. So hatte Zoe während der Klassenfahrt kaum eine halbe Stunde gehabt, ohne von einem der Halbstarken belagert zu werden oder eine ihrer unreifen Streitereien zu ertragen.

Sie ahnte, dass sich der heutige Tag ähnlich entwickeln würde.

Und tatsächlich liefen die Jungen zu Höchstform auf und belästigten sie auf der Hinfahrt – abgesehen von Liam, der seit zwei Wochen ungewohnt still war.

Genauso genervt wie von ihrem Vater war Zoe acht Minuten später die Erste, die dem Bus und damit den unsäglichen Annäherungsversuchen der Halbgewalkten entfloh und sich lieber der Strahlung als deren billigen Sprüchen aussetzte.

Jetzt habe ich tagsüber diese Hirnis zu ertragen und zu Hause den Arsch. Zu Hause? Das ist es ja nicht einmal. Mein Zuhause war bei Mama!

»ZOE, WO IST DEIN CAPE?«, brüllte ihr der Lehrer hinterher.

Zoe war zu entnervt, als dass die Ermahnung etwas bewirken konnte. Lediglich die anderen sechs gehorchten und streiften teils widerwillig transparente Wegwerfumhänge über, die den Staub von Kleidung und Haaren fernhalten sollten. Von Erwachsenen eine konsequent genutzte Schutzvorkehrung. Bei Pubertierenden in der täglichen Anwendung regelmäßig schwierig.

»Wir finden uns im Foyer zusammen«, drang vor dem Bus eine verärgerte Stimme durch das allgemeine Gemurmel und Gelächter. Der Lehrer hatte sich für den Ausflug legerer als sonst gekleidet und wollte den Tag etwas zurückhaltender angehen – was er nun mit lautstarken Ansagen korrigierte.

»Hört mir jetzt mal zu«, begann er gereizt, als der Letzte es endlich in den Vorraum des Landesmuseums geschafft hatte. »Meine Herren, geht es auch mal ohne Gequatsche?!«

»Ungern«, kam es aus der zweiten Reihe.

»Zuhören! Ich will bei einem Ausflug nie wieder jemanden ungeschützt draußen rumlaufen sehen. Und auf dem Rückweg lasst ihr das Herumgequatsche. Ihr habt am Tag nur eine dreiviertel Stunde im Freien. Da können wir nicht fünf Minuten mit dem Weg vom Bus bis hierher verplempern. Ist das bei jedem angekommen? Und falls manche unter euch schwer von Begriff sind: Ich habe noch zwei Vorträge zu vergeben. Einen über Geschlechtskrankheiten und einen über Sexualität im Alter. Der Nächste, der mir Anlass dazu gibt, bekommt einen.«

Der Lehrer hatte tief in die Trickkiste gegriffen. Es gab keine solchen Unterrichtsthemen geschweige denn entsprechende Vorträge. Aber Drohungen dieser Größenordnung funktionierten, wenn man sie nicht zu oft einsetzte.

»So, und jetzt für alle. Das waren insgesamt dreizehn Minuten für den Hinweg.«

Jeder der Jugendlichen zog sein Smartphone aus der Jackentasche oder gab an der Armbanduhr den angesagten Wert ein. Zoe verblieben für den Tag noch achtundzwanzig Minuten. Liams Uhr zeigte weniger als fünf an.

»Ich weiß, dass es manchem schwerfallen wird, aber ich erwarte während des Rundgangs ein Mindestmaß an Respekt. Das Thema haben wir lang und breit behandelt. Dennoch glaube ich, dass dieser Ausflug wichtig ist, damit ihr euch des Ausmaßes der Zerstörung durch die Anschläge von 2022/2023 bewusst werdet. Die Opferzahlen sind weit höher als die des Zweiten Weltkrieges. Und das, obwohl nur einige Hundert Leute das Ganze geplant und umgesetzt haben. Es brauchte nicht einmal eine Armee, und das bei einer Katastrophe, die selbst jetzt noch jedes Leben bestimmt. Das muss man sich vor Augen halten! Also, verhaltet euch entsprechend. Vor allem du, Florian.«

Der Angesprochene verstummte. Er wollte keinen der beiden Vorträge bekommen. Das waren seine Kaspereien nicht wert.

»Na dann, lasst uns in den Bereich der sogenannten Voranschläge gehen.«

Die Klasse betrat die erste Halle und verteilte sich dort bemerkenswert ruhig. Der Raum wurde nur minimal erhellt und gab allein durch die Dunkelheit einen Teil der bedrückenden Stimmung an die Jugendlichen ab. Nur wenige Strahler lenkten den Fokus der Besucher auf die Seitenwände.

»Wir sehen hier die erste Anschlagswelle vom Sommer 2022. Sie ist von den Dimensionen und der Art der Ausführung her mit dem Angriff auf das World Trade Center im Jahr 2001 zu vergleichen. Es waren die letzten Attentate der Terrorgruppe ATG, bei denen Flugzeuge zum Einsatz kamen. Die Organisation hatte afrikanische Wurzeln und richtete sich nicht nur gegen die gesamte westliche Welt, sondern gegen jegliche Nationen nichtafrikanischen Ursprungs.«

Eine Hand wurde zaghaft gehoben.

»Ja, Sveda?!«

»Was heißt ATG?«

»In der Originalsprache ist es ein Zungenbrecher, aber übersetzt bedeutet es afrikanische Wiedergeburt. Gibt es weitere Unklarheiten?«

»Warum hatte die Gruppe einen so großen Hass auf alle?«

»Gute Frage! Die Situation auf dem Kontinent war damals ähnlich katastrophal wie heute. Eine HIV-Quote von neunzig Prozent und noch andere nicht enden wollende Epidemiewellen, denen die Bevölkerung ausgeliefert war. Der Niedergang Afrikas zeichnete sich schon zu dieser Zeit ab, und die gesamte restliche Welt sah tatenlos zu. Hier seht ihr einige Dokumente aus dem Umfeld der Terroristen.«

Der Klassenlehrer wies auf eine Vitrine mit Briefen und Bekennerschreiben, die die Schüler kaum beachteten – alle blickten auf die großflächigen Projektionen an den Wänden. Niemandem fiel dabei die veraltete Technik aus den Zweitausendzwanzigerjahren auf, bei der Monitorfolien einen Teil der Terroristenwerkstatt darstellten. Erst an der Stirnseite der Museumshalle ging man mit der Zeit und überließ Lasern die bildgebenden Verfahren. Das Licht jedes Lasers war grundsätzlich unsichtbar. Doch dort, wo sich die Signale zweier Laserstrahlen im Raum trafen, erzeugten sie ein eindrucksvolles Bild, das an Farbtiefe und 3-D-Authentizität nicht zu übertreffen war. Es brauchte dadurch keine Projektionsfläche. Ein Abbild der Werkbank, auf der die Terroristen die Munition ihrer Handfeuerwaffen fertigten, konnte so mitten in der Halle platziert werden.

»Wie bereits angesprochen, wurden die Anschläge nach dem Vorbild des elften September geplant, was letztlich dazu führte, dass heute in sämtlichen Flugobjekten Freigabeboxen installiert sind, die einen Start erst dann ermöglichen, nachdem die Luftraumkontrollbehörden den Flug zugelassen haben. Ohne diese technischen Schutzmaßnahmen konnten im Sommer vor zweiundzwanzig Jahren innerhalb von einigen Stunden an elf Standorten in Europa, Asien und Amerika Sportmaschinen trotz fehlender Flugerlaubnis abheben. Bis unters Dach mit Sprengstoff gefüllt und in einem Fall sogar mit einer Bombe an Bord stürzten sie in nahe gelegene Großveranstaltungen. In Kundgebungen, Konzerte und Sportereignisse. Seitdem gab es auch das gesetzliche Verbot aller Speichermedien. Damit blieben nur noch zentrale, staatliche Clouds, um es Attentätern möglichst schwer zu machen, etwas Vergleichbares ein weiteres Mal zu planen. Das hier ist das erste Ziel gewesen: Strahov Stadion. Prag. Achtzehntausend Opfer.«

Er wies auf ein Video mit einer gigantischen Sportstätte, auf dem die Hälfte der Tribünen ausgebrannt war. Aber der Lehrer verweilte nicht lange bei der Aufzeichnung vom ersten Anschlagsort.

»Der Karnevalsumzug in Buenos Aires. Über einunddreißigtausend Tote.«

Das Bild brannte sich noch tiefer in die Köpfe der Jugendlichen.

»Und hier das Neyland Stadium. Knoxville. Ein Konzert. Achtzigtausend Besucher. Achtzigtausend Opfer. Das Perfide an diesem Anschlag: Die Maschine enthielt eine vereinfachte Version einer Kobaltbombe. Etwas bis dato nicht Dagewesenes, bei dem im Umkreis von einem Kilometer niemand überlebte. Wie ihr seht, sind die Gebäude aber erstaunlicherweise weitestgehend intakt.«

Von den Jugendlichen war keinem mehr nach den Witzen zumute, die es bei der Hinfahrt noch reichlich gegeben hatte.

Jeder kannte die Ereignisse von 2022/2023 und auch jeder Einzelne trug Tag für Tag die Konsequenzen. Dennoch stellte die allgegenwärtige Verstrahlung für die Schüler die Normalität dar. Für sie gab es keine Erinnerung an die Zeit davor. Die Geschehnisse lagen dafür einfach zu weit in der Vergangenheit.

Genau aus diesem Grund brauchte es für die Klasse diese eindringlichen Bilder, damit sie das wahre Ausmaß dessen begreifen konnte, was vor mehr als zwei Jahrzehnten passiert war.

»Ich gebe euch einige Minuten, dann treffen wir uns in der zweiten Halle, denn das war – wie jedem bekannt sein sollte – erst der Anfang.«

3

Erregt, als würde ihr Herz mit doppelter Geschwindigkeit schlagen, stand die Staatssekretärin am Eingang des Sitzungssaals und hörte dumpf, wie die Zugänge von außen mit Ketten verschlossen wurden.

Oh mein Gott, dachte sie, als sie ein Glühen durchströmte, das sie in Gänze ausfüllte – eines, das ihren Körper schwebend leicht werden ließ. Mit einem Lächeln nahm sie zur Kenntnis, dass die Dosis zu hoch war. Manchmal gierte sie derart nach dem grauen Pulver, das sie sich bei der Länge der Line vertat und so fast die doppelte Menge in die Nase zog. Den darauf folgenden Kick gab es nie direkt, sondern immer erst einige Minuten später.

So lebendig wie jetzt habe ich mich noch nie gefühlt! Verflucht … das gibt’s doch gar nicht!

Ein balkonähnlicher Rang überdachte die Saaleingänge. Als Vizehausherrin des Kanzleramtes hatte sie dafür gesorgt, dass an diesem Tag oben niemand saß.

Vor ihr befanden sich mehr als ein Dutzend Sitzreihen. Mit etwas Gefälle zogen sie sich in immer kleiner werdenden Halbkreisen nach unten und umschlossen von drei Seiten ein Podest im Zentrum des Raumes. Darauf stand deutlich erhöht ein Pult.

Wählte man einen Platz mittig im Saal, saß man auf Augenhöhe mit dem Redner. Gab es jedoch lediglich ein überschaubares Publikum, für das die vorderen Sitzreihen reichten, sah es anders aus. Dann erhob sich jeder, der das Pult bestieg, in nahezu arroganter Art über die Zuhörerschaft.

Wie an diesem Tag, an dem die Staatssekretärin in wenigen Augenblicken auf dreißig Personen in den ersten zwei Reihen herabschauen sollte. Ihr Blickwinkel auf das Plenum würde kein wichtiges Detail der Rede sein, die sie vorbereitet hatte – aber ein angenehmes, angesichts der Überheblichkeit, mit der die meisten der Anwesenden ihre Ämter bekleideten.

»Satt und fett hockt ihr da, ihr Maden. Garantiert hat jeder von euch seit gestern mindestens eine halbe Stunde in der Reinigung zugebracht. Man muss sich ja pflegen, auch wenn man zu nichts taugt«, fluchte sie mit gedämpfter Stimme.

Sie kam langsam den Gang herunter und verhinderte nicht, dass Abscheu ihre Gesichtszüge bestimmte.

Alle, die vor ihr saßen, nutzten ihr Vorrecht auf Dekontamination und ließen keine zwei Tage vergehen, um in einer Reinigung das Blutplasma mit einem Gemisch aus Bentonit-Zeolith-Partikeln anreichern zu lassen. Eine Prozedur, die neben den Privilegierten nur ein geringer Teil der Bevölkerung finanzieren konnte. Die Mineralien wurden dabei mithilfe einer Infusion in den Blutkreislauf eingebracht und verteilten sich dort in kürzester Zeit. Neunzig Sekunden später waren sie bereits einmal durch das komplette System der insgesamt hunderttausend Kilometer langen Blutgefäße eines Körpers gespült geworden. Den Weg nahm das Mittel zwölf bis fünfzehn Mal und absorbierte auf diese Weise den Großteil der radioaktiven Strahlung selbst in den entlegensten Winkeln. Anschließend entledigte man sich des im Plasma befindlichen Gemisches mittels Blutwäsche. Durch eine Kanüle in der Armbeuge floss das Blut in eine Zentrifuge, gab das Plasma ab und gelangte zusammen mit einer Jod-Kochsalzlösung durch den anderen Arm wieder in den Körper. Ein System, mit dem sogar mittelgradig kontaminierte Personen binnen Wochen ihre Strahlungswerte in den gesundheitlich unbedenklichen Bereich senkten.

