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Rudolf Cronau

Rudolf Cronau: Drei Jahrhunderte deutschen Lebens in Amerika Teil 4

Band 142 in der gelben Buchreihe

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort des Herausgebers

Der Autor Rudolf Cronau

Drei Jahrhunderte deutschen Lebens in Amerika

Vorwort des Autors

Deutschamerikanische Schriftsteller

Die deutschamerikanische Dichtung des 19. und 20. Jahrhunderts

Deutsches Lied und deutscher Sang in Amerika

Deutsche Einflüsse im Musikleben Amerikas

Die deutsche Oper in Amerika

Ehrendenkmäler des Deutschamerikanertums

Die neueste Zeit

Der deutschamerikanische Nationalbund

Die Qellen zur Geschichte des deutschen Elements in den Vereinigten Staaten

Die gelbe Buchreihe

Weitere Informationen

Impressum neobooks

Vorwort des Herausgebers

Vorwort des Herausgebers


Von 1970 bis 1997 leitete ich das größte Seemannsheim in Deutschland am Krayenkamp am Fuße der Hamburger Michaeliskirche.


Dabei lernte ich Tausende Seeleute aus aller Welt kennen.

Im Februar 1992 entschloss ich mich, meine Erlebnisse mit den See­leuten und deren Berichte aus ihrem Leben in einem Buch zusammenzu­tragen. Es stieß auf großes Interesse. Mehrfach wurde in Leser-Reaktio­nen der Wunsch laut, es mögen noch mehr solcher Bände erscheinen. Deshalb folgten dem ersten Band der „Seemannsschicksale“ weitere.

Rudolf Cronau weist auf den enormen Einfluss deutscher Kultur in den USA hin. Der Anteil der aus Deutschland Eingewanderten an Bevölkerung der Vereinigten Staaten betrug im Jahre 1800 ein Fünftel um 1900 ein Drittel. Dies alles verschwand mit den beiden Weltkriegen leider völlig. Die deutschstämmigen Amerikaner waren gezwungen, ihre deutsche Herkunft möglichst zu verbergen. Hamburg, 2021 Jürgen Ruszkowski


Ruhestands-Arbeitsplatz

Hier entstehen die Bücher und Webseiten des Herausgebers

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Der Autor Rudolf Cronau

Der Autor Rudolf Cronau


Rudolf Daniel Ludwig Cronau wurde am 21. Januar 1855 in Solingen geboren und starb am 27. Oktober 1939 in North Tarrytown, New York. Er war ein deutsch-amerikanischer Journalist, Reiseschriftsteller und Maler. Er gilt als einer der besten Indianer- und Westernmaler sowie als Streiter für die Bewahrung und Entwicklung einer deutschamerikanischen Identität in den USA.

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Drei Jahrhunderte deutschen Lebens in Amerika

Drei Jahrhunderte deutschen Lebens in Amerika

https://www.projekt-gutenberg.org/cronau/amerika/amerika.html

Eine Geschichte der Deutschen in den Vereinigten Staaten

1909 in Berlin bei Dietrich Reimer (Ernst Vohsen) erschienen.

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Vorwort des Autors

Vorwort des Autors

Seit drei Jahrhunderten wälzt sich aus Deutschlands Gauen ein Strom von Auswanderern nach der Neuen Welt, je nach den im alten Vaterland obwaltenden politischen oder wirtschaftlichen Verhältnissen bald gleichmäßig fließend, bald nachlassend, um dann plötzlich wieder mächtig anzuschwellen und den Charakter einer wahren Völkerwanderung anzunehmen.

Fragte man die in der Heimat Zurückgebliebenen, was aus ihren nach Millionen zählenden ausgewanderten Landsleuten in der Fremde geworden, so vermöchten gewiss nur sehr wenige eine befriedigende Auskunft zu geben. Man verhielt sich in Deutschland gegenüber dem Schicksal seiner ausgewanderten Söhne bisher recht gleichgültig, indem man sich an die durchaus falsche Vorstellung gewöhnte, dass dieselben für ihr Vaterland wie für das deutsche Volkstum verloren seien. Man betrachtete sie als Faktoren, mit welchen man nicht länger rechnen dürfe. Man weiß nicht, was sie da draußen erlebten und verrichteten, ob sie im Elend verkamen oder es verstanden, eine achtunggebietende Stellung zu erringen.

Und die Ausgewanderten selbst? – Obwohl sie die Erfolge vieler ihrer Brüder vor Augen sehen, so sind auch sie über das, was die Gesamtmasse der Deutschen in Amerika leistete, doch nur oberflächlich unterrichtet. Weder sie, noch die neben ihnen wirkenden Amerikaner anderer Abstammung wissen, wie ungeheuer viel die großartig entwickelten Vereinigten Staaten von Amerika der rastlosen Arbeit, dem unermüdlichen Fleiß und der Intelligenz der Deutschen verdanken. –

An Geschichtswerken, welche die Vergangenheit Amerikas, den Ursprung und die Entwicklung der Vereinigten Staaten behandeln, ist zwar kein Mangel. Aber gegen diese Werke ist von vielen klarblickenden, nach historischer Wahrheit strebenden Forschern mit vollem Recht der Einwand erhoben worden, dass sie die Geschichte nur eines Teiles des amerikanischen Volkes, und zwar des aus England eingewanderten berücksichtigen, während auf die Vergangenheit und Leistungen der anderen Völkerelemente, die zum Aufbau der amerikanischen Nation beitrugen, entweder gar nicht oder nur sehr oberflächlich eingegangen sei. –

Beim Prüfen dieser Angelegenheit kann der mit der Entwicklungsgeschichte Amerikas Vertraute sich der Erkenntnis nicht entziehen, dass jener Einwand durchaus zutrifft. Fast alle in den vorhandenen Geschichtswerken geschilderten Ereignisse sind vom Gesichtswinkel des Anglo-Amerikaners, speziell des Neu-Engländers aus gesehen und beschrieben. Was andere Völkerelemente zur amerikanischen Kultur, zum Aufbau der Nation beitrugen, welche hervorragenden Männer sie lieferten, welche Taten dieselben verrichteten, was sie an Großem, Bleibendem schufen, blieb entweder unberücksichtigt oder wurde nur mit flüchtigen Strichen angedeutet, oft sogar absichtlich entstellt. Infolgedessen bildet sich bei den Lesern solcher Werke die irrige Anschauung, als ob die Anwesenheit der zahlreichen, nicht angelsächsischen Stämme auf amerikanischem Boden für die dort entstandene Kultur gar nichts bedeutet habe, und den Angelsachsen allein das Verdienst gebühre, das Material zum Aufbau der amerikanischen Nation geliefert und die Kultur derselben geschaffen zu haben.

So wenig aber eine Schilderung des Mississippi Anspruch auf Vollständigkeit erheben dürfte, die es unterließe, auch seine Hauptarme, den Missouri und Ohio zu beschreiben und ihre Bedeutung für die Größe und den Charakter des ganzen Stromsystems darzulegen, ebenso wenig können so einseitig aufgefasste Geschichtswerke wie die bezeichneten Anspruch auf den Titel einer „Geschichte des amerikanischen Volkes“ erheben.

Diese muss noch geschrieben werden. Und zwar unter gerechter Berücksichtigung aller verschiedenen Rassen- und Völkerelemente, aus denen sich das Volk der Vereinigten Staaten zusammensetzt und die in irgendeiner besonderen Weise zur amerikanischen Kultur beitrugen.

Das kann erst geschehen, wenn das erforderliche historische Material in Spezialwerken niedergelegt ist, die den Anteil der Deutschen, Iren, Schotten, Holländer und Skandinavier, der romanischen und slawischen Völker, der Israeliten, der indianischen, afrikanischen und mongolischen Rassen feststellen. Durch ausgedehnten Gebrauch solcher Spezialwerke kann die zu schreibende Geschichte der amerikanischen Nation an Interesse, Mannigfaltigkeit und Farbenreiz nur ungemein gewinnen. –

Wie zu dem in der Bundeshauptstadt Washington gen Himmel ragenden Monument zu Ehren des Begründers der Union, George Washington, fast alle Nationen des Erdballs Bausteine beitrugen, so mögen die in den Vereinigten Staaten ansässig gewordenen Vertreter solcher Nationen dies auch tun zu dem erhabenen Ruhmestempel der amerikanischen Geschichte. –

Der Verfasser dieses Buches bietet einen solchen Baustein, in der Überzeugung, dass die nach Millionen zählenden Abkömmlinge des deutschen Volkes, welche seit frühen Tagen in das Gebiet der heutigen Vereinigten Staaten von Amerika einströmten, in jeder Beziehung ein gewaltiger Faktor waren, der nicht übersehen werden sollte.

Berlin, im Sommer 1909.

Rudolf Cronau.

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Teil eins dieses Bandes beginnt: – Die Deutschen während der Kolonialzeit

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Die ersten deutschen Flugblätter über Amerika und die Vorläufer der deutschen Auswanderung dorthin

Die glückliche Heimkehr des Genuesen Christoph Columbus von seiner ersten großen Entdeckungsreise war ein Ereignis, dessen Bedeutung von allen Kulturvölkern der damaligen Zeit sofort empfunden wurde. Man erkannte instinktiv, dass die gelungene Fahrt für die ganze Menschheit von höchster Wichtigkeit sei und gewaltige Umwälzungen zur Folge haben müsse. Welch tiefen Eindruck die Kunde in der Gelehrtenwelt erregte, kann man am besten aus folgendem Brief des spanischen Geschichtsschreibers Peter Martyr an seinen Freund Pomponius Laetus ermessen: „Du schreibst, mein lieber Pomponius, dass du beim Eintreffen meiner die Entdeckung der entgegengesetzten Welt betreffenden Nachricht vor Entzücken aufgesprungen seiest und dich der Freudentränen nicht hättest erwehren können. Das zeigt, dass du als Gelehrter die Größe und Tragweite der neuen Entdeckung wohl zu würdigen weißt. In der Tat, auch ich kenne keine Speise, die erhabenen und genialen Geistern willkommener sein könnte, als diese. Ich fühle eine wunderbare geistige Erregung in mir, wenn ich mit den aus jenen Gegenden zurückgekehrten Männern rede. Es ist, als ob ein Armer plötzlich zu Reichtum gelange. Unsere durch die kleinen täglichen Sorgen und gesellschaftlichen Pflichten herabgezogenen Gedanken werden erhoben und geläutert durch das Nachsinnen über so herrliche Ereignisse.“

Selbst in dem nüchternen England wurde die Tat des Columbus als etwas Unerhörtes, Göttliches gepriesen. Schrieb doch Giovanni Caboto (Johann Cabot), der von England aus im Jahre 1497 eine Fahrt nach dem Westen unternahm und dabei das Festland von Nordamerika entdeckte: „Als die Nachricht eintraf, dass Christoph Columbus, der Genuese, die Küsten Indiens entdeckt habe – wovon im ganzen Reich des damals regierenden Königs Heinrich VII. gesprochen wurde, indem alle voll größter Bewunderung erklärten, es sei mehr ein göttliches als menschliches Wagnis, auf nie zuvor befahrenen Wegen vom Westen aus nach den im Osten gelegenen Gewürzländern zu segeln, – da entbrannte in meinem Herzen ein heißes Verlangen, gleichfalls eine große Tat zu verrichten.“

Auch in Frankreich und Deutschland erkannte man die Bedeutung des Ereignisses. Deutschland war schon damals das Land der Denker und Gelehrten. Martin Behaim, Schöner, Reisch, Münster, Pirckheimer u. a. verfolgten mit scharfen Blicken die in Afrika und Asien gemachten geographischen Entdeckungen und trugen dieselben auf ihre Weltkarten und Erdkugeln ein.

Der Brief, den Columbus am 3. März 1493 nach seiner Ankunft in Lissabon an Raphael Sanchez, den Schatzmeister des spanischen Königspaares, gesandt hatte, fand in lateinischen und italienischen Ausgaben Verbreitung und wurde auch in deutscher Übersetzung in Straßburg, wahrscheinlich auch an andern Orten gedruckt. Man kennt bis jetzt siebzehn verschiedene Ausgaben dieses Columbusbriefes in spanischer, lateinischer, italienischer und deutscher Sprache. Es ist nicht ausgeschlossen, dass außerdem manche andere gedruckt wurden, von denen wir keine Kunde mehr besitzen.

Noch größeres Aufsehen erregten die Reisebeschreibungen des Amerigo Vespucci. Sie versetzten ganz Europa in Erregung, da sie im Gegensatz zu dem Brief des Columbus, der nur die Entdeckung einiger Inseln gemeldet hatte, die Entdeckung einer „neu gefunden Region“ verkündigten, „die wohl eine Welt genannt mag werden“. Dazu war in Vespuccis Schilderungen das Interessante hervorgehoben und in pikanter Weise ausgemalt; die Beschreibungen des Völker-, Tier- und Pflanzenlebens waren neu und fesselten umso mehr, als man außer dem mageren Brief des Columbus noch nichts über die Neue Welt erfahren hatte. Columbus, um das Geheimnis des neuen Seeweges nach Indien zu bewahren, vermied absichtlich jede weitere Mitteilung über seine Entdeckungen. Dadurch, wie auch durch den Umstand, dass Vespuccius fälschlich angab, die erste seiner angeblich vier Reisen im Jahre 1497 vollführt zu haben, wobei er konsequent die Namen der Befehlshaber verschwieg, an deren Forschungsreisen er sich beteiligte, gelangten die den Unternehmungen fernstehenden italienischen, deutschen und französischen Geschichtsschreiber jener Zeit zu der irrtümlichen Anschauung, Vespuccius sei der Leiter jener Expeditionen gewesen und habe das Festland der neuen Welt entdeckt. Unter diesem Eindruck stand auch der um das Jahr 1481 in Freiburg in Baden geborene Gelehrte Martin Waldseemüller, der in der lothringischen Stadt St. Dié lebte und an dem vom Herzog René II. errichteten „Vogesischen Gymnasium“ Geographie und Naturwissenschaft lehrte.

Waldseemüller war zugleich mit einer Neuausgabe des Atlas von Ptolemäus beschäftigt, in welcher alle in der Neuen Welt gemachten Entdeckungen berücksichtigt werden sollten. Ferner schrieb Waldseemüller einen Leitfaden für den Unterricht in der Erd- und Himmelskunde.

Während er mit diesen Arbeiten beschäftigt war, erhielt der Herzog ein Exemplar der Vespuccischen Reisebeschreibungen. Dieselben erfüllten Waldseemüller mit solcher Begeisterung, dass er die Reisen Vespuccis in seinem am 25. April 1507 gedruckten Lehrbuch „Cosmographiae introductio“ ausführlich besprach und im neunten Abschnitt den Vorschlag ausbrachte, die bis dahin noch namenlose Welt zu Ehren ihres Entdeckers, Amerigo Vespucci, „Amerika“ zu nennen. Der betreffende Satz lautet verdeutscht: „Nun wahrlich, da diese Regionen weiter durchforscht sind und da ein anderer Erdteil von Americus Vespuccius entdeckt wurde, wie aus den nachstehenden Briefen ersehen werden mag, so kenne ich keinen Grund, warum er nicht gerechterweise Amerigen genannt werden sollte, das ist das Land des Amerigus, oder America, nach seinem Entdecker Americus, einem Manne von scharfem Verstande; haben doch Europa und Asien beide ihre Namen nach Weibern erhalten.“

Waldseemüllers Vorschlag fand bei vielen Geographen der damaligen Zeit Anklang. Da Columbus bereits im Jahre 1506 gestorben war, und niemand auftrat, um den wissenschaftlichen Irrtum zu berichtigen, so fand der von dem deutschen Gelehrten vorgeschlagene Name rasch Annahme. Schon 1510 konnte der dem „Vogesischen Gymnasium“ angehörende Walter Lud in seiner „Grammatica Figurata“ mit Stolz erklären, „dass St. Dié jetzt eine in der ganzen Welt bekannte Stadt sei, weil sie America den Namen gegeben habe“.

Es war die einzige Großtat, durch die das Gymnasium bekannt wurde, denn als Herzog René starb, löste sich die kleine Gelehrtengemeinde auf. Waldseemüller zog nach Straßburg, wo er bei Jean Grüninger die fünfte Ausgabe seiner „Cosmographiae introductio“ drucken ließ. Nachdem der Straßburger Jean Schott die Druckerpresse und den Typenvorrat des „Vogesischen Gymnasiums“ erworben hatte, gab Waldseemüller hier auch im Jahre 1513 die von jenem Gymnasium geplante Neuausgabe des Atlas des Ptolemäus heraus. Inzwischen hatte er seinen Irrtum bezüglich des Entdeckers der Neuen Welt erkannt, denn er trug auf die schöne, dem Atlas beigegebene Karte von Amerika an der Stelle, wo Columbus zuerst seinen Fuß auf das Festland der Neuen Welt gesetzt hatte, folgenden Satz ein: „Hec terra adjacentibus insulis inventa est per Columbu ianuensem ex mandato Regis Castelle“, „Dies Land und die benachbarten Inseln wurden durch Columbus unter der Regierung des Königs von Kastilien entdeckt“. Über die Reisen des Vespucci findet sich im ganzen Atlas kein Wort. Aber der frühere Irrtum konnte nicht wieder gutgemacht werden. Der Name Amerika hatte sich bereits so eingebürgert, dass er trotz aller Bemühungen, ihn durch die passendere Bezeichnung „Columbia“ zu ersetzen, der Neuen Welt bis heute verblieb.

Den Reisebeschreibungen Vespuccis folgten zahlreiche „Newe Zeitungen“, welche die Entdeckungen der Portugiesen in Südamerika, die kühnen Eroberungszüge der Spanier in Yucatan, Mexiko und Peru schilderten. Sie umfassten meist nur wenige Seiten.

Von solchen, aus leicht erklärlichen Gründen, der Verzettelung unterworfenen Flugblättern haben sich leider nur wenige erhalten. Von diesen nenne ich die wahrscheinlich im Jahre 1520 gedruckte „Copia der Newen Zeytung auß Presillg Landt“ (Brasilien); die „Newe Zeittung von dem Lande, das die Spanier funden haben im 1521 jare, genannt Yucatan“. Von den mexikanischen Eroberungszügen erzählen Flugschriften, die im Jahre 1520 bei „Friyderichen Peypus in Nürmberg“, 1522 in Augsburg, 1534 bei Georg Ulricher in Straßburg und 1550 bei Philipp Ulhart in Augsburg erschienen. Über den Raubzug Pizarros berichtet ein 1535 gedruckter Brief, der mit den Worten anhebt: „Item es ist vor etlichen Jaren durch Kay. May. beuelch (auf Befehl Sr. Majestät des Kaisers) außgefaren auß Hispania ein hispanischer Her Francisco de Pysaria ...“ usw.

Im Verein mit den von den Geographen und Geschichtsschreibern in umfangreichen Erdbeschreibungen niedergelegten Nachrichten übten diese neuen Zeitungen einen ungeheuren Eindruck auf das deutsche Volk. Man verschlang die Beschreibungen der mit goldenen Schätzen und seltsamen Götzenbildern gefüllten Tempel und Paläste der Inkas und Montezumas; staunend las man von den volkreichen Städten Tenochtitlan, Cholula, Tlaskala und Cuzko, von ihren großen Märkten und Festen. Man hörte von der Fahrt des Ritters Ponce de Leon nach Bimini, wo eine Quelle existiere, deren Wasser ewige Jugend verleihe. Man vernahm vom Eldorado, einem indianischen König, dessen Körper tagtäglich derart mit Goldstaub bedeckt werde, dass er einer Goldfigur gleiche.

Es bedurfte nicht mehr, um das Wunderfieber und die Lust zu Abenteuern bei den Deutschen zu erregen. Diese beiden Neigungen steckten ihnen von jeher im Blute. Seit den frühesten Tagen des Mittelalters zogen fahrende Ritter, Reisige und Minnesänger von Burg zu Burg, von Hof zu Hof, um Speere zu verstechen oder beim Klang der Saiten die Gunst hoher Herren und schöner Frauen zu gewinnen. Neben ihnen gab es viel anderes ruheloses Volk: fahrende Gaukler, Spielleute, Schüler und Fräulein, fahrende Ärzte und Quacksalber, und nicht zuletzt der unabsehbare Tross der Landsknechte, die ihre Dienste bald diesem, bald jenem Herrn verkauften. Deutsche Landsknechte fochten in fast allen europäischen Kriegen. Wenn einer dieser rauen Söldlinge, Nikolaus Schmid von Regensburg, der für Philipp II. von Spanien in Marokko focht, in seiner poetischen Beschreibung der Kriege in selbstbewusstem Tone singt:

Uns Deutsche braucht man zu dem Spiel

wann man einen Krieg will fangen an.

ohn‘ uns wird nichts gerichtet aus,

wo wir nicht sein dabei im Strauß ...

so bezeichnete er die damalige Zeit in der zutreffendsten Weise.

Es konnte nicht ausbleiben, dass diese allzeit abenteuerlustigen Landsknechte durch die Nachrichten über die neu entdeckte Welt und deren Schätze mächtig angezogen wurden. Besonders diejenigen, welche unter den Fahnen des zum Erben des spanischen Thrones, und im Jahre 1519 auch zum deutschen Kaiser ausgerufenen Karls V. gen Spanien zogen. Dort kamen sie in Berührung mit jenen Abenteurern, die für diesen Herrscher die Länder der Neuen Welt eroberten. Mit Sicherheit dürfen wir annehmen, dass viele dieser deutschen Landsknechte sich für die Eroberungszüge in Amerika anwerben ließen. Leider wissen wir nur wenig über die Beteiligung solcher Deutschen. Dass sie aber keineswegs gering veranschlagt werden darf, geht daraus hervor, dass unter den 3.000 Soldaten des Pedro de Mendoza, der im Jahre 1534 nach dem südamerikanischen „Silberstrom“, dem La Plata, zog, sich 150 Deutsche befanden. Einer derselben war Ulrich Schmidel aus Straubing. Er verweilte 19 Jahre lang am La Plata und nahm an fast allen von Mendoza unternommenen Eroberungszügen teil. Als er nach zahllosen Abenteuern endlich wieder in die Heimat zurückkehrte, schrieb er seine: „Warhafftige Historien Einer Wunderbaren Schiffart, welche Ulrich Schmidel von Straubing von Anno 1534 biß Anno 1554 in Americam oder Neuwewelt, bey Brasilia und Rio della Plata getan. Was er in diesen neuntzehn Jahren außgestanden, und was für seltzame Wunderbare Länder und Leut er gesehen“ usw.

Noch absonderlichere Erlebnisse bestand der aus Homburg in Hessen stammende Hans Stade. In Brasilien geriet er in die Gefangenschaft „der wilden, nacketen, grimmigen Menschenfresser Leuthen“, deren Sitten er in einem 1556 zu Frankfurt a. M. gedruckten Büchlein höchst anschaulich beschrieb.

Sicher befanden sich auch viele deutsche Landsknechte bei jenen Expeditionen, die in den Jahren 1528 bis 1546 von den Augsburger Kaufherren Welser ausgesandt wurden, um Venezuela zu erobern. Diese Expeditionen, von denen die erste 50 Bergleute aus dem Erzgebirge mit sich führte, wurden sämtlich von deutschen Rittern befehligt. Von der am Karabischen Meere gelegenen Ortschaft Coro aus drangen sie in überaus waghalsigen Entdeckerzügen durch die tropischen Niederungen des Zuliagebietes bis auf die kalten Hochebenen Kolumbiens, in südlicher Richtung bis zu den oberen Nebenflüssen des Orinoco. Nikolaus Federmann schrieb über diese oft mehrere Jahre währenden Fahrten seine berühmte „Indianische Historia“. Der Junker Philipp von Hutten sandte gleichfalls hochinteressante Reisebriefe an seine in der Heimat zurückgebliebenen Angehörigen.

Alle diese Flugblätter, Zeitungen und Reiseschilderungen, zu denen sich noch viele in Erdbeschreibungen enthaltene umfangreiche Mitteilungen gesellten, erregten im deutschen Volke das lebhafteste Interesse für die Neue Welt. Die Folge war, dass im 17. und 18. Jahrhundert die auswanderungslustigen Deutschen sich nicht mehr ausschließlich nach Ungarn, Siebenbürgen, Polen und Russland wendeten, sondern sich auch an der Besiedelung der Neuen Welt beteiligten.

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Teil drei dieses Bandes von Rudolf Cronau endet mit diesen Texten:

Der Einfluss des deutschen Erziehungswesens auf die Lehranstalten der Vereinigten Staaten

Seit langer Zeit genießt Deutschland den Ruhm, das Land der großen Denker, Philosophen und Wissenschaftler zu sein. Seine Bildungsanstalten sind die Resultate unermüdlicher, über ein ganzes Jahrtausend sich erstreckenden Arbeit, hingebender Studien und der dabei gewonnenen Erkenntnisse. Infolgedessen sind Gründlichkeit und gediegene Lehrmethoden die Lichtseiten des deutschen Erziehungswesens.

Die dem ganzen Volke innewohnende Liebe zur Wissenschaft zeichnete, wie wir in einem früheren Abschnitt dartun konnten, auch die während der Kolonialzeit nach Amerika gekommenen Deutschen aus, von denen manche, wie z. B. der edle Pastorius, die Prediger Mühlenberg und Schlatter, die Lehrer Schley, Dock und andere die im alten Vaterland genossenen Unterrichtsmethoden auch in den von ihnen gegründeten Schulen anwendeten. Mit welchem Erfolg, ersahen wir aus der Geschichte des Lehrers Dock, des „deutschamerikanischen Pestalozzi“.

Niemand erkannte den Wert dieser Methoden mehr als Benjamin Franklin, der große Philosoph und Staatsmann, in dessen Druckerei die Deutschen viele ihrer Schulbücher herstellen ließen. Franklin war es auch, der, nachdem er im Jahre 1766 auf einer Reise durch Deutschland die vortrefflichen Einrichtungen der Universität zu Göttingen kennen gelernt hatte, den Anstoß dazu gab, die in Philadelphia bestehende Public Academy in eine nach dem Muster der Göttinger Universität geleitete Hochschule, die heutige Universität von Pennsylvanien umzuwandeln. Das geschah noch vor Beendigung des Unabhängigkeitskrieges, im Jahre 1779. Dass seine frühere Abneigung gegen die Deutschen sich in das direkte Gegenteil verwandelt hatte, beweist die Tatsache, dass er dem von ihm entworfenen Lehrplan eine von dem Professor Wilhelm Craemer geleitete deutsche Abteilung einfügte und so der deutschen Sprache Eingang unter den gebildeten Amerikanern verschaffte.

Franklin unterstützte auch lebhaft die Gründung der von den Deutschen Pennsylvaniens geplanten „Franklin-Hochschule“ zu Lancaster. Er steuerte nicht bloß 1.000 Dollar zum Bau derselben bei, sondern unternahm noch als 81jähriger Greis die sehr beschwerliche Reise dorthin, um der Grundsteinlegung beizuwohnen.

Außer jener Hochschule unterhielten die in Pennsylvanien lebenden Deutschen, namentlich die rasch zu Wohlstand gelangten Mennoniten und Herrnhuter, vortrefflich geleitete Schulen. Diejenigen zu Bethlehem und Nazareth bezeichnet Payne in seiner „Universal Geography vom Jahre 1798“ als die besten ganz Amerikas.

In Bethlehem bestand seit 1749 auch bereits ein Lehrerinnen-Seminar. Wie weit voraus die Herrnhuter damit den Puritanern Neu-Englands waren, beweist die Tatsache, dass, als im Jahre 1793 der Vorschlag gemacht wurde, eine ähnliche Anstalt in Plymouth, Massachusetts, zu gründen, man dort das Projekt bekämpfte, „weil in einer solchen Schule Frauen gelehrter als ihre zukünftigen Ehemänner werden könnten!“

Ein freierer Geist griff erst Platz, als in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zahlreiche geistig hochstehende Amerikaner „Entdeckungsreisen“ nach dem Lande der großen Denker unternahmen, um dort ihre Studien fortzusetzen oder zu vollenden. Sie lernten dabei die Einrichtungen der deutschen Schulen und Universitäten so schätzen und lieben, dass sie gleich Franklin für die Umgestaltung des amerikanischen Erziehungswesens nach deutschem Muster eintraten.

Am nachdrücklichsten taten dies die Professoren John Griscom von New York, Alexander D. Bache von Philadelphia und Calwin E. Stowe von Ohio. Diese hervorragenden Pädagogen bereisten Europa zu dem speziellen Zweck, um die dort angewandten Erziehungsmethoden kennen zu lernen. Griscom traf während der Jahre 1818 und 1819 mit Pestalozzi zusammen und hatte Gelegenheit, die nach dessen System geleitete Anstalt in Hofwyl bei Bern zu studieren. Ihre Einrichtungen entzückten ihn dermaßen, dass er schrieb: „Ich kann nur meine Hoffnung aussprechen, dass diese Art der Erziehung, wo landwirtschaftliche und mechanische Fertigkeiten mit literarischem und wissenschaftlichem Unterricht verbunden sind, rasch und in ausgedehntem Maß in den Vereinigten Staaten angenommen werde.“

Seine Beobachtungen veröffentlichte Griscom später in dem zweibändigen Werk „Two years in Europe“, von welchem der berühmte amerikanische Pädagoge Barnard sagt, dass kein Buch einen so mächtigen Einfluss auf das amerikanische Erziehungswesen ausgeübt habe, als dieses. Thomas Jefferson benutzte die darin gegebenen Winke beim Einrichten der Universität von Virginien.

Alexander Bache, erster Präsident des von Stephen Girard in Philadelphia gestifteten „Girard College“ verwertete seine während der Jahre 1837 und 1838 in Preußen gemachten Erfahrungen beim Entwurf der Regeln der von ihm geleiteten hochberühmten Anstalt.

Calwin Stowe besuchte Deutschland während des Jahres 1836, und zwar im Auftrag der Regierung des Staates Ohio. In dem Bericht, welchen er nach seiner Rückkehr erstattete, sagt er über das preußische Schulsystem: „In der Tat, ich halte dieses System in seinen großen Zügen für nahezu so vollkommen, als menschlicher Scharfsinn und menschliche Geschicklichkeit es zu machen imstande sind. Manche Einrichtungen und Einzelheiten mögen noch verbessert werden. Natürlich sind auch Änderungen nötig, um es den Verhältnissen anderer Länder anzupassen.“

Seinem, die kleinsten Details berücksichtigenden Bericht fügte Stowe eine Übersetzung der preußischen Schulverordnungen bei, welche bei der Neugestaltung der Schulgesetze Ohios als Grundlage dienten.

Es geschah dies zur selben Zeit, wo auch in anderen Staaten aus Deutschland eingewanderte Schulmänner, wie Franz Lieber, Karl Follen, Karl Beck, Franz Joseph Grund und andere deutsche Lehrmethoden an amerikanischen Hochschulen praktisch anwendeten. Sie wurden darin später durch zahlreiche in Amerika geborene Gelehrte unterstützt, die in Deutschland studierten und nach ihrer Heimkehr als Lehrer in amerikanische Schulen und Universitäten eintraten, um die gesammelten Erfahrungen den amerikanischen Studenten zu übermitteln.

Professor Ira Remsen, Präsident der berühmten, ganz nach deutschem Muster eingerichteten John Hopkins-Universität zu Baltimore, schildert diesen Vorgang in folgenden Worten:

„Seit einem Jahrhundert besuchen Amerikaner deutsche Universitäten, von wo sie jenen Geist mitbrachten, der für diese Hauptsitze der Gelehrsamkeit so bezeichnend ist. Viele der bedeutendsten Professoren an amerikanischen Universitäten und Hochschulen erhielten ihre Schulung in Deutschland und die Hörer solcher Männer nehmen viel von dem Geist, den sie dort empfingen, auf, um ihn weiter über alle Welt zu verbreiten. Gerade hier wünschte ich statistische Angaben einschalten zu können. Es würde nicht nur interessant, sondern auch nützlich sein, festzustellen, wie viele Professoren an etwa einem Dutzend der leitenden Universitäten Amerikas in Deutschland studierten. Und ferner zu wissen, wie viele jener, die nicht dort studierten, unter solchen Personen arbeiten, die dieses Vorzugs teilhaftig wurden. Soweit ich die Lehrkörper mehrerer der wichtigsten Universitäten persönlich kenne, weiß ich, dass die meisten ihrer Mitglieder entweder in die eine oder die andere Kategorie gehören. Dabei brauchen wir uns nicht auf die größeren Hochschulen zu beschränken. Die gleichen Zustände bestehen auch an vielen kleineren und wenig bekannten. Sie beziehen ihre Professoren größtenteils von Universitäten der ersten Klasse, und auf diese Weise wird deutsche Gelehrsamkeit über das ganze Land verbreitet.

Aber es genügt nicht, den Einfluss Deutschlands auf unser akademisches Leben nur auf diese Weise festzustellen, da der Prozess zu unbestimmt wäre. Wir kommen weiter, wenn wir zeigen, wie der Einfluss Deutschlands sich in bezug auf die Organisierung unsrer Universitäten kundgibt. – Bis zum Jahr 1876 bildete das „College“ (Gymnasium) die höchste Stufe der Erziehungsanstalten unsres Landes. In manchen dieser Colleges befanden sich einige vorgeschrittene Studenten, sogenannte „post graduates“, für welche keine besonderen Vorkehrungen getroffen waren. Sie standen außerhalb des Systems und ihre Anwesenheit hatte auf das Lehrpensum der Anstalten geringe Wirkung. Falls ein solcher Student höhere als die vom Lehrplan vorgesehenen Arbeiten zu verrichten wünschte, so riet man ihm stets, nach Deutschland zu gehen. Und viele wandten sich dorthin.

Der erste ernstliche Versuch, der in Amerika angestellt wurde, um solche vorgeschrittene Studenten zu fördern, geschah seitens der „John Hopkins-Universität“ zu Baltimore im Jahre 1876. Präsident Gilman, welcher diese Universität organisierte, erklärte aufs bestimmteste, dass es der Wille ihrer Behörden sei, eine wirkliche Universität zu besitzen, die zur Weiterbildung vorgeschrittener Studenten geeignet wäre. Die Tatsache, dass so viele derselben nach Deutschland zogen, hatte gezeigt, dass ein Verlangen nach höherem Studium bestand, als wie es bisher auf den Colleges geboten wurde. Diese Tatsache bestimmte Präsident Gilman, seinen Plan zu fassen. Die Einzelheiten wurden nicht von Anfang an genau ausgearbeitet. Man wählte einen Lehrkörper, mit dem der Präsident gemeinschaftlich das gesteckte Problem lösen könne. Drei Mitglieder dieser Fakultät waren Engländer, die anderen Amerikaner, welche in Deutschland studiert hatten. Auch von jenen Lehrkräften, die späterhin der Fakultät zugefügt wurden, hatten die meisten in Deutschland studiert. In unseren Bemühungen, den zu uns kommenden vorgeschrittenen Studenten weiter zu helfen, fanden wir, dass wir manche der an deutschen Universitäten bestehenden Einrichtungen annahmen. Das kann nicht überraschen, wenn man sich vergegenwärtigt, dass die Universitäten Englands damals so wenig wie heute für die Bedürfnisse vorgeschrittener Studenten besonders eingerichtet waren, und dass die deutschen Universitäten die einzigen in der Welt vorhandenen Vorbilder sind. Wir kamen bald dahin, auf dem Unterricht in methodischen Untersuchungen als einem der wichtigsten Teile der Arbeiten jedes vorgeschrittenen Studenten zu bestehen. Und obwohl wir unsere eigenen Regeln für die Anleitung der Kandidaten für Doktoren der Philosophie aufstellten, ähnelten dieselben doch im Allgemeinen den Regeln der deutschen Universitäten. Über ein Vierteljahrhundert hat die „John Hopkins-Universität“ die Ideale deutscher Gelehrsamkeit hochgehalten. Sie ist nicht irgendeiner besonderen Methode der deutschen Universitäten blindlings gefolgt, aber sie hat die Wichtigkeit gründlicher Forschung aufs nachdrücklichste betont und damit einen starken Einfluss auf die höhere Erziehung Amerikas ausgeübt. Das von der „John Hopkins-Universität“ gegebene Beispiel wurde von vielen anderen Erziehungsanstalten dieses Landes nachgeahmt und die Methoden, welche von den neueren Universitäten angenommen wurden, haben vieles mit jenen der „John Hopkins-Universität“ gemeinsam. In allen tritt der Einfluss Deutschlands klar zutage.“

Dem Vorgang der „John Hopkins-Universität“ folgten zunächst die im Jahre 1890 gegründete „Universität zu Chicago“ und die im Jahre 1891 gestiftete „Leland Stanford-Universität“ in San Francisco. Ihnen schlossen sich später die älteren Schwestern Harvard in Cambridge, Yale in New Haven und Columbia in New York an. Diesen Beispielen folgten zahlreiche andere Hochschulen, seitdem Deutschland auf den Weltausstellungen zu Chicago und St. Louis sein Unterrichts- und Erziehungswesen in umfassender Weise veranschaulichte und dadurch dem Studium aller amerikanischen Pädagogen zugängig machte.

Die Größe und Bedeutung des so vom deutschen Erziehungswesen auf die Lehranstalten in Amerika direkt und indirekt ausgeübten Einflusses lassen sich natürlich weder statistisch noch anderweitig feststellen. Aber sicher treffen die Worte zu, welche eine anerkannte Autorität, Andrew D. White, der ehemalige Präsident der „Cornell-Universität“ zu Ithaka, einst sprach:

„Mehr als irgendein anderes Land hat Deutschland dazu beigetragen, die amerikanischen Universitäten zu dem zu machen, was sie jetzt sind: zu einem gewaltigen Faktor in der Entwicklung der amerikanischen Kultur.“

* * *

Eine ebenso eigenartige wie bedeutungsvolle Neuerung im amerikanischen Erziehungswesen wurde in der jüngsten Zeit durch Kuno Francke Professor der deutschen Sprache und Literatur an der Harvard-Universität eingeleitet.

Er befürwortete, dass zwischen den Universitäten Deutschlands und der Vereinigten Staaten ein regelmäßiger Austausch von Professoren vorgenommen werden möge, damit durch den so bewirkten direkten Gedanken- und Meinungsaustausch nicht nur eine innigere Verschmelzung deutscher und amerikanischer Wissenschaft und eine geistige Verbrüderung zwischen dem deutschen und amerikanischen Volke herbeigeführt, sondern zugleich der großen Masse der amerikanischen Studenten das gewährt werde, was gegenwärtig nur einer bevorzugten Minderzahl, die den Besuch ausländischer Universitäten nicht zu scheuen brauche, zu genießen möglich sei: die persönliche Berührung mit hervorragenden, scharf markierten, wissenschaftlichen Persönlichkeiten, wie sie für das deutsche Gelehrtentum so bezeichnend sind. Der deutsche Gelehrte, so betonte Francke, setze sich ein für seine Sache, er gehe auf in seiner Wissenschaft und sei erfüllt vom Glauben an dieselbe. Viele besäßen eine eigenartige Kampfnatur, die Selbständiges leisten wolle, sich durch nichts beirren lasse und nach den höchsten Idealen strebe. Die von solchen Personen ausgehende Anregung müsse sowohl auf die Studierenden wie auf die Lehrer der amerikanischen Hochschulen einen außerordentlich belebenden Einfluss ausüben.

Dieser von Professor Francke im Jahre 1902 erhobene Vorschlag fand sowohl diesseits wie jenseits des Ozeans begeisterte Zustimmung. Namentlich seitens Sr. Majestät des Kaisers Wilhelm II. und des Präsidenten Theodore Roosevelt, welche die Ersprießlichkeit eines engeren freundschaftlichen Verhältnisses zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten längst erkannt und, jeder nach seiner Weise, seit geraumer Zeit für ein solches gewirkt hatten. Es kam infolgedessen im November 1904 zwischen der Universität Harvard und dem preußischen Kultusministerium ein ganz dem Sinne des Franckeschen Vorschlags entsprechender Vertrag zustande, demgemäß sich Professor Francis G. Peabody von der Harvard-Universität im Winter 1905 nach Berlin begab, um an der dortigen Universität eine Reihe von Vorträgen über soziale Ethik im allgemeinen und über die sozialen Probleme Amerikas im besonderen zu absolvieren. Um die gleiche Zeit reiste der Leipziger Professor Wilhelm Ostwald nach Cambridge, Mass., um an der Harvard-Universität im Auftrag der preußischen Regierung über Naturphilosophie und physikalische Chemie Vortrag zu halten. Ihm folgte im Herbst 1906 als zweiter deutscher Austauschprofessor der Literaturhistoriker Eugen Kühnemann aus Breslau mit Vorträgen über das moderne deutsche Drama. An Stelle Peabodys trat hingegen Professor Theodore W. Richards, der im Frühjahr 1907 an der Berliner Universität einen Kursus über Chemie eröffnete. Diesen Leuchten der Wissenschaft schlossen sich in der Folgezeit manche andere namhafte Gelehrte an.

Ein ähnliches Kartell wurde bald darauf auch zwischen der Columbia-Universität zu New York und dem preußischen Kultusministerium geschlossen, aber mit dem Unterschied, dass dank der hochherzigen Stiftung eines früheren Studenten der Columbia-Universität, des New Yorker Bankiers James Speyer, in Berlin ein permanentes „Amerikanisches Institut“, verbunden mit einer „Roosevelt-Professur“ geschaffen wurde. In diesem Institut sollen die bedeutendsten Denkmäler der amerikanischen Wissenschaft, Literatur und Kunst allmählich gesammelt und aufbewahrt werden.

Als erster Inhaber der „Roosevelt-Professur“ begann im Oktober 1906 Professor John W. Burgess mit Vorlesungen über die Verfassungsgeschichte der Vereinigten Staaten. Ihm folgten später der Nationalökonom Professor Arthur Hadley von der Yale-Universität, Felix Adler, der Gründer der „Ethical Culture Society“ und Professor an der New Yorker Columbia-Universität und der Geschichtsprofessor Charles Alphonse Smith von der Universität von Nordkarolina. Die deutsche Regierung hingegen entsandte die Professoren Hermann A. Schumacher aus Bonn (Nationalökonomie und Staatswissenschaften), Rudolf Leonhard aus Breslau (Rechtswissenschaften) und Albrecht F. Penck aus Berlin (Geologie). Ähnliche Kartelle wurden auch seitens der Universitäten zu Chicago und Madison, Wisc, eingeleitet.

Obwohl seit der tatsächlichen Verwirklichung des hochinteressanten Experiments nur kurze Zeit verstrichen ist, liegen für seine Ersprießlichkeit doch bereits die glänzendsten Beweise vor. Denn hüben wie drüben drängten sich lernbegierige Studenten, Professoren, Lehrer, Journalisten, Staatsmänner und andere im öffentlichen Leben stehende Personen zu Hunderten herbei, um die, neuen Botschaften gleichkommenden Eröffnungen entgegenzunehmen, welche von den beredten Lippen jener, einer befreundeten Nation entstammenden Sendlinge, flossen. Dass man in der Auswahl der letzteren auf beiden Seiten glücklich gewesen, zeigten die in Berlin wie in Cambridge und New York gehörten Worte schmerzlichen Bedauerns, dass man so berufene Vertreter echter Wissenschaft nicht zu dem ständigen Lehrpersonal zählen dürfe.

„Unser einziges Bedauern ist nur, dass wir ihn nicht beständig hier behalten können“, so berichtete der mit der Leitung der preußischen Universitätsangelegenheiten im Kultusministerium betraute Geheimrat Dr. Althoff über Professor Peabody nach Harvard. Und dort empfand man in gleicher Weise, dass die Besuche der Professoren Ostwald, Kühnemann und anderer Ereignisse waren, die auf die gesamte dortige Studentenschaft tiefe, unauslöschliche Eindrücke hinterließen.

Da sowohl die amerikanischen wie die deutschen Austauschprofessoren während ihres Verweilens in dem befreundeten Lande auch Besuchsreisen nach anderen dort bestehenden Universitäten unternahmen und daselbst Vorträge hielten, so blieb ihr befruchtender Einfluss nicht auf einen engeren Kreis beschränkt, sondern erstreckte sich über große Teile der beteiligten Nationen.

Welche Anregungen diesem fortgesetzten Austausch von Gelehrten fernerhin entsprießen mögen, das lässt sich zurzeit noch nicht absehen. Aber schon jetzt darf man die im schönsten Sinne kosmopolitische Idee als einen vollen Erfolg bezeichnen, der sowohl für Amerika wie für Deutschland von hoher Bedeutung zu werden verspricht. „In dem Austauschgedanken“, so äußerte sich Professor Kühnemann über das Experiment, „drückt sich in einer edlen Weise das Gefühl der Verwandtschaft zwischen dem deutschen und dem amerikanischen Volke aus, etwas wie eine Zusammengehörigkeit, die zu dem Bedürfnis führt, sich wahrhaft kennen zu lernen und dadurch wahrhaft näherzutreten, dadurch, dass man die Lehrer der fremden Jugend das Wesen des eignen Volkes erklären hört. Ja, noch mehr, man möchte beteiligt sein am Leben des anderen großen Volkes, indem man mitarbeitet an der Seele seiner Jugend. Jeder dieser ins Ausland gehenden Professoren – das ist gewiss – kommt zurück als ein Mittelpunkt freundschaftlicher Gefühle für die Fremden. Ward je in gleich starker Weise der Professor aus der Enge seiner Gelehrtenstube hinausgeführt? Ward er je stärker daran erinnert, dass auch er ein Glied ist im Dienst der öffentlichen geschichtlichen Aufgaben seines Volks? Eine neue Klasse dieser internationalen Professoren wird sich bilden, die sich untereinander verbunden fühlen als Mitarbeiter an einem gemeinsamen Werk. Der Austausch von Gelehrten ist ein wahrhaft kosmopolitischer Gedanke – nur dass dieser Kosmopolitismus die nationale Eigenart nicht auslöscht, sondern geradezu voraussetzt und steigert.“

Und Professor Peabody fügte dem hinzu: „Der Besuch eines Professors ist eine vorübergehende Episode eines Semesters. Was von viel größerer Wichtigkeit ist, als die unmittelbare Wirkung eines einzelnen Vorlesungskursus, das ist die kumulative Wirkung dieser neuen Gelegenheit auf den Ehrgeiz und die Wünsche der jungen Leute. Viel wirksamer, als ein Austausch von Professoren an sich, wäre die Möglichkeit, durch den Austausch von Professoren die Mehrung des Austausches von Studenten zu fördern und den weiterblickenden, unternehmungslustigeren Studenten beider Länder die Erweiterung ihrer Lerngelegenheiten nahezulegen. Der Strom der studentischen Wanderung von den Vereinigten Staaten nach Deutschland ist bereits bedeutend, aber er bedarf sowohl der weiteren Ausdehnung wie der Direktion, welche ein frisch vom Mittelpunkt deutscher Wissenschaft gekommener Ratgeber geben könnte. Auf der anderen Seite könnte eine Gegenwandrung deutscher Studenten nach den Vereinigten Staaten und in soziale Verhältnisse, in denen Initiative und Fortschritt einen von Deutschland so scharf verschiedenen Lauf nehmen, lehrreich genug sein, um eine so kühne intellektuelle Entdeckungsreise zu rechtfertigen. Für die Vereinigten Staaten wenigstens liegt hierin die größte Bedeutung des akademischen Austausches. Der zunehmende Gedankenaustausch und Verkehr der jungen Gemüter in beiden Ländern würde eine Garantie für die Zukunft und die Bürgschaft internationaler Duldsamkeit, Freundschaft und Friedensliebe bedeuten. In Deutschland erwarten den amerikanischen Studenten viele Lehren, die er getrost nach Hause tragen kann, ohne einen Prohibitivtarif auf den wertvollsten deutschen Export fürchten zu müssen. Aber bei diesem Aneignen deutschen Wissens kann der Amerikaner zwei tiefere Lehren erhalten, welche sein Land noch sehr notwendig hat. Die erste dieser Lehren betrifft die Natur der Universität als einer Schöpfung, nicht des Geldes oder lediglich aus Gebäuden bestehend, oder aus ihrer Einrichtung, sondern groß durch die Gelehrsamkeit, die sie fördert, durch die Liebe zur Wissenschaft, welche sie erzieht, als eine Heimat des Idealismus, die sie darbietet. Die zweite Lehre, die sie erteilt, besteht in der Gelehrtennatur, in der Freude an dem selbständigen, fleißigen und zufriedenen Suchen nach Wahrheit, in dem Freisein von Selbstsucht und Ehrgeiz, in welchen Eigenschaften sich noch immer der schönste Typus deutschen Gelehrtentums kennzeichnet.“

Der an den Universitäten bemerkbare Einfluss deutscher Methoden strahlt natürlich auch auf die anderen Lehranstalten und Volksschulen über, die bekanntlich einen großen Teil ihrer Lehrkräfte von den Universitäten beziehen.

Die ausgezeichneten Ergebnisse des gegenseitigen Professorenaustauschs veranlassten im Jahre 1908 den Verwaltungsrat der Carnegie-Stiftung zur Förderung des Unterrichtswesens mit dem preußischen Kultusministerium Verhandlungen betreffs eines preußisch-amerikanischen Lehreraustauschs einzuleiten. Diese Verhandlungen kamen zum Abschluss, und es ward vereinbart, dass Preußen einen Oberlehrer und sechs Kandidaten entsenden solle, die in New York, Boston, New Haven, Worcester, Chicago und Exeter amtieren sollen. Die Vereinigten Staaten sollen zwölf Lehrer nach Preußen schicken, die hauptsächlich in den Universitätsstädten untergebracht werden. Zweifellos dürfte auch dieser Austausch von großem erzieherischem Wert sein.

Der Einfluss deutscher Methoden erstreckt sich selbstverständlich auch auf die Kindergärten, jene von dem großen Menschenfreund Friedrich Fröbel angebahnte Neuerung, die man mit Recht zu den bedeutendsten Errungenschaften der modernen Pädagogik zählt.

Es war Fröbel klar geworden, dass zwischen der Kinderstube, in welcher das Kind zwanglos schalten und walten darf, und dem unerbittliche Anforderungen stellenden Schulzimmer ein Übergang fehle, der dem Kind die Angewöhnung an die Pflichten und Gesetze der Schule erleichtere. Gerade die besten und talentvollsten Kinder, die eine Fülle von Lebenslust bekunden, empfinden den schroffen Wechsel von dem einem zum andern am schwersten. Die Kluft zu überbrücken, schuf Fröbel den Kindergarten, dessen Lieder, Spiele und unterhaltende Beschäftigungen das Kind unbewusst in das ernste Leben hinüberleiten.

Der erste Kindergarten in den Vereinigten Staaten wurde bereits im Jahre 1858 von der Hannoveranerin Karoline Louise Frankenberg, einer Schülerin Fröbels, in Columbus, Ohio, gegründet. Fröbel selbst hatte schon im Jahre 1836 in seiner Broschüre „Wiedererweckung zum Leben“ auf die Vereinigten Staaten als dasjenige Land hingewiesen, welches vermöge seines freiheitlichen Geistes und reinen Familienlebens am besten dazu geeignet sei, um seine Gedanken einer idealen Kindererziehung zu verwirklichen und aus derselben moralischen Nutzen zu ziehen. Wahrscheinlich durch diese Worte ihres Meisters angeregt, traf Fräulein Frankenberg 1838 in den Vereinigten Staaten ein, um die amerikanische Jugend nach den Theorien Fröbels zu erziehen. Ihre gute Absicht fand jedoch kein Entgegenkommen und sie kehrte deshalb schon 1840 wieder nach Keilhau, dem Wohnsitz Fröbels, zurück, unterrichtete dort zunächst zwei Jahre unter der persönlichen Leitung Fröbels, um dann ihren Wirkungskreis nach Dresden zu verlegen, wo sie elf Jahre tätig war. Dann wandte sie sich wieder den Vereinigten Staaten zu und gründete einen Kindergarten in Columbus, Ohio. Auch sie musste alle jene Widerwärtigkeiten und Enttäuschungen durchmachen, die sich stets mit einem bahnbrechenden Pionierleben verknüpfen. Nur mit großer Mühe gelang es ihr, einige Schüler zu erhalten, denn die Eltern betrachteten das Anfertigen von Vögeln, Booten, Hüten und dergleichen aus Papier, das Formen in Sand und Lehm, das Marschieren und Singen lediglich als Spielerei, als die beste Art und Weise, den Kindern die Zeit zu vertreiben und sie vor Unheil und Torheiten zu behüten. Dass in diesem kindlichen Spiel ein hoher erzieherischer Sinn lag, war den wenigsten klar. In ihrem sechzigsten Jahre ward Fräulein Frankenberg infolge eines Unfalls gezwungen, ihre Schule aufzugeben und nach dem Lutherischen Waisenhaus in Germantown, Pennsylvanien, überzusiedeln. In dieser Anstalt führte sie das Kindergartenwesen mit großem Erfolge ein. Fräulein Elisabeth Peabody, welche als die eigentliche Gründerin des amerikanischen Kindergartenwesens gilt, besuchte dort Fräulein Frankenberg öfter, um sich Winke für ihren Kindergarten zu holen, den sie in Boston gegründet hatte.

Fräulein Frankenberg starb in Germantown im Jahre 1882.

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Wir können diesen Abschnitt nicht schließen, ohne der Bestrebungen zu gedenken, die gemacht wurden, um auch den Unterricht in deutscher Sprache, Literatur und Kulturgeschichte in die Lehrpläne der amerikanischen Bildungsanstalten einzufügen.

Die in die Vereinigten Staaten eingewanderten Deutschen unterhalten seit langer Zeit deutsche Schulen, einesteils in dem Wunsch, ihren Kindern und Nachkommen die erhabenen Geistesschätze des deutschen Volkes zugängig zu machen, dann auch aus praktischen Gründen, die der Verfasser dieses Buches in einer im August 1903 von den „Vereinigten deutschen Gesellschaften der Stadt New York“ ausgesendeten Flugschrift in folgender Weise zusammenfasste: „Unsere öffentlichen Schulen sind diejenigen Anstalten, wo unsere Kinder für ihren späteren Kampf ums Dasein ausgerüstet werden sollen. Es muss demnach allen Eltern, welchen die Wohlfahrt und Zukunft ihrer Kinder nicht gleichgültig ist, daran gelegen sein, dass dieselben seitens der Schulen in erster Linie mit solchen Kenntnissen ausgestattet werden, welche die besten und sichersten Garantien für ihr späteres Fortkommen darbieten. Angesichts der Tatsache, dass die Handelsbeziehungen sämtlicher Länder Amerikas mit Deutschland in beständiger Zunahme begriffen sind, angesichts der Tatsache, dass in den Vereinigten Staaten allein mehrere Millionen Personen sich des Deutschen als Umgangs- und vielfach auch als Geschäftssprache bedienen, angesichts der von vielen amerikanischen Gelehrten zugestandenen Tatsache, dass die Kenntnis des Deutschen beim Verfolgen wissenschaftlicher Studien heutzutage geradezu unentbehrlich geworden sei, weil unzählige der wichtigsten neueren Werke aller Wissenschaften gerade in dieser Sprache geschrieben sind, angesichts der Tatsache endlich, dass von allen europäischen Sprachen Deutsch, die Mutter des Englischen, nach dem Englischen die verbreitetste ist und gegenwärtig von etwa 80 Millionen über den ganzen Erdball zerstreuten Personen geschrieben und gesprochen wird, geben wir unsrer Überzeugung Ausdruck, dass eine gründliche Kenntnis der deutschen Sprache für unsere Kinder von größter Wichtigkeit ist, weil diese Kenntnis ihre Befähigung zur späteren Teilnahme am wissenschaftlichen Leben erhöht und ihre Aussichten auf eine gesicherte Lebensstellung wesentlich verbessert.“

Die betreffende Flugschrift erschien als ein Protest gegen von gewissen Seiten gemachte Versuche, den deutschen Sprachunterricht durch Vorschieben anderer, weit weniger wichtiger Fächer aus den Schulen der Stadt New York zu verdrängen.

Dass das aufgeklärte Amerikanertum an solchen, leider nur zu häufig wiederkehrenden Versuchen keinen Anteil hat, beweisen – Professor Will H. Carpenter von der Columbia Universität zu New York äußerte sich über die kommerzielle Wichtigkeit der Kenntnis der deutschen Sprache folgendermaßen: „There are almost innumerable instances in America when the value of the possession of the German language may be expressed in the most material way, in terms of actual dollars and cents. In all our larger cities there are opportunities in plenty in the legal and medical profession that are not readily accorded a lawyer or physician who speaks English only.

In teaching, since German has and is to have an important place in the school curriculum, there are opportunities that can only be grasped by one who knows well both German and English. In many branches of trade, a knowledge of the two languages is necessary to a conduct of the business. This is not alone true of the great importing houses which in special cases deal only with Germany, but it is true, also, along vastly extended lines of export and import, in all parts of the country where the industrial and commercial importance of modern Germany inevitably creates German connections and German correspondence which, again, can only be properly attended to by one who knows both the English and German languages. This is true, furthermore, of insurance companies, of banks, and of many other branches of business in which bi-lingual correspondence-clerks and stenographers are needed as a necessary part of equipment. These conditions, too, are increasing, rather than diminishing in numbers and in value, and will continue to increase with the dominance of the English and German speaking nations.“

Und Präsident Gilman von der John Hopkins-Universität zu Baltimore sagte: „Wie im Mittelalter das Lateinische, so ist heute das Deutsche die Sprache der Gelehrsamkeit und Bildung, und kein Student kann auf letztere Bezeichnung Anspruch machen, wenn er das Deutsche nicht vollkommen beherrscht.“ – nicht bloß zahlreiche Äußerungen hervorragender amerikanischer Professoren, die sich für den Unterricht in deutscher Sprache erklärten, sondern auch die Tatsache, dass der deutsche Sprachunterricht trotz solcher Anfeindungen sich von Jahr zu Jahr mehr auf den höheren amerikanischen Lehranstalten einbürgert. Um die Jahrhundertwende wurde festgestellt, dass an den Universitäten 30.000, an den Hochschulen und Colleges 100.000, an den öffentlichen Volksschulen 300.000, an den katholischen Pfarrschulen 125.000 und an Privatschulen 30.000 Zöglinge am deutschen Unterricht teilnahmen. Da von vielen Schulen keine Angaben eingelaufen waren, so lässt sich annehmen, dass im Jahre 1900 von etwa 15 Millionen Schülern mindestens eine Million Deutsch erlernte.

Fast jede auf Bedeutung Anspruch erhebende Universität und Hochschule besitzt jetzt eine besondere Abteilung, wo deutsche Sprache gelehrt und germanistische Studien betrieben werden. An der Harvard-Universität, deren deutsche Abteilung heute bereits zwölf Professoren benötigt und etwa 1.500 Teilnehmer an vierzig germanischen Studien gewidmeten Kursen zählt, kam es sogar dank der Anregung des Professors Kuno Francke zur Gründung eines „Germanischen Museums“, welches die Kulturentwicklung der germanischen Rasse in Deutschland, Skandinavien, Dänemark, den Niederlanden, Deutsch-Österreich, den deutschen Kantonen der Schweiz und dem angelsächsischen England an charakteristischen Denkmälern der Kunst und des Gewerbes veranschaulichen soll. Das Ziel, welches Francke sich dabei steckte, ist, dieses Museum zu einem Hochstift deutscher Kultur zu gestalten, wo berufene Gelehrte Vorträge über deutsche Geschichte, Literatur und Kunst halten und die studierende Jugend Amerikas mit den Schätzen der deutschen Kultur bekannt machen sollen. Dieses mit dem Anbruch unseres Jahrhunderts eröffnete Museum hat sich in hohem Grade der Förderung seitens Seiner Majestät des deutschen Kaisers und mancher deutschen Städte zu erfreuen gehabt. Alle Anzeichen deuten darauf hin, dass es im Lauf der Zeit zu einem mächtigen Denkmal deutschen Geistes auf amerikanischem Boden anwachsen wird.

Zu Ende des Jahres 1904 entstand auch in New York eine „Germanistische Gesellschaft von Amerika“. Sie stellt sich die Aufgabe, das Studium und die Kenntnis deutscher Bildung in Amerika und amerikanischer Bildung in Deutschland zu fördern, und zwar durch Unterstützung des Universitätsunterrichts auf diesem Gebiete, durch Veranstaltung öffentlicher Vorträge, durch Herausgabe und Verbreitung geeigneter Schriften sowie durch andere Mittel, die dem Gründungszweck entsprechen. Ein Zyklus von Vorträgen über deutsche Kulturgeschichte an der Columbia-Universität während des Jahres 1905/06, sowie die Einladung des Dichters Ludwig Fulda und des Assyriologen Professor Friedrich Delitzsch zu einer Reihe von Vorträgen in verschiedenen amerikanischen Städten bildeten die ersten Taten dieser Gesellschaft. Im Jahre 1907 folgten Vorträge der Professoren Heinrich Krämer von der Kunstakademie zu Düsseldorf, des Professors Otto Hötzsch von der Akademie in Posen und von Professor W. Sombart aus Berlin. Diesem schlossen sich in der Folge andere namhafte Gelehrte an.

Ähnliche Ziele verfolgt das in Verbindung mit der „Northwestern Universität“ zu Chicago gegründete „Germanische Institut“. Es will gleichfalls in Amerika ein weiteres und tieferes Interesse für die Ergebnisse deutscher Gelehrsamkeit und Kultur schaffen und die zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland bestehenden Bande enger knüpfen. Es will ferner zeigen, inwiefern das deutsche Element das Leben und Streben des amerikanischen Volkes beeinflusste und eine wie große Rolle Deutschland und die Deutschen in der Geschichte der Entwicklung Amerikas spielten. Ähnliche Ziele erstrebt die im Oktober 1906 in Boston gegründete „Deutsche Gesellschaft“.

Alle diese Gründungen sind nicht bloß bedeutsame Symptome für das mächtig wachsende Interesse an deutscher Kultur, Kunst, Literatur und Wissenschaft, sondern auch Betätigungen des immer weitere Kreise erfassenden Glaubens, dass zwischen der Bevölkerung der Vereinigten Staaten und derjenigen Deutschlands nicht bloß eine Stammesverwandtschaft, sondern auch eine Wahlverwandtschaft besteht und dass die Zukunft der Weltkultur vorwiegend von der geistigen Bundesgenossenschaft beider Völker abhängig sei.

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Dass die Deutschamerikaner in vielen Städten eigne, ganz nach deutschem Muster eingerichtete Schulen gründeten, wurde bereits erwähnt. Viele standen und stehen noch unter der Leitung tüchtiger, meist in Deutschland ausgebildeter Pädagogen, wie Rudolf Dulon, Adolf Douai, Hermann Dorner, Emil Dapprich, Otto Schönrich, Hermann Schuricht, Heinrich Scheib, Georg Adler, Julius Sachs, Maximilian Großmann, G. A. Zimmermann, Rudolf Solger, H. H. Fick und andere.

Eine dieser Erziehungsanstalten, die von Peter Engelmann gegründete „Deutsch-Englische Akademie“ zu Milwaukee, erhielt eine höhere Mission durch ihre Verbindung mit dem „Deutsch-Amerikanischen Lehrerseminar“, dessen Stiftung von dem im Jahre 1870 entstandenen „Deutsch-Amerikanischen Lehrerbund“ beschlossen wurde. Und zwar aus folgenden Gründen:

1 Die deutschamerikanische Jugend braucht deutschamerikanische Erzieher.

2 Die zweisprachige Schule, die Schule der Zukunft, fordert für die Vereinigten Staaten Lehrer, die im Deutschen und Englischen gleich vollkommen ausgebildet sind.

3 Die deutsche Pädagogik, die Pädagogik der Humanität, bedarf solcher Vertreter, denen diese Wissenschaft, diese Kunst zu Fleisch und Blut geworden ist. Solche Lehrer und Erzieher muss das Seminar des Lehrerbundes bilden, wenn es seine Aufgabe richtig erfasst hat.

Bei der Gründung des Seminars traf man folgende Bestimmungen: „Dass der deutschamerikanische Lehrerbund den Lehrplan für das Seminar und die Seminarschule festsetzen, und dass nur mit seiner Einwilligung derselbe abgeändert werden darf, sowie dass im Seminar nur Wissenschaft von ihrem jeweiligen Standpunkte aus zu lehren ist, nicht aber Glaubenssätze, und dass Geistliche darin nie Lehrer sein können.“

Die Eröffnung dieses durch freiwillige Beiträge des Deutschamerikanertums unterhaltenen Seminars erfolgte im Jahre 1878. Der Unterricht ist kostenfrei. Der Lehrplan sichert den Seminaristen eine gründliche Ausbildung auf allen Gebieten. In politischen und religiösen Fragen herrscht die weitestgehende Toleranz. Ein einziger Gedanke leitet die Anstalt: aus ihren Zöglingen echte Schulmänner zu machen.

In der mit dem Seminar verbundenen „Deutsch-englischen Akademie“ bietet sich den vorgeschrittenen Seminaristen Gelegenheit, sich für ihren Beruf praktisch auszubilden. Außerdem besteht ein Abkommen mit den Schulbehörden der Stadt Milwaukee, demzufolge die Seminaristen auch in den öffentlichen Schulen, wo deutscher Unterricht erteilt wird, sich täglich eine Stunde lang im Ausüben ihres künftigen Berufs betätigen können.

So ist das deutschamerikanische Lehrerseminar eine Musteranstalt, die nicht nur dem Deutschamerikanertum zur Ehre gereicht, sondern durch die stete Aussendung vorzüglich ausgebildeter Lehrkräfte in hohem Grade befruchtend auf das Bildungs- und Erziehungswesen der Vereinigten Staaten wirkt.

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Hier geginnt Teil vier dieses Bandes:

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Deutschamerikanische Schriftsteller

Deutschamerikanische Schriftsteller

Gegenüber den achtunggebietenden Beiträgen, die das Deutschtum der Vereinigten Staaten auf fast allen Gebieten menschlicher Tätigkeit zur neuweltlichen Kultur lieferte, wollen seine Leistungen auf literarischem Gebiet verhältnismäßig gering erscheinen. Trotzdem mehr als 250 Jahre verflossen sind, seitdem Deutsche in die Neue Welt einzogen, kann man weder das Vorhandensein einer bestimmt ausgeprägten deutschamerikanischen Literatur, noch das Vorhandensein eines deutschamerikanischen Schriftstellerstandes behaupten. Literarische Größen gleich einem Gustav Freitag, Victor Scheffel, Paul Heyse, Friedrich Spielhagen oder Hermann Sudermann sind aus dem Deutschamerikanertum bisher nicht hervorgegangen. Die Deutschamerikaner sind mit sehr wenigen Ausnahmen nur Literaten aus Liebhaberei; weshalb die ihren Federn entsprungenen Werke auch nur vereinzelte Leistungen geblieben sind. Damit soll keineswegs gesagt sein, dass es den Deutschamerikanern an Begabung zu literarischem Schaffen fehle. Die Gründe für die verhältnismäßig geringe Zahl deutschamerikanischer Literaturwerke sind anderswo zu suchen.

Zunächst in dem beklagenswerten Umstand, dass die amerikanische Regierung sich bis zum Jahre 1909 nicht bereitfinden ließ, den Schutz, welchen sie jeder im Auslande gemachten technischen oder gewerblichen Erfindung, jedem Arbeitserzeugnis gewährt, in gleichem Umfang auch auf die geistigen Erzeugnisse fremdländischer Schriftsteller auszudehnen.

Bis zum Jahre 1893 waren sämtliche im Auslande erscheinenden Literaturwerke in den Vereinigten Staaten vogelfrei und konnten von jedermann nachgedruckt werden. Im Jahre 1893 kam ein Copyrightgesetz zustande, welches fremdländischen Schriftstellern Schutz für ihr geistiges Eigentum zugestand, sofern sie gewisse Bedingungen erfüllten. Die wichtigste schrieb vor, dass das betreffende Werk zur gleichen Zeit, wo seine Veröffentlichung im Auslande erfolgte, auch in den Vereinigten Staaten erscheinen müsse. Und zwar gedruckt von Typen und Platten, die in den Vereinigten Staaten hergestellt und gesetzt sein mussten.

Diese, lediglich die Interessen der amerikanischen Setzer und Drucker berücksichtigende Bedingung, die seitens der ausländischen Verleger aus finanziellen und technischen Gründen äußerst selten erfüllt werden konnte, machte den scheinbar gewährten Schutz völlig illusorisch. Infolgedessen konnte nach wie vor die gesamte Masse der im Auslande erzeugten Literatur seitens der amerikanischen Verleger und Zeitungsherausgeber kostenlos ausgebeutet werden.

Während der anglo-amerikanische Schriftsteller in seinem Erwerb Schutz empfing, indem man die im Auslande in englischer Sprache gedruckten Bücher mit sehr hohen Einfuhrzöllen belastete, blieb der deutschamerikanische Schriftsteller ohne solchen Schutz. Seine Produktion wurde erstickt durch die ungeheure Masse der in Deutschland und in anderen Reichen erzeugten Literatur, deren Schöpfungen, mochten es Bücher oder in Zeitungen veröffentlichte Romane und Aufsätze sein, in Amerika nachgedruckt werden konnten, ohne dass an ihre Urheber Honorare bezahlt werden mussten.

Unter solchen Umständen war die Existenzmöglichkeit deutschamerikanischer Berufsschriftsteller ausgeschlossen. Da sie für ihre Werke nur selten Verleger finden und klingende Erfolge erzielen konnten, so waren sie, um ihren Lebensunterhalt zu gewinnen, genötigt, sich in die Tagespresse zu flüchten. Wie viele Genies in dieser beim Erledigen der täglichen Routinegeschäfte verkümmerten, wer kann's sagen?

Nur wenigen blieb Zeit, in dem sie umbrausenden, ihre ganze Aufmerksamkeit und Kraft beanspruchenden Kampf des Lebens größere Werke zu schaffen. Glücklicher waren einzelne Ärzte, Gelehrte und Beamte, die im Besitz einträglicher Stellungen nicht auf Honorare zu sehen brauchten, sondern die Erzeugnisse ihrer Musse sogar auf eigene Kosten drucken lassen konnten.

Dass die Zahl solcher Werke keine große sein kann, versteht sich von selbst. Gegenüber der ungeheuren Menge billiger Nachdrucke der besten deutschen Werke ist sie verschwindend klein.

Trotzdem befinden sich unter den von Deutschamerikanern geschaffenen Werken, namentlich denjenigen geschichtlichen Charakters, manche, die wegen ihrer Auffassung und Darstellungsweise oder wegen ihrer auf sorgfältiger Quellenforschung beruhenden Angaben Beachtung und Verbreitung fanden.

Beispielsweise die acht Bände umfassende „Weltgeschichte“, welche von dem an den Aufständen in Baden beteiligt gewesenen Achtundvierziger Gustav von Struve während der Jahre 1850 bis 1860 in New York veröffentlicht wurde und wegen des streng demokratischen Standpunktes ihres Verfassers von Interesse ist.

Von Wert sind ferner Robert Clemen's „Geschichte der Inquisition“ (Cincinnati 1849); des Theologen Philipp Schaff „Geschichte der Christlichen Kirche“ (Mercersburg 1851), sowie „Amerika, seine politischen, socialen und kirchlich-religiösen Zustände“ (Berlin 1854). Die zu Halle geborene, unter dem Schriftstellernamen Taloj bekannt gewordene Gattin des Professors Eduard Robinson, eine geborene von Jakob, verfasste während ihres langjährigen Aufenthaltes in den Vereinigten Staaten eine „Geschichte des Kapitän John Smith“ (Leipzig 1847) und eine „Geschichte der Kolonisation von Neu-England“ (Leipzig 1847).

Viel gelesen wurden seinerzeit auch Friedrich Münchs „Erinnerungen aus Deutschlands trübster Zeit“. Der Rheinpreuße Gustav Brühl, welcher als Arzt in Cincinnati tätig war, schrieb das vorzügliche Buch „Die Kulturvölker Alt-Amerikas“. Rudolf Cronau lieferte in seinem zwei Bände umfassenden Werk „Amerika“ (Leipzig 1892) ein Gesamtbild der Entdeckung und Erschließung der Neuen Welt von der ältesten bis auf die neueste Zeit. Seine in den Bahamas und St. Domingo angestellten Forschungen über die erste Landestelle des Columbus und dessen Begräbnisstätte werden von den meisten Gelehrten für jene Fragen als entscheidend betrachtet.

Hermann A. Schumacher schilderte auf Grund sorgfältiger archivalischer Studien die im Auftrag der Augsburger Kaufleute Welser während der Jahre 1528 bis 1546 erfolgten Eroberungszüge nach Venezuela und Columbia. Franz Löher, Anton Eickhoff und Julius Goebel lieferten allgemeine Übersichten über die Geschichte des Deutschtums der Vereinigten Staaten, der erstgenannte in dem Buch „Geschichte und Zustände der Deutschen in Amerika“ (Cincinnati 1847). Friedrich Kapp schrieb eine wertvolle „Geschichte der Sklaverei“ (New York 1860), ferner vortreffliche Biographien der Generäle von Steuben (Berlin 1858) und Kalb (Stuttgart 1862); desgleichen eine Abhandlung über den „Soldatenhandel deutscher Fürsten nach Amerika“ (Berlin 1864), sowie eine „Geschichte der deutschen Einwandrung in den Staat New York“ (New York 1868). Alle Werke Kapps zeichnen sich durch künstlerische Ausgestaltung des verwendeten Materials und warme Färbung aus.

Oswald Seidensticker verdankt man „Bilder aus der deutschpennsylvanischen Geschichte“, die zum schönsten gehören, was die Geschichtsschreibung in Amerika hervorgebracht hat. Von Wichtigkeit sind ferner seine „Geschichte der deutschen Gesellschaft von Pennsylvanien“ sowie seine Forschungen zur Geschichte des deutschen Zeitungswesens und Buchdrucks in Amerika.

Hohen Wert besitzen auch die vorzüglichen Monographien mancher Mitglieder der „German Historical Society of Pennsylvania“. Insbesondere die erschöpfenden Studien von Julius Sachse, Samuel Pennypacker, Daniel Rupp, Daniel Cassel, Oskar Kuhns, Diffenderfer, Hartranft, Schmauk u. a. über die deutschen Einwandrer und Sektierer in Pennsylvanien.

Der Lehrer Hermann Schuricht erforschte die Geschichte des Deutschtums in Virginien; Emil Klauprecht und H. A. Rattermann diejenige der Deutschen im Ohiotal; Joseph Eiboeck schrieb die Geschichte der Deutschen in Iowa; Wilhelm Hense und Ernst Brumken diejenige der Deutschen in Wisconsin, und Professor Hanno Deiler jene der Deutschen am unteren Mississippi. Gustav Körner stellte wertvolle Notizen über „Das deutsche Element während der Periode 1818 bis 1848“ zusammen (Cincinnati 1880).

Gert Göbel schilderte in seinem Buch „Länger als ein Menschenleben in Missouri“ (St. Louis 1877) das Leben der deutschen Hinterwäldler; Friedrich Rübesamen das Grenzlerleben in Texas, Neu-Mexiko und Arizona.

Zahlreiche Schriften vermischten Inhalts lieferte der bereits mehrfach erwähnte Achtundvierziger Karl Heinzen, ein ungestümer Feuergeist, der in den Vereinigten Staaten Hauptführer der radikalen deutschen Demokraten wurde. Von seinen größeren Werken verdienen die in den Jahren 1867 bis 1879 erschienenen vier Bände „Teutscher Radikalismus in Amerika“ sowie die beiden Bände „Erlebtes“ (Boston 1864 und 1874) hervorgehoben zu werden.

Ebenso fruchtbar, aber durchaus andere Wege wandelnd ist Karl Knortz. Er beschäftigte sich vorzugsweise mit literatur- und kulturgeschichtlichen Studien und veröffentlichte als Ergebnisse derselben zahlreiche kleinere Werkchen.

Feuilletonistisch behandelte Reiseschilderungen lieferte Theodor Kirchhoff in seinen vortrefflichen „Californischen Kulturbildern“ und in seinen „Reisebildern und Skizzen“ (Altona 1875); denselben verwandt sind Rudolf Cronaus „Von Wunderland zu Wunderland, Landschafts- und Lebensbilder aus den Staaten und Territorien der Union“ (Leipzig 1885); „Im wilden Westen“ (Braunschweig 1890) und „Fahrten im Lande der Sioux“ (Leipzig 1885).

Ziemlich zahlreich sind die von Deutschamerikanern verfassten Romane, Novellen und Erzählungen. Aber die meisten verfielen samt den Tageszeitungen, in denen sie veröffentlicht wurden, der Vergessenheit. Unter ihren Urhebern befand sich der geistvolle Achtundvierziger Friedrich Hassaureck, dem wir die vortrefflichen, auch in Buchform veröffentlichten Romane „Hierarchie und Aristokratie“ und „Das Geheimnis der Anden“ verdanken. Friedrich Otto Dresel schrieb den Roman „Oskar Welden“, ferner die Novellen „Bekenntnisse eines Advokaten“, „Doppelehe oder keine Doppelehe“ und „Die Lebensversicherungs-Police“. Friedrich Lexow verfasste die Novellen „Auf dem Geierfels“, „Imperia“, und „Vornehm und gering“. Sein Bruder Rudolf Lexow schrieb die Novellen „Annies Prüfungen“ und „Der Rubin“; während der geschickten Feder Karl Diltheys verschiedene Novellen und Erzählungen, darunter „Die schönsten Tage einer Tänzerin“, „Henriette Sonntag“, „New York in alten Tagen“ u. a. entflossen.

Der gelehrte Arzt Hermann von Bähr in San Francisco, ein Achtundvierziger, veröffentlichte unter dem Pseudonym Atti Cambam den Roman „Dritte Söhne“, welcher in der Kölnischen Zeitung zum Abdruck kam und aus dieser in verschiedene deutschamerikanische Tagesblätter überging. Reinhold Solger schuf in seinem „Anton in Amerika“ eine Novelle von bleibendem Wert. Douai lieferte den Roman „Fata Morgana“, und Willibald Winkler den „Sklavenjäger“. Diesen Werken reihten sich während des letzten Vierteljahrhunderts die unter dem Pseudonym D. B. Schwerin veröffentlichten Romane der Dichterin Dorothea Böttcher an: „Der Sohn des Bankiers“ und „Die Erbschleicher“; ferner Udo Brachvogels „King Korn“ und Adolf Schaffmeyers Romane „Ein Phantom“, „Auf steiler Höhe“ und „Im Wirbel der Großstadt“.

Der kernige Journalist Eduard Leyh schrieb die deutschamerikanische Erzählung „Tannhäuser“; Johann Rittig lieferte charakteristische „Federzeichnungen aus dem amerikanischen Stadtleben“; und Caspar Stürenburg „Kleindeutschland, Bilder aus dem New Yorker Alltagsleben“. Verwandte Erscheinungen sind Henry Urbans „Just zwölf“; „Der Eisberg“; „Mans Lula“; „Aus dem Dollarlande“ und „Lederstrumpfs Erben“. Ferner Edna Ferns „Gentleman Gordon“; „Der Selbstherrliche und andere Geschichten“. G. von Skal ließ die Sammlung „Im Blitzlicht“ und „Das amerikanische Volk“ erscheinen. Der schlichte Kürschner Hugo Bertsch veröffentlichte die beiden Novellen „Bob, der Sonderling“ und „Die Geschwister“ (Stuttgart 1905), welche durch ihre drastische Darstellungsweise auch in Deutschland Aufsehen erregten.

Unter den Deutschamerikanern, welche sich mit großem Geschick der englischen Sprache zu bedienen lernten, steht Karl Schurz obenan. Die gleiche glänzende Ausdrucksweise, über welche er als Redner gebot, bekundete er auch in seinen historischen Werken. Zu diesen gehören in erster Linie die in englischer Sprache geschriebenen Lebensschilderungen des amerikanischen Staatsmannes Henry Clay (Boston 1887) und des Präsidenten Abraham Lincoln (London 1892). Ungemein fesselnd sind auch seine „Erinnerungen aus einem langen Leben“ (Berlin 1906). Dieselben erschienen zuerst in englischer Sprache unter dem Titel „Reminiscences of a long life“ (New York 1906). In ihnen schilderte der hochbetagte, aber noch vom Feuer des Idealismus durchglühte Greis die Denkwürdigkeiten seines Lebens, das so reich an Arbeit, Mühen, Kämpfen, Hoffnungen, Enttäuschungen und Erfolgen war, wie es nur wenigen Menschen beschieden ist. Für die Beurteilung des Aufstandes von 1848 sowie der politischen Zustände der Vereinigten Staaten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bilden diese Erinnerungen zweifellos ein Quellenwerk allerersten Ranges.

Fast ebenso gewandt wie Schurz wusste der im August 1830 in Westfalen geborene Karl Nordhoff die englische Sprache zu handhaben. Die Erfahrungen seiner ursprünglichen Seemannslaufbahn verwertete er in den Werken „Man of War Life“; „Merchant Vessel“; „Whaling and Fishing“; „Stories of the Island World“. Als Nordhoff sich später dem Journalismus zuwandte und für die New Yorker „Evening Post“ und den „Herald“ tätig war, schrieb er vielgelesene Reisewerke über Kalifornien, Oregon und die Sandwichinseln. Sein berühmtes Buch „The Cotton States“ (New York 1876) gab zu überaus heftigen Kontroversen Anlass, da Nordhoff die nach dem Bürgerkrieg in die Südstaaten einströmenden republikanischen Beutepolitiker sowie die verkehrten Maßnahmen der Bundesregierung für die im Süden zutage tretenden Missstände verantwortlich machte. Eines seiner wertvollsten Bücher beschreibt die „Communistic Societies in the United States“.

Rudolf Cronau ließ zu Ende des Jahres 1908 in New York sein erstes in englischer Sprache geschriebenes Werk unter dem Titel „Our wasteful nation, the story of American prodigality and the abuse of our national resources“ erscheinen, das sich in energischer Weise gegen die maßlose Vergeudung und den Missbrauch der natürlichen Hilfsquellen Amerikas richtet. Dem als Professor der Musik an der Harvard-Universität tätigen Komponisten Friedrich Louis Ritter verdanken wir eine in Boston erschienene „History of Music in the form of lectures“ sowie das Werkchen „Music in America“.

Der deutschamerikanischen Literatur darf man auch manche Werke beizählen, die von deutschen Novellisten und Romanschriftstellern während ihres längeren Verweilens in den Vereinigten Staaten geschrieben wurden.

Zu ihnen gehören in erster Linie einige Romane des am 3. März 1793 in Seefeld, Unterösterreich geborenen Karl Postel. Ursprünglich dem Orden der Kreuzherrn zu Prag angehörend, entwich er im Jahre 1822 dem Kloster und begab sich nach Amerika. In New York verweilte er bis 1826. In den Jahren 1828 bis 1830 bereiste er die Südstaaten und sammelte hier das Material zu seinem ersten großen, in englischer Sprache geschriebenen Roman „Tokeah or the White Rose“ (Philadelphia 1828). Derselbe erschien später in einer von ihm selbst vollzogenen deutschen Bearbeitung unter dem Titel „Der Legitime und die Republikaner“ (Zürich 1833). Diesem Roman schlossen sich „Transatlantische Reiseskizzen“ (1833), „Lebensbilder aus der westlichen Hemisphäre“, „Pflanzerleben und die Farbigen“, „Nathan der Squatter-Regulator“, „Deutschamerikanische Wahlverwandtschaften“, sowie der prächtige Roman „Virey und die Aristokraten“ an. Lange Zeit gehörte dieser unter dem Pseudonym Charles Sealsfield verborgene Autor zu den meist gelesenen beider Erdteile. Ein genialer Beherrscher der Sprache, ein ungemein scharfer Beobachter, begabt mit einer reichen, glühenden Phantasie, entrollte er seinen Lesern eine neue Welt mit bisher nie geschilderten Menschencharakteren. In scharfen Umrissen zeichnete er den schlauen Yankee, den leichtlebigen Franzosen, den bedächtigen Deutschpennsylvanier, den sinnlichen Kreolen und die Kreolin, den kühnen Trapper und den zähen Kulturpionier des fernen Westens. Und als Hintergründe lieferte er farbensprühende Landschaftsgemälde vom Ohio, dem Mississippi, aus den Prärien von Texas und den grünen Gebirgen Vermonts.

Ihm verwandt sind Otto Ruppius, Friedrich Gerstäcker und Balduin Möllhausen, welche gleichfalls längere Zeit in den Vereinigten Staaten weilten. Zu den Früchten dieses Aufenthalts gehören Ruppius' vielgelesene Romane „Der Pedlar“, „Das Vermächtnis des Pedlars“ und „Der Prärieteufel“. Gerstäcker veröffentlichte als literarische Ergebnisse jahrelanger Wanderungen sein Tagebuch unter dem Titel „Streif- und Jagdzüge durch die Vereinigten Staaten von Nordamerika“ (1844). Außerdem verfasste er die Romane „Die Regulatoren in Arkansas“ (1845), „Die Flusspiraten des Mississippi“ (1848); ferner „Mississippibilder“ (1847), „Amerikanische Wald- und Strombilder“ (1849) und „Kalifornische Skizzen“ (1856), die wegen ihrer frischen, unterhaltenden Schilderungen weite Verbreitung fanden. – Der Aufenthalt Möllhausens in den Vereinigten Staaten fällt in die Mitte des 19. Jahrhunderts, wo er mit dem Herzog Karl von Württemberg und später als Topograph und Zeichner zweier amerikanischer Expeditionen den fernen Westen, insbesondere Neu-Mexiko und Arizona, bereiste. Diese Fahrten beschrieb er in dem „Tagebuch einer Reise vom Mississippi nach den Küsten der Südsee“ (1858) und in „Reisen in die Felsengebirge Nordamerikas“ (1861). Außerdem verfasste er zahlreiche Romane, von denen die bekanntesten „Die Mandanenwaise“, „Der Reiher“ und „Der Schatz von Quivira“ in den von Möllhausen besuchten Teilen der Neuen Welt spielen. Die bereits erwähnte Schriftstellerin von Jakob (Taloj) verfasste während ihres Aufenthaltes in Amerika die Romane „Héloise, or the unrevealed secret“ (New York 1850) und „Die Auswanderer“ (Leipzig 1852), welches Buch im folgenden Jahre unter dem Titel „The Exiles“ auch in New York erschien.

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Beweise, dass es ihnen an Geschick zu literarischen Arbeiten nicht fehlt, haben die Deutschamerikaner zur Genüge abgelegt. Nachdem im Jahre 1909 endlich eine dem modernen Zeitgeist entsprechende Verbesserung der amerikanischen Copyright-Gesetze erfolgte und jene Vorschrift, dass fremdsprachliche Werke, um den Schutz der amerikanischen Gesetze genießen zu können, in Amerika gesetzt und gedruckt sein müssen, aufgehoben wurde, ist auch für die deutschamerikanische Literatur eine Möglichkeit eröffnet worden, sich voller und kräftiger zu entfalten.

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Die deutschamerikanische Dichtung des 19. und 20. Jahrhunderts

Die deutschamerikanische Dichtung des 19. und 20. Jahrhunderts


Frauenfigur. Von Henry Linder, New York

Der schlichte, tiefreligiöse Sinn, der für die während der Kolonialzeit entstandenen deutschamerikanischen Dichtungen so bezeichnend war, wich zu Anfang des 19. Jahrhunderts mit dem Einströmen einer anders gearteten Einwandrung. Die Deutschen, welche um jene Zeit, angewidert von den rückschrittlichen Maßregeln der deutschen Regierungen, ihr Vaterland verließen, waren weder mystische Schwärmer gleich Kelpius und Beissel, noch stillzufriedene beschauliche Gelehrte wie Pastorius.

