Kitabı oku: «Das Leben ist ein tiefer Fluss»
Rose Zaddach
DAS LEBEN
IST EIN
TIEFER FLUSS
Episoden Roman
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2016
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Titelillustration © Dieter Knödler
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
VORWORT
Hoffnung ist eben nicht Optimismus,
es ist nicht die Überzeugung, dass es gut ausgeht,
sondern die Gewissheit,
dass etwas Sinn hat – gleich, wie es ausgeht.
Vaclav Havel
INHALT
Cover
Titel
Impressum
Ein Geheimnis biografischer Verstrickungen
Paulas neues Leben
Kaschmir und Seide
Das Leben ist schön.
Wir blühen!
Versunken in die weichen Polster des ICE
Einhundertfünfzig Mal im Blitzlicht
Ihr Spiegelbild im Wasser, wie es hin und her zitterte
Im Zustand ohne Zeit und Raum
Und in der Nacht gab es trotzdem die Liebe
Hunde sind schneller da,
als du denkst
Warteschleife. Musik.
15 Minuten
Die Parfümflasche. Der Duft ist hin
Nicht bereit, zu resignieren
Das Leben ist eine sterbliche Angelegenheit
Das Meer, die Inseln und der Hafen
Abgrundtief. Sie fliegen.
Was ist das Glück?
Nachwort
Dank
Vita
Zitate und Quellenhinweise
EIN GEHEIMNIS BIOGRAFISCHER VERSTRICKUNGEN
Sie war eine schöne Frau. Eine elegante Frau.
Paula bewunderte sie.
Brünetter Typ. Mitte fünfzig. Kinderlos.
Schmales, ebenmäßiges Gesicht, schlanke Figur.
Kurzer Haarschnitt, pfiffig, stoppelig, unsymmetrisch – ganz, wie es zurzeit in Mode war.
Man traf sie auf Vernissagen und in Konzerten, auf Dichterlesungen und auf anderen kulturellen Ereignissen mit ihrem Ehemann. Immer trug sie einen breitrandigen Hut. Es schien, als habe sie eine ganze Sammlung davon. Mit den Hüten, die sie trug, hatte sie etwas Großstädtisches an sich.
Ein Flair aus Paris, London oder Berlin, Zwanzigerjahre, wehte einem entgegen. Charlotte B. fiel jedenfalls in der Runde auf, in der sie sich bewegte.
Kleinstadt, eher Flecken, kaum auf der Landkarte erwähnt. Doch die Kultur der nahen Universitätsstadt zog ihre Kreise längst schon in dieser Region.
Deshalb auch wieder nicht so außergewöhnlich, das Kulturleben.
Sie habe ihren Vater früh verloren, sagte sie einmal.
Im Kulturkreis bereitete man sich gerade auf eine Ausstellung „Deutsche Klassik“ vor. Ein Plakat sollte gedruckt werden. Man beschäftigte sich mit Goethe und dem Lied Mignons, das mit den Zeilen beginnt: „Kennst du das Land, wo die Zitronen blüh‘n, im dunklen Laub, die Goldorangen glüh’n.“
Sie habe ihren Vater früh verloren, wiederholte sie – und deshalb stimme der Text sie melancholisch.
Sie sprach von der Sehnsucht nach Wärme und dem Süden und sie murmelte die letzten Verse jeder Strophe vor sich hin. Sie verstehe den Text besonders gut und er tröste sie.
Man wunderte sich sowohl über die Rollenvermischung im Liedtext, der zwischen Geliebtem, Beschützer und Vater nicht zu unterscheiden schien, als auch über Charlotte B, die sich mit außergewöhnlicher Inbrunst äußerte. Das war man von ihr nicht gewohnt. Es klang nach schmerzlicher Vatersehnsucht und verletzter Liebe. Man war etwas peinlich berührt.
Charlotte sagte, den frühen Vaterverlust habe sie immer noch nicht verwunden. Sie meinte, die eigene Biografie verbinde sich immer mit der Liebe, ob man wolle, oder nicht. Die Liebe sei ein Geheimnis biografischer Verstrickungen.
Draußen wartete ihr Ehemann.
Die Abenddämmerung zog herein. Die Versammlung ging dem Ende zu.
Charlotte B. stülpte sich einen breitrandigen Hut auf. War er blau, war er rot? Paula weiß es nicht mehr.
Charlotte eilte raschen Schrittes nach draußen, als würde das ersehnte Italien mit dem Glühen der Goldorangen auf sie warten.
Ihr Mann, Professor der nahen Universitätsstadt, von angenehmer Gestalt, groß und schlank, graue Schläfen, grüßte Paula und die anderen Anwesenden freundlich und fasste dann seine Frau sanft unter dem Arm. Dann gingen sie davon, traten den Heimweg in die beginnende Dunkelheit an, während die Anderen nachdenklich in alle Himmelsrichtungen davonstrebten.
Man kann nicht sagen, dass Charlotte abgöttisch an ihrem Ehemann hing. Nein, sie war durchaus emanzipiert. Suchte den Kontakt mit der Gesellschaft, setzte sich für die Kunst ein, sammelte Bilder bekannter und unbekannter Künstler. Ihr großes Haus, am Hang gelegen mit weitem Blick über das Tal, war voll davon. Doch, wo sie auch auftauchte, sie ließ sich nach Möglichkeit von ihm, ihrem Ehemann, begleiten. Er war ihr Schatten.
Nur in den letzten Wochen des endenden Jahres war er nicht mehr zu sehen. Sie kam, übel gelaunt oder nervös gestimmt, allein zu den Treffen.
In dieser Zeit verlor sie eines Tages in der Versammlung des Kunstforums die Beherrschung, die Contenance, wie man zu sagen pflegte. Es kam aus heiterem Himmel. Ein allgemeiner Streit war entstanden, eine heftige Diskussion, die mit einem Zornesausbruch ihrerseits endete. Sie glich plötzlich einem bis dahin ruhigen Vulkan, der unvorbereitet Feuer spie und Lava in seine Umgebung ergoss.
Aber es kam noch mehr zum Ausdruck. Ein innerer Zusammenbruch deutete sich an. Sie war in einem Spannungszustand, der für alle Anwesenden nicht zu übersehen war. „Die kleinbürgerliche und engstirnige Diskussion, die Ignoranz und Begrenztheit der hier Versammelten habe den Punkt der Unerträglichkeit erreicht“, stieß sie mit bleichen Lippen hervor. Schweißperlen traten auf ihre Stirn und Tränen der Wut in ihre Augen. Mit mühsamer Beherrschung verließ sie den Raum.
Sie kehrte jedoch noch einmal zu der nun stillgewordenen Versammlung zurück, um ihren Hut zu holen, den sie vergessen hatte. Diesmal war es ein weinroter Hut, denn Paula erinnerte sich noch genau an die Szene und hatte das Bild lebhaft vor Augen. Sie setzte den Hut auf ihr zorniges Haupt.
Breitrandig loderte er um ihr fahles Gesicht. Sie sprach kein Wort mehr und verschwand, währenddessen jemand in der Versammlung laut und schrill zu lachen begann, und alle irgendwann aus Hilflosigkeit einstimmten.
Der Hut war es, weshalb gelacht wurde. Hauptsächlich war es der Hut gewesen, der das Lachen hervorgerufen hatte und der die brüske Verabschiedung mit einem ironischen Rascheln seiner Federn begleitete.
„Ja, vergessen Sie den Hut nicht!“ hatte noch jemand in die Stille gerufen. Dann wurde Charlotte lange nicht mehr wiedergesehen. Sie verschwand förmlich aus den Augen der Kleinstadt. Man hörte vages Gemunkel. Genaueres kam Paula aber nicht zu Ohren. Sie hatte Besseres vor, als sich um Ratsch und Tratsch zu kümmern. Hatte mit ihrem eigenen Leben genug zu tun.
