Kitabı oku: «The Fulfillment»

Yazı tipi:

The Fulfillment

1  Vorwort

2  Vertrauen

3  Heimat

4  Pläne

5  In der Pathologie

6  Senckenberg

7  Biomedical Informatics

8  Funktionshistologie

9  Die perfekte Ehe

10  Eklat

11  Weihnachtszeit

12  Frühling

13  D.C.

14  Frankfurt

15  Heimkehr

16  Ein Call aus Genf

17  Genève Aéroport

18  Der Pentaquark-Ring

19  Das Lächeln

20  Wooden Dome

21  Die Überraschung

22  Studentenparty

23  Neuigkeiten aus Tel Aviv

24  Goodbye

25  Das Team

26  Tag X

27  Semesterbeginn

28  Der Effekt

29  An Lisa

30  Die Textur

31  Nachricht von Lisa

32  Der Fahrstuhl

33  Notruf

34  Die Bohrung

35  Ein weiterer Rettungsversuch

36  Sein oder Nichtsein

37  Die Schwere der Tage

38  Diskussion

39  Meine Liebe

40  Plaudereien

41  Zweites Staatsexamen

42  In der Neurologie

43  Frankfurter Stadtgeläut

44  Streng geheim

45  Der Aushub

46  Zurück in Frankfurt

47  Die Dissertation

48  Die Diagnose

49  Studienabschluss

50  Promotionsprüfung

51  Sommerurlaub

52  Meine erste Stelle

53  Aller Anfang

54  Ehre

55  Die Erschütterung

56  Sarah Mandelzweig

57  Im Pentaquark-Ring

58  Tel Aviv

59  Das Gespräch

60  Der Rundflug

61  Tagesroutine

62  Lichter am Nachthimmel

63  Der Mann aus dem Himmel

64  Ein Call aus D.C.

65  Dulles International Airport

66  Hoffnung

67  L.A.

68  Die Begegnung

69  Die Nachtmesse

70  Der neue Morgen

71  Nach Norden

72  Amarok

73  Shopping

74  Yosemite

75  Die Suche

76  Auf der Lichtung

77  Hergang

78  Rechtsmedizin

79  Zurück in L.A.

80  Lagebesprechung

81  Der neue Kontakt

82  Zeitabriss

83  Aufklärung

84  Vom Apfelbäumchen

85  Sommerbild

86  Recklinghausen

87  Das Wiedersehen

88  Hochzeit

89  Fünfzehnter Geburtstag

90  Das Signal

91  Verwundert

92  Für Francis

93  Tracking

94  Enttäuschung

95  Für Lars

96  Abschied

97  Monte Verità

98  Bagno Pubblico Ascona

99  Von den Alpen ans Meer

100  Vom Lago Maggiore zum Ticino

101  Nach Mailand

102  Die Fahrt bis Venedig

103  Arrivederci Venedig

104  Begegnung mit den Carabinieri

105  Das Lebenszeichen

106  Vom Innersten der Welt

107  Der Verdacht

108  Alltag

109  Treffen in Mainz

110  Der Anwalt

111  Die neue Stelle

112  Gelsenkirchen

113  Der Auszug

114  Der große Tag

115  Die Geister

116  Entschuldige

117  Bereit

118  Meine Bilanz

119  Noahs Bilanz

120  Jaels Bilanz

121  Über das Sterben

122  Unsere Jungen

123  Die Erfüllung

124  Die Welt steht Kopf

125  Der Lauf

126  Der Kalender

127  Dank

128  Stille

129  Leere

130  Instabilität

131  Trost

132  Alpha und Omega

133  Epilog

134  Impressum

Vorwort

Forscher wollen immer dasselbe: Verstehen, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Lisa stellt als zukünftige Ärztin den Menschen in den Mittelpunkt ihres Interesses. Ihr Ehemann Lars hingegen schießt mit seiner Kollegin Jael Rosenberg über das Ziel einer bodenständigen Forschung hinaus. Die beiden entdecken einen Effekt, der den Ursprung der Existenz erklären und gleichzeitig ihr Ende einläuten könnte.

Während Lars und Jael Rosenberg um das nackte Überleben kämpfen, erkundet Lisa das Geheimnis jüdischer Prophezeiungen. Trotz räumlicher und zeitlicher Distanz pflegt Lisa den Kontakt zu Lars. Werden sie gemeinsam einen Weg finden? Wird es ein Wiedersehen geben? Gefahr und Faszination verwickeln den Leser in eine andere Realität.

Schockiert und zugleich gebannt gerät der Leser in eine fiktive Geschichte, die auch Realität werden könnte. Erneut schuf der christliche Autor und Meister des Spannungsaufbaus, Rüdiger Marmulla, einen Thriller, der forschungsethische Fragen aufwirft.

Wie wird eine Geschichte enden, deren Verlauf schon die alttestamentlichen Propheten vorausgesagt haben?

Margit Helten, Karlsruhe im Oktober 2021

Vertrauen

Lieber Lars,

die Landschaft unter uns könnte die Peloponnes sein. Die Umrisse sind recht charakteristisch. Du schläfst. Francis hat auch die Augen geschlossen.

Ich muss Dir sagen, dass ich Deine Begeisterung für die Gegend im Jordangraben nicht teilen konnte. Ich sah es Dir an, dass Dein Herz ganz weit und froh war, weil Dir alles so herrlich schien. Ich sah in Deinen Augen, wie glücklich Du warst. Und ich entdeckte in Deiner Freude eine kindliche Unschuld des Herzens. Da habe ich mich entschlossen, Dir ganz neu zu vertrauen. Wenn Du wach wirst, spätestens wenn wir in Frankfurt ankommen, werde ich Dir meine Entscheidung sagen. Ja. Wir werden wieder zusammen wohnen. Wir machen einen Neuanfang.

Ich schaue wieder aus dem Fenster. Die Sonne spiegelt sich im Mittelmeer. Im Flugradar sehe ich, dass wir uns Italien nähern. Noch gute zwei Stunden, und wir werden zuhause sein. Ich glaube, ich höre jetzt auf, in unsere Cloud zu schreiben und schließe ebenfalls noch eine Weile meine Augen.

Ich liebe Dich auch, Lars.

Deine Lisa

Heimat

Die Flugbegleiterin greift zum Mikrofon: „Wir sind im Anflug auf den Rhein-Main Airport. Bitte stellen sie ihre Rückenlehne aufrecht und legen sie ihren Sicherheitsgurt an. Das Wetter in Frankfurt ist warm und trocken. Bitte vergessen sie beim Aussteigen nicht ihr Handgepäck. Wir wünschen ihnen einen angenehmen Aufenthalt in Frankfurt und danken ihnen für den Flug mit Lufthansa.“

Ich rufe kurz meine Nachrichten auf dem Messenger ab. Ich schaue auch noch in die Cloud. Lisa hat etwas in unser Tagebuch geschrieben. Der Eintrag ist vom Freitag, den 23. Oktober 2043. Ach, das ist ja heute Morgen! Ganz frisch. Ich lese es. Wir werden wieder zusammen wohnen. Und sie liebt mich. Besser könnte es nicht sein. Ich schaue zu Lisa rüber. Ich schenke ihr ein breites Lächeln. Und sie nickt mir zu. Ich fühle mich phantastisch. Wir legen alle unsere Sicherheitsgurte an.

Wir sind im Landeanflug. Wir kommen über Osten rein. Da ist das Müllverbrennungswerk in Heusenstamm. Die Autobahn A3 begleitet uns. Der Monte Scherbelino. Gravenbruch. Der freie Platz, wo früher mal ein Autokino war. Neu-Isenburg. Wald. Viel Wald. Wir überqueren die Autobahn A5. Jetzt geht es ganz schnell. Zaun. Luftbrückendenkmal. Landebahn. Touchdown. Die Wasserstoffturbinen gehen sanft in den Umkehrschub.

„Papa, ich will auch einmal Pilot werden.“ Francis schaut mich mit großen Augen an.

„Wir werden heute Nachmittag aus den Kissen auf dem Wohnzimmersofa ein Cockpit bauen. Und dann fliegen wir zwei. Ich werde dein Copilot sein.“

„Au ja, Papa. Und was nehmen wir als Lenkrad?“

Ich überlege. Dann habe ich eine Idee. „Wir nehmen einen Kleiderbügel aus der Garderobe.“

Unser Flugzeug geht am Terminal 3 in die Parkposition. Alle steigen aus. Auch unsere Familie und unsere Freunde, die mit uns nach Israel gereist sind, verlassen den Airbus.

„Wir sehen uns dann am Montag wieder in der Uni, Frau Krönlein.“ Professor Jürgens, Lisas Doktorvater, verabschiedet sich von uns.

Hannah und Johannes machen sich auf den Heimweg nach Heidelberg. Hannah lächelt. „Diese Reise werden wir nie vergessen.“

Lisas Eltern und Heidi nehmen mit uns ein Taxi nach Sachsenhausen. Wir lassen sie zuerst am Deutschherrnufer aussteigen.

Dann geht es zum Sonnenring. Ein gutes Gefühl steigt in mir auf, als Lisa mit dem Keycode die Wohnungstür öffnet. Wieder zuhause. Endlich.

