Kitabı oku: «Lieblingsplätze Kassel und Nordhessen»
Lieblingsplätze Kassel und Nordhessen
Rüdiger Edelmann
Impressum
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Grimmwelt, Foto: Manuela Greipel 63; Brüder Grimm Festival Kassel e.V., Foto: Julia Wagner 66; Museumseisenbahn Hessencourrier e.V., Foto: Philipp Donth 90; Grimm Heimat Nordhessen 92, 94, 128, 136, 172; Tourist-Information Willingen 120
Quellenverzeichnis:
Die Quellen wurden behutsam an die heutige Rechtschreibung angepasst.
Lieblingsplatz 23: »Vorrede« aus: Brüder Grimm, Kinder- und Haus-Märchen. Zweiter Band, Berlin: Realschulbuchhandlung 1815, S. IV/V.
Lieblingsplatz 30: »Dornröschen«, aus: Brüder Grimm, Kinder- und Haus-Märchen. Erster Band, Berlin: Realschulbuchhandlung 1812, S. 227.
Lieblingsplatz 42: Jacob und Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch, Leipzig 1854–1961, Band 27, Spalte 290/291.
Lieblingsplatz 43: »Schneewittchen«, aus: Brüder Grimm, Kinder- und Haus-Märchen. Erster Band, Berlin: Realschulbuchhandlung 1812, S. 241.
Lieblingsplatz 51: »Rotkäppchen«, aus: Brüder Grimm, Kinder- und Haus-Märchen. Erster Band, Berlin: Realschulbuchhandlung 1812, S. 113/114
Lieblingsplatz 71: »Frau Holle«, aus: Brüder Grimm, Kinder- und Haus-Märchen. Erster Band, Berlin: Realschulbuchhandlung 1812, S. 107/108
Alle Seitenangaben in diesem Buch beziehen sich auf die Seitenzahlen der gedruckten Ausgabe.
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1., aktualisierte Neuauflage 2021
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Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat / Redaktion: Ricarda Dück
Herstellung: Julia Franze
E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: Susanne Lutz
unter Verwendung der Illustrationen von © SG- design – stock.adobe.com, © Benjamin Arnold, © pandavector – stock.adobe.com, © Wiktoria Matynia – stock.adobe.com, © Konovalov Pavel – stock.adobe.com, © ratkom – stock.adobe.com, © Fiedels – stock.adobe.com, © scusi – stock.adobe.com, © Katrin Lahmer
Kartengrundlage: © Stadt Kassel, Vermessung und Geoinformation, Nr. 1164
ISBN 978-3-8392-6390-7
Inhalt
Impressum
Kassel, Nordhessen und die Vorurteile
Vorwort: Ein Abriss
Stadt Kassel
1 Gehört zum Leben
Kassel: Museum für Sepulkralkultur
2 Herkules macht’s möglich
Kassel: Herkules-Skulptur im Bergpark
3 Künstliche Natur, natürliche Technik
Kassel: Wasserspiele im Bergpark
4 Ruinenschwärmerei und eine Geliebte
Kassel: Löwenburg im Bergpark
5 Zentrum der Museumslandschaft
Kassel: Schloss Wilhelmshöhe im Bergpark
6 Cocktails, Betten und Geschichte
Kassel: Schlosshotel Bad Wilhelmshöhe im Bergpark
7 Gesund gebohrt
Kassel: Kurhessen Therme
8 Rösti, Spätzli und Geschnätzlätz
Kassel: Restaurant Matterhorn-Stübli
9 Ein kleiner Park für eine große Frau
Kassel: Sophie-Henschel-Platz
10 Schicke Gründerzeit und Jugendstil
Kassel: Spaziergang durch den Vorderen Westen
11 Göttliche Dreieinigkeit
Kassel: Indisches Restaurant Trimurti
12 Musical »made in Kassel«
Kassel: Theater im Centrum
13 Bildersatire
Kassel: Galerie für komische Kunst Caricatura
14 Nostalgieansichten
Kassel: Fußgängerzone Treppenstraße
15 Es konnte nie aus seiner Haut
Kassel: Staatstheater
16 »Schmeckewöhlerchen«
Kassel: Markthalle
17 Ahle Wurst und Weckewerk
Kassel: Nordhessische Spezialitäten in der Gaststätte Zum Lichtenhainer
18 Dauer-documenta
Kassel: Kunstspaziergang durch die Innenstadt
19 Das historische Grüngefühl
Kassel: Staatspark Karlsaue
20 Dekadent und schön
Kassel: Orangerie
21 Naturschutz- und Wohlfühlgebiet
Kassel: Fuldaaue
22 Die Heimat der Märchen
Kassel: Museum Grimmwelt
23 Die Grimms und die »Viehmännin«
Kassel: Spaziergang durch das Märchenviertel in Niederzwehren
24 Verschollen mit Hänsel und Gretel
Kassel: Brüder-Grimm-Festival im Park Schönfeld
25 Das Wechselbad des Grüns
Kassel: Botanischer Garten
Kreis Kassel
26 Ein lebendiges Schloss
Calden: Schloss Wilhelmsthal
27 Wurstehimmel
Calden: Landfleischerei Koch
28 Auf dem Trockenen
Trendelburg: Wasserschloss Wülmersen
29 Rapunzel, lass dein Haar herunter
Trendelburg
30 Ewiger Schlaf im Reinhardswald
Hofgeismar: Dornröschenschloss Sababurg
31 Pinguine und Bären mit Zorromaske
Hofgeismar: Tierpark Sababurg
32 Kirchenburg als Klosterschutz
Bad Karlshafen: Krukenburg
33 Französisches an der Weser
Bad Karlshafen: Spaziergang durch die Stadt
34 Volldampf voraus
Naumburg: Hessencourrier ab Marbachshöhe
35 Die »Mutter« von Rotkäppchen
Schauenburg: Kulturgalerie Märchenwache in Breitenbach
36 Schlemmereien der besonderen Art
Bad Emstal: Restaurant Der Grischäfer in Sand
37 Fernsicht vom Feinsten
Zierenberg: Alpenpfad am Dörnberg
38 Kroatisch-badisch-hessische Küche
Habichtswald: Gasthof Ehlener Poststuben
Kreis Waldeck-Frankenberg
39 Die Mauer zum Freizeitparadies
Edertal: Staumauer am Edersee
40 Abenteuer zu Wasser und an Land
Edertal: Freizeitgebiet Edersee
41 Hochherrschaftliches
Waldeck: Schloss Waldeck
42 Zu Besuch bei der Waffelkönigin
Bad Wildungen: Das Waffelhaus
43 bei den sieben Zwergen
Bad Wildungen: Schneewittchenhaus in Bergfreiheit
44 Stille hören ist Luxus
Frankenau-Ellershausen: Landhaus Bärenmühle
45 Auf den Stuhl gekommen
Frankenberg an der Eder: Altstadt
46 Weltnaturerbe
Vöhl: Nationalpark Kellerwald-Edersee
47 Die hessische Hansestadt
Korbach: Stadtspaziergang
48 So viele Gäste können nicht irren
Willingen: Streifzug durch die Stadt zum Hochheideturm
49 Das Melkerlebnis
Willingen: Upländer Milchmuhseum in Usseln
50 Klein, aber sehr fein
Bad Arolsen: Rundgang durch die Stadt
Schwalm-Eder-Kreis
51 Rotes Käppi, böser Wolf
Schwalm-Eder-Kreis: Das Rotkäppchenland
52 Die Stadt der Bartenwetzer
Melsungen: Streifzug durch die Altstadt
53 Reformationsstadt Hessens
Homberg an der Efze: Rundgang durch die Stadt
54 Der Freizeitschatz am Silbersee
Frielendorf: Silbersee-Park
55 Trommelt für Grimm und die Stadt
Gudensberg: Erkundung der Trommlerstadt
56 Die Eiche und der Missionar
Fritzlar: Dom und historischer Stadtkern
57 Bergbaureminiszenz in der Provinz
Borken: Hessisches Braunkohle-Bergbaumuseum
58 Tradition und Avantgardismus
Bad Zwesten: Kulturdorf Niederurff
59 Tischlein deck dich
Schwalmstadt: Sagenhafter Spaziergang durch Treysa
60 Malerkolonie in der Schwalm
Willingshausen: Kunstmuseum Malerstübchen
61 Tradition im malerischen Fuldatal
Morschen: Kloster Haydau und Handwerk-Erlebnisroute
Kreis Hersfeld-Rotenburg
62 Hexenkraut und Fuldabock
Rotenburg an der Fulda: Spaziergang durch die Altstadt
63 Ruine, die die Welt bedeutet
Bad Hersfeld: Festspiele rund um die Stiftsruine
64 Wortreiche Werte
Bad Hersfeld: Sprachmuseum Wortreich
65 Kali, Salz und Geschichte
Philippsthal: Kaliberg und Schloss
Werra-Meissner-Kreis
66 Der Zipfel und die deutsche Einheit
Wanfried: Dorf Heldra und Heldrastein
67 Der Perlen- und Beerenwicht
Wanfried: Suche nach dem Brombeermann
68 La Paloma auf dem Baggersee
Eschwege: Freizeitparadies Werratalsee und Werranixe
69 Eskiniwach oder Eschen am Wasser
Eschwege: Rundgang durch die Stadt
70 Das Holleum blickt hinter die Kulisse
Hessisch Lichtenau: Frau-Holle-Museum
71 Frau Holle lässt es schneien
Meißner: Hoher Meißner
72 Leckerer Urgeschmack
Großalmerode-Weißenbach: Jausenstation Weißenbach
73 Alles Salz? – Die Sole hat’s!
Bad Sooden-Allendorf: Erkundung der Stadt
74 Gedenken hautnah
Asbach-Sickenberg: Grenzmuseum Schifflersgrund
75 Raubrittertum und Jugendbewegung
Witzenhausen: Burg Hanstein und Burg Ludwigstein
76 Das Kirschenkönigreich
Witzenhausen: Rundgang durch die Kirschenstadt
77 Grüne Gedanken im Dschungel
Witzenhausen: Tropengewächshaus
78 Reise ins Mittelalter
Witzenhausen: Schloss Berlepsch
Karte 1
Karte 2

Man walking to the sky von Jonathan Borofsky vor dem Kulturbahnhof Kassel
Kassel, Nordhessen und die Vorurteile
Vorwort: Ein Abriss
Die Textzeile »Nie Mallorca, immer nur Kassel« in einem Schlager von Paul Kuhn sorgte für Heiterkeit, als ich im Jahr 2004 von Süd- nach Nordhessen zog. Als Nordhesse hatte man es nicht leicht. Wer nach Kassel zog, dem war das Mitleid all derer gewiss, die sich gerne vom Vorurteil leiten ließen, man befände sich in »Hessisch-Sibirien«.
In all den Jahren hat sich in Nordhessen viel verändert. Die Stadt Kassel gilt nicht mehr als strukturschwach. Es ziehen Menschen zu. Der Wirtschaftsraum Nordhessen hat eine Positivbilanz. Die Anerkennung des Bergparks Wilhelmshöhe als Weltkulturerbe führt immer mehr Besucher in die Region. Was sich leider nur bedingt geändert hat, ist das immer noch mangelnde Selbstbewusstsein der Bewohner. Immer noch fühlt man sich benachteiligt und zurückgesetzt. Warum? Weisen doch die Geschichte der Stadt und die Bauwerke aus großen Zeiten auf die Bedeutung der Region Hessen-Kassel hin, wenn auch die Historie manch Vorurteil befördert hat.
Der Satz »Ab nach Kassel!« steht für Verbannung. Er wird immer noch der unfreiwilligen Rekrutierung von Söldnern aus Hessen für den amerikanischen Unabhängigkeitskrieg durch die Briten zugeschrieben. Historisch ist das nicht belegt. Mit weitaus höherer Wahrscheinlichkeit dürfte der Spruch zu einer Karikatur aus der Zeit nach der Festnahme von Napoleon III. im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 gehören, als er in Kassel-Wilhelmshöhe interniert war. Diese Karikatur zeigt Bismarck und Moltke. Sie stehen neben einem Wegweiser mit der Aufschrift Kassel und der Untertitel gibt diese schöne Schlagzeile wieder.
Die Verkettungen und Unglücke hielten auch in der jüngeren Geschichte an. Kassel, einst mit einer wunderschönen Innenstadt geschmückt, wurde im Zweiten Weltkrieg zu fast 80 Prozent zerstört. Die notwendige Bauwut und der Stil der 1950er-Jahre haben der Stadt nicht gutgetan. Einzig die ziemlich gesichtslose Treppenstraße hat als Deutschlands erste Fußgängerzone Berühmtheit erlangt. Heute allerdings pilgern Architekturinteressierte hierher, um sich mit dem geschlossenen 1950er-Jahre Ensemble zu beschäftigen. Nach Weltkrieg und Mauerbau war Kassel schließlich Teil des Zonenrandgebiets und kämpfte mit wirtschaftlichen Problemen. Nach der Wende 1989 ging die Hoffnung auf einen Aufschwung durch die zentrale Lage im vereinigten Deutschland nicht auf. Dank staatlicher Unterstützung und steuerlicher Abschreibungen fuhren viele Unternehmen direkt an Nordhessens Metropole vorbei, um sich in Thüringen anzusiedeln.
Und trotzdem ging es stetig bergauf: innovativste Stadt Deutschlands 2012, Weltkulturerbe 2013, das spricht für sich. Kassel hat was. Das avantgardistische Kunstfestival documenta sorgt für einen guten Ruf in Fachkreisen. Das Fest findet alle fünf Jahre statt und viele Überreste der vergangenen Spektakel zieren heute das Stadtbild.
Stadt und Region verfügen über Kultur und Geschichte und sind wesentlich attraktiver, als einem das Vorurteil weismachen will. Und vergessen wir eines nicht: Kassel ist zwar nicht der Geburtsort der Brüder Grimm. Jacob und Wilhelm Grimm verbrachten aber viele Jahre ihres Wirkens in der Region und haben hier all das Material gesammelt, das man heute noch in den Kinder- und Hausmärchen nachlesen kann. So trifft man allerorten auf Plätze, die sich Märchen zuordnen lassen, von der Dornröschenburg im Reinhardswald bis zum Frau-Holle-Teich unterhalb des Hohen Meißner. Man ist beim ersten Blick begeistert vom Umland, um auf den zweiten Blick viele attraktive Geheimnisse zu entdecken.
Nun lebe ich schon viele Jahre in der Region. Sie hat sich entwickelt, auch touristisch. Aus Nordhessen wurde die »Grimmheimat Nordhessen«. Die drei Welterbetitel ziehen Besucher an. Die Grimms (Weltdokumentenerbe), der Nationalpark Kellerwald-Edersee (Weltnaturerbe) und der Kasseler Bergpark (Weltkulturerbe) sind die Leuchttürme einer attraktiven Tourismusregion, die sich immer nachhaltiger (Radwege) und familienfreundlicher (Meine Card+) zeigt.
Touristische Tipps finden Sie unter www.grimmheimat.de.
Stadt Kassel

1 Gehört zum Leben
Kassel: Museum für Sepulkralkultur
Wer an Kassel denkt, denkt automatisch an den Bergpark und den Welterbetitel, den die Stadt seit 2013 besitzt. Vergessen werden dabei schnell die vielen weiteren sehenswerten Museen. Die Neuen Meister ab dem 19. Jahrhundert und viele documenta-Werke sind in der Neuen Galerie zu Hause. Zu den Pflichtstationen zählen zweifelsfrei auch das Hessische Landesmuseum und die Kunsthalle Fridericianum. Der älteste öffentliche Museumsbau Europas konzentriert sich auf neue, raumgreifende Kunst.
Aber sind es nicht die auf den ersten Blick eher »schrägen« Dinge, die Aufmerksamkeit erregen? Das Museum für Sepulkralkultur beheimatet solch besondere Exponate. Vermutlich bekäme das Haus mehr Aufmerksamkeit, wenn die Menschen wüssten, was »Sepulkralkultur« bedeutet. Der lateinische Begriff »sepulcrum« bedeutet »Grablege«. Es geht also um die Kultur des Todes, der Bestattung und des Trauerns. Es mag makaber klingen, aber auch dieser Bereich zählt zur menschlichen Kultur. In Kassel wird er wissenschaftlich erforscht und gleichzeitig in einer Ausstellung öffentlich gemacht.
Kein einfacher Stoff, der von Totentanz bis Leichenwagen und von der Pyramide bis zum Urnengrab reicht. Die Bandbreite ist vor einigen Jahren ergänzt worden um die Trauerriten der fünf Weltreligionen und anderer Glaubensgemeinschaften, die durch Migration heute Teil unserer Gesellschaft sind. Es ist Kulturgeschichte rund um ein Thema, das lange Zeit tabuisiert war. Aufklären sollen dabei auch Führungen, Projekte und Workshops. Sogar ein Kinderangebot gibt es, das von Halloween bis zu mexikanischen Totenkopfförmchen für Schokolade viel bietet. Darüber hinaus präsentiert das Museum auch immer wieder Sonderschauen, in denen die Sepulkralkultur anderer Kulturkreise vorgestellt werden.
Führungen finden jede Woche statt. Veranstaltungen für Kinder- und Jugendliche, bis hin zum Kindergeburtstag, müssen beim Museum angemeldet werden.

1
Museum für Sepulkralkultur
Weinbergstraße 25–27
34117 Kassel
0561 918930
www.sepulkralmuseum.de
2 Herkules macht’s möglich
Kassel: Herkules-Skulptur im Bergpark
Er ist die einzige hessische Sehenswürdigkeit, die es in einer Umfrage zu den bekanntesten deutschen Sehenswürdigkeiten unter die ersten 20 geschafft hat. Platz 15 ist ihm gewiss, dem mehr als 8 Meter großen Hünen aus Kupfer. Und er bietet den besten Blick auf Kassel.
Der Kasseler Landgraf Karl war 1699 nach Italien gereist und hatte, dank seiner Einblicke in italienische Gartenarchitektur, den Plan gefasst, den Karlsberg über seiner Residenz in einen Landschaftsgarten zu verwandeln. 1701 ließ er den römischen Baumeister Giovanni Francesco Guerniero antreten. Der kam gern, lebte fürstlich und plante zunächst einen »Tempel der Winde« auf dem Gipfel des 550 Meter hohen Berges. Es entstand eine Säulenhalle mit einem Turm, auf dessen Spitze dann die Figur des Herkules aufgestellt wurde. Den hatte der Landgraf bei einem Goldschmied in Augsburg bestellt, der den Prachtkerl auch 1717 angeliefert hatte. Seitdem steht er da.
Zugegeben, der Zahn der Zeit nagt an ihm und zuletzt wurde vor einigen Jahren der Kopf restauriert. Zudem hatte Guerniero die Statik falsch berechnet. Als er das merkte, machte er sich, unter Mitnahme des erworbenen Reichtums, bei Nacht und Nebel davon. Dieser Rechenfehler beschäftigt die Stadt Kassel finanziell noch heute.
Vom Fuße des Bauwerks hat man einen fantastischen Blick über den Bergpark und Schloss Wilhelmshöhe auf ganz Kassel. Hier an einem lauen Sommerabend auf die Stadt zu schauen, in netter Gesellschaft und mit einer Flasche Wein im Gepäck, lässt einen hervorragend abschalten. Die Bäume rauschen, und wenn man ein paar Meter läuft, ist man fast ungestört, denn die meisten Touristen finden, außer an Tagen der Wasserspiele, den Weg nur vom Parkplatz bis zur Aussichtsterrasse unterhalb des Kasseler Wahrzeichens.
Führungen durch den Bergpark sind jederzeit buchbar bei der Kassel Marketing GmbH unter 0561 707707. Besteigen kann man den Herkules von April bis Oktober. Karten für Bauwerk und Aussichtsplattform gibt es direkt am Eingang zum Herkules.

2
Herkules im Bergpark
Besucherzentrum
Schlosspark 28
34131 Kassel
0561 31680781
www.museum-kassel.de
3 Künstliche Natur, natürliche Technik
Kassel: Wasserspiele im Bergpark
Rund 150 Jahre hat es gedauert, das knapp zweieinhalb Quadratkilometer große Gelände zu dem zu machen, was es heute darstellt. Die Hanglage macht’s. Der Herkules schließt den Park auf der Bergseite ab, zur Stadt hin ist es Schloss Wilhelmshöhe. 283 Höhenmeter trennen diese Gebäude. Dazwischen erstreckt sich das, was in einer Mischung aus italienischem und französischem Barockpark begann und heute eher wie ein englischer Landschaftspark wirkt. Die wechselnden Bauherren zwischen 1696 und 1866 haben unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt.
Hauptanziehungspunkt sind die Wasserspiele. Sie basieren noch immer auf der Ursprungstechnik aus dem 18. Jahrhundert und funktionieren seit Anbeginn, ohne Pumpen, nur durch natürliches Gefälle. Das benötigte Wasser wird in Speicherteichen im Habichtswald gesammelt und zwischen Mai und Oktober zweimal pro Woche zu festen Zeiten abgelassen.
Ist es im Bergpark eher idyllisch ruhig, so ändert sich das zur Wasserspielzeit abrupt. Tausende von Menschen warten dann am Fuße des Herkules, um das hervorschießende Wasser zu begleiten über viele Kaskaden, Kanäle, einen Wasserfall bis hinunter zum Schloss. Innerhalb von einer Stunde fließen etwa 1.200 Kubikmeter Wasser durch den Bergpark und enden in einer Fontäne im Schlossteich. Wenn man mit dem ersten Wasserschwall oben startet, erreicht man den Teich vorm Schloss, wenn sich die Fontäne in die Höhe schiebt.
Es ist ein beeindruckendes Spektakel, das an zwei Sommerwochenenden durch das BergparkLeuchten ergänzt wird. Während des Events wird das Gelände illuminiert, beleuchtete Wasserspiele sowie Lichtkunst- und Videoprojektionen verzaubern die Besucher. Die konkreten Termine verrät die Website der Stadt.
Zu den Wasserspielen fährt man am besten mit der Straßenbahn Linie 1 zur Endhaltestelle Wilhelmshöhe. Von dort fährt die Buslinie 23 viertelstündlich zum Herkules.

3
Wasserspiele Bergpark (Mai–Oktober)
Schlosspark Wilhelmshöhe 22
34131 Kassel
0561 31680123
www.museum-kassel.de
www.kassel.de
4 Ruinenschwärmerei und eine Geliebte
Kassel: Löwenburg im Bergpark
Als die Welt für Ruinenromantik schwärmte, entstand die Löwenburg im Bergpark Wilhelmshöhe. 1793 gab Landgraf Wilhelm IX., der spätere Kurfürst Wilhelm I., den Bauauftrag: Sie sollte wie eine Burgruine aus dem Mittelalter aussehen. Die Fassade war ihm wichtig. Noch wichtiger war ihm allerdings der Innenausbau zum Lustschloss im wahrsten Sinne des Wortes.
Der Begriff »Mätressenwirtschaft« traf auf keinen besser zu als auf den Landgrafen. Mit seiner ihm angetrauten Frau, der Prinzessin Wilhelmine Karoline von Dänemark hatte er vier Kinder. Daneben gab es unzähligen Affären. Mit 13 Kindern hatte er die meisten Nachkommen mit Karoline von Schlotheim. Für sie ließ er die Löwenburg bauen. Klatschmagazine von heute würden vermutlich von der Midlife-Crisis des Kurfürsten und von einer 23 Jahre jüngeren Affäre schreiben. Seine Ehefrau musste sich damit abfinden, dass die Geliebte die wichtigere Frau war. Die Löwenburg zeugt von einer Beziehung, die ihren Erbauer glücklich gemacht hat, auch wenn bei Karoline von Schlotheim bis heute nur von der Mätresse die Rede ist. Sie soll sehr schön gewesen sein. Ein Porträt der Herzensdame hängt heute noch dort.
Der Wehrturm der Löwenburg wurde während des Zweiten Weltkriegs bei einem Bombenangriff zerstört, die Anlage stark beschädigt. Zurzeit beherrschen Bauarbeiten das Gelände. Der Turm ist bereits wieder im Ursprungszustand. Erst 2022 sollen die Arbeiten abgeschlossen sein.
Ein Spaziergang zur Löwenburg, von Schloss Wilhelmshöhe aus, ist zu jeder Jahreszeit ein Erlebnis. Ich finde den Weg am schönsten im Herbst, wenn die Sonne am späten Vormittag die Nebelschwaden im Bergpark langsam aber sicher auffrisst. Erst sieht man nur ein paar Mauern, bis man dann vor dem Gesamtensemble steht. Es ist größer als man vermutet. Von dort hat man einen traumhaften Blick auf den Herkules und in den Bergpark.
Die Innenräume der Löwenburg kann man nur im Rahmen einer Führung besichtigen. Bis zum Ende der Restaurierung wird dies, bei reduziertem Eintritt, nur teilweise möglich sein.

4
Löwenburg
Schlosspark 9
Bergpark-Wilhelmshöhe
34131 Kassel
0561 31680244
www.museum-kassel.de
5 Zentrum der Museumslandschaft
Kassel: Schloss Wilhelmshöhe im Bergpark
Wem es die alten Meister der Kunst angetan haben, für den ist Schloss Wilhelmshöhe eine Pflichtstation. Es entstand in den Jahren 1786 bis 1798 und bildet das untere Ende des Bergparks mit einer Sichtachse zum etwa 280 Meter höher liegenden Herkules und zur Wilhelmshöher Allee, die kerzengerade in die Stadt führt.
Die hessischen Fürsten investierten bis ins 18. Jahrhundert leidenschaftlich in Kunstwerke, was ihre Sammlungen belegen. Insbesondere Landgraf Wilhelm VIII. hortete das, was heute die im Schloss angesiedelte Galerie Alte Meister ausmacht. Durch Diplomaten und Kunstagenten kaufte er etwa 800 der 1.200 vorhandenen Gemälde in Europa zusammen. Insbesondere die Werke der Hauptvertreter des holländischen und flämischen Barocks hatten es ihm angetan. Bilder von Rembrandt van Rijn, Frans Hals, Peter Paul Rubens und Floris van Dyck zieren unter anderem die Räume der Galerie. Was Rembrandt betrifft, hängt hier die größte Zahl seiner Werke in Deutschland. Zur Sammlung gehören aber auch Gemälde der Spätgotik, der Renaissance und des Klassizismus.
Während der napoleonischen Besatzung von 1806 bis 1813 diente das Schloss Jérôme Bonaparte als Residenz, nachdem ihm das Kasseler Stadtschloss abgebrannt war. Er war bekannt als »König Lustik«, da sich die deutschen Sprachkenntnisse des »Partylöwen« auf Sätze wie »Morgen wieder lustik« reduzierten. Von 1891 bis 1918 war das Schloss regelmäßig Sommerresidenz der Familie Kaiser Wilhelms II. Auf der Roseninsel im Bergpark findet sich noch heute die Gedenkstätte des prominentesten kaiserlichen Dackels Erdmann.
Nach der Bombardierung 1945 lag das Schloss lange Jahre brach, bis es ab 1961 als Kunstmuseum wieder aufgebaut wurde. Unübertroffen als Kunstgalerie, verbreitet es ein hochherrschaftliches Flair, wenn man, aus der Stadt kommend, auf den Bergpark zufährt. Es dürfte auch eines der wenigen Schlösser mit Straßenbahnanschluss sein.
Der Bergpark ist ausschließlich zu Fuß erlebbar. Das Fahren mit dem PKW oder Bussen ist nicht gestattet. Unterhalb des Schlosses und am Herkules befinden sich öffentliche Parkplätze.

5
Schloss Wilhelmshöhe
Schlosspark
134131 Kassel
0561 316800
www.museum-kassel.de
6 Cocktails, Betten und Geschichte
Kassel: Schlosshotel Bad Wilhelmshöhe im Bergpark
Unter einem Schlosshotel stellt man sich gemeinhin etwas anderes vor. In Kassel ist es kein Hotel im Schloss, sondern in dessen unmittelbarer Nähe, und es verfügt über historische Bedeutung. Der heutige Bau entstand in seinen architektonischen Grundzügen im Jahr 1955. Paul Bode, jüngerer Bruder des documenta-Gründers Arnold Bode und Stararchitekt der 1950er-Jahre, lieferte die Pläne. Hotel und Gastronomie spielten aber schon seit dem 18. Jahrhundert an gleicher Stelle eine Rolle. Erst stand dort ein Gasthaus, dann errichtete Kurfürst Wilhelm II. 1827 ein Hotel in direkter Nachbarschaft des Schlosses Wilhelmshöhe.
In diesem Haus wurde deutsche Geschichte geschrieben. Hindenburg organisierte hier den Rückzug und die Auflösung der deutschen Truppen nach dem Ersten Weltkrieg. Im neuen Schlosshotel fanden am 21. Mai 1970, nach dem Erfurter Treffen, die zweiten innerdeutschen Gespräche zwischen Bundeskanzler Willy Brandt und Willi Stoph, dem Ministerpräsidenten der DDR, statt.
Man atmet heute gewissermaßen große Historie, wenn man das Gebäude betritt. Der diskrete Charme der 1950er-Jahre ist nach einer Grundsanierung einem modernen Ambiente gewichen. Viele der Zimmer haben eine traumhafte Aussicht auf die Stadt oder in Richtung Bergpark. Eine Spa- und Wellnesslandschaft erfreut die Gäste. Im Sommer wartet ein wundervoller Garten mit Naturbadeteich. Auch die Gastronomie wurde überholt. In den Restaurants widmen sich Spezialangebote unterschiedlichsten Anlässen: Die Palette reicht vom Liebemenü zum Valentinstag bis zum Hessischen Spezialitätenbuffet inklusive Ahler Wurst und nordhessischem Schmandschnitzel.
Gerade im Sommer ist es schön, zu späterer Stunde noch einen Absacker zu nehmen, wahlweise an der Bar oder aber auf der großzügigen Terrasse mit Blick auf den Bergpark und Schloss Wilhelmshöhe. Das beantwortet den anfänglichen Zweifel, wie ein Schlosshotel sein muss oder sein sollte.
Sonntags bietet das Schlosshotel einen Brunch mit Livemusik zu günstigen Preisen.

6
Schlosshotel Bad Wilhelmshöhe
Schlosspark 8
34131 Kassel
0561 30880
www.schlosshotel-kassel.de
7 Gesund gebohrt
Kassel: Kurhessen Therme
Ohne die private Therme, die heute hauptsächlich Spaß- und Freizeitbad ist, gäbe es den Titel »Bad« für den Kasseler Stadtteil Wilhelmshöhe schon seit einigen Jahren nicht mehr und die vorhandenen Kliniken hätten dicht machen müssen. Aber auch ohne diese Ironie gehört die Therme zum beliebten Erholungsangebot von Einwohnern und Touristen.
Die Therme war in den 1970er-Jahren auch die Rettung. Die Quellen von Bad Wilhelmshöhe aus den Jahren 1914 und 1915 waren längst versiegt und eigentlich gab es keinen Grund mehr, Wilhelmshöhe als Kur- und Badeort weiter anzuerkennen. Eine neue Quelle musste her. Die Stadt Kassel wiederum hatte kein Geld. Da kam nur ein privater Investor infrage. Es war Werner Wicker, der 1978 begann, nach einer neuen Thermalquelle zu bohren. Erst nach zehn Monaten stieß er auf Heilwasser in über 600 Metern Tiefe. Bad Wilhelmshöhe war gerettet und Werner Wicker baute um die Quelle die Kurhessen Therme. Neben der Behandlung von Patienten in Thermalsolebecken wurde aus der Kurhessen Therme eines der ersten Erlebnisbäder der Republik. 1983 eröffnet, ist sie zum festen Freizeit- und Gesundheitsangebot der Stadt Kassel geworden.
Das Solewasser in den Becken hat im Schnitt seine 32 bis 36 Grad. So kann man selbst im Winter in den Außenbereichen prima schwimmen. Wobei man eher ein wenig planscht, sich treiben lässt und dabei herrlich entspannt. Zur Therme gehören auch ein Wellnessbereich, ein Fitnesscenter, eine Solegrotte, eine riesige Saunalandschaft und ein japanischer Duftgarten. Es gibt nichts Herrlicheres, als im Winter hier ein paar Stunden zu entspannen. Das geht natürlich auch im Sommer, eine Liegewiese rundet das Angebot dann ab und von dort hat man direkten Zugang zum Biergarten des Restaurants. Einfach mal vier Stunden in die Erholung flüchten, ist schlicht großartig.
Für Nachtschwärmer wartet man jeden ersten Freitag im Monat bis 1 Uhr mit der Langen Thermennacht auf.

7
Kurhessen Therme
Wilhelmshöher Allee 361
34131 Kassel-Bad Wilhelmshöhe
0561 318080
www.kurhessen-therme.de
8 Rösti, Spätzli und Geschnätzlätz
Kassel: Restaurant Matterhorn-Stübli
Es gibt nicht viele Restaurants in Deutschland, die sich der Schweizer Küche verschrieben haben. In Kassel gibt es, für mich, das beste. Dabei ist das Matterhorn-Stübli von außen so unscheinbar, dass man Gefahr läuft, daran vorbeizufahren oder -laufen. Innen wartet ursprüngliche und feine Schweizer Küche.
So landete ich an meinem ersten nordhessischen Abend, es war der 16. Juni 2004, im Matterhorn-Stübli, betrieben von Familie Holzhauer. Seitdem bin ich vermutlich mehr als hundert Mal dort gewesen und habe geschlemmt: Klassisch mit Röstispezialitäten, Züri Geschnätzlätz und Käsfondue, traditionell mit Chäsbrägel, Käsesuppe, Raclette und innovativ mit Chili-Weißweinsuppe oder Appenzeller Hähnchenbrust.
Das »Stübli« ist fein und bodenständig zugleich, typisch schweizerisch-nordhessisch. Seit einigen Jahren führt Sohn Yves das Restaurant. Er hat neben den Standards hauptsächlich saisonale Einflüsse auf die Karte gebracht. Die hausgemachten »Herbst-Spätzli«, mit frischen Pilzen, Walnüssen, Speck und Zwiebeln angebraten, mit Birnen verfeinert und mit Bergkäse überbacken, sind eine Sensation. Im Frühling warten besondere Spargelinnovationen und der Hang der Familie in Richtung Amerika manifestiert sich im »Röschti USA«, stilecht mit Ei und Bacon. Die Wein- und Digestivkarte kann sich sehen lassen und ist dabei äußerst preisgünstig.
Es wäre müßig, hier einen Lehrgang in Suisse Cuisine zu veranstalten, denn erstens bekommt man alles erklärt, zweitens habe ich mir meine Kenntnisse auch erst dort erarbeitet und drittens wird man eigentlich nie nur einmal dort zu Gast sein. Für mich ist das Stübli kulinarische Heimat, gleich ob im Winter im gemütlichen Lokal oder im Sommer auf der kleinen Terrasse. Zum Abschluss ein Pflümli und die Welt ist schweizerisch-schön mitten in Nordhessen.
Fragen Sie mal nach Käsefondue mit Kartoffeln statt Brot. Einzigartig, wenngleich sich der Hunger für mindestens 20 Stunden verabschiedet.

8
Matterhorn-Stübli
Wilhelmshöher Allee 326 32634131 Kassel
0561 39933
www.matterhornstuebli.de
9 Ein kleiner Park für eine große Frau
Kassel: Sophie-Henschel-Platz
»Nichts Außergewöhnliches«, mag denken, wer an diesem kleinen Park an der Wilhelmshöher Allee unweit des ICE-Bahnhofs vorbeiläuft oder -fährt. Dieser Platz bietet jedoch große Kasseler Personen- und Industriegeschichte. Zudem ist er, samt seiner Umbauung, ein Idyll am Rande des Stadtteils Wehlheiden. Man ist mitten in der Stadt und doch im Grünen.
Es sollte nur ein netter kleiner Park werden, der die Prachtmeile Wilhelmshöher Allee mit dem dahinterliegenden Rot-Kreuz-Krankenhaus verbindet, durch die spätere Bebauung des Geländes ist eine architektonische Idylle entstanden. Benannt ist der Platz nach einer der großen Bürgerinnen der Stadt und einer der ersten Frauen Deutschlands, die um die Wende ins 20. Jahrhundert einem großen Industriekonzern vorstand. Nach dem Tod ihres Mannes übernahm sie 1894 die Leitung der gesamten Henschelfabriken, die Lokomotiven für die ganze Welt bauten, und führte sie in eine glänzende Zukunft. Dadurch war sie relativ schnell eine der reichsten Frauen im Kaiserreich. Den Reichtum setzte sie auch für zahlreiche Spenden ein. 1908 wurde das Kasseler Rot-Kreuz-Krankenhaus gebaut. Sophie Henschel hatte Grundstück und Geldmittel dafür zur Verfügung gestellt. Sie starb 1915. Der geplante Park zwischen Krankenhaus und Wilhelmshöher Allee wurde erst nach ihrem Tod realisiert. Um den Park herum errichtete die damalige Kali-Industrie AG an drei Seiten Wohnungen für Mitarbeiter.
Letztlich sieht es heute noch so ähnlich aus wie in den 1920er-Jahren. Man sitzt in einer grünen Idylle an einem wichtigen Platz, denn Sophie Henschel hat, als historische Figur, noch heute einen ganz hohen Stellenwert in Kassel. An sie zu erinnern, gehört gewissermaßen zur Bürgerpflicht. Nicht umsonst hat sie dank ihres sozialen Engagements und ihrer Leistung als Unternehmerin den vor Jahren von der lokalen Presse per Leserentscheid verliehenen Titel »wichtigste Kasseler Persönlichkeit« bekommen.
Die vor den Häusern verlaufende Virchowstraße auf Höhe des Platzes ist eine der schönsten Alleen der Stadt Kassel.

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Sophie-Henschel-Platz
Ecke Wilhelmshöher Allee/Virchowstraße
34121 Kassel
10 Schicke Gründerzeit und Jugendstil
Kassel: Spaziergang durch den Vorderen Westen
Der Westen ist für viele Städte ein Indiz für alt gewachsene, bessere Wohnviertel. Das trifft auch auf Kassel zu und seinen Vorderen Westen. Der Stadtteil ist geprägt von Altbauten, Gründerzeit und Jugendstil sowie großzügigen Wohnungen, auch heute noch.
Wie in vielen anderen Städten ist Kassel-West (offizieller Name bis 2010) ein ehemals feiner Stadtteil. Leider hat auch hier die fatale Bombardierung Kassels ihre Spuren in Form von 1950er-Jahre-Architektur in den zerbombten Zwischenräumen hinterlassen. Aber große Teile des Viertels hatten Glück und präsentieren sich heute fein restauriert und in altem Glanz. Die Lebensader deutet mit der Friedrich-Ebert-Straße und dem August-Bebel-Platz auf die sozialdemokratische Geschichte der Stadt, auch wenn die Namen der großen Sozialisten nicht so recht zum großbürgerlichen Ambiente zu passen scheinen.
Menschen mit großen Namen haben zeitweise hier gelebt. Samuel Beckett war in den 1920er-Jahren Dauergast bei Onkel und Tante, hauptsächlich aber wegen der Liebe zu seiner Cousine Peggy. Rita Hayworth machte eine Stippvisite zur Truppenunterhaltung in den 1940er-Jahren und der Stummfilmregisseur Friedrich Wilhelm Murnau verbrachte seine Kindheit hier.
Mir hat es der alte Teil zwischen Stadthalle und der Kneipenmeile angetan. Buchläden, Feinkostläden, Biomärkte, Cafés und Kneipen zieren heute den Stadtteil. Kreative Modegeschäfte (zum Beispiel für maßgeschneiderte Korsetts) geben den besonderen Kick. Sapori D’Italia am Bebelplatz mausert sich in der Mittagszeit zur gern besuchten Ersatzkantine und in der Friedrich-Ebert-Straße wartet mit dem Voit eines der Kasseler Top-Restaurants. Man kann hier prima lustwandeln und sich in vermeintlich bessere Zeiten zurückdenken. Die Wohngegend ist hoch geschätzt, ein vorübergehender Aufenthalt aber ebenfalls schön.
In der Querallee an der Ecke Goethestraße findet sich der Filmladen, Kassels erstes Programmkino mit Filmen jenseits des Massenangebots.

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Vorderer Westen
Rund um Kongress Palais Kassel
Holger-Börner-Platz 1
34119 Kassel
www.vorderer-westen.net
Filmladen Kassel e.V.
Goethestraße 31
34119 Kassel
0561 707642
www.filmladen.de
11 Göttliche Dreieinigkeit
Kassel: Indisches Restaurant Trimurti
Natürlich bemühe ich mich als Besucher, die regionale Küche meines Aufenthaltsortes kennenzulernen. Natürlich gelingt das aber nicht immer, und dann steht man am frühen Abend mit einem Hungergefühl in einer fremden Stadt und weiß nicht so recht, wo man hingehen soll. Verschärft stellt sich die Situation für die dar, die sich vegetarisch oder vegan ernähren. Deshalb sei ein Tipp für diejenigen genannt: das indisches Restaurant Trimurti.
»Trimurti« kommt aus der Hindi-Sprache und bedeutet so viel wie »Dreieinigkeit« oder »drei Götter«. Diese Göttlichkeit liegt in meinen Augen in der indischen Küche darin, dass einem an nichts fehlt, ganz gleich welche kulinarischen Vorlieben man hat – selbst wenn wie im Trimurti ausschließlich vegane und vegetarische Gerichte serviert werden.
Was vor einigen Jahren als eine Art Schnellimbiss startete, hat sich inzwischen zu einem gemütlichen Restaurant gemausert. Das Interieur ist trotz Wandel traditionell indisch geblieben: bunte Farben, eine blinkende Lichterkette im Schaufenster und eine Theke, die tagsüber mit einem kleineren Angebot insbesondere die Studenten des benachbarten Universitätsteils versorgt. Abends jedoch bietet Familie Vasudev fein gewürzte Kulinarik à la carte.
Thali-Gerichte mit schmackhaften Linsen und weiterem Gemüse ergänzen vegetarische Masala-Varianten. Diverse Currys stehen auf der Karte, und der Nichtvegetarier bekommt den »Chicken-Ersatz« in Form des indischen Käses Paneer. Salate, verschiedenste Fladenbrotsorten, Pakoras und Samosas runden das Angebot ab. Die Getränkekarte reicht von Chai über Lassis und Säfte bis zu Wein, Bio-Hefeweizen und indischem Bier. Im Sommer lädt ein kleiner Garten im Hinterhof ein. Hier wird jeder glücklich, der sich niederlässt.
Natürlich gibt es in Kassel auch sehr gute italienische – neben Gambero Rosso, Teatro sei Da Vinci genannt – und griechische Restaurants (Eat Greek, Daphne).

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Restaurant Trimurti
Wilhelmshöher Allee 61
34121 Kassel
0561 766 88 66
www.trimurti-restaurant.de
12 Musical »made in Kassel«
Kassel: Theater im Centrum
Die Theaterszene in der Stadt ist schwierig. Das Staatstheater spielt auf drei Bühnen mit finanziellem Zuschuss. Die Komödie Kassel ist längst eine Kooperation mit kleinen Schauspielhäusern aus Bremen, Lübeck und Bielefeld eingegangen, denn alleine zu überleben scheint unmöglich. Dieser Chancenlosigkeit begegnet Michael Fajgel, Chef des Theaters im Centrum (tic), mit einem ganz eigenen Konzept. Als er 2003 die Bühne in einem ehemaligen Gottesdienstraum eröffnete, wusste er sicher nicht, dass er das so lange durchhalten würde. Im kleinen Theater zog das Musical ein.
Stücke in Lizenz einzukaufen gaben weder Budget noch Bühnengröße her. So kreierte Michael Fajgel seine Stoffe selbst: eigene Handlungsstränge in Mischung mit bekannten Songs und Melodien. Das tic spielt jährlich rund 160 bis 200 Vorstellungen. Ein festes Ensemble kann sich das Theater nicht leisten, aber es ist bis heute selbstständig und kommt ohne Subventionen aus.
Immer steht das musikalische Vergnügen im Vordergrund – egal, ob auf der Bühne ein junges Pärchen mitsamt künftiger Schwiegereltern in eine Hotelbruchbude hereinschneit und sich die Zeit mit einer Karaoke-Maschine vertreiben muss, oder ob es um eine deutsche Showgeschichte geht, die komödiantischen Inhalt mit Songs aus der Motown-Ära verbindet. Der Spaß liegt auch in den bekannten Songs begründet. Sie garantieren verlässlich gute Stimmung im Publikum, gleich ob Schlager, Pop oder Rock ’n’ Roll. Gelegentlich ist auch ein wenig Selbstironie dabei, wie beim Erfolgsstück Ewig Jung, in dem das tic des Jahres 2048 die Szenerie bildet. Selbst im zum Altersheim umgebauten Theater rocken die Schauspielersenioren die Bühne, die als Gemeinschaftsraum dient.
Das bringt Sympathie, denn wer träumt nicht davon, auch im Alter noch »forever young« zu sein. Möge der Spaß noch lange anhalten, bei den Zuschauern wie beim tic-Team.
Leider beziehungsweise glücklicherweise sind die Vorstellungen oft ausverkauft. Eine frühzeitige Reservierung ist empfohlen.

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Theater im Centrum e. V.
Akazienweg 24
34117 Kassel
0561 7018722
www.theaterimcentrum.de
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