Kitabı oku: «Das Geheimnis von Fuensanta - Krimi»
Rudolf Stratz
Das Geheimnis von Fuensanta
Saga
Das Geheimnis von FuensantaCover Bild: Shutterstock Copyright © 1926, 2019 Rudolf Stratz und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711507261
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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Erster Teil
I
Nette Zeit! — Fünf Uhr in der Früh!“ Der Medizinalrat gähnte, während er vor dem Friedhofseingang aus dem Auto kroch. Er schaute zurück. Dort hinten verschwamm, im Dunst des blassblauen Junimorgens, ein endloses Häusermeer. „Jetzt steigen die Leute in Berlin erst aus den Betten!“
„. . . und die Toten aus den Gräbern . . .“
Der Begleiter des Gerichtsarztes sprach das beiläufig. Er ging auf das trotz der frühen Stunde schon offene Gittertor zu, woe in alter Wärtet mit dem Schlüsselbund in der Hand Wache hielt.
„Ich bin der Rechtsanwalt Doktor Albert Burhem!“ sagte er schnell und nervös. Unruhe zuckte auf seinem glattrasierten, scharfen Gesicht. Er griff ungeduldig nach einem Stück Papier in der Hosentasche. „Hier der amtliche Zulassungsschein für mich als den Rechtsfreund der Familie Matteis, zu der für heute fünf Uhr morgens behördlich angeordneten Exhumierung der Leiche der Frau Elfriede Vohwinkel, geborenen Matteis!“
„Jerade die Allee lang und den zweiten Weg links, Herr Doktor!“ Der Alte legte die Hand an den roten Mützenstreifen und wante sich dem zweiten, dem Graubart, zu. „Morjen, Herr Medizinalrat! Ooch mal wieder hier bei uns stillen Leuten? Det scheint ja heute wieder ’n janz fauler Zimt zu sein! Jestern, bis das Tor jeschlossen wurde, war schon ein Menschenjedrängel um das Irab von der jungen Frau! Ob bei der ihren Tod wirklich nich allens mit rechten Dingen zugegangen sei, wollten die Leute von mir hören! ,Kann ick det wissen?‘ hab’ ick jesagt. ,Davon hat det Jericht selber noch keenen richtigen Bejriff von ’ner blassen Ahnung!‘“
„Wir werden ja sehen, lieber Freund!“ Der Kreisarzt schüttelte kurz und abwehrend den Kopf. Er und der Rechtsanwalt gingen den breiten Sandweg entlang. Sie streiften mit den Strohhüten die taufeucht niederhängenden Trauerweiden. Still standen die schwarzen Türme der Zypressen. Diamantene Wassertropfen funkelten an den Farnstauden und Grashalmen. Finkenschlag und Spatzengezirpe allein trillerte in der tiefen Morgenstille. Dann räusperte sich der Rechtsanwalt Burhem. Sein ironisch kluges Gesicht sah plötzlich resigniert und müde aus, älter als vorhin.
„Jetzt steigen die Toten aus den Gräbern . . .,“ wiederholte er, aus seinen Gedanken heraus. Er wurde in einer raschen Veränderlichkeit seines Wesens mit einem Schlag wieder lebhaft. Sein hageres Antlitz — an sich ein mathematisches Antlitz voll Verstandeslinien — füllte sich mit dem beweglichen Widerspiel neuer Einfälle. Er putzte gewohnheitsmässig seinen goldenen Zwicker, setzte ihn wieder auf und betrachtete das Gewimmel der Grabsteine umher.
„Haben Sie eigentlich einmal darüber nachgedacht,“ sagte er rasch und vertraulich zu dem kleinen, dicken, alten Herrn neben ihm, „dass die wenigsten Menschen leben? Weitaus die meisten Menschen sind schon längst wieder tot! Wenn es zu einer Abstimmung käme, würde der Tod mit zehn Pferdelängen über das Leben siegen! Die Toten sind — ganz unter uns — in einer kolossalen Überzahl! Also warum schlägt man sich zur Minderheit! Warum lebt man? Oder legt so viel Wert auf das Leben? Es ist doch nur ein Übergang vom Nichts ins Nichts. Der Genuss eines ganz kurzen Erbrechts!“
„Ihre Sorgen möchte ich haben, Herr Doktor!“
„Wissen Sie, wo mir das dämmerte? Bei ’ner Testamentseröffnung, vor Jahren, in einem alten Ahnenschloss! Immer dreissig Vorfahren an den Wänden auf einen der drei noch Lebenden! Unten in der Gruft die Kerzen in unserer Hand nur wie Lichtpünktchen in der schwarzen Nacht über unzähligen Särgen. Dieses Lichtpünktchen nennt man nun grossartig das Leben. Lachbar! Das Leben ist einfach eine kurze Unterbrechung des Todes. Diese Unterbrechung ist unnötig! Das Leben ist ’ne miserable Angewohnheit! Immer rundum — wie ’n Karussell! . . . Höherer Stumpfsinn . . .“
„Sie sehen so gelb aus! Sie haben sicher wieder die Nacht durchgespielt!“
„Ja — was soll man denn sonst nachts machen?“
„Schlafen!“
„Ich schlafe doch nicht. Schon seit zwei Jahren, seitdem ich geschieden bin, nicht mehr! Seitdem kann ich die Weiber nicht recht leiden. Und die Männer mag ich auch nicht! Na — und sonst hat die Schöpfung doch nicht viel auf Lager!“
Auf dem hageren, scharfen Antlitz des Rechtsanwalts Burhem kämpfte wieder, wie Sonne und Schatten im April, die logische Kälte juristischen Denkens mit dem heissen Kampftemperament des Verteidigers.
„Nee — mir ist manchmal katzenjämmerlich zumut, lieber Medizinalrat! Dann frage ich mich: was hat denn das alles eigentlich für einen Zweck?“
„Was denn — alles?“
„Na — Gott: alles! — Berlin da hinten — die Grabkreuze da vorn — alte und neue — die Kapelle dort drüben — das Leben — der Tod . . .! Zu so ’ner ausgefallenen Stunde wie jetzt, wo jeder vernünftige Mensch zu Bett geht, finde ich das Leben sträflich langweilig! Nie was Neues!“
„Und das sagen Sie, Doktor Burhem?“ Der alte Herr blieb entrüstet stehen. „Sie, den Tausende Ihrer Kollegen beneiden — der es mit noch nicht vierzig zu einem der berühmtesten Verteidiger von Berlin gebracht hat — der Geld verdient, wie er nur will, der über eine wahrhaft unheimliche Beredsamkeit verfügt — der dabei — verzeihen Sie, aber ich habe Sie zu oft im Gerichtssaal gehört — zugleich eine phänomenale Klarheit des Denkens besitzt . . .“
„Es müsste mal was Besonderes passieren!“ sagte sinnend der Rechtsanwalt Burhem, ohne recht zuzuhören. Der Medizinalrat marschierte zornig weiter.
„Sie, der Sie in den grössten Sensationsprozessen der letzten Jahre als Verteidiger die Hauptrolle spielten . . .“
„Sensationen?“ Der Rechtsanwalt betrachtete zerstreut im Vorbeigehen die Grabsteine . . . „Sensationen sind meist das Alleralltäglichste! Es gibt nichts Banaleres als Sensationen!“
„Sie hatten doch Fälle, bei denen einem der Atem stillstand!“
„Das Allerlangweiligste auf der Welt sind die sogenannten interessanten Fälle!“ Der Jurist bog mit dem Arzt in den Seitengang zur Linken. „Zum Beispiel diese Affäre hier, heute morgen — mit der Ausbuddelung dieses Sarges — obwohl ganz Berlin seit vier Wochen davon spricht! . . . Sehen Sie mal: da ist also eine reizende junge Frau — gekannt habe ich sie nicht — aber alle Welt sagt: sie war reizend. Die reizende junge Frau stirbt vor einem Jahr. Nein. Sie stirbt eigentlich nicht. Denn ihr Bild bleibt doch in der Erinnerung derer, die sie kannten. Noch in fünfzig Jahren murmelt ein Greis, der jetzt eben die Wahlmündigkeit erreicht hat: Gott — was war sie reizend! Aber mit dem schönen Bild begnügen wir uns nicht. Wir sind moderne Menschen. Wir sind Hunnen. Wir zerteppern, wenn’s sein muss, den schönsten Regenbogen. Wir reissen die sterblichen Überreste von etwas, was einmal reizend war, aus dem Grab, nur, um uns die Vergänglichkeit alles Irdischen zu Gemüte zu führen . . .“
„Warum haben Sie denn dann dabei die Vertretung der Familie Matteis übernommen?“
„Weil ich im letzten Jahr schon wiederholt Rechtsbeistand der Automobilfabrik Emil Matteis A.G. draussen an der Oberspree war, deren Aktien . . .“
„Gestern an der Nachtbörse 117 Geld — ich wollt’, ich hätte welche!“
„. . . also deren Aktien sich sämtlich im Besitz der Familie befinden! Nachdem Fräulein Matteis mich nun ausdrücklich gebeten hatte, hier dabeizusein . . .“
„Wieso Fräulein Matteis und nicht die Eltern?“
„Der Vater ist doch schon längst tot, und die Mutter hat nichts zu sagen. Fräulein Matteis ist der Mittelpunkt der Familie und die Seele vom Geschäft . . .“
„Die Rennfahrerin?“
„Ja. Auch. Nebenbei. Alles für die Firma. Für die Firma fährt sie auch nach dem Mond. Also nachdem dieses höchst energische Fräulein Matteis nun einmal vorsätzlich und seit Wochen das unbestimmte Gerede, mit dem Tode ihrer Schwester stimme etwas nicht, gegen ihren Schwager in Umlauf gebracht un ganz Berlin, einschliesslich der Behörden, in Aufregung versetzt hat, kann ich, als Rechtsfreund der Firma und Familie, ihr meinen Beistand nicht versagen! Klar — nicht?“
„Sagen Sie mal . . . ich wollte die ganze Zeit schon den Entschluss fassen und Sie im Vertrauen fragen: Glauben Sie, für Ihre Person, denn wirklich, dass bei dem Tod der jungen Frau Vohwinkel nicht alles in Ordnung war?“
„Ich glaube gar nichts!“ sagte der Rechtsanwalt Burhem schroff. „Wir werden in der nächsten Stunde in unbefugter Weise die Ruhe des Todes stören. Wir werden ein Etwas der Erde entreissen, das vor einem knappen Jahr noch eine der hübschesten und elegantesten Frauen von Berlin war — viel hübscher noch als ihre jüngere Schwester, die Male Matteis — sagt man wenigstens allgemein! Ich habe diese arme Elfi Vohwinkel nicht mehr gekannt. Ich trat erst später mit der Familie Matteis in Berührung . . . Überhaupt: warum ist denn ein so alter Mann wie Sie noch so neugierig?“
„Sind Sie’s denn gar nicht?“
„Worauf denn? Wir werden ans Werk gehen! Wir werden feststellen, ob der Architekt Christof Vohwinkel im Grunewald bei Berlin falsche Angaben über den im Ausland erfolgten Tod seiner Gattin Elfi gemacht hat, wie es seine Schwägerin Male jedem, der es hören will, erzählt, oder nicht! An sich ist das eine so gleichgültig wie das andere. Es geht wirklich niemanden etwas an, ausser den Beteiligten und dem Untersuchungsrichter!“
„Da drüben steht der Richter schon an dem Grab! Neben den Arbeitern mit den Schaufeln!“
„Und noch zwei Herren!“
„Der blonde Jüngling mit der Mappe unter dem Arm ist offenbar der Gerichtsschreiber! Aber der andere, der wie ein Heldenschauspieler aussieht? . . . Ein auffallend schöner Mensch — finden Sie nicht auch? — nur elend bleich . . .“
„Es gibt doch noch etwas Neues unter der Sonne!“ sprach der Rechtsanwalt Burhem dankbar und förmlich erleichtert.