Ungefähr ein Jahr sollte es dauern, bis Paula sie wieder traf auf einer der engen Gassen hinter dem Marktplatz, welche sie aus Gründen der Abkürzung häufig ging. Es war wieder in den Abendstunden.
Paula erkannte sie zunächst nicht. Sie sah völlig verändert aus. Erschrocken blieb Paula stehen und blickte ihr nach, während Charlotte B., ohne ihre Augen zu heben, an ihr vorbei in entgegengesetzter Richtung verschwand. Paula konnte die drastische Veränderung kaum fassen. Sie erschien ihr wie eine andere, völlig fremde Person.
Hatte Paula sich getäuscht?
Gebannt hatte Paula noch lange hinter Charlotte hergeschaut. Ihr dunkles Haar war ergraut und hing in Strähnen um ihr Gesicht, ihr Körper war dicklich geworden und in grobe und sackähnliche Kleidung gehüllt. Paula lauschte ihren schweren Schritten mit den plumpen Schnürschuhen hinterher.
Wo waren die krokodilledernen Stöckelschuhe oder Lackschuhe geblieben, die Paula immer an ihr bewundert hatte? Wo war der grazile Gang? Noch nie hatte Paula eine solch abrupte Veränderung an einem Menschen wahrgenommen.
Der Verlust jeglicher Eleganz, die Paula früher an ihr so bewundert hatte, die plötzliche Unförmigkeit ihres ehemals schlanken Körpers, die nach außen sichtbare Wesensveränderung eines hoch ästhetischen Menschen in eine grobe und derbe Gestalt hatten Paula verwirrt.
Sie war langsam in der Dämmerung nach Hause gegangen. Der Schreck saß ihr noch in den Knochen. Der Eindruck von Tragik und von selbstzerstörerischem Trotz ließ Paula nicht los. Sie trank einen Cognac und noch einen zweiten und grübelte darüber nach, was die Ursache für diese Verwandlung gewesen sein konnte.
Sie rief eine Freundin an. Sie kamen gemeinsam zu dem Schluss, dass es auf keinen Fall die Abschiedsszene im Kunstverein oder das Lachen wegen des Hutes gewesen sein konnten. Es musste andere, noch tiefer liegende Gründe geben.
War sie erkrankt?
Nahm sie starke Medikamente?
Trank sie Alkohol? Hatte sie einen Klinikaufenthalt hinter sich? Eine psychische Krise? Und wo war ihr Ehemann? Man sah ihn nicht mehr.
Umso häufiger begegnete Paula jetzt Charlotte wieder auf den Straßen und jedes Mal erschrak Paula über die immer gleichbleibende Veränderung: in Säcke gehüllt, das Haupt grau wie mit Asche bedeckt, in alter und abgetragener Kleidung, die aus den Sechziger- und Siebzigerjahren stammen musste stapfte sie durch den Ort.
Sie ging jedes Mal mit gesenktem Blick ihren Weg.
Manchmal nur sah sie kurz auf, um notdürftig zu grüßen. Aber ihre Augen fixierten unverzüglich Sekunden später wieder den Straßenboden, dass Paula nicht wagte, sie anzusprechen.
So war das nun eine geraume Zeit: Paula sah sie, erschrak, murmelte einen Gruß, wartete, ob sie kurz stehen blieb, ja lauerte darauf, bedauerte, dass sich keine Gelegenheit des Gesprächs ergab, grübelte ihr nach und vergaß sie wieder – bis zur nächsten Begegnung. Den Ehemann sah man gar nicht mehr. Er blieb verschwunden.
Nun gingen auch die Gerüchte im Ort umher, brodelten und kochten über. Sie habe ihren Mann in einem lauten und wilden Anfall der Verzweiflung aus dem Haus geworfen.
Das Haus gehöre ihr allein.
Erbe ihrer reichen Familie.
Hinter ihren Türen verwalte sie weiter ihre wertvollsten Kunstschätze und Sammlungen.
Sie habe ihn samt seinen Koffern und der Aktentasche vor die Tür gesetzt, ausgesperrt, ihm bei Nacht und Nebel die Kleidung aus dem Fenster nachgeworfen: Anzüge, Hemden, Schuhe und Socken. Er solle nie mehr das Haus betreten.
Er habe frierend bei sternklarem Himmel vor der Tür gestanden und sie um Einlass gebeten, dann seine restlichen Sachen soweit als möglich in die Koffer verstaut, sei eine knappe Stunde später in ein Taxi gestiegen und nie mehr im Ort gesehen worden. Lebe jetzt wahrscheinlich in der Toskana oder in Sizilien oder auf Gran Canaria, vermutete man. Mit einer Geliebten, einer jungen Studentin von vierundzwanzig Jahren.
Von dem heimlichen Skandal, der erst spät ans Licht getreten war, vor allem, wie er sich zugetragen hatte, erzählte man lange hinter vorgehaltener Hand.
Paula war in dieser Zeit zu sehr beschäftigt gewesen, sodass es dauerte, bis ihr die Geschichte zu Ohren kam.
Ja, ihr Mann beabsichtige mittlerweile, sich wieder neu zu binden, erzählte ein Bekannter im Ort, mit dem er hin und wieder telefonierte, um letzte Formalitäten zu erledigen.
Solche Gespräche gingen um, besonders, weil die Beiden zuvor als leuchtendes Beispiel der Liebe galten. Man bedauerte Charlotte. Man sah, dass sie nicht mehr auf die Beine kam. Immer noch war sie am Boden zerstört.
Sie ließ keine hilfreichen Hände oder tröstenden Worte an sich heran. Sie verwehrte das ihr entgegen gebrachte Mitgefühl. Sie umging jede Konversation. Sie besuchte weder den Kulturkreis im Ort, noch nahm sie an anderen öffentlichen Ereignissen teil. Doch es umgab sie so etwas wie eine Aura ergreifender Größe und Wahrhaftigkeit. Ihr Äußeres offenbarte ihren inneren Zustand. Sie verbarg ihn nicht. Dies blieb über längere Zeit bestehen und veränderte sich nicht – bis zu jenem klassischen Konzert, das unter Organisation und Beteiligung des Kunstforums aufgeführt wurde.
Man hatte den Liederzyklus von Schumann eingeübt, einen bekannten Pianisten und eine junge Sopranistin engagiert sowie eine Auswahl getroffen.
Dazu gehörte unter anderem das Lied „MIGNON“, das Charlotte damals in einen Zustand von Ergriffenheit versetzt hatte und nun Paula mit ihrer schönen Altstimme singen sollte.
Die Musiker, eingeschlossen Paula, gaben bei dem Konzert ihr Bestes und erhielten entsprechend begeistert Beifall, bevor sie sich mit Blumensträußen in die Garderobe zurückzogen. Dort wartete Charlotte. Vor allem wartete sie auf Paula.
Schwerfällig und steif ließ sie sich in dem Sessel nieder, den man ihr anbot. Einen Augenblick saß sie schweigend dort, bis ihr ein leises, gebrochenes Dankeschön über die Lippen kam.
Sie bedankte sich für das wiederentdeckte Glück, das Geschenk des Abends. Das Konzert habe es ihr ermöglicht, wieder in eine schönere Welt zurückzukehren Eine innere Veränderung sei eingetreten. Sie wisse noch nichts Genaues damit anzufangen. Aber vielleicht bewirke der Abend ein Wunder. Vielleicht wolle sie es noch mal mit dem Leben versuchen.
Sie habe heute erst gemerkt, welche Kräfte in ihr schlummerten und dass sie sich von der maßlosen Enttäuschung, die ihr widerfahren sei, jetzt würde verabschieden können. Die Worte kamen noch mühsam über ihre Lippen, ungewohnt.
Paula umarmte sie herzlich und lud sie zu einem Besuch ein. Sie kam wirklich. Von da an erzählte sie. Sie vertraute sich wieder an. Von da an begann auch ihre Freundschaft.
***
Es hatte in ihrer Ehe wohl schleichend begonnen.
