Kitabı oku: «Die Schweinedärme kullerten platschend auf den glitschigen Boden»
Rudolf Nährig
Für meine gute Mutter und Johanna Höller
in tiefer Dankbarkeit
Glasscherben, kobaltblau oder weiß marmoriert
Am liebsten waren mir in meiner Kindheit die lauen Spätsommer-Samstagabende im Dorf. Da wurde das lehmig-erdige Trottoir vor dem Haus von den jungen Bauernmädchen und Bauernmägden, die sich für diese Arbeit blaue Kopftücher und ebenso blaue Schürzen umgebunden hatten, mit ihren aus Reisig zu Buschen zusammengebundenen Riadlbesen fein säuberlich gekehrt, indem sie in schnellem Tempo Schritt für Schritt und von links nach rechts vor sich her fegten. Die großen und die kleinen Steinchen, die sich die Woche über dort angehäuft hatten, flogen nun auf die angrenzende Straße oder unten an die Hausmauer. Der braune Erdboden war dann ganz glatt und frei von Steinchen, Zweiglein und anderem Kleinmist. Das Trottoir sah wie frisch gewaschen aus.
Wir Kinder nahmen jetzt ein Holzsteckerl und zeichneten die Vorlage zum Tempelhüpfen auf. Nicht wie den üblichen Spielregeln entsprechend, ein Rechteck unterteilt in links und rechts jeweils drei gleich große Quadrate, die oben und unten noch zwei Rundbögen erhielten, oben für den Himmel und unten für die Hölle, während die Quadrate dazwischen das Fegefeuer waren. Nein, wir machten, dem katholischen Glauben hörig, ein Kreuz aus sechs Quadraten: vier von oben nach unten und, am zweiten Quadrat von oben ansetzend, links und rechts jeweils eines seitlich, dazu oben und unten wieder die Rundbögen für Hölle und Himmel.
Jedes von uns Kindern hielt einen Fundus von bunten Glasscherben bereit. Meine Lieblingsfarbe war Kobaltblau. Meine kobaltblauen Scherben stammten von einem alten Lampenschirm, den mein Großvater, der Vater meines Stiefvaters, zerbrochen hatte, als er in angetrunkenem Zustand in der Küche mit einem Holzprügel nach mir warf, sein Ziel aber verfehlte, so dass der heftige Schlag stattdessen den esstellergroßen, flachen Lampenschirm über dem Küchentisch traf, der sodann, in verschiedene kleinere und größere kobaltblaue Teile zersprengt, auf unseren mit einer grün gesprenkelten Resopalplatte beklebten Küchentisch herabregnete. Diese prächtigen blauen Scherben hatte ich gleich gehortet – sobald dies gefahrlos möglich war. Sie waren nicht nur wunderschön, sondern auch sehr nützlich: Mit den größeren konnte man die Sonnenfinsternis gut beobachten, die sich schon zwei Wochen später ereignete, und die kleinen waren bestens fürs Tempelhüpfen geeignet.
Während ich meine kobaltblauen Lampenschirmbruchstücke hatte, war mein Schulkamerad und Freund Franz Huberka mit weißen Milchglasscherben gekommen, die mit schwarzen Fäden durchzogen waren, was ihnen ein marmorähnliches Aussehen gab. Die Mädchen Gerti und Mitzi wollten auch mitspielen, sie hatten kleine ellipsenförmige Steine, die sie selbst kunstvoll bunt bemalt hatten. Es galt, einen Kampf zu bestehen. Die Mädchen, die andauernd vor sich hin kicherten und sich unentwegt gegenseitig etwas ins Ohr flüsterten, um daraufhin prompt erneut zu kichern, durften beginnen. Normalerweise losten wir aus, wer anfangen durfte. Doch heute, an diesem milden Samstagabend, an dem die Bauernmädchen mit ihren Riadlbesen das Trottoir vor dem Haus so fein säuberlich gekehrt hatten, waren wir Kavaliere und gaben den Mädchen großzügig den Vortritt – in der Hoffnung auf gelegentliche Vergeltung dieser „Gnade“ in irgendeiner Form.
Es war enorme Geschicklichkeit vonnöten, wollte man keine Fehler machen und die Steine oder Scherben ohne Übertreten oder andere Verstöße gegen die Spielregeln von der Hölle durch das Fegefeuer oder Purgatorium bis in den Himmel, das Elysium, befördern. Man konnte sie auf dem Handrücken, auf dem Fußrist, auf dem Kopf oder auch blind mit dem Kopf im Genick, auf einem Bein hüpfend, in den Himmel bringen. Einbeinig zu hüpfen und zweibeinige Kehrtum-Grätschen zu machen bedurfte mit den jeweiligen Scherben oder Steinen auf dem Kopf oder dem Handrücken – kobaltblau, weiß marmoriert oder kunstvoll bunt bemalt – einer großen Konzentration und geschickter Körperbeherrschung.
Nach einer Weile jedoch meinte die fünfjährige Gerti, es sei heute irgendwie langweilig, und wollte nicht mehr mitspielen. Ihre Mutter, Fanny Schickler, die Frau vom Schickler-Ferdl, fing gerade damit an, für den morgigen Sonntag einen Gugelhupf zu backen, und das war lockender als das Spiel mit uns Buben. Für Gerti war es der höchste Genuss, Zucker zu schlecken, die Gugelhupfform aus feuerfester Tonerde mit Butter auszuschmieren und dann, am Ende, wenn der Gugelhupf gebacken war, die überstehenden Krusten abzuknabbern, und dieses Vergnügen wollte sie sich nicht entgehen lassen.
Ihre drei Brüder waren schon zur Stelle. Sie wollten dasselbe – auch naschen und schlecken. Gerti musste sich beeilen, noch etwas abzubekommen. Ohne die Gerti wollte nun auch die Mitzi nicht mehr mitspielen, nur zu zweit machte es keinen richtigen Spaß mehr, und so schlenderten Franz und ich allein über das frisch gekehrte, lehmig-erdige Trottoir, unsere kobaltblauen oder weiß marmorierten Scherben in den Händen oder Hosentaschen, und machten eine abendliche Runde durch unser Hundertseelendorf.
Die Schicklerkinder – Gerti, Josef, Johann und der kleine, geistig behinderte Emmerich mit dem flachrunden Gesicht – wohnten im Haus schräg gegenüber von unserem und waren genauso arm wie wir. Wenn meine Schwester und ich wussten, dass Mutter einen Kuchen backen wollte, gingen wir, um uns ja nicht auch nur einen einzigen Krümel entgehen zu lassen, schon Stunden vorher nicht mehr aus unserer kleinen Küche mit dem Resopalplattentisch und dem Blick in den Hof, in dessen Mitte der Misthaufen thronte. An besonderen Feiertagen goss Mutter über den Kuchen noch eine weiße Zuckerglasur. Der süß-säuerliche Geschmack dieser Glasur erinnerte mich schon an die weiß und rosa glasierten Weihnachtskekse am Christbaum – selbst wenn es noch Sommer war.
Der sechs Wochen alte Gottlieb schläft in der Abendsonne
Am Samstagabend gegen sechs Uhr legte sich ein leicht erregtes feierliches Wohlgefühl auf meine Seele. Diese Abende in unserem Dorf genoss ich in meiner oftmals unglücklichen Kinderzeit in vollen, für Augenblicke befreienden Zügen. Die Burschen hatten ihre abgetragene und verschmutzte Feldkleidung abgelegt und gegen andere, nicht festliche, aber bessere Kleidung getauscht. Oft war es nur das karierte Hemd, das einem blauen oder weißen einfarbigen Hemd Platz machte. Manche hatten sich rasiert und die Haare mit Pomade eingefettet. Die reifen Mädchen wuschen sich die Haare, erneuerten ihre Frisuren, hatten modische Faltenröcke angezogen und die Schuhe frisch geputzt. Wenn sie auf der Straße gingen, bewegten sie die Hüften kokett hin und her – was sie unter der Woche bei der Arbeit auf dem Feld nie taten – und ihre braungebrannten Gesichter lächelten neckisch.
Die Alten saßen auf den knorrig-gemütlichen Holzbänken vorm Haus, auf denen schon ihre Väter und ihre Großväter gesessen hatten, schauten mit leerem Blick aus ihren tiefliegenden hohlen Augen auf die ihnen gegenüber für den Winter aufgeschichteten Klafter Brennholzscheite und über den dahinterliegenden, mit verwitterten Holzbrettern eingezäunten Garten, der mit bunten Blumenbeeten von Astern, hochstieligen Sonnenblumen, weißen und roten Dahlien und langen, schmalen Rabatten von stark riechendem Dillkraut sowie dunkelgrüner großblättriger Petersilie und silbrig matt glänzendem Salbei bepflanzt war. Dabei erzählten sie sich die Neuigkeiten, die fast jeder schon kannte. Neuigkeiten, die wieder und wieder neu erzählt und verdreht wurden, bis sie ganz andere Geschichten waren. Lediglich der wahre Kern blieb der gleiche, alles rundherum hatte sich am Ende völlig verändert und verkehrt.
Die Mirkan-Ursl hatte ein Kind von einem verheirateten Mann bekommen. Diese Tatsache war zu bereden. So was passiert nicht alle Tage in dem kleinen, langgestreckten Hundertseelendorf. Jede und jeder zerriss sich das Maul. Die betrogene Ehefrau ertrug es mit Qual. Sie sagte, es sei auch nicht ihre Schuld, dass er zu der um fünfundzwanzig Jahre jüngeren Ursl gegangen sei; sie habe sich ihrem Poildl immer hingegeben, wo er wollte und wann er wollte. Die verachtenden Blicke der übrigen Dorfbewohner seien Schmach und Schande genug für sie, scheiden aber lasse sie sich nicht. Was solle sie auch tun? Wo sollte sie hingehen? Seit er mit der Ursl das außereheliche Verhältnis habe, sage er ihr nur Grobheiten, schlage sie immer wieder und wolle, dass sie aus dem gemeinsamen Haus ausziehe.
Freitag Nachmittag stand ich mit meiner Mutter in der Küche, ich hielt soeben den grausilbrigen Aluminiumtopf mit der heißen Milch fest in beiden Händen und meine Mutter rührte mit einem hölzernen Kochlöffel Grieß ein, um für das Abendessen Grießkoch mit Zucker zu machen, da kam die betrogene Ehefrau weinend und mit schmerzverzerrtem Gesicht, die Hände auf die Schulter gepresst, und zeigte uns den großen Fettfleck, der ihre Kleidung, und den blau unterlaufenen Fleck, der ihre Haut verunstaltete, nachdem ihr Mann eine heiße Bratpfanne mit siedendem Fett nach ihr geworfen hatte. Sie war nicht die Einzige im Dorf mit einem derartigen Schicksal, nur gab es im Fall der anderen Schicksale kein solches lebendiges, strampelndes und brüllendes Corpus Delicti in Windeln, wie es die Mirkan-Ursl vorzuweisen hatte. Wenn ihr Sohn sie nicht zurückgehalten hätte und sie zudem nicht so feige gewesen wäre, so sagte die betrogene Ehefrau, dann hätte sie sich schon umgebracht.
Im Weingarten, droben auf dem Berg, wusste sie weiter zu berichten, da hätten sie sich immer getroffen. Drinnen in der kleinen, behelfsmäßig aus Holz gezimmerten Schutzhütte hätten sie zusammen Wein getrunken und Zärtlichkeiten ausgetauscht. Der Schickler-Ferdl habe einmal gesehen, wie sie zusammen hineingegangen seien, und da hat er sein rechtes Ohr an die groben alten Bretter der Holztür gepresst und gelauscht, was sie redeten, und dabei dem Leopold sein Stöhnen, Ächzen und Prusten und der Ursl ihr „Nein, Nein!“-Gewimmer gehört. Doch alles Nein hat nichts genützt, es ist passiert. Das hat der Ferdl dann alles halblaut im Dorf herumerzählt, wobei er allen mit wichtiger Miene die Pflicht zu schweigen aufgetragen hat.
Auch das hat nichts genützt, die Leute haben es auf den Bänken vorm Haus, auf denen schon ihre Väter und deren Väter saßen, weitergeflüstert und weiterberichtet, bald mit völlig anderen Worten, unter vorgehaltener Hand. Dumm stehe sie nun da, die betrogene Ehefrau. Sie erzählte meiner Mutter, sie wolle sich den Lauf des Schrotgewehrs in den Mund stecken und abdrücken, aber dann würde es ihr womöglich nur den Gaumen, die Zunge und die Kiefer zerfetzen, tot aber wäre sie nicht, nur ein Maulkrüppel auf Lebenszeit.
Nachdem sie meiner Mutter ihr Herz ausgeschüttet hatte, während meine Mutter und ich unterdessen Grießkoch mit Zucker bereiteten, verabschiedete sie sich mit feuchten Augen und ging, einen Fettfleck auf dem Kleid und einen blauen Fleck auf der Haut, zurück in ihr Haus, in dem ihr Mann, der Poildl, sie nicht mehr haben wollte. Voll Qual ertrug sie ihr schlimmes Los weiter, bis sie in auswegloser Verzweiflung eines Tages schließlich ihre paar Sachen packte und mit ihrem Sohn drei Ortschaften weiter zog, um bei einem Bauern als Tagelöhnerin mit Kost und Quartier zu arbeiten.
