Kitabı oku: «Das Zwillingsparadoxon»
AndroSF 155
Überarbeitete Neuausgabe des im Januar 2015 bei neobooks erschienenen E-Books gleichen Titels.
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© dieser Ausgabe: April 2022
p.machinery Michael Haitel
Titelbild: Kriachko Oleksii, Flügel des Papilio Ulysses (Shutterstock)
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda
Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
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für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu
ISBN der Printversion: 978 3 95765 279 9
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 821 0
Erster Teil
Es ist nie die verlorene Zeit, die uns schmerzt. Es ist immer nur das, was sie ermöglicht hätte.
1
Lichtgraue Bartstoppeln waren aus der Haut getreten. Sie wirkten fehl am Platz. Ein Organ des dazugehörigen Körpers nach dem anderen versagte den Dienst. Nur die Stoppeln trotzten dem Rückgang an Leben.
Niemand hatte sich in der Pflegeeinrichtung die Mühe gemacht, den Sterbenden in den vergangenen Tagen zu rasieren.
Dem Alten kam etwas Undeutliches über die Lippen.
»Was sagt er?«
»Er will trinken«, antwortete die Schwester.
Doktor Geiger schüttelte den Kopf.
»Das ist nicht Ihr Ernst?«
Er deutete auf eine Patientenverfügung neben dem Laptop, die tatsächlich einen entsprechenden Passus enthielt, und wandte sich wieder dem Bildschirm zu. Auf selbigem schlugen einige Vitalparameter aus – Indikatoren für den Zeitpunkt, an dem es mit dem Probanden zu Ende gehen würde. Auffällig war ein Wert im unteren Bereich, der ein Gewicht um die achtundvierzig Kilogramm bis auf die vierte Stelle nach dem Komma zeigte.
Die Kurve des Blutdrucks bewegte sich nach oben.
»Wasser.« Der Alte wimmerte.
Diesmal vernahm auch Doktor Geiger die Bitte.
»Er bekommt etwas zu trinken!« Die Schwester hatte sich empört einen Becher genommen und war im Begriff an das Bett heranzustürmen.
Steiner versperrte ihr den Zutritt.
»Sind Sie bescheuert?«, fauchte sie.
»Was glauben Sie, wozu es Patientenverfügungen gibt?«, fragte Doktor Geiger.
»Der Mann ist doch geistig vollkommen klar. Die Verfügung hat noch gar keinen Sinn.« Der Ton der Schwester schlug ins Schrille um. »Ich lasse jetzt einen Arzt aus dem Klinikum kommen!«
»Rufen Sie Doktor Michalzky«, rief Doktor Geiger ihr hinterher.
»Das ist mir völlig egal. Ich hole den, den ich am schnellsten in die Einrichtung bekomme.«
Wütend rauschte sie aus dem Raum. Lange würde sie nicht brauchen, da sich das Klinikum auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand.
»Endlich ist dieses Weib weg. Machen Sie kurzen Prozess!«, wies Doktor Geiger seinen Komplizen an.
Steiner drückte auf eine Taste der Morphinpumpe. Mit leisem Zischen entwich der Wirkstoff und verschwand über einen Schlauch in der Ader des Alten. Binnen Sekunden entkrampfte sich dessen Gesichtsausdruck. Die Gewichtsanzeige auf dem Bildschirm beeinflusste dies nicht. Dafür hatten die Männer gesorgt. Das Bett, an dessen Pfosten die Pumpe angebracht war, ruhte auf vier Präzisionswaagen, von denen Kabel zum Laptop führten – eine Methode, um sein Körpergewicht ständig kontrollieren zu können. Wenn er sich regte, gab es kurzzeitig eine Ungenauigkeit von einigen Gramm, die sich binnen Sekunden wieder einpegelte.
»Noch mal.«
Erneut ging die Taste nieder, die eine zweite Dosis der Droge verschickte. Sie sorgte dafür, dass sich der Proband kaum mehr bewegte. Der Herzschlag nahm ab.
»Und noch eine. Noch eine …«
Bevor ein fünftes Mal ausgelöst werden konnte, hörten die beiden Stimmen von der Straße. Die Werte des Alten verblassten zusehends. Steiner hetzte zur Tür und stemmte sich dagegen.
»Sie sind sich absolut sicher?«
Doktor Geigers Gesichtsausdruck zeigte keinen Zweifel.
»Dann los!«
Es wurde an der Tür gerüttelt.
Steiner hielt sie, so gut es ging, von innen zu.
»Machen Sie hin, Doktor! Viel Zeit bleibt uns nicht.«
Ein Finger fiel auf die Taste an der Pumpe. Dem Patienten war das Ergebnis nicht mehr anzusehen. Die Droge beherrschte ihn bereits. Nur seine Herzfrequenz sank weiter. In kurzen Abständen zischte es. Die Maschine war in der Lage, alle vier bis fünf Sekunden die Dosis zu erhöhen.
Das Hämmern wurde bedrohlicher. Auf der anderen Seite der Tür warf sich jemand mit der Schulter dagegen und brüllte.
»Sie klemmt«, rief Steiner nach draußen. »Ich versuche sie zu öffnen, aber es geht nicht.«
Wieder und wieder erhöhte sich der Morphinanteil im Blut des Sterbenden. Als dieser seine Lunge lähmte, war der Körper bereits so davon durchdrungen, dass er es wehrlos hinnahm, nicht weiter mit Sauerstoff versorgt zu werden.
Um 22:07 Uhr hörte das Herz des Alten auf, zu schlagen.
Im Brustkorb Doktor Geigers fühlte es sich zu diesem Zeitpunkt an, als würden sämtliche Organe auf die Hälfte ihrer Größe zusammengepresst. Im Schockzustand versuchte kalter Schweiß, aus der Haut zu treten. Doch dieser erstarrte in den Poren. Denn mit einem Mal stand die Flüssigkeit in den Adern still. Jede Faser in ihm flehte, dass etwas dem Körper einen Schlag versetzte und das Blut wieder vorantrieb. Stattdessen fiel das Gehör in sich zusammen. Alles wurde dumpf, kaum wahrnehmbar.
Ruhe.
Auch die anderen Sinne waren entschlafen. Doktor Geiger stöhnte nicht mehr – wirkte beinahe friedlich.
Weit entfernt vernahm er ein Grollen. Kurz und warm.
Da. Erneut.
Dieses Mal deutlicher. Näher. So kräftig, dass es ihn zu erreichen, ja förmlich aus seiner Brust zu kommen schien.
Halb ohnmächtig nahm er den ersten Herzschlag entgegen, der sein Leben von Neuem anstieß. Er klammerte sich keuchend an den Tisch, brauchte lange, um wieder klare Gedanken zu fassen.
Endlich!
»Geben Sie mir den Laptop mit den Daten«, rief Steiner.
Die Daten. Doktor Geiger wischte sich den Schweiß von der Stirn. Er löste die Kabel vom Computer und drückte ihn Steiner in die Hand. »Gehen Sie.«
»Sie wollen es wirklich tun?«
»Es wird Zeit, dass jemand mit dem Tod spricht und für uns neue Konditionen aushandelt«, keuchte er, bemüht um ein Grinsen.
Steiner lächelte, als er die Tür einen Spalt weit öffnete, seine ein Meter neunzig hindurchdrängte und sie hinter sich zuzog. Bei seiner Statur sollte es ihm möglich sein, das herbeigeeilte Klinikpersonal einige Minuten lang aufzuhalten.
Doktor Geiger ging zu drei anderen Personen, die abseits des Toten an der Fensterfront in Pflegebetten lagen. Alle über achtzig, die eine fast hundert.
Sie war die Erste.
»Als ihr geboren wurdet, hielt man euch kopfüber an den Beinen und schlug euch auf den Hintern. Damit ihr atmet, sagte man, damit ihr lebt.«
Die Patientin war zu stark sediert, um die Worte aufzunehmen. Im Rausch genoss sie die Stimme des Arztes, während er ihr ein Mittel in die Vene spritzte. Sein abschätziger Unterton verlor sich in ihren Ohren. Zu sehr litt sie daran, dass sich seit Monaten in der Pflegeeinrichtung niemand über das Allernotwendigste hinaus mit ihr befasste. Sekunden später atmete sie nicht mehr.
Doktor Geiger riss es von den Beinen.
Dieses Mal war die Reaktion stärker. Unfähig seinen Körper zu kontrollieren, platzten ihm Adern in den Augäpfeln. Blut rann aus dem Mund. Nur knapp einem erneuten kardiologischen Schock entgangen, ließ er die physischen Ausfallerscheinungen nicht die Oberhand gewinnen und griff nach der zweiten Spritze in der Tasche, zog sich am Bett hoch und schleppte sich zu einem anderen Patienten.
»Ihr Narren, als ob es für das Leben nur das Atmen bräuchte. Verzweifelt quälte sich die Lunge, um sich am Tag eurer Entbindung mit mehr als nur mit Sauerstoff zu füllen. Denn Luft allein reicht nicht, um ein so junges Leben von der ersten zur nächsten Minute zu retten – brüllend, weil Lungen brennen, wenn sie versuchen, etwas von dem in sich hineinzuziehen, das den Ort einer Geburt umgibt, und von dem ihr noch nicht mal wisst, dass es existiert.«
Er stach die zweite Spritze in den Arm des ausgemergelten Alten. Die Folgen bekam der Arzt nicht mit. Zu heftig riss es ihn für einen Augenblick aus dem Bewusstsein.
Eher tot als lebendig nahm Doktor Geiger die letzten Momente wahr. Der ausstrahlende Schmerz in der linken Brusthälfte verließ ihn nicht mehr. Die Beine und eine Körperhälfte versagten. Nur der Wahn funkelte nach wie vor aus seinen Augen. Mit den Zähnen zog er die Kappe von der Spritze, um den übrig gebliebenen Patienten in den Tod zu reißen. Er vermochte sich nur noch mit dem Oberkörper vom Boden aufzustemmen, langte mit dem Arm auf das Bett, um die Kanüle in den Bauch des Opfers zu rammen.
»Ihr habt keine Vorstellung davon, was ich der Nachwelt mitgebe!«
Als die Tür aufgestoßen wurde, fand man Doktor Geiger beinahe tot auf. Sein Kopf war auf dem Boden aufgeschlagen und lag in einer Blutlache.
Steiner würde später bei der Befragung den Zweck des Versuches zu Protokoll geben. Seine Antwort sollte sich von seinem tatsächlichen Kenntnisstand weit entfernen. Den Ermittlern musste es so vorkommen, als sei es völlig unerheblich, welche Heimbewohner an diesem Tag durch die Hand des Arztes starben.
Dieser Eindruck war unbestreitbar richtig.
2
Die Temperatur im Kühlbereich lag einige Grad über null. Der Angestellte hatte den zuvor gelieferten Leichnam entkleidet und auf die Metallbahre von Fach acht gehievt. Mit einem Tuch bedeckte er notdürftig dessen Schritt. Auseinandergefaltet hätte der Stoff auch für den gesamten Körper gereicht, aber die Mühe machte er sich nicht.
Meist ließen sich vom Gesichtsausdruck eines Toten Rückschlüsse auf die Umstände ziehen, unter denen dieser ums Leben gekommen war – in diesem Fall nicht. Doktor Geigers Miene war keineswegs schmerzverzerrt, nicht einmal angsterfüllt. Wüsste man nicht, dass der Tod ausnahmslos etwas Furchtbares sei, müsste man glauben, er habe sich seiner in einem glücklichen Augenblick angenommen.
Mit immenser Kraftanstrengung schob der Angestellte die fünfundachtzig Kilo in Position und legte die Arme eng an das Becken, damit sie in das Fach passten. Bei der acht und der drei waren die Führungsschienen ausgeleiert und hatten so viel Spiel, dass die Bahre nicht mehr in der Waagerechten war. Dort mussten die Verstorbenen somit etwas aufwärts bis in die Arretierung gewuchtet werden. Hielt man dabei nur einen Zentimeter zu früh an, rollte die Bahre wieder heraus und das Ganze begann von vorn. Bis siebzig Kilo mochte es gehen – alles darüber war eine elende Plackerei.