»Meine Damen und Herren, in Ihren Köpfen wird die Frage kreisen, warum Sie jegliche Termine zugunsten dieses Treffens streichen mussten und weshalb der Kanzler nicht einmal auf Krankheitsfälle Rücksicht nehmen konnte. Was kann so wichtig sein, dass selbst ein Krankenschein keine Bedeutung mehr hat?«, fragte sie laut in den Saal und rieb sich das Kinn, kurz bevor sie das Mikrofon des Rednerpults erreichte. Den Zuhörerkreis in Augenschein nehmend zog sie ihre Brille aus der Innentasche des Kostüms.

»Zum einen teile ich Ihnen mit, dass der Kanzler heute nicht vor Ort ist und mir diese Besprechung übertragen hat. Sehen Sie mich damit kanzlergleich!«

Ihre Stimme senkte sich.

»Zum anderen …« Die Staatssekretärin kämpfte mit zusammengekniffenen Augen gegen einen erneuten Drogenschub an. Für Sekunden drohten ihr die Beine wegzusacken. Überrascht von der Intensität krallte sie sich an das Rednerpult und warte, bis der Höhenflug vorbei war.

»Zum anderen …«, ihr Gesicht entkrampfte sich wieder, »… müssen wir uns mit einem Problem auseinandersetzen, das man als undichte Stelle bezeichnen sollte.«

Die Staatssekretärin strich sich eine Haarsträhne hinter das Ohr und setzte ihre Brille auf. Sie wusste, dass es für die Anwesenden keinen Unterschied machte, ob sie oder der Regierungschef zu ihnen sprach. Sie wurde nicht grundlos als graue Eminenz bezeichnet, die spätestens seit dieser Legislaturperiode als unantastbar galt. Sie stand in so engem Verhältnis zum Kanzler, dass jeder Auftrag von ihr wie eine Anordnung des Regierungschefs gewertet wurde. Das bezweifelten selbst Minister nicht, deren Gehaltsbezüge noch über denen der Chefin des Kanzleramtes lagen.

»Das Gute ist, ich habe gleich einen Lösungsvorschlag parat, aber ich will nur ungern vorgreifen. Kommen wir zurück zu unserem Problem.«

In den Reihen wurde es unruhig.

»Ich und vor allem der Kanzler sehen in einer Regierung die Chance, das zu tun, was für die Bürgerinnen und Bürger generationsübergreifend das Beste ist. Das schließt auch Entscheidungen mit ein, deren positives Ergebnis sich der Bevölkerung heute noch nicht erschließt – wenn Sie wissen, was ich meine.«

Während sie sprach, ertastete sie im Fach unter dem Pult das, was Roth für sie bereitgelegt hatte. Sie umschloss es mit den Fingern, zog es hervor, zielte und schoss dem Innenminister eine Kugel in den Schädel.

Krampfend rutschte er vom Sitz.

»Du bist meine Zuversicht, Herr. Du bist mein Gott, meine Hoffnung!«, drang ihre Stimme durch den Raum.

Sie war überrascht. In ihrer Hand fühlte sich die Wucht des Rückschlages so wie jeder andere Schuss dieses Waffenmodells an. Nur mit dem aufgeschraubten Schalldämpfer und den dadurch reduzierten Geräuschen kam er ihr nicht echt vor. Kein ohrenbetäubender Knall – lediglich der synthetisch klingende Rest davon. Das schleifende Klicken der Mechanik, die nicht wahrzunehmende Pause während des Fluges des Geschosses und das kurze Krachen beim Einschlag in das Opfer.

Doch der Schuss war echt. Der Minister lag leblos auf dem Boden und hatte eine Panik ausgelöst, bei der es die wenigsten schafften, aus den engen Sitzreihen schnell genug herauszukommen. Die Leute prügelten auf die ein, die sich vor ihnen befanden, und traten jeden Unterlegenen nieder, nur um lebendig den Ausgang zu erreichen.

Das was sich die dreißig Personen in den Sekunden nach dem Auswerfen der Patronenhülse antaten, überstieg in der Summe das Leid, welches der Schuss verursacht hatte.

Gib den Menschen zu wenig Raum und Todesangst und du benötigst wahrscheinlich nicht einmal eine Waffe, lächelte die Staatssekretärin und strich über die Konturen ihres Kreuzanhängers.

Schreiend näherte sich der Bundestagspräsident als Erster einem der Ausgänge. Den Schmerz des ausgekugelten und unnatürlich verdrehten Arms spürte er nicht.

Gleich. Nur ein paar Schritte!

Ein Mann, der ihm direkt folgte, packte ihn an der Schulter und versuchte, ihn an sich vorbeizuziehen. Jede Person, die hinter einem stand, wäre ein Schutz vor den Kugeln, die noch im Magazin der Staatssekretärin steckten.

Panisch riss der Präsident den unverletzten Ellenbogen nach hinten und traf krachend ein Jochbein. Bevor der Getroffene von den Nachfolgenden überrannt werden konnte, schoss ihm ein Blutschwall aus der Nase.

Der Bundestagspräsident kam völlig atemlos an der zweiflügligen Eichentür an und rüttelte an den Griffen.

Nichts passierte.

Andere hetzten zum zweiten und dritten Ausgang. Auch diese ließen sich nicht öffnen.

Die Schreie aus der Menge, die vor Angst gelähmt schien, verstummten.

»Kollegen!«, rief die Staatssekretärin durch den Raum und stieg vom Pult herab. »Jetzt beruhigen wir uns alle mal wieder! Das ist doch kein Grund, den Verstand zu verlieren.«

»Sind sie völlig wahnsinnig?«, brüllte ein Mann, der auf sie zu rannte.

Ein Schuss in den Hals erübrigte jede Antwort.

»Folgende Spielregeln!«

Ihre Laune verschlechterte sich.

»Wir haben ein Problem und wir müssen es verdammt noch mal lösen. Und am besten lösen wir Probleme, wenn wir Ruhe bewahren. Sie werden es kaum glauben, aber sobald Sie wieder Platz nehmen, hat der überwiegende Teil von Ihnen eine erhebliche Überlebenschance. Das gilt jedoch höchstwahrscheinlich nicht für die, die da hinten unter die Tische gekrochen sind. Bei so wenig Rückgrat bin ich geneigt, einen Schuss in den Bauch zu setzen – deutlich unangenehmer, als ein gut platzierter Kopftreffer.«

Keiner der Anwesenden zeigte eine Regung.

Die Staatssekretärin ging zur Vorsitzenden des Innenausschusses des Bundestages und setzte ihr die Pistole auf die Brust.

»Ich warte!«

In Schockstarre folgte noch immer niemand ihrer Anweisung.

Eins, zwei, drei!

Sie drückte ab.

Die Frau sackte in sich zusammen.

»Ich kann den heutigen Tagesordnungspunkt auch auf diese Weise klären und sämtliche Magazine aufbrauchen. Anschließend besetzen wir einfach Ihre Posten neu. Meiner Ansicht nach die beste Lösung, zumal wir damit als positiven Nebeneffekt auch gleich eine Menge Gottesleugner beseitigen werden. Aber«, sie zuckte mit den Schultern, »der Kanzler wollte, dass wir uns heute hier zusammenfinden und darüber reden. Ist das jetzt bei jedem angekommen?«

Ruhig schob sie den Hintern auf einen Tisch in der vordersten Reihe und wies mit der Waffe auf die vor sich befindlichen Sitze.

»Ich habe keine Eile. Ich fahre erst fort, wenn Sie wieder wie zivilisierte Menschen Platz nehmen.«

Zögerlich kamen der Generalinspekteur der Streitkräfte und zwei Minister in ihre Richtung und sorgten dafür, dass nach und nach auch der Rest der Anwesenden ihrer Anweisung folgte.

»Also zurück zum Kern. Ich erwähnte bereits, dass wir einer nicht unerheblichen Verantwortung unterliegen, indem wir entscheiden, was gut und was schlecht für das Volk ist. In schwierigen Zeiten, so wie diesen, kann das bedeuten, dass wir etwas durchsetzen, von dem die Bevölkerung erst viel später erkennt, dass es das Richtige war. Sehen Sie das genauso?«

Niemand antwortete.

»Die Bürger wissen oft nicht, was sie wollen. Sie sind leicht lenkbar. Genau deshalb ist es so wichtig, dass wir für sie entscheiden. Auch abseits der Gesetze, falls es nötig ist. Sie alle wissen, ich bin kein Freund der direkten Demokratie. Das war ich noch nie und werde es auch niemals sein. Stellen Sie sich vor, wir hätten in diesen Zeiten ständig Volksentscheide statt parlamentarischer Entscheidungen. Ein solches System kann nur in einer Katastrophe enden. Allein schon, wenn ich mir ansehe, wer in der Bevölkerung zu alternativ für eine rationale Entscheidung ist oder zu weit rechts oder schlicht und ergreifend zu blöd. Und da haben wir noch nicht mal die berücksichtigt, die grundsätzlich jeden Politiker hassen und die, die zu alt sind, um komplexere Zusammenhänge zu begreifen. Nehmen wir dieses Gesindel in der Summe, dann haben wir bereits eine Mehrheit, die jeglichen sinnvollen Volksentscheid blockiert, und es wurde noch nicht einmal ein Wort über die Ungläubigen verloren. Ich erinnere nur an die Flüchtlingsströme im dritten Jahrzehnt nach der Jahrtausendwende. Vor lauter Übergriffen und ›No Asyl‹-Geschreie war es nicht möglich, der Bevölkerung deutlich zu machen, dass dies unser Geburtenproblem hätte lösen können. Langfristig wäre die Rettung für das Rentensystem und vielleicht sogar für die Krankenversicherung realistisch gewesen. Ich weiß nicht, welcher Idiot damals auf die Schnapsidee kam, die Flüchtlingsfrage europaweit auf nationaler Ebene mittels Volksentscheiden klären zu lassen. Natürlich war der Ausgang klar und Europa wenig später die reinste Festung. Aber, meine Damen und Herren, DIESE OPFER WAREN NICHT UMSONST«, rief die Staatssekretärin viel zu laut in den Saal. »Seitdem Unzählige vor unseren Grenzen durch diese Entscheidungen verreckt sind, ist die direkte Demokratie ein Relikt der politischen Vergangenheit, welches hoffentlich niemand mehr ernsthaft aus dem Hut ziehen wird. Doch nicht nur das. Wer noch ein Stück weiter denkt, muss feststellen, dass auch die repräsentative Demokratie einen Makel hat, den wir heute beseitigen werden.«

Sie hielt die Waffe mit gestrecktem Arm und zielte wahllos auf die vor sich Sitzenden.

»Die Operation Theodizee ist überlebenswichtig! Und so wie es Schwachköpfe im Volk gibt, die das nicht begreifen, haben wir auch unter Ihnen, meine Damen und Herren, nicht nur Hochbegabte.«

Bei jedem, den Kimme und Korn streifte, schoss der Blutdruck in die Höhe, obwohl die Staatssekretärin den Abzug zu diesem Zeitpunkt nicht berührte.

Das ist also die politische Elite des Landes, dachte sie abfällig und beobachtete, wie sich die wegduckten, auf die der Lauf zeigte.

»Dieses Vorhaben wird im Großteil Europas umgesetzt«, fuhr sie fort. »Bis auf Polen. Da warten wir täglich darauf, dass die Regierung den Schwanz einzieht. Nicht anders zu erwarten!«

Sie zog die Augenbrauen zusammen.

»Und wie wir gestern erfahren mussten, liebe Kollegen, gibt es unter Ihnen Personen, die Kontakt zu den Kräften haben, die in unserem Nachbarland die Sache zum Scheitern bringen werden. Da frag ich mich natürlich, warum der Bundesnachrichtendienst dem Kanzler das nicht mitteilt, sondern wir andere Kanäle brauchen, um davon Kenntnis zu erlangen.«

»Scheiße! Scheiße! SCHEEIISSSSEEE!«, kreischte ein Mann mit Halbglatze auf der linken Seite. Hysterisch versuchte der Chef des Geheimdienstes, unter seinen Tisch zu kriechen.

Ohne eine Regung in ihrem Gesicht erkennen zu lassen, richtete die Staatssekretärin die Mündung auf ihn. Sie krümmte den Zeigefinger und riss die Waffe, kurz bevor sie den Druckpunkt des Abzugs überschritt, nach oben.

Der Schuss löste sich und trieb den Schlitten der Pistole zurück. Beinahe im selben Augenblick rastete er wieder in die Ausgangsstellung ein und wartete mit der nächsten Patrone in der Kammer.

»BERUHIGEN SIE SICH!«, schrie sie den Geheimdienstchef an, dessen Angst allgegenwärtig war, und warf einen Blick auf das Opfer eine Sitzreihe höher. Ein Lungenschuss – eine Ungenauigkeit, die sie mit einer Kugel in die Schläfe der Amtsleiterin korrigierte.

Eigentlich hattest du es verdient, dass ich dich ersticken lasse, überlegte die Staatssekretärin, während die Person ausblutete, die die Hauptverantwortung für den Kontakt zu den polnischen Regierungskritikern trug.

