Kitabı oku: «Die Akademisierungsfalle»

Yazı tipi:

Rudolf H. Strahm

Die Akademisierungsfalle

Warum nicht alle an die Uni müssen

Mit Berufsbiografien von Rahel Eckert-Stauber

ISBN Print: 978-3-0355-0017-2

ISBN E-Book: 978-3-0355-0102-5

Fachlektorat: Rahel Eckert-Stauber

Layout und Grafiken: Atelier Bläuer, Joel Kaiser, Bern

1. Auflage 2014

Alle Rechte vorbehalten

© 2014 hep verlag ag, Bern

www.hep-verlag.com

Grafiken, Zusatzmaterialien und -angebote zu diesem Buch:

http://mehr.hep-verlag.com/akademisierungsfalle

«Es kommt weniger darauf an, wie viel wir wissen, sondern wie viele es wissen.»

VORWORT

Ein Gespenst geht um in Europa – das Gespenst der Jugendarbeitslosigkeit. Alle Mächte des alten Europa haben sich zwar für die heilige Jagd gegen dieses Gespenst verschworen: die Regierungen und die EU-Kommission, die Europäische Zentralbank und der Internationale Währungsfonds, die Wirtschaftsredaktionen und -fakultäten. Alle geben sich wort­reich und sind dennoch hilflos und inkompetent bei dessen Bekämpfung.

Wir erleben ein europäisches Drama. Jeder vierte Mensch unter 25 Jahren in der EU, der nicht gerade in einem Studium steckt, ist arbeitslos. In Südeuropa ist es mittlerweile gar die Hälfte. Es gibt keine grössere Demütigung eines jungen Menschen, als das Gefühl, nicht gebraucht zu werden. Viele, die im Arbeitsmarkt nicht unterkommen, haben eine gute Bildung, ja oft sogar eine Hochschulbildung. Doch sie haben eine falsche Ausbildung, eine, die nicht gebraucht wird. Sie stecken in der Akademisierungsfalle!

Dieser gespenstische Trend Europas in Richtung Akademisierung wirft seinen Schatten weit in die schweizerische Gesellschaft, ja in die Häuser und Familien: Alle drängen ans Gymnasium, an die Universität. Unter dem Mainstream der Akademisierung sind die meisten der Meinung,­ junge Menschen hätten es später besser, wenn sie einen akademischen Titel erreicht haben. Diese Annahme ist deshalb irrig, weil unser Berufsbildungssystem heute nach dem Prinzip «kein Abschluss ohne Anschluss» durchlässig ist und auch über die Berufslehre zu Tertiärabschlüssen und Karrieren führt.

«Akademisierung» ist weder ein Schimpfwort noch ein Zauberwort. Wenn hier von der «Akademisierungsfalle» die Rede ist, ist jene bildungspolitische Fehlentwicklung gemeint, die junge Menschen unter dem Diktat von Bologna an den Bedürfnissen des Arbeitsmarkts vorbei ausbildet – und gleichzeitig andere Qualitäten des Menschen vernachlässigt, etwa die Qualifizierung der praktischen Intelligenz oder die emotionale Intelligenz, die Zuverlässigkeit, die Exaktheit und das Verantwortungsbewusstsein. Nicht nur Individuen, sondern ganze Volkswirtschaften stecken in der Akademisierungsfalle fest.

Der Akademisierungstrend gefährdet aus folgendem Grund das ganze Bildungssystem: Wenn die akademische Bildung so hohe Anteile erreicht hat, verbleiben für die berufspraktischen Ausbildungsgänge nur noch schulschwache Jugendliche. Damit gerät die Berufsbildung in ein soziales Stigma, sie wird zum Bildungsweg der Schwachen und «Dummen». Das ist in der Schweiz und in anderen Berufsbildungsländern, wie in Deutschland und Österreich, zum Glück nicht der Fall. Heute noch beginnt ein grosser Teil der ländlichen Elite und des KMU-Wirtschafts­kaders in der Schweiz ihre berufliche Karriere mit einer Berufslehre – meist mit anschliessender Höherer Berufsbildung. Gerade dadurch bildet sie das Rückgrat des hohen Wohlstandsniveaus hierzulande.

Es liegt mir fern, mit diesen Feststellungen irgendwelche antiakademischen Ressentiments zu bedienen. Mit diesem Buch wollen wir aber offenlegen, dass jene europäischen Länder mit den höchsten Maturitäts-/Abitur- und Hochschulquoten die höchste Jugendarbeitslosigkeit verzeichnen und gleichzeitig einen dramatischen wirtschaftlichen Abstieg erleben. Und dass die wenigen Länder Europas, die ein duales Berufsbildungssystem kennen – eine Kombination von betrieblicher Berufslehre mit öffentlicher Berufsfachschule –, in Bezug auf Konkurrenzfähigkeit, Wirtschaftskraft und Jugendarbeitslosenquoten am besten dastehen. Auch wird gezeigt, dass dieser Graben, der durch Europa geht, sich innerhalb der Schweiz zwischen den Sprachregionen deutsch–welsch in einer wirtschafts- und bildungs­politischen Kluft wiederholt.

Die Entwicklung geht durchaus in Richtung «Wissensgesellschaft», zweifellos. Aber Wissen und Innovation allein nützen nichts, wenn nicht Berufsleute mit praktischer Intelligenz und Qualitätsarbeit diese Innova­tionen auch umsetzen können. Praktische Fachkenntnis (Skills) muss sich mit entwickeltem Wissen (Knowledge) verbinden – genau das vermittelt das Berufsbildungssystem. Wer nie an betrieblichen Produktionsprozessen beteiligt war, unterschätzt die Bedeutung der Berufsbildung systematisch. Diese Wechselwirkungen zwischen Berufsbildung, Arbeitseffizienz und Produktivität werden von den meisten akademischen Ökonomen, aber auch von den Erziehungswissenschaften vernachlässigt. Doch jeder KMU-Chef versteht sie aus Erfahrung und Intuition.

Dieses Buch zeigt im Unterschied zur grossen Zahl ökonomischer und erziehungswissenschaftlicher Einzelstudien in ganzheitlicher Optik die Wechselwirkungen unseres Bildungssystems mit Sozialindikatoren, wie Arbeitslosigkeit, Armut, Integrationsstand, und zugleich mit der ökonomischen Performance, wie Effizienz, Produktivität, Konkurrenzfähigkeit. Denn: Wirtschaftspolitik ist auch Bildungspolitik – und Bildungspolitik ist auch Wirtschafts- und Sozialpolitik. Das Buch geht dem sogenannten «Fachkräftemangel» auf den Grund, der zu einem viel gebrauchten und viel missbrauchten Schlagwort geworden ist.

Jahrzehntelang ist die Bedeutung der dualen Berufsbildung in der akademischen Welt verkannt worden. Mein Wirtschaftsbuch «Warum wir so reich sind» von 2008/2010 wurde zwar in der Berufsbildungsszene und in der KMU-Wirtschaft hoch geschätzt und in englischer Version sogar in Schwellenländern verbreitet, doch in der akademischen Makroökonomie wird der wirtschaftliche Schlüsselfaktor des Berufsbildungssystems nach wie vor ignoriert. Erst das Drama der Jugendarbeitslosigkeit Europas und der angelsächsischen Welt hat die Bildungseliten aus ihrer Ignoranz wachgerüttelt. OECD, EU-Behörden, UNESCO und sogar der amerikanische Präsident preisen heute die Berufsbildung als wirksamste Strategie gegen Jugendarbeitslosigkeit.

Der Titel dieses Buches wird den Einen gefallen, bei Andern Verständnislosigkeit und Widerspruch provozieren. Sein Untertitel müsste eigentlich heissen: Warum nicht alle studieren müssen und warum die Berufslehre top ist. Die Kürzung ist durch die grafische Ästhetik erzwungen. Das Buch möchte all jenen eine Fülle an empirischem Material und Argumenten liefern, die die Berufsbildung und die Qualifizierung der praktischen Intelligenz als Basis für die Schaffung von breit verteiltem Wohlstand, von internationaler Konkurrenzfähigkeit und – als wichtigstem Instrument – von wirksamster Armutsprävention erkennen.

Die zehn exemplarischen Porträts und Lebensbeschreibungen von Menschen mit verschiedensten Bildungsgängen stammen von der Journalistin und Berufsschullehrerin Rahel Eckert-Stauber. Sie illustrieren die Vielfalt der Bildungskarrieren in unserem Bildungssystem und vermitteln Lehrpersonen und Eltern auch Hoffnung. Rahel Eckert-Stauber hat auch mit viel Sorgfalt das Lektorat betreut. Die Grafiken wurden nach unseren Vorlagen von Joel Kaiser gestaltet und basieren in der Regel auf den offiziellen Daten der Statistikämter des Bundes, der EU und der OECD.

Rudolf H. Strahm, Dr.h.c.

CH-3037 Herrenschwanden (Schweiz), Juni 2014

INHALTSVERZEICHNIS
Vorwort
1. Warum nicht alle studieren müssen und warum die Berufslehre top ist

Eine Auslegeordnung

2. Länder in der Akademisierungsfalle

Der missverstandene Trend zur «Wissensgesellschaft»

3. Das Berufsbildungs­system Schweiz

Kein Abschluss ohne Anschluss

4. Blicke ins Hochschulsystem

Im Clinch zwischen Bologna und Exzellenz

5. Fachkräftemangel und Bildungspolitik

Im Zeichen der Personenfreizügigkeit

6. Bekämpfung und Prävention von Armut durch Berufsbildung

Elemente einer aktivierenden Sozialpolitik

Epilog

Ein politisches Nachwort

Abkürzungsverzeichnis

In diesem Buch werden die neuen gesetzlichen und die umgangssprachlichen Begriffe des Berufsbildungssystems gleichwertig verwendet. «Lehrling» und «Lernende/r» (neu) ist gleichwertig. Ebenso «Lehrabschlussprüfung» (LAP) und «Qualifikationsverfahren» (neu) sollen weiterhin als gleichbedeutend gelten usw.

Die meisten Daten in diesem Buch stammen aus den offiziellen Statistiken von BFS, SECO, Eurostat, OECD. Die Datenquellen zu den Grafiken und zu den Referenzen (Fussnoten) im Text sind jeweils am Kapitelende aufgeführt.

Das Abkürzungsverzeichnis befindet sich am Schluss des Buchs.

1
Warum nicht alle
studieren müssen
und warum die
Berufslehre top ist

Eine Auslegeordnung

Wir schreiben das Jahr 2014. Nach Jahren der Krise und des Gürtel-enger-­Schnallens ein Jahr der behutsamen Wirtschaftserholung in Europa. ­20,6 Millionen erwachsene Menschen über 25 Jahre, die einen Erwerb suchen, sind in der Europäischen Union als Arbeitslose registriert.1 Von den Ausgesteuerten gar nicht zu reden.

Aber noch tragischer: 5,5 Millionen Jugendliche zwischen 15 und 24 Jahren, die in den 28 EU-Ländern leben und nicht gerade in einer Ausbildung stecken, waren Anfang 2014 arbeitslos.2 Ein Drama. Wir lesen zwar täglich Schlagzeilen über die Finanzmarktkrise und ihre Folgen, aber nur selten über die Tragik und Perspektivlosigkeit von Millionen Jugendlicher auf diesem Kontinent und über die Langzeitfolgen.

Beschäftigungskluft entlang der Berufsbildungsgrenze

Eine Kluft im Niveau der Arbeitslosigkeit geht durch Europa. Sie entspricht nicht dem üblicherweise beklagten Gefälle zwischen Nord- und Südeuropa (das es auch gibt). Die Kluft ist viel markanter zwischen den Ländern mit einem Berufsbildungssystem und jenen Ländern, die ­nur vollschulische Bildungsgänge und keine Berufslehre kennen. Die ► Grafik 1.1 macht das Drama der hohen Jugendarbeitslosigkeit augen­fällig. Sie zeigt zugleich, dass fünf Berufsbildungsländer mit einer dualen Berufs­lehre (orange markiert) signifikant besser dastehen als die Länder ohne duale Berufsbildung und mit ausschliesslich vollschulischen ­Ausbildungsgängen.3 Unter «dualer Berufsbildung» verstehen wir die ­Kombination von betrieblicher Berufslehre und staatlichen Berufsfachschulen.