„Was denn — um Gottes willen? Wenn Sie das schon sagen. . .“
„Dieser schlanke, grosse Mann dort drüben,“ der Verteidiger hatte, um besser zu sehen, seinen goldenen Zwicker abgerieben und wieder aufgesetzt, „dieser Mann mit dem bartlosen, südlichen Krauskopf, der, wie Sie richtig bemerken, mit seinem breitrandigen Schlapphut und seinem etwas zu hellgrauen, tadellosen Sommeranzug an einen Künstler, erinnert, ist in Wirklichkeit ein Stück Künstler — nämlich ein sehr gesuchter Berliner Architekt, des Namens Christof Vohwinkel . . .“
„Was . . .?“
„. . . und bringt es tatsächlich fertig, sich persönlich zu der von ihm beantragten Exhumierung einzufinden!“
„. . . das spricht für sein gutes Gewissen!“
„. . . oder für seine guten Nerven!“
„Oder für beides!“
Der Medizinalrat und der Verteidiger näherten sich dem prunkvollen, von einem schmiedeeisernen Kunstgitter umschlossenen schwarzen Marmorobelisken, auf dem eine Inschrift mit noch ganz frischen Goldlettern verkündete, dass Frau Elfriede Vohwinkel, geborene Matteis, im blühenden Alter von sechsundzwanzig Jahren, vor einem Jahr, in dem Dorf Fuensanta, nahe der Stadt Orihuela, in der spanischen Provinz Murcia, rasch und unerwartet durch ein Klimafieber ihrem Gatten, ihrer Mutter und Schwester entrissen worden war. Der Rasen rings um das Grabmal und der Kiesweg davor war, noch vom gestrigen Tag her, durch die Fussspuren von Hunderten von Neugierigen zertreten. Seitlings, unter dem Fliedergebüsch, staute sich ein Stapel übereinander geworfener frischer und welker Blumensträusse und Kränze. Da, wo sie um den Sockel der Säule gelegen, knirschten jetzt die Schaufeln der Arbeiter im Erdreich. Die braunen Schollen flogen taktmässig aus der Grube, türmten sich am Rand zu einem Haufen und füllten die kühle Morgenluft mit einem würzigen, weisslichen Dunst.
„Sie sehen: ich bin schon mitten in der Arbeit drin, Herr Doktor Burhem!“ sagte der Richter, ein alter Waffenstudent mit einem Durchzieher vom Mundwinkel bis zum Ohr und gespaltenem Nasenflügel. „An sich ist ja auch nach der Strafprozessordnung Ihre Anwesenheit durchaus nicht erforderlich!“
„Sehr liebenswürig! Aber die Teilnahme des Witwers bei diesem unbehaglichen Akt hier noch viel weniger!“
„Ich habe den Mann nicht eingeladen! Aber ich besitze keine gesetzliche Handhabe, ihn fortzuschicken. Na — der olle Medizinalrat redet ihm ja dort ernstlich ins Gewissen!“
„Ich hatte, bis jetzt eben, nur das Vergnügen, Sie aus den steinernen Kindern Ihrer Laune — so manchem aparten Landsitz im Grunewald und am Wannsee — zu kennen, Herr Architekt Vohwinkel!“ sagte drüben an dem halb offenen Grab der graubärtige Gerichtsarzt. „Gestatten Sie mir, da wir uns nun persönlich nähergetreten sind, eine offene Bitte: Gehen Sie! . . . Lassen Sie uns, die wir hier amtlich anwesend sind, mit dieser Sache hier allein! Ich bin ein alter Praktikus! Sie sind ein Laie! Sie muten Ihren Nerven hier eine Belastung zu, die völlig unnötig ist!“
Der schöne, schlanke Mann ihm gegenüber hatte den breitrandigen Künstlerhut abgenommen. Er fuhr sich gereizt und unruhig mit der flachen Hand über sein krauses, dunkles Haar. In seinen regelmässigen, glattrasierten, sehr bleichen Zügen hatte der Mund etwas Weichliches. Weich war auch der Ausdruck seiner blau umschatteten Augen. Über Mittelgrösse, in der Straffheit seiner dreissig Jahre, musste er sich zu dem kleinen, graubärtigen Medizinalrat hinabbeugen, während er helblaut, mit einer vor Zorn und Erregung zitternden Stimme, aber doch ruhig, sagte: „Ich habe die Exhumierung bei Gericht beantragt! Zur Ermittlung der Wahrheit! Ich fürchte die Wahrheit nicht! In keiner Form! Darum bin ich hier!“
„Was gäbe der Mann für einen diskreten Schauspieler!“ murmelte drüben der Rechtsanwalt Burhem. Neben ihm die Stimme des Richters: „Wir wissen noch durchaus nicht, Herr Doktor, ob er ein Schauspieler ist!“
„Ich wollte mich natürlich auch in keiner Weise über den Fall selbst äussern! . . . Mur — wie der Mann jetzt eben sprach — ich fühlte so im Ohr — Gott weiss, wieso und woher — so ein Paar merkwürdige Theatertöne . . .“ Der Verteidiger ging auf den Architekten zu. Er reichte ihm nicht die Hand. Er lüftete nur, mit einer kühlen Verbeugung, den Hut. „Mein Name ist Burhem! Sie entsinnen sich vielleicht: wir trafen uns schon neulich einmal, im Zimmer des Herrn Untersuchungsrichters hier, bei Ihrer Vernehmung!“
„Und jetzt sind Sie im Auftrag meiner Schwägerin Male Matteis hier erschienen?“ sagte der schöne Mann.
„Als Vertreter der Familie Matteis!“
„Die Male und die Familie Matteis sind ein und dasselbe — be idem Schreckensregiment, das meine Schwägerin über ihre Mutter, über die Fabrik und den ganzen dazugehörigen Klüngel von Philistern führt! Sie werden zugeben: ohne Ihre Klientin, Herr Doktor, wäre es nie zu der Szene gekommen, die uns jetzt bevorsteht!“
„Ich habe hier nur ein Amt und keine Meinung, Herr Vohwinkel!“
„Aber wenn, durch diese furchtbare Formalität, alle die dunklen Gerüchte über den Tod meiner armen Frau zerstreut sind, die Fräulein Male Matteis seit Monaten in Berlin verbreitet, und ich in wenigen Stunden gerichtlich gerechtfertigt dastehe,“ der Architekt Christof Vohwinkel hob sich in den Schultern — jetzt sah man an der harten Energie der Stirnfurchen, dem kaltblütigen, rasch entschlossenen Ausdruck der Augen, dass er nicht nur ein Liebling der Frauen, sondern auch ein Mann des Berliner Erfolgs war —, „dann, Herr Rechtsanwalt Burhem, werde ich mir erlauben, gegen mein Fräulein Schwägerin schonungslos wegen Verleumdung vorzugehen! Das können Sie der jungen Dame in meinem Namen ausrichten!“
„Ich habe Fräulein Matteis natürlich schon längst pflichtmässig darauf aufmerksam gemacht, dass sie unter Umständen eine empfindliche Strafe riskiert! Zwei Jahre Gefängnis im Höchstfall sind nicht von Pappe! Eindruck hat mein Sermon auf Fräulein Matteis nicht gemacht! Sie wolle Gewissheit haben — sagt sie — um jeden Preis!“
„Sie soll den Preis, der ihr gebührt, kriegen! Ich bringe meine teure Schwägerin schon noch hinter Schloss und Riegel! Melden Sie ihr das nur: ich sei entschlossen, diesen Kampf mit ihr bis zum bitteren Ende zu führen!“
„Darf ich bitten, jetzt die Privatgespräche beiseite zu stellen!“ sagte herantretend, durch das Kollern der Erdbrocken, der Richter. „Herr Vohwinkel, da Sie nun schon einmal da sind, wollen wir die Zeit bis zur Beendigung der Ausgrabung nutzen und den Herrn Medizinalrat, für seine Untersuchung nachher, ein wenig über den Fall orientieren! Also Sie befanden sich, jetzt gerade vor ungefähr einem Jahr, mit Ihrer Gattin in Spanien?“
„Ja. In einem kleinen Dorf, eigentlich einer Palmenoase aus der Maurenzeit, in der südspanischen Provinz Murcia!“
„War es denn da, im Sommer, nicht blödsinnig heiss?“
„Es herrschte eine afrikanische Temperatur! Man nennt diese Gegenden im Spanischen die Bratpfanne!“
„Und in diese Bratpfanne mussten Sie hinein?“
„Auf Drängen meiner Frau. Eigentlich wollte sie nach Afrika. Das war im Juni ganz unmöglich. So bot ich ihr Südspanien als Ersatz!“
„Warum gingen Sie denn nicht lieber mit Ihrer Gattin irgendwohin, wo es nett war — nach Heringsdorf — oder Norderney — oder meinetwegen an den Lido?“
„Sie haben meine Frau nicht gekannt!“ sagte der Architekt Vohwinkel langsam. „Sie war äusserlich der verhätschelte Liebling ihrer ganzen Umgebung, innerlich ein zerrissener, ewig suchender, ewig sich nach irgend etwas sehnender Mensch. Sie hatte alle Möglichkeiten, glücklich zu sein, und fand das Glück nie und schob die Schuld daran allen anderen Dingen und Menschen, nur nicht sich selber zu. So war ihr, jetzt vor einem Jahr, auf einmal alles um sie herum, hier im gewohnten Geleise des Lebens, verhasst. Sie war in einer krankhaften, nervösen Stimmung. Nur fort! Fort! Aus Berlin! Aus Deutschland! Womöglich aus Europa! An irgend einen ganz entlegenen Ort am Ende der Welt . . .“
„. . . aber mit Ihnen zusammen?“
„Das eben war ja der Zweck dieser . . . dieser Flucht in die Wüste — möchte ich sagen . . .“
„Herr Vohwinkel, ich verstehe nicht ganz! Sie und Ihre Gattin lebten doch auch in Berlin beieinander . . .“
Der Architekt Vohwinkwl schwieg eine Weile. Auf seinem schönen, etwas verächtlichen Gesicht kämpfte ein Entschluss.