Unterdessen wurde die Ursl zum zweiten Mal schwanger. Eines Sonntagvormittags lieh sich ihr verheirateter Liebhaber Leopold, dessen Frau nun drei Ortschaften weiter gezogen war, das Moped vom alten Mirkan, dem Vater von der Ursl, um nach Ziersdorf zum Feuerwehrfest zu fahren. An der Kreuzung beim Friedhof in Gettsdorf – eine sehr gefährliche, unfallträchtige Kreuzung – war er beim Linksabbiegen unachtsam. Der Fahrer eines entgegenkommenden, mit Kies beladenen Lastkraftwagens sah ihn zu spät und überfuhr ihn frontal. Er war sofort tot. Als die an der Straße wohnende alte Frau die Rettung verständigte, sagte sie belustigt dazu: „In der Woche kracht’s schon zum dritten Mal.“ Der Krankenwagen ist auch schnell gekommen, doch konnten die Sanitäter nur noch den zerdrückten Körper bergen, dessen aus der geplatzten Bauchdecke quellenden Därme lediglich durch die feste Jacke zusammengehalten wurden. Der Schädel war bis zur Unkenntlichkeit zertrümmert und das rot-weiß lackierte Puch-Moped MS 50 völlig verbogen.
Heute, an dem wunderschönen Samstag, an dem ich mit meinen kobaltblauen Scherben zusammen mit Franz, Mitzi und der Schickler-Gerti Tempelhüpfen gespielt habe und auf einem Bein von der Hölle über das Fegefeuer in den Himmel gesprungen bin, sitzen auch der alte Mirkan, der nun kein Moped mehr hat, und seine Frau vorm Haus. Ihre Tochter, die Ursl, dazwischen. Der sechs Wochen alte Gottlieb schläft im Kinderwagen in der goldenen Abendsonne.
Nach dem Kirchgang leerte er den Toilettenkübel
Dem alten Schickler, dem Vater vom Schickler-Ferdl, der den Leopold und die Ursl in der Schutzhütte droben auf dem Berg im Weingarten belauscht hatte, waren wegen eines unheilbaren Wundbrandes beide Beine im unteren Drittel des Oberschenkels abgetrennt worden. Mit fünfundsechzig Jahren war er ein Pflegefall. Man hatte ihn in die „Ausnahme“ ausquartiert, die Unterkunft für sieche, alte Menschen. Seine Frau und ihr im Haus gebliebener Sohn, der dumpfe Ferdl, Vater von Gerti, wollten ihn im Haus nicht länger ertragen.
In seiner winzig kleinen Ausnahmekammer, vom Hof aus gegenüber dem Misthaufen gelegen, hatte der alte Schickler alles, was er in den Augen seiner Frau und seines Sohnes als Krüppel brauchte. Ein Bett aus braunem Eichenholz, in dem ein durchgelegener Strohsack eine tiefe Grube bildete, über die ein gelb-graues durchgewetztes Leintuch gebreitet war. Die Federn in der Tuchent, dem Federbett, waren schon so klumpig, dass sie auf beiden Seiten wie schwerer Ballast herunterhingen und in der Mitte, die doch den Körper vor Kälte schützen sollte, nur noch das schmutzige, zerschlissene Leinen blieb. Im Winter war der Körper des Alten nicht nur vom Wundliegen im rauen und feuchten Strohsack rot, sondern auch blau und violett vor Kälte und Erfrierungen. Ein Sessel stand neben dem Bett, damit der alte Schickler vom Bett auf den Sessel und vom Sessel weiter auf seinen verzinkten Blech-Toilettenkübel rutschen konnte, der ein- oder zweimal pro Woche auf den Misthaufen im Hof geleert wurde.
Oftmals kam es vor, dass der alte Schickler in seiner Siechkammer zwischen Bett und Sessel auf den Boden fiel und nicht mehr aus eigener Kraft in sein Bett zurückkonnte. Seine Hilferufe wurden nicht gehört, niemand war im Haus. Er versuchte dann immer wieder, den am Boden liegenden Rumpf an den Armen in die Strohgrube seines Bettes zu ziehen. Die Kraftanstrengung ließ die dicken, aufgequollenen Adern auf dem erhitzten roten Gesicht an Stirn und Schläfen dunkelblau bis schwarz anlaufen. Die beinahe blinden Augen waren weit aufgerissen, und aus den Winkeln des zahnlosen Mundes lief rinnsalartig schäumender Speichel. Dicke Schweißperlen rannen über Wangen und Hals. Das schmutzig graue, unter den Achselhöhlen löchrige Nachthemd, dessen kragenloser Saum rundherum ausgefranst war, klebte triefend nass am verschwitzten Leib.
Als er einmal so zwischen Bett und Sessel lag, kamen zufällig die beiden Millingertöchter vorbei, Vroni und Else. Das war seine Rettung, jedenfalls für diesen Tag. Die beiden jungen Schwestern versuchten mit aller und letzter Kraft, den in sein zerfetztes Nachtkleid gehüllten, am Boden liegenden und röchelnd nach Luft ringenden Mann wieder in sein Bett aus feuchtem Stroh und einem zerschlissenen Jutesack zurückzuhieven. Immer wieder glitschte den schwachen Mädchen der schweißnasse, plumpsackartig schwere Körper aus den Händen. Unter größter Anstrengung gelang es ihnen schließlich, den Beinlosen, mit dem Gesicht nach unten, in sein Bettloch zu rollen. Schwer atmend blieb er dort für einige Zeit auf dem Bauch liegen, bis er wieder genug Kraft gesammelt hatte, um sich auf den Rücken zu drehen. Da war er auch schon wieder allein in seiner winzig kleinen Ausnahmekammer. Der beißend strenge Fäkaliengeruch des Mannes und seiner Behausung hatte die Millingermädchen mit Ekel erfüllt und gezwungen, fluchtartig die Kammer zu verlassen.
Am Kopfende des Bettes stand ein Nachtkastel mit einer Kerze drauf, die aber jeden Abend nur zwei Stunden brennen durfte, und zum Anzünden gab es pro Tag nur ein Streichholz. Zu den Mahlzeiten wurde dem Beinlosen das Essen von seiner strengen Frau auf einem emaillierten braunen, verbeulten Blechteller mit stilisierten, teilweise abgeriebenen roten Rosen darauf grußlos durch die Tür geschoben und auf das am Eingang stehende Stockerl, einen kleinen Schemel, gestellt. Die tägliche Weinration von einem halben Liter Haustrunk bekam er am Mittag. Sie musste bis zum Einschlafen ausreichen. Zigaretten gab es keine mehr, was für den zeitlebens starken Raucher – deswegen hatte er auch beide Beine verloren – ein tagtägliches Martyrium war. Doch da half kein Bitten und kein Betteln. Die Frau blieb hart. Obwohl es jetzt doch eigentlich schon egal war, ob er noch rauchte oder nicht, er hatte ja eh keine Beine mehr zum Amputieren.
Ab fünf Uhr früh ging im Schicklerhaus, schräg gegenüber von dem unseren, das Geschrei und Geplärre seiner Frau los, der Mutter der beiden Söhne des alten Schickler, Ferdinand und Gustav. Gustav allerdings hatte sich schon frühzeitig aus dem Staub gemacht. Er war der Sensiblere und besaß zumindest ein gewisses Potenzial an Intelligenz, das er aber nicht zu nutzen vermochte. Nun führte der dumpfe und leicht beschränkte Ferdinand, meist Ferdl genannt, zusammen mit seiner Mutter und später seiner Frau ihre verwahrloste Klitsche von Hof. Die einzige Kommunikation von Mutter und Sohn bestand darin, sich gegenseitig mit niederträchtigen Gemeinheiten und den wüstesten Beschimpfungen anzuschreien. Der etwa fünfunddreißigjährige abgemagerte Ferdl – debiler Gesichtsausdruck, schmale Lippen, spitze, kurzrückige Nase, blasse, tote Haut, ein larvenähnliches Gesicht – war in dieser Disziplin der einzige Sparringspartner der Alten; zumindest so lange, bis er seine Frau Fanny heiratete, mit der die alte Schickler nun jemand Neues zum Anschreien und Beschimpfen gefunden hatte.
Ferdls Gehabe hatte etwas von einem Neandertaler. Beim Gang zur Sonntagsmesse endete sein krummer, immer nach vorn gebeugter Körper schließlich stets im Wirtshaus. Dort war der Narr des Dorfes gern willkommen. Die wieder und wieder hin und her verdrehten, uralten Neuigkeiten, wie sie sich die Alten in der Abendsonne auf den Bänken erzählten, lieferten ihm und den anderen willkommenen, gut verdaulichen Redestoff. Wirtshaustischgespräche. Sonntags war der Tag, an dem er sich rasierte und umzog. Dann wechselte er seine graubraune, nach Schweinestall und Mist stinkende Alltagshose, die er eng um die Unterschenkel wickelte, um sie dann in die Gummistiefel hineinzustecken, gegen seinen einzigen Anzug. Der war grau gestreift und abgeschabt und die Hose war zu kurz, so dass zwischen den schwarzen, bis über die Knöchel reichenden und an den Absätzen schief abgetretenen Schnürschuhen die dünnen, kalkweißen Schienbeine etwa fünf Zentimeter weit hervortraten. Dazu zog er ein ungebügeltes Hemd an und band sich seine Krawatte wie einen Strick um den Hals. Statt der alten Tellerkappe, die er jahrein, jahraus trug, ob Sommer oder Winter, setzte er sonntags einen grauen Hut auf, der an der vorderen Krempe speckig war, und an den „Hutaugen“ – den Stellen, wo er zufasste, wenn er den Hut zog, um einen des Weges kommenden Bauern zu grüßen – waren links und rechts fingergroße dunkle Verfärbungen und Löcher. Das um den Hut geschlungene Ripsband war rundherum zerstochen von den vielen Abzeichen, die er mit den daran befindlichen Nadeln am Hut befestigte. So stapfte und stackelte er, unentwegt laut oder leise irgendetwas Sinnloses vor sich hinmurmelnd, mit ungelenken, auf dem Rückweg dann oft leicht torkelnden Schritten die Dorfstraße entlang.
Die Mutter hingegen, die Frau vom alten Schickler, Martha hieß sie, machte zwischen Wochentag und Sonntag keinen Unterschied. Tagaus, tagein lief sie mit mehreren verschiedenen um den dicken Leib gewickelten Kleidern, Röcken und Schürzen verwirrt umher, immer eine aufgeregte Rastlosigkeit und Unzufriedenheit in sich. Die fetten, schmutzig graugelben Haare bildeten ein vogelnestähnliches Gewirre, mit einem Band zusammengehalten, das aus einem blauen, ausgefransten Kopftuch gedreht worden war. Ihrem verwitterten Gesicht hatte die Zeit zahlreiche Falten und Male der Verbitterung eingeprägt. Aus den großen und kleinen Warzen, die sich über das ganze Gesicht verteilten, sprossen einzelne kurze oder lange Haare, die grau und borstenähnlich waren. Immer hatte sie irgendein Werkzeug in den Händen, das ihr bei Bedarf als schnell bereite Waffe diente – einen Rechen oder eine Mistgabel, eine Schaufel oder eine Sichel. Die friedlich um den und auf dem Misthaufen mitten im Hof einherstolzierenden Hühner verscheuchte sie immer und immer wieder. Von links nach rechts, von vorn nach hinten, von oben nach unten. Völlig sinn- und grundlos. Der Hahn zeigte Merkmale von Nervosität – ihm schwoll der Kamm und verfärbte sich violett bis schwarz. Die Hühner gaben statt einem Ei täglich höchstens drei oder gar nur zwei pro Woche.
Unterdessen schrie der Alte, so laut er konnte, aus seiner dunklen Kammer, die nur ein kleines Fenster hatte, welches mit dünnen Holzverstrebungen wiederum in vier winzige Fensterchen unterteilt war; eines dieser Fensterchen war zersprungen und einige der Scherben waren herausgefallen. „Hallo, hallo! Martha, Martha!“, schrie er, was sich anhörte wie ein Krächzen und Röcheln, wobei er zwischendurch hustete und immer wieder an seiner die Beinstummel bedeckenden und ein gutes Stück über sie hinaus baumelnden langen Unterhose zerrte. Seine Frau, gerade damit beschäftigt, ihre aufgestaute Wut an den Hühnern oder einem anderen Menschen auszulassen, indem sie ihn beschimpfte, schlug, mit Mistgabel, Schaufel, Sichel bedrohte oder ihm irgendetwas anderes Gemeines, Hinterhältiges antat, schrie widerwillig: „Halt dei Pappen“, und warf, stand gerade die Tür offen, zugleich mit dem auf der Mistgabel liegenden Mist auf ihn.
Eine Stunde später kam der mehr oder weniger dumme Sohn Ferdl angetrunken die Dorfstraße entlangstapfend aus dem Wirtshaus zurück, das er nach dem Kirchgang aufgesucht hatte. Wenn er betrunken war, wurde er leutselig, hatte für seinen alten, verkrüppelten Vater in der Kammer immer ein offenes Ohr und redete mit ihm. Der Alte zeigte ihm seine völlig durchnässte lange, über seine Stümpfe baumelnde Unterhose und versuchte sie sich vom Leib zu zerren.
Der Toilettenkübel war bis zum Rand voll, schwappte über. Schwappte seinem betrunkenen Sohn auf die bis über die Knöchel reichenden Schnürschuhe und die kalkweiß unter der zu kurzen Hose hervortretenden Schienbeine.