Beim dritten Versuch rastete die Halterung ein. Geschafft warf der Mitarbeiter der Pathologie die Tür des Fachs zu. Der Schwung reichte nicht aus. Einen kleinen Spalt blieb sie offen. Er bemerkte es nicht. Nur noch kurz den Geruch der Verstorbenen von sich abwaschen, der nur Einbildung war, weil nicht mehr als das allgegenwärtige Formalin in die Nase steigen konnte. Danach den Computer herunterfahren und umziehen. Dann wäre er im Wochenende.
Ein dünn geschnittener Teil Tageslicht fiel auf Doktor Oswald Geiger. Sein Körper fing an, die Temperatur des Kühlraumes anzunehmen, langsam, vorerst äußerlich, doch bis zum folgenden Morgen hätte er der Kälte wenig entgegenzusetzen.
Zu Lebzeiten hatte er mehr als ein Mal daran gedacht, notariell zu verfügen, dass ihm nach Feststellung des Todes ein Arzt eine Spritze setzen muss. Ein Giftcocktail, der ihn spätestens dann endgültig aus dem Leben nähme – eine letzte Versicherung.
Es gab nie einen konkreten Anlass, aber die Furcht irgendwann in einem Sarg unter der Erde aufzuwachen, wurde alle paar Jahre durch zweifelhafte Geschichten belebt.
3
Es war an einem Dienstag, einem frühen Nachmittag, als Henning bewusst wurde, dass jemand fehlte. Die vergangenen Tage über hatte er Zeit gehabt, die Tatsache anzunehmen. Doch er war meist zu betrunken oder auf eine andere Weise abgelenkt. Also entschied sich sein Innerstes, damit bis zu diesem Zeitpunkt zu warten, als er allmählich ausnüchterte.
Henning war nicht der Typ, den man in einem Café fand. Aber er war verkatert, ausgehungert und brauchte endlich einen anständigen Kaffee – nicht so einen maschinengefilterten.
Café Central. Der Name ließ Großes vermuten, einen Ort, der das Leben einer Stadt zu bündeln in der Lage war. Mehr noch, da die Zeiten Generationen zurücklagen, in denen man Central mit »C« schrieb.
Man könnte Henning als herablassend beschreiben, aber so abseits – zwar innerhalb der Altstadt, aber doch eine entscheidende Nebenstraße vom Strom der Touristen und damit von allem entfernt – fehlte ihm für den Namen des Ortes jegliches Verständnis, der zu allem Übel keine Geschichte vorzuweisen, sondern erst im vergangenen Jahr eröffnet hatte.
Dennoch befand er sich an ebendiesem, getrieben von dem, was ihm passierte, aber noch nicht in ihm angekommen war. Um dies zu ändern, bedurfte es lediglich eines Kaffees. Richtigerweise bedurfte es nur eines bestimmten Augenblicks, in dem er rein zufällig Kaffee trank.
»Eine kenianische oder brasilianische Mischung? Neu ist der Arabica«, fragte ihn eine Frau Anfang zwanzig nach knapper Begrüßung.
»Wenn ich von Ihnen wissen wollte, ob sie lieber französischen oder südafrikanischen Wein bevorzugen, wäre die Frage nicht ebenso unsinnig?«, maulte Henning. »Als ob es in bestimmten Ländern nur Gutes und anderswo ausschließlich Schlechtes gäbe. Wie viele brasilianische Kaffees gibt es. Hunderte? Und schmecken die nicht alle unterschiedlich?«, brabbelte er in seinen Bart, der zwischen Kinn und Oberlippe exakt in schmaler Linie geschnitten war. Er lenkte vom Doppelkinn ab, das sich nicht mehr leugnen ließ.
Sie brachte ihm die Tagesempfehlung in einer Miniaturausgabe eines Kaffeebereiters. Ein Glasgefäß mit einem Stempel, den sie langsam nach unten drückte. Henning bekam es nicht mit. Er starrte aus der leicht bronzefarben getönten Scheibe auf das gegenüberliegende Geschäft. Minutenlang.
Ist noch alles in Ordnung bei Ihnen?«
Henning schreckte auf. Da war sie wieder, die oberflächliche Bedienung.
»Sicher«, winkte er die Nachfrage ab – sie galt nicht seinem Wohl, sie sollte nur sicherstellen, dass er nicht länger als nötig einen der guten Fenstertische blockierte, ohne etwas zu sich zu nehmen.
Er schenkte sich ein.
Heiß war der Kaffee und dunkel. Es fiel ihm auf, wie gut die kleine Kanne die Temperatur behielt. Als hätte man eben erst aufgegossen.
Vorsichtig hob er die Tasse, berührte sie mit der Unterlippe. Er atmete nicht durch die Nase – der Duft interessierte nicht. Auch kein Tropfen sollte vorerst seinen Mund treffen, dafür neigte er das Geschirr zu wenig. Die Lunge zog lediglich in tiefen Zügen den aufsteigenden Dampf in den Rachen und versuchte ihn zu schmecken. Etwas bitter, empfand er, doch wahrscheinlich war das nur Einbildung.
In diesem Moment erreichte Henning schlagartig das, was die meisten seiner Verwandten seit Tagen Schwarz tragen ließ. Es hatte in seinem speziellen Fall einen fahlen Beigeschmack und nichts mit Trauer zu tun, aber von einer Sekunde auf die nächste wurde deutlich, dass es etwas zu ersetzen galt, auf dem seine gesamte Vergangenheit aufbaute.
Henning Geiger hatte keinen Respekt vor seinem Vater. Schließlich distanzierte er sich zu Lebzeiten so weit von ihm, wie es nur möglich war. Dennoch fehlte er.
Als ihm das klar wurde, lösten sich seine Finger vom Henkel der Tasse. Unfreiwillig.
Das Porzellan traf hart auf die Tischplatte. Seltsam, dass es nicht zersprang.
Henning ließ kein Geld auf dem Tisch liegen, von dem verschütteter Kaffee lief. Er hetzte nach draußen, rannte. Für Außenstehende, die nur einen kleinen Teil seiner Vergangenheit kannten, mochte es so aussehen, als wollte er einem Stück Zeit nacheilen, in welchem sein Vater noch lebte.
Doch darum ging es nicht.
Es war etwas mehr als eine Woche her, dass ihm der Arzt in der Notaufnahme sagte, dass der Vater es nicht geschafft hatte. Diese Nachricht verlangte ihm keine Träne ab. Sie war die logische Konsequenz des Zustandes, in dem man ihn aufgefunden hatte.
Ebenso logisch wie unveränderbar folgten die Vorbereitungen für die Beerdigung. Alles in sich schlüssig, alles Dinge, die zu tun waren und wenig Raum für die Bestürzung ließen, die von Anfang an beabsichtigte, ihn heimzusuchen. Doch es kam erst jetzt, wo das Wichtigste in die Wege geleitet schien, einige Stunden, nachdem er am Vormittag einen letzten Anruf an seine Mutter richtete.
Ob sie noch Hilfe brauchte, hatte er gefragt.
Sie schüttelte den Kopf. An seinem Ende der Leitung wurde das Schütteln zu einem Schweigen.
»Wir sehen uns dann nachher. Zieh den dunkelgrauen Anzug an.«
Henning nickte. Auch daraus machte das Telefon nichts als Stille.
Nach kurzem Zetern sprang der Motor des Volvos an. Er ließ sich manchmal etwas bitten, versah seinen Dienst aber recht ordentlich. Beim letzten Mal, als er Henning die Treue brach, lagen die Temperaturen zwanzig Grad unter null, im Winter vor drei Jahren. Kein Vergehen, das der Maschine aus den Neunzigern anzulasten wäre – es lag seinerzeit an der Batterie.
Der Auspuff dröhnte, als er den Hinterhofparkplatz des Cafés verließ und auf die schmale Durchfahrt zusteuerte. Bevor er sie passieren konnte, rauschte ihm ein Wagen von der Straße entgegen und der Fahrer stieg hupend vor ihm in die Eisen.
Früher ließ man Leute erst hinaus, ehe man irgendwo hinein wollte. Das müsste grundsätzlich auch für Hinterhöfe gelten, dachte Henning.
Wieder ein Hupen. Diesmal nerviger. Er legte den Rückwärtsgang ein und den rechten Arm auf die Beifahrerkopfstütze, um sich nach hinten zu drehen. Seit er acht oder zehn Kilo zugenommen hatte, raubte ihm Schnürsenkel zubinden und durch die Heckscheibe schauen etwas die Luft.
Von der Hofseite rauschte ein Mercedes heran. Er ignorierte Hennings Bemühungen, zurückzusetzen und hielt hinter dessen Stoßstange. Der Fahrer kannte wohl auch den Knigge-Grundsatz: Erst raus, dann rein.
»Großartig!« Henning blendete ein paar Mal auf. Keine Reaktion beim Wagen in der Durchfahrt.
Wie bescheuert muss man denn sein? Gleich gehe ich rüber!
Wieder die Hupe. Sein Blutdruck erhöhte sich erheblich. Bremse, Gang raus, Handbremse. Er warf die Tür auf und ging wütend zur Einfahrt. Er klopfte gegen die Scheibe der Fahrertür. Eine ältere aufgetakelte Frau dachte nicht einmal daran, sie herunterzulassen.
Das gibt’s doch nicht.
Er hämmerte energischer auf das Glas ein.
Nichts.
»Kriegen Sie nicht mal das Fenster runtergekurbelt?«
Nach einer Pause, um Henning noch etwas mehr zur Weißglut zu bringen, drückte sie den Fensterheber.
»Und Sie sind sich zu fein, rückwärts zu fahren?«, ging sie ihn in einer Heftigkeit an, dass er auf die Schnelle keine passende Antwort fand.
Hat die ‘nen Knall?, durchfuhr es Henning.
Aber die Frau war noch nicht fertig.
»Wollen Sie allen Ernstes von mir verlangen, dass ich rückwärts auf die Straße zurücksetze? Was, wenn mir dann einer hinten drauf kachelt? Es kotzt mich an, dass in dieser Stadt scheinbar nur Idioten wohnen!«, wetterte sie. An ihrem Hals pulsierten Adern, was sie noch unansehnlicher machte.
Sie fuhr die Scheibe wieder nach oben.
Und wie soll ich nach hinten?, dachte Henning. Da steht jemand, inzwischen sind dort sogar zwei weitere Wagen. Wir machen doch jetzt nicht alle Platz, damit die gnädige Frau auf den Hof kommt? Warum fährt sie mich eigentlich so an? Warum heute?
Er spürte, dass es ihm nicht mehr gelang, die Fäuste ruhig zu halten. Das Herz schlug wütend bis zum Hals. Er hatte die nötige Betriebstemperatur, um auszurasten, wie so oft, wenn man ihn aufstachelte. Entweder rutschte ihm dann die Hand aus oder er drosch etwas kurz und klein.
Jedoch nicht in diesem Fall. Henning stampfte zurück zu seinem Wagen. Er beugte sich über den Fahrersitz und zog den Schlüssel ab. Dann steckte er ihn in die Tasche seines Parkas, ebenso wie die geballten Fäuste, um sie im Zaum zu halten und mit ihnen keinen Unsinn zu machen, während er sich am Auto der Frau vorbei auf die Straße zwängte.
Zurück blieb ein herrenloser Volvo mit offener Tür.
4
Hey, Martin.«
Der Angesprochene hob seinen Kopf über den Monitor, um unter der Fülle an Hintergrundgeräuschen die Stimme auszumachen, die etwas von ihm wollte. Das Großraumbüro, dessen Decke alle paar Meter gusseiserne Pfeiler stützten, hätte aus rein akustischen Beweggründen als Übergangslösung gar nicht erst in Betracht gezogen werden dürfen. Da halfen auch die stoffbezogenen Stellwände zwischen den Schreibtischen nichts.
Dennoch war die Wahl auf den fünften Stock eines leer stehenden Fabrikgebäudes gefallen. Das halbe Jahr würde es gehen, bis die Sanierung des Hauptsitzes der Zeitung erledigt wäre, hatte man sich in der Geschäftsführung gedacht. Wohl wissend, dass das Geräuschproblem nur das Fußvolk betraf. Für die gehobenen Positionen hatte man in der sechsten Etage separate Büros eingerichtet.
