Kitabı oku: «Lächeln gegen die Kälte»

Yazı tipi:

Rudolf Alexander Mayr

Lächeln
gegen die
Kälte

Geschichten aus dem Himalaya


Bernd Mihalits † gewidmet,

der mir den Titel dieses Buches vermacht hat.

2., um die Geschichte „Das große Beben“ erweiterte Auflage 2016

© 2014 Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck

Umschlaggestaltung: Tyrolia-Verlag unter Verwendung eines Bildes

von Ralf Gantzhorn (Cover) sowie Kurt Markus, USA (Autorenfoto)

Alle weiteren Abbildungen stammen vom Autor.

Layout und digitale Gestaltung: Tyrolia-Verlag

Lithografie: Artilitho Trento (I)

Druck und Bindung: Alcione, Lavis (I)

ISBN 978-3-7022-3337-2

E-Mail: buchverlag@tyrolia.at

Internet: www.tyrolia-verlag.at

INHALT

Lukla, der Whiskypilot und das Hotel Oriental

Mangale

Sundare

Urkien

Ang Kantschi und der geweihte Tschang

Der zornige Yak und sein seltsames Gedächtnis

Pasang Gyalzen und das Yakherz

Ang Nuri, der Bärenmensch

Kapa Gyalzen und die kosmische Höhenstrahlung

Nima Dorjee und der Wasserbüffel

Das Herz des Lamas und der schwarze Geier

Nima Dorjee und die Zaubersprüche

Herr L. und die Rache der Bereisten

Der Kleine Tendy und der Heiler von Bodnath

Der Große Tendy und das Ende der Abstinenz

Santa Gurung

Die Hunza und ihre Lieder

Pasang und der Kulturtransfer

Lakpa Tiki und die Heimholung

Die Senner von Tangnag

Nima Dorjee und der Wunschbaum

Lukla, das Edelweißfeld und die weißen Yakkälber

Das große Beben

Dank


Der alte Flughafen von Lukla

LUKLA, DER WHISKYPILOT UND DAS HOTEL ORIENTAL

Als im Jahre 1961 Sir Edmund Hillary die Idee kam, auf einem steil abfallenden Kartoffelacker am Eingang zu den großen Bergen des Himalaya ein Flugfeld zu errichten, konnte er nicht ahnen, welche Szenen sich Jahrzehnte später, mit dem aufkommenden Massentourismus, auf diesem plattgewalzten Kartoffelacker abspielen würden.

Freilich hatte zur gleichen Zeit, in einer Art prophetischer Vorahnung, der junge Friedrich Dürrenmatt geschrieben, „… alles musste rentieren und rentierte: sogar die unermesslichen Steinhaufen und Geröllhalden, die Gletscherzungen und Steilhänge, denn seit die Natur entdeckt worden war und sich jeder Trottel in der Bergeinsamkeit erhaben fühlen durfte, wurde auch die Fremdenindustrie möglich: die Ideale des Landes waren immer praktisch.“

Was für die Schweiz galt, würde, etwas zeitverzögert, auch für den Himalaya gelten.

Lukla liegt auf etwa 2800 Metern Seehöhe und ist der Ausgangsort für Bergbesteigungen rund um den Mount Everest. Hier landet man, von Kathmandu kommend, mit kleinen, zweimotorigen Maschinen, die mithilfe von hoffentlich gut funktionierenden Bremsen und der nicht unbeträchtlichen Steigung des plattgewalzten Kartoffelackers es schaffen sollten, vor der großen Steinmauer, die das Ende der Landepiste markiert, auf Schritttempo abzubremsen, nach rechts zu rollen und sich schließlich wiederum für den Abflug zu positionieren.

Damals, als König Birendra noch über eine beinahe unbegrenzte Machtfülle gebot, gab es in Nepal nur eine einzige Fluglinie, die Royal Nepal Airlines Corporation, abgekürzt RNAC. Sie gehörte der Frau des Königs und war in jeder Hinsicht konkurrenzlos. Die einzige Regelmäßigkeit bestand in den legendären Verspätungen und Abstürzen. Deshalb hieß die Fluglinie unter Insidern Royal Nepal Always Cancelled.

Hierher, in dieses kleine Nest Lukla waren wir zurückgekommen, nachdem wir einen sechstausend Meter hohen Berg bestiegen hatten. Wir schrieben als Wochentag den Montag und waren guter Dinge, denn für den nächsten Tag hatten wir einen bestätigten Flug zurück nach Kathmandu und am folgenden Samstag mittels Around the World Ticket nach Bangkok, um in Thailand einen dreitägigen Badeaufenthalt zu genießen, bevor es wieder nach Hause ging. So saßen wir also mit unseren sonnenverbrannten Gesichtern, in der Linken ein Stück frisch erworbenen Käse, in der Rechten eine kühle Flasche Bier, auf einem Steinmäuerchen und blickten frohgemut das Rollfeld hinunter. Vereinzelt grasten Yaks darauf, auch spielende Kinder waren zu sehen und große Schlaglöcher, die mir schon beim Landen vor mehr als drei Wochen Rätsel aufgegeben hatten. Dass hier noch kein Bugrad davongeflogen war, erschien mir wie ein Wunder. Links und rechts der Rollbahn waren, seltenen Trophäen gleich, die Wracks von fünf oder sechs abgestürzten oder sonst wie zu Schaden gekommenen Maschinen drapiert.

In der folgenden Nacht erwachte ich durch Donnergrollen und Blitze, die meine bescheidene Unterkunft bis in den letzten Winkel erhellten. Ein schwerer Dauerregen folgte. Ich schlief beruhigt wieder ein, denn Gewitter gelten in Asien von alters her als Glückszeichen. Am nächsten Morgen regnete es noch immer. Vor dem Büro von Royal Nepal Always Cancelled staute sich schon eine lange Schlange besorgter Bergtouristen. Vereinzelt drangen Rufe des Unmuts nach draußen. Denn das System der RNAC war nach nepalesischer Logik ausgeklügelt: Wer für den Montag beispielsweise einen bestätigten Flug hatte, wurde nicht automatisch am Dienstag eingereiht, falls der Montagflug ausgefallen war, nein: Diese Gruppe wurde wieder an das Ende gereiht und die Dienstaganwärter kamen dran. So konnte es einem passieren, dass Hunderte andere Fluggäste als Nächste zum Zug kamen und der ausgefallene Montagflug erst fünf Tage später nachgeholt wurde. Das Teuflische dieses Systems wurde uns erst bewusst, als es schon einige Tage geregnet hatte.

Aber an diesem Tag waren wir noch guter Dinge, lächelten sogar etwas hämisch über die Ungeduld der anderen westlichen Touristen, die da vor uns standen und den Ort unbedingt verlassen wollten und so gar nichts von der berühmten asiatischen Ruhe angenommen hatten (die wir selbst glaubten, inzwischen gepachtet zu haben).

Als es aber am nächsten Tag, dem dritten Wartetag, noch immer in Strömen regnete und wir um sechs Uhr früh beobachten konnten, wie die Flugfeldkommission über das inzwischen knöcheltief aufgeweichte Flugfeld stapfte, musste ich mir eingestehen, dass meine eigene asiatische Gelassenheit etwas ins Wanken kam. Denn der Samstag würde der einzige Tag eines Anschlussfluges von Kathmandu nach Bangkok sein, und dann eben wieder der Samstag eine Woche später. Es würde keinen anderen Flug geben, und wenn wir hungerstreikend vor dem Königspalast in Kathmandu Harakiri verübten.

Inzwischen war es zwischen den westlichen Bergtouristen vereinzelt zu unschönen Szenen gekommen. Im Kampf um das letzte Stück Toastbrot in Nima Sherpas Laden an der Dorfstraße (der einzigen Straße Luklas, aber was heißt hier schon Straße) waren zwei Touristen mit Eispickeln aufeinander losgegangen, und in der Sherpa Coop Lodge am Rollfeld unten hatte ein Schweizer einen Neuseeländer mittels Uppercut auf die Bretter geschickt. Womöglich war Letzteres aber nur eine Eifersuchtsszene gewesen und hatte mit den verhinderten Flügen nichts zu tun.

Auf jeden Fall stieg die Spannung in diesem kleinen Bergdorf langsam ins Unerträgliche und wurde noch gesteigert durch die Tatsache, dass jeden Tag etwa hundert neue Bergtouristen nach Lukla zurückkamen, die ihre Trekkingtouren und Bergbesteigungen vollendet hatten. Und jeden Morgen ab sechs Uhr fanden wir Expeditions- und Gruppenleiter uns erneut im Tower des Flughafens ein, einer schwindligen Bretterbude am Ende des Rollfelds, um die neuesten Wetternachrichten und Funksprüche aus Kathmandu zu hören. Aber es regnete ohne Ende. Und so wie die schweren Tropfen niedersanken, sank auch die Stimmung in meiner Gruppe.

Ohnehin hatte ich von Anfang an zwei Aufwiegler dabeigehabt, die keine Gelegenheit zur Intrige ausgelassen hatten. Einer (nennen wir ihn Herrn Fröhlich), der Vater einer berühmten Persönlichkeit, war wochenlang durch seinen Geiz und seine Sticheleien aufgefallen. Sein bester Freund, ein milder, altersweiser, pensionierter Arzt, mit dem er zu Hause sein Leben lang jedes Wochenende auf Berge gestiegen war und nun, auf dieser Tour, das gemeinsame Zelt teilte, hatte deshalb schon seit dem vierten oder fünften Tag kein Wort mehr mit ihm gewechselt.

Herr Fröhlich hatte am letzten Tag der Tour einen Dollar, einen einzigen Dollar, den Sherpas als Trinkgeld bezahlt für ihre wochenlangen Buckeleien, und den forderte er jetzt zurück. Denn seiner Meinung nach waren die Sherpas auch für das Wetter verantwortlich.

Der zweite der beiden Spaltpilze war mir auf dem Gipfel des Sechstausenders besonders unangenehm aufgefallen, als er einem Arzt und seiner Frau aus meiner Gruppe, die ihn baten, mit ihrer Kamera ein Gipfelfoto zu machen, einfach im Bildausschnitt die Köpfe abschnitt (wie er mir unmittelbar danach stolz schilderte).

Auch hatte er schon nach dem Abflug von Frankfurt mein ungläubiges Erstaunen erregt, weil er gleich nach Erreichen der Reiseflughöhe mit einer großen leeren Plastikflasche abwechselnd in jeder einzelnen Toilette verschwunden war. Mit der gefüllten Flasche kam er schließlich zufrieden grinsend zurück. Drin befand sich eine helle Flüssigkeit. Ich hatte nicht an mich halten können, als er sich vor mir wieder hinsetzte, und ihn gefragt, was das solle. Zufrieden grinsend hatte er sich umgedreht: „Ich habe ihnen das gesamte Kölnisch Wasser abgezapft“, sagte er und lehnte sich wieder in den Sessel zurück. Diesen Zweifüßer wollen wir Herrn X nennen, denn ich will keine Klage nach dem Pressegesetz riskieren. Er wird später in meiner Geschichte noch eine wichtige Rolle spielen.

Auf die Vorschläge dieser beiden eben genannten Herren zur Lösung der Situation will ich hier aus Gründen des Feingefühls nicht näher eingehen, sie waren jedenfalls nicht dazu angetan, die Stimmung in der Gruppe zu heben. Meuchlings unterstützt wurden sie von einem Dritten in der Gruppe, der den ganzen Tag halblaut vor sich hinsagte: „Meine Mission ist erfüllt!“ (Er war schließlich auf einem sechstausend Meter hohen Berg gestanden – sein Lebenstraum.) Er wiederholte diese Formel ungefähr dreihundert Mal am Tag bei jeder Gelegenheit und wurde dabei nicht gewärtig, dass die anderen, „normalen“ Mitreisenden dabei immer gefährlicher mit den Augen zu rollen begannen. Denn schon beim Anmarsch zum Berg, als ab einer Höhe von über viertausend Metern die meisten der Gruppe mehr oder weniger unter Kopfschmerzen zu leiden begannen, hatte er mit der gleichen Intensität ein anderes Mantra vorgebracht: „Unglaublich, wie ich beisammen bin. Überhaupt kein Kopfweh!“ Dies ebenso an die zwei- bis dreihundert Mal am Tag, beginnend beim Frühstück und endend beim Einschlafen. Nennen wir ihn Herrn L. Er war auf hundert Meter Entfernung an seiner Stoppelfrisur erkennbar, ein immerzu braungebrannter Troglodyt mit einer Knollennase aus einer Nachbargemeinde von Innsbruck, der in den Jahren der Winter-Olympiaden 1964 und 1976, jedoch an Hochsommertagen, angetan mit dem Pullover der österreichischen Skinationalmannschaft, auf der Schulter die Kneissl White-Star-Abfahrtsski, stundenlang die Maria-Theresien-Straße auf und ab marschiert war. So etwas macht einen ungemeinen Eindruck auf die weiblichen Touristen.

