Kitabı oku: «Der Hund, der die Welt rettet»

Yazı tipi:

Bisher sind von Ross Welford im Coppenrath Verlag erschienen:


eISBN 978-3-649-62514-8


eISBN 978-3-649-62906-1


eISBN 978-3-649-63242-9

eISBN 978-3-649-63643-4

© 2020 für die deutschsprachige Ausgabe

Coppenrath Verlag GmbH & Co. KG, Hafenweg 30, 48155 Münster

Alle Rechte vorbehalten, auch auszugsweise

Originally published by HarperCollins Publishers under the title:

The dog who saved the world

© Ross Welford 2018

Translation © Petra Knese 2019 translated under licence from

HarperCollins Publishers Ltd

Ross Welford asserts the moral rights to be identified

as the author of this work.

Aus dem Englischen von Petra Knese

Umschlaggestaltung © HarperCollins Publishers 2019

Umschlagillustration © Tom Clohosy Cole

Übersetzung des Gedichts von Alfred Tennyson (S. 81)

© Werner von Koppenfels. Englische und Amerikanische

Dichtung 2, C. H. Beck 2000

Lektorat: Jutta Knollmann, Susan Niessen

Satz: Sabine Conrad, Bad Nauheim

www.coppenrath.de

Das Buch erscheint unter der ISBN 978-3-649-63124-8.

Ross Welford


Aus dem Englischen von Petra Knese


Inhalt

Whitley Bay in ein paar Jahren

Auftakt

1. Teil

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

2. Teil

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

3. Teil

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

54. Kapitel

55. Kapitel

56. Kapitel

57. Kapitel

58. Kapitel

4. Teil

59. Kapitel

60. Kapitel

61. Kapitel

62. Kapitel

63. Kapitel

64. Kapitel

65. Kapitel

66. Kapitel

67. Kapitel

68. Kapitel

69. Kapitel

70. Kapitel

71. Kapitel

72. Kapitel

73. Kapitel

74. Kapitel

75. Kapitel

76. Kapitel

77. Kapitel

Epilog

Danksagung

Über den Autor

Whitley Bay in ein paar Jahren

In meinem Zimmer hängt ein gerahmtes Poster, das ich von Dad zum Geburtstag bekommen habe. Da ich es jeden Morgen und jeden Abend sehe, kenne ich es mittlerweile auswendig.

Hundeweisheiten

Trau keinem, der keine Hunde mag.

Wenn du etwas haben willst, das vergraben ist,

musst du eben buddeln.

Beiß nicht, wenn ein Knurren reicht.

Hab die Menschen trotz ihrer Fehler gern.

Begrüße jeden neuen Tag mit wedelndem

Schwanz.

Sei mutig, egal wie groß du bist.

Lerne immer dazu, egal wie alt du bist.

Wenn jemand einen schlechten Tag hat, halt

die Schnauze und schmus ein bisschen mit

ihm.

Stimmt alles. Wort für Wort. Ist mir letzten Sommer klar geworden, als die Welt beinahe untergegangen wäre.

Auftakt

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Mädchen und Jungs, darf ich vorstellen (Trommelwirbel …):

Mister Masch: Der Hund, der die Welt rettete!

Er ist mir das Liebste auf der Welt. Dad und Clem gegenüber klingt das vielleicht ein wenig hart, aber sie werden es verstehen, besonders nach diesem Sommer.

Wie alt er ist, wissen wir nicht, auch nicht, wie er zum Streuner wurde, nicht mal, was für eine Rasse er ist. Mister Masch hat zotteliges Fell – grau, braun und weiß – und Schlappohren. Und so ein süßes, aufgewecktes Gesicht wie ein Schnauzer; große, liebe Augen und einen kräftigen, sehr wedelfreudigen Schwanz wie ein Labrador. Sprich, er ist ein Mischmasch.

Als wir ihn nach ein paar Tagen offiziell aus dem Tierheim Sankt Bello geholt haben, meinte der Pfarrer, ich könnte ihm einen Namen geben. Und als ich »Mischmasch« sagte, verstanden alle Miss Masch, aber weil er ein Rüde ist, wurde aus ihm Mister Masch.

Mister Masch ist mein allerbester und allerdümmster Freund. Seine Zunge ist zu groß für sein Maul, deshalb hängt sie meist heraus, wodurch er noch bekloppter aussieht. Weil er einfach nicht lernt, was man fressen kann und was nicht, frisst er einfach alles. Das wiederum führt zu einem »Gasproblem«, wie es der Pfarrer nennt.

Wie recht er hat. »Lautlos, aber tödlich«, sagt Dad immer.

»Widerlich«, sagt Jessica, die den Hund noch nie mochte.

Aber ohne Mister Masch gäbe es die Welt jetzt vielleicht nicht mehr.

Kein Witz.


1. Kapitel

Es ist sechs Uhr an einem heißen Sommerabend. Ramzy Rahman und ich stehen vor dem Hintereingang des Vergnügungszentrums »Spanish City« und trauen uns nicht zu klopfen. Mister Masch hat gerade ein Magnum verschlungen, das jemandem runtergefallen ist. So wie er sich die Lippen leckt, könnte er glatt noch eins vertilgen. Sogar den Holzstiel hat er mitgefressen.

Das Stahltor vor uns ist so gigantisch, dass es zusätzlich mit einer normal großen Tür versehen ist. Mitten an dieser normalen Tür befindet sich ein Türklopfer, der eher zu einem verwunschenen Schloss passt: ein grün angelaufener Wolfskopf, der die Zähne fletscht.

Mister Masch blickt zu dem Wolfskopf auf und zieht die Lefzen hoch, knurrt aber nicht.

Hinter uns, am Meer, schieben Männer in Shorts Kinderwagen über die Promenade, Autos mit getönten Scheiben rollen über die Küstenstraße und auf dem Radweg strampeln Leute auf Leihrädern. Ramzy stößt mich an, um mich auf Saskia Hennesseys große Schwester aufmerksam zu machen, die nur in Bikini und Flip-Flops mit ein paar Freunden zum Strand flattert. Ich halte den Kopf gesenkt, um nicht erkannt zu werden.

Über uns ein strahlend blauer Himmel, es ist noch so heiß, dass sich sogar die Möwen in den Schatten verzogen haben. Ramzy ist furchtbar aufgeregt und vollführt mal wieder seinen üblichen Tanz.

»Ramzy«, sage ich beschwichtigend. »Wir besuchen bloß eine alte Dame. Wahrscheinlich ist sie einsam und will uns nur bei Tee und Scones Fotos von ihren Enkeln zeigen. Und wir sind einfach höflich und bringen die Sache schnell hinter uns. Kein normaler Mensch würde das für ein Abenteuer halten.«

Ramzy schaut mich an, als wolle er sagen: Ich bin aber nicht normal!

Schließlich hebe ich die Schnauze des Wolfs und schlage sie einmal kurz und kräftig nach unten. Es dröhnt lauter, als ich dachte, und Ramzy zuckt zusammen.

Seine Augen leuchten vor Aufregung und er flüstert mir zu: »Tee, Scones, Wölfe und Abenteuer!«

Frau Dr. Pretorius muss uns erwartet haben, denn sofort werden mehrere Riegel zurückgeschoben und die Tür öffnet sich mit einem zufriedenen Seufzen. (Ramzy grinst. Er wäre enttäuscht gewesen, wenn die Tür nicht geseufzt hätte.)

Wäre es nach ihm gegangen, hätte es geblitzt und gedonnert, und Dr. Pretorius hätte uns in einem langen schwarzen Cape begrüßt: »Willkommen, Sterbliche!« Oder so ähnlich.

Stattdessen ist es noch immer sonnig hell und kein bisschen stürmisch, und Dr. Pretorius, die so lang und dürr ist wie ein Katzenschwanz, trägt noch denselben Strickbademantel wie heute Morgen.

Sie sagt bloß: »Hi«, in ihrem kehligen amerikanischen Akzent. Bloß das: »Hi.«

Dann dreht sie sich um und taucht in das Innere eines dunklen Lagerraums. Mit ihrem buschigen weißen Schopf auf dem dunklen schmalen Körper erinnert sie mich an einen Zauberstab.

Nach ein paar Schritten bleibt sie stehen und sieht sich zu uns um. »Worauf wartet ihr? Braucht ihr ’ne schriftliche Einladung? Kommt schon. Den Köter könnt ihr mitbringen, wenn’s sein muss.«

Am Ende des vollgestopften Lagerraums führt eine schmale Metalltreppe hinauf zu einer Galerie mit Geländer. Da Dr. Pretorius nicht auf uns wartet, sondern weiterläuft, kann ich mich in dem hohen schmuddeligen Raum unbemerkt umsehen. Hier stapeln sich Pappkartons, Ziegelsteine, Zementsäcke, Leitern, Bretter, eine kleine Zementmischmaschine, ein hochkant gestelltes Sofa und ein Container mit Bauschutt. Daneben gibt es aber auch noch Dinge wie einen Pferdesattel, einen Autositz, Barhocker, ein Trimm-dich-Rad, eine riesige Espressomaschine und etwas von der Größe eines alten Wagenrads, das halb verdeckt von einer staubigen blauen Plane auf der Seite liegt.

Ramzy stupst mich von hinten an. »Psst. Guck dir mal den Multi-Copter an!«

Natürlich habe ich schon von Drohnen gehört und mir auf YouTube angeschaut, wie man sie steuert, aber in echt habe ich noch keine vor der Nase gehabt. Clem würde sterben vor Neid, wenn er wüsste, dass ich noch vor ihm eine gesehen habe. Dann fällt mir wieder ein, dass ich ja keinem erzählen darf, dass ich hier bin.

Dr. Pretorius sagt gerade: »… grüner Wolfsklopfer, gefällt der euch? Nennt sich Verdigris. Altfranzösisch für ›das Grün Griechenlands‹. Durch die salzige Luft bildet sich auf dem Messing eine Patina aus Kupfercarbonat. Wie bei der Freiheitsstatue. Aber das wusstet ihr sicher längst, oder etwa nicht?«

Dazu sagen wir nichts, folgen ihr bloß die Treppe hoch und linsen immer wieder zurück zum Lagerraum und der Drohne, die vielleicht oder sogar wahrscheinlich gar keine ist.

Oben bleibt Dr. Pretorius stehen und dreht sich um. »Oder etwa nicht?«

»Doch, doch. Klar.« Ramzy nickt eifrig.

»Lügner!«, faucht sie und reckt ihm ihr spitzes dunkles Kinn entgegen. Mir fällt auf, dass ihr weißer Afro bebt, wenn sie spricht, und stillsteht, sobald sie schweigt. »Wie lautet die chemische Formel für Kupfercarbonat?«

Der arme Ramzy! Ihm fällt die Kinnlade runter. Ramzy ist zwar klug, aber so klug nun auch wieder nicht. »Ähm … ähm …«

Dr. Pretorius wendet sich ab und marschiert mit wehendem Bademantel einfach weiter. »CuCO3«, ruft sie über die Schulter. »Was bringen die euch in der Schule nur bei? Seid ihr immer noch bei Selbstvertrauen und Klimawandel? Ha! Kommt, keine Müdigkeit vorschützen!«

Während wir hinter ihr hertrotten, klackern Mister Maschs Krallen über den Metallboden.

Vor einer Flügeltür mitten in einer hohen, gewölbten Wand bleibt Dr. Pretorius stehen und dreht sich zu uns um. Gerade holt sie tief Luft, da wird sie von einem Hustenanfall geschüttelt, der Ewigkeiten dauert. Beim Husten biegt und krümmt sie sich. Es verdirbt ein wenig den dramatischen Moment, aber der Husten verschwindet genauso plötzlich, wie er gekommen ist. Dr. Pretorius richtet sich auf und ihre Züge werden weicher. »Ach herrje! Schaut nicht so erschrocken. Ich werde alt, das ist alles. Wie heißt ihr?«

»R-Ramzy Rahman. Ma’am.«

Leise lacht sie in sich hinein, dabei zieht sie einen Mundwinkel nach oben. »Ma’am? Ha! Du hast ja bessere Manieren als ich, Junge. Habe euch einfach zu mir eingeladen, ohne dass wir uns ordentlich vorgestellt haben. Da haben wir also Ramzy Rahman und …?«

»Georgina Santos. Oder kurz Georgie.« Das mit Ma’am lass ich bleiben. So wie Ramzy habe ich das nicht drauf.

»Okay, Oder-kurz-Georgie und Ramzy-Ma’am. Damit wollte ich euch auf die Probe stellen. Ab jetzt wird nicht mehr gelogen, klar? Ab sofort vertraue ich euch. Habt ihr irgendjemandem erzählt, dass ihr hier seid?«

Ramzy und ich schütteln den Kopf und sagen beide: »Nein.«

»Neeeeein«, sagt sie gedehnt und nimmt ihre dicke Brille ab, um uns mit ihren seltsam blassen Augen anzuschauen. »Also ist es abgemacht?«

Ramzy und ich nicken, wobei ich nicht ganz sicher bin, was abgemacht ist.

»Abgemacht«, sagen wir zusammen.