Pläne

„Sag mal, Lars. Was haben eigentlich John und der Dekan vom Virginia Science & Technology Campus in Israel mit dir besprochen?“

„Die beiden wollen, dass ich vorzeitig ein Examen rigorosum ablege.“

„Aber du promovierst doch bislang nicht.“

„Nein, Lisa. Es geht in diesem Rigorosum allein um den Master-Abschluss meines Studiums.“

„Jetzt schon?“

„Ja. Sie planen nach dem Studium irgendetwas mit mir. Aber sie sind da noch nicht mit der Sprache herausgerückt.“

„Und wann soll das Rigorosum stattfinden?“

„Nach dem Abschluss des jetzigen Semesters.“

„Im März kommt unser zweites Kind zur Welt. Es wäre schön, wenn du bei der Geburt wieder dabei bist. Da würde ich mich sicherer fühlen.“

„Ja, Lisa. Das ist klar.“

„Ich habe schon einen Namen.“

„Ja? Sag.“

„Maurice.“

„Denkst du an Maurice Ravel?“

„Ja, Lars. Und ich denke an Daphnis et Chloé, die Suite, die wir immer so gern hören.“

„Und wenn es ein Mädchen wird?“

„Es wird ein Junge, Lars.“

Ich nehme Lisa in die Arme. Zwei Jungen. Das ist wunderbar. Nach einer Weile löse ich mich aus der Umarmung. „Ich bin vom Unterricht bis auf weiteres freigestellt.“

„Du nimmst mit deinem Avatar nicht mehr am Tele-Learning des Virginia Science & Technology Campus teil?“

„Nein. John und Professor Williams haben mir auf meinen Messenger jede Menge Literatur gesandt, die ich das kommende Halbjahr durcharbeiten muss. Es wartet viel an Arbeit auf mich. Ich muss mich jetzt konzentriert auf das Rigorosum vorbereiten.“

„Aber auf dein gutes Essen muss ich in der Zeit nicht verzichten, oder?“

„Nein, Lisa. Um das Essen kümmere ich mich weiterhin. Das Kochen lasse ich mir nicht nehmen. Nur den Einkauf und den übrigen Haushalt würde ich gern Kerstin anvertrauen. Ich denke, das alles kann sie gut bewerkstelligen.“

„Ja. Das verstehe ich. Ich widme mich auch wieder ganz meinem Studium und der Promotion. Gut, dass Maurice in den Semesterferien kommen wird. Und im Sommer nächstes Jahr kommt dann mein Erstes Staatsexamen.“

„Du machst gute Schritte voran. Du wirst eine gute Ärztin werden, Lisa. Ich weiß es.“

„Danke, Lars, dass du an mich glaubst. Das bedeutet mir so viel.“

„Ich weiß, Lisa.“

Francis kommt zu uns ins Wohnzimmer gerannt. Er will mit uns kuscheln. Wir nehmen ihn in unsere Mitte und umarmen ihn gemeinsam.

In der Pathologie

Lieber Lars,

hier in der Pathologie ist alles viel vitaler, viel lebendiger als in der Anatomie. Die Leichen in der Pathologie haben nicht die typische Graufärbung, die vom konservierenden Formaldehyd stammt. Es ist ein komisches Gefühl, Körper vor sich zu haben, in denen vor wenigen Stunden noch das Leben steckte.

Heute nahm ich an meiner ersten Sektion in der Pathologie teil. Im Sektionssaal ist in großen Lettern an die Wand geschrieben „media vita in morte sumus“.

Ich habe das einmal recherchiert. Der Satz bedeutet, dass wir mitten im Leben dem Tod begegnen, und er geht auf einen frühmittelalterlichen gregorianischen Choral zurück. Der komplette Text lautet

Mitten im Leben

sind wir im Tod.

Welchen Helfer suchen wir

als dich, Herr,

der du wegen unserer Sünden

mit Recht zürnst.

Heiliger Gott,

heiliger starker,

heiliger und barmherziger Erlöser:

überlass uns nicht dem bitteren Tod.

Es liegt etwas Geheimnisvolles um das Sterben, und ich kann es nicht ergründen.

Heute lernte ich übrigens, was Senckenberg-Tumore sind. Wenn man die Leiche auf dem Sektionstisch lagert, dann gibt es auf der Unterseite der Leichenhaut Abdrücke von den Abflusslöchern des Sektionstisches. Diese regelmäßigen kreisrunden Aufwölbungen der Haut bezeichnet man als Senckenberg-Tumore. Man sieht sie, wenn man die Leiche auf die Seite dreht. Natürlich sind das keine echten Tumore. Das ist typisch Frankfurter Pathologenhumor.

Als ich heute die Pathologie verließ, fühlte ich mich ganz trist. Gut, dass du zuhause auf mich mit einem wunderbaren Essen gewartet hast. Ja, es ist wahr, während meiner Sektionen und meiner Arbeit als Hilfswissenschaftlerin in der Anatomie schmeckt mir das vegetarische Essen deutlich besser. Das milde gelbe Curry mit Zucchini, Champignons und Basmatireis hat meinen Geschmack heute voll getroffen. Auch die Cashewkerne, mit denen Du die Mahlzeit getoppt hast, waren sehr raffiniert.

Danke, Lars. Ich genieße unsere Zweisamkeit nach dem langen Jahr der Trennung ganz neu.

Senckenberg

„Lisa? Dass die Senckenberg-Tumore keine echten Tumore sind, habe ich ja verstanden. Aber wer oder was ist Senckenberg?“

„Johann Christian Senckenberg lebte im 18. Jahrhundert und wurde ‚Frankfurter Stadtphysicus‘ genannt. Er war Arzt, Naturforscher und Botaniker. Seine Promotion handelte von der Heilkraft der Beeren des Maiglöckchens. Doch sein Privatleben war sehr traurig. Er war dreimal verheiratet, und alle seine Frauen und Kinder waren früh verstorben. Da bildete er mit seinem Vermögen eine Stiftung und widmete sich ganz der Forschung und Stiftungstätigkeit. Der volle Name unseres Anatomischen Instituts lautet ‚Dr. Senckenbergisches Zentrum der Morphologie‘, weil sich die Anatomie früher allein mit der Form der Zellen und Zellverbände beschäftigt hat. Daneben wurden auch ein ‚Dr. Senckenbergisches Zentrum der Pathologie‘ in Frankfurt und ein ‚Dr. Senckenbergisches Institut für Meeresforschung‘ in Wilhelmshaven und in Hamburg gegründet. Die Dr. Senckenbergische Stiftung mit ihren Instituten trug 1914 maßgeblich zur Gründung der Frankfurter Universität bei.“

„Du kennst dich aber gut aus, Lisa.“

„Natürlich. Das muss ich auch, wenn ich in der Anatomie promoviere. Das würde mir Professor Jürgens übelnehmen, wenn ich die Ursprünge unseres Instituts nicht kennen würde. Ich weiß, dass ihm die Geschichte der Medizin sehr wichtig ist. Und die Geschichte unseres Instituts sollte ich allemal kennen.“

Ich lache. „Da hast du Recht, Lisa. Ich wollte, ich würde über die George Washington University auch so gut Bescheid wissen.“

„Du kannst dich doch auch belesen, Lars.“

„Das stimmt. Aber erst einmal mache ich uns ein schönes Abendessen.“

Lisa schmiegt sich an mich. Und ich mag noch gar nicht mit dem Kochen beginnen.

Biomedical Informatics

Liebe Lisa,

tagsüber lese ich, was das Zeug hält. Verzeih bitte, dass mir abends, wenn ich nach dem Abendessen noch die Küche sauber gemacht habe, regelmäßig auf der Wohnzimmercouch die Augen zufallen und ich einschlafe. Ich genieße die Zeit mir Dir. Und wenn ich neben Dir auf der Couch liege und die Augen schließe, dann bin ich sehr glücklich.

Die Zeit, in der ich Francis morgens zu den GoetheKids bringe und nachmittags wieder abhole, ist die einzige Zeit des Tages, in der ich einmal an die frische Luft komme.

Den Rest des Tages verbringe ich an meinem Leseschirm. Manchmal lasse ich mir die Fachliteratur auch vom Computer vorlesen. Ich lese alles zu den Biomedical Informatics rauf und runter. Auch aktuelle Fachartikel muss ich lesen.

Diese Tage erinnern mich sehr an die Zeit meines Abiturs. Das einzige, das jetzt gegenüber meiner Abiturzeit anders ist, ist die Gegenwart von Dir und Francis. Es ist wundervoll, eine Familie zu haben.

Ich habe genau gelesen, was Du in unsere gemeinsame Cloud geschrieben hast. Du magst das vegetarische Essen jetzt mehr. Ich werde deshalb von nun an verstärkt das Fleisch im Essen weglassen. Für heute Abend habe ich als Gericht eine Antipasti-Bowl mit Mozzarella auf Risotto geplant. Ich bin mir sicher, Du wirst es mögen.

Bitte sage mir, wenn ich mehr für Dich tun kann. Nicht jeden Wunsch kann ich Dir von Deinen Augen ablesen. Aber dazu habe ich ja Ohren. Ich will Dir jeden Wunsch erfüllen. Alles, was mir möglich ist, will ich tun.

Lisa, Du bist meine Liebe.