Grafik 1.1


Während die fünf Berufsbildungsländer Schweiz, Deutschland, Österreich, Niederlande und Dänemark im ersten Quartal 2014 eine durchschnittliche Jugendarbeitslosenquote von 9 Prozent verzeichneten, lag sie im Durchschnitt aller 28 EU-Mitgliedsländer bei 23 Prozent – also zweieinhalb Mal höher! Die Schweiz figurierte mit rund 7 Prozent als das Land mit der tiefsten Erwerbslosenquote unter den Jugendlichen.

In der ► Grafik 1.2 zeigen wir nur die wirtschaftlich vergleichbaren Industrieländer Westeuropas. Dabei verwenden wir zwei unterschiedliche Messgrössen für die Jugendarbeitslosigkeit für das Jahr 2012: Sie unterscheiden sich durch unterschiedliche Definitionen der Erwerbsbevölkerung.4, 5

Bei den Schweizer Zahlen zur Jugenderwerbslosenquote von rund ­6 bis 8 Prozent sind alle vorübergehend nicht Erwerbstätigen mitgerech­net. Allerdings liegt die Quote der registrierten arbeitslosen Jugendlichen, die Arbeitslosengeld beziehen, nur gerade bei 3 bis 4 Prozent der Erwerbstätigen6. In der Schweiz schwanken die Zahlen der erwerbslosen Jugend­lichen stark saisonal. Sie liegen jeweils im 3. Quartal des Jahres (Septemberzahlen) wegen der Schul- und Lehrabgänger und der Militärdienstrückkehrer bedeutend höher und fallen dann wieder zurück, sobald die Stellensuchenden in den Arbeitsmarkt zurückgekehrt sind.7

Die gleiche Diskrepanz zwischen den Berufsbildungs- und Nichtberufsbildungsländern zeigt sich auch bei der Arbeitslosigkeit der erwachsenen Bevölkerung über 25 Jahren, die in ► Grafik 1.3 für die vergleich­baren Volkswirtschaften in Westeuropa abgebildet wird.

Grafik 1.2


Grafik 1.3


Die fünf Länder, die ein duales Berufsbildungssystem kennen, praktizieren es allerdings mit unterschiedlicher Ausprägung. Stark verwurzelt ist es in den deutschsprachigen Ländern, am stärksten in der Schweiz (unter Einbezug Liechtensteins), aber auch in Deutschland und in Österreich. Etwas weniger stark verbreitet kennt man das duale Bildungssystem auch in den Niederlanden und in Dänemark.

Die vergleichbaren Länder Westeuropas, die in den ► Grafiken 1.1, 1.2 und 1.3 blau aufgeführt sind, kennen hingegen keine formale betriebliche Berufslehre. Skandinavische Länder wie Schweden und Finnland legen zwar grossen Wert auf qualifizierte technische Ausbildungen und erreichen industriepolitisch und innovationsmässig eine exzellente Position – wir zeigen dies später in Kapitel 2. Aber die Berufsbildung in Schweden und Finnland findet vorwiegend in staatlichen Berufsschulen statt. Bezüglich der Arbeitsmarktintegration stehen sie mit mehr als doppelt so hohen Jugendarbeitslosenquoten deutlich schlechter da. Norwegen nimmt als Erdöl- und Fischereiland eine Sonderstellung ein, die nicht vergleichbar ist. Auch osteuropäische Industriestaaten, etwa die Tschechische Republik, kennen technische Fachschulen und Elemente einer qualifizierenden Berufsausbildung. Wir stellen in diesem Buch indes keine Vergleiche mit Osteuropa an, weil dessen historische Entwicklung und der Stand der Wirtschaft nicht mit Westeuropa vergleichbar sind.

Soziale Illusion bezüglich hoher Maturitätsquoten

In Ländern ohne formales Berufsbildungssystem erfolgt die nachobligatorische Bildungsstufe im Alter zwischen 15 und 19 Jahren (sogenannte Sekundarstufe II) viel häufiger an den Mittelschulen oder an Gymnasien. Diese Länder kennen folglich einen höheren prozentualen Anteil an Jugendlichen, die einen maturitätsähnlichen Abschluss vorweisen (► Grafik 1.4). Als Vergleichsgrösse dient die Maturitäts- oder Hochschulzulassungs­quote. In der Schweiz bezeichnet man den Abschluss als Maturität (auf­geteilt in gymnasiale Maturität, Berufsmaturität und Fachmaturität), in Deutschland als Abitur, in Frankreich als baccalauréat, in England als GCE A-Level.

Grafik 1.4


Man beachte in dieser Grafik die hohen Maturitätsquoten in Finnland mit 96 Prozent oder in Belgien mit 82 Prozent. Beide Länder haben durchaus gute Schulen. Finnland etwa steht regelmässig an der Spitze der europäischen Länder im Pisa-Rating, welches die schulisch-kognitiven Fähigkeiten bei Gleichaltrigen nach einem einheitlichen Test rangiert. Trotzdem weist Finnland eine andauernd hohe Jugendarbeitslosenquote von 18 bis 20 Prozent auf. Das Land hat, wie erwähnt, keine duale Berufslehre; und jenen Jugendlichen, die keine Hochschule durchlaufen können, fehlt eine berufspraktische Qualifizierung. Zwar gibt es auch auf der Mittelschulstufe spezielle Bildungsgänge in Finnland, aber sie sind nicht genügend berufsqualifizierend und zu wenig arbeitsmarktnahe ausgestaltet. Mehrere Lehrerdelegationen aus Finnland haben in den letzten Jahren die Schweiz besucht, um unser Berufsbildungssystem zu studieren.

In den Ländern ohne Berufsbildungssystem läuft der «normale» Bildungsweg von der Maturität direkt an die Universitäten, Hochschulen oder technischen Hochschulen, die alle vollschulisch organisiert sind. So kann man beispielsweise in Italien diplomierter Schweisser an einer Hochschule lernen – ohne je in der Praxis gearbeitet zu haben. Oder in angelsächsischen Ländern kann man Pflegefachfrau («Nurse») an der Universität studieren. Die Ausbildung verläuft ohne berufspraktische Integration in die betriebliche Arbeitskultur, denn es fehlen die praktischen Anwendungsmöglichkeiten – oder diese beschränken sich auf ein Betriebspraktikum ohne formale Kompetenzziele.

Solche Hochschulabsolventen sind zwar bezüglich Fachwissen durchaus (mehr oder weniger) gut gebildet, aber es fehlt ihnen das Anwendungskönnen, es fehlen die Skills, die praktischen Umsetzungskompetenzen in Qualitäts- und Präzisionsarbeit. Die Absolventen sind weniger ­arbeitsmarktfähig und beherrschen die anspruchsvollen Anwendungsprozesse der High-Tech-Produktion zu wenig. Diese Entwicklung führte diese Länder in die Akademisierungsfalle: Sie haben zu viele akademisch Gebildete und zu wenig praktisch Ausgebildete und in der Folge signifikant höhere Arbeitslosenquoten. Die Bildungselite erliegt der sozialen Illusion, dass eine höhere Bildung automatisch auch eine bessere berufliche Karriere mit sich zieht.

In Ländern, in denen die Berufslehre nicht bekannt ist, bleiben jene Jugendliche, die den Weg an die Hochschulen nicht schaffen, als «Ungelernte» ohne nachobligatorische Berufsqualifikation am Rande des Arbeitsmarkts sitzen. Sie stecken beruflich zwischen Stuhl und Bank. ­Allenfalls durchlaufen sie ein On-the-job-Training ohne formalen Berufsabschluss, aber es fehlt ihnen das Rüstzeug, um neue Technologien und moderne Verfahrenstechniken rasch übernehmen und anwenden zu können. Wir werden im Kapitel 2 aufzeigen, wie die mangelnde gewerblich-industrielle Berufsqualifikation der Desindustrialisierung der Wirtschaft Vorschub leistet.

Kommt dazu, dass mit dem Bologna-System ein akademisches Bildungsmodell wie eine Glocke über alle Länder Europas – ungeachtet ihrer unterschiedlichen Bildungssysteme – gestülpt wurde und dass nun eine Gleichmacherei erzwungen wird. Vor allem die Systeme der Berufsbildungsländer werden durch die Akademisierungstrends unterlaufen und abgewertet. Zahlreiche Indizien und Trends lassen eine Marginalisierung der berufspraktischen Ausbildung befürchten. Wir werden in den Kapiteln 3, 4 und 5 die Unvereinbarkeitsprobleme zwischen Bologna und den historisch gewachsenen Bildungssystemen ausführlich zum Thema machen.

Berufslehre hat historische Wurzeln im deutschsprachigen Raum

Die duale Berufslehre in den deutschsprachigen Ländern und ihrer Umgebung hat wirtschaftshistorische Wurzeln. Bereits die Zünfte im 16. bis ins 19. Jahrhundert kannten die «Meisterlehre». Der junge Mann ging zu einem Meister in die Lehre, lebte beim Meister und sass bei der Meisterin zu Tisch. Er erhielt einen «Lehrbrief» und nach drei oder vier Lehrjahren ging er auf Wanderschaft als Geselle. Nach manchen Zunft­regeln durfte er während Jahren nicht in seine Heimatstadt zurückkehren. Frühestens nach fünf Wanderjahren als Geselle konnte er mit den erworbenen «Gesellenbriefen» (Arbeitsbestätigungen) dann Meister werden, ein eigenes Geschäft eröffnen, in die Zunft eintreten und heiraten. Die ganze gewerblich-industrielle Berufsbildungstradition war fast ausschliesslich auf Männer ausgerichtet.

Im deutschsprachigen Europa waren die Wandergesellen auch – modern ausgedrückt – wichtige Transporteure und «Diffusionsagenten» der neusten Technologien und Prozesstechniken innerhalb des Kontinents. Verbürgt ist solches etwa für die Steinmetzen, Uhrmacher, Buchdrucker, Schmiede, Waffenmacher, Lederveredler, aber auch für Handelsagenten und Einkaufsreisende. Wandergesellen waren übrigens auch wichtige Agenten aufklärerischer und reformatorischer Ideen.

Aus dieser zünftischen Berufsbildungskultur hat sich in den deutschsprachigen Ländern im 19. Jahrhundert (etwa ab den 1860/70er-Jahren) ein gewerbliches Berufsbildungswesen herausgebildet. Erst im 20. Jahrhundert ist es gesetzlich verankert worden: In Deutschland in der Weimarer Republik und dann wieder ab 19488, in der Schweiz mit dem ersten eidgenössischen Berufsbildungsgesetz von 19339. Vorher gab es allerdings in der Deutschschweiz schon kantonale Gewerbegesetze, die die Berufslehre regelten und schützten.

In Deutschland hat sich die traditionelle Berufslehrekultur bis heute in der deutschen Handwerksordnung erhalten. In 41 geschützten gewerblichen «Meisterberufen», die rund 95 Prozent der gewerblichen Ausbildungsverhältnisse abdecken, hat sich der «Meisterbrief» erhalten, der zur Betriebsgründung und – so die Rechtfertigung – zur Qualitätssicherung in der Berufsbildungstätigkeit verlangt wird. Es wird derzeit eine Diskussion geführt, ob sich das hohe deutsche Berufsbildungsniveau nach der Revi­sion der EU-weiten Anerkennung von Berufsqualifikationen im Zeichen der Personenfreizügigkeit noch aufrechterhalten lässt.10

Diese kurze geschichtliche Betrachtung ist wichtig, um zu verstehen, dass die duale Berufsbildung einen gesellschaftlichen Träger braucht. Sie muss in der Wirtschaftswelt verankert sein. Die Lehrbetriebe und Berufsverbände müssen sich engagieren und sich auch aus Eigeninteresse als mitverantwortlich betrachten.

