Kitabı oku: «Der Sommer in dem Linda schwimmen lernte»

Yazı tipi:

Roy Jacobsen
Der Sommer, in dem Linda schwimmen lernte

Roman

Aus dem Norwegischen von

Gabriele Haefs

Saga

1

Es fing damit an, dass meine Mutter und ich renovieren wollten. Das heißt, ich strich den untersten Teil der Wand, weil ich ziemlich klein war, es war ganz schön anstrengend, und Mutter stand auf einem Küchenstuhl und konzentrierte sich auf das, was oben unter die Decke gehörte. In Echtzeit dauerte es Monate, die eine Wand fertigzukriegen. Aber eines Abends kam Frau Syversen herein und sah unser Werk, verschränkte die Arme über ihrem gewaltigen Busen und fragte:

»Willstes nich ma mit ner Tapete versuchen, Gerd?«

»Tapete?«

»Ja, komma mit rüber.«

Wir gingen hinüber zu Frau Syversen in die Wohnung gegenüber, ich war noch nie dort gewesen, obwohl wir seit Jahren auf demselben Gang wohnten und auch Anne-Berit dort wohnte, ein Mädchen in meinem Alter, das in die Parallelklasse ging, und ihre beiden kleinen Schwestern, sechs Jahre alte Zwillinge, von denen gern die Rede war, wenn Mutter an mir irgendetwas auszusetzen hatte.

»Sieh dir mal Reidun und Mona an«, hieß es dann. Oder sie verwies auf Anne-Berit, die es laut Frau Syversen witziger fand, im Haus zu sein, wo Bett und Essen sich befanden, als draußen auf der Straße, wo das Leben alle Möglichkeiten bot, mit seinem riesigen Vorrat an Verschalungsbrettern und Steinhaufen und Ziegeln, die zwischen den Wohnblocks herumlagen, oder auf den Wiesen mit Baumstümpfen und Baumstämmen und offenen Bächen und dickem Gestrüpp und unsichtbaren Lehmwegen, wo man aus Teerpappe und Pech und Bretterresten Feuer machen oder Hütten in zwei Etagen oder noch mehr bauen konnte, um die berühmte Schlachten ausgefochten wurden, von den Großen und Unbesiegbaren, Bauten, die einstürzten, wenn man sie scharf ansah, und die am Tag danach neu errichtet werden mussten, immer von anderen als denen, die sie zerstört hatten. Es sind nie dieselben, die bauen und die zerstören, und ich erwähne das, weil ich zu den Erbauern gehörte, obwohl ich klein war, und ich habe viele Tränen vergossen, wenn ich unsere Schlösser als Ruinen vorfand; es war die Rede von Repressalien und grausamer Rache, aber die Vandalen hatten nichts zu verlieren außer ihrer guten Laune und ihrem breiten Grinsen; schon hier war die übliche Arbeitsteilung zu ahnen, zwischen denen, die etwas zu verlieren haben, und denen, die das nie hatten und die auch nicht vorhaben, sich so etwas zuzulegen. Und diese Welt war nichts für Anne-Berit und ihre Schwestern, sie bauten nicht und sie rissen nicht ein, sie saßen rund um den Küchentisch und aßen zu Abend, rund um die Uhr, wie es mir schien, jetzt, wo Herr Syversen anwesend war; er thronte oben am Tisch, in Netzunterhemd und Hosenträgern, die über seinen beeindruckenden Bulldozeroberschenkeln hingen, während die Schenkel über den schmalen Stuhlsitz quollen.

An den Wohnzimmerwänden von Familie Syversen sahen wir zum ersten Mal die großgeblümte Tapete, die in den sechziger Jahren norwegische Arbeiterwohnungen in kleine tropische Dschungel verwandeln sollte, mit schmalen Bücherregalen zwischen den Lianen, aus Teak und mit feschen Messingbügeln, und einem braun-, beige- und weißgestreiften Ecksofa, beleuchtet von unsichtbaren Lampen, die wie funkelnde Himmelskörper unter den Regalen angebracht waren. Ich konnte die ein wenig kühle Ferne in Mutters Blick sehen, zuerst eine mädchenhafte Begeisterung, die drei, vier Sekunden vorhalten mochte, das wusste ich, ehe sie in natürliche Verzagtheit umschlug, die wiederum in eine realistische Grundhaltung münden würde: »Nein, WIR können uns das nicht leisten. WIR nicht.« Oder: »Das ist nichts für uns«, usw. Und es gab damals ganz schön viel, das »nichts für uns« war, für Mutter und mich, da sie nur halbtags in dem Schuhladen in Vaterland arbeitete, um zu Hause zu sein, wenn ich aus der Schule kam, und die es deshalb nicht schaffte, ihren Jungen in Ferien zu schicken, wie sie es nannte, wenn der Frühling näherrückte, als ob ich irgendwohin geschickt werden wollte, ich wollte zu Hause sein, bei Mutter, auch im Sommer. Viele aus der Wohnsiedlung waren im Sommer zu Hause, auch wenn es galt, so zu tun, als sei man das nicht, oder jedenfalls, als ob man gar nicht in Ferien fahren wollte. »Ist das denn nicht sehr kostspielig?«, fragte sie, ein Wort, das wir nur verwenden, wenn wir mit anderen zusammen sind, unter vier Augen sagen wir teuer und meinen das auch.

»Nicht doch«, sagte Frau Syversen, die schwedische Damenzeitschriften hielt, anders als Mutter, die nur norwegische las – und holte einen Stapel Damenzeitschriften aus einem Fach in dem tropischen Regenwald und schlug eine Reportage aus Malmö auf, während sie zugleich zu Herrn Syversen in die Küche rief, er solle kommen und die Quittungen hervorsuchen und sie Gerd zeigen.

Ich sah den großen Mann an, der zustimmend schmunzelte und der das Wohlwollen in Person war, als er zum Teakgerüst watschelte und eine Schublade hervorzog, in der wohl kaum für viel mehr als für eine Ansichtskarte Platz war, und ich merkte, wie der seltsame Geruch nach erwachsenem und hart arbeitendem Mann in meinen Nasenlöchern scheuerte, und ich dachte, wie immer, wenn ich diesen riesigen Menschen zu dicht am Leib hatte, in Treppenhäusern und Hobbykellern, dass es vielleicht doch nicht so schlimm sei, dass ich keinen Vater hatte, auch wenn Herr Syversen freundlich und harmlos war und immer eine nette Bemerkung über Dinge auf Lager hatte, die mich nicht interessierten. Mit anderen Worten war seine Frau in dieser Familie für die gelungene Erziehung zuständig, der drei Mädchen, die immer in der Küche saßen und mit großen stummen Bewegungen kauten, während sie verstohlene Blicke zu uns herüber warfen.

Das Interessante war, dass Mutter diese Quittungen nicht mit ihren üblichen Schlagwörtern abtun konnte, die Tapete war nämlich nicht sonderlich »kostspielig«, und sie war auch nicht in Schweden gekauft worden, sondern im Eisen- und Farbgeschäft im Årvollsenter, neben Sparkasse, Agda Manufaktur und Myklebust, wo wir unsere Lebensmittel besorgten, wenn wir aus irgendeinem Grund nicht zu Lien in den Travervei oder zu Omar Hansen in der Refstad allé gingen, und wo Mutter bis im vergangenen Jahr auch eine Gefriertruhe gemietet hatte, bis das zu teuer wurde, oder bis uns aufging, dass wir nicht wussten, was wir damit anfangen sollten; es war doch im Jahr der Berliner Mauer und Präsident Kennedys, vor allem war es wohl die Epoche von Juri Gagarin, dem Russen, der eine ganze Welt verblüffte, weil er vom sicheren Tod lebend nach Hause kam. Ansonsten war es auch zu jener Zeit, als ein Jaguar vom Typ Mark II 49300 norwegische Kronen kostete, eine Information, die ich hier nicht nur als Kuriosität aufnehme, sondern auch, weil ich diesen Preis und das Auto gesehen hatte, auf einer Autoausstellung in der Trabrennbahn von Bjerke, und weil ich beides nie mehr vergessen konnte, möglicherweise gefördert von dem Wissen, dass wir für unsere Wohnung 3200 Kronen als Depositum bezahlt hatten, und das bedeutete, dass der Jaguar so viel wert war wie sechzehn Wohnungen, wie ein ganzer Wohnblock mit anderen Worten. Und ein System, das ein Auto auf dieselbe Ebene stellt wie ein Zuhause für 76 quicklebendige Menschen jeden Alters, wie zum Beispiel im Dreier wohnten, das ist die Art von Wissen, von der man in der Kindheit getroffen wird wie von einem Güterzug und das man später nicht einfach loswird; denkt nur an all die Gerüche, jede Familie hat ihren Geruch, der sie von allen anderen unterscheidet, und an all die Gesichter und Stimmen, an den ungestimmten Chor der Wohnsiedlung, seht euch ihre Körper an, ihre Kleidung und ihre Bewegungen, wenn sie mit aufgekrempelten Hemdsärmeln beim Essen sitzen und sich streiten oder lachen oder jammern oder die Klappe halten und auf jeder Seite zweiunddreißigmal kauen. Was hat ein Jaguar gegen das alles zu bieten? Einen Revolver im Handschuhfach? Bestenfalls. Ich habe viel an dieses Auto gedacht, vermutlich zu viel, es war flaschengrün.

»Aber dann kommt ja noch der Kleister dazu«, sagte Frau Syversen, als ob sie sich plötzlich in den Kopf gesetzt hätte, dass alles zu einfach klänge.

»Nicht doch«, fiel Herr Syversen ihr ins Wort, er hieß Frank, wie sich nun herausstellte.

»Was sagst du da, Frank«, sagte nämlich Frau Syversen spitz und nahm ihm die Quittungen ab und musterte sie mit kritischem Blick durch ihre rußschwarze sechseckige Brille, die nicht so leicht zu finden war zwischen hellblauen Porzellanfiguren und ovalen Zinnaschenbechern in einem Regalfach nach dem anderen, wo meiner Ansicht nach Bücher hingehört hätten; hatten sie in dieser Familie denn keine Bücher? Aber Frank zuckte nur gleichgültig mit den Schultern und lächelte Mutter an und legte mir eine bleischwere Pranke auf den kurzgeschorenen Kopf und sagte:

»Na, Finn, bist du jetzt zu Hause der Chef?«

Eine Bemerkung, die wahrscheinlich von der Tatsache inspiriert war, dass ich grüne Farbe im Gesicht und an den Fingern und in den Haaren hatte und sicher so aussah, als ob ich Männerarbeit leistete, um unser beider Leben auf geradem Kurs zu halten.

»Ja, er ist so tüchtig«, sagte Mutter mit einem kleinen Knick in den Stimmbändern. »Ohne ihn würde ich doch nie zurechtkommen.«

Was ein Satz ist, der mir ziemlich gut gefällt, denn es gehörte damals nicht viel dazu, Mutter umzuwerfen, obwohl wir in einem Haus aus armiertem Beton mit Schwalbennestern auf dem Dachboden wohnten, mit Nachbarn, die in Ruhe auf ihrem Balkon saßen und Kaffee tranken, oder die den Kopf Stunde um Stunde unter die Motorhaube eines Autos steckten: Ich konnte besser lesen und schreiben als die meisten, und Mutters Gehalt kam, wie es sich gehörte, alle vierzehn Tage, ja, obwohl eigentlich hier niemals auch nur das Geringste passierte, war es doch so, als ob wir ununterbrochen von Gefahren umgeben wären, die wir nur mit viel Glück haarscharf umschiffen konnten, solange es gut geht, um meine Mutter zu zitieren, denn aus dem, was nicht passiert, können wir auch nichts lernen.

»Du weißt, ich bin nicht mehr so stark«, murmelte sie, wenn etwas anlag, und damit bezog sie sich – auch wenn ich nie fragte und sie nie eine Erklärung lieferte – auf ihre Scheidung, die sie wohl wie eine Lawine umgerissen hatte und die nur die Einleitung zur restlichen Serie kleiner Kapitel in einer Art ewigem Elend gewesen war. Denn wenn es auch die Zeit Juri Gagarins war, so war es einwandfrei nicht die Zeit der Scheidungen, es war die Zeit der Ehe, und nur ein Jahr nach der Scheidung war er auch fortgegangen, wie Mutter das nannte, bei einem Arbeitsunfall. Mein Vater, umgekommen bei einem Kranunglück in der Werft Akers Mek. Ich kann mich weder an ihn noch an die Scheidung oder das Unglück erinnern, aber Mutter erinnert sich für uns beide, auch wenn ich ihr also nie etwas Konkretes entlocken kann, zum Beispiel, wie er aussah oder was er in seiner Freizeit gern oder nicht gern getan hat, falls er überhaupt Freizeit hatte, woher er kam oder worüber sie in den glücklichen Jahren gesprochen haben, die sie vermutlich gehabt haben, während sie auf mich warteten; selbst ihre Fotos hält sie bedeckt, es ist, kurz gesagt, eine Zeit, unter die wir einen Schlussstrich gezogen haben.