Funktionshistologie

„Lars, ich glaube, ich werde deine Hilfe für meine Forschung in der Anatomie benötigen.“

„Ja? Was kann ich für dich tun?“

„Meine Aufgabe ist es ja, aus der Verknüpfung der Zellverbände der Großhirnrinde abzuleiten, welches Bild die Sterbenden zuletzt gesehen haben. Ich habe schon jede Menge dreidimensional rekonstruierte Großhirnrinden aus meinen elektronenmikroskopischen Untersuchungen erstellt. Aber jetzt weiß ich gar nicht, wie es weitergehen soll.“

„Gibt es denn Fotografien von den Räumen, in denen deine Körperspender verstorben sind?“

„Nein.“

„Ja, das geht nicht. Wir werden nie herausfinden können, wie die Daten im Hirn verschlüsselt werden, wenn wir die Zellverbände nicht mit dem zuletzt gesehenen Bild der Verstorbenen vergleichen können.“

„Was soll ich tun?“

„Du musst in Erfahrung bringen, wo genau die Körperspender verstorben sind. Dann musst du an die Orte fahren und Fotos von den Räumen anfertigen.“

„Puh. Und wenn das nicht geht?“

„In diesem Fall wären die Großhirnrinden, die du schon rekonstruiert hast, für diese Untersuchung unbrauchbar.“

„Dann habe ich mir vielleicht viel Arbeit umsonst gemacht?“

„Tja. Also, erst einmal muss das Studiendesign stehen, wenn man sich unnötige Arbeit ersparen möchte.“

„Ich wollte, ich hätte dich früher befragt. Was empfiehlst du mir?“

„Ich empfehle, die Sterbezimmer zu der Tageszeit und mit den Lichtverhältnissen zu fotografieren, zu denen die Körperspender verstorben sind. Und dann vergleichen wir helle und dunkle Sterbeorte, um erst einmal im Ansatz herauszufinden, wie helle und dunkle Flächen im Hirn kodiert werden. Wenn wir das haben, dann suchen wir helle und dunkle Objekte innerhalb der Fotografien eines Sterbeortes und innerhalb des zugehörigen Hirns auf. Wir werden uns also anfänglich allein auf Schwarz-Weiß-Informationen beschränken, um zu beschreiben, wie Formen und Umrisse im Gehirn verschlüsselt werden.“

„Und Farben kommen später einmal.“

„Irgendwann. Ja.“

„Dann habe ich ja noch einen weiten Weg vor mir. Ich glaube, ohne einen Biomedizinischen Informatiker deines Formats könnte ich diese Arbeit nicht bewältigen. Aber Professor Jürgens hat mich schon beruhigt. Er hat gesagt, es sei auch Forschung, wenn man in einer Dissertation zeigen könnte, mit welchen Methoden man nicht zum Ziel kommt. Dann können sich nachfolgende Untersuchungen gezielt anderen Wegen widmen.“

„Da hat dein Doktorvater Recht, Lisa.“

„Glaubst du, ich werde jemals ein Bild aus den Zellverbänden der Großhirnrinde ableiten können?“

„Grob gerasterte Schwarz-Weiß-Bilder vielleicht schon. Für exaktere Farbbilder wird ein neues Studiendesign notwendig sein.“

„Wie würde das aussehen?“

„Man käme nicht drumherum, den Sterbenden eine Kamera anzulegen, die die letzten visuellen Wahrnehmungen aufzeichnet. Die Frage ist nur, wer das will.“

„Wir haben ja ausschließlich Körperspender, die sich der Wissenschaft verbunden fühlen.“

„Ja. Trotzdem ist doch der Tod ein sehr intimer und privater Moment. Wer will ihn schon auf solch technische Weise mit den Forschern und der Nachwelt teilen? Ich bin mir unsicher.“

„Denkst du manchmal an das Sterben?“

„Ja, Lisa. Mein Papa hatte ja schon Jahre vor seinem Sterben eine Nahtoderfahrung, die mich sehr bewegt hat, als er sie mir berichtete. Lange hatte Papa ja darüber geschwiegen und sich nicht getraut, mit anderen zu teilen, was er erlebt hatte. Er wollte vermeiden, dass andere denken, er sei ein Spinner. Über meinen Papa haben, solange er lebte, immer wieder viele Menschen gelacht. Für manche war er mehr so eine traurige Witzfigur.“

„Woher kam das?“

„Mein Papa war in einem Heim aufgewachsen. Seine Eltern hat er nie kennengelernt. Er hatte nie jemanden, der an ihn geglaubt hat. Niemand hat ihn gefördert. Und Freunde hatte er auch nicht, bis er Mama kennenlernte. Mit Mama fing Papas Leben noch einmal ganz neu an. Aus Papa wäre beruflich viel mehr als nur ein Versicherungsmathematiker geworden, wenn er gute Förderung erfahren hätte.“

„Glaubst du, Stephan war glücklich mit seinem Leben?“

„Ja. Papa hat das Beste aus allem gemacht. Und das Beste war, Mama kennenzulernen und mich als Sohn zu bekommen. Und seine Nahtoderfahrung hat auch noch einmal sein Leben umgekrempelt.“

„Stephan war damals bei Hannah und Johannes in Heidelberg und hat sich alles zum Glauben erklären lassen, nicht wahr, Lars?“

„Ja. Und seither ist es in unserer Familie üblich, tiefgehende Fragen und Lebenszweifel mit Hannah und Johannes zu besprechen.“

„Als ehemalige Diakonisse ist Hannah dazu ja auch bestens geeignet. Mein Vater sagt immer, dass Hannah das Diakonissenkrankenhaus früher echt vorangebracht hat.“

Ich nicke. „Wir haben damals unser Krisengespräch mit Hannah und Johannes nicht zu Ende gebracht.“

„Hannah und Johannes haben sich darauf beschränkt, für uns zu beten, anstatt uns Lebenstipps mit auf den Weg zu geben.“

„Ja. Das haben sie. Wollen wir die beiden in Heidelberg besuchen gehen? Sie müssen wissen, dass zwischen uns alles gut ist.“

Lisa lacht herzlich „Ja, Lars. Das ist für die zwei eine Gebetserhörung. Da sollten sie auch eine Rückmeldung bekommen. Das wird die beiden auch ermutigen. Ihre Gebete waren nicht umsonst.“

„Ich werde ihnen einen Call senden. Und dann besuchen wir sie.“ Ich tippe auf das Holokrypt-Tattoo an meinem Handgelenk. Ich habe sofort eine Verbindung mit Johannes. Wir dürfen sie am Wochenende besuchen gehen. Perfekt.

Die perfekte Ehe

Regionalbahn, Heidelberg, Hauptbahnhof, Straßenbahn, Bismarckplatz, Eisdiele, Bohnerwachs. Alles wie immer. Ich sitze so, dass ich vom Wohnzimmerfenster aus auf das Heidelberger Schloss blicken kann. Lisa sitzt rechts von mir. Uns gegenüber sitzen Hannah und Johannes. Francis ist mit Kerstin zuhause geblieben, damit wir vier ungestört miteinander sprechen können.

Hannah und Johannes reichen Kaffee und Apfeltaschen.

Ich eröffne das Gespräch. „Bei uns ist die Welt wieder in Ordnung. Wir wohnen wieder zusammen und sind wieder eine Familie. Danke für alles, was ihr für uns getan habt.“

Lisa schließt sich meinem Dank an. „Dass wir bei euch immer willkommen sind, ist ein Segen für uns. Ihr seid uns auch ein Vorbild. Ihr führt die perfekte Ehe.“

Hannah lächelt.

Johannes auch. Er sagt ganz unerwartet: „Wenn man davon absieht, dass Hannah einen Mann mit einer homosexuellen Biographie geheiratet hat, passt bei uns alles.“

Lisa bleibt cool.

Ich verschlucke mich hingegen beinahe an meiner Apfeltasche. Ich muss erst einmal etwas trinken. Lisa schlägt mir sanft auf den Rücken. Dann bringe ich gerade so mit einem Krächzen heraus: „Was?“

„Ja, Lars, wusstest du nicht, dass ich deinen Vater bei einem gleichgeschlechtlichen Date kennengelernt habe, das deine Mutter eingefädelt hat?“

Lisa lacht vergnügt. Das ist ihr offensichtlich auch neu.

„Wieso sollte meine Mutter so etwas getan haben?“

„Deine Mutter wollte, dass dein Vater glücklich wird. Nach neun vermasselten Dates mit Frauen, dachte sie sich, dass dein Vater die Dates mit Frauen vielleicht deshalb immer in den Sand setzt, weil er in Wirklichkeit auf Männer steht.“

Lisa grinst immer noch bis zu den Ohrläppchen.

Ich kann mir das alles nicht vorstellen. „Und wie lief das Date mit euch beiden ab?“

„Katastrophal. Deinem Vater wurde während unseres Treffens klar, dass er nicht auf Männer steht – aber auf Freundschaft. Er wünschte sich, dass wir zwei Freunde werden.“

Ich bleibe einsilbig. „Ohne Sex…“

„Ohne Sex. Ja, Lars.“

Ich bin erleichtert.

„Und dann hast du Hannah geheiratet?“ Lisa legt die Stirn in Falten und schaut jetzt ernst.