„Es war die Eifersucht!“ sagte er dann. „Es ist ja kein Geheimnis: ich gelte — natürlich masslos übertrieben — für einen Mann, der viele Erfolge beim andern Geschlecht hat — sogar dann, wenn er sie nicht sucht! Das bildete, wie alle Welt, auch meine Frau sich ein, weil es ihr von allen Seiten eingeredet wurde. Das war ihr Kummer — das war ihre fixe Idee. Ihre Hoffnung: sie wollte mich einmal ganz für sich haben — ohne irgend einen Dritten! Oder vielmehr eine Dritte! Wochenlang! Dann würde alles gut. Ich tat ihr den Willen. So gerieten wir in dieses Stück Spanien, das unbekannter ist, als manches Land in Afrika.“
„Wie lange waren Sie im ganzen verheiratet, Herr Vohwinkel?“
„Zwei Jahre.“
„Nun — und in diesem Dorf — ich kann mir den Namen nicht merken . . .?“
„In Fuensanta wohnten wir einige Wochen in der einzigen vorhandenen Fonda Parador de San Joaquin. In dieser Maultiertreiber-Herberge muss meine Frau etwas gegessen haben, was ihr bei der glühenden Hitze nicht bekam. Sie erkrankte schwer. Der Arzt dieses Distriktes, Doktor Francesco-Javier Muñoz y Macha, konnte sie nicht retten. Sie starb innerhalb von achtundvierzig Stunden. Der von dem Doktor ausgestellte amtliche Totenschein befindet sich bei Ihren Akten. Ich erfüllte in Spanien alle Formalitäten. Ich machte dem Alkalden und dem Pfarrer, Don Luis Jesus Maria Bustillo, Anzeige. Die Einsegnung der Leiche musste bei der grossen Hitze rasch erfolgen. Ich erwirkte von den spanischen Behörden die Erlaubnis zur Überführung des Sarges nach Deutschland und bestattete ihn, nach Erfüllung aller hiesigen gesetzlichen Vorschriften, hier an Ort und Stelle. Man kann nicht umsichtiger, korrekter und pietätvoller verfahren, als ich es tat. Mich trifft wahrlich nicht der Schatten eines Vorwurfs.“
„Und — damit wir uns ganz richtig verstehen — dieser Sarg hier unten in der Tiefe ist der, den Sie selbst aus Spanien überführten . . .?“
„. . . und den ich vor meinen Augen hier in der Erde versinken sah!“
„Gut — dann müssen wir diesen Sarg jetzt noch einmal auf kurze Zeit aus der Erde ans Tageslicht bringen!“
2
Zwischen dem lockeren Erdgeröll in der Tiefe blinkten jetzt schon an einzelnen Stellen die verrosteten Flächen eines Zinksarges. Die Arbeiter knieten in Hemdärmeln und bastelten mit Stahltrossen, die sich wie dünne Schlangen in ihren Fäusten wanden, und knüpften sie um den noch halb unsichtbaren, schweren Metallkasten da unten. Der Medizinalrat hatte sich steifbeinig rücklings in die Grube rutschen lassen, sammelte dort Sand- und Lehmproben und stopfte sie in ein verschraubbares Aluminiumgefäss. Der Untersuchungsrichter und der Gerichtsschreiber sahen ihm zerstreut zu. Der Architekt Vohwinkel stand neben ihm so ruhig, als ginge ihn die ganze Sache nichts an. Der Rechtsanwalt Burhem lief ungeduldig mit kleinen, schnellen Schritten auf und ab. Plötzlich machte er jäh halt und schnalzte ärgerlich mit der Zunge.
„Das hat gerade noch gefehlt!“ murmelte er nervös. Er schob mit einem flüchtigen „Pardon!“ den Protokollführer beiseite und eilte den Kiesweg entlang. Von der Hauptallee her näherte sich da, flüchtigen und energischen Schrittes, eine junge Dame im weissen Sommerkleid und Strohhut mit weissem Band auf dem kurzen, dunkelblonden Haar. Sie war mittelgross, von sportschlanker, aber kräftiger Gestalt, nicht hungerdünn, sondern mit den Umrissen ihres Geschlechts. Ihr hübsches Gesicht war von festem Schnitt, mit dem sachlichen kühlen Ausdruck des modernen Mädchens. Sie hatte den Mund atemlos halb offen. Sie richtete ihre hellbraunen Augen zornig auf den Rechtsanwalt. Sie rief schon von weitem mit heller erregter Stimme: „Das ist ja wirklich reizend von Ihnen, Herr Doktor!“
„Sind Sie denn verrückt geworden, Fräulein Matteis?“
„Sie geben mir mit keinem Wort Nachricht, dass heute die Exhumierung stattfindet! Zufällig habe ich es vorhin erfahren! Ihr Chauffeur hat es gestern abend unserm erzählt und der wieder meinem Mächen! Und die entschloss sich schliesslich, mich heute bei Sonnenaufgang zu wecken und mir’s ins Ohr zu schreien . . .“
„Und da sind Sie hier heraus . . .?“
„Da bin ich!“
„Sie werden doch nicht die wahnsinnige Idee haben, sich . . . sich mit dahin stellen zu wollen . . .?“
„Nein. Das natürlich nicht!“ Male Matteis wurde etwas blass. Sie war noch immer ausser Atem. „Aber irgendwo in der Nähe muss ich bleiben und erfahren, was vorgeht . . .“
„Sie hätten zu Hause bleiben sollen . . .“
„Ich halte es zu Hause nicht aus! Ich bin viel zu aufgeregt!“
Die Hitze auf Male Matteis Wangen kehrte wieder. „Da . . . da haben wir’s ja . . . Na also . . .“ Ihre braunen Augen leuchteten feindselig auf. Sie deutete mit der Hand den Weg hinab. „Ich wusst’ es ja . . . da steht er!“
„Es war unmöglich, Ihren Schwager zum Weggehen zu bewegen . . .“
„Wenn er nicht da wäre, würde ich auch wieder weggehen! Aber ich hab’ es mir ja gedacht! . . . Deswegen hat’s mich ja hier hinaus getrieben! Solange er da ist, halte ich mich auch hier irgendwo in der Nachbarschaft! Ich räume ihm nicht das Feld! Gott weiss, was er angibt, wenn er freies Spiel, ohne mich, hat . . .“
„Er wird ja gar nicht gefragt! Es handelt sich jetzt nur um den Sarg . . .“
„Ach — er mischt sich doch ein . . . er redet . . . er gibt Erklärungen ab. Er streut dem Gericht Sand in die Augen. Das tut er bei allen Menschen. Das hat er auch bei meiner armen Schwester getan. Mir macht er nichts vor! . . . Ich kenn’ ihn! Sehen Sie nur, wie er sich bei meinem Anblick achselzuckend abwendet! Ich komme ihm hier sehr ungelegen! Das weiss ich!“
„Wie sind Sie denn überhaupt hereingekommen, Fräulein Matteis, ohne Ausweis? Der Pförtner hätte Sie gar nicht durchlassen dürfen!“
„Der hat mich auch weggeschickt!“
„Na — und da . . .“
„Die Strassen sind ja noch ganz leer!“ sagte das junge Mädchen. „Da bin ich über die Kirchhofmauer geklettert. Furchtbar einfach!“
„Die Mauer ist doch für Sie zu hoch!“
„Es kamen zwei Strassenbahner vorüber. Die hab’ ich gebeten, mich beim Hinaufkrabbeln zu halten! Die waren gleich dabei!“
Male Matteis sagte das mit sachlicher Ruhe. Einen Augenblick spielte ein verstecktes, waghalsiges Lächeln um ihre Mundwinkel. Dann gewann ihr junges Gesicht wieder seinen frühreifen Ernst.
„Nein! Ich lasse meinen Schwager in dieser entscheidenden Stunde nicht ausser meiner Reichweite!“ sagte sie knapp und schroff. „Ich werde dort drüben, auf der Bank vor dem Häuschen von dem Friedhofsgärtner, sitzen! Dorthin bringen Sie mir, bitte, sofort Nachricht, wenn . . .“
„Und wenn Ihr ganzer Verdacht sich jetzt in Wohlgefallen auflöst?“ Der Rechtsanwalt Burhem wollte sich nervös eine Zigarette anzünden, besann sich, dass sich das hier nicht schickte, und steckte heftig die Silberdose wieder ein. „Ich hab’ es Ihnen von Anfang an gepredigt, Fräulein Matteis, dass Sie bei der Geschichte sich noch die tollsten Unannehmlichkeiten zuziehen werden! Aber Sie wollten ja nicht hören!“
„Nein. Ich will Gewissheit haben, wie meine Schwester gestorben ist! Dann hab’ ich wenigstens von jetzt ab Ruhe!“
„Irrtum, meine Gnädigste! Ihr Schwager wird Sie nach Feststellung des Tatbestandes wegen Verleumdung verklagen!“
„Mag er!“
„Sehen Sie, wie der Mann da drüben steht! Das verkörperte gute Gewissen! Wenn er den Kirchhof hier mit ’ner weissen Weste verlässt, haben Sie nichts mehr gegen ihn in der Hand ausser Ihrer moralischen Überzeugung! Auf die geben die Schöffen in Moabit nicht ’nen Groschen!“
„Na — dann brumm’ ich eben! Ich bin der Elfi das schuldig! Ich hab’ die Elfi zu lieb gehabt! Ich bring’ dem Andenken der Elfi jedes Opfer! Übrigens — Sie sagen, ich hab’ nichts in der Hand! Bitte: hier!“
„Was ist denn das für ein Brief?“
„Ich habe schon vor vier Wochen an den Arzt in dem spanischen Nest geschrieben, der den Totenschein ausgestellt hat! Unser Korrespondent für Südamerika in der Autofabrik hat den Brief in das Spanische übersetzt. Gestern ist der Brief als unbestellbar zurückgekommen! Da — bitte — lesen Sie die Adresse: ,An den Medico Señor F. I. Muñoz y Macha in Fuensanta!‘ Und da der Vermerk von der Post dort: ,Destinatario aqui desconocido.‘ Das heisst auf deutsch: ,Adressat hier unbekannt.‘ Halten Sie das auch nur für ein moralisches Argument, Herr Doktor?“
„Hm . . . komisch . . .“
„Ich habe mich auch an den Pfarrer dort gewendet — mit der Bitte um einen Auszug aus dem Kirchenbuch! Eingeschrieben! Sehen Sie hier den Schein! Glauben Sie, der Reverendisimo Párroco L. I. M. Bustillo hätte jemals geantwortet? Nicht die Spur! Das sind nun meinem Schwager seine Zeugen!“
„Er hat doch ihre behördlichen Bescheinigungen . . .“
„Die sind natürlich gefälscht!“ Fräulein Matteis sagte das in einer vollen, beinahe lächelnden Ruhe. Aber ihr frisches, junges Gesicht hatte dabei einen starren, in sich gekehrten Ausdruck. „Also, Herr Doktor, ich erwarte Sie dort drüben — wirklich im Fieber . . . an dem Gärtnerhäuschen!“
„. . . ’n Augenblick, gnädiges Fräulein! Ich glaube, der Richter will Sie sprechen!“
Der Untersuchungsrichter kam mit langen Schritten heran und verbeugte sich.
„Ich höre eben von Herrn Vohwinkel, dass Sie Fräulein Matteis sind!“ begann er schnell und energisch. „Also, gnädiges Fräulein — das geht nicht, dass Sie auch noch hier aus der Versenkung auftauchen . . .“
„Ich war im Begriff, mich zurückzuziehen!“
„Fräulein Matteis hat mir nur eben noch diese beiden Schriftstücke gezeigt!“ versetzte der Rechtsanwalt. Der Richter prüfte sie und runzelte die Narben auf der Stirne.
„Ich werde sie zu den Akten nehmen und das weitere veranlassen!“ sagte er. „Aber trotzdem und immerhin, gnädiges Fräulein . . . Sie gelten, wie ich höre, für eine junge Dame von ganz ungewöhnlicher Umsicht und Tatkraft . . .“
„Fräulein Matteis leitet doch, zusammen mit dem technischen und dem kaufmännischen Direktor, die ganze Autofabrik!“ ergänzte Doktor Burhem.