Sie spürte es, wie man eine Wetteränderung wahrnimmt: bevor der Föhn einsetzt und die Kopfschmerzen beginnen. Oder wenn ein Orkan sich ankündigt und Gliederreißen auslöst, oder der Herzrhythmus aus dem Takt gerät. Sie spürte eine Veränderung bei sich und ihrem Mann, schon bevor seine Offenbarung ihrer langjährigen und bewährten Beziehung ein Ende setzte. Ein abruptes Ende, kann man wohl sagen.
Das Geständnis fand in einer kalten Winternacht statt, nachdem sie wie üblich gemeinsam ihren Rotwein getrunken hatten. Sie wusste nur, dass sie langsam aufgestanden und bis in die Mitte des Zimmers gegangen war. Dort blieb sie stehen.
Versteinert. Gebannt an diese eine Stelle: diese braune Steinfliese, quadratisch, vierzig mal vierzig Zentimeter groß. Dort muss sie längere Zeit gestanden haben.
Inmitten des großen Raumes, umgeben von kostbaren Teppichen und der noch kostbareren Gemäldesammlung war sie minutenlang zur Salzsäule erstarrt wie Lots Frau im Alten Testament, die verbotenerweise in die Ereignisse des Schreckens zurückblickte.
Zunächst verstand sie nicht.
In ihren Ohren war ein Dröhnen und Rauschen.
Die Erde schwankte, als stürzten jeden Moment die Tempel und Kathedralen sowie die Mauern ihres Hauses ein. Eine Katastrophe war hereingebrochen, so viel hatte sie begriffen.
Sie war am Rande des Untergangs. Es würde ums Überleben gehen. Sie schleppte sich einige Schritte weiter und klammerte sich an die Lehne des dort stehenden schweren Eichenstuhls.
Sie starrte aus der großen Glasfront ihres Hauses.
Gemeinsam gebaut. Keine Bedeutung mehr. Unterhalb die Ortschaft in der Dunkelheit. Kein Stern war zu sehen. Es kam die schwarze Nacht. Sie löste sich mühsam, fast mechanisch. Dann ging sie wie von unsichtbarer Regie geführt blicklos an ihm vorbei. Ihre Schritte klangen laut und hart auf den Stufen nach unten. Er kam hinter ihr her, wollte sie besänftigen.
In dieser Nacht hatte sie ihm Koffer und Aktentasche vor die Tür gestellt. „Reise ab. Sofort. Heute Abend noch“, hatte sie fast tonlos gesagt.
Wie leblos schritt sie ins Haus zurück und schloss mehrfach hinter sich ab, während er nur leicht bekleidet mit ungläubigem Staunen draußen bei den Koffern stand und später in der Dunkelheit mit einem vorfahrenden Taxi verschwand. So muss es jedenfalls abgelaufen sein. Sie sah ihn nicht wieder.
Sie hatte sich in ihr Studio zurückgezogen und darauf, dass die Zeit verging. Doch die Zeit verging nicht. Katastrophen kennen keine Zeit. Sie rechnen anders.
Äußerlich war sie verstummt. Innerlich tobte die Verzweiflung in ihr, die Scham über die Selbsttäuschung, der Schmerz über die Demütigung, die Hoffnungslosigkeit. Es war ihr, als verliere sie ihr Leben und als warte in der Ecke nur der Tod. Es war, als würde ihr Mann, ihr Beschützer, ihr Gefährte, der langjährige Vertraute all ihre Lebendigkeit mit sich nehmen und als könne sie nicht leben ohne ihn und mit ihm auch nicht mehr. „Das ist das Ende“, sprach sie.
Das Haus war leer und still geworden. Wenn sie früher alleine gewesen war, spürte sie die Leere nicht, denn sie war immer innerlich zu zweit. Ihr Mann würde bald kommen, oder am Abend kommen, oder in zwei Tagen, oder in einer Woche.
Das Haus sprach mit ihr, die Bilder sprachen mit ihr. Die Stadt sprach mit ihr und sie mit der Stadt.
Sie war ausgefüllt gewesen.
Die Ergänzungen in einem Eheleben,
die Ansprüche aneinander,
Hoffnungen, Wünsche,
die Selbsttäuschung,
die Bedürftigkeit.
War sie nur ausgefüllt gewesen durch ihn?
Wer war sie?
Sie spürte in sich nur das Nichts und die gähnende Leere. Sie flüchtete nach draußen. Sie ging durch die Stadt und kam sich fremd vor. Hier lebte sie doch schon lange. Hier hatte sie sich einen Bekanntheitsgrad geschaffen. Hier war sie im kulturellen Leben anerkannt. Es hatte ihr immer genügt.
Sie war eitel gewesen.
Sie wusste, wie stolz er auf ihre Schönheit war.
Sie spürte den eleganten Hut auf ihrem Haupt und die Krempe, die ihre Wange streifte. Sie war etwas Besonderes hier durch ihren Hut. Mal in Blau, mal in Gelb, mal mit Feder, mit Schleier, ohne Schleier.
Doch irgendwie war alles schal geworden.
„Oberflächlich“, entschied sie für sich.
Das waren ihre Beziehungen.
Sie hatte mehr gewollt. Sie hatte einmal das Schicksal bezwingen wollen. Sie hatte alles von ihm verlangt und war doch nur eine bürgerliche Existenz eingegangen. Kleinbürgerlich fast.
Sie hatte versagt. Sie hatte sich verraten. Sie hatte um ein Glück gebuhlt, das sie abhängig machte. Sie hatte ihr Leben an ein anderes gefesselt.
Doch sie war es immer noch, sie, Charlotte B., ihr Blut floss in ihr weiter und es floss nicht von selbst.
Wo war das Herz, dass das Blut immer noch durch ihren Körper pumpte, das ihre erstarrten Hände wärmte? Sie musste angekoppelt sein an einen anderen Kreislauf, denn sie fühlte nur einen Stein, wo sonst das Herz schlug. Starthilfe, tägliche, brauchte sie sozusagen. Eine Nabelschnur, die sie ernährte. Sie hatte sich zu sehr gewöhnt an die tägliche Gemeinsamkeit, an das Schlafen miteinander, an die Nächte Haut an Haut, an die Tage mit den ineinander verwobenen Seelen.
Sie brauchte die Hand, die ihr fürsorglich unter den Arm griff, die Geborgenheit, den Beschützer. Hatte sie den Geliebten mit dem Beschützer und dem Vater verwechselt? Sie nahm Goethes „Wilhelm Meister“ hervor und las das Lied der Mignon, noch einmal und noch einmal, und die Schönheit seiner Sprache wurde ihr bewusst und tröstete sie. Sterben an gebrochenem Herzen?
Sie wollte leben, aber wozu?
Sie lief in den Wald hinter dem Haus und irrte dort ziellos herum. Manchmal auch nachts. Stundenlang lief sie die alten Wege.
Manchmal erkannte sie nicht mehr, wo sie sich befand. Doch irgendwie kehrte sie immer zum Ausgangspunkt zurück: am Holzhaus mit den roten Fensterläden vorbei, das seit Neuestem einem ihr unbekannten Maler gehörte, der im Rollstuhl saß, an der weißen, hinter Bäumen versteckten Villa, die einer Fabrikantenfamilie aus der Hauptstadt gehörte und nur selten bewohnt war, bis hin zu ihrem Zuhause am Rande des Waldes, mit der Glasfront zum Tal, dessen Eingang auf vier gelben Säulen stand, ein modern anmutendes, helles, freundliches Gebäude mit wildem Garten und exotischen Gewächsen umgeben. Es war einmal ihr Zuhause gewesen. Jetzt war es nur noch irgendein Haus.
Sie dachte an nichts.
Sie ging nicht ans Telefon.
Sie rief niemanden an.
Was sie aß und trank, wusste sie nicht.