„Ich hatte etliche kurze Beziehungen mit Männern. Die waren alle sehr schmerzlich für mich. Die längste Beziehung hatte ich zu einem älteren Mann, der mich nach fünf Jahren gegen einen jüngeren Freund eingetauscht hat. Mir ging es viele Jahre ganz elend. Ich fühlte mich wie eine Ware auf dem Markt der Begierden. Von da an war ich unfähig, eine körperliche Beziehung zu einem anderen Menschen aufzubauen. Ich fürchtete, für immer allein zu bleiben.“

Ich erkenne noch keine Verbindung zu Hannah. Die ganze Geschichte wirkt auf mich ganz bizarr. „Und wie ging es dann weiter?“

„Auf der Hochzeit deiner Eltern lernte ich Hannah kennen. Wir verstanden uns auf Anhieb. Ich spürte, dass gute Schwingungen von ihr ausgingen. Ich liebe, wie Hannah das Leben liebt. Sie schenkt mir eine Geborgenheit, die ich bei Männern immer gesucht aber nie gefunden habe.“

Lisa staunt. „Das ist ja ein Wahnsinnsschritt, den Hannah da auf dich zu gemacht hat.“ Lisa schaut wechselweise Hannah und Johannes an.

Hannah ergreift wieder das Wort. „Es war vor allem ein Wahnsinnsschritt, wenn man bedenkt, dass ich kurz davor war, als Diakonisse auf mein Altenteil nach Marburg ins Mutterhaus zu gehen. Das Mutterhaus und die Dienstgemeinschaft waren ja sozusagen meine Altersvorsorge. Ich bin sehr dankbar, dass die Dienstgemeinschaft eine Lösung für mich und meine Finanzen gefunden hat.“

Lisa zieht die Augenbrauen nach oben. „Und du kannst Johannes vertrauen, dass er nicht morgen mit einem Mann durchbrennt?“

Hannah nickt. „Da bin ich mir ganz sicher…“

Johannes sagt sehr leise „Ich hatte schon die Jahre vor Hannah keine sexuellen Kontakte mehr mit Männern, weil ich so an der Unverbindlichkeit und Kälte der Kontakte gelitten hatte. Ich litt darunter, nur eine Sahneschnitte für die schnelle Kaffeetafel zu sein.“

Lisa schüttelt den Kopf. „Es soll aber auch homosexuelle Partnerschaften geben, die gelingen.“

„Das habe ich nie kennengelernt. Ich kann ja nur für mich und meinen Erfahrungshorizont sprechen.“ Johannes beißt sich auf die Lippen.

Ganz unerschrocken bricht Lisa mal wieder ein Tabu und fragt, mit dem Zeigefinger abwechselnd auf Hannah und Johannes deutend „Und? Läuft da zwischen euch was?“

Hannah lächelt wieder und nickt. „Freundschaft. Liebe. Verbundenheit.“

Lisa lässt nicht locker. „Und Sex?“

Hannah räuspert sich und überlässt jetzt Johannes das Reden. „Ja. Das auch. Gewiss nicht so stürmisch wie zwischen euch beiden. Aber mit Leidenschaft und großer Ausdauer ist es auch bei uns möglich. Ich genieße es, mich bei Hannah ganz fallen lassen zu können.“

„Also ist es doch eine Mann-Frau-Sache zwischen euch, und nicht so ein Mutter-Sohn-Ding?“ Lisa bohrt und bohrt. Es wird mir schon echt unangenehm.

Doch Johannes bleibt sehr souverän und locker auch bei diesem Thema. „Wir lieben uns. Auf allen Ebenen.“

„Alle Achtung.“ Lisa nickt und knufft mich in die Seite, als sie merkt, dass mein Kopf bei diesem Thema rot wurde.

Eklat

Lisa kommt ganz niedergeschlagen nachhause. So kenne ich sie gar nicht. „Was ist los, Lisa?“

„Professor Jürgens ist richtig böse auf mich. Er hat mich heute hochkant aus dem Labor geworfen.“

„Wieso das?“

„Ich hatte ihm gesagt, dass wir im Frühjahr unser zweites Kind erwarten. Da ist er ausgetickt.“

„Das verstehe ich nicht. Erzähle mir alles. Er muss doch irgendwas gesagt haben.“

„Ja, das hat er. Er sagte: ‚Frau Krönlein, das ist unverantwortlich, was sie da machen. Sie hantieren zur Gewebekontrastierung mit radioaktivem Uran und arbeiten an einem Elektronenmikroskop, das Röntgenbremsstrahlung erzeugt. Und dabei sind sie schwanger. Bis zur Geburt ihres Kindes werden sie kein Gewebe mehr verarbeiten und auch nicht mehr mikroskopieren. Haben sie schon einmal etwas von Mutterschutz gehört? Schluss. Sie verlassen jetzt mein Labor.‘ So verärgert habe ich Professor Jürgens noch nie gesehen. Jetzt fühle ich mich ganz elend.“

„Er hat so reagiert, weil er dich mag. Das musst du richtig verstehen.“

„Wahrscheinlich hast du Recht, Lars. Trotzdem bin ich noch ganz durcheinander. Ich sehe immer noch den Zorn in seinen Augen.“

„Das war nicht Zorn. Das war reine Fürsorge.“

„Ja. Wahrscheinlich. Meine ganze Doktorarbeit muss jetzt ruhen.“

„Naja, du musst als nächstes sowieso erst einmal alle Sterbezimmer fotografieren. Da bist du keinem Strahlenrisiko ausgesetzt. Du bist also nicht ganz untätig.“

„Lars? Ob unser Kind Schaden genommen hat?“

„Kannst du das nicht prüfen lassen?“

„Ich könnte eine Fruchtwasseruntersuchung machen lassen. Da könnte man sehen, ob unser Baby eine Fehlbildung hat.“

„Ja. Mache das, Lisa.“

„Und was wäre die Konsequenz?“

„Ich weiß nicht.“

„Wenn unser Kind eine Anenzephalie oder eine Spina bifida aperta hat, dann werde ich es auch zur Welt bringen.“

„Anenzephalie? Spina bifida aperta? Was ist das?“

„Bei der Anenzephalie entwickelt das Baby kein Gehirn, und es fehlt auch die Schädeldecke.“

„Ach du meine Güte. So etwas gibt es?“

„Ja. Wir haben in unserer anatomischen Sammlung ein paar Fälle.“

„In Alkohol eingelegt?“

„Genau.“

„Und eine Spina bifida aperta? Was ist das?“

„Das ist eine Fehlbildung der Wirbelsäule. Die Wirbelsäule ist offen und wird nicht durch Haut oder Bindegewebe bedeckt. Man schaut direkt auf das offene Rückenmark.“

„Puh. Jetzt verstehe ich Professor Jürgens Ärger schon sehr gut. Was machen wir?“

„Ich werde Maurice in jedem Fall zur Welt bringen. Ein Schwangerschaftsabbruch kommt für mich nicht in Frage.“

„Für mich auch nicht, Lisa.“ Ich nehme sie in die Arme. Ich spüre Lisas innere Unruhe. Und ich fühle, dass sie sich über sich selbst ärgert, weil sie den Mutterschutz missachtet hat. „Die Wahrscheinlichkeit ist doch größer, dass unser Kind gesund zur Welt kommt, oder?“

Lisa zieht ihre Schultern nach oben. Sie weiß es nicht.

Ich fühle mich jetzt auch ganz traurig und niedergeschlagen.

Weihnachtszeit

Liebe Lisa,

zur Christmesse liefen wir drei im frischen Schnee zur Alten Nikolaikirche. Auf dem Römerberg stand wieder eine riesige Tanne. Alles war wunderbar mit Lichtern geschmückt.

Pastor Albert ist in diesem Herbst in den Ruhestand gegangen. Ein neuer Pfarrer ist da. Seine Predigt sprach uns so gar nicht an. Er sprach so langatmig, dass ich jetzt noch nicht einmal sagen könnte, was er uns mit seiner Predigt überhaupt mitteilen wollte.

Zurzeit ist alles im Fluss und ändert sich. Das müssen wir so hinnehmen.

Zum Heiligen Abend kochte ich uns Gänsebrust mit Knödeln, Maronen und Rotkraut – so wie Papa das immer gemacht hat. Leider kam das Fleisch im Essen so gar nicht bei Dir an. Naja, wir essen in letzter Zeit mehr vegetarisch. Ich wollte einfach an Papas alte Tradition anknüpfen.

Für Francis haben wir einen Flugsimulator gekauft. Die holographische Darstellung des Cockpits und der Landschaft ist grandios. Trotzdem ist Francis mit dem Flugsimulator vollkommen überfordert. Ich glaube, das war doch keine so gute Idee. Mit den Kissen und dem Kleiderbügel spielt sich das Fliegen für ihn doch besser.

Und dann ist da eine innere Traurigkeit, die in der Schwangerschaft nach uns greift. Wird unser Maurice gesund zur Welt kommen? Wir sprechen darüber nicht viel. Doch ich sehe Dir die Sorge an, Lisa. Ich fühle mich ganz trüb. Wenn Maurice doch schon auf der Welt wäre.

Zum Nachtisch servierte ich uns leckeren Bratapfel mit Vanillesauce. Francis klatschte vor Freude in die Hände, als ich mit den Bratäpfeln aus der Küche kam. Und es roch auch sehr gut. Mit dem Nachtisch habe ich bei Euch beiden voll ins Schwarze getroffen.

Frühling

Lieber Lars,

jetzt haben wir beide schon so lange nicht mehr in unser Tagebuch geschrieben. Es sind nur noch vierzehn Tage bis zum errechneten Entbindungstermin. Und Du bist heute Morgen nach Washington aufgebrochen. Dein Examen rigorosum steht an. Du wirst nur zwei Tage weg sein. Und doch vermisse ich Dich schon jetzt unendlich.

Ich glaube, ich habe eine Frühjahrsdepression. Ich fühle mich ganz matt und lustlos. Das fünfte Semester habe ich gerade so zu Ende gebracht.

Ulrich macht jetzt sein Physikum. Die Zahnmediziner machen erst ein Semester nach den Humanmedizinern ihre Zahnärztliche Zwischenprüfung. Ob ich Ulrich heute Abend einmal anrufe und frage, wie’s läuft? Ach, vielleicht mache ich ihn dann nur nervös. Das ist wahrscheinlich keine gute Idee. Ich lasse es.

Noch hast Du Dich nicht gemeldet. Du bist noch mit dem Flugzeug unterwegs. Und ich weiß nicht wohin mit mir selbst. Der Tag schleppt sich einfach so dahin.

Ach, ich lege mich im Wohnzimmer einfach auf die Couch. Ich warte, dass Du Dich meldest.

D.C.

Ich sende Lisa einen kurzen Call, dass ich in Washington eingetroffen bin. Ich schicke nur eine knappe Sprachnachricht. Heute Mittag ist meine Prüfung. Ich bin gut in der Zeit. Was werden die mich wohl examinieren? Und warum wollen John und der Dekan, dass ich vorzeitig mein Examen ablege?

Ich fahre über den George Washington Boulevard in den Bridgefield Way. Die Enterprise Hall ist am 44983 Knoll Square.

Da steht das mir so vertraute Gebäude, halb aus roten Ziegeln, halb aus Betonelementen gebaut. Ich laufe zum Eingang. Meine Prüfung wird in Johns Büro stattfinden. Erstes Stockwerk. Zimmer 132. Ich klopfe an.

„Herein“, ruft John von innen. Außer ihm und dem Dekan, Professor Williams, ist noch eine mir unbekannte Frau anwesend.

Der Dekan bemerkt meinen irritierten Blick und klärt mich gleich auf. „Das ist Professor Young, die Rektorin der George Washington University.“

Mannomann. Was ist das nur für ein Aufgebot. Was haben die vor?

„So, Herr Krönlein. Dann kommen wir gleich zur Prüfung. Berichten sie uns einmal über die Modellbildung, Simulation und Organmodellierung in der Biomedizin.“

Gut, dass ich mich so sorgfältig vorbereitet habe. „In der biomedizinischen Simulation werden biologische Organe, Gewebe und Zellen nachgebildet. Die Funktionsabläufe des Körpers können zum einen so besser verstanden werden. Zum anderen werden mit dem Nano-3D-Drucker Gewebe modelliert, die ihrerseits Körperfunktionen übernehmen können. Das erste Gewebe, das hier nachgebildet wurde, war Lungengewebe, das bei Patienten mit fortgeschrittenen bösartigen Tumoren erfolgreich implantiert werden konnte. Das modellierte Lungengewebe wird über artifizielle Bronchien an der Luftröhre angeschlossen und übernimmt den Gasaustausch im Thorax. Kurz nach dem Lungengewebe gelang es auch, Myokard nachzubilden, um künstliche Herzen zu implantieren.“

John bittet mich, am Medienboard die Formel für den Gasaustausch von Sauerstoff und Kohlendioxid in den Lungenbläschen herzuleiten. Das ist mein Steckenpferd. Ich liebe die Integral- und Differentialrechnung. Schnell habe ich die Formel anhand von Perfusion und Ventilation skizziert. Ich schaue in drei zufriedene Gesichter.

John schließt die Prüfung ab. „Ja, Lars, das haben sie mal wieder exzellent gemeistert. Aber ich habe auch nichts anderes erwartet. Haben sie noch Fragen?“ John schaut den Dekan und die Rektorin der Universität an. Die beiden schütteln den Kopf.

Kurz darauf empfange ich vom Dekan das Diplom meines Masterabschlusses. Das Diplom ist in einer übergroßen schwarzen Mappe.

Und dann zieht Professor Young noch eine weitere Urkunde hervor. „So, Herr Krönlein. Das ist ihre Ernennungsurkunde zum Professor an der George Washington University.“ Professor Young nickt mir zu.

Ich kann es gar nicht fassen. Eine Ernennungsurkunde zum Professor? Ich bin ja noch nicht einmal promoviert. Ja, geht denn so etwas? Mir scheint, die werfen hier alle Regeln über den Haufen.

John steht als erster auf und gratuliert mir mit einem freundschaftlichen Handschlag. Der Dekan und die Rektorin schließen sich an. Professor Williams heißt mich als neues Mitglied der Fakultät willkommen.

„Kommen jetzt Vorlesungsverpflichtungen auf mich zu?“

„Ja, Lars“, sagt John, „aber seien sie unbesorgt. Sie dürfen die Vorlesungen und Kurse auch von Deutschland aus mit ihrem Avatar bestreiten.“

„Und wie viele Stunden muss ich da pro Woche vorlesen?“

„Es sind fünfundzwanzig Stunden pro Semester.“

„Pro Semester? Ach. Das geht ja.“

„Was werden sie forschen, Herr Krönlein?“ Die Rektorin schaut mich interessiert an.

„Ich kann es noch nicht sagen. Ich bin noch ganz überwältigt. Ich vermute, ich werde mich mit den fachübergreifenden Inhalten zwischen Mathematik, Medizin und Physik befassen.“

„Und ihre Antrittsvorlesung halten sie dann zum Beginn des neuen Semesters.“

Ich nicke. „Ja. Aber erst einmal muss unser Kind zur Welt kommen. Meine Frau und ich werden nämlich gerade zum zweiten Mal Eltern.“

John strahlt viel Ruhe aus. „Das Persönliche geht da erst einmal vor. Und das mit der Antrittsvorlesung besprechen wir dann, wenn ihr Kind geboren ist.“

Lisa wird Augen machen, wenn ich ihr das alles erzähle.

Frankfurt

Ich treffe am Sonnenring ein. Jetzt nur schnell zu Lisa und Francis! Ich öffne mit dem Keycode die Wohnungstür. Oh. Kerstin.

„Guten Tag, Lars. Deine Frau ist mit Ulrich vor einer Stunde ins Krankenhaus gefahren. Die Wehen setzten ein.“

„Mit Ulrich? Wieso mit dem?“

„Er kam heute Morgen zu Besuch. Und ich bin bei Francis geblieben. Lisa wollte nicht allein in die Klinik.“

Ausgerechnet Ulrich. Hat der am Samstagvormittag nichts anderes zu tun? Ich dachte, der macht sein Physikum. „Ist Lisa ins Diakonissenkrankenhaus gefahren worden?“

„Genau, Lars. In die Schifferstraße.“

Ich gebe Francis einen Kuss, dann renne ich los. Ich will nicht zu spät kommen. Schnell ein Taxi. Ich fahre in die Klinik und melde mich an der Pforte: „Unser Kind kommt zur Welt. Meine Frau müsste schon im Kreißsaal sein.“

„Wie ist denn ihr Name?“

„Krönlein. Wir heißen Krönlein.“

„Ich gebe Bescheid, dass sie kommen. Klingeln sie bitte an der Tür, die zur Entbindungsstation führt. Sie müssen hier den Korridor runter.“

„Danke. Ich kenne mich aus.“

Wird unser Kind gesund zur Welt kommen?

Ich klingele. „Guten Tag. Ich bin Lars Krönlein. Meine Frau ist bei ihnen.“

„Ja. Kommen sie herein.“

Der erste, den ich sehe, ist Ulrich. Er sieht ganz blass aus. „Hallo, Lars. Es geht los. Ich warte hier draußen.“ Die Pfeilspitze der Medizin hat vor der Geburt kapituliert. Ich verstehe bis heute nicht, warum sich die Zahnmediziner als Pfeilspitze der Medizin verstehen, wenn sie vor einer Geburt kapitulieren. Egal. Ganz egal.

Ich betrete den Kreißsaal.

„Hallo, Lars. Schön, dass du da bist.“

„Ja, Lisa. Es sollte doch erst in vierzehn Tagen losgehen…“

„Unser Maurice hält sich eben nicht an den Fahrplan. Er wird ja wahrscheinlich auch kein Eisenbahnschaffner…“

Ich halte Lisas Hand.

Die Hebamme schaltet sich ein. „Hier können sie aber nicht stehen bleiben. Stellen sie sich bitte an das Kopfende, links von ihrer Frau.“

Die Gynäkologin betritt den Raum. „Ah, es ist gleich so weit. Wunderbar.“

Arbeitet Dr. Glück nicht mehr hier? Naja, die Gynäkologin macht einen ebenso kompetenten Eindruck wie Dr. Glück. Allerdings hat sie sich gar nicht mit Namen vorgestellt.

„Da ist schon das Köpfchen.“ Die Gynäkologin greift zu, dann geht alles ganz schnell. „Pressen sie. Ja, genau. Sehr gut. Gleich haben wir ihren Sohn.“

Und dann ist er da. Maurice. Er schreit. Maurice hat eine kräftige Stimme. Lisa sieht erleichtert aus.

Ulrich drückt sich mit blasser Nase auf dem Flur der Entbindungsstation herum und schaut kurz rein. Ich zeige ihm einen Daumen nach oben. Er atmet auf.