„Sie haben sich als Streckenfahrerin bei Bergrennen und Zuverlässigkeitsprüfungen wiederholt für Ihre Firma Auszeichnungen geholt?“
„Gott sei Dank!“
„Sie sind auch weit in der Welt herumgekommen . . .?“
„Ich war dreimal längere Zeit in Fabrikangelegenheiten in Amerika!“
„Also — dann müssten Sie sich doch, bei Ihrer Weltund Menschenkentnis trotz Ihrer jungen Jahre, selbst sagen, Fräulein Matteis: Herr Vohwinkel hat von sich aus, aus freien Stücken, die Exhumierumg beantragt!“
„Nein. Weil ich ihn dazu gezwungen habe!“
„Herr Vohwinkel gab bei diesem Anlass eine völlig klare und plausible Darstellung der Vorgänge, um die es sich handelt! Ich habe ihn selbst vernommen!“
„Wie oft, Herr Richter?“
„Einmal! Das genügte doch in diesem Fall!“
„Das habe ich nun anders gemacht!“ sagte Male Matteis. „Vom Augenblick ab, wo mein Schwager als Witwer aus Spanien zurückkam und ich sein Gesicht sah . . . Sein Gesicht hat mir genug gesagt . . . Das heisst, es sagte mir natürlich nichts von dem, was wirklich passiert ist . . . Von da ab hab’ ich Fragen gestellt — so beiläufig — jeden Tag mal — ich habe genau zugehört, wenn er meiner Mutter un meinem Onkel, dem Pfarrer und den andern Verwandten die traurige Geschichte immer wieder haarklein erzählt hat, und habe mir immer gleich hinterher jede Einzelheit ebenso wörtlich aufgeschrieben!“
„Nun — und das Ergebnis, gnädiges Fräulein?“
„Entscheidende Augenblicke behält man natürlich fest in der Erinnerung!“ sagte Male Matteis ruhig und entschieden. „Die sind, wie sie sind — wenn man sie noch so oft berichtet! Und kleine Dinge kann man natürlich vergessen. Aber wenn man sich an sie entsinnt, dass sind sie auch wie sie sind — und nicht heute so und morgen so! Das war der Fehler meines Schwagers in seinem sonst fabelhaft angelegten Plan. Dadurch hat er sich verraten! Er hat eine Unmenge unwesentliche Sachen, auf die nur ich allein geachtet habe, jedesmal verschieden dargestellt und auf die Weise meinen Verdacht immer mehr bestätigt!“
„Worin hat er sich denn widersprochen?“
„Kann er einmal die Nacht hindurch tränenüberströmt bei hellem Mondschein am Bett von der toten Elfi sitzen und das nächste Mal beim Geflacker von einem Talglicht in sternenloser Nacht? Kann der Posadero, der Wirt von der Fonda de San Joaquin, einmal ganz gut Katalonisch verstehen und das andere Mal kein Wort ausser Kastilianisch? Klagte die Elfi zuerst morgens oder des Mittags über Kopfschmerzen und Mattigkeit? Beides hat er zu verschiedenen Malen behauptet! Liess er den Arzt sofort oder erst am Abend rufen? Ich habe beides aus seinem Mund gehört! Und daraus habe ich mir meine Überzeugung gebildet! Was in Wirklichkeit dort in Fuensante geschehen ist, das weiss ich nicht! Aber, was Herr Christof Vohwinkel von dort berichtet, dass es geschehen sei — das weiss ich, dass es nicht wahr ist! Und wenn er lügt, muss er doch wohl seine guten Gründe haben, die Wahrheit nicht zu sagen!“
„Und was halten Sie für die Wahrheit?“
„. . . das ser meine Schwester umgebracht hat!“ sagte Male Matteis halblaut mit einer gepressten, ganz leidenschaftslosen Stimme, im Tonfall des Alltags. Die beiden, der Richter und der Rechtsanwalt, sahen sich an und schwiegen. Sie began wieder, immer mit derselben kalten Sachlichkeit: „Das heisst — um mich korrekt auszudrücken: Wenn ich sage ,umgebracht‘. . . so will ich damit sagen, dass mein Schwager die moralische Schuld am Tode meiner Schwester . . .“
„Schnell, gnädiges Fräulein! Springen Sie hinter mich!“
„Herr Vohwinkel — Sie werden sich doch nicht an einer Dame vergreifen!“
„Nein! Ich halte an mich!“ Der Architekt Christof Vohwinkel stand, am ganzen Körper zitternd, vor den dreien. Er hielt den breitkrempigen Künstlerhut in der Hand. Er strich sich wildatmed über das krause, dunkle Haar. Auf seinem weichen schönen Gesicht jegten sich fliegende Röte und weisslicher Schein. „Ich begrüsse die letzten Worte, die ich, im unbemerkten Herantreten, aus dem Mund meiner Schwägerin hörte! Ich bitte, diese Worte zu protokollieren, Herr Richter . . .“
„Ich widerrufe nichts!“
„Da wagt sich die Verleumdung endlich einmal frech unter die freie Sonne . . .“
„. . . aber ich war noch nicht zu Ende!“
„Ich habe genug gehört! Und ich glaube, die beiden Herren auch! Setzen Sie sich bitte in meine Lage, meine Herren, um meine Aufwallung eben, die ich bedauere, zu entschuldiges! Ich ein Mörder! Ein Mörder meiner armen Frau! Das muss ich mir öffentlich von einem hysterischen jungen Mädchen sagen lassen . . .“
„Na. . . hysterisch gerade, Herr Architekt . . .“
„. . . hysterisch in der blinden Liebe zu ihrer Schwester, die Fräulein Male Matteis zu diesen Irrsinnsausbrüchen verleitet! Ja — glauben Sie denn, ich hätte meine Frau nicht ebenso geliebt? Mehr noch!“
„Elend hast du sie erst um ihr Lebensglück gebracht und dann um ihr Leben!“ sagte Male Matteis leise zwischen den Zähnen.
„Ich habe meine Frau so geliebt wie sie mich! Ihre letzten Gedanken galten mir! Sie hat mir alles verziehen! Das sagt mir untrüglich mein Gefühl. Ich lebe ja jetzt, in der Erinnerung, nur noch für sie und mit ihr. Ich lebe völlig zurückgezogen in meiner Villa im Grunewald. Ich bin ein Einsiedler geworden — fast ohne Verkehr mit den Menschen. . . und unter den Menschen nun gar mit den Frauen. Ich sehe keine Frau mehr an . . .“
„Um durch diesen nachträglichen Kult mit der armen Elfi jeden Verdacht zu zerstreuen!“ Das junge Mädchen stand, die Hände in den Seitentaschen ihrer weissen Sommerjacke, straff aufgerichtet, den Kopf im Nacken, vor den Männern. „Ich kam vorhin nicht dazu, zu Ende zu reden! Ich erkläre also jetzt hier laut und feierlich, was ich oft schon jedem, der es hören wollte, gesagt habe: ich behaupte nicht, dass Herr Christof Vohwinkel eigenhändig dem Leben meiner Schwester ein Ende gemacht hat! Dazu hatte er keinen Grund. Aber er wusste, das ser sie durch seine Lieblosigkeit in den Tod trieb. Sie war ihm langweilig. Also liess er dem Verhängnis kaltblütig seinen Gang!“
„Wenn ich Sie recht verstehe, deuten Sie an, dass nach Ihrer Meinung Ihre Frau Schwester selbst . . .?“
„Die Elfi hat in Spanien Selbstmord begangen!“ sagte Male Matteis kurz und hart. „Mein Schwager wagt nicht, das einzugestehen, weil er weiss, dass die Elfi es aus Verzweiflung über ihn und seine ständige Vernachlässigung und seine ewigen Geschichten mit andern Frauen oder Weibern getan hat! Er fürchtete nicht etwa die Vorwürfe der Familie! An uns liegt ihm nicht ’ne Bohne! Aber wenn die Geschichte in der Öffentlichkeit bekannt geworden wäre, hätte ihm das einen guten Teil von seinen schönen Berliner Bauaufträgen verhageln können! Deswegen hat er vom ersten Tag ab mit eiserner Stirne gelogen! Aber das böse Gewissen wirft ihm immer wieder die Widersprüche wie Knüppel zwischen die Beine!“
„Ich gebe zu . . .“ Der Architekt Vohwinkel schaute, während er sprach, starr vor sich auf den Boden. „Es ist das einzige, was ich zugebe — und es ist ja leider auch allgemein bekannt: es setzte allerdings Seitensprünge meinerseits in meiner Ehe! Es war ein schwerer Fehler von mir. Aber meine Frau nahm diese kleinen Irrungen, Gott sei Dank, nicht so tragisch! Sie nahm mich, wie ich war. Sie hat mir immer wieder, in ihrer grossen Liebe, verziehen. Von diesen vorübergehenden Berliner Stimmungen und Verstimmungen führt kein Weg bis zu dem angeblichen verzweiflungsvollen Entschluss in Spanien, von dem meine Schwägerin faselt . . . Herr Richter — das Blut steigt mir in den Kopf, wenn ich sehe, wie Fräulein Matteis bei meinen Worten verächtlich mit den Achseln zuckt.“
„Ein halbes Jahr nach ihrer Hochzeit,“ sagt Male Matteis langsam, Wort für Wort, „da kam die Elfi spät am Abend zu mir. Kein Mensch mehr. Sie war wahnsinnig. Zum ersten Mal hatte sie meinen Schwager gesehen, wie er wirklich war — meinen Schwager, vor dem sie bis dahin wie vor einem Wunder der Schöpfung gekniet hatte. Die Elfi war ja kein Mensch wie wir hier! Sie war ein himmlisches grosses Kind. Sie sah die Welt aus Märchenaugen an. Auch meinen Schwager. Nun war für sie das Götzenbild zertrümmert und die Welt entweiht. Sie gab mir einen Kuss und einen Abschiedsbrief an unsere Mutter. Dann wollte sie fort, in die Winternacht hinaus. Die Spree fliesst ja ganz nahe von unserer Fabrik. Mit äusserster Mühe, mit aller Gewalt meiner Arme, habe ich sie zurückgehalten. Stundenlang habe ich mit ihr gerungen, bis sie sich endlich beruhigte.“
„Hm . . . Und weiter, Fräulein Matteis . . .“
„Ein Jahr darauf klingelt mich ganz früh, während mein Schwager verreist war, Elfis Mädchen an: Die gnädige Frau liege bewusstlos im Bett! Ich hin! Wie ich ankomme, schon alle Fenster auf! Der ärgste Gasgeruch verflogen! Der Doktor da! Er hielt reinen Mund! Die Elfi erholte sich rasch. Die Geschichte wurde vertuscht . . .“
„Nun: ein Gasrohr kann doch auch durch einen Zufall undicht . . .“
„Ein merkwürdiger Zufall, Herr Richter, wenn die Elfi um Mitternacht vor dem Schlafengehen einen eigens gekauften Verlängerungsschlauch an den Gasherd in der Küche schraubt und ihn in ihr Schlafzimmer leitet! Nun das letzte — vor der Reise nach Spanien: da nestelt sich, wie wir beide beisammensitzen, die Elfi auf einmal ihr Kleid auf und zeigte mir auf der blossen Brust links eine Stelle, die sie mit einem Kohlenstift Schwarz umrändert hat. ,Das muss man nämlich wissen!‘ sagt sie zu mir. ,Ich habe nachgesehen! An dieser Stelle sitzt das Herz — nicht da, wo man gewöhnlich glaubt, dass es ist, weil man es dort klopfen fühlt! Nein — auf diesen Punkt da muss man zielen und schiessen, wenn es einmal so weit ist!‘ Dabei spielte sie mit einem scharf geladenen, kleinen Revolver. Den schleppte sie in ihrem Handtäschchen mit sich herum.“
„Und diese Fahrt nach Spanien, gleich nachher,“ schloss Male Matteis mit erhobener Stimme, „war der armen Elfi ihre letzte Hoffnung! Auf dieser Reise wollte sie alles daransetzen, ihren Mann, allein mit ihm, durch ihre unendliche, überirdische Lieb ganz und dauernd für sich zu gewinnen! Die Elfi ist von dieser Reise nur im Sarg zurückgekehrt — ein Beweis, dass ihre Hoffnung sie betrogen hat, und im Sarg werden Sie die Spur diese Revolvers finden!“
„Der Sarg ist in den Seitenraum der Kapelle drüben überführt,“ meldete, heranschnaufend, der kleine Medizinalrat.