Im Kielwasser der beiden Unglücke kam dann noch eins, das mit einer Witwenpension zu tun hatte; mein Vater hatte nämlich noch schnell heiraten können, ehe er vom Kran gefallen war, und er hatte noch ein Kind bekommen, ein Mädchen, wir wussten nicht einmal seinen Namen, aber jedenfalls saß irgendwo dort draußen noch eine Witwe und bekam das Geld, das Mutter und mir zugestanden hätte, und vergeudete es für Toto und Taxi und Dauerwellen.

»Ja, ich versteh ja nicht, wo sie geblieben sein können«, sagte Frau Syversen resigniert und schwenkte die Quittungen für die Tapeten ohne Kleister. Aber jetzt konnte Mutter die Sache immerhin beenden, mit ihrem schlichten: »Ja, ja, dann müssen wir an den Knöpfen abzählen.« Sie bedachte die drei Mädchen mit einem letzten Lächeln, und die starrten stumm zurück, mit heruntergeklapptem Kinn und drei riesigen Milchbärten: »Danke, dass wir das sehen durften, die sind wirklich wunderschön.«

2

Schon am nächsten Tag waren wir im Årvollsenter und sahen uns Tapeten an. Und das ist nicht wenig aufsehenerregend, denn Mutter ist nicht nur von Gefahren umgeben, sie braucht auch immer lange zum Überlegen: Die grüne Farbe, für die wir soeben unser Geld aus dem Fenster geworfen hatten, war zum Beispiel keinem spontanen Einfall entsprungen, sie war das Resultat mühsamer Gedankenarbeit, die seit dem vorigen Weihnachtsfest geleistet worden war; damals hatte uns ein älteres Ehepaar im Erdgeschoss zu Kaffee und Kuchen eingeladen, und alle Wände hatten eine andere Farbe gehabt als unsere, und es stellte sich heraus, dass sie selbst angestrichen hatten, mit einem Quast.

Ein andermal hatte sie mich bei einem Kumpel namens Essi abgeholt, und dort hatte der Vater die Tür zum kleinsten Schlafzimmer aus dem Wohnzimmer in die Diele versetzt, so dass Essis große Schwester, die sechzehn war, fast ihren eigenen Eingang hatte, von der Diele aus. Und jetzt schienen diese ganzen Beobachtungen, zusammen mit der Tatsache, dass der Laden, in dem wir uns befanden, von Zukunft, Möglichkeiten und Erneuerung geradezu überquoll, ja, zwischen den Farbeimern und den blauen Lagerkitteln in diesem Laden war ein Optimismus zu spüren, der Steine bewegen könnte, diese Beobachtungen allesamt schienen sich zu einer einzigen großen Schlussfolgerung zusammenzufügen: »Na gut«, sagte Mutter. »Dann müssen wir eben doch vermieten. Da führt kein Weg vorbei.«

Ich schaute verblüfft zu ihr hoch, wir hatten nämlich schon häufiger darüber gesprochen und waren, nach meiner Meinung, zu einer Art Vereinbarung gekommen, dass wir eben nicht vermieten würden, egal, wie knapp wir bei Kasse wären, denn dann würde ich doch mein Zimmer, das ich so sehr liebte, aufgeben und in ihres übersiedeln müssen.

»Ich kann im Wohnzimmer schlafen«, sagte sie, ehe ich den Mund aufmachen konnte.

An diesem Nachmittag wurden deshalb nicht nur Tapeten und Kleister gekauft, es wurde auch eine Annonce aufgegeben, in der sozialdemokratischen Tageszeitung Arbeiderbladet, Zimmer zu vermieten. Abermals wurde Kontakt zu dem gewaltigen Tiermann Frank aufgenommen, konnte nicht Frank, der im Alltag einen Bulldozer auf den neuen Baustellen in Groruddalen bediente, abends die Tür zu unserem kleinsten Schlafzimmer in die Diele versetzen, damit der Mieter oder die Mieterin nicht unser Privatleben durchqueren müsste, um aus und ein zu gehen, um nicht zu sagen, damit nicht eine wildfremde Person immer wieder durch unser frisch tapeziertes Wohnzimmer lief?

Mit anderen Worten stand uns eine spannende Zeit bevor.

Es stellte sich heraus, dass Frank kein großartiger Schreiner war. Er machte ein gewaltiges Wesen um die Arbeit, er arbeitete außerdem im Netzunterhemd, schnaufte und schwitzte heftig und nannte Mutter schon am ersten Abend Kleine.

»Was meinst du, Kleine, willste diesen Türrahmen behalten oder soll ichn neuen besorgen?«

»Kommt drauf an, was das kostet«, sagte Mutter.

»Für dich nicht viel, Kleine, ich hab Beziehungen.«

Zum Glück fand auch Mutter es nicht so toll, dauernd Kleine genannt zu werden. Und Frau Syversen schaute in regelmäßigen Abständen herein, um mitzuteilen, das Essen stehe auf dem Tisch oder die Müllabfuhr verspäte sich an diesem Tag. Ich muss zugeben, dass ich auch gut aufpasste, denn Mutter trug vor jedem Arbeitseinsatz Lippenstift auf und nahm die Lockenwickler aus den Haaren, ich hatte fast keine Zeit, auf der Straße draußen zu sein. Ab und zu schickte Frau Svyversen auch ihre älteste Tochter, Anne-Berit, und dann sahen wir dem riesigen Mann zu, der mit gewaltigen Türblättern und Furnierplatten herumfuchtelte und dessen schwarze Haare auf Schultern und Rücken wie überwinterte Grasbüschel durch die Löcher im ungewaschenen Netzhemd quollen, das eher aussah wie ein Fischnetz als wie ein Kleidungsstück, und der zwischen den Schlägen stöhnte: »Hammer! Nagel! Zollstock!« –, in scherzhaftem Ton, damit wir Handlanger sein könnten, es war eine Freude. Aber als die Tür endlich angebracht war und die andere Türöffnung abgedichtet, nach einer guten Woche, mit neuen Türrahmen und überhaupt, und als von Bezahlung die Rede war, wollte Frank keine. »Bist du verrückt?«, fragte Mutter.

»Aber vielleicht könntest du mir ein Schnäpschen anbieten, Kleine«, sagte er leise, als ob sie durch die gelungene Operation jetzt ein gemeinsames Geheimnis hätten. Es half nichts, dass Mutter mit offenem Portemonnaie und zwei, drei blauen Fünfern zwischen den frischlackierten Nägeln von einem Fuß auf den anderen trat, als gäbe es genug von der Sorte, man brauche nur zu fordern, Frank war und blieb ein Mann von Welt, es endete damit, dass er stattdessen zwei Glas Curação bekam.

»Für jeden Fuß eins.«

Aber damit waren wir ihn dann los und die Tapezierarbeit konnte ihren Anfang nehmen.

Das ging dann wirklich gut. Mutter abermals auf dem Küchenstuhl unter der Decke und ich unten am Boden. Die Wand, bei der wir zum Anstreichen eine ganze Woche gebraucht hatten, war im Laufe eines Abends tapeziert. Dann brauchten wir zwei Abende für die ganze Kleberei an der Balkontür und dem großen Wohnzimmerfenster, und einen letzten Abend für die Wand, hinter der mein Zimmer lag, das nun also vermietet werden sollte. Die Verwandlung war richtiggehend greifbar, sie war explosiv, ohrenbetäubend. Wir hatten uns zwar keinen Dschungel angeschafft, Mutter wollte etwas Diskreteres, aber wir hielten uns doch im selben botanischen Genre auf, mit wogenden Borten und Blumen, wie ein gelbbraunes Gebüsch im Herbst. Und als schon am nächsten Tag zwei Interessenten für das Zimmer kamen, war die Sache in Gang.

Oder auch nicht.

Mit den beiden, die sich das Zimmer ansahen, stimmte etwas nicht. Also kam ein Dritter, der fand, dass mit dem Zimmer etwas nicht stimmte. Und Mutter wurde von diesen Niederlagen ein wenig zurückgeworfen. War die Miete zu hoch? Oder zu niedrig? Früher hatte sie ab und zu auch darüber gesprochen, dass wir aus Årvoll wegziehen müssten, uns etwas Billigeres suchen, in der Gegend, wo sie früher gewohnt hatte, vielleicht, mit ihrem Mann, in Øvre Foss, wo man sich noch immer mit einem Zimmer und Küche zufriedengab. Aber in letzter Sekunde kam ein Brief in steiler Handschrift, von einer Ingrid Olaussen, die zweiunddreißig Jahre alt war und alleinstehend, schrieb sie, und die sich das Zimmer am nächsten Freitag gern ansehen würde, wenn das recht wäre.

»Ja, ja«, sagte Mutter.

Aber dann tat sie den drastischen Schritt, verschwunden zu sein, als ich am nächsten Tag zusammen mit Anne-Berit und Essi aus der Schule kam.

Das hatte ich noch nie erlebt.

Eine verschlossene Tür. Die nicht geöffnet wurde, als ich klingelte, wieder und wieder. Ich wurde total aus dem Konzept gebracht. Essi nahm mich mit zu sich nach Hause, wo seine Mutter, eine der wenigen Mütter, zu denen ich Vertrauen haben konnte, neben meiner eigenen, mich damit tröstete, dass Mutter sicher nur einkaufen gegangen sei, ich würde schon sehen, ich könne hier meine Aufgaben machen, zusammen mit Essi, der sicher ein wenig Hilfe bei der Mühe mit den Buchstaben brauchte, besonders gut im Rechnen sei er auch nicht.

»Du bist doch so tüchtig, Finn.«

Doch, ich kam gut zurecht. Das gehörte zu dem Vertrag zwischen Mutter und mir, dem zarten Gleichgewicht in einer Familie aus zwei Personen. Ich bekam Brote mit Cervelatwurst, die ich eigentlich sehr gern esse, konnte aber keinen Bissen hinunterbringen; es ist seltsam, wenn du erst eine Mutter hast, ist es nicht so leicht, wenn sie verschwindet. Ich saß neben Essi an seinem Schreibtisch und hielt einen Bleistift in der Hand und war ein Waisenkind und schrieb nicht einen Buchstaben. Das sah ihr so überhaupt nicht ähnlich. Jetzt war schon über eine Stunde vergangen. Es waren erst vierzehn Minuten. Erst als fast zwei Stunden vergangen waren, hörten wir draußen auf der Stichstraße einen Lärm, der sich als der Auspuff eines ausrangierten Lastwagens entpuppte, der versuchte, die Stichstraße vor dem Block im Rückwärtsgang zu bewältigen. Und dann sah ich auch Mutter, die in ihrem langen geblümten Schuhladenkleid aus dem Führerhaus sprang und zum Hauseingang lief. Auf den weinroten Autotüren stand »Storstein Möbel & Inventar«, in goldgeränderter Schönschrift. Ein riesiger Mann im Overall öffnete die Klappen, noch ein Mann sprang heraus, und gemeinsam enthüllten sie auf der Ladefläche ein Sofa, ein modernes Schlafsofa mit beigen, gelben und braunen Streifen, das Mutter also auf der fadendünnen Grundlage eines Briefes einer gewissen Ingrid Olaussen gekauft hatte, und zogen es von der Ladefläche und fingen an, es zur Haustür zu bugsieren.

Ich hatte schon den Ranzen auf dem Rücken und jagte die Treppen hinunter, über den Rasen und die Treppen hoch, hinter dem unhandlichen Möbelstück, das die beiden fluchenden Burschen nur mit Mühe und Not in den zweiten Stock und durch die Tür wuchten konnten, nachdem diese zum ersten Mal in meinem Leben eine Ewigkeit lang geschlossen gewesen war.

Drinnen stand Mutter mit resigniertem und angespanntem Gesicht, das auch nicht normaler wurde, als sie mich entdeckte, vermutlich wegen meines elenden Zustandes, und sofort fing sie an, sich zu entschuldigen – im Laden habe alles so lange gedauert. Aber in ihrem Trost lag keine Energie, und als sie ein Papier unterschrieben hatte und das neue Sofa an der Wand im Wohnzimmer stand, wo früher kein Möbelstück gewesen war, wo es im Grunde aber gut hinpasste, musste sie sich ein wenig hinlegen. Das musste ich auch. Ich legte mich neben sie und schnupperte an ihren Gerüchen und fühlte ihre Arme, als ich einschlief, Stiefmütterchen, Haarfestiger, Schuhladen und Siebenundvierzigelf. Ich wurde erst zwei Stunden später wieder wach, unter einer Decke, während Mutter in der Küche Abendessen machte, summend, wie immer.

An diesem Tag gab es kein richtiges Essen, es gab Speck und Spiegeleier, zu einer Art Abendbrot, was aber doch jedes normale Gericht ausstechen kann. Und beim Essen erklärte sie mir, dass es etwas namens Wohnkredit gebe, kurz gesagt bedeutete das, dass man nicht sparen musste, ehe man etwas kaufte, man konnte das noch nachher tun, was wiederum bedeutete, dass wir wohl auch nicht so lange warten müssten, bis wir uns auch ein Bücherregal anschaffen könnten, ganz zu schweigen von einem Exemplar des Fernsehapparates, der jetzt die Wohnungen in der Nachbarschaft eroberte, und ich würde nicht mehr zu Essi laufen müssen, wenn es etwas zu versäumen gab.

Das waren doch verlockende Aussichten. Aber sie hatte an diesem Abend doch etwas an sich, das mir Gedanken machte, als sei etwas in ihr zusammengebrochen und habe ihre Stille und ihre Sicherheit mitgenommen, und ich – der doch eben erst ein traumatisches Erlebnis gehabt hatte – schlief in dieser Nacht nicht so gut wie sonst.

Auch am nächsten Tag ging ich aus der Schule sofort nach Hause, und da war sie vorhanden. Mutter, die bereit war, Ingrid Olaussen zu empfangen, und die mich sofort mit etlichen Ermahnungen vorbereitete, als ob wir zu einem Examen müssten, ganz überflüssig natürlich, wenn ich etwas begriffen hatte, dann war das doch der Ernst der Lage.

»Stimmt was nicht?«, fragte ich.

»Wie meinst du das?«, fragte sie und schaute in den Spiegel, kam zurück und sagte sauer: »Du willst doch wohl nichts anstellen, oder?«

Ich wusste nicht einmal, worauf sie da anspielte. Und schon Sekunden später war sie wieder wie immer, schaute mich mitleidig an und sagte, sie könne ja verstehen, dass das hier nicht leicht für mich sei, aber es führe kein Weg daran vorbei, das sei mir doch klar?

Das war mir klar.

Wir waren einer Meinung.

Ingrid Olaussen kam eine halbe Stunde später als abgemacht, und es stellte sich heraus, dass sie im Frisiersalon im Lofthusvei arbeitete, so sah sie auch aus, wie eine Zwanzigjährige, obwohl sie also in Mutters Alter war. Sie hatte hochtoupierte rostrote Haare mit einem kleinen grauen Hut ganz oben, der war mit einer Reihe aus schwarzen Perltropfen dekoriert und sah aus, als ob er weinte. Außerdem rauchte sie Filterzigaretten, und nicht nur ihre Handschrift war krass, sie brachte es nämlich über sich, zu sagen, als sie einen Blick in das Zimmer geworfen hatte:

»Schlichter Standard, ja. Das hätte doch eigentlich in der Anzeige stehen müssen?«

Ich wusste nicht, was das bedeutete, aber Mutters Gesicht durchlief drei, vier vertraute Stadien, dann platzte es ihr heraus, das könne man leicht sagen, wenn man keine Ahnung vom Preis einer Zeitungsannonce habe.

Bei dieser Mitteilung zog Ingrid Olaussen nur lange an ihrer Zigarette und sah sich nach einem Aschenbecher um. Ihr wurde jedoch kein Aschenbecher angeboten. Mutter wollte die ganze Angelegenheit nämlich hinter sich bringen und sagte, wir hätten uns die Sache eigentlich anders überlegt und brauchten das Zimmer selbst.

»Tut mir leid, dass Sie sich umsonst herbemüht haben.«

Sie öffnete ihr sogar die Wohnungstür. Aber da sah Ingrid Olaussen plötzlich zutiefst unglücklich aus. Ihr gutfrisierter Kopf sank langsam, aber sicher auf ihre Brust und ihr langer unbeholfener Körper geriet ins Schwanken.

»Um Himmels willen, ist Ihnen nicht gut?«

Mutter nahm sie am Jackenärmel und zog sie ins Wohnzimmer, setzte sie auf das neue Sofa und fragte, ob sie ein Glas Wasser oder eine Tasse Kaffee wolle.

Dann passierte etwas, das noch unbegreiflicher war. Ingrid Olaussen wollte gern eine Tasse Kaffee, doch, doch, aber ehe Mutter mit dem Kessel loslegen konnte, fing sie an, ihre langen schlanken Finger ineinander zu verschränken, wie um ein Tauende zusammenzuspleißen, und redete rasch und abgehackt über ihre Arbeit, über anstrengende Kundinnen, die, wenn ich das richtig verstand, dauernd an ihr herummäkelten, und über den hochnäsigen Chef, aber auch über etwas, das Mutter sofort ganz anders werden ließ, und sie jagte mich ins Schlafzimmer, ehe ich Klarheit in die Sache bringen konnte.

Durch die Tür hörte ich Reden und intensives Gemurmel, und etwas, das wie Weinen klang. Nach einer Weile schienen sie sich aber in irgendeiner Hinsicht zu einigen, es klang sogar wie ein zaghaftes Lachen. Und als Mutter endlich die Tür öffnete, glaubte ich, sie seien nun zu Busenfreundinnen geworden. Aber stattdessen stellte es sich heraus, dass Ingrid Olaussen verschwunden war, und Mutter war nachdenklicher denn je, als sie sich ans Kochen machte.

»Wird sie nicht hier wohnen?«, fragte ich.

»Nein, das kann ich dir sagen«, sagte sie. »Die hat ja keine fünf Öre. Und nix im Griff. Und Ingrid Olaussen heißt sie auch nicht ...«

Ich wollte fragen, woher Mutter das alles wusste. Oder mich erkundigen, wieso eine Wildfremde ihr das alles anvertraut hatte? Aber im Laufe der halben Stunde, die ich im anderen Zimmer verbracht hatte, hatte mich ein seltsames Unbehagen überkommen, und die Antwort auf die beiden Fragen musste doch sein, dass Mutter sie von früher her kannte oder dass sie sich in ihr wiedererkannte. Und ich wollte nichts davon bestätigt haben, und deshalb konzentrierte ich mich auf das Essen, hatte aber trotzdem ein ziemlich klares Gefühl, dass es an Mutter Seiten gab, über die ich keinen Überblick hatte, nicht nur ihr plötzliches Ausbleiben am Vortag, für das es trotz allem eine Erklärung gab, ein Sofa, sondern die Tatsache, dass eine Wildfremde unser früher so ereignisloses, jetzt aber allzu renoviertes Zuhause betreten und auf dem frisch gekauften Sofa zusammenbrechen und alle Geheimnisse von sich geben durfte, um dann gleich vor die Tür gesetzt zu werden, ich sah mich nicht nur einem unlösbaren Rätsel gegenüber, sondern einem Rätsel, auf das ich vielleicht keine Antwort haben wollte.

Ich blieb sitzen und musterte sie verstohlen, die nervöse, sich vor der Dunkelheit fürchtende, normalerweise aber so stabile und immerwährende Mutter, der Fels auf Erden und der Elefant im Himmel, jetzt jedoch mit einem Gesicht, das nicht wiederzuerkennen war.

3

Nun wurde das Untermietprojekt glücklicherweise für einige Wochen stillgelegt, so, als fürchte meine Mutter, dass ein neues Mysterium vor der Tür stehen könnte. Aber wie gesagt hatten wir ja abgemacht, dass wir rückwärts sparen wollten, und deshalb führte kein Weg an einer neuen Anzeige in Arbeiderbladet vorbei, zu fünfzig Öre das Wort. Und noch immer war meine Mutter reizbar und unkonzentriert, ich bekam den falschen Belag auf meine Brote, sie hörte nicht zu, wenn ich etwas erzählte, und sie verhaspelte sich, wenn sie uns abends vorlesen wollte.

»Du kannst jetzt doch besser lesen als ich«, sagte sie zu ihrer Verteidigung, wenn ich sie darauf hinwies. Aber nicht deshalb hatte ich lesen gelernt, wir hatten eine Menge Bücher und wir würden sie alle lesen, Kinderbücher und Margit Söderholm und »Die Familie auf Jalna« und Kapitän Marryats »Sigismund Rüstig«, sowie das einzige von meinem Vater hinterlassene Buch, es hieß »Der unbekannte Soldat«, wir hatten es noch nicht gelesen, und laut meiner Mutter hatten wir auch nicht vor, es zu lesen, und alle Bücher waren in einem Karton im Schlafzimmer untergebracht, in Erwartung des Bücherregals, das wir vom Wohnkredit kaufen würden, wenn wir nur erst diesen verflixten Untermieter an Land gezogen hätten. Und als sie mir einmal nicht zuhörte, setzte ich mir plötzlich in den Kopf, ich sei ein anderer geworden. Es war kein klares und konkretes Gefühl, aber doch so eindringlich, dass ich fragte:

»Mit welchem von uns redest du jetzt, mit mir oder mit dem da drüben?«

Das kam gar nicht gut an.

»Wie meinst du das?«, fragte sie verärgert und hielt mir einen Vortrag darüber, dass ich ab und zu reichlich unverständlich sein könne, was sie schon mehrmals erwähnt habe, es hing vielleicht damit zusammen, dass ich ein Junge war und dass sie glaubte, der Umgang mit einer Tochter wäre leichter gewesen.

»Ich begreife nicht, was du da redest«, sagte ich sauer und ging in das Zimmer, das noch immer meins war, und legte mich aufs Bett, um allein zu lesen, in einer Jungen-Zeitschrift. Aber es war wie zumeist beim Protestlesen, ich konnte mich nicht konzentrieren, wurde nur noch wütender, als ich dort vollständig angezogen lag und mich fragte, wie lange ein kleiner Junge so liegen und darauf warten müsste, dass seine Mutter zur Besinnung kommen und ihm versichern würde, dass alles beim Alten sei, egal, ob Juri Gagarin uns alle in die Luft gehen ließ. Es dauert normalerweise nicht sehr lange, jedenfalls nicht hier in diesem Haus, aber jetzt geschah jedenfalls das Wunder, dass ich mitten in meiner Wut einschlief.

Erst am nächsten Morgen entdeckte ich, dass sie dort gewesen war, ich trug nämlich meinen Schlafanzug und lag unter der Decke. Ich stand auf, zog mich an und ging in die Küche. Wir frühstückten, wie immer, und lachten über irgendeinen Dussel im Radio, der Wörter benutzte wie Bariton und U Thant. Aber sie war doch noch immer aufreizend abwesend, und deshalb wurden wir nicht gänzlich versöhnt, so kam es mir vor, als die Tür gegenüber zuschlug und ich meine Knautschsamtjacke anzog und den Ranzen auf die Schulter nahm, um zusammen mit Anne-Berit zur Schule zu gehen.

Also war ich vielleicht doch ein anderer geworden?

Anne-Berit war jedenfalls dieselbe. Ich habe nie einen Menschen gekannt, der so weitgehend jede Möglichkeit nutzte, er selbst zu sein, hübsch, selbstsicher und phantasielos; bei ihr war keine Spur ihrer riesigen Eltern zu finden, niemals kam sie auf irgendeine ausgefallene Idee und sie lachte immer erst, wenn sie sicher war, dass es einen Grund zum Lachen gab, und den gab es in der Regel nicht. Aber das alles war an diesem Morgen eben in Ordnung, bis auf weiteres, denn während normalerweise ich derjenige bin, der etwas sagt, sagten wir jetzt beide nichts, und das Schweigen wurde nach und nach so drückend, dass sie fragte:

»Wassn los mit dir?«

Ich hatte noch immer keine besonders gute Antwort, wir konnten nur weiter über die grauen Lehmwege von Muselunden gehen, die laut Mutter und Frau Syversen viel weniger gefährlich waren als der Bürgersteig am Trondhjemsvei, auch wenn sich hier am Hang unterhalb der Straße die Stadtstreicher aufhielten, in kleinen schiefen Hütten, die in der schwarzen blattlosen Wildnis des Spätherbstes von allen Seiten her zu sehen waren und aussahen wie blutüberströmte Flugzeugunglücke. Hier hausten beängstigende Männer, die wir Gelb, Rot und Blau nannten, weil Gelb an einer Krankheit litt, die ihn gelb machte, Rot, weil er immer eine rote Visage hatte und Blau, weil er schwarz wie ein Zigeuner war, wie man sagte. Wir durften auf keinen Fall in ihre Hütten gehen, wenn sie riefen, denn dann würden sie uns in eine Mühle stecken und uns zu einer dünnen braunen Suppe zermahlen und uns zu Suppenwürfeln pressen, aber an diesem Tag war das kein Thema, sie waren nicht einmal zu sehen, und deshalb lieferten sie mir auch kein Gesprächsthema, und ich wäre gern auf irgendwen wütend gewesen.

»Meine Fresse, du bist ja öde«, sagte ich zu Anne-Berit, als wir den Schulhof betraten. Darauf antwortete sie nur:

»Kacke.«

Das war keine normale Aussage ihrerseits, auch wenn sie zu ihrem Temperament passte, und deshalb trennten wir uns im Unfrieden, sie ging zu ihrer Mädchenklasse und ich zu meiner gemischten Klasse, die eingerichtet worden war, um festzustellen, ob Jungen und Mädchen nebeneinander sitzen und zugleich etwas lernen könnten.

Es machte Spaß, in die gemischte Klasse zu gehen, auch wenn die hübschesten Mädchen in den reinen Mädchenklassen saßen, denn es ist ja oft so, je besser du andere kennenlernst, um so mehr Fehler haben sie. Aber hier konnte ich meinen Blick auf den schwarzen wallenden Haaren von Tanja ruhen lassen, die noch immer ein ziemliches Mysterium war, weil sie niemals etwas sagte und auf Fragen in einer Tonlage antwortete, bei der selbst Lehrerin Henriksen den Versuch aufgegeben hatte, sie lauter zu drehen. Aber sie drehte sich doch immer um, wenn ich etwas sagte, und bedachte mich dann mit einem kleinen Lächeln, das dafür sorgte, dass ich eigentlich nicht mehr zu leben brauchte; angeblich war sie Zigeunerin und wohnte in einem Zirkuswagen beim botanischen Garten in Tøyen, und das machte die Sache nicht einfacher, denn was ist verlockender als ein Volk, das mit der Gitarre um den ganzen Erdball zieht und stiehlt und Karussells laufen lässt?

Deshalb war es so gekommen, dass ich vor allem aufzeigte, damit Tanja sich umdrehte, und das versuchte ich auch an diesem Tag, zudem wollte ich das ganze Gewusel loswerden, das noch immer in meinem Kopf herumblubberte. Aber statt mit irgendeinem Witz zu brillieren, erkannte ich zu spät, dass ich dieses eine Mal meine Aufgaben nicht gemacht hatte, und ich brach in heftiges und unbegreifliches Weinen aus. Als das erst angefangen hatte, konnte ich es auch nicht in den Griff bekommen, ich hing wie ein Witz über meinem Tisch und heulte wie blöd, seltsamerweise bereits jetzt in dem vollen Bewusstsein, dass diese Sache mich teuer zu stehen kommen würde, und das machte die Sache ja auch nicht besser.

»Aber Finn, Lieber, was ist denn los?«

»Ich weiß nicht!«, schrie ich wahrheitsgemäß, und an sich war ich mit dieser Antwort ziemlich zufrieden, denn was, wenn mir die Wahrheit herausgeplatzt wäre: Mit meiner Mutter stimmt etwas nicht!

Die Lehrerin zog mich auf den Gang hinaus und konnte mich so weit beruhigen, dass ich verstand, was sie sagte; sie wollte mir einen Brief mit nach Hause geben und sich erkundigen, ob alles in Ordnung sei. Aber dagegen protestierte ich so energisch – mit einem neuen Tränenstrom –, dass sie abermals warten musste, bis ich mich einigermaßen beruhigt hatte, während ich an der Wand nach unten glitt und sitzen blieb und durch den menschenleeren Gang starrte, der mir vorkam wie das Echo in einem Krankenhaus, wo alle Kinder lautlos lachen und die Toten schon Flügel haben und Frau Henriksen, mit der ich normalerweise gut zurechtkam, plötzlich fragte:

»Hast du etwas gesehen?«

Ich fuhr zusammen.

»Was denn gesehen?«

»Nein, nein, ich meinte nur, ob du vielleicht ... etwas gesehen haben könntest.«

»Was denn gesehen?«, rief ich noch einmal, und der Abgrund unter mir klaffte noch weiter, denn nun war nicht nur meine Mutter anders und seltsam geworden, ich hatte es vielleicht auch gewusst, hätte es voraussehen können. »Ich hab keinen Scheiß gesehen!«, brüllte ich.

»Ganz ruhig, Finn«, sagte Frau Henriksen, nicht mehr so tröstlich, sondern eher überdrüssig, und ich saß da mit einigen plötzlichen Erinnerungen oder Wörtern im Kopf, Mutter und ich, die Wörter sammelten und darüber lachten oder sie leiden mochten oder sie dumm oder überflüssig fanden, Wörter, die so wirklich waren, dass man sie anfassen konnte, wie Beton und Auspuffgase, Piassava, Benzin, Leder, Jute ... Ich fiel in einen blauen Traum, in dem ich auf meinem neuen Rodelbrett fahren wollte, und ich weinte und quengelte, bis Mutter mich an der Hand nahm und mich mit wütendem Griff zu der Rodelbahn zog, die vom Trondhjemsvei den Hang hinunter führte; aber dort gab es keinen welligen klaren Fluss aus kaltem Glas mehr, sondern nur eine braune Lehmspur wie geronnenes Nasenblut in einem zerschlagenen Gesicht.

»Verstehst du jetzt?«, rief sie mit einer so schrillen Stimme, dass es meinen Ohren wehtat. »Der Winter ist vorbei! Jetzt ist Frühling!«

»Gehen wir wieder rein?«, fragte Frau Henriksen.

Ich schaute zu ihr auf.

»Ja«, sagte ich, stand auf und versuchte auszusehen, als ob wir in den vergangenen Minuten ein Abkommen getroffen hätten, als ob eigentlich rein gar nichts geschehen sei.

Aber die Nachricht meines Zusammenbruchs hatte natürlich den Schulhof erreicht und Anne-Berits Lächeln auf dem Nachhauseweg war nicht misszuverstehen. Jetzt waren Gelb und Blau aufgestanden – Rot ließ sich nicht sehen – und saßen vor ihren Hütten und tranken aus blanken Kannen und riefen, wir sollten zu Besuch kommen, damit Blau uns sein Eichhörnchen zeigen könnte, worauf Anne-Berit in ein seltsames Kichern ausbrach.

»Mörder!«, rief ich aus voller Kehle. Blau sprang auf und machte den Hitler-Gruß und brüllte etwas, das wir nicht hörten, denn wir liefen um unser Leben zur Jugendherberge hoch und kamen erst zur Ruhe, als wir am Tennisplatz vorüber waren, wo ich entdeckte, dass einige von meinen Kumpels ein Feuer machten, und ich fragte Anne-Berit, ob sie mitkommen wollte.

Sie blieb stehen und musterte mich forschend und erwähnte zuerst, dass ihre Mutter es nicht mochte, wenn ihre Kleider nach Rauch stanken, schon gar nicht nach dem von Teerpappe, dass ich schon genug Lehm an den Schuhen hätte und allerlei anderen Unfug, für ihre Verhältnisse ungewöhnlich redselig, deshalb glaubte ich, sie habe meinen Zusammenbruch schon vergessen.

Aber später am Abend hörte ich die Türklingel, und Frau Syversen kam herein und führte ein leises Gespräch mit meiner Mutter, die gleich danach herüberlief und mit übereinandergeschlagenen Armen in die neue Türöffnung trat und mich wie einen Fremden musterte, als ich abermals auf dem Bett lag und zu lesen versuchte.

»Was ist eigentlich in letzter Zeit mit dir los?«, fragte sie so gelassen, dass ich nicht einfach abwehren konnte. Aber ich konnte auch sonst nicht viel tun, deshalb blieb ich liegen und starrte in mein Comic-Heft, bis die Situation einem Stellungskrieg ähnelte – hatte ich vielleicht doch etwas gesehen?

Aber auch jetzt tat sie nicht das, was eine Mutter tun sollte, um einen verlorenen Sohn heimzuholen, sie schüttelte nur melancholisch ihre Locken und ging wieder in die Küche. Aber sie ließ die Tür offenstehen, die Tür zum Untermieterzimmer, die Frank eingebaut hatte, und die Wohnzimmertür, deshalb konnte ich hören, dass sie mit Spülen anfing, was meine Aufgabe war und meistens auch eine Pflicht, vor der ich mich nicht drücken konnte, während sie abtrocknete und wegräumte.

Ich warf die Zeitschrift zur Seite und ging in die Küche und schob sie vom Spülbecken weg, aber dieses eine Mal spritzte ich nicht und fuchtelte auch nicht mit der Spülbürste herum, mit dem Ergebnis, dass wir dort standen wie ein altes Ehepaar, das sich nichts mehr zu sagen hat, und Milchgläser und Teller und Gabeln spülten und abtrockneten, im Wettbewerb um die große Goldmedaille für das längste Schweigen, das jemals hier in dieser Wohnung geherrscht hat.

Aber ich hatte für diesen Tag genug geflennt, das merkte ich, deshalb hielt ich durch, bis ich merkte, verdammt, jetzt pruste ich gleich los. In diesem Moment schlug ich mit der Bürste in das verdreckte Wasser, so dass es ihr ins Gesicht spritzte. Sie fuhr zurück und heulte wütend auf, riss sich dann aber zusammen und blieb mit seltsamer düsterer Miene stehen, die eine Hand auf die Hüfte gestützt, die andere vor die Augen geschlagen, dann ließ sie sich auf den nächstbesten Küchenstuhl sinken und sagte mit apathischer Miene, während ihr das Seifenwasser aus den Haaren lief:

»Du hast eine Schwester.«

»Hä?«

»Eine Halbschwester.«

Dazu gab es nicht sehr viel zu sagen. Ich wusste doch von dieser Schwester, die irgendwo dort draußen in der Welt herumsaß und eine Waisenrente bezog, die uns zugestanden hätte. Aber dann ging es mir auf.

»Die Friseuse?«

»Ja.«

Ja. Die Friseuse. Ingrid Olaussen, die übrigens nicht Ingrid Olaussen hieß, war die Mutter dieses Mädchens, das Linda hieß und sechs Jahre alt war, und sie hatte unsere Anzeige in der Zeitung gesehen, weil wir so dumm gewesen waren, keine Chiffre zu nehmen, sondern unseren Namen, aber wer zum Henker denkt auch an sowas?

»Chiffre?«

Die nächste Auskunft kam nicht so rasch. Mutter musste sich zuerst abtrocknen. Das erledigte sie im Badezimmer, lange und sorgfältig, während ich auf dem Fußschemel stand, wozu ich eigentlich zu groß war, und die Spülbürste anstarrte, mit der ich im fahlen Seifenwasser langsame Kreise zog, bis mir schwindlig wurde und sie wieder aus dem Badezimmer kam und die Schminke entfernt hatte, die im Schuhladen nötig war und so aussah, wie sie am Wochenende immer aussah, wenn wir nur zu zweit waren, dann war sie auch am hübschesten.

»Aber sie kann sich nicht um sie kümmern«, sagte sie und verstummte. Und ich musste wieder auf meinem Piedestal stehen und grübeln und leiden und mit der Bürste wedeln, bis die Fortsetzung kam, denn ich brachte es noch immer nicht über mich zu fragen, und sie sprach so langsam und behutsam mit mir, wie man einem Säugling Medizin einflößt, sie erzählte, dass Ingrid Olaussen nicht nur Witwe war, sondern auch drogensüchtig, zum ersten Mal hörte ich dieses Wort, sie war Morphinistin, na gut.

»Und das erzähle ich nur, weil ich weiß, dass du groß genug bist, um es zu verstehen«, sagte Mutter. »Wenn du dir die Sache erst genauer überlegt hast.«

Aber:

»Soll die hier wohnen?!«

Endlich ging es mir auf. »Du hast es die ganze Zeit gewusst!«, rief ich plötzlich wütend. »Wir haben renoviert und einen eigenen Eingang machen lassen, weil sie hier wohnen sollen!«

»Nein, nein«, fiel sie mir ins Wort, erst jetzt auf eine Weise, die Vertrauen erweckte, wonach ich ein starkes Bedürfnis hatte. »Sie kann sich nicht um die Kleine kümmern. Ich habe mich erkundigt und ... sie kommt ins Waisenhaus, wenn nicht ...«

»Sie soll also hier wohnen?«

Mutter saß bewegungslos da, schien aber trotzdem zu nicken. »Wir kriegen keinen Untermieter«, fragte ich verzweifelt weiter.

»Das schon ...«

»Wir kriegen einen Untermieter und eine Schwester?«

»Ja.«

»Aber nicht die Friseuse?«

»Sie ist keine Friseuse, Finn! Nein, sie muss in Behandlung, ich weiß nicht ...«

»Dann soll sie nicht hier wohnen!«

»Nein!, sag ich doch. Und jetzt hörst du zu!«

Zehn Minuten später. Mutter sitzt auf dem neuen Sofa mit einer Tasse Liptons Tee und ich im Sessel mit einer Flasche Solo, obwohl es doch mitten in der Woche ist. Wir fühlen uns wohler als irgendwann in den letzten zehn Minuten. Wir sind auf einer Wellenlänge. Einer neuen Wellenlänge, denn ich bin noch immer ein anderer, bin nur ein wenig mehr daran gewöhnt, es hängt mit Mutters plötzlicher Vertraulichkeit zusammen, denn auch sie ist eine andere, wir sind zwei Fremde, die hier sitzen und vernünftig darüber reden, wie wir eine weitere Fremde in Empfang nehmen sollen, ein sechs Jahre altes Mädchen, das Linda heißt und die Tochter eines Kranführers ist, der zufällig auch mein Vater war.

Ich sehe ein, dass es keine leichte Entscheidung gewesen sein kann, meine Mutter ist in unserem früheren Leben nicht gerade übergelaufen von guten Worten über diese Witwe und ihre Tochter, aber jetzt ist sie offenbar von einem unerschütterlichen Gerechtigkeitssinn getroffen worden; Solidarität würden manche es wohl nennen, aber wir sind nicht von der eingebildeten Sorte, wir haben einen Wohnkredit und sind unergründlich. Und innerhalb dieser beiden Wochen hat Mutter nicht nur die Kosten berechnet, wie sie mir jetzt erzählt, sie hat sich auch gefragt, was die Leute sagen werden, wenn wir sie nicht aufnehmen. Und wie würden wir uns dann fühlen? Und wie würde es der Kleinen im Waisenhaus ergehen? Um nicht zu sagen, wie würde ich später im Leben begreifen: Wäre es nicht vorzuziehen, die Witwe zu sein, die es schaffte, das zu tun, was getan werden musste, statt die zu sein, die das Handtuch warf und sich ihrer Verantwortung entzog, aufgrund von etwas so idiotisch selbst Verschuldetem wie Drogenmissbrauch?

Hier roch es ganz einfach nach einem Sieg, für Mutter, über die Person, die mit Mutters Kranführer durchgebrannt war und die vielleicht auch die indirekte Ursache dafür gewesen war, dass er gestürzt war, der Mann, dessen Erinnerung Mutter noch immer so wehtat, dass seine Fotos in einer verschlossenen Schublade begraben sein mussten.

Damit muss ich auch über die Frage nachdenken, die noch nicht beantwortet worden ist, die der Waisenrente.

»Nein, von der werden wir wohl nichts zu sehen bekommen«, sagte Mutter, wenn auch mit leicht brüchiger Stimme. »Ich habe nicht vor, sie zu adoptieren. Und ...«

Aber darauf will ich eigentlich nicht hinaus. Ich will auf die Frage hinaus, ob Mutter durch diese neue Aufgabe endlich die Gelegenheit sieht, ihren Wunsch nach einer Tochter zu erfüllen? Aber dann überlege ich mir die Sache anders und halte den Mund, vermutlich, um unser neues Gleichgewicht nicht zu zerstören. Ich trinke meine Limonade und gehe ins andere Zimmer und mache Hausaufgaben, mit offenen Türen, damit wir einander hören können, Mutters leise Haushaltsgeräusche im Wohnzimmer und in der Küche, das Radio mit Abendsonate und Fischereibericht, das bedeutet, dass die Schlafenszeit näherrückt. Ich kann am Bleistift herumnagen und zu dem Block hinüberschauen, in dem Essi wohnt, ich kann aus zusammengekniffenen Augen das Licht in seinem Fenster anstarren, das in diesem Moment gelöscht wird, die Lichter in den Zimmern aller meiner Kumpels, Hansa und Rogern und Greger und Vatten, die Wohnsiedlung, die ein Auge nach dem anderen zukneift, während ich vor der Matchboxreihe auf der Fensterbank sitze und mich aus irgendeinem Grund auf etwas freue, das mir noch vor zwei Wochen als Katastrophe erschienen wäre: eine Schwester, eine kleine Schwester.

4

Aber zuerst musste der Mieter herbeigeschafft werden, unsere neue Einkommensquelle. Und das war noch immer keine Kleinigkeit. Wir bekamen innerhalb von ebenso vielen Tagen drei weitere Besuche: meine Mutter servierte Kaffee und Kuchen für eine junge Frau, die Doris Day ähnelte wie ein Ei dem anderen, die aber zwei verfaulte Zähne hinter ihrem blutroten Lippenstift zeigte, als sie sich vergaß und lächelte, worauf die Verhandlungen ins Stocken gerieten.

Dann erschien ein älterer Mann, der nach Schnaps und etwas undefinierbar Fauligem roch, und der nichts über sich sagen konnte, und obwohl er mit mehr Hundertern winkte, als ich je gesehen hatte, wurde auch er wieder hinauskomplimentiert.

Danach stellte sich noch ein Mann ein, in Hut und Mantel, ein leicht zerstreuter, aber sympathischer Mann, der nach Rasierwasser von der Sorte roch, die Frank sonntags benutzte und von der ich – von Anne-Berit – wusste, dass sie Aqua Velva hieß und dass man sie auch trinken konnte, im Notfall. Er hatte klare, ruhige und farblose Augen, die nicht nur Mutter mit einer gewissen Neugier musterten, sondern auch mich. Er sei Seemann gewesen, sagte er, nun wieder an Land, er arbeite jetzt in der lukrativen Baubranche und brauche eine Zwischenstation, während er sich etwas Eigenes suche.

Wir hatten das Wort »Zwischenstation« noch nie gehört, und auch nicht »etwas Eigenes«. Aber dieser Mann hatte etwas Modernes und Tröstliches, wie ein Gebildeter, erklärte Mutter später. Im Grunde wirkte er ganz einfach normal, oder so, wie wir uns einen Untermieter vorgestellt hatten, abgesehen davon, dass er Hut und Mantel trug, wie ein Filmschauspieler. Was aber den Ausschlag gab, war wohl die folgende Bemerkung, als er in der neuen Tür stand und zu meinem Schreibtisch mit allen Matchbox-Autos und Comic-Heften hinüberschaute und langsam nickte:

»Gemütlich.«

»Ja, nicht wahr ...«

»Aber kein Platz für einen Fernseher, wie ich sehe.«

»Sie haben einen Fernseher, ja«, sagte Mutter, als sei es natürlich, einen Fernsehapparat zu haben, wenn man nicht einmal eine Wohnung hatte. »Dann stellen wir ihn eben ins Wohnzimmer«, sagte sie mit einer koketten Handbewegung, und er erwiderte ihr Lächeln mit einem schlichten:

»Ja, natürlich, ich benutze ihn ohnehin nicht sehr viel.«

Und damit war die Sache gewissermaßen entschieden.

Er hieß Kristian und zog am folgenden Samstag ein. Ich war inzwischen zu Mutter übergesiedelt, die plötzlich nicht mehr so recht wusste, wohin mit sich. Nach einigem Hin und Her kam es dazu, dass auch sie eine Zwischenstation einlegte, in ihrem eigenen Schlafzimmer, dass sie also dort blieb, wo sie immer schon gewesen war, dort, wo wir ansonsten mit den Vorbereitungen zum Empfang unseres neuen Familienmitglieds beschäftigt waren, der sechsjährigen Linda.

»Das muss doch seltsam für dich sein«, sagte Mutter und sah mich mitfühlend an.

Nein, ich fand es gar nicht seltsam, jetzt hatte ich Blick auf die Blocks gegenüber, und auch dort hatte ich Freunde genug. Wir hatten außerdem das Glück, dass mein Bett eigentlich ein Etagenbett war, das Mutter billig drei Jahre zuvor gekauft und dann zerteilt hatte. Teil 2 stand auf dem Dachboden. Wir brauchten es nur herunterzuholen und auf mein Bett zu montieren, eine einfache Operation, bei der nicht einmal Franks Hilfe benötigt wurde.

Aber es gab noch etwas anderes, was Mutter Sorgen machte, und das war der Fernseher, der jetzt wirklich im Wohnzimmer stand und niemals eingeschaltet wurde, denn nach Kristians Einzug sahen wir eine Zeit lang kaum etwas von ihm, außer seinem Mantel und seinem Hut, die auf einem ihm angewiesenen Platz in der Diele hingen, neben Mutters zwei Mänteln und meiner Knautschsamt-Jacke. Er hatte nicht gefragt, ob zu dem Zimmer auch Küchenbenutzung gehörte, was nicht der Fall war, er hatte nur Zugang zu Badezimmer und Klo, mit einem Wannenbad in der Woche. Dann aß er wohl auswärts, oder er verzehrte belegte Brote in seinem Zimmer, privat, falls er überhaupt dort war, es war nämlich kein Laut zu hören. Eines Abends fand Mutter, es reiche jetzt, und sie ging in die Diele und klopfte an.

»Bitte einzutreten«, hieß es. Wir traten ein. Und da saß Kristian mäuschenstill in einem weinroten Sessel und las eine Zeitung, die ich noch nie gesehen hatte.

»Wollen Sie denn niemals Ihren Fernseher benutzen?«, fragte Mutter.

»Schalten Sie ihn nur ein, mir ist der ganze Apparat eigentlich scheißegal.«

Das war ein Sprachgebrauch, von dem ich wusste, dass er Mutter nervös machte. Und das wollte sie sich verbeten haben.

»Haben Sie gegessen?«, fragte sie beleidigt.

»Ich fresse nie nach fünf«, sagte Kristian mit derselben tonlosen Stimme, den Blick noch immer in die Zeitung gerichtet.

»Was sagen Sie denn da«, sagte Mutter. »Kommen Sie jetzt und essen Sie mit uns zu Abend.«

Und Kristian tat genau das, was ich immer tue, wenn sie so anfängt, er erhob sich mit einem müden Lächeln und sagte, danke.

»Aber das darf nicht zu einer Gewohnheit werden«, fügte er hinzu, als wir hinausgingen.

»Machen Sie sich keine Hoffnungen«, gab Mutter zurück, erleichtert, weil der Satz mit dem »scheiß« offenbar nur ein Einzelfall gewesen war. »Setzen Sie sich dorthin.«

»Wenn du aufhörst, mich zu siezen, dann ja«, sagte Kristian und setzte sich an das Ende des Tisches, an dem noch nie jemand gesessen hatte. »Das gehört sich nicht.«

»Ach?«, fragte Mutter und schnitt Vollkornbrot in dünnere Scheiben als sonst.

»Nein, wir sind doch Arbeitsleute.«

Das war ja auch eine seltsame Begründung. Aber hier war ich Kristians Ansicht, diese Sprache, auf die Mutter sich immer dann verlegte, wenn sie mit der Umwelt in Berührung kam, und die im Schuhladen so notwendig war, die gehörte doch eigentlich an keinen anderen Ort als eben in den Laden.

»Und was will der Sportsfreund einmal werden?«, fragte er mich.

»Schriftsteller«, sagte ich sofort und Mutter prustete los.

»Er weiß nicht einmal, was das ist.«

»Nein, und das kann doch ein Vorteil sein«, sagte Kristian.

»Ach?«, fragte Mutter noch einmal.

»Ja, es ist ein anspruchsvoller Beruf«, sagte Kristian und schien fast zu wissen, wovon er redete. Mutter und ich wechselten einen Blick.

»Hast du den Unbekannten Soldaten gelesen?«, fragte ich.

»Hör jetzt auf«, sagte Mutter.

»Natürlich«, sagte Kristian. »Ein phantastisches Buch. Aber das weißt du sicher noch nicht?«

»Nein«, gab ich zu. Aber die Stimmung war jetzt so locker, dass ich mich auf das Essen konzentrieren konnte, während Mutter lächelte und sagte, Kristian dürfe nicht überrascht sein, wenn er hier bald auf ein kleines Mädchen stieße, denn wir erwarteten Familienzuwachs. Kristian sagte, das sei ihr aber wirklich nicht anzusehen. Und sie lachten einander auf eine Weise an, die ich gar nicht zu beschreiben versuchen will, ich will nur erwähnen, dass Kristian aß, wie er ging und stand, ruhig und würdevoll, und er wartete nach jeder Schnitte, bis Mutter ihn zu einer neuen nötigte, und er solle doch auch mehr Aufschnitt nehmen. Sie konnte nicht begreifen, was das für eine Idee sei, nach fünf nicht mehr zu essen, während Kristian meinte, dass wohl alle hier im Lande bald lernen müssten, was Askese bedeutet.

»Denn es steht nicht fest, dass das hier so bleibt.«

»Wie meinen Sie das?«, fragte Mutter spitz. Und er zeigte fröhlich mit dem Messer auf sie und lächelte.

»Jetzt hast du es wieder getan, hast mich Sie genannt.«

Aber ich konnte mir das nicht anhören, es juckte mir ohnehin schon viel zu lange in den Fingern, ich wollte den Fernseher einschalten. An den vergangenen Abenden hatten wir im Wohnzimmer gesessen, Mutter mit ihrem Strickzeug und ihrer Teetasse, ich mit einer Zeitschrift, und hatten unruhige Blicke zu dem teakbraunen Koloss hinübergeworfen, der dort stand und uns mit seinem grünschwarzen blinden Auge anstarrte. Was in diesem Kasten steckte, war die Zukunft. Die Welt. Groß und unbegreiflich. Schön und rätselhaft. Eine langsam wirkende mentale Atomexplosion. Wir wussten das nur noch nicht. Aber wir ahnten es. Und der Grund, aus dem es noch immer totenstill bleiben durfte, war unter anderem der, wenn ich Mutter richtig verstand, dass der Untermieter das Gefühl haben könnte, dass wir ihn ausnutzten, wenn sie mir erlaubte, auf den elfenbeingelben Einschaltknopf zu drücken. Oder er könnte auf seiner Zwischenstation die Geräusche hören und sich eingeladen fühlen, hervorzukommen und sich in größeren Bereichen breitzumachen, als der Vertrag ihm erlaubte, er könnte in unserem Wohnzimmer sitzen und dazu gewissermaßen berechtigt sein, Abend für Abend, die Sache hatte viele Seiten, es half nichts zu schreien:

»Ich will einschalten!«

Wir mussten so tun, als ob der Kasten nur zur Aufbewahrung bei uns sei. Und nichts hätte weniger zur Aufbewahrung sein können. Mutter las sogar die Fernsehprogramme in der Zeitung, es gab die Schlagerparade mit Erik Diesen, und wir hätten vielleicht »Seemann« oder »Das Leben in Finnskogene« hören können, was es sonst nur im Wunschkonzert gab, und was war mit »Alles oder nichts«, was Essi mir als ein achtes Weltwunder beschrieben hatte?

Aber als ich endlich vom Tisch aufstand und ganz einfach ins Wohnzimmer ging und auf den Knopf über dem Tandberg-Schildchen drückte, passierte rein gar nichts. Nicht ein Geräusch. Nicht ein Lichtfunke. Dann donnerte ein knisternder Schneesturm in mein Gesicht und Kristians Stimme erklang aus der Küche:

»Wir müssen den zuerst anmelden. Und er braucht eine Antenne.«

Er stand auf und ging ins Untermieterzimmer und wühlte in einem Kasten und kam mit etwas heraus, das er als Zimmerantenne bezeichnete, es ähnelte den galvanisierten Fühlhörnern eines Riesenkäfers und war Kristians Aussage nach nur Müll. Aber als er es montiert hatte, konnten wir immerhin Fische sehen, die hinter etwas Wogendem und Welligem herumschwammen, das aussah wie die Tapete bei Syversens.

»Ich besorge eine richtige Antenne«, sagte Kristian und drehte an den Fühlhörnern, so dass die Wellen wuchsen und schwanden.

Wir sahen die deformierten Fische an. Mutter saß auf der Sofakante, mit aneinandergepressten Schuhladenknien und schräger, abwartender Haltung, als warte sie auf den Bus; Kristian stand breitbeinig und mit übereinandergeschlagenen Armen mitten im Zimmer und schaute aus der Balkontür, wo vermutlich die richtige Antenne angebracht werden sollte. Er setzte sich erst, als Mutter ihn dazu aufforderte, und auch er setzte sich nur auf die Stuhlkante, die Ellbogen nachdenklich auf die Knie gestützt, das Kinn berührte die Fingerknöchel nur ganz leicht, so dass auch er etwas Vorläufiges hatte. Ich war als Einziger wirklich anwesend. Aber an diesem Abend wurde die erste Grundlage für etwas gelegt, das ich damals wohl als Freundschaft empfand.

Es stellte sich nämlich heraus, dass Kristian ein Anhänger der Zahlen war, wie ich, Rundenzeiten, Jahreszahlen, Autonummern, wenn ich erst etwas gelernt hatte, dann saß es. Er wusste zum Beispiel, dass es in Norwegen über sechzigtausend Fernseher gab, also fast in jedem zehnten Haushalt einen, in den USA gab es schon Farbfernsehen, fast in jedem Haus. Er benutzte Wörter wie »intelligent« und »Entwicklung« und »sporadisch«, Begriffe, zu denen Mutter und ich nur ein sehr vages Verhältnis hatten. Nach den Fischen füllte ein großes asiatisches Gesicht den Bildschirm, das, wie sich herausstellte, dem Mann mit dem albernen Namen U Thant gehörte, über den wir herzlich gelacht hatten, wenn er im Radio erwähnt wurde, aber Kristian wusste, dass U Thant offenbar intelligent und weitsichtig war – so heißt es, fügte er hinzu. Und schon diese kleine Bemerkung sagte uns, dass U Thants mentale Ausrüstung nicht nur die Einschätzung eines einzelnen Untermieters sein konnte, sondern etwas in Richtung einer Mehrheitsentscheidung, eine Wahrheit, geboren aus dem gelinde gesagt spekulativen »heißt es« und »offenbar« – es lag eine schleichende und unwiderstehliche Logik in so gut wie jedem Satz, den er aussprach. Und obwohl er in den nächsten Minuten sowohl Arschloch sagte (einmal) und Hinkefuß und malochen und blaumachen, dachten wir wieder, er könnte vielleicht ein gebildeter Mann sein, und ich sah Mutter an, dass sie das vielleicht noch nervöser machte als das Vulgäre, ich meine, fluchen kann jeder, auch hier hatte es allerlei Ausdrücke gehagelt, als die Tür zu meinem alten Zimmer ausgebaut worden war. Es war wohl die Mischung, die sie umwarf, dass ein und derselbe Mensch Wörter wie Arschloch und sporadisch enthielt, als sei der Bursche eine Promenadenmischung, ein Mann ohne Heimat, und das ist, wie jeder weiß, ein Zigeuner, was wiederum falsch und unzuverlässig bedeutet, hatten wir uns also hier in unserer Idylle ein trojanisches Pferd aufstellen lassen?

Der Abend endete mit einem kurzen Befehl von Seiten meiner Mutter.

»Ja, nein, jetzt ist wohl Schlafenszeit.«

Sie stand auf und zog ihren Rocksaum nach unten. Nun sprang auch Kristian auf, wie auf frischer Tat ertappt.

»Ja, doch, morgen ist ja auch noch ein Tag. Gute Nacht.«

Er ging in sein Zimmer, kam aber wieder heraus und sagte, »danke für das Essen, das habe ich wohl vergessen«, und legte ein schwarzes Fünf-Öre-Stück auf den Fernseher, damit ich es mir nehmen könnte, ein Fünf-Öre-Stück aus Kriegszeiten, er erzählte, er habe selbst einmal Münzen gesammelt, ich machte das sicher auch.

Mutter und ich konnten endlich ins Badezimmer gehen, zur Abendtoilette, die umfassender geworden war, seit wir den Untermieter hatten, denn sie musste bis zum letzten Moment damit warten, ihre Schuhladenschminke zu entfernen, während ich mit der Zahnbürste in der einen und dem Fünf-Öre-Stück in der anderen Hand auf der Badewannenkante saß.

»Was sagst du?«, fragte sie und schaute mich im Spiegel an.

»In Ordnung«, sagte ich, über den Fernseher, auch wenn der – wegen des Programmprofils vermutlich – meinen Erwartungen nicht ganz entsprochen hatte, aber das wäre auch nicht so leicht gewesen und ich würde am nächsten Tag in der Schule immerhin etwas zu erzählen haben.

»Seltsam«, sagte sie.

»Was denn?«

»Ich hoffe bloß, wir haben keine Dummheit begangen.«

»Hä?«

»Hast du die Hände nicht gesehen, nie im Leben arbeitet der auf dem Bau.«

»Wie meinst du das?«

»Du hast doch die Hände von Frank gesehen ... äh, von Herrn Syversen.«

Ich begriff nicht, worauf sie hinauswollte, aber ich schaute auf meine linke Hand, die mit dem Fünf-Öre-Stück, daran war nichts auszusetzen.

»Hoffentlich ist der kein Snob«, sagte Mutter.

Ich wusste nicht, was ein Snob war, und fand auch nicht, dass dieses Wort sonderlich gut zu Kristian passte, nachdem sie es erklärt hatte.

An den folgenden Tagen stellte es sich heraus, dass der neue Untermieter allerlei Dinge hatte, die jeder sich hätte denken können, ein Bajonett aus seiner Soldatenzeit, ein Mikroskop in einem mit Messing beschlagenen Holzbehälter, einen Lederbeutel mit achtundzwanzig Stahlkugeln, die in den Kugellagern von gelben Baggern gesteckt hatten und die man als Klicker nehmen oder einfach in der Hand halten konnte – was für unvergleichlich herrliche Gegenstände zum In-der-Hand-Halten. In einem weiteren Holzkasten hatte er einen kleinen Kreisel aus Messing, mit einem aufgemalten grünen Spiralmuster, von dem einem beim Hinsehen schon schwindlig wurde. Dazu kam noch ein Schachspiel mit Stahlfiguren, das er angeblich selbst hergestellt hatte, wie auch den Kreisel, er sei nämlich gelernter Werkzeugmacher. Aber er habe sich als Werkzeugmacher nicht wohlgefühlt, aus Ursachen, die er erklärte, von denen ich aber nichts verstand. Dann war er also Seemann geworden, und das hatte ihm gut gefallen, bis sein Schiff westlich von Irland untergegangen war. Dann hatte er nicht mehr zur See fahren wollen und war zu seinem alten Beruf zurückgekehrt, der sich inzwischen aber nicht verändert hatte, und deshalb war er schließlich auf dem Bau gelandet.

Wir kamen also nicht weiter mit dieser Unternehmung, die Mutter zufolge nicht zu seinen Händen passte, bis sie ihn eines Abends ganz offen fragte, nachdem er – pünktlich – die Miete für den ersten Monat bezahlt hatte.

»Ich bin vor allem mit Gewerkschaftsarbeit beschäftigt«, sagte er kurz und ging auf sein Zimmer, und Mutter und ich blieben stehen und sahen einander fragend an.

»Himmel«, sagte meine Mutter.

Damit wurde dieses Mysterium von einem anderen abgelöst. Warum konnte Kristian nicht so wie wir die Karten auf den Tisch legen, wo er schon bei uns wohnte und auf eine Weise sympathisch wirkte, die uns dazu brachte, ihn zu mögen?

Jetzt war es Mutter, die sich ängstigte. Ich hatte mich längst mit Kristian dem Seemann und Werkzeugmacher abgefunden, so sehr, dass auch das zum Problem wurde, nämlich, weil Mutter mir untersagte, zu ihm zu gehen, wann ich wollte, und das war so gut wie jeden Abend. Ich klopfte an, er sagte »herein«, und ich ging hinein und starrte ihn an, bis er von seiner Zeitung aufschaute und zu dem Stuhl hinübernickte, für den Platz neben dem Sessel war, in dem er selbst saß. Dann las er noch ein oder zwei Minuten, während ich mit den Händen zwischen den Knien dasaß und seine Bücher ansah, den Beutel mit den Stahlkugeln, der an einem Haken in der Wand hing, das Schachbrett, bis er mit Lesen fertig war und fragte, ob ich meine Hausaufgaben gemacht hätte.

»Ja«, sagte ich.

»Ich habe nie Hausaufgaben gemacht«, sagte er.

Das beeindruckte mich nicht sonderlich. Ich hatte eine Menge Freunde, die keine Aufgaben machten, und das brachte ihnen nur Ärger ein; Wörter und Zahlen waren außerdem witzig, und das sah er mir wohl an.

»Du bist ein komischer Vogel«, sagte er.

»Du auch«, sagte ich. »Können wir durchs Mikroskop schauen?«

»Ja, ja, nimm es nur heraus.«

Ich nahm das Mikroskop aus dem Kasten und brachte Spiegel und Gläser an, und wir betrachteten die Oberfläche eines Kronenstückes; sie sah unmöglich aus, kreuz und quer Kratzer so tief wie Gebirgsschluchten, alles, wofür man mit bloßem Auge blind ist.

»Weißt du, was das da ist?«, fragte Kristian.

»Nein.«

»Das ist die Geschichte dieser Münze, schau her, die Jahreszahl 1948; seit damals ist sie durch Tausende von Händen gegangen, hat in Spardosen und Kassen und Taschen und Automaten geklappert und ist vielleicht aus einem Taxi gefallen und durch die Storgata getanzt, in einer Nacht, voller Regen, und ein Bus hat sie überfahren, ehe ein kleines Mädchen sie am nächsten Morgen auf dem Schulweg gefunden und in die Sparbüchse gesteckt hat. Das alles sind Spuren, es ist die Geschichte der Münze, weißt du, was Geschichte ist, Junge? Geschichte ist Abnutzung. Sieh zum Beispiel her, schau mir in die Visage, die ist voller Falten, obwohl ich erst achtunddreißig bin, und sieh dir deine eigene an, glatt wie ein Kinderpopo, und der Unterschied zwischen uns besteht nur aus Abnutzung, knapp dreißig Jahren Abnutzung, wie der Unterschied zwischen dieser Münze dort und einer Krone, die gestern erst geprägt worden ist, wie diese hier, zum Beispiel«, er zog eine ganz neue Münze hervor, mit einem Pferd, wo auf den früheren die Krone gewesen war, und die durfte ich unter das Mikroskop legen. Und sie war wirklich so glatt wie ein Meer ohne Wind. Bis wir das Objektiv austauschten und sie noch genauer ansahen, nun stellte es sich heraus, dass sogar die Oberfläche einer neuen Münze matt ist, bedeckt von Milliarden von winzigen Partikeln, die Kristian »kristalline Späne« nannte und die von der Abnutzung entfernt werden sollten – eine neue Münze hat mit anderen Worten ihren glattesten Zustand noch nicht erreicht, mit anderen Worten, ihren Höhepunkt als Münze, wenn sie vom Prägestock ausgespuckt wird, sondern dann, wenn so in etwa der sechsundzwanzigste oder dreiundvierzigste Besitzer sie aus der Tasche fischt und damit bei Åsbua in Bjerke für eine Wurst mit Fladen und Senf bezahlt – das ist der Höhepunkt in der Geschichte der Münze, wenn sie aus der Hand eines hungrigen Kunden gleitet und auf dem Tresen eines satten Würstchenverkäufers landet. Von nun an geht es bergab mit ihr, unerbittlich, auch wenn es seine Zeit dauert, hast du je eine total verschlissene Münze gesehen?

»Nein.«

»Dann geh ins Wohnzimmer und hol den Lexikonband mit dem S auf dem Rücken.«

Ich gehorchte und wir schlugen König Sverre nach, ein Höhepunkt an sich, was die Abnutzung unseres Landes angeht, aber Sverre war nicht nur Krieger und König gewesen und hatte die Nation vollständig auf den Kopf gestellt, er hatte auch Münzen prägen lassen, die im Lexikon abgebildet waren. Darauf stand Suerus Magnus Rex, was Latein war; sie waren hauchdünn, so schimmernd zart, dass, wenn man sie in den Himmel hielt, die Sonne hindurchscheinen könnte. Aber hier war natürlich auch die Rede von nicht weniger als achthundert Jahren Abnutzung, wir können also ganz beruhigt sein, wenn es um Münzen geht, meine ich, endete Kristian überaus vielsagend.

Ich blickte ihn verständnislos an.

»Und wann würdest du, nachdem du das hier gehört hast«, sagte er philosophisch, »den Höhepunkt für einen Menschen ansetzen?«

Ich überlegte.

»In deinem Alter vielleicht«, sagte er mit listigem Lächeln.

Am selben Abend ging ich mit dem Lexikon ins Bett und las den ganzen Artikel über König Sverre, und obwohl es dort etliche Wörter gab, die nicht einmal Kristian benutzte, war mir doch klar, dass er vollkommen recht hatte.

5

Aber Mutter gefielen meine Besuche im Untermieterzimmer nicht. Ich solle den Untermieter nicht stören, hieß es, und außerdem gefiel es ihr nicht, dass ich so lange dort drinnen blieb, wenn ich angeklopft und wenn er dann »herein« gesagt hatte – es kam vor, dass er nicht »herein«, sagte, und dann ging ich nicht hinein. Vor allem war es schlimm, dass ich mit allen möglichen Informationen wieder herauskam, über die Durchschnittstemperatur auf Spitzbergen, darüber, dass die norwegische Bevölkerung pro Jahr drei komma drei Millionen Liter Schnaps trank, aber nicht einmal ein Zehntel so viel Rotwein pichelte, denn das sei nichts, womit man den Kopf eines kleinen Kindes vollstopft.

»Ich bin kein kleines Kind.«

Außerdem konnte ich erzählen, dass das, was wir immer Plockwurst genannt hatten, eigentlich Salami hieß, und dass auf Gerhardsen kein Verlass war, selbst wenn wir bei jeder Wahl für ihn stimmten. Also wurde diesen Abendbesuchen ein Ende gesetzt. Ich durfte nicht einmal hineingehen und das Mikroskop zurückbringen, das ich hatte leihen dürfen, um die Maschen in Mutters Nylonstrümpfen zu betrachten. Das übernahm sie. Aber als sie wieder herauskam, waren ihre Wangen rot und sie wollte wissen, ob der Untermieter immer seine Unterwäsche zum Trocknen über die Gardinenstange hängte.

Das wusste ich nun wirklich nicht. Doch sie raffte sich zu einem neuen Vorstoß auf und lief wieder hinein und sagte, das wolle sie sich verbeten haben, Unterwäsche im Fenster, sichtbar für die ganze Wohnungsgenossenschaft.

»Dann nicht«, sagte Kristian gleichgültig. »Aber wo soll ich sie dann trocknen? Und waschen?«

Und so bekam er einen eigenen Korb für seine schmutzige Wäsche, den er dann in die Waschküche tragen konnte, wenn Mutter Wäsche hatte, wo er die Wäsche in die Trommel warf, während sie dieselbe für ihn aufhängte, in der Trockenkammer. Mir war klar, dass es bei dieser Abmachung darum ging, dass sie seine schmutzige Wäsche nicht anfassen wollte. Das war auch Kristian klar. Und zwischen uns gab es in den folgenden Wochen keinen besonderen Kontakt.

Aber in diesem Herbst kam es zum Verkaufsstreik. Omar Hansen hatte so gut wie keine Waren mehr, und Mutter verbrachte unendlich viel Zeit auf dem Weg vom Schuhgeschäft nach Hause damit, alles aufzutreiben, was wir brauchten. Eines Nachmittags jedoch stand in der Diele ein großer Karton, mit Margarine, Brot, Kartoffeln, Fischklößen, einer Tube Kaviar, Leberwurst, zwei Flaschen Limonade, drei Tafeln Freia Milchschokolade und ganz unten zwei Hefte Wilder Westen, für mich.

»Das hättest du nicht tun dürfen«, sagte Mutter.

»Warum nicht?«, fragte Kristian, der wie Frank »Beziehungen« hatte, bei der Gewerkschaft, sagte er, und Mutter hatte keine, im Gegenteil, es war ihre Gewerkschaft, die streikte. »Dann kannst du die doch zumindest für mich im Kühlschrank aufbewahren?«

Es war ungefähr so wie mit dem Fernseher, vor dem Mutter und ich jetzt jeden Abend saßen, autorisiert durch die Tatsache, dass sie ihn angemeldet hatte, auf ihren Namen. Kristian kam uns immer näher, egal, was sie auch tat.

»Was willst du dafür haben?«, fragte sie.

»Was ist eigentlich los mit dir?«, gab er ärgerlich zurück und ging auf sein Zimmer und schloss die Tür. Und da stand nun der Karton für ein oder zwei Stunden, bis Mutter zur Vernunft kam und die Waren in den Kühlschrank räumte.

»Es ist fast ein bisschen unangenehm«, sagte sie. Aber dann sagte sie auch: »Ja, ja.« Und gab mir die eine Limonade. Schon wieder Solo mitten in der Woche.

Danach aßen wir auch die eine Tafel Milchschokolade und schalteten den Fernseher ein und sahen die Schlagerparade und einen langen Dokumentarfilm über ein Pferd, das Bierkästen von einer Brauerei zu den Läden in der Stadt zog. Es hieß Teddy und war zweiunddreißig Jahre alt, was für ein Pferd ein ansehnliches Alter ist. Es ging darum, dass Teddys Zeit jetzt zu Ende war, nicht nur seine, sondern die seiner gesamten melancholischen Rasse, die den Autos und dem Asphalt und nicht zuletzt der Geschwindigkeit weichen musste. Die Sendung wurde immer trauriger und immer nutzloser, je länger wir dort saßen und glotzten, wir hatten beide Tränen in den Augen. Aber es endete dann zum Glück damit, dass Teddy und sein steinalter Besitzer auf einem großen Bauernhof über eine Wiese stapften und ihren Lebensabend genossen, während die Sonne schien und die Blumen zitterten und die Lerchen sangen.

»Gott sei Dank«, sagte Mutter und schaltete ganz schnell aus. Wir blieben sitzen und blinzelten mit dem Licht des Fernsehers in den Augen, bis sie plötzlich rief:

»Ich zieh es von seiner Miete ab!«

6

Dann kam Linda. Sie kam mit dem Bus. Allein. Weil meine Mutter ihre Mutter nicht wiedersehen wollte, wie ich vermutete.

Es war ein Samstag. Wir schlenderten rechtzeitig hinunter zur Haltestelle beim Aker Sykehus und warteten auf den Bus nach Grorud, der um vier vor halb zwei kommen sollte, ich war in der Schule gewesen und hatte nur schnell meinen Ranzen nach Hause bringen können, und ich hatte keiner Menschenseele von der Sache erzählt, von Linda, weil mir die Worte fehlten. Aber ich hatte auf eine überaus indirekte Weise einem meiner Kumpels gegenüber das Thema gestreift, Rogern, der zwei ältere Brüder hatte, ich hatte gefragt, wie es eigentlich sei, Geschwister zu haben, ein Problem, das er nicht so recht erfasste, ehe er dann doch etwas kapierte und grinsend sagte:

»Einzelkind.«

Es klang wie eine Diagnose, auf derselben Ebene wie Hinkefuß. Ich hatte mir ja auch einige vage Gedanken über dieses und jenes gemacht, als wir das neue Bett montiert hatten – ich hatte sogar eine Nacht darin geschlafen –, vor allem, wenn Mutter in der Zeit zwischen dem Beschluss, Linda aufzunehmen, und dem heutigen Tag in Gedanken versunken war, oder als sie auf den Dachboden gegangen und mit dem riesigen Koffer voller Aufkleber aus Lom und Dombås wieder heruntergekommen war, als es sich herausgestellt hatte, dass der Koffer mit Kleidern aus ihrer eigenen Kindheit gefüllt war, die sie getragen hatte, als sie unter anderem in Lindas Alter gewesen war, sechs, und nun saß sie da und sah die Kleider durch und nahm sie in die Hand und dachte nach und murmelte, sieh an, o Gott, nein, was ist das denn, und das ist sicher alles nicht mehr zu gebrauchen, abgesehen von dem hier, vielleicht? Eine Puppe, der die Füllung aus einem Riss im Bauch quoll, weil Mutters Brüder, wie ich nun erfuhr, sie am Blinddarm operiert hatten, die schlaff herunterhängende Beine und einen lockeren kugelrunden Kopf mit matten Perlaugen hatte, die Amalie hieß und unmöglich aussah.

»Ist die nicht wunderschön?«

»Doch.«

Sie legte Amalie in Lindas Bett, und dort hatte sie in der vergangenen Woche geschlafen, aber dann war sie wieder verschwunden, das war am Morgen geschehen.

»Wo ist Amalie?«, fragte ich, als ich aufwachte. Aber Mutter hatte keine Antwort. »Sie kommt doch heute – Linda?«

»Ja, ja«, sagte Mutter und tat so, als sei gerade das der Grund, aus dem Amalie sich nun wieder auf dem Dachboden befand, weil es keine Missverständnisse zwischen Mutter und Linda geben sollte, was weiß denn ich; das Bett war eigentlich ganz frisch gemacht, es war zum dritten Mal neu bezogen, und nichts lag darin, es wartete.

Dann kam endlich der Bus. Er blieb auch stehen. Aber niemand stieg aus. Stattdessen stiegen etliche Fahrgäste ein, und Mutter und ich standen da und sahen einander an. Die Luftbremsen keuchten und die Ziehharmonikatüren knallten und stöhnten und drohten sich zu schließen. Mutter stürzte im letzten Moment vor und rief, »halt«, und der Schaffner sprang von seinem Sitz auf und kam und packte ihren Arm und konnte bei derselben Bewegung die Tür mit dem Knie wieder aufzwängen.

»Sie müssen vorsichtig sein, gnädige Frau.«

Mutter sagte irgendetwas, und der Bus blieb immerhin stehen, als sie hinter den verdreckten Fensterscheiben verschwand. Es dauerte und dauerte. Von drinnen waren laute Rufe zu hören, dann kam sie endlich wieder heraus, knallrot und verlegen im Gesicht, und sie schleppte ein kleines Mädchen in einem etwas zu engen Kleid, mit weißen Kniestrümpfen in dem kalten Herbstwetter und einem winzigkleinen hellblauen Koffer.

»Danke, danke«, rief Mutter dem Schaffner zu, und der sagte:

»Keine Ursache«, und »war mir ein Vergnügen«, und noch andere Dinge, bei denen Mutter nur noch röter anlief, während sie sich die Haare glattstrich, und ich lief herum und starrte den Neuankömmling an, Linda, die sich als klein und dick und friedlich herausstellte und deren Blick sich in den Asphalt bohrte.

Der Bus fuhr endlich weiter und Mutter ging vor unserem neuen Familienmitglied in die Knie und versuchte, Blickkontakt zu ihr aufzunehmen, ohne sonderlichen Erfolg, soweit ich sehen konnte. Aber dann konnte sie einfach nicht mehr, Mutter, meine ich, und sie umarmte das unbeholfene Wesen auf eine Weise, die mich arg bedenklich stimmte. Aber Linda reagierte auch darauf nicht, und Mutter wischte sich die Tränen ab und sagte, wie immer, wenn sie sich schämt:

»Nein, was mach ich denn nur, kommt, dann gehen wir zu Omar Hansen und kaufen Schokolade. Möchtest du Schokolade, Linda?«

Linda war mit Stummheit geschlagen. Sie roch seltsam, hatte ungekämmte, struppige Haare und einen Pony, der ihr tief ins Gesicht hing. Aber sie schob ihre Hand in Mutters und umklammerte zwei Finger, so dass ihre Knöchel weiß wurden. Und abermals konnte Mutter nicht mehr. Und das konnte ich nicht länger mit ansehen, diesen Griff, von dem ich instinktiv begriff, dass es ein Griff fürs Leben war, der fast alles verändern würde, nicht nur in Lindas Dasein, sondern auch in meinem und Mutters, es war so ein Griff, der sich um dein Herz schließt und es wie in einem Schraubstock festhält, bis du krepierst, und der auch noch da ist, wenn du im Grabe liegst und verfaulst. Ich riss den kleinen himmelblauen Koffer an mich, der fast nichts wog, und schwenkte ihn über meinem Kopf.

»Die fragt, ob du Schokolade willst«, rief ich. »Hörst du schlecht?«

Linda fuhr zusammen und Mutter bedachte mich mit einem ihrer mörderischen Blicke, die wir normalerweise nur in größeren Menschenansammlungen tauschen. Ich verstand den Wink und lief zwei Schritte hinter ihnen her, als wir den Hang hoch gingen, Mutter jetzt mit aufgesetzt freundlicher und viel zu lauter Stimme, die sagte:

»Da drüben werden wir wohnen, Linda«, und zeigte durch die Auspuffgase über dem Trondhjemsvei.

»Im zweiten Stock da hinten, mit den grünen Vorhängen, das Haus heißt der Dreier, es ist der drittunterste Block, einer der ersten, die gebaut worden sind ...«

Und eine Menge andren Unsinn, zu dem Linda nichts zu sagen hatte, auch dazu nicht.

Aber als sie und ich dann unsere Schokolade bekommen hatten, ging es ein bisschen besser, denn Linda langte überaus gierig zu und lächelte auch, eher verwirrt als glücklich, und das machte sie ein wenig weniger armselig, ja, Mutter fand offenbar, dass sie die Schokolade etwas zu gierig verzehrte, dass es damit an Linda etwas auszusetzen gab, oder etwas, das man sich anders gewünscht hätte, und ich glaube, das war gut für uns alle, denn Linda hatte noch immer nichts gesagt. Das tat sie erst, als wir zur Tür hereinkamen.

»Bett«, sagte sie.

»Ja«, sagte Mutter verwirrt. »Da wirst du schlafen.«

Worauf Linda den Eisengriff um Mutters Finger löste und ins Bett kletterte und sich hinlegte und die Augen schloss, während Mutter und ich stehen blieben und diesem Spiel zusahen, nach und nach immer verwunderter, denn es war kein Spiel, Linda schlief wie ein Stein.

Mutter sagte, Ja, Ja, und deckte sie zu und blieb auf der Bettkante sitzen und streichelte ihre Haare und ihre Wange. Dann ging sie hinaus und ließ sich am Küchentisch auf einen Stuhl fallen, als ob sie soeben aus dem Krieg heimgekehrt wäre.

»Sie ist sicher total erschöpft, die Arme. Einfach zu uns zu kommen. Ganz allein ...«

Auch für diese Argumentation hatte ich kein Verständnis, denn was sollte zum Beispiel besser sein, als zu uns zu kommen, in ein Bett, das schon dreimal neu gemacht worden war, ohne dass jemand darin gelegen hätte? Das sagte ich auch, ich zeigte Mutter, dass ich unser neues Familienmitglied schon ziemlich satt hatte.

Aber das hörte sie nicht, sie hatte das blaue Köfferchen geöffnet und einen Brief gefunden, eine Art Gebrauchsanweisung, wie sich herausstellte, darin stand mit gerader Handschrift, was Linda gern tat – spielen (!) und essen: Kunsthonig und Kümmelkäse und Soße und Kartoffeln; Fisch und Fleisch und Gemüse mochte sie weniger gern. Es stand dort aber auch, wir sollten »nicht zu viel Essen in das Kind hineinstopfen«. Außerdem hatte sie eine Schwäche am linken Knie, deshalb musste sie Medizin nehmen, Pillen, die in Dosen steckten, auf denen Lindas Name stand, und Mutter fand auch die im Koffer und hielt sie ins Licht, um sie sich genauer anzusehen, zwei Pillen jeden Abend, oder drei. »Und sie muss ein ganzes Glas Wasser dazu trinken«, stand in dem Brief, »gleich vor dem Schlafengehen, sonst steht sie nachts auf und geht zum Kühlschrank.«

Und wieder konnte Mutter nicht mehr.

»Großer Gott.«

»Was ist los?«, fragte ich.

»Wie traurig!«, stöhnte sie.

Ich begriff noch immer nichts, konnte nur wiederholen:

»Was ist denn los?«

»Und sie hat solche Ähnlichkeit mit ihm!«

»Ähnlichkeit mit wem?«, schrie ich und merkte, dass ich wirklich abstürzte, nicht aufgrund dessen, was sie sagte, sondern weil sie so aussah. Sie sprach natürlich über den Kranführer, Lindas Vater, meinen Vater, die Scheißursache für dieses Geheule, den Mann, der, ehe er heruntergefallen war, so viel Chaos hatte veranstalten können, dass wir nicht mehr wussten, was oben und was unten war. Und als wäre das nicht genug gewesen, kam nun auch noch Kristian nach Hause und hörte aus der Diele, dass irgendetwas nicht stimmte, und fragte, was um alles in der Welt ist denn hier los?

»Das geht dich einen feuchten Kehricht an!«, schrie Mutter total außer sich und gab sich keinerlei Mühe, ihr tränennasses Gesicht zu verbergen. »Mach, dass du wegkommst! Hörst du? Und lass dich hier ja nie wieder blicken!«

Kristian schaffte das Kunststück, zu begreifen, dass das hier ein Ausnahmezustand war, und zog sich ruhig zurück. Anders als ich.

»Aber mit wem hab ich denn dann Ähnlichkeit?«, rief ich. »Du hast nie gesagt, dass ich mit irgendwem Ähnlichkeit habe!«

»Was bildest du dir denn ein.«

Ich war ein anderer und begriff das erst, als ich ihre Hand packte und die Zähne in die beiden Finger bohrte, die Linda mit Beschlag belegt hatte, und so fest zubiss, wie ich nur konnte, damit sie wirklich einen Grund zum Schreien hätte. Sie verpasste mir mit der flachen Hand eine Ohrfeige, hart und gründlich, was sie noch nie getan hatte, und wir starrten einander noch mehr wie verwandelt an. Ich spürte sogar in meinem unerträglichen Gesicht ein starres Lächeln und eine beißende Kälte.

Ich erbrach mich zwischen uns auf den Boden und ging ruhig hinaus in die Diele und zog meinen Mantel an und ging hinaus auf die Straße zu den anderen, zu denen, die kein Zuhause hatten, wie es aussehen konnte, denn sie waren jedenfalls nie zu Hause, die Großen und Verlorenen, Raymond Wackarnagel und Ove Jøn etcetera ... und an diesem Abend schlugen wir die Fensterscheiben in der Eingangstür von Zweier und Vierer und Sechser und Siebener und Elfer ein und auch das Fensterchen von Liens Lager, wo Griesmehl und Drehtabak aufbewahrt wurden. Niemals wurden an einem einzigen Samstagabend in Tonsenjordet noch mehr Scheiben eingeschlagen. Und vielleicht war ich der Einzige, der wusste, warum, oder der zumindest einen Grund hatte, ein stummes und seltsames Wesen, das zu Hause lag und in unserem neuen Etagenbett schlief; die anderen taten es wohl aus alter Gewohnheit, oder weil es in ihrer Natur lag, in meiner lag es einwandfrei nicht.

An den folgenden Tagen war die Hölle los, mit Ermittlungen und Hausmeister und Genossenschaftsvorsitzendem. Es war ja nun kein Problem, festzustellen, wer es gewesen war, es waren die üblichen Verdächtigen, Ove Jøn und Raymond Wackarnagel etcetera. Das Mysterium war ich, der noch niemals etwas angestellt hatte, sondern als Muttersöhnchen galt, und nicht nur, weil mir der Vater fehlte, sondern auch, weil ich ein ausgeglichener Junge war, ein munterer Junge mit beiden Füßen auf dem Boden und einem hellen Kopf, wie Frau Henriksen unter meine Schönschreibarbeiten schrieb; ich konnte lesen und rechnen, ich fürchtete mich nicht, nicht einmal vor Raymond Wackarnagel; ich spülte fast jeden Abend, ich war ein wenig klein gewachsen, aber ich pisste mir nicht in die Hose und strich mehr als gern eine ganze Wand mit dem Pinsel an, wenn das von mir verlangt wurde. War ich nur in schlechte Gesellschaft geraten? Oder lag auch in mir ein unberechenbarer Teufel auf der Lauer?

Das gab Kristian die Möglichkeit, sich wieder einzuschalten.

»Scheiß drauf«, sagte er zum Genossenschaftsvorsitzenden Jørgensen, der breit und fesch in unserer Diele stand und mit Mutter darüber sprach, wie man den Pöbel zur Raison brachte. »Mit dem Jungen ist alles in Ordnung.«

»Woher willst du das denn wissen?«, fragte sofort Mutter, die es aus gegebenen Anlass für nötig gehalten hatte, sich mit Jørgensen ein wenig zu verbünden, das kann sie aus dem Effeff, meine Mutter, wenn es sein muss, das kommt von ihrer Kindheit, als jüngstes von vier Geschwistern, aus Torshov, mit einem Vater, der offenbar viel getrunken hatte, und einer Mutter, die sich nach dem Tod des Vaters in seinen Sessel gesetzt und ebenfalls das Trinken angefangen hatte.

»Das können doch alle sehen«, sagte Kristian mit seiner unbesiegbaren Gewerkschaftsstimme, »wenn sie noch bei Verstand sind.«

Sicherheitshalber legte er mir auch die Hand auf den Kopf und lächelte, Gott weiß, worüber, und ging summend in sein Zimmer.

Mutter blieb mit verschränkten Armen stehen und spielte an dem Verband herum, den sie um zwei schmerzende Finger gewickelt hatte, die Lindafinger, jetzt ein wenig unsicherer, was die unheilige Allianz anging, die sie mit Jørgensen eingegangen war, einem Mann, der entschied, wann die Heizkörper ausgelüftet werden sollten und wann die Tretschlitten zusammengelegt wurden, ehe sie für den Sommer im Luftschutzraum eingelagert wurden.

»Na gut, wir wollen ja auch nicht übertreiben«, sagte sie und schaute in eine andere Richtung. Und mehr war nicht nötig, denn nun fing auch ich wieder an zu flennen und mir rutschte heraus, dass ich das Fenster im Elfer bezahlen würde, denn nur das hatte ich eingeschlagen, von meinen Ersparnissen.

Mutter musterte mich gerührt und Jørgensen begriff, dass die Verhandlungen beendet waren, aber er blieb trotzdem stehen, wie um klarzustellen, dass er und nicht Mutter bestimmte, wann er zu gehen hatte, um nicht zu sagen, wann der Fall als geklärt gelten könnte; als er das klargestellt hatte, ging er.

Mutter konnte sich nun an einen langen Vortrag darüber machen, dass ich einen großen Bogen um die Bande auf der Straße zu machen hätte, und was ich mir dabei gedacht hätte und so weiter. Aber das alles war normal, ganz anders als das komplett Unbegreifliche, das uns an dem Tag getroffen hatte, an dem Linda gekommen war, dem vergangenen Samstag.

Jetzt wartete sie am Küchentisch.

Auf das Abendbrot.

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