Kitabı oku: «Punkt - Punkt - Sommer - Strich»

Yazı tipi:

Roy Jacobsen
Punkt – Punkt – Sommer – Strich

Roman

Aus dem Norwegischen

von Gabriele Haefs

Saga

1

Wir mieteten dieses Sommerhaus in Drøbak, weil ich Ruhe brauchte, um meinen Roman fertig zu schreiben, und weil die Kinder baden wollten. Und wir mieteten es unbesehen.

»Dort ist ein Mord begangen worden«, sagte der Makler, als ich kurz vor unserem Aufbruch gen Süden mit ihm telefonierte.

»Ach ja, was soll das bedeuten?«

»Bedeuten? Na ... nur das, was ich gesagt habe.«

»Und warum erzählen Sie mir das?«

»Na ja, es gibt ja so viele Verrückte, manchen gefällt es sogar, daß im Haus, das sie mieten wollen, ein Mord begangen worden ist, und ... na ja, wo Sie doch Schriftsteller sind, und überhaupt.«

Ich fand ja, das sagte mehr über den Makler aus als über mich. – »Schriftsteller, und überhaupt« – vor allem, wo es mir weder gefällt noch mißfällt, daß in dem Haus, das ich für drei Sommermonate mieten will, ein Mord begangen worden ist. Das ist mir wirklich reichlich schnurz. Ich bin ein nüchterner Mann und glaube nicht an den langen Schatten der Geschichte.

Aber dann stellte sich natürlich heraus, als wir das Haus in Augenschein nahmen, daß ich mir immer wieder sagte, in einer zum Teil anspruchsvollen und gebieterischen Form innerer Rhetorik, daß diese blöde Mordgeschichte mit mir doch nun wirklich nichts zu tun hätte. Ich betrachtete das Badezimmer und dachte dasselbe – der Mord habe keine Bedeutung – das große Wohnzimmer mit dem Kamin; ich inspizierte die Kinderzimmer, hübsche, gemütliche kleine Kinderzimmer mit Blümchentapeten und Schiebebetten, den Söller im ersten Stock mit den Winkelbögen und den kleinen Schnitzereien; ich entnahm dem Mietvertrag, daß das Haus um die Jahrhundertwende erbaut worden war, und dachte die ganze Zeit, daß das doch wirklich nichts mit einer Mordgeschichte zu tun hätte. Und ich hätte gut auf diesen Gedanken verzichten können, so wie Katrine gut darauf verzichten konnte, da ich ihr nichts erzählt hatte, und auch das war eine seltsame Geheimniskrämerei von einem, der nicht an Gespenster glaubt. Also erzählte ich es ihr doch:

»Hier ist ein Mord begangen worden«, sagte ich, so ganz lässig, als wir uns unser eigenes Schlafzimmer ansahen, ein wunderhübsches ländliches Carl-Larsson-Interieur im ersten Stock, mit Blick auf den üppigen, aber etwas verwahrlosten Garten und das Meer im Hintergrund, blau und blank und über den alten Apfelbäumen gerade noch zu sehen.

»Was ist los?« fragte Katrine.

»Ja, das sieht so aus.«

»Aber warum hast du mir das nicht gesagt?«

»Müssen wir das denn so aufbauschen?«

»Das machst du doch gerade, wenn du es mir verheimlichst. «

Doch ja, da hatte sie vielleicht recht.

Und dieses Gespräch, auch wenn es an diese Stelle paßt und sich vielleicht aus dem Zusammenhang heraus erklären läßt, ist eigentlich ein gutes Bild für unser Leben, Katrines und meins, für unser Leben seit fünfzehn Jahren. Wir gehören nämlich zu der im Laufe der Zeit immer mehr gescholtenen 68er Generation, die so munter damit anfing, die Welt ändern zu wollen, die aber im Laufe der Zeit nachdrücklicher als die meisten anderen Norweger in den sauren Apfel der Wirklichkeit beißen mußte und die nun überall auf bodenlose Verständnislosigkeit stößt, egal, wie wir unsere Ansichten auch mäßigen. Ein weiterer und noch irritierenderer Aspekt der Tatsache, daß ich mich mit Menschen angelegt habe, gegen die ich überhaupt nichts habe, ist, daß ich selber immer, trotz meines von außen gesehen wohl ziemlich schrillen Engagements, im Grunde ein Zweifler gewesen bin. Und deshalb habe ich das Gefühl, für Dinge, die ich weder gemeint noch gesagt habe, zur Verantwortung gezogen zu werden. Im Gegensatz zu Katrine, die noch immer dasselbe meint und sagt – fast. Unsere Meinungsverschiedenheiten entwikkeln sich dann auch gern in denselben alten fünf Schritten: Ich sage etwas, Katrine kritisiert das von mir Gesagte, ich verteidige mich durch die Behauptung, so habe ich das nicht gemeint, Katrine meint, ich habe das doch so gemeint, und – und das ist nicht das Unwichtigste – krönt ihr Werk damit, daß sie mir klarmacht, daß sie da gar nicht so falsch liegt, da alle meine Äußerungen als zweideutig gelten können. Ich bin, mit anderen Worten, dauernd anderer Meinung als mein eigentliches Ich. Katrine ist auch anderer Meinung als mein »eigentliches Ich«, »die verborgenen Kräfte des Mannes«, wie sie das nennt, diese traurige Erbschaft nach zweitausend Jahren ununterbrochener Pöbelherrschaft. Und so geht’s dann weiter. Ich:

»Ja, meinst du, du hättest das Haus nicht gemietet, wenn du von diesem blöden Mord gewußt hättest?«

»Das habe ich doch nicht gesagt, John. Ich rede vom Prinzip.«

»Na gut. Ich gebe zu, ich hätte es dir erzählen sollen. Aber wirst du dich denn trotzdem hier wohlfühlen?«

Katrine zuckt mit den Schultern und antwortet nicht, verbal, sollte ich wohl sagen, denn ihr Schulterzucken ist von tiefer Bedeutung. Es deutet an, daß ich verantwortlich bin, wenn jetzt etwas schief geht, egal was. Ein Ausspruch wie »Natürlich habe ich nichts dagegen, diesen Sommer über hier zu wohnen« wäre nämlich genauso wichtig wie meine Unterschrift unter dem Vertrag, das heißt: geteilte Verantwortung. Und Katrine mag solche Teilungen nicht. Sie mag geteilten Aufwasch, geteiltes Geld (unsere beiden Einkommen, meines um die Hälfte größer als ihres, zusammengezählt und durch zwei geteilt), geteilte Zeit für die Kinder; nicht ganz geteilte Autorität, denn eine Mutter steht den Kindern natürlich näher als ein Vater, und wenn er noch so emsig sein Scherflein in Form von Windelwechseln und Breikochen und allem, was für einen Mann in meiner historischen Situation und mit meiner Überzeugung dazugehört, beigetragen hat. Dieser Klagegesang kann andeuten, daß der Verfasser dieser Zeilen allerlei an seiner Frau auszusetzen hat, aber keine Panik, Katrine hat an mir genausoviel auszusetzen, und hier führe nun einmal ich das Wort, ja, mein Bekenntnis kann vielleicht fast schon als Beichte durchgehen, die ich wohl brauche, um diesen Sommer durchzustehen. Denn, nachdem wir beschlossen haben, daß ich die Verantwortung trage für das, was passieren wird, hier in diesem Haus, in dem ein Mord begangen worden ist, gehen wir hinaus ins Sonnenlicht, wo die Kinder auf dem Balkon sitzen und Eis essen, und fragen sie, wie ihnen ihre Zimmer gefallen.

»Spitze«, antwortet Thomas, zwölf.

»Super«, sagt Hanne, fünfzehn.

Worauf wir das Gepäck aus dem Auto holen und ins schöne, jetzt leicht gespenstische Haus tragen – abgelegen ist es auch noch – und unser Hab und Gut in Schubladen und Schränke verteilen, während Katrine sich ans Kochen macht. Das ist ihr größtes Steckenpferd, das Kochen; Vater ist nämlich der eher improvisierende Typ, der gerne ißt, wenn er Hunger hat, und schläft, wenn er müde ist, womit Katrine sich abgefunden hatte, bis wir Hanne bekamen, und dann startete sie, Katrine, ihren Kreuzzug gegen das ganze zufällige Chaos in unserer postpubertären Lebensführung, und die festeste aller Strukturen – neben dem Zähneputzen – ist die warme Hauptmahlzeit, gerne von der angegrünten Sorte: Salate und Vitamine und so. Als die Kinder klein waren, und Katrine und ich getrennt ausgehen mußten, wenn wir uns mit Bekannten treffen wollten, erzählte sie mir immer, sowie ich nach Hause kam, ausführlich und unaufgefordert, was sie und die Kinder gegessen hatten. Wogegen ja auch nichts zu sagen war, ich hörte zu, ich erfuhr, daß alles in schönster Ordnung war, und brachte meine Zufriedenheit darüber zum Ausdruck. Aber dann fing sie an, von mir dieselben Berichte zu verlangen, wenn sie weggewesen war, wo ich doch am liebsten Romane las, ein Glas Bier trank und Schokoladenstückchen auf den Boden schnippte, was den Kindern auch gefiel, wenn sie wie dressierte Seelöwen mit weit aufgerissenem Mund dasaßen. Mit anderen Worten wurde über diese Mahlzeiten einiges an kleinen Lügen erzählt, Lügen, auf die ich nicht besonders stolz bin, einerseits, weil ihnen in der Regel jegliche literarische Qualität abging: »Ich hab ein paar Frikadellen aus der Tiefkühltruhe genommen. Ja, sicher, sie haben alles aufgegessen«..., und weil ich ganz einfach nicht gern lüge, was ich aber während unserer gesamten stürmischen Ehe immer wieder mußte, um sie in Gang zu halten, was ich eben wollte, denn niemand soll glauben, zwischen uns gäbe es keine Liebe. Es gibt sogar eine recht reine Liebe, unter den vielen kleinen Lügen, der schiefen Verteilung der Verantwortung, dem Salat und den aufgezwungenen Routinen, denn auf irgendeine Weise hat Katrine immer gewußt, daß sie es mit einem widerwilligen Idealisten zu tun hat. Das gefällt ihr überhaupt nicht, und sie versucht, das zu verbessern. Aber in lichten Stunden macht sie sich auch gern über ihre Freundinnen lustig, die Männer haben, die auf dem Papier behaupten, gleich mit ihnen teilen zu wollen, ohne einzusehen, was ich längst getan habe, daß wir Männer einfach nicht gut genug sind. Katrine ist auch stolz auf meinen literarischen Erfolg, es gefällt ihr, wenn etwas über mich in der Zeitung steht, und es gefällt ihr auch, obwohl sie das niemals zugibt, daß ich mehr als sie für dieses System bezahle, das sie als gerechte Verteilung bezeichnet.

Nun gut.

Wir sind in Gang. Wir sitzen vor unseren Salatschüsseln in der großen, gemütlichen und altmodischen Küche in einem Haus, in dem ein Mord begangen worden ist – und der Abend nähert sich in sanftem, sommerlichem Trab. Katrine und ich trinken Rotwein, die Kinder Saft. Und ungefähr mitten im Nachtisch fragen Thomas und Hanne, ob sie nach draußen gehen dürfen.