„Wenn ich bitten darf, meine Herren!“ Der Untersuchungsrichter wandte sich zum Gehen. „Sie bleiben hier, Fräulein Matteis?“
„Ja. Drüben am Gärtnerhaus!“
„Und Sie, Herr Architekt?“
„Ich gehe mit!“ sagte Christof Vohwinkel ruhig.
3
Aus dem Nebenraum der Kapelle wehte eine kalte Kellerluft in den blauen Sommermorgen hinaus. Die Kübel mit immergrünen Gewächsen, zu deren Aufbewahrung er diente, waren seitlings an die weissgekalkten Wände gerückt. Auf dem freien Backsteinboden in der Mitte stand wuchtig der rostblinde Metallsarg in dem hellen, durch die Fenstergitter fallenden Sonnenschein. Es roch in dem Raum nach Moder und welken Blättern und feuchter Gartenerde und Zigarrenqualm aus dem umwölkten Graubart des Medizinalrats.
„Zigarren kann ich von jetzt ab empfehlen!“ sagte er und beobachtete durch seine Brillengläser die Handgriffe der Arbeiter, die den Sarg aufschraubten. Der blonde Referendar sass etwas bleich auf einem durchlöcherten Strohstuhl und ordnete auf dem wackeligen Gartentisch vor ihm das Protokoll. Der Rechtsanwalt Burhem verfolgte gähnend, an die Tür gelehnt, den Kampf eines dicken Hänflings mit einem Regenwurm im Efeu des Grabes ihm gegenüber. Der Untersuchungsrichter stand stumm mit dem Architekten Vohwinkel abseits in einer Ecke. Durch das allgemeine Schweigen brummte jetzt schon von fern das dumpfe Grollen und Rollen des erwachenden Berlin. Etwas näher läutete eintönig eine Glocke. Der Sirenenpfiff einer Fabrik heulte von der Vorstadt her über die Stätten der Toten und rief die Lebenden zur Tagesarbeit. In dem Seitenraum der Kapelle ächzten die Fugen des Sarges unter den Fäusten der Handwerker. Der alte Friedhofs- inspektor, der sie beaufsichtigte, machte zu dem Richter hinüber eine Bewegung des gefurchten, mit einer Dienstmütze bedeckten Kopfes: „Es ist gleich so weit!“ Der narbige Jurist nickte dankend. Er wandte sich an den Architekten Vohwinkel neben ihm.
„In kurzem werden wir ja nun sehen, woran wir sind!“ sprach er gedämpft. „Herr Vohwinkel, ich frage auf alle Fälle: Haben Sie vorher noch irgend eine Erklärung abzugeben?“
„Ich habe nichts zu sagen!“ Der schöne Mann streifte sich ruhig ein Stück staubiges Spinnweb vom Ellbogenärmel. „Ich habe ja auch vorhin geschwiegen! Ich kann mein Inneres nicht öffnen, wenn ich die von Hohn und Hass funkelnden Augen meiner Schwägerin auf mich gerichtet sehe! Es erstickt mir die Kehle! Es ist unter meiner Würde!“
„Jetzt ist Fräulein Matteis ja nicht anwesend!“
„. . . ja . . . und deswegen . . . Ich möchte doch noch, wenn Sie erlauben, ein paar Worte zu Ihnen sprechen, Herr Richter!“ Christof Vohwinkel wurde lebhafter. „Ich will mich wahrhaftig nicht besser machen als ich bin! Aber ich stehe ja nach den Worten meiner Schwägerin förmlich da wie ein Verbrecher — nicht ein Verbrecher gegen das Strafgesetzbuch, sondern in moralischem Sinne . . . Gewiss . . . ich habe Schuld . . .“
„Es scheint doch, dass Sie Ihre selige Gattin vernachlässigt haben, Herr Vohnwinkel . . .“
„Ich habe sträflich an meiner armen Frau gehandelt. Aber ich wusste gar nicht, was ich ihr damit antat und wie sie darunter litt — eben aus Liebe zu mir! Ich war in unserer Ehe noch gar nicht zu ihrem Innenleben durchgedrungen! Ich ahnte nicht, dass ihre Liebe zu mir von einer Art war, die zu stolz war, um sich aufzudrängen oder sich überhaupt zu zeigen . . . dass es eine scheue Liebe war, die lieber schwieg und duldete, als sprach! Mir war das sehr bequem! Ich war froh, dass meine Frau mich gewähren liess. Ich lebte so hin . . .“
„. . . aber die Vorfälle, von denen Ihre Schwägerin sprach, mussten Ihnen doch die Augen öffnen!“
„Ahnte ich denn etwas von dieser verzweifelten Stimmung meiner Frau? Es blieb mir ja alles verborgen! Von dem Auftritt zwischen den beiden Schwestern, als die. Elfi angeblich ins Wasser wollte, erfuhr ich gar nichts. Die Geschichte mit dem Gasschlauch wurde vor mir vertuscht. Dass meine Frau im Besitz eines Revolvers war, habe ich jetzt eben zum ersten Mal gehört. Hätte ich damals schon gewusst, wie bald ich meine arme Frau würde hergeben müssen, glauben Sie mir: ich wäre am selben Tag in mich gegangen. Aber ich fühlte mich ja so sicher in ihren Besitz!“
Christof Vohwinkel schaute verstört durch den unwirtlichen Raum auf den Sarg in der Mitte, dann auf die staubigen Bachsteinfliesen zu seinen Füssen. Er schüttelte den Kopf. Er seufzte tief auf. Er fuhr fort: „Dann, eines Tages, Herr Richter, kam sie mir plötzlich mit dem Vorschlag, wir wollten einmal ganz weit weg von allem hier reisen und irgendwo in fremdem Land unter fremden Menschen eine Zeitlang nur noch für einander leben! Ich begriff den Grund ihrer Bite nicht recht. Aber ich gewährte ihr diese Bitte, weil sie sonst nie eine Bitte an mich hatte — höchstens stumme Bitten, die ich nicht verstand. Ich hatte ein schlechtes Gewissen gegen sie. Darum tat ich ihr, ohne mir viel dabei zu denken, den Gefallen!“
„Und so kamen Sie nach Spanien?“
„So kamen wir nach Murcia!“ Der Architekt Vohwinkel sprach leise und beinahe feierlich. Er legte, in einer Anwandlung von Vertrauen, leicht seine Fingerspitzen auf den Unterarm des Richters. „Und dort — unter diesem fremden Sternenhimmel — unter diesen Palmen — in diesem heissen Sonnenland geschah das Wunder: wir waren ganz aufeinander angewiesen. Wir waren ständig beisammen. Und auf einmal erfüllte sich die Hoffnung meiner Frau, dass ich sie eines schönen Tages entdecken würde. Ich sah sie auf einmal in dem ganzen Reichtum ihres Herzens. Die Schuppen fielen mir von den Augen. Ich begriff erst, wie reich ich schon seit Jahren gewesen war, ohne es zu wissen.“
Der Architekt Vohnwinkel lächelte eine Sekunde wehmütig in der Erinnerung. Seine weichen Augen wurden feucht. Er nickte.
„Wir fanden uns jetzt erst wirklich! Wir waren so glücklich. Eine neue Zukunft tat sich vor uns auf. Wir waren nun schon drei Wochen in Fuensanta gewesen. Wir dachten an die Weiterreise — wir lachten, wir nannten es unsere zweite Hochzeitsreise — nach Biarritz oder San Sebastian oder sonst, wo es nicht so heiss war wie hier im Süden des Landes. Und da — ich erinnere mich wie an gestern — nachmittags bei der Schokolade wurde meine Frau, mitten in der Sonnenglut, von einem Frostschauer befallen . . .“
„Nachmittags?“
„Ja. Gegen fünf Uhr. Ich life in das Dorf. Ich holte den Arzt. Er kam . . . Und dann . . .“
Christof Vohwinkel lehnte sich gegeb die Mauer. Er sah vor sich ins Leere hinaus. Er atmete schwer.
„Und dann . . . war über Nacht beinahe . . . alles aus! . . . Ich hatte mir zu spät erworben, was ich durch Jahre schon besessen hatte. Es war mir mit derselben Hand gegeben und genommen! Aber ganz genommen nicht! Es gibt Dinge, die kann man nie mehr völlig verlieren! Es ist ein rätselhaftes Wort, Herr Richter, aber es ist wahr: erst seit meine Frau nicht mehr ist, ist sie wirklich meine Frau. Jetzt erfüllt sie erst, inder Erinnerung, mein ganzes Leben. Ich sehe keine andere Frau mehr an. Ich denke nur an sie. Seit sie fern ist, ist sie bei mir. Sie ist jetzt ein Geist. Abe rein gutter Geist, dessen Nähe ich standing um mich fühle.“
Christof Vohwinkel blickte nach den Arbeitern hinüber.
„Die irdischen Überreste, die Sie dort aus dem Erdreich heben werden,“ versetzte er gefasst und halblaut, „haben mit diesem Schutzgeist, mit dem ich für den Rest meines Lebens verbunden bin, nichts zu tun! Ich sage das, Herr Richter, damit Sie die Ruhe, mit der ich der Eröffnung des Sarges entgegensehe, nicht fälschlich als Herzenskälte auslegen!“
„Und Sie selbst haben, vor einem Jahr, diese sterblichen Überreste dem Sarg dort anvertraut?“
„Ich persönlich!“ Der Architekt musste laut sprechen, um das bange Kreischen der verrosteten Metallschrauben zu übertönen, die sich langsam unter den Zangen der Handwerker lockerten.
„Und Sie erkenner den Sarg als den damaligen wieder?“
„Hier, auf dem Innern des Deckels, steht ja noch die Firma des Tischlers: ,Fernandez Silvestra, Carpintero, Orihuela!’“
Christof Vohwinkel rief es, auf den Boden deutend, durch die Hammerschläge, die dröhnend an den Wänden widerhallten. Die Handwerker hatten die äussere Zinkhülle geöffnet. Sie arbeiteten jetzt an dem inneren, schwarzlackierten Holzsarg. Die Planken stöhnten und knirschten. Der Medizinalrat beugte sich neugierig vor und dampfte heftiger. Der junge Gerichtsschreiber wurde noch bleicher. Der Rechtsanwalt Burhem gähnte. Der Richter nickte ernst dem Architekten Vohwinkel zu.