Die Schreie, die anfangs immer dann aufkamen, sobald sie die Waffe ruckartig bewegte, verstummten zunehmend. Es brach auch keine Panik mehr aus, wenn sie einen Schuss abgab. Die meisten hatten es aufgegeben, vor den Kugeln zu fliehen, und versuchten stattdessen, ihr Leben dadurch zu retten, dass sie nicht auffielen.

»Es befindet sich jetzt noch genau eine Person unter uns, bei der es ausgeschlossen ist, dass sie diesen Raum unbeschadet verlässt.«

Sie stand auf und kehrte ihre Überheblichkeit vollständig nach außen.

»Haben wir uns etwas vorzuwerfen, Kollege?«

Sie stützte die Arme auf den Tisch des Polizeichefs und suchte in seinem Blick eine Unsicherheit, die ihn verraten könnte.

»Nein, abgesehen davon, dass ich mich mit jemandem im gleichen Raum befinde, der eine Vernichtungsaktion plant, die dem Holocaust in nichts nachsteht.«

Überrascht von der Unverfrorenheit des Mannes bebte der Busen der Staatssekretärin.

»Na los, kommen Sie! Erschießen Sie mich«, ließ er nicht locker.

»Sie wollen mich provozieren?! Gut, dann lassen Sie uns das für einen Moment unterbrechen.« Sie legte die Pistole neben sich. »Keine Waffen, nur Argumente. In Ordnung?«

Der Polizeichef nickte.

»Wer von Ihnen hat Erinnerung an den Holocaust?«, fragte die Staatssekretärin. »Wer hat ihn miterlebt? Wohl keiner, da er hundert Jahre her ist. Damit bleibt nur noch das, was in Geschichtsbüchern steht, ja? Dann nehmen Sie es mir nicht übel, dass ich mich nur von Dingen beeinflussen lasse, die ich selbst erlebt habe. Erinnern Sie sich nur an die Wiedervereinigung Deutschlands Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Damals wurden in den ostdeutschen Büchern derart viele Fakten geändert, weil die neu gebildete Regierung plötzlich eine andere Sicht der Dinge hatte. Die Dokumentation der Vergangenheit ist immer nur eine Sichtweise des aktuell herrschenden Systems und genau darum werden Sie von mir keine Verbindung der heutigen Ereignisse zum Dritten Reich hören.«

»Sie leugnen den Holocaust?«

»ICH LEUGNE ÜBERHAUPT NICHTS«, brüllte sie. »Aber was damals wirklich passiert ist, weiß niemand hier im Raum.«

Der Protest im Saal nahm zu.

»UND DAVON ABGESEHEN«, verschaffte sich die Staatssekretärin Gehör, »planen wir mit der Bildung der Kolonie keinen Völkermord. Es ist kein Volk, das wir ausschließen.«

»Sagen Sie lieber auslöschen«, fiel ihr der Polizeichef ins Wort, obwohl er sah, wie sie die Waffe wieder in die Hand genommen hatte.

»Wir überlassen lediglich dem von Gott bereits durch Krankheit abgespaltenen Rest der Menschheit seinem Schicksal.«

»Sie sprechen von einem Gott?«

»Ich spreche von meinem Gott!«

»Heißt es nicht: Wer seinen Nächsten verachtet, versündigt sich, aber wohl dem, der sich der Elenden erbarmt? Wie können wir da den Großteil der Bevölkerung dem Schicksal überlassen?«

»Sie meinen den gottlosen Rest vor den Toren?«

»Es sind doch nicht nur Ungläubige dort draußen!«

»WAS WOLLEN SIE EIGENTLICH? WOLLEN SIE GAR NICHTS TUN, BIS ES UNSERE GATTUNG NICHT MEHR GIBT?«

»Vielleicht. Vielleicht haben wir die Daseinsberechtigung tatsächlich verwirkt. Wie viele Chancen soll man uns denn noch geben«, entgegnete der Polizeichef. »Dürfen wir das Leben von Millionen opfern, damit Tausende weiterleben? Kein Verfassungsgericht der Welt würde dem zustimmen.«

»Soll ich Ihnen was sagen?! Ich scheiße auf die Gerichte! Und ich pfeife auf Ihre Meinung. Ich will wissen, wer unter Ihnen noch etwas zu verbergen hat. Sie offensichtlich nicht, Sie gehen mir nur auf den Geist. Aber vielleicht Ihr Nachbar?!«

Langsam sah sie zur Person rechts daneben und kam bis auf wenige Zentimeter an das Gesicht des Verteidigungsministers heran.

»Friedemann«, flüsterte sie. »Sorge dafür, dass sich der Anfangsverdacht, den wir gegen dich haben, nicht bestätigt. Und sei froh, dass es auf höchster Ebene jemanden gibt, der der Ansicht ist, dass wir dich noch brauchen. Diese Säuberungsaktion heute könnt ihr alle von nun an als Teil der Regierungsarbeit ansehen. So etwas wird es sofort wieder geben, sobald einer der Anwesenden nicht begreift, dass es nur um eines geht – um das Überleben. Und wir überleben ausschließlich mit Theodizee.«

Augenblicke später durchschlug ein Geschoss die Hand des Ministers und die darunterliegende Tischplatte.

4

»Alle da?«

Ohne es zu überprüfen, setzte der Lehrer die Führung fort. Er registrierte nicht, dass Liam seit dem Morgen kaum ein Wort gesprochen hatte und immer weiter von der Gruppe zurückfiel.

»Wie vorhin angedeutet befinden wir uns bei diesem Rundgang jetzt im Jahr 2023 bei einem Anschlag ganz anderer Dimension. Das, was ihr nun sehen werdet, hat es so noch nie gegeben. Nicht mal ansatzweise.«

Vor den Jugendlichen offenbarte sich eine riesige Videoinstallation mit einem Landstrich, der in einer Art dem Erdboden gleichgemacht wurde, wie es einem dritten Weltkrieg gleichkam.

»Dies hier ist das größte Täuschungsmanöver der Geschichte. Den Auslöser für die Katastrophe seht ihr zur Rechten.«

Er wies auf einen Torbogen zu einer Nebenhalle, welche komplett mit Blei ausgekleidet war und durch eine zentimeterdicke Glasscheibe von den Besuchern getrennt war. Darin stand der bis zur Unkenntlichkeit verformte Rest eines Geschützes, hergestellt in den Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts. Das Waffensystem erweckte den Eindruck, als wäre es kurzzeitig Tausenden von Grad ausgesetzt gewesen und einen Augenblick später sofort erstarrt.

»Mit dieser Artilleriewaffe schuf die ATG die Bühne, die sie brauchte, um die gesamte Welt für zwei Tage in die Irre zu führen.«

»Die Informantensache?«, fragte einer der Jungen.

»Florian, ich bin überrascht. Du bist nicht nur anwesend, du denkst ja sogar mit. Dreh- und Angelpunkt war tatsächlich ein skandinavischer Informant. Am Vorabend der Atomkatastrophe reiste dieser – hinter euch im Schaukasten seht ihr ein Foto – mit einem offensichtlich vom schwedischen Ministerpräsidenten unterzeichneten Brief nach Brüssel. Er kündigte an, dass sämtliche militärischen Provokationen von da an mit atomaren Reaktionen beantwortet werden sollten. Ein Dokument, welches in Kombination mit den Ereignissen der nachfolgenden Stunden zu einer verheerenden politischen Kurzschlussreaktion führte. Zwei Tage später wurde durch den Selbstmord des Informanten klar, dass er seit Jahren in engem Kontakt mit der ATG stand und das Schreiben gefälscht war.«

»Hätte man nicht einfach mit Schweden telefonieren und die Sache klären können?«, fragte einer der Jugendlichen.

»Richtig! Eigentlich hätte man sogar unbedingt miteinander reden müssen. Aber genau das war damals das größte Problem. Eine Falschmeldung folgte der nächsten. Kaum eine Nation hatte noch den Überblick, auf welche Informationen sie sich verlassen konnte. Täglich kochten Nachrichten von Grenzübertritten, Angriffen, bis hin zu einzelnen Hinrichtungen über und wurden minutenschnell durch Social Bots im Netz verbreitet.«

»Ich kann mir das nicht vorstellen. Regierungen haben Geheimdienste und die wissen, welche Meldungen wahr und welche falsch sind«, sagte Sveda. »Es ist doch egal, was für ein Quatsch in den Communitys geschrieben wird.«

»Das Problem ist nicht klar? Okay. Ein Beispiel. Eine Familie, die Angehörige verloren hat, postet im Netz die unwahre Meldung, dass ihr minderjähriger Sohn und dessen Mutter in Grenznähe auf offener Straße von einem Scharfschützen erschossen wurden. Unzählige Social Bots verteilen und liken diese Nachricht, bis ein Flächenbrand entfacht ist. Plötzlich kommt es in der Region durch eine Überhitzung der medialen Auseinandersetzungen zu tatsächlichen Ausschreitungen mit mehreren Toten. Keine Regierung schafft es bei der Gewaltspirale, die daraufhin entsteht, den Überblick zu behalten, wie der örtliche Konflikt eigentlich entstanden ist. Die einzige Maßnahme, die hilft, sind Truppenverlegungen in die Region, um durch militärische Präsenz für Ruhe zu sorgen. Letztendlich haben sie echte Tote und tatsächliche Militärbewegungen aufgrund einer einzigen falschen Nachricht. Nachvollziehbar?«

Bedrückendes Schweigen und Kopfnicken bei den Jugendlichen.

»Folgendes hatte sich 2023 abgespielt: Ein Schnellboot eines dänischen Marineverbandes soll sich kurzzeitig in schwedischen Hoheitsgewässern aufgehalten haben. Das ist belegt! Nach Aussage des skandinavisch-russischen Bündnisses, soll dies eine bewusste Provokation gewesen sein, da von gezielten Schüssen auf ein Boot der schwedischen Küstenwache berichtet wurde. Das wurde jedoch nie bewiesen, doch es ging millionenfach durchs Netz!

Nur einen Tag später traf eine russische Flotte ein und verstärkte die schwedische Marine. Man stand den NATO-Verbänden in der Ostsee südlich Kopenhagens in Schussweite gegenüber. Zerstörer, Fregatten und Korvetten, so weit das Auge über den Südrand des Kattegats reichte. Und das war nur das Aufgebot oberhalb des Meeresspiegels. Seit dem Wiederaufleben des Kalten Krieges wenige Monate zuvor lagen die Nerven blank. In dieser aufgeheizten Situation verletzten vermutlich Einheiten beider Seiten die gegnerischen Hoheitsgebiete, zumindest kochten derartige Meldungen hoch und führten vielerorts zu Gegenreaktionen. Immer wieder kam es zu kurzen Schusswechseln. Es fehlte nur noch ein Funke für eine Eskalation und dieser Funke war vergleichsweise marginal.

Der unachtsame Kapitän des Schnellbootes steuerte durch einen Navigationsfehler in eine falsche Richtung und überschritt, ohne einen NATO-Auftrag zu haben, die Grenzlinie, sodass er sich plötzlich zwischen den Fronten befand. Als er den Fehler bemerkte, hatten ihn längst gegnerische Schiffsgeschütze ins Visier genommen und Marschflugkörper kreisten über dem Boot. Er konnte weder vor noch zurück. An sich sollte so ein Versehen nichts sein, was einen Krieg auslöst, doch es ging weiter.

Um eine Klärung herbeizuführen, sprach der Regierungschef von Schweden mit der Ministerpräsidentin Norwegens über eine angeblich gesicherte Telefonleitung. Dabei fielen Worte wie Erstschlag und atomare Reaktion, zwar nicht als Drohung, sondern als das, was es zwingend zu vermeiden galt. Die Begriffe waren illegal mitgeschnitten und aus dem Zusammenhang gerissen auf der Tonspur im Internet veröffentlicht worden. Dies führte zur Eskalation!

Am gleichen Abend trat der Befehlshaber der skandinavisch-russischen Allianz vor die Presse und kündigte einen massiven Gegenschlag an, sollte eine Nation seines Bündnisses den Verteidigungsfall feststellen. Diese Aussage legten die klassischen und sozialen Medien so aus, dass man bereits atomare Einheiten in Stellung gebracht hatte. Etwas das so nicht stimmte.

Wir gehen heute davon aus, dass die mediale Meinungsbildung durch die Terrororganisation gezielt beeinflusst und gesteuert wurde. Nur Stunden später jagte dann eine M109 mit Männern der ATG den grenznahen Reaktor der EU hoch und war dabei so nah am Ort der Explosion, dass von den Terroristen keine Beweise zur Klärung der Nationalität übrig blieben. Was folgte, war die direkte Verurteilung des Angriffes durch die NATO und der Start der ersten Atombomben Richtung Schweden. Eine Kettenreaktion, da die Antwort aus dem gesamten Raum des skandinavisch-russischen Bündnisses in Form von Nuklearwaffen kam.

Es dauerte vierzig Stunden, um zu belegen, dass der Auslöser für diesen Krieg afrikanischen und nicht schwedischen Ursprungs war. Das Gefährliche an der Situation damals war die unübersichtliche und bis zum Zerreißen gespannte Lage, in der das gefälschte Schreiben des schwedischen Ministerpräsidenten die Beeinflussung der Medien und der dann tatsächliche Terroranschlag durch das Artilleriegeschütz ausreichte, um die Welt beinahe auszulöschen. Niemand hinterfragte mehr die Fakten. Sie schienen in sich schlüssig.