Martins Augen suchten den Raum nach demjenigen ab, der gerufen hatte.
»Jakob?«
»Hier. Hier hinten.« Am gegenüberliegenden Ende streckte sein leitender Redakteur die Hand nach oben, um sich im Trubel bemerkbar zu machen. Er hatte bereits den Durchgang zum Treppenhaus genommen und hielt die Tür offen, im Begriff zu einem Termin zu verschwinden.
»Bist du heute noch frei?«, rief Jakob.
Martins Kopfbewegung gab Antwort. Er hatte zwar eine Frau und ein Neugeborenes zu Hause, die seine Nachmittage beanspruchten, doch sein Ehrgeiz setzte sich regelmäßig darüber hinweg, was sein Nicken bezeugte. Wer es bei einer Zeitung zu etwas bringen wollte, musste Single sein oder Opfer bringen.
»Komm zu mir, wenn ich zurück bin. Ich hab was. Gegen vier?«
Auf Martins Uhr war es viertel vor drei. Auf den übrigen Uhren im Büro auch. Zeit genug, um den Bericht über eine Evakuierung im Rahmen der Bombenentschärfung am Bahnhof fertigzustellen. Wenig spektakulär, Weltkriegsbomben gehen so gut wie nie bei Entschärfungen hoch – nicht einmal in Oranienburg, der Einflugschneise vieler britischer Bomber, die in Berlin ihre Ziele vor siebzig Jahren gesucht hatten. Wie aufregend wirkte da eine solche Meldung in dieser Stadt.
Die Evakuierung betraf vier Mietshäuser und eine Straßenbahnhaltestelle. Dennoch musste die Sache ungeachtet der Trivialität vom Tisch, bevor er den nächsten Auftrag annahm. Die beiden Wirtschaftsbeiträge müsste er abends hinbekommen, falls seine Tochter rechtzeitig in den Schlaf finden würde, nicht ganz einfach in einem hellhörigen Altbau mit Holzbalkendecken und furchtbaren Nachbarn. Den Text für Donnerstag dann morgen in aller Frühe, den Kleinkram und die E-Mails danach, die Außentermine im Anschluss. Das sollte klappen – es musste, da das Einkommen eines freien Mitarbeiters von der Zahl der veröffentlichten Zeilen abhing.
Hast du schon einen Blick in die heutige Ausgabe geworfen?«, fragte Jakob.
»Hast du mal einen Blick auf meinen Schreibtisch geworfen?», hielt Martin lächelnd dagegen.
Als Neuling bei der Zeitung hatte ihn das überhebliche Gehabe des Vorgesetzten etwas verunsichert – als ob Jakob der Einzige wäre, der arbeitete, während der Rest nur Däumchen drehte oder sich zu blöd anstellte. Inzwischen wusste er jedoch, wie er ihn zu nehmen hatte – gelassen und mit einer Portion Humor.
»Wenn ich das Papier auf dem Tisch abgearbeitet habe und ich wieder sehe, welche Farbe sein Holz hat, dann nehme ich mir Zeit dafür.«
»Sagt dir Oswald Geiger etwas?«
Martin verneinte und versuchte mit den Zähnen einen angerissenen Fingernagel so zu bearbeiten, dass er damit nicht überall hängen blieb.
»Doktor Oswald Geiger?«
Der Titel half auch nicht weiter. Er hatte eine Kante des Nagels zu fassen bekommen und zog ihn langsam ab.
Mist! Der Riss ging ins Nagelbett. Jetzt werde ich es wieder tagelang bei jedem Buchstaben merken, den ich mit diesem Finger tippe. Super, Martin!, stellte er fest und sah, wie es leicht zu bluten anfing.
»Ich konnte mit Geiger ebenfalls nichts anfangen. Er muss letzte Woche verstorben sein.« Der leitende Redakteur war noch immer bei seinem Thema.
»Jetzt mal ganz pragmatisch«, sagte Martin etwas enttäuscht, da er auf einen spannenden Auftrag gehofft hatte. »Was interessiert uns ein Typ, den keiner kennt und von dem nicht mal jemand mitbekommt, dass er seit Tagen tot ist? Das lohnt doch den Aufwand nicht.«
»Zigarette?«
Irrtum, es war wichtig!
Jakob bot in seinem Büro grundsätzlich nur etwas zu rauchen an, sobald sich Gespräche in eine falsche Richtung entwickelten und er Zeit brauchte, sie neu auszurichten.
Martin nahm eine. F6 Menthol, es gibt Schlechteres. Er hatte nur gelegentlich mit Zigaretten zu tun. In der Regel, wenn er betrunken war.
»Ich bin gespannt. Wie lange arbeite ich schon bei euch? Vier Jahre? In den vier Jahren komme ich vielleicht auf eine halbe Schachtel, die ich in deinem Büro geraucht habe. Und ich kann mich an keine erinnern, die es grundlos mal eben so gab.«
Jakob grinste.
Martin nicht.
Es brachte nichts, sich mit seinem Vorgesetzten zu verbrüdern. Wenn kurze Zeit später wieder in der Redaktion etwas schief lief, wäre Jakob ohnehin alles egal und er motzte den voll, der ihm als Erstes über den Weg lief. Freund hin oder her. Dementsprechend sinnvoll war es, konsequent ein wenig Abstand zu wahren und sich damit die gute Laune dauerhaft zu erhalten.
Martin zog eine Augenbraue nach oben. »Erzähl schon!«
»Geiger hatte zu Lebzeiten einen Deal mit der Geschäftsführung. Er hatte eine ganze Menge springen lassen, fünfstellig, munkelt man, und dafür seitenweise Anzeigefläche gekauft.«
»Klingt gut.«
»Die Anzeigen werden erst nach seinem Tod geschaltet.«
»Okay.« Martin wurde hellhörig.
»Der Inhalt jeder Anzeige kommt am Vortag von einer Stiftung auf dem Postweg. Größe steht fest, Seite steht fest.«
»Wie?«
»Es sind Briefe – eigentlich nicht mehr als Kurzmitteilungen. Von Geiger, handgeschrieben.«
»Hast du einen da?«
Jakob kramte in einem Schreibtischfach und gab Martin einen Zettel, augenscheinlich aus einem Abreißblock.
Es war kein Unfall – dafür haben mich zu viele in den Tod begleitet.
Dr. Oswald Geiger
»Das ist der Erste?« Martin überflog ihn. Setzte kurz ab, las ihn noch einmal und schwieg.
»Sie werden eingescannt und als Bild abgedruckt. Halbseitig, Seite eins, unten.«
»Halbseitig?«
»So ist es – erstmals eine großflächige Werbung auf der Titelseite, die gleichzeitig ein Aufmacher ist. Das hatte die Anzeigenabteilung auch noch nicht.«
»Und wie erklären wir, was wir da unters Volk geben?«
»Keine Ahnung«, antwortete Jakob. »Am liebsten würde ich die Dinger hinten bei den Nachlässen drucken und allenfalls zwei Spalten fünfzig dafür aufwenden. Der Geiger kann ja nicht mehr klagen, wenn er statt des Aufmachers nur eine Doppelspalte mit fünfzig Millimetern abbekommt.«
»Na, dann mach doch«, meinte Martin.
»In dem Fall erstreitet eine Stiftung für ihn die Sache. Alles im Vorfeld geregelt.«
»Dann war dieser Zettel heute Morgen unsere Topschlagzeile?«
Jakobs Stirn zog sich Falten. Er starrte aus dem Fenster.
Keinem der beiden Männer war zu diesem Zeitpunkt klar, dass es in der Stadt bereits ein Dutzend Menschen gab, die fieberhaft an etwas arbeiteten, das größer werden würde, als Doktor Geigers optimistischste Prognose vorausgesagt hätte. Es sollte mit der Zeit zu tun haben, soviel war sicher, und wohl auch mit dem Tod.
Zweiter Teil
Man hat dir nie gesagt, wie die Zeit aussieht. Du hast sie auch niemals erblickt, nur das, was sie mit allem und jedem macht.
5
Allmählich legte sich Hennings Aufregung. Der Tag war denkbar ungeeignet, um sich über eine überhebliche Alte aufzuregen, die eine Einfahrt blockierte.
Ein Thema bekommt nur so viel Raum, wie man ihm gibt. Seine frühere Therapeutin hatte zu diesem Satz geraten, wenn ihn etwas zu überfordern drohte. Man müsse das nur oft genug zu sich sagen, damit es wirkt, und natürlich daran glauben. Ihm war nach einer Schimpftirade zumute, was für Geldschneider Psychologen seien, und wie fernab aller Realität ihre Ratschläge lagen. Doch was brachte es, sich in einer Ladenstraße über einen Personenkreis aufzuregen, der nicht anwesend war.
Das Smartphone gab einen Ton von sich, eine E-Mail. Es dauerte, bis sich das mitgesandte Foto aufbaute. Jemand hielt den Stadtanzeiger in der Hand. Henning vergrößerte den Ausschnitt. Die Handschrift seines Vaters. Leserlicher als sonst, mit weniger Schnörkeln, aber der kurze Satz war von ihm. Kein Zweifel. Wer benutze schon braune Tinte und gierte nach jedem kleinen »t«, um dessen Querstrich über das gesamte Wort zu ziehen.
Dr. Oswald Geiger, mit der Unterschrift wurde auch Außenstehenden der Urheber bekannt.
»Nicht einmal krepieren kann er, ohne den Leuten seinen Doktor unter die Nase zu reiben.«
Das Telefon klingelte. Es war der Absender der E-Mail. Henning ignorierte ihn.
Noch ein knapper Kilometer bis zum Südfriedhof und noch mehr als eine Stunde Zeit.
Die Bänke der Kapelle hatten nicht ausgereicht, um die aufzunehmen, die sich verabschieden wollten. Martin stand seit einer halben Stunde an die Wand gelehnt und wartete darauf, dass etwas passierte, über das es zu schreiben lohnte.
Er sah den Kollegen eines anderen Blattes einige Reihen vor sich und ließ ein stummes Hallo über die Lippen kommen, um dessen Gruß nicht unerwidert zu lassen. In Großstädten verhielt man sich nicht so, aber hier, in einer Stadt, die trotz der neunzigtausend Einwohner das Provinzielle nicht ablegen konnte, wusch eine Hand die andere. Kaum erbitterte Konkurrenz zwischen den beiden lokalen Tageszeitungen.
»Seine Gebete gehen an seine Frau und vor allem an seine Söhne«, sagte der Mann neben dem Sarg, dessen doppelter Windsorknoten wie aus dem Bilderbuch schien.
Was für ein aufgesetzter Mist. Henning empfand keine Wut. Die Inszenierung war schlichtweg lächerlich.
Oswald Geiger hatte seine Grabrede vorformuliert. Nicht einmal jetzt konnte er Dinge anderen überlassen. Als hätte er Angst gehabt, dass jemand an diesem Tag aus dem Nähkästchen plauderte. Nicht ganz unbegründet, da ihm die nächsten Angehörigen ziemlich egal gewesen waren, und sein älterer Sohn nicht grundlos zwei Jahre lang jeden Mittwoch beim Therapeuten gesessen hatte.
»Seine Gebete gehen an seine Frau«, äffte Henning den Redner nach. Gebete!
Mit der Kirche stand der Vater zeitlebens auf Kriegsfuß. Warum wohl hielt kein Pfarrer die Rede, sondern der Inhaber des Bestattungsunternehmens? Letzterer hatte bereits die halbe Familie unter die Erde gebracht.
Wenn man sich in dieser Gegend Brandenburgs für einen Bestatter entschied, dann baute man eine seltsame Beziehung zu ihm auf, die erst endete, wenn er aus dem Amt ging oder in der Familie niemand mehr übrig war. Man grüßte sich in der Stadt, unterhielt sich intensiver, wenn eine Beerdigung anstand, achtete aber grundsätzlich darauf, den Kontakt so gering wie möglich zu halten, damit das Verhältnis zwischen zwei Todesfällen ausreichend abkühlen konnte, und man getrost auch nach dreißig Jahren noch beim Sie bleiben konnte.