Sie repräsentierten ein neues Geschlecht voll idealer Begeisterung, voll Empfänglichkeit für die Reize und den Sonnenglanz dieser Welt. Sie waren Himmelsstürmer, von Tatendrang durchglühte Agitatoren, die zum menschlichen Fortschritt, zum Erlangen höherer persönlicher und geistiger Freiheit beitragen wollten. Für Frauenschönheit, für das Glück echten Familienlebens, für die Erhabenheit der neuweltlichen Natur, für die Größe des amerikanischen Freiheitsgedankens hatten sie ein offenes Auge und ein warmes empfängliches Gemüt. Kein Wunder, dass die von ihren Lippen strömenden Lieder anderen Klang besaßen. Sie sangen von Lenz und Liebe, priesen Wein, Weib und Gesang, feierten Mannskraft und Heldenmut, wenig danach fragend, ob jemand und wer ihnen lausche.

Und zahlreich wie die einander treibenden Wellen eines Waldbachs fluten die Namen solcher deutschamerikanischen Dichter und Dichterinnen daher, die inmitten des rastlosen Geschäftslebens den Sinn für das Schöne und Ideale zu bewahren wussten. Alle aufzuführen und in Kategorien zu bringen, wäre ein Unterfangen, das sich an dieser Stelle aus räumlichen Rücksichten verbietet. Sind doch in den Sammelwerken deutschamerikanischer Dichtungen, die bisher in den Vereinigten Staaten erschienen, ihrer mehr als 400 durch Beiträge vertreten.

Natürlich haben die von diesen Sangesfrohen gelieferten Dichtungen sehr verschiedenen Wert. Wie unter den gefiederten Sängern, so sind auch unter den die Feder gebrauchenden die Nachtigallen selten. Aber auch unter den von deutschamerikanischen Poeten geschaffenen Dichtungen gibt es manche, die der Literatur jedes Volkes zur Ehre gereichen würden.

Einige der herrlichsten sind der deutschen Heimat gewidmet.

Wer in den Werken der deutschamerikanischen Dichter blättert, wird die Überzeugung gewinnen, dass bei vielen dieser Männer das Heimweh das treibende Motiv war, das sie zu Poeten machte und ihre Klage zu Versen formte.

Konnte es anders sein? – Die politischen Flüchtlinge, welche vor und nach dem Jahre 1848 an die Gestade Amerikas verschlagen wurden, liebten ihr Vaterland aus tiefster Seele. Seiner Größe und Einigung hatte ihr ganzes Sinnen und Trachten gegolten; ihm gehörten ihre Gedanken bei Tage wie bei Nacht; in seinen Schoß hofften sie zurückzukehren, in seinem heiligen Boden einst begraben zu werden. Dass man sie, die nur Deutschlands Herrlichkeit herbeiführen wollten, von dort vertrieben, erfüllte sie mit Bitterkeit, hinderte sie aber nicht, der Heimat treue Liebe zu bewahren.

Die heiße Sehnsucht nach den fernen Fluren ließ manche dieser Geächteten für ihre Lieder Töne finden, wie sie ergreifender kaum erklangen, seitdem die in Gefangenschaft geratenen Juden an den Wassern von Babylon des fernen Zion gedachten. Mit solchen tiefempfundenen „Heimatklängen“ könnte man allein einen stattlichen Band füllen. Für die Echtheit der in ihnen offenbarten Empfindung sprechen folgende Beispiele.

Da dichtete der seit dem Jahre 1854 unter dem grünen Rasen ruhende „Achtundvierziger“ Heinrich Schnauffer:

Oh, sprich von keiner schönern Zone –

Ich hang an meinem Heimatland,

und mir ist aller Länder Krone

des Rheines rebengrüner Strand.

Oh, sprich nicht von des Südens Palmen –

Des Schwarzwalds süße Tannennacht,

das Tal mit Blumen und mit Halmen –

Wo find' ich diese deutsche Pracht? –

Oh, sprich von keinem bessern Volke,

als das, was meine Sprache spricht!

Der Stern bleibt Stern, auch wenn die Wolke

verfinstert hat sein goldnes Licht;

und jene Sprache, sanft und linde.

Klingt sie im Herzen fort und fort,

darin die Mutter mit dem Kinde

gekoset einst das erste Wort.

Oh, sprich von keinen froher'n Stunden,

die hier die Zukunft bringen mag:

Die Heimat heilt die tiefsten Wunden

und Freuden bringt sie jeden Tag.

Oh. Zeit! wo froh im Lenz als Knabe

ich wilde Rosen suchen ging,

und kniend auf des Vaters Grabe

ums Kreuz die duft'gen Kränze hing!

Oh, sprich von keinem treuern Herzen

und sprich von keinem fremden Glück,

mild, wie der Strahl der Himmelskerzen

ist meines deutschen Mädchens Blick.

Zum Heimatland steht mein Verlangen,

ein müder Fremdling, such' ich Ruh',

und wo das Licht mir aufgegangen,

drück' man mir auch die Augen zu.

Der auf einem stillen Friedhof des Staates Illinois schlafende Pfälzer Emil Dietzsch schrieb:

Ich hab' hier manches lange Jahr

als Mann mich durchgestritten;

ob's Sturm, ob Friedensstille war,

ob ich frohlockt, gelitten:

Ich könnt' des Heimwehs Herzeleid

doch niemals ganz bezwingen.

Es heilet vieles ja die Zeit,

nicht wollt' ihr das gelingen ...

Von Albert Wolff, der im seen- und wälderreichen Minnesota begraben liegt, rührt folgende Dichtung:

Wie, was ist das, du alter Kerl?

Im Auge eine Tränenperl?

Ja! ja! so ist's. Wer kann dafür?

Mein Vaterland, das bring' ich dir!

Die Träne ist der Diamant,

den rein ich hielt im fremden Land;

ich seh's, ich seh's, das Kleinod mein,

lag tief im heil'gen Herzensschrein!

Ich hab' es selbst nicht mehr gewußt,

dass ich es trug in meiner Brust,

dass ich dich ganz noch mein genannt,

o heil'ge Lieb' zum Vaterland!

Wohl das ergreifendste dieser Lieder stammt von dem am 9. März 1897 in Milwaukee verstorbenen Konrad Krez. Es trägt die Überschrift: An mein Vaterland.

Kein Baum gehörte mir von deinen Wäldern,

mein war kein Halm auf deinen Roggenfeldern,

und schutzlos hast du mich hinausgetrieben,

weil ich in meiner Jugend nicht verstand,

dich weniger und mehr mich selbst zu lieben

und dennoch lieb ich dich, mein Vaterland!

Wo ist ein Herz, in dem nicht dauernd bliebe

der süße Traum der ersten Jugendliebe?

Doch heiliger als Liebe war das Feuer,

das einst für dich in meiner Brust entbrannt;

nie war die Braut dem Bräutigam so teuer,

wie du mir warst, geliebtes Vaterland.

Hat es auch Manna nicht auf dich geregnet,

hat doch dein Himmel reichlich dich gesegnet.

Ich sah die Wunder südlicherer Zonen,

seit ich zuletzt auf deinem Boden stand;

doch schöner ist als Palmen und Zitronen

der Apfelbaum in meinem Vaterland.

Land meiner Väter! länger nicht das meine,

so heilig ist kein Boden wie der deine.

Nie wird dein Bild aus meiner Seele schwinden,

und knüpfte mich an dich kein lebend Band,

so würden mich die Toten an dich binden,

die deine Erde deckt, mein Vaterland!

Oh, wollten jene, die zu Hause blieben,

wie deine Fortgewanderten dich lieben,

bald würdest du zu einem Reiche werden,

und deine Kinder gingen Hand in Hand,

und machten dich zum größten Land auf Erden,

wie du das beste bist, o Vaterland!

Wie aus der letzten Strophe hervorgeht, entstand die Dichtung lange vor den Jahren 1870-71.

Dass an den die politische Einigung Deutschlands bringenden großen Ereignissen jener Jahre die nach Amerika geflohenen „Achtundvierziger“ den lebhaftesten Anteil nahmen, ist selbstverständlich. War doch die Einigung aller deutschen Stämme, die Erhebung des Deutschen Reichs der Traum ihrer Jugend, die Sehnsucht und Hoffnung ihres Alters gewesen.

Mit welcher Begeisterung und Kampfesfreude sie den Taten der deutschen Truppen in Frankreich folgten, erhellt aus folgendem „Gruß der Deutschen in Amerika“, den Kaspar Butz über das Meer sandte.

Wenn Wünsche Kugeln wären, wenn Blitz und Donnerschlag

der längst Verbannten zürnen, jetzt am Entscheidungstag.

Wie würd' der Donner rollen gewaltig übers Meer,

für Deutschland eine Salve und für sein tapfres Heer!

Vergessen ist ja alles, vergessen jede Not,

Vergessen jedes Urteil, ob es auch sprach: der Tod!

Für dich, o Muttererde, du Land der Herrlichkeit,

auch deine fernen Söhne, sie stehen mit im Streit!

Nicht Zeit ist's mehr für Worte! Gott grüße dich mein Land!

Wie stehst du stolz im Streite, der jetzt so jäh entbrannt!

Ein Feigling, der verzweifelt nur einen Augenblick!

Hol' deine alte Größe und Ehre dir zurück!

Pflanz' auf des Wasgau's Höhen das deutsche Banner auf,

lass weh'n die alten Fahnen von Straßburgs Domes Knauf!

Nun ist für deine Kammern, trotz des Jahrhunderts Hohn,

endlich die Zeit gekommen, die Zeit der Reunion! ...

Und bald darauf jubelte er:

O große Zeit! Wir wuchsen mit bei jedem deutschen Siege;

wir bebten, ob der deutsche Aar das Ziel auch stolz erfliege.

Wir fühlten, dass ein Vaterland, dem wir noch nicht verloren,

aus jenem grimmen Männerkampf für uns auch ward geboren...

Eines der köstlichsten Güter, welches die auswandernden Deutschen mit in die neue Heimat nahmen, war das deutsche Lied. Unzählige in den Vereinigten Staaten lebende Dichter priesen seine Zaubermacht. Der aus Alzey stammende Konrad Nies tat dies in folgenden Strophen:

Als wir entflohn aus deutschen Gauen,

durchglüht von jungem Wanderdrang,

um fremder Länder Pracht zu schauen,

zu lauschen fremder Sprache Klang,

da gab zum Segen in die Ferne,

die Heimat uns ihr deutsches Lied,

das nun, gleich einem guten Sterne,

mit uns die weite Welt durchzieht.

Wohin auch unsere Wege führen,

zum Steppensaum, zum Meeresport;

wo immer wir ein Heim uns küren,

im tiefen Süd, im hohen Nord:

Der deutschen Heimat Segensgabe

von unsrer Schwelle nimmer flieht,

und als des Herzens schönste Gabe,

bleibt heilig uns das deutsche Lied.

Es klingt um hohe Urwaldtannen,

am blauen Golf, am gelben Strom,

fern in den Hütten der Savannen

und ferner unterm Palmendom.

es braust aus frohem Zecherkreise,

es jauchzt und schluchzt mit Mann und Maid

und klagt in heimattrauter Weise

von deutscher Lust und deutschem Leid.

Und wo es klingt, da bricht ein Blühen

und Leuchten auf in weiter Rund;

wie Veilchenduft und Rosenglühen

geht's durch des Herzens tiefsten Grund.

Was längst zerronnen und zerstoben,

was mit der Kindheit von uns schied:

Es wird in Träumen neu gewoben,

wenn uns umrauscht das deutsche Lied.

Wir schau'n der Heimat grüne Tale,

Der Schwalbe Nest am Vaterhaus;

wir ziehn im Ostermorgenstrahle

durchs alte Tor zur Stadt hinaus;

wir hören ferner Glocken Klingen

und deutscher Eichenwälder Weh'n,

wir fühlen junges Frühlingsringen

und erster Liebe Auferstehn!

Und ob auch Früchte viel und Blüten

die Hand auf fremder Erde zieht,

wir wollen hegen doch und hüten

den FrühlingsspRoss, das deutsche Lied,

das uns zum Segen in die Ferne,

die Muttererde einst beschied,

und das, gleich einem guten Sterne,

mit uns die weite Welt durchzieht.

Die sinnige New Yorker Dichterin Henni Hubel preist das deutsche Lied in folgenden Worten als einen Zauberquell:

Ich kenn' einen nimmer versiegenden Quell,

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