„So, jetzt können sie noch die Nabelschnur durchschneiden. Wollen sie, Herr Krönlein?“

„Na klar.“

Ein Clip wird auf die Nabelschnur gesetzt. Dann darf ich schneiden.

„Legen sie ihrer Frau den Kleinen auf den Bauch.“

Ich kenne mich inzwischen aus. Im Moment denke ich wieder an die Geburt von Francis. „Lisa, schau nur. Unser zweiter Junge. Und schau nur, wie schön er ist.“

Lisa schaut mich glücklich an. Sie hat es geschafft. Und unserem Kleinen fehlt nichts, so weit ich das sehen kann. Sehr gut.

Die Gynäkologin wendet sich mir zu. „Wenn alles gut geht, dann kann ihre Frau übermorgen wieder nachhause. Sie müssen zuhause aber gut für sie sorgen.“

„Das tue ich. Ich werde für alles sorgen.“ Ich lächele.

Ich setze mich neben Lisa. Und ich schaue beide an. Lisa und Maurice bereiten mir einen wundervollen Anblick. Dann kommt die Hebamme, und will Maurice ankleiden. Er darf nicht auskühlen, so schön der Moment auch war, als er auf Lisas Bauch lag.

Heimkehr

Liebe Lisa,

am Montagvormittag war es so weit. Du bist zusammen mit Maurice nachhause gekommen. Francis hat gestaunt, als er sein kleines Brüderchen sah. Jetzt ist unsere Familie gewachsen. Und ich bin sehr glücklich. Es ist jetzt die schönste Zeit meines Lebens. Du, Lisa. Und Francis, Maurice und ich.

Und vorbei ist die schwere Zeit, in der wir uns so sehr sorgten, ob Maurice gesund zur Welt kommt. In allen Untersuchungen ist er bis jetzt unauffällig. Ich bin froh. Und ich sehe auch Dir die Erleichterung an.

Niemand, der nicht schon einmal selbst Kummer um ein Kind hatte, kann das Leid und die Schwere verstehen, die wir in der Schwangerschaft hinnehmen mussten. Aber das ist jetzt vorbei.

Ich kümmere mich weiter um den Haushalt. Ich halte Dir den Rücken frei, dass Du im Sommer in Ruhe Dein Erstes Staatsexamen ablegen kannst. Ich bin da.

Meinen neuen Lehrverpflichtungen kann ich bequem von hier aus im Tele-Learning nachkommen. Ach – ich habe es Dir noch gar nicht gesagt. Ich wurde an der George Washington University zum Professor ernannt. Ich bin jetzt das jüngste Fakultätsmitglied.

Heute Abend koche ich ganz lecker für uns. Ich mache uns Kiwi-Halloumi-Burger mit Joghurt-Aioli dazu Kartoffelspalten und Salat. Ich bin mir sicher, dass Francis das auch mag. Und Du sowieso.

Ein Call aus Genf

Mein Holokrypt-Tattoo flasht. Es ist Jael. Ich nehme den Call an, und sofort erscheint Jaels Avatar über meinem Handgelenk. „Hallo, Lars.“

„Hallo, Jael. Wie geht es dir in Genf?“

„Ich hatte dich ja bereits in Tel Aviv kurz eingeweiht. Wir kommen mit unseren neuesten Messergebnissen nicht weiter. Die Daten im Pentaquark-Ring stellen alles, was wir bisher über die Materie vermuteten, auf den Kopf. Zugleich sind die Ergebnisse so komplex, dass wir nicht wissen, wie wir das alles verstehen und einordnen sollen.“

„Wie ich damals schon sagte – vielleicht sind eure Messergebnisse nur deshalb so komplex, weil euer Experimentalaufbau so komplex ist. Die Antwort, die man erhält, hängt von der Art zu fragen ab. Einfache Versuchsaufbauten liefern einfache Antworten. Komplexe Versuchsaufbauten liefern komplexe Antworten. Im CERN stellt ihr komplizierte Anfragen an die Natur. Und ihr bekommt daher auch schwer verständliche Antworten. So würde ich die Sache sehen.“

„Könntest du für ein oder zwei Tage nach Genf kommen? Ich würde dir gerne zeigen, womit wir es zu tun haben.“

„Da muss ich mich mit Lisa absprechen. Unser Maurice ist letzte Woche zur Welt gekommen. Ich mag Lisa im Moment nicht alleine lassen.“

„Das verstehe ich, Lars. Bitte melde dich, sobald du dich mit deiner Frau abgesprochen hast.“

Wir beenden den Call.

Lisa fragt mich „War das Jael?“

„Ja. Sie fragt, ob ich ein oder zwei Tage nach Genf kommen kann. Sie will mir etwas am Teilchenbeschleuniger vorführen. Es dreht sich um irgendein Phänomen, das sie nicht einordnen können.“

„Wenn du diese Woche noch bei mir bleiben könntest, wäre das gut. Wenn du dann weg bist, kann ja Kerstin mehr hier sein und sich um Francis kümmern.“

„Kerstin kann auch für euch kochen.“

„Ja. Das kann sie. Allerdings ist es kein Vergleich mit deinen Kochkünsten. Aber für ein oder zwei Tage werden wir es verkraften.“ Lisa lächelt mich an. „Magst du Maurice die Windel wechseln?“

„Ja. Natürlich.“

Lisa gibt mir unseren Sohn. Und dann verschwinde ich mit ihm im Badezimmer.

Genève Aéroport

Wir gehen bereits in den Sinkflug. Der Grund kommt immer näher. 300 Fuß. 200 Fuß. 100 Fuß. Touchdown.

Die Crew meldet sich. „Dürfen wir sie bitten, zu ihrer eigenen Sicherheit solange angeschnallt sitzen zu bleiben, bis wir die endgültige Parkposition erreicht haben und die Anschnallzeichen über ihnen erloschen sind. Kapitän Schwyzer und seine Crew wollen sich von ihnen noch ganz herzlich verabschieden. Wir hoffen, sie hatten einen angenehmen Aufenthalt hier bei uns an Bord. Wir wünschen ihnen eine schöne Zeit in Genf, und wir sagen ‚Vielen Dank, dass sie heute unsere Gäste waren.‘ Vergewissern sie sich bitte, dass sie nichts Persönliches bei uns an Bord vergessen haben. Bis zu ihrem nächsten Flug mit Swiss. Tschüss. Servus. Und auf Wiedersehen.“

Das Anschnallzeichen erlischt. Ich verlasse meinen Sitz. Ich muss nicht zur Gepäckausgabe. Ich habe nur Handgepäck dabei. Ich bleibe ja nur kurz. Ich habe für übermorgen schon einen Rückflug reserviert. Wenn wir schneller durch sind, dann fliege ich auch morgen schon zurück. Ich mag Lisa und die Kinder nicht so lange allein lassen. Nicht jetzt.

Am Gate erwartet mich bereits Jael, Ich habe fast vergessen, wie schön sie ist. Sie ist groß, schlank und hat wundervolle schwarze Haare. Und die warme Farbe in ihren dunkelbraunen Augen nimmt mich wieder ganz in ihren Bann. Ich muss aufpassen, ich fange fast schon wieder an, zu schwärmen.

„Hallo Lars. Magst du erst etwas essen gehen, oder wollen wir gleich zum CERN?“

„Ich schlage vor, wir nehmen eine kleine Mahlzeit mit. Und eine große Thermoskanne mit Kaffee. Und dann machen wir uns gleich an die Arbeit. Ich möchte verstehen, was dich so sehr in deiner Forschung bewegt, dass du mich dazu rufst.“

Der Pentaquark-Ring

Wir nehmen ein Taxi zum Haupteingang des CERN in Meyrin. Die Gebäude wirken schlicht und nüchtern. Es sieht fast ein bisschen langweilig aus. Die Architektur lässt sich mit dem Zentrum für Nanowissenschaften in Tel Aviv nicht vergleichen.

Da fällt mein Blick auf ein interessantes Gebäude, das besonders heraussticht. „Was ist das für eine Halbkugel, Jael?“

„Das ist der Wooden Dome. Hier finden Veranstaltungen und Ausstellungen statt. Wir fahren aber gleich weiter zum Pentaquark-Ring, Lars.“

Vor einem unscheinbaren, kleinen Gebäude bleiben wir stehen.

„Ist in diesem Gebäude der Pentaquark-Ring? Ich hatte es mir größer vorgestellt.“

„Der Pentaquark-Ring liegt gute zwanzig Meter unter der Erde und besteht aus einem zwanzig Kilometer langen Ringtunnel. Der Pentaquark-Ring ist etwas kleiner als der Large Hadron Collider.“

„Müssen wir unter die Erde?“

„Ja. Dieser Aufzug fährt uns nach unten. Komm, Lars.“

Wir besteigen einen Fahrstuhl. Sanft setzt er sich auf dem Weg nach unten in Bewegung.

„Ich wundere mich, dass es nicht genügt, mir die Sensorbilder von euren Experimenten zu senden, Jael.“

„Wir sehen während der Durchführung der Kollisionen etwas sehr Myteriöses auf den Sensoren, das dann aber in den Aufnahmen, die wir anfertigen, unsichtbar bleibt.“

„Und was seht ihr da?“

Inzwischen sind wir im zwanzig Meter unter der Erdoberfläche liegenden Ringtunnel angekommen. Wir verlassen den Fahrstuhl.

Jael schaltet die Lichter ein und schaut mir direkt in die Augen. Sie spricht ganz leise. „Wir sehen auf unseren Sensoren etwas wie einen Schatten. Es hat weder Masse noch Ladung.“

„Wie könnt ihr es nachweisen, wenn es weder Masse noch Ladung hat? Welche Eigenschaften hat das Phänomen dann überhaupt?“

„Sieh es dir selbst an, Lars.“

Jael schaltet das System ein. Ein leises Surren ertönt. „Ich löse jetzt eine Kollision im Teilchenbeschleuniger aus. Achte genau auf den Detektor. Es ist nur sehr kurz zu sehen. Und es gelingt uns nicht, es im Datenspeicher zu halten.“ Jael drückt einen Knopf. Ein leises Zischen ertönt.

Die Teilchenkollision erzeugt ein buntes Bild. Jael erklärt mir, was wir sehen. „Zentral ist eine rote Punktwolke. Sie ist der Ort der eigentlichen Kollision. Und hier siehst du am Rand weitere Wolken und schleifenförmige Bewegungen der Pentaquarks. Farbe und Position sagen etwas über Ladung und Masse der Teilchen.“

„Und was wolltest du mir zeigen?“

„Auf dieser Aufnahme ist es nicht mehr zu sehen. Du musst sehr konzentriert im Moment des Aufpralls auf den Detektor schauen. Im Datenspeicher bleibt das Phänomen unsichtbar.“

„Na gut. Löse noch eine Kollision aus.“

Jael drückt den Knopf. Wieder ein leises Zischen. Ich sehe etwas über den Schirm huschen. „Da war etwas. Es flog von der Mitte zum linken Rand fort.“

„Ja, Lars. Und nun zeige ich dir die Aufnahme. Siehst du? Es ist keine Spur von der Mitte zum Rand mehr sichtbar.“ Jael zeigt mir das Bild im Speicher des Detektors.

Ich schüttele den Kopf. „Kannst du es mir noch einmal vorführen?“

Jael betätigt erneut den Knopf. Zischen. Dann die Kollision. „Diesmal huschte es von der Mitte zum rechten Rand fort. Ich wundere mich, wie auf den Sensoren etwas zur Abbildung kommen kann, das keine Masse und keine Ladung hat.“

Sie schaut mich ratlos an. „Wie wollen wir weiter vorgehen?“

Ich kratze mich am rechten Ohr. „Wenn es keine Masse und keine Ladung hat, dann ist es vielleicht reine Information.“

„Aber Lars, kann Information auch unabhängig von Materie bestehen? Unabhängig von Masse und Ladung? Information braucht doch ein Trägermedium.“

„Vielleicht entdecken wir hier etwas Neues. Etwas, was unabhängig von Materie existiert.“

„Reine Information…“ murmelt Jael. „Was machen wir jetzt?“

„Lass uns mal an die frische Luft gehen. Ich kann mich hier in diesem dunklen Keller nicht konzentrieren.“

„Gut, Lars. Willst du mit mir in den Wooden Dome gehen? Dort habe ich einen Konferenzraum für uns gebucht.“

„Ja. Und dann fällt uns vielleicht ein, wie wir weiter vorgehen könnten. Vergiss nicht unser Essen und unsere Thermoskanne.“

Jael packt beides wieder ein. Wir fahren mit dem Fahrstuhl nach oben und treten hinaus ins Licht.

Das Lächeln

Lieber Lars,

ich habe heute ein wundervolles Foto von Francis und Maurice gemacht. Francis hat Maurice angeschaut und als großer Bruder dabei ganz lieb gelächelt. Das Bild ist ein toller Schnappschuss. Ich sende es Dir. Ist das nicht ein Bild voller Anmut und Zauber?

Ich bin froh, dass Du morgen wieder nachhause kommst. Du fehlst uns.

Deine Lisa.

Wooden Dome

Jael reibt sich die Augen. Dann schaut sie mich an. „Was würdest du empfehlen?“

„Wir müssen die Auflösung vergrößern, wenn wir auf den Sensoren mehr erkennen wollen.“

„Unsere Sensoren haben eine Auflösung von 800 Nanometern. Das ist die Wellenlänge des roten Lichts. Feinere Sensoren gibt es nicht.“

„Ich spreche nicht von der räumlichen Auflösung.“

Jael schaut mich zweifelnd an. Sie zögert. Dann fragt sie mich. „Wie meinst du das?“

„Ich spreche von der zeitlichen Auflösung.“

Ich sehe das Erschrecken in Jaels Augen. „Du willst erneut den quantenmechanischen Effekt des Quantencomputers nutzen…“

„Meinst du, wir bekommen ein Exemplar aus Israel?“

„Noah Rubinstein und Samuel Kaikov verwalten das Kontingent an Quantencomputern der dritten Generation. Ich müsste mich bei ihnen melden.“

„Magst du den beiden sofort einen Call senden?“

„OK.“ Jael greift an ihr Handgelenk. Sie wählt den Konferenzmodus mit den beiden. Und sofort erscheinen zwei rotierende hellblaue Kugeln als Avatare über ihrem Holokrypt-Tattoo. „Hier ist Jael. Wir brauchen am CERN einen Quantencomputer der dritten Generation. Könnt ihr uns helfen?“

Noah ist der erste, der sich hierzu äußert. „Abraham Mandelzweig hat damals verfügt, dass keiner dieser Quantencomputer außer Landes gehen darf.“

Samuel klingt auch eher ablehnend. „Unsere Sicherheitsinteressen sind betroffen. Ich halte das für keine gute Idee. Was habt ihr überhaupt vor?“

„Wir wollen parallel zu unserem Teilchenbeschleuniger einen quantenmechanischen Effekt ausüben.“

„Wir würden euch einen Remotezugriff auf den Quantencomputer einrichten. Dann könnt ihr von Genf aus auf den Computer zugreifen.“

„Nein, Noah. Es muss hier, vor Ort in Genf, eine lokale Verwerfung des Raum-Zeit-Kraft-Simulationsdichte-Kontinuums erzeugt werden. Dazu muss der Quantencomputer in der Nähe des Detektors des Pentaquark-Rings stehen.“

„Kann man den Aufbau nicht hierher nach Tel Aviv bringen?“

Jael schüttelt den Kopf. „Einen Tunnelring mit zwanzig Kilometern Länge kann man nicht eben mal nach Israel schaffen. Wir müssen eine andere Lösung finden.“

Noah meldet sich wieder zu Wort. „Wir besprechen uns und melden uns wieder.“

Jael, Noah und Samuel beenden den Call.

Ich reibe mich am rechten Ohr. „Also, bis morgen werden wir da wohl keine Lösung haben. Ich kann eigentlich wieder nachhause fliegen.“

„Ja, Lars. So sehe ich das auch. Du kommst wieder?“

„Wenn der Quantencomputer aus Tel Aviv da ist. Ja.“ Ich nehme schon heute – und nicht erst übermorgen – eine Maschine zurück nach Frankfurt. Lisa wird mir um den Hals fallen. Und Francis auch. Und Maurice wird meinen Finger umfassen. Ich bekomme Herzklopfen, wenn ich an meine Familie denke.

Die Überraschung

„Papa, Papa.“ Francis springt auf meine Arme hoch, als er mich zur Tür reinkommen sieht.

„Du bist ja heute schon wieder da.“ Lisa freut sich ebenso und gibt mir einen Kuss.

„Der Experimentalaufbau muss noch angepasst werden. Wenn alles steht, fahre ich wieder nach Genf.“

„Wann wird das sein, Lars?“

„Das kann ich noch nicht abschätzen. Abraham Mandelzweig hat damals verfügt, dass kein Quantencomputer der dritten Generation Israel verlassen darf. Und wir können ja nicht so einfach mit dem Teilchenbeschleuniger nach Tel Aviv umziehen.“

„Auf jeden Fall ist es eine wunderbare Überraschung, dass du heute schon wieder zurückgekehrt bist.“

„Habt ihr schon zu Abend gegessen?“

„Nein.“

„Ich mache uns ein einfaches Essen. Ich mache uns Kartoffelpuffer mit Apfelmus. Wollt ihr?“

Lisa und Francis jubeln.

Ich verschwinde in der Küche. Ich suche alle Zutaten. Ich reibe zuerst die geschälten Kartoffeln und die Zwiebeln, vermische beides in einer großen Schüssel mit Eiern, Mehl, Salz und Pfeffer. Ich knete alles gut durch. Dann erhitze ich in der Pfanne Öl. Das Backen geht los. Francis steht als Erster mit seinem leeren Teller neben mir. Er bekommt den ersten Kartoffelpuffer. Dann serviere ich Lisa den nächsten. „Fangt ruhig schon an, zu essen. Ich backe jetzt noch die restlichen Kartoffelpuffer und komme dann zu euch an den Esstisch.“

„Ich nehme gerade noch die wichtigste Zutat mit, Lars.“ Lisa greift nach dem Glas mit dem Apfelmus. Ich schaue ihr hinterher, als sie die Küche verlässt. Dann backe ich weiter. Es ist herrlich, zuhause zu sein.