Der Morgen des Donnerstags war da. In Lukla gab es inzwischen kein Brot mehr und kein Mehl, auch kein Gemüse, keine Schokoriegel und keine Kekse. Das Frühstück, bestehend aus Reis mit Linsen (Dhal Bat), fand nur mäßigen Beifall in der Mannschaft.

Es regnete in Strömen. Durch den Morast watete ich zum Kontrollturm. Drinnen war die Zahl der Gruppen- und Expeditionsleiter auf etwa fünfunddreißig angewachsen. Die Zahl der wartenden Touristen hatte die fünfhundert überschritten. Der Flughafendirektor saß an seinem wackeligen Holztisch und trug die neuen Anwärter mittels Bleistift in sein Buch ein. Ich beobachtete, wie sein linkes Bein in leichtem, doch deutlich wahrnehmbarem Stakkato auf und ab ging. Er versicherte uns allen (zum tausendsten Mal), dass heute ganz gewiss zwei, wenn nicht drei oder gar vier Twin Otter kämen und alles, aber auch alles, wieder seinen normalen Gang ginge. Er war umgeben von vier oder fünf weiteren Offiziellen. Alle hatten sie das nepalesische Amtskäppchen aufgesetzt, als ob sie damit den Regen aussetzen könnten. Ein argentinischer Expeditionsleiter (seine Mannschaft war gerade vom Everest gekommen) fragte höflich nach, wie sie es denn schaffen wollten, bei diesem Regen Lukla anzufliegen. Denn er wäre mit seiner Gruppe an diesem Tag als Nächster an der Reihe gewesen.

Der Oberkapo bekräftigte, dass es auf jeden Fall heute zu zwei, wenn nicht drei oder sogar vier Flügen kommen würde. Der Argentinier blickte kurz über die Schulter durch die verdreckten Scheiben in den Regen hinaus. Sein Gesicht nahm dabei eine seltsame Starre an. Er hatte erfolgreich seine Gruppe auf den Gipfel des Everest geführt und wieder heil heruntergebracht, doch nun schien er mit seinen Nerven am Ende.

„I don’t believe you any more!“, sagte er schließlich für alle vernehmlich zum Oberkapo.

Dessen Gesicht und die Gesichter der anderen Dienstkappenträger nahmen nun ihrerseits für einen Augenblick eine seltsame Starre an. Und während der Argentinier sich umdrehte und entrüstet über die hennenleiterähnliche Treppe nach unten stieg, nahm der Oberkapo gelassen einen Radiergummi, radierte die Argentinier in seinem Buch einfach aus und setzte sie sorgfältig wieder ein, aber an die letzte Stelle, am Ende der fünfhundert anderen Wartenden. Die Glaubwürdigkeit asiatischer Würdenträger sollte man niemals im Beisein ihrer Untergebenen in Zweifel ziehen.

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass meine bergsteigerische Solidarität mit den Argentiniern nicht so weit ging, dass ich nun Protest einlegte. Denn anstelle der ausradierten Unglücklichen, die erst in vier oder fünf Tagen wieder drankommen würden, waren nun wir an die erste Stelle gereiht. Morgen war Freitag, und da würden wir ganz sicher fliegen und am Samstag den einzigen Anschlussflug der ganzen Woche nach Bangkok erreichen.

Dies schienen nun auch die anderen Gruppenleiter zu erkennen, und wir arrangierten ein konspiratives Treffen in einem Hinterzimmer in Pasang Sherpas Flughafenlodge. Nach dem Mittagessen (Reis mit Linsen) trafen wir uns dort. Die meisten von uns waren in einer Demokratie aufgewachsen und deshalb versprachen wir uns einen durchschlagenden Erfolg im Verfassen von Beschwerdebriefen, die unsere Gruppenmitglieder ebenfalls unterzeichneten und die ich, als besondere Vertrauensperson, dem Tourismusminister in Kathmandu persönlich übergeben sollte. Alles in allem waren es fünfunddreißig Beschwerdebriefe mit etwa fünfhundert Unterschriften, die ich nun sorgfältig in meiner Brusttasche verstaute (in der Schweiz hätte dies beinahe für eine Volksabstimmung gereicht). Erheblich gestärkt durch diesen dicken Packen an Vertrauensvorschuss, machte es mir nun auch weniger aus, als ich in unserer Unterkunft durch die Worte „Meine Mission ist erfüllt“ begrüßt wurde, während im Hintergrund Herr Fröhlich mit Herrn X halblaut die Möglichkeiten von Regressforderungen erörterte.

Das Abendessen (Reis mit Linsen) verlief schweigsam. Das Alarmierende war, dass zusehends auch die „normalen“ Mitglieder meiner Gruppe nervös wurden. Denn der Großteil der Gruppe war durchaus normal, angenehm im Umgang und wohlgesonnen. Doch ein jeder und eine jede, egal ob Arzt, Tankwart, Lokführer oder Sekretärin, musste ab dem bestimmten Datum unserer gebuchten Rückkehr wieder zu arbeiten beginnen, und so blieb auch mir, ähnlich dem nepalesischen Oberkapo Stunden zuvor, nichts anderes übrig, als gebetsmühlenartig zu wiederholen, dass morgen ganz sicher zwei, wenn nicht drei oder gar vier Flugzeuge kommen würden. Dabei blickte ich durch das Fenster nach draußen und dachte mir: „Das glaubst du wohl selbst nicht!“ Denn es regnete noch immer.

Der erste Blick aus dem Fenster um sechs Uhr am Freitagmorgen zeigte mir, dass sich nichts verändert hatte. Nach dem Frühstück (Reis mit Linsen) folgte der zur Routine gewordene Gang zum Kontrollturm, in dem uns der Oberkapo eröffnete, dass Kathmandu Aufhellungen im Verlauf des Tages gemeldet hätte. Seine Assistenten lächelten uns zu, als hätten wir in der spanischen Lotterie den Hauptgewinn gezogen.

Der Vormittag verging mit Nieselregen, Kaffeetrinken und meiner Gruppe zulächeln (Aufhellungen …), aber nach dem Mittagessen (Reis mit Linsen) begann sich auch meine Zuversicht zu verflüchtigen. Denn nach Lukla gab es damals nur am Vormittag Flüge, und nun blieben nur noch wenige Stunden bis zur Dunkelheit (in Nepal dunkelt es im Herbst schon um sechs Uhr abends).

Gegen vierzehn Uhr hörte es plötzlich auf zu regnen, und die Nebel lichteten sich. Vereinzelt grasten wieder Yaks auf den schmalen Streifen von Grün zwischen den Schlaglöchern des Rollfeldes, und Kinder tollten im Gatsch herum. Eine Stunde später ging die Flughafensirene. Alles war in heller Aufregung und starrte angestrengt talauswärts, dorthin, wo das Flugzeug auftauchen musste. Ein Polizist rannte, aufgeregt auf seiner Trillerpfeife blasend, auf das Rollfeld und verjagte die Yaks und die Kinder. Dann legte sich wieder Stille über den Flughafen. So verging etwa eine halbe Stunde. Plötzlich rief einer unserer Sherpas: „Airplane, Airplane“ und deutete aufgeregt talauswärts. Tatsächlich, über dem Thaksindo-Pass schwebte eine Twin Otter heran, drehte in unsere Richtung ab und arbeitete sich zwischen den Nebelfetzen das schluchtartige Tal herein. Auf Höhe von Lukla drosselte sie die Motoren, drehte in Richtung des Flugfeldes, machte einen Moment den Eindruck, als würde sie in der Luft stehenbleiben und sich das Ganze noch einmal überlegen, sank dann schnell und setzte am untersten Rand der Piste auf. Sofort fing sie an abzubremsen und unter dem Geheul der Motoren schaukelte und schleuderte sie bis zu uns herauf und kam unbeschädigt zum Stehen. Gebannt hatten wir bei dem Manöver zugesehen und dabei gar nicht mitbekommen, dass noch eine zweite Maschine im Anflug war, die ebenso landete und sich neben der ersten Maschine auf dem kleinen Platz vor dem Flughafengebäude einreihte. Die Reifen der Maschinen hatten tiefe Spuren auf dem Rollfeld hinterlassen.

In der Annahme, dass wir die Nächsten seien, die an der Reihe wären, näherten wir uns der ersten Maschine, deren Propeller gerade zum Stillstand gekommen waren. Unsere Sherpas waren schon dabei, das Gepäck heranzuschleppen, als mich der Pilot fragte, ob wir die italienische Gruppe seien. Hätte ich doch ja gesagt! Aber so blieb ich bei der Wahrheit und entgegnete: „Nein, wir sind die Österreicher.“

Ja, dann, sagte der Pilot, seien wir erst beim nächsten Flug dabei, denn dieser sei für die Italiener reserviert. (Unsere südlichen Nachbarn, so dachte ich mir in diesem Moment, hatten wohl einen ziemlichen Packen Dollars unter dem Holztisch hinüberwandern lassen, auf dass der Oberkapo den Radiergummi an der richtigen Stelle ansetzt …). Aber wir hatten ja noch das zweite Flugzeug, also war die Sache nicht weiter schlimm. Doch während der Stationsmanager des Flughafens die italienische Expeditionsmannschaft zur Gangway der ersten Twin Otter hineintrieb, die Piloten die Motoren wieder starteten, und die Nebel am Ende der Rollbahn, dort wo sie ins Dudh-Kosi-Tal mit einer Klippe abbricht, in beängstigender Schnelligkeit abermals stiegen – was tat da die Besatzung unseres Flugzeugs?

Sie stiegen seelenruhig aus dem Flugzeug, streckten die Rücken und reckten die Arme, als wandelten sie unter einem wolkenlosen Himmel, und wandten sich dann Dawas Himalaya Lodge zu. Als das Flugzeug mit den Italienern am obersten Ende der Rollbahn stand, mit festgezogenen Bremsen, und die Piloten die Motoren zur höchsten Umdrehung aufheulen ließen und dann die Bremsen lösten, um schaukelnd und schleudernd die aufgeweichte Piste hinunterzudonnern, waren unsere eigenen Eisheiligen bereits in der Tür von Dawas Lodge verschwunden. Ich sah der Italienermaschine nach, wie sie langsam dem Thaksindo-Pass zuschwebte, um gleich dahinter in einer Wolkenbank zu verschwinden, während eine weitere, wesentlich bedrohlichere Wolkenbank in spätestens einer halben Stunde das Ende der Rollbahn verschlucken würde. Ich spürte das unwiderstehliche Verlangen, den Oberkapo aufzusuchen und ihm seinen Radiergummi zum Essen zu geben und gleich anschließend unsere Eisheiligen bei den Ohren ins Cockpit zu hieven.

Beim kurzen Anstieg zu Dawas Lodge beruhigte ich mich wieder etwas. Es blieb ja noch eine halbe Stunde Zeit, bis die Nebel wieder alles verschlungen hätten.

Als ich die Lodge betrat, saß die Crew im Extrazimmer. Dawa, der Hotelbesitzer, den ich schon immer eines gewissen Opportunismus verdächtigt hatte, ließ ihnen gerade einen Imbiss servieren: Tee, Kekse, frischen Toast. Dawa musste heimlich gehortet haben, oder wenigstens rationiert, denn hier saßen sie nun, die beiden Piloten und die Stewardess und der Oberkapo und die lokalen Servicekräfte von Royal Nepal Always Cancelled, und mampften und tranken und lachten und ließen es sich schmecken.