„Seien Sie überzeugt, dass ich das Vertrauen zu würdigen weiss, mit dem Si emir einen Einblick in Ihr Seelenleben geben!“ sagte er. „Ich begreife vollkommen, dass diese Stunde, die Sie ja selbst gewünscht haben, für Sie eine schwere ist . . .“
„Ich durfte mich ihr nicht entziehen, Herr Richter, um meine Ehre und meinen guten Ruf gegen die Verleumdungen meiner Schwägerin . . .“
Mit einem dumpfen Krach flog der Sargdeckel auf. Der kleine, dicke Gerichtsarzt guckte sachlich hinein und flog im nächsten Augenblick zwei Schritte zurück.
„Kinder . . . Ist das bei mir ’ne Alterserscheinung . . .?“ jappte er, krampfhaft die abgenommene Brille reibend. Die Zigarre fiel ihm aus der Hand. Der alte Kirchhofs-inspektor stand feierlich, wie eine versteinerte Schildwache, daneben.
„Siebenunddreissig Jahre bin ich be idem Jeschäft!“ sagte er langsam. „Aber das habe ich doch noch nicht erlebt . . .“
„Nee — so wat . . .!“ raunte, scheu zurücktretend und sich ungläubig mit der Hand über die Augen fahrend, einer der Arbeiter.
Der Rechtsanwalt Buthem war schon aus dem düsteren Raum heraus. Er rannte, im hellen Morgensonnenschein, die Gräberreihe entlang, nach dem Wärterhäuschen. Die weissgekleidete Mädchengestalt, die davor auf einer Bank saaa, hatte ihn schon von weitem gesehen und war aufgesprungen. Sie stürmte ihm entgegen. Die beiden prallten aufeinander. Ein atemloses: „Was ist, Herr Doktor?“
Und ein ebenso hastiges: „Kommen Sie, Fräulein Matteis! Schnell! Schnell! Schnell!“
„Erzählen Sie doch . . .“
„Das müssen Sie selber sehen . . . Ich trau’ mir selber nicht recht . . . Vielleicht sind meine Nerven wackelig geworden; und ich leide an Halluzinationen . . . Nee — ausgeschlossen! . . . Die andern waren ja genau so perplex . . . So — da sind wir ja schon an Ort und Stelle . . .“
Male Matteis blieb stehen. Ihr frisches, junges Gesicht wurde sehr blass.
„Nein. Dahinei geh’ ich nicht!“ sagte sie mühsam. „Ich bin sonst kein Hasenfuss. Aber davor fürchte ich mich! Ich hab’ die Elfi zu lieb gehabt. Ich will mir ihr Bild nicht in der Erinnerung zerstören!“
„Sie können ruhig hinein . . .“ Der Rechtsanwalt zog sie mit sich über die Schwelle. „Es ist unmöglich, dass Sie dadurch ein anderes Bild von Ihrer Frau Schwester bekommen!“
„Warum . . .?“
„ . . . weil sie gar nicht in dem Sarge drin ist!“
„Was . . .?“
„Überzeugen Sie sich selbst!“
Male Matteis holte tief Atem. Sie ging auf den Fussspitzen, mit grossen, ungläubigen Augen, auf den Sarg zu. Sie blieb stehen. Nach einer Weile sagte sie langsam wie im Traum: „Der Sarg ist ja leer . . .“
„Es war auch niemals etwas darin, meine Gnädigste!“ Der Medizinalrat beschnüffelte und beklopfte die sauber gehobelten weisslichen Wände. „Der Geruch von ganz frischem Holz . . . Palmenholz vermutlich . . . Oasen von Dattelbäumen dort in Murcia . . . Stimmt alles — bis auf den Inhalt . . .“
„Und dass man auf dem Transport, bei dem Mordsgewicht von dem Metallsarg, nicht gemerkt hat, dass der eigentliche Inhalt fehlt,“ er richtete sich kurzatmig auf, „ — das ist auch kein Wunder! . . . Abe rim übrigen . . . Was gibt’s dahinten?“
„Schnell, Herr Medizinalrat! . . . Herr Vohwinkel fällt in Ohnmacht . . .“
„Er kämpft schin die ganze Zeit damit . . .“
„Setzen Sie ihn auf einen Stuhl. Halten Sie ihn! Bringen Sie Wasser! Warten Sie: ich knöpf’ ihm unterdessen Kragen und Krawatte auf!“
„Protokollieren Sie, Herr Referendar!“ sagte daneben der Untersuchungsrichter. „Herr Vohwinkel verlor, angesichts des leeren Sarges, das Bewusstsein! Was machen wir mit ihm, Herr Medizinalrat? Hinüber in das Gärtnerhaus? Ja. Gut!“
Es gab in dieser kleinen Wohnung eine gute Stub emit eingerahmten Photographien auf der Blümchentapete und fuchsig lackierten Plüschmöbeln. In diesen neideren vier Wänden hatte man den Architekten Vohnwinkel auf das Kanapee gebettet. Er lag, kaum atmend, mit geschlossenen Lidern. Sein schönes, südlich weiches Antlitz war wachsgelb wie das eines Toten. Ein jähes Zucken lief zuweilen darüber hin. Der Medizinalrat sass brummig neben dem Ohnmächtigen und fühlte ihm den Puls und spritzte ihm aus einem Wassergals kalte Tropfen in das Gesicht. Der Untersuchungsrichter stand mit gerunzelten Stirnnarben dahinter und schaute dem Gerichtsarzt über die Schulter.
„Herr Vohwinkel . . .,“ frug er gedämpft. „Verstehen Sie, was ich sage?“
„Jetzt kommt er zu sich!“ murmelte im Hintergrund des Zimmers der Rechtsanwalt Burhem. „Oder er tut wenigstens so . . . Ich bin ausnahmsweise wirklich mal auf was gespannt!“
„Er versucht, sich aufzurichten . . .,“ flüsterte Male Matteis. „Er lässt sich noch Zeit! Er muss sich noch überlegen, was e runs jetzt erzählen wird!“
„Herr Vohwinkel . . .“ Die Stimme des Untersuchungsrichters klang sehr ernst. „Sind Sie jetzt, wenigstens für ein paar hauptsächlichste Fragen, vernehmungsfähig?“
Der schöne Mann auf dem Sofa setzte sich langsam auf. Er schaute geistesabwesen, mit dem Ausdruck eines aus dem tiefsten Schlaf gerissenen Menschen um sich.
„Bin ich denn verrückt geworden . . .?“ sagte er leise und verstört.
„Überlassen Sie die Fragen mir, Herr Vohwinkel!“
„Was ist mit dem Sarg?“ Der Architekt Vohwinkel schrie es in hellem Schrecken auf. Er krampfte die Hände ineinander. Seine dunklen Augen verglasten sich. „Um Gottes willen — was ist mit dem Sarg?“
„In dem Sarg ist nichts! Das wissenSie ja besser als wir!“
„Aber wie ist denn das möglich . . .?“
„Das möchte ich ja eben von Ihnen hören! Bitte, lieber Medizinalrat, machen Sie mir mal ein wenig Platz!“
Der dicke kleine Graukopf warf, während er sich zur Seite schob, einen langen und bedenklichen Blick durch die Brillengläser auf Christof Vohwinkel. Der Richter langte sich einen Stuhl neben das Kanapee und setzte sich.
„Ich muss Sie bitten, unter dem ersten Eindruck des neuen Tatbestandes die schreienden Widersprüche in Ihren Bekunddungen aufzuklären!“ began er knapp und bestimmt. „Wir haben zu Protokoll genommen, dass sich in dem Sarg weder die Leiche der Frau Vohwinkel noch sonst etwas vorfand. Wollen Sie die Behauptung aufstellen, dass der Sarg unterwegs geöffnet und seines Inhalts beraubt wurde? Oder dass dies etwa gar hier auf dem Friedhof geschah?“
„Der Sarg ist niemals benutzt worden!“ grollte vom Fenster her der Medizinalrat. „Ich nehme das ausdrücklich als amtliches Gutachten auf meine volle Verantwortung!“
„Leichenraub! So wat ist ja überhaupt bei ’ner plombierten Sendung auf der Eisenbahn ausjeschlossen! Und hier draussen in Berlin sind wir doch nicht mang die Wilden!“ ergänzte grimmig an der Tür der Friedhofsinspektor.
„Schliessen Sie sich dieser Auffassung an, Herr Vohwinkel?“
„Ja . . .,“ sagte der Architekt sachwach, immer noch wie ein Schlafwandler. Er lag halb, auf den Ellbogen gestützt. „Ja.“
„Also war der Sarg von Anfang an leer?“
„Es scheint so . . .“
„Wollen Si emir erklären, Herr Vohwinkel: Warum gestanden Si emir das nicht lieber gleich vorhin unter vier Augen, wo Sie doch genau wussten, dass die nächsten Minuten die Entdeckung bringen mussten?’
„. . . weil ich es selbst nicht gewusst habe . . .“
„Was?“
„ich habe es nicht gewusst, dass sich nichts in dem Sarg befand!“
„. . . wo Si emir vor einer halben Stunde beteuerten, Sie hätten selbst die Einsargung geleitet!“
„Das war nicht wahr!“ sagte Christof Vohwinkel leise, mit dem Blick nach einem Spinnweb an der Decke.
„Sie waren also nicht dabei?“
„Ich war nicht dabei!“
„Und wo befinden sich nun in Wirklichkeit Frau Vohwinkels sterbliche Überreste?“
„Ich weiss es nicht!“
„Herr Vohwinkel, die Dinge sind jetzt im Fluss! Versuchen Sie nicht mehr, ihren unabwendbaren Gang aufzuhalten. Es ist vergeblich! Erleichtern Sie Ihr Gewissen! Reden Sie!“
„Ich weiss es nicht, wo sie ist!“ Christof Vohwinkel sprang taumelnd auf. Er stand unsicher auf den Beinen. „Ich bin ja wie vor den Kopf gehauen! Mir ist, als ob ich alles träume! . . . Das ist ja . . . Das ist ja alles . . . Herrgott . . . Ich werd’ ja verrückt!“
„Es hilft nichts, Herr Vohwinkel! Wir müssen hier einen klaren Kopf behalten und versuchen, die Zusammenhänge zu entwirren! Sie wollen nicht wissen, was aus Ihrer Frau Gemahlin geworden ist?“
„Nein . . .“ Der Architekt Vohwinkel stützte sich wankend mit der flachen Hand gegen die Blümchentapete und starrte in die kernfrische, blitzblank gehobelte Holzwölbung vor sich am Boden. „Das . . . Das da unten . . . das ist . . . ein Rätsel!“
„Sie müssen doch wissen, wo Frau Vohwinkel ihre letzte Ruhe gefunden hat! Sie waren doch, allein in fremdem Land, bei ihrer Krankheit und ihrem Ableben zugegen! Es war doch das einfachste, selbstverständlichste Gebot der Pietät — ich möchte hinzusetzen: der gebieterischen äusseren Notwendigkeit, dass Sie hinterher alle die traurigen Formalitäten erfüllten . . .“
„Das konnte ich nicht . . .“ Christof Vohwinkel drehte sich mit dem Gesicht gegen die Zimmerwand.
