Kitabı oku: «Der Hauch der Ewigkeit»

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Rosina-Fawzia Al-Rawi

Der Hauch der Ewigkeit

DIE 99 HEILENDEN NAMEN DER EINEN LIEBE



Rosina-Fawzia Al-Rawi

Der Hauch der Ewigkeit

DIE 99 HEILENDEN NAMEN DER EINEN LIEBE


Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliothek; detaillierte Daten sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

© Sheema Medien Verlag, Hirnsberger Str. 52, D – 83093 Antwort

Tel.: +49 – (0)8053 – 7992952, http://www.sheema-verlag.de

© Dr. Rosina-Fawzia Al-Rawi

E-Book ISBN: 978-931560-96-6

E-PDF ISBN: 978-931560-97-3

ISBN Buch-Ausgabe: 978-3-931560-37-9

1. Auflage 2014

Gesamtherstellung: Sheema Medien Verlag, Cornelia Linder, www.sheema-verlag.de

Cover und Layout: Schmucker Digital

Gestaltung des Umschlages unter Verwendung eines Motivs von © oowenoc / Fotolia.com

E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de

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Dieses Buch dient keinem rechtlichen, medizinischen oder sonstigen berufsorientierten Zweck. Die hier gegebenen Informationen ersetzen keine fachspezifische Beratung oder Behandlung. Wer rechtlichen, medizinischen oder sonstigen speziellen Rat oder Hilfe sucht, sollte sich an einen geeigneten Spezialisten wenden. Autorin und Verlag übernehmen keine Haftung für vermeintliche oder tatsächliche Schäden irgendeiner Art, die in Verbindung mit dem Gebrauch oder dem Vertrauen auf irgendwelche in diesem Buch enthaltenen Informationen auftreten könnten.

Für

meine Weggefährtin und meine Tochter

AMIRA und TASNIM

IN TIEFER LIEBE UND VERBUNDENHEIT

INHALTSANGABE

Danksagung

Anmerkung zur Transliteration

Anmerkungen zu den weiblichen und männlichen Personalpronomen

Vorwort

Was ist Sufismus?

Die Göttlichen Namen und Qualitäten

Verwendung der Göttlichen Namen

Krankheit und Heilung

Die Wissenschaft der Buchstaben

Die 28 Buchstaben des arabischen Alphabets und deren Transliterarische Entsprechung, Numerologie und Elemente

Die Formen der arabischen Sprache, ihre Bedeutung und Wirkung

Sure AL–FĀTIḤA „Die Öffnende“

Die Formeln

Die Göttlichen Namen

ALLĀH

1. Ar–Raḥmān

2. Ar–Raḥīm

3. Al–Malik

4. Al–Quddūs

5. As–Salām

6. Al–Mu´min

7. Al–Muhaymin

8. Al–‘Azīz

9. Al–Ğabbār

10. Al–Mutakabbir

11. Al–Hāliq

12. Al–Bāri´

13. Al–Muṣawwir

14. Al–Ġaffā r

15. Al–Qahhār

16. Al–Wahhāb

17. Ar–Razzāq

18. Al–Fattāḥ

19. Al–‘Alīm

20. Al–Qābiḍ –

21. Al–Bāsiṭ

22. Al–Hāfiḍ –

23. Ar–Rāfi‘

24. Al–Mu’izz –

25. Al–Mudil

26. As–Samī‘

27. Al–Baṣīr

28. Al–Ḥaka m

29. Al–‘Adl

30. Al–Laṭīf

31. Al–Habīr

32. Al–Ḥalīm

33. Al–‘Adhīm

34. Al–Ġafūr

35. Aš–Šakūr

36. Al–‘Alīy

37. Al–Kabīr

38. Al–Ḥafīdh

39. Al–Muqīt

40. Al–Ḥasīb

41. Al–Ğalīl

42. Al–Karīm

43. Ar–Raqīb

44. Al–Muǧīb

45. Al–Wāsi‘

46. Al–Ḥakīm

47. Al–Wadūd

48. Al–Maǧīd

49. Al–Bā‘it

50. Aš–Šahīd

51. Al–Ḥaqq

52. Al–Wakīl

53. Al–Qawīy

54. Al–Matīn

55. Al–Walīy

56. Al–Ḥamīd

57. Al–Muḥṣī

58. Al–Mubdī‘

59. Al–Mu‘īd

60. Al–Muḥyī

61. Al–Mumīt

62. Al–Ḥayy

63. Al–Qayyūm

64. Al–Wāǧid

65. Al–Māǧid

66. Al–Wāḥid

67. Al–´Aḥad

68. Aṣ–Ṣamad

69. Al–Qādir

70. Al–Muqtadir

71. Al–Muqaddim –

72. Al–Mu´ahhir

73. Al–´Awwal

74. Al–Āhir

75. Adh–Dhāhir

76. Al–Bāṭin

77. Al–Wālī

78. Al–Muta‘ālī

79. Al–Barr

80. At–Tawwāb

81. Al–Muntaqim

82. Al–‘Afūw

83. Ar–Ra`ūf

84. Māliku–l–Mulk

85. Dū l–Ğalāli wa–l–Ikrām

86. Al–Muqsiṭ

87. Al–Ğāmi‘

88. Al–Ġanīy

89. Al–Muġnī

90. Al–Māni‘

91. Ad–Ḍār

92. An–Nāfi‘

93. An–Nūr

94. Al–Hādī

95. Al–Badī‘

96. Al–Bāqī

97. Al–Wārit

98. Ar–Rašīd

99. Aṣ–Ṣabūr

Aš–Šāfī

Über die Autorin

Leserservice …

Literaturliste

Aus Gründen der Stetigkeit und Unkompliziertheit wurde in diesem Buch Allāh, Gott, der Ewig Große Geliebte, als „Er“ bezeichnet, obwohl es klar ist, dass die Absolutheit weder männlich noch weiblich ist, sondern ein All–Sein ist, jenseits von allem und beides beinhaltend.

WICHTIGER VERLAGSHINWEIS

Alle in diesem Buch gegebenen Informationen ersetzen keine fachspezifische Beratung oder Behandlung. Wer medizinischen oder sonstigen speziellen Rat oder Hilfe sucht, sollte sich an einen geeigneten Spezialisten, Arzt und/oder Heilpraktiker wenden. Autorin und Verlag machen keinerlei Heilsversprechungen und übenehmen keine Haftung für vermeintliche oder tatsächliche Schäden irgendeiner Art, die in Verbindung mit dem Gebrauch oder dem Vertrauen auf irgendwelche in diesem Buch enthaltenen Informationen auftreten könnten. Alle praktischen Anwendungen durch die Leserinnen geschehen auf eigene Verantwortung.

DANKSAGUNG

Meinen tiefsten Dank an alle großen Seelen, die mir Allāh erlaubt hat kennenzulernen, neben ihnen zu verweilen und von ihrem Licht und ihrer Weisheit zu trinken. Ich möchte Amira A. Jost für ihre stets bereite Unterstützung danken und für die Zeit, die sie dem Korrigieren und Durchlesen gewidmet hat. Mein Dank gilt auch Ute und Werner Lauf für ihre Korrekturen und Inspirationen. Bedanken möchte ich mich auch bei meinem Mann und meinen Kindern für ihre Geduld und Liebe.

ANMERKUNGEN ZUR TRANSLITERATION

Die Transliteration folgt den Vorgaben der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft (DMG). Alle unbekannteren arabischen Namen wurden korrekt umgeschrieben, während bestimmte arabische Begriffe wie Koran, Muhammad, Hadith, Scharia nicht umgeschrieben wurden, da sie häufig Verwendung finden und daher bekannt sind. Bei manchen Begriffen wie z. B. Hadith, wird der gebräuchliche Plural Hadithe benutzt, obwohl die korrekte Schreibweise im Plural ahādīt wäre.

ANMERKUNGEN zu DEN WEIBLICHEN UND MÄNNLICHEN PERSONALPRONOMEN

Um den Leserinnen und Lesern eine ausgleichende, gleichwertige Atmosphäre zu vermitteln, habe ich auf eine unübliche bzw. unkonventionelle Weise mal das weibliche, mal das männliche Pronomen verwendet. Dies mag teilweise verwirren, trotzdem wollte ich nicht das ganze Buch hindurch fortwährend beide Möglichkeiten nebeneinander stellen, da mir dies als unvorteilhaft für den Fluss des Lesens erschien. Die angewendete „Mischform“ ist Ausdruck der Anerkennung für alle Frauen und Männer, die dieses Buch lesen werden.

VORWORT

Dieses Buch sieht sich als einführender und einfacher Beitrag zum Verständnis der Göttlichen Namen. Es reflektiert und bringt zusammen das Wissen meines Lehrers Šayh Sidi Muhammad Al–Ğamal Al–Rifā‘ī, anderer Lehrer und Wissender, und ist hier in Bescheidenheit zusammengefasst.

Mein besonderer Dank und meine Liebe gelten meinem Lehrer Šayh Sidi Muhammad Al–Ğamal Al–Rifā‘ī, der mich in seiner unendlichen Geduld und Liebe durch die Täler und Berge meines Ichs begleitet hat und mir immer wieder gezeigt hat, was es bedeutet, Mensch zu werden. Am meisten danke ich ihm für den Samen des Vertrauens, den er in mein Herz gepflanzt hat mit seinen immer wiederkehrenden Worten: „Alles ist in dir, lerne zu lesen!“ Zwölf Jahre lang in seiner Nähe sein zu dürfen, mir zu erlauben, in Stille neben ihm zu sitzen, mich am Licht seiner großen Seele wärmen zu können, waren große Geschenke, die mich mein Leben lang begleiten werden – und ihn auch Schwiegervater nennen zu können, nachdem sein Sohn und ich durch ihn vermählt wurden, entwickelten ein Band der tiefen Verbundenheit.

Sidi kommt aus der Tradition der Šāduliyya–Schule, einer sehr verbreiteten Sufischule, die nach dem großen Sufilehrer Abu Al–Ḥasan Aš–Šādulī benannt ist. Sein Meister war der bedeutende marokkanische Sufimeister ‘Abd As–Salām ibn Mašīš. Durch ihn initiiert, verbreitete er sein Wissen vor allem in Tunesien und Ägypten, wo er auch 1258 begraben wurde.

Die Šāduliyya–Schule ist kein spektakulärer Weg, die äußeren Handlungen sollen ausgewogen, moderat und harmonisch sein und im Inneren soll die/der Suchende durch Gedenken das Herz mit Allāh verbinden. Eine der Grundbedingungen für diesen Weg ist, im Leben zu stehen, einen Beruf, eine Familie, eine Gemeinschaft zu haben und den inneren Entwicklungen in den äußeren Handlungen und Taten Ausdruck zu geben. Es ist nicht so schwer, ausgewogen, würdevoll und friedlich in einer abgeschiedenen Höhle zu sein, doch diese Qualitäten unter den Menschen zu halten und zu leben, das erfordert Großmut, Gelassenheit, Vertrauen, Selbstüberwindung, Selbstbeherrschung, sowie Reflexion, Kontemplation und tiefe Liebe. Zu lernen, aus unserem tiefen Sein zu schöpfen, die Dinge von innen zu sehen, in ihrer Urbeschaffenheit und in der Einheit, erfordert eine tiefe Transformation. Denn das Ich sieht die Dinge gerne von außen und in ihrer Zufälligkeit und demzufolge auch außerhalb des Göttlichen.

WAS IST SUFISMUS?

Der Sufismus ist ein Weg, der den Menschen eine Methode lehrt zur Entdeckung des eigenen Seins, der eigenen Talente und Potenziale, zur Auffindung der eigenen wahren Realität, des eigenen Wunders.

Es ist kein theoretisches System, das durch Schlussfolgerungen oder Betrachtungen erreicht wird, sondern es ist ein zu erfahrender Weg, offenbart und vorgelebt von den Gesandten und Propheten, ein Weg, durch den diese den Zustand absoluter Erkenntnis erreichten.

In uns Menschen bestehen gleichzeitig zwei Kräfte, zwei Sehnsüchte: eine vertikale und eine horizontale. Die eine ist die Liebe zu Gott, und die andere die Liebe zum Menschen, zur Schöpfung.

Schwankend, verwirrt und verloren ist der Mensch, wenn er nicht weiß, wo er steht, wenn er ziellos durchs Leben geht und immer nur japsend auf die äußeren Situationen reagieren muss. Täglich gehen wir durch eine Palette von Zuständen: mal sind wir offen und freundlich, mal genervt und ängstlich, mal heuchlerisch und wiederum ehrlich, mal ängstlich, mal mutig, mal tief zufrieden, dann wieder unglücklich, mal weitherzig, mal kleinlich, mal berechnend, mal großzügig. Wofür und warum all diese Bewegungen, was mache ich damit, was soll das Ganze und wo liegt der Sinn?

Je mehr man Gott erkennt, desto mehr liebt man Ihn, und den Menschen erkennt man vor allem, wenn man ihn liebt. Es sind die Nächstenliebe und das Mitgefühl, die die elementarsten Ausdrücke unserer Bewegung auf die Ganzheit zu sind. Sie haben die Kraft, die Ketten der Isolation zu sprengen und die trotzigen und leidenschaftlichen Trennungen zwischen mir und dem anderen, dem Rest der Welt, aufzuheben. Sie reinigen das Herz und befreien den Geist von den Ich–bezogenen Hindernissen. Die Nächstenliebe bringt die Beseitigung der Ichsucht mit sich. Sie ist die Ausdehnung, die stattfindet, wenn sich das Herz von den dunklen Flecken der Gier, des Neides und der Arroganz reinigt. Denn Nächstenliebe und Mitgefühl für alle Lebewesen sind die Grundlagen wahrer Moral.

Wir Menschen sind „nichts“ vom herkömmlichen und trennenden Blickpunkt aus gesehen und „alles“ vom Blickpunkt der Einheit, der Göttlichen Wirklichkeit. Ganzheit ist Vollkommenheit und wir sind ein Teil davon, ein Teil der Schöpfung. Gott gegenüber sind wir „nichts“ oder „alles“, je nach Anschauung. In Bezug auf das Universum sind wir Teil, Teil dieser erschaffenen Vollkommenheit. Die Ganzheit pulsiert in unserer Mitte, ein himmlisch–Göttlicher Kern, dessen äußerste Peripherie das Ego ist.

Das Ziel der Sufis ist es, sich in der Peripherie des Egos die Göttliche Mitte zu vergegenwärtigen und gleichzeitig nach der eigenen Ganzheit zu suchen. Es ist der Weg vom Exil in die Heimat, zur Mitte, zu meinem wahren Selbst, durch das Erkennen der Ganzheit der Existenz. Weg und Mitte sind hier die Orientierungen.

Das größte Geschenk an den Menschen ist die Erkenntnisfähigkeit. Der Prophet Muhammad, Allāhs Friede und Heil seien mit ihm, hat gesagt: „Gott hat nichts Edleres als das Erkenntnisvermögen geschaffen, und sein Zorn fällt auf den, der es verachtet“.

Die Erkenntnisfähigkeit ist dem Menschen gegeben, die Verführung folgt stets auf der Ebene des Willens. Der Wille ist der Wind – verweilt er im Göttlichen Willen, so widerspiegelt er klar den ewig vollkommenen ruhigen See in uns. Ist der Wind durch Turbulenzen des Egos gestört, wird auch der Widerschein der Sonne gestört und die Göttliche Spiegelung verzerrt. Das Böse oder die Disharmonie ist nicht das Gegenteil von Gott, sondern befindet sich im Widerstand zu Allāh. Alles besteht aus und kommt von derselben Quelle. Das Göttliche beinhaltet beides, schwarz und weiß, männlich und weiblich.

Das Konzept der Dualität existiert, um uns besser in dieser Welt zu orientieren, doch nicht, um darin gefangen zu bleiben. Denn die Dualität besteht in dieser Welt nur, um uns in die Einheit zu führen. Die Dualität ist eine Welt der augenscheinlichen Gegenpole, die sich ergänzen, sie sind keine „wahren“ Gegensätze. Alles ist miteinander verwoben, alles ist ein untrennbares Energiemuster.

Die Verwendung und Vertiefung in die Göttlichen Namen, vor allem die „Gegenpolnamen“ wie z. B. Aḍ–Ḍār / An–Nāfi‘ „Der Erschaffer des Schadens“ / „Der Erschaffer des Nützlichen“ oder Al–Qābiḍ / Al–Bāsiṭ „Der Zusammenziehende“ / „Der Ausbreitende“, helfen uns, den linearen Verstand zu transzendieren und die Verbundenheit aller Dinge als Realität zu erfassen. Der Sufi sucht Zuflucht im Göttlichen, bis er sowohl bei dem einen wie auch dem anderen Namen, sowohl bei den leicht zu tragenden wie bei verworrenen Situationen, nur mehr „Geliebter“ ausrufen kann, weil alles mit der Weisheit des Herzens erkannt und aufgenommen wird. Je tiefer und weiter unser Bewusstsein wird, je mehr wir uns aus der Abschnürung des Ichs befreien, desto mehr begreifen wir diese Realität.

Der Weg dorthin besteht in der Annäherung der Peripherie des Ichs an die Mitte des wahren Seins. Die vielfältigen äußeren Manifestationen sollen uns helfen, den Weg zur inneren Dimension anzugehen, wo alles in der Einheit mündet, stirbt und wiedergeboren wird.

Die ausgewogene Mitte zu finden zwischen den beiden Kräften, die wir in uns tragen, ist der Weg der Sufis. Wir sind einerseits himmlische, andererseits irdische Wesen. Himmlisch wie die Engel, nur zu Gutem fähig, im Lobpreis des Einen verweilend und irdisch wie die Tiere, die ihren Trieben und Bedürfnissen folgen. Für beide – Engel und Tier – ist dieser Weg, sind ihre Gaben bestimmt, und sie beide können nicht anders.

Wir Menschen aber sind mit dem Erkenntnisvermögen, also mit der Fähigkeit des Verstandes, der Reflexion, beschenkt und sind daher auch mit der Aufgabe und Bürde der freien Wahl beerbt. Wir sind uns unserer selbst und unserer Taten bewusst und tragen daher die Konsequenzen unserer Handlungen. Wenn wir uns zu unserem wahren, tiefen Göttlichen Sein hinwenden, mit all dem Ringen, das damit verbunden ist, steigen wir aufgrund unserer bewussten Entscheidung höher als die Engel, und wenn wir uns für unsere Triebe und eigennützigen Ich–bezogenen Bedürfnisse entscheiden, sinken wir tiefer als tierisches Leben.

In dieser bewussten Entscheidung und großen Anstrengung liegt die Würde des Menschen. Stetig Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug das Ego einnehmend, verwandelnd und mehr und mehr, tiefer und tiefer mit den Göttlichen Eigenschaften sich einfärbend, gelangt der Mensch zu seiner wahren Bestimmung, zu seiner wahren Natur. Dafür ist es wichtig, sich selbst kennenzulernen, um die richtigen und effizienten Methoden anzuwenden, die uns zu unserem wahren Sein, zur Liebe, zum Sinn unserer Existenz führen, zum Großen Geliebten in und um uns und jenseits von Allem!

Rumi umschreibt den Menschen so treffend:

„Ein Wesen mit Engelsflügeln, an den ein Eselsschwanz gebunden ist!“

Der Mensch vereinigt in sich die Gesamtheit von Allem und wird daher die/der Auserwählte der Schöpfung genannt.

Sei dir deiner Ewigkeit bewusst und des „zeitlosen Augenblicks“, geschaffen durch dein Gedenken an Allāh! Werde, wie die Sufis sagen, „die Tochter, der Sohn des gegenwärtigen Augenblicks“ und sorge dich nicht um das Morgen! Denn nur im gegenwärtigen unersetzlichen Augenblick im Göttlichen „Jetzt“, gehören wir ganz Gott.

Stehe auf und beginne zu gehen, öffne dein Herz, lass dich in der Göttlichen Absolutheit drehen und wenden, wissend, dass alles von Ihm kommt und zu Ihm zurückkehrt. Das Endziel der Sufis ist die Erkenntnis des Göttlichen, das Einswerden mit Gott und die Auflösung der Ketten des selbstgefälligen, selbstsüchtigen, ängstlichen Ichs. Die Liebe als vereinende Kraft steht dabei im Zentrum. „Nicht die Furcht vor der Hölle, noch die Aussicht auf das Paradies sind maßgebend, sondern allein die ewige Schönheit Gottes zu erfahren“, sprach Rābi‘a Al–‘Adawiyya so treffend.

Auf der Suche nach der Erkenntnis des Göttlichen, der Ewigen Realität, sind die Selbstbeobachtung und die spirituelle Reinigung des Herzens wesentlich. Dies ist es, was die Sufis den „großen Djihad (ǧihād)“ oder ğihād un–nafs, „den großen Kampf, die große Anstrengung gegen die Isolationsbestrebungen des verletzten Ichs“ nennen. Folglich bedeutet ǧihād „Anstrengung für das Göttliche“ gegen die selbstsüchtigen Leidenschaften und Schwächen. Djihad kommt vom Verb ğahada und bedeutet „sich bemühen, kämpfen, an sich arbeiten, anstrengen“ und zwar für eine gute Sache und gegen Übel. Das Ego–Nafs mit Mitgefühl und Nächstenliebe zu füllen, mit der Erkenntnis, dass des Nächsten Zustand und Situation sehr wohl mit meinem verbunden ist, erfordert Selbstüberwindung und kann nur erreicht und erkannt werden, wenn ich den Urstoff, den Urgrund, der uns alle verbindet, erfahre. Wenn ich also mein Herz langsam öffne und sage: „Ja, komm Vertrauen, komm Liebe und berühre mich! Ich habe Angst vor den Konsequenzen, ich habe Angst, dass vielleicht auch Schmerz kommen kann, aber ich will ganz werden, ich will den Schritt aus der Isolation wagen und ich werde den notwendigen Kampf und die Achtsamkeit aufnehmen, um heil zu werden!“ In dem Sinne ist Djihad (ğihād) ein „heilender, heiliger Kampf“ bis der Zustand der „Seele im Frieden“ erlangt ist.