Ich sammelte all meinen in den vorherigen Wochen gesammelten asiatischen Gleichmut und räusperte mich vernehmlich: „Die Nebel steigen“, sagte ich. „Und zwar schnell.“

„Machen Sie sich keine Sorgen“, sagte der Pilot. „Wir werden fliegen!“

„Wann?“

„Heute. Wir nehmen hier nur noch einen kleinen Imbiss zu uns!“

„In einer halben Stunde werden wir die Hand vor den Augen nicht mehr sehen!“

„Wir werden fliegen!“, widersprach er.

Ich überlegte. Ich war hier zweifelsfrei in einen Zirkel von Wahnsinnigen gelangt. Um einen Wahnsinnigen zu verstehen, sagte ich mir, musste man sich in das Innerste des Wahnsinns begeben, dort, wo keine Zirkulation mehr bestand. Wie in einem Taifun.

„Tss, tss, das bisschen Nebel“, sagte ich deshalb, „und das bisschen Regen. Das macht uns doch eigentlich gar nichts aus.“ Ich lächelte zuerst den Captain, dann den Oberkapo an.

„So ist es“, sagten sie fast zugleich und lächelten zurück.

„Wir werden fliegen. Heute noch. Sie können sicher sein. Hundertprozentig.“

Ich verließ den Gastraum, und sie wandten sich wieder ihrem Imbiss zu. Während ich überlegte, was ich meiner aufgebrachten Gruppe als Trost mitteilen sollte, hörte ich schon das vertraute Trommeln des wieder stärker werdenden Regens auf den Blechdächern. Das Ende der Landepiste war schon nicht mehr zu sehen, und die Nebel waren noch immer im Steigen. Es war vier Uhr nachmittags.

In der Unterkunft angekommen, versuchte ich meine Gruppe zu vertrösten (beim ersten Aufhellen, und sonst morgen früh … usw. usf.). Dann sah ich aus dem Augenwinkel, wie die Crew die Lodge verließ und das Flugzeug ansteuerte. Für einen kurzen Moment tat mein Herz einen hoffnungsvollen Hüpfer, aber nein, knapp vor dem Betreten des Flugfeldes schwenkten sie gemeinsam nach links ab und steuerten die Sherpa Coop Lodge an. Das verhieß nichts Gutes. Ich ließ in meiner Unterkunft noch etwa eine halbe Stunde alle möglichen Drohungen inklusive Regressforderungen über mich ergehen, wartete das vertraute und überaus tröstliche „Meine Mission ist erfüllt!“ ab und suchte dann umgehend mein Zimmer auf. Hier halfen nur mehr drastische Maßnahmen.

Ich entnahm der Deckeltasche meines Rucksacks ein handliches Päckchen Dollarscheine. Dies waren ungefähr zwei Monatslöhne eines Captains. Was die Italiener konnten, das sollte ich doch auch können. Entschlossen machte ich mich zur Sherpa Coop Lodge auf.

Inzwischen war etwa eine Stunde vergangen.

Das Innere der Sherpa Coop Lodge bestand in der Hauptsache aus einem großen Raum mit einem offenen Kamin. Draußen war es noch nicht dunkel, aber man hatte schon ein Feuer entzündet, und davor saßen nun meine Eisheiligen und wärmten sich die Hände. Eine zusätzliche Wärmequelle war der Whisky, der auf dem kleinen Tischchen stand. Freudig musste sich der Captain davon genehmigt haben, denn die Flasche Johnnie Walker Red Label war schon halb leer. Nur der Co-Pilot saß bescheiden daneben und nippte an seinem Tee.

Ich bat den Captain höflich vor die Tür. Etwas schwankend folgte er mir.

„Hören Sie“, sagte ich, „die Nebel lichten sich gerade etwas. Wir haben noch eine Stunde Zeit bis zum Dunkelwerden. Könnte nicht Ihr Co-Pilot …?“

Ich hielt ihm das Päckchen Dollarscheine unter die Nase. Für einen kurzen Moment betrachtete er es, musste sich dann aber seines eigenen Schwankens allzu sehr bewusst geworden sein.

„Der Co-Pilot schafft das nicht“, sagte er dann und hielt sich am Türstock.

„Aber ich bitte Sie“, versuchte ich ihn zu ermuntern, „mit Ihrer Anleitung!“ Ich wedelte verführerisch mit dem Päckchen Dollarscheine unter seiner Nase. Wieder blickte er angestrengt hin.

„Nein, nicht möglich“, lallte er dann und schwankte zurück zu seinem Tisch. Ich steckte das Päckchen mit den Dollars wieder ein und zog ein anderes heraus, das mit den Beschwerdebriefen von den etwa fünfunddreißig Gruppen, die sich hier in Lukla inzwischen angesammelt hatten.

„Bist du nicht willig …“, so murmelte ich und baute mich vor dem Captain auf. Inzwischen hatte man ihm nachgeschenkt, und er tat einen tüchtigen Schluck. Sein Zustand drohte sich besorgniserregend zu verschlimmern, aber ich baute noch immer auf den Co-Piloten.

Ich zog das Paket mit den Beschwerdebriefen aus dem Anorak.

„Ich habe hier“, sagte ich und machte eine kurze dramaturgische Pause, bevor ich fortfuhr: „fünfunddreißig Beschwerdebriefe mit fünfhundert Unterschriften verschiedener Nationen. Die werde ich dem Tourismusminister vorlegen, wenn Sie es, verdammt noch einmal, nicht schaffen, Ihren Flieger klarzumachen und uns nach Kathmandu zu bringen.“

Der Captain war aufgestanden und gerade dabei, die fünfunddreißig Zentimeter Mindestabstand zu meinem Gesicht, die für die Wahrung der Intimsphäre nun einmal notwendig sind, zu unterschreiten.

„Dem Tourismusminister?“, fragte er. Seine Augen waren schon etwas blutunterlaufen.

„Dem Tourismusminister“, bekräftigte ich.

Da ließ er das halbvolle Whiskyglas demonstrativ fallen.

„Das können Sie ruhig“, sagte er. „Aber es wird Ihnen nichts bringen. Der Tourismusminister ist nämlich mein Onkel!“

Sagte es und ließ sich wieder in den Stuhl fallen, während ihm der Wirt ein frisches Glas brachte.

Ich ging entlang der Rollbahn zurück zu meiner Lodge. Es hatte wieder stärker zu regnen begonnen. Der abendliche Reis mit Linsen wollte uns gar nicht recht schmecken. Morgen hätten wir vom Tagesanbruch bis zum Anschlussflug in Kathmandu allerhöchstens zweieinhalb Stunden, denn der Abflug nach Bangkok war um viertel nach elf angesetzt.

Es regnete bis halb sechs Uhr früh. Um sechs blickte ich durch das Fenster der Lodge auf das Rollfeld. Drei Personen stapften darin mit gesenkten Köpfen auf und ab. Sie sanken bis zu den Knöcheln im Morast ein. Es waren der Oberkapo, unser Captain und ein weiterer Bediensteter. Ich putzte mir provisorisch mit Mineralwasser die Zähne und fuhr in die Hosen. Vor der Lodge prüfte ich die Bewölkung. Acht Achtel bedeckt, doch mit einer Schichtbewölkung. Der Thaksindo-Pass, die Einflugschneise für den Flugverkehr, war frei zu sehen. Hoffnungsfroh schlenderte ich den drei Eisheiligen entgegen.

„Guten Morgen“, sagte ich.

„Guten Morgen“, sagten sie.

„Schaut nicht schlecht aus!“

Der Captain wackelte traurig mit dem Kopf, um den ich ihn heute nicht beneidete. Lama Drum nennen die Sherpas solche Zustände postalkoholischer Natur, weil er sie mit seinem Trommeln an dasjenige der Lamas bei ihren Gesängen erinnert.

„Werden wir jetzt endlich fliegen?“

„Das ist nicht möglich!“ Ich fiel aus allen Wolken.

„Wie das?“

„Das Flugzeug ist kaputt!“

„Kaputt?“ Wie konnte ein Flugzeug über Nacht kaputtgehen?

„The hinge of the door“, sagte er.

„Das möchte ich sehen!“ Auf dem Weg zum Flugzeug fiel mir wieder ein, was hinge hieß: Scharnier.

Und tatsächlich: Die Einstiegstür des Flugzeuges hing schief in den Angeln, denn ein Scharnier war gebrochen.

„Wer was das?“, fragte ich, doch etwas fassungslos.

Der Captain zuckte mit den Schultern: „Materialermüdung, wahrscheinlich.“

„Über Nacht?“

„Das passiert.“

„Sie warten hier!“ Und setzte ein höfliches Bitte! nach. Ich eilte in die Lodge und scheuchte meine Mannschaft auf, die gerade beim morgendlichen Reis mit Linsen saß. Ich berichtete in kurzen Worten das Geschehene, und wir eilten gemeinsam zum Flugzeug.

„Die Ratte hat das Scharnier zerbrochen!“, stieß Herr X scharfsinnig zwischen den Zähnen hervor.

„Was sollen wir jetzt tun?“

„Wisst ihr was?“ Mir war eine blendende Idee gekommen. Ich ließ meinen Blick über die Flugzeugwracks am Rande der Piste schweifen. „Es hat doch ein jeder von euch ein Schweizermesser?“ Alle nickten. „Dort unten, die Flugzeuge. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn wir nicht ein unversehrtes Scharnier finden!“

Wir schwärmten aus, während die drei Eisheiligen wieder dem Tower zustrebten. Eine halbe Stunde lang durchsuchten wir die Wracks der fünf oder sechs Flugzeuge und konnten keine einzige Schraube, geschweige denn ein Scharnier darin finden. Enttäuscht machten wir uns wieder mit unseren Schweizermessern davon und versammelten uns vor unserem Flugzeug.

„Wisst ihr was?“, sagte auf einmal einer aus der Gruppe. „Wir verkleben die Tür mit einem unserer breiten Klebestreifen und steigen dann durch die Tür des Cockpits ein.“

„Und von innen sichern wir die Tür mit einem Kletterseil!“, setzte ich hinzu. Zwei von uns machten sich umgehend auf den Weg, den Klebestreifen und das Seil aus der Lodge zu holen, während sich der Rest von uns zum Tower begab. Dort unterbreitete ich dem Captain meinen Lösungsvorschlag. Doch hatte ich nicht mit seiner geradezu Nestroy’schen Beamtenmentalität gerechnet.

„Das ist nicht möglich“, sagte er. „Denn eine solche schwierige Reparatur darf nur ein lizenzierter Fachmann durchführen.“ (Das gebrochene Scharnier hatte auf jedem seiner zwei Flügel jeweils drei Kreuzschrauben. Ein schwer zurückgebliebener Zehnjähriger hätte diese Reparatur durchführen können.)

„Und wann kommt ein solcher?“, fragte ich.

„Der müsste mit dem Hubschrauber aus Kathmandu kommen. In den nächsten Tagen!“

Von nun an ging auf einmal alles sehr schnell. Denn Herr X, der Kölnisch-Wasser-Entwender und Gipfelbild-Kopfabschneider (er war nicht sehr großgewachsen), drängte sich plötzlich mithilfe seiner Ellenbogen durch unsere Reihen nach vorn und baute sich vor dem Captain auf.

„Kennen Sie Herrn …?“ Er nannte einen asiatischen Namen. Der Captain starrte ihn verständnislos an, und Herr X half seinen grauen Zellen auf die Sprünge: „Der Chef von …“ und nannte eine Weltvereinigung von Fluglinien. Der Captain starrte ihn an. Herr X starrte zurück. „Wenn Sie uns nicht umgehend und sofort von hier wegbringen, dann können Sie Ihre Karriere beim Reinigungspersonal in der Flughafentoilette von Kathmandu beschließen!“

Der Captain war wie ausgewechselt. Fast demütig gab er seine Zustimmung zum Verkleben der Flugzeugtür. Dann kletterte ich über das Cockpit in den Fahrgastraum und spannte die Tür mittels eines Zugknotens, den ich in das Kletterseil machte, in den Rahmen. So, es konnte losgehen.