Wir lagen im kühlen Moos und schauten den Eichhörnchen zu
Die Dorfstraße war etwa dreihundert Meter lang. Linksseitig reihten sich die teils näher an die Straße gebauten, teils zurückgesetzten Häuser und Höfe auf, mit knorrigen Holzbänken davor, wo abends die Alten saßen, sowie kleinen Gärten, in denen von April bis Oktober prächtige, farbenfrohe Blumen blühten. Auf der rechten Seite dagegen befanden sich lediglich die kleine Kapelle in romanischem Stil, das Gemeindehaus, unser Haus mit der Scheune sowie dahinter die Häuser der Sandigers und der Debringers. Dazwischen noch das schmale, enge Haus der betrogenen und von ihrem Mann mit der Bratpfanne beworfenen Ehefrau, unserer unmittelbaren Nachbarin, sowie, hinter den Sandigers, das Haus der Huberkas, wo mein Freund Franz mit seiner Mutter und seinen Geschwistern lebte. An ruhigen Tagen – und ruhig waren die meisten Tage im Dorf – sowie bei günstigem Wind konnte ich manchmal das leise Geplätscher des nahen Flüsschens Schmida und das Geschnatter der Enten hinter den Häusern auf der rechten Seite hören.
Gegenüber von unserem Haus lagen das Millingerhaus, wo die Witwe Millinger mit ihrem Sohn Georg und ihren Töchtern Vroni und Else wohnte (die zu zweit den alten Schickler aus seiner misslichen Lage zwischen Bett und Sessel errettet hatten), sowie der Dorfladen vom Greißler Knötler, das große, neue Wohnhaus der Peterkas und links daneben die verwahrloste Klitsche der Schicklers. Dort, auf der anderen, linken Seite der Straße, führte „hintaus“, also hinter der Dorfstraße parallel zur Hinterfront der dortigen Häuser, Scheunen und Ställe, noch ein zweites Gässchen entlang, die Kellergasse.
Die Dorfstraße und die Kellergasse waren die beiden einzigen Straßen im Dorf, und zumeist lag eine lastende, bedrückende, ja hoffnungslose Stille über ihnen. Lediglich das Geschrei und Geplärre der alten Schicklerin, wenn sie mit ihrem beinlos in der Ausnahmekammer siechenden Mann und ihrem Sohn, dem dumpfen Ferdl, keifte und brüllte, war beinahe tagtäglich von frühmorgens bis spätabends zu vernehmen. Zwischendurch hörte man auch aus dem Haus direkt neben dem unseren Gepolter und laute Wortwechsel, danach leises Wimmern, Jammern und Weinen, bis sich erneut Totenstille über die Dorfstraße legte. Dort, im Haus direkt neben uns, wohnte noch die betrogene Ehefrau bei ihrem Mann, dem Leopold, bis sie dann eines Tages ihre paar Sachen und ihren Sohn packte und drei Ortschaften weiter zog.
Manchmal wurde die über dem Dorf lastende Stille auch von einem ratternden Ochsengespann unterbrochen, mit Rüben oder Erdäpfeln beladen und gezogen von zwei braun gefleckten Ochsen, neben denen der Bauer träge dahintrottete. Oder der Greißler Knötler fuhr knatternd auf seinem alten Zündapp-Motorrad, das ohne die Hilfe von uns Dorfbuben meist nicht zum Anspringen zu bewegen war, zu Einkäufen nach Ziersdorf. Etwa alle zwei Monate kam außerdem das alte, verrostete Auto der vazierenden rumänischen, bulgarischen oder kroatischen Zigeuner mit ihren sonderbaren bunten Kleidern in das Dorf und hielt oben am Ortseingang. Da kam Leben in das Dorf und hastig trugen die Leute sofort alle Habseligkeiten ins Haus, schlossen knallend Türen und Fenster.
Und wenn wieder jemand aus dem Dorf gestorben war, nahm der Totengräber Radlinger, der sein Wohnhaus neben dem Bieringerhaus am oberen Ortsende hatte, seinen Leiterwagen, legte ihn mit einem schwarzen Samttuch aus, band schwarze Moirébänder an alle vier Ecken, steckte ein langstieliges Kreuz auf das Sitzbrett, wofür er eigens ein Loch gebohrt hatte, und fuhr mit dem Sarg von oben in die Kellergasse hinein bis in das untere Dorf, wo er schließlich nach rechts abbog und die Dorfstraße wieder zurückrollte – ehe dann, am Tag darauf, der oder die Verstorbene nach Gettsdorf zum Friedhof gebracht wurde. Während die Toten dergestalt ihre letzte Ehrenrunde durch das Dorf zogen, schauten die alten, schwachen, kränkelnden Frauen und Männer, die zu alt, schwach und kränkelnd waren, um noch auf dem Feld arbeiten zu können, aus dem Fenster oder kamen, wenn sie immerhin dazu noch rüstig genug waren, aus dem Haus heraus, machten ein Kreuzzeichen, nahmen den stets bereitliegenden Rosenkranz in die Hand und beteten, so lange der Wagen in Sicht war. Bei jeder nächsten Runde des Totengräbers Radlinger fehlte dann wieder die eine oder der andere an Fenster oder Tür und fuhr auf dem Leiterwagen mit.
Am Abend, wenn die Bauern vom Feld zurück waren, kam regelmäßig aus Ziersdorf der Fleischhauer Speidler mit seinem chromblitzenden neuen Borgward-Auto, stellte es neben dem Laden vom Greißler Knötler ab und ging von Haus zu Haus mit der Frage: „Haben wir was?“, womit er wissen wollte, ob denn wieder eine Sau zu verkaufen sei. Dabei schnalzte er wie ein Gutsbesitzer mit einer Gerte, die er immer in der linken Hand hatte, gegen seine Knickerbockerhose und gegen den Schaft seiner blank geputzten Lederstiefel. Mit der rechten nahm er andeutungsweise seine karierte Kappe vom Kopf, bevor er dann mit dem meist eingeschüchterten Bauern in den Schweinestall ging und sich die Sau zeigen ließ. Während er das Tier eingehend musterte, strich er sich über seinen grauen, kurz gestutzten Oberlippenbart und meinte: „Zwei Monate noch, dann hole ich sie.“ Gab dem Bauern die Hand, womit er praktisch bereits den Kaufvertrag besiegelte, und verschwand, „Haben wir was?“, schon wieder ins nächste Haus.
An manchen Samstagen nach der Erntezeit, während die Mägde und Mädchen mit ihren aus Reisig gebundenen Riadlbesen fein säuberlich die lehmig-erdigen Trottoirs kehrten, fuhren die wohlhabenderen Bauern aus den umliegenden Ortschaften mit ihren Traktoren durch den Ort, um am Hollabrunner Volksfest teilzunehmen. Über den riesigen Kotflügeln links und rechts saßen auf den angeschraubten hölzernen Sitzen Frauen in Sonntagskleidern mit festgebundenen, bunten Kopftüchern. In unserem Hundertseelendorf jedoch gab es nur einen Traktor – den Traktor der Peterkas in ihrem großen, neuen Wohnhaus neben dem knötlerschen Greißlerladen –, was zusätzlich dafür sorgte, dass über Dorfstraße und Kellergasse meist Totenstille lag.
Jeder Hof im Dorf hatte auf der gegenüberliegenden Seite der Kellergasse seinen Weinkeller. Die Keller waren dort, an der rechten Gassenseite, aufgefädelt wie die Perlen eines Rosenkranzes. Die kleinen Kellerhäuschen, in denen Treppen in die eigentlichen Kellergewölbe darunter hinabführten, ähnelten mit ihren abgerundeten Spitzdächern ein wenig den Trulli, den Rundhäusern im italienischen Apulien. Meist weiß getüncht und mit grünen oder braunen Eingangstüren versehen, neben denen links oder rechts oder beidseitig ein kleines Fenster hervorlugte, erinnerten sie an große, freundliche Gesichter. Von diesen kleinen Kellerhäuschen führte oftmals auch ein Weg zu den angrenzenden Äckern und Weingärten. Die Häuser im unteren Bereich des Dorfes hatten ihre Wein- und Kartoffelkeller weit draußen, außerhalb des Dorfes, und der letzte war der von Frau Seibinger, mit der ich viele Male diesen Weg gegangen bin.
Der Wein war eine der wichtigsten Einnahmequellen der Bauern. Im Sommer kam noch das Getreide dazu. Ein einziges heftiges Gewitter mit Hagel konnte, was oft passierte, die gesamte Ernte zerschlagen und die erhofften und überlebenswichtigen Einnahmen eines ganzen Jahres vernichten. Die wenigsten Bauern hatten hierfür eine der teuren Versicherungen abgeschlossen. Im Laufe der fünfziger Jahre breiteten sich nun die Raiffeisengenossenschaften aus, die den Bauern die Ablieferung und den Verkauf ihrer landwirtschaftlichen Produkte – wie Erdäpfel, Rüben, Getreide und eben Weintrauben und Wein – sehr viel leichter machten und sie vor den unseriösen Machenschaften der damaligen Großhändler schützten.
Am anderen Ende des Dorfes führte der Weg zu den Weingärten am Hüterberg, der etwa dreihundert Meter von unserem Wohnhaus entfernt lag. Man musste von der Hauptstraße nach links und dann wieder nach links in den Raingraben abbiegen und dann ging es ungefähr fünfzig Meter bergauf. Der Weingarten selbst war ein steiles Grundstück, das mein Stiefvater von der Gemeinde gepachtet hatte. Wenn die Ernte nicht gut war, musste er die Pacht von dem Geld bezahlen, das mein leiblicher Vater, den ich nie kennengelernt habe, als „Kostgeld“ für mich an meine Mutter zahlte. Auch sonst lebten wir im Grunde fast immer von diesem Geld, das meine Mutter für mich erhielt. Eigentlich war es allein für meine Bedürfnisse gedacht, für mein Wohlergehen. Doch nun musste es die ganze Familie mehr schlecht als recht ernähren.
Bevor man nach links in den Raingraben einbog, gab es einen kleinen Wald mit Birken, Robinien, die wir Akazien nannten, und anderen Laubbäumen. Am Waldboden blühten wunderschöne kurzstielige Leberblümchen. Sie hatten sechs- bis siebenblättrige, blassblaue Blüten mit kleeblattähnlichen, sattgrünen Blättern. In vielen Jahren habe ich an dieser Stelle ein kleines Sträußel gepflückt und es meiner Mutter zu ihrem Ehrentag, dem Muttertag, geschenkt. Sie lachte und meinte, wie schön diese Blümlein doch seien. Mehr Lieblichkeiten gab es nicht.
Für mich und die Bieringer-Emma, gewissermaßen meine erste Liebe, sollte dieses Wäldchen zu einem geheimen Treffpunkt werden, an dem wir viele, vielleicht sogar glückliche Stunden verbrachten. Wenn wir ganz drin im kleinen Wald waren, konnte man uns vom Gehweg aus nicht sehen. Die dichten Bäume und Büsche versperrten jede Sicht. Lange lagen wir dort im kühlen Moos und beobachteten die emsigen Ameisen, die unbeirrbaren Käfer und die trägen Schnecken, die sich vom Weinberg über den Gehweg in den Wald verirrt hatten. Schauten den possierlichen Eichhörnchen bei ihrem spielerischen Treiben zu und entzückten uns an allerlei Waldvögeln, die über die Zweige flatterten oder deren Gesang wir lauschten. Diese Stunden ließen mich den bösen Stiefvater und mein ungeliebtes Zuhause oftmals ganz vergessen.
Ein Stück den Raingraben weiter führte ein Weg nach oben zu dem anderen Weingarten am „Berg“. Von dort hatte man rundum einen freien Blick. Hoch hinaus ragten der Getreidesilo der Gettsdorfer Guggenbergermühle sowie der Zwiebelturm der barocken Valentinskirche, in der ich oftmals während der heiligen Messe ministrierte. Am Horizont thronte die gotische Kirche von Wartberg, die dem heiligen Sankt Leonhard, Schutzpatron der Kühe und Pferde, geweiht ist. Von unserem langgestreckten Hundertseelendorf dagegen war nur ein kleiner Teil zu sehen, der übrige Ort wurde durch den großen Bogen eines Hügels verdeckt. Wenn die Abendsonne golden schien, erinnerten Stimmung und Anblick an Joseph von Eichendorffs Gedicht „Mondnacht“: „Als hätt’ der Himmel die Erde still geküsst.“
Während der Weinlese war auch die Hütte des Hüters, der durch die traubenvollen Gärten strich, um die Diebe von ihren schändlichen Taten abzuhalten, verschlossen. Die verschlossene Hütte bedeutete für den Huberka-Franz, meinen Freund, und mich einen besonderen Anreiz hineinzuschauen. In Hütten wie dieser wurde so manches ungewollte Kind gezeugt, und auch die Mirkan-Ursl hatte sich ja dort mit ihrem verheirateten Liebhaber Leopold getroffen, bevor sie von ihm schwanger geworden war. Durch die Ritzen und Astlöcher im Holz konnte man den mit roten, weißen und blauen Bändern geschmückten Hut des Hüters sehen. Eine durchgebogene Holzpritsche diente dem Hüter zur kurzzeitigen Erholung und für seine Schlafpausen, die er am Tag einlegte. Denn des Nachts war er damit beschäftigt, Wache zu halten. Ein langer, knorriger Birkenstock, mit ebensolchen bunten Bändern versehen wie der Hut, diente ihm als einzige Waffe gegen die Traubendiebe.
Die wirkungsvollste Waffe gegen die Diebe freilich war der Aushang an der Tür des Gemeindeamtes, der ihren vollständigen Namen nannte, wenn sie beim Traubenstehlen erwischt worden waren. Dieses An-den-Pranger-gestellt-Werden bedeutete für die Dorfbewohner einen empfindlichen Ehrverlust und war daher sehr abschreckend.