Der arabische Begriff „nafs“ steht für die menschliche „Seele“ und/oder das „Selbst“ in welche Allāh Sein rūḥ (Geist) gehaucht hat. Das Nafs umschließt moralisch höhere sowie niedrigere Eigenschaften wie Hass, Gier, Neid usw. Das Nafs ist im Gegensatz zum Geist rūḥ der Teil im Herzen des Menschen, der unter seine eigene Kontrolle gestellt wurde, sozusagen sein „Ich“. Nun sollen aber die niederen Eigenschaften eines Menschen nicht abgetötet sondern kanalisiert werden, um auf dem Weg zum Göttlichen dienen zu können. Das Umwandeln der niederen Triebe und Eigenschaften der Seele/des Selbst in nützliche Werkzeuge ist eine komplexe Angelegenheit. Es bedeutet, die niedrigen, selbstsüchtigen, egoistischen Aspekte der Seele untertan zu machen, zu verwandeln und auszulöschen. Durch diesen Akt der Anstrengung (ğihād), des sakralen Wirtschaften in einem Selbst, lernt man, nicht vom Nafs beritten zu werden, sondern auf ihm zu reiten wie auf einem gebändigten Löwen. Ziel ist es, das selbstgefällige „Ich“ zu überwinden und zu einem gemeinsamen „Wir“ zu kommen – in der Ergebenheit und Hingabe in Gott.

Die Praktiken dazu variieren von Gebet, Meditation, Tanz, Musik, halwa („Rückzug“) und dikr („Gottgedenken, Gottesbewusstsein“). Doch stets stehen der Alltag, der Umgang mit den Mitmenschen und die Handlungen im Mittelpunkt. Sie sind die wahre Übungs– und Reflexionsarena. Teile den Tag in zwei Teile: Sei tagsüber in der Qualität der Dankbarkeit (šukr), im Einatmen der Erlebnisse, und sei nachts in der Qualität des Erinnerns (dikr), im Ausatmen in die Kontemplation und dem inneren Lernen. Tag und Nacht haben hier symbolische Bedeutung: Der „Tag“ ist die Gottgegebene Fähigkeit des Menschen, Einsicht durch bewusstes vernünftiges Denken zu gewinnen. Die „Nacht“ ist die Intuition, die aus der stillen ruhevollen Ergebenheit gegenüber der Stimme des eigenen Herzens kommt.

„Denn waren sie nicht gewahr, dass Wir es sind, die die Nacht für sie gemacht hatten, auf das sie darin ruhen mögen, und den Tag, um sie sehen zu lassen.“

Koran Sure 27: Vers 86 (27:86)

Die ersten Schritte, der Auszug vom Übel des selbstgefälligen, selbstsüchtigen Ich zum Göttlichen, sind oft von herzzerreißender Einsamkeit begleitet. Es ist eine Trennung vom Vertrauten, aber auch oft ein Abschied von bestehenden Beziehungen.

„Und wer den Bereich des Übels um Gottes Willen verlässt, der wird auf Erden manch einsame Straße wie auch Leben in Fülle finden.“

(4:100)

Um diesen Weg zu gehen, braucht der Suchende eine/n LehrerIn, jemanden, der diesen Weg gegangen ist und die komplexen Fallen des Egos kennt und von der Liebe zu Gott durchtränkt ist, aber auch unterstützende, beistehende, aufmunternde, weiterhelfende GefährtInnen.

Der Weg und das Ziel ist Schönheit „iḥsān“. Iḥsān kommt von ḥusn „Schönheit, Anmut“ und bedeutet: „Alles auf die für uns höchstmögliche Art und Weise schön angehen, leben und ausführen“, denn iḥsān bedeutet gemäß der prophetischen Überlieferung „dass du Gott verehrst, als wenn du Ihn sähest, und wenn du Ihn nicht siehst, so sieht Er doch dich“. Iḥsān ist die vollkommen aufrichtige Anbetung Gottes, die vollständige Verschmelzung der Erkenntnis und des Willens mit dem Göttlichen.

Der Sufismus besagt: Der Mensch ist das perfekte Ebenbild des Universums! Betrachten wir das Universum, die Natur, so finden wir Harmonie, Ausgewogenheit und Frieden vor. Wieso finden wir also keine Harmonie, keine Ausgeglichenheit und vor allem keinen Frieden unter den Menschen?

Beschenkt mit einem freien Willen und einem Verstand verwendet das Ich diese, um seine Wünsche und Begierden zu erfüllen und auf bestmögliche Weise zu befriedigen. In seiner Ich–bezogenen Einstellung lehnt das Ego–Nafs das wahre heilige Gleichgewicht ab und ist bereit, für seine Begierden nicht nur unsere persönlichen und sozialen Beziehungen, sondern auch die Natur und den ganzen Planeten zu zerstören. Obwohl wir alles tun, um diese Befriedigung zu erreichen, haben wir stets das Gefühl, dass etwas fehlt, und dieses Gefühl lässt uns immer weiter nach noch mehr „Fortschritt“ hinzielen.

Doch die wahre Identität des Menschen ist nicht ein Konglomerat seiner Begierden und Verhaltensweisen. Wir sind zwar in unserer Konstellation den Steinen, den Pflanzen und den Tieren sehr ähnlich, doch es gibt da einen Kern, eine Essenz, ein inneres Licht, ein Sein, das uns Menschen von allen unterscheidet und das der Mensch mit seinem Verstand und seinem Herzen bewusst erreichen kann.

Es ist dieses Sein, an das sich alle Propheten und großen Meister wenden. Je nach Zeit und Raum, mit stets anderen Einsichten, zeigen sie alle die Eine Realität auf. Sie wenden sich nicht an unsere Gefühle, unsere Verhaltensweisen oder unsere Intelligenz. Ihre Worte sind stets an unsere Essenz gerichtet, die ewig und anhaltend von Anbeginn bis zum Ende existiert. Alles verändert sich: unser Körper, unsere Gedanken, unsere Ideen, unsere Beziehungen, unsere Neigungen und Ziele, doch dieses wahre Selbst ist ewig und immerwährend.

Uns auf dieses wahre Selbst einzuschwingen bedeutet, uns für unsere wahre Bestimmung bereitzustellen. Dafür müssen wir uns mit unserer wahren Natur verbinden, erst dann beginnen sich die höheren Energien klar und unverzerrt in uns zu manifestieren. Das isolierte Ich–bezogene Ego, das uns so oft zu Sklaven unserer scheinheiligen und engherzigen Bedürfnisse und Triebe macht, ist ein träges, sich langsam drehendes Gebilde. Sich vom Ego–Selbst zum wahren Selbst zu öffnen bedeutet, vom schnelldrehenden Wirbel der Liebe gepackt zu werden, der alles Schwere abprallen lässt und das Göttliche Licht anzieht. Es bedeutet, im Herzen eine Verpflichtung für die Menschheit und diesen Planeten, ja das ganze Universum zu tragen. Es bedeutet, sich in sich selbst zu verlieben, in diese ewige Göttliche Natur, die in unserer Mitte pulsiert, und die uns mit ihrer unendlichen Güte und Gnade durch das Leben führt, wenn wir es zulassen. Es ist ein täglicher Kampf für das Licht, die Liebe, die Güte, die Harmonie, die Toleranz und den Frieden.

Im Wesen sind die Botschaften aller Propheten zu allen Zeiten gleich: Erkenne dich selbst! Auch der Prophet Muhammad, Allāhs Friede und Heil seien mit ihm, hat gesagt:

„Wer auch immer das wahre Selbst erkennt, der hat Gott erkannt!“

Es ist unser Schicksal in unserer Endlichkeit – wir, die wir dem Wandel der Zeit unterstellt sind – uns auf den Weg zu begeben, die Ewigkeit, die auch in uns pulsiert, zu erfahren.

Das Ziel des Sufismus ist, den Menschen dorthin zu leiten, ihn zu erleuchten und zu seinem Heiligtum, zu den Göttlichen Energien zu führen. Der Weg ist die Liebe, die durch spirituelle Praktiken und Aufrichtigkeit genährt wird, bis das Herz und der Geist den Sinn der Existenz erkennen.

Rumi sagte: „Das Ergebnis meines Lebens kann man in drei Worten zusammenfassen: Ich war unreif, ich reifte, und ich wurde verzehrt!“

Die Weisheitslehre der Sufis taucht in die Religionen durch die ma‘rifa, die Erkenntnis, ein. Sie benutzt die Unterscheidung zwischen dem Absoluten und den Manifestationen, der Essenz und der Form, dem Inneren und Äußeren, um zu verbinden, um zwischen Wahrheit Ḥaqq und Welt dunya zu vereinen. Der Ort dieser Einung ist das menschliche Herz.

DIE GÖTTLICHEN NAMEN UND QUALITÄTEN

Dieses Buch soll als Arbeitsbuch dienen, dazu beitragen, einen Raum in den Herzen der Menschen zu öffnen und darin die Samen der Sehnsucht und Liebe für die Schönheit und Majestät dieser Namen zu pflanzen, um so letztendlich die Schönheit und Würde dieser Welt zu kosten, die majestätische Schönheit des Schöpfers zu sehen und den Mitmenschen nahezubringen.

Alle Göttlichen Namen bzw. Eigenschaften widerspiegeln die verschiedenen Aspekte des Einen, der einen allumfassenden Liebe, Allāh. Durch die Göttlichen Namen versuchen wir die Gegenwart des Unendlichen im Endlichen zu kosten. Sie beschreiben uns den Weg der Annäherung an Gott. Da sie aber selbst von Gott erschaffen sind, können sie Ihn nicht enthalten, dennoch geben sie uns die Möglichkeit, Ihn durch sie zu erkennen. Doch es wird immer eine Erkenntnis nach menschlicher Bewertung sein. Die einzige Möglichkeit, uns Ihm zu nähern, ist, wenn wir uns mit Seinen Qualitäten „färben“, uns also zu unserer eigenen Vollkommenheit begeben und Seine Qualitäten auf uns anwenden, bis das Göttliche Licht, aus dem wir geformt wurden, durch unsere irdische Hülle hindurchstrahlt und wir das werden, was wir vor unserer irdischen Existenz waren und sind.

Die Wiederholung der Göttlichen Namen ist, wie die Sufis es nennen, „das Einkleiden der Triebseele nafs mit den Göttlichen Eigenschaften“. Es ist der Akt, das ewig Heilige in uns zum Erblühen zu bringen. Dafür muss das nafs, das Ego, jener selbstgefällige, egoistische Teil in uns, zunächst die Mängel, die Vorurteile und auch die negativen Gewohnheiten ablegen bzw. transformieren. Die Öffnung des Herzens, das Erwachen des Herzens, führt zu einer Ausdehnung, die uns erlaubt, die Verbundenheit zu spüren und damit die Schöpfung zu berühren und zu vereinen.

In jedem Augenblick erschafft Gott die Welt, täte Er dies nicht, bräche sie in sich zusammen und so wirkt Er in jeder Erscheinung. Es gibt keinen anderen Ursprung, kein Naturgesetz, nichts was zwischen Gott und den Ereignissen wirksam werden könnte, außer durch den Menschen, diesem einenden Wesen zwischen Himmel und Erde. Der Mensch als Vertreter Gottes auf Erden wurde mit der himmlischen Fähigkeit der Erkenntnis und der irdischen Willensfreiheit beschenkt und kann durch sein Dasein Harmonie und Disharmonie in diese Welt bringen.

Gott schuf die Welt aus Gegensätzen, Er schuf ein Gottgewolltes Ungleichgewicht, damit ein Miteinander und eine Erkenntnis möglich werden.

So sind auch die verschiedenen Auffassungen und Ideen der Menschen nicht zufällig, sondern ein Gottgewollter, grundlegender Aspekt der menschlichen Existenz. Wenn Gott gewollt hätte, dass wir Menschen alle einer Auffassung sind, wäre jeder Fortschritt, jede Möglichkeit des Wachsens undenkbar, jeder freie Wille hinfällig, der uns die Gelegenheit gibt, zwischen rechtem und unrechtem Tun zu wählen und uns so mit einem moralischen Sinn und einer spirituellen Kraft zu bereifen.

Mit dem Entstehen der Welt erwachte auch ihre Sehnsucht nach dem ursprünglichen Zustand der Einheit. Jeder Bär ist stärker als ein Mensch, jeder Gepard schneller, jeder Fisch ein besserer Schwimmer und jeder Vogel kann sich leichter in die Lüfte erheben, doch nur der Mensch ist fähig, die Welt in die Einheit zu führen, Himmel und Erde in Einklang zu bringen.

Wir Menschen sind Suchende, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht: wir wollen verstehen – wir wollen erkennen – wollen erkannt werden. Unsere Suche mag alle möglichen Formen annehmen, doch in ihrer letzten Konsequenz endet die Suche in nichts anderem als der puren Lobpreisung Gottes, selbst wenn das erst nach dem letzten Atemzug kommt. Dieses einzige, was letztlich bleibt, ist allgegenwärtig auf allen Ebenen der Existenz. Die Lobpreisung Gottes, das Erkennen des Göttlichen, ist der eigentliche Sinn der Schöpfung.

Nichts auf dieser Welt ist dem Menschen fremd. Alle Geschöpfe darauf sind in das Wesen des Menschen eingewoben und durchdringen seinen Geist. Wenn der Mensch erkennt, dass er die Seele der Schöpfung ist, öffnen sich für ihn die Tore des Lebens und in seinen Taten, Worten und Gedanken können sich die Göttlichen Wahrheiten, die in der Schöpfung eingebettet sind, widerspiegeln.

Das Wiederholen der Göttlichen Namen, der dikr, ist ein äußeres Ritual, das einen inneren Sinn hat, und genauso erhält eine innere Haltung ihren Wert, wenn sie sich in äußeren Handlungen widerspiegelt.

Das Äußere dient stets der Annäherung an das Innere, denn in der Wiedervereinigung und Zuordnung der äußerlichen Dinge zu ihren inneren Wirklichkeiten liegt der Sinn und die Aufgabe des Lebens. Es ist die Erkenntnis des Herzens, das stets fähig ist zu einen, zu verbinden. Dies ist der Weg der Sufis.

Die äußeren Taten hinterlassen Erinnerungen, aus denen wiederum innere Werte wachsen. Die regelmäßige Wiederholung äußerer spiritueller Praktiken und Rituale stärkt und stabilisiert die innere Haltung der Einung – bis immer mehr Teile unseres Seins an diesem Weg teilnehmen. Es ist wie das Schwimmen – in der Regelmäßigkeit der Bewegungen entsteht ein gleichmäßiges Vorwärtskommen zu unserem Ziel.

„Denn es besteht eine Einheit zwischen Sinn und Form;

solange die beiden nicht zusammenkommen,

bringen sie keinen Nutzen.“

(Rumi, Fihi ma Fihi)

Wir können nicht erst Erkenntnis erlangen und anschließend einen Weg wählen. Der Mensch muss sich zuerst auf den Weg begeben, und dann erst wird ihm Erkenntnis zuteil. Gottes Geschenke sind nicht voraussehbar und nicht planbar. Zuerst das Pflügen, Säen und Bewässern – und dann die Ernte. Wir müssen also ein Risiko eingehen. Es brauchen keine Erleichterungen im weltlichen Leben aufscheinen, wenn spirituelle Regeln eingehalten werden. Doch eine Veränderung findet statt, wenn wir bestehende selbstgefällige Vorstellungen und Bilder loslassen und uns offen und ohne Erwartungen auf einen spirituellen Weg begeben. Neue Räume eröffnen sich, die Denk– und Sichtweise transformiert sich und führt zu einer neuen Haltung. Am Ufer zu stehen und das Meer verstehen zu wollen, geht nicht. Man muss sich hineinbegeben, zu schwimmen beginnen, erfahren, um daraus Erkenntnisse zu erlangen.

Es wäre zu einfach und nicht der Sinn des Menschseins, zu glauben, indem ich eine Menge Regeln einhalte, kann ich die Verantwortung für mein Tun an Gott zurückgeben. Der Weg des Menschen ist und bleibt ein Unterfangen, eine Mutprobe, eine Herausforderung. Man kann ihn nicht durch Regeln oder verschiedenen Garantien absichern. Wir können nur lernen, uns Schritt für Schritt, Herzschlag nach Herzschlag, bedingungslos in Gottes Hände zu begeben.

„Das wahre Ziel des Gebets und der Meditation ist aber nicht, dass der Wunsch der Menschen erfüllt wird, sondern vielmehr, dass der menschliche Wille sich wandelt, um sich so mit dem Göttlichen Willen zu vereinigen; denn dann kann der Göttliche Wille die menschliche Seele durchfluten und uns so verwandeln, dass wir das Geschick, das uns bestimmt ist, als eigene Wahl annehmen.“

(aus einem Gedicht von Iqbal)

Die 99 Göttlichen Namen dienen als Hinweis, wie Gott in dieser Welt gesehen und erkannt werden kann.

Muḥiyuddīn Muḥammad´ibn‘Arabī, 1165 in Murcia/Spanien beboren, 1240 in Damaskus gestorben, war einer der bekanntesten Sufis. Er wird wegen seines großen Einflusses auf die allgemeine Entwicklung des Sufismus auch „aš–šayh al–´akbar“, „Der größte Meister“ genannt. Vielen gilt er als Vertreter religiöser Toleranz. Ibn Al–‘Arabi erklärt:

„Allāh sagte: „Ich war ein verborgener Schatz und Ich liebte es, erkannt zu werden, so schuf Ich die Schöpfung (Menschheit) für Mich, damit sie Mich durch Mich erkennen werden“.

Die in Ihm verborgenen Namen sehnten sich danach, sich zu manifestieren. So brachen sie infolge ihrer Sehnsucht, erkannt und geliebt zu werden, aus dem verborgenen und niemals zugänglichen Göttlichen Sein hervor, wie zu lange angehaltener Atem aus dem Körper bricht. Das ist es, was als nafas ar–raḥmān, der Göttliche Hauch, bezeichnet wird, jener Hauch, der die ganze Schöpfung durchweht und die Göttlichen Worte wirken lässt. Die Namen trafen auf das Nichtsein, das sie, gleichsam wie Spiegelstücke, reflektierte, und so ist die Welt gewissermaßen eine Spiegelung der Göttlichen Namen. Sie existiert nur, solange ihr Gesicht, die Oberfläche des Spiegels, Gott zugewandt ist, sonst verschwindet sie, denn sie ist absolut von Gott abhängig. Gott aber bleibt unverändert, unberührt von der Welt und ist ausschließlich durch die Spiegelung zu ahnen, und so erkennt Ihn jede/r auf seine/ ihre eigene Weise, je nach dem Namen, der sich in ihm/ihr am stärksten manifestiert“.

Die 99 Göttlichen Namen polieren den Spiegel des Herzens, um den Schöpfer sowohl transzendent – und damit größer als die erschaffene Welt – zu erkennen, als auch immanent, also in Allem enthalten. Alle 99 Göttlichen Namen sind Liebesausdrücke, die das Herz heilen und somit unser ganzes Sein.

Die Suchende lernt, innerlich loszulassen und äußerlich festen Fußes mit wachem Herzen auf dem rechten Weg zu gehen. Sie lernt, mit dem sich Widersprechenden umzugehen und die allumfassende Einheit hinter der Dualität zu erkennen. Der Mensch lernt, eine liebende Kriegerin / ein liebender Krieger zu werden auf dem Pfad der bedingungslosen Liebe, dessen äußerer Ausdruck die Güte und das Mitgefühl gegenüber sich selbst und anderen, und dessen innerer Ausdruck die Freiheit ist. Durch die Verwendung der Göttlichen Namen und deren Wiederholung (dikr) wird der Herzensspiegel, der vom Rost weltlicher Gedanken und Beschäftigungen überlagert ist, poliert, damit sich unsere Essenz, das Göttliche Licht unverzerrt und ungedämpft zeigen kann.

VERWENDUNG DER GÖTTLICHEN NAMEN

Es ist empfehlenswert, vor allem zu Beginn, die Göttlichen Namen laut auszusprechen. Laut bedeutet, dass man seine eigene Stimme beim Wiederholen hört. Der jeweilige Göttliche Name bewegt sich, schwingt durch unseren Körper, durch unser ganzes System. Langsam beginnt eine Annäherung zwischen unserer Stimme und der innewohnenden Schwingung des wiederholten Namens. Die Essenz dieses Namens beginnt uns zu bewegen. Oft erfahren wir verschiedene Widerstände, aber auch einen intensiven Widerhall in uns. Manchmal berührt ein Göttlicher Name genau den Trennungspunkt in uns, es ist der Trennungspunkt in Bezug zum Bewusstsein um unsere Seele, der Trennungspunkt in Bezug zur Familie, Gemeinschaft und Menschheit, der Trennungspunkt in Bezug zu Gott, zur allumfassenden ewigen Existenz. Der Bereich des Unterbewusstseins wird berührt, da unsere Trennungswunde, die wir mit den komplexesten Mitteln zu beschützen suchen, dort aufbewahrt ist.

Das stille Wiederholen der Göttlichen Namen wird vor allem dann empfohlen, wenn die oder der Suchende schon klar als murīda bzw. murīd bezeichnet werden kann, also als ein Mensch, der sich ganz klar mit seinem Willen und Streben auf den Weg zu Allāh, zum Absoluten, zur Ewigen Liebe, zum Geliebten begeben will.

Sich selbst zu vergessen, sich jenseits des Ego–Nafs zu öffnen, um von den Göttlichen Namen berührt zu werden, ist wesentlich, um in die tieferen Schichten des Seins zu kommen.

Die Göttlichen Namen können so gewählt werden, dass der Mangel, das, was fehlt, berührt wird, um so den Mangel bewusst zu machen und wieder in die Ganzheit unseres Seins einzugliedern. Eine andere Weise wäre, die Göttlichen Namen so zu wählen, dass eine besonders hoch entwickelte Qualität in uns angeregt wird. Diese Stärke wird ermutigt und aktiviert. Sie beginnt, sich im ganzen System auszubreiten und gibt somit die Kraft, sich den schwächeren, verletzten Bereichen zuzuwenden.

Wichtig ist, eine Balance, eine Ausgeglichenheit in der Herangehensweise zu halten. Zu sehr auf den Mangel zu pochen, kann verhungern lassen, und zu lange auf die Fülle zu konzentrieren, kann vom Ego ausgenutzt werden. Unsere wahre Natur, jenes Sein, jene Seele, die ein Abbild des Göttlichen ist, zu entdecken, ein intaktes, heiles, integriertes, eingebettetes Individuum zu sein, ist die Inspiration, die die Göttlichen Namen mit sich bringen. Es ist die Vereinigung von Göttlichem und Menschlichem, von Gnade und Liebe in uns.