Von diesem Tag an verzichteten die meisten Regierungen im diplomatischen Bereich auf Datenleitungen sowie jegliche Beteiligung in den sozialen Medien und setzten stattdessen Informanten für den Informationsaustausch ein. Zugleich blockierten sie im Krisenfall solange sämtliche Kommunikationsmittel, bis eine Klärung herbeigeführt wurde – ein Verfahren, welches zeitaufwendig war, aber für Sicherheit sorgte und bis heute nicht mehr aufgegeben wurde.

Glücklicherweise ließ sich die Situation mit dem Tod des Informanten wieder befrieden. Ein Zeitpunkt, den ihr unter der Bezeichnung Judgement Day kennt. Ein Tag, an dem die Welt mehr Glück als Verstand hatte, denn eigentlich war der Untergang programmiert. Dennoch kam es bis dahin zum Start von einhundertachtundsiebzig atomaren Sprengköpfen. – Kommt mal mit an diese Vitrine.«

Der Lehrer zeigte den Jugendlichen einen Globus, welcher den flächenmäßigen Anteil der Erdkugel hervorhob, der nach dem Judgement Day unbewohnbar war.

»Zum Vergleich. Die Atombombe, die 1945 auf Hiroshima niederging, verfügte über eine Sprengkraft von dreizehn Kilotonnen TNT. Das verdeutlicht der kleine Stecknadelkopf im Süden von Japan. Die Kernwaffen der zwanziger Jahre dieses Jahrhunderts hingegen hatten im Durchschnitt die sechstausendfache Wirkung. Das sind zwischen sechzig und fünfundneunzig Megatonnen. Stellt euch davon einhundertachtundsiebzig auf sämtlichen Kontinenten vor. Die Auswirkungen verdeutlichen die blauen Flächen auf dem Globus.

Aber es geht heute im Schwerpunkt nicht darum. Lasst uns bei dem Geschütz bleiben, welches alles ausgelöst hat. Es steht da drüben.«

Die Blicke der Jugendlichen wechselten in Richtung der mit Blei ausgekleideten Nachbarhalle.

»Den Planern dieses unvorstellbaren Aktes der Zerstörung spielte ein Umstand in die Hände, der anfangs nicht aufgeklärt werden konnte. Denn eigentlich kann ein so altes Waffensystem gar nicht mehr schießen, schließlich hatte man es um die Jahrtausendwende ausgesondert. Kein Mensch brauchte in Zeiten überschaubarer Militäreinsätze gegen terroristische Organisationen Artillerie, wie sie in den großen vaterländischen Kriegen zum Einsatz gekommen war. Und bei der Aussonderung dieser Systeme hatte man sie vor vier Jahrzehnten technisch so verändert, dass sie nicht länger unter das Kriegswaffenkontrollgesetz fielen. In der Regel geschah das durch diverse Bohrungen am Verschluss und Verschweißungen an der Waffenmechanik, nach dem damaligen Stand der Technik ausreichend. Mit heutigem Wissen wäre jedoch das Ausgießen des Rohres mit Stahl der bessere Weg gewesen. Denn Verschlüsse und verschiedene andere Bauteile ließen sich zwanzig Jahre später problemlos mit Polytitankunststoffen im 3-D-Druckverfahren in jedem Hobbykeller fertigen.

Und damit ich nicht die ganze Zeit rede, findet ihr nebenan einen kleinen Kinoraum. In dem bekommt ihr weitere Hintergründe zur ATG und der Planung des Anschlags. Der Film geht nur zwölf Minuten und beginnt jede Viertelstunde. Also«, der Lehrer sah auf seine Uhr, »gleich.«

Während die Klasse durch die Flügeltüren den Raum verließ, blieb Zoe vor der Glasscheibe stehen und streckte die Hand nach ihr aus.

»Nicht!«

Ein an der Seite stehender Museumsangestellter wies auf das Messingschild neben dem verglasten Durchgang.

KEINESFALLS BERÜHREN!

Die M109 wurde in einem hochaufwendigen Verfahren teildekontaminiert, dennoch besteht eine radioaktive Reststrahlung, der wir mit einer kompletten Bleiauskleidung des Raumes und dieser Schutzscheibe, die aufgrund der Strahlungsaufnahme regelmäßig gewechselt wird, begegnen.

Die Museumsleitung

Zoe starrte auf den Metallkoloss und konnte sich nicht erklären, warum. Schließlich hatte sie für Kriegstechnik wenig übrig. Aber das verschmolzene Aluminiumgehäuse des Geschützes faszinierte sie. Womöglich weil es mehr zu sagen hatte als die restlichen Ausstellungsstücke. Weil es nur ihr etwas sagen wollte, das es allen anderen verschwieg.

Etwas vom 18. August 2023.

5

Der 18. August war ein Donnerstag.

Man hatte die M109 bei Tagesanbruch durch eine Transportfirma auf die Hügelkette südlich der Stadt schleppen lassen.

Wenn der Preis stimmte, fragte niemand nach den Hintergründen des Auftrages.

Die Zugmaschine schob das Waffensystem auf die Erdsporne, koppelte ab und machte sich auf den Rückweg. Zurück blieben ein milder Morgen und eine Besatzung, die aus drei Männern bestand. Zwei zu wenig, um das Geschütz mit der Geschwindigkeit zu betreiben, für die es konzipiert worden war. Aber Geschwindigkeit war für das Vorhaben nicht von Relevanz. Die Mannschaft hatte vom ersten Schuss an eine halbe Stunde, um das Ziel zu treffen – in artilleristischen Größenordnungen war das alle Zeit der Welt.

Anfangs würden sie Projektile ohne Zünder verschießen und nach jedem einzelnen die Ausrichtung des Rohres korrigieren. So lange, bis sie sich an das Objekt herangetastet hätten. Für das Personal des Reaktors wäre nur ein entfernter Knall der Treibladung zu hören, im Anschluss daran das bedrohliche Surren, wenn Stahl Luft trennte, und dann ein krachender Einschlag. Einer ohne Detonation.

Der Vorteil an der zünderlosen Munition in Kombination mit einer Anvisiertechnik, bei der man Probeschüsse von unten immer weiter an das Ziel heransetzte, war eine Verdopplung der Trefferwahrscheinlichkeit. Ging das Geschoss zu tief und hatte keinen allzu steilen Winkel zum Boden, entstand ein Abpraller. Es setzte in diesem Fall auf der Erde auf, prallte ab und überschlug sich mehrfach in Richtung Zielobjekt, um es mit etwas Glück doch noch todbringend zu erreichen. Dann explodierten zwar nicht die darin enthaltenen elf Kilogramm Sprengstoff, aber die Wucht von dreiundvierzig Kilogramm, die mit einer Geschwindigkeit von dreitausend Stundenkilometer aus dem Rohr geprügelt wurden, reichte, um einen feindlichen Panzer, an der Wanne getroffen, auf das Dach zu werfen. Das, so glaubte die Mannschaft des Geschützes, müsste auch einem thermonuklearen Reaktor genügen.

Zumindest die ersten drei, vier Schüsse lang sollte das Kraftwerkspersonal in Chaos verfallen und keine Idee haben, was in ihrer unmittelbaren Nähe einschlug. Und alle dreißig Sekunden würde die Besatzung nachladen und die Feinjustierung des Zielfernrohres geringfügig dem Atommeiler näherbringen.

Bis es Zeit für Munition mit Zündern wäre.

»Brüder, es ist so weit.«

Jamal löste den Verschluss mit einem Schlag auf den Arretierungshebel. Unter metallischem Krachen schloss er den ersten Boten ein, den sie der Welt mitzugeben hatten.

»Drei, zwei, eins, FEUER!«

Jamal zog kräftig an der Leine und verursachte einen Donner, der das gesamte Geschütz erst rückwärts auf die Erdsporne und dann nach vorn schwanken ließ. Die Waffenanlage im Kampfraum rauschte an den Köpfen der drei vorbei, schlug innerhalb des Bruchteils einer Sekunde bis fast an die Rückseite des Geschützturmes aus und fuhr wieder in die Ausgangsposition. Der Verschluss stand offen und qualmte.

»Los, los, los, Männer!«, trieb Noah Bijan und Jamal an, die ein neues Geschoss ins Rohr hievten und es in die Züge und Felder pressten. Die Treibladung dahinter, Anzünder hinein und den Verschlussblock schließen.

»Feuerbereit!«, schrie Jamal von seiner Position rechts der Waffenanlage.

»FEUER!«

Den zweiten Schuss hatte Noah geringfügig höher angesetzt. Ein Abpraller, der krachend in einem der Nebengebäude endete.

Geschoss um Geschoss ging zünderlos im einen Kilometer entfernten Zielgebiet nieder. Im zweistelligen Meterbereich arbeitete man sich an das Ziel heran. Bis ein Projektil die Reaktorkuppel seitlich streifte und das erste Sprenggeschoss mit Verzögerungszünder in der Waffenanlage auf den Einsatz wartete.

»Brüder, lasst uns Geschichte schreiben! Seid ihr bereit?«

Nicken von Bijan.

Von Jamal kam keine Reaktion aus seinem versteinerten Gesicht, was als Zustimmung zu werten war.

»Dann sehen wir uns danach. Ich warte auf euch. DREI … ZWEI … EINS … FEUER!«

Das Geschoss trieb es grollend aus dem Rohr. Durch einen Rechtsdrall stabilisiert steuerte es auf den Reaktor zu, kam etwas tiefer als anvisiert, hielt aber dennoch auf den unteren Kuppelrand zu und schlug ein.

6

»Sehr geehrte Damen und Herren, wir werden den zweiten Tag unseres Kongresses mit einem Vortrag beginnen, der definitiv hohe Wellen schlagen wird.«

Mit tiefer Männerstimme dröhnte der Satz durch das Kongresszentrum, das bis auf den letzten Platz besetzt war.

»Ich kenne Herrn Martens Ausführungen bereits und seine Sicht der Dinge hat mir gelinde gesagt schlaflose Nächte bereitet. Ich denke, Ihnen wird es genauso gehen. Lassen Sie die Argumente auf sich wirken. Sie haben mit unserer Arbeit auf den ersten Blick wenig zu tun, aber wenn William Marten recht behält, stehen wir vor ernsten Problemen. Doch ich will nicht vorgreifen. Nur noch eine Anmerkung. Der Beitrag musste stark eingekürzt werden, da er sich bedauerlicherweise eine Kieferverletzung zugezogen hat. Er konzentriert sich somit nur auf das Wesentliche. Umso erfreulicher, dass er trotz alledem hier ist. Ich übergebe also das Wort an William Marten.«

Der Applaus zog Marten auf die Hauptbühne des europäischen Luft- und Raumfahrtkongresses.

»Ich danke für die Einladung«, begann er. »Es freut mich, heute vor diesem Kreis sprechen zu dürfen, gerade weil alle von Ihnen weitaus mehr von der Raumfahrt verstehen als ich. Deshalb ist die Frage, was ich hier zu suchen habe, durchaus berechtigt. Aber wie bereits angedeutet kann ich zur Diskussion tatsächlich beitragen. Beispielsweise durch die Information, dass das, woran Sie fieberhaft arbeiten, nicht der erste Anlauf für eine Besiedlung eines benachbarten Planeten ist. Vor dreißig Jahren hat es eine ähnliche Planung gegeben, damals im Rahmen eines dänischen TV-Projekts mit einem eigenen Fernsehkanal, der Tag und Nacht jeden Schritt der Bewohner übertragen sollte. Das Vorhaben ist in einem sehr frühen Stadium aus moralischen Erwägungen gestoppt worden. Kein Produzent wollte verantworten, dass dort oben jemand ernsthaft erkrankt und mangels ausreichender medizinischer Versorgung vor laufenden Kameras zugrunde geht. Ich vermute, die Sache war zu kurz in den Medien und ist zu lange her, als dass sie einem von Ihnen noch in Erinnerung ist. Oder irre ich?«

Er ließ den Blick durch die Zuschauerreihen schweifen und hielt sich die Wange, in der es zu schmerzen begann.

»Ich bin durch einen Zufall darauf gestoßen, als mir vergangenes Jahr ein Beitrag in einem Fachblatt aus dieser Zeit in die Hände fiel, der das Thema einer generationsübergreifenden Gefangenschaft anriss. Für mich eine hochspannende Sache, mit der ich daraufhin die letzten Monate zugebracht habe. Für Sie wohl nicht ganz so spannend, da Sie als Praktiker die technische Umsetzung weit mehr interessieren dürfte als das, was der Typ auf der Bühne gerade über Gefangenschaft faselt.«

Marten grinste in sich hinein. Ihm war völlig klar, dass jeder Zweite im Publikum so dachte.

»Aber manchmal sollte man die Praktiker frühzeitig bremsen, damit sie nicht mit zu viel Enthusiasmus eine Idee verfolgen, die von Anfang an keine Zukunft hat – denn verehrte Zuhörer, lassen wir die Katze aus dem Sack: Die Kolonie, die Sie im Sonnensystem planen, egal wie groß die Population ist, wird nach spätestens vier Generationen keine positive Fortpflanzungsprognose mehr haben.«

Marten genoss den Anblick fassungsloser Gesichter und vereinzelte Zurufe. Nur sein Unterkiefer machte ihm heftigst zu schaffen. Wenn er den Mund beim Sprechen nicht allzu weit öffnete, ging es, aber das ließ sich bei dieser Veranstaltung unmöglich durchhalten. Während er weitersprach, zog er die Geldbörse hervor und fing an, darin zu kramen.