Er werde sich im Keller erhängen, sagte er
Wenn der Mann meiner Mutter, mein Stiefvater, am späten Nachmittag seinen täglichen kleinen Rausch hatte, dann war er zunächst übertrieben lieb und freundlich. In Abständen von einer halben bis Dreiviertelstunde ging er gemächlichen Schrittes vom Haus oder der danebenstehenden Scheune in den am Beginn der Kellergasse gegenüberliegenden, etwa fünfzig Meter entfernten Keller. Dabei pfiff er ein Lied, in höchst unangenehmer Tonlage, zog sein im Krieg verletztes Bein nach, runzelte die leicht nach innen gewölbte Stirn und murmelte zwischendurch immer wieder unverständliche Wörter vor sich hin. Wenn, Kellergang um Kellergang, der kleine Rausch größer wurde, wurde das Pfeifen zunehmend durch Schimpfen und Fluchen ersetzt, nur die unverständlich gemurmelten Wörter blieben.
Bevor er die Kellertür mit dem großen Eisenschlüssel aufschloss, schaute er nach links und rechts, ob ihn auch keiner beobachtete, dann öffnete er, ging die sieben Lehmstufen hinunter, nahm den alten, vom herabgetropften Wachs überzogenen Kerzenleuchter, schaute erst in den kleinen Kartoffelkeller, schüttelte den Kopf und schimpfte über die wuchernden Triebe der Erdäpfel und ging dann nach rechts bis zum Ende des Ganges in den Weinkeller, steckte den langstieligen gläsernen Weinheber, der an der einen Seite des ovalen Auffangbehälters ein stilisiertes Weintraubenrelief zeigte, in das Eichenfass und sog drei Gläser aus dem Fass. Das erste trank er in einem Zug, die anderen in kurzen Abständen hinterher, indem er den Wein schlürfend und glucksend zwischen Zähnen und Zunge einsog, um den Geschmack möglichst lange und intensiv im Mund zu haben. Dazwischen redete er mit sich selbst, schimpfte – wenn er schon zu pfeifen aufgehört hatte – über meine Mutter, über meine Schwester und mich sowie auf die übrigen Dorfbewohner.
Nach dem dritten Kellergang wurde der tägliche Rausch stärker, dann kippte die Stimmung endgültig, und er wurde bös und unangenehm. Jedes an meine Mutter gerichtete Wort endete nun in einer Beleidigung. Gerne nannte er sie dann etwa eine „Blunzen“, ein grobes Schimpfwort, das eigentlich „Blutwurst“ bedeutet. Sie hatte nicht die Kraft, sich dagegen zu wehren. Sie unterlag immer und immer. Wenn der Abend fortschritt, eskalierte die Stimmung, und es endete damit, dass er erneut in den Weinkeller ging, um weiterzutrinken, und meiner Mutter damit drohte, er werde sich im Keller erhängen.
Das Ritual war immer das gleiche. Allein schon der Gang von Haus oder Scheune zum Keller und vom Keller wieder zurück zum Haus oder zur Scheune bedeutete für ihn eine notwendige Erfüllung. Jahraus, jahrein lief die gesamte Zeremonie des Kellergangs immer in einem recht ähnlichen Rhythmus ab. Erst wurde er freundlich, dann begann er zu schimpfen und zu fluchen, dann gab es Streit mit der Mutter, weil zu wenig Geld im Haus war oder wegen ihres „Fehltritts“ – der Fehltritt, oder vielmehr dessen Ergebnis, war ich, das uneheliche Kind –, dann gipfelte der Streit in der Ankündigung, er werde sich im Keller erhängen, und es folgte wiederum der hinkende Gang, mit gerunzelter Stirn, in den Keller.
Oft kam es vor, dass sie tagelang nicht miteinander redeten. In dieser Situation litt ich große Qualen. Wollte meiner Mutter helfen, wusste aber nicht, wie. Wenn er mit dem Erhängen drohte und sie sich sonst nicht zu helfen wusste, ging sie zum Greißler, dem Kaufmann Knötler, kaufte in seinem gleich gegenüber von unserem Haus gelegenen kleinen Laden ein Stück Wurst, etwas Käse oder Russen – das sind Bismarckheringe – und eine Semmel, das ließ sie anschreiben. Wir hatten nie Geld, und diese fortwährende Geldnot war eine der Hauptursachen des unaufhörlichen Streits. Mit den im kleinen Greißlerladen erworbenen „Delikatessen“ ging sie dann in den Keller, um den Mann wieder umzustimmen, was ihr zumeist gelang. Zu meinem Leidwesen hat er sich nie wirklich erhängt. Das Martyrium nahm kein Ende.
In der Zwischenzeit aßen wir Kinder zu Hause gekochte Erdäpfel mit Salz und Schmalz. Es gab meist nichts anderes. Im Sommer, wenn Blumen, Kräuter, Obst und Gemüse gediehen, gab es manchmal meine Lieblingsspeise: grünen Häuptelsalat – auch Kopfsalat genannt – und „Heurige“, leicht gelbliche, feste und wunderbar schmeckende frische Frühkartoffeln mit geschmolzener Rama-Margarine und viel dunkelgrüner, grob gehackter Petersilie drauf.
Immer wieder bat ich den Herrgott, doch mich zu bestrafen statt meiner Mutter. Gerne hätte ich zu der beinahe täglichen Ration Schläge noch welche dazu genommen, wenn es denn meiner Mutter eine Erleichterung gewesen wäre. Doch der betrunkene Stiefvater wollte ohnehin immer alles haben – die Kinder schlagen und die Mutter bis in den tiefsten Abgrund beleidigen und erniedrigen.
Am meisten waren mir die Mittagessen am Sonntag verhasst, obwohl ich die Sonntage eigentlich doch liebte, weil ich da in die Kirche gehen konnte. Der Stiefvater dagegen führte ein heidnisches Leben. Er ging nie in die Kirche und beschimpfte die Pfarrer als „Pfaffen“. Wenn ich, mit Freude im Herzen und vom Segen des Pfarrers, Pater Gregor Bolognia, gestärkt, die Kirche in Gettsdorf verließ und mich auf den Nachhauseweg machte, freute ich mich einerseits auf das gute, besondere Sonntagsessen, fürchtete mich zugleich aber auch vor dem Essen mit dem Stiefvater am Tisch.
Es gab jeden Sonntag eine Suppe und danach Schweinebraten, Knödel und Gurkensalat. Im Winter Sauerkraut statt Gurkensalat. Der Stiefvater mit seinem sommers wie winters braun gebrannten Gesicht und dem dunklen Haaransatz, der ihm weit in die von zwei Querfalten durchzogene, leicht nach innen gewölbte Stirn gewachsen war, nahm als Erster vom Braten, ein großes Stück. Wir Kinder durften nur ein kleines nehmen. Die Schüssel mit dem Gurkensalat stand vor seinem Teller, der Salat mit viel Pfeffer bestreut.
Bei der Suppe schlürfte er so sehr, dass es mir immer wieder den Hals zuschnürte. Bei jedem Löffel, den er mit seinen kräftigen Händen an den stark behaarten Armen, die aus den hochgerollten, grau-blau karierten leinenen Hemdsärmeln herausragten, zum Mund führte, beugte er das Gesicht so weit in den Teller, dass die Spitze der krummen, großen Nase beinahe die heiße Suppe berührte. Es dauerte eine kleine Ewigkeit, bis er den weiß emaillierten Blechteller mit dem dünnen blauen Rand ausgelöffelt hatte.
Es war abstoßend, wie er aß, und es widerte mich an. Beim Schweinebraten nahm er die Rippenknochen in die Hand und kaute sie ab, wobei er das halbe Gesicht mit Fett beschmierte und ihm der Bratensaft über die Finger rann. Dazu schmatzte und prustete er so stark, dass ich ab und zu den Tisch verlassen musste. Da er uns verboten hatte, während des Essens vom Tisch aufzustehen, ging das nur unter der Notlüge, ich müsse auf die „kleine Seite“ – also auf die Toilette. Dort erbrach ich mich dann. Er fraß wie ein Schwein.
Von ihrem Schweinebraten mit Knödeln einmal abgesehen, konnte meine Mutter nicht gut kochen. Der schlimmste Tag war es für mich, wenn es Beuschel gab. Dann wurde die Schweinelunge in Stücke geschnitten und in weißer Mehlsoße gedünstet. Die mitgedünsteten Lorbeerblätter verbreiteten einen üblen Geruch.
In den Lungenstücken waren auch die Luftröhren enthalten, weiße, mehrere Millimeter dicke Röhrchen. Ich versuchte sie herauszuschneiden, Stiefvater erlaubte es nicht. Er sah genau auf meinen Teller, ob ich auch alles aufaß.
Hinterher musste ich wieder regelmäßig auf die „kleine Seite“ und mich übergeben.
Dazu Fondantringe in Rosa und Weiß, das Rückenteil in Schokolade getaucht
Unsere beiden hellbraunen kleinen, gedrungenen Haflingerpferde taugten gut für allerlei landwirtschaftliche Arbeiten. Nachdem der Stiefvater seine Fuhre mit zwanzig Säcken Gerste und Weizen ins vier Kilometer entfernte Genossenschaftslagerhaus gebracht hatte, ging er ins Wirtshaus Bier trinken bis in die finstere Nacht. Sein Pferdewagen hatte keine Beleuchtung, und eines Tages fuhr ihm auf dem Heimweg ein entgegenkommendes, ebenso unbeleuchtetes Motorrad frontal in den Wagen, und die Lenkstange des Fuhrwerks bohrte sich mitten in den Brustkorb des Motorradfahrers. Der viel zu spät kommende Rettungswagen konnte den bewusstlosen Motorradfahrer, dem außerdem beide Arme gebrochen waren und links und rechts schlaff zu Boden hingen, mit Mühen von der Lenkstange ziehen. Doch mittlerweile hatte er so viel Blut verloren, dass er bei Ankunft im Krankenhaus verstarb. Mein Stiefvater indes kam mit dem bloßen Schrecken davon. Vielleicht auch war es für ihn ja nicht einmal ein Schrecken, sondern eher nur ein unangenehmes, störendes Ärgernis gewesen.
Eine unweit der Unfallstelle wohnende Bäuerin kam am nächsten Tag mit drei Kübeln heißem Wasser, um die „Schande“, wie sie sagte, von der Straße wegzuwaschen. Als sie die rotbraunen Blutflecken nicht wegbekam, holte sie zwei Kübel mit Sägespänen und verteilte sie über den Blutflecken. Das musste in Ordnung gebracht werden, das war ihr sehr wichtig.
Nach einiger Zeit erhielt mein Stiefvater vom Gericht eine Vorladung. Der Stiefvater, der nie eine Schule besucht hatte, gab sie meiner Mutter zum Lesen. Meine gute Mutter hat sein Analphabetentum ein Leben lang zu verstecken gewusst. Das Gericht verurteilte den Stiefvater schließlich wegen Fahrens ohne Beleuchtung zu drei Wochen Gefängnis, die er vierzehn Tage nach der Verhandlung antreten und absitzen musste. Da der Motorradfahrer ebenfalls ohne Beleuchtung gefahren war, wurde meinem Stiefvater nur eine Teilschuld zugesprochen, und so fiel die Strafe relativ gering aus.
Mittlerweile war es Anfang Dezember geworden. Um sechs Uhr früh zog er seinen dicken Mantel an, setzte eine Baskenmütze auf, die er nur zu besonderen Anlässen aus dem Schrank nahm, streifte sie mit beiden Händen bis über die leicht nach innen gewölbte Stirn und verabschiedete sich von meiner schluchzenden, weinenden Mutter. In die Manteltaschen steckte sie ihm noch rasch eine Knackwurst, eine Semmel und eine Flasche Bier, die sie am Vortag gekauft hatte – im Gegensatz zum Wein, den man selbst kelterte, war Bier eine regelrechte Kostbarkeit –, und er verschwand mit schnellen, leicht hinkenden Schritten. Ich konnte nicht verstehen, warum meine Mutter weinte. Sie sollte doch froh sein, diesen widerlichen Menschen, der sie immer und immer wieder beleidigt und gedemütigt hatte, eine Zeit lang nicht sehen, hören und fühlen zu müssen.
Kurz vor Weihnachten kam er wieder aus dem Gefängnis zurück. Abgemagert, blass, aber keineswegs geläutert. Er war derselbe. Er blieb sich treu, im bösesten Sinne.
Am 24. Dezember war ich Vier- oder Fünfjähriger so aufgeregt wie lange nicht mehr. Nachmittags durften meine zwei Jahre ältere Schwester und ich unser Schlafzimmer nicht mehr betreten. Es war zugesperrt. Meine Mutter sagte: „Das Christkind wird heute kommen, um den Baum zu putzen. Wann, weiß ich leider nicht, weil es doch alle Tannenbäume im Dorf schmücken muss.“ Aus diesem Grund blieb das Zimmer so lange geschlossen.
Stören durften wir das Christkind nicht. Ich gab mir alle Mühe, einen Blick auf es zu erhaschen, probierte alle Möglichkeiten durch. Ich versuchte durch das Schlüsselloch zu schauen und stellte mich draußen vor die Tür, um zu sehen, wo das Christkind gerade flog. Selbst den Kuhstall hatte ich im Auge, weil ich wusste, dass das Christkind am Heiligen Abend auch die Tiere besucht. Ich habe es nicht gesehen.