Scheinbar zufrieden stößt sie die Türflügel auf und knurrt: »Ist das nicht prima? Wir haben eine Abmachung! Willkommen in der Zukunft, meine Täubchen. Hahahahaaa!« Ihr Lachen klettert die Tonleiter immer höher hinauf und endet in einem vergnügten Kreischen.

Ramzy fängt meinen Blick auf und grinst. Wenn Dr. Pretorius einen auf verrückt macht, übertreibt sie es ein wenig. Bloß … dass es wohl nicht gespielt ist.

Mister Masch jault leise. Er will nicht durch die Tür gehen. Kann ich gut verstehen.

2. Kapitel

Ich habe krampfhaft überlegt, womit die ganze Sache anfing. Mit »ganze Sache« meine ich Dr. Pretorius’ Zukunftskuppel, den abgefackelten VW-Bus, die Hundeseuche, den Millionen-Jackpot … einfach alles. Und ich glaube, es fing mit Mister Masch an.

Trau keinem, der keine Hunde mag.

Das ist die Nummer eins auf meinem Hundeposter. Klingt ziemlich drastisch, deshalb mache ich ein paar Ausnahmen:

1. Menschen aus Ländern und Kulturen, in denen Hunde nicht als Haustiere gehalten werden (wie Ramzys Tante Nush zum Beispiel). Dafür können sie ja nichts.

2. Briefträger und Paketzusteller, die von Hunden angegriffen wurden, wobei daran eigentlich der Besitzer schuld ist, weil er den Hund nicht richtig erzogen hat.

3. Leute mit Hundeallergie. Das muss ich wegen Jessica sagen. Von ihr hört ihr gleich mehr.

Doch abgesehen von den Ausnahmen finde ich die Regel ziemlich gut. Hunde sind gern mit uns zusammen. Wusstet ihr, dass Hunde schon mit den Menschen zusammenleben, seit es uns gibt? Deshalb nennt man sie ja auch den besten Freund des Menschen.

Ich kam schon mit dem Wunsch nach einem Hund zur Welt. Das behauptet Dad zumindest. Angeblich waren meine ersten Worte: »Kann ich einen Hund haben?«

Bestimmt macht er nur Spaß, aber mir gefällt die Idee.

Neben dem Hundeposter kleben Bilder von berühmten Leuten mit ihren Hunden. Meine Lieblingsbilder sind:

•Robby Els und sein Pudel

•G-Topp und sein (sehr niedlicher) Chihuahua

•die amerikanische Präsidentin und ihre Deutsche Dogge

•unser König mit seinem Jack Russel Terrier (Als ich klein war, bin ich dem König mal begegnet, aber da war er noch kein König. Seinen Hund hatte er allerdings nicht dabei.)

•die alte Königin mit ihren Corgis

Jedenfalls bekamen wir einen Hund. Es war im vergangenen März, kurz nachdem Dads Freundin Jessica bei uns eingezogen ist. (Zufall? Glaube ich nicht.)

Ich wusste, dass was im Busch ist. Dad hatte einigeAnrufe von seinem Freund Maurice bekommen, der früher mal Pfarrer war und jetzt das Hundeheim Sankt Bello in Eastbourne Gardens führt. Ist eigentlich nicht so seltsam, bloß dass er jedes Mal: »Ah, Maurice! Warte mal kurz«, sagte und aus dem Zimmer ging. Und einmal hat er beim Zurückkommen bis über beide Ohren gegrinst. Natürlich habe ich es nicht mal zu hoffen gewagt.

Daraufhin habe ich Clem gefragt, aber der hatte da schon angefangen, sich in sein Zimmer, auch Teenagerhöhle genannt, zurückzuziehen (dieser Rückzug ist jetzt mehr oder minder komplett). Clem zuckte nur mit den Schultern, und um ehrlich zu sein, war das mit dem Hund auch immer eher meine Sache gewesen und nicht die meines Bruders. Solange es keinen stinkigen Dieselmotor hat, ist es Clem egal.

Nicht zu hoffen, ist super, super schwer, vor allem, wenn man wie verrückt hofft. Immer wieder schaute ich mir den Kalender Mit Hundebabys durch das Jahr an und fragte mich, ob wir wohl eines bekämen. So sah meine Liste aus, die ich in meiner Nachttischschublade aufbewahrte:

1. Golden Retriever (kinderlieb)

2. Cockapoo

3. Schokoladenfarbiger Labrador

4. Deutsche Dogge (Schon klar, die sind riesig. »Da kannst du gleich ein Pferd kaufen«, sagt Dad immer.)

5. Border Collie (sehr klug, brauchen eine gute Ausbildung)

Ich habe sogar versucht, mir vorzustellen, was in Dad vor sich geht. So nach dem Motto: Jessica zieht ein, Clem wird erwachsen, über beides ist Georgie unglücklich, kaufen wir ihr einen Hund.

Wogegen ich absolut nichts hatte. Und dann … spazierte ich eines Freitags nach der Schule in die Küche, wo Dad saß. »Mach die Augen zu!«, rief er, doch da hatte ich schon das Winseln hinter der Tür gehört.

Ich bin noch nie so glücklich gewesen wie in dem Moment, als Dad die Tür zum Wohnzimmer öffnete und ich dieses Fellbündel sah, dessen Schwanz so wedelte, dass der gesamte Rücken wackelte. Ich fiel auf die Knie, und als der Hund mir das Gesicht leckte, verliebte ich mich auf der Stelle unsterblich in ihn.

Dad hatte ihn aus Sankt Bello, und wir wussten nicht, wie alt er war. Der Pfarrer, der sich damit ganz gut auskennt, schätzte ihn auf fünf Jahre. Natürlich erfüllte er auch sonst keine Kriterien meiner Lieblingshunderassen.

Also habe ich eine neue Liste geschrieben, auf der Mischlinge an erster Stelle stehen.

Es hat einen Monat gewährt. Siebenundzwanzig Tage, um genau zu sein. Siebenundzwanzig Tage reinen Glücks und dann war es vorbei. Zerstört von Jessica. Ich versuche echt, sie zu mögen – vergeblich.

3. Kapitel

An Mister Maschs »Gasproblem« lag es nicht.

Also, ich wäre damit auf jeden Fall klargekommen. Obwohl einem der Geruch schon mal die Tränen in die Augen treiben konnte, hielt er nie lange vor. Nein, es lag hundert Prozent an Jessica.

Erst kam der Husten, dann der pfeifende Atem und dann der Ausschlag an ihren Händen. Jessica reagierte total allergisch.

»Hast du das denn nicht gewusst?«, jammerte ich.

Jessica schüttelte den Kopf. Ob ihr’s glaubt oder nicht, Jessica war einfach noch nie zuvor lange genug mit Hunden in engem Kontakt gewesen, um zu wissen, dass sie auf die Haare, den Speichel oder sonst was allergisch reagierte. Oder vielleicht hat sie es auch erst als Erwachsene entwickelt. Ich glaube nicht, dass sie uns was vorspielt. So gemein ist sie auch wieder nicht.

Okay, manchmal habe ich das schon gedacht. Aber nachdem Jessica einen Asthma-Anfall hatte und sie anschließend völlig erschöpft war und ihr Haar ganz verschwitzt, war klar, dass Mister Masch zurück ins Tierheim musste.

Dass man den besten und den schlimmsten Tag seines Lebens innerhalb eines Monats hat, kommt wohl nicht oft vor, zumal ich da erst zehn war.

Eine Woche lang habe ich nur geweint. Jessica hat immer wieder beteuert, wie leid es ihr tut, und wollte mich in ihre knochigen Arme nehmen, aber ich war stinksauer. Manchmal bin ich es immer noch.

Mister Masch landete wieder im Sankt Bello. Und das einzig Gute ist, dass er noch da ist. Der Pfarrer erlaubt mir auch, ihn jederzeit zu besuchen.

Ich arbeite jetzt nämlich ehrenamtlich im Sankt Bello. Offiziell bin ich natürlich viel zu jung dafür, aber Dad hat seinen Freund überredet, die Regeln ein wenig zu beugen.

Dass Mister Masch nach wie vor da ist, ist eigentlich nicht das einzig Gute. Gut ist auch, dass es in Sankt Bello ganz viele Hunde gibt und ich sie alle gernhabe.

Aber am liebsten habe ich Mister Masch und ohne ihn hätten wir anderthalb Jahre später nie Dr. Pretorius kennengelernt.

4. Kapitel

Es war morgens so gegen neun. Über dem Strand hing noch ein kühler Nebelschleier. Da waren ich, Ramzy, Mister Masch und noch zwei Hunde aus Sankt Bello.

Ich hatte Mister Masch von der Leine gelassen und er war die Stufen hinunter zum Strand gelaufen, denn er frisst so gern die weißen Schaumkronen der kleinen Wellen. Ramzy hielt den hässlichen Dudley, den man nicht frei laufen lassen kann, weil er null Rückruf hat, das heißt, wenn man ihn ruft, kommt er nicht. Einmal ist Dudley bis zum Leuchtturm gelaufen, und er wäre wahrscheinlich auch noch weitergerannt, wenn die Flut nicht gekommen wäre.

Mister Masch war also unten am Wasser, Dudley zog an der Leine und Sally-Ann, die Lhasa Apso Hündin, beschnüffelte widerwillig die Steinstufen. Sally-Ann ist ein »zahlender Gast« im Sankt Bello, ich glaube echt, dass sie sich den anderen Hunden überlegen fühlt, wie eine Herzogin, die in einem billigen Hotel gestrandet ist. Am Ende der Stufen stand eine hochgewachsene alte Dame, die sich ihre weiße Mähne unter eine gelbe Gummibadekappe stopfte.

Ich stieß Ramzy an. »Das ist sie, die Frau von Spanish City«, flüsterte ich. Zu dem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, wie sie hieß, gesehen hatten wir sie zwar schon, aber noch nicht kennengelernt.

Wir blieben oben an den Stufen stehen. Die alte Dame setzte sich eine Schwimmbrille auf, warf ihren langen Bademantel ab und lief über den Strand zum Wasser. Es war Flut, also musste sie nicht lange laufen, aber lange genug, dass wir ihr verwundert hinterherstarren konnten.

Ihr Badeanzug war farblich auf die knallgelbe Badekappe abgestimmt, wodurch ihre langen braunen Arme und Beine noch dunkler wirkten. Ihr Hintern war quasi nicht vorhanden, nur eine leichte Wölbung unter dem Rückenausschnitt des Badeanzugs. Langsam, aber selbstsicher lief sie, ohne stehen zu bleiben, ins Wasser, watete bis zur Taille hinein und schwamm dann in ruhigen Zügen die fünfzig Meter bis zur Boje.

Was eine Viertelstunde später geschah, war einzig Mister Maschs Schuld. Mittlerweile waren Ramzy und ich auch am Strand. Wir hatten beobachtet, wie die alte Dame aus dem Wasser gekommen und zu ihren Klamotten gelaufen war. Irgendwie sah sie ein wenig Furcht einflößend aus, und ich wollte auf dem Rückweg nicht noch mal an ihr vorbei, deshalb liefen wir unten am Wasser weiter.

Wie Mister Masch darauf kam, dass man eine gelbe Gummibadekappe fressen könnte, weiß ich nicht, aber er schoss ganz plötzlich den Strand hoch, wo die alte Dame die Kappe neben den Stufen hatte fallen lassen, und schon hatte er sie im Maul.

»Hey! Du! Lass das!«, rief sie. Und dann spurtete ich los.

»Mister Masch! Aus! Aus! Lass los!«, rief auch ich.

»Gib’s her!«, brüllte die alte Dame und damit nahm alles seinen Lauf. Mister Masch sprang mit der Badekappe im Maul an ihr hoch und warf sie um. Dabei knallte sie mit der Hand gegen die Stufen. Ein schürfendes Geräusch ertönte und die alte Dame schrie vor Schmerz auf.

»Tut mir leid, tut mir leid! Er freut sich nur so!«, rief ich.

Die alte Dame setzte sich auf, der Sand klebte ihr an der nassen Haut. Sie rieb sich das Handgelenk, während der verrückte Köter sich hinter ihr langsam die Badekappe einverleibte.

An ihrem Handgelenk prangte eine große Uhr, eine mit Ziffern und Zeigern, und darauf schaute sie. Dann zeigte sie mir den dicken Kratzer auf dem Uhrenglas.

»Das war dein Hund«, sagte sie. »Und was zum Teufel macht er da mit meiner Badekappe?«

»Tut mir wirklich leid«, mehr fiel mir in dem Moment nicht ein. Am liebsten wäre ich weggelaufen.

Ramzy rang die Hände und trippelte im Sand umher, als müsste er mal dringend aufs Klo, sein Mund war vor Angst zu einem schmalen Strich verzogen. Die Schulshorts schlackerten ihm um die dünnen Beine, so zitterte er. Dudley zerrte an der Leine und kläffte aufgeregt, während sich Sally-Ann demonstrativ abwandte, als ginge sie das ganze Theater nichts an.

Die Frau rappelte sich auf und schlang ihren Strickbademantel um sich, der ihr bis zu den Knöcheln reichte. Dabei musterte sie mich. »Da hast du aber Glück gehabt, dass die Uhr nicht kaputt ist«, sagte sie mit heiserem amerikanischem Akzent. »Habe ich euch beide nicht schon vor ein paar Wochen gesehen?«

Ich nickte. »Es … es tut mir leid wegen ihrem Handgelenk. Tut es weh?«

»Und ob es wehtut! Es schmerzt wie Hölle und im Uhrenglas ist ein riesengroßer Kratzer.«

»Tut mir sehr leid.«

»Ja, ja, ja, du wiederholst dich. Ich kapier’s schon. Es tut dir leid. Du liebe Güte, frisst die verdammte Töle etwa das komplette Ding auf? Hat ganz den Anschein.« Ihr gigantischer Afro wippte beim Sprechen. Als sie den sehnigen Hals reckte, um mich besser sehen zu können, muss ich beim Anblick ihrer blassblauen Augen überrascht gequiekt haben. Unwillkürlich starrte ich sie an, denn ich hatte noch nie eine Schwarze mit solchen Augen gesehen. Mühsam riss ich mich von dem Anblicklos und sah zu Mister Masch.

»Aus, Mister Masch!«, sagte ich. Ich versuchte, ihm die Badekappe zu entreißen, aber da war sie schon hinüber. »Tut mir leid!«, stammelte ich wieder. »Aus, Dudley!«, rief ich Dudley zu, der eine tote Möwe im Maul hatte. Es war ziemlich chaotisch.

Die alte Dame setzte sich ihre dicke Brille auf, dann verschränkte sie die dürren Arme mit der Pergamenthaut. Sie musterte mich von oben bis unten. »Wie alt bist du?«, knurrte sie.

»Ich bin elf.«

»Hhmm. Und Mr. Madrid da drüben?« Mit dem Daumen deutete sie auf Ramzy, der vor Angst noch immer von einem Bein aufs andere sprang. Er trug sein schwarzes Real-Madrid-Trikot, wobei er, soweit ich weiß, gar kein großer Fan ist. Es ist auch kein Original-Trikot, sondern eines von Adidas, aber Ramzy stört das nicht.

»Er ist zehn«, antwortete ich.

»Und einssiebenundsechzig«, warf Ramzy ein und sah sofort beschämt drein. Er ist der Jüngste in unserem Jahrgang.

Auf dem Gesicht der alten Dame zeigte sich der Anflug eines Lächelns, ein Mundwinkel ging nach oben, mehr nicht. Da wusste ich noch nicht, dass ich diesen Ausdruck bald häufiger zu sehen bekommen würde. Sie bewegte ihr Handgelenk und verzog das Gesicht. »Einssiebenundsechzig, was? Mein lieber Scholli!« Dann nahm sie einen tiefen Atemzug durch die Nase, als müsste sie gut überlegen, was sie als Nächstes sagt.

»Ich möchte nur ungern eine Anzeige machen.« Ihr Blick war aufs Meer gerichtet, doch sah sie rasch zu mir, um meine Reaktion abzuschätzen. »Ihr wisst schon, eine gestohlene Badekappe, eine womöglich schlimme Verletzung, eine kaputte Uhr, ein Hund, der außer Kontrolle …«

»Oh, Mister Masch ist nicht außer …«

»Wie gesagt, ich möchte ungern eine Anzeige machen. Das wäre doch Mist. Aber ihr zwei könntet mir helfen.« Sie wandte sich uns beiden zu und stemmte die langen Hände in die schmalen Hüften. »Ihr kennt doch Spanish City?«

»Ja, klar.« Ich zeigte zur weißen Kuppel in nicht allzu weiter Ferne.

»Klar, kennt ihr Spanish City. Kommt da heute Abend um sechs hin. Vielleicht können wir dann all das hier … vergessen. Und zu niemandem ein Wort!«

Ramzy nickte wie wild, aber das lag bloß an seiner Tante Nush, bei der er lebt und die super viel Wert auf gutes Benehmen legt. Ich glaube, er kann sich keinen Ärger mehr leisten, da wäre er mit allem einverstanden gewesen. Ich allerdings …

Ich hob die Hand und sagte: »Ich möchte ja nicht unhöflich sein, aber wir sollen es keinem erzählen, sagen Sie. Nur kennen wir Sie doch gar nicht und …«

Ohne zu blinzeln, sah sie mich an, durch die dicken Brillengläser wirkten ihre blassen Augen noch größer.

»Es gibt eine Regel, die du kennen solltest, Herzchen. Wenn dich ein Erwachsener, den du kaum kennst, bittet, ein Geheimnis vor deinen Eltern zu bewahren, verheißt das nichts Gutes.«

Ich nickte. Warum hörte sie nicht endlich auf, mich anzustarren? Aber auch mir gelang es nicht, den Blick von ihr loszureißen.

»Es ist eine eiserne Regel«, sagte sie. Wieder nickte ich und schluckte. »Und ich bitte euch, sie zu brechen.«

Das mussten wir erst mal verdauen.

»Bis heute Abend um sechs.« In einer einzigen Bewegung sammelte sie ihre Sandalen und ihre gelbe Strandtasche ein und stakste zu den Treppenstufen. Da drehte sie sich noch mal zu uns um. »Pretorius. Dr. Emilia Pretorius. Hat mich gefreut.«

Neben mir würgte Mister Masch gerade die Badekappe in Einzelteilen hervor, nur um sie erneut zu fressen. (Später fügte ich noch Badekappe zu der immer länger werdenden Liste von Dingen hinzu, die Mister Masch gefressen hatte.)

»Was hältst du von ihr?«, fragte Ramzy und sah ihr hinterher.

Ich überlegte ein wenig und zeigte dann auf sein Fußballtrikot. »Wie viele Damen in ihrem Alter würden wohl das Auswärts-Trikot von Real Madrid erkennen?« Mich beeindruckte das. »Außerdem mag Mister Masch sie.«

Also war ich bereit, ihr eine Chance zu geben.

5. Kapitel

So sind wir also am Abend desselben Tages in Spanish City gelandet.

»Hahahahaaa!«, gackert Dr. Pretorius wieder, und ich glaube wirklich nicht, dass sie uns was vorspielt. Sie ist einfach aufgeregt.

Hinter den Flügeltüren ist es dunkel, komplett finster, bis Dr. Pretorius bellt: »Studiolicht!« Hoch, hoch über uns erwachen gleißend helle Strahler zum Leben, die an schmalen Metallschienen kreuz und quer im Gewölbe befestigt sind.

Wir stehen in einem riesengroßen runden Raum ohne Fenster, die Wände sind komplett – von oben bis unten – mit einem matten dunkelgrünen Zeug verkleidet … Schaumstoff? Wirkt schwammartig, aber ich traue mich nicht, es anzufassen. Die Decke und der Boden sind mattschwarz und in der Mitte des Raums steht ein einsamer Liegestuhl, so ein altmodisches Teil mit rot-weiß gestreiftem Segeltuch. Sonst nichts.

Wir befinden uns in der Kuppel von Spanish City, diesem auffälligen moscheeartigen Bau am Strand von Whitley Bay. Und diese Kuppel ist riesig.

»Gefällt’s euch?« Während ihre Stimme durch die gigantische Leere hallt, macht sie stolz eine ausholende Geste.

»Jaa!«, antworte ich, und Ramzy nickt, aber noch bevor meine Stimme verklungen ist, funkelt sie mich an.

»Lügnerin! Wie kann es dir gefallen? Du weißt ja nicht mal, was es ist. Ich habe euch gewarnt. Ihr müsst mir immer die Wahrheit sagen! Also noch mal von vorn. Gefällt’s euch?«

»Ähm …« Diesmal weiß ich wirklich nicht, was ich sagen soll, und ich habe Angst, was falsch zu machen. Diese Frau kann einen ganz schön einschüchtern. Ramzy rettet mich.

»Um ehrlich zu sein, Frau Dr. Pretorius«, sagt er, »da ist ja nicht viel zu mögen da. Aber es ist auf jeden Fall beeindruckend. Imposant. Ähm … außergewöhnlich.«

»Ha! Du lernst schnell! Weiter so. Du kennst eine Menge Wörter. Woher kommst du, mein Junge? In deinem Geordie-Dialekt schwingt noch was anderes mit, nicht wahr?«

Ramzy zögert. »Hhmm, mein Heimatland existiert nicht mehr. Es gab Krieg und …«

»Versteh schon, Junge. Wir suchen alle nach einem Zuhause, was? Das hier ist mein Zuhause. Willkommen in meinem Laboratorium. Ha! Kommt mit. Immer schön am Rand bleiben. Und … Moment mal.« Sie schnuppert. »Riecht ihr das? Wie verbranntes Gummi.«

»Tut mir leid. Das, ähm … das ist Mister Masch. Er hat ein kleines … Verdauungsproblem.«

Dr. Pretorius hält sich die Hand vors Gesicht und ihre Stimme klingt gedämpft. »Was du nicht sagst!« Ihr Blick wandert von Mister Masch zur Tür, als würde sie ihn am liebsten rausschicken, tut sie aber nicht. Womit sie in meiner Achtung steigt.

Während wir ihr am Rand des runden Raums entlang folgen, gewöhnen sich meine Augen an das Schummerlicht. Dr. Pretorius öffnet eine Tür und wir drei plus Mister Masch zwängen uns durch einen schmalen Durchgang.

»Kontrollraumlicht!«

Grelle Neonröhren erhellen einen lang gestreckten Raum mit weißen Fliesen an Boden und Wänden. Hier gibt es Arbeitsflächen aus Aluminium, mehrere Spülen, einen großen Kühlschrank, einen Herd mit acht Platten und einen schwarzen Eisengrill. Offensichtlich war das mal die Restaurantküche.

Über einem langen Schreibtisch aus Holz hängen drei riesige Bildschirme an der Wand, dazu gehört ein großes Pult mit Reglern und bunten Knöpfen. So eines haben wir auch in der Schule im Techniklabor. Und überall – auf jedem Regal, auf sämtlichen Flächen – liegt Zeug, unendlich viel Zeug. Kisten mit Kabeln, Ersatzteilen, winzigem Werkzeug, Rollen mit Klebeband, ein Lötkolben, Kästchen mit Nägeln und Schrauben, eine Auswahl an Schutzbrillen, Helmen, Handschuhen und Brillen für Virtual-Reality-Spiele. Manche sind so verstaubt, als hätten sie schon Jahre da herumgelegen. Auf den Brillen stehen Namen wie Google, Vis-Art, Apple, Ocean Blue, Samsung … Manche kenne ich, aber die meisten nicht.

Auf einer der Arbeitsplatten steht ein Computer mit Monitor, schon ziemlich alt, aus dem letzten Jahrhundert, die Innereien quellen aus dem Gehäuse, als wäre das Gerät mal heruntergefallen und niemand hätte sich die Mühe gemacht, die Teile zusammenzufegen. Hier hat überhaupt schon lange keiner mehr gefegt. Ehrlich gesagt, ist die ganze Bude ziemlich ranzig.

Unter dem Schreibtisch befinden sich etliche Schränke, in denen wohl die intakten Computer stecken. Ein paar Lichter blinken, aber es ist kein Geräusch zu hören, nicht mal ein Summen.

Auf einer weiteren Arbeitsplatte liegt ein Brett mit einem eingewickelten Brot, Butter, Käse und in der Spüle daneben stapeln sich dreckige Tassen. Mister Masch hat am Boden ein paar Krümel entdeckt und fahndet nun nach mehr.

Dr. Pretorius macht es sich mit ihren langen Gliedern in einem Schreibtischstuhl bequem, rückt ihre Brille zurecht und betätigt die Tastatur, woraufhin der mittlere Bildschirm anspringt.

»Entschuldigt die Unordnung«, sagt sie, aber es klingt nicht sehr reumütig.

Während sie eifrig tippt, öffnet sich eine Seite nach der anderen. Nun leuchten auch die beiden anderen Monitore auf. Eine Flut von Bildern rauscht vorbei, viel zu schnell, um was zu erkennen, bis ein Strand zu sehen ist.

Es ist ein bewegliches Bild, das aus drei verschiedenen Perspektiven aufgenommen wurde und jetzt über die Bildschirme ineinander projiziert wird.

Ich schaue zu Ramzy, der schon seit einer Weile nichts mehr von sich gibt. Mit offenem Mund starrt er auf die Monitore.

»Keine Sorge«, sagt Dr. Pretorius hinter uns, »das ist noch längst nicht alles. Da.« In jeder Hand hält sie einen Fahrradhelm und wartet, wie wir reagieren. »Macht schon, setzt sie auf«, sagt sie schließlich. »Stellt euch den Helm auf eure Größe ein und zurrt die Riemen fest, fester als sonst.«

Ein winziger Kopfhörer schmiegt sich bequem in jedes Ohr. Dr. Pretorius hilft uns mit den Riemen und Schnallen, zieht und zerrt, bis Ramzy ruft: »Au, das ist zu eng!«

»Kriegst du noch Luft?«

»Ja.«

»Dann ist es nicht zu eng. Okay, nun folgt mir. Der Hund bleibt hier.« Sie führt uns zurück in die Kuppel, wo wir mit dem Rücken zur grünen Schaumstoffwand stehen.

Als ich genauer auf den Boden schaue, merke ich, dass er in der Mitte anders ist und wir auf einer Art äußerem Ring stehen. Und dass die Scheibe in der Mitte nicht glatt ist, sondern …? Ich beuge mich dichter drüber.

»Ein Millimeter große mattschwarze Kugellager«, sagt Dr. Pretorius neben mir. »Millionen davon. Sie reichen einen halben Meter tief. Ihr könnt ruhig drauf laufen, kein Problem. Die Kugellager liegen dicht an dicht. Ihr versinkt schon nicht.«

Nachdem Dr. Pretorius noch mal die Helme kontrolliert hat, klappt sie einen gebogenen Stahlbügel herunter, der sich wie ein Visier vor die Augen schiebt. »Das ist der 3-D-Generator«, sagt sie. »Am Anfang blendet es ein wenig. Und wahrscheinlich kribbelt es auch auf der Kopfhaut, aber kümmert euch nicht drum.«

Ramzy sagt: »Ist ja wie im Virtuellen Erlebnisraum in Disneyland!«

Ich habe den Eindruck, dass er das lieber nicht hätte sagen sollen, aber sicher weiß ich es nicht. Dr. Pretorius blinzelt ein paarmal und atmet tief durch die Nase, als würde sie die Antwort gut abwägen. Endlich sagt sie: »Stimmt haargenau, Kleiner. Ist nur vieeel besser. Dieses Spiel wird die Welt verändern. Gut, da geht’s lang.«

Sie führt uns zum Liegestuhl. Über die Kugellager läuft es sich wie über weichen Schotter. Merkwürdig.

»Wenn das Programm startet«, sagt Dr. Pretorius, »bewegt sich der Untergrund ein wenig. Anfangs fühlt es sich vielleicht seltsam an, aber daran gewöhnt ihr euch schnell.« Damit marschiert sie zum Kontrollraum und schließt krachend die Tür. Bei mir knistert es im Ohr und ihre Stimme ertönt: »Bereit? Okay, dann mal los!«

Erst in dem Moment wird mir klar, dass ich überhaupt keinen Schimmer habe, worauf ich mich da einlasse. Ich habe alles blind mitgemacht, habe mir diesen kuriosen Fahrradhelm aufsetzen lassen, bin über ein Bett aus winzigen Kugeln gelaufen und stehe nun unter einer riesigen dunklen Kuppel, während andere Leute draußen in der Sonne Eis essen und …

Genauso erging es mir, als ich das erste Mal Achterbahn gefahren bin. Ich muss so sechs gewesen sein. Dad und ich saßen im ersten Wagen. Und erst nachdem wir die Steigung hochgekrochen waren und ganz oben standen, wurde mir klar, dass ich so hoch nie sein wollte.

Vor nicht mal fünf Minuten habe ich mit einem Wolfskopfklopfer an ein Stahltor geschlagen und jetzt teste ich … ja, was überhaupt? Ein neues Spiel? Wer ist diese Frau?

Ich habe eine Heidenangst. Wie bin ich da nur reingeraten?

»Ramzy? Mir gefällt das nicht.«

Ich greife nach Ramzys Hand und rufe: »Stopp!« Und noch mal lauter: »STOPP!«

Aber zu spät. Die Deckenstrahler gehen aus und alles wird dunkel.

6. Kapitel

Genau hier, wo wir jetzt stehen, befand sich vor einer Weile noch ein Restaurant, in dem ich allerdings nie gewesen bin. Jahre davor war es mal ein Tanzpalast, dann eine Disco mit Cafés und Spielhallen. Draußen gab es einen Vergnügungspark, der das ganze Jahr geöffnet hatte, und mittendrin diese riesige weiße Kuppel. Das Ganze hieß dann Spanish City.

Grandpa, der hier aufgewachsen ist und gelebt hat, bis er mit Gran nach Schottland gezogen ist, erinnert sich noch an eine uralte, klappernde Holzachterbahn, die Großer Wagen hieß. Seit den 90ern ist Spanish City mehr oder minder eine Ruine gewesen und das blieb auch eine ganze Zeit so.

Vor ein paar Jahren wurde dann alles runderneuert und der Große Wagen und der Vergnügungspark existieren seitdem nicht mehr. Aber in den Arkaden, dem Ladenbereich von Spanish City, gibt es nach wie vor Eisdielen und Cafés, so teure Schickimicki-Läden wie Polly Donkin Tea Rooms, bei denen Grandpa aufschreit: »Soll das ein Witz sein? So viel Geld für eine Kanne Tee? Als ich klein war, also das kann ich euch sagen …«, und so weiter.

Einmal hat der König Spanish City einen Besuch abgestattet, bevor er König wurde. Da war ich noch ein Baby. Und es gibt ein Foto von Mum und mir, auf dem es aussieht, als würde mich der König anlächeln, dabei liegt es wohl nur an der Perspektive. Das Lächeln galt nicht mir. Jedenfalls hängt das Foto bei uns im Flur.

Und im letzten Winter schloss das Restaurant in der Kuppel dann urplötzlich. Niemand wusste, warum. Saskia Hennesseys Mutter arbeitete da als Kellnerin und verlor von einem Tag auf den anderen ihren Job. Doch dafür … bekam sie einen Riesenbatzen Geld; die ganze Familie machte Urlaub in Florida, und als sie zurückkamen, hatten alle neue Laptops, und Mrs Hennessey fand gleich einen Job bei Polly Donkin Tea Rooms.

So erging es wohl allen Angestellten, das behauptet Sass zumindest.

Heute: belebtes Restaurant. Morgen: Umzugswagen, die Tische und Stühle abholen. Die Woche darauf: Arbeiter mit Vorschlaghämmern und Containern.

Von außen sieht es noch genauso aus. Aber was drinnen vor sich geht, weiß keiner. Zumindest wusste es keiner, bis Ramzy und ich Dr. Pretorius kennengelernt haben.

Irgendwann kurz vor den Herbstferien liefen Ramzy und ich von der Schule nach Hause, und ich erzählte ihm alles, auch meine Begegnung mit dem König, und ich dachte laut darüber nach, was in Spanish City wohl vor sich geht, da stapfte Ramzy einfach auf einen Typen mit orangefarbener Weste und Schutzhelm zu, der am Hintereingang eine Schubkarre mit Ziegeln und kaputten Brettern schob.

»Entschuldigen Sie, Sir. Was passiert da drinnen?«, fragte Ramzy, während ich vor Scham am liebsten im Boden versunken wäre. (»Sir!«) Unser Lehrer Mr Springham sagt immer, Ramzy hat überhaupt keine Hemmungen, er spricht einfach jeden an.

Der Mann schien ganz froh, seine Ladung mal absetzen zu können.

»Da bin ich überfragt, Junge. Prima Restaurant, alles rausgerissen! Is ’ne Schande, meine Meinung. Guck mal hier …« Er zeigte auf eine große glänzende Steinplatte in der Schubkarre. »1A italienischer Marmor. Ach, eigentlich könnt ich das gebrauchen. Gibt ’nen hübschen Gartentisch!«

»Und … was kommt da jetzt rein?«, Ramzy wieder. Der Mann hatte seinen Schutzhelm abgenommen und wischte sich mit dem Unterarm den Schweiß von der Stirn. Er sah zur Kuppel hoch.

»Keine Ahnung. ’n Film- oder Musikstudio könnte ich mir vorstellen. Nächste Woche kommt da ’n Haufen teure Teile rein. Weißt schon, Lichter und Projektoren und Computer und so ’n Kram.« Mit dem Kopf deutete er zu einer älteren Dame mit Schutzhelm, die vor einem Stapel silberner Kanister kniete und die Etiketten prüfte. Finster blickte sie zu uns herüber. Im ersten Moment kam sie mir nicht bekannt vor.

»Oh, oh. Muss mich wieder an die Arbeit machen, sonst steigt mir die Frau Doktor aufs Dach.«

Ramzy drehte sich zu mir um. »Siehst du, man braucht bloß zu fragen!«

Im Gehen wandte ich mich noch mal um. Die alte Frau hatte sich erhoben und sah uns nach. Groß und dünn war sie. Ich schaute weg. Nach ein paar Metern riskierte ich einen weiteren Blick und sie guckte noch immer. Ich fühlte mich wie ertappt, als hätte ich was Verbotenes getan.

Und da erst erkannte ich sie wieder. Ich hatte sie manchmal unten am Strand beim Baden gesehen. Sogar im Winter.

Was immer hier entstehen würde, musste gigantisch sein. Denn in den silbernen Kanistern steckte Kaltschweißmasse, ein Metallkleber. Dad benutzte ihn in seiner Autowerkstatt, aber er hatte nur einen Kanister davon. Die alte Dame hatte bestimmt um die zwanzig.

Und als ich mich diesmal umschaute, geschah was. Ein Blick? Eine Verbindung? So genau kann ich es nicht sagen, aber ich hatte das Gefühl, dass sie uns nicht ohne Grund beobachtete. Ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht, doch vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet.

7. Kapitel

In der finsteren Kuppel leuchtet der Metallbügel vor meinen Augen plötzlich auf. Das blau-weiße Licht ist so grell, dass es fast wehtut und ich blinzeln muss. Nachdem sich die Helligkeit ein wenig gelegt hat, werden Formen sichtbar. Innerhalb von Sekunden verwandeln sich dünne Pfähle in Palmen und aus dem dunklen Boden wird ein weißer Sandstrand.

Und ich meine damit, es sieht richtig nach Strand aus, nicht nach so einem kitschig gelben Strand mit pixeliger Auflösung, den man durch ein klobiges Headset betrachtet. Virtuell habe ich noch nie einen so realistischen Strand gesehen, noch nie.

Ich lasse Ramzys Hand los und er ruft erstaunt: »Boahhhhh!«

Vor uns befindet sich der Liegestuhl und zu beiden Seiten davon erstreckt sich halbmondförmig ein mit Palmen gesäumter cremeweißer Sandstrand. Dahinter kräuselt sich ein türkisfarbenes Meer.

Ich drehe mich einmal um die eigene Achse. Die Illusion ist perfekt. Über mir ein blauer Himmel mit Schäfchenwolken, weiter hinten am Horizont eine dunklere, graue Wolke.

Dann nehme ich die Geräusche wahr: die Brise, das Rascheln der Palmen im Wind, das Brechen der kleinen Wellen, ein altes Moped, das in der Ferne vorbeiknattert. Hinter mir schallt blecherne Musik. Als ich mich umdrehe, ist da eine Hütte, aus der die Musik kommt und in der man Getränke kaufen kann. Hinter dem Tresen steht ein Barmann und lächelt. Ich erwidere das Lächeln und winke ihm zu.

Er winkt zurück, dabei sind seine Bewegungen kein bisschen abgehackt, nur sein Arm ist ein wenig pixelig und ihn umgibt eine dunkle Kontur.

Okay, denke ich. Das ist ziemlich gut, mehr als gut, großartig, aber ihr wisst schon …

Ich will ja nicht zynisch oder verwöhnt klingen, aber ich habe schon Virtual-Reality-Spiele gespielt. Das hier ist gut und garantiert besser als die in Disneyland, aber … was soll die ganze Geheimnistuerei?

»Das ist ziemlich gut!«, rufe ich und schaue mich um.

»Ziemlich gut?« Dr. Pretorius’ Stimme schallt so laut durch die Kopfhörer, dass ich zusammenzucke. Fast hätte ich vergessen, dass ich in der großen, dunklen Kuppel von Whitley Bay stehe. »Ziemlich gut? Ist das alles, was du dazu zu sagen hast? Ziemlich gut?« Ihre sonst so dunkle Stimme klingt auf einmal schrill.

»Es … es tut mir leid. Ich meine toll. Es ist …«

»Fass mal den Sand an. Los, der beißt schon nicht! Fass den Sand an!«

Als ich mich hinhocke und den Sand berühre, quieke ich überrascht auf. Ich weiß ja, dass unter mir ein halber Meter winziger Kugellager aufgeschüttet ist. Doch berühren tue ich …

Sand. Jedenfalls fühlt es sich so an.

Die Körner rieseln mir durch die Finger. Ich schnappe nach Luft und Dr. Pretorius kichert heiser. »Es ist besser als ziemlich gut, was?«

Ich nicke. »Ja. Es ist … perfekt.«

»Ha! Noch nicht ganz, aber danke. Nimm dir noch mal Sand und sage mir, was du fühlst.«

Ich nehme mir eine Handvoll Sand. Ramzy tut das Gleiche und sagt: »Fühlt sich … kalt an? Sollte der Sand in der Sonne nicht wärmer sein?«

»Hhm«, sagt Dr. Pretorius und hämmert auf der Tastatur herum. »Wie ist es jetzt?«

Auf einmal fühlt sich der Sand wärmer an. »Ist er auch nicht zu warm?«, fragte sie. Stumm vor Staunen schüttle ich den Kopf.

»Was zum …?« Ramzys Gesicht ist pures Entsetzen. »Georgie! Hinter dir!«

Ich wirble herum und schreie. Ein Skorpion von der Größe eines Couchtisches hebt drohend seine riesigen Scheren, der Schwanz ragt zitternd in die Höhe. Er ist noch fünf Meter entfernt und kommt auf mich zu.

8. Kapitel

Skorpione habe ich bislang nur auf Fotos und im Fernsehen gesehen. Und ich bin froh, vermelden zu können, dass sie an der Nordostküste Englands nicht heimisch sind. Aber so viel weiß ich über Skorpione: Sie sind nicht größer als eine Hand und normalerweise giftig.

Dieser Skorpion erinnert mich an einen riesigen, glänzend schwarzen Hummer, leicht rötlich, mit einem extra langen Gliederschwanz, der sich über den Rücken nach oben biegt. Am Ende befindet sich eine orangerote Blase mit einem langen Stachel. Die Scheren sehen aus wie bei einem Krebs und klappern bedrohlich, während der Skorpion auf seinen acht Beinen im Zickzack auf mich zustakst. An den Rändern ist die Illusion nicht perfekt, da verschwimmen die Konturen, wenn er sich bewegt, so wie beim Barmann.

Doch dass der Skorpion nur virtuell existiert, macht ihn leider nicht weniger furchterregend.

»Dr. Pretorius!«, brülle ich. »Ramzy!«

Ramzy ist vor Angst wie gelähmt. Sonst höre ich bloß Dr. Pretorius murmeln: »Ach, du Schande, nicht der schon von wieder.«

Als der Skorpion noch zwei Schritte auf mich zumacht, trete ich verzweifelt mit dem Fuß nach ihm. Zu meiner Überraschung treffe ich die Schere. Ich spüre die Berührung, aber dennoch rückt der Skorpion näher und richtet sich drohend auf. Ohne groß zu überlegen, laufe ich davon. Statt Augen hat das Tier offenbar bloß Erhebungen auf dem Kopf, schwarz glänzende halbe Fußbälle, trotzdem hat es mich damit direkt angesehen.

Das Laufen fühlt sich seltsam an, der Sand unter meinen Füßen kommt mir eher vor wie winzige Metallkugeln, die sich beim Drüberlaufen drehen. Aber Hauptsache, ich komme möglichst weit weg von dem riesigen schwarzen Skorpion.

»Dr. Pretorius! Was ist das für ein Ungetüm?«, brülle ich. Ramzy hat sich den Liegestuhl geschnappt und schleudert ihn. Er zielt nicht schlecht, bloß dass der Stuhl durch den Skorpion durchsegelt, als wäre er ein Geist.

»Tsss. Keine Angst«, erklingt Dr. Pretorius’ Stimme über die Kopfhörer. Sie klingt eher genervt als besorgt. »Was soll das, du kleines …«, doch ich glaube, sie spricht mit dem Skorpion.

Ramzy und ich laufen den Strand weiter hoch, aber der Skorpion lässt nicht von uns ab, krabbelt immer wieder zwei oder drei Schritte über den Sand.

Dann öffnet er ohne Vorwarnung die Scheren, stellt sich auf die haarigen Hinterbeine und geht auf mich los. Ich stolpere und lande genau in dem Moment mit dem Gesicht im Sand, als der silberne Bügel vor meinen Augen schwarz wird.

Alles ist still.

Als kurz darauf die Strahler in der Kuppel aufflammen, liege ich noch immer keuchend mitten im Studio. Ramzy kniet neben dem umgedrehten Liegestuhl am Boden, wo sich gerade eben noch der Skorpion befand. Dr. Pretorius kommt aus dem Kontrollraum und stapft freudestrahlend über die winzigen Metallkugeln auf uns zu.

»Willkommen in der MSVR, der multisensorischen virtuellen Realität! Herzlichen Glückwunsch, ihr seid die Allerersten, die diese Welt erfahren.« Sie faltet ihre knochigen Hände und schüttelt den Kopf, sodass ihr Heiligenschein aus weißem Haar bebt. »Es ist fast so weit«, sagt sie. »Fast!«

Ich bin noch immer außer Atem von meiner Begegnung mit dem Riesenskorpion. Dr. Pretorius bemerkt es. »Hey, Schätzchen. Tut mir leid wegen Buster! Ein Bug, den ich noch beseitigen muss. Aber er hätte dir nichts getan.« Dann fügt sie hinzu: »Glaube ich wenigstens nicht, ha!«

Ramzy und ich sitzen auf dem langen Holztisch im Kontrollraum, während Dr. Pretorius neben uns auf die bunte Tastatur eindrischt, als würde sie Schlag-den-Maulwurf spielen. Jeder von uns hat eine Dose No-Name-Cola und eine Kekspackung vor sich. Falls Ramzy enttäuscht ist, weil ich ihm selbst gebackene Scones versprochen habe, lässt er sich nichts anmerken und stopft sich gerade noch zwei weitere Kekse in den Mund. Zu unseren Füßen schnüffelt Mister Masch nach Krümeln.

Dr. Pretorius sieht uns beim Sprechen nicht an.

»Ihr beide« – bam, bam, klack – »bleibt da mal schön sitzen« – klack, klack, BAMM – »ich bin gleich bei euch« – klickklack – klickklack – bamm – BAMM – »hol dich doch der Kuckuck! Nein, nein, euch meine ich nicht. Ach, verflixt, ich kümmere mich später drum.« Noch einmal drischt sie auf die Tastatur ein, bevor sie in ihrem Drehstuhl zu uns herumschwingt. »Dieser verdammte Skorpion. Der macht, was er will. Dabei sollte es ihn nicht mal geben.«

Ramzy und ich nicken, als würden wir jedes Wort verstehen.

Betretenes Schweigen. Dann fragt Dr. Pretorius: »Wie war es denn in diesem Virtuellen Erlebnisraum in Disneyland?« Sie haut uns die Frage quasi um die Ohren und widmet sich dann wieder ihrer Tastatur, als würde sie die Antwort eigentlich nicht interessieren, was natürlich nicht stimmt.

»Überwältigend«, setze ich an, rudere aber lieber ein wenig zurück. »Na ja, überwältigend ist vielleicht zu viel gesagt. Es war gut. Sehr gut. Ziemlich gut. Wahrscheinlich gibt es noch bessere VRs. Also …« Was stammle ich eigentlich so blöde rum?

Ramzy kommt mir zuhilfe. »Kennen Sie den Virtuellen Erlebnisraum dort, Dr. Pretorius?«, fragt er im Plauderton.

»Ob ich ihn kenne? Ein wenig.« Dr. Pretorius tut, als wäre es ihr egal.

Ramzy und ich tauschen Blicke. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass sie ihn mehr als nur ein wenig kennt.

»Ich habe bloß einen Teil des Programms dafür geschrieben«, sagt sie. »Das Programm, ihr wisst schon. Die visuellen Darstellungen, die Akustik … so was. Die dicke Brille, die man tragen muss, habe ich auch entwickelt. Der 360°-Grad-Regenwald … war für mich wie ein Kind. Ein Kind, das nie erwachsen wurde.«

Urplötzlich springt sie auf und ihre Stimme wird lauter, die Worte purzeln nur so heraus. »Wisst ihr noch, wie sich der Sand angefühlt hat? Ihr konntet ihn fühlen, obwohl nichts da war.« Ich nicke. »Und der Skorpion? Als du nach ihm getreten hast, hast du ihn berührt, nicht wahr? Du hast es gespürt. Aber als du«, nun deutet sie auf Ramzy, der zusammenzuckt, »den Liegestuhl nach Buster geworfen hast, ist er glatt durch ihn durchgegangen. Hat euch das nicht gewundert?«

»Ja?«, sagen wir beide zögerlich. Klar habe ich mich darüber gewundert, aber ich habe mich die letzten zehn Minuten pausenlos gewundert. Da fiel das auch nicht mehr groß ins Gewicht.

Dr. Pretorius schnappt sich den Fahrradhelm, den ich getragen habe, und dreht ihn herum. Der Helm ist innen voller kleiner Metallhubbel.

»Alles, was wir hören, sehen und anfassen, wird im Gehirn verarbeitet. Ohne unser Gehirn geht gar nichts. Könnt ihr mir folgen?«

Ramzy und ich sehen uns an. Worauf will sie hinaus? Dr. Pretorius ist so in ihrem Element, dass sie nicht auf uns achtet.

»Doch das Gehirn lässt sich austricksen. Optische Täuschungen, Zauberkunststücke, Déjà-vu-Erlebnisse – all das führt den Verstand in die Irre. Das haben schon die Höhlenmenschen gemacht. Und jetzt gibt’s das hier!«

Dr. Pretorius hält den Helm wie eine Trophäe hoch und funkelt uns an.

»Das hier, meine Lieben, ist die größte Illusion überhaupt. Oder wird es werden. Dieser Projektor da«, mit dem Finger fährt sie über den Metallbügel, »täuscht die Augen mit vorprogrammierten Szenen. Keine klobigen Brillen mehr! Aber das Besondere sind eigentlich die da, diese Kontakte, da und da und da …« Dr. Pretorius zeigt auf die Metallhubbel auf der Innenseite des Helms, die an meinem Schädel lagen. »Die senden Signale an den Parietallappen und …«

»Moment mal«, sagt Ramzy. »Wohin?« Ich bin froh, dass Ramzy dabei ist. Endlich ist seine nervige Angewohnheit, alles infrage zu stellen, mal zu was nütze.

Dr. Pretorius wirkt nicht gerade glücklich über die Unterbrechung, aber dann lenkt sie ein. »Na gut. Ich habe mich ein Leben lang damit beschäftigt, um es zu verstehen. Im Parietallappen werden alle Sinneseindrücke, die das Fühlen betreffen, verarbeitet. Man kann den Computer so programmieren, dass er Signale an die Kontakte sendet, die wiederum elektrische Impulse an den Parietallappen weiterleiten und dem Gehirn zum Beispiel die Wärme einer virtuellen Sonne vorgaukeln. Das ist sogar ziemlich einfach. Sand ist da schon schwieriger. Zu fühlen, wie einem die feinen Körner durch die Finger gleiten, erfordert einiges an Illusion. Darauf bin ich ziemlich stolz. Wollt ihr noch einen Keks?«

Verständnislos sehe ich sie an. Noch immer versuche ich zu begreifen, was sie uns da gerade erklärt. Da helfen auch keine Kekse. Ramzy sieht es anders und nimmt gleich zwei.

»Als ich dieses … Skorpion-Wesen getreten habe, war das also auch eine Illusion?«

»Richtig! Genau wie beim Sand. Das Programm hat dir vorgegaukelt, dass der Skorpion aus fester Materie besteht. Und mit dem Fuß hast du den Widerstand gespürt, so wie du mit den Händen den Sand gespürt hast, obwohl beides nicht existiert.«

»Aber als ich den Liegestuhl nach dem Skorpion geworfen habe«, sagt Ramzy und spuckt Krümel, »ist er natürlich einfach durch ihn durchgeflogen.«

Dr. Pretorius zwinkert. »Kluges Köpfchen. Daran arbeite ich noch.« Dann klatscht sie plötzlich in die Hände und erhebt sich. »Für heute reicht’s! Ich hab noch eine Menge zu tun.«

»Es ist also noch nicht fertig?« Ramzy nimmt sich den letzten Keks und springt vom Tisch.

Dazu sagt Dr. Pretorius nichts. Ramzy und ich folgen ihr schweigend mit Mister Masch aus dem Studio, die Stahltreppe hinunter bis zum Lagerraum und der verlassenen Laderampe. Statt aber dieselbe Tür wie vorhin zu nehmen, dreht sich Dr. Pretorius um und schließt eine andere Tür mit einem großen altmodischen Schlüssel auf.

»Abkürzung«, sagt sie.

Die Tür führt direkt in die Arkaden von Spanish City. Hier gibt es einen lärmigen Raum voller Spielautomaten und Kinderkarussels, die Gelateria (ein protziger Name für eine simple Eisdiele, wenn ihr mich fragt), eine teure Fish & Chips-Bude und Polly Donkins Tea Rooms. Mir kommt es vor, als hätten wir einen Geheimgang genommen, obwohl es doch bloß eine verschlossene Tür war.

Der Hauptgang liegt ein paar Meter vor uns, und wir drängen uns durch die Menge, doch plötzlich bin ich gezwungen, stehen zu bleiben. Sass Hennesseys Mum bringt gerade einen Teller Pommes an einen Tisch draußen, als sie mich entdeckt.

»Hallo, Georgie!«, ruft sie, als wären Sass und ich die besten Freundinnen. Ramzy grinst breit, obwohl er sie nicht mal kennt. »Schön, dich zu sehen. Und, ähm …« Neugierig sieht sie Dr. Pretorius an. Wahrscheinlich fragt sie sich, wer das wohl ist.

»Hallo«, murmle ich.

»Was macht Sankt Bello? Saskia hat mir ja so viel davon erzählt«, sagt Sass’ Mum und räumt dabei die Gläser vom Tisch. Aber ich bin schon halb am Ausgang und antworte nicht mehr. Mir hat nicht gefallen, wie sie Dr. Pretorius gemustert hat. Vielleicht täusche ich mich und Mrs Hennessey kennt sie doch. Vielleicht ist Dr. Pretorius hier Stammgast. Was weiß ich.

Dr. Pretorius führt uns hinaus auf die belebte Straße. »Kommt morgen um die gleiche Zeit. Und denkt dran: Das ist unser Geheimnis! Was ihr gesehen habt, war noch gar nichts.« Damit dreht sie sich um und verschwindet auf dem gleichen Weg, den wir gekommen sind. Ramzy und ich sehen ihren weißen Schopf über die Menschenmenge schweben.

»Na? War das jetzt ein Abenteuer oder nicht? He, Erde an Georgie!«

Ich bin ganz woanders in Gedanken. Schaue hinauf zu den verdunkelten Fenstern der Kuppel.

»Was ihr gesehen habt, war noch gar nichts. Was meint sie wohl damit, Ramzy?«

»Keine Ahnung. Wahrscheinlich dürfen wir demnächst Waffen testen: der Kampf der Riesenskorpione! Oder …«

»Nein, das glaube ich nicht. Mit Spielen hat das nichts zu tun. Da geht es um was anderes.«

Ramzy sieht mich aus zusammengekniffenen Augen an. »Traust du ihr nicht?«

Ich denke darüber nach.

Trau keinem, der keine Hunde mag.

Dr. Pretorius kam mit Mister Masch klar. Jedenfalls hatte sie keine Antipathie gegen ihn. Sie hat sogar seinen Gestank hingenommen. (Im Kontrollraum hat er eine üble Stinkbombe abgelassen, wie Dad es nennen würde. Und Dr. Pretorius hat so getan, als bemerke sie es nicht. Fand ich echt nett.)

Andererseits kennen wir sie erst seit heute Morgen und schon hat sie mich und Ramzy zu Stillschweigen verpflichtet.

»Ich weiß nicht«, antworte ich schließlich. »Aber irgendwas hat sie vor.«

»Dann lass es uns herausfinden«, sagt er. »Morgen um die gleiche Zeit. Das wird ein richtiges Abenteuer.«

Ich lächle ihn an. »Okay.«

Damit wäre das geklärt. Fürs Erste trauen wir Dr. Pretorius.

Und verrückte Wissenschaftler sind nicht grundlos verrückt, stimmt’s?

9. Kapitel

In den nächsten Wochen wird es zur festen Gewohnheit, nach der Schule immer zu Dr. Pretorius zu gehen. Nie ruft sie uns auf dem Handy an, und wir können sie auch nur erreichen, indem wir am verabredeten Tag zur verabredeten Zeit mit dem Wolfskopf an ihre Tür klopfen. Alles ziemlich »oldschool«, wie Ramzy begeistert sagt.

Mal testen wir eine neue MSVR-Umgebung. Dann wieder hängen wir bloß im Kontrollraum ab und sehen fasziniert zu, wie Dr. Pretorius am Computer für uns neue Welten programmiert.

Einmal hatte ich anschließend Kopfschmerzen, aber die hielten nicht lange an. Ramzy auch. Dr. Pretorius wirkte nicht weiter besorgt und gab uns bloß eine Schmerztablette.

(Übrigens befindet sich unter der blauen Plane tatsächlich ein Multi-Copter. Einmal habe ich die Drohne gesehen: ein Schalensitz inmitten von zehn Speichen, an deren Enden Rotoren sitzen. Offensichtlich ein Eigenbau, denn überall schauen Kabel heraus, die Schweißnähte sind uneben und der Boden unterm Sitz ist der zurechtgebogene Deckel einer Keksdose von McVitie’s. Dr. Pretorius hat sofort mein Interesse bemerkt: »Ja, das ist mein neues Projekt. Solarbetrieben mit unbegrenzter Reichweite.«)

Und immer wieder sagt sie zu uns: »Was ihr gesehen habt, war ja noch gar nichts.« Vom Großen Experiment spricht sie, wobei sie nichts weiter verraten will. Außerdem vergewissert sie sich, dass wir alles geheim halten:

»Und ihr habt auch wirklich nichts verraten? Ihr beide seid meine Mitverschwörer. Außer uns dreien weiß keiner was. So ein Spaß!«

Vielleicht klingt das jetzt für euch ein wenig unheimlich, aber so fühlt es sich für uns zu diesem Zeitpunkt nicht an. Wie Ramzy so schön sagt, wobei er mir damit allmählich auf den Wecker geht: Es fühlt sich wie ein großes Abenteuer an.

Um Dr. Pretorius zu besuchen, müssen wir schon ein wenig tricksen, was mir nicht so gefällt, aber immerhin muss ich nicht wirklich lügen:

1. Ich habe ja Sankt Bello und außerdem helfe ich in der Schulbibliothek, da komme ich oft später nach Hause.

2. Jessica arbeitet im Moment viel und hat sich noch nie dafür interessiert, was ich in der Schule mache.

3. Clem ist gerade mitten in den Abschlussprüfungen und kommt nur aus seiner Teenagerhöhle, um dreckige Teetassen in der Spüle zu stapeln. Der fragt also auch nie.

4. Und Dad? Dad ist glücklich, wenn ich glücklich bin. Und das bin ich also, hurra!

Ramzy hat es da schon schwerer. Was aber nicht an seinem Vater liegt, der ist nämlich Lkw-Fahrer und meist auf langen Touren unterwegs, sondern an seiner gruseligen Tante Nush. Ich bin ihr erst einmal begegnet. Sie kümmert sich um Ramzy und seine beiden kleinen Brüder und spricht kaum Englisch. Sie ist super streng. Deshalb muss Ramzy oft schwindeln. Meistens erfindet er irgendwelche Extra-Schulstunden.

»Ramzy, du bist erst zehn. Da gibt es in der Schule keine ›Überstunden‹.«

Als wir nach der Schule zu dem kleinen Tante-Emma-Laden laufen, flattern Ramzys Schulshorts im Wind. Er sieht beschämt drein. »Weiß ich doch, aber sie kann ja schlecht in der Schule anrufen und nachfragen. Sie bringt ja kaum ein Hallo raus. Jedenfalls sind wir ein Team, nur dass du Bescheid weißt.«

»Na toll. Jetzt ziehst du mich da noch mit rein!«

»Was soll ich denn machen? Meine Tante ist die Hölle. Ich musste einen Peilsender tragen, bis der kaputt war. Wenn ich nicht so ein museumsreifes Handy hätte, würde sie auch das mit einem Sender versehen.« Er hält ein uraltes Prepaid-Teil hoch, das wie ein Überbleibsel aus den 90ern wirkt.

Vor dem Laden fegt der Besitzer Eymann Nurrswei den Gehweg. Wütend funkelt er uns an und folgt uns nach drinnen. (Anfunkeln tut er jeden, nicht nur uns. Und Eymann Nurrswei ist natürlich nicht sein richtiger Name. Alle nennen ihn bloß so, weil er nie mehr als zwei Schüler im Laden duldet, falls die ihm die ganzen Süßigkeiten klauen wollen. Ständig brüllt er »Ey, Mann, nur zwei!« mit einer schrillen Stimme und einem starken Akzent, den wir nicht einordnen können.)

Ramzy lädt sein Guthaben auf dem Handy auf. Dabei bezahlt er mit einer Tüte Kleingeld, woraufhin Eymann wütend vor sich hin murmelt.

Mir tut Ramzy immer ein bisschen leid. Wegen seinen großen Hundeaugen, den Hasenzähnen, den Segelohren und … na ja. Ich nehme mein Bibliotheksabzeichen ab und reiche es ihm. »Da. Jetzt kannst du sagen, dass du auch Bibliothekshelfer bist. So hast du eine Ausrede fürs Zuspätkommen.«

Ramzy grinst mich breit an. »Danke, Partner!«

»Lass dich bloß nicht von Mr. Springham mit dem Abzeichen erwischen.«

Er steckt sich das Abzeichen an sein verblichenes Schulhemd. »Man darf aber auch nicht vergessen, dass Dr. Pretorius alt und sehr einsam ist! Wir tun also Gutes!« Damit sind auch meine letzten Schuldgefühle beseitigt, die ich wegen der Schwindelei noch hatte.

Wie immer machen wir uns nach Spanish City auf.

Wie immer gehen wir hoch in die Kuppel, wie immer hockt Dr. Pretorius vorm Computer.

Wie immer spielen wir ein VR-Spiel.

Doch dann nehmen wir die Helme ab, und Dr. Pretorius sagt etwas, das sie nicht immer sagt.

»Ihr wollt bestimmt wissen, worum es bei der ganzen Sache geht, was?«

Ramzy und ich sehen uns an. Klar wollen wir das wissen. Aber wie sollen wir das erfragen?

Nachdem sie ein letztes Mal entschlossen auf die Tasten eingeschlagen hat und auf den Bildschirmen eine riesige römische Arena mit Gladiatoren und Streitwagen erscheint, schwingt sie ihren Stuhl herum und mustert uns eingehend.

Es herrscht Stille, während wir darauf warten, dass sie was sagt. Dabei betrachte ich ihr altes, faltiges Gesicht. Ihre himmelblauen Augen blicken so wach wie immer, aber ihre Haut kommt mir auf einmal so bleich und fahl vor. Und als sie dann auch noch heftig hustet, begreife ich’s gleich.

»Ich habe nicht mehr lange, Kids. Es ist ein Wettlauf mit der Zeit, und ich habe noch einiges zu tun, bevor ich … bevor ich euch verlasse.«

Ramzy runzelt die Stirn. »Ähh. Ziehen Sie weg?«

Ich rolle die Augen. Selbst ich habe kapiert, was sie meint.

Dr. Pretorius bellt: »Umziehen? Ha! Muss ich denn noch deutlicher werden, Junge? Ich sterbe. Ich habe ein tödliches Herzleiden, gegen das selbst die besten Ärzte im Land machtlos sind. Und bevor ich einen Abgang mache, will ich noch sicherstellen, dass mein Leben nicht völlig sinnlos war. Verstehst du jetzt?«

»Oh!« Ramzy schaut auf seine abgestoßenen Schuhe.

»Ja. Oh, kann man wohl laut sagen. Was ihr gesehen habt, war ja noch gar nichts!«

Schon wieder dieser Satz: Was ihr gesehen habt, war ja noch gar nichts. Was in aller Welt kann so wichtig und großartig sein?

»Ich sag’s euch, Kids. Das wird ganz außergewöhnlich. Und ihr dürft’s als Erste ausprobieren.«

Irgendwie scheint sie zu erwarten, dass wir »Wow!« sagen oder uns zumindest bedanken.

»Wow.« Sehr überzeugend klinge ich nicht. Und um das darauffolgende betretene Schweigen zu brechen, stelle ich die Frage, die mich schon die ganze Zeit beschäftigt.

»Warum ausgerechnet wir?«

Auf ihrem Gesicht breitet sich ein wölfisches Grinsen aus. »Wollt ihr das wirklich wissen? Wollt ihr die ganze Wahrheit?«

Wenn jemand einen so fragt, bleibt einem ja nur eine Antwort übrig, auch wenn vielleicht nichts Gutes dabei herauskommt. Ich zucke mit einer Schulter und sage: »Glaub schon.«

Dr. Pretorius wendet sich wieder ihrer Tastatur zu und kurz darauf erscheint eine Reihe von Fotos. Es sind Luftaufnahmen vom Marine Drive, der Straße hier vor der Tür, die auch zu unserer Schule führt. Nach ein paar Klicks sind Fotos von mir und Ramzy zu sehen, zwar aus weiter Entfernung aufgenommen, aber dennoch ziemlich scharf. Ein Bild nach dem anderen flimmert über den Monitor: Ramzy in seiner dicken, viel zu großen Winterjacke, wir beide auf Leihrädern, ich in einem rot-weiß-blauen Kostüm zum internationalen Flaggentag in der Schule … und so weiter.

Als Ramzy sich zu Wort meldet, schwingt leichte Empörung in seiner Stimme mit: »Sie … Sie haben uns ausspioniert?« Ein bisschen gruselig ist das schon.

»Ach, entspann dich, Junge! Schaut mal genau hin. Fällt euch was auf?«

Ramzy und ich sehen uns die Bilder an, aber mir fällt nichts auf (außer natürlich, dass es sehr seltsam ist, heimlich fotografiert zu werden). Schließlich sagt Dr. Pretorius: »Ihr beide seid die einzigen Kinder, die allein unterwegs sind! Alle anderen sind in Begleitung ihrer Eltern, einer Tagesmutter oder sonstwem. Also die Kinder, die nicht ohnehin mit dem Auto oder einem Taxi abgeholt werden.«

Das stimmt. Ramzy und ich sind tatsächlich die einzigen, die allein nach Hause laufen.

»Daraus habe ich meine Schlüsse gezogen. Und als ihr dann auch noch meinen Bauarbeiter ausgefragt habt, dachte ich mir, hmm, neugierige Kinder. Ihr Kinder wachst heutzutage so behütet auf. Ihr spielt nicht mehr auf der Straße, ihre werdet überallhin kutschiert, ihr beide seid da eine Ausnahme. Dann habe ich euch immer unten am Strand mit den Hunden gesehen. Und na ja … so was wie euch habe ich gesucht. Außerdem tragt ihr keine Brille. Multisensorische virtuelle Realität erfordert ein nahezu perfektes Sehvermögen.«

»Was … was ist denn mit der Begegnung am Strand?«, fragt Ramzy misstrauisch.

»Alles eingefädelt. Nur, dass der Hund die Badekappe gefressen hat, war nicht geplant. Das war einfach Glück.«

»Ihre Uhr?«, frage ich.

»War schon zerkratzt.«

»Ihr Handgelenk?«

Da senkt sie den Blick und sieht sogar ein wenig verschämt aus. »Tut mir leid.« Als sie aufschaut und unsere entsetzten Gesichter sieht, sagt sie schnell: »He, lasst mich ja nicht im Stich. Wir sind so nah dran.«

»Nah dran an was?«, frage ich. Ich kann die Ungeduld kaum aus meiner Stimme verbannen.

Dr. Pretorius kneift die Augen zusammen. »Ihr werdet schon sehen. Vertraut mir. Ihr werdet sehen. Bald ist es so weit für das Große Experiment.«

»Heute?« Ramzy ist noch ganz aufgekratzt, weil er vorhin im VR-Spiel einen Hubschrauber mit angsteinflößenden Aliens abgeschossen hat.

Ohne direkt zu antworten, sagt Dr. Pretorius: »Gebt mir noch ’ne Woche, Kids. Eine Woche. Wo ich euch hinbringe, ist noch keiner gewesen.« Sie öffnet die Tür, die zu den Arkaden und Polly Donkins führt. Rasch sehe ich mich nach Sass Hennesseys Mutter um, die ist zum Glück aber nicht da. Ein paarmal hat sie mich bestimmt schon gesehen, auch wenn sie bislang nichts gesagt hat, fürchte ich mich davor.

Doch mich erwarten schon bald andere Sorgen.

Denn in dieser Woche geht alles schief.

In dieser Woche erfahren wir alle von der Seuche.

10. Kapitel

Erst mal muss ich aber von Sankt Bello erzählen.

Die alte Gemeindekirche von Sankt Baldo und Allerheiligen, die alle nur als Sankt Bello kennen, ist eine kleine Kirche nicht weit vom Strand, alt mit einem gedrungenen Turm. Nur, dass es keine Kirche mehr ist, jedenfalls keine mit einer Gemeinde, einem Chor und Hochzeiten und so. Sankt Bello ist bloß noch ein Gebäude in Form einer Kirche. Mit ihren massigen Eichentüren und den dicken Sandsteinwänden ist die Kirche gut geeignet, den Lärm von fünfundzwanzig Hunden zu dämmen.

Für mich ist es der beste Ort der Welt.

Zu Beginn des letzten Schuljahres habe ich dann Ramzy das erste Mal mit nach Sankt Bello genommen. Ich wollte, dass er mal sieht, wovon ich immer spreche (oder womit ich die Leute immer zu Tode langweile, wie er sagt. Danke, Ramz!).

Wenn man neu in Sankt Bello ist, registriert man als Erstes den Lärm: das Heulen, das Bellen, das Kläffen und das Schnüffeln. Ich liebe diesen Lärm fast so sehr wie den Geruch, der einem als Nächstes entgegenschlägt. Zu meinem Entsetzen hielt Ramzy sich die Nase zu.

»Verflikse Kacke«, näselte er. »Hier stings.«

»Daran gewöhnt man sich.« Ehrlich gesagt, fällt es mir kaum noch auf. Hunde riechen tatsächlich ein wenig, aber meistens schön, wie warmes Holz. Und wusstet ihr, dass Hundepfoten nach Popcorn riechen? Ehrlich wahr!

(Ihr Atem kann schon mal so ein bisschen fischig müffeln, und ich gebe gern zu, dass ihre Kacke stinkt, aber wessen Kacke stinkt nicht?)

Jedenfalls bin ich an einem Samstagmorgen kurz vor der wöchentlichen Reinigung der Zwinger mit Ramzy dort aufgekreuzt und da riecht es in Sankt Bello immer am schlimmsten.

»Guten Morgen, Georgie!«, rief der Pfarrer. Ich mag den Pfarrer. Er ist schon ziemlich alt, bestimmt um die siebzig. Schlank mit struppig grauem Haar wie ein Irischer Wolfshund. An dem Tag trug er einen selbst gestrickten Schlabberpulli und fingerlose Handschuhe. Er saß an dem langen Tisch gleich hinter der Tür. »Und wer gibt uns denn hier die Ehre?«, fragte er, als er Ramzy sah. So redet er immer. Man gewöhnt sich dran.

Bevor ich noch reagieren konnte, schlug Ramzy die Hacken zusammen und salutierte: »Ramzy Rahman zu Diensten, Sir!«

Im ersten Moment war der Pfarrer etwas verdattert, aber das ergeht vielen so, die Ramzy noch nicht kennen. Doch dann salutierte der Pfarrer ebenfalls und schmunzelte.

»Willkommen in Sankt Bello, Gefreiter Rahman! Ich nehme an, Sie sind hier um, ähm … Sergeant Santos zu helfen?« Der Pfarrer nahm die Brille ab, zog unter dem Schlabberpulli einen Hemdzipfel hervor und putzte die Gläser.

Ramzy nickte eifrig.

»Spitze. Tipptopp! Vielen Hände, schnelles Ende, eh?« Er setzte sich die Brille wieder auf und sah auf die Liste vor sich. »Du bist auf deiner üblichen Station, Georgie. Erst sauber machen, dann bürsten und vergiss nicht …« Der Pfarrer hob den Finger und blinzelte mir zu. Gemeinsam sagten wir:

»Alles, was ihr tut, tut von Herzen, dann ist es dem Herrn wohlgetan!«

»Prima. Ab mit euch!«

Mit verwirrtem Gesicht trottete Ramzy neben mir davon. »Was zum Teufel sollte das denn?«, fragte er so laut, dass der Pfarrer es noch glatt hören konnte.

»Schhh! Keine Ahnung. Altes Zeug aus der Bibel. Dem Pfarrer gefällt es. Ist irgendwie lustig und er …«

»Was? Das soll ein Pfarrer sein?«

»War er früher. Schnapp dir mal den Eimer da. Das hier war seine Kirche. Dann blieben wohl die Leute weg, deshalb haben sie es in ein Hundeheim umgewandelt und er durfte bleiben.«

Von den alten Kirchenbänken sind kaum noch welche übrig. Stattdessen befindet sich in der Mitte der Kirche ein Hundeauslauf mit Sägespänen. Zu den vier Seiten liegen die Zwinger. Richtig cool.

Von meiner Station hatte der Pfarrer gesprochen. Das gefällt mir. Als gehörten diese vier Hunde mir. Sogar mein Name steht da:

Station 4

Freiwillige Helferin am Samstag: Georgina Santos

Auch wenn es bloß eine handgeschriebene weiße Tafel ist, bin ich sehr stolz drauf.

Die Hunde von Station 4 sind schon am längsten in Sankt Bello, aber sie brauchen keine Angst zu haben, eingeschläfert zu werden.

In manchen Hundeheimen ist das üblich. Wenn sich kein neues Zuhause für das Tier findet oder der alte Besitzer nicht ausfindig gemacht werden kann, kommt nach ein paar Monaten der Tierarzt und …

Wisst ihr, was? Allein der Gedanke macht mich traurig. Deshalb liebe ich das Sankt Bello auch so. Natürlich sucht man hier auch ein neues Zuhause für die Hunde, aber wenn es nicht klappt, dann … werden sie eben Dauergäste.

Ein wenig wichtigtuerisch führte ich Ramzy herum und zeigte ihm die Zwinger und die Pflege-Tafeln. Ziemlich altmodisch wird alles per Hand vermerkt: frisches Wasser geben (man macht einfach einen Haken, der Stift hängt an einer Schnur daneben), bürsten (Haken), Stuhlkontrolle (Haken) … und so weiter.

Nun zu den Hunden selbst …

1. Ben. Jack Russel Mix, wahrscheinlich mit Cocker Spaniel. Schwarz, weiß, braun. Alter: um die sechs. Leute, die er nicht kennt, knurrt er an, deshalb hat er auch noch kein Zuhause gefunden.

Bei Ramzys Anblick fletschte Ben die Zähne. Ramzy machte einen Schritt zurück.

»Keine Sorge«, sagte ich zu ihm, »sein Bellen ist schlimmer als sein Beißen.«

»Beißen tut er auch?«

»Nein. Eigentlich nicht. Einmal hat er mich so ein bisschen gezwickt, aber da wollte er nur spielen.«

Ramzy schien das nicht zu beruhigen und er hielt Abstand, während ich Bens Wasser nachfüllte, mit der Kackschaufel Bens Hinterlassenschaften aufsammelte und in den Eimer tat, den Ramzy auf Armlänge von sich weghielt.

2. Sally-Ann. Sally-Ann ist ein »zahlender Gast«, denn ihre Besitzerin Mrs Abercrombie ist sehr alt und oft im Pflegeheim. Sie ist braun-weiß, sehr haarig und hat immer einen überheblichen Ausdruck auf dem platten Gesicht. (Natürlich der Hund und nicht Mrs Abercrombie, wobei die zwei sich eigentlich ziemlich ähnlich sind.) Sally-Ann ist eine reinrassige Lhasa Apso Hündin.

3. Dudley. Brauner Staffordshire Bullterrier Mischling, der ein wenig Furcht einflößend aussieht, weil ihm ein halbes Ohr fehlt, ein paar Zähne, ein Auge und an einer Stelle Fell. Wir glauben, dass es im Kampf passiert ist, nun ist er sehr schüchtern.

Zitternd wich Dudley vor Ramzy zurück. Vor mir hat er keine Angst mehr, und ich war stolz, dass ich ihn streicheln durfte.

Und schließlich mein absoluter Liebling:

4. Mister Masch. Ihr habt ihn ja schon kennengelernt, aber an dem Tag war er besonders lieb, wedelte mit dem Schwanz und rollte sich auf den Rücken, damit man ihn am Bauch streichelte. Ich glaube, Ramzy hat sich auch gleich in ihn verguckt.

Die anderen Helfer in Sankt Bello sind wirklich nett. Auch wenn sie alle älter sind, behandeln sie mich nicht wie ein Kind. Außer Saskia Hennessey, die zwar älter ist, ganze acht Monate, und die mich wie eine Fünfjährige behandelt, obwohl sie bloß mit den Hunden spazieren geht und ganz bestimmt keine eigene Station hat. Zufällig weiß ich auch (von Ellie McDonald aus der Schule), dass Sass’ Mutter sie für den freiwilligen Dienst bezahlt, was völlig beknackt ist. Wie freiwillig kann das schon sein, wenn man dafür bezahlt wird? Außerdem habe ich den Eindruck, dass Sass Hunde nicht mal besonders mag.

An dem Samstag stand sie an der Kackrutsche in der alten Sakristei, als Ramzy und ich mit dem Eimer kamen. Mir verging gleich ein wenig die Laune.

Die Kackrutsche ist eine breite, eckige Röhre, die zu einer Grube nach draußen führt. Man öffnet einen Deckel, kippt die Kacke runter und schüttet noch eine Tasse Schnellkomposter hinterher, damit die Kacke in Kompost verwandelt wird, womit der Pfarrer seinen Schrebergarten düngt. (Das habe ich erst vor Kurzem herausgefunden. Wir essen sein selbst angebautes Zeug schon seit Jahren. Igitt.)

Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass sich fünfundzwanzig Hunde ganz schön was zusammenkacken, und die Kackrutsche ist wirklich der einzige Teil, der mir in Sankt Bello nicht behagt, aber wegen Ramzy wollte ich mir nichts anmerken lassen.

Die dicke Sass geht in unseren Jahrgang, sieht aber aus wie fünfzehn. Sie hat schon richtig Busen und Po, dazu das passende Doppelkinn und den runden Bauch. Sass ist ziemlich stark und kann die Zwillinge Roddy und Robyn Lee gleichzeitig hochheben, klemmt sich unter jeden Arm einen.

Mir schlotterten die Knie, als ich sie sah, denn auch wenn sie nicht direkt jemand ist, der Schwächere schikaniert (in der Marine-Drive-Grundschule wird das nicht geduldet), kann sie einem dennoch Angst einflößen.

»Na, wen haben wir denn da!«, sagte sie und fixierte Ramzy mit ihren kleinen Äuglein. »Ihr zwei gebt ein hübsches Paar ab auf dem Weg zum Altar!«

Ich rang mir ein Lächeln ab, als würde ich ihre Bemerkung witzig finden, sagte aber nichts, was meistens am besten ist.

Sass verschränkte die Arme vor der Brust und drehte ihr Kinn Ramzy zu. »Trägst du etwa dein Schulshirt? Am Wochenende? Du darfst dich schon umziehen, das weißt du hoffentlich.«

Mir war es gar nicht aufgefallen, aber Ramzy trug tatsächlich das blaue Schul-Poloshirt unter seiner viel zu großen Jacke. Ramzy zuckte die Achseln und murmelte: »Es ist sauber und mir gefällt’s.«

Sass kann einen schon das Fürchten lehren. Als ich die Klappe von der Kackrutsche öffnete, sagte sie: »Pass bloß auf, dass du nicht reinfällst.«

Ich zuckte zusammen, als könnte sie mich jeden Moment da runterschubsen. Schweigend kippte ich den Eimer aus.

Ramzy kann leider nie den Mund halten. »Wenigstens würde sie durchpassen«, murmelte er.

Ramzy, dachte ich. Muss das sein?

»Was meinst du damit? Machst du dich etwa lustig über …« Mitten im Satz unterbrach sie sich, weil der Pfarrer kam und sich die Hände rieb.

»Ah! Großartig! Ihr macht das großartig! Gepriesen seien die Hände, die das Antlitz der Erde von den Hundewürsten befreien.«

»Steht das in der Bibel?«, fragte Ramzy.

»Nein, das ist von mir«, sagte der Pfarrer.

Während Ramzy und ich uns verzogen, warf uns Sass böse Blicke nach.

So ist sie eben. Kennt ihr das Sprichwort: Wenn du nichts Nettes zu sagen hast, sag lieber gar nichts? Sass hat es offenbar in den falschen Hals gekriegt: Wenn du nichts Gemeines sagen kannst, sag lieber gar nichts.

Eine fiese Bemerkung von Sass Hennessey führte dazu, dass sechs Monate später fast die Welt unterging. Und wenn ihr jetzt denkt, ich übertreibe, lasst es mich erklären.

Also, bis vor Kurzem waren noch alle Hunde in Sankt Bello gesund. Aber jetzt … jetzt nicht mehr.

Und das ist alles meine Schuld.

11. Kapitel

Die Angst, sich mit Krankheiten anzustecken, ist in den vergangenen ein, zwei Jahren immer größer geworden. In der Schule heißt es ständig: Ansteckung hier, Ansteckung da. Das einzig Gute daran ist, dass man bloß ein bisschen husten muss, und schon wird man nach Hause geschickt.

Letztes Jahr wurde in der Marine-Drive-Grundschule in allen Klassenzimmern am Eingang ein Spender mit Desinfektionsmittel für die Hände montiert. Das war wohl ein neues Gesetz.

Zu meinen Aufgaben im Sankt Bello gehört es, dass ich mich um die Hygienematten und die Spender mit Handdesinfektionsmittel auf der Quarantänestation kümmere. Dorthin kommen die Hunde, wenn sie krank sind. Die Hygienematten sind schwammige, feuchte Abtreter, an denen man die Schuhsohlen vor und nach dem Betreten der Quarantänestation abstreift.

Jedenfalls passierte es ein paar Tage nach unserem ersten Besuch bei Dr. Pretorius.

Als Erstes hatte ich die Desinfektionsflüssigkeit in den Hygienematten nachgefüllt, bevor ich in die Quarantänestation ging, um nach Dudley zu schauen, der was mit dem Magen hatte. Er war öfter mal krank, deshalb habe ich mir auch keine großen Sorgen gemacht. Vielleicht erinnert ihr euch noch, dass er am Strand diese tote Möwe im Maul hatte, darauf habe ich es zurückgeführt.

Dudley befand sich hinter einem Maschendrahtzaun, der mir bis zum Kinn reichte. Am Eingang lagen Gummistiefel und Gummihandschuhe, die ich anzog, bevor ich zu ihm ging. Dudley wedelte schwach mit seinem krummen Schwanz.

»Na, du verrückter Kerl«, sagte ich, »geht’s dir besser?« Sonst lasse ich mir von Dudley immer das Gesicht ablecken, aber auf der Quarantänestation dürfen wir das nicht, deshalb habe ich ihm ein wenig den Bauch gekrault. Mit den Gummihandschuhen ist es nicht das Gleiche, aber Dudley schien es nicht weiter zu stören.

Vor ein paar Tagen war eine Familie hier, die ihn fast aufgenommen hätte, aber Dudley sieht einfach zu schräg aus.

»Das kleine Mädchen fand ihn süß«, meinte der Pfarrer, »und sie hat was zu ihrer Mutter auf Chinesisch gesagt. Natürlich konnte ich die Unterhaltung nicht verstehen, aber der Vater zeigte daraufhin auf Dudleys fehlendes Auge, die Zähne und sein Ohr. Dann sind sie gegangen.«

Armer, hässlicher Dudley! Ich dachte an das chinesische Mädchen, das sich in ihn verliebt hatte, und an ihren Vater, dem er zu seltsam aussah.

Insgeheim war ich doch sehr erleichtert. Ich weiß, dass es die Hunde in einer Familie besser haben als in Sankt Bello, aber ich könnte es nicht ertragen, Dudley zu verlieren.

Ich sah ihn genau an. Dem armen Kerl ging es nicht besonders gut. Das Fressen hatte er kaum angerührt, aber er hatte Wasser getrunken und auch einen Haufen in die kleine Kiste mit dem Sand gemacht, die ich auswusch und desinfizierte. Alles genau nach Vorschrift. Dann warf ich seinen klitschigen Tennisball ein paarmal, aber Dudley war nicht sonderlich interessiert, und dann habe ich den Ball ein wenig zu heftig geworfen, sodass er über den Zaun sprang und wegrollte und wir aufhören mussten.

Ich kam aus der Quarantänestation und wollte nun noch die Spender auffüllen (die waren nämlich leer), als ich ausgerechnet auf Sass Hennessey traf. Eine Hand in die mollige Hüfte gestemmt, stand sie da und warf das Haar zurück.

»Hiiiii!«, rief sie, aber in ihren Augen lag kein Funken Wärme.

»Hallo, Saskia.«

»Gerade habe ich zu Maurice gesagt, dass es hier jetzt richtig schön aussieht.«

Maurice? Maurice? Außer meinem Vater, der den Pfarrer seit Ewigkeiten kennt, nennt ihn keiner so. Alle sprechen ihn mit Reverend Cleghorn an. Mal wieder typisch, dass Sass ihn beim Vornamen nennen muss. Ich war jetzt schon genervt, doch es sollte noch schlimmer kommen.

»Der hässliche alte Köter da«, sagte sie und legte den Kopf mit gespieltem Mitgefühl zur Seite. »Wäre besser, wenn man ihn einschläfert, was meinst du?«

Das war es: die fiese Bemerkung, von der ich gesprochen hatte. Ich brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass sie Dudley meinte. Dudley, meinen zweitliebsten Hund im ganzen Hundeheim! Ich klappte den Mund auf und zu, ohne dass ein Ton rauskam.

»Ist was, Georgie?«

»Nein, nichts.« Das stimmte natürlich nicht. Ich kochte vor Wut. Schweigend füllte ich das Desinfektionsmittel in den Spendern nach, streifte die Handschuhe ab, nahm etwas von dem Gel und verrieb es wütend in den Händen. Dann zog ich die Gummistiefel aus.

»Hey, so war’s doch nicht …«

»Warum sagst du’s dann erst? Du weißt doch genau, dass wir so was hier nicht machen.« Ich war kurz vorm Explodieren.

»Aber er ist doch so alt und krank …«

Nun platzte mir wirklich der Kragen. »So alt und so krank ist er nun auch wieder nicht. Kapiert?«, schrie ich.

Damit hatte Sass wohl nicht gerechnet. Leise sagte sie: »Oookaaay.« Dieses eine Mal hatte ich es ihr wirklich gezeigt.

Mit spitzen Fingern hob sie Dudleys vollgesabberten Tennisball auf, der zur Tür gerollt war. Sie gab ihn mir, und ich war gezwungen, mich zu bedanken. Es war ein seltsames Versöhnungsangebot.

Ich drehte den Ball in den Händen, während ich sie davongehen sah, dann warf ich ihn Dudley zu und schloss die Quarantänestation hinter mir.

Als ich zurück auf meine Station kam, war ich immer noch total sauer. Ramzy wartete auf mich mit Ben im Arm, dem knurrigen Jack Russell, der ihm unbedingt das Gesicht ablecken wollte.

»Guck mal!«, rief Ramzy ganz stolz. »Ich habe einen neuen Freund!«

»Hast du wirklich«, sagte ich. »Guter Junge, Ben«, und hielt ihm meine Hand hin, damit er sie lecken konnte. Dann streichelte ich zum Abschied noch mal jeden einzelnen Hund auf meiner Station.

»Tschüss, Herr Pfarrer«, rief ich und zog an der schweren Eichentür.

»Auf Wiedersehen, Sergeant Santos und Gefreiter Rahman!«, rief der Pfarrer und salutierte. »Ausgezeichnete Arbeit!«

Das war’s also. Der Schaden war angerichtet. Ich hatte das Ende der Welt angezettelt.

Selbstverständlich wusste ich das in dem Moment noch nicht. Und bis jetzt habe ich es auch für mich behalten: Ich habe den Tennisball angefasst, der mit Dudleys Keimen verseucht war, Keime, die er sich von dem kleinen Mädchen geholt hatte, das ihn aufnehmen wollte. Dann hatte ich den armen Ben an meiner verkeimten Hand lecken lassen und dann auch noch die anderen Hunde …

Offenbar nützt alle Aufklärung über Ansteckungsgefahren nichts gegen Dummheit.

Oder ich war einfach so sauer über Sass’ gemeine Bemerkung, dass ich nicht mehr klar denken konnte. Was letztendlich aber auch auf Dummheit hinausläuft.

12. Kapitel

Gebt mir noch ’ne Woche«, hatte Dr. Pretorius gesagt. Immerzu musste ich daran denken. Noch eine Woche Geheimniskrämerei.

Ein Geheimnis für sich zu behalten, ist nicht weiter schwer, solange niemand Verdacht schöpft. Solange dich niemand sieht. Jemand, der, sagen wir, deinen Bruder kennt. Jemand, der gerade angefangen hat, in Spanish City zu arbeiten, und bemerkt, wie du durch eine private Hintertür in die Arkaden gelangst.

So jemand wie Sass Hennesseys Schwester Ann zum Beispiel, die bei meinem Bruder im Jahrgang ist und deren Mutter ihr gerade einen Job samstags bei Polly Donkin Tea Rooms verschafft hat.

Gebt mir noch ’ne Woche, gebt mir noch ’ne Woche. Wie ein nerviger Ohrwurm ging es mir durch den Kopf, als ich mit schlenkernder Schultasche von Spanish City nach Hause trabte. Zu meiner Überraschung kam Clem aus Dads Werkstatt und wischte sich die öligen Hände an einem Handtuch ab.

Wir leben auf einem Bauernhof, der aber nicht mehr richtig beackert wird. Fast alle umliegenden Höfe wurden als Bauland verkauft. Von der oberen Weide, auf der Mums Baum steht und die Kühe grasen, sieht man in jeder Himmelsrichtung Häuser, Kräne und halb fertige Wohnblocks und im Osten ein Fitzelchen Meer. (Leider sind es nicht mal unsere Kühe.)

Ein Stück weiter liegt Dads Werkstatt, in der er alte Autos restauriert, und eine Scheune, in der Motoren, Auspuffe, Autotüren und so ein Kram lagern.

Clem schien auf mich gewartet zu haben.

»Hi, Pupsi«, sagte er gut gelaunt. So hatte er mich schon lange nicht mehr genannt. Ich wurde hellhörig, grinste aber.

»Bist du irgendwo Aufregendes gewesen?«, fragte er.

Die Wahrheit? Gerade hatte ich auf einem Ritterturnier gegen Ramzy gekämpft, und zwar auf einem virtuellen Pferd (bestehend aus einem Klavierstuhl und dem Sattel, den ich bei meinem ersten Besuch im Lager gesehen hatte).

»Sankt Bello.« Ich log wirklich niemanden gern an, nicht mal Clem. Mir stieg die Röte in die Wangen.

»Und wie geht’s ihm?«

»Wem?«

»Dem Hund. Ben?«

»Gut! Wir waren gerade am Strand spazieren. Wie immer. Dem geht’s super.« Unter Clems prüfenden Blick fühlte ich mich zunehmend unwohl.

Es dauerte eine Ewigkeit, bis er endlich sagte: »Spontanheilung also?«

Mit Unschuldsmiene lächelte ich Clem an. Blinzelte ein paarmal überrascht.

Clem sagte: »Der Pfarrer hat angerufen. Er konnte dich nicht erreichen, weil dein Handy abgestellt war.«

Das stimmte, denn bei Dr. Pretorius mussten wir immer unsere Handys ausstellen (irgendwas mit Elektromagnetismus oder so). Ich hatte vergessen, meines wieder einzuschalten.

»Lass uns mal Klartext reden.« Clem zählte es an seinen ölverschmierten Fingern ab: »Erstens: Ein Hund namens Ben ist krank. Er ist in Quarantäne. Das soll ich dir vom Pfarrer ausrichten. Zweitens: Anna Hennessey hat dich mit deinem Kumpel Ramzy Schlagmichtot und einer alten Schreckschraube in Spanish City gesehen. Drittens: Du lügst mich an, sonst würdest du nicht rot werden. Viertens: Ich will wissen, warum.«

»Sonst was?« Immerhin ist Clem mein Bruder. Und der sollte ja wohl auf meiner Seite sein.

»Sonst sag ich’s Dad.«

Okay, vielleicht ist er nicht mehr auf meiner Seite. Clem nickte entschlossen, schob sich die Brille mit öligen Fingern hoch und verschwand wieder in der Werkstatt. Offenbar sollte ich ihm folgen.

Was blieb mir anderes übrig?

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

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02 ocak 2026
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