Und während ich noch sinnierte, über welch dunkle Kanäle unser Kölnisch-Wasser-Entwender den allerhöchsten Chef dieser Weltvereinigung kennen mochte, war meine Gruppe mithilfe der Sherpas schon fleißig dabei, unser Gepäck heranzuschaffen. Doch noch einmal widersetzte sich der Pilot unseren Wünschen, ein letztes Mal erfolgreich: „Sie müssen das Gepäck hierlassen“, sagte er, „denn sonst sind wir zu schwer. Nur die allernötigsten Kleidungsstücke, die Sie am Körper tragen, und die Waschutensilien, die können Sie mitnehmen!“

„Wir werden Ihnen den Rest des Gepäcks nachschicken“, versprach der Oberkapo.

„Umgehend. Mit einem der nächsten Flugzeuge!“ (Wir sollten unsere Ausrüstung nie wieder sehen.)

Zweifelsfrei handelte es sich beim folgenden Start des Flugzeugs um den spannendsten in meinem Leben. Und das wird wohl so bleiben. Links und rechts der Rollbahn hatten sich sämtliche Touristen aufgestellt (es mussten inzwischen an die sechshundert sein), während der Captain und sein Co das Flugzeug in Startposition brachten. Die Schnauze wies nach unten. Die Piloten ließen die Motoren zur höchsten Umdrehungszahl aufheulen und lösten dann die Bremsen. Das Flugzeug raste und schleuderte und schaukelte über die butterweiche Rollbahn tiefer, während links und rechts die Touristenmenge klatschte und johlte. Die Mitglieder meiner Gruppe hatten sich angeschnallt, den Kopf auf die Arme gelegt und die Augen geschlossen, wie man es bei den Sicherheitshinweisen immer lernt, aber ich sah für mich selbst keine Veranlassung mehr dazu. Ich stand hinter dem Captain und sah, wie der Schweiß in Strömen von seinem Hinterkopf lief und sein Hemd verfärbte. Das Flugzeug schleuderte, bevor wir abhoben, wollte es noch seitlich ausbrechen, aber die Piloten hatten es im Griff und wir waren in der Luft! Sie richteten die Schnauze des Geräts wieder zur Flugrichtung. Im Fahrgastraum war es totenstill. Nicht einmal „Die Mission ist erfüllt!“ war zu hören. Und es blieb totenstill bis zur Landung. Als das Flugzeug auf dem Inlandsflughafen ausgerollt war, blieben wir alle noch eine oder zwei Minuten sitzen. Dann drehte der Captain langsam den Kopf und blickte mich lange an. Es lag in seinen Augen ein brüderlicher Ausdruck, etwas, das im Empfinden ähnlich sein mochte wie dasjenige von Flugzeugentführern und Geiseln, nachdem sie gerade eine gemeinsame Bruchlandung überlebt haben. Ich werde diesen Blick nie mehr vergessen. Er trug dazu bei, dieses Land in den folgenden Jahrzehnten wieder und wieder zu bereisen.

Es war elf Uhr. Von der Ankunftshalle konnten wir hinter einer hohen Mauer die Heckflossen unserer Thai-Maschine sehen und die Triebwerke laufen hören. Sie war knapp vor dem Start. Wir eilten im Laufschritt zur Abflughalle des Internationalen Flughafens.

Herr X steuerte, gemeinsam mit mir, eine Gruppe von Thai-Bediensteten an. Einer davon trug ein Funkgerät. Es musste der Stationsmanager sein. Herr X wechselte einige hastige Worte mit ihm, wieder verstand ich den gleichen Namen und die gleiche Vereinigung wie schon in Lukla.

Der Stationsmanager sprach aufgeregt in sein Funkgerät. Wenige Minuten später hörte man, wie die Triebwerke der Thai-Maschine gedrosselt wurden.

Ein allerletztes Riesenproblem war, dass wir keine Pässe dabei hatten. Denn in Nepal ist es üblich, am Beginn der Tour die Pässe im Büro der Expeditionsagentur in Kathmandu zu lassen, weil man sie ja zur Bergbesteigung nicht braucht, und stattdessen eine Besteigungsgenehmigung mit Namen mitführt.

Wie aber kamen wir nun möglichst schnell zu unseren Pässen? Ich wollte mir ein Taxi nehmen und in die Stadt rasen, aber der Stationsmanager wies mich darauf hin, dass gerade der König samt Gefolge von einem Staatsbesuch zurückgekehrt war.

„Und was hat das mit uns zu tun?“, fragte ich.

„Nun ja, die Straßen zwischen dem Flughafen und dem Königspalast im Zentrum sind gesperrt. Wegen der Parade!“

Auch das noch. Es blieb uns wirklich nichts erspart. Rat suchend blickte ich in die Runde, während ich draußen die Triebwerke der Thai-Maschine laufen hörte.

„Wie lange werden die Straßen gesperrt sein?“

„Nicht mehr lange, Sir. Vielleicht zwei oder drei Stunden.“

Aus. Es war vorbei. Der einzige Weiterflug der ganzen Woche würde ohne uns abheben.

„Kann man telefonieren?“

„Wir haben normalerweise ein Telefon, Sir.“ Er wies mit dem Kinn zu einer Säule, an der ein schwarzes Telefon aus Bakelit hing. „Aber leider, Sir, es ist seit einigen Tagen außer Betrieb!“

Ich ließ meinen Blick Rat suchend durch die Halle schweifen. An der Stirnwand hing ein Ölbild des Königs samt Familie. Ich beschloss, dass ich kein Monarchist war (niemand konnte damals ahnen, dass der arme Birendra samt Großfamilie fünfundzwanzig Jahre später bei einem konzertierten Attentat sein Leben lassen würde).

„Und das Telefon funktioniert wirklich nicht?“

„Nein, Sir. Leider, Sir.“

Bedauernd blickte ich noch einmal zum Telefon. Da kam mir eine Idee. Neben dem Telefon stand schon die ganze Zeit ein etwa fünfzehnjähriger Nepalese und beobachtete uns. Er hatte ein sympathisches, offenes Gesicht und lächelte mir nun zu.

„Willst du dir hundert Dollar verdienen?“, sagte ich zu ihm.

„Aber gern, Sir.“

„Hast du ein Motorrad?“

„Nein, Sir. Das kann ich mir nicht leisten.“

„Auch kein Fahrrad?“

„Nein, Sir. Aber ich könnte mir eines ausleihen.“

Ich kritzelte die Adresse des Stadtbüros unserer Expeditionsagentur auf einen Zettel. Dann übergab ich ihm fünfzig Dollar: „Nur die Pässe. So schnell wie möglich. Und wenn du zurückkommst, erhältst du die anderen fünfzig!“

„Aber ja, Sir. Gern, Sir!“

Ich sah ihn davonlaufen und wieder begann eine quälende Zeit des Wartens, in der wir die immer noch laufenden Triebwerke unserer wartenden Maschine hörten.

Nach einer Stunde war der Junge wieder da und trug in einem Plastiksäckchen unsere Pässe. Am liebsten wäre ich ihm um den Hals gefallen.

Wir eilten im Laufschritt unter Begleitung der Thai-Bediensteten zum Zoll. Aufgeregt sprach der Stationsmanager in sein Funkgerät. Die Papiere meiner Gruppe waren bald abgestempelt, als ich, als Letzter, aufgehalten wurde.

„Was ist denn jetzt schon wieder?“

Der Zollbeamte wies mit dem Finger auf einen handgeschriebenen Eintrag in meinem Pass. One Walkman With Him, stand da. Mein Gott, darauf hatte ich ganz vergessen. Ich hatte den Walkman beim Rückmarsch vom Berg der Frau eines bekannten Bergsteigers geliehen, die gerade zu einem hohen Berg aufbrachen. Und nun hatte ich ihn nicht dabei, um ihn wieder auszuführen. Ich versuchte mit Händen und Füßen dem Zollbeamten zu erklären, dass es sich hier nicht um eine groß angelegte Schmuggelaktion handele, sondern um ein Missverständnis, aber er verstand kein Englisch und verweigerte mir den Ausreisestempel. Durch die verdreckten Scheiben des Flughafens sah ich schon meine Gruppe die Gangway hinaufsteigen und mich alleine zurücklassen, da ergriff einer der Thai-Bediensteten in einem günstigen Augenblick einfach den Stempel des Zollbeamten, drückte ihn in meinen Pass, und sie nahmen mich an beiden Seiten und rannten mit mir auf das Rollfeld, während uns schreiend und protestierend der Zollbeamte nachlief. Aber ich hatte die Gangway schon erreicht, fand gerade noch die Zeit, mich bei meinen Rettern zu bedanken, und wurde schon vom Bordpersonal in Empfang genommen und zum Sitz geleitet. Das Flugzeug war, mit Ausnahme unserer freien Sitze, voll besetzt mit Amerikanerinnen reiferen Alters. Sie hatten tapfer und ohne Protest stundenlang wegen uns ausharren müssen. Das Flugzeug hob endlich ab, nach Erreichen der Reiseflughöhe servierten die Stewardessen gerade das Essen, als uns der Captain über den Bordlautsprecher als Himalayabergsteiger vorstellte. Da rührte keine der Amerikanerinnen, die neben uns saßen, ihr Essen an. Sie warteten, bis wir unsere Portionen aufgegessen hatten, und schoben uns dann die ihren unter mitleidigen Blicken herüber. Nie mehr in meinem Leben sind mir ältere Damen mit blauen Haaren, strassbeklebten Brillen und grünen Lippen so sympathisch gewesen.

In Bangkok wurden wir von einem Bus abgeholt und ins reservierte Hotel gebracht. Es war das Hotel Oriental, das in diesen Jahren gerade zum wiederholten Male zum besten Hotel der Welt gekürt worden war.

Wir betraten die Halle, in deren Mitte ein etwa dreißig Meter hoher Wasserfall herunterfiel und goldbetresste Bedienstete die Messinggeländer der Treppenaufgänge polierten, und näherten uns im Gänsemarsch der riesigen Rezeption. Die meisten von uns trugen noch ihre grauen, lodenen Knickerbocker, karierte Hemden und unförmige Expeditionsschuhe aus Plastik. In den Händen hielten wir durchsichtige Plastiksäckchen, darin gut sichtbar die Zahnbürsten und Waschutensilien, das einzige Gepäck, das mitzunehmen uns erlaubt gewesen war. So standen wir also, im besten Hotel der Welt, eine müde, stoppelbärtige Karawane, und zeigten unsere Pässe. Der Chefrezeptionist hüstelte.

„Entschuldigen Sie, Sir, woher kommen Sie?“

Wenn ich behauptet hätte, dass ich Amundsen sei und der neben mir stehende Herr X mein Begleiter Hansen und der Rest meiner Gruppe meine Schlittenhunde wären und wir gerade vom Nordpol oder Südpol kämen, hätten die Rezeptionisten auch nicht verwunderter geblickt. So aber sagte ich ganz einfach: „Aus dem Himalaya.“

„Aus dem Himalaya“, wiederholte der Empfangschef.

„So ist es!“

„Sehr wohl, Sir!“

Und während die Rezeptionisten uns alle für einige Sekunden ungläubig anstarrten, hörte ich aus der Warteschlange hinter mir halblaut die Worte: „Meine Mission ist erfüllt!“

Ja, dachte ich mir. Die meine auch.

MANGALE

Die schönsten Zeiten mit Mangale waren, wenn wir um das Herdfeuer einer Hütte saßen, sich nach und nach die einheimischen Träger und Sherpas dazugesellten und er, der Sirdar, zu erzählen begann. Dann wurde es im Kreis sehr ruhig, und nur gelegentlich, wenn er sein für ihn typisches Räuspern einlegte, zündete sich der eine oder andere eine Zigarette an oder schenkte sich aus dem Krug nach.