Studentenparty

„Ulrich hat uns heute Abend zur Physikumsparty eingeladen. Wollen wir gehen, Lars?“ Lisa schaut mir in die Augen. Ich sehe, sie mag gerne mal raus.

„Ja. Hat Kerstin heute Abend Zeit?“

„Ich habe schon mit ihr gesprochen. Sie könnte es einrichten, zu kommen.“

„Dann hat dieser Ulrich also seine Zahnärztliche Zwischenprüfung bestanden?“

„Ja.“

„Na, dann kann er ja als Cand. med. dent. die Familientradition fortsetzen. Warum brauchen die Zahnmediziner eigentlich ein Semester länger als die Humanmediziner bis zum Physikum?“

„Na, Ulrich musste ja noch die ganzen Zahntechnikkurse machen. Und er musste Phantome behandeln.“

„Phantome?“

„Ja. Das sind Puppen aus Kunststoff, denen er Zahnersatz und Füllungen anfertigt.“

„Ulrich hat eine Gummipuppe behandelt?“ Ich kann mir ein Grinsen nicht verkneifen.

„Es heißt ‚Phantom‘. Da legt Ulrich Wert drauf.“

Es klingelt. Lisa geht an die Tür. Kurz darauf ruft sie mir zu: „Das ist Kerstin. Wir können los.“

Als wir am Carolinum eintreffen, folgen wir dem süßlichen Geruch, der aus dem Untergeschoss zu kommen scheint. Ich schaue Lisa an. „Gibt es heute wieder eine Feuerzangenbowle?“

Ulrich kommt uns aus dem Raum der Fachschaft entgegen. „Kommt, wir haben bereits angefangen.“

„Gibt es eine Feuerzangenbowle?“

„Ja. Im Carolinum wird allerdings kein Alkohol ausgeschenkt. Die Bowle ist ohne Umdrehung.“

„Ja, das ist auch besser für mich während der Stillzeit.“ Lisa lächelt Ulrich an.

Eine andere Kandidatin aus Ulrichs Semester singt voller Inbrunst und a capella „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn“. Sie hat eine phantastische Stimme. Ich frage mich, ob sie Gesangsunterricht nimmt. Lisa und ich hören ihr zu.

Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh'n

Und dann werden tausend Märchen wahr

Ich weiß, so schnell kann keine Liebe vergeh'n

Die so groß ist und so wunderbar

Ich lache. „Also, dass der UIrich sein Physikum geschafft hat, ist wirklich ein Wunder. Jetzt können nach der Zahnärztlichen Zwischenprüfung tausend Märchen wahr werden.“

Ulrich hört mich. „Ja, Lars. Und jetzt geht es an die Behandlung der Patienten. Jetzt beginnt der spannende Teil des Studiums.“

Ich gehe zu Ulrichs Kommilitonin, die so schön gesungen hat und spreche sie an. „Du hast eine gut ausgebildete Stimme. Aber ich kannte das Lied gar nicht, das du gesungen hast.“

„Der Text ist von Bruno Balz. Er engagierte sich im Dritten Reich in der Homosexuellenbewegung und wurde von der Gestapo mehrfach verhaftet. Nachdem er aus den Folterkellern der Geheimen Staatspolizei entlassen worden war, schrieb er das unvergessene Lied ‚Davon geht die Welt nicht unter‘. Beide Lieder sang Zarah Leander.“

„Magst du das Lied auch singen? Ich würde es sehr gern hören.“

Sie geht zu Ulrich. Der bittet alle Anwesenden um Ruhe. Dann singt seine Kommilitonin nochmals.

Davon geht die Welt nicht unter

Sieht man sie manchmal auch grau

Einmal wird sie wieder bunter

Einmal wird sie wieder himmelblau

Ich frage, nachdem sie das Lied beendet hat, nach ihrem Namen. „Wie heißt du?“

Sie lächelt. „Nenne mich Zarah.“ Dann verschwindet sie in der Menge der Studenten. Ulrichs Kommilitonin bleibt ein Geheimnis.

Die Stimmung ist sehr ausgelassen, obwohl die Feuerzangenbowle alkoholfrei ist. Zwei frische Kandidaten der Zahnmedizin knutschen in der Ecke des Fachschaftsraums. Ich stoße Lisa an. „Ob die sich vorher auch die Zähne geputzt haben?“

„Wieso?“

„Na, wegen der Übertragung der Kariesbakterien…“

„Keine Ahnung, Lars.“

Ulrich zitiert gern aus der Feuerzangenbowle. Er hat seinen großen Auftritt mit einem Glas alkoholfreiem Punsch in der rechten Hand. Er spricht den Schüler Pfeiffer und seinen Lehrer:

„‚Sehen sie, Pfeiffer, es ist nichts mit ihnen. Sie werden immer dümmer! In allen Fächern sind sie gut – nur in Deutsch werden sie immer schlimmer.‘

‚Deutsch liegt mir nicht, Herr Lehrer.‘

‚Ja, was wollen sie denn einmal werden, Pfeiffer?‘

‚Das weiß ich noch nicht.‘

‚Suchen sie sich einen Beruf, bei dem sie nicht viel zu schreiben haben. Am besten Zahnarzt.‘“

Alle lachen und heben dann das Glas. Lisa und ich trinken feste mit. Mir ist die Bowle allerdings zu süß. Egal. Ulrich macht nur einmal Physikum.

Neuigkeiten aus Tel Aviv

Mein Holokrypt-Tattoo flasht. Ich nehme den Call an. Jaels Avatar erscheint über meinem Handgelenk. „Lars, wir können nächste Woche starten.“

„Kommt nun doch ein Quantencomputer aus Tel Aviv?“

„Ja. Er kommt mit einer Sondermaschine von El Al. Und er wird zwei Begleiter haben.“

„Zwei Begleiter?“

„Noah Rubinstein und Samuel Kaikov werden den Quantencomputer eskortieren.“

„Nicht schlecht. Dann ist ja unsere alte Truppe fast wieder beisammen.“

„Ja, Lars. Nur Abraham Mandelzweig ist nicht mehr unter uns.“

„Manchmal denke ich noch an Abraham und vermisse ihn, Jael.“

„Ich auch.“

„Wann soll ich in Genf eintreffen?“

„Kannst du schon am Montag da sein?“

„Ich spreche mit Lisa. Ich denke, es sollte möglich sein.“

Wir beenden das Gespräch. Lisa schläft noch. Gestern Abend ist es auf der Studentenparty spät geworden. Aber ich höre Maurice. Ich glaube, er möchte gestillt werden. Ich hole ihn und bringe ihn zu Lisa. Und da kommt auch schon Francis. Wie schön. Wir stehen jetzt alle auf. Und ich bereite uns das Frühstück vor.

Francis beobachtet jede meiner Handbewegungen.

Ich schäle Grapefruits und richte die Schnitze in einer Schüssel an. Dazu brate ich Rührei und toaste Brot. Auf dem Esstisch im Wohnzimmer decke ich den Tisch mit dem Frühstück.

Francis setzt sich an den Tisch, und Lisa kommt mit Maurice zu uns. Sie legt ihn in eine Wippe, die auf dem Boden steht. Dann essen wir gemeinsam.

„Hattest du heute Morgen schon telefoniert? Ich dachte, ich hätte dich sprechen gehört.“

„Ja, Lisa. Jael sandte mir einen Call. Nächste Woche können wir unser Experiment starten. Bist du einverstanden, dass ich noch einmal für zwei oder drei Tage nach Genf fliege?“

Lisa nickt. Ich freue mich, dass sie mit meiner Reise einverstanden ist.

Goodbye

Francis ist im Kindergarten. Lisa begleitet mich zusammen mit Maurice zum Terminal des Rhein-Main Airports. Am Gate haben wir noch kurz Zeit, uns voneinander zu verabschieden. Mein Boarding startet in zehn Minuten. „Ich liebe dich, Lisa.“

„Ich liebe dich auch, Lars. Ich werde dich immer lieben.“

„Und du bist nicht eifersüchtig auf Jael? Du weißt, dass du dazu keinen Grund hast?“

„Ja, Lars. Ich vertraue dir. Es ist alles gut. Du kommst ja wieder.“

„Ja.“

Wir umarmen uns. Ich strecke Maurice meinen Zeigefinger entgegen. Er umklammert ihn sofort mit seiner kleinen Hand.

„Wie spektakulär ist das Projekt, an dem du jetzt wieder mit Jael arbeitest?“

„Ich kann es nicht abschätzen. Ich glaube, wir weisen etwas nach, was keine Materie ist.“

„Aber in einem Teilchenbeschleuniger wird doch Materie beschleunigt. Wie kann man da etwas anderes als Materie nachweisen?“

„Ich kann es nicht sagen, Lisa. Ich weiß es nicht.“

„Pass bitte gut auf dich auf, Lars.“ Lisa sieht besorgt aus.

„Es wird ein neues Abenteuer. So viel steht fest. Aber ich vertraue darauf, dass wir sicher sind, bei dem was wir tun und entdecken.“

Der Aufruf zum Boarding geht über die Lautsprecheranlage. Wir umarmen uns. Dann breche ich auf. Ich schaue noch einmal zurück. Lisa und Maurice sehen sehr schön aus.

Lisa winkt mir zu.

Und ich nicke ihr zu. Ich halte mein Handgelenk an den Scanner, und die Schranke öffnet sich. Kurz darauf betrete ich meine Swiss-Maschine.

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