»Können wir ans Meer gehen, Mama?«

»Ja, ja«, seufzt Mama. »Ihr seid jetzt sicher satt.«

Man könnte meinen, daß in diesem Seufzer eine Art freundliche Resignation liegt, ein Wiedererkennen der Gelüste der eigenen Kindheit, und das stimmt vielleicht auch, aber darin versteckt sich auch eine subtile Anspielung auf zwei kleine, aber dennoch unglückselige Tatsachen:

1 die Kinder hätten ihren Salat aufessen müssen, und

2 Vater hätte ihnen im Supermarkt, wo wir angehalten hatten, um nach dem Weg zu fragen, nicht dieses große Eis kaufen dürfen.

»Aber bleibt nicht lange«, sagt sie. »Und seid vorsichtig.«

Mutter und Vater sitzen nun vor ihren Weingläsern. Vater gießt ihr den letzten Rest ein, sie legt eine schlanke Hand über das Glas, aber erst, nachdem es voll ist, denn das Signal bezieht sich nicht auf sie, sondern auf mich, und will sagen, es sei nicht notwendig, noch eine Flasche zu öffnen. Aber das macht Vater jetzt. Vater scheißt auf ihre kleinen Signale und auf ihre schlummernden Alkoholikertendenzen. Er hat Urlaub. Er ist weit gefahren, wir kommen den ganzen Weg aus Tromsdalen, und er fischt einen neuen Rotwein aus dem Schrank, wo die beiden mitgebrachten Kisten ihren natürlichen Platz gefunden haben, öffnet sie, schenkt sich ein und nimmt einen großen Schluck – ahhh!!! –, stochert ein wenig in seinem Salat herum und seufzt erleichtert auf.

Katrine:

»Was war das eigentlich für ein Mord?«

»Keine Ahnung.«

»Hast du nicht gefragt?«

»Nein, das ist doch wirklich schnurz. Ein Haus verändert sich doch nicht, bloß, weil darin jemand umgebracht worden ist.«

»Woher willst du das wissen?«

Diese Frage wirft mich tatsächlich mehr oder weniger um.

»Nein, da hast du vielleicht recht. Wir können ja anrufen und uns erkundigen.«

»Nein, nein, so war das nicht gemeint.«

Sie trinkt, und ich sehe, daß das genau so gemeint war, daß ich morgen den Makler anrufen und mich genauer nach dem Mord erkundigen muß, ohne das auf ihren Befehl hin zu tun.

Danach stehe ich auf, gehe mit dem Rotweinglas zum Spülstein und mache mich an den Abwasch, um ein wenig Goodwill auf mein Konto einzuzahlen, obwohl das keinen Zweck hat, denn Katrine fängt sofort an zu putzen. Sie putzt die Schlafzimmer, lüftet auf dem Söller die Bettwäsche aus, putzt die Kinderzimmer, den Küchenboden ... ist viel länger mit ihren Pflichten beschäftigt als Vater, und ist erst fertig, als er seine Schreibmaschine am Fenster des einen Schlafzimmers im ersten Stock aufgebaut hat, als er sich hingesetzt hat, um seinen unmöglichen Roman zu vollenden, und als sich der zweite Schnaps schon der Neige nähert.

»Was für ein herrliches Zimmer«, sagt sie hinter mir, warm von ihrem Einsatz. Ich habe mir natürlich das schönste Zimmer unter den Nagel gerissen, das mit Blick auf Garten und Fjord. Aber das findet ihre volle Billigung, Schreiben ist jetzt nämlich wichtig. Es gab eine Zeit, als es für uns beide selbstverständlich war, daß ich einen Roman nach dem anderen aus dem Ärmel schüttelte und am laufenden Band von Buchklubs eingekauft wurde, eine Zeit, als mein Schreiben von Katrine sogar kritisiert wurde, da es den Kindern und meinen Pflichten soviel Zeit stahl. Aber nachdem ich vor vier Jahren einfach steckenblieb und ein Roman pro Jahr keine alljährliche Selbstverständlichkeit mehr war, merkte Katrine, daß sie ihr fehlten, die Romane (sie ist eine meiner überzeugtesten Anhängerinnen), die Zeitungsartikel und natürlich: das Geld. Wir haben im Laufe dieser Jahre auch die Vierzig hinter uns gebracht und sind zu der Erkenntnis gekommen, daß wir in unserer lauten Jugend gefährlich viel für selbstverständlich gehalten haben. Deshalb ist sie zum reinen Engel geworden, wenn es darum geht, dem Ehemann Ruhe für seine Kunst zu verschaffen. Zum Beispiel ist es ihre Idee, daß wir diese drei Monate hier im Süden verbringen, obwohl meine Unterschrift so schicksalsschwanger auf dem Mietvertrag steht.

»Wenn wir nur irgendwohin fahren könnten, wo du deine Ruhe hast«, seufzte sie irgendwann im Winter, als ich nach einer recht ausgedehnten Sauferei einen milden Zusammenbruch erlitt und ihr durch einen Tränenstrom, so weit ich mich erinnere, erzählte, daß es unmöglich ist, auf Bestellung zu schreiben, zu wissen, daß die eigene Kunst Skiausrüstung und Essen besorgen und die Stromrechnungen bezahlen soll ... für eine ganze Familie.

»Ja, ja«, sagte ich zu ihrem Vorschlag. »Vielleicht könnten wir im Sommer in den Süden fahren ...«

Statt noch eine Expedition nach Nordfinnland, Spitzbergen oder an die schwedische Küste auszurüsten ...

»Ja, das machen wir«, sagte Katrine.

Und vergaß es. Also ging mir im Mai auf, daß ich handeln mußte, ehe ein anderer Plan in die Tat umgesetzt wurde, der ganz langsam anfing, Form anzunehmen. Murmansk, das im Laufe der letzten Jahre westlichen Touristen zugänglich gemacht worden war. Deshalb handelte ich noch am selben Tag, telefonierte und mietete ein Spukhaus in Drøbak. Wir haben außerdem Freunde da in der Gegend, auch sie schreibende Menschen. Ein Ehepaar in unserem Alter, das später im Sommer herkommen wird, Freunde, mit denen wir in den neun langen Jahren, die wir nun schon im Norden wohnen, Kontakt gehalten haben.

»Was die Kinder wohl machen?« fragt Katrine.

Die Kinder, ja.

»Sollen wir mal nachsehen, ob wir sie vielleicht finden?«

»Warum nicht?«

Sie zieht eine Jacke über ihr weißes Baumwollkleid. Ich gehe in Hemdsärmeln. Wir verlassen das Haus, bleiben davor stehen und sehen es an, ein schönes Haus, wir lächeln uns zu, fassen uns bei den Händen und gehen langsam über den Rasen zur Straße und zur See, auf allen Seiten umgeben von Flieder und grünen Birken, erzählen uns gegenseitig, daß in Tromsø noch Schnee liegt, und spüren, wie schön es ist, hier zu sein. Und während wir zwischen den kleinen, weißen idyllischen Häuslein dahinspazieren (was mich betrifft, nett angeschwipst), denke ich noch einmal gründlich über unsere seltsame Ehe nach, die ich zeitweise als leicht langweiligen Roman von Alain Robbe-Grillet betrachtet habe, als Lebensform, die ich nur ertrage, um zu sehen, wie der Schluß ausfallen wird, ohne je so weit zu kommen. Ich spiele ganz leicht mit dem Gedanken, unseren Aufenthalt hier unten dauerhaft werden zu lassen, denn wie alles andere in meiner politischen Karriere (die peinlich genau mit meiner persönlichen und beruflichen übereinstimmt) war auch der Umzug in den Norden nur halbherzig. Ich gab nach, als Katrine nach dem Examen erklärte, daß unser nördlicher Landesteil »uns braucht«, bewußte Lehrerinnen wie sie und gesellschaftlich engagierte Schriftsteller wie mich. Und das ist ja auch ein bißchen schmeichelhaft. Ich fand es dann auch sehr schön im Norden, in den ersten drei, vier Jahren, ehe mir so langsam bewußt wurde, daß ich diesmal wohl zu weit gegangen war. Ein Gefühl, das von da an immer nur stärker wurde, so daß ich mich in finsteren Momenten frage, ob ich daraus eine richtige Bruchsituation machen und also in einem Aufwasch die Scheidung einreichen soll. Aber der Gedanke, in Oslo zu wohnen, wo ich am liebsten wohnen würde, während die Kinder in Tromsø wohnen und wachsen, ist unerträglich, selbst in finsteren Momenten. Außerdem habe ich auch meine lichten Momente, in denen ich mich auch nach dem Süden sehne, aber dann auf aufmunterndere Weise, und dann will ich auch Katrine bei mir haben. Deshalb sage ich, als wir noch ein weißes Häuslein mit Fensterchen und dressiertem Vorgarten passieren, zwischen dem weißen Holzwerk und dem ebenso weißen Lattenzaun:

»Was sagst du zu der Idee, wieder in den Süden zu ziehen, Katrine?«

Ich spüre ihren Blick, sie schluckt ihre Empörung hinunter und macht statt dessen Platz für eine nüchterne Frage:

»Gefällt es dir nicht mehr im Norden?«

»Tja, das weiß ich wirklich nicht.«

»Davon hast du nie etwas erzählt.«

(Wir sind also wieder in Gang.)

»Mir ist das erst heute abend so richtig bewußt geworden«, murmele ich und bin dieses eine Mal zufrieden mit meiner Lüge, ich strecke sogar die Hand aus und zeige ihr die weißen Häuser und den Weg hinab zum Fjord, zum Oslofjord, der in seiner schwarzen Fläche einige wenige Lichter von den Häusern auf dem anderen Ufer widerspiegelt, ein Feuer in der Dunkelheit. Wir hören ferne Musik, Stimmen, Lachen, ein träges Boot, Sommergeräusche, die heute besonders stark auf uns wirken, nach dem abrupten Übergang von beißendem Wind und standhaftem Winter.

»Das müssen wir uns auf jeden Fall gut überlegen«, sagt Katrine. »Was ist mit den Kindern?«

»Die haben ja noch nicht mal den Akzent von da oben aufgeschnappt, die werden sich hier im Handumdrehen eingewöhnen.«

Wenn man diesen Satz genau untersucht, was Katrine tut, dann wird man sehen, daß er durchaus eine Spur von Herablassung unserem nördlichen Landesteil gegenüber enthalten kann, vor allem, wenn man noch dazu meine Stimmlage mit in Betracht zieht, die nicht nur der hohen Promille zugeschrieben werden kann. Aber Katrine lächelt nur und geht zu einem Fliederbusch, dessen selbstleuchtende Blüten über dem Weg hängen und uns in einen Duft einhüllen, der mir, wie gesagt, seit neun Jahren fehlt. Sie blickt sich um, wie ein Dieb in der Nacht, stellt sich auf Zehenspitzen, zieht einen Zweig zu sich hinunter und bricht ihn ab, zu meiner großen Überraschung, sie bricht bei wildfremden Menschen im Garten einen Zweig ab – das muß Katrines erster und einziger Diebstahl auf dieser Welt sein –, lächelt verschmitzt und reicht ihn mir mit einem Kuß auf den Mund:

»Riech mal, wie der duftet!«

»Der duftet einfach wunderbar. Was ist in dich gefahren«, füge ich nüchtern hinzu.» Zu tief ins Glas geschaut?«

»Wahrscheinlich. Außerdem liebe ich dich.«

»Du liebst mich doch sonst nicht so, daß ich das merke, Katrine.«

»So siehst du uns also?«

»Ja, und eigentlich gefällt mir das. Gefühle machen nur Ärger.«

»Jetzt hör aber auf!«

Ich lächele und stecke mir meinen frischerworbenen und arg unverdienten Liebesbeweis ins Knopfloch, und wir schlendern noch tiefer in diese unendliche Sommernacht hinein, zum Hafen hinunter, wo die Leute vor einem Restaurant auf dem Anleger sitzen und Wein trinken, schön angezogene Menschen, die Frauen in Weiß, die Männer in heller, beiger und grauer Freizeitkleidung. Eine Bande von Jugendlichen lärmt unten am Strand herum, teilweise an Bord eines Cabincruisers, teilweise im Wasser. Und auf einem Steg sitzen zehn, zwölf Kinder und lassen die Füße baumeln. Wir sehen auch unsere Gören.