Die Post sammelte sich auf der Truhe. Die Haushaltshilfe, die einmal wöchentlich kam, bestellte sie ab. Das Haus begann zu verwildern.
Sie lebte von den Vorräten, bis sie verbraucht waren. Sie duschte und wusch sich die Haare nur noch sporadisch. Sie stand manchmal vor dem Schrank mit ihren Hüten und erschrak. Das war einmal sie selbst gewesen?
Sie nahm das Geschmeide in die Hand, die Ringe und Perlenketten, und ließ sie wieder in die samtene Box gleiten. Alles dies brauchte sie nicht mehr.
Diese Zeit war vorbei.
Irgendwann war Charlotte ergraut. Fixiert auf den Schmerz der Trennung, hätte der Tod selbst, der Menschen auseinanderreißt, nicht schlimmer sein können. Ja, seinen Tod hätte sie ertragen, aber dass sie ihn an eine andere Frau verloren hatte, das war der Grund der Verzweiflung. Sie sehnte sich nach Liebe, mehr denn je, und gerade sie wurde ihr plötzlich versagt. Sie würde ihr auch den Rest des Lebens versagt bleiben: Niemals würde es werden wie zuvor, niemanden würde sie jemals wieder lieben, es war aus mit der Liebe. So dachte sie. So fühlte sie. Das war ihre Trauer. Der Mensch kann ohne Liebe nicht hoffen. So wusste sie nicht, wie es mit ihr weitergehen sollte.
Bei den Gemälden blieb sie ab und zu stehen.
Die Farben und Formen drangen für einen Moment in ihr Inneres. Dann wanderte sie wieder weiter durch das Haus oder durch Feld und Wald, und sie spürte nichts als Unglück, während ihre Beine schwer wurden und schleppend. Zwischenzeitlich saß sie im Lehnstuhl ihres Studios.
Sie starrte auf den Ort, in dem die Menschen sie zu vermissen begannen und sich Sorgen um sie machten. Das Gerücht um die Trennung von ihrem Mann hatte längst Kreise gezogen.
Charlotte aber verharrte lange in der Trauer. Zu lange, wie sie später meinte. Trotzdem begann eine allmähliche Veränderung.
Nach Monaten, in denen sie abgemagert war, begann es ihr wieder zu schmecken, und sie bestellte sich erstmals Delikatessen, die sie mit einem Glas Wein am Abend alleine genoss. Aus dem Glas Wein wurde mit der Zeit manchmal auch eine ganze Flasche oder mehr. Doch es war trotzdem der erste Weg zu sich selbst: sie begann, die Abende unabhängig zu genießen, für sich alleine. Auch, wenn sie das rechte Maß verlor.
Sie bestellte den Friseur und ließ sich die Haare so kurz abschneiden, dass sie aussah wie eine buddhistische Nonne. Den Sinn des Lebens aber suchte sie nicht.
Sie begann auch wieder, wie früher in ihrer Jugend, rauschhaft Bücher zu verschlingen. Sie ließ sich dicke Romane aus der Buchhandlung kommen. Sie entdeckte die letzten Neuerscheinungen und las sich in fremde Kulturen und fremde Biographien ein, wie sie es noch nie zuvor getan hatte. Die Welt wurde plötzlich ein weiter Raum. Sie mied aber nach wie vor die Gesellschaft ihrer Mitmenschen und erledigte nur widerwillig die anfallende Post.
Die Scheidung war eingereicht worden. Alles ging seinen Weg. Das Trennungsjahr war längst abgelaufen, als die Formalitäten ohne ihre Anwesenheit durchgeführt wurden. Die Vermögenslage war geklärt, also konnte sie tun und lassen, was sie wollte.
***
Anfang Mai hatte er das erste Mal an ihrer Tür geklingelt. Sie hatte gezögert, ob sie öffnen solle.
Aber sie sah ihn aus ihrem Fenster mit seinem Rollstuhl dort unten vor der Haustür. Er erschien ihr erbärmlicher und hilfloser als sie selbst. Doch sie sollte sich täuschen.
Sie öffnete. Er lud sie ein. Er sähe sie häufig an seinem Haus vorbei gehen und er würde sich sehr freuen, wenn sie bei Gelegenheit mit ihm Kaffee trinken würde.
Zu dieser Zeit hatte sie schon mächtig an Gewicht zugenommen. Ihre Haare waren kurz geschoren, ihre Hüte der Reihe nach, bis auf einen einzigen, vernichtet, ihre Ringe und Perlenketten dem Juwelier überlassen, und sie frönte ihren neuen Leidenschaften, dem Lesen und den Delikatessen.
Sie zögerte. Sie war es nicht mehr gewöhnt, mit jemandem persönliche Worte auszutauschen, und sie bestand einen leisen, inneren Kampf, bis sie sich entschließen konnte. Sie sagte schließlich zu, sagte wieder ab, sagte wieder zu, bis sie dann doch eines Tages an seinem Tisch saß und mit ihm Kaffee trank. Es war mittlerweile wieder August geworden.
Er hatte Pflaumenkuchen gebacken, und sie wunderte sich, wie er im Rollstuhl sitzend so vieles bewältigen konnte, was ihr selbst nicht gelang. Sie schwieg hartnäckig und antwortete nur einsilbig auf seine Fragen.
Sie tranken den heißen Kaffee auf der Terrasse.
Diese war mit Hecken und Weinlaub zugewachsen.
Man sah sie von der Straße nicht.
Das beruhigte sie.
Sie aß von dem Pflaumenkuchen zwei Stück und sah sich in seiner Wohnung um: alles weitläufig und viel Platz. Er konnte sich überallhin bewegen. In einer Ecke ein altes Klavier. Bilder im Raum verteilt. Sie glühten in Farben und reflektierten das Licht. Sie konnte sie nicht direkt ansehen, so sehr blendeten sie ihre Augen. Das Atelier?
Sie wollte es nicht sehen.
Bücher. In den Regalen viele Bücher.
Das kam ihr im Augenblick vertrauter vor.
Und auch ein Gemälde an der Wand! Hieroglyphengleich waren Farben und Zeichen darauf verteilt. Man musste seine Geheimschrift entziffern. Sie griff fast wahllos eines der Bücher, stellte es wieder in das Regal, suchte weiter. Er reichte ihr einen dünnen Band, den sie nach Hause trug mit dem Titel: “Glut“
„Warum diesen Band?“, dachte sie. Die Glut ist in mir erloschen. Bedauerlich. Sie fühlte sich für einen Moment wieder kalt und leer.
Sie las, brachte das Buch zurück, trank wieder Kaffee bei ihm, las ein neues Buch, das er für sie bereitgelegt hatte, brachte es wieder zurück, bis sie eines Abends zusammenblieben und gemeinsam Wein tranken. An diesem Abend rollte er seinen Rollstuhl zum Klavier und begann zu spielen, eine Gefahr, die sie witterte, die sie aber ausblendete.
Doch sie spürte, das hier war ihre Welt.
Die Bücher, die Musik, die Bilder, die Farben, die Formen, das Licht. Das Glück war zurückgekommen. Was im Einzelnen passiert war, konnte niemand sagen. Charlotte B. erschien nach einer längeren Pause wieder im Ort, schön, schlank und mit Hut.
Diesmal trug sie ein neues Modell mit lila Federn, und die Menschen drehten sich wie früher bewundernd, neidisch, lästernd und anerkennend nach ihr um.
Ergraut, aber elegant, an der Seite den zwanzig Jahre jüngeren Maler Max Rendy im Rollstuhl, betrat sie das Rathaus, um das Aufgebot zu bestellen. Der Ort stand Kopf. Einige waren skeptisch, mache schüttelten den Kopf, viele beglückwünschten sie. Anschließend gab es ein Fest mit einem spektakulären Feuerwerk, das den Himmel über der Ortschaft erleuchtete. Auch Nachbarn, Freunde und Bekannte waren eingeladen.