»Verstehen Sie mich richtig. Ich finde Ihr Vorhaben großartig und würde mir wünschen, dass es gelänge. Aus meiner fachlichen Sicht jedoch kann es nur scheitern. Denn nach zwei Generationen kommt die Fortpflanzung zwar noch nicht zum Erliegen, aber die Populationsentwicklung wird derart zurückgehen, dass ein dauerhaftes Überleben ihrer Probanden nahezu unwahrscheinlich ist.«

Die Proteste der Zuschauer wurden lauter.

Martens hatte zwischen dem Kleingeld gefunden, wonach er suchte, und zog ein winziges Tütchen hervor.

»Einen Augenblick.«

Er riss es an der schmalen Seite auf und sog das darin befindliche Gel heraus.

»Es schmeckt beschissen«, hatte ihm der Inhaber der Boxhalle versichert, als dieser ihm das Schmerzmittel in die Hand gedrückt hatte. »Bevor du auch nur darüber nachdenkst, das Zeug runterzuschlucken, ist es längst dabei, in deiner Birne einen Schalter umzulegen. Und danach läufst du einen Marathon, selbst wenn ich dir vorher den Fuß breche.«

Obwohl Marten den Typen mit dem permanenten Schweißgeruch grundsätzlich für einen Schwätzer hielt, so hatte er dieses Mal nicht zu viel versprochen.

Mit dem letzten Tropfen auf der Zunge begann der Schmerz aus den Knochen zu weichen und er spürte, wie das hoch dosierte Mittel wirkte.

Ich muss langsam erwachsen werden und mich nicht jedes Mal herausfordern lassen, dachte er, während er das Tütchen verschwinden ließ und sich wieder dem Publikum zuwandte. Wenn es jemand mit zehn Kilo weniger auf den Rippen ohne Probleme schafft, mir den Kiefer mit einer geraden Linken anzubrechen, dann sind meine aktiven Zeiten eindeutig zu lange her. Bin schließlich keine achtzehn mehr.

Eine Viertelstunde später verließ Marten die Bühne und kurz darauf den Saal.

Er ging davon aus, dass er zwar viele im Publikum erreicht hatte, aber nachdenklich stimmen konnte er wohl nur die Wenigsten. Doch das kümmerte ihn nicht – sein Auftrag war es zu informieren, nicht zu bekehren.

Im Foyer befanden sich eine Frau an der Garderobe, ein älterer Mann im Eingangsbereich und zwei Herren in dunklen Anzügen, die auf ihn zukamen.

»Folgen Sie uns«, sagte einer von beiden mit einer Selbstsicherheit, die keine Gegenwehr zuließ.

»Einen Teufel werde ich«, entgegnete Marten empört.

»Es geht um Ihre Arbeit.«

»Ich kenne Sie nicht einmal«, regte sich der Psychologe auf und bekam einen Regierungsausweis vors Gesicht gehalten.

»Wir brauchen mehr Informationen zu dem, was Sie im Vortrag angesprochen haben.«

»Dann lesen Sie meine Studie, so wie ich es jedem da drinnen angeboten hatte. Laden Sie sie herunter. Sie ist frei verfügbar.«

»Lassen Sie das! Sie werden persönlich benötigt.«

»Kein Interesse!«

Marten ließ die Männer stehen und machte sich auf, das Kongresszentrum zu verlassen.

»Ich habe zu Hause einen Teenager. Der stellt mich schon vor genug Probleme. Da brauche ich Ihre nicht auch noch.«

»Sind Sie sicher?«

Die Frage klang bedrohlich.

»Wenn Sie jetzt gehen, sehen wir uns in kürzester Zeit unter anderen Umständen wieder.«

»So motivieren Sie niemanden, junger Mann«, erwiderte Marten, zog sich Atemfilter und Cape über und verließ das Foyer.

Ihm blieben an diesem Tag noch zwölf Minuten, die er im Freien zubringen konnte – zwei, um bis zur RegioMed eine Straße weiter zu gelangen, und zehn für den Heimweg.

Die RegioMed-Stellen waren ursprünglich geschaffen worden, um die flächendeckende ärztliche Versorgung vor allem in ländlichen Gebieten sicherzustellen. Nun drei Jahrzehnte und ein Kassensterben später verkörperten sie den beklagenswerten Rest, der vom staatlichen Gesundheitswesen übrig geblieben war – kleine Geschäftsstellen mit einem Mitarbeiter, der in einem Schalter saß, der Tag und Nacht geöffnet hatte. Einer auf fünfzigtausend Einwohner. Wer einen Arzt brauchte, ging als Erstes dorthin, trug der Person hinter der schusssicheren Scheibe das Problem vor und bekam in seltenen Fällen einen Behandlungsschein. Mit diesem stellte man sich dann in einer der heruntergekommenen Arztpraxen in der Nähe vor. Ein Verfahren, bei dem der Staat zumindest ein Viertel der Kosten für eine Handvoll diagnostischer Maßnahmen und einige Medikamente übernahm. Den Rest musste jeder selbst zahlen.

In Martens Fall bedeutete dies, dass drei Tagesgehälter für die Untersuchung seines Unterkiefers als Eigenanteil fällig werden sollten, wobei der Arzt nichts anderes tun würde, als den Knochen abzutasten und sich von der Funktion der Kiefergelenke zu überzeugen. Eine Computertomografie bei einem Verdacht auf eine Fraktur würde die Kosten verdoppeln. Käme dabei heraus, dass der Bruch operativ versorgt werden müsste, wäre dies für ihn finanziell nicht machbar. Genauso wie der Abszess in Martens Stirnhöhle, den er seit der Scheidung nicht entfernen lassen konnte. Das Gleiche galt für die Nierenpunktion, die er vor sich herschob, seitdem seine Werte nicht mehr stimmten. Allerdings war er mit den Jahren nicht mehr sicher, ob er die Diagnose, die hinter den Beschwerden stand, wirklich wissen wollte. Es gab nur drei Erkrankungen, die zu den Symptomen passten. Zwei waren zu annähernd hundert Prozent heilbar, aber die Therapiekosten machten einige Jahresgehälter aus und lagen außerhalb seiner Reichweite. Variante drei hieß Krebs und würde unweigerlich eine nicht zu stoppende Maschinerie von Konsequenzen nach sich ziehen: Im ersten Schritt müsste Marten akzeptieren, dass ihm die Mittel für die Tumortherapie fehlten. Rücklagen hatte er nicht und jede Bank verweigerte ihm einen Kredit mit einem Krebseintrag in den Daten. Also würde er dem Karzinom Tür und Tor öffnen und es im Grunde genommen auffordern, im Körper Metastasen zu streuen. Während er monatelang darauf wartete, sollte es ihm gesundheitlich immer unmöglicher werden zu arbeiten. Es wäre nur eine Frage der Zeit, bis er vollständig ausfiel. Und dann? Dann wäre die Kündigung unausweichlich und würde ihm langfristig jegliche Existenzberechtigung nehmen. Wenig später würde er ebenso wie seine Ex-Frau aus dem System fallen.

7

Geschafft ließ sich Marten in den Sessel fallen und riss ein Tütchen des Schmerzgels auf.

»Bist du wieder da?«, fragte er, als die Wohnungstür leise geöffnet wurde.

»Kann dir doch egal sein«, kam es von Zoe zurück, die versuchte, in ihr Zimmer zu verschwinden.

»Mädchen, jetzt warte mal. SO LÄUFT DAS NICHT! Entweder finden wir einen gemeinsamen Nenner, oder wir lassen das Ganze hier.«

»Mann, was willst du denn von mir?!«

Trotzig blieb die Schwarzhaarige stehen.

»Ich habe wirklich Verständnis für deinen Unmut, für die Pubertät und alle anderen widrigen Umstände, aber …« Marten war anzusehen, dass er sich vor Schmerzen kaum auf das Gespräch konzentrieren konnte. »Allerdings geht es mir gerade auch nicht besonders. Ich hatte mittags einen Abstecher in die Boxhalle gemacht, um den Kopf freizubekommen, und mich von Steve zu einer kleinen Runde verleiten lassen. Er hat mir eine Fraktur irgendwo beim Kiefergelenk verpasst. Also nimm dir meinetwegen ein Bier – gern auch etwas anderes, wenn dich das runterbringt. Aber wir beide haben ein ernsthaftes zwischenmenschliches Problem, welches wir entweder jetzt aus der Welt schaffen, oder mein früheres Schlafzimmer wird ab morgen wieder mein Schlafzimmer. Verdammter Mist, tut das weh!«, fluchte Marten und drückte das Schmerzmittel aus der Verpackung.

Als Zoe in der Tür stand und von einem Lagerbier kostete, entkrampften sich allmählich die Falten zwischen seinen Augenbrauen und er konnte wieder klare Gedanken fassen.

»Da hat jemand den Steve unterschätzt, was?«, grinste die Dreizehnjährige.

»Ich hatte nur einen schlechten Tag.«

Marten wusste, dass das gelogen war, aber etwas Gegenwehr von ihm war für den Gesprächsverlauf durchaus förderlich.

»Genau!«, belächelte sie ihn. »Hast du dir mal Steves Arme angesehen und mit deinen verglichen?! Der ist bestimmt drei Mal die Woche im Fitnessstudio. Brauchst du Tiefkühlgemüse?«

Er nickte und sah, wie Zoe im Flur verschwand. Kurz darauf hatte sie die Brieftasche des Vaters in der Hand und erleichterte sie um einen Schein.

Ohne den Hauch eines schlechten Gewissens kam sie mit einer Packung Erbsen zurück, mit der Marten die rechte Wange kühlte.

»William?«

Er hatte im vergangenen Jahr den Zeitpunkt verpasst, etwas dagegen zu tun, dass seine Tochter ihn mit dem Vornamen ansprach. Aus Gründen, die er jetzt nicht mehr nachvollziehen konnte, ließ er es damals durchgehen. So lange, bis es zu spät war.

»Was denn?«

»Das Internet ist tot.«

»Sicher?«

»Es geht seit dem Nachmittag bei niemandem in der Nachbarschaft.«

»Okay. Kümmere mich morgen drum. Hab die nächsten Tage frei.«

»Die Polizei kannst du auch vergessen.«

»Wie meinst du das?«

»Vorn am Eckhaus hat man heute eingebrochen. Die Familie kam vorhin zu uns, weil sie dachten, ihr Telefon sei kaputt. Aber es liegt nicht an den Telefonen. Es geht überhaupt keine Polizeinummer mehr.«

»Das ist merkwürdig.«

Marten stand auf, um sich aus der Vitrine ein Glas zu holen und einen Scotch einzuschenken.

»William?«

»Hmm.«

»Die Nachbarn haben auch gesagt, dass gerade reihenweise Leute aus dem System fallen.«

Marten wusste genau, worauf die Bemerkung hinauslief.

Wie oft haben wir das bereits besprochen, Zoe? Wie oft?

Es war der Frühling nach dem Judgement Day, als die Geburtenrate erstmals auf null Komma fünf sank. Ein halbes Baby auf zwei Erwachsene bedeutete, dass die Bevölkerung mit jeder neuen Generation auf ein Viertel schrumpfte. Zehn Jahre später erschien bei der Quote sogar die erste Null hinter dem Komma. Und als wäre das nicht schon dramatisch genug, kam die Masse des Nachwuchses mit genetischen Fehlern auf die Welt. Der Sozialkollaps 2035 war die logische Konsequenz. Immer mehr Rentner, immer weniger Menschen im arbeitsfähigen Alter und kaum gesunde Kinder. Selbst als wochenlange Proteste folgten, gab es keinen Weg, um das Renten- und Arbeitslosigkeitsversicherungssystem zu halten. Der Sozialstaat war unwiederbringlich gescheitert.

Bis zu diesem Punkt handelte es sich bereits um harte Rahmenbedingungen, die für den Einzelnen nur einen Rest an Planungssicherheit boten, solange man ein gewisses Alter nicht überschritten hatte. Man musste nur arbeitswillig sein und von Anfang an privat vorsorgen.

Der endgültige Genickbruch stand jedoch erst bevor und kam vonseiten der Krankenkassen. Deren völlig überalterter Versichertenstamm beanspruchte immer mehr Leistungen und erbrachte nur noch einen Bruchteil der früheren Einnahmen. Als das Kassensterben 2039 einsetzte und es darum ging, wenigstens einen bundesweiten Versicherungsträger am Leben zu erhalten, funktionierte dies nur mit einem schmerzhaften Einschnitt. Er bestand darin, dass die aus dem System ausschieden, die zu teuer wurden. Kurzum: Wer die Diagnose Krebs oder etwas Vergleichbares bekam, verlor zuerst seine Krankenkasse und aus gesundheitlichen Gründen zwangsweise auch irgendwann den Job. Was blieb, war eine Wohnung, für die das entsprechende Einkommen fehlte. Im Regelfall überschrieben die Betroffenen diese dann einer Agentur, die das Inventar verkaufte und so einen Betrag erzielte, mit dem es möglich war, sich einige Wochen über Wasser zu halten. Oft reichte das, denn die Erkrankten lebten nicht viel länger.