Mangale zu beschreiben, gelingt mir am besten, indem ich eine Comicfigur aus meiner Kindheit verwende. Ich habe eine solche Figur als Miniaturpuppe besessen und musste im Fasching, beim Kindermaskenumzug, selbst solcherart maskiert gehen, wahrscheinlich, weil es für Mutter am einfachsten war, mich so zu verkleiden: als Mecki mit seiner Igelfrisur und den großen Geheimratsecken. Eine solche Maske war in jedem Geschäft billig zu erstehen, dazu ein rupfener Sack mit ausgeschnittenen Ärmeln, und der Auftritt war perfekt. Später, schon etwas größer, hab ich dann als „Neger gehen“ müssen, mit einem Bastrock und einer schwarzen Pudelmütze, das war ebenso einfach, denn schwarze Schminke ist schnell aufgetragen. Entsprechend missgelaunt sehe ich auf diesen Bildern aus, wenn ich heute im Familienalbum blättere, aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Mangale Sherpa jedenfalls hatte etwas vom Gesicht dieses Mecki, die stachelige Frisur, die Geheimratsecken, die dreieckigen Augen, die immerzu treuherzig blickten, die leicht nach oben gebogenen Mundwinkel, die ihm etwas Heiteres, Niedliches verliehen. Allerdings waren seine Lippen immer geschwollen und von Fieberblasen übersät, große, gelbe Fisteln und Flecken, und seine Unterlippe in der Mitte durch einen Hauteinriss geteilt, der mich allein durch das Hinsehen schon schmerzte. Ich brauchte Jahre, um daraufzukommen, dass die Fieberblasen immer dann besonders groß waren, wenn Mangale mit einer Gruppe unterwegs war, sie mussten durch Stress und seelischen Druck entstanden sein. Erst als ich ihm eine ganze Kurpackung Zovirax (als Salbe und in Tablettenform) mitgebracht hatte, ausreichend für drei oder vier Monate, gelang es mir, ihm zu helfen.

Damals schon fiel mir auf, dass die Sirdars häufig unter Fieberblasen litten und dass Sherpas, die von einer Expedition auf einen hohen Berg zurückkamen, wie die Schlote rauchten und wie die Bürstenbinder soffen, während andere, normale Trekking-Sherpas, kaum oder gar nicht rauchten. Es wird wohl auf die Belastungen zurückzuführen sein, die die Climbing Sherpas mit den ihnen Anvertrauten haben.

Eine der Stärken Mangales war, neben seinem Organisationstalent, zweifelsfrei sein Hang zur Komik und sein Talent, andere zu imitieren. Dazu gab es genügend Gelegenheiten, denn Mangale war ein vielbeschäftigter Mann. In der Frühjahrs- und Herbstsaison war er meistens mit mir und meiner Gruppe unterwegs, aber auch mit deutschen Gruppen. Im Sommer, während der Regenzeit, verdingte er sich für indische Agenturen und führte in Ladakh, wo der Monsun nicht hinkommt, weil er sich an der Südabdachung des Himalaya bricht. Im Winter führte er Japaner oder Inder und in manchen Sommern amerikanische Geologen im Annapurnagebiet oder im Dolpo oder Mustang. Daher konnte er auf einen reichen Fundus zurückgreifen, wenn er verschiedenste Nationen auf ihrem Weg durch die Berge imitierte. Sherpas sind ja im Allgemeinen sehr zurückhaltend, was Äußerungen über Touristen anderen Touristen gegenüber betrifft. Aber weil mich mit Mangale ein jahrelanges freundschaftliches Verhältnis verband, ließ er mich eines Abends an seinem Talent teilhaben.

„Seepp“, sagte er mit tiefer Stimme.

Jooo“, entgegnete er sich selbst.

„Pipipause.“

„Jooo.“

Mangale ging hinter einen Baum, mimte das Öffnen der Hosentür, und sein Gesicht nahm einen sinnenden Ausdruck an, während er „psch …, psch…, psch“ flüsterte.

Das war die bayrische Gruppe. Oder:

„Oh look, honey“, sagte er mit heller Stimme, und sein Blick nahm einen weltfernen, begeisterten Ausdruck an. Er blickte dorthin, wo hinter einem Rücken der Dhaulagiri und die ihn umgebenden Siebentausender stehen mussten.

Nun mimte er das Gegenüber der Amerikanerin, indem er einen Schritt zur Seite trat, und mit tiefer Stimme „yes, my dear?“ erwiderte.

„Isn’t that gorgeous?“

„Oh, it’s marvellous, honey.“

So bekamen die Amerikaner ihr Fett ab. Die eher kollektive Erscheinungsform einer japanischen Gruppe imitierte er, indem er von einem zum anderen sprang und dazu in schneller Folge japanische Entzückensbemerkungen von sich gab. Sherpas erlernen die japanische Sprache ja relativ leicht. Wir lachten uns bei dieser Darstellung schief.

Damals gab es im Solo Khumbu, der Heimat der Sherpas, noch keinen Fernseher, und natürlich auch keine Tageszeitung. Das mochte mit ein Grund dafür sein, warum die Sherpas ein dermaßen gutes Gedächtnis haben: weil sie durch nichts abgelenkt sind. Ich war oft bass erstaunt, wenn mich jemand nach zehn Jahren Abwesenheit sofort wieder erkannte und sich minutiös an jedes Wort unseres damaligen Gesprächs erinnerte.

Unsere letzte gemeinsame Tour führte im Frühjahr 2001 zum Tilicho Peak. Der Tilicho Peak ist ein Teil der Annapurnagruppe und ragt unmittelbar hinter dem Tilicho Lake etwa siebentausendzweihundert Meter in den tintenblauen Himalayahimmel hinein. Dabei ist Tilicho Lake eigentlich ein Pleonasmus, denn etymologisch stammt der Name aus dem Thakali: dili heißt entfernt, entlegen, und Tsho heißt See. Also bedeutet Tilicho entlegener See. Man sagt, es sei der höchste See der Welt.

Wir schlugen das Basislager an seinem östlichen Ufer auf. Es hatte in den Tagen vorher über einen Meter Neuschnee gegeben. Die konkav angeordneten Siebentausender wirkten in ihrem gnadenlosen Weiß wie ein Brennglas. Niemals wieder habe ich erlebt, dass man unter der Strahlung der Sonne dermaßen leiden kann, wie wir es damals taten. Manche von uns versuchten, sich gleich zwei Gletscherbrillen übereinander aufzusetzen und zusätzlich noch jede einzelne Ritze gegen den seitlichen Strahleneintritt mit Klebebändern abzudichten.

Umsonst, abends im Esszelt sitzend, mussten wir aneinander rot geränderte Augen feststellen. So ging es mit meinen Vorräten an Augensalbe und Tropfen ziemlich schnell zur Neige.

Am ersten Tag nach der Ankunft im Basislager wurde die rituelle Zeremonie für einen glücklichen Ausgang der Expedition vorgenommen: Ein kleiner, freier Platz unweit des Lagers wurde frei geschaufelt und ein Altar aus Steinplatten gebaut. Dann sammelten die Sherpas auf großen Tabletts alle notwendigen Ingredienzen für die Feier: Schokolade, Kekse, Bonbons, Tschang, Rakhsi, Bier, Whisky, Zigaretten, Reiskörner, während andere Küchenjungen inzwischen tibetische Gebetsfahnen vom Flaggenmast in der Mitte des Altars nach allen vier Windrichtungen spannten. Diese Gebetsfahnen haben fünf Farben und sind mit Gebeten bedruckt, auf dass sie der Bergwind in alle Richtungen und zu den Göttern trägt. Sie sollen dem gesamten Universum und allem Leben Schutz und Segen bringen. Die Farben stehen für die fünf Elemente, wie man sie im Tibetischen versteht: Blau repräsentiert das Element Wasser, Weiß das Element Raum, Rot das Element Feuer, Grün das Element Luft und Gelb das Element Erde.

Fast konnte man die Zusammensetzung unserer Expedition als international bezeichnen: Während Reinhard, Maria und ich aus dem Innsbrucker Stadtteil Kranebitten stammten, war Hannes ein Ur-Höttinger (was seine etwas seltsamen Regeln beim Kartenspiel und sein Eigensinn später bewiesen), und die Sherpas und Küchenjungen waren ethnisch über das ganze Land verteilt: Mangale war Sherpa (und Sirdar), dann kam Ang Phuri als Climbing Sherpa (Climbing Sherpa tragen Lasten erst ab dem Basislager), Salami Dawa war ebenfalls Climbing Sherpas, hatte aber die Gesichtszüge und den dunklen Teint eines Bihari (vielleicht hatte einer seiner Ahnen als durchwandernder Schneider oder Schmied einmal in einer Sherpahütte übernachtet). Übrigens hieß Salami Dawa deshalb so, weil er eben Salami gern mochte und man ihn so von Camera Dawa unterscheiden konnte, der auch ein Sherpa war und deshalb so hieß, weil er Maria an der Kamera assistierte. Dann war noch Kalden Sherpa, nun aber schon gefolgt von Bupat Rai, unserem Chefkoch, eben ein Rai, Thiren Sherpa, der Küchenjunge, Lalji Gurung, ein Gurung, Lal Bahadur und Ram Shresta, ebenso Küchenjungen. Camera Dawa übernahm die Rolle des Lama. Wahrscheinlich war er kein ordinierter Lama, aber würdig und religiös und geübt im Umgang mit den Ritualen. Sherpas sind ja keine Dogmatiker, deshalb ist ihnen auch jeder Fanatismus und jede Engstirnigkeit fremd. Dawa ist nicht nur mit der Ausstattung eines intelligenten Menschen gesegnet, sondern auch mit den Instinkten und der Orientierungsfähigkeit eines Hundes, was sich einige Jahre später, beim Auffinden eines vom Verfolgungswahn befallenen Sherpas meiner Gruppe, sehr bewähren sollte. Aber das ist eine andere Geschichte.

Bemerkenswert an Camera Dawa war auch der Umstand, dass er sich beharrlich weigerte, auch nur ein Wort Englisch zu sprechen oder zu lernen, aber, mit den Fähigkeiten eines aufmerksamen Menschen ausgestattet, trotzdem immer das Richtige zu tun.

In den Tagen vorher, beim Anmarsch über den Mesokantu-Pass, hatte man immer wieder vereinzelte Sherpas und Küchenjungen an den Hängen neben dem Anstiegsweg in gebückter Haltung gesehen, sie sammelten Wacholderstauden und Heilgräser in kleinen Plastiksäcken, um sie beim Opferfeuer zu verwenden.

Der Altar war nun also aufgebaut und die Gebetsfahnen verspannt. Es war ein eindrucksvolles Bild, als sie sich nach allen vier Himmelsrichtungen in einem Radius von etwa zwanzig Metern in der leichten Morgenbrise bewegten. Lange Gebete und Segnungen folgten, während denen Camera Dawa immer wieder die Entität des Universums beschwor, indem er abwechselnd Reiskörner in die Luft warf und Rakhsi, Bier, Whisky und Tschang versprühte. Der Rauch des Opferfeuers stieg fast senkrecht vom Altar in den Himmel, und es duftete nach einem Gemisch aus Gebirgskräutern und Wacholderholz. Am Ende mussten wir, die wir reihum standen, das Ritual nachmachen. Jeder hielt eine Handvoll Reis, eine Schale mit Rakhsi und auch Bier und Whisky, und das opferten wir nun den Göttern und auch uns, indem wir zuerst die Gaben weit in die Luft warfen, dazwischen aber immer wieder von den Süßigkeiten naschen und mit Alkohol hinunterspülen durften.