Paula war ebenfalls dort. Sie stand allein und ein wenig frierend im Garten und sah der funkelnden, blitzenden, krachenden und Sterne sprühenden Illusion zu, die sich am Nachthimmel abspielte. Sie dachte an ihre eigene, verflossene Liebe, an die Einsamkeit und an die Zweisamkeit.
Charlotte und Max Rendy eröffneten wenig später ihre bis heute erfolgreiche Galerie, in der sie mit Fingerspitzengefühl und Fachkenntnis junge Talente entdeckte, und er sich ein Publikum für seine eigene Kunst erobern konnte.
PAULAS NEUES LEBEN
Paula lernte KA in der Galerie Rendy anlässlich einer Ausstellung kennen. Er stand mitten im Raum, umgeben von einer Schar eifriger Frauen.
Sie umschwärmten ihn wie Bienen einen Honigtopf.
KA aber konzentrierte sich auf die Begrüßung und die Laudatio, beobachtete das Geschehen um sich herum, versenkte sich in die Betrachtung der Bilder, blieb seinen Begleiterinnen gegenüber freundlich und zugewandt, ließ sich aber nicht vereinnahmen. Er schien unabhängig, was Paula beindruckte.
Paula beobachtete ihn von ihrem Standort aus. Sie fand ihn sympathisch. Sein markantes Gesicht, seine Haarpracht, sein wilder Bart hatten etwas von einem Seemann an sich, der die Weite liebte, den Blick frei bis zum Horizont. Gleichzeitig aber strahlte er Sensibilität und Feinfühligkeit aus. Paula fand: eines seltene Mischung.
Immer wieder schaute sie zu KA herüber, der eigentlich Konrad Anton Kirsch hieß, der aber der Abkürzung halber KA genannt wurde. Paula übernahm sogleich den Namen und konnte sich später nicht mehr umstellen.
KA also war an diesem Tag so eng von einer ihn umschwärmenden Damenschar umgeben, dass es nicht zu einer näheren Begegnung kam, auch nicht zu einem einzigen Wort. Sie ging wieder nach Hause und KA strebte in eine andere Richtung davon. Doch Paula traf ihn von da an immer wieder, mal bei Jazzkonzerten, bei einer Ausstellung oder einem Vortrag, ohne dass sich ein Kontakt ergab. Irgendwann aber musste es passieren. Paula war nun schon acht Jahre allein. Sie war ausgefüllt und zufrieden mit ihrem Leben. Aber sie begann die Zweisamkeit zu vermissen.
Die Begegnung mit KA entzündete ihre Phantasie, sodass sie sich öfter dabei ertappte, wie sie ihn in ihre Zukunft einplante und mit ihm unterwegs war.
Auch KA hatte begonnen, Paula bei den unterschiedlichsten Veranstaltungen der regionalen Kulturszene zur Kenntnis zu nehmen. Er sah sie rank und schlank, eine leger gekleidete, jugendlich wirkende Person, etwa gleich alt wie er selbst, mit ergrauten Haar, in das der Friseur hübsche, rotbraune Strähnchen gezaubert hatte. Hinter ihrer dicken Hornbrille entdeckte er aufmerksame Augen. Einmal lächelten sie sich zu.
Ansonsten nahm er sie wahr wie einen vorübergehenden Film, an den man sich gerne erinnert. Sein wirkliches Leben spielte aber in einem anderen Orchester. KA war Leiter einer Institution für Erwachsenenbildung und dort von Dozentinnen und Sekretärinnen umgeben, die ihn anhimmelten, ihn bewunderten und tagtäglich in den Genuss seiner hervorragenden Fähigkeiten kamen: Klugheit und scharfer Verstand, soziales Einfühlungsvermögen und Souveränität sowie männliche Ausstrahlungskraft. Er wurde aufgrund dieser Eigenschaften der Held mancher Frauenträume. Einige machten sich Hoffnungen, da KA seit kurzem solo war.
Paula wollte keinen Helden. Vor allem keinen Frauenhelden, deshalb ging sie ihm aus dem Wege und suchte keine Gelegenheit, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Sie wollte eine seriöse Reisebegleitung in ihrem Alter. Keine Abenteuer. Keine Aufregung. Die Gelegenheit ergab sich aber trotzdem, und es ergab sich noch eine zweite Gelegenheit, die dann zu einer dauerhaften Verbindung führte.
Allein unterwegs wie so häufig, an einen Pfeiler im Raum gelehnt, ein Sektglas in der Hand, feierte sie mit anderen geladenen Gästen die neue dadaistisch anmutende Malerei von Max Rendy, zu dessen Ehre die heutige Matinee stattfand.
Nichts als Schnipsel, Collagen aus aktuellen Zeitungen auf Leinwand fixiert, und darüber große, schwarze Kleckse, die alles infrage stellten, und mittig Fotografien aus der digitalen Welt, Tablets, Smartphones, Notebooks, fragile Zeichen wie aus der Geisterwelt gerufen. Die Tradition hatte mal wieder ausgedient. Max beschäftigte sich seit einiger Zeit mit dem Thema und hatte seine eigene Version anlässlich eines DADA Gedenkjahres auf die Leinwand gebracht.
Außerdem hing ein großes Plakat mit dem Text aus einer DADA-Zeitschrift der 1920er Jahre mitten im Raum, das allen in die Augen sprang.
Was ist Dada?
Eine Kunst? Eine Philosophie? Eine Politik?
Eine Feuerversicherung? Oder: Staatsreligion?
ist dada wirkliche Energie?
oder ist es>>>>>>Garnichts.
Alles?
In dem Augenblick, als Paula das Plakat las, entdeckte sie, an die Rückseite der Säule gelehnt, KA, alleine, ohne Frauenschwarm. Er wandte sich ihr zu und begann ein Gespräch über die Ausstellung.
Paula war in dem Moment, als er sie ansprach, so überwältigt, dass sie das Sektglas in der Hand vergaß und es zu Boden gleiten ließ. Das Ganze sollte ja gut beginnen!
KA lachte!
Scherben bringen Glück!
Er nahm ein großes, altmodisches Taschentuch aus seiner Westentasche – extra für solche Gelegenheiten, wie er sagte – und wischte die Sektbrühe von Paulas Kleid - oder Rock oder Hose, oder was auch immer sie damals trug.
Um sie herum sammelte man die Scherben ein und im Nu wäre das Malheur vergessen gewesen, wenn sie nicht kurz darauf zum zweiten Mal das Sektglas hätte fallen lassen.
Diesmal ergoss sich der süße und prickelnde Inhalt in den Ausschnitt von KAs Sekretärin, die herbeigeeilt war (möglicherweise um KA vor fremden Frauen zu retten) und dabei in der Enge der Umstehenden über den Schuh eines Mann stolperte, der in einer Gesprächsrunde direkt vor Paula stand.
Obwohl Paula daran unschuldig war, weil sie angerempelt wurde, nahmen sie die anwesenden Gäste nun als störend und unbeholfen wahr.
Nur KA ließ sich nicht beeindrucken.
Er blieb souverän.
Er kannte die Ursache.
Er verlor seinen Humor nicht.
Er wies im allgemeinen Getümmel laut darauf hin, dass es sich heute um eine DADA-Ausstellung handeln und die Einlage als Impuls ausgezeichnet zum Thema passen würde. Ja, dass sie die Einstimmung in diese Kunstform erst so recht anschaulich machte, worauf ein entspanntes Gelächter entstand, und die Umstehenden Paula zu dieser guten Idee beglückwünschten. Es ging dann so weit, dass Max Rendy sein Sektglas nahm, das vor ihm auf einer Staffelei platzierte Gemälde mit dem prickelnden Inhalt sozusagen taufte und gut gelaunt die Aktion als geplante Performance bezeichnete.
Damit aber endete vorerst wieder der Kontakt zwischen Paula und KA.