„Das mussten Sie! Das erzählten Sie mir doch auch selber! So nahe wie Sie, nach Ihren eigenen Worten, gerade damals Ihrer Gattin standen, ist es ganz unglaubhaft, dass Sie diese letzten Liebesdienste Dritten überliessen!“
„Doch . . . Das haben andere getan . . .“
„Und Sie haben das zugegeben?“
„Ich wurde nicht gefragt . . .“
„Warum nicht?“
„Weil ich gar nicht da war . . .“
Christof Vohwinkel stand mit dem Rücken gegen die Anderen. Er presste die Stirn an das Tapetenmuster. Sie konnten sein Gesicht nicht sehen. Sie hörten nur seine trockene, matte, abgebrochene Stimme: „Ich war abwesend — schon seit vier Tagen — als es geschah . . . Ich kam erst vier Tage später zurück — und da war es schon geschehen. Alles vorüber. Die Hitze des spanischen Sommers duldete keinen Aufschub. Doktor Muñoz y Macha, der Arzt, hatte aus eigener Machtvollkommenheit mit grosser Umsicht für alles gesorgt, die Eintragung in die Bücher des Pfarrers Bustillo veranlasst, den Alkalden benachrichtigt. Der Sarg war, auf seine Anordnung, schon verlötet. Mir blieb nur noch die schwere Pflicht, ihn nach Deutschland zu bringen!“
„Und warum sagten Sie nicht hier den Behörden und der Familie einfach die Wahrheit? ,Ich war nicht dabei’. . .“
„. . . Ich . . . hielt . . . es so für besser . . .“
„Sie müssen doch Ihre Gründe gehabt haben . . .“
„Wahrscheinlich . . . Ich entsinne mich nicht mehr . . . Ich war körperlich und geistig gebrochen!“
„Herr Vohwinkel, es ist unzweifelhaft in jenem spanischen Städtchen damals nicht alles mit rechten Dingen zugegangen — in Ihrer Abwesenheit, wie Sie jetzt, im Gegensatz zu Ihren bisherigen Bekundungen, behaupten! Gelingt es Ihnen, Ihr Alibi nachzuweisen, so müssen wir allerdings auf Sie als Augenzeugen verzichten und unsere Nachforschungen in anderer Richtung führen! Also Sie traten, einige Tage vor der Erkrankung Ihrer Frau, eine Reise an?“
„Ja, Eine ganz kurze Reise . . .“
„Aus welchen Gründen!“
„Aus plötzlich eingetretenen, geschäftlichen . . .“
„Wohin?“
„Das . . . möchte ich für mich behalten . . .“
„Wen trafen Sie an dem uns unbekannten Ort? Mit wem sprachen Sie? . . . Mit wem verkehrten Sie?“
Der Architekt Vohwinkel drehte sich langsam von den Familienphotographien an der niederen Wand der guten Stube weg. Er zeigte dem Richter sein Gesicht. Es war erdfahl, aber ruhig.
„Darüber kann ich keine Auskunft geben, Herr Richter!“ versetzte er.
„Und doch muss ich die Frage zum zweiten Mal an Sie stellen, wo Sie während der Krankheit Ihrer Gattin waren!“
„Und man hätte sofort, bei meiner Rückkehr aus Spanien, damals schon von allen Seiten dieselbe Frage an mich gerichtet, wenn ich die Wahrheit gesagt hätte! Darum habe ich gleich zu Anfang die Wahrheit nicht gesagt. Ich konnte nicht. Ich durfte nicht! Ich sage jetzt die Wahrheit. Aber im übrigen muss ich schweigen!“
„Herr Vohwinkel — stürzen Sie sich nicht durch Schweigen ins Unglück! Nennen Si emir lieben die Zeugen, die beschwören können, dass sie mit Ihnen in der kritischen Zeit irgendwo fern von dem Flecken Fuensanta zusammen waren!“
„Ich werde sie nie nennen!“
Christof Vohwinkel sagte es tonlos, aber fest. Es war seine letzte Kräfteanspannung. Er hatte Mühe, sich aufrecht zu halten. Er liess sich schwer auf einen Stuhl nieder. Er betrachtete stumpf, beinahe geistesabwesend, seine flach auf die Knie gelegten Hände. Durch die Stille forschte eintönig die Stimme des Richters.
„Sie fanden sich also bei Ihrer Rückkehr der stattgehabten Tatsache des Ablebens Ihrer Gattin gegenüber. Sie gleubten an diese Tatsache?“
„. . . bis zu dieser Stunde . . .“ murmelte der matte Mann auf dem Stuhl.
„. . . und jetzt . . .?“
„. . . jetzt weiss ich nur — und darüber kann bei allen, die sie kannten, kein Zweifel sein — , dass die Elfi nicht mehr lebt. . .“
„. . . weil du sie ermordet hast . . .!“
Die helle, wilde Mädchenstimme hallte von den Wändes des friedlich durchsonnten, kleinbürgerlichten Zimmers wider. Male Matteis war mite in paar hastigen Schritten vor den Richter hingetreten. Sie zeigte mit zitterndem Finger auf ihren Schwager. Die Worte flogen ihr stürmisch, stossweise über die Lippen: „Vorhin habe ich nur gesagt: moralisch gemordet! Ich habe mir eingebildet, die Elfi hätte aus Gram über ihn Selbstmord begangen! Aber da ist mehr! Da ist noch ein ganz anderes, furchtbares Geheimnis um den Tod von der Elfi . . .“
„Gemach . . . gemach, Fräulein Matteis! Wir wissen bis jetzt noch gar nicht, ob Ihre Frau Schwester nicht am Ende noch am Leben ist!“
„Nein, Herr Richter, die arme Elfi lebt längst nicht mehr!“ Das junge Mädchen schüttelte, etwas ruhiger, entschieden und ergeben den Kopf. „Das kann niemand so sicher missen wie ich! Meine Schwester und ich haben uns so lieb gehabt. Wir waren so vollkommen ein Herz und eine Seele . . . Es ist ganz unmöglich. . . Die Elfi brächte das nie in ihrem Leben fertig, dass sie noch am Leben ist und mir doch seit einem Jahr kein Lebenszeichen von sich gibt und mich in der Trauer um sie lässt!
Und da sitzt er . . .,“ Male Matteis lachte in einem verächtlichen, heissblütigen Zorn auf, „und sagt, er weiss von nichts! Das sieht nämlich ihm und seinem Kopf voll galanter Abenteuer so ähnlich, Herr Richter, das ser sich als Alibi gerade ein angebliches Rendezvous ausgesonnen hat. Das ist der Gedanke, der ihm immer am nächsten liegt! Da kann er geheimnisvoll durchblicken lassen, dass die Diskretion gegen eine Dame ihm Schweigen auferlegt, wo und mit wem er war! Herr Richter, glauben Sie ihm um Gottes willen die ganze Reise und die ganze grosse Unbekannte nicht! Die hat nie existiert!“
„Der Glaube macht den Christen selig, aber nicht den Juristen!“ sagte mühsam der bleiche Mann auf dem Stuhl. „Hier handelt es sich nicht um Meinungen, sondern um Tatsachen!“
„Bleiben wir bei den Tatsachen!“ Das junge Mädchen warf den Kopf zurück und verschränkte die Arme über der Brust. „Wer sind denn diese merkwürdigen Spanier, die, in Abwesenheit meines Schwagers, den leeren Sarg für Deutschland hergerichtet haben sollen? Der Doktor Muñoz y Macha ist unauffindbar! Der Pfarrer antwortet nicht! Das ist alles Lug und Trug meines Schwagers! Er hat Fuensanta nie verlassen! Was dort an Verbrechen geschehen ist, ist durch ihn geschehen . . .“
„Herr Richter! Ich bitte, mich gegen meine Schwägerin zu schützen!“ Christof Vohnwinkel machte einen halben Versuch, sich zu erheben. Er hatte nicht die Kräfte. Er sass erschöpft zurückgelehnt, mit offenem Mund und herzbhängenden Armen, den Nacken auf die Hinterlehne des Stuhls gestützt. Er keuchte. Er griff nach dem Glas Wasser, aus dem ihm vorhin der Medizinalrat das Gesicht besprengt hatte, und trank es hastig leer. Male Matteis wandte sich, mit einem letzten drohenden Blick, von ihm zu dem Richter.
„Wenn meine Schwester noch lebte,“ sagte sie halblaut und nachdrücklich, „so wäre es nur denkbar, dass sie irgendwie durch diesen Menschen da seit einem Jahr der Freiheit beraubt wäre! Aber das ist heutzutage in Europa doch kaum möglich! Darum, Herr Richter, erhebe ich hiermit Anzeige, in aller Form, gegen meinen Schwager, das ser meine Schwester Elfi in Spanien umgebracht hat!“
„Die Behörden sind, wie Sie sehen, bereits mit der Sache befasst, gnädiges Fräulein!“ Der Untersuchungsrichter packte seine Akten in eine Mappe. „Es bedarf keiner Initiative von privater Seite mehr!“ Er überlegte. Dann näherte er sich dem Architekten Vohwinkel, der jetzt ganz teilnahmlos, in sich zusammengesunken, auf dem Stuhl sass.
„Sie scheinen sehr angegriffen . . .,“ versetzte er langsam. Der schöne Mann nickte, ohne aufzusehen. Der Richter zögerte, dann fuhr er fort: „Sie sollten etwas für Ihre Nerven tun! Ich würde es, in Ihrem interesse, begrüssen, wenn Sie sich umgehend in ein hiesiges Sanatorium begeben würden, wo Sie jederzeit zur Verfügung des Gerichts stehen! Ich bringe die Anstalt des Doktor Kleemüller in Westend in Vorschlag! Herr Medizinalrat — vielleicht übernehmen Sie die ärztliche Überführung! Der Herr Referendar hier besorgt draussen eine Autodroschke, und Sie bringen beide den Herrn Vohnwinkel dorthin . . .“
„Nicht in Untersuchungshaft?“ murmelte Male Matteis. Der Rechtsanwalt Burhem neben ihr zuckte die Achseln.
„Der Fall ist doch noch sehr dunkel!“ sagte er. „Kommen Sie, gnädiges Fräulein! Wir wollen draussen darüber weiter sprechen!“
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Dort, jenseits des Kirchhofgitters, war Berlin schon auf den Beinen: jenes Berlin vor Tag,das mit den Hühnern aufstand, wenn die letzten Nachzügler des Berlin bei Nacht in die Federn krochen. Die Bäckerjungen pfiffen. Die Elektrische bimmelte. Die Zettelankleber liefen mit Kleistertopf und Leiter. Die Zeitungsfrauen trabten von Haus zu Haus. Aber immer noch lagen die weiten, grossen Strassen unwahrscheinlich leer und dehnten sich endlos öde im Gähnen der erwachenden Weltstadt. Ein heisser Sommertag blaute herauf. Die Sonnenwärme webte schon in der leise zitternden Luft. Die Sonnenwärme webte schon in der leise zitternden Luft. In ihrem blendenden Licht blinzelte das bartlos-scharfe, ironisch-kluge Antlitz des Rechtsanwalts Burhem doppelt übernächtig durch den goldenen Zwicker in die ausgeschlafene neue Welt. Er schwieg, mit einem matten und verdrossenen Ausdruck. Er schlenderte, mit gesenktem Kopf, zur Linken seiner Begleiterin, über den ausgestorbenen, noch von herabgelassenen Rolläden eingesäumten Bürgersteig. Dann fuhr er nervös, mit einem ungeduldigen Seitenblick, aus seinen Gedanken auf. An seinem Ohr hallte eine helle, laute Mädchenstimme: „Wie kriegen Sie das nur fertig, Herr Doktor, zu tun, als wäre heute morgen weiter gar nichts passiert?“
Male Matteis hatte halt gemacht. Sie stand vor dem Verteidiger, straff wie ein Strich in ihrem weissen Kleid, weiss vom Hutband bis zu den Schuhen. Er lächelte. Er war plötzlich angenehm von dem Bild morgenfrischer, gesunder Jugend vor ihm berührt: ein Bild, leuchtend weiss vor den grünen Sträuchern eines Vorgartens, in dem goldenen Frühschein unter dem blauen Himmel. Er sah ihr mit einer freundlichen Überraschung in das immer noch blasse, aber lebhafte, hübsche, mädchenglatte Gesicht, mit seinen klaren Farben, dem warmen Dunkelblond des Haares, den Helen, jungen, braunen Augen.