Als Camera Dawa seine Riten beendigt hatte, gingen wir wieder zur Tagesordnung über. Mangale gab seine Anweisungen, und die Köche und Küchenjungen werkten eifrig unter ihrer Plastikplane, während wir Bergsteiger unsere Zelte häuslich einrichteten. Rasch war die Sonne hinter den Weiten von Mustang untergegangen, und es wurde empfindlich kalt. So verschwanden wir einer nach dem anderen in den Zelten, um die Zeit bis zum Abendessen abzuwarten. Während ich mir mit Maria ein Zelt teilte, tat dies Hannes mit Reinhard, und so flogen die üblichen Witze und Scherzworte hin und her, bis wir auf einmal ein seltsam kratzendes, reißendes Geräusch hörten. Wir wurden sofort still und hörten angestrengt hin. Das Geräusch wiederholte sich noch einige Male und war dann verstummt. Wir öffneten die Reißverschlüsse und mussten entdecken, dass die große Schachtel mit Parmesan, die Hannes unter dem Vorzelt verstaut hatte, aufgebrochen war und der Käse fehlte. Augenblicklich gab es ein großes Hallo, und Mangale untersuchte zusammen mit uns die Spur, die von unserem Lager weg bis zu den großen Felsblöcken oberhalb des Sees führte. Es waren zweifelsfrei die Tatzenabdrücke eines größeren Raubtiers. „Ein Schneeleopard!“, stellte Mangale lakonisch fest. Auch wenn wir den Parmesan vermissten, waren wir nicht wenig stolz, die Ehre des Besuches eines Schneeleoparden gehabt zu haben, denn diese Tiere gehören zu den scheuesten des gesamten Himalaya.

Wenige Jahre vorher hatte der Schriftsteller Peter Matthiessen zusammen mit dem weltbekannten Wildbiologen George Schaller eine Expedition in die Gegend westlich von uns unternommen und trotz ihres professionellen Verhaltens in drei Monaten nur einmal die Spur eines Schneeleoparden sichten können. Aus dieser Fahrt war das Buch „Auf der Spur des Schneeleoparden“ entstanden und ein Weltbestseller geworden.

Wir waren uns also unseres Logenplatzes und der Ehre des Parmesandiebstahls durchaus bewusst und staunten nicht schlecht, als sich der Vorgang am nächsten Abend wiederholte. Es war noch nicht dunkel, als wir wieder ein Kratzen und Knistern direkt neben unseren Köpfen hörten, und als wir endlich die Reißverschlüsse geöffnet hatten, fehlte eine große Tafel Schokolade aus einem Karton.

Am nächsten Abend war es schon dunkel, als wir wieder die bekannten Geräusche vernahmen. Mangale und Maria verfolgten die Spur mithilfe von Stirnlampen, kehrten aber bald zurück und beschlossen für den nächsten Abend, dem Schneeleoparden aufzulauern und ihn zu fotografieren. Während also wir Bergsteiger uns zusammen auf den Weg machten, um bei tiefem Schnee zum ersten Hochlager zu spuren und die dahinführenden Seillängen zu versichern, bastelte Maria mithilfe von Mangale und den Küchenjungen eifrig an einer Fotofalle, in die der Schneeleopard tappen sollte. Ein verlockendes Stück Fleisch wurde an einer langen Stange befestigt, ein getarnter Unterstand im Esszelt geschaffen und die Kamera schussfertig gemacht. Maria wollte die ganze folgende Nacht ausharren, um eine der seltenen Aufnahmen in freier Wildbahn, die es auf der Welt von Schneeleoparden gibt, zu schießen. Ich lieh ihr dafür meinen Sturmanzug, damit sie die Kälte besser ertragen könnte, aber das Warten sollte sich als umsonst erweisen. Sie hatte nur seine Augen gesehen, zwei glühende Lichter, die in einiger Entfernung zu unserer kleinen Zeltstadt unbeweglich im Dunkel verharrten, aber nicht näher kamen.

In den folgenden Tagen errichteten wir am Berg Lager eins und zwei, letzteres auf sechstausendvierhundert Metern Höhe, die Zelte fest gegen Stürme am Boden verankert, die steilen Passagen zwischen den Lagern mit fixen Seilen versehen.

Der Tag des Gipfelganges rückte näher, und wir verbrachten noch zwei Rasttage im Basislager. Der Schneeleopard ließ sich nie mehr blicken. Schließlich brachen wir zu sechst auf. Mangale, Ang Phuri und Salami Dawa waren die Climbing Sherpas, Hannes, Reinhard und ich die members. Ich fühlte mich an diesem Tag nicht sehr wohl, litt unter einer leichten Bronchitis und einem Ziehen in der Brust. Also kehrte ich knapp unterhalb von Lager eins um, und Maria und ich beobachteten von unserem Zelt in den folgenden zwei Tagen, wie unsere Mannschaft zum Gipfel stieg und wieder erfolgreich und glücklich bei uns im Lager eintraf. Wir brachen das Lager ab und erreichten am nächsten Abend nach nur einem Tag Gewaltmarsch Jomosom im Kali-Gandaki-Tal. Hier, nicht weit vom Flughafen entfernt, feierten wir gemeinsam unseren letzten Abend, verteilten Geschenke und Trinkgelder an unsere Gruppe und gingen noch einmal die Abrechnungen durch.

Ich hatte Mangale in Dankbarkeit für seine Leistungen meinen neuwertigen Sturmanzug geschenkt und ein großzügiges Trinkgeld, doch die Abrechnungen schienen zu Tage zu bringen, dass noch immer ein größerer Betrag seiner Nachzahlung harrte. Ich war zwar völlig überrascht, im Glauben, alles schon lange bezahlt zu haben, aber dermaßen gründlich rechnete Mangale die Tabellen auf und ab, beteuerte, dass wir so viel mehr Tragtiere für den Anmarsch gebraucht hätten und die Bauern in dieser Gegend besonders geldgierig seien, und blickte mich dermaßen treuherzig mit seinen Mecki-Augen an, dass ich seufzend bezahlte. Es waren zwei Jahresgehälter eines nepalesischen Lehrers.

Im darauffolgenden Herbst war ich wieder im Himalaya unterwegs. Der Große Tendy, mein Agenturchef in Kathmandu, berichtete, dass Mangale in Amerika untergetaucht sei. Amerikanische Geologen, mit denen er während des Sommers im Dolpo oder in Mustang unterwegs gewesen war, hatten ihn danach zu sich nach Hause eingeladen. Nach Ablauf des Visums sei er untergetaucht.

Nun wusste ich, wofür Mangale die Überlinge bei der Abrechnung gebraucht hatte, und auch meinen Sturmanzug sollte ich in den nächsten Wochen wiedersehen, allerdings von jemand anderem getragen. Der Große Tendy, mit einem solchen Feingefühl ausgestattet, wie es eben den Sherpas zu eigen ist, tröstete mich, indem er erzählte, dass auch er seinem alten Freund aufgesessen sei. Er habe ihm vor der Abreise nach Amerika den Auftrag gegeben, eine Steinmauer um sein Haus zu bauen und sie einen Meter tief im Boden zu vergraben. Die Mauer war schließlich fertig, und Tendy fragte ihn, Mangale, ob er sie auch wirklich einen Meter tief in der Erde verankert habe. „Freilich“, habe Mangale treuherzig versichert, und seinen Lohn dafür bekommen. Beim nächsten Monsunregen im folgenden Sommer war die gesamte Mauer eingestürzt, weil Mangale die Steine nur auf die Wiese gelegt und aufgeschichtet hatte.

Ein Jahr später war ich wieder mit der gleichen Sherpatruppe unterwegs. Ich hatte in den Weihnachtstagen zuvor eine Karte aus New York mit Grüßen von Mangale erhalten, ohne weitere Angaben, und wohlweislich ohne Absender.

Am ersten Abend unseres Unterwegsseins saßen wir wieder mit Einheimischen in einer Hütte um ein Feuer, wie früher mit Mangale. Nur diesmal wollte keine rechte Unterhaltung aufkommen. Schließlich fragte ich in die Runde, ob einer wüsste, was eigentlich Mangale arbeite, dort in New York. Keiner wusste es.

„Weißt du es?“, fragten sie mich. Ich erinnerte mich an Mangale als stolzen Sirdar, der mir, immer wenn wir auf einem Gipfel gesessen waren, aufrechten Hauptes erklärt hatte, dass dies „ihre“ Berge, ihre Heimat sei: „aurr maunttäns“ und „aurr madderländ“. Wie alles immer um ihn ruhig geworden war, wenn er am Lagerfeuer zu erzählen begann. Dann stellte ich mir vor, wie er nun, als einer von Millionen Schwarzarbeitern, zusammen mit Chinesen und Schwarzafrikanern und Mexikanern in einem Kellerloch hausen würde, in ständiger Angst vor der Polizei, und im Hinterzimmer eines schmuddeligen Restaurants Geschirr spülte.

Ich erinnerte mich an Mangales Talent, einen Yak aufzuzäumen, mit dem richtigen Zugknoten mithilfe nur einer Hand und nur einer Bewegung die Last festzuzurren; auf fünf- oder sechstausend Metern Höhe bei Windgeschwindigkeiten von über hundert Stundenkilometern und Minusgraden eine kleine Zeltstadt aus dem Boden wachsen zu lassen, immer die Nerven zu bewahren, alle Lasten gerecht zu verteilen und eine Gruppe von fünfzig, sechzig Trägern, Küchenjungen, Köchen, Climbing Sherpas zu führen. Keine dieser Fähigkeiten würde er in New York wohl brauchen können.

„Geschirrspüler“, sagte ich schließlich. „Geschirrspüler. Was will er sonst in New York machen, allein und ohne Arbeitsgenehmigung?“

Alle um mich herum schwiegen bestürzt. Chicken Lama, einer meiner Küchenjungen und dazu der kleinste von allen, stocherte mit einem Ast im Feuer, zündete sich schließlich daran eine Shikar an.

„Dedschi diver“, sagte er schließlich und lachte. „Dedschi diver“, wiederholten die anderen und lachten.

Das Nepalesische ist ein Sammelsurium von Lehnwörtern. Dedschi ist nepalesisch und bezeichnet den Blechteller, von dem man in der Regel das Dhal Bat isst. Diver ist englisch und heißt Taucher. Dedschi diver ist also der Tellertaucher. Also der Abwäscher.

Nun wiederholte auch ich den Ausdruck. Da brach plötzlich ein Sturm des Gelächters los, wir lachten und lachten und wiederholten dedschi diver, dedschi diver, dedschi diver.

Wie jemand, der am Grab eines Freundes steht und vor lauter Trauer einen Lachanfall erleidet, weil er gar nicht anders kann, gerade in einer solchen Groteske lachten wir und lachten und lachten und konnten nicht mehr aufhören.

SUNDARE

Wir saßen im Küchenzelt des Basislagers am Putha Hiunchuli. Mit uns war mein alter Freund Helge, dieses Mal fest entschlossen, einen siebentausendzweihundert Meter hohen Berg, eben den Putha Hiunchuli, zu besteigen. Bei der Ankunft am Tag vorher hatte ich feststellen müssen, dass meine letzten Zigaretten völlig durchnässt waren, und ich hatte sie sorgfältig in der Nachmittagssonne getrocknet. Nun hatten sie eine braune, unansehnliche Farbe angenommen. Ich war bereit, sie brüderlich mit Salami Dawa zu teilen, und bot ihm die erste an. Er nahm sie, drehte sie für eine Weile nachdenklich in den Fingern und entzündete sie. Wir taten die ersten tiefen Züge. Der Geschmack war grauenhaft. Nicht umsonst hießen sie ja auch Yak.

Auch mit Sundare habe er einmal eine solche Zigarette geraucht, sagte Dawa.

„Du hast ihn gut gekannt?“

„Ja“, sagte Dawa.

„Wie lange ist das her, als er von der Brücke sprang? Zehn Jahre, fünfzehn?“

„Länger“, sagte Dawa. Er tat einen tiefen Zug, denn wir befanden uns hier auf genau fünftausend Metern Höhe, und die Zigaretten drohten wegen des Sauerstoffmangels alle Augenblicke zu verlöschen.

„Zwanzig“, sagte Dawa dann, stieß den Rauch in die Luft und sah ihm versonnen nach.