Erst Wochen später, im Winter, kam es zu der wirklichen und entscheidenden Annäherung. KA war bei einem Vortrag in der Stadtbibliothek anwesend. Auch Paula war dort. Sie interessierte sich für das Thema, einen Reisebericht über das Leben in den kanadischen Wäldern. Zu spät gekommen, hatte sie nahe der Eingangstür Platz genommen. Sie wollte auch sehr bald nach Hause.
Sie verabschiedete sich von einigen Bekannten, die sie immer irgendwo traf und legte draußen, kurz hinter der Eingangstür einen uneleganten Salto hin: sie war der Länge nach ausgerutscht.
Es war spiegelglatt. Eisglätte. Blitz Eis. Glück.
Das war die Gelegenheit für KA, der sie in sein Auto beförderte und sie direkt bis zu ihrer Haustür fuhr. Von diesem Zeitpunkt an hatte auch Paula wieder einen Begleiter.
KASCHMIR UND SEIDE
Vorige Woche waren Paula und KA schon zum dritten Mal im Tramuntana-Gebirge und besuchten dort auch zum dritten Mal den Ort Valldemossa, der mit seinem Kartäuserkloster weit über das Tal in Richtung Palma blickt, und vor dem sich die mediterranen Gärten mit Zitronen-, Orangen- und Olivenhainen bis weit in die Ebene ziehen. Sie besichtigten dort noch einmal eben dieses Kloster.
Die Kartause, eine Einsiedelei.
Die Kartäuser, ein Schweigeorden.
Nur einmal in der Woche trafen sich die Mönche in ihren weißen Gewändern für eine halbe Stunde zum Gespräch in der Bibliothek. Sonst Stille, Gebet und Kontemplation, soweit nicht die Gärten, welche vor den Mönchszellen liegen, bearbeitet und gepflegt werden mussten, um den Lebensbedarf sicherzustellen.
Auch KA und Paula schweigen oft. Sie ähneln den Kartäusermönchen. Manchmal hängen sie ihren Gedanken und Träumen nach, jeder für sich allein.
Manchmal schweigen sie bewusst, denken über dieselben Geschehnisse nach und warten nur auf den richtigen Moment, die Worte zu finden.
Manchmal ist das Schweigen an der Seite von KA für Paula das höchste Gefühl. Ja, es ist ein hoheitsvolles Gefühl, zu schweigen und still zu sein, wo man sonst nur Belangloses spricht. Man ist eingehüllt in das Wesentliche.
Man kann vordringen zu Dingen, die man sonst nicht wahrnimmt. Manchmal. Ja, manchmal ist das Schweigen ein großer Segen. Manchmal aber auch ein Fluch, wenn die Dialoge sich verirrt haben und Missverständnisse aufgetreten sind. Dann kann das Schweigen eisig sein.
Jetzt gab es keine Missverständnisse. Jetzt schlenderten sie bei Sonnenschein und unter Palmen und Orangenduft durch die Gärten von Valldemossa.
Paula schob ihre Hand in KAs Hand. Sie ließen sich vom Touristenstrom durch enge Pflasterstraßen treiben, wie man mühelos in einem Fluss zu einem Ziele treibt.
KA blieb manchmal stehen und fotografierte einen Brunnen, ein altes, mallorquinisches Haus, geschmückt mit Blumenpracht und handbemalten Wandfliesen, einen Waschtrog, wie man ihn in den Dörfern noch benutzte, und dann standen sie vor einer Boutique, die recht schöne, einheimische Handarbeiten bot: Tongefäße, Bilderrahmen und Schalen aus Olivenholz, glitzernde Quasten und Handtäschchen aus bunten Glasperlen, bestickte Tücher sowie einen breiten Schal, ein Einzelstück, den man als Stola verwenden konnte. Eine spanische Handarbeit.
Sie kauften den Schal als Mitbringsel für Paulas Tochter Susanna. Er war von warmem Braun, übersät mit kleinen, bunten Blüten, die mit einer zartgrünen Blätterranke verbunden waren. Das würde zu Susanna passen, ihrem braunen Haar, ihren grünen Mandelaugen. Sie könnte sich den Blütenschal um die Schultern legen, um sich an kühlen Sommerabenden im Garten sitzend zu wärmen, oder ihn als Schmuckstück tragen, wenn sie ausginge und so weiter und so fort, dachte Paula laut vor sich hin. Zufrieden stiegen sie in ihren Land Rover, einen Leihwagen, den sie gar nicht bestellt hatten und der ihnen großzügig zur Verfügung gestellt worden war, weil das gebuchte Objekt kurz vor Übergabe den Geist aufgegeben hatte.
Sie fuhren nun bequem zu ihrem Ferienort zurück.
Es war später Nachmittag. Während die Bucht von Andratx immer näher rückte und das blaue Meer ihnen wieder entgegenleuchtete, sagte KA: Wir wollen auch einen Schal für Veronica besorgen.
Veronica, KAs Tochter, ist viel auf Reisen. Alle freuen sich das ganze Jahr über auf das Wiedersehen an Weihnachten. – Natürlich werden sie einen ebenso schönen Schal für Veronica kaufen. Morgen werden sie wieder losfahren und einen suchen.
Sie wollten ein Tuch für Veronica besorgen, und zwar auch in spanischer oder mallorquinischer Handarbeit und keines „Made in China“ oder „Made in Indian“. Es soll ähnlich sein wie das von Susanna. „Ja“, sagte Paula, „Veronica soll auch einen solch schönen Schal haben. Wir werden ihn finden.“ Doch das war nicht so leicht.
Sie suchten mehrere Tage lang. Der Urlaub ging dem Ende zu. Überall hingen Tücher und Schals in allen Farben und Nuancen, jedoch keines der bunten Stofftücher war ein Stück einheimischer Handarbeit, nicht vom spanischen Festland und nicht von der Insel, auf der sie ihre Ferien verbrachten. Auch fern der Touristenströme schienen sie kein Glück zu haben.
Dann aber endlich – in den letzten Urlaubstagen, als sie wieder durch das Tramuntana-Gebirge fuhren, über Serpentinen und durch Felsschluchten, an herrlichen Ausblicken über das strahlende Mittelmeer vorüber und schließlich in eine abgelegene Bergwelt vordrangen, kamen sie in einen majestätischen Ort mit einer hohen Kirche und einer steilen Treppe, die hinauf führte zu einem Brunnen.
Sie kämpften sich die Stufen hoch – Schritt für Schritt. Es war ein heißer Tag. Paula war müde und die Hoffnung auf so einen Schal hatte sie schon fast aufgegeben. KA nicht – KA gab niemals auf.
Und oben, hinter dem Brunnen, fanden sie tatsächlich ein kleines Geschäft mit spanischen Leder- und Webwaren, – und im Fenster hing der gesuchte Schal. Weinrot. Eine mallorquinische Handarbeit, eine Stola, bestickt mit Blüten. Schön war sie.
Schöner hatte Paula nie ein Tuch gesehen. Ihr Herz klopfte, als es so vor ihr lag.
Rot wie Burgunderwein.
Rot wie die Liebe.
Rot wie der Schmerz.
Rot wie die Lebensfreude.
Geschmückt mit einer Girlande von goldgelben Margeriten und zartgrünen Blätterranken. Ein Einzelstück, ein Unikat, nicht doppelt erhältlich.
Ein Zauber ging von ihm aus.
Wie eine Komposition von Chopin lagen die Blumen auf dem Tuch, eine Symphonie von Blütenranken, die in einer ganz großen, sich öffnenden Blume als Finale endete. Die zierliche, schwarzhaarige Geschäftsinhaberin nahm das Tuch aus dem Fenster. Paula hielt ein Gewebe aus Kaschmir und Seide in den Händen – die Blütenranke darauf: ein Kunstwerk der Handarbeit. Was es kostete, war für KA keine Frage mehr.
Wir nehmen es, sagte er.