Wenn ein Mensch auf der Suche nach dem Absoluten ist und sich aktiv dafür einsetzt, dann sind die Göttlichen Namen das Tor, durch das sie oder er durchgehen werden. Wenn ein Mensch vorerst seine Aufmerksamkeit im Relativen, also auf seine Ganzheit und seine Einbettung gerichtet hat, so mögen die Göttlichen Namen ihr oder ihm den Segen und die Liebe bringen, die sie brauchen, um ganz zu werden.

Die Göttlichen Namen werden auf drei Arten verwendet:

1. Mit dem Artikel „Al“ wie „Al–Wadūd“ bzw. mit assimiliertem Artikel wie bei „Aṣ–Ṣabūr“.

2. Mit dem Anrufungspartikel „Ya“ wie „Ya Wadūd“ bzw. „Ya Ṣabūr“.

3. Ohne Artikel wie „Wadūd“ und „Ṣabūr“.

KRANKHEIT UND HEILUNG

Der Prophet Muhammad, Allāhs Segen und Friede seien mit ihm, sprach:

„Allāh hat keinen Schmerz gebracht,

ohne dass Er ein Heilmittel dafür gebracht hat.”

Das Weibliche kennt die Einheit. Eine Frau spürt sie instinktiv in ihrem Körper. Sie weiß, wie alles miteinander verbunden ist. Sie weiß, dass auch, wenn Kinder aus einem Bauch kommen, sie ganz verschieden sein können, jedes einmalig in seinem Sein, und doch gehören sie zu einer Quelle. Wie die „kleine“ Gebärmutter so auch die „Große“. Das ist die tiefe Weisheit des Weiblichen. Es ist das tiefe Wissen um die Beziehungen und das Gefühl für das Flechtwerk der Schöpfung. Eine Weisheit, die in der rationalen, wissenschaftlich–trennenden Geisteshaltung der Welt, die wir uns aufgebaut haben, kaum Platz hat. So blieb den Frauen meist nichts anderes übrig als diese Weisheit zu verdrängen bzw. zu marginalisieren, sie einzuschläfern und das männliche Denken und die männliche Herangehensweise nachzuahmen. Genau durch eine solche geistige Trennungshaltung, die sich durch alle menschlichen Bereiche durchzieht, haben wir diese Realität, in der wir sind, erschaffen. Doch wenn wir lernen, die Weisheit des Weiblichen mit dem männlichen Bewusstsein zu verbinden und auch eine Beziehung zwischen den Teilen und dem Ganzen, zwischen dem Ganzen und dem Einen zu entwickeln, wird uns dieses neue Wissen helfen die Ganzheit des Lebens und unsere Welt zu heilen und es wird uns enthüllt, wie wir das bestehende Ungleichgewicht wieder aufheben können.

Auf die gleiche Weise steht es mit unserer eigenen Heilung und Ganzwerdung.

Die meisten Spannungen in unserer Welt sind von den Menschen selbst verursacht, was aber auch heißt, dass die Lösungen für diese Spannungen – mit Allāhs Hilfe – ebenfalls in unseren Händen liegen.

Viele Menschen stellen sich unter „Gesundsein“ die Fähigkeit vor, ohne Störung funktionieren zu können, während „Kranksein” bedeutet, dass ein oder mehrere Teile des Organismus beschädigt sind bzw. nicht mehr funktionieren. Diese müssen dann wieder in Stand gesetzt oder ausgetauscht werden, damit alles wieder „läuft“. Der Mensch wird also als ein isolierter begrenzter Organismus angesehen. Diese Sichtweise ist die im „Westen“ noch immer vorherrschende Herangehensweise zur Bewältigung von Krankheiten. Die Fokussierung ist auf die Dysfunktion eines Teils gerichtet, die Leber ist krank, das Bein ist gebrochen, doch die Gesamtheit des Menschen, die gesunden beteiligten Teile, die verstehen wollen, die an der Heilung beteiligt werden müssen und dafür benötigt werden, werden immer noch ausgeklammert. Diese Grundeinstellung drückt sich auch in dem Wort „Krankenhaus“ aus, während es z. B. im Arabischen „Heilungshaus“ mustašfā heißt.

In den nicht–westlichen traditionellen Kulturen besteht eine holistischere Sicht der Welt. Diese hat damit natürlich auch Ausdruck in der Herangehensweise der Dinge in Bezug auf Krankheit wie auch im Alltag. Alles steht mit Allem in Verbindung und somit in gegenseitiger Abhängigkeit und Ergänzung. Geborenwerden und Sterben, Gesundsein und Kranksein, Freude und Trauer. Man kann von einer „Beziehungsgesellschaft“ sprechen, während die westliche Kultur als „Leistungsgesellschaft“ bezeichnet werden kann.

Natürlich integriert dieses verbundene Verständnis für das Leben auch den Tod. Der Tod wird nicht als Versagen empfunden – was nicht die tiefe Trauer des Abschieds ausschließt – sondern als integrierter Teilbestand des Lebens. Wichtig ist, dass der Patient wenn sie/er stirbt, geheilt, in sich „vereint“, in Frieden sterben kann. Heilung führt nicht notwendigerweise zu einer Verlängerung des Lebens, aber unsere Existenz ist auch nicht zwischen Geburt und Tod beschränkt.

Eine der ansehnlichsten Sufi–Geschichten ist jene vom Fluss und der Sandwüste. Sie schildert die Transformation auf dem Entwicklungsweg in poetisch berührender Weise: Es ist notwendig, dem Selbst das Ich zu opfern, um den letzten Schritt in Richtung Erlösung zu tun. Eine Geschichte von Idries Schah erzählt:

Ein Strom floss von seinem Ursprung im fernen Gebirge durch sehr verschiedene Landschaften und erreichte schließlich die Sandwüste. So wie er es immer schon gewohnt war und wie er alle anderen Hindernisse überwunden hatte, versuchte der Strom nun auch, die Wüste zu durchqueren. Doch er merkte, dass – so schnell er auch in den Sand fließen mochte – seine Wasser verschwanden.

Da er jedoch überzeugt davon war, dass es seine Bestimmung sei, die Wüste zu durchqueren, versuchte er es weiter. Da hörte er eine sanfte Stimme, die aus der Wüste kam und ihm zuflüsterte: „Der Wind durchquert die Wüste, und der Strom kann es auch.“ Der Strom wandte ein, dass er sich doch gegen den Sand werfe, aber dabei nur aufgesogen würde; der Wind aber kann fliegen, und deshalb vermag er die Wüste zu überqueren. „Wenn du dich auf die gewohnte Weise vorantreibst, wird es dir unmöglich sein, sie zu überqueren. Du wirst entweder verschwinden, oder du wirst ein Sumpf. Du musst dem Wind erlauben, dich zu deinem Bestimmungsort hinüberzutragen.“ Aber wie sollte das zugehen? „Indem du dich von ihm aufnehmen lässt.“ Diese Vorstellung war für den Fluss unannehmbar. Schließlich war er noch nie zuvor aufgesogen worden. Er wollte keinesfalls seine Eigenart verlieren. Denn wenn man sich einmal verliert, wie kann man da wissen, ob man sich je wiedergewinnt. „Der Wind erfüllt seine Aufgabe“, sagte der Sand. „Er nimmt das Wasser auf, trägt es über die Wüste und lässt es dann wieder fallen. Als Regen fällt es hernieder, und das Wasser wird wieder ein Fluss.“ „Woher kann ich wissen, ob das wirklich wahr ist?“ „Es ist so, und wenn du es nicht glaubst, kannst du eben nur ein Sumpf werden. Und auch das würde viele, viele Jahre dauern; und es ist bestimmt nicht dasselbe wie ein Fluss.“ „Aber kann ich nicht derselbe Fluss bleiben, der ich jetzt bin?“

„In keinem Fall kannst du bleiben, was du bist“, flüsterte die geheimnisvolle Stimme. „Was wahrhaft wesentlich an dir ist, wird fortgetragen und bildet wieder einen Strom. Heute wirst du nach dem genannt, was du jetzt gerade bist, doch du weißt nicht, welcher Teil deines Selbst der Wesentliche ist.“ Als der Strom dies alles hörte, stieg in seinem Innern langsam ein Widerhall auf. Dunkel erinnerte er sich an einen Zustand, in dem der Wind ihn – oder einen Teil von ihm? War es so? – auf seinen Schwingen getragen hatte. Er erinnerte sich auch daran, dass dieses, und nicht das jedermann Sichtbare, das Eigentliche war, was zu tun wäre – oder tat er es schon?

Und der Strom ließ seinen Dunst aufsteigen in die Arme des Windes, der ihn willkommen hieß, sachte und leicht aufwärts trug und ihn, sobald sie nach vielen, vielen Meilen den Gipfel des Gebirges erreicht hatten, wieder sanft herabfallen ließ. Und weil er voller Bedenken gewesen war, konnte der Strom nun in seinem Gemüte die Erfahrungen in allen Einzelheiten viel deutlicher festhalten und erinnern und davon berichten. Er erkannte: „Ja, jetzt bin ich wirklich ich selbst.“

Der Strom lernte. Aber die Sandwüste flüsterte: „Wir wissen, weil wir sehen, wie es sich Tag für Tag ereignet; denn wir, die Sandwüste, sind immer dabei, das ganze Flussufer entlang bis hin zum Gebirge.“

Und deshalb sagt man, dass der Weg, den der Strom des Lebens auf seiner Reise einschlagen muss, in den Sand geschrieben ist.

Was ist der Unterschied zwischen „heilen” und „kurieren”?

Heilen ist mit „ganz sein“, „heil sein” verbunden, aber auch mit „heilig“. Heil sein bedeutet, in die große Harmonie des Seins eingebettet zu sein, selbst wenn der individuelle Mensch im Extremfall stirbt, denn einerseits hört der Prozess mit dem Tor des Todes nicht auf, andererseits schwingt mit dem „Ich“ stets das „Wir“ der Gesamtheit der Menschheit mit. So ist das „Heil“ der einzelnen Person ein Anliegen der Gesamtheit der menschlichen Gemeinschaft, ja der Schöpfung. Der Einklang mit dem eigenen tiefen individuellen Sein bringt Einklang für uns alle.

Wenn jemand ,,kuriert” ist, also wieder „funktioniert”, jedoch keinen Sinn in ihrem oder seinem Leben gefunden hat, keine Verbindung bzw. Integration in ihre oder seine Gemeinschaft erfahren kann, ist kein „Heil sein” im holistischem Sinne geschehen. Denn eine durchlebte Krankheit sollte uns Menschen die Möglichkeit geben, danach menschlicher zu werden, bessere Menschen zu sein und näher unserer eigenen Vollkommenheit gekommen zu sein. Dazu brauchen wir die adäquate sinnerfüllte Begleitung und die dafür angebrachte Medizin.

Die Heilungs– bzw. Therapiemethoden, die aus dem islamischen Kulturraum stammen, aber auch die anderer Kulturen mit holistischer Herangehensweise wie z. B. jene der Indianer, der Tibeter oder Inder, basieren auf der Erkenntnis der Verwobenheit aller Existenzen und daher auf der existentiellen Einheit allen Seins.

Aus der Sicht des Sufismus basiert alles Kranksein auf dem „Getrenntsein“, auf dem „Vergessen" um die verwobene Einheit allen Seins. Es ist diese „Illusion“ der Trennung, die sich im Innerlichen, also auf der körperlichen, psychischen und emotionalen Ebene zeigen kann, wo sich Schleier zwischen Körper, Geist und Seele schieben, die ihren Ausdruck der Abgetrenntheit innerlich, aber auch im Äußerlichen, auf der Ebene der familiären oder der sozialen Beziehungen aufzeigen, wo Einsamkeit, Isolierung und „das außerhalb stehen“ einen einnimmt. Doch auch die Verbundenheit mit dem Göttlichen ist nicht mehr bewusst und man verliert sich in der verwirrenden Orientierungslosigkeit. Eines der wichtigsten Ziele der Heilung ist die Auflösung der Isolation des Einzelnen und die Wiedereinbettung in die Ganzheit.

Alle Behandlungen, alle Unterstützungen streben die Auflösung der „Trennungsschleier“ an und zielen auf die Wiederverbindung und Einbettung des erkrankten Menschen, und darauf, dem Menschen zu helfen ihren bzw. seinen Platz im Leben zu finden und ihn auszufüllen. Die Heilung geschieht, wenn der Mensch wieder seine Verbundenheit mit allen Ebenen des Seins erkennt, eingebettet wird in die Einheit allen Seins, und ihren/seinen Platz wiedergefunden hat, innerlich und äußerlich. Denn jeder Mensch, der in diese Welt geboren wird, trägt einen wesentlichen Beitrag für diese Welt in sich. Jeder Mensch ist ein Geschenk an die Menschheit, an die Schöpfung. Das „Wieder–erinnern“ an unsere Verbundenheit macht uns Menschen gesund. Das Ziel ist nicht die Unabhängigkeit des Einzelnen, sondern die bewusste Akzeptanz der Verwobenheit, die gegenseitige Vervollständigung und auch Abhängigkeit der Schöpfung von einander und für einander.

Krankheit und Schmerz sind nicht immer leicht zu ertragen, doch sie sind Teil unserer menschlichen Existenz. Krankheit wird erst zu Leid, wenn wir mit ihr „Strafe” oder „Verbannung” verbinden; wenn wir glauben, dass wir „schlecht” waren und wir daher durch eine Krankheit, einen Unfall oder ein Problem gerichtet werden. Es ist dieser Schmerz, der meist viel tiefer und größer empfunden wird als die Krankheit selbst. Zu meinen, wir waren „ungenügend“, „mangelhaft“, „hässlich“ und damit „unwürdig“ für Gottes viele Segnungen, ist das tiefste Leid, das wir uns antun können. Zum Schmerz und zur Krankheit kommen Scham, Schuld und Kränkung.

Sufis sehen in einer Krankheit einen der vielen Wege, die Allāh für uns wählt, um uns zu besseren, mitfühlenderen, integrierteren Menschen zu machen. Es ist das große Tor, das sich öffnet, damit der Akt der Transformation vom Ich zum wahren Selbst stattfinden kann. Krankheiten sind eine der vielen Möglichkeiten – und zwar nicht nur für uns, sondern auch für unsere Gemeinschaft, für unsere Familie – uns zu unserer Vollkommenheit, die allgegenwärtig in uns pulsiert, zu führen. Eine Sufi–Weisheit sagt: „Durch Krankheiten fallen unsere selbstgefälligen Sichten der Dinge wie Blätter im Herbst ab.“

Sich den Finger zu verletzen ist schmerzhaft, doch zu glauben, dass es eine Strafe ist, dass Gott uns dadurch bestraft, das ist Leiden. So oft im Leben urteilen wir über uns und verurteilen uns selbst. Wir verurteilen unser Betragen, unsere Arbeit, unsere Vergangenheit und meist kommen wir zu dem Schluss, dass wir nicht gut genug sind, nicht genug können und dass das, was wir tun, nicht wirklich von Wert ist. Das Nafs liebt es, uns Dinge einzuflüstern: „Du bist nicht gut genug, das, was du erlebt bzw. erfahren hast, war nichts besonderes, das, was du gemacht hast, war wieder einmal mittelmäßig, nicht genügend!“ Im Urteilen und Verurteilen verschließen wir uns den Weg nicht nur der tieferen Erkenntnis unseres Selbst, sondern auch der Fähigkeit zu wachsen, aus jeder Situation wahrlich zu lernen und sie in den transformativen Prozess der Reifung zu integrieren. Das Nafs aber liebt es, im Selbstmitleid zu verharren und sich so das Glück, den Weg zur Erkenntnis zu verwehren.

Sich zu verurteilen, zu richten ist „sündigen", wenn sündigen, sich „trennen" vom „Vollkommen werden“ bedeutet, denn dies verursacht Leid, bläht den Schleier des Selbstmitleids auf und trennt vom Weg zum Göttlichen Licht der Seele. Es ist aber auch ein Trennen vom Glauben an Allāhs Gnade, Ar–Raḥmān, und Güte, Ar–Raḥīm, es ist ein Trennen vom Glauben an Allāhs ewig vorhandene Vergebung, Al–Ġaffār, und an Allāhs Liebe, Al–Wadūd, und Seine allumfassende Fähigkeit, Al–Qādir, alles zu verwandeln und Allāhs Führung, Ar–Rašīd, in Seinem ewigen Plan. Denn Allāh schuf die Welt der Vielfalt, durch die sich die Einheit selbst betrachtet und Er hat alles für die Menschheit erschaffen und die Menschheit für Sich.

Erkennen bzw. sich Wieder–Erinnern an die existentielle Einheit allen Seins ist so wichtig, weil sie im Heiligen wurzelt und zugleich die Methode zu ihrer Erlangung ist. Zu erkennen, dass die Dinge dieser Welt nicht als unabhängige Wirklichkeiten existieren, sondern ganz und gar vom Vorhandensein des verborgenen Urstoffes abhängig sind, dessen Herrlichkeit zu enthüllen, sie erschaffen sind, heißt, Glückseligkeit zu kosten. Die inneren und äußeren Sinne zu vereinen, bedeutet auch, das sichtbare Leben des Diesseits mit dem verborgenen Leben des Jenseits zu vereinen.

„Lese!“ ist der erste Befehl im Koran. „Lese!“, bedeutet auch: kontempliere, erkenne, nehme dir Zeit, die äußeren Dinge nach innen zu nehmen und den äußeren Gang der Dinge mit dem inneren Lernen, mit dem inneren Auge des Herzens anzusehen, mit deinem ganzen Wesen, mit deinen Augen, deinen Ohren, deinem Herzen.

Lese mit deinem ganzem Wesen in den Zeichen und Symbolen um dich herum, in den Reichen der Pflanzen, Tiere und Mineralien, in den Wolken der Himmel, in den Begegnungen und Bewegungen deines Lebens und nehme alles nach innen, dorthin, wo diese äußeren Ideen und Symbole zu deiner Wahrhaftigkeit führen.

Sufismus basiert auf der Realität unseres Seins, dem stabilen und konstanten Zentrum unserer Existenz. Dieses Zentrum kann nicht ererbt werden. Jedes Wesen im Universum besitzt eine Quelle, ein Zentrum der Stabilität. Dieser Punkt befindet sich im Herzen des Menschen. Das ist auch der Grund, wieso das Herz einen so hohen Stellenwert im Sufismus, bei allen Propheten, einnimmt. Das Herz wird als das Tor zum Unsichtbaren, zum himmlischen Königreich betrachtet. Das Herz ist das Tor zum Königreich Gottes. Mit dem Herzen schauen bedeutet, das Universum als Ganzheit zu sehen. Das Herz kann alles vereinen. Sieht man mit dem Herzen, erkennt man die organische Einheit des Universums. Diese Einheit ist ALLĀH!

„Sind sie denn niemals auf der Erde umhergereist, um ihr Herz Weisheit erlangen und ihre Ohren hören zu lassen. Doch wahrlich, es sind nicht ihre Augen, die blind geworden sind, sondern blind geworden sind ihre Herzen, die in ihren Brüsten sind!

(22:46)

Wesentlich beim Heilen sind die Zuversicht und die Absicht, die du im Herzen trägst. Zuversicht ausstrahlen, dass man helfen kann. Ist deine Absicht zu helfen und zu heilen stark genug und fokussiert, überträgt sie sich auf den begleitenden Menschen. Arbeite „für“ den Menschen, nicht nur „an“ ihr/ihm. Würdige die Wichtigkeit und Bedeutsamkeit der Situation oder des Zustandes, in der sich ein Mensch befindet, gleichzeitig verringere die Gefährlichkeit des Zustandes, denn den Menschen Vertrauen zu geben, ist schon die halbe Heilung.

Im Grunde handelt es sich bei welch einer Krankheit auch immer um etwas, das vom eigenen System erschaffen wird, damit sich Gleichgewicht und Harmonie wieder einstellen können. Der eigene Organismus arbeitet von sich aus immer auf eine ganzheitliche Heilung zu. Der menschliche Organismus hat die Kapazität, sich selbst zu heilen. Die gegebene Unterstützung und Begleitung soll vor allem einen Raum der Liebe und des Vertrauens öffnen, in dem dieser Prozess stattfinden kann, gemeinsam mit einem heilenden Wissen, das natürlich notwendig ist.

Jedes Mal, wenn du etwas tust, bei dem du zuvor deine Absicht deutlich formuliert hast, ziehst du die Energie der Einheit an. Alles im Leben hat einen Sinn, eine tiefere Bedeutung! Es gibt einen natürlichen Dialog von Licht zu Licht, den jede Heilerin kennt, wenn sie dem Körper ihres Patienten zuhört. Wenn das stets gesunde Sein eines Menschen mit dem Sein des Anderen kommuniziert, können sie gemeinsam den Körper und die Seele wieder neu ausrichten.

Heilung ist immer eine spirituelle Angelegenheit. Die spirituelle Entwicklung ist der Zweck, der dann im eigenen Leben und in der Umwelt Ausdruck findet. Gesundheit bedeutet, sich in Harmonie mit der Welt zu befinden, zu erfahren, dass das Universum und all seine Geschöpfe aus einem „Urstoff” gemacht sind. Gesundheit bedeutet, hinauszuwachsen über das individuelle Bewusstsein, um die Schwingungen und Strömungen des Universums zu spüren. Diese universelle Wahrheit zeigt sich in allen Traditionen und zu allen Zeiten.

Sie hat zwar im Äußeren das Antlitz der Vielfalt und Mannigfaltigkeit, doch dies ist eher eine Bestätigung der Universalität der Wahrheit, die ihre unendliche Schöpferkraft in unbegrenzten Möglichkeiten und Welten entfaltet. Und doch widerspiegeln sie alle die Eine Wahrheit.

Für den Sufi ist es jedem Menschen möglich, wieder Anschluss an die Göttliche Ebene zu erlangen und heil, ganz zu werden. Jedes Wesen entsprechend ihrer/seiner Dimension. Wir Menschen sind komplexe Meisterwerke, Universen mit eigenen Gesetzen und Gesetzlichkeiten, einmalig in unserer Existenz. Der zur Heilung nötige Wiederanschluss wird bei den Sufis durch vielerlei Praktiken angestrebt: durch Gebete, durch Fasten, durch mystische Tänze, durch Musik, durch Körperarbeit, durch Atem und durch die Kraft der Göttlichen Namen, auf deren Bedeutung und Heilungsenergie in diesem Buch im Besonderen eingegangen wird.