Um sechs Uhr hörte ich im Zimmer ein Klingeln, die Tür ging auf, und meine liebe Mutter, die rasch das Kopftuch abgelegt und ihre schmutzige Schürze abgebunden hatte, mit der sie eben noch zum Füttern der Tiere im Stall gewesen war, stand lächelnd vor dem prächtig glitzernden, leuchtenden Christbaum. Mir sprang schier das Herz aus der Brust. Mein Gott, was hing da alles an dem Baum! Schokolade in farbenprächtigem Stanniolpapier. Bonbons, gewickelt in buntes Seidenpapier mit Fransen am oberen und unteren Ende und in der Mitte in ein zusätzliches rotes, blaues, grünes oder goldenes Papier eingeschlagen. Mit verschiedenfarbigen Zuckerstreuseln bestreute Windbäckereien baumelten an silbernen Fäden von den äußersten Enden der Zweige. Dazu Fondantringe in Gelb, Rosa und Weiß, das Rückenteil in Schokolade getaucht, sowie von meiner Mutter gebackene Kekse in verschiedenen Formen wie Halbmonden, Sternen, Herzen und weiß Gott was noch allem. An der Baumspitze steckte ein silberner Stern mit einem aufgeklebten Engelsgesicht.
Alle stellten wir uns rund um den Baum und begannen das Vaterunser zu beten. Meiner Mutter rannen die Tränen über die Wangen und Stiefvater konnte nach den ersten Worten den Text nicht mehr. Er murmelte etwas vor sich hin, so dass man es nicht verstehen konnte. In diesem Augenblick spürte ich unter all seinem alltäglichen Machtgehabe eine erbärmliche Unsicherheit. Anschließend sangen wir noch: „Stille Nacht, Heilige Nacht, alles schläft, einsam wacht nur das traute, hochheilige Paar …“
An diesem Heiligen Abend war er nicht betrunken. Dann durften wir die Geschenke nehmen und auspacken. Es war nicht viel unter dem Baum. Ich hatte einen neuen Anorak bekommen. Auch an ein Spielzeugauto aus dunkelrot bemaltem Blech erinnere ich mich noch sehr genau. Wenn man einen großen Schlüssel in das an der Seite befindliche Loch steckte und das Spielzeugauto wie ein Uhrwerk aufzog, rollte es eine Weile auf der grün gesprenkelten Resopaltischplatte im Kreis herum.
Das Besondere daran war, dass das dunkelrote Spielzeugauto sich in eine andere Richtung drehte und weiterlief, wenn es an der abgestoßenen Tischkante angekommen war. Vom Tisch fiel es nie.
Eisblumen und Nachtgespenster
In unserem einfachen Häuschen, das eher eine Keusche war – so nennt man in Österreich solche kleinen, ärmlichen Bauernkaten –, war lediglich die Küche mit ihrem weiß lackierten viereckigen Tisch, der beim Fenster mit Blick auf den Misthaufen stand und auf den die grün gesprenkelte, an den Rändern abgestoßene Resopalplatte geklebt war, im Winter geheizt. Der große, neben einer lindgrünen Kredenz befindliche weiß emaillierte Küchenherd, in dessen Heizfläche sieben passgenau aufeinander abgestimmte und, um sie auch der jeweiligen Topfgröße anzupassen, einzeln herausnehmbare gusseiserne Ringe eingelassen waren, spendete genügend Wärme für den ganzen Tag. An besonders kalten Tagen machte meine Mutter das Backrohr auf, damit noch mehr Wärme in den Raum strömte. In den ersten Stunden am Morgen und Vormittag war es eisig kalt, aber am Abend war es wohlig warm.
Hinter dem Haus, an der Ziegelmauer entlang, waren bis unter den Dachfirst Holzscheite aufgeschichtet, die es galt, täglich in kleinere Stücke zu hacken und in die Küche zu bringen, eine mir sehr verhasste Arbeit. Beim Anfassen der großen dreieckigen Fichtenscheite bohrten sich die abstehenden Holzspäne in die Haut, und die scharfen Kanten der Scheite schnitten ein, bis es blutete. Die beiden Zimmer links und rechts der Küche waren ungeheizt: rechts das Schlafzimmer von Mutter und Stiefvater und links das Kinderzimmer, das kleine Kabinett für meine Schwester und mich. Im Kinderzimmer gab es einen kleinen Eisenofen, der aber nur samstags und an hohen Feiertagen geheizt werden durfte. Ansonsten diente ein aufgeheizter Dachziegel, in ein Wolltuch gewickelt, zur Erwärmung der vor Kälte erstarrten Füße und Zehen. Anfangs verbrannte der heiße Ziegelstein die eiskalte Haut, nach einer Weile kühlte er ab und verströmte eine angenehme, wohltuende Wärme.
An kalten Wintertagen bildeten sich an den Fenstern prächtige Eisblumen, oft in zwei bis drei Schichten überfroren. Wenn am Samstag der Ofen im Kinderzimmer angezündet wurde, schmolzen die dicken Eisblumen allmählich ab und bildeten auf der Scheibe in sich zerrinnende abstrakte Figuren und Formen. Die eben noch wunderschönen kristallenen Fransentulpen oder Dahlien mit weit gespreizten zackigen Blütenblättern nahmen bald eine traurige, armselige Gestalt an, um schließlich ganz zu verschwinden. Manche dieser dahinwelkenden Eisblumen erinnerten mich während des Zerlaufens an Nachtgespenster mit weißen langen Tüchern über dem Kopf, mit nur zwei großen schwarzen Augenlöchern und einem noch größeren schwarzen ovalen Loch als Mund.
So schön sich diese Figuren am Fensterglas ausmachten, des Nachts, in der Dunkelheit, kamen sie als furchterregende übergroße Geister wieder. Die Finsternis machte mir Angst. In solchen finsteren Momenten empfand ich das schreckliche Geplärre meines betrunkenen Stiefvaters groteskerweise plötzlich als wohltuend: Jemand war da und könnte mir in der Not helfen. Eine böse Ironie, denn in meinem Unterbewusstsein war eigentlich der Stiefvater selbst der wahre Not und Angst bringende Herold.
Meine Mutter schlief oftmals am Küchentisch sitzend und Strümpfe stopfend ein. Immer wieder fielen ihr die Augen zu, die Nadel rutschte aus der Hand, der Kopf nickte weg, das Kinn sank auf die Brust. Dann fuhr sie wieder hoch und stopfte weiter. Der Stiefvater wartete, bis ihr Kopf erneut nach unten fiel, und klatschte im gleichen Moment laut in die Hände, um sie zu erschrecken. Diese Bösartigkeit ließ er sich immer und immer wieder zuschulden kommen und verzerrte dabei sein Gesicht zu einer grinsenden Maske, wodurch die faltige, leicht nach innen gewölbte Stirn zwischen den dicken dunklen Augenbrauen und dem tiefen Haaransatz noch schmäler wurde. Er hatte sichtlich Freude an seinem Aufschrecken der gemarterten Mutter. Wenn sie nach der mühsamen, schweren Feldarbeit erschöpft und spät nach Hause zurückkehrte, ging ihre Arbeit im Stall weiter, wo sie das Vieh fütterte, während der Stiefvater schon in den Weinkeller verschwand, um zu trinken. Kam sie dann endlich ins Haus und setzte sich müde an den Küchentisch, um in der Zeitung, die jeden Mittwoch beim Greißler Smischek in Gettsdorf auslag und auf der in blauer Kursivschrift Die Wochenschau stand, den von ihr so geliebten Fortsetzungsroman „Ich werde auf dich warten“ zu lesen, konnte es sein, dass zwischenzeitlich der Stiefvater betrunken aus dem Weinkeller zurückkehrte. Dann waren seine einzigen Worte: „Hast du nix Besseres zu tun, es gibt noch genug Arbeit!“ Diese Ungerechtigkeit konnte ich nicht ertragen.
An einem Samstagabend, nachdem wir alle – erst meine Schwester und dann ich – in einem großen Holztrog gebadet hatten, der mitten in der Küche stand, saß Mutter wieder am Tisch und stopfte Socken. Nach dem dritten Versuch, sich wach zu halten, schlief sie abermals ein und diesmal fuhr sie nicht wieder hoch, sondern fiel kopfüber auf den Fußboden, den sie drei Stunden zuvor auf dem Boden kniend mit einer Bürste und Kernseife so lange gerieben und geschrubbt hatte, bis er endlich blitzblank und sauber war. Durch den Sturz waren Nase, Wangen und Mund aufgeschlagen und bluteten.
In den nächsten Tagen entzündeten sich ihre Verletzungen, und sie musste zum Doktor Meinrath nach Ziersdorf gehen, dem Gemeindearzt, der ihr eine Gesichtsmaske aus Leinen schneiderte, nur mit Augen und Mundlöchern – ähnlich wie die angstmachenden weißen Gespenster, die mir in der Finsternis manchmal erschienen oder die ich in die zerschmelzenden Eisblumen auf der Fensterscheibe des Kinderzimmers hineinsah. Unter die Stoffmaske schmierte der Doktor eine braune Heilsalbe, die Mutter täglich erneuern musste. Dennoch verschlechterte sich ihr Zustand immer weiter. Die Entzündungen wurden schlimmer und schmerzhafter. Dr. Meinrath teilte ihr mit, dass sie nicht nur entzündete Wunden habe, sondern auch noch Rotlauf bekommen hatte. Von dieser langwierigen und tückischen Krankheit würden eigentlich nur Schweine befallen. Ganz selten werde sie auch auf den Menschen übertragen.
Wie ich meine Mutter so mit der weißen Leinenmaske über dem Gesicht sah und an den Rändern der Leinenmaske die dicken Tränen bemerkte, die über ihre geröteten und verkrusteten Wangen kullerten, fühlte ich mich mit einem Mal so hilflos und unsicher, dass ich, um sie zu trösten und ihr großes, unerträgliches Leid zu lindern, in fröhlich lautes Lachen ausbrach, mit überdrehter Stimme irgendetwas von weißen Nachtgespenstern erzählte und ähnliche Faxen machte. Doch mein Versuch, eine bessere Laune zu verbreiten, missglückte, leise schluchzte meine Mutter weiter; ja, sie fing nun erst richtig zu weinen an, was jetzt auch mich todunglücklich machte.
Sechs lange Wochen lag meine gute Mutter im Bett. Der Stiefvater war völlig aus der Bahn geworfen, machte ihr täglich Vorwürfe und beschimpfte sie auf das allerschlimmste. Sie fühlte sich schuldig, beinahe den ganzen Tag war sie todtraurig und weinte. Ich litt mit ihr mit, betete zu unserem Herrgott, sie doch bald wieder gesund zu machen.
Vater unser im Himmel, geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme zu uns und dein Wille geschehe,
Wie im Himmel, so auch auf Erden.
Gib uns unser tägliches Brot und vergib uns unsere Schuld,
Wie auch wir vergeben unseren Schuldigern,
Und führ uns nicht in Versuchung,
Sondern erlöse uns von allem Übel.
Der Lokführer rieb die Hautfetzen mit einem Schneeball von der Lok
Der Warteraum des Ziersdorfer Bahnhofes war gut besucht. Die Fahrgäste warteten auf den Zug von Wien Franz-Josefs-Bahnhof nach Gmünd, wohin auch meine Mutter mit mir fahren wollte, um eine Tante zu besuchen. Es war immer noch Winter und kalt. Schneewehen wirbelten über die Schienen und der Wind ließ die blinkenden Schneekristalle an den Fenstern des Warteraums hochstäuben. Im Warteraum saßen nicht nur Reisende, die auf den Zug warteten, sondern auch Leute aus dem Ort, die etwaige Neuigkeiten in Erfahrung bringen wollten oder einfach nur einen gemütlichen, warmen Raum suchten.
Gemütlich war der Warteraum wirklich. Der gusseiserne Kanonenofen war mit wohlriechendem glühenden Koks gefüllt. Die braun lackierten, an den Kanten abgestoßenen Lamperien, die massiven dunklen Holzbänke, die um den großen, aus dem gleichen dunklen Holz gezimmerten Tisch geordnet waren, und der schwarz geölte Fußboden rochen einladend. An der linken Seite befand sich ein breites Fenster in den nächsten Raum, das im selben Braun lackiert war wie die Lamperie.
Im unteren Drittel des großen Fensters war eine kleine Schalteröffnung, und hinter dem Schalter saß der Bahnhofsvorstand und verkaufte die Fahrkarten. Seine rote Tellerkappe mit ihrem schwarz gelackten Schirm wurde rundherum von einer dünnen schwarzen Kordelschnur umfasst und vorn in der Mitte war ein Abzeichen, auf dem ÖBB stand. Auf der dunkelblauen Uniformjacke des Bahnhofsvorstands prangten goldene Knöpfe und verschiedene Abzeichen. Ich war fünf Jahre alt und fürchtete mich vor diesem Menschen. Solange ich zurückdenken kann, hatte ich vor Uniformen Respekt bis Angst. Wie war ich doch froh, als meine Mutter endlich die Fahrkarten dritter Klasse für uns in der Hand hatte. Was hätten wir bloß gemacht, wenn es aus irgendeinem Grund nicht möglich gewesen wäre, eine zu erwerben! Was wäre geschehen, wenn uns dieser Mann in seinen prangenden goldenen Knöpfen und Abzeichen die Fahrkarte einfach verweigert hätte!
Dieses Gefühl der überall lauernden unerwarteten Zwischenfälle verfolgt mich auch noch über sechzig Jahre später, bis zum heutigen Tag. Zwischenfälle, die plötzlich wie aus dem Nichts auftauchen und alles zunichtemachen. Zwischenfälle, wie sie schon damals die Bahnfahrt von Ziersdorf nach Gmünd bereithielt.
Beide saßen wir, meine Mutter und ich, in der Ecke – besser gesagt, wir kauerten – und warteten auf den Zug. Meine erste Fahrt mit der Eisenbahn! Meine Mutter hatte eine große Tasche in der einen Hand und mit der anderen Hand hielt sie, fest umklammert, die Fahrkarten. Ihren schwarzen, dicken Stoffmantel und ihr rot kariertes Kopftuch hatte sie trotz der Wärme im Warteraum nicht ausgezogen. Auch ich behielt die gestrickte Pudelhaube und den neuen Anorak an, den ich zu Weihnachten bekommen hatte.
Endlich hörte ich das ferne Pfeifen des Zuges. Alles erhebt sich von den Bänken, sucht seine Taschen, Koffer, Schachteln, Stoffbinkel und sonstigen Gepäckbündel zusammen, um zum Perron zu gehen. Auch wir schauen noch einmal auf die Bank, ob wir auch wirklich nichts vergessen haben. Langsam und dampfend rollt die Lokomotive heran und kommt mit Pfeifen, Fauchen, Schleifen und Quietschen endlich zum Stillstand. Wir reihen uns ein und warten, bis wir einsteigen können. Das Coupé dritter Klasse ist bis auf den letzten Platz besetzt. Ich erinnere mich noch an die hellbraunen Holzbänke mit den Rückenlehnen aus Brettern, in die von jungen Liebenden Herzen und große Buchstaben oder auch Herzen mit kleinen Buchstaben darin eingeschnitzt waren.
Trotz der Wärme im überfüllten Abteil pfiff der ohnehin schon eisige Wind, je schneller die Fahrt wurde, nur umso schneidender durch die Ritzen, und zwischen dem geschlossenen Fenster und dem Fensterrahmen bildeten sich Reif und Eiskristalle. Als ich daher versuchte, den breiten Lederriemen über den Metallknopf unter dem Abteilfenster zu ziehen, sauste das Fenster plötzlich mit großem Rums nach unten und eiskalter Schneewind wirbelte durch den Wagen. Meine Mutter schimpfte mit mir, entschuldigte sich bei den übrigen Fahrgästen für meine Ungeschicklichkeit und schämte sich. Ich schämte mich auch.
Nach etwa einer Dreiviertelstunde quietschen schrill die Räder, der Zug wird mitten auf freiem Feld beängstigend plötzlich immer langsamer, man hört einen dumpfen Laut, polterndes Geratter, und dann bleiben wir mit einem heftigen Ruck stehen. Die Fahrgäste im Coupé dritter Klasse fallen von ihrer Bank auf die gegenüberliegende und schlagen ihre Köpfe gegeneinander. Was ist passiert? Alle schauen zum Fenster hinaus. Zaghaft und mit ängstlichem Blick steigt meine Mutter mit mir aus dem Waggon, und als wir in den Schnee neben den Geleisen treten, hält sie mich fest an der Hand, als wolle sie sagen, wir bleiben zusammen, hab keine Angst, der Zug fährt ohne uns schon nicht weiter.
Nach wenigen Schritten sehen auch wir den zertrümmerten grünen Traktor vor der Lokomotive stehen. Der Traktorfahrer hatte auf der schneebedeckten Straße zu stark gebremst, war auf dem vom Schnee verdeckten Glatteis erst ins Rutschen, dann ins Schleudern gekommen, hatte mit enormer Wucht die rot-weiß-rote Bahnschranke durchschlagen und war mitten auf den Schienen zum Stehen gekommen. Der herandonnernde Zug hatte nicht mehr halten können und den Traktor samt Anhänger über hundert Meter hinweg vor sich her geschoben.
Der Fahrer des Traktors war gegen die Lokomotive geschleudert worden, wodurch sein Kopf zertrümmert und sein Körper zerquetscht wurde. Die Frau des Fahrers, die auf dem Anhänger gesessen hatte, flog in kurzem Bogen vom Wagen und mit dem Kopf direkt auf die danebenliegenden Eisenbahnschienen. Die aufgrund der schlechten Witterungsverhältnisse sehr spät vor Ort eintreffende Rettung konnte nur noch die zwischenzeitlich erstarrten Leichen bergen. Der einst weiße und nun rußige Schnee war mit vielen roten Spritzern übersät. An der Stirnseite der Lokomotive klebten angefrorene Hautfetzen und ausgerissene Haarbüschel. Der Lokführer machte große Schneebälle und versuchte damit die angeklebten Hautfetzen und Haarbüschel von der Lokomotive zu reiben.
Meine Mutter nahm mich an der Hand und ging mit mir in das leere Abteil zurück. Wir setzten uns an unseren Platz und warteten auf die Weiterfahrt. Meine Mutter weinte still vor sich hin.
Der Bauernbündler auf dem Plumpsklo
Wenn man aus dem Haus ging, eine Stufe nach unten, vorbei an dem eisernen Schöpfbrunnen und am Misthaufen entlang, war dort eine alte morsche Brettertür – das Toilettenhäuschen. Die Holztür ließ sich mit einem einfachen Eisenriegel abschließen, den man von außen und von innen zuschieben konnte. Zur täglichen Entleerung dienten zwei nah nebeneinanderliegende Löcher, ein großes und ein kleines, die jeweils mit einem rundgeschnittenen Deckel aus Brettern zugedeckt waren, in dessen Mitte sich zwei Astlöcher als Griff befanden.
An der terrakottafarbenen Ziegelmauer war ein Nagel eingeschlagen, an dem ein spitzer Eisenhaken hing. Dort waren rechteckige Zettel aufgespießt – zerschnittene Zeitungsblätter aus dem volksparteilichen „Bauernbündler“, der in keinem landwirtschaftlichen Haus fehlen durfte, aus dem „Kleinen Blatt“ der Sozialisten oder aus dem katholischen Kirchenblatt. Stiefvater verlangte, dass wir Kinder die Zettel, ehe wir sie an den spitzen Haken steckten, in den Handinnenflächen so lange kneteten, bis sie weich waren. Dann war zwar kaum mehr zu lesen, was auf den Zetteln geschrieben stand, aber das war für meinen Stiefvater ohnehin unwichtig, da er ja nicht lesen konnte.
Meine Mutter liebte die Sitzungen auf dem Abort. Da konnte sie ein wenig ausruhen und, anders als ihr Mann, die Zeitungszettel so weit noch möglich lesen. Unsere Knetarbeit ließ an den Rändern immer noch so viel Text übrig, dass das Plumpsklo für meine Mutter eine Art Informationszentrum wurde. An Tagen, wo sie oder ich traurig waren, durfte ich mit meiner Mutter zusammen auf dem Klo sitzen. Sie auf dem großen ausgeschnittenen Loch und ich auf dem kleinen. Dabei redete sie mit mir über allerlei Dinge. Was wir uns einmal gemeinsam kaufen würden, wenn wir von irgendwoher Geld bekämen. Welche Reise wir einmal mit der Eisenbahn machen wollten. Oder wir redeten über die anderen Bauern im Dorf, wie dumm und bösartig sie manchmal doch seien. Die Exkremente fielen dann etwa zwei Meter nach unten in die Urin- und Kotjauche und ließen die Jauche wieder nach oben spritzen.
Einmal im Monat wurde die Senkgrube zwischen Toilettenhäuschen und Misthaufen geleert. Dann wurde die stinkende Gülle mit einer Saugmaschine in einen Tankwagen befördert und als Dünger auf die Felder gebracht. Während der Fahrt durch das Dorf tropfte es aus dem verrosteten und lecken Eisentank und hinterließ ein Rinnsal aus Gülle. Es stank durch das ganze Haus, den Hof und durch die halbe Ortschaft.
Bei der Leerung der Toilette und der gleichzeitigen Abtragung des Misthaufens daneben wurden unzählige Ratten aus ihren Löchern und Bauen getrieben. Mein Freund Franz Huberka und ich nahmen es zum Anlass, einen Teil der Ratten einzeln zu erlegen. Mit vorher extra gebastelten Schleudern, gefertigt aus Astgabeln, die wir an beiden oberen Enden mit roten Gummis aus Einsiedegläsern versehen hatten, erlegten wir die Schädlinge, indem wir mit kleinen harten Steinen auf ihre Köpfe zielten.
Wenn wir trafen, tanzten die Ratten eine Art Veitstanz, bei dem sie sich einige Male um ihre eigene Achse drehten, in hohen schrillen Tönen quietschten, um dann sterbend auf die Seite zu fallen – oftmals klatschten sie direkt in die Jauchegrube hinein.
Der blöde Adi will der Rosl sein neues Fahrrad zeigen
Ein warmer, etwas schwüler Sommertag. Aus der nächsten Ortschaft kam Adalbert, genannt der blöde Adi, mit seinem Fahrrad die Dorfstraße entlang. Das Fahrrad hatte er sich zu seinem fünfundzwanzigsten Geburtstag mit eigenen Händen zusammengebaut und die nötigen Einzelteile von verschiedenen Bauern geschenkt bekommen. Er war geistesschwach und irr, hatte aber einen praktischen Verstand. Lesen und schreiben konnte er nicht, aber werkeln und basteln. Wenn er Vertrauen zu einem Menschen schöpfte, konnte er auch ganze, schlüssige Sätze bilden. Im normalen Alltag mit den Dorfleuten kamen jedoch nur unvollständige, schwer verständliche Wortfetzen aus seinem Mund. Jede Frage, die er nicht sofort verstand, wurde mit dem immer gleichen Satz „Dat it meine Tate“ beantwortet, was heißen sollte: „Das ist meine Sache.“ Als das Rad fertig war, fuhr er damit von einem Haus zum anderen und von einem Ort zum nächsten, alle sollten sein neues Fahrrad sehen.
Heute, es war Freitag, hatte er also Geburtstag und endlich ein Fahrrad, und zu diesem Festtag hatte er sich sein schönstes Gewand und ein weißes Hemd angezogen. Das für seine fünfundzwanzig Jahre schon viel zu faltige Gesicht war rasiert. Man konnte die noch immer etwas blutigen Scharten der Rasierklinge sehen sowie Reste von Rasierschaum an Hals, Ohren und unter den Nasenflügeln. Aus den Nasenlöchern standen borstige Haare heraus. Die wirren braunen Haare am Kopf, die sehr füllig und widerspenstig waren, versuchte er mit Haarfett und Brillantine nach hinten zu glätten.
Heute wollte Adi besonders gut und interessant aussehen, denn er wollte mit dem neuen Rad auch zur Rosl fahren, um ihr stolz seine neuste Errungenschaft zu zeigen. Zur Rosl hatte er schon seit längerem Zutrauen gefunden. Jedes Mal wenn sie mit ihm sprach, überkam ihn ein erregtes Zittern, und wenn niemand es sah, durfte er ihr sogar an die Brust greifen und streicheln. Sie lachte dabei und sagte immer wieder: „Hör auf, hör auf!“, weggegangen aber ist sie nie. Und heute sollte sie das selbst zusammengebaute, fertige Fahrrad sehen. Alles war dran an dem Rad: Glocke, Licht, Dynamo und Fahrradpumpe. Nur die Rückradbremse funktionierte noch nicht; lediglich die vordere Handbremse war angebracht und tat ihren Dienst. Ganz aufgeregt trat Adi in die Pedale und radelte zu der Wiese, wo er Rosl vermutete. Grade heute war sie nicht da.
Er fuhr in das nächste Dorf. Unser Hundertseelendorf. Dort standen die Dorfbuben zu dritt vor der kleinen Kapelle in romanischem Stil und warfen einen zerlumpten alten Fußball hin und her. Erst schleuderten sie ihn gegen die Stirnmauer der Kapelle, wobei sie versuchten, das oberste Fenster zu treffen, vor dem ein leicht verrostetes gusseisernes Kreuz hing. Als ihnen das nicht gelang, warfen sie sich den Fetzenball gegenseitig an den Kopf. Als sie den blöden Adi sahen, hatten sie die Idee, mit ihm heute irgendetwas Lustig-Böses zu machen.
„Wohin fährst du?“, fragten sie ihn. „Dat it meine Tate“, gab er laut und schwerverständlich zurück. Obwohl er sie nicht leiden konnte, wollte er doch sein neues Rad herzeigen. Der eine, der mit der engen Röhrlhose, nahm ihm das Rad weg und fuhr damit um die Kapelle herum, dabei bemerkte er, dass die Rücktrittbremse nicht funktionierte. „Wieso geht deine hintere Bremse nicht?“, fragte er Adi. „Dat it meine Tate“, antwortete Adi.
Die Burschen wollten heute ihre Gaudi mit dem Adi haben. Sie liefen die Straße hinunter, taten so, als würden sie mit aller Kraft rennen, und heizten Adi an, indem sie riefen, sie seien schneller als er mit seinem Rad. Adi wollte sich das nicht gefallen lassen. Schweißperlen rannen ihm von der Stirn und sein neues schönes weißes Hemd war bald mit vielen nassen Schweißflecken übersät. Er trat mit Wucht in die Pedale und fuhr so schnell wie möglich an den Buben vorbei. Als er ein enormes Tempo erreicht hatte, steckte ihm der Rothaarige mit den vielen Sommersprossen im Gesicht und dem bösen, hinterhältigen Lachen, das sich anhörte wie das Grunzen eines Schweins, einen der Holzstöcke, die sie bei sich hatten, zwischen die Speichen des Vorderrades. Das Rad mit dem Adi überschlug sich und Adi stürzte, blutete an Ellbogen und Kopf.
Er stand auf, nahm das stark verbogene Rad zwischen seine Beine, richtete es mit Berserkerkraft wieder einigermaßen gerade, stieg trotz der Wunden wieder auf sein neues, nun etwas verbogenes Fahrrad, wobei ihm das Blut von den Ellbogen über den Unterarm bis zur Lenkstange hinunterfloss, und fuhr, ohne sich auf den Sattel zu setzen, in hohem Tempo weiter im Kreis um die Kapelle und die Buben herum. Einer der Dorfbuben – der etwas Kleinere mit dem bereits starken Bartflaum an Oberlippe und Kinn; mit seinem pechschwarzen Haar und den funkelnden dunklen Augen sah er aus wie ein Zigeuner – nahm wieder den Holzstock, steckte ihn dem vorbeifahrenden Adi jetzt zwischen die Speichen des Hinterrades, und Adi schlug erneut mit Gesicht und Körper seitwärts auf dem Boden auf. Diesmal war das Rad nur leicht demoliert und Adi brachte es mit einem kurzen kräftigen Ruck wieder in Form.
Dieses böse Spiel reizen sie aus, das Gegröle und die Bösartigkeiten werden immer schrecklicher. Am Anger entlang des Flusses treiben sie ihr Spiel, bis Adi wütend das Tempo so stark erhöht, dass sie nicht mehr folgen können. In höllischer Geschwindigkeit rast er dicht am Ufer einher, rutscht mit dem Vorderrad ab, die Böschung hinunter. Wie nun das Wasser bedrohlich näher kommt, will er bremsen und stemmt den Fuß ins Pedal, der Rücktritt geht aber nicht, das hat er vergessen. In seiner Verzweiflung drückt er mit ganzer Kraft auf den an der rechten Seite der Lenkstange befestigten Hebel der Vorderbremse. Das Vorderrad blockiert, er überschlägt sich und fliegt mit voller Wucht in den Fluss; das Rad auf ihn drauf.
Das Fahrrad sank immer tiefer in das träge dahinfließende Wasser hinab. Das Wasser verfärbte sich mit rötlichen Schlieren.
Sie ballte die Hände und dankte dem barmherzigen Himmelvater
Auf das schwere Gewitter am Ende eines warmen, etwas schwülen Sommertages folgte starker, gussartiger Regen. Georg, der vielleicht vierundzwanzigjährige ältere Sohn von Frau Millinger, stand, nur mit einer kurzen schwarz-glänzenden, modischen Klothhose bekleidet – eine Art Turnhose, die wir „Glatthose“ nannten – unter der Traufe am Ende der Dachrinne im Hof. Eine Naturdusche. Dem drahtigen, groß gewachsenen Burschen machte es richtig Freude, vom Scheitel bis zur Fußsohle durchwässert zu werden. Bei den trotz des heftigen Regens noch hohen Temperaturen tat so ein erfrischendes Duschbad einfach gut. Das Wasser ergoss sich wie ein Gebirgsbach auf seine breiten Schultern, den stählernen Rücken und über die glatte, unbehaarte Brust des jungen Mannes. Wahrlich ein Adonis.
Trotz seines beeindruckenden Aussehens fand der sehr wortkarge Bursch lange kein weibliches Wesen, das mit ihm zusammen sein wollte. Selbst in Gegenwart der schönsten Mädchen und Frauen, die ihm bei der Feldarbeit und im Dorf begegneten und zu Hilfe waren, veränderte er nie den versteinerten, starren Ausdruck seines leicht pockennarbigen Gesichts. Erst viele Jahre später begegnete ihm seine Liebe in Gestalt von Theresa: ein hübsches blondes, mit feinen Zügen ausgestattetes Stadtmädel. Wenn sie lachte, erinnerte sie an die bayrische Prinzessin Sissi, die spätere Braut von Kaiser Franz Joseph. Theresa ging von Haus zu Haus, um den Bauern Mastfuttermittel für Schweine und Hühner zu verkaufen. Als sie auf Georg traf, war es das, was man „Liebe auf den ersten Blick“ nennt. Böse Zungen nannten es auch den „letzten Ausweg“. Alles Gerede im Dorf drehte sich lange Zeit nur um diese Verbindung. Manche hielten die Theresa für eine Dahergelaufene, andere wiederum für eine Erbschleicherin. Der Dorftratsch in der goldenen Abendsonne auf den Bänken vor den Häusern fand hier für lange Zeit reichlich Nahrung. Man ließ kein gutes Haar an dieser wunderhübschen und, wie sich schließlich herausstellte, auch sehr tüchtigen und begabten Person.
Wenn Georg in seinen langen Junggesellenjahren auf einige Tage nach Sankt Pölten fuhr, um seinen jüngeren Bruder Stefan zu besuchen, der längst ausgezogen war und dort im Kolpinghaus wohnte, einem von Adolf Kolping gegründeten Gesellenhaus, durfte ich manchmal über Nacht bei Frau Millinger bleiben, deren Haus gegenüber von dem unseren lag. Sie war Witwe, seit ihr Mann eines Tages nicht mehr aus dem Weinkeller zurückgekommen war.
Eineinhalb Hektar Weingärten hatte der Millinger gehabt. Nachdem er im Herbst, wie jedes Jahr, die Trauben eingebracht, sie zu Maische und Most verarbeitet und den süßen Saft in die Eichenfässer abgefüllt hatte, war er jeden Tag in das Kellergewölbe gegangen, um den Fortschritt der Gärung zu überprüfen, bis ihm nach etwa sechs bis sieben Tagen das bei der Gärung des Mosts entstehende Kohlendioxid zum Verhängnis wurde; die Konzentration des Gases im Kellergewölbe war zu hoch geworden, es lähmte ihm bei einem seiner Kontrollgänge die Atemwege. Er wurde bewusstlos, fiel um und versuchte sich im Fallen noch an den Dauben des großen Fasses festzuhalten, doch rutschte er ab und schlug mit dem Kopf auf den Betonsockel unter den Fässern auf, was dazu führte, dass ein Blutgefäß in seinem Schädelinneren barst und sich ein subdurales Hämatom bildete, das ihm zusammen mit der unten am Boden besonders hohen Kohlendioxidkonzentration den Tod brachte.
Als seine Frau ihn nach Stunden endlich suchen kam, konnte sie, den blutigen Kopf über kalten Lehmboden schleifend, nur noch an beiden Beinen die Leiche ihres Mannes aus dem Keller ziehen. Wie so oft wollte ich sie gerade besuchen, hörte ihre verzweifelten Hilferufe und riss gleich beide Kellertüren auf, damit das geruchlose, aber tödliche Gas entweichen konnte und die schon hin und her taumelnde Frau nicht ebenfalls den grausamen Erstickungstod erlitt.
Von dem Tag an, den sie als eine schwere Prüfung Gottes ansah, machte sie sich beständig Vorwürfe, sich um ihren Mann nicht genug gekümmert und ihn dann zu lange an den falschen Orten gesucht zu haben. Sie betete viel und ihre Gebete wurden täglich länger. Jeden Morgen schon um vier Uhr früh kniete sie vor ihrem Herrgottswinkel, manchmal auf einem Kissen oder an manchen Tagen auch auf einem harten Fichtenholzscheit, und betete den schmerzensreichen Rosenkranz. Je mehr ihr die Knie schmerzten und wund waren, desto mehr Erleichterung fühlte sie. Der Tod ihres Mannes lastete als große Schuld auf ihren Schultern.
Selbst noch Jahrzehnte später – so hat es mir ihre Tochter Vroni erzählt –, als sie in hohem Greisenalter auf dem Sterbebett lag, versuchte sie mit größter Anstrengung, die mit einem schwarzen Rosenkranz umwickelten dürren und abgemagerten Hände zum Gebet zu falten, und presste, nachdem sie doch schon tagelang nicht mehr gesprochen hatte, noch in ihrer Todesstunde mit letzter Kraft die flehenden Bittworte „Liaba Himmevotter, ned owischtessn ind Höll“ aus ihrem Mund, was etwa so viel heißen sollte wie: Lieber Herrgott, stoße mich wegen meines Vergehens nicht in die Hölle hinab. Ihre beiden nun auch schon recht betagten Töchter – die einst, als kleine Kinder, den zwischen Bett und Sessel gefallenen beinlosen alten Schickler in sein durchgelegenes Bettloch zurückgewälzt hatten – standen am Kopfteil des Bettes, Vroni auf der linken Seite und Else auf der rechten, beteten den glorreichen Rosenkranz und wischten ihr die dicken Schweißperlen von der Stirn. Der herbeigerufene Pfarrer gab ihr die Letzte Ölung. Nach einer Dreiviertelstunde gemeinsamen Gebets seufzte die greise Frau Millinger zwei- oder dreimal tief, die dürren Hände mit dem schwarzen Rosenkranz verkrampften sich für einen kurzen Moment, aber wurden gleich wieder locker, dann fiel ihr der Kopf auf die rechte Seite und sie hauchte ihren letzten Atem aus.
Diese praktizierende erzkatholische Christin hat mir in meinem Leben unbewusst einige Richtlinien aufgezeigt. Im Gegensatz zu manch anderen Dorfbewohnern, die mehr Scheinheilige als Tiefgläubige waren, hatte sie einen ehrlichen inneren Strahlenkranz. Ihr Gesicht und ihr Wesen waren von unglaublicher Gutmütigkeit. So empfand ich es jedenfalls damals. Ihre Sprache war wie die Sprache der anderen im Dorf, und doch eine ganz andere, vertrauensvollere.
Wenn nun also ihr noch auf Jahre unverheirateter Sohn Georg auf einige Tage nach Sankt Pölten fuhr, um seinen Bruder Stefan zu besuchen, durfte ich manchmal im Kabinett, dem alten Zimmer von Stefan, übernachten. Diese Abende und Nächte liebte ich. Viele meiner Schulfreunde waren in den Ferien verreist. Ich war nie verreist. Für mich waren die Nächte im Haus gegenüber bei den Millingers Ferien. Weg von zu Hause. Keine Drohungen, kein Geschrei und keine Schläge vonseiten des ungeliebten Stiefvaters. Wenn ich damals überhaupt Glück kannte, dann in solchen Momenten. Vielleicht war das Glück dieser Momente eine Belohnung von unserem Herrgott für all die viele Schmach, die ich zu Hause zu ertragen hatte.
Vor dem Schlafengehen gab es in der Küche von Frau Millinger Milchsuppe mit Hasenbrot. So nannte man das im Feld nicht verzehrte und wieder mit nach Hause gebrachte, nun leicht angetrocknete Brot. Während der Arbeit der Bauern auf dem Feld lag dieses Brot in Leinen- oder Jutetaschen unbeachtet neben der Jausenhütte, wo es von den herumhüpfenden Feldhasen beschnuppert wurde. Vor dem Nachtmahl sprachen wir immer ein Tischgebet, das schenkte eine reine, neugeborene Seele. Auf alle meine Fragen bekam ich von Frau Millinger stets freundliche Antworten – anders als zu Hause.
Manchmal kam auch die alte Mariedl zum Nachtmahl. Sie wohnte gegenüber allein, in dem kleinen Zweizimmerhaus in der Kellergasse. Auf der linken Seite ihres Rückens hatte sie einen Buckel. Als sie noch ein Kleinkind gewesen sei, so erzählte sie, habe ihr Großvater sie beim Spielen vom Heuwagen gestoßen, dabei brach sie sich das linke Schulterblatt. Der großen Schmerzen wegen konnte sie fortan nicht mehr oder nur mit größter Mühe gerade sitzen. Der Lehrer in der Schule habe sie immer wieder ermahnt: „Mariedl, sitz gerade und nicht so krumm.“ Doch sobald sie sich unbeobachtet wähnte, setzte sie sich wieder ganz krumm, zur Linderung der Schmerzen, und so verwuchsen die gebrochenen Knochen im Laufe der Jahre zu einem Buckel. Der Buckel ließ sie schrumpfen, kleiner und schmächtiger werden. Die in ihrer Jugend blonden Haare, die sie zu einem Knoten gebunden trug, waren längst grau, stumpf und schütter geworden. Zu ihrem Buckel auf der linken Seite war später noch eine ganzseitige Lähmung der rechten Körperhälfte hinzugekommen. Seitdem konnte sie sich nur noch mühevoll fortbewegen und war auf nachbarschaftliche Hilfe angewiesen. Es wurde nicht besser, eher schlechter. Dr. Meinrath sagte, ein Pflegeheim wäre für die alleinstehende Frau das Beste.
In ihrer Verzweiflung begann die tiefreligiöse Katholikin eine Novene zum barmherzigen Gott zu beten. Neun Tage lang – daher der Name Novene – betete sie, morgens, mittags, abends, nachts. Wenn sie mich durch die Kellergasse gehen sah, rief sie: „Komm herein zu mir und bete mit mir, wenn wir beide beten, dann hilft’s mehr.“ Ich ging jedes Mal hinein in die kleine dunkle, nach Lavendelkissen und Medizin riechende Kammer, kniete mich in die Ecke, schaute auf das Kruzifix und dachte dabei an meine Mutter, die, so wie ich, unter ihrem Mann, meinem Stiefvater, schwer zu leiden hatte. Erst beteten wir ein Vaterunser und drei der Geheimnisse des glorreichen Rosenkranzes, dann sprachen wir Gebete an den barmherzigen Gott und zum Schluss folgten noch die restlichen zwei Geheimnisse des glorreichen Rosenkranzes.