»Sollen wir sie stören oder lieber ein Glas Wein trinken?« frage ich.

»Wir stören sie doch nicht.«

»Dann trinken wir ein Glas Wein.«

»So war das nicht gemeint.«

»Ich weiß, wie das gemeint war, meine Liebe, du meinst immer dasselbe. Weißwein?«

Wir setzen uns an den einzigen freien Tisch auf der Pontonbrücke vorm Restaurant und bestellen bei einer süßen Kleinen, die der Restaurantbesitzer aus unerfindlichen Gründen in ein österreichisches Dirndl gesteckt hat, Trittenheimer Altärchen. Ich lasse meine Frau den Wein kosten, auch das ein altes Ritual. Katrine, die es in früheren Zeiten und im Namen des Fortschrittes durchgesetzt hat, daß sie im Restaurant die Vorkosterin macht. Jetzt lächelt sie nur.

»Nein, probier du, ich merke ja doch nicht, ob er gut ist.«

»Der ist gut«, sage ich ohne zu kosten zum Dirndl, denn ich habe es auch nie gewagt, eine geöffnete Flasche Wein in die Küche zurückgehen zu lassen. »Schenken Sie ein.«

Wir trinken, stoßen auf den Sommer und auf meinen Roman an.

»Wie läuft es eigentlich?« fragt Katrine und bringt die Falte zwischen ihren dunklen Augen an, die Falte, die für dieses eine Thema reserviert ist: für die Schreibprobleme des Gatten.

»Zum Teufel. Aber das macht nichts.«

»Das meinst du doch nicht im Ernst?«

»Doch, aber das habe ich schon oft gemeint und dann doch noch was geschafft. Und das wird diesmal wohl auch so sein.«

»Dir fehlen doch bloß noch zehn, zwanzig Seiten, stimmt das nicht?«

»Mir fehlt der Abschluß, und ein Abschluß kann zwei oder auch sechzig Seiten lang sein, es kommt darauf an. Ein Abschluß kann kurz oder endlos sein, Hauptsache, er ist gut; daß der Abschluß gut ist, ist wichtiger als der ganze Rest.«

»Und was ist ›ein guter Abschluß‹?«

»Tja, wenn ich das wüßte!«

Ich möchte an dieser Stelle zugeben, daß ich die Sorte Schriftsteller bin, die sich durch achtzig bis hundert Seiten hindurchstolpert, aufgrund von Einfällen und einer leicht vagen Idee (sie muß sogar »vage« sein), daß mir in der Regel unterwegs neue Aspekte einfallen, nach und nach auch in bezug auf die vorangegangenen Seiten, so daß sich daraus eine Art Architektur ergibt, ein geschichtetes Bauwerk, an dem ich weiter herumstapele – bis ich leer bin. Wenn ich dann leer bin (und den ganzen Mist einfach satt habe), geht mir immer nach einer Weile verwirrter Dürre ein Licht auf. Und deshalb haben alle meine Romane einen leuchtenden Schluß, oder eine »Pointe«, könnte ich wohl sagen, das Licht, das jetzt also auszubleiben droht. Und das Schlimmste ist, daß ich auch nichts Neues anfangen kann, wenn ich wie jetzt auf der Stelle trete. Ich muß mit dem einen Buch ganz fertig sein, ehe ich an das nächste auch nur denken kann. Katrine weiß das. Deshalb wartet auch sie auf ein Licht. Jetzt warten wir gemeinsam. Und es wird schon kommen, denn der Wein ist süß, und diese südnorwegische Sommernacht hat einen ganz außergewöhnlichen Einfluß auf mich, sie gibt mir die selbstsichere Ruhe, die ich immer in den Tagen vor dem Blitzeinschlag verspüre, ja, hier sitze ich wirklich in diesem Hafenrestaurant in Drøbak und weiß, daß es jetzt wieder geschehen wird – ehe es geschieht. Jetzt bin ich nämlich aufgestanden und stehe still am Tisch, steif; meine Finger berühren ganz leicht die Tischkante. Ich blicke über den Steg mit den lachenden Kindern, ich sehe sie nicht, ich sehe nichts, in meinem Gehirn geschieht etwas, ich blicke auf Katrine hinunter, sie blickt zu mir auf und lächelt gespannt. Wir lächeln uns an. Ich reiche ihr über den Tisch hinweg die Hand, presse ihre – und verlasse sie! Ich verlasse meine Frau hier im Hafenrestaurant, zusammen mit einer fast vollen Flasche Wein, und laufe zurück zu meinem Spukhaus, mit der undefinierbaren Wärme, die neben Lieben und Kindererziehen das einzige ist, was mich in diesen sinnlosen zweiundvierzig Jahren am Leben erhalten hat, laufe nach Hause und hinauf ins Zimmer mit der Schreibmaschine am Fenster, wo meine Hände ganz leise zittern, als ich einen Bogen einspanne, ehe ich plötzlich wieder ganz ruhig bin – denn jetzt kommt er, jetzt kommt der Abschluß, nach vier Jahren der Leere.

2

Am nächsten Morgen bin ich erschöpft und übermütig vor Freude, und es ist gar nicht Morgen, sondern Mittag, nach Katrines Stundenplan, und die Familie sitzt am Küchentisch, als ich mit roten Augen und im Bademantel aus dem Himmel herniedersteige.

»Wenn ihr euch scheiden laßt, Mama, dann will ich bei Papa bleiben«, sagt der Knabe. Dieses Vertrauen habe ich meiner haltlosen Einstellung Essenszeiten und Salaten gegenüber zu verdanken. Der Leser stutzt vielleicht über eine so klare Meldung von einem so jungen Mann, aber in unseren Kreisen kommt es wirklich oft vor, daß Kinder frühreife Frechheiten dieser Art servieren – aus Jux. Und Mutter lacht:

»Wir lassen uns doch nicht scheiden!«

»Nein, zum Glück nicht«, sage ich und lasse mich auf den Stuhl fallen, der, wie ich weiß, für den Rest des Sommers meiner sein wird, auf den Stuhl, der übrig bleibt, nachdem sich die anderen nicht nur ihre Lieblingsstühle ausgesucht, sondern außerdem wortlos untereinander abgemacht haben, wo Vater zu sitzen hat. Am besten setzen wir ihn neben die Tochter auf die eine Längsseite. Mutter sitzt an der Querseite – die andere stößt gegen die Fensterwand –, und auf der anderen Längsseite, Vater und Tochter gegenüber, sitzt der hochaufgeschossene Sohn.

»Na, wie war es heute nacht?« fragt Katrine und reicht mir die Teekanne, setzt sie wieder ab, ohne daß ich ein Wort zu sagen brauchte, und holt statt dessen den Kaffee, gießt Kaffee in meine Teetasse, normalerweise muß ich mir selber einschenken.

»Ganz toll«, sage ich wahrheitsgemäß. »Bloß habe ich heute morgen alles noch mal von Anfang an gelesen, und es taugt nichts.«

»Was sagst du da?«

»Nein, ich muß es wohl umschreiben.«

Das sage ich leichthin, denn ich habe wieder Lust zu schreiben, und ich weiß, es wird mich nicht mehr als drei, vier Wochen kosten, den Unfug zu verbessern, der in dieser ganzen langen Zeit krank danieder gelegen hat. Meine Leichtigkeit paßt schlecht in den gesellschaftlichen Zusammenhang, meine Frau betrachtet sich nämlich als eine Art Lektorin. Sie hat das Manuskript gelesen und es über die Maßen gelobt, und deshalb gefällt es ihr nicht, daß ich es jetzt einfach runtermache, aber da kann man nichts machen.

»Lies das noch mal«, sage ich. »Dann verstehst du, was ich meine.«

»Ich versteh auch ohne es zu lesen, was du meinst«, sagt mein Sohn, zu dem ich ein sehr vorurteilsloses Verhältnis habe, ein Verhältnis, das an Gleichgültigkeit grenzt, von meiner Seite aus, solange ich sehe, daß er frisch und gesund ist, wohlgemerkt. »Du schreibst die ödesten Bücher, die ich kenne.«

»Du hast doch gar keins gelesen.«

»Ich kann mir auch nicht vorstellen, daß du dir etwas Witziges ausdenken kannst.«

Auch das ist ein Jux. Mein Sohn und ich wissen nämlich, daß für die absurden Einfälle, die ab und zu unser ordentliches Leben aufleuchten lassen, nur einer steht, und zwar Vater.

Und nun machen wir uns an unser erstes Sommerfrühstück, und da klar ist, daß Vater arbeiten muß, weshalb er von der Aufgabe befreit ist, die heranwachsende Generation zu unterhalten, bitten sie um die Erlaubnis, verduften zu dürfen, die sie erhalten, mit weniger Hin und Her als sonst. Aber als sie das Haus verlassen haben, stellt sich heraus, daß Katrine folgendes auf dem Herzen hat:

»Hast du angerufen?«

»Angerufen? Wen?«

»Den Makler. Du wolltest dich doch nach dem Mord erkundigen?«

»Nein, das habe ich vergessen. Kannst du das nicht machen?«

»Nee ...«

»Dann vergessen wir die ganze Geschichte einfach, ja?«

»Man kann nicht auf Kommando vergessen, John. Außerdem finde ich das spannend.«

»Dann ruf selber an, ich habe im Grunde etwas anderes zu tun.«

»Na, so wichtig ist das ja auch wieder nicht.«

Das ist auch ein Aspekt unserer Arbeitsteilung; was ich gerne mache, wird nicht ohne weiteres zu meiner Aufgabe, während das, was sie mag, sofort zu ihrer wird. Das, was wir beide nicht mögen, wird dagegen – nicht ganz und gar zu meiner Aufgabe (so despotisch ist sie nicht) sondern – von Katrine verteilt, was nicht unbedingt bedeutet, daß sie sich selber verschont. Ganz im Gegenteil, sie verschont sich nicht, und dadurch bleibt ihr das Recht, die Leitung zu behalten. Aber jetzt hat sie soviel persönliches Engagement gezeigt, daß diese Ordnung ihren wegweisenden Effekt verliert. Ich kann mit gutem Gewissen aufstehen, abräumen und die vier Teller, die vier Messer und die vier Gläser spülen, kann den Tisch abwischen und mit meiner Tasse und der Kaffeekanne hinauf in mein Nest im ersten Stock gehen, um einen Tag voller berauschender und konzentrierter Einsamkeit an der Schreibmaschine zu beginnen. Aber so kommt es dann doch nicht. Katrine stört mich schon nach einer halben Stunde.

»Da geht niemand ans Telefon«, sagt sie mit besorgt gerunzelter Stirn, mit der Falte, die sonst für die literarischen Aktivitäten des Hauses reserviert ist.

»Na und?« erwidere ich gereizt.