„(Oh Menschen), Ihr werdet euch von einer Stufe zur anderen bewegen!“

(84:19)

Und immer ist der Alltag, unser Leben, unser Übungsterrain, der Ort unserer Transformation. Doch ohne Bezug zur Höchsten allumfassenden Wahrheit hat unser Leben keine Grundlage, keine Bedeutung, keinen Sinn und keinen Glanz. Wir sind dann wie Treibholz den Strömungen ausgesetzt, ohne zu wissen, wohin wir fließen und wer wir sind. Lass Liebe die Grundlage deines Lebens sein, gehe anders mit deiner Umgebung um, behalte eine liebevolle Einstellung gegenüber dem Leben und den Geschöpfen dieses Universums bei und alles wird zu dir zurückfließen. Denn was immer wir für andere tun, tun wir für uns, und alles, was wir für uns tun, tun wir für andere. Das ist das Gesetz der Einheit. Habe Vertrauen und Zuversicht.

Ein Beduine hatte drei Söhne. Als seine Zeit kam sandte er nach ihnen und sprach: „Meine Kinder, ich möchte euch meine 17 Kamele vermachen! Ich bestehe aber auf folgender Aufteilung: Du, mein Ältester, sollst die Hälfte bekommen, Du, mein Zweitgeborener, ein Drittel und Du, mein Jüngster, ein Neuntel. Der Vater starb und die Söhne zermarterten sich das Gehirn, wie sie diese Aufteilung bewerkstelligen sollten. Wie immer sie es drehten und wendeten, es passte nie. Sollten sie ein Kamel opfern und aufteilen, sollten sie einige Tiere verteilen? Da bemerkten sie einen alten Sufi, der mit seinem Kamel unter einer Palme rastete. Sie gingen hin und baten um Rat. „Nehmt mein Kamel dazu, dann habt ihr 18 Kamele!“ So geschah es auch. Der Älteste bekam die Hälfte, also 9 Kamele, der Mittlere ein Drittel, also 6 und der Jüngste ein Neuntel, also 2 Kamele. Als sie die Aufteilung beendet hatten, blieb ein Kamel über. Der alte Sufi schnappte sich sein Kamel und ging lächelnd seines Weges.

Das ist Liebe, Vertrauen und Freiheit oder Gelassenheit in Gott. Weisheit ist süß!

Wir werden im Folgenden von den Strukturen der Arabischen Formen sprechen und dass jeder Göttliche Name auf einem Klangcodex basiert, der in sich eine besondere Schwingung trägt. Diese besondere Schwingung wird zusammen mit der Bedeutung des jeweiligen Namens durch die Rezitation weitergegeben. Jeder Göttliche Name, jeder der 99 Göttlichen Liebesformen regt Harmonie an, wo Disharmonie besteht, bringt Heilung, wo Schmerz besteht, löst Vertrauen und Zuversicht aus, wo Verzweiflung und Abgrenzung bestand. Ob es sich um eine nervliche, mentale oder physische Krankheit handelt, die Wurzel ist immer Disharmonie.

In der Sufi Tradition wird der Körper selbst auch als Schwingung gesehen, als beseeltes Energiefeld. Dieses materialisierte Energiefeld kann zum Verständnis in Ton und Rhythmus aufgeteilt werden. Der TON ist unsere Lebensenergie, genannt qudra. Die qudra ist die individuelle Kapazität, Kraft und Fähigkeit, die jedem Menschen gegeben ist. Sie ist aber auch universell vorhanden und durchdringt den ganzen Kosmos und alle Lebewesen. Sie ist mit unserem Atem, dem absoluten Ausdruck des Lebens, verbunden und wird durch ihn angeregt und unterstützt. Der RHYTHMUS ist unser Pulsschlag. Er fließt durch unseren Körper mit der Blutzirkulation. Das „Lied“, das sich aus Ton und Rhythmus bildet, formt sich im Herzen. Es wird durch zwei Aspekte gefärbt: intern durch unsere Gedanken und Gefühle und im weiteren extern durch unsere Handlungen.

Das Zentrum, wo sich Atem und Pulsschlag vereinen, ist im Herzen gelegen. Dort werden die Gedanken und die Taten aufeinander eingestimmt, durch die Gefühle gefärbt und in unsere innere und äußere Welt getragen. Wir sind natürlich fähig, unsere Gedanken und unsere Taten mit unserem Herzen zu verbinden, obwohl das Herz anderen Gesetzlichkeiten als der Verstand folgt. Es ist direkt, frei und kompromisslos gegenüber den Bedenken des Ichs. Daher vermeidet das Ich oft, das Herz um Rat zu fragen, denn die Antwort ist für das Ich meist unbequem. In gewisser Weise fragt der Verstand immer: „Wie kann ich mehr bekommen?“ und das Herz: „Wie kann ich mehr geben!“ Doch eine Lösung zu finden, die auch das Herz erfreut, ist die Basis des Sufi Weges.

Wir sind also in zwei Bewegungen eingebettet: im Atem und im Herzschlag. Beide Bewegungen stehen im normalen ruhigen Zustand im Verhältnis 1:4 zueinander. Bei 15 bis 20 Atemzügen pro Minute erfolgen 60 bis 80 Herzschläge. „Eins“ ist die grundlegende Einheit und „vier“ die vielfältige Natur, symbolisiert durch kalt–heiß–nass–trocken. Die einende Erkenntnis ist mit dem Verstand verbunden, die Weisheit ist in der Natur zu finden, in unserer Natur und in der uns umgebenden Natur. Die Natur ist die natürliche Gefährtin des Glaubens. Sie lehrt den Verstand die Demut: „Du hast weder den Baum noch das Wasser erfunden, weder das Licht noch das Auge!“ Aus dem Erkennen der eigenen Grenzen kann sich der Verstand für die Notwendigkeit des Glaubens öffnen und die höheren Sphären zulassen. Die Einbettung bekommt ihre Gestalt.

Der Atem ist mit den Gedanken und zugleich auch mit den Gefühlen verbunden. Sie sind zwei Seiten einer Münze. Der Atem ist die körperliche Seite des Denkens und das Denken die psychische Seite des Atems, die Gefühle sind das Verbindungsglied. Jede Veränderung auf der geistig–gedanklichen Ebene, also auf der Bewusstseinsebene, hat sofort eine Auswirkung auf den Atem. Wenn wir z. B. unseren Atem beobachten, wird er spürbar tiefer und unsere Gedanken langsamer und stiller. Wenn wir gefühlsmäßig aufgewühlt sind, hat dies wiederum Einfluss auf den Atem.

Das Zusammenwirken von Körper, Denken und Gefühl ist zur Erlangung des innewohnenden Schatzes von kostbarster Wichtigkeit.

Die mentale Ebene ist sensibler als die Körperebene. Das bedeutet, dass meine geistige Haltung einen wesentlichen Einfluss auf meinen Körper ausübt.

Seinen Ton, seine Lebensenergie, seine Mitte zu stärken ist wertvoll, um gesund zu sein bzw. zu werden. Durch eine Krankheit kommt man aus dem gewohnten Rhythmus. Seinen Rhythmus nach einer Krankheit wieder zu finden ist wesentlich, sonst bleiben die Zeichen der Krankheit. Erst wenn der Mensch seinen Rhythmus gefunden hat, ist das Wesen der Krankheit, der Boden, der für die Krankheit zur Verfügung stand, entfernt. Mit anderen Worten: ist auch die Wurzel der Krankheit und nicht nur die Pflanze entfernt, oder wie HeilerInnen sagen würden, ist auch der Geist der Krankheit entfernt worden, ist der Mensch wirklich befreit und nicht mehr anfällig. Jeder Mensch hat seinen eigenen Rhythmus, wichtig ist, dass man seinen findet, ihn respektiert und achtet. Um den Rhythmus wieder in die Ganzheit einzubetten, sind adäquate Ernährung, Balance zwischen Ruhen und Tätigkeit, Befolgung eines Tagesrhythmus und auch eines Jahreszeitenrhythmus erforderlich. Durch die bewusste Atmung, eine bejahende Geisteshaltung sowie Meditation bzw. Gebet finde ich meine Ganzheit wieder.

Der Übergang zu einem neuen Rhythmus bringt kurzfristig Stress, Unruhen und Krisen mit sich und muss achtsam angegangen werden. Die Aufgabe von HeilerInnen ist es, hier zu unterstützen, zu motivieren und zu begleiten.

Jedes Atom ist lebendig, ob man es Strahl, Spur, Elektron, Mikrobe, Keim oder Bakterie nennt. Die traditionellen HeilerInnen nannten sie Wesen, Geister und Lebewesen. Sie sahen also nicht nur die äußere Form sondern auch ihren Geist. Sie bemühten sich nicht nur darum, die äußere Bakterie oder Mikrobe zu entfernen, sondern auch deren Geist. Das ist heil werden, das ist frei werden.

Denke an den Tod und lebe bewusst!

Lebe in Liebe und tue deine Arbeit!

Meistere deine Worte und lass jedes aus deinem Herzen kommen!

(Saad)

Eine weitere Energie, die durch das Zusammenspiel von Gedanken, Körper und Gefühl entsteht, ist der Magnetismus. Der Magnetismus ist mit dem Immunsystem verbunden. Das Immunsystem ist der Ort, der die Nahtstelle zwischen Körper und Seele formt. Der Magnetismus ist die Energie, die Seele und Körper zusammenhält.

Um das Immunsystem zu stärken und die Abwehrkräfte zu steigern, muss man auf eine gesunde Darmflora achten, denn der größte Teil der Immunabwehr spielt sich im Darm ab. Das Immunsystem ist ein Abwehrsystem und „abwehren“ heißt, nicht hereinlassen. Der Gegenpol der Abwehr ist Liebe. Liebe ist ein Akt des Hereinlassens. Jede Abwehr, jede Abgrenzung, jede Isolierung festigt unser Ego und hindert uns am Weg zur Vollkommenheit. Das Ego stellt alle Antriebe, die klügsten, anständigsten und frommsten Behauptungen in den Dienst der Abgrenzung. Doch der Weg der Liebe sagt: „Alles was ist, ist gut!“

Gewiss ist Abwehr wichtig, denn sie bringt uns in unserer dualen Welt dazu, Reibungen und Widerstände, wir nennen sie üblicherweise Schwierigkeiten und Probleme, zu erleben, damit wir durch Erkenntnis weiterkommen. Schwierigkeiten haben ihre Berechtigung, sie werden gebraucht, genauso wie Krankheit Anrecht hat, zu sein, bis wir sie in Heilung verwandeln. Sie alle sind Hilfsmittel auf dem Weg der Liebe, auf dem Weg der Reife und Freiheit. Alles auf dieser Welt strebt nach Reife und Freiheit. Alle Herausforderungen und Gegebenheiten anzunehmen, die mir die Göttliche Liebe in meinem Leben zuträgt, heißt EINS werden. Dafür muss ich Raum in meinem Geist und Herzen machen und gut vom Einen Geber denken. Platz machen für Vertrauen. „Vertrauen ist gefährlich und lebensbedrohend!“ ruft der Verstand. „Aber es ist unabdingbar!“ antwortet das Herz. Vertrauen in die weise Gnade in die unendliche liebevolle Hand, auch hinter der bittersten Medizin.

Auf der Ebene der Krankheit geht es weniger darum, den Erreger zu zerstören, als vielmehr, das Immunsystem so zu stärken, dass es mit jedem Erreger fertig werden kann. Daran ist die Ganzheit des Menschen beteiligt, also körperlich, emotional, geistig, spirituell und ethisch.

Ein Körper, der in Disharmonie geraten ist, ist empfänglich für disharmonischen Einfluss, für disharmonische Atome. Er zieht sie unbewusst an und nimmt daran teil, und zwar nicht nur der Körper sondern auch der Verstand. Denn jede körperliche Krankheit steht in irgendeiner Weise mit einer mentalen Krankheit in Verbindung. Jedes Element zieht ein ähnliches Element an, so zieht Disharmonie ihrerseits Disharmonie an und Harmonie wiederum Harmonie.

DIE WISSENSCHAFT DER BUCHSTABEN

Im Arabischen Alphabet hat jeder Buchstabe einen Zahlenwert. Ibn Al–‘Arabi erwähnt in seinem Buch „al–futuḥāt al–makkiyya“ die esoterische Bedeutung der 28 Buchstaben des Arabischen Alphabets. Er vergleicht das Weltall mit einem Buch, in dem jeder der Buchstaben eine Göttliche Idee darstellt und zugleich eine Zahl repräsentiert. Ibn Al–‘Arabi stellt auch eine Verbindung her zwischen dem Universum, dem Makrokosmos, al–kawn al–kabīr, und dem Menschen, dem Mikrokosmos, al–kawn aṣ–ṣaġīr, in dem jeder der 28 Arabischen Buchstaben einem bestimmten Teil des Organismus entspricht. Diese Entsprechungen ermöglichen es, die geheime Wissenschaft von den in den Buchstaben verborgenen Kräften therapeutisch anzuwenden. Die Wissenschaft von den Buchstaben führt in drei Daseinsebenen oder Welten: Im höchsten Sinne führt die geheime Wissenschaft von den Buchstaben zur Erkenntnis der Ur–Prinzipien, im mittleren Sinne führt sie in das Wissen vom Entstehen der wahrnehmbaren Welt, und im unteren Sinne führt sie zur Kenntnis der Eigenschaften der aus Buchstaben gebildeten Wörter und Namen, sowie der Zahlen. Denn in den Buchstaben eines Namens verrät sich die Natur eines geschaffenen Wesens.

Dem Menschen wurde das Wissen um die Namen geschenkt:

„Und Er lehrte Adam die Namen aller Dinge.“

(2:31)

In jedem Buchstaben pulsiert eine individuelle Kraft, die ihn befähigt, an der Formung der Materie teilzunehmen. Die Vereinigung bestimmter Buchstaben trägt in sich eine individuelle Offenbarung, durch die der menschliche Organismus beeinflusst werden kann, denn jedes Organ hat eine besondere Grundschwingung, eine Farbtönung, die derjenigen eines bestimmten Buchstaben entspricht.

Zusätzlich wird jeder Arabische Buchstabe mit einem Element verbunden. Die Reihenfolge folgt der inneren, esoterischen Anordnung der Buchstaben, die sich von der äußeren Reihenfolge des Arabischen Alphabets unterscheidet. Es beginnt mit dem Buchstaben Alif, der mit dem Element Feuer verbunden wird; der zweite Buchstabe Bā‘ mit dem Element Luft (siehe Tabelle auf S. 40 ff). Wenn also ein Wort aus einer spezifischen Kombination von Buchstaben zusammengestellt ist, so schwingen automatisch gewisse Elemente mit, die einen weiteren Einblick in die Wirkung dieses Wortes geben.

Nach jedem Göttlichen Namen stehen drei verschiedene Zahlen, die sich folgendermaßen ergeben: Nehmen wir den Göttlichen Namen Ar–Raḥmān, der aus den Konsonanten R–Ḥ–M–N besteht, diese Konsonanten werden jeweils mit den Zahlen R=200, Ḥ=8, M=40, N=50 verbunden und ergeben die Summe 298. Für Heilungen auf der körperlichen Ebene würde diese Anzahl der Repetitionen verwendet. Die zweite Ebene entsteht, indem man die Zahl 298 mit der Anzahl der Konsonanten, aus dem das jeweilige Wort besteht, in unserem Fall 4, multipliziert, also 4 x 298, dies ergibt die Summe 1.192. Diese Ebene bzw. diese Anzahl der Repetitionen wird vor allem verwendet, wenn man es mit einem Menschen zu tun hat, dessen Wiedereinbettung in das „Wir“, in die Menschheitsfamilie wesentlich wäre. Die dritte Ebene hilft vor allem, wenn die Einbettung und die Verbundenheit mit der Göttlichen Ebene nicht mehr bewusst zu sein scheint. Hier ergibt sich die Summe durch das Multiplizieren der Grundzahl, in unserem Fall 298, mit sich selbst: 298 x 298 = 88.804. Mit jeder Ebene weitet sich der Mensch aus und befreit sein Bewusstsein aus der Abtrennung.

Das Rezitieren der Göttlichen Namen beeinflusst den Menschen und unterstützt sie/ihn auf dem Weg zur individuellen Vollkommenheit. Das geschieht durch die Bedeutung des jeweiligen Göttlichen Namens, durch die Form bzw. den Klangschlüssel, in welche/n der Name eingebettet ist, durch die Buchstaben und deren Kraft, die jeweils mit einem Körperteil bzw. Organ verbunden ist und durch den Zahlenwert, der durch die Buchstabenzusammensetzung entsteht und daher die nützlichste Anzahl von Wiederholungen vorgibt.

Jeder Göttliche Name ist erfüllt von Göttlichen Schwingungen. Diese umgeben und widerspiegeln sich in Allem, was uns umgibt. Sie beschützen uns und durchdringen unseren Körper und unser ganzes inneres Sein. Jede Silbe eines Göttlichen Namens enthält Schwingungen, die die Atmosphäre verwandeln. Das Besinnen auf den Göttlichen Namen schenkt unmittelbar Frieden und Glück und wendet uns vom Weltlichen zum Göttlichen.

Beim Wiederholen eines Göttlichen Namens soll man sich nicht anstrengen oder versuchen, irgendetwas Bestimmtes zu erreichen. Man soll versuchen, aufrichtig zu sein, Liebe zu Gott zu empfinden und das Herz für diese Öffnung zur Verfügung zu stellen. Darauf folgt die Kraft unmittelbar – ob man das wahrnimmt oder nicht.

Obwohl die Göttlichen Namen stark und machtvoll sind, spüren wir vielleicht nicht gleich ihre Wirkung, doch es werden sich Ergebnisse einstellen. Durch ihre Rezitation, durch ihr Singen oder inneres Wiederholen kann man Dinge verändern. Es gibt keine festgelegte und begrenzte Zeit, man kann sich den ganzen Tag von ihnen begleiten lassen, sie den ganzen Tag ins Herz fließen lassen. Dann beginnt das Herz zu schwingen und du spürst, wie allmählich dein Herz das Singen deiner Zunge übernimmt und dann deine Seele den lang ersehnten Klang wiederholt. Pflege das Besinnen auf das Göttliche, wann immer es dir möglich ist. Du kannst dies während jeder Tätigkeit machen. Es geht aber leichter bei einer körperlichen Tätigkeit ohne geistige Arbeit. Es ist mittlerweile wissenschaftlich erwiesen, dass regelmäßige Meditation effektiv und nachweislich die mentale, emotionale und physische Gesundheit auf vielerlei Weise unterstützen kann und dass sie tiefgreifende und inspirierende Vorzüge im Alltag hervorruft.

Die in diesem Buch angegebenen Vorschläge für die Wiederholung der Göttlichen Namen in spezieller Anzahl und zu gewissen Zeiten beruhen auf Wissen, das von mehreren Lehrern weitergegeben wurde: Šayh Sidi Muhammad Al–Ğamal Al–Rifā‘ī, Šayh ‘Abd Al–Maqṣud Muḥammad Sālim, Šayh Tosun Bayrak Al–Jerrahi Al–Halveti.

Diese Angaben, alle Erklärungen und Unterstützungen, die hier erwähnt werden, dienen als Hilfe bei der Entdeckung des Juwels, des wahren Seins, jenes ewigen Seins, das in uns allen ruht und an das sich alle Propheten gewandt haben. Der Weg dorthin, Schicht für Schicht die Schleier der Isolation ablegend auf der Suche nach dem Absoluten, dem Urgrund aller Existenzen, nach Allāh. Seine Nähe suchend, Seine Hilfe erbittend, Seine Liebe spürend. Eine Suche mit dem Auge des Herzens und dem Licht des Verstandes, Würde und Freude verbindend, Diesseits und Jenseits paarend, Sichtbar und Unsichtbar vereinend.

DIE 28 BUCHSTABEN DES ARABISCHEN ALPHABETS UND DEREN TRANSLITERARISCHE ENTSPRECHUNG, NUMEROLOGIE UND ELEMENTE



DIE FORMEN DER ARABISCHEN SPRÄCHE, IHRE BEDEUTUNG UND WIRKUNG

Eines Tages war ein Sufimeister bei einem Freund zu Besuch. Zur gleichen Zeit war auch ein befreundeter Kaufmann anwesend. Die Tochter des Gastgebers war eine junge schwächliche Frau. Als man gemeinsam beim Abendmahl saß, stürzte plötzlich das Kindermädchen ganz aufgelöst herein: „Der jungen Frau geht es gar nicht gut, sie ist in Ohnmacht gefallen und liegt jetzt fiebernd im Bett!“ Der Sufimeister begann sofort Heilungsgebete zu rezitieren. Der Kaufmann aber schüttelte verächtlich den Kopf. „Welch volkstümlicher Aberglaube, zu glauben, dass man mit Worten Einfluss nehmen kann auf den Gesundheitszustand eines Menschen!“ Der Sufimeister sprang wütend auf und sprach: „Wie kann ein so einfältiger, aufgeblähter, ignoranter Dummkopf wie Sie über etwas urteilen, von dem er keine Ahnung hat! Ein Esel bleibt ein Esel, auch wenn er Ladungen von Büchern auf seinem Rücken trägt!“ Bei diesen Worten sprang der Kaufmann auf, sein Gesicht verfärbte sich tiefrot, sein ganzer Körper zitterte und er schnappte mit offenem Mund nach Luft. Er rang nach Worten, doch er konnte sich einfach nicht beherrschen. Ganz mild wurde der Blick des Meisters und mit sanfter ruhiger Stimme sprach er: „Bitte verzeih, hochgeschätzter Bruder, meine Worte sollten in keinster Weise Ihre Ehre oder Ihr Ansehen kränken. Ich wollte nur aufzeigen, welche Macht in gewöhnlichen Worten liegt, wie sie uns beeinflussen und unsere Zustände verändern können. Wenn diese Kraft in gewöhnlichen Worten ruht, welche Kraft besteht erst in heiligen Worten und Formeln!

Die Göttlichen Namen sind in ihrem Klang und ihrer Bedeutung in der arabisch grammatikalischen Struktur eingebettet. Es gibt im Arabischen verschiedene Formen, in die jeweils die Grundwurzel, die zumeist aus drei Komponenten (Konsonanten) besteht, hineinfließt. Jede dieser Formen trägt eine Grundqualität und eine Resonanz in sich, die durch ihren Klanglaut sowohl auf der körperlichen, geistig–psychologischen wie spirituellen Ebene ihren Einfluss verströmt. Alle Worte einer bestimmten Form haben also eine gemeinsame spezifische Grundbedeutung, einen gemeinsamen Klangschlüssel.