Die Stärke des schweizerischen Berufsbildungsgesetzes liegt darin, dass es landesweit die Lehrgänge einheitlich für jeden Beruf definiert und die formalen Berufsabschlüsse «Eidgenössisches Fähigkeitszeugnis EFZ» (mit drei oder vier Lehrjahren) und «Eidgenössisches Berufsattest EBA» (mit zwei Lehrjahren) schützt. Jeder KMU-Inhaber oder Personalverantwort­liche in den Firmen im ganzen Land weiss, was die rund 230 EFZ-Berufstitel und die rund 50 EBA-Abschlüsse wert sind, was man von den Berufsleuten an Wissen und Kompetenzen erwarten kann11.

Ganz besondere Bedeutung hat die Beteiligung der Wirtschaftsver­bände (der sog. Organisationen der Arbeitswelt OdA) an der Definition der Ausbildungsanforderungen. Die Curricula und Lernkompetenzen werden für jeden der 230 Berufe vom Bund unter Mitwirkung der OdA definiert und – was bezüglich des technologischen Wandels wichtig ist – alle fünf Jahre überprüft und an die neuen technologischen Anforderungen angepasst. Dieses System gewährt eine hohe Arbeitsmarktfähigkeit (sog. Employability) der Berufe nach dem Lehrabschluss. Insgesamt führt dieses arbeitsmarktnahe System zur sprichwörtlich tiefen Jugendarbeits­losigkeit und zu tiefen Erwerbslosenquoten für Erwachsene generell. (In Kapitel 3 stellen wir mehr Einzelheiten des Berufsbildungssystems vor und beschreiben die Übergänge von Bildungsstufe zu Bildungsstufe.)

Die Pädagogik der Arbeitsmarktbefähigung

Was führt zum Erfolg der dualen Berufsbildung? Wie eingangs erwähnt, ist sie bezüglich der Arbeitsmarktfähigkeit (oder Employability) den vollschulischen Bildungssystemen überlegen. Hier lohnt es sich, die Zusammenhänge anhand der Berufspädagogik etwas näher zu betrachten.

Das duale Berufsbildungssystem leitet seine besondere Bedeutung davon ab, dass es auch praktische Fähigkeiten weckt, qualifiziert und wertschätzt. Was heisst das? Margrit Stamm, emeritierte Professorin der Pädagogik an der Universität Freiburg (Schweiz) und frühere Lehrerin, spricht von «praktischer Intelligenz», die mit der dualen Berufslehre geweckt, gefördert und schliesslich qualifiziert wird. Konkret heisst «dual»: Sowohl schulische als auch berufspraktische Kompetenzen werden gefördert. Die Leistungsbeurteilung in der beruf­lichen Grundbildung besteht einerseits aus den Noten der schulischen Fächer der Berufsfachschule oder Kaufmännischen Berufsschule (Fachunterricht und allgemeinbildender Unterricht) und andererseits der Benotung der Anwendungskompetenzen der Lernenden in der betrieblichen Praxis. Man vermittelt und prüft also Wissen (Knowledge) und Können (Skills).

Bei den gewerblich-industriellen Berufen ist die Sprachkompetenz (z.B. im Lernbereich Sprache und Kommunikation) keine «Fallnote». Das hat folgende Konsequenzen: Wenn ein Lernender an der Lehrabschlussprüfung in Deutsch ungenügend ist, aber gut benotet in den Berufsfächern abschliesst, wird er die Prüfung dennoch bestehen und das EFZ erhalten. Damit werden auch einseitig begabte oder schulisch Schwächere oder ausländische Jugendliche mit mangelhaften Deutschkenntnissen (oft bedingt durch späte Einwanderung) die Prüfung bestehen. In einer vollschulischen Bildung, im Gymnasium etwa, würden sie wegen ihrer Sprachdefizite nicht reüssieren. Auch das Angebot einer niederschwelligen Ausbildung mit Berufsattest EBA in fünfzig verschiedenen Berufsfeldern ermöglicht eine Qualifizierung von schulisch Schwächeren für das spätere Berufsleben, wobei sie bei einer späteren Berufsbildung die erworbenen EBA-Schulstufen voll anrechnen können.

Was heisst «praktische Intelligenz»? Einfach ausgedrückt bedeutet es, «Fachwissen auch anwenden zu können». Margrit Stamm sagt dazu: «Von Professionalisierungsansätzen kann zur Kenntnis genommen werden, dass hohes Fachwissen allein noch nicht zu einem hohen Expertisierungsgrad führt, sondern nur zusammen mit der Fähigkeit, es auch anwenden zu können.»12 Anders ausgedrückt, «kann man allgemein praktische Intelligenz auch als die Fähigkeit verstehen, komplexe Probleme im Alltag zu bewältigen und gute Lösungen für sie zu finden».13

«Wir alle kennen Menschen mit goldenen Händen und solche mit klugen Köpfen, aber nicht sehr viele, die in beiden Bereichen stark sind», resümiert Margrit Stamm ihren Befund, der wohl auch unserer Alltagserfahrung entspricht. Mit ihrer Schrift «Kluge Köpfe, goldene Hände» hat sie in der Schweiz der Diskussion über Leistungsexzellenz eine neue Richtung gegeben.14 Der internationale Mainstream in der Pädagogik – nämlich die Formel: mehr und höhere Bildung gleich mehr Kompetenz – wird damit relativiert.

Für die praktische Intelligenz und die «sogenannten nichtkognitiven Fähigkeiten gibt es keine allgemeingültige Definition», heisst es im Bildungsbericht Schweiz.15 Die nichtkognitiven (nichtschulischen, also auch praktischen) Fähigkeiten sind nicht gleichermassen mit simplen Prüfungen und standardisierten Tests messbar wie die schulischen Fächer – schon deshalb werden jene von der Bildungselite nicht gleich gewichtet.

Für schulmüde Jungs ist eine Lehre perfekt


«Ich war mit Abstand der faulste Schüler der ganzen Oberstufe», sagt Sven Schütz. Der 25-Jährige schliesst demnächst sein Studium als Maschinenbauingenieur an der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Brugg mit einem Bachelor ab. Er kann sich gut vorstellen, später den Master anzuhängen oder eines Tages noch etwas anderes zu studieren. Denn inzwischen hat ihn der Ehrgeiz gepackt.

Das war nicht immer so. Als 16-Jähriger erfüllte Schütz sämtliche Klischees eines schulmüden Jungen: Die Schule hing ihm zum Hals raus, Französischwörter lernen war ihm ein Graus und Hausaufgaben machte er aus Prinzip nicht. Das zeugte nicht etwa von mangelnder Intelligenz. «Ich sah schlicht keinen Sinn darin, für die Schule zu lernen.» Jeder Versuch, Sven zu mehr Einsatz zu motivieren, lief ins Leere. So wehrte er als 11-Jähriger auch den kleinen Bestechungsversuch seiner Eltern ab, die ihm 200 Franken boten, wenn er sich wenigstens an die Kantonsschulprüfung anmeldete.

Die Schule konnte bei Schütz nicht punkten. Nach der auf absoluter Sparflamme durchlaufenen obligatorischen Schulzeit entschied er sich deshalb für eine Lehre als Konstrukteur. «Ich habe mich als Kind sehr für Aviatik interessiert und baute in meiner Freizeit unzählige Modellflug­zeuge.» Das Planen, Entwickeln und Zeichnen von Maschinen war ihm folglich vertraut. «Am Anfang war die Lehre extrem spannend», erinnert sich Schütz. «Ich wurde aus der Bedeutungslosigkeit meines Teenageralltags gerissen und war auf einen Schlag von vielen erwachsenen Ingenieuren umgeben.» Es sei ein gutes Gefühl gewesen, bereits nach wenigen Monaten Lehrzeit einzelne, von ihm gezeichnete Teile an einer millionenteuren Maschine zu sehen. Und endlich gelang es dem rebellischen Jugendlichen, sich als Teil eines Ganzen zu sehen und sich auch mal unterzuordnen.

Auf die anfängliche Begeisterung folgte allerdings bald die Ernüchterung: Nach dem ersten Lehrjahr merkte Schütz, dass er als Konstrukteur zwar einen interessanten Beruf haben, aber nicht der selbstbestimmte, unabhängige Macher sein würde, als den er sich in seinen Teenagerfantasien gesehen hatte. «Ich bin mit falschen Vorstellungen in die Lehre gestartet», stellt Schütz fest. Er habe sich ausgemalt, er sei bereits nach vollendeter Lehre eine Art Ingenieur. Im Laufe der Lehre habe er aber schnell gemerkt, dass er auch als ausgebildeter Konstrukteur bloss Befehlsempfänger bleiben würde. Als ihm dann während der Vorschule zum militärischen Fallschirmspringer ein hoher Militär auch noch klipp und klar sagte, dass er ohne Matura unmöglich Fallschirmaufklärer-­Offizier werden könne, erlitt Schütz' Selbstbewusstsein erstmals ernsthafte Kratzer. «Mir wurde plötzlich bewusst, dass ich mich wohl etwas mehr anstrengen musste, wenn ich meine Ziele erreichen wollte.»

Das gab den Ausschlag. Schütz erwachte aus seinem Sparmodus. Ebenso konsequent wie er sich zuvor verweigert hatte, machte er sich jetzt ans Lernen. Während des dritten und vierten Lehrjahres besuchte Sven Schütz den Vorkurs für Weiterbildungen, der ihn zu einer prüfungsfreien Aufnahme in die Berufsmaturitätsschule (BM) nach der Lehre berechtigte, absolvierte gleich anschliessend die technische BM und startete schliesslich sein Studium als Maschinenbauingenieur.

Jetzt steht er kurz vor dem Abschluss. Nach dem Studium will Sven Schütz ein paar Jahre als Maschinenbauingenieur arbeiten, bevor er sein Studium weiterführt. Seine beruflichen Aussichten sind sehr gut. An den sogenannten «Future Days», an denen Firmen künftige (Fach-)Hochschulabgänger anwerben, reisst man sich um Berufsleute wie Sven Schütz.

Die Motivationsprobleme der Teenagerzeit jedenfalls sind Vergangenheit. «Ich habe ein Ziel und will etwas erreichen», sagt Schütz. Kommt dazu, dass ihn heute just die Dinge interessieren, die ihn als Teenager gelangweilt haben – etwa die Allgemeinbildung. «Eines Tages werde ich mich in diese Richtung auf jeden Fall weiterbilden», ist Sven Schütz überzeugt. Hat er das Gefühl, Zeit verschwendet zu haben? «Keineswegs! Für Jungs, wie ich einer war, ist dieser Weg perfekt.» Er habe die Zeit gebraucht. Und: «Ich habe ja alle Möglichkeiten. Das macht diesen Weg so interessant.»

Praktische Intelligenz kann Persönlichkeitseigenschaften umfassen – etwa Zuverlässigkeit, Verantwortungsbereitschaft, Sozialkompetenz, Partizipationsfähigkeit, Teamfähigkeit, emotionale Intelligenz, Intuition –, auch werden darunter vor allem handwerkliches Geschick, räumliches Vorstellungsvermögen, geschickter Umgang mit Materialien verstanden. Der Bildungsforscher Markus P. Neuenschwander, der für die Schweiz die umfassendste Langzeitanalyse über die Wege zur Berufsintegration durchgeführt hat, kommt zum Schluss: «Beispielsweise sind handwerkliche Kompetenzen wichtig für eine handwerklich-technisch anspruchsvolle Lehre. (…) Dieser Befund vermittelt gerade Jugendlichen mit schlechten schulischen Leistungen in Deutsch und Mathematik und aus Realschulen eine positive Perspektive, weil sie in Berufen erfolgreich sein können, in denen Anforderungen jenseits dieser schulischen Leistungen wichtig sind.»16

Für Jugendliche kann die Berufslehre eine Art Befreiung vom ständigen Zwang zu schulischer Leistung bedeuten. Mit handwerklicher und praktischer Aktivität werden Kräfte und Entwicklungspotenziale freigelegt, die die Jugendlichen und ihre Eltern nicht für möglich gehalten haben: «Ich schraube, also bin ich.»17 Die Erfahrung in den Berufsfachschulen zeigt, dass schulisch Schwächere oder «Lernfaule» wieder mehr Lernmotivation und Interesse im Fachunterricht entwickeln, einfach weil sie in ihrer betrieblichen Erfahrung Anstoss und Motivation dazu erhalten. Eltern, die bei der Richtungswahl ihrer fünfzehnjährigen Kinder im Zweifel sind (was normal ist und häufig vorkommt), sollten diese motivierenden Anstösse in ihre Überlegungen mit einbeziehen. Und sie sollten auch bedenken, was wir ausgiebig im Kapitel 3 darstellen, dass die Berufslehre heute in ein durchlässiges Bildungssystem eingebettet ist – immer nach dem Motto: «Kein Abschluss ohne Anschluss».

Neben den in diesem Buch wiedergegebenen authentischen Berufs­porträts von Rahel Eckert-Stauber zeugt eine ganze Reihe anderer publizierter Berufsbiografien vom Entwicklungs- und Talentpotenzial der berufspraktischen Ausbildung.18 Wer in der Praxis steht oder gestanden hat, weiss intuitiv und erfahrungsmässig, was praktische Intelligenz bedeutet. Bei der Auswahl von Lehrlingen etwa kommt diese Intuition bei den Ausbildnern oder zukünftigen Chefs durchaus noch zum Zug.

Weltweite Debatte um Arbeitsmarktfähigkeit

Welche Kompetenzen und Neigungen sind denn für die Arbeitsmarktfähigkeit und die Selbstbehauptung in der Lebenswelt entscheidend? Zweifellos hat der amerikanische Kultursoziologe Richard Senett mit seinem epochalen Buch «Handwerk» die Wertschätzung der handwerklichen Fähigkeiten, eben auch der praktischen Intelligenz, auf ein akademisches Niveau gehoben.19 Senett zieht die landläufigen IQ-Tests in Zweifel: «Der für handwerkliche Arbeit typische Dialog mit den Materialien lässt sich durch Intelligenztests kaum erfassen.» «Menschen besitzen mehr Fähigkeiten, als der Stanford-Binet-Test (IQ-Test) misst.» Im Gegensatz dazu beruft sich der schmalbrüstige, elitäre Bildungstechnokrat auf die Formel, die ihm beim Urteilen sicheren Halt verspricht: «Intelligenz ist, was der Intelligenzquotient (IQ) misst, punkt.»20

Senett hat die Diskussion um die Bildungsziele stark aufgemischt und die Wertschätzung der praktischen Intelligenz zur Geltung gebracht. Besonders in Deutschland ist seit einiger Zeit eine recht heftige Debatte für und gegen die Akademisierung im Gange21. Die grosse internationale Personalvermittlungs- und Beratungsfirma McKinsey & Company zeigte aufgrund der Befragung von 2600 Arbeit­gebern und 5300 Jugendlichen in der Europäischen Union, dass das Bildungssystem in Europa stark am Arbeitsmarkt vorbei orientiert ist.22 Insbesondere fordert sie mehr Ausbildung von mittleren Kadern mit technischer Ausrichtung. Auch dies eine Bestätigung, dass Europa mit seinem Bildungssystem in der Akademisierungsfalle steckt.

Das Bildungssystem in der Schweiz: Vorzüge und Disparitäten

Kommen wir zurück zur Frage der Arbeitsmarktfähigkeit oder Employability, die aus den verschiedenen Bildungsgängen resultiert. Die aus statistischen Auswertungen abgeleitete Faustregel lautet: Wer eine Berufslehre absolviert hat, unterliegt einem dreimal kleineren Risiko, arbeitslos zu werden oder langzeitarbeitslos zu bleiben als Ungelernte. Und wer eine Berufsbildung hat, riskiert zweieinhalb Mal weniger, Sozialhilfebezüger zu werden.23

Diese grobe Regel zeigt sich nicht nur in Momentaufnahmen, sondern auch in der längerfristigen Wirtschaftsentwicklung, wie sie die ► Grafik 1.5 darstellt: Ungeachtet der Konjunkturlage liegt die Arbeitslosigkeit von Personen ohne nachobligatorische Ausbildung stets deutlich höher als jene von Personen mit einer Berufslehre und noch etwas höher als jene von Personen mit einem Tertiärabschluss (Hochschule oder Höhere Berufsbildung).

Nach ökonomischem Lehrbuch ist die Arbeitslosigkeit eine Funktion des Wirtschaftswachstums. Die ► Grafik 1.5 relativiert diese Lehrbuchdoktrin: Die Arbeitslosigkeit schwankt zwar im Konjunkturzyklus mit den veränderten Wachstumsraten durchaus mit, aber das Niveau Arbeitslosigkeit ist nicht eine Funktion des Wachstums, sondern primär des Bildungsstandes und des Bildungssystems.

Grafik 1.5


Wir haben innerhalb der Schweiz eine recht grosse Kluft in der Berufsbildungsintensität zwischen den sprachregionalen Landesteilen: In der Deutschschweiz beginnen gegen 70 Prozent der Jugendlichen ihre nach­obligatorische Ausbildung mit einer Berufslehre (um dann höhere Bildungsstufen anzuhängen), während in der französischsprachigen Schweiz und im Tessin nur 40 bis 45 Prozent eines Jahrgangs eine duale Berufs­lehre durchlaufen (► Grafik 1.6). Vom Bodensee bis zum Genfersee besteht ein enormes Gefälle in der betrieblichen Berufsbildungskultur: Während in der Ostschweiz die Berufsbildungsintensität der Betriebe mit ca. 8 Lehrstellen auf 100 Vollzeitbeschäftigte markant hoch ist, beträgt sie im Tessin nur knapp 4 Prozent und in Genf gar nur etwa 2 Prozent. Der schweizerische Durchschnitt liegt bei 5,7 Prozent, also 5,7 Lehrstellen pro hundert (vollzeitäquivalente) Beschäftigte. Lange Jahre galt die ungeschriebene Regel für die Betriebe: Sechs Ausbildungsplätze pro 100 Vollzeitstellen ist der Sollstandard.

Grafik 1.6


Die Landeskarten in ► Grafik 1.7 machen deutlich, wie die lateinische Schweiz höhere Maturitätsquoten (oberer Grafikteil) und ebenso höhere Universitätsabschlussquoten (unterer Teil) als die deutsche Schweiz aufweist. Dies ist historisch durch die unterschiedlichen Bildungstraditionen bedingt (keine Zünfte in der Romandie und im Tessin) und markiert die Bevorzugung der vollschulischen Bildungsgänge durch die Bildungs­eliten in der lateinischen Schweiz.

Grafik 1.7


Der Trend zur Akademisierung hat allerdings eine Kehrseite, die in ► Grafik 1.8 augenfällig wird: Sowohl die Jugendarbeitslosigkeit als auch die Quote der Personen ohne nachobligatorische Ausbildung («Ungelernte») liegen in der Romandie und im Tessin signifikant höher als in den Deutschschweizer Kantonen.24 Die Kantone mit schwach ausgebildeter dualer Berufsbildungstradition «bezahlen» dieses Defizit durch ein generell höheres Arbeitslosigkeitsniveau in allen Altersstufen. Diese innerschweizerische Disparität wird allerdings durch die überall gleich hohen Ansätze der Arbeitslosenversicherungsleistungen des Bundes ausgeglichen und geglättet.

Das Bild, das wir von den europaweiten Vergleichen kennen, wiederholt sich also innerhalb der Schweiz, die mit ihren unterschiedlichen Bildungskulturen und Ausbildungssystemen ähnlich gelagerte Diskrepanzen wie der europäische Kontinent aufweist. Der Vergleich zwischen den sprachlichen Landesteilen innerhalb der Schweiz ist insofern aussagekräftig, als die Sprachregionen sich in der längerfristigen Betrachtung bezüglich der Wirtschaftswachstumsraten (BIP-Wachstum) nicht wesentlich unterscheiden – in Bezug auf die Wirtschaftsstrukturentwicklung allerdings schon: Die Desindustrialisierung und «Monacoisierung» der Westschweiz ist ausgeprägter.

Zusammenfassend heisst dies: Wo die duale Berufsbildung fehlt, gibt es mehr Arbeitslose und mehr Jugendliche, die die Integration in den Arbeitsmarkt nicht schaffen. Wir stellen im Kapitel 6 weitere Sozialindikatoren vor, die klar belegen, dass die berufliche Grundbildung die wichtigste Strategie zur Armutsprävention und zum Schutz vor Arbeitslosigkeit darstellt. Die berufsorientierte Bildungs- und Integrationsstrategie ist klar das wirksamere und nachhaltigere Instrument zur Verminderung von Ungleichheit als sekundäre Umverteilungsmassnahmen wie Sozialhilfe und Sozialtransfers!

Grafik 1.8


Berufsbildungssystem ist das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft

Kommen wir etwas weg von der personenbezogenen Wirkungsanalyse des Berufsbildungssystems. Wir haben bisher die personellen Vorzüge der ­dualen Berufsbildung bezüglich der individuellen Arbeitsmarktfähigkeit dargestellt. Nun fragen wir nach der wirtschaftlichen Bedeutung für die gesamte Volkswirtschaft. In diesem Kapitel steht die Performance der Schweiz im Fokus, im Kapitel 2 erweitern wir diese Analyse anhand internationaler Vergleiche auf die fünf Berufsbildungsländer.

Grafik 1.9


Befragt man eine repräsentative Gruppe von 3000 internationalen Managern nach den positiven Schlüsselfaktoren für den Wirtschaftsstandort Schweiz, steht die Qualität der beruflich ausgebildeten Fachkräfte (der «Skilled Workforce») gleich an zweiter Stelle nach der politischen Stabilität der schweizerischen Institutionen; und dieser Fachkräftefaktor wird wichtiger eingeschätzt als die tiefen Steuern, die verlässliche Infrastruktur und das allgemein hohe Bildungsniveau der Schweiz. Die ► Grafik 1.9 zeigt die Reihenfolge der Attraktivitätsfaktoren des Standorts Schweiz, wie sie subjektiv von den global tätigen Managern beurteilt werden.

Ein ganz anderer, ebenso aussagekräftiger Indikator für den hohen Ausbildungsstandard in der schweizerischen Berufsbildung ergibt sich aus dem Qualitätsvergleich mit den Weltbesten: Bei den alle zwei Jahre durchgeführten Berufsweltmeisterschaften «World Skills Competition» mit rund 40 geprüften Berufsfeldern figurieren die schweizerischen Berufsabsolventen regelmässig in der Spitzengruppe, meist gleich nach Korea und allenfalls Japan, aber stets an erster Stelle unter den europäischen Nationen. In ► Grafik 1.10 ist die Spitzenrangierung der letzten vier Berufsolympiaden dargestellt. An der World Skills Competition 2013 in Leipzig massen sich 1000 Berufsleute unter 24 Jahren aus 54 Nationen in 46 Berufen. Dabei erzielten die Schweizer 17 Medaillen und 18 Diplome. In der globalen Gesamtwertung figurierten sie hinter Korea auf dem 2. Rang – vor allen europäischen Ländern.25

Grafik 1.10


Die Schweiz ist im internationalen Vergleich sowohl ein Hochlohn- als auch ein Hochpreisland (der ehemalige Preisüberwacher spricht aus Erfahrung). Nach Lehrbuchmodell müsste eigentlich die internationale Konkurrenzfähigkeit ihrer Wirtschaft wegen der Hochpreissituation strukturell Schaden nehmen. Doch das Gegenteil ist der Fall: In Bezug auf die Industrieproduktion, gemessen an der industriellen Wertschöpfung in Euro pro Kopf der Bevölkerung, liegt die Schweiz an der Spitze aller Industriestaaten – sie ist sogar höher als jene Deutschlands und der skandinavischen Länder, und auch weit höher als jene der USA (► Grafik 1.11).

Grafik 1.11


Auch in der Exportkraft liegt die Schweiz an der Spitze der europäischen Länder. Gemessen am Wert der totalen Warenexporte in Euro pro Kopf der Bevölkerung liegt die Schweiz an dritter Stelle, vor ihr liegen ­lediglich die Warentransitländer Belgien und Niederlande mit ihren Umschlaghäfen und euro­päischen Distributionszentren (► Grafik 1.12). Die Schweiz weist nicht nur Jahr für Jahr einen Handelsbilanzüberschuss, sondern auch einen Überschuss in der Ertragsbilanz auf, welche neben dem Warenverkehr auch die Dienstleistungen einbezieht. Mit anderen Worten, sie exportiert mehr, als sie importiert. Das Hochlohnland Schweiz ist extrem konkurrenzfähig (trotz oder vielleicht gerade «dank» der Behinderung durch den hohen Wechselkurs des Schweizer Frankens). Diese Befunde der starken exportorientierten und industriellen Performance stehen im Widerspruch zur weltweiten, klischeehaften Wahrnehmung der Schweiz als Land der Banken und des Tourismus («Banken, Matterhorn und Toblerone»).

Grafik 1.12


Die asiatischen Schwellen- und Transformationsländer gelten in der allgemeinen Wahrnehmung als die «gefährlichen», konkurrenzfähigen Newcomer auf den globalen Märkten. In Europa verdrängen sie mit ihren Exporten Millionen von Arbeitsplätzen in den traditionellen Industrien (wir werden in Kapitel 2 noch näher darauf eingehen). Dennoch ist die bilaterale Handelsbilanz des Hochlohnlandes Schweiz mit diesen wettbewerbsstarken, export­orientierten Niedriglohnländern Asiens und Südamerikas positiv: Mit allen Newcomern ausser mit China erwirtschaftet die Schweiz einen jährlichen Handelsbilanzüberschuss (► Grafik 1.13). Diese Länder benötigen auch Hochpreis-Industriegüter wie Textilmaschinen, Automaten, Roboter, Präzisions- und Messgeräte und Hochpreisuhren.

Hochpreisländer wie die Schweiz, Deutschland, Österreich, aber auch die Länder Skandinaviens haben auf den Weltmärkten nur einen Wettbewerbsvorteil, wenn sie sich auf den Qualitätswettbewerb konzentrieren und sich aus dem reinen Preiswettbewerb von Massenkonsumgütern zurückziehen. Als Qualitätsmerkmale gelten zum Beispiel Präzision, Exaktheit, Innovation, Serviceleistungen, Termintreue oder Design – dies sind exakt jene Eigenschaften, die durch das Berufsbildungssystem in Kombination mit gutem, praxisorientiertem Management sichergestellt werden. Zusammengefasst heisst dies für uns: Nur der Qualitätswettbewerb und immer weniger der Preiswettbewerb garantieren die internationale Konkurrenzfähigkeit.

Die starke Performance der schweizerischen Wirtschaft zeigt sich allerdings nicht nur für den industriellen Bereich, sondern auch im Dienst­leistungsbereich: global operierende Handels- und Logistikfirmen, ­Treuhand-, Vermögensberatungs- und Controlling-Dienstleistungen, Versicherungen, Banken.

Aber auch der Binnensektor mit dem teuren, aber hochstehenden Gesundheitswesen (Spitäler) und der öffentlichen Verkehrs- und Telekommunikationsinfrastruktur hat ein hohes Niveau an Qualität und sprichwörtlicher Zuverlässigkeit.

Die Lehre ist ein wichtiger Integrationsfaktor


«Dank der Lehre habe ich es geschafft, in der Schweiz Fuss zu fassen und mich zu integrieren. Darauf bin ich stolz», sagt Nexhmije Hoxha-­Dauti. Stolz kann die 26-jährige Kosovarin in der Tat sein: Erst vor sieben Jahren kam die junge Frau ohne jegliche Deutschkenntnisse in die Schweiz. Inzwischen hat sie bereits erfolgreich eine dreijährige Lehre als Floristin absolviert, spricht Schweizerdeutsch und ist hier richtig gut angekommen. Doch was nach luftiger Leichtigkeit tönt, war in Tat und Wahrheit ein überaus hartes Stück Arbeit und hat viele Tränen, Anstrengung und Mühen gekostet.

Es war die Liebe, die Nexhmije Hoxha-Dauti in die Schweiz brachte. Die damals 18-Jährige besuchte im Kosovo das letzte Jahr des Gymna­siums, als sie ihren heutigen Mann kennenlernte – einen gebürtigen Kosovaren mit Schweizer Pass, der in seiner alten Heimat in den Ferien weilte. Nach einem Jahr Fernbeziehung und dem Schulabschluss entschloss sich Nexhmije Hoxha-Dauti, zu ihm in die Schweiz zu ziehen.

«Die ersten zwei Jahre waren extrem schwierig», erinnert sich Hoxha-Dauti. Sie habe nicht einmal alleine einkaufen gehen können, denn sie verstand kein Wort Deutsch und die Verkäuferinnen kaum Englisch. Ihr Mann habe sie zwar sehr unterstützt, ihr einen Deutschkurs nach dem anderen finanziert und zu Hause hätten sie bewusst nur deutsche Fernsehsender geschaut. «Aber das reichte einfach nicht», sagt Hoxha-Dauti. Alles war ihr fremd. Sie fühlte sich verloren und einsam. Ihr Mann, ein gelernter Bodenleger, arbeitete 100 Prozent und sie sass meist alleine zu Hause. Eine Zeitlang arbeitete sie als ungelernte Hilfskraft in einem Supermarkt. «Das war aber ganz schlecht für mein Selbstbewusstsein», erinnert sich die junge Frau. So hatte sie sich ihre Zukunft nicht vorgestellt. «Ich war drauf und dran, wieder in den Kosovo zurückzukehren», gesteht sie.

Doch dann die erlösende Wende: Nexhmije hörte vom Integrationsjahr, das Berufsfachschulen für fremdsprachige Jugendliche und junge Erwachsene anbieten. «Das Integrationsjahr war meine Rettung», erzählt die zierliche Frau mit leuchtenden Augen. Endlich lernte sie andere Leute kennen, denen es ähnlich ging wie ihr. «Wir sassen alle im selben Boot und hatten vergleichbare Schwierigkeiten.» Doch wie weiter nach diesem Spezialschuljahr? Der Beruf der Drogistin hätte Nexhmije Hoxha-Dauti sehr interessiert. Denn wenn sie im Kosovo geblieben wäre, hätte sie Pharmazie studiert. «Aber dazu reichten meine Deutschkenntnisse damals nicht aus.» Schliesslich konnte sie bei einer Floristin schnuppern gehen und erhielt gleich die Möglichkeit, eine einjährige Vorlehre zu absolvieren.

Der jungen Frau gefiel die Arbeit mit den Blumen und sie stellte sich geschickt an. So erhielt sie schliesslich einen Lehrvertrag für die dreijäh­rige Ausbildung zur Floristin. Ein wichtiger Meilenstein für Nexhmije Hoxha-Dauti. «Ich spürte, dass ich auch in diesem Land etwas erreichen kann.» Das erste Lehrjahr sei sehr anstrengend gewesen. Sie habe immer alles zwei- oder gar dreimal lesen müssen, um wirklich zu verstehen. «Ich habe in jeder freien Minute gelernt.» Das hat sich gelohnt. «Nach und nach machte ich bessere Noten und mein Selbstwertgefühl stieg von Tag zu Tag», erzählt sie. Sie sei im Kosovo immer eine gute Schülerin gewesen, deshalb habe es sie belastet, dass sie in der Schweiz anfangs so unten durch musste, lacht sie. Im allgemeinbildenden Unterricht habe sie viel über die Schweiz, ihr politisches und gesellschaftliches System erfahren. «Das hat mich immer sehr interessiert.» Und es half, die Fremdheit zu vertrieben.

Im Sommer 2013 schliesslich konnte Nexh­mije Hoxha-Dauti ihre Lehre erfolgreich abschliessen. Heute arbeitet sie 90 Prozent auf ihrem Beruf. Bereut sie nie, dass sie nicht im Kosovo Pharmazie studiert hat? «Nein», entgegnet sie energisch, «ich habe eine Sprache gelernt und es geschafft, mich in einer neuen Kultur heimisch zu fühlen. Das ist für mich so oder so ein Riesengewinn.»

Wie es für sie beruflich weitergeht, lässt die junge Frau offen. Sie kann sich gut vorstellen, eines Tages eine weitere Ausbildung in Angriff zu nehmen. Uhrmacherin würde sie interessieren oder eine Handelsschule. Sie schaut optimistisch in die Zukunft: «Mein Lehrabschluss ist meine Basis hier in der Schweiz. Darauf kann ich jetzt aufbauen.»

Grafik 1.13


Innovationskraft dank praxisorientiertem Bildungssystem

Das Ranking im europäischen Innovationsindex platzierte die Schweiz vor High-Tech-Ländern wie Schweden, Deutschland, Dänemark, Finnland und den Niederlanden an die erste Stelle (► Grafik 1.14). Das «Innovation Union Scoreboard» der EU, in welchem die Schweiz mit einbezogen ist, basiert auf einem Sammelindex mit 24 Einzelindikatoren. Es fällt auf, dass unter den ersten sechs Ländern wiederum vier Länder mit einem dualen Berufsbildungssystem stehen, zwei weitere Länder Skandinaviens verfügen über ein hohes Niveau an nichtdualer Technikausbildung. In Bezug allein auf die KMU-Wirtschaft steht heute Deutschland an der Spitze. Dabei zeigt sich ein Paradox beim geforderten Bildungsniveau in den High-Tech-Ländern: Wie ► Grafik 1.15 zeigt, figuriert die Schweiz mit einer Rangierung der firmenbezogenen Absorptionsfähigkeit von Innovationen zwar im dritten Weltrang, aber in Bezug auf die Dichte der universitären Ingenieure und Naturwissenschaftler liegt sie bloss auf dem 35. Rang. Man müsste die Schweiz also nach dem Akademikerranking quasi als «Entwicklungsland» einstufen. Selbst Griechenland, Italien und Frankreich verfügen über grössere Anteile an Ingenieuren und Naturwissenschaftlern aus akademischen Bildungsinstitutionen.

Grafik 1.14


Dieses Paradox lässt sich indessen in zweifacher Hinsicht auflösen, was wir in den nachfolgenden Kapiteln dann auch vertieft analysieren wollen:

•Erstens braucht es zwar gute Ingenieure, aber entscheidend für die Umsetzung von Innovationen sind auch hoch spezialisierte, innovations­orientierte Berufsfachleute wie Polymechaniker, Konstrukteure, Automatiker, Materialtechnologen, Beschichtungsspezialisten und viele mehr, die die neu entwickelten Prototypen auch herstellen und Innovationen laufend in die Praxis umsetzen können (siehe Kapitel 2). Es kommt eben nicht allein und sicher nicht in erster Linie auf die Zahl der universitären Fachkräfte an.

Grafik 1.15


•Zweitens haben wir in der Schweiz andere Fachkräfte: Die Innovation wird hier stark über die berufliche Weiterbildung und die Höhere Berufsbildung (sogenannte Stufe Tertiär B) vermittelt, die in den Akademikerquoten statistisch nicht sichtbar sind (siehe Kapitel 3).

Auch hier bestätigt sich die These, dass die Akademikerquoten für sich allein nicht aussagekräftig sind für die wirtschaftliche Performance eines High-Tech-Industrielandes. Es braucht daneben auch berufspraktische Fachkompetenzen.

Die Schweiz ist nicht wegen der Banken reich

In den Rankings der internationalen Konkurrenzfähigkeit des World Economic Forum WEF (Genf/Davos) und des International Institute for Management Development IMD (Lausanne) findet man die Schweiz ständig in der Spitzengruppe der wettbewerbsfähigsten Nationen (► Grafik 1.16).

Diese Einstufungen basieren teilweise auf objektiven Wirtschaftsindikatoren und teils auf subjektiven Einschätzungen durch internationale Manager, deren dahinter stehende Marktgläubigkeit durchaus auch hinterfragt werden darf. Aber im Resultat deckt sich dieses Ranking mit den objektiven Indikatoren der industriellen Konkurrenzfähigkeit (wie industrielle Wertschöpfung, Exportkraft, Handels- und Leistungs­bilanz), wie wir sie in diesem Kapitel dargestellt haben.

Zu korrigieren ist zum Schluss dieses Einleitungskapitels allerdings eine vorgefasste Meinung zur Schweiz, die weltweit hartnäckig gepflegt wird und von der Bankenoligarchie auch genährt worden ist, nämlich das Klischee, die Schweiz sei reich wegen der Banken. Dieses Image basiert auf einer (Selbst-)Täuschung: Alle Banken zusammen hatten 2011 aufgrund der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung einen Wertschöpfungsanteil an der schweizerischen Volkswirtschaft (BIP-Anteil) von bloss 6,3 Prozent. Selbst vor der Finanzkrise überstieg er nie die 9-Prozent-Marke. Zählt man die Versicherungswirtschaft mit 4,5 Prozent hinzu, trägt der gesamte Finanzsektor rund 11 Prozent zum Bruttoinlandprodukt bei (► Grafik 1.17). Dieser Anteil ist zwar bedeutend; aber es ist klar festzuhalten, dass nahezu 90 Prozent des schweizerischen Reichtums ausserhalb des Finanzsektors erwirtschaftet werden.

Grafik 1.16


Die Schweiz ist immer noch ein starkes Industrie- und Exportland. Ihr Reichtum rührt ganz besonders daher, dass die hohe Produktivität und Arbeitsqualifikation in 230 anerkannten Berufen dank dem Berufsbildungssystem extrem breit gestreut ist. Wenn man die Einkommenspyramide eines Landes vor Augen hat, ist sofort begreiflich: Reichtum entsteht nicht nur in der Spitze, sondern auch in der Breite!

Grafik 1.17


Quellenangaben Kapitel 1
Datenquellen der Grafiken

1.1Eurostat: Harmonisierte Arbeitslosenquote Alter 15–24 Jahre. Februar 2014. http://epp.eurostat.ec.europa.eu/tgm/ Indicator 021. Schweiz: BFS. Arbeitslosen- resp. Erwerbslosenquote nach ILO-Kriterien.

1.2Eurostat: Messung der Jugendarbeitslosigkeit – wichtige Konzepte im Überblick. Eurostat Pressemitt. 107/3013. 12. Juni 2013, S. 3.

1.3Eurostat: Arbeitslosenquote, Alter 25–74 Jahre, Januar 2014. http://epp.eurostat.ec.europa.eu/tgm. Indicator 022. Schweiz: SECO: Die Lage auf dem Arbeitsmarkt. Januar 2014. T1b.

1.4OECD: Education at a Glance 2013. OECD Indicators, Paris 2013. Tab. A.2.1a, p. 50.

1.5BFS: Sozialbericht Schweiz: Aktualisierung der wichtigsten statistischen Informationen. Neuchâtel November 2013, G5 S. 3.

1.6BFS: Bildungssystem Schweiz – Indikatoren. Lehrstellen an Arbeitsstellen nach Kantonen 2008. Nach Betriebszählung. educindicators.

1.7BFS: Gymnasiale Maturitätsquoten 2012 und Hochschulabschlussquoten 2012. BFS ThemaKart http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/themen/15/06/dos/blank/05/01.print.html – http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/regionen/ 03/key/00/ind27.indicator.270402.2704.html

1.8BFS: Jugendarbeitslosigkeit 2012 und Personen ohne nachobligatorische Ausbil­dung 2010. BFS ThemaKart

http://www.bfs.admin.ch/bfs/portal/de/index/regionen/03/key/00/ind27.indicator.270502.2705.html – http://www.atlas.bfs.admin.ch/core/projects/13/de-de/viewer.htm?13.15763_8762 _132_131_3113.de

1.9IMD World Competitiveness Yearbook 2012. S. 263.

1.10World Skills: Members Result Comparisons 2013. www.worldskills.org

1.11Die Volkswirtschaft. Das Magazin für Wirtschaftspolitik. Nr. 7/8 2012, S. 16 (Quelle: BAKBasel).

1.12Eurostat: Internationaler Handel, nach Meldeland. 2012. http://epp.eurostat.ec.eu­ropa.eu/tgm Indicator: tet00002, Eurostat: Europäische Demografie. Pressemitt. 173/2013, 20. November 2013. (Stand 1.1.2013) http://ec.europa.eu/eurostat

1.13Eidgenössische Zollverwaltung EZV: Schweizer Aussenhandel 2013. Medienmitt. 6.2.2014. Beilage III.

1.14European Commission: Innovation Union Scoreboard 2013, Brussels 2013. Fig. 9, ­p. 19, 74.

1.15WEF: The Global Competitiveness Report 2012–2013. World Economic Forum ­(Tab. 9.02 Firm-level technology absorbtion); IMD: World Competitiveness Yearbook 2012, Tab. 4.3.10, p. 449 (Percentage of total first university degrees in science and engineering).

1.16WEF: The Global Competitiveness Report 2013–2014, S.15. IMD: World Competi­tiveness Yearbook 2013, Scoreboard 2013. www.imd.org

1.17BFS: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung VGR 2011, T3a.3 (Produktionskonto nach Branchen zu laufenden Preisen, Anteil an der Bruttowertschöpfung der Schweiz)

Quellenangaben im Text

1Eurostat: Harmonisierte Arbeitslosigkeit. Alter 25–74 Jahre. ­Januar 2014

http://epp.eurostat.ec.europa.eu/tgm.

2Eurostat: Harmonisierte Arbeitslosigkeit, Alter 15–24 Jahre, Januar 2014.

http://epp.eurostat.ec.europa.eu/tgm.

3Die genauen Datenquellen für die Grafiken werden je am Ende jedes Kapitels unter den Grafiknummern angegeben, also unter 1.1, 1.2 , 1.3 usw.

4Eurostat: Harmonisierte Arbeitslosenquote Alter 15–24 Jahre.

nach http://epp.eurostat.ec.europa.eu/tgm/table (teilm021).

5Aufgrund der in Grafik 1.1 gezeigten, extrem hohen Jugendarbeitslosenquoten wurde von Verteidigern des akademischen EU-Bildungskonzepts bemängelt, dass die Messung der hohen Jugendarbeitslosenquote in Südeuropa das Bild dramatisiere, viele Jugendliche steckten noch in der Ausbildung und man könne sie nicht zur Erwerbsbevölkerung zählen. Die Registrierung an einer Schule oder Hochschule ist dort dank staatlicher Stipendienunterstützung allerdings oft eine Verlegenheitslösung bei Erwerbslosigkeit. Zur Klärung werden in der Grafik 1.2 beide Eurostat-Kennzahlen wiedergegeben: Die Anzahl der arbeitslosen Jugendlichen in Prozent der Kategorie Jugendliche, die nicht in einer Ausbildung stecken (höhere Arbeitslosenquote), und die gleiche Anzahl in Prozent der Gesamtbevölkerung der Kategorie Jugendliche (tiefere Zahl). Mit beiden Methoden ist eine Kluft zwischen den Länderkategorien sichtbar. Die absolute Zahl von 5,5 Millionen arbeitslosen Jugendlichen bleibt unverändert. Siehe Eurostat: Messung der Jugendarbeitslosigkeit – wichtige Konzepte im Überblick, Pressemitt. 107/2013 vom 12. Juli 2013. http://epp.eurostat.ec.europa.eu/statistics_explained/index.php?titel= youth _unemployment.

6Die (höhere) Zahl der Erwerbslosenquote ist definiert nach ILO-Standard und zeigt den prozentualen Anteil der Arbeitslosen (Jugendlichen) an allen Erwerbspersonen, also auch nur vorübergehend Nichtberufstätigen (z.B. Lehr- oder Studienabgänger, Militärdienstbeender usw.), während die zweite (tiefere) Arbeitslosenquote nur die in den Arbeitsvermittlungszentren registrierten Arbeitslosen erfasst, die effektiv eine Arbeitslosenentschädigung beziehen. Die erstgenannte Zahl basiert auf einer unsicheren Telefonumfrage nur über das Festnetz (wir halten sie für nicht gesichert), während die zweite Zahl auf einer Totalerfassung beruht.

7Unkundige Publizisten, die den Arbeitsmarkt und die statistischen Definitionen nicht kennen, haben aus Momentaufnahmen auch schon dramatisierende Folgerungen abgeleitet. BFS: Schweizerische Arbeitskräfteerhebung SAKE und abgeleitete Statistiken im 3. Quartal 2013, Medienmitt. Nr. 0350-1312-10 vom 18.11.2013.

8Wolf-Dietrich Greinert: Das «deutsche System» der Berufsbildung. Geschichte, Organisation, Perspektiven. 3. Auflage 1998 Baden-Baden. Und Aufsatz: Geschichte der Berufsausbildung in Deutschland. o.D.

9Tibor Bauder, Fritz Osterwalder (Hrsg.): 75 Jahre eidgenössisches Berufsbildungsgesetz. hep verlag, Bern 2008.

10Das Parlament (Berlin) Nr. 15, vom 7.4.2014, S.12. EUR-Lex: Richtlinie 2013/55/EU des Europäischen Parlaments und des Rates zur Änderung der Richtlinie 2005/36/EU über die Anerkennung von Berufsqualifikationen usw. vom 20. November 2013. EUR-Lex-32013L0055.

11Berufsverzeichnisse unter: www.berufsberatung.ch und www.berufsbildung.ch

12Margrit Stamm: Praktische Intelligenz und Expertise. Herausforderungen für die Professionalisierungsdebatte in der Pädagogik. Paper mimeo. Universität Freiburg i.Üe., Januar 2012.

13Margrit Stamm: Talentmanagement in der beruflichen Grundbildung. Dossier Berufsbildung 12/1, Universität Freiburg i.Üe., April 2012.

14Margrit Stamm: Kluge Köpfe, goldene Hände. Überdurchschnittlich begabte Lehrlinge in der Berufsbildung. Rüegger Verlag, 2007.

15SKBF: Bildungsbericht Schweiz 2014. Schweizerische Koordinationsstelle für Bildungsforschung SKBF, Aarau 2014, S. 282.

16Markus P. Neuenschwander et al.: Schule und Beruf. Wege in die Erwerbstätigkeit. ­vs Verlag Wiesbaden, 2012, S. 162.

17Matthew B. Crawford: Ich schraube, also bin ich. Vom Glück, etwas mit den eigenen Händen zu schaffen. Ullstein, 2. Auflage 2010.

18Elsbeth Gusdek Petersen (Hrsg.): Das ist unser Land. Texte von Berufslernenden zu ­Politik und Gesellschaft; Ursula Binggeli et al. (Hrsg.): Wer nicht gern Traktor fährt, muss nicht Bauer werden. 14 Porträts von Stiftinnen und Stiften aus der Schweiz. Vorwort von Rudolf Strahm. Limmat Verlag, Zürich 2012; Ursula Binggeli et al. (Hrsg.): Wenn es um die Wurst geht, kämpfe ich. 16 Porträts neuer Schweizerinnen und Schweizer. Vorwort von Dana Grigorcea. Limmat Verlag, Zürich 2012; Catherine Dawson: Apprenticeships: for students, for parents, for job seekers. Kogan Page Limited, GB/USA 2012.

19Richard Senett: Handwerk. Berliner Taschenbuch Verlag, 2008 (engl: The Craftsman), Zitierungen: S. 355, 375.

20Matthias Plüss: Dreizehn populäre Irrtümer über Intelligenz. In: Das Magazin, Zürich, Nr. 50 vom 14./20.12.2013, S. 10.

21Tanjev Schultz/Klaus Hurrelmann (Hrsg): Die Akademiker-Gesellschaft. Müssen in Zukunft alle studieren? Beltz Juventa, Weinheim und Basel 2013.

22McKinsey Center for Government: Education to Employment: Getting Europe’s Youth into Work. 118 Pages, January 2014. www.mckinsey.com

23Wir haben in einem früheren Buch diese Faustregel aus den Sonderauswertungen der Volkszählungsergebnisse (die auf einem Totalzensus der Schweizer Wohnbevölkerung basierten) abgeleitet. Rudolf H. Strahm: Warum wir so reich sind. Wirtschaftsbuch Schweiz. hep verlag, Bern, 2. Auflage 2010, Tab. 4.5 , S. 80, 89.

24Die Landeskartenbilder sind dem Datenwürfel ThemaKart des BFS entnommen und basieren auf den Sozialindikatoren von 2012. Referenzen s. Quellenangaben zu den Grafiken.

25www.worldskills.org

2
Länder in der
Akademisierungsfalle

Der missverstandene Trend zur «Wissensgesellschaft»

Seit Jahren erleben wir einen dramatischen Niedergang der Industrie in Südeuropa, aber auch in den alten Industrienationen Frankreich und Grossbritannien. Die Folge davon sind Arbeitslosenquoten bei Erwachsenen von über 10 Prozent und Jugendarbeitslosenquoten von weit über ­20 Prozent (► Grafiken 1.1, 1.2 und 1.3).

Die Europäischen Behörden reagierten zwar auf die Finanz- und Schuldenkrise unter der Führung der Europäischen Zentralbank EZB rasch, entschlossen und zumindest kurzfristig auch erfolgreich. Mit der strukturellen Arbeitslosigkeit und dem Drama der Jugendarbeitslosigkeit hingegen geht die Europäische Kommission hilflos um und reaktiviert bloss traditionelle Beschwörungsformeln für mehr Wachstum. Immerhin hat sie fünf Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise auch das Problem der arbeitslosen Jugendlichen auf die Prioritätenliste gesetzt.1

Die wirtschaftspolitischen Konsequenzen dieses langfristigen Trends des industriellen Abbaus, der lange vor der Finanzkrise in aller Stille abgelaufen ist, sind dramatische Handelsbilanzdefizite. Die lateinischen und angelsächsischen Länder mit ihrer industriellen Schwäche konsumieren mehr, als sie selber produzieren, importieren mehr Waren, als sie exportieren, und leben auf Pump durch Kapitalzuflüsse aus dem Ausland. Dies ist auch die langfristige Fundamentalursache ihrer Verschuldungssituation.

Arbeitsmarktfähigkeit in der Ausbildung ist entscheidend

Liberale Ökonomen erklären die hohen Arbeitslosenquoten in Frankreich, Spanien, Portugal, Italien und Griechenland mit dem hohen Arbeitnehmerschutz, der die Arbeitsplätze den älteren Beschäftigten reserviert und den Jungen den Zugang verwehrt. Es brauche, so die Main­stream-Auffassung, mehr liberalisierte Arbeitsmärkte und mehr Mobilität.

Diese Erklärung ist einseitig, wenn nicht sogar falsch. Entscheidend für die Jugendarbeitslosigkeit ist in erster Linie die mangelnde Arbeitsmarktfähigkeit und die nicht arbeitsmarktorientierte Ausbildung. Der Liberalisierungsgrad des Arbeitsmarktes ist zweitrangig und in der Wirkung nicht klar: Grossbritannien zum Beispiel hat einen extrem deregulierten Arbeitsmarkt mit schwachem Kündigungsschutz – und kennt dennoch hohe Arbeitslosenquoten. Umgekehrt haben skandinavische High-Tech-Länder wie Finnland und Schweden einen ausgebauten Kündigungs- und Sozialschutz und weisen dennoch hohe Jugendarbeitslosenquoten auf, weil ein Berufsbildungssystem fehlt.

Entscheidend für das Niveau der Arbeitslosigkeit sind – wir haben es in Kapitel 1 bereits dargestellt – zwei Faktoren in diesen Ländern:

•Erstens die Arbeitsmarktfähigkeit (Employability) der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer – vor allem auch der jungen Arbeits­kräfte. Und diese hängt vom System der Arbeitsmarktintegration ab, also von der Arbeitsmarktnähe der Ausbildung. Die duale Berufslehre ist bezüglich Arbeitsmarktbefähigung eindeutig überlegen.

•Zweitens die internationale Konkurrenzfähigkeit der Wirtschaft. Diese ist von der Arbeitsproduktivität abhängig. Arbeitsproduktivität ist die Arbeitsleistung und Arbeitseffizienz pro Stunde und wird gemessen mit der Wertschöpfung pro Arbeitsstunde (resp. der Wertschöpfung pro vollzeitäquivalenten Beschäftigten in einem Jahr). Bessere Ausbildung und höhere Arbeitsqualität bringen qualitativ bessere, teurere Produkte hervor und erhöhen somit die Produktivität. Indirekt wird also auch dieser zweite Faktor, die internationale Konkurrenzfähigkeit, von der Qualitätsarbeit und der Ausbildung beeinflusst. In den lateinischen Ländern mit ihren arbeitsmarktfernen Bildungssystemen fehlt die indus­trielle Performance.

Mangelnde industrielle Berufsqualifikation führt zum industriellen ­Niedergang

Italien ist ein typisches Land mit einem ausgebauten, vollschulischen Bildungssystem. Die Quote der Jugendlichen mit maturitätsähnlichem Abschluss (Hochschulzutrittsquote) beträgt 74 Prozent2. Aber Italien kennt keine formalisierte Berufslehre mit einem staatlich anerkannten Abschluss. Die Folge: «Das Handwerk blieb ohne Nachwuchskräfte. Friseure, Tischler und Maler arbeiten in Ermangelung jüngerer Kollegen oftmals noch, wenn sie schon über 70 sind. Staatliche Lehrlingsförderprogramme gab es bisher nicht. Es wurde einfach noch so getan, als funktioniere Italien noch so wie in den 1950er-Jahren, als Handwerksbetriebe vom Vater auf den Sohn übergingen.»3 Wer den Hochschulabschluss nicht schafft, fällt zwischen Stuhl und Bank. Und von den Hochschulabsolventen sind viele arbeitslos oder arbeiten in Jobs, die nicht ihrer Hochschulbildung entsprechen.

In Frankreich, der ehemals starken Industrienation Europas, erleben wir einen dramatischen Niedergang der französischen Industrie. Der Gallois-Bericht von 2012 hat dies den Franzosen dramatisch vor Augen geführt.4 Bloss noch 11 Prozent aller Beschäftigten sind in der industriellen Produktion verblieben, in der Schweiz sind es doppelt so viele. Während Deutschlands Industrie einen Anteil von 26 Prozent an der gesamtwirtschaftlichen Bruttowertschöpfung beiträgt, erwirtschaftet die französische Industrie mit 12 Prozent weniger als die Hälfte davon.5 «Die Kluft zu Deutschland, wo, anders als in Frankreich, auch Klein- und Mittelbetriebe für Exportdynamik sorgen und darüber hinaus ein duales Ausbildungssystem für Jugendliche Einstiegsmöglichkeiten in den Arbeitsmarkt bietet, verbreitert sich.»6 Frankreich hat eine Baccalauréat-Quote von 51 Prozent,7 ein elitäres Bildungssystem und eine auffallende Geringschätzung der handwerklichen und praktischen Qualifikationen. Wer nicht einen Hochschulabschluss vorweist, hat kaum Karrierechancen. Frankreich sitzt in der Akademisierungsfalle und bezahlt dies mit einem dramatischen Niedergang der Industrie und einem wachsenden Rückstand zum deutschen Produktivitätsniveau.

Dramatisch rasch ist die Desindustrialisierung in Griechenland, Spanien, Portugal verlaufen. In Griechenland gab es noch in den 1980er-Jahren fast auf jeder Insel eine gewerblich-industrielle lokale Produktion. Textil, Bekleidung, Leder, Schuhe, Möbel, Hausgeräte wurden in lokalen handwerklichen Betrieben hergestellt, auf relativ einfachem Technologieniveau zwar, aber sie generierte Wertschöpfung und Beschäftigung vor Ort. Diese Betriebe sind durch die asiatischen Billigimporte, erleichtert durch die hohe Euro-Kaufkraft des Landes, ersatzlos verdrängt worden.

Ostasien verdrängte die traditionellen Industrien Europas

Italien, Spanien, Portugal waren während Jahrzehnten die wichtigsten Textilproduzenten Europas, Exporteure von Bekleidung, Schuhen, Lederartikeln und Haushaltsgeräten. Doch in nur zwei Jahrzehnten sind diese Industriezweige weitgehend verschwunden – verdrängt durch asiatische Importprodukte. Mit der hohen Kaufkraft, die nach 2000 der Euro als Einheitswährung den Südeuropäern verlieh, konnten sie preisgünstig Kleider, Schuhe, Haushaltselektronik, Massenkonsumgüter aus Ostasien beziehen; zunächst aus den Philippinen, Taiwan, Südkorea, heute aus China, Indien und Bangladesch – und morgen wohl aus Vietnam und Burma zu noch tieferen Arbeitskosten. Was bemerkenswert ist: Die traditionellen Indus­trien in Italien, Spanien und Portugal konnten sich nicht durch Quali­tätsverbesserung und Spezialitätenproduktion nach oben anpassen. Sie­ ­wurden durch die Importkonkurrenz verdrängt und sind gänzlich verschwunden.

Wenn wir allein Chinas Exporte von verarbeiteten Industrieprodukten (meist Massenkonsumgütern) nach Europa in Rechnung stellen und das ungefähre Arbeitsvolumen der Fabrikation berücksichtigen, hat es durch seine Exportexpansion mindestens 26 Millionen Industriearbeitsplätze in Europa verdrängt resp. vernichtet.8 Wenn man tiefere Arbeitskosten in China zugrunde legt, sind es sogar bis 40 Millionen Arbeitsplätze.

Freilich hat China auch seine Importe massiv ausgedehnt, aber davon profitieren fast ausschliesslich die High-Tech-Länder mit ihren Investi­tionsgüterexporten, wie etwa die Schweiz, Deutschland, Österreich, ­die Niederlande und die skandinavischen Länder: Sie exportieren ­Tex­tilmaschinen, Trikotautomaten, elektrische High-Tech-Installationen, Roboter, Automaten, Messgeräte, Medizinaltechnik und Hoch­preisuhren. Südeuropa, aber auch (ehemalige) Industrienationen wie Frankreich und Gross­britannien, sind hingegen mit ihren In­dustrieprodukten mangels Qualität und Spezialität ins Hintertreffen geraten – bedingt durch Mängel an Innovationen, an Qualität und Präzision ihrer Industrien. Diese Mängel stehen in direktem Zusammenhang zu der fehlenden Arbeitsqualität, der nachhinkenden Innovation und indirekt eben auch zu der fehlenden High-Tech-Kompetenz ihrer traditionellen Industriearbeiterschaft.

Auch die Vereinigten Staaten (USA) erlebten und erleben eine dramatische Desindustrialisierung. Die industrielle Produktion wurde jahrelang ausgelagert und auf amerikanischem Boden vernachlässigt.

Trotz Studium in der Sackgasse


«Wir jungen Griechen sind nicht faul. Unser ­politisches System, unsere Regierung und die etablierten Parteien machen uns kaputt», klagt der 25-jährige Michalis Melianos, der an der Universität Athen Politikwissenschaft studiert. «Wir möchten ja arbeiten, studieren und unserem Land dienen, aber man lässt uns nicht.»

Deshalb will Melianos nur eines: So rasch wie möglich auswandern. In Griechenland sieht er für sich keine berufliche Perspektive. Denn zu viele seiner Kollegen, Uni-Abgänger auch sie, sind arbeitslos. «In Griechenland leben und gleichzeitig gute Zukunftsaussichten haben – diese beiden Dinge schliessen sich im Moment leider gegenseitig aus», sagt er. Melianos Wunschland ist Norwegen, allenfalls die Schweiz. Diese Länder seien reich, tolerant und vor allem keine EU-Mitglieder.

Melianos stammt aus einer Fischerfamilie der kleinen Dodekanes-Insel Lipsi, einer Randregion im Osten Griechenlands. Er ist der erste und einzige in seiner Familie und einer der wenigen im Dorf, die es überhaupt an eine Universität geschafft haben. Als Sohn einer armen und ungebildeten Familie musste er sich aus eigener Kraft und mit viel Fleiss durch die Mittelschule (Lykeio) und durch die Universitätszulassungsprüfung kämpfen. Private Nachhilfestunden, die die Söhne und Töchter aus reichem Hause regelmässig geniessen, gab es für ihn nicht. «Von meiner Familie erhielt ich zwar wenig Geld, aber sie haben mich immer moralisch unterstützt und mich in meinen Plänen bestärkt.»

Nach dem Gymnasium studierte Michalis Melianos zunächst während anderthalb Jahren historische Archäologie an der Universität Thessaloniki. Danach wechselte er in die Politikwissenschaft an der Universität Athen. Damit rechnete er sich konkrete Aufstiegschancen aus. Denn er wusste, dass sich für viele Oberschichtkinder mit diesem Studium die Türe zu einer Berufskarriere beim Staat öffnete. «Ich habe von einer Karriere als griechischer Diplomat oder als Beamter im Aussenministerium geträumt.»

Doch dann brach die Wirtschaftskrise aus – und mit ihr zerplatzten die Zukunftsträume des intelligenten, jungen Griechen. Seit nunmehr acht Monaten wartet er wie Hunderte andere griechische Studentinnen und Studenten darauf, endlich sein Bachelor-Examen in politischer Wissenschaft und Verwaltungswissenschaften mit Schwerpunkt internationale Beziehungen abschliessen zu können. Doch immer wieder legen Streiks, von der obersten Uni-Leitung als Protest gegen das Sparprogramm der Regierung proklamiert, den Unibetrieb lahm. Vorlesungen fallen aus, ­Prüfungen werden nicht abgehalten, Professoren bleiben zu Hause. Der Grund: Die Regierung hatte von der Universität Athen verlangt, 1350 Stellen in der aufgeblähten Uni-Verwaltung zu streichen. Doch die Bürokratie verteidigt sich mit Verweigerung – zum Schaden der Studierenden.

Hätte es für Michalis Melianos eine Alterna­tive zum Studieren gegeben? Er zuckt mit den Schultern. Eine wirkliche Alternative fällt ihm nicht ein. Kein Wunder, ein Berufsbildungssystem gibt es in Griechenland nicht. Sein jüngerer Bruder hat während zwei Jahren in einer privaten Schule Koch gelernt, was die Familie 6000 Euro gekostet hat – sehr viel Geld für eine arme Familie in Lipsi. Dieser hat aber nun mit dieser Ausbildung Aussichten, nach dem neunmonatigen Militärdienst einen Hoteljob zu erhalten. Der Koch ist derzeit chancenreicher als sein studierter Bruder.

Solches zermürbt. Aus Protest gegen die etablierten Parteien wählt Michalis Meliano nun die linksradikale Siriza-Partei. Aber eigentlich schwebt ihm ein sozial-liberales Griechenland nach dem Vorbild der skandinavischen Staaten vor. Die Sparpolitik der Troika hält er für verfehlt und zerstörerisch, seine Regierung für korrupt und unfähig.

Michalis Melianos versucht dennoch vorwärts zu blicken. Im Moment arbeitet er gelegentlich als Barkeeper für 3.50 Euro die Stunde. Nach dem Bachelor-Examen möchte er ein Masterstudium in Wirtschaft und Business anhängen. «Damit habe ich die besseren Berufschancen», ist er überzeugt. Denn das ist inzwischen das einzige Ziel: einen Job finden und Geld verdienen. Die hochfliegenden Pläne von früher sind verflogen.

Die industriell-handwerkliche Ausbildung war in den Vereinigten Staaten chancenlos, nur High Schools und Universities waren hoffähig. «Nur wenige Amerikaner können sich unter einer Berufslehre etwas vorstellen», schreibt eine Korrespondentin aus den USA.9 Hier machen die Beschäftigten in der verarbeitenden Industrie nur noch acht Prozent aus. Sie sind dort verblieben, wo die Fabrikation noch konkurrenzfähig ist, vor allem in den (teilweise geschützten) Bereichen von Rüstungsgütern, High-Tech-Anlagen, Grosscomputern, Grossflugzeugen und in der (subventionierten) Autoproduktion.

Doch auch die USA erleben seit zwei Jahrzehnten einen Importboom von asiatischen Fabrikaten, anfänglich von Textilien, Schuhen, Spielzeugen und Haushaltsgeräten, dann von Haushaltselektronik und immer mehr auch von Automobilen asiatischer Produktion. Bedingt durch diese Trends der Desindustrialisierung – im anklagenden Jargon der Amerikaner ist dies eine «Industrievernichtung durch China» – entstand eine starke protektionistische Bewegung gegen den Freihandel. Die amerikanische Regierung steht unter ständigem Druck protektionistischer Forderungen seitens der Globalisierungsverlierer im eigenen Land. Erst in jüngster Zeit ist in der amerikanischen Wirtschaftspolitik eine Debatte über die Revitalisierung der amerikanischen Industrie entstanden; wir kommen später in diesem Kapitel darauf zurück.

Ausweichen auf Höherqualifizierung und Spezialisierung

Den Trend in Richtung Desindustrialisierung erleben auch die Schweiz, Deutschland, Österreich und die Länder Skandinaviens. Auch hier ist die Produktion von Massenkonsumgütern verdrängt worden – ähnlich wie in Südeuropa und zeitlich sogar noch früher. Man denke etwa an den praktisch vollständigen Niedergang der Schwerindustrie Deutschlands und Österreichs. Die Kohleminen, Hochöfen und Stahlkocher sind bis auf wenige Spezialitätenproduzenten oder subventionierte Betriebe verschwunden.

Doch hier, in den Berufsbildungsländern, wurden weniger Menschen aus dem Produktionsprozess hinausgedrängt, denn sie konnten umgeschult oder besser und anders qualifiziert werden. Mit technologisch angepassten Fähigkeiten und verbesserten Produktionstechnologien wurden viele Arbeitnehmer in kompetitive Nischen der industriellen Fertigung oder in wissensbasierte Dienstleistungsbranchen verschoben. In der Langzeitarbeitslosigkeit verharrten vor allem jene mit niederschwelligen Berufsqualifikationen.

Von allen Faktoren sind im technologischen Wandel die Arbeitsqualifikation und die rasche Weiterbildungsfähigkeit matchentscheidend. Selbstverständlich braucht es Ingenieure, Innovatoren, Erfinder, aber ohne die rasche Anpassung der industriellen Anwendungsmethoden (der Skills) in Richtung Präzision, Spezialitäten und High Tech erlangen die Innovationen nicht rechtzeitig Prozessreife. Beleg für diese anders laufende Entwicklung ist die hohe Exportkraft der Länder mit einem starken Berufs­bildungssystem: Trotz höherer Löhne und Preise können sie mehr exportieren, als sie importieren.

Konkurrenzfähigkeit mit High-Tech-Produktion

Die traditionelle Lehrbuchdoktrin besagt, Länder und Industrien würden sich dann auf dem Weltmarkt durchsetzen, wenn sie ihre Produkte billiger anbieten respektive tiefere Lohnstückkosten aufweisen.

Die Wirtschaftswirklichkeit gestaltet sich aber differenzierter: Wären nur die Preise und Löhne massgeblich für die Wettbewerbsfähigkeit, ­wären die Schweiz und andere Hochlohnländer wie Deutschland, Österreich, Niederlande, Schweden längst von den globalen Märkten verdrängt worden. Das Gegenteil ist der Fall. Ihre internationale Konkurrenzfähigkeit beruht aber nicht auf dem Preis, sondern vielmehr auf der hohen Qualität. In gewissen globalen Märkten sind bestimmte Qualitäts­eigenschaften entscheidend für die Konkurrenzfähigkeit.

Was sind solche Qualitätsmerkmale, die trotz hoher Preise die Konkurrenzfähigkeit von Produkten oder industriellen Lösungen garantieren? Wir zählen hier einige Eigenschaften auf, die matchentscheidend sein können:

•Exaktheit und Arbeitspräzision in der Fertigung

•Termintreue und Zuverlässigkeit bei der Ausführung oder Lieferung

•Angebot an Service-Diensten mit Reparaturen, Wartung, Ersatzteilen

•massgeschneiderte Lösungen statt Massenproduktion

•Spezialitäten für Nischenmärkte

•neuste Technologien, Materialien und Innovationen

•Kombinationen von Mechanik mit wissensbasierten IT-Lösungen

•effiziente, originelle Produktionsverfahren mit hoher Flexibilität

•hochwertiges Design von Markenartikeln im Hochprestige-Segment

Hochpreisländer können auf den Weltmärkten nur noch in jene Segmente eindringen, in denen die Qualität wichtiger ist als der Preis. Bei Massenkonsumgütern haben sie im Preiskampf mit wenigen Ausnahmen (etwa bei grossen Mengen dank Skaleneffekten) kaum eine Chance, wohl aber mit Innovation, Spezialität und bestimmten Qualitätseigenschaften. Die ► Grafik 2.1 zeigt, dass die Schweiz und Deutschland bei ihren Export­gütern einen grossen Anteil von 40 bis 60 Prozent an Produkten mit einem Qualitätsvorteil haben. Auf der anderen Seite spielen Exportmassengüter, die auf den internationalen Märkten noch einen Preisvorteil ausspielen können, eine immer geringere Rolle. Einzig einige deutsche Pharma- und Chemieexporte weisen auch noch Preisvorteile auf den Weltmärkten aus.10

Grafik 2.1


Die Schweiz und Deutschland sind auf den globalen Märkten wegen ihrer Innovationsfähigkeit, der Spezialitätenproduktion und Präzi­sions­arbeit konkurrenzfähig, zum Beispiel mit Textilmaschinen, Automationseinrichtungen, Robotern, IT-gesteuerten Starkstrom-Installationen,­ Prä­­zisions- und Messgeräten, Medizinaltechnik, Pharmaprodukten, Hochpreisuhren und Design-Markenartikeln mit Prestigecharakter.

Ein Beispiel: Bei sämtlichen weltweit nachgefragten Uhren hat die Schweiz bloss einen Marktanteil von 2,5 Prozent. Im hochpreisigen Marktsegment hingegen mit Uhren, die über 1000 Franken pro Stück kosten, hat die Schweizer Uhrenindustrie 95 Prozent Weltmarktanteil.

Vergleicht man wie in ► Grafik 2.2 den Einheitswert in Dollar pro Kilogramm Exportgut, so zeigt sich, dass besonders die Schweiz, teils auch Deutschland, im Vergleich mit anderen Ländern viel teurere Produkte auf den Weltmarkt bringt. Schlüssel zu dieser Spezialitätenproduktion ist die Qualitätsarbeit der industriellen Fachkräfte, und diese wiederum basiert auf der Berufsbildung.

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