Es wird ein Weihnachtsgeschenk, und er meinte, Veronica. Paula erschrak. Sie kam schlagartig wieder in der Wirklichkeit an. Denn in ihren Gedanken gehörte der Schal längst ihr. Wie viele Jahre hatte sie ihn gesucht. Wie viele Sehnsüchte hatten sie getrieben. Wie viel Mangel hatte sie erlitten, wie viele Träume geträumt, wie viele Wege war sie ergebnislos gegangen, um diesen Schal zu finden.
Rot wie die Liebe. Rot wie Blut.
Rot wie die Freude.
Rot wie das Leben. Rot wie die Kraft. Rot wie Burgunderwein. Der Schal gehörte ihr. Er war die Fülle des Lebens, extra für sie selbst gemacht.
Hundert Hände hatten ihn gewebt, hundert Finger sich blutig gestochen, und fein und zart wurde er für eine Königin bestickt. So träumte Paula – und sie erwachte und sah: Der Schal gehörte Veronica, und als die Spanierin ihn nahm und ihn sich eng um den Körper wickelte, um ihn dann wie zum Tanz auseinanderzubreiten, wurde ihr Wunsch, ihn zu besitzen, noch größer.
Aber auch der Schmerz, dass sie ihn nicht besitzen würde, wurde ebenfalls groß, so, dass ihr plötzlich die Tränen über die Wangen liefen.
Still und schweigend hatte Paula zu weinen und dann zu lachen begonnen. Sie weinte und lachte gleichzeitig - und sie stand da, mitten in dem vornehmen und dunklen Verkaufsraum, während draußen die Sonne gnadenlos schien und war zerrissen in einem Kampf, und während der Film ihres zurückliegenden Lebens vor ihrem inneren Auge ablief, nahm KA ganz sanft Paulas Hand und sagte: Der Schal gehört dir.
Die spanische Geschäftsinhaberin, jung, zierlich, dunkelhaarig wie Veronica, lächelte verständnisvoll, sprach mallorquinisch und vermischte ihre Muttersprache mit einigen deutschen Wörtern. Paula schien es, als sänge eine Nachtigall oder eine Lerche:
Stola ist wunderbar.
Stola passt Signora wundervoll.
Signora müssen Stola tragen.
Sie legte ihr das Tuch um die Schulter. Weich und warm hüllte es Paula ein. In diesem Tuch würde sie sterben wollen. Und doch, gleichzeitig, nahm Paula schon Abschied. Sie spürte den notwendigen Verzicht, auch wenn sie sich ihm noch nicht stellen wollte. Der erste Augenblick des Abschieds war schon eingetreten, ehe sie den Schal jemals besaß.
Doch sollte es noch eine Weile dauern, bis Paula ein wirkliches „Ja“ sagen konnte. Aber es war ihr bewusst: Dieser Schal gehörte nicht ihr. Das Schicksal hatte ihn für Veronica bestimmt. Es würde kein Weg daran vorbeiführen.
Oder doch?
War es Paulas Schicksal, immer zu verzichten?
Was bedeutete überhaupt Schicksal?
Reden wir uns das nicht oft ein, um uns vor Entscheidungen zu drücken? Was gab ihr die Gewissheit, dass der Schal, die Stola, der Blütentraum Veronica gehöre?
Paula war der Blick nicht entgangen, mit dem KA kurz zuvor die Stola betrachtet hatte und sie dann entschlossen kaufte. Für Veronica, nicht für Paula.
Veronica, die er so selten sah. Veronica sollte den Schal von ihrem Vater haben. Ein Schal der Lebensfreude und der Schönheit, ein Zeichen menschlicher Phantasie und Kunst. Ein Zeichen auch seiner Verbundenheit. Ja, Paula musste lernen, mit Großmut zu verzichten. Sie musste mit Freude diesen Schal weitergeben. Der Akt brauchte ihren inneren Segen.
Einige Tage noch dauerte es, bis diese Entscheidung gefallen war. Einige Tage noch dauerte der innere Kampf. Auf der Rückfahrt mit dem Land Rover durch das Gebirge Mallorcas, vor ihr die Felsen abstürzend ins Meer, sang und weinte es in ihr, und immer wieder strich die Hand von KA über Paulas Arm, während sie fuhr und fest das Steuer hielt, und sie schwiegen wie die Mönche über das, was sich in ihren Seelen abspielte.
Sie schwiegen viel die nächsten Tage. Jeder hing seinen Gedanken nach und die Erinnerungen begannen sie zu umgarnen und hielten sie die ganze Zeit gefangen in ihrem Netz.
Sechzig Jahre, ein Leben!
Kindheit und Jugend, Liebe und Verlust. Aufgaben.
Arbeit, Krankheit, Hunger und Sehnsucht. – Kinder, Eltern und Großeltern tauchten vor ihrem geistigen Auge auf. Jeder war für sich alleine und doch waren sie einander verbunden - unausweichlich mit dem roten, mallorquinischen Schal, der zu einer Metapher wurde für das Leben selbst.
Jeden Abend packten sie ihn aus. Sie öffneten das zarte, goldumrandete Geschenkpapier und breiteten ihn auf der Bettdecke aus. Dann packten sie ihn wieder ein.
Jeden Abend, bis zur Abreise.
Am letzten Abend saßen sie wie gewohnt in der Ecke ihres Speisesaales und blickten auf das Meer.
Viele Gäste waren schon abgereist. Der Winter nahte. Leise spielte Musik. Die Kellner brachten die Suppe, die Vorspeisen, den Wein – da nahm KA lächelnd die Hand seiner Begleiterin und sagte: Paula, ich habe lange überlegt.
Ich mache Dir noch einmal das Geschenk.
Der rote Schal – er gehört Dir.
In diesem Moment erst traf Paula endgültig die Entscheidung. Wehmütig – und doch schon frei, gab sie den Schal ab. Die Tränen, die aufstiegen, waren Tränen der Erlösung. Sie hatte sich von dem Requisit, das sie an ihre Lebensträume erinnerte, verabschiedet. So war es: Der Schal gehörte Veronica und sie überließ ihn ihr gerne.
Zu KA sprach sie leise, aber entschlossen. Höre zu, sagte sie, ich danke dir von ganzem Herzen. Dein Geschenk an mich zeigt auch deine Liebe zu mir, aber ich habe in meinem Inneren die Gewissheit, dass ich dein Geschenk nicht annehmen darf. Der Schal gehört Veronica. Denn es ist ein Geschenk eines Vaters an seine Tochter, das ein Zeichen der Liebe setzen soll und sagen: So ist das Leben, voller Schmerz, aber auch voller Freude und Schönheit.
So schön und kostbar ist das Leben. Lebe es mit Leidenschaft, dann erhältst du die Fülle. Das wolltest du Veronica mit deinem Geschenk sagen. Ich habe es in deinen Augen gelesen und deine Gedanken erkannt.
Und, sage selbst, wie sollte ich den mallorquinischen Schal mit Freude tragen, wenn ich weiß, das Schicksal hatte ihn für Veronica bestimmt als ein Zeichen der Liebe zwischen Tochter und Vater. – KA schaute Paula lange überrascht und mit Bewunderung an. Dann lächelte er und nickte erleichtert.
Bald danach erhielt Paula eine Fotografie vom mallorquinischen Schal, so, wie sie es sich gewünscht hatte. Es war nur ein Foto, ein fernes Abbild dieses einen Traumes. Aber Paula träumte ihn weiter – und träumte ihn immer wieder neu. Es war der Traum vom erfüllten Leben und der leidenschaftlichen Zustimmung und dem Mut, den Paula dazu immer wieder braucht.
DAS LEBEN IST SCHÖN.
WIR BLÜHEN!
Paula stand nach einer langen Wanderung am Zaun. Die Frau bückte sich zu den Blumen.
Sie bückte sich zu den Blumen und goss mit einer Blechdose Wasser auf die Wurzeln. Die Erde war trocken. Paula sah ihr zu.