Selbst mitten in der Nacht stellte Mariedl ihren laut tickenden, großen runden weißen Junghans-Wecker mit den phosphoreszierenden Leuchtziffern und der verchromten schrillen Weckglocke, um auch des Nachts das Beten nicht zu vergessen. Einmal pro Stunde klingelte er, um sie zu wecken, damit sie beten konnte. Wenn ihre Müdigkeit übergroß wurde, stellte sie den Wecker in einen blau-weiß emaillierten Blechteller und legte zusätzlich metallenes Essbesteck hinein, damit es noch lauter rasselte und schepperte und sie nur ja ihre Gebetszeit nicht verschlief.
Auf beiden Seiten des Weckers stand je ein Votivbild aus der Wallfahrtskirche Mariazell: links die Muttergottes mit dem toten Sohn auf dem Schoß und rechts der kreuztragende, dornengekrönte Christus. Wenn sie nicht im Bett betete, lehnte sie sich mit der nicht gelähmten, buckeligen linken Körperhälfte gegen die Wand, um unter enormen Schmerzen zum Kruzifix in der Küchenecke zu beten. Tag für Tag, Nacht für Nacht betete sie. Stunde für Stunde. Am neunten, dem letzten Tag der Novene versuchte sie wie jeden Tag, den gelähmten Arm oder das gelähmte Bein zu bewegen. Wieder und wieder versuchte sie es. Nichts ging. Doch auf einmal, beim allerletzten Versuch, konnte sie die beiden rechten, äußeren Zehen des rechten, gelähmten Fußes plötzlich doch ein klein wenig auf und ab bewegen. Zum ersten Mal seit einem Jahr. Mariedl konnte es nicht glauben. Als sie begriff, was geschehen war, flossen ihr die Tränen aus den Augen. Sie ballte die Hände mit aller Kraft zusammen und schrie, indem sie abwechselnd auf das Kreuz und hoch zum Plafond gen Himmel schaute: „Du lieber, barmherziger Himmelvater, danke, dass du mich nicht vergessen und nicht verlassen hast!“
In meiner Schlafstätte bei Frau Millinger, dem kleinen Kabinett und vormaligen Zimmer des jüngeren Sohnes Stefan, war neben der Tür ein kleines Kruzifix aus Messing angebracht, an dem mit silbrig glänzendem, zopfartig gedrehtem Drahtgeflecht eine kleine halbrunde Schale aus weißem Porzellan angebunden war. Die Schale war mit geweihtem Wasser aus der Gettsdorfer Valentinskirche gefüllt. Über dem Bett hing ein aus hellem Lindenholz geschnitztes Kreuz, auf das ein Christus aus Elfenbein genagelt war. Nachdem ich mich mit dem Weihwasser besprengt und das mir aufgetragene Vaterunser gebetet hatte, blieb ich auf dem Rücken liegen und schaute nach oben, und es war mir, als könne ich durch den Plafond – die Zimmerdecke – zum Himmel hinaufschauen.
Vor Freude und Glückseligkeit konnte ich lange nicht einschlafen. Es war eine wunderbare, selige Nacht.
Das Los der Volksfesttombola
Zu der einen der beiden Millingertöchter, Veronika, von mir und den Dorfbewohnern nur Vroni genannt, hatte ich ein sehr starkes Vertrauen. Wann immer es möglich war, schloss ich mich diesem inzwischen etwa zweiundzwanzigjährigen Mädchen an. Sie war gottergeben und gottesfürchtig wie ihre Mutter und von einer wohltuenden Güte gesegnet.
Ein- bis zweimal im Jahr gab es im etwas baufälligen Gettsdorfer Pfarrsaal, wo auch die Tanzveranstaltungen stattfanden, eine Theateraufführung. Vroni hatte dabei immer eine Hauptrolle zu spielen. Groß gewachsen, mit ihrem schwarzbraunen, zu einem Kranz geflochtenen Haar und den dunklen, blauen Augen, war sie das, was man ein hübsches, anständiges Mädchen nannte. Diese lautere Figur spielte sie auch in den jeweiligen Bauernstücken im Pfarrsaal. Entweder endeten die Stücke so, dass Vroni den Filou auf den rechten Weg brachte, oder sie bekam am Ende des Stückes, nach allerlei Umwegen und bezwungenen Hürden, den charakterlich ohnedies guten Burschen und heiratete ihn. Ihr tagtägliches Leben war freilich anders und eher das genaue Gegenteil, wenn sie im grauen Kittel, mit grauer Schürze und grauem Kopftuch, eine Butte auf dem Rücken, sich den Schweiß aus der Stirne wischend, im Freien arbeitete und die Feldarbeit sie gebückt und krumm erscheinen ließ. Doch selbst diese Kleidung hat sie immer mit Würde getragen: den grauen Kittel wie einen Purpurmantel und das Kopftuch wie eine Krone auf dem Haupt.
All die wunderschönen Theaterstücke, die die Bauern und den Bauernstand nie als tollpatschig und unbeholfen, sondern immer als gute, rechtschaffene, größtenteils fromme, gottesgläubige Leute darstellten, stammten übrigens aus der Feder unseres Lehrers, des Oberlehrers Gedesberger – desselben Mannes, Vorbild für die Schulkinder dreier Dörfer, der während des Unterrichts, wenn wir ein in seinen Augen strafenswürdiges Vergehen begangen hatten, so lange mit der Weidenrute die Hände und Finger von mir und meinen Mitschülern schlug, bis die Striemen platzten und die Wunden bluteten.
Unvergesslich ist mir ein Volksfest mit Vroni in Ziersdorf geblieben. So ein Volksfest war immer etwas Außergewöhnliches und eine willkommene Abwechslung für die Bewohner all der kleinen Dörfer ringsum. Eine riesige Menschenmenge aus Bauern, Kaufleuten und Beamten jeden Alters versammelte sich da, aus Kindern, Frauen, Burschen und Mädchen, die aus den Ortschaften der Umgebung zusammenströmten. Zur Belustigung boten die Schausteller allerlei Fahrgeschäfte an, wie Schiffschaukeln und Ringelspiel, auch Kettenkarussell genannt. Das Fest dauerte drei Tage und stets bis weit in die Nacht. Die Wein- und Bierbuden animierten die jungen Burschen und Mädchen zum Trinken. Bei all den schönen Dingen kam die Liebe nicht zu kurz, und neun Monate später wurde so manches unerwünschte Kind geboren, oft mit geistiger Behinderung. Neuer Redestoff für die Bänke vorm Haus in den kleinen Dörfern.
Vroni und eine ihrer Freundinnen hatten mich mitgenommen. Ein vier Kilometer langer Fußmarsch war zu bewältigen. Auf diesem Fest gab es auch eine Tombola. Es wurden Lose verteilt und die Gewinnnummern nach und nach aufgerufen oder angeschrieben. Auch Vroni hatte unter ihren Losen einen Gewinner und bekam einen Gutschein, der den Erhalt von fünf Stanitzeln Eis – also Eistüten beziehungsweise Waffeln – aus der nahe gelegenen Gelateria beinhaltete. Das war für mich ganz was Wunderbares. Eis war eine seltene Delikatesse. Bisher hatte ich Eis nur einmal im Jahr, beim Gettsdorfer Kiritag, einem anderen Volksfest, bekommen. Dieses Eis hatte ich mir mit einem Teil der zehn Schillinge gekauft, die ich, ebenfalls einmal im Jahr, von meiner Mutter bekam. Taschengeld für ein ganzes Jahr.
Ein zusätzliches Taschengeld hatte ich mir von meinen Botengängen für Frau Seibinger erhofft. Frau Seibinger, die ich auch viele Male zu ihrem Weinkeller begleitet habe, der als der letzte außerhalb des Dorfes lag, gab mir jeden Sonntag zehn Schilling, die allerdings natürlich nicht für mich bestimmt waren, sondern die ich vor meinem Kirchgang im Gettsdorfer Gemeindehaus auf ihr Sparbuch einzahlte. Am Ende des Jahres bekam die Seibingerin dann 520 Schilling plus Zinsen ausbezahlt, die sie auf ihre vier Kinder verteilte. Und ich bekam für meine sonntäglichen Botendienste am Auszahlungstag zehn Schilling als Jahreslohn, die ich sorgsam aufbewahrte, um am nächsten Kirchtag etwas mehr zu haben. Darauf freute ich mich das ganze Jahr. Statt nur die zehn Schilling von meiner Mutter hätte ich nun das Doppelte. Doch da meine Mutter wusste, dass ich von Frau Seibinger zehn Schilling bekommen hatte, verkündete sie mir nun, mir diesmal keine zehn Schilling, wie sonst, zu geben; ich hätte ja schon zehn. Ihre arg bedrängte finanzielle Situation konnte ich zwar verstehen, aber traurig war ich trotzdem. Fühlte mich für eine kleine Weile regelrecht betrogen. Doch nun hatte ja Vroni ihr Gewinnlos gezogen und ich bekam Eis noch vor dem heiß ersehnten Kiritag in Gettsdorf.
Wir waren zu dritt und hatten fünf Eis, es war also reichlich vorhanden, und so ließ mich Vroni auch noch eine zweite Tüte nehmen. Doch bald musste ich feststellen, dass auch die seltenste Köstlichkeit zu viel werden kann, wenn es sie plötzlich im Überfluss gibt. Als sich bei mir nun allmählich Sättigung einstellte, wollte ich Vroni meine Dankbarkeit erweisen und bot ihr an, auch einmal an meinem schon zur Hälfte abgelutschten Eis zu lecken, woraufhin sie etwas erstaunt schaute und mich dann belehrte, dass man anderen kein bereits angelutschtes Eis anbietet. Meine erste Benimmerziehung in meinem vielleicht siebten Lebensjahr. Dafür bin ich der Vroni nach all den vielen Jahren noch heute dankbar. Damals wollte ich Vroni heiraten, um immer bei ihr sein zu können.
Es war ein glutheißer Sommernachmittag. Auf einem etwa zehn Meter hohen Holzgerüst war ein großer viereckiger, hausähnlicher Würfel, ebenfalls aus Holz, aufgebaut, in dem ein junger Mann saß, der die von einer Jury aus dem Kübel gezogenen Losnummern der Tombola auf große weiße Kartons schrieb, die er dann in die dafür vorgesehenen Fenster steckte, damit die unten stehende Menschenmenge sehen konnte, welche Nummern gewonnen hatten. Die sengende Hitze hatte den jungen Burschen müde gemacht, und als er nun eine Zigarette rauchte, fiel etwas Glut zwischen die Holzlatten und Pappkartons. Er bemerkte es nicht gleich, und als ihm schließlich die Rauchentwicklung unter ihm auffiel, hatte der ganze Aufbau auch schon zu brennen begonnen. Bald schossen die Flammen lichterloh aus dem zehn Meter hohen Holzturm.
Einer der bereitstehenden Feuerwehrmänner reagierte sofort und griff, wie er dachte, nach einem der vielen vorsorglich für einen möglichen Brandfall vorbereiteten Kanister mit Löschwasser. Doch die Bauern, die mit ihren Traktoren zum Fest gekommen waren, hatten für sich ebenfalls Kanister mitgebracht, mit Diesel, um Treibstoff für die Rückfahrt zu haben, und der scheinbar so geistesgegenwärtige Feuerwehrhauptmann hatte in der Eile statt des Wasserkanisters einen dieser Dieselkanister erwischt, und als er nun das vermeintliche Wasser energisch in die Flammen schüttete, verwandelte er, statt zu löschen, das züngelnde Feuer vielmehr vollends in ein alles vernichtendes Flammenmeer. In seiner Not sprang der junge Bursch mit brennendem Hemd und brennender Hose den zehn Meter hohen Turm herunter und brach sich unten das rechte Bein. Schlimmer allerdings waren die Verbrennungen, die er überall am Körper erlitt.
Das chaotische Geschrei in der Menschenmenge wurde immer lauter und hysterischer. Der sich schon von fern mit heulender Sirene ankündigende Rettungswagen war schnell zur Stelle. Die nach Wein und Bier riechenden Sanitäter mit ihren rot aufgedunsenen Gesichtern und den wässrig hervorquellenden Augen sprangen aus dem Wagen und brüllten immer wieder in die gaffende Menge: „Aus dem Weg, aus dem Weg!“ Dann hüllten sie den Burschen, der sich unter seinen versengten Kleidern einen Großteil seiner Haut verbrannt hatte, in weiße Leinentücher und legten ihn auf die mitgebrachte Krankentrage. Die Freundin des Burschen kämpfte sich kreischend und flennend mit den Ellbogen aus der Menge heraus und umschlang mit beiden Armen den verbrannten Körper ihres Freundes, der vor Schmerzen wimmernd auf der Bahre lag und nun, als sie ihn so fest umarmte, sogleich nur noch lauter aufschrie. Der brennende Holzturm brach krachend in sich zusammen. Vroni nahm mich fest bei der Hand, zog mich zum Ausgang, um den Heimweg anzutreten, und wir fingen an zu beten.
Nach etwa einem Dreivierteljahr – man hatte ihm aus den verletzten, aber nur teilweise verbrannten Schenkeln gesunde Hautsegmente auf das Gesicht transplantiert – kam der Bursch wieder aus dem Krankenhaus. Man hatte sich beim Zusammenflicken alle Mühe gegeben, dennoch war sein Gesicht so entstellt, dass es kaum noch eine Ähnlichkeit mit seinem vorherigen Aussehen aufwies.
In der Zwischenzeit hatte sich seine Freundin, die sich damals auf dem Volksfest mit den Ellbogen aus der Menschenmenge gekämpft und ihn flennend umarmt und umklammert hatte, bis er aufschrie, einen anderen, nicht entstellten Liebhaber gesucht und ihn auch gefunden.
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