„Er war ein guter Mensch. Stets bereit, anderen zu helfen.“

„Wie hast du ihn kennengelernt?“

„In einem Metzgerladen in Naxal. Er hatte gerade einen Schlaganfall hinter sich und konnte die linke Seite kaum bewegen. Ich sagte zu ihm: ‚Du musst Sundare Sherpa sein‘, aber er kannte mich nicht. Doch er öffnete seine Windjacke und zeigte mir den Orden des Königs, den er immer bei sich trug. Dieser Orden war sein ganzer Stolz. Dann fragte ich ihn, ob ich ihn zu einem Tee oder Kaffee einladen könnte. Aber er antwortete: ‚Ich habe schon zwei Gläser Rakhsi intus.‘ Da habe ich für ihn noch einen halben Liter Rakhsi gekauft. Nachdem er den Rakhsi ganz allein getrunken hatte, fragte er mich, ob ich ein Trekking über den Thorong La leiten wolle. Ich war auf der Suche nach Arbeit und antwortete deshalb hocherfreut: ‚Aber gern!‘ Sundare sagte: ‚Dann lass uns zum Büro der Nepal Mountaineering Association (NMA) gehen.‘ Wie du dich erinnerst, Rudi Sir, war die NMA damals am Eingang nach Thamel. Wir gingen also hin und ins Büro des Direktors. Der sprang von seinem Stuhl auf, als er Sundare sah, und salutierte vor ihm. Dann sagte Sundare und wies mit dem Kinn zu mir: ‚Das ist Dawa. Er ist mein Freund. Übermorgen soll er mit einer Gruppe von sieben Personen zum Thorong La gehen.‘ Der Direktor stand stramm und sagte: ‚Selbstverständlich, Sundare Sir, warum nicht. Ich werde Dawa die Aufgabe übergeben!‘

Ein Blick aus dem Küchenzelt zeigte uns, dass die Sonne im Untergehen begriffen war. Es wurde merklich kälter, und ich fühlte die Kälte des Erdbodens durch meine nassen Schuhe höhersteigen.

Joglal, der Koch, brachte uns einen Becher Tee, und wir rührten den Zucker um und zogen an unseren Zigaretten. „So hat also deine Sherpa-Laufbahn angefangen.“

„Ja“, sagte Dawa. „So hat sie angefangen. Ich war noch sehr jung. Zwanzig vielleicht.“ Wieder zog er an seiner Zigarette. Er sah, dass sie ausgegangen war, und ließ den Stumpen auf den Boden fallen. „Sundare war sogar noch jünger, als seine Karriere begann.“

„Sundare ist eigentlich ein seltener Name bei den Sherpas, oder?“

„Ja, schon. Eigentlich heißt es Sungdare. Der Name bedeutet magic man. Ein Zauberer. Sundare wurde in Lower Pangboche geboren. Im Alter von zehn Jahren schon ging er als Yakboy zum Kala Pattar, um den Dung einzusammeln und zu Hause einheizen zu können. Im Alter von fünfzehn nahm ihn sein Cousin, der Trekking Sirdar war, mit zum Kala Pattar und zum Everest Basecamp. Sundare war ein sehr freundlicher Bub, und deshalb nahm ihn sein Cousin mit zur Mountain Travel Agentur nach Kathmandu.

Die Mountain Travel Agentur war von Mick Cheney und Colonel Jimmy Roberts gegründet worden.

„Jimmy Roberts habe ich noch kennengelernt“, sagte ich, „Anfang der Achtzigerjahre. Er war ein sehr freundlicher Mensch. Aber heute lebt er wohl nicht mehr.“

„Nein“, sagte Dawa, „er lebt nicht mehr.“

Aber damals hat Cheney den jungen Burschen unter seine Fittiche genommen, und später gab er ihm die Chance, den Mount Everest zu besteigen. Schließlich hatte Sundare den Everest sieben Mal ohne Verwendung von künstlichem Sauerstoff bestiegen. Jedermann respektierte ihn.

Nachdem er den Everest sechs Mal bestiegen hatte, wurde er von König Birendra zu einer Audienz geladen. Der König fragte ihn, was er für seine Zukunft wünsche. Sundare antwortete: „Ich möchte in Cheney’s Mountain Travel Agentur Guide werden.“ Der Wunsch des Königs war Mountain Travel Befehl. Man sandte also Sundare als Guide von Jiri ins Khumbu. Er hatte vierzehn Gäste, und alle waren glücklich, ihn als Guide zu haben. Aber als die Gruppe und die Träger schon Junbesi erreicht hatten, war Sundare immer noch zwei Tagesmärsche zurück in Bandar. Dort trank er und tanzte und sang mit den einheimischen Mädchen.

Und so blieb es für die nächsten drei Jahre, und trotz aller Beschwerden der Touristen glaubte man bei Mountain Travel den Aussagen Sundares mehr.

Dann erstieg er den Everest ein siebtes Mal. Aber langsam fingen die Leute und Mountain Travel an seiner Verlässlichkeit zu zweifeln an, denn Sundare trank immer mehr. Bald würde er kein Geld mehr haben, um Essen für seine Familie zu kaufen, denn er hatte bereits seine Arbeit verloren. Seine Frau wollte ihn immer dazu bringen, wieder einen Berg zu besteigen, um Geld nach Hause zu bringen. Aber Sundare trank immer nur weiter und mehr und mehr.

Nun fing er an, seine Kletterausrüstung zu verkaufen. Er verkaufte sie an seine Sherpakollegen.

Dann versuchte er, einen Job in der Nationalparkverwaltung zu bekommen, denn, so meinte er, wenn andere, die den Everest nur ein einziges Mal ohne künstlichen Sauerstoff bestiegen hatten, damit reich wurden, dann müsste er, Sundare, wenn er den Everest sieben Mal bestiegen hatte, zumindest einen Job in der Verwaltung bekommen. Die Nationalparkbeamten sagten ihm, er bekäme den Job, wenn er zu trinken aufhöre.

Als Sundare in Kathmandu lebte, betrieb er ein kleines Teehaus. Aber dann trank er noch mehr als zuvor. Er trank jeden Tag vierundzwanzig Tomba und einen Liter Rakhsi. Wie hätte er auf solche Weise Geld verdienen können? Nach drei Monaten hatte er überhaupt kein Geld mehr. Zur gleichen Zeit, als ein Hotelbesitzer Sundares Pass konfiszierte, bis er seine Rechnung bezahlt hätte, empfing ihn König Birendra ein zweites Mal und verlieh ihm die Gurkha Thaksin Bahu-Medaille für seine Verdienste im Bergsteigen. Das ist der dritthöchste Orden von Nepal und die höchste Auszeichnung, die einem Zivilisten verliehen werden konnte. Diese Medaille trug Sundare immer auf seiner Brust. Er trug eine winddichte Jacke und darunter versteckte er seinen Orden, bis ihn jemand sehen wollte. Dann öffnete er den Reißverschluss der Jacke und zeigte stolz die Medaille.

Zu dieser Zeit fing er an, nur mehr in der Vergangenheit zu leben und auch äußerlich zu verwahrlosen. Er trug langes Haar, und ein Schlaganfall hatte seine linke Seite gelähmt.

Eines Nachts trank er in Chettatol Unmengen von Tomba. Um ein Uhr nachts kam er mit dem Motorrikscha nach Naxal zu seinem Zimmer.

Hier unterbrach ich Salami Dawa und fragte: „Wohnte er ganz allein?“

„Ganz allein, Rudi Sir. Seine ganze Familie, seine Frau, seine zwei Kinder, wohnten während dieser Zeit in Pangboche.“

Ich bot Salami eine neue Zigarette an, und wir rauchten eine Zeitlang schweigend, während die Küchenjungen um uns das Abendessen vorbereiteten. Ongchu knetete den Teig für die Momo, und Sonam säuberte das Gemüse, während Shamser sich bemühte, den zweiten Kerosinkocher in Gang zu bringen. Bald gab der Kocher Geräusche von sich, die an einen startenden Hubschrauber erinnerten, und er goss Wasser in eine Kasserolle aus einem Plastikkanister, den er in der etwa hundertfünfzig Meter entfernten Quelle gefüllt hatte. Beim Blick durch den Zelteingang sahen wir nun, unmittelbar bei der Quelle, ein Rudel von etwa fünfzig Blauschafen stehen. Auch Murmeltiere hörten wir pfeifen, und mir fiel ein, dass ich auf meinen bisherigen Reisen in Nepal niemals ein Murmeltier gesichtet hatte. Dies hier war wirklich eine einsame Gegend.

Salami Dawa hatte für einen kurzen Moment den Faden seiner Geschichte verloren, und ich half ihm, indem ich wiederholte: „Sundare war mit dem Motorrikscha nach Naxal zu seinem Zimmer gefahren …“

„Ja“, sagte Salami Dawa sofort, blickte durch den Zelteingang zu den Blauschafen und hatte sogleich den Faden wieder aufgenommen: So war es. Er hatte kein Geld, um die Motorrikscha zu bezahlen. Der Fahrer wandte sich an die Polizeistation Kamal phokari. Also sandte der Inspektor vier Polizisten, um Sundare zu verhaften. Die Polizisten wussten nicht, dass es Sundare war. Er zeigte ihnen auch die Medaille nicht. Also brachten sie ihn zur Polizeistation und der Inspektor fragte ihn: „Wer bist du?“ Da öffnete er den Reißverschluss und zeigte ihnen die Medaille.

Sofort stand der Inspektor stramm und salutierte und danach erhielten die Polizisten jeder eine Backpfeife von ihm, weil sie die Identität von Sundare nicht korrekt ermittelt hatten. Der Inspektor empfand es als eine unverzeihliche Blamage für seinen Posten, dass seinen Männern bei der Verhaftung eines solch berühmten Mannes ein derartiger Fehler unterlaufen war.

Dann brachten der Inspektor und die vier Polizisten Sundare mit ihrem Jeep zu seinem Zimmer. Sie ermahnten den Rikschafahrer, angesichts eines solch bedeutenden Mannes nicht dermaßen kleinlich zu sein und wegen ein paar Rupien die Polizei zu holen, desgleichen die Vermieterin, die schon monatelang auf die Bezahlung der Miete drängte. Dann brachten sie Sundare zu Bett und salutierten alle ein letztes Mal, bevor er einschlief.

Einmal trank Sundare zwei Liter Rakhsi. In seinem Rucksack verstaute er noch einmal fünf Liter von diesem Schnaps und um drei Uhr morgens ging er aus seinem Haus in Lobuche, um den Pumo Ri zu besteigen. Um fünf Uhr abends war er zurück in Lobuche. Er hatte den siebentausendeinhunderteinundsechzig Meter hohen Pumo Ri allein bestiegen. Der Schnaps hatte ihn aufgeputscht.

Eines Tages kam er wieder einmal von Kathmandu nach Pangboche nach Hause. Er hatte kein Geld, und seine Frau weinte und weinte. Schließlich fingen sie zu streiten an, und die Auseinandersetzung wurde körperlicher Natur. Am Morgen fand Sundare noch einige Reste seiner Kletterausrüstung. Er sagte zu seiner Frau: „Ich gehe nach Kathmandu.“

Aber er ging nur bis Tengpoche und fragte die Mönche, ob sie seine Kletterausrüstung kaufen wollten. Jedoch die Mönche lehnten es ab, denn sie wussten, dass dann seine Frau gar nichts mehr besitzen würde. So drehte Sundare wieder um und stieg das kurze Stück durch die Rhododendronwälder nach Debuche ab und kehrte in Ang Kantschis Lodge ein. Schließlich wollte er wieder nach Hause gehen und erreichte die neue Hängebrücke unweit von Ang Kantschis Haus. Er sprang von der Brücke. Am Morgen des nächsten Tages machten sich die Dorfbewohner auf die Suche nach ihm. Am Mittag fand man seinen Körper.


Lastenträger mit ca. 170 kg schweren Kanalrohren im Marshiangdi-Tal


Rast vor dem Kloster in Tengpoche

URKIEN

Khumjung, der Hauptort der Sherpas und die Heimat Urkiens, liegt in einem weiten Tal, eher einem Tisch gleichend, ein Hochplateau, abgesetzt an der Seite des eigentlichen Tales, durch den der Dudh Khosi fließt. Im Norden entschieden abgegrenzt durch die Khumbila-Berge, gegen die Steilabbrüche des Südens mit behäbigen, waldbestandenen Hügeln gesichert, nehmen diese Hügel auch während des Tages, unter schmeichelnder Sonne, nicht das satte Grün der Alpentäler an. Man möchte die Farben beinahe stumpf nennen, und auch die Wälder am Fuß der Berge sind sparsamer beschenkt worden. Hier darf sich nichts und niemand verschwenden, hier muss, um den höheren Ansprüchen des keinesfalls selbstverständlichen Überlebens gerecht zu werden, alle Kraft maßhalten.