Paula sah, wie sie in einer großen Regentonne vor einem verfallenen Haus Wasser schöpfte, abwägend von Pflanze zu Pflanze ging und das Maß bestimmte, das sie zuteilte. Sie wusste um den Wert des Wassers. Sie gab nicht zu viel.
Dann füllte sie wieder die Blechdose und verschwand hinter den Tomaten. Paula sah nur ihren gebückten Rücken, der sich unter ihrer Kittelschürze auf und ab bewegte. Paula sah ihre zerbrechliche und zerknitterte Gestalt, die dürren, faltigen Arme, und ab und zu den weißen Haarschopf, wenn sie sich aufrichtete, soweit es ihr möglich war. Paula stand lange am Zaun und sah ihr zu.
Ihr Garten reichte bis zu der Brücke, unter der smaragdgrün der Bach dahin floss und rauschend seinem Ziel zu trieb. Der Bach rauschte und murmelte.
Er umspülte die Steine und schliff sie weich und rund. Der Bach grüßte scheinbar die Brücke – oder die Brücke den Bach, und auf der Brücke grüßten die Blumen.
Die Frau hatte zwei Blumenkästen an die Brückenpfeiler gestellt. Die Blumen blühten dort etwas mager. Es war sehr heiß. Die Blumen, eine rosa Geranie, ein fleißiges Lieschen, ein wenig Männertreu, zeigten etwas blass ihre Farben, aber sie riefen trotzdem: Wir leben – und das Leben ist schön.
Wir blühen!
Es blühten im Garten vor dem zerfallenen Haus Rittersporn und Katzenminze, Prachtscharte und Sonnenhut und blaue Akelei und Taglilien und Purpurglöckchen in rosa und rot neben den Kartoffeln und den Bohnenstangen und den Tomaten, die noch grün an ihren Staudenzweigen hingen.
Alles durcheinander – und alles etwas bescheiden und ärmlich und alles ungedüngt. Es wuchs, wie der Boden es hergab bei der Alten. Aber jede Blume hatte ihren Wert. Jede wuchs für sich und duftete vor sich hin – und über Paula und der Alten ein blauer Himmel, an dem die Kumuluswolken zogen, eine Nachmittagssonne, die beide Frauen und die Pflanzenwelt in leuchtendes, warmes Licht und den Wald am Hang in schillerndes Grün tauchte.
Sie sprachen beide kein Wort.
Die Frau ignorierte Paulas Anwesenheit.
Sie sah sie nicht an. Sie lief mit gebeugtem Rücken von Blume zu Blume und wieder zurück zum Regenfass. Dahinter, neben dem Fass, war noch ein zweiter, höherer Zaun, und dahinter verborgen noch ein weiterer Garten.
Sie öffnete jetzt das Tor und Paula sah einen Weg, auf dem fünf Gießkannen standen, nebeneinander aufgereiht wie eine Familie: Vater, Mutter und drei Kinder in unterschiedlichen Größen. Sie begann nun mit den kleinen Gießkannen, in denen das Wasser gespeichert war und die sie gerade noch mit ihrem krummen Rücken tragen konnte, den Salat zu gießen und das Saatbeet. Zwischendurch goss sie das Wasser aus den großen Gießkannen vorsichtig in die kleineren um. Dann goss sie auch die Studentenblumen, Löwenmäulchen und Hortensienbüsche, die vereinzelt zwischen allem wuchsen.
Am Rande der Saatbeete war eine Leine gespannt, auf der schneeweiß im lauen Sommerwind die Wäsche flatterte: Hemden, Schlüpfer und Nachtwäsche aus einem anderen Jahrhundert.
Die Uhr blieb stehen. Die Zeit war zurückgedreht.
Paula aber stand am Zaun – und ein Frieden breitete sich aus über dem Garten und über jedem Lebensalter und über ihr und der Frau. Hier wollte Paula verweilen. Hier war Ewigkeit.
Es störten sie nicht die jenseits des Baches vorbei rauschenden Radfahrer. Sie gehörten zu der Ewigkeit dazu. Sie gaben die Musik in diesem Paradies, wie die Hummeln und die Bienen und die unhörbaren Schmetterlinge, die mit ihren Flügeln den Ewigkeitstakt angaben.
Paula war so in Gedanken versunken, dass sie erst daraus erwachte, als die Frau sich gebeugt in ihre Richtung bewegte.
Wollte sie Paula ansprechen? Sie ging so dicht an ihr vorbei, dass sie den Luftzug ihrer Schürze spürte, aber Paula konnte ihr Gesicht nicht erkennen.
Sie trug ihre Blechdose, gefüllt mit kostbarem Wasser, hin zu den Blumenkästen auf der kleinen Brücke und gab jedem Pflänzchen bedächtig und abgewogen so viel, dass es gerade leben und blühen konnte. Dann drehte sie sich wieder um und kehrte zurück.
Doch so ganz ohne Worte wollte Paula sie nicht entlassen. Paula wollte wissen, wo sie wohnte und wie sie lebte und dachte. Sie wollte, dass sie von ihrem Leben erzähle und sprach sie endlich an.
Die Frau schwieg und tat, als hätte sie Paula nicht gehört. Er ist schön, der Garten, hatte Paula zu ihr gesagt. Es ist ein seltener Garten, fügte sie noch hinzu. So bunt, und alles wächst beieinander.
Pflegen Sie den Garten ganz alleine?
Die Worte kamen Paula nur zögernd über die Lippen. Sie störten die Andacht.
Da richtete sich die Frau auf und lächelte.
Wie alt schätzen sie mich? fragte sie.
Paula blickte zum ersten Mal in ihr Gesicht. Über der gebeugten Gestalt sah sie nicht die Furchen und Falten des Alters. Sie sah das Lächeln einer Zwanzigjährigen. Die Frau schien plötzlich ohne Alter zu sein. Ja, sie erschien Paula eher jung und schön wie die Blumen in ihrem Garten. Sie sah das Lächeln ihrer Augen, den Glanz der Sonne und das Staunen und das Glück über die Schönheit der Natur und der Pflanzen in ihrem Garten, über Wachsen und Vergehen.
In diesem Augenblick entdeckte Paula ihren Freund KA, wie er um die Ecke bog, am Birkenhain jenseits des Baches. Er fotografierte, was er in der Welt an Interessantem vorfand, und in der Brusttasche seines Sommerhemds sah Paula das stählerne Band seiner kleinen Kamera blitzen. Sie war ihm vorausgegangen, während er in dem stillen, ländlichen Ort ihres heutigen Sonntagsausfluges nach Motiven suchte. KA näherte sich vorsichtig und blieb dann stehen.
Er bemerkte Paula am Zaun und die Frau im Garten in einer anderen Welt, in die man nicht eindringen durfte, ohne gebeten zu sein, in die man vor allem nicht mit einer Kamera eintreten durfte, ohne den Zauber zu zerstören. Er blieb jenseits des Baches stehen. Nun waren sie zu dritt: die Frau und Paula, und am Rande ihr Freund KA. Zwischen ihnen floss der Bach.
KA hatte später doch noch ein Foto gemacht von dem Garten am Bach, dem zerfallenen Haus, der Wäscheleine und der alten Frau mit dem jungen Gesicht. Sie hatten sich angefreundet.
Oft besuchten sie ab da den bunten Bauerngarten an hellen Sonntagnachmittagen und begrüßten die Frau, wenn sie die Blumen goss. Anschließend saßen sie gemeinsam auf der Gartenbank, ließen sich vom Duft und von den Farben betören und vergaßen die Zeit.
Natur macht uns ewig. Dies empfand jeder auf seine Weise und niemand wagte, es zu sagen. Es gibt heilige Worte, die behält man für sich.
KA schaute durch seine Linse und wollte die Ewigkeit einfangen und festhalten. Paula sog den Duft des Gartens ein, hörte die Hummeln brummen und streckte sich lang auf der Wiese aus. Der Frau genügte es, ihr Werk zu betrachten. Es sprach für sich.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.