Ein Jahr später war auch die letzte Kasse zahlungsunfähig und das Gesundheitssystem verlor als Institution seine Berechtigung. Das, was im Sprachgebrauch als System übrig blieb, war das, was sich daraufhin entwickelt hatte – ein Markt, auf dem der Großteil der ärztlichen Leistungen bar bezahlt wurde und auf dem der Staat nur noch einen verschwindend geringen Anteil der immens angestiegenen Kosten übernahm. Das, was an medizinischem Fortschritt in den vergangenen zweihundert Jahren das Leben der Bevölkerung verlängert hatte, wurde auf einen Schlag für den überwiegenden Teil nicht mehr finanzierbar. Der Alzheimer-Impfstoff kostete ein durchschnittliches Jahreseinkommen, eine Blinddarm-OP die Hälfte. Den meisten Menschen war es von da an unmöglich, an einer umfangreichen ärztlichen Versorgung teilzuhaben. Damit reduzierte sich deren Lebenserwartung auf das Niveau des neunzehnten Jahrhunderts. Es profitierten nur noch die vom System, die über das entsprechende Vermögen verfügten. Alle anderen schieden über kurz oder lang aus.

Zoe wusste, wie das System funktionierte. Sie war intelligent genug zu erkennen, in welchen Situationen Personen herauszufallen drohten und wann es kein Zurück mehr gab. Doch selbst wenn sie das Prinzip verstanden hatte, hieß das noch lange nicht, dass sie es auch akzeptierte – denn seit zwei Jahren fehlte die Begründung, warum es ihre Mutter getroffen hatte. Ohne Vorankündigung. Ohne ein Wort der Erklärung. Sie hatte sich nicht einmal verabschiedet.

Das machte es Zoe unmöglich, den Verlust zu akzeptieren. Deswegen machte sie ihn immer dann zum Thema, wenn ein Gespräch auch nur ansatzweise in die Richtung ging.

»Du hast doch damals gesagt, dass du nach der letzten Nachricht von Mama auf deiner Mailbox keine Ahnung hattest, wo sie war.«

»Genau«, antwortet Marten, obwohl er lieber eine Grenze gezogen und ein für alle Mal klargestellt hätte, dass er diese Fragen nicht länger ertrug. »Ihre Handynummer hatte sie beim Provider abgemeldet und die Wohnung wurde zu dem Zeitpunkt gerade abgewickelt. Ich hatte lediglich die Freigabe, deine persönlichen Sachen zu holen. Es gab keinerlei Möglichkeit, an sie ranzukommen.«

»Weshalb hast du sie nicht hierher geholt?«

»Hörst du mir denn zu? An sie war überhaupt kein Rankommen. Und Zoe, wir waren seit Ewigkeiten getrennt«, sagte Marten und verschwieg, wie abwegig er diesen Gedanken fand. »Deine Mutter und Hilfe annehmen? Das hat noch nie zusammengepasst. Warum sollte das ausgerechnet an so einem Punkt anders sein? Sie ist einfach gegangen.«

»Sag schon, hättest du sie aufgenommen, wenn sie gefragt hätte?«

Zoes Stimme schlug bereits wieder ins Schrille um, so wie am Morgen, kurz bevor sie zur Schule aufgebrochen war.

»Sicher«, log Marten und nippte am Scotch. Am liebsten wäre ihm jetzt ein Doppelter auf Ex gewesen und gleich darauf ein zweiter. Aber seit er mit einer Schulpflichtigen zusammenlebte, gehörten solche Trinkgewohnheiten der Vergangenheit an.

»Warum gehen wir in keinen Distrikt?«, wechselte Zoe das Thema.

Nicht schon wieder. Ich ertrage das nicht mehr!

Wie gern hätte Marten diese Diskussion im Keim erstickt, die er mit seiner Tochter inzwischen im Wochentakt führte. Ein Leben im Distrikt kam für ihn nicht infrage. Alle aus dem Bekanntenkreis, die beschlossen hatten, in die Kolonie zu gehen, waren von da an komplett von der Bildfläche verschwunden. Kein Anruf, keine Nachricht. Nie wieder.

»Kannst du damit endlich aufhören?!«

»Heute war der Ausflug ins Museum.«

»Okay.«

»Liam ist immer nur still hinterher getrottet. Genau wie die letzten Tage schon. Selbst wenn man ihn angesprochen hat, sagte er kaum was. Am Ende ist er dann nicht mit uns zurückgefahren, sondern seine Mutter hat ihn abgeholt. Da gab’s ein kurzes Gespräch mit dem Lehrer und plötzlich hieß es, dass wir zukünftig nur noch zu sechst in der Klasse sind.«

»Vielleicht ziehen sie ja woanders hin?«, antwortete Marten.

»HÄLTST DU MICH FÜR BESCHEUERT?!«

Zoes Augen füllten sich mit Tränen, denen nur ein Wimpernschlag fehlte, damit sie auf die Wangen fielen.

»Es zieht überhaupt niemand um! NIE ZIEHT JEMAND UM! Mann, wir waren letztes Jahr noch acht in der Klasse.«

»Zoe«, beschwichtigte der Vater.

»Willst du eigentlich darauf warten, dass ich auch krepiere?«

»Jetzt dramatisiere doch nicht. Weißt du denn, ob er sich an die Ausgangszeiten gehalten hat? Womöglich lief er regelmäßig länger als die fünfundvierzig Minuten draußen herum. War er ständig mit Filter und Cape unterwegs? Hat er beides täglich getauscht? Besitzen die Eltern in ihrem Haus eine vernünftige Luftfilteranlage? Es gibt so viele Dinge, mit denen er oder seine Familie eine Verstrahlung selbst verursacht haben könnte. Was denkst du, warum ich diese Sachen immer wieder predige!«

Marten sprach das Gasnetz erst gar nicht an, weil wohl niemand in Zoes Klasse das Vermögen hatte, um sich daran anschließen zu lassen – auch wenn das das Beste war, was man tun konnte.

Mit dem Jahrtausendwechsel wurden kommunale Gasnetze für die Versorgung der Bevölkerung zunehmend uninteressant. Kaum jemand kochte noch mit Gas und immer weniger nutzten die fossilen Brennstoffe für die Heizung. Aber die Leitungen lagen in der Erde, obwohl sie keine wirtschaftliche Bedeutung mehr hatten. Damals ahnte niemand, dass sie ein Milliardengeschäft ermöglichen würden. Denn mit dem Judgement Day stieg die Nachfrage nach strahlungsfreier Atemluft dramatisch an. Luftfilteranlagen in den Wohnungen schafften es zwar, die Radioaktivität zu mindern, aber sie konnten sie nicht gänzlich beseitigen. Dies war nur möglich, wenn sich eine Familie zu horrenden Preisen an das Gasnetz anschließen ließ, durch das ab Mitte der Zwanzigerjahre reine Atemluft floss. Sie strömte kontinuierlich aus und erzeugte in den Räumen einen minimalen Überdruck. Sobald es dann kleinere Undichtigkeiten zum Beispiel an den Fenstern gab, sorgte der Überdruck dafür, dass Luft immer nur nach außen und nie in die Wohnung hineinströmte. In Verbindung mit einer Eingangsschleuse im Flur und konsequenter Dekontamination der Kleidung konnte die Strahlungsbelastungen in den eigenen vier Wänden im Vergleich zu herkömmlichen Haushalten auf unter zwölf Prozent reduziert werden.

»WEIL DIR NICHTS BESSERES EINFÄLLT!«, schrie Zoe. »Denn du hast auch keine Ahnung, wie man verhindert, dass neun von zehn Leuten an Krebs verrecken! Ist es so schwer zu begreifen, dass ein Distrikt die einzige Lösung ist?!«

Es machte Marten wahnsinnig, dass er emotional so tief in der Auseinandersetzung mit seiner Tochter steckte. Würde ihm ein Außenstehender die Situation schildern und hätte er ausreichend Abstand zu den Beteiligten, könnte er problemlos einen professionellen Rat geben, wie man mit einem Teenager dieses Kalibers umgehen sollte. Doch so wie er in den Fall verwickelt war, nutzte ihm weder sein Studium etwas noch die Berufserfahrung. Alles wühlte ihn derart auf, dass er kaum sachlich bleiben konnte. Das spürte er ein ums andere Mal, seit Zoe bei ihm lebte.

»Und was hat man in der Kolonie für eine Perspektive?«, fragte er. »Wie beschissene Laborratten im Käfig. Ohne freien Willen. Das hat doch nichts mit Leben zu tun.«

»WOHER WEISST DU DAS? WARST DU SCHON MAL DORT?«, schrie sie.

»DAS WEISS MAN EBEN!«, brüllte er zurück.

»Aber wenigstens ist es ein Leben!«, giftete Zoe ihn an. »Nimmst du wirklich in Kauf, dass ich irgendwann genauso wie Liam draufgehen werde?«

»VERZIEH DICH IN DEIN ZIMMER«, schrie Marten. »Und dann denke mal darüber nach, was ich dafür kann, dass deine Mutter sich sang- und klanglos verpisst hat. ICH KANN ES NICHT MEHR HÖREN!«

8

Um drei Uhr vierzig wurde das Blaulicht heller und mit ihm kam eine Stimme aus einem Megafon näher.

»Es wurde eine Ausgangssperre verhängt. Bleiben Sie in Ihren Häusern. Ich wiederhole: Bleiben Sie in den Gebäuden und folgen Sie den Anweisungen! Es sind Notstandsgesetze in Kraft getreten, die die Räumung der Gebäude erforderlich machen. Leisten Sie keine Gegenwehr! Wir sind zum unangekündigten Waffeneinsatz berechtigt.«

»Papa!«

Zoe kroch auf allen vieren aus ihrem Zimmer, aus Angst, durch das Fenster von den Scheinwerfern der Militärfahrzeuge erfasst zu werden.

»PAAAPAAA!«, kreischte sie panisch, als ein Lichtkegelpaar mit Blick auf ihr Haus stehen blieb. Ihr war nicht mehr danach zumute, Marten mit Vornamen anzusprechen. Sie brauchte gerade niemanden auf Augenhöhe.

»Zoe, wo bist du?«

»Am Ende des Flurs. Hilf mir!«

»Komm her.«

Er winkte sie zu sich in die Küche.

Als sie den Vater erreichte, drückte sie ihn mit der festen Absicht, ihn nicht wieder loszulassen.

»Was sind das für Leute?«

»Ich weiß es nicht.«

Marten küsste ihre Stirn und registrierte, wie hinter einem Streifenwagen zwei Flecktarn-Lkw hielten und Soldaten ausstiegen.

»Ich sehe mir das schon eine halbe Stunde an. Sie sind bei fast allen Nachbarn gewesen und haben sie aus den Häusern geholt. Übrig bleiben nur noch wir und nebenan die Kanzlei.«

Nachdenklich verfolgte er das Geschehen durch das Fenster.

Es war ein Fehler, aus dem Zentrum wegzuziehen, dachte Marten.

Als die Strahlung dafür sorgte, dass sich die Stadtbevölkerung immer weiter zurückzog, kam es zu einer Verlagerung des Lebens – weg von den Straßen und tiefer hinein in ihre Häuser. Überall, wo es ging, brach man in den Kellern die Wände zu den Nachbargebäuden durch. Diese Gänge ergaben zwar kein zusammenhängendes Netz, es entstanden jedoch viele kleine Verbindungen, um die Sozialkontakte in der näheren Umgebung aufrechtzuerhalten. So konnte sich Marten vom Kellergeschoss des Mietshauses aus, in dem er nach der Hochzeit mit seiner Ex-Frau wohnte, in beide Richtungen fünf, sechs Hausnummern weit bewegen.

Eine Situation mit Begleiterscheinungen, die er damals furchtbar fand. Ständig liefen ihm fremde Gesichter im Treppenhaus über den Weg oder es klopften ominöse Personen an die Tür, um etwas unter der Hand zu verkaufen. Der Schwarzmarkt befand sich praktisch vor der Wohnung. Ein Umstand, der ihn derart nervte, dass er auf Zoes Mutter so lange einredete, bis sie mit ihm einige Viertel weiter nördlich das Haus kaufte – ganz bewusst eines ohne Keller und damit auch eines ohne den Fluchtweg, den er gerade so dringend brauchte.

Was würde ich jetzt für unsere alte Mietwohnung geben, ärgerte sich Marten.

»Was machen sie mit ihnen«, flüsterte Zoe und spürte, wie das Zittern ihrer rechten Hand nicht mehr aufhörte.

»Ich vermute, sie verladen sie. Man sieht es von hier schlecht. Zumindest fahren die Zehntonner irgendwann los und es geht niemand zurück in die Häuser.«

»Denkst du, die …«, etwas in Zoe hinderte sie, das auszusprechen, was sie dachte.

9

Beginnend mit Edward Snowdens Enthüllungen im Jahr 2013, spätestens jedoch mit der Akte Bailong Chén 2027 setzte man in Regierungskreisen bezüglich der Informationsübermittlung zunehmend auf Methoden vergangener Tage. Man entschied sich bei als geheim eingestuften Inhalten kaum noch für die Datennetzwerke der Regierungen. Denn das technische Wettrüsten, bei dem regelmäßig mit neuen Verschlüsselungssystemen versucht wurde, diese Leitungen sicher zu halten, konnte nur kurzfristig Schutz bieten. Nur so lange, bis man auf der Gegenseite gleichzog.