Eine halbe Stunde später war es an der Zeit, den Verstorbenen an seinen letzten Ort zu bringen. Die Gäste erhoben sich. Martin tat es ihnen gleich, allerdings ohne mit den Gedanken bei der Sache zu sein. Er grübelte.
Die Arbeit in der Redaktion war für ihn seit der Geburt seiner Tochter stressig geworden. Er hatte es sich einfacher vorgestellt, Frau, Säugling und Beruf unter einen Hut zu bekommen. Früh zur Arbeit gehen und erst nach zwanzig Uhr heimzukommen ging jetzt nicht mehr, ohne den Haussegen zu gefährden. Er brauchte ein anderes Zeitmanagement.
Vielleicht sollte ich mir an den Nachmittagen zwei, drei Stunden für die Familie frei halten und ab halb sieben regelmäßig eine Spätschicht einlegen?!
Der Gedanke tat gut, denn er zeigte, dass Martin noch Alternativen hatte – und Alternativen waren zwingende Voraussetzung für seinen Optimismus.
Langsam ließ er sich an das Ende des Trauerzugs zurückfallen und bog schließlich Richtung Parkplatz ab.
6
Am Morgen kam ein Funkwecker seinem Hauptzweck nach. Er klingelte. Im Laufe der letzten Monate hatte sich genügend Wut über den furchtbaren Klingelton angestaut, dass Hennings Hand den Wecker ausschlug, bevor er Gelegenheit bekam, ein zweites Mal zu plärren.
Er schlurfte ins Bad. Starrte dort erst verschlafen ins Leere, stützte dann die Arme auf den Rand des Waschbeckens und betrachtete sich im Spiegel.
Gott, seh’ ich fertig aus.
Er hatte furchtbar geschlafen. Sonst war das der Fall, wenn er jemand zum Vögeln gefunden hatte und auswärts nächtigte.
Henning ging davon aus, beziehungsunfähig zu sein, weil Frauen ihn in der Regel schon bei der zweiten Verabredung langweilten oder er recht schnell eine andere fand, die im direkten Vergleich mit der Aktuellen besser abschnitt. Eine von ihnen mehrmals zu treffen, strahlte obendrein die Bedrohung aus, sich ihr verpflichtet zu fühlen und mehr Zeit zu investieren, als ihm eine Frau wert war. Also vermied er es und suchte sich regelmäßig etwas Neues.
Er hatte Falten bekommen. Keine tiefen, aber erstaunlich viele. Man sah sie besonders, wenn er die Augen zusammenkniff.
Während Henning sich betrachtete, wurde er den Verdacht nicht los, allmählich einen verlebten Eindruck zu machen.
Er verließ das Bad, machte einen Abstecher in die Küche und steuerte auf das Sofa im Wohnzimmer zu, wo er in Ruhe einen oder zwei Kaffee trinken konnte, um auf Betriebstemperatur zu kommen.
Für gewöhnlich war das der Zeitpunkt, an dem Schröder ihren Schlaf für beendet erklärte, und nach längerer Streck- und Dehnungsprozedur neben ihm auftauchte. Morgens zeigte sie sich noch recht loyal und ließ sich ausgiebig kraulen, ohne die Gefahr, dass sie nach der Hand beißen oder die Krallen darin versenken wollte – wie sie es alle paar Tage tat.
Schröder machte ihr eigenes Ding und schien grundsätzlich nicht viel von ihrem Besitzer zu halten. Ein Zustand, mit dem Henning sich meistens arrangierte. Bis ihm gelegentlich mal der Kragen platzte. In der Regel hatte die Katze dann irgendwo herumgelegen, vermeintlich schlafend, und während er an ihr vorbei ging, fauchte sie und verpasste ihm urplötzlich einen tiefen Schmiss am Bein. Sekunden später konnten ihn die Nachbarn im ersten Stock des Hauses auf der gegenüberliegenden Straßenseite die Katze jagen sehen, welche offensichtlich Opfer eines Vergehens gegen das Tierschutzgesetz werden sollte. Doch den Beteiligten wurde schnell klar, dass diese Versuche aussichtslos waren, da Henning nicht die Fitness und Reaktion besaß, sie zwischen die Finger zu bekommen.
Das alles lag einige Zeit zurück. Henning war seit Tagen allein in der Wohnung. Es war anders seitdem. In der ersten Zeit, nachdem er Schröder weggegeben hatte, ertappte er sich dabei, wie er immer wieder kurz davor war, nach ihr zu rufen. Die neue Situation brauchte noch eine Weile, bis er sich ihrer ständig bewusst war.
Er umklammerte einen Becher Kaffee, stand barfuß auf den Flurdielen und sah in die einzelnen Zimmer. Still war es geworden. Nicht, dass die Katze dauernd Geräusche von sich gegeben hatte, aber durch sie war er nicht gezwungen, einzig auf seine eigene Gesellschaft angewiesen zu sein. Immer mal wieder, wenn sie an ihm vorbeigeschlichen war, hatte er die eine oder andere Bemerkung gemacht oder ihr über den Rücken gestreichelt. Nicht viel, aber dennoch kurze Kontakte, die die Zeit teilten, die er in der Wohnung verbrachte.
Henning schlürfte vom Kaffee.
»Viel zu stark«, murrte er in sich hinein und ärgerte sich eigentlich nur darüber, jetzt so nah bei sich zu sein.
Eine halbe Stunde später stand er kurz davor, sich auf den Weg zum Haus seiner Eltern zu machen. Hennings Hand griff nach einem Schlüsselbund, dem Portemonnaie und vergaß das Handy auf dem Flurschrank. Nach wenigen Schritten waren die Utensilien in seinen Hosentaschen verstaut und die Wohnungstür erzeugte das gewohnte Geräusch, wenn sie ins Schloss fiel. Es ließ sich Angenehmeres vorstellen, als gleich eine völlig verheulte Familie anzutreffen. Ändern konnte er sowieso nichts an deren Zustand – nur sie jetzt allein zu lassen, war auch kein gangbarer Weg. Also zog er den Helm über und trat die KTM an.
Im 18. April 1901 beobachtete Duncan MacDougall einen an Tuberkulose erkrankten Mann. Drei Stunden und vierzig Minuten ließ er ihn nicht aus den Augen. Bis er starb. Er hatte ihn auf eine Pritsche legen lassen, die an einer Waage von der Decke hing. Jede Stunde verlor der Proband achtundzwanzig Gramm, was man auf Verdunstung zurückführte.
In den Sekunden, als er entschlief, fehlten drei Viertel einer Unze. Einundzwanzig Gramm, die MacDougall auf nichts anderes als die Seele des Verstorbenen zurückführen konnte.
Dritter Teil
Wie gern würde ich behaupten, dass ich mit der Zeit freundschaftlich verbunden wäre, doch nur zu gut weiß ich, dass dies hieße, dass ich dem Tod den Weg ebne.
7
Entschuldigung.« Julia lugte vorsichtig hinter dem Türrahmen hervor. Sie war Anfang zwanzig und noch nicht lange bei der Zeitung.
»Was ist?« Jakob, seit Jahren leitender Redakteur des Blattes, blickte nicht einmal vom Bildschirm auf.
»Da möchte Sie ein Mann am Telefon sprechen.«
»Wer?« Jakob sparte sich die Frage, warum sie den Anrufer nicht gleich durchgestellt hatte. Julia vertrat seine dauerkranke Assistentin seit vergangenem Freitag und bislang machte sie mehr Arbeit, als sie ihm abnahm.
»Ich weiß nicht, wer es ist.«
»Sagen Sie mir, was er will.«
»Er möchte nur mit Ihnen sprechen.«
Oh Mann.
Rein von der Wahrscheinlichkeit her, musste sie doch auch mal etwas richtig machen, aber sie bewies ihm den gesamten Tag über das Gegenteil.
»Geben Sie ihn mir.« Er lehnte sich zurück und nahm das Gespräch entgegen.
»Ja?«
Jakob hörte zu.
»Das ist doch nicht …«
Der Anrufer fiel ihm ins Wort, etwas, das allenfalls der Chefredakteur wagte – und selbst der tat dies selten. Davon abgesehen war Letzterer seit einer Bandscheiben-OP im Frühjahr außer Gefecht. Ein Glück für Jakob, der dadurch neben dem Einzelbüro auch noch zu einer Assistentin kam, die ihm nicht zustand.
Der leitende Redakteur wirkte irritiert, aber er nahm die Informationen des Fremden auf.
»Sind Sie sicher?«
Er hörte noch ein knappes »Natürlich.« Dann war er allein in der Leitung.
»Julia!« Jakob saß perplex im Sessel. »Stand die Nummer des Anrufers auf dem Display oder haben Sie eine Idee, wer das gewesen ist?«
»Tut mir leid.«
»Mir tut auch eine ganze Menge leid.« Am liebsten hätte er ihr an den Kopf geworfen, dass es ihm leidtut, ihrer Einstellung bei der Zeitung jemals zugestimmt zu haben – aber es gab gerade wichtigere Dinge, um die es sich zu kümmern galt.
»Machen Sie mir einen Latte und bringen Sie ihn in den Besprechungsraum.«
Dann rauschte er aus dem Büro.
»So langsam kotzt ihr mich alle an!« Jakob tobte durch die Redaktion. Die Mitarbeiter vermuteten, dass er aus einem Meeting gekommen sein musste, in dem es für ihn nicht gut gelaufen war. Welches, konnten sie nicht erahnen. Im Gegensatz zu den anderen Vorgesetzten schaltete Jakob den Kalender seines PC grundsätzlich für niemanden frei, der in der Hierarchie unter ihm stand.
»Besprechung in zwei Minuten!«
Barbara kramte in der Tasche nach ihrem Diktiergerät. »Der Pressesprecher von Vattenfall wartet auf mich. Ich bin eh zu spät dran. Gebt ihr mir eine Zusammenfassung dessen, was ihr beredet, wenn ich wieder da bin?«
»Denkt ihr alle, ihr könnt mich verarschen?« Jakob wurde laut.
Die Mitarbeiterin kramte weiter.
»Barbara!«
Sie drehte sich um.
»Du hast es nicht ganz verstanden. In zwei Minuten sehe ich jeden von euch.«
»Aber ich warte seit Wochen auf diesen Termin. Wenn ich ihn verpasse, brauch ich mich in der nächsten Zeit nicht mehr dort blicken lassen.«
»Ich würde das nicht tun!« Sein Ton wurde ruhiger.
»Komm schon, Jakob. Das wäre doch wirklich Quatsch.«
»Kurze Info an die unter Ihnen, die derzeit freie Mitarbeiter sind und auf eine Festanstellung bei uns warten«, rief er prollig in die Redaktion. »Eine Mitarbeiterin wägt heute ernsthaft ab, ob sie ihre Stelle freimacht. Wer Interesse hat und nachrücken will, kann sich gern in meinem Büro einfinden.«
Als er fertig war, stand er mit seinem Gesicht keine zwanzig Zentimeter vor Barbaras. »Du schwingst jetzt deinen kleinen Hintern in den Besprechungsraum.«
Zu diesem Zeitpunkt waren in der Redaktion sämtliche Augen auf Jakob gerichtet, auch die von den Mitarbeitern, die zu anderen Teams gehörten.
Den Grundgedanken habt ihr noch nicht verinnerlicht, oder? Um es noch mal zu verdeutlichen: Ihr seid nicht nur Redakteure.« Mit zu viel Adrenalin im Blut ging er an der Fensterfront auf und ab. Es erinnerte an eine der Großkatzen im Zoo, deren Gehege zu knapp bemessen war. »Ihr seid Netzwerker. Wenn euer Netzwerk nicht funktioniert, dann sind eure Schreibtalente überflüssig. Ist das endlich mal in den Köpfen angekommen?«
Es gab Mitarbeiter im Team, die deutlich länger im Geschäft waren als Jakob und über mehr Erfahrung verfügten, doch zu diesem Zeitpunkt konzentrierten sich alle auf das, was er zu sagen hatte.
»Also! Als ich von der Geigersache Wind bekam, hatte Martin Order, bei der Beerdigung aufzukreuzen. Da gab es nichts zu berichten. Gut, das passiert.« Das Blut in Jakobs Adern pochte. »Und dann gab es Vernehmungen der Polizei, noch am gleichen Abend.«
»An dem Tag war Redaktionsstammtisch«, wagte sich jemand aus der Deckung. Eines der älteren Semester.
»Aber das hindert ja wohl niemanden daran, Augen und Ohren offen zu halten. Sonst kann ich den Scheiß hier auch alleine machen!«, brüllte der leitende Redakteur.
Am Besprechungstisch verkniffen sich die fünf, die es betraf, eine Antwort. Wer ihn aufgebracht kannte, vermied in solchen Situationen direkten Augenkontakt – gerade jetzt, wo Jakob seit Monaten den Chefredakteur vertrat und an der Höhenluft Gefallen fand.
»Wollt ihr, dass die Informationen bei der Konkurrenz aufschlagen und der Pressespiegel eine Geschichte zum Thema schreibt? Wir sind die, die Geigers Nachrichten exklusiv veröffentlichen. Wann kapiert ihr das endlich?! Wie habt ihr euch das denn vorgestellt? Die Leser sehen am Kiosk in unserem Blatt eine neue Notiz vom Doktor und kaufen sich dann den Pressespiegel, um zu erfahren, was sie bedeutet oder welche Hintergrundgeschichten es dazu gibt?«
Wutschnaubend steckte sich Jakob eine Zigarette an.
»Und gerade eben bekomme ich einen Anruf von einem Wichtigtuer, der behauptet, Geiger hätte irgendwelche Versuche mit seinen Patienten gemacht? Warum kriegt ihr das nicht raus? Jetzt mal ohne Quatsch. Ist niemandem zu Ohren gekommen, dass in der Nacht nicht nur einer zu Tode kam? Es gab vier weitere Opfer und ausreichend Gerüchte, um dem Doktor das eine oder andere zu unterstellen. Allein damit hätte ich Seite eins gefüllt. Aber ihr schafft das ja nicht! Der Doktor hatte obendrein Hilfe. Sein Komplize wurde aufgegriffen und war eine Zeit lang im Polizeipräsidium. Ein gewisser Steiner. Kennt den jemand? … Nein? … War ja klar.«
Jakob sah nach und nach jedem Mitarbeiter in die Augen.
»Ich erwarte, dass die Sache höchste Priorität bekommt. Wenn es bei den Geigers Neues gibt, will ich das erfahren. Wenn die Ermittlungen vorangehen, dann will ich das verdammt noch mal auch wissen. Verabschiedet euch von dem Gedanken, dass ihr hier täglich eure acht, neun Stunden abreißt und danach wieder verschwindet. Ich erinnere nur daran, wie wackelig die Bilanz der Zeitung letztes Jahr aussah. Ich kann versprechen, sobald wir eine Nummer wie diese in den Sand setzen, wird im nächsten Stellenplan der Platz für einen von euch fehlen. So … und die Schlussredaktion, liebe Freunde …«
Jakob fuchtelte wütend mit dem Zeigefinger herum.
»Die Schlussredaktion wird heute und bis zum Ende der Woche sehr zeitig in den Feierabend gehen, weil ihr die Spätschicht übernehmt. Wer zu christlichen Zeiten keine Ergebnisse bringt, bekommt bei mir dazu abends Gelegenheit.«
8
Ich hätte etwas trinken sollen, dachte Henning, als er den von einem früheren Sturz zerkratzten Helm an den Spiegel des Motorrads hängte. Es parkte an der Hauswand. Hinter ihm die erkerähnliche Ausbuchtung mit den Küchenfenstern. Vor ihm nicht mehr als sechs Schritte bis zur Tür – vermutlich.
Eins, auf Höhe des Vorderrades.
Zwei, drei neben der schmalen Rabatte, in der die Pflanzen der Mutter nie etwas wurden, weil im Sommer die Mittagssonne die jungen Triebe verbrannte.
Vier, es würde eng werden. Er müsste Riesenschritte machen, um beim sechsten auf der Schwelle zu stehen – aber das könnte er nicht gelten lassen. Jedes Spiel hatte Regeln. Auch dieses.
Fünf. Einer seiner Schritte maß knapp einen Meter. Bis zur Tür waren es noch mindestens zwei davon und damit mehr als sechs.
Verschätzt.
Henning nahm das Ergebnis zur Kenntnis. Sonderbar, womit sich Gehirne befassten, wenn sie die Möglichkeit bekamen, unangenehme Situationen etwas hinauszuzögern.
Als er den Flur der Eltern hinunter ins Wohnzimmer ging, kam ihm Steve entgegen.
»Gut, dass du gekommen bist.«
Was soll das Gesülze?, dachte Henning und regte sich über die kriechende Art des kleinen Bruders auf. Klein war dieser mit einsachtundsechzig tatsächlich. In der Regel glich er das durch Schuhe mit höheren Sohlen aus, damit er die einssiebzig überschritt – für Männer geringerer Große ein Meilenstein.
»Was machen die Geschäfte?«
»Ach, das ist doch jetzt unwichtig«, antwortete Steve.
Genau. Henning sparte sich weitere Bemerkungen. Die drohende Privatinsolvenz des Bruders war bekannt, lediglich Steve glaubte, dass das Thema noch als Verschlusssache galt. Aber eigentlich hatte er nichts gegen ihn. Mit seinem schlecht laufenden Internethandel und dem licht gewordenen Haar war der Zweitgeborene gut für sein Ego, in mehrfacher Hinsicht.
»Inge«, begrüßte Henning seine Mutter.
»Und …« Sie lockerte die Umarmung. »Wie geht’s dir?«
Was ist denn heute mit den Leuten los? Henning mochte die Frage nicht. Er fand sie generell unpassend, weil sie fast immer an den falschen Orten gestellt wurde. Meist da, wo kein Raum für eine ehrliche Antwort war. Und heute? Heute war sie geradezu idiotisch. Aber auch das schluckte er herunter.
Den Rest begrüßte er mit Handschlag.
Man rief zu Kaffee und Kuchen. Ohne sich zu sehr aus dem Fenster zu lehnen, hätte jeder der Anwesenden sofort sagen können, was es geben würde. Von der Oma einen Blechkuchen mit Kirschen in der Kirschzeit, mit Äpfeln zur Apfelzeit … man brauchte keine weiteren Beispiele, da das System der Großmutter leicht zu durchschauen war.
»Wie viel Zeit bleibt noch bis zur Testamentseröffnung?«, fragte Steve und angelte sich das erste Stück.
»Kannst es wohl nicht abwarten. Wirst schon genug abbekommen.«
»Jungs!« Die Großmutter versuchte, einen Streit im Keim zu ersticken.
»Steck doch die Knete in dein florierendes Unternehmen.«
»Henning, es reicht!«
Inges Worte sorgten dafür, dass er vom Bruder abließ und mit der Gabel die erste Portion sezierte. Er hatte keinen Appetit und vor allem keine Lust auf das Harmoniebestreben, das der Rest der Familie hatte.
»Ich kann Heucheln nun mal nicht ausstehen«, murmelte er vor sich hin.
»Was willst du eigentlich?« Wütend sprang Steve auf.
Henning hielt es ebenso wenig auf dem Stuhl. »Sag doch einfach, dass dir das Erbe gelegen kommt, und quatsch keine Opern.«
»Anscheinend geht es dir am Arsch vorbei, dass Vater tot ist«, brüllte Steve zurück.
»Ja, der feine Vater. Möchtest du das mit der Ehrlichkeit mal probieren?« Henning ging um den Tisch. »Sprich mir nach! Es ist mir völlig egal, ob seine Durchlaucht lebt oder nicht, da er sich nicht für uns interessiert hat. Nicht im Ansatz! Und der Vollständigkeit halber sag auch noch das hier: Ich habe für meinen Pflichtteil zwar wenig getan, aber ich nehme ihn dankend an, als Entschädigung, weil der gute Mann zeit seines Lebens nur mit sich beschäftigt war. Und der gute Mann war gar nicht gut, um bei der Wahrheit zu bleiben, eigentlich war er ein Arsch!«
»Du überheblicher …«
Im selben Augenblick knallte Inges Handfläche auf Hennings Schläfe. Sie hatte die Wange treffen wollen.
Das war’s! Nach der Aktion brauche ich mir den Mist hier nicht länger zu geben.
Er tobte in die Küche, riss den Kühlschrank auf und zog ein Pils heraus.
»Wisst ihr was?«, brüllte er durch den Flur. »Ihr könnt den ganzen Scheiß behalten. Nehmt meinen Teil und dann heult doch alle noch ordentlich rum, weil der Idiot nicht mehr da ist.«
Henning verzog sich vor das Haus. Er trank das Bier in einem Zug, warf seine Maschine an und die Flasche krachend gegen die Garage.
Schwachköpfe!
Halb fünf.
Der Raum des Amtsgerichts erschien schmucklos. Einem Bau, der seit der vorletzten Jahrhundertwende von außen etwas Herrschaftliches ausstrahlte, hatte man von innen mit jedem Jahrzehnt mehr von ebendiesem genommen. Erst den Stuck und die Dielung. Später die hohen Decken. Wenigstens die Türen hatte man im Original belassen, jedoch so oft überstrichen, dass sie heruntergekommen wirkten. Der einzige Blickfang enthielt zehn Zeilen und hing in einem schwarzen Rahmen zwischen zwei Fenstern:
Der Tod ist nicht das Ende.
Er löst einzig die Bande, die dich mit der Zeit verbunden hat … die dich mit ihr vorantreiben ließ.
Du fällst nicht ins Bodenlose. Keine Angst. Du bleibst nur stehen und verhakst dich in einer Minute, die du nicht mehr verlassen wirst.
Anfangs fürchtest du, immer schneller abzutreiben. Aber das kommt dir nur so vor. Denn mit dem Tod bist du lediglich losgelöst von der Gegenwart, zur Ruhe gekommen und nur die übrige Welt strebt weiter.
Ingeborg saß neben Steve. Sie wartete und vermied es, den Text ein zweites Mal zu lesen.
Der Gerichtsmitarbeiter, der sich ihnen vor zehn Minuten mit Nowak vorgestellt und die Formalitäten geklärt hatte, kam nun in Begleitung aus einem Nebenzimmer.
»Bevor wir zur Verlesung kommen, stelle ich Ihnen Herrn Steiner vor. Er wird der Testamentseröffnung beiwohnen.«
Es war den beiden Hinterbliebenen egal, ob der hochgewachsene, kräftige Mann im braunen Anzug zuhörte. Ihretwegen hätte das halbe Amt zuhören können, solange alle, was die Erbsumme angelangte, den Mund hielten und nicht aus der Nachbarschaft stammten.
Nowak räusperte sich und begann.
Letzter Wille und Testament
Ich, Dr. Oswald Geiger, geboren am 25.10.1950, setze für das vor meiner Ehe entstandene Vermögen die Aevum-Stiftung und für den in der Ehe entstandenen Besitz meinen Sohn, Henning Geiger, als Erben ein. Meine Ehefrau, Ingeborg Geiger, enterbe ich hiermit.
Steve Geiger soll nach dem Versterben seines Bruders der Schlusserbe sein. Sollte er nach meinem Ableben den Pflichtteil verlangen, so soll er auch zum Zeitpunkt des Todes von Henning lediglich den Pflichtteil erhalten. In diesem Fall übertrage ich den Rest des Besitzes an die Aevum-Stiftung.
Im Rahmen meines Letzten Willens wird das Gericht gebeten, die Anwesenden der Testamentsverlesung über die Hintergründe der genannten Stiftung in Kenntnis zu setzen.
9
Als Oswald Geiger zu Lebzeiten darüber nachdachte, nach seinem Tod ganz sicher zu gehen und sich vorsichtshalber vor der Beerdigung eine Giftspritze setzen zu lassen, graute ihm vor dem Gedanken, plötzlich in einem Sarg unter der Erde aufzuwachen. Er hätte sich gleichwohl davor ekeln können, von Würmern zerfressen zu werden, aber womöglich ahnte er, dass sich diese lediglich einen Meter über ihm aufhielten, nicht tiefer als drei Handbreit unter der Grasnarbe, die an seiner Parzelle mit dem überdimensionierten Grabstein endete. Die Sache mit den Würmern wäre ihm vermutlich ohnehin egal gewesen, da seine Furcht nicht dem Tod galt, sondern einem Unglück, bei dem alle von selbigem bei seiner Person ausgingen, ihm im Sarg aber gerade ebendieser fehlte.
Doch dieses Unglück widerfuhr ihm nicht, denn Doktor Geiger befand sich zweifelsohne jenseits der hinteren Schwelle des Lebens. Im rechten Unterbauch hatte am elften Tag nach seinem Auffinden Fäulnis eingesetzt. Eine Mischung aus Schwefelwasserstoff, Methan und Ammoniak füllten nicht nur Teile des Darms – sie dehnten bereits die Haut des Bauches und färbten sie gelbgrün.
Dass zu diesem Zeitpunkt achthundert Meter entfernt in einer Postfiliale ein hellbrauner Umschlag aufgegeben wurde, hatte er vor seinem Tod nicht mehr präzise planen können. Dennoch verlief es in seinem Sinne. Der Umschlag enthielt eine handgeschriebene Notiz des Doktors. Die zweite Anzeige, welche einen Tag später die Hälfte der Titelseite des Stadtanzeigers einnehmen sollte. Ein Dreizeiler:
Niemand hatte bislang auch nur eine Ahnung davon, was zum Zeitpunkt eines Todes tatsächlich geschieht.
Es wird alles verändern!
Dr. Oswald Geiger
10
Das war’s?«, fragte Steve entgeistert.
»Abgesehen von Ort, Datum und Unterschrift … ja.«
Ingeborg sagte nichts. Sie starrte auf eine Stelle oben am Türrahmen, an der Farbe abgeplatzt war. Wahrscheinlich bei einem Umzug passiert.
»Er vermacht uns also keinen einzigen Euro?«, Steve glaubte, sich verhört zu haben.
»So entspricht es dem Letzten Willen Doktor Geigers.«
»Und was soll diese Stiftung? Wen interessiert das jetzt, wenn es eh nichts zu erben gibt?«
»Die Erwähnung war der ausdrückliche Wunsch des Verstorbenen. Aus diesem Grund hatte ich Rechtsanwalt Steiner zu diesem Termin gebeten.«
»Ach ja?« Steve behielt die Beherrschung nur mit Mühe. »Sie können ja auch noch einen Kurzvortrag über den Spreewald halten. Geht’s ihnen eigentlich noch gut?! Ich dachte, der Kern einer Erbschaft wäre, etwas zu erben. Stattdessen verschwenden Sie nur unsere Zeit.«
»Herr Geiger! Es lässt sich nicht ändern.«
»Stimmt. Doch es steht nirgendwo im Testament, dass wir uns das hier weiter anhören müssen.«
»Sie sollten aber.« Steiner verzog keine Miene.
»Sagen Sie mir einen Grund.«
»Ihre Familie wird in den nächsten Wochen das Haus verlieren.«
»Was?« Fassungslos ließ sich Steve zurück in den Stuhl fallen.
»Mit dem Versterben meines Mandanten«, begann Steiner, »wurde ich beauftragt, Sie nach der Eröffnung des Testaments über Folgendes zu informieren. Am 4. Juli jährt sich zum zweiten Mal das Gründungsdatum der Stiftung meines Mandanten. Bislang ruhte diese. Das soll sich mit seinem Tod ändern. In diese Institution flossen sämtliche finanziellen Mittel, die er vor seiner Eheschließung mit Ingeborg Geiger gebildet hatte. Hierzu zählt eben auch das Haus, in welchem Doktor Geiger bis zuletzt wohnte. Mit Kaufdatum aus dem Jahr 2002 ist es dem Stiftungsvermögen zuzuordnen und wurde mit einem Wert von fünfhundertfünfzigtausend Euro veranschlagt.«
»Mutter, warum sagst du nichts?!« Steves Wut rieb sich an seiner Hilflosigkeit auf. »Was ist mit den Pflichtteilen? Die stehen uns doch zu.«
Ingeborg reagierte nicht.
»Das ist richtig. Aber die Masse des Vermögens ist vor der Ehe entstanden und bei Ihrem Teil der Erbschaft nicht zu berücksichtigen, da diese Mittel bereits vorletztes Jahr in das Stiftungskapital geflossen sind. Sie sind erst spät die Ehe eingegangen. Die zwei Jahrzehnte, in denen Sie vor der Heirat zusammenlebten, wirken sich an dieser Stelle leider zu Ihren Ungunsten aus.«
»Wie kann mein Vater ohne Mutters Wissen einfach das Testament ändern? Dagegen muss es doch Gesetze geben!«
»Der unterzeichnete Ehevertrag regelt ausdrücklich, dass mein Mandant über das Vermögen, das sich vor der Eheschließung angesammelt hatte, zu jedem Zeitpunkt frei verfügen konnte.«
»Mein Mandant? Hören Sie auf mit dem Gerede. Hier geht es um keinen Mandanten. Hier geht’s um unseren Vater!«
»Von welcher Summe sprechen wir?«, fragte Ingeborg zaghaft, aus Angst, von der Antwort erschlagen zu werden.
»Achthunderttausend.«
»Achthunderttausend«, wiederholte sie.
»Ihr Mann war vor der Ehe rund zwanzig Jahre Inhaber einer gut gehenden Praxis.«
»Ich weiß.« Sie wirkte nicht vollständig anwesend. »Was ist das für eine Stiftung? Wem gehört sie?«
»Sie ist eine juristische Person. Damit gehört sie niemandem. Sie ist nur ihrem Zweck und somit dem Stiftungsvertrag verpflichtet.«
»Und wie sieht der Zweck aus?«
»Darüber wurde Stillschweigen vereinbart.«
»Was machen Sie dann hier, wenn Sie uns nichts zu sagen haben?«, fragte Ingeborg.
»Sie sollten stolz auf ihren Mann sein! Bald wird sein Name und damit auch Ihrer in aller Munde sein«, antwortete Steiner.
11
Neben Martin schlug etwas splitternd gegen die Garagenwand, an deren Ende er sich versteckte. Erschrocken duckte er sich noch tiefer hinter den Zaun. Erst jetzt erkannte er, dass es eine Flasche war.
Das war knapp.
Nur einen Moment hatte er nicht achtgegeben und auf das Handy gesehen. Eine Nachricht aus der Redaktion mit der Adresse des Besitzers der KTM, die nun aus der Ausfahrt donnerte. Das ersparte Martin ein ungleiches Rennen mit seinem Passat in einem verwinkelten Viertel.
Seit er Henning verfolgte, schien dieser zu angespannt für ein Interview. Er sollte ihm etwas Zeit lassen.
Zwei Stunden später drückte er auf die Klingel.
Martin war ein gut aussehender Mann Ende zwanzig. Dezent zu große und damit insgesamt lässig wirkende Jeans in Verbindung mit einem Sechzig-Euro-Hemd, plus passendem Pullunder. Früher ganz erfolgreich bei den Frauen.
»Herr Geiger?«
»Herr Geiger war mein Vater. Sagen Sie Henning.«
»Sie haben mich womöglich bei der Beerdigung gesehen.« Er hielt einen ramponierten Presseausweis in den Fingern.
Henning schüttelte den Kopf.
»Macht nichts. Wir sollten uns trotzdem unterhalten.«
»Kein Interesse.«
»Wir bringen einen längeren Beitrag über Ihren Vater. Wenn Sie uns helfen, könnten Sie auf den Text Einfluss nehmen.«
»Ist mir egal.« Henning war im Begriff, dem ungebetenen Gast die Tür vor der Nase zuzuschlagen.
»Ich mache Sie aber auch zum Thema«, warf Martin durch den verbleibenden Türspalt ein.
»Sie kennen mich doch gar nicht.«
»Ja, aber irgendetwas muss gedruckt werden. Und sobald mein Chef sagt, schreib was über Geigers Sohn, dann schreibe ich etwas über Geigers Sohn. Halten Sie es da nicht für vernünftiger, wenn wir kurz reden, bevor ich einen x-beliebigen Nachbarn befrage und Unsinn verfasse?«
Könnte es sein, dass der Tod Ihres Vaters kein Unfall war?«
Henning zuckte mit den Schultern. »Weiß nicht.« In der Hand hielt er einen langen dünnen Stab mit einer in Plastik eingefassten Rasierklinge am unteren Ende. Ruhig schabte er damit die Algen von den Innenseiten seines Aquariums. Grünalgen, ein überschaubares Problem für das Biotop. Nicht zu vergleichen mit den Kieselalgen, die angeblich völlig unproblematisch von allein verschwinden sollten, deren Auswirkung letztendlich aber doch im Juni die halbe Belegschaft des Beckens dahingerafft hatte.
»Vielleicht hab ich mich falsch ausgedrückt. Wir glauben nicht, dass er umgebracht wurde. Es steht eher im Raum, ob es Suizid war. Hatte er sich in der letzten Zeit merkwürdig verhalten? Wie nah standen Sie ihm denn?«
»Sie halten mich wohl für bescheuert. Wenn ich jetzt sagen würde, dass mir der Alte am Arsch vorbei ging, dann finde ich das morgen in der Zeitung wieder. Also behalte ich meine Gedanken besser für mich und mache einen trauernden Gesichtsausdruck. Haben Sie gesehen? Zwei Honigguramis. Vergangenen Monat hat das Männchen ein Schaumnest gebaut, aber irgendwie stellt es sich beim Aufreißen des Weibchens immer zu blöde an. Tja, er bekommt die PS einfach nicht auf die Straße.«
»Wir haben nicht vor, jede Info gleich abzudrucken. Ehrlich gesagt fehlt uns der rote Faden bei dem, was am Abend in der Pflegeeinrichtung passiert ist. Wir wissen kaum etwas über den Unfall und wir kennen Ihren Vater nicht. Und die Sache mit den Patienten, die mit ihm gestorben sind, lässt sich gar nicht einordnen.«
»Dann sind wir ja bereits zwei, für die das keinen Sinn ergibt.« Hennings Hauptinteresse lag noch immer bei den Algen, die wie weiche Haare in der Strömung trieben.
»Ihr Kontakt zu Doktor Geiger war nicht der beste?«
»Können wir es dabei belassen?«
»Henning, wir haben einige Informationen über die laufenden Vernehmungen und wir erhalten Nachrichten Ihres Vaters, die wir regelmäßig drucken. Er hatte das zu Lebzeiten sichergestellt. Die erste Notiz haben Sie ja sicher mitbekommen. Wir beide könnten uns ergänzen.«
»Wie war noch mal Ihr Name?«
»Martin.«
»Gut, Martin. Reden wir Tacheles.« Henning angelte mit einer überdimensionalen Pinzette ein leeres Schneckenhaus aus dem Becken, dessen Außenwände sich aufzulösen begonnen hatten. »Es interessiert mich nicht! Wirklich! Das können Sie so auch gern drucken. Ich habe mit der Sache abgeschlossen und ich finde, eine Beerdigung ist ein guter Abschluss. Dementsprechend wird das Thema von mir nicht mehr aufgemacht. Sehen Sie sich in der Lage, das zu akzeptieren?«
»Aber es sind Menschen gestorben, bei dem, was Ihr Vater in der Einrichtung gemacht hat.«
»Sie sagen es. Es geht um meinen Vater, nicht um mich.«
»Sie müssen doch ein Interesse daran haben, zu wissen, was da gelaufen ist.«
»Lassen Sie mich damit in Ruhe! Schnappen Sie sich am besten einen Nachbarn und befragen den, so wie Sie es vorgehabt hatten.«
»Kommen Sie, Henning.«
»RAUS!«
12
Henning betrachtete die Roséflasche, die er vor vier Tagen in einer kleinen Drogerie gefunden hatte. Zufällig hatte er sich seinerzeit in der Leipziger Straße aufgehalten. Eine Gegend, zu der ihm grundsätzlich der Bezug fehlte. Die Weinabteilung war unerwartet – nicht nur vorhanden, sondern auch ganz ordentlich. Wahrscheinlich hatte er mit dem Bardolino ein Exemplar gegriffen, das vorwiegend weibliche Käufer fand. Getöntes Glas mit Schmetterlingen darauf und ein tief rosafarbener Ton, der sich erst voll entfaltete, wenn man den Wein gegen das Licht hielt. Kaufentscheidend war die Rückseite. Trocken, fruchtig und ein Rosé, was im Sommer durchaus Sinn ergab. Henning hatte immer mal wieder Phasen, in denen er eine Abwechslung zum Bier brauchte.
Neuneinhalb Prozent, kein Wunder, dass er nicht dreht. Henning schenkte der leeren Flasche keine Beachtung, während er überlegte, ob er sich noch eines der Plasteflaschenbiere aus dem Discounter genehmigte.
Auf seinem Handy leuchtete der Name Steve auf. Er ignorierte ihn. Stattdessen kramte er im Gemüsefach des Kühlschranks nach dem Bier. Erneut schellte es.
Es war selten, dass Steve mehrfach anrief.
»Ja?!«
»Du Pisser!«
»Was?« Henning konnte sich nicht erinnern, dass ein Gespräch mit seinem Bruder jemals so angefangen hatte.
»Was hast du mit Vater am Laufen gehabt?«
»Komm mal runter, Junge.«
»Einen Teufel werd’ ich.«
»Einen Teufel werd’ ich«, äffte er ihn nach.
»Sag mir, warum Mutter enterbt wurde!«
»Weiß ich doch nicht.«
»Genau. Wenn du das nächste Mal im Dunkeln vor die Tür gehst, solltest du dich vielleicht einmal mehr umdrehen.»
»Alter, was soll der Scheiß?«
»Das bereust du!«
»Leck mich doch!« Henning beendete das Gespräch. Ihm fehlte der Nerv, sich mit seinem hysterischen Bruder auseinanderzusetzen. Es brauchte auf dem Telefon drei Displayberührungen, um die gespeicherte Nummer der Mutter anzuwählen.
»Inge?«
»Was willst du?«
»Ich hatte Steve eben in der Leitung. Der dreht völlig durch.«
»Henning, solange ich nicht weiß, was zwischen euch und Vater gelaufen ist, habe ich keine Lust zu telefonieren.«
Was zwischen MIR und Vater gelaufen ist, meinst du wohl eher, hatte er auf der Zunge, doch bevor er es in Worte bringen konnte, hatte Inge aufgelegt.
13
Hennings Finger flogen wütend über das Touchpad.
Scheiß Familie!
Vor einigen Tagen noch konnte er von sich sagen, dass ihn sein Vater nicht im Geringsten interessierte. Das ließ sich nun nicht mehr behaupten. Nicht, dass sich seine Beziehung zu ihm mit dessen Tod verbessert hätte, es standen inzwischen nur zu viele Fragen im Raum – ein Defizit, mit dem Henning noch nie umgehen konnte.
Er kramte in älteren Nachrichten, auf der Suche nach der E-Mail-Adresse seines Vaters. Anfang des Jahres hatte er ihm ein Dokument geschickt. Welches, war nicht von Bedeutung. Er brauchte nur die Adresse.
Yahoo war es nicht. Googlemail gab es vermutlich noch nicht, als er ihm den Account damals eingerichtet hatte. dr.oswald.geiger, soviel wusste er. Nur die Endung bekam er nicht mehr ins Gedächtnis.
Bis er sie fand.
dr.oswald.geiger@web.de
Anmeldung.
Passwort vergessen.
Sicherheitsfrage.
Der Laptop brauchte einige Sekunden, sie anzuzeigen.
Geburtsname der Mutter?
Oswald Geiger hatte selten E-Mails geschrieben. Er nutzte sein Postfach nur, um wichtige Dokumente hochzuladen und sie nicht zu verlieren, falls es wieder so ein heißer Sommer wie 2014 würde oder ein beliebig anderer Grund seinen Praxisrechner auf dem Gewissen haben könnte. Es hatte den angenehmen Vorteil, über die Unterlagen an praktisch jedem Ort mit Internet verfügen zu können.
Schillack.
Neun Buchstaben und Henning befand sich im Postfach des Vaters. Nachdem die Polizei den PC aus der Arztpraxis sichergestellt hatte, wäre dies der einzige Weg, in Erfahrung zu bringen, warum die ganze Familie gerade verrückt spielte.
Die zuletzt hochgeladene Datei war ein Protokoll. Henning überflog es. Fachchinesisch. Er brauchte einen Arzt, der ihm dabei half. Er würde sich einen suchen und hatte bereits jemanden im Hinterkopf.
Er klickte auf das vorletzte Dokument, das auf einem der Web.de-Server lag. Ein kurzer Bericht des Vaters von einem Tag, dessen Datum sich nicht mehr nachvollziehen ließ.
Ich musste innehalten, mich am Geländer abstützen. Gleich sollte es wieder gehen. Nur einen Augenblick.
Alles um mich machte den Eindruck, als zöge urplötzlich die Geschwindigkeit an. Menschen unterhielten sich. Doch die Worte fielen ihnen viel zu schnell aus dem Mund, sodass es mir nicht gelang, sie zu Sätzen zusammenzusetzen.
Nur waren es nicht allein die Menschen, denn diese Beschleunigung betraf ausnahmslos jedes Detail, jede Bewegung.
Wolken schossen über den Himmel, aber es stürmte nicht. Ein Feuerzeug flammte auf und erlosch wieder, als es die Hitze an eine Zigarette weitergegeben hatte. Zu schnell für mein Auge. Ich sah es nicht, obwohl ich in die Richtung starrte, registrierte nur, wie die Frau Qualm ausstieß, die bis eben noch in ihrer Tasche nach etwas gesucht hatte.
Ein Rollladen fiel. Ich schaffte es nicht den Kopf rechtzeitig zu drehen, um einen Rest davon mitzubekommen.
Der Ort, an dem ich mich befand, hatte ein Mehrfaches von der Geschwindigkeit aufgenommen, bei der ich hätte Schritt halten können. So kam es mir zumindest vor. Doch es war nicht der Ort, der den Pulsschlag erhöht hatte. Ich war die Ursache.
Angst zerrte an meiner Lunge, lähmte sie. Ein Ausläufer des Schocks, der selbst auf dem Herzen lag und das Blut kaum noch voran schob. Alles in mir wurde derart langsam, dass ich hinter die Zeit zu geraten drohte.
Genauso fängt es an. Erst mit kaltem Schweiß. Später mit dem Unvermögen, dem Lauf der Zeit zu folgen, und dem ekelhaften Gefühl, welches immer dann eintritt, wenn nur noch Sekunden fehlen, bis man das Bewusstsein verliert – etwas, das sich nicht beschreiben lässt, weil es keine Übelkeit und kein Schwindel ist. Früher dachte man, es wäre die Konsequenz dessen, dass der Kreislauf absackte. Aber es war vielmehr das, was alle empfinden, sobald sie mit der Zeit nicht mehr synchron laufen. Eine Gratwanderung, bei der nur ein Quäntchen zu viel ausnahmslos im Tod endet.
Wie heilsam schien da die Ohnmacht, in die ich fiel, und die geeignet war, meinen Zustand ein weiteres Mal zu heilen. Wenn ich aufwachte, würde es wieder gut sein, mit mir und der Zeit.
Anfang Mai, vier Monate bevor Doktor Geiger starb, kam er das dritte Mal dem Tod nahe. Er verhielt sich nicht anders als jemand, der Kontakt mit dem Sekundenschlaf gemacht hatte.
Beim ersten Mal überkam ihn Entsetzen – der kurze Verlust des Bewusstseins hätte für ihn das Ende bedeuten können. Dann geschah es erneut und er gewöhnte sich an den Gedanken. Hoffte, dass es ihn auch in Zukunft sicher zurückbrächte. Bis er darauf vertraute und davon überzeugt war, dass er immer wieder unbeschadet aufwachen würde.
Vierter Teil
Zeit ist etwas, das alles ausfüllt, hattest du einmal gehört. Sie ist überall – nicht allerorts in gleicher Menge, aber es gibt nichts, das sich ohne sie belebt.
14
Unerbittlich schlug der Titel von The Parlotons auf Ewa ein. Giant Mistake am Limit des Lautstärkereglers erfüllte seinen Zweck, wenn es darum ging, die Leistungsgrenze nach oben zu treiben. Mit Kopfhörern war sie bis in die Fingerspitze motivierbar und fühlte sich zugleich ein Stück weit von den übrigen Trainierenden abgegrenzt. Die linke – seit der letzten Überlastung angeschlagene – Schulter befand sich noch nicht wieder in optimalem Zustand, doch es reichte, um die Langhantel langsam bis ans Kinn und zurück nach unten zu führen.
Ein siebentes Mal. Ein achtes. Solange bis es nicht einmal mehr millimeterweise voranging und die kontrollierte Bewegung ihrer Unterarme einem unkontrollierten Zittern wich. Laut stöhnend warf sie das Metall in die Halterung und rang nach Luft.
Ewa unterschied sich von der Zielgruppe des Fitnessstudiobetreibers. Sie legte keinen Wert auf Konversation zwischen den einzelnen Übungen, auf eine Trainingspartnerin oder Milchshakes. Die geschlagenen Eiweißpräparate hatten oft wenig mit Muskelaufbau zu tun. Für viele stellten sie einen Vorwand dar, um von der Bar aus durch die Plexiglas-Scheibe in den Aerobicbereich sehen zu können und die eigene Figur mit der der Konkurrenten zu vergleichen.
Das alles war Ewa fremd. Kaum jemand konzentrierte sich derart auf den eigentlichen Zweck des Besuchs und kaum jemand quälte sich dabei unerbittlicher als sie.
Erst auf den zweiten Blick fielen ihre halblangen dunklen Haare auf, die in der Frühe allenfalls dreißig Sekunden gestylt wurden – insgesamt investierte sie im Bad für ihr Äußeres nicht mehr Zeit als der durchschnittliche Mann. Manchmal schien es, als würde sie mit ihrem Verhalten ihrer femininen Seite entgegenwirken wollen. Aber egal, mit wie viel Gewicht sie die Muskeln beanspruchte, die Natur hatte sie mit ausreichend weiblichen Zügen bedacht, damit auch intensivster Kraftsport keinen allzu starken Raubbau betreiben konnte. Was nach jedem Trainingsjahr blieb, war ein mittelgroßer Busen und eine beeindruckende Partie um Oberschenkel und Hüfte. Der Rest wies einen nicht übertriebenen Grad an Muskeldefinition auf.
Ewa beugte sich nach vorn, griff nach der Sporttasche. Das Training war beendet. Mit jedem Zentimeter, den sie den Arm nach oben zog, wuchs der Neid in den Köpfen der Frauen, die ihr dabei zusahen. Der schmale Rückenmuskel überdachte leicht den Seratus und den Bauchmuskelansatz, der sich unterhalb des Tops abzeichnete.
Ewa, deren Geburtsurkunde auf Ewa Lis ausgestellt war und die von vielen nicht ganz zu unrecht als sonderbar empfunden wurde, genoss selbst kurze Zeit später noch das Zittern der Hände als Nachwehen des intensiven Trainings. Der Fahrstuhl schloss sich – ein dezenter weiblicher Schweißgeruch und ein Anflug von Platzangst umgab den kleinen Raum.
»Doktor Lis?« Henning lief ihr hinterher. Er erkannte sie kaum ohne das typische weiße Outfit. Am Telefon hatte er der Sprechstundenhilfe etwas von einem familiären Notfall gesagt. Dass dieser Notfall nicht sie, sondern ihn betraf, hatte er verschwiegen. Er durfte keine Zeit mehr verlieren, brauchte einen Rat, wo er Ewa finden konnte.
»Ewa Lis? Ihre Praxisschwester hat mir …«
»Nicht um diese Uhrzeit. Ich bin im Feierabend.« Sie warf sich eine Jacke über und setzte sich in ihren Wagen.
»Es ist wichtig.«
»Rufen Sie den Bereitschaftsarzt, wenn es dringend ist, oder kommen Sie morgen in die Praxis.«
»Es geht um Oswald Geiger.«
Sie nahm ihr Handy aus der Tasche. Es war 19:55 Uhr. Wann beginnt die Serie? Sie tippte im Display auf den Kalender. 20:30 Uhr T. B. G., hatte sie knapp notiert.