Worte der arabischen Sprache, also auch die Göttlichen Namen, wachsen aus einer Wurzel, die meist aus drei, selten aus vier „Wassertropfen“ (Konsonanten) bestehen. Diese „Tropfen“ werden in verschiedene Formen gegossen, aus denen dann die vielfältigsten Worte, Begriffe und Bedeutungen entstehen. Die vorgegebenen Formen tragen aktive oder passive, manche sowohl passive als auch aktive Qualitäten in sich, andere Namen tragen Steigerungsqualitäten in sich, und jene Namen mit dem Präfix „mu“ zeigen die Instrumentalisierung auf. Der Klang eines Göttlichen Namens trägt nicht seine Bedeutung, doch die Form, die ein Göttlicher Name annimmt, gibt uns Einblick in den Wirkungsbereich.

Alle Göttlichen Namen tragen somit eine aktive Qualität in sich. Wenn die Göttlichen Namen wiederholt werden, so ist es wichtig, ihre Bedeutung zu wissen. Zu sagen, ich verlasse mich auf die Schwingungen oder die Form eines Göttlichen Namens und schließe aus dem akustischen Klang eines Namens auf seine Bedeutung, ist nicht möglich. Denn dieselben Formen werden in der gesamten Arabischen Sprache verwendet und wenn die Form bzw. der Klanglaut allein ausschlaggebend wäre, dann könnte man ja beliebige Worte wählen, in der Hoffnung, durch sie etwas Positives bzw. Negatives zu bewirken.

In der nachstehenden Liste (siehe Seite 44 ff) werden die Göttlichen Namen nach ihren gemeinsamen Formen aufgelistet, um die Grundbedeutung einer Form, auch Stamm genannt, näherzubringen. Jeder Stamm des Arabischen Verbes, und es gibt deren fünfzehn im Arabischen, von denen aber nur zehn mehr oder weniger verwendet werden, wird durch lange Vokale, Konsonantenverdoppelungen, Präfixe, Einfügungen oder aus Kombinationen der oben erwähnten Aspekte geformt. Jede Erweiterung der Grundform bringt bedeutungsmäßige Veränderungen mit sich. So hat jede Form, jeder Stamm einen anderen Bereich, in dem sich seine Wirkung ausbreitet. Der Klangkodex beinhaltet in sich eine spezielle Wirkung. Es ist, als ob sich das Licht eines Göttlichen Namens durch seine besondere Form und seinen ausgewählten Klang gebündelter auf einen Bereich des Daseins konzentriert.

Die Aufreihung der verschiedenen Formen und der Klangschlüssel soll die Verwendung der Göttlichen Namen erleichtern. Ein tieferes Verständnis für das innewohnende Potenzial der Göttlichen Namen zu bekommen, hilft uns, ihre Heilkraft zu erfassen und durch ihre Rezitation Ausgewogenheit, Weisheit, Heilung und Ganz–Werdung in alle Bereiche unseres Lebens zu bringen. Die Göttlichen Namen dienen dazu, unser psychologisches und spirituelles Potenzial zu erkennen, und unterstützen uns, zu dem zu werden, was wir wahrlich sind. Sie sind Orte der Transformation und ihr Ziel ist, die Verbindung zwischen dem Menschen und Gott herzustellen. Ihr Ziel ist Glückseligkeit, denn Glück ist Allāh.

Manche der Arabischen Buchstaben sind für viele nicht einfach auszusprechen. Doch es ist bei der Verwendung der Göttlichen Namen wesentlicher, ihre Bedeutung zu kennen und sich an ihren Klangkodex bzw. ihre Form zu halten, als die einzelnen Buchstaben ganz korrekt auszusprechen. Ist es also schwierig, den stimmlosen gutturalen Verschlusslaut „q“, der im Göttlichen Namen Quddūs enthalten ist, auszusprechen, so kann man sich mit dem „g“ wie in Gaumen zufrieden geben.

I. FĀ ‘IL: „Der Aktive, ausschließlich Tuende“

Die Form bzw. der Klang „fā ‘il“ ist DIE aktive Form und trägt in sich die Bedeutung „des aktiven, ausschließlich Tuenden“. Sie prägt sich in das Herz mit der Klarheit einer vertikalen Lichtsäule, die sich durch das lange „ā“, also durch das Alif „ أ “ zeigt. Der jeweilige Göttliche Name dringt mit dieser Form ein und aktiviert die Sammlung auf der geistigen, emotionalen und auf der Wahrnehmungsebene.

19 der Göttlichen Namen gestalten sich aus dieser Form, drei weitere Göttliche Namen können hier hinzugefügt werden, obwohl der letzte Vokal lang gesprochen wird, da sie auf grammatikalischer Ebene Sonderformen bilden.

Der zusammengesetzte Göttliche Name Māliku–l–Mulk entspricht in seinem ersten Teil „Mālik“ form– und klangweise dieser Kategorie von Namen. Durch die Hinzufügung des zweiten Namen „Mulk“ wird die Absolutheit und allumfassende Qualität dieses Göttlichen Namens unterstrichen.


Al–HāliqAl–Hāfiḍ
Al–Bāri´Ar–Rāfi‘
Al–QābiḍAl–Wāsi‘
Al–BāsiṭAl–Bā‘it


Al–WāğidAl–Māni‘
Al–MāğidAn–Nāfi‘
Al–WāḥidAl–Wārit


Al–QādirAl–Wālī
Al–´ĀhirAl–Hādī
Adh–DhāhirAl–Bāqī
Al–Bāṭin
Al–Ğāmi‘Māliku–l–Mulk

II. FA‘ĪL: „Durchdringung allen Seins ohne Unterschied“

Wenn ein Göttlicher Name in dieser Form bzw. mit diesem Klang erscheint, so trägt er vor allem bzw. vordergründig die Qualität der Durchdringung in sich. Die Durchdringung allen Seins, sowohl auf der individuellen, wie auch auf der kollektiven Ebene ohne Unterscheidung. Er dringt mit der in ihm schwingenden Qualität in alle Wesen ein. Das Herz wird hin und her bewegt, bis es seine Ausgewogenheit zwischen der sichtbaren und der verborgenen Welt findet und somit seinen tiefen Frieden. 27 der Göttlichen Namen gestalten sich aus dieser Form.


Ar–RaḥīmAl–‘Alīy
Al–‘Azīz
Al–‘AlīmAl–Kabīr
As–Samī‘
Al–BaṣīrAl–Ḥafīdh
Al–LaṭīfAl–Ḥasīb
Al–HabīrAl–Ğalīl
Al–ḤalīmAl–Karīm
Al–‘AdhīmAr–Raqīb


Al–ḤakīmAl–Walīy
Al–MağīdAl–Ḥamīd
Aš–ŠahīdAl–Ġanīy
Al–WakīlAl–Badī‘
Al–QawīyAr–Rašīd
Al–Matīn

III. FA‘ŪL: „Berührung der tiefsten Tiefen”

Die Göttlichen Namen, die in dieser Form bzw. diesem Klang „fa‘ūl“ erscheinen, tragen vor allem die Qualität des tiefen Eindringens in eine Sache in sich. Jeder Schmerz, jedes Leid – und wenn sie noch so tief im Herzen liegen – können hiermit erreicht werden. Es ist der liebevolle, heilige, tiefeindringende Finger, der Heilung in sich trägt. Die tiefsten Wunden, sogar jene, die wir selbst in unseren entblößten Momenten kaum ansehen können, werden mit diesem Klangschlüssel und der Bedeutung des jeweiligen Namens umspült und gereinigt. Dies ist die intensive Form von fā‘il. Fünf der Göttlichen Namen gestalten sich aus dieser Form.

Der Göttliche Namen As–Salām mit der Form „fa‘āl“ bildet eine Variante der oben erwähnten Form. Mit dem „ā“ an Stelle des „ū“, also mit dem zusätzlich öffnenden Klangschlüssel, dringt dieser Name tief in das Herz und hat zusätzlich einen erhebenden, allverbindenden Effekt.


Al–ĠafūrAl–‘Afūw
Aš–Šakūr
Al–WadūdAs–Salām
Ar–Ra`ūf
Aṣ–Ṣabūr

VI. FA‘‘ĀL und FA‘‘ŪL: „Die ewig sich wiederholende Kontinuität“

Die Formen bzw. Klänge „fa‘‘āl“ und „fa‘‘ūl“ tragen die Bedeutung von „ewig“ und „immer“ in sich. Hier schwingt das stetige Immerwährende, das fließende, ewig Wiederholende, ohne Unterbrechung, ohne Pause, wie der Schlag des Herzens mit. Diese Formen tragen in sich den Klang der Kontinuität, ohne Anfang und ohne Ende.

Die Verdoppelung des mittleren Konsonanten zeigt eine Intensität auf, die wie ein Stempel auf das Herz wirkt, bis das Herz in diesem Aufdruck verschmilzt. Sieben der Göttlichen Namen gestalten sich aus dieser Form.

Die Verdoppelung, auch mit den Varianten von „fa‘‘ūl“ und „fu‘‘ūl“ schwingen in derselben Beschaffenheit, wobei hier zusätzlich der Aspekt der allumfassenden Tiefe und Ewigkeit hinzukommt. Die tiefsten Schichten des Herzens werden erfasst.

Der Göttliche Name Al–´Awwal wird auch hier erwähnt, kann aber in der Bedeutung seines Klangschlüssels nur in Verbindung mit seinem Gegenpol Al–´Āhir ganz erfasst werden. Beide gemeinsam formen den Kreis der unendlichen Kontinuität.


Al–ĞabbārAl–Qayyūm
Al–ĠaffārAl–Quddūs
Al–Qahhār
Al–WahhābAl–´Awwal
Ar–Razzāq
Al–Fattāḥ
At–Tawwāb

V. FA‘L: „Die innewohnende allanwesende essentielle Qualität des Daseins“

In der Form bzw. dem Klang „fa‘l“ schwingt die Bedeutung und die Wirkung eines permanent existierenden Merkmals. Eine Qualität, ob sichtbar oder unsichtbar, die frei von der jeweiligen Manifestation existiert. Es ist eine innewohnende essentielle Qualität des Daseins, die mit diesem Klang Ausdruck bekommt, ein permanentes Sein. Obwohl nicht offensichtlich, sind Göttliche Namen mit dieser Form allanwesend und gehören zu den Grundeigenschaften hinter aller Existenz. Dieser Klangkodex lässt eine ekstatische Nüchternheit im Herzen aufkommen, die auch in den schwersten Stürmen des Lebens Standhaftigkeit vermittelt. Vier der Göttlichen Namen gestalten sich aus dieser Form.

Zwei weitere Göttliche Namen, die aus grammatikalischen Gründen eine andere äußere Form bilden, gehören auch zu dieser Kategorie, nämlich Aḍ–Ḍār und An–Nūr. Al–Malik bildet durch das „i“ eine weitere Variante, trägt aber dieselbe Grundbedeutung.


Al–‘AdlAḍ–Ḍār
Al–ḤaqqAn–Nūr
Al–Ḥayy
Al–BarrAl–Malik

VI. FA‘AL: „Der permanente bleibende Lauf des Absoluten“

Die Form bzw. der Klangkodex „fa‘al“ nimmt Bezug auf die ursprüngliche Natur einer Sache, auf die innewohnende Grundnatur des Urstoffes, des Absoluten. Wenn ein Göttlicher Name in dieser Form erscheint, trägt er in sich den Ausdruck des permanent anwesenden Laufes, wie die vorher erwähnte Form, aber auch den des Werdegangs, der Entwicklung und des Auslösens eines Prozesses. Drei der Göttlichen Namen gestalten sich aus dieser Form.


Al–Ḥakam
Al–´Aḥad
Al–´Aḥad

Mu + Form: „Kontinuierlich verursachend“

Die Form bzw. der Klang, die bzw. der mit der Vorsilbe „Mu“ beginnt, deutet immer auf eine stetig kontinuierlich verursachende, begründend ursächliche Kraft hin. Bei dieser Form kommt klar zum Ausdruck, dass „etwas mit einem getan wird", „es wirkt durch einen“.

VII. MUFA“IL: „Der ewig ausführenden Akt“

Dieser Klangkodex zeigt auf, dass diese Gruppe von Göttlichen Namen einen kontinuierlichen ewig ausführenden Akt repräsentiert, ohne Anfang und ohne Ende. In jedem Moment erschafft Allāh die manifestierte Welt und in jedem Augenblick entsteht sie neu. Drei der Göttlichen Namen gestalten sich in dieser Form.


Al–Muṣawwir
Al–Muqaddim
Al–Mu´ahhir

VIII. MUF‘IL: „Der all–einnehmende Verursacher“

In dieser Form bzw. diesem Klang zeigt sich, dass Allāh der Verursacher und Former aller Dinge, aller Manifestationen, aller Geschehnisse ist und dass es keinen anderen Verursacher außer Ihm gibt. Eine solche Absolutheit wird durch diesen Klang in das Herz eingeprägt. Zwölf der Göttlichen Namen schwingen in dieser Qualität.

Die hier erwähnten Göttlichen Namen enden zum Teil mit einem langen Vokal, da es grammatikalisch ein schwacher langer Vokal ist.


Al–Mu´minAl–Muḥṣī
Al–MuqsiṭAl–Muḥyī
Al–Mubdi´Al–Muġnī
Al–Mu‘izzAl–Mu‘īd
Al–MudilAl–Mumīt
Al–Muqīt
Al–Muğīb

IX. MUFAY‘IL: „Die zutiefst eindringende Verwandlungskraft“

Diese Form drückt einerseits die Kontinuität aus, andererseits die zutiefst eindringende Kraft, die bis in Grundstrukturen eines Wesens vorbricht. Trotz dieser Kraft beinhaltet sie auch eine Leichtigkeit und Weichheit: „wie Wolle sein in den Händen Gottes“. Es ist ein Name, der in dieser Schwingung der Göttlichen Liebe pulsiert.

Al–Muhaymin

X. MUTAFA“IL: „Der kontinuierlich widerspiegelnde Zustand“

Diese Form bzw. dieser Klangkodex fügt zur Vorsilbe „Mu“, welche stets die Qualität der unerlässlichen Kontinuität beinhaltet, noch zwei weitere Aspekte hinzu. Diese entstehen durch die Verdoppelung und durch die Hinzufügung des „t“. Der ewige zeitlose Aspekt wird durch die Verdoppelung betont, und der reflexive durch das „t“. Gemeinsam bewirken sie einen reflexiven, widerspiegelnden Zustand. Das bedeutet: wenn dieser Zustand aufgenommen werden möchte, ist vom Aufnehmer/von der Aufnehmerin große Bemühung verlangt. Wenn ein Spiegel ein Licht gut widerspiegeln möchte, muss er erst gut poliert werden.

Es gibt nur einen Göttlichen Namen, der diesen Klang verbreitet. Interessanterweise gibt es eine Sure im Koran, in der eine längere Aufreihung der Göttlichen Namen vorkommt (59:23) und sie endet genau bei diesem Namen.

Al–Mutakabbir

XI. MUFTA‘IL: „Die ewig wechselseitig Qualität“

Auch in diesem Klangkodex erscheint der Buchstabe „t“ und drückt eine wechselseitige Qualität damit aus. Allāh gibt eine Qualität, und diese Begabung wird von der Beschenkten genutzt. Wir übernehmen die Verantwortung für unsere Handlungen, wissend, dass alles von Allāh kommt und alle Handlungen Seine sind. Das ist eine der Bedeutungen von „Dein Wille und mein Wille sind eins!“

Al–Muqtadir

Al–Muntaqim

XII. MUTAFĀ‘IL: „Die verbindende reziproke Gegenseitigkeit“

Auch in dieser Form besteht die offensichtliche reziproke Gegenseitigkeit. Der zusätzliche Aspekt von diesem Klangkodex ist die tiefe Qualität der Hingabe, die hier mitschwingt. Diese Form trägt sowohl den aktiven wie den ergebenden Aspekt in sich und verbindet somit Feuer und Wasser, Mut und Vertrauen, Höhen und Tiefen.

Al–Muta‘ālī


Sure Al–Fātiha

سورة الفاتحة

„Die Öffnende“

(1) Im Namen Allāhs, des Allerbarmers, des Allbarmherzigen

(2) Alles lobt den Schöpfer der Welten

(3) Der unendlich Gütige, Der immer Barmherzige;

(4) Der König des Letzten Gerichtes

(5) Du bist es, Den wir anbeten, und bei Dir suchen wir Zuflucht;

(6) Leite uns auf den rechten Weg,

(7) den Weg derer, über denen Deine Gnade waltet;

nicht derer, über denen Dein Zorn waltet,

noch derer, welche in die Irre gehen.

Die Fātiḥa

Die Eröffnungssure „Al–Fātiḥa“ steht zu Beginn des Korans. Sie umfasst in ihrer tiefen Schönheit die Lehre des ganzen Korans. Die Fātiḥa wird zu Beginn jedes Gebetszyklus rak‘a gesprochen, sowie beim Abschließen von Verträgen, Abkommen etc. Sie öffnet die Herzen der Menschen. Sie setzt durch ihre eindrücklichen Worte das Licht der Klarheit und Aufrichtigkeit in den Geist und die Herzen der Menschen und öffnet in uns den Willen, den Weg der Göttlichen Hingabe zu beschreiten. Ihre Wiederholung öffnet in uns die Tore der Dunkelheit und hilft, uns am Göttlichen Licht zu orientieren.

Eine kurze Erläuterung der Eröffnungssure:

(1) Im Namen Allāhs, des Allerbarmers, des Allbarmherzigen

Im Namen der Ewigen Unendlichen Realität – transzendent und immanent –, die aus Liebe Schenkende, die aus Gnade Erhaltende. „Der Allgnade Erweisende, der Allgnädige“ Ar–Raḥmān, Ar–Raḥīm, sind zwei Namen, die darauf hinweisen, dass Gottes Gnade grenzenlos ist, dass sie alles einnimmt und umhüllt.

(2) Alles lobt den Schöpfer der Welten

Das Loben der Schöpfung ist Ausdruck unseres Zustandes der Freude am Dasein. Denn Dasein heißt, die Schönheit der Welt zu sehen. Es heißt die Wunder, die Schönheit zu sehen und sie auf ihren Ursprung zurückzuführen. In dieser Vielfalt der Existenzen wird das Herz erinnert, dass jede Vollkommenheit, jede äußere oder innere Eigenschaft einen einzigen Ursprung hat, aus dem alle Welten hervorkommen.

(3) Der unendlich Gütige, Der immer Barmherzige

Aus dieser Güte kommt unser Dasein, all die Bedingungen und Voraussetzungen, die dieses ermöglichen. Vergesse nicht all die Gaben, mit denen du beschenkt bist, noch schreibe sie dir selber zu, denn weder hast du den Baum noch das Wasser erfunden.

Eine mündliche Überlieferung des Propheten Muhammad – Allāh segne ihn und schenke ihm Heil – sagte: Als Gott die Schöpfung beendete schrieb Er über Seinen Thron: „Meine Barmherzigkeit übersteigt Meinen Zorn.“ Und Allāh teilte die Barmherzigkeit in hundert Teile, dann behielt Er 99 Teile bei Sich und sandte einen Teil auf die Erde. Und aus diesem einen Teil kommt die Barmherzigkeit der Schöpfung für einander.

Lasst Barmherzigkeit unter euch weilen, denn wer anderen gegenüber Barmherzigkeit zeigt und sie mit Güte und Mitgefühl behandelt, wird selbst von Barmherzigkeit eingenommen. Er nimmt teil an der Einheit und folglich an dem, was unsere wahre Natur ist.

(4) Der König des Letzten Gerichtes

Gott ist der Erhalter der Welten und Er ist auch der Herr ihres Endes. Das zu wissen heißt, zu verstehen, dass das Bedingte vom Unbedingten kommt und von ihm abhängt. Der Tag des Gerichts ist die Hoffnung der Geduldigen, die ihrer Menschlichkeit zum Sieg verhalfen, die ihr niedriges Selbst bekämpft haben und die ihren selbstgefälligen Trieben nicht unterlagen. Der yawm ad–din, „der Tag des Gerichts“, ist der Tag, an dem die Unterdrücker und die Unterdrückten zusammen kommen und die Gegensätze vereint werden. Denn bei Gott vereinen sich die Gegensätze. Am Tage des Gerichts kommen wir zusammen und alle Ungerechtigkeiten werden gesehen. An diesem Tag sind alle gleich, die Könige und die Untertanen, die Reichen und die Armen. An diesem Tag werden die Menschen gemäß ihren guten und schlechten Taten beurteilt werden.

(5) Du bist es, Den wir anbeten, und bei Dir suchen wir Zuflucht

Die Anbetung ist das Erkennen Gottes außerhalb von uns, und die Zuflucht ist Rückkehr zum Gott in uns, in der Tiefe unseres Herzens; es ist das Vertrauen zu einem unendlich nahen Gott. Der Gott „außen“ gleicht der Unendlichkeit des Himmels; der Gott „innen“ der Vertrautheit des Herzens. Dies sind die Worte, die zwischen Gott und dem Menschen aufgeteilt sind. Die eine Hälfte, iyyaka na‘budu, „Dir alleine dienen wir“, ist für Gott, und wa iyyaka nasta‘īn, „und Dich allein bitten wir um Hilfe“, ist für den Anbetenden.

Zwischen Gottvertrauen und Ergebung bewegt sich der Mensch zu seinem wahren Selbst und rettet sich vor der Ungläubigkeit an die Einheit aller Existenz. Liebe ohne Ergebung bringt dich nicht weiter, genauso wie Ergebung ohne Liebe nicht weiterführt. Wer die Süße des Glaubens kosten möchte, muss Liebe und Ergebung vereinen. Er hat dich erschaffen, damit du das Göttliche in dir erweckst, so sei nicht niedrig. Er hat dich erschaffen, damit du frei bist, so sei nicht Gefangener deiner Triebe. Befreie dein Ich von allem Niedrigen, und bringe es zurück, wo sein Heimweh gestillt wird. Gib ihm zurück den Duft und lass es eingehen ins Meer des Lichts.

(6) Leite uns auf den rechten Weg

Es ist der aufstrebende Weg, der Weg, der zur Einheit führt; es ist das Zusammenführen von Willen, Liebe und Erkenntnis. „Leite uns auf den rechten Weg“, wenn wir in schwierige Situationen kommen, denn die Welt lenkt einen ab, von Dingen, die wirklich wichtig sind. Denn oft verengt sich vor lauter Sorgen und Kummer die Brust und die Selbstgespräche beginnen.

(7) Den Weg derer, über denen Deine Gnade waltet

Der rechte Weg ist der Weg, auf dem die Gnade uns nach oben zieht; durch die Gnade können wir diesem Weg folgen; doch müssen wir unsere Herzen für diese Gnade öffnen und uns ihren Gesetzlichkeiten fügen. Allāh, Du Verwandler der Herzen, lass mein Herz immerwährend bleiben in Deiner Einheit.

nicht derer, über denen Dein Zorn waltet

Nicht derer, die sich der Gnade widersetzen und die das verbindende Band zerreißen. Indem sie unabhängig sein wollen von der Göttlichen Urquelle oder selbst Quelle sein wollen, verschließt sich allmählich die Empfänglichkeit des Herzens und das Göttliche lässt sie los.

noch derer, welche in die Irre gehen.

Das sind diejenigen, die zwar das Eine nicht verneinen, sich aber aus Schwäche in der Welt verlieren. Sie folgen ihrem Gemüt und liefern sich somit den irdischen Mächten aus, doch sind sie nicht verloren, wenn sie es nur wollen.

Ich sah meinen Herrn mit den Augen meines Herzens.

Ich sprach: Wer bist du? Er sagte: Du!

Bei Dir hat das Wo kein Wo.

Wo Du bist ist kein Wo.

Die Vorstellungskraft hat keine Vorstellungskraft von Dir,

So dass sie wüsste, wo Du bist.

Du bist der, der alles Wo umfasst

Bis hin zum Nichtwo! Wo also bist Du?

Mit meinem Entwerden, mit meinem Entwerden gibt es nur

La ´ilāha ´illā llāh, es gibt nichts außer Gott.

Es gibt nichts Existierendes außer Dir.

(Hallaj)

DIE FORMELN

Formeln zu wiederholen ist eine Möglichkeit, um sich selbst und das, was um uns herum geschieht, in die allumfassende Gegenwart Gottes bewusst einzubetten. Durch das daraus resultierende Gedenken an die allumfassende Einheit wird dem Leben eine geistig–spirituelle Richtung gegeben, die uns erlaubt, am Segen und der Gnade bewusst teilzunehmen. Es ist kein moralisches Wiederholen von Formeln, sondern ein Ausdruck der Reinigung des Herzens und der Einigung. Denn Harmonie entsteht, wenn in der Vielfalt die Einheit einfließt und wirkt. Formeln helfen uns, dieses Bewusstsein in unser Leben einzuflechten.

Die Formeln

subḥāna llāh سبحان الله „Ehre sei Gott“,

al–ḥamdu li–llāh الحمد الله „Gepriesen sei Gott“ und

allāhu ‘akbar الله أکبر „Gott ist größer“

werden – einem Hadith entsprechend – oft zusammen aufgesagt.

Durch das Ausrufen von „subḥāna llāh“ سبحان الله „Ehre sei Gott“, wirkt man einem der Göttlichen Majestät entgegenstehenden Fehlurteil bzw. einer Irrlehre entgegen bzw. entkräftet sie.

Ein Dieb stiehlt einer hilflosen alten Frau die Handtasche und rennt davon, er stolpert über einen Stein, fällt hin, wird erwischt und die Handtasche kommt zu ihrer rechtmäßigen Besitzerin zurück, subḥāna llāh!

Doch diese Formel wird auch bei Situationen und Dingen angewendet, die man nicht so offensichtlich nachvollziehen kann, deren Weisheit uns verborgen bleibt. Es ist eine Formel, die Gott betrifft und daher für uns Menschen in ihrer Allumfassenheit oft nicht erklärbar ist. Durch ihr Aussprechen trennen wir uns von den sichtbaren, eingeschränkten Dingen und Sichtweisen und betten uns in das Absolute, den Duft der Ewigkeit einatmend.

Die Formel „al–ḥamdu li–llāh“ الحمد الله „Gepriesen sei Gott“ ist das Erheben einer Tat von der Erde in den Himmel. Sie steht meist nach der Vollendung einer Handlung bzw. nach einer Erkenntnis. Sie ist in gewisser Weise das Pendant zu: „bismillāh ar–raḥmān ar–raḥīm“ بسم الله الرحمن الرحيم „Im Namen Allāh, Der unendlich Gütige, Der immer Barmherzige“.

Jede Handlung wird mit „bismillāh ar–raḥmān ar–raḥīm“, „Im Namen des Allbarmherzigen, Allgütigen, Schöpfer aus Liebe und Erretter aus Erbarmen“, eröffnet. Mit dieser Formel wird ein gütiger himmlischer Strahl auf jede Tat herabgerufen und gesegnet, im Wissen um die Einheit, im Wissen um die Göttliche Liebe und Gnade. Möge sie Widerhall finden in all meinen Taten. Jede Veränderung, jedes Eintreten in einen anderen Raum, jede Absicht wird mit der basmallah, wie diese Formel genannt wird, eröffnet.

Ich beginne mein Essen mit „bismillāh ar–raḥmān ar–raḥīm“ und beende es mit „al– ḥamdu li–llāh“. Mit dem al–ḥamd, dem Göttlichen Namen in dieser Formel, binde ich meine Handlungen und die Dinge an Gott. Ich erhebe sie und bette sie in die Einheit.

Die Formel „allāhu ‘akbar“ الله أکبر „Gott ist größer“, takbīr genannt, eröffnet das Gebet und bezeichnet den Wechsel der Stellung während des Gebetes. Der Komparativ des Wortes kabīr „groß“, der oft für einen Superlativ gehalten wird, bringt in dieser Formel zum Ausdruck, dass Gott stets größer oder der Größte ‘akbar sein wird.

Im Alltag wird sie oft ausgerufen, wenn man überrascht oder überwältigt wird. Sie wird aber auch zur Anfeuerung und zur kollektiven Stärkung verwendet.

Eine weitere oft verwendete Formel ist „in šā’a llāh“ إن شاء الله „Wenn Gott es will“. Mit ihr wird die Anlehnung, die Unwissenheit und Abhängigkeit vor Gott formuliert. Sie ist die befreiende Formel von jedweder Selbstgefälligkeit. Sie ist die Formel der Gelassenheit und des Vertrauens auf Gott, dass das, was richtig und gut ist, durch Ihn geschehen wird bzw. nicht eintreten wird – und dann ist es gut so. Allāh ist das Ziel, von Ihm kommt alles und zu Ihm kehrt alles zurück. Es gibt kein Dasein und keine Zukunft außer Ihm.

Im Alltag wird sie nach jeder Aussage, die die Zukunft betrifft ausgesprochen.

„Ich werde morgen in die Stadt fahren, in šā’a llāh!“ „Wir werden in fünf Tagen die Prüfung schaffen, in šā’a llāh!“

Die Formel „mā šā’a llāh“ ما شاء الله „was Gott wollte (ist eingetreten)“ bezieht sich auf die Vergangenheit und die Gegenwart. Die Begebenheit oder der Beginn der Begebenheit ist vergangen, aber die Entfaltung, Wirkung oder unsere Feststellung davon, ist Gegenwart. Die Formel wird auch verwendet, wenn ein Mensch oder eine Sache bewundernswert sind und man dies lobend anerkennen möchte, ohne Neid oder Eifersucht aufkommen zu lassen, allein, wenn man sich durch die Formel daran erinnert, dass alles von Gott abhängt und zu Ihm zurückkehrt. Das hält das Herz frei, macht zufrieden und macht aus uns eine bzw. einen Genießerin der Schönheiten.

Wenn man ein schönes Kind sieht, sagt man: „mā šā’a llāh!“ Wenn jemand schön singt und man die Stimme loben möchte, wenn jemand von schneller Auffassung ist, wenn eine schöne Landschaft auftaucht sagt man: „mā šā’a llāh!“

Alle Handlungen werden in fünf Arten eingeteilt:

das Unerlässliche fard فرض oder wāğib واجب;

das Empfohlene mustahab مستحب;

das Erlaubte, dem freien Ermessen überlassene mubāḥ مباح;

das zu Meidende makrūh مكروہ ;

und das Verbotene ḥarām حرام.

Eines Tages war Nasruddin mit einem Geldbeutel unterwegs zum Eselsmarkt. Als er an einem Bekannten vorbeiging, fragte dieser: „Wo gehst Du hin, Nasruddin?“ „Ich bin unterwegs zum Markt, um einen Esel zu kaufen!“ „Sag stets in šā’a llāh, Nasruddin!“ „Wieso denn, es ist doch klar, ich habe das Geld für den Kauf eines Esels bei mir und der Markt ist vor mir!“ Mit diesen Worten ging Nasruddin weiter. Bevor er allerdings den Markt erreichte, wurde er von Dieben überfallen, auf den Kopf geschlagen und beraubt. Benommen und verwirrt machte er sich auf den Weg nach Hause und wieder ging er an dem Bekannten vorbei. „Was ist passiert, Nasruddin?“, fragte dieser.

„Ich war auf dem Weg zum Markt, in šā’a llāh und da wurde ich von Dieben überfallen, in šā’a llāh, die mich auf den Kopf schlugen, in šā’a llāh und mich meines Geldes beraubten, in šā’a llāh und jetzt bin ich auf dem Weg zurück nach Hause, in šā’a llāh!“

DIE GÖTTLICHEN NAMEN

Vier Mal werden die Vollkommenen Heilenden Namen Allāhs im Koran erwähnt:

„Und Gottes allein sind die Namen der Vollkommenheit, ruft Ihn denn mit diesen an.“

(7:180)

„Gott – es gibt keine Gottheit außer Ihm,

Sein sind die Namen der Vollkommenheit.“

(20:8)

Sag: „Ruft Allāh an, oder ruft den Allergnädigsten an: mit welchem Namen ihr Ihn anruft, Er ist immer der Eine – denn Sein sind alle Namen der Vollkommenheit.“

(17:110)

„Er ist Allāh, der Schöpfer, der Erschaffer, der alle Formen und Erscheinungen gestaltet! Sein allein sind die Namen der Vollkommenheit. Alles, was in den Himmeln und auf Erden ist, lobpreist Ihn, denn Er allein ist allmächtig, wahrhaft weise!“

(59:24)

Der Prophet Muhammad, Allāhs Friede und Heil sei mit ihm, sagte:

„Es gibt neunundneunzig Namen, die Allāh gehören; der sie erlernt, sie kostet, versteht und aufzählen kann, wird eintreten ins Paradies und Seligkeit erlangen.“

اللّٰه

Allāh

Die Ewige Realität, „Das, was Ist“

66 – 264 – 4.356

Allāh ist der allumfassende Name, er ist die Gegenwart aller Namen.

Der erste Schritt ist „Allāh“ zu sagen und nichts anderes, Der zweite ist Intimität, und der dritte ist zu brennen.

(Attar)

Allāh ist der Name des Absoluten Seins und alle anderen Göttlichen Namen sind in Ihm beinhaltet. Allāh ist die allbeinhaltende Göttliche Realität. Die verschiedenen Göttlichen Namen sind die Ausströmungen aus dem Einen Göttlichen Sein. Sie sind eins mit diesem Sein und die Träger dieses Einen in der Welt der Manifestationen.

Die essenzielle Bedeutung von Allāh ist ergriffene Liebesleidenschaft, und alle anderen Göttlichen Namen sind verschiedene Aspekte dieser Einen Liebe. Alle 99 Göttlichen Namen sind uns geschenkt, um uns zum Durchbruch zu unserer wahren Natur und zur Quelle, zum Ursprung allen Seins, zu verhelfen. So hat jeder Göttliche Name, allgemein gesprochen, zwei Ebenen, mit denen wir konfrontiert werden: Einerseits dienen sie dazu, das Göttliche zu umschreiben und uns Ihm näher zu bringen, andererseits verhelfen sie uns dazu, unserem wahren Selbst, unserer wahren Natur, näherzukommen.

Allāh sehnte sich danach, Sein Wesen in einem allumfassenden Wesen, der Welt, sichtbar zu machen. Aus Seinem Sein strömten die Göttlichen Namen in die Manifestationen und eine Geschichte der Sehnsucht begann. In unserem tiefen Sein ruht ein Göttlicher Funken, in sich alle Göttlichen Namen einnehmend. Es ist der Ort des inneren Friedens und der Ergebung. Doch durch die Entsendung der Göttlichen Namen in die Welt der Manifestationen hat Allāh der Welt die Ruhe genommen. In der Suche nach dem Göttlichen dreht sich die Welt und zwischen den Polen von innerer Ruhe und äußerer Unruhe – äußerer Ruhe und innerer Unruhe ist der Mensch auf der Suche nach dem inneren Frieden. Eine Geschichte der Sehnsucht zwischen Schöpfer und Geschöpf.

Allāh ist jenseits von weiblich und männlich und nicht in Pluralform zu verwenden, und doch zeigt sich in der Gemeinsamkeit des Weiblichen und Männlichen die Göttliche Pracht.

Ibn Al–‘Arabi erläutert:

„Wir selbst sind die Eigenschaften, mit denen wir Gott beschreiben.

Unsere Existenz ist lediglich eine Vergegenständlichung Seiner Existenz.

Gott ist notwendig für unser Sein, während wir erforderlich sind, damit Er sich sichtbar macht für Sich.“

Allāh ist der größte und herrlichste Name des Einen, des Herrn und Schöpfers aller Welten, Dem nichts und niemand gleichkommt, Der Seine Offenbarungen zu den Menschen entsandte, unter ihnen Noah, Abraham, Moses, Jesus und Muhammad – Friede sei mit ihnen allen.

Die verschiedenen Göttlichen Namen, die verschiedenen Eigenschaften entstehen durch unseren unterscheidenden Verstand und doch gibt es nur eine Wahrheit. So finden sich die Qualitäten des einen Namens in irgendeiner Form stets auch in den anderen wieder. Das muss so sein, denn die Wahrheit ist Eins. Diese Einheit hat im Äußeren die Qualität der Unterschiedlichkeit, dennoch besteht eine Gegenseitigkeit, eine Wechselbeziehung, eine Allgegenwart.

Die Vielfalt widerspricht nicht der Einzigkeit des Göttlichen Seins. Zum Verständnis führt Ibn Al–‘Arabi das Feuer an. Das Feuer hat eine bestimmte Natur, dennoch sind seine Auswirkungen verschieden. Feuer verbrennt Holz und Papier zu Asche, bei Wasser wiederum wirkt es anders. Kupfer wird durch Feuer weiß, Gold wird durch Feuer flüssig. Obwohl das Feuer verschiedene Auswirkungen hat, verändert sich seine Natur, sein Wesen nicht. Die verschiedenen Auswirkungen entstehen, je nachdem mit welchen Wesenheiten es zusammentrifft und je nach den verschiedenen Verfassungen der Dinge. So ist auch die Einzigkeit des Göttlichen zu verstehen und die Vielfalt seiner Erscheinungen.

Allāh – es gibt keine Gottheit außer Ihm, dem Immer–Lebendigen, dem Durch–Sich–Selbst–Bestehenden Quell allen Seins.

Ihn ergreift weder Schlummer noch Schlaf. Sein ist alles, was in den Himmeln und was auf der Erde ist. Wen gibt es, der bei Ihm Fürsprache einlegen könnte, es sei denn mit Seiner Erlaubnis? Er weiß alles, was vor den Menschen offen liegt, und alles, was vor ihnen verborgen ist, während sie nichts von Seinem Wissen erlangen können, es sei denn das, was Er will. Weit reicht Sein Thron über die Himmel und die Erde, und es fällt Ihm nicht schwer, sie beide zu bewahren. Und Er ist der Hohe, der Erhabene.

(2:255)

In dem Namen Allāh sind die Aspekte der Transzendenz und der umhüllenden Ganzheit enthalten. Der Name Allāh strömt zugleich Gelassenheit, Erhabenheit und Mysterium aus. Alle Göttlichen Namen sind verschiedene Ausblicke und Einblicke des Namen Allāh, der Einen Allmächtigen Allumfassenden Liebe. Alle Göttlichen Namen verschmelzen und vereinigen sich in diesem Namen.

Sprich: „Mein Gebet und meine Opferung und mein Leben und mein Tod gehören Allāh, dem Herrn der Welten. Er hat niemanden neben Sich. Und so ist es mir geboten worden, und ich bin der erste der Gottergebenen.“ Sprich: „Sollte ich einen anderen Herrn als Allāh suchen, wo Er doch der Herr aller Dinge ist?“

(6:162–164)

Ibn Al–‘Arabi erklärt:

„Die in Ihm verborgenen Namen sehnten sich danach, sich zu manifestieren. So brachen sie infolge ihrer Sehnsucht, erkannt und geliebt zu werden, aus dem verborgenen und niemals zugänglichen Göttlichen Sein hervor, wie zu lange angehaltener Atem aus dem Körper bricht. Das ist es, was als nafas ar–rahmān, der Göttliche Hauch, bezeichnet wird, jener Hauch, der die ganze Schöpfung durchweht und die Göttlichen Worte wirken lässt. Die Namen trafen auf das Nichtsein, das sie, gleichsam wie Spiegelstücke, reflektierte, und so ist die Welt gewissermaßen eine Spiegelung der Göttlichen Namen. Sie existiert nur, solange ihr Gesicht, die Oberfläche des Spiegels, Gott zugewandt ist, sonst verschwindet sie, denn sie ist absolut von Gott abhängig. Gott aber bleibt unverändert von der Welt und ist ausschließlich durch die Spiegelung zu ahnen, und so erkennt Ihn jeder auf seine eigene Weise, je nach dem Namen, der sich in ihm am stärksten manifestiert“.

Sich selbst hören, wenn man „Allāh“ wiederholt, gibt die Kraft, sich aus der Illusion der Trennung, dieser fixen Idee, die uns so oft gefangen nimmt, zu lösen und den Duft der Essenz zu erfassen, die uns mit unserer eigenen Essenz verbindet und die Wunden der Separation und Isolation heilt. Der flüssige Strom der Einheit löst die Schranken der trotzigen Trennung und führt uns zu dem Kern, in dem die Ewigkeit in uns pulsiert, dort, wo wir gefüllt sind mit den Göttlichen Qualitäten. Nichts kann die Illusion der Trennung durch die Kraft der ekstatischen Liebe auflösen wie Allāh.

Jeder Göttliche Name kann mit Allāh verbunden werden und gemeinsam wiederholt werden. Auch Jesus verwendete das aramäische Wort „Alaha“ für Gott.

Alles beginnt mit den in diesem und aus diesem Namen verborgenen Schätzen: „Der vollkommen Erkennende erkennt Ihn in allen Manifestationen, in denen Er sich offenbart und in jeder Gestalt, in der Er hinabsteigt.”

(Ibn Al–‘Arabi)

„… und wenn die Reise zu Gott beendet ist,

beginnt die unendliche Reise in Gott …“

(Iqbal)

الرحمن

1

Ar–Raḥmān

Der Allbarmherzige, der Allerbarmer, der Segensreiche, der Mitfühlende

298 – 1.192 – 88.804

Ar–Raḥmān ist wie das Meer der unendlichen Güte und Schönheit, Ar–Raḥmān ist die Flut, überschäumend in seiner Gnade, allumfassend in seiner Natur. Es ist das Tor, durch das alle Göttlichen Namen durchfließen.

Die Gebetskette hat 99 Perlen – entsprechend den 99 Schönsten Namen Gottes, die mit den Namen Ar–Raḥmān, Ar–Raḥīm, der Allbarmherzige, der Allgnädige beginnen, also mit jenen beiden Namen der Gnade, mit denen jede Koransure, mit Ausnahme der neunten, anfängt und die auch zu Beginn jeder Handlung verwendet werden sollen.

Ar–Raḥmān beinhaltet Qualitäten der Liebe, der Großzügigkeit, der Barmherzigkeit und des Mitgefühls. Er symbolisiert die ewig fließende Qualität des Mitgefühls für alle Geschöpfe ohne Unterscheidung. Er beinhaltet die Göttliche Qualität der Segnung und der Freude über alle Geschöpfe ohne Unterschied.

Wenn man diesen Namen wiederholt, so hat man das Gefühl, von sanften Wolken der Barmherzigkeit umhüllt zu sein, und die Isolation, das Gefühl der Abgetrenntheit, die uns Menschen so oft begleitet, beginnt sich aufzulösen. Es ist ein Göttlicher Name, der Freude und Zufriedenheit bringt, der Hoffnung und Verbundenheit verbreitet und die Dämonen der Verzweiflung und des Zweifels vertreibt. Die Wiederholung dieses Göttlichen Namens (100 Mal im zweiten Drittel der Nacht) führt zu einer klaren Erinnerungsfähigkeit, zu einem wachen Bewusstsein und befreit von schwer zu ertragendem Kummer und von Kaltherzigkeit gegenüber sich selbst und anderen. Wenn man vom zweiten Drittel der Nacht spricht, so meint man etwa eine Stunde vor der Dämmerung fağr.

Wenn Allāh einen Menschen liebt, so ruft Er den Engel Gabriel herbei und sagt: „Ich liebe diesen Menschen, so liebe du ihn auch.“ Und so liebt ihn Gabriel. Dann ruft Gabriel zu den Wesen des Himmels: „Allāh liebt diesen Menschen, so liebet ihn auch.“ Und die Wesen des Himmels lieben ihn. Dann wird diesem Menschen die Schönheit dieser Erde geoffenbart. Allāh liebt alle Seine Geschöpfe – und da gibt es jene, die sich auf die Suche nach Ihm begeben, um das zu suchen, was nicht durch Suchen gefunden werden kann und doch nur der Suchende findet. Wenn die Suchende einen Schritt zu Gott hinmacht, kommt das Göttliche im laufenden Schritt ihr entgegen. Das ist die Bedeutung, wenn Allāh einen Menschen liebt …

Lass das Erbarmen und die Güte dein Herz berühren und deine Worte und Taten beeinflussen. Denn wer in Güte die Geschöpfe dieser Welt behandelt, sei es Stein, Pflanze, Tier oder Mensch, wird mit der Göttlichen Güte umhüllt und erlebt sie in sich und um sich.

So wiederhole nach jedem Gebet 10 Mal den Göttlichen Namen Ar–Raḥmān, sodass dein Herz sich mit jedem Schlag erweitert und du die Wunder um dich und das Schöne, das in dir selbst liegt, erkennst. Denn wer Güte in seinem Herzen verspürt, kennt keinen Zweifel und keine Sorge. Die Wiederholung dieses Göttlichen Namens bringt Freude und Zuversicht in das Herz und lässt die Illusion des Zweifels und der Verzweiflung dahin schmelzen.

Güte im Herzen bedeutet, eine Weichheit im Herzen zu tragen, die das Auge des Herzens öffnet und eine tiefe Verbundenheit mit allen Wesen und ein wahres Verständnis für alle Wesen dieser Welt erzeugt.

Es gibt im Körper einen Teil, wenn dieser heil ist, ist der ganze Körper heil und wenn er krank ist oder schwach, schwächt er den ganzen Körper. Ist es nicht das Herz, das dies verursacht? So lass dein Herz deine Führung werden und lass deinen Verstand sich mit dem Herzen verbinden, sodass du ganz wirst.

„Allāh, lass mich durch Deine Güte ganz werden, durch Deine Güte die innere Sonne erspüren, die ohne Bedingung auf alle gleich scheint. Diese innere Sonne, die wir oft in uns selbst verspüren, ist Teil unseres wahren Wesens.“

Die Wurzel r–ḥ–m, aus der die Göttlichen Namen Ar–Raḥmān und Ar–Raḥīm bestehen, enthält auch die Bedeutungen Gebärmutter, Mutterleib, Verwandtschaft, Mitleid und Mitgefühl. Sie sind besonders heilsam für Beziehungen unter den Menschen und fördern die Liebe und das liebende Mitgefühl unter den Geschöpfen. Menschen, die das Gefühl haben, von Gott verlassen oder vergessen zu sein, finden durch die Wiederholung dieser Namen wieder die Öffnung, von der sie glaubten verschlossen zu sein.

Ar–Raḥmān drückt gemeinsam mit seinem Klangkodex und seiner Bedeutung die ewig seiende Qualität aus, die Qualität der Unendlichkeit und der Endlosigkeit. Es ist die zutiefst innewohnende, ewig seiende Qualität, ohne die nichts ist. Neben Allāh, aus dem alle Namen fließen und die die mannigfaltigen Aspekte des Einen betonen, ist Ar–Raḥmān das Tor bzw. die Mutter, durch die alle Göttlichen Namen erscheinen.

Der Vers „kataba ‘alā nafsihi r–raḥma“ (6:12) „Allāh hat auf das Göttliche Herz, das Wort „raḥma“ Güte, Gnade geschrieben“, zeigt auf, dass alle Göttlichen Namen erst durch dieses Tor fließen, bevor sie in der Welt erscheinen.

Auch der Tod ist mit dieser Wurzel verbunden, im Wort marḥūm, „derjenige mit dem Gott Gnade und Erbarmen hat“, und mit dem die/der Tote bezeichnet wird. Vor unserer Geburt sind wir alle in dieser raḥma und nach dem Tod sind wir in ihr. Wir reisen also als Menschen von einer Gebärmutter der Liebe in eine weitere Gebärmutter der Liebe, dazwischen sind wir in einer Welt, wo wir auf unsere Beine gestellt werden, um diesem Urwissen in unseren Handlungen Ausdruck zu geben. Vertraue und gehe deinen Weg!

Wahrlich schwanger zu sein heißt, die Güte im Herzen zu tragen und alle Geschöpfe zu den eigenen Kindern werden zu lassen.

Den Menschen bessern, ihn in seine Weisheit, sein Wissen, seine Ausgewogenheit und Harmonie zu bringen, heißt, ihn wieder mit dem Himmel zu verbinden, das zerrissene Band wieder neu zu knüpfen und ihm zu helfen, sich von der Beherrschung durch seine Begierden und von seiner Verhaftung in der Materie zu befreien und ihn wieder mit der Welt des Geistes und der frohgemuten Klarheit zu vereinen.

Wenn du diesen Göttlichen Namen wiederholst, dann lege immer wieder deine Hand auf deinen Bauch und atme ruhig in dein Herz hinein, sodass du deine innere Sonne erkennst und sie bedingungslos strahlen lassen kannst. Finde in dir das Licht des Ar–Raḥmān, indem du deinen freien Willen dahingehend verwendest, Gutes für dich und andere zu tun.

Das Wort raḥīm, „sehr barmherzig“ ist die Steigerung von rāḥm, „barmherzig“, und die noch weitere Steigerung ist raḥmān, das „Unendlich Gute“.

Sowohl Ar–Raḥmān als auch Ar–Raḥīm sind beides Göttliche Namen, die unsere tiefsten Wunden, unser Gefühl der Mangelhaftigkeit und Unzulänglichkeit heilen. Sie verbinden uns mit dem Moment der Vorgeburt und schließen uns wieder an den ewigen Puls der gütigen Liebe an. Die Wiederholung dieser beiden Göttlichen Namen bringt nicht nur Stärkung und Kräftigung für die Gebärmutter, die weiblichen und männlichen Geschlechtsorgane, sondern bringt eine allgemeine Aktivierung aller Organe des Körpers mit sich.

„Der Weg des Sufismus liegt darin, aus dem Menschen ein Ganzes zu machen, indem er alle seine Aspekte zusammenfasst und ihn auf sein Zentrum zuführt.“

(Roger Garaudy)

الرحيم

2

Ar–Raḥīm

Der Allmitfühlende, der Allgütige, der Barmherzige,

der Erweiser der Wohltaten, der Allgnädige

258 – 1.032 – 66.564

Barmherzigkeit beinhaltet Mitleid, Mitgefühl und die Fähigkeit zu verzeihen. Es gibt eine Form der Barmherzigkeit, die aufsteigt, bevor es eine Notwendigkeit dafür gibt, ein Mitgefühl, ewig fließend vom Göttlichen zu allen Geschöpfen hin, sie beschützend, behütend und sie führend zum Licht und zu einem höheren Leben.

Ar–Raḥīm ist die Ebbe, die den Menschen zu seinem Ursprung zurückführt. Es ist die Gnade, die uns Menschen befähigt, über unsere irdischen und menschlichen Grenzen hinauszuwachsen, um das Paradies der Einheit einzuatmen. Weisheit, Wissen, Ausgewogenheit sind Grundqualitäten unseres tiefen Seins.

Im Sufismus ist der Ozean ein Sinnbild für die Einheit und Ar–Raḥmān und Ar–Raḥīm sind darin wie Flut und Ebbe. Allāh hat uns durch die Offenbarungen seiner Gesandten immer wieder mächtige Flutwellen aus dem Meer der Unendlichkeit an die Ufer unserer endlichen Welt gesandt. Sufismus ist die Sehnsucht, sich in diese Welle zu werfen und sich von ihr zur Unendlichen Quelle, zum Ewigen Ursprung mitnehmen zu lassen. Für die meisten Gläubigen ist nur das Wasser von Bedeutung, das in den Becken zurückblieb, und das die äußere Form der Religion darstellt, doch der sehnsuchtsvoll Suchende, der Sufi, brennt nach dem Ewigen Quell. Der Sufi will verstehen, will erkennen, will bedingungslos lieben. Ein Sufi verwendet die äußere Form, um die innere einende Weisheitslehre zu verstehen.

Wir Menschen tragen viel Schmerz, Einsamkeit und ein tiefes Verlangen, frei zu sein, in uns. Die meisten Menschen reagieren auf unangenehme Erfahrungen, indem sie ihre Gefühle blockieren. Unsere Gefühle sind die Verbindung zwischen Körper und Geist, sie zu blockieren, zur Erstarrung zu bringen, bedeutet, den natürlichen Energiefluss und damit unsere Entwicklung und Reifung zu verhindern.

Mit Ar–Raḥmān und Ar–Raḥīm können wir uns dem schmerzhaften Bereich nähern, die Hoffnung sanft erwecken und die Seele erinnern, wer sie ist und wo sie hingeht.

Die Göttliche Barmherzigkeit ist in allen Dingen und für alle Dinge. Mit jeder weiteren Falte des Vertrauens im unsichtbaren Göttlichen Umhang, den wir vom ersten Atemzug umgelegt bekommen, erkennen wir mehr und mehr die Göttliche Barmherzigkeit, die sich durch alle Geschöpfe manifestiert. Jede Begegnung, die Anwesenheit eines jeden Geschöpfes wird so zur Bereicherung, denn jede Existenz trägt in sich einen Teil der Göttlichen Barmherzigkeit. Wir sind in unserem Leben immer mit verschiedenen Situationen konfrontiert, jede davon dient dazu, ist eine Möglichkeit, tiefere Erkenntnis über uns zu bekommen.

Ein Mensch, der von diesem Namen gekostet hat, trägt eine Sanftheit, Feinheit und eine zärtliche Sinfonie im Herzen. In Ar–Raḥīm wird die innewohnende Barmherzigkeit stark betont.

Wenn man täglich – nach einem Gebet oder nach der Zeit der Meditation – 100 Mal die Göttlichen Namen Ar–Raḥmān und Ar–Raḥīm wiederholt, fördert diese Intimität die Fähigkeit zu helfen sowie die Toleranz, und löst vom Herzen die Blindheit des Urteilens. Diese beiden Göttlichen Namen variieren zwar in sich, sind aber nicht unterschiedlich, da sie sich beide im Ozean der Liebe finden. Sie sind der Schlüssel für das Gute und das Schloss für alles Schlechte. Jede Tat, die mit diesen beiden Namen begonnen wird, trägt den Göttlichen Segen mit sich.

Die Göttlichen Namen Raḥmān und Raḥīm sind beide von raḥma, „Barmherzigkeit und Erbarmen“, abgeleitet. Raḥmān ist die verborgene, ewig– und allbestehende Barmherzigkeit und Raḥīm der äußere Ausdruck, die unbegrenzte äußere Manifestation dieser Eigenschaft.

Aus Ar–Raḥmān entsteht die Welt, Ar–Raḥmān ist die Realität der Liebe. Aus der unendlichen Güte und Zärtlichkeit entstehen alle Lebensvoraussetzungen auf Erden. Ar–Raḥīm ist die Gnade, die Rettung der Menschheit. Durch ihre Manifestation werden hier auf Erden die Samen der Liebe und Güte angelegt und die Wohltaten ausgeteilt. Der Mensch kann den Samen erfahren, ihn tief in die fruchtbare Erde des Herzens drücken, ihn mit dem Licht der liebevollen Achtsamkeit und mit dem Regen des Mitgefühls nähren und mit dem Vertrauen in Allāh zum Erblühen bringen. Deswegen sagen die Sufis: „Der Regen ist Allāhs Segen!“ Er erinnert an den inneren Akt der Reifung und des Wachsens, an die eigene Rose im Herzen.

Durch die Wiederholung von Ar–Raḥmān und Ar–Raḥīm entsteht eine Annäherung, ein intimes bewusstes Treffen zwischen der Göttlichen Barmherzigkeit und unserer menschlichen Beschränktheit. Sich des eigenen Unvermögens bewusst zu sein ist nötig, um sich selbst zu einem Gefäß des Vertrauens zu verwandeln, welches die Barmherzigkeit empfängt. Der Tropfen beginnt die Schwingung des Ozeans anzunehmen. Ar– Raḥmān und Ar–Raḥīm sind diese Einung.

Der Name Raḥmān ist wie der weite, unendliche Himmel und Raḥīm wie ein wärmender Sonnenstrahl, der vom Himmel herab scheint, uns erfasst und belebt.

Daher beginne jede Tat mit:

بسم الله الرحمن الرحيم

bismillāh ar–raḥmān ar–raḥīm

Im Namen Allāh, Der unendlich Gütige, Der immer Barmherzige Im Namen des Allbarmherzigen, Allgütigen, Schöpfer aus Liebe und Erretter aus

Gnade und Erbarmen.

Mit dieser Formel rufst du dein Herz auf, jede Tat bewusst mit ihrer Wahrhaftigkeit zu umhüllen, jede Tat ausdrücklich in der Göttlichen Gnade zu verweben und das Göttliche Licht auf Erden durch deine Existenz zu verbreiten.

Die hingebungsvolle Wiederholung dieses Namens – mit leidenschaftlichem Herzen – wird vor Vergesslichkeit, Verwirrtheit und vor der Verhärtung des Herzens schützen. Durch die Wiederholung dieses Göttlichen Namens (100 Mal) im letzten Drittel der Nacht, erfährt man Mitgefühl und Verbundenheit von und mit allen Geschöpfen.

Bei Nebenhöhlenproblemen wiederhole 258 Mal Ar–Rahīm, indem du deine Hand über diesen Bereich legst.

Die Wiederholung dieses Göttlichen Namens verwandelt einen Feind in einen Freund und bringt Ruhe und Stille in den Körper und in die Seele.

Zeige Mitgefühl auf Erden, so zeigt dir der Himmel Sein Mitgefühl. Der schnellste Weg zur Verwandlung geschieht durch Dienen, und mit Dienen ist nicht das Aufopfern gemeint, sondern das Mitgefühl im Herzen wachsen zu lassen und die Barmherzigkeit des Herzens mit dem Verstand zu verbinden. Mit der Sonne des Geistes das Herz polieren.

„Oh ihr Menschen! Respektiert euren Herrn, Der euch aus einem einzigen Wesen erschuf und von selber Natur eine Gefährtin und von diesen beiden viele Männer und Frauen entstehen ließ. Und seid euch Gott bewusst, in Dessen Namen ihr einander (um eure Rechte) bittet, und seid euch der Gebärmutter (Verwandtschaftsbindungen) bewusst (die euch Leben schenkte). Siehe, Gott wacht über euch.”

(4:1)

Die Zusammenstellung von Gott und Gebärmutter ist auch das Zusammenbringen von Unsichtbar und Sichtbar, von Jenseits und Diesseits.

Zwei Dinge sind wesentlich auf unserem spirituellen Weg, der stets Ausdruck hat im Sozialen, und daran soll sich der Mensch erinnern: an die Bezeugung der Absoluten Einheit allen Seins, und an die Gebärmütter, die uns hierher gebracht haben. Die Gebärmutter ist der Ort, wo etwas empfangen wird, sie ist der Ort, wo Nahrung und Schutz zusammen kommen, die zwei Grundqualitäten, die ein Wesen braucht, um ausgeglichen heranzuwachsen. Gebärmutter steht aber auch für einen inneren Zustand, der angenehm ist bzw. Trost gibt. Die Achtung der Gebärmutter, durch die wir geboren wurden, als der Logos der menschlichen Schöpfung in dieser Welt, welche uns an unseren gemeinsamen Ursprung erinnert und an die Verwandtschaftsbande der Menschheit, an die äußere Vielfalt allen Seins. Die Achtung der Gebärmutter bedeutet stets, den Schwachen und Unterdrückten beizustehen, für die Gerechtigkeit aufzustehen und die Unterdrücker zu bekämpfen. Es bedeutet auch Respekt und Hütung gegenüber der kosmischen Gebärmutter, unserer Natur. Denn die Natur ist und wird immer die Gefährtin des Glaubens sein.

Unser menschlicher Anteil an den Göttlichen Namen Ar–Raḥmān und Ar–Raḥīm ist, uns nicht von den Bedürfnissen der Schöpfung abzuwenden, weder vom weinenden Kind noch vom hungernden Nachbarn.

Gott gibt uns Auskunft über die Rechte und Pflichten, die wir füreinander haben sollen. Er zeigt uns auf die Ordnung, die Prioritäten, Proportionen und die Organisation dieser Rechte und Pflichten. Aus unserer Bewusstheit, aus dem Quell der liebenden Güte erfüllen wir diese Rechte und Pflichten.

All diese Worte, all diese Erläuterungen sollen uns helfen die „Ich“–Isolation, die Trennung vom „Wir“, zu der wir aus den verschiedenen Arten von Ängsten immer wieder tendieren, aufzulösen. Mit dem Göttlichen Vertrauen den ersehnten und nötigen Schutz und die Ergiebigkeit zu erreichen, anstatt sich mit den aussichtslosen und vorgestellten Mauern des Ichs einzugrenzen.

Unsere Güte und Barmherzigkeit, unsere wärmende, nährende, schützende Liebe soll vor allem den Waisen und Verlassenen in dieser Welt, die doppelt beschützt werden müssen, gelten.

„Die Sufis besitzen Wege, wie man zu beten lernt; und zwar auf solche Art und Weise, dass man im Herzen und aus dem Herzen betet – und nicht nur Worte äußert oder gute Gedanken empfindet, rechte Absichten formuliert oder Willensakte ausübt.“

(Thomas Merton)

الملك

3

Al–Malik

Der Souverän, der Herrscher, der König

90 – 270 – 8.100

Der Souverän ist der König, der Herrscher über alle Geschöpfe. Dieser Göttliche Name drückt die Verbundenheit der Menschen mit dem Göttlichen aus. Er ist der Meister aller Geschöpfe und der wahre und ewige Herrscher. Er herrscht nicht nur über die Körper aller Geschöpfe, sondern auch über ihre Herzen und Seelen. Die Wiederholung dieses Namens (100 Mal) führt zu einer Qualität des Respekts sich selbst und anderen gegenüber wie auch der anderen uns gegenüber. Die Wiederholung dieses Namens ist die Anrufung der Göttlichen Großzügigkeit und Allmacht. Er legt Geduld und Dankbarkeit in das Herz des Anrufenden und gibt Zufriedenheit mit dem, was von Ihm kommt.

Tue dein Bestes und vertraue, wende dich von deiner „kleinen Ich–Welt“ in Vertrauen an die Ganzheit, an die Einheit. Tue dein Bestes und vertraue. Hetze nicht und bleibe in deiner Mitte, in deinem inneren Wesen, mit deinem Herzen verbunden. Das, was für dich bestimmt ist, kommt zu dir, und wenn es vorher die ganze Welt umkreisen muss.

Es ist ein Name, der uns erkennen lässt, dass wir frei sind von Besitz, und dieses Wissen um die Besitzlosigkeit ist die Quelle der Freude an allem, was wir haben. Es öffnet die Dankbarkeit für den tiefen Moment des Genusses der Schönheit, ohne die Schwere des Festhaltens. Dieser Göttliche Name erlaubt uns, die krampfhaft festhaltende Hand zu öffnen und in tiefer Sicherheit alles zu halten.

Sage:

ربي زدني علماً

rabbi zidnī ‘ilman

Allāh schenke mir Wissen und erweitere mein Verstehen.

Die dreimalige Wiederholung des folgenden Gebetes über einem kranken Menschen führt zur Erleichterung und Heilung, wenn es für sie oder ihn bestimmt ist:

اللهم أنت الملك الحق الذي لا اله الا أنت يا الله يا سلام يا شافي يا شافي القلوب

Allāhumma anta l–malik ul–ḥaqqu lladī lā ilāha illā anta, yā allāhu, yā salāmu, yā šāfī, yā šāfī l–qulūb.

Oh Allāh, Du bist der wahrliche König. Es gibt keinen außer Dir, oh Allāh, Du Quelle des Friedens, Du Heiler, Du Balsam des Herzens.

Wenn man jemanden trifft, vor dem man sich fürchtet, dann verstummt man oft aus Angst. Durch die Wiederholung dieses Göttlichen Namens löst sich langsam die Zunge, die Worte fließen und ein warmes Licht breitet sich in der Brust aus. Wiederhole diesen Namen vor allem nachts und in der Stille; er gibt Geduld, Zufriedenheit und verbreitet das Gefühl der Dankbarkeit. Sein Königreich komme, teete malakutah, waren die Worte Jesu im Aramäischen.

Wenn du von diesem Namen getrunken hast, erkennst du, dass all dein Besitz, all dein Reichtum und deine hohe Position nicht dir gehören und Allāh allein wird dir genügen.

Auch für Menschen, die Angst haben, etwas zu besitzen oder das Gefühl haben, nicht berechtigt zu sein, etwas zu besitzen, aus Sorge, sich dadurch zu verzetteln oder aus dem Gefühl heraus, es nicht wert zu sein, hilft die Repetition dieses Namens.

Der Göttliche Name Al–Malik – sowie auch Maliku–l–Mulk (84) – kommen von der Wurzel m–l–k mit der Grundbedeutung „in den Händen halten, die Existenz einer Sache besitzen“. Dies bedeutet, dass Allāh mit dem Namen Al–Malik die Essenz aller Dinge fest in den Händen hält und dass diese Essenz immer und für die Ewigkeit von Ihm umarmt ist. Diese majestätische Umarmung hat und wird immer bestehen.

Mit der Wiederholung von Al–Malik wird man sich dieses inneren Halts und zugleich einer der größten Befreiungen des Lebens bewusst, nämlich dass man Ihm gehört und zu Ihm immer zurückkehrt. Dieses Wissen erlaubt uns, frei von der Urangst der vereinsamenden Zurückweisung den Weg der Menschlichkeit zu gehen.

Sowohl der Name für Engel malāk als auch der Name für die unsichtbare Welt malakūt stammt von derselben Wurzel. So zeigen uns die verschiedenen Bedeutungen dieser Wurzel, dass auf allen Ebenen die Wesen und Welten in Seinen Händen liegen.

„Oh Allāh, was immer Du als Teil an dieser Welt mir bestimmt hast, gib es denen, die Dich vergessen haben, und was immer Du mir von der nächsten Welt zukommen lassen willst, gib es denen, die Dich lieben. Du bist mir genug!“

(Rabi‘a Al–‘Adawiyya)

القدوس

4

Al–Quddūs

Der Allheilige

170 – 680 – 28.900

Dieser Name trägt die Göttliche Eigenschaft der Reinheit und der Freiheit in sich. Er trägt die Qualität der Vollkommenheit und Heiligkeit in ihrer ewigen Form, jenseits aller Fehlbarkeit. Die Wiederholung dieses Namens verbreitet im Herzen das Gefühl der Ehrfurcht und das Wissen, dass alle Geschöpfe Ihn anbeten und preisen, wissentlich oder unwissentlich. Es ist ein Name, der Dankbarkeit hervorruft und die Erkenntnis um die Unfähigkeit, wahrlich angemessen zu danken, und dies wiederum, geliebtes Wesen, ist die Essenz der Dankbarkeit. Wenn man den Namen Yā Quddūs 100 Mal mit reinem Herzen täglich wiederholt, so befreit man sein Herz von Gedanken und Beschäftigungen, die Sorgen, Schmerz und Unruhe bereiten.

Den heiligen Raum in uns zu finden heißt, den Raum zu entwickeln, wo wir zu Hause sind, um das zu finden, was uns wirklich wichtig ist im Leben. Es bedeutet zu lernen, die Dinge, Eindrücke und Beobachtungen nicht nur nach dem äußeren Eindruck, der durch die Sinneswahrnehmungen entstanden ist, zu beurteilen.

Die Göttlichen Eigenschaften sind ewige Eigenschaften. Dies erkennend öffnet in uns den Gebetsraum, und unser Gebet zu Gott wird zum reinen Akt der Anbetung und Er für uns der ewige vollkommene Schutz.

Erlaube deinem Atem in den Rhythmus deines Herzens einzutreten. Spüre, wie dein Herz zu einem Spiegel wird, der das Göttliche Licht in dir und um dich herum reflektieren kann. Lass deine Seele alle deine inneren Stimmen an einen runden Tisch einladen, heiße sie willkommen im inneren Kreis der Einheit.

Der Göttliche Name Al–Quddūs trägt in sich die Qualität der Schönheit und der Majestät. Er gibt die Fähigkeit der Geduld, der Weisheit und der Dankbarkeit, und schützt vor der Schwäche der niedrigen Triebe. Al–Quddūs hat Einfluss auf all unsere Sinne, auf die Rückkehr aller Sinneswahrnehmungen an ihren ursprünglichen, heiligen Ort, dorthin, wo wahres Verstehen und Erkennen stattfindet und wo wir uns mit unserem tiefen Selbst verbinden, mit dem, was ewig und heilig in uns ist.

Al–Quddūs stammt von der Wurzel q–d–s. In ihr schwingen die Bedeutungen von heil sein, heilig, Reinheit, Paradies. Dieser Name gibt uns die Kraft, alles loszulassen und hinter uns zu lassen, sodass wir Schritt für Schritt, Erfahrung um Erfahrung, unserer Essenz immer näher kommen. Er gibt uns die Kraft, die Erfahrungen dieser Welt zu verinnerlichen, sie auf einer intimen Ebene zu erfassen und somit dem Göttlichem einen Schritt näher zu kommen. Der Ruf der leuchtenden reinen Seele ertönt immer stärker und das Ich gibt sich diesem Licht, diesem Ruf hin und anerkennt die Heiligkeit. Es ist der Weg zur Vereinigung von Himmel und Erde, Ewigkeit und Zeit. Al–Quddūs ist der Weg zurück nach Hause.

Wenn wir unter schlechter Nachrede leiden, befreit die Wiederholung dieses Göttlichen Namens davon, die Nachrede verstummt und deine wahre Absicht zeigt sich.

Wer diesen Namen erkennt und versteht, reinigt ihr Selbst von den niedrigen Trieben, den negativen Leidenschaften und eigennützigen Taten. Sie achtet darauf, dass ihr Lebensunterhalt nicht auf Ausbeutung oder Unterdrückung anderer baut, befreit ihr Herz von Neid, Gier und Heuchelei. Die Erde und ihre Geschöpfe werden in unserer Beziehung zu ihnen ebenbürtig und Grashalm und Stern am Firmament von gleicher Heiligkeit.

„Nimm nur Allāh in deinen Herzen auf und du bist ganz.“

السلام

5

As–Salām

Die Quelle des Friedens und der Sicherheit, der Friede, das Heil

131 – 524 – 17.161

As–Salām ist die Qualität desjenigen, der sein Herz gereinigt hat von Hass, Neid, Verrat, Eifersucht, Zorn und Rache, der sein Herz in Sicherheit, eben salām, gebracht hat.

Die hundertmalige Wiederholung dieses Namens über einem kranken Menschen bringt Erleichterung, beginnend auf der Ebene des Herzens. In der Verbundenheit mit dem Göttlichen entsteht Sicherheit und Frieden. Er schützt und erlöst von gefährlichen Situationen.

Die arabische Wurzel s–l–m beinhaltet Bedeutungen wie Friede, Eintracht und Hingabe, aber auch heil sein, sich wohl befinden, vor Übel bewahren, aus der Gefahr retten und fehlerfrei sein. Von ihr wird z. B. auch سلّم sillam, die Leiter, abgeleitet, was darauf hinweist, dass dieses Wort auch das Werkzeug schenkt, höher zu steigen mit der Sicherheit und Festigkeit einer Leiter. Einer der Bedeutungen ist auch salm, der Biss der Schlange, und deutet auf die Fähigkeit dieses Göttlichen Namens, uns vor dem Gift, das manchmal in den Worten von Menschen mitschwingen kann, zu schützen.

Es ist ein Name, der auch einen gegenseitigen Gruß beinhaltet: „Mögen Frieden und Hingabe (im Herzen) und (die daraus resultierende) Sicherheit dich umhüllen.“ „Möge also As–Salām dir Nahrung und Schutz sein und dich vor allem Übel bewahren.“

As–Salām gibt uns die Fähigkeit und die innere schöpferische Kraft, uns der Dinge, die wir ablegen wollen, wie schlechte Gewohnheiten, zu entledigen.

Das Wort salam bezeichnet inneren Frieden, Wohlsein und Sicherheit vor jeder Art von Übel, sowohl physisch als auch spirituell. Salām heißt, den Göttlichen Schutz zu spüren, wo immer man ist und mit welch immer Situation man konfrontiert wird. Es ist die Ergebung in die Göttlichen Gesetze, beleuchtet und aufgedeckt durch die prophetischen Offenbarungen. Für die meisten Menschen ist Islām die Bezeichnung der Religion der Muslime, doch der Koran meint damit alle prophetischen Offenbarungen. Begonnen hat der islām mit dem Propheten Adam, Allāhs Friede sei mit ihm, weitergeführt u.a. von Abraham, Moses, Jesus – Allāhs Friede sei mit ihnen – und endend mit dem Propheten Muhammad, Allāhs Segen und Friede seien mit ihm, als letztes Glied und Siegel dieser islamischen Offenbarungskette.

„Yā Salām, Oh Allāh, heile und gesunde meinen Körper, mein Denken und mein Herz, und schenke mir Versöhnung, Frieden und Sicherheit, um Deine unvergängliche Kraft und Liebe in all Deinen Offenbarungen zu sehen. Mache mich frei von unsichtbaren und sichtbaren Fehlern, sodass ich mich dem Strom Deiner ewigseienden Einheit überlassen kann.“

Wenn ein Mensch, der Herr über sein Ego ist und in der Verbundenheit mit dem Göttlichen steht, den Namen Yā Salām 160 Mal für einen kranken Menschen wiederholt, so findet dessen Herz Heilung, so Gott will.

Das Gebet:

اللهم أنت السلام ومنك السلام واليك يعود السلام فأنا بالسلام

Allāhumma anta s–salām wa minka s–salām wa ´ilayka ya‘udu s–salām fā ana bi salām.

Oh Allāh, oh Gott, Du bist der Frieden und von Dir kommt der Frieden und zu Dir kehrt der Frieden zurück. Lass mich in Frieden leben.

Stell dir das Leben als Karawane vor, die Vergangenheit vor dir und die Zukunft hinter dir. Wir folgen, denen, die noch vor uns sind und waren, und unsere Nachkommen folgen wiederum uns. Viele sind schon vorausgegangen und viele werden nachkommen. Alles bewegt sich: die Natur, die Menschen, der Raum und die Zeit. Alles bewegt sich in der Qualität, im Mysterium des Göttlichen Namens As–Salām. As–Salām, der Friede, ist nicht das Gegenteil von Krieg; dieser Name bezieht sich auf die kreative Kraft, die am Beginn aller Dinge stand und die immer noch existiert, in der Karawane der Gegenwart und der Zukunft. Wenn man mit diesem Namen gegrüßt wird, so wird Bezug genommen auf diese Qualität: Erinnere dich an die Zeit als noch niemand von uns existierte. Im großen Mysterium des Lebens, was machen da unsere Probleme, unsere Konflikte, unsere Meinungsverschiedenheiten wirklich aus? Friede, سلام salām! Es ist ein Name, der uns mit dem Vergangenen und mit dem Zukünftigen verbindet und uns aus dem engen Kreis des Selbst heraushebt, unseren Blick erweitert und unsere Herzen erleichtert.

Drei Dinge halte im Herzen: Wenn du einem Menschen nicht helfen kannst, dann achte darauf, dass du ihm nicht schadest, wenn du ihm nicht Freude bereiten kannst, dann achte darauf, dass du ihm nicht Schwere bringst, und wenn du ihn nicht loben kannst, dann achte darauf, dass deine Zunge nichts Schädliches über ihn sagt.

„Oh Allāh, schütze uns vor der Unachtsamkeit und vor der Zunge und den Taten der Ungerechten und schenke uns Vertrauen.“

Schenke As–Salām jedem deiner Gefühle, deiner Gedanken und allen Taten, die aufkommen. Schenke As–Salām jedem Menschen, dem du begegnest. Schenke As–Salām jedem, der dir je geholfen hat – Familie, Freunde, Lehrer. Schenke As–Salām allen Geschöpfen.

As–Salām trägt in sich die Qualitäten der Zukunft und der Vergangenheit, die sich im Moment treffen. Er schenkt die Kraft, das innere Gleichgewicht inmitten der Wirren dieser Welt zu halten, das, was die Sufis die Heiterkeit auf dem Weg zur Vollkommenheit nennen.

As–Salām ist die Hingabe des Selbst an seine wahre Natur. Wer sie kostet, dessen Herz ist frei von Not, Angst, Schwermut und Sorge, denn der Friede liebt den Frieden und gibt den Frieden demjenigen, der danach fragt. Wer sich auf Gott As–Salām verlässt, wird nie Furcht empfinden, denn Gottes Kraft in ihm wird ihn tragen, schützen und ihm Glaubensstärke schenken.

„Er ist Allāh, außer dem es keinen Gott gibt; Er kennt das Verborgene und das Sichtbare. Er ist der Erbarmer, der Barmherzige.

Er ist Allāh, außer dem es keinen Gott gibt; der König, der Heilige, der Friedensstifter, der Getreue, der Beschützer, der Mächtige, der Starke, der Hocherhabene. Preis sei Allāh, (der erhaben ist) ob dem, was sie Ihm beigesellen. Er ist Allāh, der Schöpfer, der Erschaffer, der Bildner. Sein sind die Schönsten Namen. Ihn preiset, was in den Himmeln und auf Erden ist, denn Er ist der Mächtige, der Weise“.

(59:22–24)

„Ein wahrer Mensch ist, wer sich unter die Leute mischt, mit ihnen verkehrt und Gott dabei auch nicht einen Augenblick vergisst!“

(Abu Sa‘īd)

المؤمن

6

Al–Mu´min

Der Glaubende, der Sicherheit verleihende, der Beschützer, der Sicherheit Gebende, der Sichermachende

136 – 544 – 18.496

Allāh Al–Mu´min ist der Schenker des Glaubens, der Sicherheit und des Schutzes.

Basierend auf der Wurzel ´a–m–n bedeutet dieser Name sowohl „in Sicherheit sein“, als auch „glauben“. Keines der erschaffenen Wesen kann Gott so erkennen, wie Er sich Selbst erkennt, daher bezeichnet Er, der Erhabene, Sich in dem Sinne als gläubig, Seine Eigenschaften und Seine Majestät vor den erschaffenen Wesen bezeugend.

Aus derselben Wortwurzel kommen auch die Bedeutungen: sicher, furchtlos sein, sich in Jemandes Schutz begeben, Einem etwas anvertrauen, treu, zuverlässig sein, einem Vertrauen schenken, sich friedlich und in Sicherheit fühlen, Ruhe, Gnade, Friede, vertrauenswürdig, an Gott glauben und Seine Gesetze annehmen, Sicherheit bieten, Gnade, Treue und Glaube, anvertrautes Gut.

Wenn ein Mensch, in dessen Herzen sich der Name Al–Mu´min manifestiert hat, diesen 70 Mal wiederholt, so ist dieser Mensch beschützt vor Schädlichen, und seine Zunge kann nicht lügen. Der Name Al–Mu´min schützt vor Bestrafung und stärkt die Ehrlichkeit. Er gibt jenen Sicherheit, die Zuflucht bei Ihm suchen. Er prägt in das Herz des Suchenden Glauben, Schutz, Erleichterung, Zuversicht sowie Selbstvertrauen. Al–Mu´min ist nicht blinder Glaube, ganz im Gegenteil, er schützt vor Engstirnigkeit im Glauben und lässt Mut in das Herz fließen. Denn ein gläubiger Mensch ist ein mutiger Mensch. Sie/er hat den Mut, Fehler und Schwächen zuzugeben und sich dafür zu entschuldigen, ein gläubiger Mensch sieht ihre/seine Ängste und Zweifel an und geht hindurch, ein gläubiger Mensch nimmt ihr/sein Schicksal an.

„Yā Mu´min, Oh Allāh, lasse in meinem Herzen die Einstellung und Sinnesrichtung Platz ergreifen, dass Du der Absolute bist, von Dem alles kommt und zu Dem alles zurückkehrt. Lasse mich eine Gläubige, ein Gläubiger mu’min sein, Deine Göttlichen Gesetze befolgend und Zuversicht, Herzensruhe und Frieden ‘amān in Dir finden!“

Mit amānat allāh, „bei deiner Treue und deinem Glauben an Gott“, wird oft ein Satz begonnen, wenn man sicher gehen möchte, die Wahrheit vom anderen zu erfahren.

Eine amāna ist auch ein Begriff, der alles bezeichnet, was einem anvertraut wird, sei es im physischen oder im moralischen Sinn. Es ist also eine Eigenschaft, die man von einem wahren Freund erwartet. Für gläubige Menschen bezieht sich die amāna auch auf die Wahrheiten, die ihnen durch die Göttliche Schrift mitgeteilt wurden und die sie als anvertrautes Gut in sich tragen und leben sollen. Es ist eine moralische Verantwortung, die sich in der Ausübung sozialer Gerechtigkeit und Menschlichkeit zeigt wie auch in der Einbettung in die Göttlichen Gesetze.

Mögen weder Angst noch Kummer dein Herz umhüllen. Mögest du deine Versprechen achtsam aussprechen. Al–Mu´min bedeutet Zuflucht nehmen in Allāh.

Al–Mu´min zeigt dem Herzen, dass hinter der strengen und auch der sanften Hand des Lebens immer die Sanfteste der sanften Hände ruht. Ein Mensch, der diese Qualität in sich trägt, hat die Fähigkeit, seine Mitmenschen vor Schwächen, Fehlern und vor der Sklaverei des niedrigen Ichs zu schützen.

Wer die Qualität Al–Mu´min in sich trägt, ist in jeglicher Lebenssituation jeder Art von Angst und Zweifel entkommen. Al–Mu´min hilft besonders, wenn man das Gefühl hat „verloren zu sein“, ist aber auch gut zu wiederholen, wenn man zu sehr zur Gutgläubigkeit tendiert.

Wenn in dir das Gefühl aufkommt, dass du fähig bist, eine Sache anzugehen, wenn du siehst, dass du geben oder verweigern kannst, dass du Gutes oder Schlechtes machen kannst, dass du schaden oder aufbauen kannst, dann wende dich an Allāh, bitte um Unterstützung und hüte dich vor der eigenen Arroganz und der Illusion der Abgetrenntheit und Eigenständigkeit. Alles kommt von Ihm und doch gibt es immer einen Teil in uns, der sich abgetrennt fühlt, der Schutz braucht in seinem Zweifel. Öffne diese Trennungsblase mit den Schwingungen von Al–Mu´min. Alles kommt von Ihm und gleichzeitig sind wir die Manifestation des Göttlichen auf Erden und tragen die Freiheit der Entscheidung und die Verantwortung. Denn unsere Taten verändern das Antlitz des Seins. Möchtest du wahrlich handeln, dann trage zwei Dinge in deinem Herzen: Hingabe, tawakkul, und die klare Absicht, aus begangenen Fehlern zu lernen und sie nicht zu wiederholen (´ināba). Jeder Fehler, jede Schwäche, mögen sie noch so klein sein, können durch Absicht und Willen aufgelöst werden und jede Schandtat, jede Katastrophe, die man verursacht hat, kann durch ´astaġfiru llāh أستغفر الله „Ich bitte um Vergebung und Zuflucht in Dir“ aufgelöst werden.

Al–Mu´min hilft dir, zu entscheiden, was richtig und unpassend ist in diesem Moment. Mit Al–Mu´min hat Allāh den Glauben imān, das größte und kostbarste Geschenk, gewährt. Es füllt das Herz mit wärmender Güte und erfüllt das Auge mit der Schönheit der Existenz. Wahrer Glaube macht weder radikal noch fanatisch. Er erlaubt uns, die grundlegenden, unveränderlichen, spirituellen Wahrheiten zu erkennen, die von jedem Gesandten Gottes verkündet worden sind. Glaube in Gott, in die Einheit, ist ein Strom, der mit jedem Fluss weiter und breiter wird, die Vielfalt erkennend auf dem Weg zum Meer der Einheit, wo er mündet.

Ein Mensch, der die Qualität Al–Mu´min in sich trägt, vor dem ist jedes Geschöpf sicher und auf seine Hilfe in spiritueller–geistiger und weltlicher Hinsicht kann man zählen.

Dieser Name fördert, Vertrauen in Allāh zu finden und alle Zweifel und Ängste aus dem Herzen zu entfernen. Er eignet sich in der Arbeit mit tiefen Verwundungen der Seele.

Er sprach: „Oh mein Volk, was meint ihr? Wenn ich einen deutlichen Beweis von meinem Herrn habe und Er mich mit einer schönen Versorgung von sich versorgt hat, und wenn ich euch nicht folgen will zu dem, was ich mir selbst verwehrt habe, will ich da etwas anderes als eure Besserung, soweit ich´s vermag? Und mein Gelingen ist allein bei Allāh. Auf Ihn vertraue ich, und zu Ihm kehre ich mich.“

(11:88)

„Wisse, mein Herz, dass Er das Universum in einem harmonischen Gleichgewicht erschaffen hat und dass wir Menschen darin zu besonderen Geschöpfen ernannt wurden.“

المهيمن

7

Al–Muhaymin

Der Wachsame, der Beschützer, der Garant, der unbeschränkt Bestimmende

145 – 725 – 21.025

Allāh ist der Beschützer aller Dinge. Diejenigen, die diesen Namen wiederholen, werden mit achtsamem Licht umhüllt. Al–Muhaymin ist ein Göttlicher Name, der durch seinen Klang und seine Bedeutung tief in uns eindringt und die Fundamente, die uns von unserem wahren Selbst trennen, erschüttert. Trotz dieser Kraft schwingt eine Leichtigkeit und Weichheit mit, die schützt und unser Herz gleichzeitig erweicht, sodass wir „wie Wolle in den Händen Gottes“ werden. Al–Muhaymin bestimmt, was wahr und was falsch ist, und gibt uns die Fähigkeit, über unsere Taten, Worte und Gedanken achtsam zu wachen. Nichts erobert das Ich so stark wie liebevolle Achtsamkeit. Al–Muhaymin soll nicht unser Lebensgefühl einengen, sondern es im Gegenteil fördern, indem wir unser Bewusstsein über Recht und Unrecht vertiefen.

Al–Muhaymin ist mit den Göttlichen Namen Aš–Šahīd (50) und Ar–Raqīb (43) verbunden. Sie alle helfen uns, über unsere Gedanken, Worte, Gefühle und Werke zu wachen. Al–Muhaymin wacht über allem, beschützt alles und sieht alle Taten der Schöpfung. Er ist der Entscheider über die Lebensbestimmung und über die Lebensspanne sowie über das Wohlergehen aller Geschöpfe. Al–Muhaymin kennt das Verborgene und das Geheime, er weiß, was in den Herzen begraben ruht, er weiß, was ein Mensch zeigt und was er dahinter verbirgt, er sieht die Dinge und was sich hinter ihnen verbirgt.

Der Mensch, der diese Qualität in sich belebt und sein Wesen damit füllt, ist einer, der sich selbst klar und ohne Sentimentalität beobachten und sehen kann, und der die Ausgewogenheit des inneren und äußeren Ausdrucks im Auge behält. Er sieht die Existenz und die verborgenen Göttlichen Gesetze in allem. Er hat die Kraft, andere und sich selbst zu ihren Rechten zu führen und sie, wie sich selbst, vor schwächenden Taten zu schützen.

„Yā Muhaymin, mache mein Herz und mein Denken frei von Hintergedanken und verdeckten Erwartungen. Führe mich zur Ehrlichkeit und zeige mir den Weg der Richtigkeit und Wahrheit. Lass mich nicht aus Angst oder Unruhe jemandem Unrecht tun und bewahre mich unter Deinem majestätischen Schutz.“

Wer diesen Göttlichen Namen 100 Mal nach jedem Gebet wiederholt, dessen Herz erfüllt sich mit dem Licht des tiefen Glaubens, welches die inneren Stimmen des Zweifels, der Ängste und der Betrübnis verstummen und die Vergesslichkeit verschwinden lässt. Verbinde dich im Erinnern, im dikr, mit Gott und Er wird dein Herz von Kummer und Besorgnis befreien und dein Auge mit der Fähigkeit erfüllen, das Unsichtbare und Verborgene zu sehen. Gott gab uns Menschen die Fähigkeit, nie zu verlieren, immer zu gewinnen, wenn wir wollen!

Bei rheumatischen Beschwerden wiederhole 145 Mal Al–Muhaymin und es wird sich, so Gott will, Erleichterung einstellen.

Der Göttliche Name Al–Muhaymin bezieht sich auf die Wurzel h–m–n mit den Bedeutungen: in die Seitentaschen oder den Beutel stecken, jemanden vor Angst und Sorge bewahren, jemanden zu beobachten, zu bezeugen; doch er kommt ursprünglich von derselben Wurzel wie Mu’min, also ´a–m–n, wobei das ´a zu einem h verwandelt wurde. So verbindet dieser Name insbesondere die Qualität des Glaubens mit der des Schutzes. Er hilft uns, innerlich loszulassen, das Bollwerk, das vom verängstigten, besorgten Ich mühsam aufgebaut und aufrecht gehalten wird, zu entspannen, um den Geschmack der wahren Sicherheit zu kosten. Um zu erfahren, dass das Universum ein sicherer Ort ist, in dem wir einen Platz haben, im tiefen Glauben des Herzens eingehüllt wie in einer „Göttlichen Seitentasche“, bewahrt vor Sorge und Angst, das Herz mit Gott erfüllt.

Führe deinen Atem mit der Wiederholung dieses Namens zu all den Räumen in dir, die sich ungeschützt und unsicher fühlen. Möge der Göttliche Hauch in dir dich ausfüllen und erleichtern. Du kannst diesen Göttlichen Namen auch hinausbegleiten und andere Menschen damit umhüllen und stärken.

„Jene, die Glauben erlangt haben und ihren Glauben nicht durch Ungerechtigkeit verdunkeln, denen ist die Sicherheit, und sie sind geleitet“.

(6:82)

„In unser aller Herzen lebt Allāh, auch in denen der Schuldigen, der Zornigen und der Leidenden.“

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