Der Wettstreit ähnelte den Bemühungen der Dopingeindämmung im Profisport. Dort wollte man in der Vergangenheit ebenfalls durch immer kompliziertere Kontrollen des Missbrauchs Herr werden. Nur mit dem Unterschied, dass man sich bei der Spionageabwehr noch nicht geschlagen geben musste.

Anstelle des Informationsaustauschs mittels aufwendig abgesicherter Telefon- und Datenleitungen waren von daher meistens Informanten in den europäischen Hochgeschwindigkeitszügen unterwegs. Sie trugen einen Metallkoffer, an dessen Oberseite sie tief in die Öffnung hinein fassten, um den Griff zu umschließen und damit einen Sicherheitsmechanismus zu aktivieren. Sollte der Träger ihn loslassen oder einen Knopf in der Handöffnung betätigen, wäre der Inhalt innerhalb einer Sekunde pulverisiert und ein Kollege würde sich mit der gleichen Information erneut auf den Weg machen. Eine Praxis, welche durch die gefälschte Nachricht des schwedischen Ministerpräsidenten im Jahr 2023 und dem dadurch entstandenen Judgement Day für einige Zeit infrage stand, doch mangels Alternativen nie aufgegeben wurde. Stattdessen war von da an neben der Akkreditierung des Entsendestaates auch die jeder einzelnen Zielnation erforderlich. Dieses Verfahren bewährte sich. Denn so konnte man den Informationsfluss zwar stören und verlangsamen, aber nicht mehr manipulieren.

P51 erreichte vom Warszawa Centralna kommend den Speckgürtel von Berlin.

Namen hatten sich bei der Informantenklientel als hinderlich herausgestellt. Man war dazu übergegangen, die in diesem Bereich eingesetzten Personen schlichtweg durchzunummerieren und den Anfangsbuchstaben des Herkunftslandes davor zu setzen.

Unter den Füßen des Informanten P51 durchzog ein auf minus zweihundertneunundsechzig Grad Celsius heruntergekühlter Supraleiter sämtliche Waggons und sorgte dafür, dass es keinen Kontakt, sondern einen fingerbreiten Abstand zur Schiene gab.

Sobald P51 durch das Fenster blickte, sah er kaum mehr als die Nacht. Doch selbst wenn es hell gewesen wäre, hätte er nur ein verzerrtes Bild der Umwelt wahrgenommen. Die gesamte Strecke Berlin–Warschau befand sich in einer schusssicheren Plexiglasröhre, in der ein annäherndes Vakuum herrschte. Das reduzierte den Luftwiderstand auf ein Minimum. So konnte bereits kurz hinter der deutsch-polnischen Grenze der Antrieb des Zuges heruntergefahren werden. Der Schub der sechshundertachtzig Stundenkilometer, mit der das Magnetschwebesystem bis dahin unterwegs gewesen war, reichte, um die verbleibenden Kilometer zurückzulegen und den Berliner Hauptbahnhof zu erreichen.

P51 verfügte über die Zulassung für Polen, Deutschland und eine Handvoll anderer Staaten. Er war seit zwei Jahren im Geschäft. Zielsicher steuerte er auf den Bahnhofsausgang zu, nachdem er acht Minuten zuvor seinen Bahnsteig erreicht und die Luftschleuse passiert hatte. Es wartete bereits ein Regierungsfahrzeug auf dem Vorplatz, welches ihn ins Kanzleramt bringen sollte.

Man wechselte im Wagen kein Wort. Ein »Hatten Sie eine gute Reise?«, was mancher Fahrer anfangs versuchte, wurde in der Vergangenheit spätestens dann unterlassen, als die Floskel zum wiederholten Mal unbeantwortet blieb. Also wartete man gemeinsam das Ende der Fahrt ab und ging von Fahrerseite irgendwann davon aus, dass Sprachkenntnisse kein zwingender Bestandteil der Informantenausbildung seien.

Gegen neun Uhr morgens öffnete der Fahrer den schwarzen Mercedes und übergab seine Begleitung dem Sicherheitspersonal des Kanzleramtes. Der Scan des im Unterarm implantierten biometrischen ID-Chips und die Signatur des Koffers wiesen P51 aus und erübrigten weitere Kontrollen.

»Einstufung?«, fragte ein Soldat aus Roths Team.

»Kanzler. Persönlich!«, antwortete der Informant in akzentfreiem Deutsch.

»Der ist außer Haus.«

»Dann über den Tresor.«

»In Ordnung. Folgen Sie mir.«

Der Soldat ging mit P51 zwei Türen weiter. In der videoüberwachten Kammer stand nicht mehr als eine metallene Schleuse, an deren Unterseite eine Aussparung in Größe des Koffers dafür vorgesehen war, dass dieser darin abgesetzt wurde.

Es klickte, als der Boden einrastete. Eine grüne Diode, die das Deaktivieren des Sicherheitsmechanismus anzeigte, leuchtete auf und P51 gab in einem Tastenfeld die Dringlichkeit der Nachricht mit der höchsten Stufe ein.

Einen Moment später hatte er seine verschwitzte Hand wieder und der Koffer wurde in die Vertiefung gezogen.

Danach verlor P51 den Informantenstatus mit den dazugehörigen Rechten und reiste auf Staatskosten unter seinem bürgerlichen Namen zurück nach Warschau. Er hatte keine Vorstellung davon, welche Mitteilung er vom polnischen Präsidenten überbracht hatte.

Verehrte Amtskollegen,

es bleibt mir nichts anderes übrig, als Ihnen mitzuteilen, dass die Operation Theodizee in Polen als gescheitert angesehen werden muss. Trotz der geheimen Abstimmung im Parlament, welche zu unseren Gunsten verlief, ist der Rückhalt durch das Militär nicht gegeben. Sämtliche Bemühungen, das Abkommen mit dem erforderlichen Nachdruck ab Mitternacht durchzusetzen, sind zum Erliegen gekommen und hatten zu meinem Bestürzen eine klare Front aufseiten der Generalitäten gegen das Vorhaben offenbart.

Zählen Sie mich noch immer zu den Verfechtern unserer Sache. Aber wem ist geholfen, wenn wir sie hier ohne Aussicht auf Erfolg weiter vorantreiben und in letzter Konsequenz dafür in kürzester Zeit die politische Spitze ersetzt wird.

Seien Sie sicher, dass wir dem Brüsseler Protokoll entsprechen werden, und das nicht nur in meiner Legislaturperiode. Binnen Wochen sprengen wir sämtliche Brücken zu den Nachbarstaaten und verminen die Grenzen auf der gesamten Länge.

Hochachtungsvoll

Witold Król

10

Vor der Eingangstür stand ein Mann in Polizeiuniform im Nieselregen. Gelegentlich drangen Megafonansagen zu ihm durch und hallten weiter in die angrenzenden Straßen.

Ab und zu fielen entfernt Schüsse.

Der Beamte hatte gewartet, bis schräg hinter ihm ein Präzisionsschütze kniend in Anschlag gegangen war. Noch richtete dieser den Lauf der Waffe auf den Boden. Das sollte sich ändern, sobald die Tür geöffnet würde oder sich an einem der wenigen Fenster etwas regte. Ein zweiter Soldat derselben Einheit stand näher am Haus direkt neben dem Polizisten.

»Mindestens zwei Personen. Unten gibt es Bewegungen hinter einem Vorhang. Vermutlich der, den wir suchen. Oben ging das Licht an. Schmale kleine Silhouette. Ein Kind oder eine Frau.«

»Wir brauchen die Zielperson lebend«, antwortete der Polizist.

»Was ist mit der anderen?«

»Die auch«, sagte er und zog den Presseartikel aus den Dreißigerjahren mit dem Foto des Gesuchten aus der Brusttasche – eines aus dessen besten Zeiten. Eine Dekade her. In Boxerhose und mit einem überdimensionalen Gürtel um die Taille.

Ostdeutsche Meister.

»Das ist er?«, hatte der Polizist bei der Besprechung am Vorabend im Präsidium gefragt, als er eine Kopie des Zeitungsausschnitts erhalten hatte.

»Nein, das war er!«

Der Mann im Rang eines Polizeioberrats hasste es, wenn Mitarbeiter nicht mitdachten. Schließlich war das Datum unter dem Bild abgedruckt.

»Was heißt das?«

»Meine Fresse!«, schnauzte der Oberrat herum. »Das Foto ist halt einige Zeit her. Stellen Sie sich ihn zehn, zwölf Jahre älter vor. Kann ja nicht so schwer sein. Noch andere Kommentare? Vielleicht auch mal etwas Sinnvolles!?«

Keine, hatte der Polizist gedacht und beschloss, die übrigen Details mit den beiden Soldaten abzustimmen, die man ihm als Unterstützung zugeteilt hatte. Das erschien zielführender als ein Gespräch mit einem ranghohen Klugscheißer des Präsidiums, der meilenweit von der Praxis entfernt war.

11

Es klingelte.

Zoe schreckte auf.

»Geh nicht zur Tür«, flüsterte sie.

»Ich muss! Überall brennt Licht. Man sieht, dass bei uns jemand daheim ist.«

»Nein! Ich hab ein ganz mieses Gefühl.«

Ängstlich hielt sie sich an seinem Unterarm fest, ungeachtet dessen, dass der Vater ihre Furcht nicht verstand.

Marten drückte das Mädchen beiseite. »Vertrau mir.«

Sie wagte einen letzten Versuch in der Gewissheit, den Bogen bereits überspannt zu haben. »Mach nicht auf! BITTE!«

»ZOE, ES REICHT!« Sein verärgerter Blick sorgte dafür, dass sie den Mund hielt.

Er ging den Flur hinunter und öffnete.

Im gleichen Moment sah er einer Gewehrmündung entgegen. Rechts davon glich der Polizist im Licht der Taschenlampe ein Foto mit dem Erscheinungsbild des Mannes ab, dessen eine Körperhälfte noch die Tür verdeckte.

Zwei Blicke genügten und erübrigten den Scan seines ID-Chips unterhalb der Armbeuge.

»Mitkommen!«

»Was?«, fragte Marten verstört.

»AUFLADEN!«, ordnete der Polizist an.

Bevor Marten reagieren konnte, packte ihn der eine Soldat und zerrte ihn aus dem Haus, während der rote Laserpunkt des Präzisionsschützen ununterbrochen auf seiner Brust tanzte.

»DAS KÖNNEN SIE NICHT!«, schrie Marten und versuchte sich aus dem Griff zu befreien. »Was habe ich denn getan?«

Unter heftigstem Protest schleifte man ihn zur Straße.

»Was wird aus meiner Tochter?«

»Keine Sorge, die nehmen wir mit. Sie kommt in einen Distrikt.«

»Spinnen Sie?! SIE KOMMT NIRGENDWOHIN!«

Marten riss sich los und rannte zurück ins Haus.

»LAUF, KLEINE!«, schrie er.

»BLEIBEN SIE STEHEN!«, dröhnte es hinter ihm.

»LOS, ZOE! LAUF!«, brüllte er und hörte das Entsichern einer Waffe.

Erst als seine Tochter durch die Hintertür im Hof verschwand, stoppte er und hob die Arme.

Außer Atem konnte Marten geradezu fühlen, wie sich die Konsequenzen für seinen Widerstand näherten. Die Haare an den Unterarmen stellten sich auf. Es lief ihm kalt über den Rücken, als die Männer auf ihn zukamen. Doch er wagte nicht, nach hinten zu sehen.

12

Als es dämmerte, lag Marten bewusstlos auf der Ladefläche eines Militärfahrzeugs. Der Motor lief. Man wartete auf den Marschbefehl.

»Neunzig, hier achtzehn. Zielperson ist gefasst. Sind marschbereit. Kommen.«

Sekunden tat sich nichts auf dem Funkkanal, abgesehen von starkem Rauschen.

»Hier neunzig. Verlegen Sie zu Bravo zwo Uniform sechs eins Quebec. Kommen.«

Die Frau im Rang eines Oberleutnants suchte auf der Sprechtafel nach der Bedeutung des Codes.

Sie wurde fündig.

»Verstanden. Verlegen zum Zielort. Ende.«

Sie lehnte sich zurück und nahm einen Schluck aus der Wasserflasche.

»Distrikt A. Kennen Sie den Weg?«

Der Fahrer nickte und legte einen Gang ein.

Während er den Lkw beschleunigte, kamen ihm die letzten Militärfahrzeuge aus dem geräumten Bereich entgegen. Zwei Divisionen und alle verfügbaren Polizeikräfte der Region hatten in der Nacht zuerst ein breites Gebiet um die Distrikte evakuiert und anschließend die äußeren Zugänge dieser Zone mit Sperren unpassierbar gemacht. Lediglich die Nord-Süd-Achse war jetzt noch offen, bis sämtliche Konvois den Bereich verlassen hatten und man ihn endgültig schloss.

In den Vormittagsstunden wollte man dann den Damm öffnen, warten, bis die Zone überflutet wäre und so einen mindestens achthundert Meter breiten Graben um die Distrikte schaffen.