Diese Hügel zwingen den Blick des Wanderers über die Schlucht des Dudh Khosi, über das dahinterliegende Kloster Tengpoche hinweg, an den rechtsseitig gelegenen, die ganze Wucht des Himalaya ahnen lassenden Bergen vorbei, zu dem Punkt, der allem Trachten ein Ende setzt, dessen schwarze, mächtige Dreiecke die wirkliche Größe der Wand nur verhalten und doch schon bedrohlich andeuten.

Es ist der Lhotse, der den Everest fast zur Gänze verdeckt, und sein am rechten Ende des Grates anschließender Trabant, der Lhotse Shar.

Lho heißt Süden und Tse heißt Gipfel. Also heißt Lhotse Südgipfel, und Shar heißt Osten. So ist der Lhotse Shar eigentlich der östliche Südgipfel und als solcher wurde er bis in die Siebzigerjahre des letzten Jahrhunderts als eigenständiger Achttausender von insgesamt sechzehn an der Zahl geführt. (Heute geht man ja ganz selbstverständlich von vierzehn Achttausendern aus. Aber bis in die 1970er-Jahre hinein galten der Lhotse Shar und der Yalung Kang als fünfzehnter und sechzehnter Achttausender.)

Dieser Lhotse Shar war wahrscheinlich der glanzvolle Höhepunkt des Sherpalebens von Urkien gewesen, weil er die erfolgreiche Expedition zum Gipfel im Jahre 1970 als Sirdar führte, und damit fängt unsere Geschichte an, die in der tragischen Weiterfolge aus einem einzigen, stetigen Abstieg besteht.

Von allen großen Sherpas, die ich in meinem Leben kennenlernte, war Urkien vielleicht der verschlossenste. Gewiss war er auch einsam, ähnlich wie damals noch der Gipfel des Everest, den er nie erreicht hat. Neben der Tatsache, dass er auf mindestens achtzehn großen Expeditionen der Sirdar gewesen war, war es diese Einsamkeit, die als Schemen vor mir auftauchte, wenn ich an Urkien dachte. Ich war auf dem Weg zu ihm, nach Khumjung. Ich hatte ihn seit vielen Jahren nicht mehr gesehen, auch trennte mich eine Generation von ihm. Doch nach allem, was ich über ihn gehört hatte, wollte ich ihn noch einmal besuchen.

Wenn man von Namche Bazar in Richtung Khumjung den kurzen Weg nimmt, zeigt einem das steile Zickzack des Wegleins, dass man sich doch schon einer Höhe von viertausend Metern nähert. Ich freute mich, dass mir der Aufstieg so leichtfiel, während ich mich an mein erstes Treffen mit Urkien erinnerte.

Es war Mitte der Siebzigerjahre gewesen, als Urkien von meinem Bergsteigerklub, den Karwendlern, nach Innsbruck eingeladen worden war. Ich erinnerte mich seiner hageren Gestalt und seines schmalen, wettergegerbten Gesichts mit seinen weltabgewandten Augen, als sei es gestern gewesen, obwohl diese Dinge nun schon zwanzig Jahre zurücklagen. Damals hatte man Urkien herumgereicht wie eine seltene, wertvolle Trophäe. Er war bei Fernsehanstalten und Redaktionen aus und ein gegangen. Man hatte ihn im Range Rover kreuz und quer durch Europa kutschiert. Er war das Symbol einer ganzen Generation gewesen in ihrer Sehnsucht nach der Ferne, nach dem Himalaya. Und er hatte seine Rolle darin erfüllt.

Nach seiner Rückkehr nach Hause vernahm man aber bald dunkle Geschichten von ihm und schließlich sprach man nicht mehr über ihn.

Der traurige Höhepunkt dieser Geschichten war gewesen, dass er seine Frau nach seiner Heimkehr im Suff krankenhausreif schlug, ebenso seinen Sohn, mit einem Hammer; wahrscheinlich ist er Jahre später an diesen Verletzungen gestorben.

Freilich hatte ihn daraufhin die nepalesische Polizei gesucht (und nicht gefunden), aber noch schwerer wog die Strafe, dass er von seinem Stamm, seiner Gemeinde, verstoßen worden war.

Niemand hatte also seinen Aufenthaltsort gewusst, für viele Jahre nicht, und niemand seinen Namen auch nur andeutungsweise mehr erwähnt. Aber er musste zurückgekehrt sein, denn bei den Sherpas ist nichts, auch nicht das größte Vergehen, in Stein gemeißelt, hat aber vielleicht gerade deshalb lang anhaltende Wirkung.

Nunmehr also, zwanzig Jahre später, war ich auf der Suche nach ihm. Bald hatte ich den Steilhang, der zum Hochplateau von Khumjung führt, unter mir gelassen und gelangte über einen kleinen Pass auf einen etwas breiteren, sanft abfallenden Weg, von dem aus man die ersten Häuser des Ortes erblicken kann.

Hier ungefähr musste es gewesen sein, als Sir Edmund Hillary nach der Erstbesteigung des Everest im Jahre 1953 den Sherpa Urkien fragte: „Tell us, if there is one thing we could do for your village, what would it be?“

Urkien antwortete: „With all respect, Sahib, you have little to teach us in strength and toughness. And we don’t envy your restless spirits. Perhaps we are happier than you? But we would like our children to go to school. Of all things you have, learning is the one we most desire for our children.“

Das Erste, was man, von Namche Bazar nach Khumjung kommend, passiert, sind große, flache Gebäude. Sir Edmund hatte Wort gehalten. Hier standen die Schulen, Grundschule, Hauptschule, und in der benachbarten Ortschaft Khunde, auch von hier gut sichtbar, das kleine, aber hocheffiziente Hillary-Krankenhaus.

Es gibt berühmte Bergsteiger, die von sich selbst glauben, dass sie gestorben sind, wenn sie sich nicht wenigstens einmal in der Woche selbst im Fernsehen sehen. Sir Edmund gehörte nicht dazu.

Im Jahr vorher war ich hier schon einmal alleine unterwegs gewesen. Es war ein grauer Tag gewesen, und der Nieselregen hatte die Ergebenheit des Hochplateaus noch verstärkt. Ich war langsam zwischen den großen Felsblöcken das Steiglein Richtung Khumjung hinuntergewandert. Da hörte ich Hammerschläge. Ich wunderte mich, dass bei diesem Wetter jemand im Freien arbeitete. Beim Näherkommen sah ich eine groß gewachsene Gestalt. Es war Sir Edmund. Er trug einen Hut, war weit jenseits der siebzig, seine Zähne hatte er in seiner Unterkunft zurückgelassen. Heiter und fidel war er mutterseelenallein dabei, den Dachstuhl einer neuen Schule zusammenzuzimmern. Kein Kamerateam war in der Nähe, um sein Gutmenschentum umgehend übertragen zu können. Wir unterhielten uns eine Weile, redeten auch über Peter, seinen Sohn, mit dem mich damals eine lose Freundschaft verband. Dann zog ich weiter, bis sich das Hämmern im Regen verlor.

Nun war ich also wieder hier. Die Schulgebäude waren alle fertiggestellt, und lebhaftes Kindergemurmel aus dem Inneren der Gebäude zeugte davon, dass Sir Edmunds Hilfsbereitschaft auf einen fruchtbaren Boden gefallen war.

Ich erreichte den breiten, von Steinmauern eingefassten Weg, der sich durch Khumjung zieht, und fragte einen Bauern, der gerade auf einem von zwei Yaks gezogenen Pflug stand, wo das Haus von Urkien sich befände. Er sah mich prüfend an, entgegnete dann aber, nicht unfreundlich, dass er keinen Urkien kenne. Ich ging also weiter, erreichte eine kleine Lodge, durch deren Holztür ich in das Halbdunkel trat. Um das offene Feuer in der Küche saßen einige Einheimische. Auch sie verneinten. Sie kannten keinen Urkien.

Einige Häuser weiter sah ich in einem Garten einen jüngeren Bauern, wie er an einer Bambusmatte flocht. Ich lehnte mich an das umgebende Steinmäuerchen und sah ihm eine Weile zu. Als er herblickte, fragte ich höflich nach Urkien.

„Hier gibt es keinen Urkien“, sagte er.

„Doch“, sagte ich, „ich weiß, dass es hier einen Urkien gibt. Er ist ein alter Mann inzwischen.“

Nein, Urkien kenne er keinen.

„Doch“, beharrte ich. „Der Sirdar Urkien.“

Das Gesicht meines Gesprächspartners blieb unbewegt: „Es gibt hier keinen Sirdar Urkien.“

Damit flocht er an seiner Matte weiter. Doch ich ließ nicht locker.

„Sirdar Urkien gibt es hier keinen“, sagte er schließlich und machte eine lange Pause. „Aber einen Yakboy Urkien, den gibt es. Er wies mit seiner Hand nach Norden. „Dort, das kleine Haus mit dem grünen Dach, das Eckhaus, das ist das Haus von Yakboy Urkien.“

Ich bedankte mich und machte mich auf den Weg.

So also hatte ihn die Gemeinschaft degradiert. Vom Sirdar zum Yakboy. Was für ein Abstieg. Ich hatte das Haus bald gefunden. Ebenerdig war der Stall angelegt, wie bei allen anderen Häusern auch. Ich betrat den Stall, stieg über das schütter ausgestreute Stroh hinweg und erreichte im Halbdunkel eine kleine Holzstiege, die nach oben führte. Eine primitive Holztür öffnete sich in einen kleinen, schmucklosen Raum. Ein ranziger Geruch lag in der Luft.

Ich erkannte Urkien sofort wieder. Er saß auf einer Steinbank, worauf Yakfelle gebreitet waren. Vor ihm stand ein großer Krug mit Tschang, und Urkiens abwesender Blick und die geröteten Augen zeugten davon, dass er schon reichlich davon Gebrauch gemacht hatte, obwohl es erst zehn Uhr vormittags war. Neben ihm saß ein schmutziger, rotgewandeter Mönch, der unablässig eine Art Rosenkranz in den Händen drehte. Beide sahen mich fragend an, und ich stellte mich vor, erzählte von Urkiens Besuch in Innsbruck vor zwanzig Jahren und dass es mich interessiere, wie es ihm denn gehe. Er zeigte keine Regung und kein Zeichen des Erkennens.

Es gehe ihm gut, sagte er schließlich mit schwerem Zungenschlag, es fehle ihm an nichts. Ich blieb eine Weile unter der Tür stehen, ratlos, denn man bot mir keinen Platz an. Schließlich sagte ich einen Abschiedsgruß, der nicht erwidert wurde, und fand meinen Weg über das steile Stieglein hinunter und durch das Dunkel des Stalls ins Freie, wo im gleißenden Sonnenlicht die majestätischsten Berge der Welt reihum standen.

Vielleicht hatte ich nur verstehen wollen, auf das Schreckliche hinauf, das ich vernommen hatte, und nach einer Erklärung gesucht.

Ich begann zu begreifen, warum diese Berge, alle diese Berge, ursprünglich heilig gewesen waren, nach deren Gipfeln man nicht strebte, genauso wenig wie nach den Schätzen des Bodens, der Erde, die doch nur die ewige Begierde nähren würden. Sie waren immer der Sitz der Götter gewesen, von deren Besteigung die geistigen Führer des Landes abrieten, denn man konnte nicht wissen, wohin das führte.

In einer Gesellschaft, in der man das Rad lange vor den Europäern kannte – als Symbol des Lebens – und es trotzdem niemals verwendete, weil man die Folgen fürchtete, in einer solchen Gesellschaft konnte es auch keinen Kulminationspunkt der Eitelkeiten geben.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
18+
Hacim:
210 s. 17 illüstrasyon
ISBN:
9783702233600
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar