Kitabı oku: «Der 1000-jährige Junge»
Bisher sind von Ross Welford im Coppenrath Verlag erschienen:

| eISBN: 978-3-649-62514-8 | eISBN: 978-3-649-62906-1 |
eISBN 978-3-649-63242-9
© 2019 für die deutschsprachige Ausgabe
Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster
Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise
Originally published by HarperCollins Publishers under the title:
The 1,000 year old boy
© Ross Welford 2018
Translation © Petra Knese 2018 translated under licence from
HarperCollins Publishers Ltd
Ross Welford asserts the moral rights to be identified
as the author of this work.
Aus dem Englischen von Petra Knese
Umschlaggestaltung © HarperCollins Publishers 2017
Umschlagillustration © Tom Clohosy Cole
Lektorat: Jutta Knollmann
Satz: Sabine Conrad, Bad Nauheim
www.coppenrath.de
Das Buch erscheint unter der ISBN 978-3-649-63027-2
Ross Welford
Aus dem Englischen von Petra Knese

Inhalt
Teil 1
ALFIE
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
Teil 2
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
50. Kapitel
51. Kapitel
52. Kapitel
53. Kapitel
54. Kapitel
55. Kapitel
Teil 3
56. Kapitel
57. Kapitel
58. Kapitel
59. Kapitel
60. Kapitel
61. Kapitel
62. Kapitel
63. Kapitel
64. Kapitel
65. Kapitel
66. Kapitel
67. Kapitel
68. Kapitel
69. Kapitel
70. Kapitel
71. Kapitel
72. Kapitel
73. Kapitel
74. Kapitel
75. Kapitel
76. Kapitel
77. Kapitel
78. Kapitel
79. Kapitel
80. Kapitel
Teil 4
81. Kapitel
82. Kapitel
83. Kapitel
84. Kapitel
85. Kapitel
86. Kapitel
87. Kapitel
88. Kapitel
89. Kapitel
90. Kapitel
91. Kapitel
92. Kapitel
93. Kapitel
94. Kapitel
95. Kapitel
96. Kapitel
97. Kapitel
98. Kapitel
99. Kapitel
100. Kapitel
101. Kapitel
102. Kapitel
103. Kapitel
104. Kapitel
105. Kapitel
Dank
Über den Autor
Teil 1
ALFIE
Möchtet ihr ewig leben? Ich kann es leider nicht empfehlen. Mittlerweile habe ich mich dran gewöhnt und mir ist natürlich klar, dass es etwas Besonderes ist. Bloß will ich es nicht mehr. Ich möchte älter werden, genau wie ihr.
Das ist meine Geschichte. Ich heiße Alve Einarsson und ich bin tausend Jahre alt. Über tausend sogar.
Wollen wir Freunde sein? Dann nennt mich doch Alfie. Alfie Monk.
1. Kapitel
South Shields, 1014 nach Christus
Mam und ich saßen auf einem flachen Felsen und schauten hinüber zur Flussmündung, wo sich die Rauchschwaden aus dem Dorf mit den tief hängenden Wolken vermischten.
Der Fluss wird von allen Tyne genannt. Damals haben wir es »Tine« ausgesprochen, aber es war bloß unser Wort für Fluss.
Mam weinte und fluchte. Von der anderen Seite des Flusses kamen Schreie. Brandgeruch wehte vom Fort auf der Felskuppe herüber. Die Menschen, viele davon unsere Nachbarn, drängten sich am Ufer, doch der Fährmann Dag würde ihretwegen nicht noch mal zurückkehren. Jedenfalls nicht jetzt, denn dann würde man auch ihn töten. Nachdem sein Floß uns abgesetzt hatte, war er Entschuldigungen stammelnd davongelaufen.
Hinter den Menschen am Ufer tauchten die Männer auf, die in Booten gekommen waren. Einen Moment hielten sie inne – arrogant, furchtlos – und stürzten sich dann mit erhobenen Schwertern und Äxten auf ihre wehrlosen Opfer. Einige versuchten noch, sich ins Wasser zu retten. Aber weit kamen sie nicht, denn mitten auf dem Fluss wartete schon ein weiteres Boot auf sie.
Ich vergrub den Kopf in Mams Schal, aber sie zog ihn fort und wischte sich die Tränen weg. Ihre Stimme zitterte vor Wut.
»Sey, Alve. Sey!«
So sprachen wir damals. Das war einer dieser altnordischen Dialekte, wie man heute sagt. Wir hatten keinen Namen dafür. Und gemeint hat sie: »Sieh! Sieh, was sie uns antun, diese Männer, die mit ihren Booten aus dem Norden gekommen sind.«
Aber ich konnte nicht hinsehen. Ich stand auf und ging wie benommen ein Stück, doch immer noch hörte ich das Morden, immer noch roch ich den Rauch. Es zerriss mich fast, noch am Leben zu sein. Mam kam mir mit dem kleinen Holzwagen nach, in den wir alle Habseligkeiten gestopft hatten, die auf Dags Flussfähre Platz fanden.
Meine Katze Biffa lief neben uns her. Plötzlich schoss sie ins Gras, um eine Maus oder einen Grashüpfer zu jagen. Sonst brachte mich das immer zum Schmunzeln, aber nun fühlte ich mich so leer wie ausgeweidet.
Nach ein oder zwei Meilen fanden wir eine Höhle in einer geschützten Bucht. Die Sonne war so stark, dass wir das alte Brennglas von Da, so nannte ich Vater, benutzen konnten. Es war eine gewölbte, polierte Kristalllinse, die das Sonnenlicht zu einem schmalen Strahl bündelte, der Funken schlug. Ich hatte Angst, die Plünderer würden uns verfolgen, aber Mam sagte Nein, und sie behielt recht. Wir waren entkommen.
Als wir ihre Boote drei Tage später wieder in See stechen sahen, machte ich den größten Fehler meines Lebens. Tausend Jahre habe ich jetzt gewartet, um ihn wiedergutzumachen.
2. Kapitel
Warum hast du es dann gemacht?«, wollt ihr jetzt sicher fragen. Nur zu, meinetwegen. Ich habe es mich selbst wieder und wieder gefragt und verstehe es immer noch nicht ganz.
Nur so viel: Ich war jung und sehr, sehr verängstigt. Ich wollte etwas tun, irgendetwas, um mich stärker zu fühlen, um Mam besser beistehen und uns beide beschützen zu können.
Und so wurde ich ein Nimmertoter wie Mam.
Es begann vor langer Zeit, und wenn ich lange sage, meine ich vor vielen hundert Jahren. Und passiert ist es so:
Meinem Vater hatten fünf kleine Glasperlen gehört, die wir livperler nannten.
Lebensperlen.
Sie waren das Wertvollste, das wir besaßen. Mam sagte, sie wären das Wertvollste überhaupt auf der Welt.
Menschen hatten getötet, um an die Perlen zu gelangen. Und mein Da war gestorben, um sie zu beschützen. Deshalb erzählten wir niemandem von unserem kostbaren Besitz.
Nun waren noch drei übrig. Eine für Mam und zwei für mich, wenn ich älter war.
Das wusste ich alles. Mam hatte es mir oft genug gesagt. »Erst wenn du groß bist, Alve. Du musst dich gedulden.«
Aber ich konnte es nicht abwarten.
Am dritten Abend in der Höhle, als Mam unterwegs auf der Suche nach frischem Wasser war, öffnete ich den kleinen Tontopf und nahm die livperler heraus. Obwohl sie schon alt waren, glänzten die Glasperlen im Halbdunkel der Höhle. Und als ich eine vors Feuer hielt, leuchtete die dicke Flüssigkeit innen bernsteinfarben.
Biffa saß gegenüber vom Feuer auf einem kleinen Felsvorsprung, ihre gelben Augen glänzten wie die Glaskugeln. Verstand sie, was ich vorhatte? Sie maunzte, gab diesen kleinen Katzenlaut von sich, bei dem wir immer glaubten, sie würde mit uns sprechen. Biffa schien eine Menge zu verstehen.
Ich hockte mich hin, nahm das Messer, das kleine aus Stahl von Da, dessen Klinge sich im Holzgriff versenken ließ, und hielt es ins Feuer. Dann blickte ich zum Höhleneingang, um mich zu vergewissern, dass ich auch allein war, und schluckte schwer.
Als ich mir mit der heißen Klinge zweimal den Oberarm ritzte, sickerte Blut hervor. Zwei kurze Schnitte wie Mams Narben. Wie auch Da sie gehabt hatte. Nimmermale. Ich weiß nicht, ob es eine Rolle spielt, dass man sich zweimal schneidet, wahrscheinlich nicht. So wurde es eben gemacht.
Weh tat es erst, als ich die Wunden mit Daumen und Zeigefinger auseinanderzog. Ich zerbiss die Glasperle. Wie das Blut aus meinen Schnitten quoll der gelbe Sirup hervor. Ich gab ihn auf die Fingerspitzen und rieb ihn in die Wunden, bis nichts mehr davon übrig war. Es brannte wie frische Brennnesseln im Frühling.
Was dann geschah, war ein Unfall. Ich habe es in Gedanken immer wieder durchgespielt, so wie Leute heute »Videoclips« abspielen. Hätte ich anders handeln können?
Ich weiß es nicht.
Biffa war vermutlich bloß neugierig. Gewusst kann sie nichts haben, aber sie war eben eine sehr kluge Katze. Auf einmal sprang sie mit einem leisen Grollen durch die Flammen auf mich zu. Ohne nachzudenken, riss ich das Messer hoch, das noch neben mir auf dem Boden lag. Ein einfacher Reflex. Es ritzte ihr leicht in die Vorderpfote, aber sie miaute nicht einmal. Als sie hinter mir landete, fuhr ich herum und fegte mit meiner Tunika eine weitere Lebensperle vom Felsregal, wo ich sie deponiert hatte. Ich verlor das Gleichgewicht und zertrat die Perle versehentlich.
Entsetzt starrte ich ein paar Augenblicke darauf.
Schlimm genug, dass ich mich Mams Anordnungen widersetzt hatte, nun hatte ich auch noch eine weitere kostbare Lebensperle verschwendet.
Die zähe bernsteinfarbene Flüssigkeit sickerte heraus. In dem Moment dachte ich nur daran, dass sie nicht vergeudet werden durfte, packte Biffa am Nackenfell und rieb ihr die Flüssigkeit in die verletzte Pfote.
(Im Lauf der Jahre habe ich Mam immer wieder versichert, dass ich das nicht mutwillig getan habe. Ich wollte die Perle nur nicht verschwenden.)
Dann wickelte ich einen Streifen sauberen Stoff um meinen Arm und einen um Biffas Bein. Ihr schien das nichts auszumachen. Sie leckte sich die Schnurrhaare, gähnte und rollte sich zusammen. Gegen den blauen Abendhimmel sah ich Mams Gestalt am Höhleneingang mit einem Kübel Wasser auftauchen und ich schämte mich ganz schrecklich.
Manchmal schäme ich mich immer noch.
Bis dahin hatte ich elf Winter erlebt.
Und ich sollte über tausend Jahre lang elf bleiben.
3. Kapitel
All das ist Ewigkeiten her.
Ich habe schon einige Male versucht, meine Geschichte zu erzählen, musste aber schnell einsehen, dass keiner sie hören will. Ich muss wesentliche Einzelheiten wie die Lebensperlen auslassen, also denken die Leute, ich nehme sie auf den Arm (bestenfalls) oder ich bin ernsthaft irre (schlimmstenfalls).
Manchmal frage ich mich, ob die Leute wohl anders reagieren würden, wenn ich alt aussähe. Also wenn ich faltig und glatzköpfig wäre, gebückt ginge, mit zitternder Stimme spräche, riesige, von Adern durchzogene Ohren und schlecht sitzende Klamotten hätte. Nur dass dann keiner mehr glauben würde, ich nähme ihn auf den Arm. Da würde gleich jeder denken, dass mir das Alter den Verstand geraubt hätte.
»Gott hab ihn selig, den alten Alfie«!, hieße es dann. »Heute hat er schon wieder unentwegt von den Wikingern gefaselt.«
»Was? Oh, oh. Gestern hatte er es mit Charles Dickens. Meint, er hätte ihn getroffen!«
»Im Ernst? Der arme Kerl. Zum Glück ist er harmlos. Tut keiner Fliege was zuleide, ist eben nur vollkommen gaga.«
Aber ich sehe kein bisschen alt aus. Ich sehe aus wie elf.
Als ich aufgehört habe zu altern, hatten die Wikinger ihre Besetzung vom Nordosten Englands schon so gut wie abgeschlossen. Es waren die Schotten gewesen, vor denen Mam und ich geflohen waren. Es sollte noch etwas über fünfzig Jahre dauern, bis der Süden des Landes besetzt wurde, nämlich 1066 von den Normannen. (Wenn ihr mich fragt, waren das im Grunde bloß Wikinger, die Französisch gelernt hatten. Aber mich fragt ja keiner. Nor-manne, Nord-mann, versteht ihr, was ich meine?)
Und falls es euch interessiert, Charles Dickens bin ich wirklich begegnet, aber erst viele Jahre später.
Seht ihr? Ihr glaubt mir auch nicht, oder? Ich kann es euch nicht verübeln, schließlich bin ich der einzige verbliebene Nimmertote auf Erden. Und jetzt, wo Mam von mir gegangen ist, ist das ewige Leben überhaupt kein Leben mehr.
Bloß, wenn ihr mir schon nicht glaubt, wie überzeuge ich denn erst Aidan Linklater und Roxy Minto? Deren Hilfe brauche ich nämlich, um den Fluch des endlosen Lebens aufzuheben.
Und wenn die beiden mir nicht glauben, bin ich, wie man heute sagt, geliefert.
AIDAN
Ich verrate euch lieber gleich, warum ich so genervt bin. Dann ist das geklärt. Und wir können dazu übergehen, wie ich Alfie kennengelernt habe und sich mein Leben für immer verändert hat.
4. Kapitel
Whitley Bay, heute
Wir sind umgezogen, so fängt es schon mal an. Schlimm genug, aber nun haltet euch fest:
1. Das Haus ist kleiner. Viel kleiner und hat kaum Garten, nur so eine Holperwiese, auf der man nicht mal Fußball spielen kann. Mum hat mich mehr als einmal daran erinnert, wie glücklich ich mich schätzen kann, dass wir überhaupt einen Garten haben, und wenn sie das sagt, tut es mir leid, davon angefangen zu haben, denn ich weiß ja, warum wir umgezogen sind. Bloß mein Freund Mo, der in einer Wohnung wohnt, kam sonst immer vorbei, weil er keinen Garten hat, aber das ist ja jetzt wohl witzlos.
2. Wenn wir Besuch haben, muss ich mir nun das Zimmer mit Libby teilen, die eine echte Nervensäge ist. Libby ist sieben und steht auf My Little Pony.
3. Inigo Delombra, der in meine Stufe geht, wohnt jetzt in unserem alten Haus. Ich glaube, er hat sogar mein altes Zimmer. Wenn er mich sieht, grinst er immer so dämlich, als wollte er sagen: »Loser!«
Wenigstens konnte ich auf meiner Schule bleiben, aber so wie es mit Spatch und Mo läuft, hätte ich ebenso gut wechseln können.
Und noch was: Mum und Dad sind nur noch am Streiten. Gestritten haben sie eigentlich schon immer viel – »kabbeln« nennen sie es –, doch in letzter Zeit ist es viel schlimmer geworden, und sie glauben, ich merke es nicht. Es geht ums Geld, immer ums Geld. Genaueres weiß ich nicht. Irgendwie haben sie das Geld »schlecht angelegt« und Mum gibt Dad die Schuld daran. Mum arbeitet nun in einem Callcenter, was sie grässlich findet.
Neulich Abend habe ich Libby oben auf der Treppe erwischt, als sie gelauscht hat. Sie fragte: »Lassen sie sich jetzt scheiden, Aidan?«
Natürlich musste ich sagen: »Ach, Quatsch!« Libbys Kinn zitterte, aber geweint hat sie nicht. Jedenfalls nicht vor mir. Zum Glück, sonst hätte ich auch noch losgeheult.
So, nachdem das geklärt wäre …
Jetzt mal ehrlich. Wenn euch ein Junge, den ihr gerade erst kennengelernt habt, erzählt, er wäre tausend Jahre alt, wie würdet ihr wohl reagieren?
Vielleicht würdet ihr lachen und sagen: »Ja, alles klar!«
Oder ihr ignoriert ihn einfach, so nach dem Motto: Den Irren provoziere ich lieber nicht.
Man könnte auch mit einer witzigen Bemerkung kontern: »Und ich bin der Kaiser von China!«
Okay, mit witzigen Bemerkungen habe ich es nicht so, aber ihr wisst, was ich meine.
Als Alfie also zu mir sagte: »Aidan, ich bin über tausend Jahre alt«, habe ich ihm logischerweise nicht geglaubt.
Und dann musste ich es doch, denn so unglaublich es auch war, es stimmte.
Aber damit ihr das kapiert, muss ich noch mal ein bisschen zurückgehen.
5. Kapitel
Am Anfang der Osterferien sind wir – ich, Mum, Dad und Libby – ins neue Haus gezogen. Nach drei Tagen hatten wir alles ausgepackt. Auch meine Xbox, die beim Umzug zu Bruch gegangen war. Ich fragte Mum, ob ich eine neue haben könnte, doch sie lachte nur traurig, was wohl nein bedeutete. Als sie dann noch meinte, wir hätten »andere Prioritäten«, bereute ich, überhaupt gefragt zu haben.
Vor mir lagen die gesamten Ferien.
»Ruf deine Freunde an und geh runter zum Strand«, sagte Mum alle fünf Minuten.
Aber leider war Spatch mit seinen italienischen Großeltern in Neapel, wo er jede Ostern hinfährt, und diesmal hatte er auch Mo eingeladen. Mich nicht.
Vor den beiden habe ich so getan, als machte es mir nichts aus, aber das tat es. Als ich mit Mum darüber sprach, sagte sie bloß: »Ach, na ja. Wir hätten uns den Flug eh nicht leisten können. Ist doch nicht so schlimm.« Aber darum geht es ja gar nicht. Spatch war es wohl ein wenig peinlich. Er sagte, im Bauernhaus seiner Großeltern wäre kein Platz mehr gewesen, aber ich habe Fotos von dem Haus gesehen und es ist riesig, außerdem hätte ich auch mit dem Fußboden vorliebgenommen. Fast wäre es mir rausgerutscht, ist es aber zum Glück nicht.
Um der Sache noch die Krone aufzusetzen, wie Dad gerne sagt, kamen auch noch Tante Alice und Onkel Jasper zu Besuch. Tante Alice geht ja noch, aber Onkel Jasper? Oh Mann!
Dad war auch nicht begeistert, denn er stöhnte und sagte zu Mum: »Mein Gott, können die nicht ins Hotel? So viel Platz haben wir auch nicht.«
»Sie ist meine Schwester, Ben.«
Dad schnalzte nur mit der Zunge und verdrehte die Augen.
Am vierten Ferientag kamen also Tante Alice und Onkel Jasper am Morgen und ich wurde mit Luftmatratze in Libbys Zimmer einquartiert. Libby war noch ein paar Tage im Zeltlager, also musste ich mir das Zimmer noch gar nicht richtig mit ihr teilen, aber trotzdem …
Wir saßen in der Küche zwischen all den Kartons, die die Umzugsfirma dagelassen hatte. Dad arbeitet zurzeit nicht, deshalb war er zu Hause, kochte Tee und erkundigte sich nach Jaspers Boot (offenbar ein »unverfängliches Thema«). Mum machte ein großes Gewese um Tante Alices Bluse. Tante Alice ist viel älter als Mum und Jasper ist viel jünger als Tante Alice, wobei er dank seines Bartes älter als alle beide aussieht, falls das verständlich ist.
Nachdem Tante Alice gesagt hatte, wie groß ich geworden war, kam die einzige Bemerkung, die an mich gerichtet war, von Jasper.
»Und was ist mit dir, Junge? Bekommst du auch genug frische Luft? Du siehst ja aus wie der Tod auf Latschen!« Und dann grinste er und entblößte seine langen weißen Zähne, als würde er es nicht ernst meinen, tat er aber.
Tante Alice meinte daraufhin: »Ach, Jasper, er sieht doch prima aus!«
Und Mum sagte mit leicht scharfem Unterton: »Ihm geht’s gut, Jasper. Stimmt’s, Aidan?«
Ich nickte heftig, als könnte ich meinem Onkel damit zeigen, dass auch ich so »fit wie ein Turnschuh« war, um eine seiner Formulierungen zu übernehmen.
Er gab einen Grumph-Laut von sich und fügte hinzu: »Seeluft. Ein wenig von der guten ventum maris. Das brauchst du, Junge.« Dann nahm er schlürfend einen Schluck Tee (schwarz, ohne Zucker).
Tja, so redet er, dieser Jasper.
Soweit ich es beurteilen kann, spricht er weder mit einem regionalen Dialekt noch hat er einen ausländischen Akzent. Manchmal klingt er amerikanisch und dann wieder australisch, (wenn seine Stimme am Ende eines Satzes nach oben geht, als wollte er was fragen, tut er aber gar nicht). Der Akzent ist echt schwer auszumachen. Geboren ist Jasper in Rumänien, aber er hat schon in vielen Ländern gelebt. Hinter getönten Gläsern schimmern eng zusammenstehende Augen, dunkel sind sie, fast schwarz.
Einmal habe ich ihn gefragt, woher er komme. »Nenn mich einfach Nomade«, sagte er da und bleckte die Zähne. Mal ganz ehrlich, der Typ macht mir Angst.
Mein Glas Milch war leer und Jasper hatte das Wort »Premierminister« in den Bart gemurmelt – höchste Zeit, sich zu verdünnisieren. Sobald die Regierung ins Spiel kommt, geht es mit dem Gespräch meist nicht aufwärts, das ist jedenfalls meine Erfahrung.
»Ich gehe nach draußen«, sagte ich. Daraufhin erntete ich ein Grunzen, was ich als Zustimmung von Jasper wertete.
6. Kapitel
Es tat richtig gut, aus dem Haus zu kommen. Ich atmete tief durch die Nase ein und mit einem lauten »Haaah!« durch den Mund aus.
Unser Haus liegt ganz am Ende der Siedlung im alten Teil. Hier stehen etwa zehn winzige Reihenhäuser und gleich daneben beginnen die Neubauten. Hinter unserem Gartenzaun liegt bloß Wald. Soweit ich weiß, hat der Wald nicht mal einen Namen. Er heißt immer bloß »der Wald« oder »das Waldstück hinter dem Golfplatz«.
Wäre echt cool, wenn wir ein kleines Tor im Zaun hätten, durch das man direkt in den Wald gehen könnte, aber leider ist es nicht so. Unsere trostlose Wiese endet einfach an einem Holzzaun.
Links von unserem Grundstück liegt eine Gasse, in der es nach Katzenpisse stinkt und sich das Gerümpel türmt. Eine gebrauchte Matratze steht dort herum, eine verrostete Waschmaschine und eine Mülltüte, aus der alte Klamotten quellen. Dad meint, die Kommune wäre dafür verantwortlich, den Müll zu entsorgen, aber die haben offensichtlich kein Interesse daran. Auf der anderen Seite der Gerümpel-Gasse wohnen Susi und Prudi, zwei Damen mit kurzem grauem Haar, die Mum bereits kennengelernt hat und die sie »sehr nett« findet, wobei sie noch hinzufügte: »Eine davon ist ein Doktor.« (Ich dachte immer, Ärzte verdienen gut, warum die hier wohnen, kapiere ich nicht.)
Ihr Grundstück wurde in einen schönen Garten mit gepflasterten Wegen verwandelt und sie haben fünf Katzen aus dem Tierheim. (Dad schnaubte, als Mum es uns erzählte. »Trau keinem, der mehr als zwei Katzen hat«, sagte er, was ich ein wenig gemein fand, denn ich mag Katzen.)
Rechts von unserem Grundstück liegt ein weiterer Garten, ein richtiger mit Rasen, der von unserem nur durch einen klapprigen Zaun getrennt ist.
An dem Morgen, an dem alles begann, stand ich mit dem Rücken zu ebendiesem Zaun und betrachtete die alten Häuser aus dreckigen Ziegelsteinen. Die Hälfte der Häuser sieht aus, als wären sie nicht einmal bewohnt, manche haben kaputte Fensterscheiben. Kein Wunder, dass wir hier so billig zur Miete wohnen. Mum und Dad behaupten, es sei nur vorübergehend.
»Hallo, Aidan!«
Überrascht sah ich mich um, konnte aber niemanden entdecken. Dann ertönte ein Lachen, ein helles, fröhliches Gebell. Ich drehte mich einmal um die eigene Achse, um herauszufinden, woher die Stimme kam.
»Hier!«
»Wo?«, fragte ich. Und dann: »Au!«, als mich etwas Hartes im Gesicht traf. Kurz darauf sauste etwas an meiner Nase vorbei.
»He! Hör auf«, sagte ich und wieder ertönte diese Terrier-Lache. Dann sah ich ihn, den gelben Kuli, der durch ein Loch im Zaun lugte. Jemand benutzte den Schaft als Blasrohr, um mich mit Papierkugeln zu beschießen. Und dieser Jemand schoss gut.
Ich ging zum Zaun, beugte mich hinunter und linste durch das Astloch. Sofort verspürte ich einen heftigen Tritt in den Hintern. Als ich herumfuhr, stand dort ein winziges Mädchen, grinste frech und gackerte. Ich kannte sie aus der Schule, wusste aber nicht, wie sie hieß. Wir hatten keinen gemeinsamen Unterricht.
»W-wo kommst du denn plötzlich her?« Es war, als hätte sie sich aus dem Nichts vor mir materialisiert.
»Ich bin Roxy Minto von nebenan. Und du bist Aidan!«
»Ähm … weiß ich. Aber woher weißt du das?«
Sie schnaubte verächtlich, um zu zeigen, für wie dämlich sie meine Frage hielt. »Was glaubst du denn? Meine Mum hat mit deiner gesprochen. Ich habe gesehen, wie die Umzugsleute eure Sachen reingetragen haben. Du hast ein rotes Fahrrad und einen weißen Schreibtisch in deinem Zimmer. Dreh dich mal um.«
»Warum?«
»Dreh dich einfach um.« Sie sagte es mit solcher Überzeugung, dass ich ihr gehorchte, obwohl ich einen weiteren Tritt in den Hintern befürchtete.
»Woher weißt du, dass das Fahrrad und der Schreibtisch mir gehören?«, fragte ich, doch es kam keine Antwort. Ich drehte mich wieder um … und Roxy war nicht mehr da. Einfach verschwunden.
»Roxy?« Eine Latte im Zaun klappte nach oben. Roxy steckte kichernd den Kopf durch das Loch. »Hier lang!«
Ich passte mit Ach und Krach durch. (Roxy war so winzig, dass sie mühelos hindurchschlüpfte.) Und dann stand ich in ihrem verwilderten Garten, mit kümmerlichen Büschen, Blumen und Unkraut und einer alten Plastikrutsche.
Roxy stiefelte über den ungemähten Rasen auf einen riesigen Busch zu, der am Ende des Gartens über den Zaun wucherte und dessen Ausläufer sich an einem Haselnussstrauch hochrankten. Sie schob einen Zweig beiseite und verschwand im Busch. Kurz darauf hörte ich ihre Stimme hinterm Zaun.
»Kommst du oder hast du Angst?«
Ich schob den Zweig beiseite. Verborgen im Busch befand sich ein Loch im Zaun, dahinter lag ein Pfad und dann kam der Wald. Vom Garten her nicht einsehbar stand am Zaun ein Container, so ein Fertigteil, wie man es von Baustellen kennt.
Roxy lehnte in der Tür. »Willkommen in meiner Garage!«, verkündete sie mit ihrer Quietschstimme. Ihr war anzumerken, wie stolz sie war. Innen griff sie nach einem Schalter, und ein Leuchtschild, das vom Dach hing, erwachte flackernd zum Leben. GARAGE war dort in pinken Buchstaben zu lesen, nur dass die ersten drei nicht mehr funktionierten, also stand dort nur AGE, aber ich muss zugeben, dass es trotzdem ziemlich cool war.
Im Container standen ein ramponierter Schreibtisch, ein wackliger Drehstuhl, zwei Holzhocker und ein winziger Kühlschrank in Form einer Bierdose. Auf dem Boden lag ein Teppich, die Glühbirne war mit einem Lampenschirm versehen und an den Fenstern hingen sogar Gardinen. Aus einem Riss im Kunststoffbezug eines sehr abgewetzten Sofas quoll gelber Schaumstoff. Ich lachte.
»Was ist denn so lustig? Gefällt es dir nicht?«
Insgeheim war ich schwer beeindruckt, aber das wollte ich nicht zugeben.
»Nicht übel«, meinte ich. »Wo … wo hast du denn das ganze Zeug her?«
Ich merkte, dass sie von meiner Reaktion enttäuscht war, und es tat mir sofort leid. »Das meiste habe ich vom Müll«, sagte sie. »Die Leute schmeißen so viel weg. Wiederverwertung, Recycling, bla, bla. Das Neonschild ist das Pièce de résistance!« Roxy sprach mit übertrieben französischem Akzent und wedelte theatralisch mit der Hand.
»Was hier alles reingeht!«, sagte ich, um meine Bemerkung von eben wettzumachen.
»Du meinst, es steckt mehr drin, als man von außen ahnt? Das sagt man auch über mich!« Roxy sprang auf einen Stuhl und öffnete den Kühlschrank. »Lust auf ein Bier?«
»Ich … ähm …«
»Hey, du glaubst mir doch nicht etwa jedes Wort? Ich mache doch nur Spaß.« Damit warf sie mir ein Trinkpäckchen mit Strohhalm zu. »Setz dich und leg mal die Beine hoch. Mi casa es su casa!«
Wir saßen eine Weile und schlürften unseren Saft. Auch wenn ich Roxy erst etwa sechs Minuten kannte, war ich überzeugt, dass ich noch nie jemandem wie ihr begegnet war.
Als ich meinte, sie wäre winzig, habe ich nicht übertrieben. Sie war so klein, dass ich sie vom Alter her auf sechs schätzen würde, nur ihrem Verhalten nach war sie älter, eher sechzehn. Ihre braune Haut glänzte wie frisch poliertes Holz, die Sommersprossen waren noch eine Spur dunkler und ihr krauses Haar war wie bei einem Jungen einfach kurz abgeschnitten. Aus ihren Klamotten ließ sich auch nichts ablesen: Shorts, Flip-Flops, fleckiges weißes T-Shirt, Jeansjacke. So liefen im Sommer alle rum. Nur dass Roxy mindestens elf sein musste, denn sie ging ja auf die Percy Academy.
Am auffälligsten fand ich aber ihr Lächeln. Manche Leute sehen von Natur aus griesgrämig aus. Dabei haben sie gar keine schlechte Laune, sondern vielleicht gerade einfach nichts zu lachen. Bei Dad ist das so. Ständig sagt jemand zu ihm: »Du ziehst ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter!«
Jedenfalls schien Roxy das genaue Gegenteil davon zu sein. Ihr Mund war zu einer Art Dauerlächeln verzogen, als würde sie die ganze Zeit in sich hineinlachen.
Roxy merkte, dass ich sie ansah. »Was glotzt du? Hast du noch nie einen feinen Pinkel gesehen?« Auf einmal klang sie wie einer aus London. Die Überraschung stand mir wohl ins Gesicht geschrieben, denn sie lachte. »Das ist aus Oliver!«
Ich muss ziemlich verständnislos geguckt haben.
»Oliver! Kennst du das Musical etwa nicht? Oliver Twist von Charles Dickens. Als Oliver dem Artful Dodger begegnet, sagt der das zu ihm. Wir proben das Stück in der Theater-AG. Ich spiele den Dodger. Ich habe das Kostüm und alles.« Sie deutete auf einen langen Samtmantel und einen Zylinder, die beide an einem Haken an der Wand hingen.
Ah, jetzt kapierte ich. »Wie alt bist du, Roxy?«
Wieder änderte sie die Stimme, diesmal mimte sie eine vornehme alte Dame. »Junger Mann, wie können Sie es wagen, eine Dame nach ihrem Alter zu fragen!« Meine neue Nachbarin war offenbar die geborene Schauspielerin. »Genauso alt wie du. Vier Wochen älter!«
»Du weißt, wann ich Geburtstag habe?«
Sie sprang vom Stuhl und öffnete die Tür vom Container.
»Es gibt so einiges, das ich über dich weiß, Aidan Henry Linklater. Und über deine Schwester Liberty, geboren am 5. Februar. Wirf das Trinkpäckchen in den Recyclingbehälter und komm. Ich will dir was zeigen.«
Ich folgte ihr über einen kaum erkennbaren Pfad in den Wald. Hätte ich doch nur da schon gewusst, was passieren würde, dann hätte ich mir vielleicht eine Menge Ärger ersparen können.
Aber dann wäre ich auch nie Alfie Monk begegnet.
7. Kapitel
Roxy stapfte vor mir durch den Wald, schob Zweige beiseite und hieb Brennnesseln mit einem Stock nieder. Nach etwa dreißig Metern verloren wir ihre »Garage« aus dem Blick.
»Du kennst den Weg, oder?«, fragte ich und versuchte, ganz unbekümmert zu klingen, als wäre es mir auch egal, wenn sie Nein sagte. Doch sie hörte mich wohl gar nicht.
Im Wald war es schattig, aber nicht still. Bisher war der Frühling ungewöhnlich warm und trocken gewesen, die Blätter und Zweige raschelten und knackten laut unter unseren Füßen. Als wir stehen blieben, hörte ich eine Biene und Roxys Atem. Wenn ich genau horchte, vernahm ich auch das tröstliche Brausen des Verkehrs auf der A19. Mir kam es zwar vor, als wären wir mitten in der Pampa, aber das waren wir zum Glück nicht.
Dann hielt Roxy an und hockte sich hin. »Da. Siehst du es?«
»Was?«
»Da, Mann! Bist du blind?«
Vor uns ging es steil bergab und dort unten zwischen silbergrauen Bäumen, etwa so weit entfernt, wie ich einen Stein werfen könnte, sah ich es: ein mit Moos bedecktes Schieferdach.
Ich schaute zu Roxy. Wollte sie mich auf den Arm nehmen? Ein Dach? Na und?
Roxy reagierte sofort. »Von Nahem sieht man’s noch besser. Komm!« Und damit tauchte sie zwischen den Bäumen ab. Nun schlug sie die Brennnesseln nicht mehr mit dem Stock aus dem Weg, sondern schlich sich an. Ab und zu sah sie sich um, ob ich ihr auch folgte. Dann blieb sie stehen.
Jetzt hatten wir einen besseren Blick auf das Dach. Es schien auf gleicher Höhe mit uns zu sein, was natürlich seltsam war, doch das lag bloß daran, dass wir uns auf einem Hang befanden, an dessen Fuß ein Steinhaus lag. Es war von dicken, dornigen Büschen umwachsen, die so dicht standen, als hätte sie jemand gepflanzt, um Eindringlinge abzuhalten.
»Vorsicht«, flüsterte Roxy und deutete auf eine Rolle rostigen Stacheldrahts, die in einem Busch hing und vollkommen zugewuchert war. Weiter unten wuchsen die Büsche weniger dicht, und es gab ein Schild, wie man es im Baumarkt oder so kaufen kann:
VORSICHT, BISSIGER HUND!
»Ähm … Roxy?«
Mit ihrer winzigen Hand machte sie eine abwehrende Geste. »Da ist kein Hund. Keine Sorge. Komm weiter!«
Ich folgte ihr wie ein gehorsamer Welpe.
Wir gelangten zu einer Lücke in der Stacheldrahtbuschabwehr. Wenn ich so klein wäre wie Roxy, wäre ich auch leicht durchgekommen. So blieb mir nichts anderes übrig, als flach auf dem Bauch ihren Flip-Flops folgend vorwärtszurobben.
Ihre Füße und Waden waren vollkommen zerkratzt und von Brennnesseln zerstochen, aber Roxy schien das gar nichts auszumachen.
Dann hörten die Ginsterbüsche auf, und wir waren von hohem Gras umgeben, das uns im Liegen noch verbarg. Da erst sah ich das Haus so richtig.
Der Hang fiel noch ein paar Meter weiter ab bis zu einer mannshohen Mauer. Es gab einen gepflasterten Hof mit einer runden gemauerten Feuerstelle. Von einem glimmenden Holzscheit stieg eine zarte Rauchfahne in die windstille Luft; Hühner pickten auf dem Boden herum. Neben der Feuerstelle stand ein rußgeschwärzter Kessel.
Das Haus selbst bestand aus Ziegelsteinen, die schon ganz verwittert waren. Die bemoosten Dachschindeln hatte ich ja schon von Weitem gesehen. Wir blickten auf die Rückseite des Hauses; die Hintertür war zweigeteilt, der obere Teil stand offen, aber hineinsehen konnte man nicht. Von der Tür und den Fenstern blätterte schon die Farbe ab, eigentlich wirkte alles an diesem Haus alt und abgenutzt.
»Du, Roxy …«
»Schhh!«
Ich senkte die Stimme. »Du, Roxy. Da wohnt jemand.«
»Ja!«, flüsterte sie aufgeregt.
»Und das ist was Besonderes?«
»Hhmm … ja!«
»Und warum genau? Menschen haben Häuser, weißt du. Darin wohnen sie.«
»Du hast ja keine Ahnung, wer hier wohnt.«
Roxy zögerte einen Moment und holte tief Luft, um mich auf die Folter zu spannen. Dann aber starrten wir beide zur Tür, hinter der sich etwas bewegte.
Eine Frau erschien und ließ den Blick über die Büsche und das Gras schweifen, in dem wir versteckt lagen. Instinktiv wichen wir zurück.
Ich hatte die Frau nur ganz kurz gesehen, bevor sie wieder im Haus verschwand. Wie alt mochte sie sein? Keine Ahnung. Langer Rock, Kopftuch und Sonnenbrille.
»Das war sie«, sagte Roxy.
»Das war wer?« Schon klar, das klingt jetzt, als wollte ich Roxy ärgern, indem ich so uninteressiert tat, aber ich verstand einfach nicht, was es mit dieser Frau auf sich hatte.
»Das war die Hexe.«
Und in dem Moment ließ ich alle Vorsicht außer Acht und sagte lauter, als ich sollte: »Oh, Roxy!«
Ich ärgerte mich wirklich. Und enttäuscht war ich auch.
Ich ärgerte mich über Roxy, weil ich ihretwegen im Gras lag, Angst hatte, von Brennnesseln zerstochen und vom Waldboden verdreckt war und wahrscheinlich mehr als ein Gesetz gebrochen hatte. Und wofür? Für nichts und wieder nichts. Und enttäuscht, na ja …
Ich hatte geglaubt, Roxy wäre anders. Eine, mit der es Spaß macht abzuhängen. Besonders jetzt, wo Spatch und Mo in Italien waren.
Und dann kommt sie mir ausgerechnet mit Hexen. Wenn ich Lust auf Hexen, Einhörner oder Tiere in Anziehsachen habe, brauche ich nur fünf Minuten mit meiner kleinen Schwester zu verbringen.
»Schhh! Sie ist wirklich eine Hexe, glaub mir. Sie ist bestimmt zweihundert Jahre alt und sie wohnt in dieser Hütte im Wald. Sie hat sogar eine schwarze Katze. Schau mal!«
Wie auf Knopfdruck erschien eine Katze, die zwar nicht ganz schwarz war, aber immerhin, und die direkt vor uns über die Mauer spazierte. Die Katze fixierte uns kurz mit ihren leuchtend gelben Augen, sprang dann elegant hinunter und maunzte laut, woraufhin ihr ein Huhn aus dem Weg flatterte.
»Hast du es schon mal probiert? Das Haus?«, fragte ich.
»Wie meinst du das?«
»Ist es aus Pfefferkuchen?«
Mit dem Blick, den Roxy mir zuwarf, hätte man ein Eis am Stiel schmelzen können, aber mir war das egal. Alles bloß alberne Fantasie.
»Ich gehe zurück«, sagte ich und erhob mich langsam.
»Runter mit dir!«, zischte Roxy. »Sonst sieht sie dich noch.«
»Und dann? Verwandelt sie mich in eine Kröte? Das Risiko gehe ich ein.«
Was nun geschah, war vielleicht meine Schuld. Schon möglich.
8. Kapitel
Als ich mich auf Hände und Knie aufstützte, zog mich Roxy am Kragen gewaltsam zurück zu Boden. Für eine so kleine Person hatte sie erstaunlich viel Kraft.
»Lass das«, zischte ich und versuchte, mich loszureißen. Dabei gab ich ihr einen Schubs, und sie rutschte den Abhang hinunter, fuchtelte wild mit den Händen, um Halt zu finden und nicht im Hof zu landen.
Wir sahen uns an, ihr stand die blanke Angst ins Gesicht geschrieben. Im nächsten Augenblick verschwand sie über den Rand der Böschung.
Es gab einen lauten Rums, aber sonst nichts, kein Geschrei, kein Gebrüll. Ich hatte Luft geholt, um nach ihr zu rufen, aber der Schrei blieb mir in der Kehle stecken, als die Hintertür aufging und die Hexe herausschoss.
»Al-vuh, Al-vuh!«, rief sie. Und dann noch etwas, was ich nicht verstand, weil es in einer Sprache war, die ich noch nie gehört hatte.
Französisch war es nicht. Wie Französisch klingt, weiß ich (ich bin Drittbester in der Klasse, en fait). Und Italienisch war es auch nicht, denn das spricht Spatch zu Hause mit seinem Vater.
Solche Worte hatte ich überhaupt noch nie gehört, so einen kehligen Singsang. Die Hexe – oder was auch immer – rannte direkt zu der Stelle, wo Roxy gelandet war. Dann schrie sie wieder in ihrer Sprache, als würde sie nach jemandem rufen.
Und da sah ich ihn.
Er stand in der Tür: ein blasser, schmaler, blonder Junge. Um den Hals hatte er eine Sonnenbrille hängen, die er aufsetzte, bevor er auf den Hof in die Sonne trat, wo Roxy lag.
War sie tot? Ich hatte schreckliche Angst, aber für wahrscheinlich hielt ich es nicht, auch wenn es ein ganz schöner Sturz war. Dann hörte ich sie stöhnen. Gott sei Dank.
Sollte ich aufstehen? Mich zu erkennen geben? Ich war in einem furchtbaren Dilemma, wusste einfach nicht, was ich tun sollte, als der Junge Roxy mühelos hochhob und ins Haus trug. Sie blutete am Kopf.
Beide Türhälften wurden zugeklappt und erst da holte ich wieder Luft.
ALFIE
9. Kapitel
Was ich über Lebensperlen weiß:
1. Sie enthalten eine Flüssigkeit, die mit dem eigenen Blut vermischt sofort alle Alterungsprozesse stoppt.
2. Wiederholt man diese Prozedur mit einer weiteren Lebensperle, altert man wieder.
Das ist es. Das ist alles, was ich über Lebensperlen weiß, und auch alles, was Mam weiß.
An meinen Vater kann ich mich leider kaum erinnern, auch wenn Mam mir alles über ihn erzählt hat. In tausend Jahren hat man eine Menge Zeit, Geschichten wieder und wieder zu hören, aber mir werden sie nie langweilig.
(Manchmal ist die Erinnerung an ihn fast greifbar. Ein verschwommenes Bild eines groß gewachsenen blonden Mannes, der Geruch von in Teer getunktem Schiffstau, Angst im Sturm … aber das sind alles diffuse Erinnerungen. Sie sind so dünn und durchscheinend, als hätten die ewigen Versuche, sie mir zu vergegenwärtigen, sie abgenutzt.)
Mein Da hieß Einar. Er war ein Soldat, der zum Handwerker geworden war, und kam aus Gotland in der Ostsee oder uster-shern, wie Mam sie in ihren Geschichten nennt.
Wo kamen diese Lebensperlen her? So genau wusste das niemand. Es gab eine Sage, die mir Mam gern im Schein des Feuers erzählte und die vom Hausdiener eines Alchemisten handelte, der einem gewaltigen Wirbelsturm im Nahen Osten trotzte. Dieser Diener trug einen Beutel Lebensperlen durch die Wüste in die Karpaten nach Osteuropa. Ob das stimmte?
Vermischte man die Flüssigkeit der Lebensperle mit dem eigenen Blut, alterte man nicht mehr. Es machte einen aber nicht unsterblich, man konnte nach wie vor im Kampf fallen, an einer Krankheit sterben oder wie Da bei einem Unfall.
Mam sagte, Da hätte die Lebensperlen in einem heldenhaften Kampf gegen Plünderer bekommen, die ein winziges Dorf überfallen hatten. Ich liebte diese Geschichte.
»Wie ein echter, edler Krieger«, sagte Mam, »ließ er einen der Räuber am Leben und im Tausch bekam er die Lebensperlen. Eine Perle verwendete er sofort für sich. Er schnitt sich zweimal in den Arm und goss die Flüssigkeit in die Wunden. Vier Lebensperlen blieben übrig. Der kühne Einar wusste natürlich, dass die Perlen so wertvoll waren, dass jeder, der sie besaß, in Gefahr schwebte. Für das ewige Leben würden die Menschen töten. Also sagte er niemandem etwas davon, bis er …«
»Dich traf!«, rief ich dann und Mam lächelte jedes Mal.
»Das stimmt. Aber zu der Zeit war er schon hundertvierzig Jahre alt. Er lebte im Land der Dänen und sprach ihre Sprache. Wir waren erst sechs Monate verheiratet, als ich erfuhr, dass ich mit dir schwanger war, Alve.«
(»Wir haben aus Liebe geheiratet«, wurde sie nicht müde zu sagen. »Damals war das unüblich.« Vor tausend Jahren rangierte Liebe ganz unten auf der Liste von Gründen, aus denen man heiratete, weit unter Familienbande, Reichtum und Sicherheit.)
Mam war arm, Da aber nicht, und viele Leute waren neidisch, als sie den gut aussehenden, reichen Einar von Gotland heiratete. Wenn Leute neidisch werden, fängt das Gerede an. Auf einmal ging es um Einars Alter, und dass es seltsam war, dass einige der Dorfältesten ihn schon aus ihrer Jugend kannten.
Konnte er einer dieser legendären Nimmertoten sein?
Und falls er ein Nimmertoter war, besaß er womöglich die livperler, die Lebensperlen?
Schon damals waren die Nimmertoten so selten, dass viele Leute sie für ein Lügengespinst hielten, von denen Reisende aus fremden Ländern erzählten. Genauso wie die Geschichten von einem riesigen Land im Süden, in dem es vierbeinige Geschöpfe mit enorm langen Hälsen gab, die auch noch die Blätter in den Baumkronen erreichten, dicke Pferde, die im Fluss lebten, und winzige, behaarte Wesen mit langen Schwänzen, die durch die Bäume im Wald turnten.
Keiner wusste, wie viel man davon glauben sollte. Vielleicht waren die Geschichten über die Nimmertoten auch nur Erfindungen der Reisenden?
Doch als meinem Vater die Gerüchte über sein langes Leben zu Ohren kamen, ging er kein Risiko ein. Mit seiner Frau und seinem Kind plante er ein neues Leben im Land der Angelsachsen, wo sie hoffentlich sicher sein würden. Und da hatte er auch recht … jedenfalls zum Teil.
Er rettete mich und Mam. Aber sich selbst rettete er nicht.
10. Kapitel
Als er mit seiner Frau Hilda und seinem kleinen Kind auf dem hölzernen Pier in Ribe an der dänischen Westküste stand, war Einar nicht wiederzuerkennen. Und genau das wollte er auch.
Er hatte sich den Bart abrasiert, das Haar geschnitten und sich wie ein Handwerker mit mittlerem Auskommen gekleidet. Nicht zu reich, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, nicht so arm, dass man fürchtete, er könne die Überfahrt nach Bernizien in Britannien nicht bezahlen.
In Ribe kannte ihn zwar keiner, dennoch ging er auf Nummer sicher und wir lagerten außerhalb der Stadt. Da war nervös, sagte Mam. Er fühlte sich verfolgt. Sie war inzwischen auch eine Nimmertote, der blutige Prozess hatte in der Nacht ihrer Hochzeit stattgefunden. Zusammen würden sie mit ihrem Sohn in dem neuen Land ewig leben.
Wenn sie es bis dahin schafften.
Einar hatte eine Überfahrt auf einem Frachtschiff gelöst, das direkt über die Nordsee segelte. Es würde einmal nördlich vom Hadrianswall halten, um Fracht zu entladen und neue an Bord zu nehmen, dann sollte es weiter die Küste hinuntersegeln bis zur Mündung der Tine.
Der Kapitän hatte gesagt, es würde je nach Wind vier, vielleicht fünf Tage dauern, bis sie ablegten, aber der Wind spielte nicht mit. Frachtschiffe verließen sich auf Segel, nicht auf Ruder wie die Langschiffe. Wenn der Wind also aus Westen kam, wie meist, war es eine schwere Überfahrt ins neue Land.
Nach einer Woche drehte der Wind endlich und binnen eines Tages glitt die alte, ramponierte Knorr, das Frachtschiff der Wikinger, mit seinen schmutzigen, geflickten Segeln und den alten geteerten Tauen aus dem Hafen von Ribe.
Da bestieg das Schiff getrennt von Ma und mir. Die ganze Reise über sollten wir so tun, als gäbe es keine Verbindung zwischen uns. Und er gab Mam die Perlen, weil sie bei ihr sicherer wären, falls ihn jemand erkannte. »Bis wir an Land gehen«, hatte Mam mir mit ernster Miene eingebläut, »sprichst du kein Wort mit deinem Vater.«
Offenbar war ich völlig verwundert, tat aber, wie mir geheißen. Ich bin immer ein guter, gehorsamer Junge gewesen, wie Mam sagte.
Gepäck hatten wir nur wenig dabei. Jeder hatte einen Beutel aus Hanf, und ich hatte noch einen Weidenkorb mit einer jungen Katze, die ich Biffa genannt hatte. Es war kein Name, nicht mal ein Wort. Mir gefiel wohl einfach der Klang.
Auf dem Boot gab es keine Privatsphäre. Beim Pinkeln oder bei größeren Geschäften musste man ins Meer machen, während das Schiff in den wilden Wellen wogte. Die Mannschaft war nicht zimperlich, die ließen einfach die Hosen runter und hängten ihren Hintern über die Reling.
Und so haben wir wohl auch Da verloren, meinte Mam. Niemand sah, wie er über Bord ging. Der Wind hatte aufgefrischt, der Kapitän hatte das Segel eingeholt und die lange Knorr stieg und fiel mit der Dünung. Während das Boot in den Schaumkronen auf und ab hüpfte, machte sich Da zum hinteren Teil des Schiffs auf, wo sie alle hingingen. Dort war es ein wenig abgeschiedener, denn als Sichtschutz gab es einen Stapel Fässer, der mit einem Seil gesichert war und an dem man sich festhalten konnte.
Danach hat ihn keiner mehr gesehen.
Mam bemerkte es als Erste. Alle standen zusammengedrängt, um nicht nass zu werden, als sie sagte: »Wo ist Einar?«
Als klar wurde, was geschehen war, wendete der Kapitän das Schiff im Sturm und kreuzte hin und her, fuhr sogar noch weiter zurück, als wir an jenem Tag gekommen waren, falls Da von der Strömung davongetragen worden war. Keine Spur von ihm. Selbst wenn er gerufen hatte, als er über Bord ging, hätte man ihn wegen der Wellen, des Windes und des Knarrens des alten Kahns nicht gehört.
Was für ein Abgang. Auch wenn ich mich kaum noch an ihn erinnere und es schon Jahrhunderte her ist, macht es mich noch traurig, und ich muss immer wieder daran denken, trotz all der anderen traurigen und furchtbaren Dinge, die ich erlebt habe.
»Das Schlimmste war«, sagte Mam, »dass ich nicht trauern durfte. Ich musste so tun, als wäre ich nur so traurig wie jemand, der ihm gerade erst begegnet war. Und dass du bloß weintest, weil du noch so klein warst und der Tod dich allgemein mitnahm, nicht etwa, weil dein Vater gerade verschwunden war.«
»Aber warum?«, fragte ich dann immer.
»Weil wir die abschütteln wollten, die vielleicht hinter den Perlen her waren. Und ich bin bei dem Plan geblieben. Ich weiß bis heute nicht, ob jemand deinen Vater über Bord gestoßen hat. Auf dem Schiff gab es noch einen weiteren Passagier, einen böse aussehenden Teufel mit buschigem schwarzem Vollbart. Er und dein Vater hatten an diesem Tag gestritten. Einar traute ihm nicht, das weiß ich. Als du vor Kälte gewimmert hast, meinte der Bärtige: ›Stopf dem Blag das Maul!‹ Und als du weintest, weil Einar über Bord gegangen war, hat er gedroht, dich hinterherzuwerfen.«
Wenn ich die Augen schließe, sehe ich sein Gesicht dicht vor mir und »Holl munnen!« knurren. »Halt den Mund!« Bei der Erinnerung fröstelt es mich noch heute.
Und so segelten wir sechs Tage später durchnässt, halb erfroren und nach Schafskäse, Seehundfellen und Schiffsteer stinkend die Tine hinauf und gingen am langen Holzpier bei den Fischerhütten von Bord.
Meine Mutter hatte Dänemark als junge Ehefrau verlassen und kam nun in Teenmooth als Witwe mit einem kleinen vaterlosen Kind an.
Meine Wenigkeit.
Dann purzelte über tausend Jahre später ein winziges junges Mädchen bei uns in den Hof und stieß sich den Kopf. Und von dem Tag an änderte sich alles.
11. Kapitel
Am Morgen, als es geschah, sagte Mam zu mir: »Weißt du, was heute für ein Tag ist, Alve?« Nach wie vor nannte sie mich bei meinem Geburtsnamen, wenn wir allein waren. Also quasi immer.
Natürlich wusste ich es, aber ich tat, als wüsste ich es nicht, um ihr nicht die Freude zu nehmen, mich zu erinnern.
»Dreißig Jahre im Eichenhaus. Dreißig Jahre, seit wir hierher zurückgekehrt sind.« Lächelnd zeigte sie ihre Zahnlücken und drückte mich mit ihren kräftigen Armen. »Ich will nicht wieder umziehen. Nicht nach dem letzten Mal«, sagte sie bestimmt zum hundertsten Mal.
Ich rang mir ein Lächeln ab und nickte, verkniff mir zu sagen, dass die Welt sich immer rasanter veränderte.
Mam machte sich Sorgen. Wir beide taten es. Umzuziehen, unerkannt zu bleiben, das Leben überhaupt, wurde zunehmend schwieriger.
Einfach ist es nie gewesen. Mam und ich sind viel umhergezogen, aber es fand sich eigentlich immer jemand, der uns ein kleines Häuschen oder auch bloß ein Zimmer vermietete. Unseren Besitz beschränkten wir auf ein Minimum oder lagerten ihn ein, vor allem unsere Bücher.
Aber heutzutage? Heutzutage wollen alle alles über einen wissen. Mietverträge, Kontoauszüge, Genehmigung hierfür, Erlaubnis dafür, Formulare, die man ausfüllen muss, Ausweispapiere …
Mam hörte selten die Nachrichten im Hörfunk. »Zu verwirrend«, sagte sie, aber sie meinte eher »zu beängstigend«. Wir hatten so lange zurückgezogen gelebt, dass Mam die Welt mit ihren Autos, Düsenjets, Computern und Handys nicht mehr verstand.
Aber wenn Mam oben im Bett lag, hörte ich mitunter Nachrichten. Ich versuchte, alles zu begreifen, und sehnte mich danach, in dieser Welt zu leben, in der richtigen Welt mit all ihren Wundern.
Mam schnalzte abschätzig mit der Zunge. »Sie ist schon wieder da, Alve.« Sie trocknete sich die Hände ab und spähte aus der Klöntür. »Das ist schon das zweite Mal diese Woche. Und sie hat noch jemanden mitgebracht. Dahinten links. Siehst du?«
Das »kleine neugierige Mädchen« nannte Mam sie. Inzwischen weiß ich, dass sie Roxy Minto heißt. Gesehen hatte Mam sie schon vor einem Jahr, als sie uns ausspionierte. Anfangs rechnete Mam mit dem Schlimmsten, dass es wieder so kommen würde wie beim letzten Mal, als wir hier wohnten und diese Jungs uns das Leben schwer machten. Da hatten all die Fragen angefangen und wir mussten wegziehen.
Doch so war es diesmal nicht. Dieses kleine Mädchen wollte uns bloß beobachten. Wir hörten, wie sie sich bemühte, keinen Laut im Gebüsch zu machen.
Bislang war sie immer allein gekommen. Sie schlich sich an, lag vor dem Ginsterbusch im hohen Gras und schaute uns bei der Verrichtung alltäglicher Dinge zu. Dann wurde es Herbst, die Blätter fielen, und das Mädchen kam nicht mehr, wohl weil sie sich nicht länger verbergen konnte.
Es war lästig, ausspioniert zu werden, aber immer noch besser, als sich vor einem Angriff zu fürchten oder vor Anschuldigungen.
Welchen Anschuldigungen?
Hexerei?
Ich weiß, dass man im 21. Jahrhundert nicht mehr der Hexerei beschuldigt werden kann, aber in dieser Gefahr schwebten wir nun schon so lange, dass wir es uns zur Gewohnheit gemacht hatten, ganz zurückgezogen zu leben und jede Gesellschaft zu meiden.
Und so ließen wir sie gewähren. Dann kam der Frühling wieder und mit ihm das kleine Mädchen in den Büschen.
Mam ging zur Klöntür, die zum Hof lag, und blinzelte hinaus. Noch einmal sagte sie: »Ich ziehe nicht wieder um, Alve. Nicht nach dem letzten Mal.«
Das letzte Mal. Wie könnte ich das vergessen? Denn es hatte mit Jack zu tun, und Jack war der letzte Freund, den ich hatte.
AIDAN
12. Kapitel
Ich weiß nicht mehr, wie lange ich da stand und auf die Hintertür der Hütte starrte, in die Roxy verschwunden war, aber irgendwann rannte ich davon.
Eigentlich wollte ich Hilfe holen, Dad oder sonst jemandem sagen, was passiert war, und alles wäre wieder gut, doch in meiner Panik verirrte ich mich im Wald.
Schon klar, der Wald ist nicht besonders groß, aber es gab keine Wege, und ich lief kreuz und quer, kam mindestens zweimal wieder am großen Ginsterbusch vorbei, bevor ich bergauf lief, was ja auf jeden Fall die richtige Richtung war.
Eine gute Stunde später kam ich schwitzend, verdreckt, keuchend und verängstigt oben am Hang raus, nicht weit von Roxys »Garage«. Ich rannte auf unser Haus zu und da war sie.
Mit offenem Mund glotzte ich Roxy an, die ganz entspannt im Eingang ihres Containers unter dem flackernden AGE-Schild saß. Sollte sie nach der Begegnung mit der Hexe nicht ein wenig traumatisiert wirken? Das war sie nicht die Bohne.
»Dein Vater war hier«, sagte Roxy. »Na, dahinten hat er über den Zaun geschaut. Netter Typ. Heißt Ben.«
»Ja, Roxy, das weiß ich. Er ist mein Vater.« Ich war fix und fertig. Und ich wollte wissen, was mit ihr geschehen war.
»Mir geht’s gut«, sagte sie, »falls du deshalb so seltsam aussiehst.«
»Tu ich das?«
Mit schief gelegtem Kopf musterte sie mich, überlegte.
»Ja. Du bist völlig verdreckt, hast Blätter in den Haaren und dein Gesicht ist rot und verschwitzt. Finde ich schon seltsam.«
»Aber was ist mit dir? Was ist passiert?«
»Also …«, setzte sie an, wurde aber unterbrochen.
»Da bist du ja«, sagte Dad und steckte den Kopf über den Zaun, der ihm bis unters Kinn reichte. »Mensch, was ist denn mit dir los? Du siehst aus, als hätte man dich rückwärts durch die Hecke gezogen!«
Das kam der Wahrheit bedeutend näher, als mir lieb war.
Aber warum? Warum sagte ich in dem Moment nicht:
»Dad, du glaubst ja nicht, was gerade passiert ist! Ich und Roxy (darf ich vorstellen? Roxy, mein Vater. Dad, Roxy) sind im Wald auf ein ganz unglaubliches Haus gestoßen. Wusstest du davon? Es ist wirklich gut versteckt. Und darin lebt diese Frau, die Roxy für eine Hexe hält, was sie natürlich nicht ist, auch wenn sie so aussieht! Jedenfalls ist Roxy bei ihr im Hof gelandet und hat sich den Kopf angestoßen, aber sie scheint nichts weiter zu haben. Ist das nicht cool, Dad?«
Doch das sagte ich nicht. Und ich glaube, ich weiß auch, warum.
Abgesehen davon, dass wir unerlaubt eingedrungen waren – das Schild und der Stacheldraht hatten schon dafür gesorgt, dass ich bei dem Abenteuer kein bisschen entspannt war –, verunsicherte mich, dass Roxy sich so locker gab. Mir war aufgefallen, dass sie hinterm Ohr am Haaransatz einen dicken Verband trug.
Deshalb hatte ich das Gefühl, dass es hier vielleicht um mehr ging. Und dass ich es vielleicht vermasseln würde, wenn ich zu viel preisgab.
Außerdem hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich Roxy nicht zu Hilfe geeilt war und nur reglos wie eine Schaufensterpuppe im Gras gelegen hatte, während die blutende Roxy in die fremde Hütte getragen worden war. Das hätte Dad ganz sicher nicht gefallen.
Und deshalb log ich – und ich bin wohl der weltschlechteste Lügner. Als Dad »rückwärts durch die Hecke gezogen« sagte, schüttelte ich mich vor Lachen.
»Ja, klar! Habe ein bisschen die Gegend ausgekundschaftet, Dad! Habe mich verlaufen, aber nichts passiert, keine gebrochenen Knochen. Haha!«
Dad schaute mich merkwürdig an. »Jetzt aber zack, zack nach Hause. Ich brauche deine Hilfe bei den Fußbodenleisten.« Damit drehte er sich um und ging.
Na toll, dachte ich. Weiter renovieren. Bei unserem Einzug war das Haus in keinem guten Zustand gewesen.
Als er weg war, sagte Roxy: »Du bist ein miserabler Lügner, Aidan. Wenn man schlechte Schauspieler prämieren würde, könntest du sämtliche Preise einheimsen. Ich glaube sogar …«
»Ja, ja, schon gut. Vielen Dank auch. Es hat ja funktioniert. Was ist denn jetzt mit dir passiert?«
Im Container setzte sich Roxy hinter ihren ramponierten kleinen Schreibtisch. Ihre Finger waren vor dem Mund zu einem Dach gefaltet, die Ellenbogen aufgestützt. Jede Wette, dass sie cool und einschüchternd wirken wollte, aber dafür war sie zu klein und schmuddelig. Vielmehr wirkte sie wie ein Kind, das eine strenge Direktorin mimte.
»Es ist seltsamer, als wir dachten«, sagte sie.
»Es ist seltsamer, als du dachtest«, erwiderte ich. »Für mich sind es lediglich eine Frau und ihr Kind, die ein abgeschiedenes Leben geführt haben, bis du in ihren Hof geplumpst bist.«
»Die Frau hatte eine Katze, einen Kessel und einen Besen.« Roxy zählte es an den Fingern ab und nickte jedes Mal, als wäre damit alles bewiesen.
»Nein, Roxy. Sie hatte einen Kochtopf, eine schwarz-weiße Katze und einen … was weiß ich … einen Feger wie alle.«
»Aber du weißt ja nicht, wie es drinnen aussah.«
»Nein, aber ich habe gehofft, du würdest es mir sagen. Und wie geht es überhaupt deinem Kopf?«
Roxy fasste sich vorsichtig hinters Ohr und verzog das Gesicht. »Ist okay. Tut nicht mehr weh. Sie hat da so eine Tinktur draufgeschmiert.«
»Du meinst eine Zaubertinktur«, spottete ich.
Mit zusammengekniffenen Augen sah sie mich an. »Wenn du dich nur über mich lustig machen willst, dann verschwinde aus meiner Garage.« Sie zeigte mit dem Finger zur Tür.
Ich seufzte. »Tut mir leid. Aber … du weißt doch, dass es keine Hexen gibt. Keine Zauberei. Alles bloß Geschichten, das weißt du, oder?« Ich meinte es ernst und gab mir Mühe, sie nicht glauben zu lassen, ich wollte sie verspotten.
Roxy entspannte sich sichtlich. »Klar weiß ich das. Oder wenigstens wusste ich es.«
Sie holte einen Laptop unter dem Schreibtisch hervor und klappte ihn auf. Roxy drückte ein paar Tasten und ein Film begann. Und da fiel mir die Kinnlade runter. Also fast. Ihr wisst schon, wie ich das meine.
13. Kapitel
Zunächst hatte ich keine Ahnung, was da lief. Es waren bloß Geräusche wie Rascheln und Knacken zu hören und verschwommenes Graugrün zu sehen, während sich die Kamera durch … irgendwas bewegte.
Blätter. Unterholz. Gebüsch. Und dann ertönte glasklar eine Stimme, und zwar meine Stimme: »So was Flaches mit grünen Flecken?«
Dann Roxys Stimme: »Genau. Das ist ein Dach!«
»Halt sofort den Film an!«, sagte ich zu Roxy, und sie beugte sich vor, um die Leertaste zu drücken.
»Du hast das alles gefilmt?«
Sie sagte nichts, nickte nur grinsend.
»Aber … wie? Du hattest doch keine Kamera.«
Mit der linken Hand zerrte Roxy an ihrer Jeansjacke und hielt sie mir hin. Bei genauerem Betrachten entdeckte ich eine winzige Glaslinse, die in einem Messingknopf eingelassen war. Als Roxy die Jeansjacke aufschlug, kam ein schwarzes Kabel zum Vorschein, das zu einer Innentasche und einem silbernen Gehäuse führte.
»Ist das eine Kamera?«
»Ja. Eine Überwachungskamera, 720p HD-Auflösung, Videoaufzeichnung mit Ton.«
Ich nickte verständig, als wüsste ich, wovon zum Teufel sie sprach. »Oh, wow«, setzte ich hinzu. Es schien zu funktionieren, denn sie geriet regelrecht ins Schwärmen.
»Ja und das Beste daran ist, dass die Kamera mit 16,4 Mbits aufnimmt und nicht mit MJpeg-4, sodass man …«, sie hielt inne und sah mich prüfend an.
Ich setzte das Gesicht auf, das ich immer mache, wenn ich in der Schule nicht aufgepasst habe und der Lehrer es nicht merken soll. (Unser Mathelehrer Mr Reid kennt das Gesicht ziemlich gut.)
»Du hast keinen Schimmer, oder?«
Ich schüttelte den Kopf. »Hast du den Sturz auch drauf?«
Sie nickte zerstreut und drückte wieder auf PLAY.
Es war seltsam, noch einmal all das zu sehen, was sich erst ein paar Stunden zuvor ereignet hatte. Roxy spulte vor und übersprang den Teil, wo wir bloß durch den Wald streiften, bis kurz vor den Moment, als sie im Hof der Hexe landete.
(Habt ihr’s gemerkt? Jetzt fange ich auch schon damit an. Die Frau ist keine Hexe!)
Roxy lag im hohen Gras und man sah auf dem Film nur ein Stück vom Erdboden.
»Runter mit dir! Sonst sieht sie dich noch.« Das war Roxy.
»Was? Und dann verwandelt sie mich in eine Kröte? Das riskiere ich.«
Eine Art Handgemenge war zu hören, dann rollte Roxy den Hang hinunter und traf mit einem heftigen Rums unten auf.
»Au!«, rief ich. Das klang nach einem schmerzhaften Sturz.
Sehen konnte man so gut wie nichts, nur verschwommene Bewegungen, bis das Bild wieder stabil wurde und größtenteils Himmel zeigte, als Roxy bewusstlos auf dem Rücken lag.
»Das muss wehgetan haben«, sagte ich.
»Wie Hölle«, antwortete Roxy. »Aber erst, als ich wieder zu mir gekommen bin.«
Auf dem Video waren Schritte zu vernehmen und dann das, was ich Feigling oben von der Böschung aus gehört hatte.
Die seltsamen Worte. Erst die Frau.
»Al-vuh. Al-vuh! Kuma!«
So klang es zumindest. Und dann folgte eine Menge unverständliches Zeug. Ich hielt die Luft an, als das Gesicht der Frau den Monitor ausfüllte. Die Frau beugte sich über Roxy und die winzige Kamera fing alles ein.
Roxy stoppte den Film. »Und da ist sie!« Aus Roxys Mund klang es, als kündigte sie eine Berühmtheit auf einem roten Teppich an.
Wir blickten gebannt auf den Bildschirm.
Wie alt mochte die Frau sein? Ehrlich gesagt, kann ich das Alter von Erwachsenen nicht gut schätzen. Für mich sehen alle über dreißig gleich aus, bis sie so sechzig sind. Dann bekommen sie Falten und weißes Haar wie Gran und Grandpa Linklater.
Also diese Frau konnte irgendwas über dreißig sein. Auf der Stirn und um die Augen hatte sie zwar Falten, doch das mochte auch an ihrem besorgten Gesichtsausdruck liegen. Ihr Haar war unter einem Schal verborgen, aber ein paar blonde Strähnen schauten hervor. Ihre Wangen glänzten hellrot wie Pink-Lady-Äpfel.
Roxy ließ den Film weiterlaufen. Die Frau rückte ein wenig ab, bewegte den Kopf hin und her, als würde sie das Ausmaß der Verletzungen abschätzen. Einst mochte die Frau mal sehr hübsch gewesen sein, doch als sie den Mund aufmachte, fehlten oben und unten Zähne, der Rest war verfärbt und kaputt.
Dann nahm sie die Sonnenbrille ab und ich sah ihre Augen: wasserblau mit feucht-rosa Rändern und blassen Wimpern.
»Hat schon mal jemand so müde ausgesehen wie die?«, fragte ich Roxy. »Als könnte sie ewig schlafen.«
Auf dem Bildschirm war wieder Himmel zu sehen und es folgte eine Unterhaltung in der fremdartigen Sprache. Für mich klang es wie: »In-ann bolld.« Das wiederholte die Frau zweimal.
»Da haben sie mich aufgehoben«, sagte Roxy. Eine Mauer tauchte auf, dann wurde es dunkler, als sie ins Haus gingen. Das Bild kam wieder zur Ruhe und man sah so was wie eine Decke und eine Hängelampe.
»Hallo? Hallo?« Nun erklang eine andere Stimme, die des Jungen. »Hörst du mich? Hallo? Bist du verletzt?« Ein leises Klatschen war zu vernehmen. Es kam wohl daher, dass jemand Roxy sanft tätschelte, um sie aufzuwecken. Schließlich erklang wieder die Frauenstimme, jemand schnappte nach Luft und stöhnte matt.
Der Junge sagte etwas zu der Frau und dann hörte man Husten und wieder ein Stöhnen.
»Das bin ich«, sagte Roxy. »Ich komme gerade zu mir und versuche aufzustehen.«
Und tatsächlich wackelte das Bild kurz, als Roxy sich aufsetzen wollte, doch dann sah man wieder bloß die Decke, und die Frau sagte: »Nein, Hinny. Leg dich mal wieder hin. Hast dir ordentlich den Kopf gestoßen. Ruh dich aus. Nicht bewegen. Schhh.«
Die Stimme war sanft und beruhigend. Der Dialekt klang nach Geordie, wie man ihn in Nordengland in der Region um Newcastle spricht. Aber nicht nur, dazu kam noch ein Akzent. Kristina Nilsen aus meiner alten Schule hat auch so gesprochen. Sie kommt aus Norwegen und hat einen Geordie-Dialekt.
So oder so war es nicht die krächzende Stimme einer Hexe, aber das sagte ich Roxy nicht.
Roxy spulte noch ein wenig vor.
»Da liege ich einfach nur so da und die unterhalten sich in ihrer Sprache.«
Auf dem Bildschirm war kurz eine Schüssel zu sehen. Roxy sagte: »Mit dem Zeug in der Schüssel hat sie mir die Wunde ausgewaschen. Hat eklig gerochen und wie verrückt gebrannt.«
Dann sagte die Frau: »Kannste dich aufsetzen, Hinny? Versuch’s mal. Sachte, sachte. Geht’s?«
Als Roxy sich aufrappelte, standen sie mit einem Mal vor ihr. Die kleine Kamera fing alles ein.
Der formlose Pulli der Frau schien selbst gestrickt. Ihre schlanken Hände wirkten rau und spröde. Sie hielt sie vor der Brust gefaltet, als wäre sie sehr besorgt.
Der obere Teil ihres Kopfes war nicht zu sehen, aber sie machte ein freundliches Gesicht. Sie sagte was zu dem Jungen: »Go-ther svine, Alve. Go-ther svine.«
Der Junge war eindeutig ihr Sohn. Von den blassblauen Augen bis zum aschblonden Haar und den langen Fingern ähnelten sie sich. Auch ihm fehlten Zähne und die anderen waren gelb. Seine Klamotten wirkten altmodisch. Stoffhosen (keine Jeans) und Hemd. Tante Alice hätte wohl »adrett« dazu gesagt, aber ich fand, er sah aus, als hätte er sich die Sachen von seinem Vater geborgt. Die Sonnenbrille, die ihm um den Hals hing, rundete das seltsame Outfit ab.
Im Hintergrund war ein dunkles, vollgestopftes Zimmer zu sehen mit altmodischen Sesseln und einem Tisch, auf dem sich Papiere stapelten. Der Kaminsims war mit Vasen und Schnickschnack überfüllt, auf dem Boden lagen weitere Papierstapel und …
»Mann, wie sieht es denn da aus!«, sagte ich.
Roxy lachte. »Oh, là, là, ein Ordnungsfreak!«, neckte sie mich. »Aber ich weiß schon, was du meinst. Und da hat es auch ziemlich gerochen …«
»Schlecht?«
Roxy kräuselte die Nase, als könnte sie sich so besser an den Geruch erinnern. »Nicht richtig schlecht. Nur … nach Mottenkugeln. So wie bei alten Leuten, die viel Krempel haben. Ein wenig muffig vielleicht. Es war aber alles sauber.«
Ich nickte. Bei Gran und Grandad roch es auch ein bisschen, dabei waren sie noch nicht mal richtig alt. Wieder schauten wir auf den Monitor.
»Wie fühlst du dich, Hinny? Bisschen schwindelig? Nun steh auf – sachte, sachte.«
»Sie klingt doch ganz normal«, sagte ich. »Richtig nett.«
»Ich weiß«, antwortete Roxy. »Wart’s nur ab.«
»Kannst du dich bewegen? Nix gebrochen? War ’n ganz schöner Bums.«
Das Bild wackelte, während Roxy offenbar Arme und Beine bewegte. »Nichts gebrochen. Danke. Ich geh dann mal lieber.«
Dann meldete sich der Junge plötzlich wieder zu Wort. »Sicher? Du brauchst nicht sofort zu gehen. Nachher hast du noch eine Gehirnerschütterung.«
Daraufhin folgte eine Unterhaltung in ihrer Sprache, von der ich nichts verstand, nur das Wort »Al-vuh« fiel wieder. Weil man die beiden nicht sah, war es schwer einzuschätzen, aber es klang so, als würde die Frau den Jungen zurechtweisen.
»Halt mal an«, sagte ich zu Roxy. »Worum geht es da?«
Roxy zuckte die Achseln. »Woher soll ich das wissen?«
Wir spulten zurück, um es uns erneut anzuhören. »Wenn ich raten müsste, würde ich sagen, sie verbietet ihm, dich einzuladen. So klingt es wenigstens«, meinte ich.
Wir hörten es uns noch ein drittes Mal an und Roxy stimmte mir zu. »Ich wollte eh nicht bleiben. Ich hatte eine Heidenangst.«
Die Kamera fing nun den restlichen Teil des Zimmers ein. In manchen Ecken türmten sich die Bücher und Papiere so hoch, dass sie umzufallen drohten. An einer Wand stand ein Bücherregal, das wahrscheinlich so viele Bücher enthielt wie unsere gesamte Schulbibliothek, alle kreuz und quer reingestopft. Titel konnte ich keine erkennen, dafür bewegte sich die Kamera zu schnell, aber es waren alte Bände, keine grellbunten Taschenbücher. Der schwarz-weiße Schwanz einer Katze huschte durchs Bild.
Roxys Stimme: »Ich … ich muss jetzt wirklich gehen. Danke. Vielen Dank.«
Die Frau trat vor sie und wirkte jetzt wesentlich weniger freundlich.
»Hinny, du hast mir gar nicht erzählt, was du hier wolltest. Was hattest du überhaupt auf unserem Grundstück zu suchen? Es ist eindeutig privat und du und dein Freund, ihr müsst ja die Zäune durchbrochen haben.«
»Mein … mein …«
»Deinen Freund. Oh ja, den haben wir auch gesehen, nicht wahr, Alve?«
Der Junge nickte gequält. Ganz offensichtlich behagte ihm das Kreuzverhör nicht.
»W… wir haben uns verlaufen.«
Die Frau rückte nah heran. »Ach ja? Dann mach so was nicht noch mal, sonst sag ich’s den Bobbys.« Daraufhin lächelte sie kalt, so nach dem Motto: Ich will ja nicht gemein sein, aber unterschätz mich nicht.
Keine Ahnung, was sie mit »Bobbys« meinte. Ich sah Roxy an, doch die zuckte nur die Achseln. Es klang jedenfalls nicht gut.
Im Film stammelte Roxy Entschuldigungen und bewegte sich langsam aus dem Zimmer durch einen ebenfalls dunklen und komplett vollgestellten Flur auf eine riesige Holztür mit einem kleinen Fenster zu. Ihre Hände griffen nach der Klinke, und als sie sich noch mal umdrehte, stand bloß der Junge vor ihr.
»Tut mir leid«, sagte Roxy erneut und da geschah etwas Seltsames.
Der Junge lächelte scheu, was man wegen Roxys Größe nur am oberen Bildrand sah. Dann sagte er: »Mir auch.« Er schaute sich um und fügte noch leiser hinzu: »Vielleicht sehen wir uns ja mal wieder?« Irgendwie klang er traurig, aber auch hoffnungsvoll. Die Schritte seiner Mutter näherten sich.
Die Holztür wurde geöffnet und er sagte: »Da geht’s lang.« Am Bildrand winkte er ihr schüchtern hinterher und die (überwiegend) schwarze Katze huschte in der Ecke davon.
Dann machte sich Roxy aus dem Staub und man hörte nur noch stampfende Füße und das Bild hüpfte auf und ab.
Und nun saß sie völlig selbstzufrieden vor mir.
»Hab ich’s dir nicht gesagt? Die fremde Sprache, die Tinktur, die alten Bücher, die Drohung? Die ist voll die Hexe!«
14. Kapitel
Da konnte ich reden und spotten, wie ich wollte, Roxy Minto ließ sich durch nichts davon abbringen, dass sie einer leibhaftigen Hexe begegnet war.
Wenn man von etwas überzeugt ist, schaltet man leicht auf stur, weil man ansonsten ja zugeben müsste, dass man kindisch war und sich geirrt hat.
»Natürlich trägt sie keinen schwarzen Hut und ist mit Warzen übersät. Das wäre ja auch zu offensichtlich«, verkündete Roxy.
»Verstehe. Die Tatsache, dass sie nicht aussieht wie eine Hexe, beweist, dass sie eine ist!«, sagte ich belustigt. »Und wenn sie nun einen spitzen schwarzen Hut gehabt hätte? Was hätte das bewiesen? Dass sie keine Hexe ist?«
Auf die fehlende Logik ging Roxy nicht ein. »Und außerdem hat sie einen Kessel und eine schwarze Katze.«
»Schwarz-weiße Katze, Roxy«, erwiderte ich verdrossen.
»Na und?«
Alles warf sie mir mit größter Unschuld zurück. Unsere Stimmen wurden lauter, und es entspann sich ein Streit, was ich nicht wollte, denn Roxy war lustig und mutig.
»Ich kann’s aber beweisen«, sagte sie, und dann klingelte ihr Handy, ein fröhliches Klaviergeklimper, das perfekt zu Roxy passte. Sie blickte ungerührt auf den Laptop und ging nicht ran. Fragend sah ich sie an.
»Es ist meine Mum. Ich muss los.«
Mir ist gar nicht bewusst gewesen, dass Roxy ja die ganze Zeit über allein war. Bei mir schwirren meistens mein Vater oder meine Mutter rum, die Saft bringen, kontrollieren, ob ich einen warmen Pulli trage und ja nicht mit der Schere in der Hand renne, einfach Elternzeug eben. Aber Roxy schien den ganzen Tag elternlos zu sein.
Ihr Handy hörte auf zu klingeln und die Mailbox sprang an.
»Wo ist denn deine Mum?«, fragte ich.
Roxy deutete mit dem Kopf zum Haus. »Drinnen.«
»Und dann ruft sie dich an?«
Roxy seufzte tief und sprang auf. »Lange Geschichte. Erzähl ich dir ein andermal.«
Es war, als hätte man sie mit einer Nadel gepikt und mit dem Seufzer wäre ihr nicht nur alle Luft, sondern auch alle Lebensfreude entwichen. Ich hätte schwören können, dass selbst ihr störrisches Haar plötzlich wie geplättet am Kopf klebte. Sie verschloss die Containertür und legte den Schlüssel unter einen Stein. Sagen tat sie nichts, aber da sie wusste, dass ich alles beobachtete, war klar, dass sie mir vertraute.
Als sie sich zu mir umdrehte, kam wieder etwas Leben in ihre Augen: »Mitternacht.«
»Heute?«
»Nein, in zehn Jahren. Natürlich heute Nacht.« Damit schlüpfte sie durch die Lücke im Zaun. »Da ist Hexenstunde«, sagte sie noch, bevor sie verschwand. Ich starrte in den dichten Wald und versuchte, mir einen Reim auf alles zu machen.
»Ich kann’s aber beweisen«, hatte Roxy gesagt.
Was hatte sie bloß damit gemeint? Sollte das heißen: »Ich kann beweisen, dass die Frau gezaubert hat« oder so einen Quatsch?
Roxy hatte es mit so einem überzeugten Leuchten in den Augen gesagt, dass ich nicht aufhören konnte, darüber nachzudenken.
Ich war drauf und dran, Roxy als harmlose Irre abzutun. Dann wären wir nie Freunde geworden, der Junge und die Frau im Waldhaus hätten in Frieden weitergelebt und Roxy hätte den Gedanken an »die Hexe im Wald« irgendwann fallen gelassen.
Doch dann geschah das Unglück, und Roxy und ich sollten die Letzten sein, die die Hexe noch lebend gesehen hatten.
ALFIE
15. Kapitel
Das Mädchen lief den Weg hinauf. Am liebsten hätte ich es begleitet, damit es sicher nach Hause kam, aber Mam hätte das bestimmt nicht gefallen. Außerdem wohnte das Mädchen nicht weit, bloß auf der anderen Seite vom Wald. Ihm gehörte eine lustige kleine Hütte mit einem Leuchtschild über der Tür. So viel wusste ich.
Biffa sprang mir auf den Arm. Deshalb hat das Mädchen wohl nicht gesehen, dass ich ihm zugewunken habe, als es sich zu mir umdrehte. Ich weiß es nicht. Vielleicht ja doch.
R. Minto.
Das stand auf dem Aufnäher auf seiner Jacke. Ich habe es gesehen, als ich das Mädchen vorhin ins Haus getragen habe. Außerdem führten irgendwelche Kabel zur Jackentasche. Bestimmt so ein Handy.
Ich sah ihm bis zur Biegung hinterher, für den Fall, dass es umkehren würde, tat es aber nicht. Biffa sprang mir vom Arm und knurrte leise. Ich lächelte.
»Magst du sie, Biffa?«, fragte ich in unserer alten Sprache. »Ich auch.«
Ich atmete tief ein. Es war ein ungewöhnlich warmer Frühlingstag, doch gegen Abend würde es kühler werden. Das lag schon in der Luft. Kein Wölkchen stand am Himmel, und sobald die Sonne untergegangen war, würde Mam sich über ein Feuer freuen, damit die Kälte nicht ins Haus kroch.
Ich hätte gleich zum Unterstand gehen und Brennholz holen sollen, aber ich dachte immer noch über R. Minto und ihren Freund nach und wie misstrauisch Mam gewesen war. Dann kam Biffa mit einem großen Käfer zurück und ließ ihn vor mir auf den Rücken fallen, wo er mit den Beinen zappelte.
»Nein, Biff«, lachte ich. »Lass doch den Käfer in Ruhe!« Ich drehte ihn wieder richtig herum und er huschte dankbar ins Gebüsch.
Das mit dem Holz habe ich dann komplett vergessen, was sich als größter Fehler der letzten tausend Jahre erweisen sollte.
AIDAN
16. Kapitel
Es war nach Mitternacht, als die Feuerwehrsirenen losgingen. Ich stand auf und schaute aus dem Fenster. Obwohl das Feuer im Wald ein ganzes Stück entfernt war, rutschte mir das Herz in die Hose. Sein Schein war so hell, dass er den Himmel erleuchtete.
Ich wusste sofort, was da brannte.
»Dad! Dad!«, rief ich.
»Mein Gott!«, hörte ich. »Was für eine Feuersbrunst.« Als ich mich umdrehte, stand Onkel Jasper nur mit Schlafanzughosen bekleidet hinter mir an einen Stapel Umzugskartons gelehnt, die noch nicht ausgepackt waren.
Durch das Fenster zog Rauchgeruch, also schloss ich es.
»Da steht ein Haus, weißt du«, sagte ich. »Im Wald.«
»Ach ja? Dann sind die Leute hoffentlich in Sicherheit. Grässliche Sache, so ein Feuer.« Jasper kratzte sich am Bart, und dann wanderten seine Finger weiter zum Hals und zur Brust, wo die Haare fröhlich weiterwucherten. Der Bart hörte eigentlich nie richtig auf, verschmolz einfach mit der restlichen Körperbehaarung.
Unten klingelte es an der Haustür. Das ist bestimmt Roxy, dachte ich.
Doch Dad öffnete nicht Roxy, sondern einem Feuerwehrmann die Tür. Und während ich nach unten stürmte, unterhielten sie sich. Durch den Spalt sah ich ein Feuerwehrauto mit blinkendem Blaulicht.
»Tut uns leid, dass wir Sie wecken, Sir, aber wir müssen an Ihrem Haus entlang einen Schlauch legen. Falls sich das Feuer ausbreitet, sind auch die Häuser ringsum in Gefahr, da müssen wir die Bäume tränken«, sagte er.
Der Feuerwehrmann ging wohl nicht davon aus, dass wir uns widersetzen würden, denn seine Kollegen entrollten bereits den Schlauch und schlossen ihn an den Hydranten vor unserem Haus an.
»Keinen Grund zur Sorge, mein Junge«, sagte der Feuerwehrmann zu mir. »Reine Vorsichtsmaßnahme.«
»Was ist mit dem Haus? Die Hexe … das Haus im Wald? Was ist mit den Leuten?«
»Darüber weiß ich nichts, mein Junge. Nun entschuldige mich.« Er wandte sich den Männern zu, die bereits durch die Gerümpel-Gasse liefen und Platz schufen.
Er log, das wusste ich gleich, und ich hatte Angst.
Ich stand auf dem Gehweg vorm Haus und sah den Feuerwehrleuten zu. Da entdeckte ich Roxy, die im kurzen Schlafanzug zitternd in der Tür stand und an ihrem Verband fummelte. Unsere Blicke trafen sich, und wir wussten, was der andere dachte. Ich winkte sie zu mir, denn ich wollte mit ihr darüber reden, was hier gerade passierte, ob wohl das Haus der Hexe brannte und ob jemand verletzt war oder Schlimmeres …
Doch Roxy schüttelte den Kopf und deutete nach oben, mit den Lippen formte sie das Wort »Mum«.
Dann war plötzlich meine Mutter hinter mir.
»Komm, Aidan. Steh hier nicht im Weg rum. Wenn du zusehen willst, schau oben vom Fenster zu.«
Draußen standen eine Menge Nachbarn in Hausschuhen auf der Straße und sahen dem Spektakel zu. Einer mehr oder weniger machte nun wirklich keinen Unterschied, aber ich hatte keine Lust auf Diskussionen.
Vom Schlafzimmerfenster aus entdeckte ich einen weiteren Feuerwehrwagen mit einer riesigen Leiter, die ausgefahren sogar noch die Häuser überragte. Der Feuerwehrmann, der sie bestieg, gab den anderen am Boden Anweisung, wie sie den Schlauch ausrichten sollten, und dann ergoss sich eine gewaltige Wasserfontäne über die Bäume, bis sie triefend nass waren.
Inzwischen wurde das orangerote Leuchten des Feuers immer größer, breitete sich aus und rückte näher. Als ein Baum umfiel, gab es einen Funkenregen, und kurz darauf ging das nächste Waldstück in Flammen auf, wohl weil das trockene Laub am Boden Feuer gefangen hatte.
Dad kam zu mir ins Zimmer. »Pack ein paar Sachen in die Sporttasche. Die Feuerwehrleute meinen, wir werden vielleicht evakuiert.«
Verständnislos blickte ich ihn an.
»Evakuieren. Das Haus verlassen. Zur Sicherheit. Zack, zack.«
»Aber … wir sind doch hier in Sicherheit«, protestierte ich.
»Nicht, wenn das Feuer noch näher rückt. Schau mal.« Dad zeigte zu einem Baum nicht weit von unserem Haus, an dessen Stamm schon kleine Flammen züngelten. Die Äste fingen bereits Feuer, bis die Feuerwehr den Schlauch darauf richtete und die Flammen erloschen.
Ich zog mir ein Paar Jeans über den Schlafanzug und fand noch einen dicken Pulli.
Grace Darling Close ist eine Sackgasse, die in einem Rondell endet. Die Straße hatte sich schon ordentlich mit Menschen und Fahrzeugen gefüllt. Susi und Prudi, die beiden Ladys von nebenan, trugen die gleichen blauen Nachthemden. Susi hielt einen kräftigen roten Kater auf dem Arm, der sehr miesepetrig guckte und jeden Feuerwehrmann anfauchte, der ihm über den Weg lief. »Ach Gottchen, keine Angst, der will nur spielen«, sagte sie mit ihrem deutschen Akzent. Da strapazierte sie die Wahrheit ein wenig, wie ich fand.
Neben den drei Feuerwehrwagen zählte ich noch zwei Polizeiautos, einen Mannschaftswagen der Feuerwehr und einen gelben Krankenwagen. Und dann fuhr noch ein weiteres Auto vor und zwei Frauen stiegen aus. Eine hielt eine Fernsehkamera und eine tragbare Leuchte. Sofort filmte sie wahllos so ziemlich alles: die Autos, die Menschenmenge. Ich rannte in Hausschuhen herum und zog mir diese seltsame Versammlung rein.
Susi und Prudi unterhielten sich mit der Reporterin. »Unsere Katzen sind furchtbar verwirrt, nicht wahr, Prudence?«, sagte Susi und Prudi nickte. »Thomas hat schon an einer unmöglichen Stelle sein Geschäft verrichtet, du unartiger, kleiner Schlingel.« Thomas gähnte.
Auf einmal erhob sich eine Stimme über das allgemeine Tohuwabohu.
»Lassen Sie mich runter! Lassen Sie mich sofort RUNTER, verdammt! Mir geht es gut. Lassen Sie mich endlich!« Alle drehten wir uns zu der Stimme um, die aus Roxys Haus kam. Dort trugen zwei Feuerwehrmänner einen in Decken gehüllten Stuhl die Vorderstufen hinunter, aus dem ein Kopf mit Haarnetz hervorschaute.
»Hier! Lassen Sie mich hier runter. Nein, HIER, Sie Idiot! Sind Sie TAUB?« Unter den Decken tauchte eine Hand hervor, die dem Feuerwehrmann im Takt der Worte auf den gelben Helm schlug. »Stopp!« Klonk. »Stopp!« Klonk. »Stopp!« Klonk.
Als der Stuhl am Ende des Weges abgestellt wurde, sah ich, dass es ein Rollstuhl war.
»Was zum Teufel ist nur in Sie gefahren?«, rief die Frau und raffte die Decken um sich.
Der Feuerwehrmann, der nun außer Reichweite war, lächelte trocken. »Gern geschehen. Mir ist nichts lieber, als Sie vor dem Feuertod zu bewahren.«
»Von wegen Feuertod! Mir ging es prima! Was zum Teufel … NEHMEN SIE DAS VERDAMMTE DING AUS MEINEM GESICHT! ICH WARNE SIE!« Nun hatte sie sich der Kamerafrau zugewandt, die den Tumult mitbekommen hatte, und die Frau filmte, wie sie den Feuerwehrmann anschrie.
»Tut mir leid«, sagte die Kamerafrau. »Haben Sie den Nachrichtenzuschauern im Fernsehen vielleicht was zu sagen?«
»Ja«, erwiderte die Frau. »Läuft das Ding? Gut. Hier ein paar Worte für die Zuschauer«, und damit ließ sie eine Salve von Schimpfwörtern vom Stapel wie Sch… und N… und noch mal N… und noch etliche, die ich nicht kannte. Es war so ein bösartiger Schwall und so laut, dass der Feuerwehrmann, den sie geschlagen hatte, loslachte.
Die Kamerafrau sagte: »Ähm … danke«, und verdrückte sich.
Auf einmal tauchte Roxy neben mir auf.
»Darf ich dir meine Mutter vorstellen«, sagte sie und zeigte auf die Frau im Rollstuhl.
»H… hallo«, stammelte ich. »Schön, Sie kennenzulernen.«
Sie würdigte mich keines Blickes.
»Verzieh dich!«
17. Kapitel
Am Ende wurden wir doch nicht evakuiert. Allmählich legte sich das Chaos in unserer Straße wieder. Die Einsatzwagen zogen der Reihe nach ab. Und die Leiter auf dem Feuerwehrwagen wurde eingefahren. Holzrauch hing in der Luft wie nach einem gigantischen Freudenfeuer.
Als sich der Himmel im Osten lichtete, machte der Brandmeister (der zwei Streifen am Helm trägt, das Einzige, was ich vom Besuch der Feuerwehrwache in der Vorschule behalten habe) die Runde zwischen den Nachbargrüppchen, die noch draußen standen.
Roxy hatte ihre Mutter wieder ins Haus geschoben. Ich hatte nicht weiter mit ihr gesprochen (wollte ich auch nicht).
Dad trank einen Becher Tee und hatte auch einen für den Feuerwehrmann gemacht, der auf der Leiter gestanden hatte. Ich glaube, sie merkten gar nicht, dass ich hinter ihnen auf der Treppenstufe saß.
»… das geht so schnell, Mann«, sagte der Feuerwehrmann und schlürfte durstig seinen Tee. »Trockenheit, ein bisschen Wind, da reicht ein Funke!«
»Ist denn jemand verletzt worden?«, fragte Dad, als könnte er meine Gedanken lesen. Der Feuerwehrmann nahm noch einen Schluck und überlegte.
»Eigentlich soll ich ja nichts sagen, bis es offiziell ist, aber …« Er hielt inne und Dad wartete geduldig. »Aber das hilft ihm jetzt auch nicht mehr.«
Ihm? Hatte er gerade »ihm« gesagt? Mir stockte das Herz.
»Oder ihr«, fuhr er fort. »Jedenfalls … haben wir eine Leiche gefunden. Bislang wissen wir nicht mal, wer dort überhaupt gelebt hat. Uns ist es nicht gelungen, mit den Fahrzeugen durchzukommen, und die Schläuche waren nicht lang genug. Die hatten keine Chance.«
Die? »Die« in »er« oder »sie« oder »die« in … So müde und durcheinander, wie ich war, wusste ich nicht mehr, was ich glauben sollte.
Dad schüttelte den Kopf. »Ein schrecklicher Tod.«
»Schön ist es nie, wenn man nicht bereit ist. Aber so? Geht wenigstens schnell. Bevor die Flammen dich erreichen, bist du längst erstickt.« Der Feuerwehrmann lächelte aufmunternd, aber es war trotzdem unglaublich traurig. Ich ließ den Kopf auf die Knie sinken, mir war zum Heulen. Offenbar hatte ich ein leises Schluchzen von mir gegeben, denn Dad und der Feuerwehrmann schauten zu mir.
»Na, komm, mein Junge. Du gehörst ins Bett, was? Das war vielleicht ’ne Nacht!« Irgendwie hatte der Geordie-Dialekt des Feuerwehrmanns was Beruhigendes.
Als ich aufstand und kurz zum Abschied nickte, lief mir eine Träne über die Wange. Ich wischte sie rasch mit dem Ärmel weg.
»Mir … mir ist Rauch in die Augen gekommen.« Keine Ahnung, warum ich das sagte.
»Ja, ja. Das passiert. Geht uns allen so«, sagte der Feuerwehrmann und klopfte mir auf die Schulter. »Spring noch mal unter die Dusche. Das wird dir guttun, dann bist du auch den Geruch los.«
18. Kapitel
Ich wurde um zehn Uhr wach und schaute eine Weile aus Libbys Fenster. Am hellblauen Himmel war keine Wolke zu sehen, hinter den Bäumen stiegen vereinzelte Rauchfahnen empor. Als ich das Fenster öffnete, roch es noch nach verbranntem Holz.
Unten im Fernsehen liefen die Lokalnachrichten. Es wurden Bilder von Feuerwehrmännern und Leuten in weißen Schutzanzügen gezeigt, die um ein ausgebranntes Haus standen. Und mit »ausgebrannt« meine ich, dass nur noch ein paar verkohlte Mauern übrig waren, eine Tür und die Hälfte des Obergeschosses, das ein Stück Dach trug. Man konnte noch die Überreste eines Tisches und anderer Möbelstücke ausmachen, die Kamera zeigte in Nahaufnahme verbrannte Bücher, eine Steinspüle, ein Bücherregal und ein Bild, das schief an der Wand hing.
»… als die Feuerwehrmänner eintrafen, brannte es bereits lichterloh. Das abgelegene Haus, das zum Teil noch aus dem 18. Jahrhundert zu stammen scheint, wurde in dem Inferno vollkommen zerstört. Der Sprecher der Feuerwehr spricht vom schlimmsten Hausbrand, den er je miterlebt hat.
Brandschutzleiter Harry Oxley: »Am Tatort haben wir eine Leiche geborgen, die sich zur Obduktion in der Gerichtsmedizin befindet. Mehr kann ich im Moment nicht sagen.«
Reporterin: »Haben Sie schon irgendwelche Hinweise auf die Brandursache?«
Brandschutzleiter Oxley: »Derzeit verfolgen wir alle möglichen Spuren, doch bislang deutet nichts auf Fremdeinwirkung hin.«
Reporterin: »Das Feuer hat auf den Wald übergegriffen und die Einwohner des benachbarten Wohngebiets Delaval wurden alarmiert und auf eine mögliche Evakuierung …«
In dem Moment gab es einen Schnitt und die Kamera zeigte unsere Straße. Und dort stand ich und blickte zu dem Feuerwehrmann auf der Leiter empor. Normalerweise hätte ich gerufen: »Dad! Dad! Guck mal, ich bin im Fernsehen!« Doch ich verfolgte bloß traurig den Rest der Sendung.
»… wurde kurz vor dem Morgengrauen unter Kontrolle gebracht. Bis die Ermittlungen der Polizei und der Feuerwehr nach der Brandursache und der Identität des unglückseligen Opfers abgeschlossen sind, bleibt der Bereich gesperrt. Und das war es aus Whitley Bay für North Today. Mein Name ist Janey Calvert.«
Als es am Fenster klopfte, schreckte ich so zusammen, dass ich Milch aufs Sofa kleckerte. Es war Roxy.
»Immer noch im Schlafanzug?« Ihre hohe Stimme klang durch die Scheibe gedämpft. »Wir treffen uns in zehn Minuten in der Garage. Es ist wichtig.«
19. Kapitel
Noch immer tropfte das Wasser von den Bäumen, und der Boden hatte sich in hellen Schlamm verwandelt, in dem frische Fußspuren zu sehen waren. Roxy war offenbar schon da, also stieß ich die Containertür auf, aber drinnen sah ich niemanden.
In dem Moment zwängte sich Roxy durch das Loch im Zaun, ihr winziger Fuß zuerst, ihr Wuschelkopf zuletzt.
»Hey«, sagte sie und registrierte gleich, dass die Tür offen stand. »Wie bist du rein?«
»War offen«, antwortete ich, legte den Finger an die Lippen und deutete auf die Fußspuren im Schlamm, die dann also nicht von ihr stammten. Nun fiel mir auch auf, dass die Spuren in die Garage hineinführten.
Automatisch senkte Roxy die Stimme. »Jemand ist da gewesen. Meinst du, es war einer der Feuerwehrmänner?«, fragte sie.
Ich zeigte auf die kleinen Abdrücke. »Der muss aber zarte Füße gehabt haben.«
Roxy stieß ein bellendes Lachen aus. »Sehr gut, Sherlock Holmes! Aber was ist mit meinem Laptop?«
Ich zuckte die Achseln, und sie drängte sich an mir vorbei zum Schreibtisch, wo sie den Computer verwahrte. Dann schrie sie.
Und ich meine, so richtig.
Für ihre zierliche Statur war das ein gellender Schrei, danach schnappte sie ein paarmal nach Luft. »Ah, ah, ah«, und dann, »Aidan!«
»Was?« Ich stand bloß da, ohne zu wissen, was sie von mir wollte, denn ich hatte ja keine Ahnung, was los war.
Roxys Blick war auf etwas unter dem Schreibtisch gerichtet, das ich nicht sehen konnte.
»D… da ist … jemand.«
Okay. Wir hätten den Garagencontainer einfach ganz ruhig verlassen, die Tür hinter uns abschließen und die Polizei rufen sollen.
Das wäre vernünftig gewesen. Das solltet ihr tun, wenn ihr jemals in die Situation kommt, einen Fremden in einem alten Baucontainer unterm Schreibtisch zu finden.
Stattdessen packte ich den Schreibtisch mit beiden Händen und kippte ihn, bis er umfiel und eine kleine Person entblößte, die sich wie ein verängstigter Igel zusammengerollt hatte und sichtbar zitterte.
»Was zum …«
»Wer zum …«
Langsam wie ein knospendes Blatt im Frühling hob die Person den Kopf, straffte den Rücken und schaute zu uns hoch.
»Du!«, riefen Roxy und ich im Chor.
Der Junge aus dem Waldhaus blinzelte ins Licht, das von der Tür hereinfiel, und erhob sich langsam. »Meinemam … meinemam … meinemam …«
Mehr nicht. Stammelnd und blinzelnd wandte er sich erst mir und dann Roxy zu.
Natürlich begriff sie es als Erste.
»Deine Mam?«
Er nickte. »Meine Mam.« Er schluckte schwer und blinzelte weiter ins Licht.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.