Seit dem letzten Hochwasser war klar, dass es keinen Ort geben würde, der sich besser verteidigen ließ. Davor hatte man auch über eine Nordseeinsel als Ort für die Kolonie nachgedacht. Aber der jährlich ansteigende Meeresspiegel und die zunehmenden Flutkatastrophen sprachen eindeutig für die künstliche Insel im Landesinneren, auf der vier Distrikte mit je achtzehntausend Wohneinheiten standen. Wie geschaffen für die Operation Theodizee.

13

»Wie kommen wir voran?«

Am Morgen stützte die Frau, die sich im Zenit ihrer beruflichen Laufbahn befand, die Arme auf die Tischplatte und sah sich einem Führungsstab von sechs Männern gegenüber. Fünf Augenpaare waren auf sie gerichtet – nur eines starrte an die gegenüberliegende Wand und hatte nicht vor, die Blickrichtung zu ändern. Wut und ein durchgebluteter Verband an der rechten Hand sorgte bei Friedemann dafür, dass er seinen Generälen das Reden überließ. Zu tief saß der Wunsch, es ihr mit gleicher Münze heimzuzahlen.

Es blieben noch zwei Minuten, bis der Kanzler kommen und einen Lagevortrag erwarten würde.

»Frau Staatssekretärin, die Zugänge sind um null achthundert geschlossen worden. Vereinzelt gab es Gegenwehr. Die Zahl der Opfer bei der Truppe liegt bei etwa drei Dutzend. Eine exakte Meldung kommt in einer Stunde«, antwortete der Generalinspekteur und schritt zur Karte. »Bei der Bevölkerung sind die Schäden erwartungsgemäß höher, aber bislang erträglich. Derzeit schätzungsweise neunhundert Tote mit Schwerpunkt hier«, er wies auf ein Gebiet nahe der Altstadt, »und im Norden, wo es zu den schwersten Gefechten kam. Wir rechnen mit dem Drei- bis Vierfachen an Verletzten. Die Zahlen müssten jedoch deutlich steigen, wenn die Flutung beginnt, da aufgrund der begrenzten Zeit nicht sämtliche Gebäude geräumt werden konnten. Vor allem die nicht, in denen sich bewaffnete Bürger verschanzt haben. Wir halten dann bis zu fünftausend Opfer und dreißigtausend Verletzte für realistisch.«

»Also läuft es nach Plan«, erwiderte die Staatssekretärin. »Was machen die Pioniere? Kann der Damm schnell genug geöffnet werden oder müssen wir sprengen?«

Ein hagerer General übernahm.

»Das kontrollierte Ablassen des Stausees sorgt frühestens in zwei Tagen für eine komplette …«

»Dann wird halt gesprengt!«, fiel ihm die Staatssekretärin ins Wort. »Wann kann es losgehen?«

»In neunzig Minuten.«

»Wie lange dauert es, bis die Stadt vollgelaufen ist?«

»Weniger als eine Stunde.«

»Gut. Dann werden Sie dem Kanzler genau das vorschlagen. Bis zum Mittag will er eine Insel sehen!«

Die Staatssekretärin hörte bereits die Schritte der Personenschützer des Kanzlers. Gleich sollten sie die Flügeltüren aufstoßen und dafür sorgen, dass sich jeder der Anwesenden ruckartig vom Sessel erheben und Haltung annehmen würde.

Es war Zeit, den Regierungschef über die aktuelle Lage zu unterrichten.

Zweihundert Meter entfernt schleppten zwei Sicherheitskräfte Marten in einen Verhörraum. Kurz zuvor hatte sich ihm ein Arzt mit einer guten und einer schlechten Nachricht genähert.

Die gute Nachricht war eine Spritze mit Botox, das er an verschiedenen Punkten tief ins Kiefergewebe injizierte. Binnen Stunden würde es die Übertragung der Nervenimpulse blockieren und den Schmerz für Wochen ausschalten. Solange bis die Fraktur verheilt wäre.

Die schlechte Nachricht enthielt ein Bewusstsein veränderndes Mittel, welches kurzzeitig dafür sorgte, dass er kaum einen Fuß vor den anderen bekam.

14

Marten erkannte einen der beiden Männer, die ihn am Vortag am Rande des Kongresszentrums angesprochen hatten.

Breitschultrig baute sich dieser auf und erwartete ihn grinsend. Diesmal nicht in Zivil, dafür in Uniform eines Leutnants mit Namensschild über der linken Brusttasche.

D. Roth.

»Ich hatte angekündigt, dass wir uns unter anderen Umständen wiedersehen werden«, sagte er und aktivierte ein Aufnahmegerät auf dem Tisch.

Neben ihm stand ein farbiger Mann in einem maßgeschneiderten Anzug. Er schwieg, musterte Marten jedoch, seit man diesen auf einen Stuhl in der Mitte des Raumes gesetzt und sich die Sicherheitskräfte wieder entfernt hatten.

»Was haben Sie mit meiner Tochter gemacht?«

Martens Wut war keineswegs verflogen und auch das Mittel, das man ihm gespritzt hatte, vermochte seinen Geist nicht ausreichend zu trüben.

»Verhalten Sie sich kooperativer als gestern und wir können später vielleicht darüber reden. Aber nur, wenn Sie mich bei Laune halten«, antwortete Roth und zog ein Papier hervor. »Wir haben für Ihre Person eine Sicherheitsüberprüfung veranlasst. Zu dieser gehört auch eine Verschwiegenheitserklärung. Unterschreiben Sie!«

Er legte einen Kugelschreiber dazu.

»Los!«

Marten zeigte keine Regung, stattdessen platzte es aus ihm heraus: »WO IST ZOE, VERDAMMT NOCH MAL!?«

Sein Zustand glich nur schwer dem eines Betrunkenen. Er war zwar ebenso benebelt, doch sobald er einen Gedanken hatte und ihn nur einen Augenblick zu lange im Kopf formte, zerfiel er plötzlich. Er ließ sich einfach nicht festhalten und Marten bekam ihn nur Sekunden später nicht mehr zusammen. Die einzige Möglichkeit, dies zu verhindern, war, dass er das, was er dachte, sofort über die Lippen brachte.

»Darüber reden wir erst, wenn Sie unterschrieben haben!«

Marten machte keine Anstalten, der Aufforderung zu folgen. Taumelig hielt er sich auf dem Stuhl und versuchte, das Thema Kommunikationspsychologie aus seinen Studientagen abzurufen, von dem er meinte, dass es dort auch um Verhörtechniken gegangen wäre. Vergeblich. In seinem Kopf herrschte ein völliges Durcheinander.

»Niemals, du arroganter Affe!«

»Falsche Antwort!« Der Leutnant packte ihn am Hemd und zog ihn nach oben. »Ich könnte Ihnen jeden Fingernagel einzeln rausreißen und es gäbe hier niemanden, der damit ein Problem hätte.«

»Lecken Sie mich!«

»Wirklich?«

Schlagartig ließ Roth Marten los, der zurück auf den Stuhl sackte. Mit blitzschnellen Handgriffen hatte er dafür dessen Mittelfinger gepackt und presste ihm die Spitze des Kugelschreibers ins Nagelbett.

»Das wollen wir doch mal sehen!«

Als der Leutnant wütend auf den Knopf am Ende des Stiftes drückte, bohrte sich die Mine tief unter den Nagel. Marten schrie auf.

Er versuchte, sich loszureißen. Aber Roth hielt ihn und erhöhte den Druck, bis Blut aus dem Finger floss.

»ES REICHT!«

Der Farbige, der bislang nur zugesehen hatte, ergriff die Initiative. Mit nur zwei Worten sorgte er zwar dafür, dass der Leutnant von Marten abließ, doch dessen Überzeugung vermochte er nicht zu begrenzen.

»Was glauben Sie, wie schnell der den Stift in die Hand nimmt, nachdem ich ein kurzes Vier-Augen-Gespräch mit ihm hatte«, antwortete Roth. »Ohne Mikro, ohne Zeugen. Nur er und ich.«

»Die Unterschrift ist überflüssig!« Der Ton des Farbigen blieb unverändert hart. »Er behält alles für sich, solange wir seine Tochter haben. Sehe ich das richtig?«

Marten nickte mit schmerzverzerrtem Gesicht. Langsam spürte er, wie die Wirkung des Mittels nachließ.

»Und danach?«, intervenierte Roth. »Was ist, wenn er später mal redselig wird? Dann wird man uns nach genau diesem Papier hier fragen. Und ich habe keine Lust, meinen Kopf dafür hinzuhalten.«

Selbstgefällig wedelte er mit der Verschwiegenheitserklärung.

»Leutnant, ich denke, dass Sie auf dem Flur etwas Wichtiges zu tun haben.«

»Das sehen Sie falsch«, antwortete er.

»Ehrlich?« Der Blick des Farbigen fror ein. »Sie verkennen hier gerade Ihre Befugnisse?! Ich wusste nicht, dass Sie im Rang eines Ministers stehen und wir uns auf Augenhöhe unterhalten. Gehen Sie den Dingen nach, die ein Leutnant auf der anderen Seite der Tür zu tun hat!«

»Hören Sie doch!«

»Wie deutlich denn noch? Verschwinden Sie!«

Eine Geste des Gesundheitsministers Richtung Tür ließ Roth verstummen.

Widerwillig schlug er die Hacken zusammen, verkniff sich das, was er auf der Zunge hatte, und ging.

»Wir haben erfahren, dass es eine Studie gibt, mit der Sie beim Luft- und Raumfahrtkongress für Unruhe gesorgt haben«, begann der Minister.

Ruhig schritt er im Raum auf und ab. »Wir müssen mehr darüber wissen. Also nicht hinsichtlich der Raumfahrtsache. Das ist uns verhältnismäßig egal. Sondern welche Auswirkungen eine jahrzehntelange Gefangenschaft auf die Überlebensfähigkeit von Individuen hat.«

»Lesen Sie die Studien von mir. Das hatte ich Ihren Leuten im Kongresszentrum auch schon gesagt.«

»Würde uns das reichen, säßen Sie nicht hier. Lassen Sie uns die Dinge beim Namen nennen: Wie verhält es sich, wenn achtzigtausend Menschen über vier Generationen in Gefangenschaft leben?«

Marten überraschte die konkrete Frage.

Wer schließt achtzigtausend ein ganzes Jahrhundert ein?

»Es ist unerheblich, wie viele Sie einsperren. Das Ergebnis ist das gleiche, egal ob tausend oder eine Million. Nach zwei Generationen geht es steil bergab. Nach vier Generationen können Sie einpacken.«

»Woher wissen Sie das? Sie haben doch keine Ahnung, in welchem gesundheitlichem Zustand unsere Personen sind. Was ist, wenn wir nur die mit den besten Voraussetzungen auswählen?«

»Die Gesundheit der Probanden zu Beginn der Inhaftierung ist fast unerheblich. Vertrauen Sie mir! Vor der Tätigkeit als Gutachter war ich elf Jahre als Psychologe verschiedener JVA und Einrichtungen für psychisch Erkrankte unterwegs. Die dort untergebrachten Härtefälle hatten keine Chance auf eine Entlassung, da ihre Sicherheitsverwahrung beziehungsweise Haftstrafe höher als die Lebenserwartung war. Mit den Akten dieser Menschen habe ich mich lange befasst und den Gesundheitszustand zum Zeitpunkt der Inhaftierung mit dem kurz vor dem Ende verglichen. Das Ergebnis war erschreckend. Trotz zum Teil bester Anfangsvoraussetzungen verschlechterte sich der körperliche und seelische Zustand dramatisch. Und ich versichere Ihnen, dass meine Beobachtungen weit über das hinausgehen, was man mit altersbedingter Morbidität begründen könnte. Übertragen Sie das auf mehrere Generationen und Ihre Population ist im Eimer.«

»Wie kommen Sie zu der Behauptung? Sie konnten doch noch nie eine Personengruppe untersuchen, die seit mehr als einer Generation in Gefangenschaft lebte?«

»Mithilfe zoologischer Daten«, antwortete Marten und war sicher, mit dem Satz seine Glaubwürdigkeit verspielt zu haben. Das passierte regelmäßig, wenn er sich auf Diskussionen mit Kritikern einließ und auf Studien verwies, die nicht auf menschlichen Probanden beruhten.

»Zoodaten also.«

Der Gesundheitsminister ließ den Psychologen keinen Moment aus den Augen.

»Na los, sagen Sie es schon! Sie halten das für Quatsch, oder?« Marten verlor die Lust, jemanden überzeugen zu wollen, der von diesen Dingen nur einen verschwindend geringen Teil verstand.

Ihr werdet erst wieder Informationen von mir bekommen, wenn ich Zoe gesehen hab!

»Wissen Sie was? Mir ist es egal, ob Sie meine Methode nachvollziehen können. Schließlich hab ich die Studie nicht für die Regierung gemacht. Es ist nur verwunderlich, dass sich seit der Veröffentlichung derart viele dafür interessieren. Dann muss an dem, was da drinsteht, ja einiges dran sein.«

Der Farbige brauchte keine weiteren Informationen.

»Sie bleiben sitzen. Es wird ein wenig dauern, aber es kommt jemand und wird ähnliche Fragen stellen. Kooperieren Sie! Mehr kann ich Ihnen nicht raten.«

Er machte sich auf, den Raum zu veranlassen.

»Wo ist Zoe?«, fragte Marten.

»Sie kennen jetzt die Spielregeln. Geben Sie uns erst etwas und dann sehen wir weiter.«

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9783957658753
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