»Nein, das hat vielleicht nichts zu bedeuten, aber es ist doch eine Maklerfirma mit vielen Angestellten.«

»Vielleicht machen sie Urlaub.«

Ich habe mich wieder meinem Blatt Papier zugewandt. Dort lese ich: »Als er ihr die Hände um den Hals legt, um den Samt in der Schönheit dieses lebenden Wesens in sich aufzunehmen ...« und denke, daß das doch wirklich nur Gefasel ist, und wenn ich auf mehr Stellen von dieser Art stoße, dann habe ich es, mit Verlaub, nicht mit einem Roman, sondern nur mit einem Abschluß zu tun, den ich heute nacht auf Grund der Annahme verfaßt habe, das Vorausgegangene sei etwas ganz anderes als das, als was es sich nun mit immer größerer und peinlicherer Deutlichkeit entpuppt.

»Die können doch nicht jetzt schon Urlaub machen!«

»Und was soll ich dagegen tun?! Jetzt reg dich ab, Katrine, und laß mich in Ruhe!«

Ich mache mich abermals über mein Machwerk her, mit Todesverachtung, lese eine pathetische Formulierung nach der anderen, schreibe sie um und habe eine mittelmäßige Einleitung, als Katrine eine Stunde später abermals in den Hoheitsbereich der Kunst einbricht, diesmal mit folgender Mitteilung:

»Er wollte es mir nicht sagen.«

»Wer – wollte dir was nicht sagen?«

»Der Makler. Er wollte mir nichts über den Mord erzählen. Er hat gesagt, er wolle mir keine Angst einjagen. Und als ich gesagt habe, daß er mir auf diese Weise viel mehr Angst macht, hat er nur gelacht. Aber das war kein beruhigendes Lachen, es hörte sich eher so an, als ob er wüßte, daß es vielleicht wieder passieren könnte ...«

»Katrine!!!«

»Ja?«

»Wüßte, daß es vielleicht wieder...? Das ergibt doch alles überhaupt keinen Sinn!«

»Doch, natürlich, er will uns austricksen, verstehst du das nicht?«

»Jetzt reißt du dich zusammen, meine Liebe. Ich arbeite. Kannst du nicht mal in den Ort gehen, einkaufen, baden, ein Buch lesen – wir haben doch Ferien, Katrine!«

Sie bleibt noch stehen, schaut aus dem Fenster und murmelt:

»Ja, das kann ich wohl.«

Und ich stürze mich auf Seite vier, besessen von einem immer stärker werdenden Gefühl, daß ich, wenn es nicht bald besser wird, die nächsten drei Monate damit verbringen werde, einen Roman einem Abschluß von sechs maschinengeschriebenen A 4-Seiten, Zeilenabstand 2, anzupassen. Nun, viele Jahre in der Branche haben mir beigebracht, daß solche Gedanken beiseitegeschoben werden müssen, sie werden erst behandelt, wenn kein Weg mehr daran vorbei führt. Aber ich komme heute nicht weit, ich komme weder weiter noch höher, denn jetzt steht plötzlich unten im Garten ein Mann und blickt zu meinem Fenster herauf. Ein Mann von Mitte 30, in Jeans und Flanellhemd und abgenutzten Turnschuhen, ein kräftig gebauter Mann mit strohblonden halblangen Haaren und einem weißen Lächeln in einem braunen Gesicht. Er signalisiert mit der Hand, ich solle das Fenster öffnen. Also öffne ich das Fenster, das hätte ich schon längst tun sollen, – öffne das Fenster und lasse den Sommer herein – und beuge mich über die Schreibmaschine. Der Fremde sagt, noch immer lächelnd:

»Wir sind Nachbarn, ich dachte, ich sag einfach mal guten Tag, oder störe ich?«

»Nicht, wenn du mir von dem Mord erzählen kannst.«

»Was?«

»Hier soll einmal ein Mord geschehen sein, weißt du etwas darüber?«

»Nein ... wir kommen seit fünfzehn Jahren her, aber ein Mord ...«

»Komm auf die andere Seite, dann trinken wir einen Kaffee.«

Ich verlasse das Kunstwerk und gehe in die Küche hinunter. Mein Nachbar und ich machen uns miteinander bekannt.

»Du bist Schriftsteller, nicht wahr?«

»Ja.«

»Ja, ich habe ein Foto von dir in der Zeitung gesehen. Und jetzt schreibst du wohl einen Kriminalroman, oder?«

»Nein, ich kann Kriminalromane nicht ausstehen. Ich sitze an einer Art Liebesgeschichte, die im Moment stekkengeblieben ist. Setz dich, dann hole ich dir eine Tasse.«

»Und was ist das für ein Gerede über einen Mord?«

»Das hat uns der Makler erzählt. Aber als wir heute angerufen haben, wollte er plötzlich nicht mehr verraten. Wem gehört dieses Haus eigentlich?«

»Ursprünglich hat es einer alten Kapitänsfamilie gehört, Schou-Nilsens, aber aufgrund von Erbschaftsstreitigkeiten hat die Familie beschlossen, es von einem Anwalt verwalten zu lassen, ich glaube, zusammen mit Aktien und anderem, was sie nicht aufteilen konnten. Ich kenne sie nicht, aber solange wir herkommen, wird dieses Haus schon vermietet.«

»Und der Makler hat die Mordgeschichte erfunden, um das Haus attraktiv zu machen?«

»Vielleicht«, lacht mein neuer Nachbar. »Hier sind im Laufe der Jahre viele komische Vögel gewesen, Künstler, exzentrische Typen.«

»Ach ja? Und was machst du so?«

»Ich habe eine kleine Firma, die Spielgeräte herstellt, Schaukeln und Rutschbahnen und so, für Kindergärten in der Umgebung. Ich nehme im Sommerhalbjahr meinen Computer mit hierher, zeichne und konstruiere und mache meine Arbeit, und die Familie hat dann auch Ferien. Hast du Kinder?«

»Ja, einen Jungen von zwölf und ein Mädchen von fünfzehn.«

»Schön, schick sie rüber, ich habe drei ungefähr im selben Alter. Ihr braucht bloß durch das Loch in der Hecke zu kriechen, dann geht der Weg nach unten, wir wohnen im ersten roten Haus am Strand.«

»Schön. Aber über diese Mordgeschichte weißt du also nichts?«

»Nein, aber die kann auch schon hundert Jahre her sein. Möchtest du, daß hier ein Mord begangen worden ist?«

»Nein, nein, um Himmels willen.«

Aus irgendeinem Grunde hat mein sonst so friedliches, literarisches Inneres im Laufe dieser nichtssagenden Unterhaltung eine ziemliche Erregung entwickelt. Und nachdem der Typ weg ist, nachdem wir uns noch einmal versprochen haben, Kinder auszutauschen, und uns auch angelächelt haben, greife ich zum Telefon und habe gleich den Makler an der Strippe.

»Meine Frau hat Sie vorhin angerufen.«

»Ja.«

»Und Sie wollten ihr nichts über die Morde erzählen, die Sie uns versprochen haben.«

»He, das war nur einer. Nein, ich hatte Angst, sie zu erschrecken, sie wirkte eigentlich ein bißchen ... tja ...«

»Dann erzählen Sie’s mir.«

»Na gut ...«

Mir ging auf, daß ich etwas tat, was ich gar nicht wollte. Schon längst, ehe die Geschichte kam, wußte ich, daß ich sie nicht hören wollte, die Geschichte, die hier folgt, über die Familie Schou-Nilsen, einen pensionierten Kapitän, seine Frau und deren Schwester, die hier in den Jahren nach dem Krieg wohnten, eine anständige Familie mit Geld und hohem Ansehen. Dann verschwand plötzlich die Schwester der Frau. Der Kapitän erzählte Nachbarn und Bekannten, sie sei in ihren Geburtsort in Westnorwegen zurückgezogen. In den folgenden Jahren geschah jedoch etwas mit den beiden Übriggebliebenen: Sie gingen Nachbarn und Bekannten aus dem Weg, sie alterten merklich, und 1966 zog die Frau in ein Pflegeheim in Oslo, während der Mann hier wohnen blieb. Er, der früher ein hochgewachsener Kapitän gewesen war, extravertiert und aktiv im Dorfleben, war nun verwandelt in einen seltsamen und eigenbrötlerischen Einsiedler. Er besuchte seine Frau auch nie und ging nicht einmal zu ihrer Beerdigung, als sie ein Jahr später starb. Er ließ sich vom Kaufmann bringen, was er an Lebensmitteln und Brennholz brauchte, ließ es vor seiner Haustür abladen und hielt sich ansonsten im Haus auf. Dann bekam der Kaufmann keine Anrufe mehr, zehn Tage lang nicht; er benachrichtigte die Polizei, und die fand den Kapitän an einem Deckenbalken im Wohnzimmer ... Als mir der Makler das erzählte, blickte ich zu den Deckenbalken hoch, suchte mir den aus, den ich für den richtigen hielt, und fragte:

»Und dann fanden sie einen Brief, in dem er den Mord an seiner Schwägerin zugab? Sie haben im Keller gegraben und die Leiche gefunden?«

»Nicht im Keller, sondern im Garten, unten in dem spitzen Winkel zwischen der Hecke und dem letzten Apfelbaum. Sie war auch nicht auf eine Weise getötet worden, die ... na ja, die zu diesen Leuten paßte ... sie war zersägt worden, quer durch den Magen.«

»Du meine Güte. Wann ist das passiert?«

»Der Mord? 1964, wenn ich mich nicht irre. Der Kapitän hat sich ... 1967, glaube ich, aufgehängt.«

»Also haben wir es vielleicht mit einem Eifersuchtsdrama zu tun?«

»Keine Ahnung. Ich glaube nicht, daß bei den Ermittlungen irgend etwas herausgekommen ist. Es kann sich auch um Geld gedreht haben, aber sie hätten wirklich anderes gehabt, um das sie sich hätten streiten können. Geerbt haben die drei Neffen des Kapitäns und ihre Familien, und denen gehört das Grundstück noch heute.«

»Und Sie verwalten es seither?«

»Ja.«

»Heißen diese Neffen auch Schou-Nilsen?«

»Nein, Rosenquist, alle drei wohnen in Kristiansand.«

»Und mehr wissen Sie wirklich nicht?«

»Nein, ist das nicht genug?«

»Doch, vielleicht.«

Ich bedankte mich für die Auskünfte, hörte ihn lachen und mir noch dazu einen »schönen Sommer« wünschen und legte auf. Und was machte ich dann wohl? Jawohl, der Mann, der keine Mordgeschichte hören wollte, aus Angst, darin verwickelt zu werden, geht aus dem Haus, in den Garten, hinter den letzten Apfelbaum (nicht mehr als zwanzig Meter vom Loch in der Hecke entfernt, das mein lieber Nachbar und Konstrukteur von Spielgeräten erst kürzlich beschrieben hat), und dort sehe ich – nichts. Nicht der geringste Hinweis auf einen Menschen in zwei Teilen, ein Grab, ein Drama, ein Rätsel. Ich sehe etwas zu hohes Gras über einer ebenen Fläche, einige Butterblumen, und über mir singt eine ausgelassene Lerche. Das ist alles. Ich sehe Vergessen. Aber in meinem Kopf gibt es kein Vergessen, dort regiert eine alte Geschichte in neuer Umgebung, angetrieben von Neugier, Resignation und Gedanken, die, das weiß ich, alle weitere Arbeit an einem elenden Roman mit genialem Abschluß stören werden.

Irritiert gehe ich zum Haus zurück, setze mich in die Küche und denke – mehr gibt meine Phantasie nicht her –, daß Kapitän Schou-Nilsen ein Verhältnis mit seiner Schwägerin gehabt haben muß, daß seine Frau davon Wind bekam und ihre Schwester umbrachte. Der Mann half ihr dann, sich der Leiche zu entledigen. Die Reue, oder vielleicht ganz einfach die Tragödie, hatten seine Frau dann gebrochen. Danach kam es auch bei ihm zum Zusammenbruch, wie eine schlimme Geschichte ja eigentlich alle ungestraften Täter zusammenbrechen lassen sollte. So weit reicht meine Phantasie. Die Frage, warum die Leiche dann zersägt wurde, stelle ich mir nicht, doch, ich stelle sie mir wohl. Aber die Antwort, die ich zustande bringe, ist keine bessere als die Theorie, daß es im Boden so viele Wurzeln gegeben haben muß, daß die Betreffende eben zersägt werden mußte, und das reicht ja nicht, nicht einmal für einen, der keine Kriminalromane mag. Und warum reicht sie nicht? Weil sie sie an einer Stelle mit weniger Wurzeln hätten vergraben können, das Grundstück mißt nämlich mehr als vier Dekar und wird auf allen Seiten von einer dichten Hecke vor neugierigen Blicken geschützt. Meine nächste Hypothese ist, daß der Mörder einen ungewöhnlich bestialischen Charakter gehabt haben muß, er muß es genossen haben, sein Opfer zu zersägen. Aber auch dieser Gedanke kann mich nicht weiter beruhigen; was ich über die Familie Schou-Nilsen weiß, und das ist nicht viel, sagt mir nämlich, daß der Mord nicht den Höhepunkt eines zynischen Planes bildete, sondern in Affekt und Verzweiflung ausgeführt wurde, zur Not in krankhafter Eifersucht und/oder blinder Wut, aber nichts davon läßt auf ein Bedürfnis bei Täter oder Täterin schließen, das Opfer zu zersägen.

Nachdem ich diese naheliegenden Gedanken gedacht habe, und Katrine sich immer noch mit dem beschäftigt, womit sie sich nun eben beschäftigt, während die Kinder desgleichen tun, und nachdem ich auch beschlossen habe, daß mein elender Roman mich noch immer weniger interessiert als diese blöde Mordgeschichte von vor fünfundzwanzig Jahren, schlendere ich in den Werkzeugschuppen, suche den Rasenmäher und mache mich ans Rasenmähen, bei einem Rasen, der gut und gern ein Achtel des Grundstücks bedeckt, das heißt, mehr als einen halben Dekar, und das ist eine enorme Arbeit. Ich bewahre mir den Flecken über der zweigeteilten Leiche bis ganz zum Schluß auf, und ich mähe ihn sehr sorgfältig, ich rasiere ihn bis zur Kopfhaut, bis zu einer kränklich grünen Moosschicht, mache ein paar tastende Schritte, stehe, wo ich glaube, daß die Leiche gelegen haben muß, wippe auf den Fußballen auf und ab, wie, um die Konturen von irgend etwas zu spüren. Ich spüre durchaus keine Konturen von irgend etwas, das ist ja auch kein Wunder, und stapfe vergrätzt zum Haus zurück.

Dort dusche ich, und als ich aus dem Badezimmer komme, ist zum Glück Katrine wieder da. Ich stehe im Flur und höre, wie unten die Tür geöffnet wird, ich höre Schritte in der Küche, höre Schranktüren, die geöffnet und geschlossen werden; ich höre eine Reihenfolge von Geräuschen, die ich normalerweise nicht mit Katrines Eintritt in die Küche nach einer Einkaufsrunde verbinde, normalerweise wird nämlich zuerst das, was dort hineingehört, im Kühlschrank untergebracht, danach das, was in die anderen Schränke soll. Jetzt ist die Reihenfolge umgekehrt; das denke ich, als ich die knarrende Treppe hinuntergehe und die Küche betrete.

»Hallo«, sagt Katrine. »Wie geht’s?«

»Doch, doch, es geht schon irgendwie.«

»Was machst du denn für ein Gesicht!«

Also sagt sie das, wovon ich weiß, daß sie es sagen wird, nämlich, wie ich aussehe, und ich weiß auch, wie Katrine mein Äußeres liest:

»Du hast angerufen?«

»Ja«, seufze ich, erleichtert, trotz allem. »Und er hat mir eine nicht gerade nette Geschichte erzählt.«

Ich seufze wieder und setze mich und weiß im selben Moment, daß mein Geseufze ganz und gar fehl am Platz ist. Es verrät nämlich nicht nur etwas über die Geschichte, sondern auch, daß ich persönlich diese unheimliche Angelegenheit wichtiger finde, als es für den Familienfrieden gut ist. Meine Deutung der Dinge ist für Katrine nämlich viel wichtiger als ihr Eigenwert, falls sie überhaupt einen haben. Deshalb lasse ich meine Stimme lässiger klingen, als ich nun vom Mord erzähle, ja, ich erzähle die Geschichte so, wie ich eine Geschichte von einem ganz anderen Ort, einem ganz anderen Haus erzählen würde, und ich finde eigentlich, daß ich meine Sache gut mache. Katrine findet das nicht:

»Das ist doch kein Grund zum Lächeln.«

»Herrgott, das ist doch fünfundzwanzig Jahre her, Katrine.«

»Das spielt keine Rolle – einen Menschen zu zersägen!«

»Ja, das hat er gesagt.«

»Das hättest du mir nicht zu erzählen brauchen!«

»Wie meinst du das denn nun? Gestern hast du noch herumgenervt, wir sollten uns alles erzählen!«

»Es heißt ja wohl nicht ›alles erzählen‹, wenn du dasitzt und darüber lachst, daß ein Mensch zersägt worden ist.«

Ich verdrehe die Augen.

»Ja, soll ich vielleicht weinen? Ich habe das doch nicht getan!«

»Das hat ja auch niemand behauptet! Was ist eigentlich in dich gefahren?«

Ja, wenn ich das wüßte. Denn jetzt sage ich tatsächlich: »Ach, vergessen wir das Ganze und essen wir ein bißchen, ich habe einen Bärenhunger.«

»Essen?«

»Ich habe den ganzen Nachmittag lang Rasen gemäht, ich habe Hunger, es ist mir schnurz, ob hier irgendwer umgebracht worden ist, es ist mir auch schnurz, ob sie in zwei oder in zehn Teile zersägt worden sind ...«

Worauf Katrine die Küche verläßt, mit einer offenen Schranktür, und das ist so ungewöhnlich, daß ich um den Tisch herumgehen und für sie die Tür schließen muß, ehe ich sie wieder öffnen und Brot und Brotschneidebrett herausnehmen kann. Ich öffne auch den Kühlschrank, der zum falschen Zeitpunkt geöffnet und geschlossen wurde, suche nach Aufschnitt und setze mich zum Essen hin. Mit gutem Appetit und in aller Gemütsruhe verleibe ich mir sechs Scheiben Graubrot mit Käse und Wurst ein und trinke auch eine Flasche Bier – mit derselben Gemütsruhe. Gleichzeitig durchdenke ich die zersägte Leiche und alle Varianten des Themas, die mein Gehirn nur hergibt. Ich weiß nicht, ob mein Kohldampf nun von dem makabren Mord oder meinem Krafteinsatz hinter dem Rasenmäher herrührt, so wenig, wie ich an körperliche Arbeit gewöhnt bin – normalerweise besteht die bei mir nämlich nur aus einem täglichen Spaziergang zum Kiosk, wo ich mir eine Zeitung und eine Tüte Gummibärchen kaufe (die ich in aller Heimlichkeit in meinem Arbeitszimmer verzehre). Nach vollendeter Mahlzeit bin ich noch genauso gut in Stimmung. Ich räume Essen und Reste weg, wische den Tisch ab, pfeife und reiße noch ein Bier aus dem Kühlschrank an mich, als Katrine wieder hereinkommt.

»Wo haben sie sie noch begraben?«

»Willst du das wirklich wissen?«

»Nein, aber ich muß. Ich kann nicht den Sommer hier verbringen, ohne ...«

»Der Wahrheit ins Auge zu blicken?«

»Nenn es, wie du willst. Ich muß jedenfalls fertig damit werden.«

»Okay.«

Wir gehen hinaus, Katrine und ich, in die hinterste Ecke des Gartens, hinter den letzten Apfelbaum, wo ich ihr die bestrasierte Stelle des ganzen Grundstücks zeige und sage:

»Da!«

Wir stehen nebeneinander und betrachten eine Weile dieses anonyme Stück Erde, lassen es auf uns einwirken, sehen uns an, schütteln den Kopf, und Katrine sagt:

»Warum in aller Welt mußten sie sie bloß zersägen?«

»Sie hätten Rücksicht auf die Feriengefühle eines Ehepaars mittleren Alters fünfundzwanzig Jahre später nehmen sollen, meinst du?«

»Daß du so morbide sein kannst!«

Darüber lache ich nur, trinke einen Schluck aus der Bierflasche und biete sie ihr ebenfalls an, lasse sie mein Angebot ablehnen und höre sie dieselben phantasielosen Möglichkeiten murmeln, die mein eigenes Gehirn gerade durchgegangen ist und verworfen hat, daß es da unten vielleicht so viele Wurzeln gibt, daß nicht genug Platz für eine ganze Leiche war, nur für zwei Hälften, daß auch sie diese Hypothese verwirft, wie auch ich, da schließlich vier Dekar zur Verfügung stehen, lasse sie sich also durch die bereits behandelten Varianten einer zersägten Leiche hindurcharbeiten. Dann verlassen wir den kränklich grünen und wohlfrisierten Flecken unten im Garten hinter einem Apfelbaum in Drøbak und begeben uns zur Küche zurück, wo Katrine eine ebenso überwältigende Mahlzeit zu sich nimmt wie ich.

3

Und in Drøbak regnet es tatsächlich auch einmal, einen weichen und anhaltenden Juniregen. Die Familie muß im Haus bleiben, und das ist gut, so durchgegrillt, wie wir schon sind, die drei von uns jedenfalls, die sich hier unter der brennenden Sonne dieser südlichen Breitengrade nackt am Strand aufgehalten haben. Der Verfasser dieser Zeilen hat sich dem nicht ausgesetzt, nicht nur, weil das, was seine rötliche Haut einst an Pigmenten hatte, von neun langen Jahren unter dem Polarstern zerstört worden ist, sondern auch, weil er Felsen, Strände und müßige Tagedieberei in weißem Sand noch nie ausstehen konnte. Aber jetzt regnet es also, und wir sind im Haus. Die Kleine hört zusammen mit der ältesten Tochter des Spielgerätemannes auf ihrem Zimmer Platten. Thomas sitzt mit Mutter und den zwei Söhnen des Nachbarn, einer elf, einer dreizehn, sowie fünf Yatziwürfeln im Wohnzimmer. Katrine ist fabelhaft in dieser Hinsicht, sie kann Stunde um Stunde beim idiotischsten Spiel sitzen, für sie ist nur wichtig, daß die Kinder erhalten, was ihnen zusteht, und zwar an Erziehung, Beschäftigung und befriedigten Wünschen, obwohl in letzter Zeit wohl auch ein Kontrollmotiv mit ins Bild gekommen ist – schließlich nähert sich das gefährliche Alter. Während Vater im ersten Stock sitzt und Schriftsteller mit einem Glas Whisky ist, während er aus dem sommerregennassen Fenster sieht, auf einen hellen Moosflecken im Garten, und an den Mord denkt, der ihn nicht interessiert. Wir haben den Kindern natürlich nichts gesagt. Das wurde an einem Abend recht peinlich, als mein Sohn mich überraschte, als ich – oben auf einer Trittleiter – den einen Deckenbalken im Wohnzimmer nach Seilspuren absuchte. Ich glaubte auch, die richtige Stelle gefunden zu haben.

»Was machst du denn da, Paps?«

»Sehe nach, ob es tropft«, antwortete Paps, stehenden Fußes.

»Aus dem ersten Stock?«

»Aus dem Badezimmer.«

Der Vater kann es mit dem Sohn durchaus noch aufnehmen. »Mutter hat da oben eine Wanne umgeworfen.«

»Aber gibt’s denn ein Loch in der Decke?«

»Sieht nicht so aus.«

»Können Petter und Gunnar nachher zum Yatzispielen kommen?«

»Aber klar.«

Dieses Gespräch wurde indessen von der Mutter mitgehört, und als die Trittleiter entfernt worden und der Sohn losgelaufen war, um seine neuen Freunde zu informieren, murmelte sie etwas davon, daß sie sich ab und zu frage, ob sie mich wirklich kennt.

»Wie konntest du ihn so belügen?«

»Ich bin Schriftsteller, meine Liebe, nimm das nicht zu wichtig.«

»Aber man kann dir ja unmöglich ansehen, ob du die Wahrheit sagst. Es wäre irgendwie ...«

»... beruhigender, wenn mir das mit dem Badezimmer nicht so elegant eingefallen wäre?«

»Ja.«

»Dann meinst du vielleicht, daß ich dich genauso lässig belüge? Daß ich in all den fünfzehn Jahren unserer Ehe eine Geliebte gehabt habe und ...«

»Jetzt übertreib nicht!«

Ich habe meine Aversion gegen Lügen bereits erwähnt, aber das muß ich etwas genauer erklären. Sie ist nämlich für Katrine reserviert. Nur sie mag ich nicht betrügen. Bei allen anderen habe ich keine Skrupel. Und das hat nicht nur mit Hemmungslosigkeit zu tun, es liegt eher an der Tatsache, daß ich nicht viel habe, worüber ich lügen könnte, und daß es mir nie besonders viel einbringt. Meine Lügen sind nämlich ganz sinnlos. Man kann wohl sagen, daß ich mit meinem kleinen Spruch über das Wasser im Badezimmer meinen Sohn mit der Mordgeschichte und mich selbst mit dem Problem verschonen wollte, ihn danach beruhigen zu müssen – mit dieser Art Lügen schmieren vermutlich die meisten ihr Leben. Aber das ist nicht die ganze Wahrheit. Dasselbe Resultat hätte sich nämlich erreichen lassen, wenn ich einfach etwas Unverständliches gemurmelt und so getan hätte, als ob gar nichts wäre. Mein Sohn hätte keine Szene gemacht, um herauszufinden, was sein Vater auf einer Trittleiter im Wohnzimmer treibt, und es wäre auch ehrlicher gewesen, wie Katrine angemerkt hat, vertrauenerweckender. Aber dann verspürte ich die Versuchung, es stilvoll zu machen, ich fühlte mich verführt von dem Anspruch, eine glaubwürdige Erklärung zu finden, denn Glaubwürdigkeit hat oft etwas mit Stil zu tun. »Es tropft aus dem Badezimmer«, das ist dieses winzige Verlangen nach einer eleganten Erklärung. Diesem beklagenswerten Leben fehlt so etwas ja in höchstem Maße, und es wäre doch unerträglich, wenn man nicht von Zeit zu Zeit das wenige hinzufügen würde, was an einem Motivkomplex fehlt, an einer Beschreibung, einem Geständnis, einer Geschichte ... Eigentlich arbeite ich so ja auch in meinen Büchern. Es hat einige Jahre (und einige Romane) gedauert, bis ich entdeckt hatte, daß ich, ein Sozialrealist, bis an die Zähne bewaffnet mit Begriffen wie »wahrhaftig«, »wirklichkeitsgetreu« oder »echt«, an der Wirklichkeit herumbastelte. Und so versuche ich jetzt weiterzumachen, während ich mich über meine Schreibmaschine beuge und einen hellen Moosflecken unten im Garten anstarre, während in der Ferne Michael Jackson singt, meine Frau einen Stock tiefer mit drei Knaben Yatzi spielt, und im Haus ein Sommerfriede herrscht, wie man ihn sich nur wünschen kann.

Das war übrigens auch einer meiner Gründe, aus denen ich Schriftsteller geworden bin; der Traum, im ersten Stock in einem großen alten Holzhaus auf dem Lande irgendwo im verschlafenen Norwegen zu sitzen, auf einen üppigen Garten hinauszublicken, mit dem Meer im Hintergrund, und gleichzeitig meine Familie in der Nähe zu haben, nicht so nah, daß sie meine Kunst direkt beeinflußt, aber auch nicht so weit weg, daß der Autor sich nicht erheben kann, wenn er das Bedürfnis dazu verspürt, und nach unten gehen und in tiefen Zügen diese mittelmäßige und gerade deshalb wunderbare Trivialität einatmen kann, denn die ist trotz allem sein fester Halt. Sie ist Hintergrund, Motiv, Treibkraft von allem und auch der Sinn von allem, was er tut, er liebt seine familiäre Umgebung ... Ja, genau diese mythische und im norwegischen Geistesleben sehr verbreitete Rolle war mein Grund, Schriftsteller zu werden, weitaus mehr als das Bedürfnis, mich mitzuteilen, berühmt zu werden ... obwohl sicher auch das eine Rolle spielte. Also besorgte ich erst alles, was zu dieser Rolle gehörte, eine Schreibstube zum Beispiel, ich besorgte mir eine Schreibstube, als ich noch längst nicht wußte, ob ich überhaupt in der Lage wäre, ein Wort zu Papier zu bringen. Ich kaufte die beste Ausrüstung, Graphik für die Wände, ich abonnierte Zeitschriften in mindestens drei verschiedenen Sprachen, und ich kleidete mich sogar so, wie ich es für einen Autor von der Sorte, die ich werden wollte, für richtig hielt. Und als alles für eine perfekte Karriere vorbereitet war, versank ich in einem beschwerlichen, zähen Brei. Ich wußte ja, daß alles, was ich um mich herum geschaffen hatte, Pfuschwerk war, und wer kann mir die Freude verdenken, die ich empfand, als ich entdeckte, daß ich wirklich schreiben konnte, daß ich nicht nur schreiben konnte, sondern daß ich schon bei meiner ersten Veröffentlichung in der norwegischen Öffentlichkeit wie eine Granate detonierte; umstritten, überschätzt, verrissen, verkauft, gelesen, bewundert und verachtet, alles, wovon ein Schriftsteller meiner Generation damals, zu Beginn der siebziger Jahre, nur träumen konnte. Als ich nicht gleich einen Preis bekam, schrieben die Zeitungen, die meinem Herzen am nächsten standen, daß mir ein blutiges Unrecht widerfahren sei; der Parnaß und das Establishment wollten mich totschweigen, weil ich gefährlich war! Ich weiß noch heute, wie mich das mit einem Gefühl der Allmacht und einer Befriedigung erfüllte, wie sie wohl nur wenigen Dreiundzwanzigjährigen zuteil wurde. Ich war nicht nur Schriftsteller in einer perfekten Schreibstube, sondern ich war auch alles andere, wovon ein junger Mann träumt: Soldat, Kreuzritter, Verkünder und eben – gefährlich!, das schönste aller Adjektive in der oppositionellen Traumwelt des real-existierenden Norwegens. Und ich verdiente vom ersten Moment an mein Brot; und das war nichts weniger als ein Wunder!

Seither ist mit dieser knabenhaften Begeisterung jedoch etwas passiert, und ich weiß noch genau, wie und wann: Ich hatte meinen vierten Roman beendet, ich war mir bei den beiden letzten Kapiteln nicht sicher und schickte sie mit der Bitte um einen fachlich qualifizierten Kommentar an meinen Verlag – und als Antwort gab es nur Lob! Zuerst war ich erleichtert, dann verwirrt, dann wütend, schließlich paranoid. Ich war damals dreißig. Ich hatte drei »umstrittene« Romane geliefert, wie die Zeit es verlangte, und ich arbeitete am vierten. Und dann versagt mein Selbstbewußtsein, ich bitte um Hilfe und bekomme zu hören, daß das, von dem ich weiß, daß es schwach ist, als perfekt gilt, da es dem, was ich früher geschrieben habe, zum Verwechseln ähnelt. Das Ergebnis ist, daß ich natürlich anfange, auch an diesem »Früheren« und »Perfekten« zu zweifeln, und meine alten Werke noch einmal lese und schon nach zwei oder drei Seiten merke, daß ich dies und jenes entschuldige, daß ich es meiner Unreife, den Ansprüchen der Zeit, einem heftigen Mißverständnis in meiner Beziehung zu Katrine und allen möglichen anderen Kuriositäten zuschreibe. Und in dem Moment, in dem ich diese entschuldigende Haltung entdecke, geschieht in mir etwas. Ich verließ meine unsichere Ideologie zwar nicht, das werde ich wohl nie tun, aber ich entwickelte ein besonders feinfühliges Gehör für das, was aus meinen eigenen Reihen im politischen System kam. Mit immer tiefer werdender Schamröte sah ich das öffentliche Auftreten meiner Parteigenossen. Es bringt vielleicht Standhaftigkeit und Ehrlichkeit zum Ausdruck, Jahr für Jahr die eigenen Meinungen vorzubringen. Aber zu etwas zu stehen, das man die ganze Zeit damit entschuldigen muß, daß die Zeit es lächerlich gemacht hat, daß man reifer geworden ist – das ist äußerst anstrengend. Andererseits: Kann man immer reifer werden, es sich mit der Auffassung gemütlich machen, daß das, was im einen Moment wahr und richtig ist, es im nächsten nicht unbedingt auch sein muß, kann man sich mit der wissenschaftlichen Selbstverständlichkeit zur Ruhe setzen, daß alle Wahrheiten nur vorläufig sind, während man doch gern ein Verkünder großer Thesen wäre? Wohl kaum.

Am Rande dieser tiefen existentiellen Schnörkel kräuselt sich nun mein Gehirn, und das so intensiv, daß ich die Schreibmaschine verlassen und ins Wohnzimmer hinuntergehen und fragen muß, ob ich beim Yatzi mitspielen kann. Was sie gestatten. Meine Frau sieht mich leicht mißtrauisch an: »Was soll das bedeuten, du haßt doch Yatzi!«

Ganz richtig, aber jetzt möchte ich lieber hier sitzen, als mich von einer Vergangenheit ablenken zu lassen, die nicht mir gehört, sondern dem Haus, in dem ich wohne – und ein Haus ist ein Haus, es ist einfach nur ein Haus, eine Schale, es ist nichts. Aber ich trete zu einem Zeitpunkt in das Spiel ein, als der älteste Sohn des Spielgerätemannes, Petter, gerade dreimal hintereinander gewonnen hat, weshalb die anderen alles satt und untereinander signalisiert haben: Jetzt ist Schluß.

»Ach?« sage ich.

»Tja, wir könnten vielleicht noch eine Runde machen.«

Eine Wohltätigkeit, von der ich natürlich nichts wissen will, und deshalb erhebe ich mich von dem Stuhl, den ich eben so keß eingenommen habe, gehe in die Küche, reiße die Kühlschranktür auf und schnappe mir wütend ein Bier, als ob ich irgendwem im Kühlschrank Vorwürfe machen könnte, öffne das Bier und trinke, noch immer stocksauer. Und als Katrine kommt und fragt, was das Theater denn bedeuten soll, sage ich wie aus der Pistole geschossen:

»Wenn es morgen auch wieder regnet, fahre ich in die Stadt, ich muß im Verlag etwas erledigen.«

»Ja?«

Meine Frau weiß natürlich genug vom Verlagsleben, um sich darüber im klaren zu sein, daß ein Schriftsteller erst etwas in seinem Verlag zu suchen hat, wenn er sein Werk vorgelegt hat; mit anderen Worten, sie begreift, daß ich ihr einen Vorwand geliefert habe, nur nicht, warum.

»Was ist eigentlich los mit dir, John?«

»Ich brauche einen Tag in der Stadt. Willst du mir das verbieten?«

»Was ist das denn für eine Ausdrucksweise? Ich verbiete dir doch nichts, solange du nicht die Geliebte treffen willst, von der du geredet hast.«

Und als sie das sagt, geht mir auf, daß ich Katrines große Stärke unterschlagen habe, nämlich ihre Erotik. Sie ist die wunderbarste Eva, die der Herr erschaffen hat. Wenn sie einen Mann liebt – und zwar hoffentlich mich –, dann bringt sie zum Ausdruck, daß diese Episode einzigartig ist, ein pures Wunder in ihrem ehrlich gesagt recht farblosen Leben. Und sie macht es auf eine Weise, die mich daran glauben läßt, jedesmal. Ja, ich habe in keiner einzigen Minute in unserer Zeit als Ehepaar, bis daß der Tod uns scheide, auch nur den geringsten Verdacht gehabt, sie könnte mich mit einem gespielten Orgasmus betrügen oder Phantasien zu Hilfe nehmen, die, nach allem, was ich mir angelesen habe, oft das Geheimnis hinter den geschrienen Vorstellungen zu sein scheinen, die Frauen zwischen den Laken hinlegen. Und der Grund, aus dem ich das hier anbringe, wo es nicht hingehört, ist, daß ich genau das denke, als Katrine diese kleine Ironie über meine potentielle Geliebte serviert, meine Frau, die die Kunst beherrscht, drei Wochen lang erotisch tot zu sein, um dann plötzlich zum reinen Johannisfeuer aufzulodern, und das, wie alle verstehen werden, stellt den Verfasser dieser Zeilen, der nur den Einkauf der Zeitung und seiner Tüte Gummibärchen als physische Aktivitäten vorweisen kann, auf eine wahre Mannestumsprobe, denn sie sagt ihren kleinen Satz mit dem neckenden doppelten Boden und dem seligen Blick, die gerne solchen märchenhaften Nächten vorausgehen.

Ich:

»Ich muß nur kurz in die Stadt, Katrine, einfach so ...«

»Das verstehe ich doch. Fahr du nur.«

»Ist das dein Ernst?«

»Natürlich ist das mein Ernst.«

Der Schriftsteller setzt sich, er setzt sich an den Küchentisch, hört, wie sich die Yatzispieler unter dem Balken verabschieden, an dem vor fünfundzwanzig Jahren Kapitän Schou-Nilsen hing, und wie sie das Haus verlassen, das derselbe Schriftsteller in seinem Tran gemietet hat.

4

In diesem vierten Kapitel sitzt zu Anfang derselbe Schreiberling hinter dem Lenkrad seines sieben Jahre alten Volvo Kombiwagens und schämt sich über den Auftritt von gestern abend. Ich hätte doch einfach sagen können, daß ich in die Stadt fahre, punktum – man ist doch nirgendwo gefangen, weder in der Ehe noch in einem Mietshaus. Aber es ist eben so mit mir, daß ich die geringste Lust, mein Daheim zu verlassen, als Verrat empfinde, auch wenn ich gar nicht vor habe, irgendwen zu betrügen, sondern nur einige Stunden lang durch die Straßen schlendern, Gesichter sehen, in einem Buchladen herumstöbern, in einem Straßencafé ein Mineralwasser trinken möchte ... Ich muß mich gewissermaßen durch irgendeinen krankhaften Zustand retten, mich nahezu zum Genesenden ernennen, der auf eine Weise diese unschuldigen Ausflüge verdient. Und um das Ganze noch auf die Spitze zu treiben, um mich noch mehr zu quälen als unbedingt nötig, hat der Herr diesen Tag mit idiotisch funkelndem Sonnenschein ausgestattet – ja, die Sonne scheint, aber ich fahre trotzdem!

»Natürlich fährst du«, sagt Katrine. Sie hält also mein Gerede vom Regen für puren Quatsch. Und das Schlimmste, das Allerschlimmste ist, daß ich sie natürlich betrügen werde, nicht so, wie der Leser vermutlich hofft, sondern, indem ich vorhabe, ganz unschuldig in die Universitätsbibliothek zu gehen und Zeitungen vom September 1967 zu lesen. Und warum will ich meine Frau nicht in diese Pläne einweihen? Nun, egal, wie offen wir in diesem Mordfall miteinander umzugehen beschlossen haben, und ungeachtet der Tatsache, daß wir gleich viel oder gleich wenig wissen, so muß jeder neue Schritt in der Entwicklung auf die Goldwaage gelegt werden. Ich kann Katrine einfach keiner Information aussetzen, die sie, wie ich meine, beunruhigen wird. Meine Pflicht, sie zu beschützen, ist natürlich viel grundlegender als schwebende ideologische Begriffe wie »Ehrlichkeit« und »Aufrichtigkeit«. Und deshalb ruht, als Kapitel vier sich dahinschleppt, der Fuß des Schriftstellers fest auf dem Gaspedal, der Tacho liegt bei achtzig, wie es sich hierzulande gehört, und der Arm des Schriftstellers ruht im Fenster. Friede herrscht in dem Zipfel des Königreichs Norwegen, durch das er gleitet, es ist Sommer, und es ist üppig, heiß und bürgerlich. Ich sause über Mosseveien, vorbei an Ulvøya, wo ich als Kind kurzfristig gewohnt habe, vorbei an Malmøya und Bekkelaget, und ich entdecke das große Lagerhaus, das schönste Bauwerk Norwegens, und beschließe noch einmal, an der Sabotage des weiteren Lebens im Norden weiterzuarbeiten.

Dann muß ich einer Menge von neuen Ausfahrten und Tunnels ausweichen und erreiche über einige kleine Umwege die Universitätsbibliothek auf dem Solli Plass. Mineralwasser, Straßencafés, Freunde und Buchläden sind also in den Hintergrund gedrängt worden, denn hier betrete ich das tiefste Gedächtnis der Nation, in dem alle Idiotien, die Norweger im Laufe der Zeit zu Papier gebracht haben, griffbereit versammelt sind. Aber jetzt, wo die Sonne scheint, interessiert die Gegenwart sich nicht für Erinnerungen, zum Glück, denn auf diese Weise bin ich fast allein in der Zeitungsabteilung, nur eine junge Frau, eine Studentin mit Rattenschwänzchen und einer Rockmode, die ich seit satten zwanzig Jahren für ausgestorben hielt, leistet mir Gesellschaft. Sie liest Zeitungen aus den Kriegstagen, während ich mich auf die verschiedenen Lokalzeitungen des Distrikts konzentriere, auf Ausgaben von prähistorischen und längst ausgestorbenen Arten, sowie einige Nummern von Aftenposten.

Sämtliche Publikationen können erzählen, daß in Schweden nunmehr rechts gefahren wird, daß der Schah im Iran vorhat, seine Fahra Diba in allernächster Zukunft krönen zu lassen, daß mein alter Kollege Arthur Omre kürzlich verschieden ist, daß der Vietnamkrieg aufs ärgste wütet. Und fast als kleine Ironie der Geschichte gerade für mich, für den Schriftsteller persönlich, gibt Morgenposten am 2. September 1967 auf der Seite »Vermischtes« eine kleine kommunistische Anekdote zum besten: Der ehemalige russische Fürst Felix Jussulow gibt in Paris auf seinem Sterbebett konspiratorische Interviews, der Mann, der seinerzeit, das heißt, 1916, am russischen Zarenhof den Ränkeschmied Rasputin ermordete und damit einen der größten Betrüger der Geschichte unschädlich machte, ohne selber ebenso berühmt zu werden. Eine Köpenickiade, über die der Verfasser dieser Zeilen in seiner Jugend einst seine Diplomarbeit schreiben wollte, damals, als er noch den Ehrgeiz hatte, Historiker zu werden, was er bald wieder aufgab, als ihm aufging, daß es in diesem Fach darum geht, mangelhafte Bilder von etwas Vergangenem zu rekonstruieren, statt etwas Neues zu schaffen. Außerdem verläßt der, der einmal im Rampenlicht gestanden hat und sich dort behaupten konnte, dieses Rampenlicht nie mehr wieder – freiwillig. So aber sieht der Hintergrund aus, vor dem unser Mann Karsten Schou-Nilsen sich aufhängt. Nun tritt er nämlich in der Fiktion der Zeitungen hervor, am 4. September 1967, kein Selbstmord, kein Name, nur eine unbekannte Leiche in einem Garten in Drøbak, eine mißhandelte Leiche, steht hier – die Zeitungen waren damals zurückhaltender, und die Polizei auch. Sie »rechnen damit, diesen makabren Fund mit einer kriminellen Handlung in Verbindung bringen zu können« (dem Mord?). In den folgenden Tagen, dem 7., 8. und 9. September, werden dieselben spärlichen Informationen wiederholt, nun aber mit dem Namen der Toten (Erna Keilhau), und am Samstag, dem neunten, endet der Artikel mit einigen vagen Formulierungen, man habe es vermutlich mit einer »persönlichen Tragödie« zu tun, was damals bedeutete, daß der Fall bald aus den Zeitungsspalten verschwinden würde. In einer Lokalzeitung finde ich allerdings am zwölften ein großes Bild des Hauses, in dem ich zur Zeit wohne, vor der Restaurierung, begleitet jedoch nur von einer mageren Bildunterschrift und einem dürren, fünf Zentimeter langen Einspalter mit der Prophezeiung, daß wir auf ewig im ungewissen darüber schweben werden, welche Rätsel »sich hier wirklich verbergen. Sie haben ihr Geheimnis mit ins Grab genommen.«

Ich blicke zur Studentin in dem altmodischen Rock hinüber und frage mich, ob sie wohl mehr Glück hat als ich. Es sieht so aus. Sie merkt, daß ich sie ansehe, und hebt den Blick von Aftenposten, senkt ihn dann rasch wieder, und alles, was ich auf den ersten Blick von ihr geglaubt habe, wird durch diese abrupte und abweisende Bewegung bestätigt: Eine einsame Seele, die an einem Tag wie heute in der Bibliothek sitzt, die zur Unzeit fleißig ist, die irgendwo auf dem Land eine Familie und in der Stadt keine gleichaltrigen Bekannten hat ... alle Mängel einer Studentin, die im Jahre 1967 gut meine Freundin hätte sein können, als unsere glühende politische Bewegung Sonderlinge wie sie anzog und ihnen eine Art Zugehörigkeit und einen Sinn des Lebens gab. Was mich wieder nach Drøbak zurückführt, wo die Wahrheit kurz und gut folgende ist: Samstag, 13. Juni 1992. Wir sitzen am Frühstückstisch, auf den uns in unserem Familiensystem zugewiesenen Plätzen, essen und führen unser normales Gespräch:

»Heute springe ich vom Fünfer.«

»Das traust du dich nicht.«

»Tu ich wohl.«

»Nie im Leben.«

Vor fünfundzwanzig Jahren, 1967, als der Verfasser dieser Zeilen jung war, konnte man diesem Dialog ablesen, welches Geschlecht was sagt. Das ist heute auch noch so. Mein Sohn hat nämlich große Probleme mit dem Sprungturm unten im Drøbaksund, er traut sich nicht, ihn so eifrig zu benutzen wie die anderen in seinem Alter, Jungen, die nicht neun lange Jahre hinter dem Polarkreis verschwunden sind. Meine Tochter benutzt den Sprungturm auch nicht, aber für sie ist das kein Problem. Für sie ist ein Problem, daß ihr Badeanzug nicht genauso ist wie die, in die die anderen Fünfzehnjährigen sich einhüllen. Nun hat sie aber doch einen bekommen, der genau ist wie die der anderen, und das macht sie zufrieden und selbstsicher. Meine Frau sagt:

»Warum willst du auf Leben und Tod vom Sprungturm springen?«

»Um den Mädels zu imponieren, ist doch klar«, sagt seine Schwester.

»Ne, gar nich’ deshalb!«

Mutter:

»Und davon lassen sie sich auch gar nicht imponieren.«

»Weiß ich doch.«

Natürlich lügen beide, das sehen wir schon an der einfachen geographischen Lage des Sprungturms; Sprungtürme haben sich während der gesamten Geschichte im Zentrum der menschlichen Aufmerksamkeit befunden. Niemand hat jemals an einer öden Küste oder an einem kleinen Teich einen Sprungturm gebaut, niemand ist auf die Idee verfallen, um die edle Kunst des Springens eine Geheimloge aufzubauen. Nein, das Springen ist auf Zuschauer berechnet, ob man nun ein Profisportler ist oder nur ein hilfloser junger Mann in Ferien. Und deshalb sage ich:

»Das weißt du nicht, mein Junge. Wir wissen beide sehr gut, daß Mädchen sich vom mutigsten Jungen imponieren lassen.«

»So was Blödes hab ich noch nie gehört«, ruft Katrine. »Du warst doch nie besonders mutig!«

Und Vater, der nun zu einer sinnreichen Entlarvung der banalen Rituale des Geschlechtslebens ansetzen wollte, die sich seiner Ansicht nach im Sperrfeuer unserer ganzen Generation von Argumenten, Wunschdenken, »Veränderung«, »Aufklärung«, »Bewußtmachung« usw. gehalten haben, muß sich nun geschlagen geben, nicht, weil ihm ein schlagendes Argument die Flügel gestutzt hat, sondern weil seine Antwort vor den Kindern nicht ohne weiteres vorgetragen werden kann. Es ist nämlich eine Tatsache, daß Katrine sich nicht für mich entschieden hat, weil ich ein vernünftiger Kümmerling bin, der nie seine Grenzen verschoben, und der sich seine ganze Jugend hindurch auf das unterste Brett beschränkt hat, auf den Einer, wo er hingehörte. Nein, ich wurde von Katrine gewählt, weil sie den, der aus den höchsten Höhen sprang, nicht gekriegt hat. Den, der aus den höchsten Höhen sprang, bekam ihre Freundin, die beiden heirateten, und Katrine brach mit ihrer Freundin (»eine oberflächliche Kuh«) und kam wohl gleichzeitig zu einer Art Erkenntnis, daß es weniger Mühe macht, sich mit dem zu bescheiden, was man gratis bekommt. Und diese Gratisperson war ich. Ich war unsterblich in sie verliebt, aber trotzdem konnte ich doch nach einer Weile folgendes aus mir herauspressen:

»Ich weiß, daß du eigentlich nicht mich wolltest, Katrine, sondern ihn. Aber das ist mir scheißegal. Jetzt habe ich dich, und ich lasse dich nie wieder los!«

Das saß. Damit zeigte ich nämlich, daß ich doch über den Mut eines Springers verfügte. Aber diese Überlegung läßt sich hier am Frühstückstisch natürlich nicht verwenden. Deshalb lächele ich bloß dämlich, wie sich das gehört für einen, der gerade in einem Disput verloren hat, und trinke meinen Kaffee, aus der Teetasse, die Katrine vor mich hingestellt hat. Heute mußte ich mir den Kaffee selber einschenken – zwischen uns gibt es nämlich etwas Ungeklärtes: Katrine weiß, daß ich mehr Informationen über den Mord habe als sie, sie weiß, daß ich alte Zeitungen gelesen und daß ich hier am Ort mit der Polizei gesprochen habe. Obwohl das nur ein lockerer Schwatz am Steg war, bei dem es zuerst ums Segeln ging, und der sich bald zur reinen Fachdebatte entwickelte, was Katrine so langweilte, daß sie sich zurückzog. Genau, wie ich geplant hatte, mit der Folge, daß der Polizist und ich zwanzig Minuten lang über den alten Mord plauderten. Erst, als ich ins Restaurant kam und mich an den Tisch setzte, den wir inzwischen bei unseren Spaziergängen durch die Ortsmitte immer belegen, ging Katrine auf, daß sie etwas verpaßt hatte, und daß das ganz allein ihre eigene Schuld war.

»Hat er dir etwas über den Mord erzählt?«

»Nicht viel!«

»John!«

»Nur, daß sie nie herausfinden konnten, wer die Schwägerin umgebracht hat, der Kapitän oder seine Frau, obwohl wir beide auf die Frau tippen und annehmen, der Kapitän habe ihr dann geholfen, das Verbrechen zu vertuschen, unter anderem dadurch, daß die Leiche vergraben wurde.«

»Und wer hat sie zersägt?«

»Vermutlich der Kapitän.«

»Aber warum in aller Welt hat er das getan?«

»Ja, was glaubst du, du liebst doch Kriminalromane? Versuch, dir einen guten Grund auszudenken, warum eine Leiche zersägt werden muß.«

»Die Romane, die mir gefallen, bringen nie ›gute‹ Gründe für so etwas, nur Geisteskrankheit in verschiedenen Varianten.«

»Und wenn ich sage, daß er ein ganz rationelles Motiv dafür hatte, sie zu zersägen, dann sagst du, wir lebten in einer kranken Welt.«

»Genau.«

»Das ist dein Lieblingssatz, meine Liebe.«

»Das macht ihn noch lange nicht falsch.«

»Dann wirst du auch die Erklärung nicht akzeptieren.«

Diese schlagfertige Zurückweisung stürzt sie in ziemliche Verwirrung, und wenn Katrine sich kritisiert fühlt, vergehen gern einige Minuten mit stummen Vorwürfen und etlichen anderen komplizierten Dingen, die zwischen den Eheleuten hin und her wandern, ehe das ursprüngliche Thema wieder aufgegriffen werden kann. Und ehe wir so weit gekommen waren, hatte unsere Tochter sich am Restauranttisch eingefunden, zur verabredeten Zeit, um zusammen mit ihrer Mutter den Einkauf des Badeanzuges zu tätigen, der, wie ich vorhin erwähnt habe, ihr Selbstvertrauen so beruhigend steigern wird; Katrine mußte unverrichteter Dinge den Tisch verlassen.

Am selben Abend griff sie den Faden jedoch wieder auf, und nun erklärte ich ihr, wie es um die Logik des Kapitäns bestellt war, daß die Schwägerin mit Zyanid ermordet worden war, daß er sie in der Mitte durchgesägt hatte, um a) ihren Magen zu entleeren und b) den Eindruck zu erwekken, man habe es mit einem kranken Mörder zu tun, falls sie unwahrscheinlicherweise gefunden würde.

»Und letzteres ist ihm ja ganz gut gelungen«, fügte ich säuerlich hinzu, ehe Katrine mit ihrem »das kann ich einfach nicht glauben« anfangen konnte.

Also sagte sie lieber:

»So etwas durchzuziehen, um den Eindruck zu erwecken, man sei geisteskrank, ist in meinen Augen ein Zeichen dafür, daß man das wirklich ist.«

So sieht man in unseren Kreisen tatsächlich die Welt, jedenfalls das, was uns an ihr nicht gefällt. Wir können es nicht hinnehmen, daß ein Mensch eine rationale Denkweise (unsere eigene) als Motiv für eine Handlung verwendet, die wir entsetzlich finden; dann machen wir aus dem Betreffenden lieber einen Geisteskranken, oder wir erklären kurz und gut die Vernunft für krank. Ich weiß noch, was passiert ist, als ich bei einem Kongreß unserer kleinen exklusiven Partei versuchen wollte, meinen Genossen zu erklären, was aus Napoleon einen genialen Feldherren machte – das ging nicht. Alle waren so damit beschäftigt, sich von allen Taten dieses Mannes zu distanzieren, daß sie sich nicht auf seine Prämissen und seine Logik einlassen konnten. Das istnatürlich gar nicht so unbegreiflich, da ein solches Einlassen – falls es geglückt wäre – eine Bestätigung dafür gewesen wäre, daß sich diese Logik auch irgendwo in diesen emanzipierten Parteigenossen wiederfand, was aber lieber nicht der Fall sein sollte. Aus diesem Grunde wollten sie auch nicht einsehen, daß Maos Militärstrategie – das Beste daran, das einzige Brauchbare sogar – um nichts von der früherer chinesischer Feldherren abwich und daß diese Strategie überraschende Ähnlichkeiten zu der von Clausewitz, Rommel, Guderian aufwies ...

Deshalb verläuft unser nun folgendes Gespräch ungefähr so.

Katrine sagt: »Glaubst du wirklich, diese Handlungsweise verteidigen zu können?«

»Nicht mehr als das, was seine Frau getan hat.«

»Versuch jetzt nicht, dich rauszureden!«

»Ich will mich gar nicht rausreden. Ich will nur sagen, daß ich ohne Probleme verstehen kann, wie er gedacht hat, aber das bedeutet natürlich nicht, daß ich das gutheiße.«

Das ist eines meiner Steckenpferde. Diese Haltung hat mich nämlich immer zu einem lauwarmen Kommunisten gemacht (und deshalb vielleicht zu einem unsterblichen Kommunisten?). Aber noch jetzt, als ich diesen alten Satz ausspreche, den ich ungefähr ebenso oft ausgesprochen habe, wie Katrine ihre Diagnosen verteilt hat, weiß ich, daß ich eine Lüge ausspreche. Ich kann die Taten dieses Mannes nämlich nicht nur verstehen, das heißt: meine eigene Verderbtheit darin erkennen. Ich kann sie sogar voll und ganz akzeptieren, kann sie lobenswert finden, da sie ja dieselbe Art von Moral zum Ausdruck bringen, die meine Loyalität meiner Frau gegenüber bedingt. Oder besser, wo ich doch offenbar so viel an ihr auszusetzen habe: meine Loyalität meinen Kindern gegenüber, dem wichtigsten Teil meines ganzen Lebens! Ich wäre willens, sie genauso zu beschützen, wie der Kapitän seine Frau beschützt hat, in meinen Augen stehen wir hier einem klassischen Beispiel für rührende, unerschütterliche Loyalität gegenüber, dem schönsten Zug der gesamten westlichen Kultur. Aber selbst die Konsequenz dieser Überlegung dringt nicht bis zu mir durch, weil es vorerst an Konsequenz mangelt; weil es hier nur um den Versuch eines Mannes des Wortes geht, der Wirklichkeit zuvorzukommen. Deshalb werde ich nicht erregt, ich werde nur von einer weiteren Dosis theoretischer Langeweile, Übelkeit fast, überwältigt.

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