»Er ist tot«, sagte Henning.
»Davon habe ich gehört, aber wie soll ich Ihnen helfen? Ich bin nicht sein Arzt gewesen.«
Wenn Ewa eines an ihrem Beruf hasste, dann der Irrglaube der Patienten, dass Sie für alle Einschnitte im Leben Lösungen parat hatte. Krebsfällen beispielsweise. Natürlich fielen Diagnose und Therapie in ihre Zuständigkeit, doch dort, wo diese beiden Bereiche endeten, war Schluss. Sie konnte den Menschen weder raten, wie sie weiterleben sollten, ohne daran zu zerbrechen, noch wusste sie, wie man es als Angehöriger verkraften sollte. Schlimm genug allein die Tatsache, dass sie immer die Hiobsbotschaften überbringen musste.
In der Regel flüchtete sie sich aus solchen Situationen mit einem Verweis auf den vollen Wartesaal und wartende Patienten. Nur jetzt auf dem Parkplatz half dieses Argument nicht.
»Ich habe wirklich etwas vor.« Je länger Henning neben dem Wagen stand, umso mehr fühlte sie einen bekannten Makel in sich aufsteigen. Einen, der sie in Panik versetzte, und der immer dann auftrat, wenn man ihr Fluchtwege versperrte.
»Lassen Sie mich kurz erklären.« Hennings griff nach der Fahrertür.
»Finger weg!«, rief sie viel zu laut, weil ihr Herz plötzlich bis in den Hals schlug. »Nehmen Sie die Hand weg.« Ewa wusste, dass die Reaktion überzogen war, doch manchmal ließ es sich nicht kontrollieren.
Henning gehorchte und ging einen Schritt zurück. »Ewa«, er schluckte. »Es sind neben meinem Vater noch andere Menschen an dem Abend umgekommen. Und ich denke, dass er daran nicht schuldlos ist.«
Ewa sah Henning erstmals ins Gesicht. Nicht unansehnlich, dachte sie. Er hatte die Züge des Vaters, die klare Form, auch wenn das leichte Übergewicht diese aufweichte. Ewa wartete mit den Bemühungen, zügig vom Parkplatz zu verschwinden.
»Es steckt mehr dahinter. Nur komme ich ab einem gewissen Punkt ohne Hilfe nicht weiter. Es gibt ein Protokoll zu seinen Untersuchungen, allerdings mit jeder Menge Fachbegriffe.«
»Ich hab’ damit nichts zu tun«, sagte Ewa, in einer Art, mit der sie nicht mal sich selbst überzeugte.
»Glauben Sie mir. Ich bin der Letzte, der darauf Lust hat. Geben Sie mir eine halbe Stunde?«
»Ich hab heute keine Zeit. Fragen Sie morgen meine Praxiskollegin. Ihr stand Oswald deutlich näher.«
»Dieses zugeknöpfte Gerät?«, rutschte es Henning heraus.
An Ewas Lippen zog ein Lächeln vorbei. Was soll der Unsinn eigentlich? Meine Serie kann ich morgen Abend auch online sehen. Was spricht gegen ein Glas Wein mit jemandem, der weiß Gott nicht hässlich ist. Ich muss mich doch nicht gleich in die Geschichte reinziehen lassen.
»Gut. Halb neun im Roma. Lassen Sie einen Valpolicella kaltstellen.«
Die gesamte Berührungslinie des Roma zur Altstadt war eine nur durch zwei Säulen unterbrochene Glasfront, die sich in den Sommermonaten öffnen ließ. Der Gastraum ging damit fließend in die Terrasse und das städtische Nachtleben über.
Henning ignorierte die Funktion des Kellners hinter dem Pult im Eingangsbereich. Er verkehrte nicht in Lokalitäten, in denen man die Tische zugewiesen bekam.
»Sie wünschen?«, versuchte der Italiener, den Fauxpas zu beheben.
»Ich komme zurecht.« Wie die Verkäufer in den Klamottenläden, dachte Henning, die einen nicht mal in Ruhe etwas anschauen lassen, ohne aufdringlich Hilfe anzubieten. Er suchte sich einen Platz, fand den Stuhl unmöglich und setzte sich auf einen anderen.
»Was darf ich Ihnen bringen?«
»Eine Hefe, ein helles.«
»Sehr wohl.«
»Ach ja, eins noch.«
Der Kellner kam zurück.
»Ich soll einen Valpolicella kaltstellen lassen?«
»Ihre Begleitung ist bereits bei uns.«
Henning verstand nicht, folgte aber dem Blick des Italieners von der Terrasse in den Innenraum zu einer etwas höher gelegenen kleinen Sitzecke. Ewa prostete ihm mit einem Weinglas dezent entgegen, augenscheinlich bemüht, sich ein Schmunzeln zu verkneifen.
»Hallo«, begrüßte er sie, nachdem er auf einen Ledersessel zu ihrer Rechten gewechselt hatte.
»Ich vermute, Sie waren hier noch nicht?«
»Hat man das gesehen?«
»Nein, ich hab’ ins Blaue hinein geraten.« Aus Ewa platzte das Lachen heraus. »Sie können sich die Etikette verkneifen. Ich bin im Roma quasi zu Hause, da mein Kochtalent sehr begrenzt ist. Manche schaffen es, einige Zutaten nach Gefühl in eine Pfanne zu werfen und in Minuten etwas zurecht zu zaubern. Bei mir enden solche Versuche meist hier. Inzwischen probiere ich das mit dem Kochen kaum noch.«
Das Hefeweizen wurde serviert.
»Sie hätten besser auch so einen bestellen sollen«, sagte Ewa und wies auf ihr Glas. »Alessio verleiert zwar immer die Augen, wenn er seinen Roten in den Kühlschrank stellen soll, aber kühl ist er genau das Richtige, sobald einem der Tag etwas stärker zugesetzt hat. Das scheint bei Ihnen der Fall zu sein.«
Ewa konnte nicht abstreiten, dass ihr Hennings Verlegenheit sympathisch war. Wenn sie sich sonst mit Männern traf, dann mit Kollegen, die sie entweder mit Stilsicherheit oder auf anderem Wege beeindrucken wollten – Bemühungen, die ihr Männer grundsätzlich unattraktiv erscheinen ließen.
»Jetzt fangen Sie mal an, zu erzählen.«
»Ich glaube, mein Vater hat in der Nacht, in der er starb, vier Leute umgebracht.« Kurz und knapp brachte er die Fakten auf den Punkt.
»Warum hat die Polizei davon nichts gesagt? Die hätten doch bei so einem Verdacht sofort bei Ihnen vor der Tür gestanden.«
»Das ist mir auch unklar. Aber Vater hat an etwas gearbeitet. An etwas Großem. Das Ganze muss einen Sinn ergeben. Er ist nicht plötzlich durchgedreht oder so was. Er war ein Kontrollfreak, schon immer. Da gerät ihm eine Situation nicht derart aus dem Ruder.«
»Woran soll er gearbeitet haben?«, fragte Ewa.
Henning holte einen Ausdruck hervor. »Das ist aus seinem Mailaccount. Es geht über Monate, aber erst im Frühjahr scheint er vorangekommen zu sein.«
»03. April: Bewohner 17. Im März eingezogen. Seit gestern eindeutig finale Phase. Mittel heute verabreicht.«
»Steht dort welches Mittel?«, fragte Ewa.
Er schüttelte den Kopf.
»05. April: Bewohner 17 verstorben. I11.0. Was heißt das?«
»Hypertensives Herzversagen.«
»Hat das etwas zu bedeuten? Kommt das selten vor? Wonach sucht er?« Henning brannte darauf, einen Schritt weiterzukommen.
»Die Diagnose I11.0 ist nichts Auffälliges in dem Alter. Das kann passieren.«
Er las weiter.
»06. April: Rücksprache mit letztem Hausarzt. Herzerkrankung bestand seit ca. 10 Jahren. Person somit von Anfang an für Versuch unbrauchbar. 16. April. Hier wird es interessant. Bewohner 42. Vorfinaler Zustand. Kaum ansprechbar. Wenige Erkrankungen, lediglich Diabetes und Bluthochdruck. Als Proband geeignet. 18. April: Wirkstoff verabreicht. 20. April: deutliche Verbesserung des Allgemeinzustandes. Wieder feste Nahrungsaufnahme. 22. Mai: erstaunlich gute Verfassung. Erster Erfolg. Endlich!«
Beide sahen sich eine Zeit lang an, ohne etwas zu sagen.
»Was meinen Sie?«
Ewa musste zugeben, dass es auffällig war, dass der Kollege mit einem Wirkstoff experimentierte, der sich offensichtlich auf mehrere Krankheitsbilder auswirkte. »Ich würde die Notizen nicht überbewerten. Wenn Sie wollen, frage ich morgen nach, ob er in eine Arzneimittelstudie einbezogen wurde. Das könnte einiges erklären.«
Ewa stöberte in der Karte. Richtigen Hunger hatte sie nicht, eher Appetit auf etwas Kleines, Herzhaftes.
»Wie war Ihr Vater so?«
»Er war mit sich beschäftigt.«
»Ständig?«
»Zwangsläufig. Er hatte vor ein paar Jahren einen recht ordentlichen Graben um sich ausgehoben und kochte dahinter seitdem sein eigenes Süppchen.«
»Gab es einen Auslöser?«, fragte Ewa.
»Etwas stimmte in seinem Kopf nicht. Ihm war das Fingerspitzengefühl dafür abhandengekommen, wie man sich zwischen Vater und Sohn verhielt. Wenn er es überhaupt jemals hatte.«
»Erklären Sie mir das.«
»Wie sag ich’s dir?« Henning räusperte sich. »Ihnen.«
»Ich habe mich schon gefragt, wie lange du das mit dem Sie durchhältst. Lass die Förmlichkeiten!«
Verschmitzt wandte sie sich von ihm ab und signalisierte Alessio, einen weiteren halben Liter vom gekühlten Rotwein zu bringen.
»Immer, wenn er einen Schritt auf mich zuging, fühlte sich das für ihn wohl so an, als würde er zu Kreuze kriechen. Ich weiß nicht, warum das so war, und verstand es erst sehr spät – an einem Punkt, an dem wir bereits zu weit voneinander entfernt waren.«
»Was hattest du gesagt, was du beruflich machst?«, fragte Ewa dazwischen.
»Ich hab’s dir noch nicht gesagt.«
»Mir fällt auch nicht so recht ein, was zu dir passen würde.«
»Geht mir auch so. Ich hab eine ganze Menge angefangen, aber bislang nicht das Richtige gefunden.«
»Und wovon lebst du?«
»Die Schwester meiner Mutter hat uns Anteile an einer Textilreinigung hinterlassen. Das reicht, um auszukommen.«
»Eine größere Kette.«
»Etwas größer, ja.«
»Henning«, sagte Ewa und stützte ihr Kinn auf die Handflächen. Sie fuhr mit ihrem Blick von seinen blonden Augenbrauen die Nase herab, registrierte den schmalen Bart, der um den Mund führte. Alles weit entfernt von ihrem Beuteschema. Obwohl es streng genommen kein Beuteschema gab, weil sie nicht jagte.
Durch ihre berufliche Laufbahn hatte sie lediglich zwei Beziehungen vorzuweisen. Keine länger als eineinhalb Jahre. Darüber hinaus ging sie ab und zu aus, aber es gab selten Männerkontakt, der in den Kissen endete. Das rührte wenig von ihrer polnischen Herkunft und der katholischen Erziehung her. Es hatte vielmehr mit ihrer Auffassung von Anstand zu tun.
Nur der Typ Mann, der ihr gerade gegenübersaß, machte es ihr nicht leicht. Er sprach sie an, zwar nur unterschwellig, aber das war bereits ein Vorteil gegenüber dem, was die Meisten in der Stadt vorzuweisen hätten. Sie stand weder auf blond, noch auf nicht durchtrainiert. Und eigentlich suchte sie jemanden, der mehr als sie zu bieten hatte. Doch womöglich war das nicht das, was sie suchte, sondern das, was sie ständig vorgesetzt bekam. Vielmehr war es ihr Wunsch, einem Mann zu begegnen, den sie nicht gewohnt war.
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