„Sie haben eben gegähnt!“ sagte Male Matteis ungläubig, mit schwankender Stimme: „. . . Jawohl! Sie haben durch die Nase gegähnt! Sie haben die Augen halb zu! Sie sprechen kein Wort! Sie trotten so hin und denken sich: wenn doch ein Auto käme und mich mitnähme, damit ich nach Hause fahren kann! Um Gottes willen — was muss denn eigentlich noch passieren, um Sie aus Ihrem . . . ja . . . wie sag’ ich denn?“
„. . . um mich aus meinem Stumpfsinn zu reissen?“ versetzte der Verteidiger resigniert. „Gnädiges Fräulein: leider hab’ ich als Rechtsbeistand Ihrer Aktiengesellschaft ausschliesslich mit Ihrem finanziellen Direktor, dem dicken Hackebeck, zu tun gehabt, als es sich um den Defraudanten da handelte. Ihnen bin ich in dem halben Jahr nur ein- oder zweimal flüchtig begegnet. Das eine Mal sassen Sie mit dem Gesichtsausdruck einer zu allem entschlossenen Rothaut hinter dem Steuer eines Rennwagens, der unter furchtbarem Lärm mit Ihnen durchging. Das andere Mal lagen Sie und der technische Direktor rücklings einträchtig nebeneinander auf dem Boden unter einem Auto und beklopften es mit fieberhaftem Interesse, ohne Sinn für die Aussenwelt, wie eine kranke Kuh! Es waren beides keine ungezwungenen Gelegenheiten für Sie und für mich, einander menschlich näher zu kommen! Eigentlich habe ich Sie heute erst kennerngelernt! Und Sie mich!“
„Aber da auch gerade bei einem so ungeheuerlichen Anlass, dass es ist, als ob man sich schon seit Jahren . . .“
„Wenn Sie den zweifelhaften Genuss hätten, mich seit Jahren zu kennen, gnädiges Fräulein,“ der Rechtsanwalt Burhem ging langsam weiter und sah dabei immer wieder das junge Mädchen neben ihm mit melancholischem Wohlgefallen von der Seite an, „dann würden Sie wissen, dass ich, leider Gottes, im Laufe meiner Praxis gegen Sensationen immun geworden bin! Es ist schade darum! Viel Lärm um nichts ist das halbe Leben! Es entgeht einem vieles, wenn man nicht jeden Tag einmal in die Lüfte geht!“
„Herrgott . . . Und auch das jetzt eben hat Sie nicht aus Ihrer Blasiertheit gerissen? . . . Wo alle Anwesenden doch ihre Nerven zittern fühlten! Ganz Berlin ist heute mittag in heller Aufregung, sobald die Zeitungen herauskommen . . .“
„Berlin ist immer in Aufregung! Die einzigen ruhigen Orte in Berlin sind die Kirchhöfe. Da komen wir ja her. In zwanzig Jahren — oder, seien wir opulent: in fünfzig Jahren ist alles egal!“
„Und das sagen Sie, der berühmte Verteidiger, durch dessen Hände die furchtbarsten Menschenschicksale gehen . . .“
„. . . sie kommen und gehen . . . und gehen und kommen . . . Man tut eben seine Pflicht und redet . . .“
„. . . und nun gerade dieser Fall . . .“ Male Matteis schüttelte die geballten Fäuste. Sie warf einen Blick zum Himmel. „Herrgott — wenn ich ein Mann ware . . .“
„Sie sind ja einer!“ sagte der Rechtsanwalt Burhem. Sein hageres Antlitz der reinen Vernunst, voll logischer Linien um den Mund und mathematischer Stirnfurchen, war freundlich übersonnt. Es sah jünger und weicher aus, während er, nicht mit dem sonstigen Ausdruck durchdringenden Verstandes in den dunklen Pupillen, sondern mit einem Lächeln in den Augen das Mädchen in Weiss musterte. „Sie sind ein ganzer Kerl, Fräulein Matteis! Dafür gelten Sie allgemein! Das weiss ich von Ihnen schon lange . . .“
„Gott . . . ich mach’ mich nützlich . . .“
„. . . und Sie sind jung — ungebrochen — da Sie, und da die Welt — ach: wer das noch einmal könnte: des Hasses Kraft — die Macht der Liebe . . . Man ist ein ausgebrannter Krater! . . . Reden Sie mir bloss nicht länger von Sensationsprozessen und grossen Fällen! Ich bin der Fälle müde, Fräulein Matteis! Fälle sind Feuerwerk, mit Knallfröschen und bengalischem Licht in den Zeitungen! Ich fürchte mich vor neuen Fällen. Der gute Dohmke ist darin anders. Der wird sich mit Feuereifer in den Fall Vohwinkel knien! Das kann ich Ihnen jetzt schon versprechen!“
„Dohmke? . . . Wer ist Dohmke?“
„Mein Gott: mein langjähriger Sozius, der Justizrat Dohmke! Kein Springinsfeld mehr, sondern abgeklärt! Ein weiser, alter Rabe, dem die Menschheit nichts mehr vormacht . . .“
„Und dem wollen Sie den Fall Vohwinkel überlassen . . .?“
„Sie sind doch eine Herrschernatur in Taschenformat, Fräulein Matteis! Der Dohmke ist ein bequemer Grosspapa! Mit dem werden Sie leichter fertig als mit so ’nem nervösen, rechthaberischen Eigenbrötler wie mir!“
„Wo Sie doch schon für unsere Firma die Prozesse geführt haben . . .“
„. . . und dazwischen hat sich Ihre Frau Mutter vor einem Vierteljahr, als bei Ihnen eingebrochen worden war, nicht an mich, sondern an einen Hellseher gewendet . . .“
„. . . und auf die Weise das gestohlene Silberzeug auch wirklich wieder gekriegt!“
„Na, sehen Sie, der Mann kann mehr als ich!“
„Und das, was wir eben erlebten, ist für einen so grossen Mann wie Sie zu unbedeutend?“ Male Matteis lachte zornig auf. Sie beschleunigte mit einem spöttischen Achselzucken ihre Schritte und schaute jetzt selbst, ob nicht ein Frühtaxi des Weges käme. „Ein Fall, der Ihren Namen noch berühmter machen würde als er schon ist! Sie selber interessiert der Fall meiner Schwester garnicht?“
„Der ist nicht so sehr interessant!“
„Ein Geheimnis, das in kurzem ganz Berlin beschäftigt?“
„Ich glaube garnicht, dass es ein so grosses Geheimnis ist!“
Das junge Mädchen blieb stehen un starrte ihren Begleiter wortlos, mit offenem Mund an. Der Rechtsanwalt Burhem sah auf die Uhr, steckte sie wieder ein und versetzte: „Ihre Schwester lebt nämlich!“
„Die Elfi ist tot!“
„Ihre Schwester lebt!“
„Woher wollen Sie das wissen?“
„Sie lebt im Ausland. Oder in Deutschland. Vielleicht in Berlin. Wahrscheinlich ganz in unserer Nähe. Am Ende gerade hier um die Ecke . . .“
„In Ihrer Phantasie . . .“
„. . . und weil sie nach meiner Überzeugung lebt und nach Ihrer Überzeugung nicht mehr lebt, würden wir uns über die Behandlung des Falles auch noch unnötig in die Haare kommen, gnädiges Fräulein!“ Der Rechtsanwalt Burhem sprach es halb zerstreut und beobachtete dabei mit einer stillen und starken Anteilnahme, wie sich die Wangen des jungen Mädchens vor ihm in Überraschung, Unruhe, innerem Widerspruch röteten. „Sehen Sie: fein ist die Eckdestille da vor uns nicht. Aber das einzige Lokal, das jetzt schon offen hat! Da trinken wir Kaffee, und Sie sprechen sich aus! Kommen Sie nur ruhig hinein! Es tut Ihnen niemand ’was!“
„Gott — ich frühstücke doch bei uns in der Fabrik alle Finger lang in der Kantine zwischen den Arbeitern!“ sagte Male Matteis. „Glauben Sie, ich wäre etepetete? Da käme ich da draussen weit!“
Sie und der Rechtsanwalt setzten sich in eine leere Ecke am Fenster. An den Tischen ringsum sassen nächtliche Strassenbuddler, Bahnhofchauffeure, Eisenbahner, Bauplatzwächter. Sie rauchten. Sie redeten wenig miteinander. Der hemdärmelige Wirt, mit der Muskelpackung und dem aufgedrehten Schnurrbärtchen eines Ringkämpfers, brachte den beiden Kaffe und Butterschrippen. Male Matteis schob den Teller zur Seite. Sie beugte sich über den weissgescheuerten Holztisch gegen den Rechtsanwalt Burhem vor. Sie begann unvermittelt — unterdrückt und heftig: „Meine Schwester . . . und ruhig irgendwo sitzen und sich ihres Daseins freuen, während ich sie für tot halte — so etwas täte mir die Elfi nie und nimme an! So war sie nicht! Sie haben sie nicht gekannt!“
„Und wie war sie in Wirklichkeit?“ Es zuckte unruhig auf den übernächtigen Zügen des Verteidigers. Er langte sich nervös eine Zigarette heraus und zündete sie an.
„Die Elfi? Also am einfachsten: Sie stellen sich mein gerades Gegenteil vor!“ sagte Male Matteis. „Da haben Sie sie vor scih, wie sie leibt und lebt!“
„Ich denke, sie galt für eine Schönheit!“
„Eine rührende Schönheit! So zart und zerbrechlich wie . . .“
„Dann kann sie doch nicht Ihr Gegenteil gewesen sein, Fräulein Matteis! Sie sind doch wirklich nicht von der Natur vernachlässigt!“
„Ach Quatsch . . . Verzeihen Sie — das fuhr mir so heraus! Das macht die Umgebung!“ sagte das junge Mädchen mit grosser Ruhe. „Also auf mein Äusseres kommt es dabei wirklich nicht an, sondern auf die ganze Persönlichkeit! Die Elfi war von klein auf das Prinzesschen und ich ein handfester Pummel! Sie war die ältere, und ich hab’ sie, auf dem Weg zur Schule, bemuttert, dass sie nicht unter die Elektrische kam. Die Elfi war das Sonntagskind und ich für den Hausgebrauch in der Familie!“
„Also Martha und Maria, um mich poetisch auszudrücken!“
„Oder Poesie und Prosa — wenn Sie es noch poetischer haben wollen! Ich hab’ mich in der Fabrik herumgetrieben, während die Elfi Verse in ihr Tagebuch gekritzelt hat, und wenn sie am Klavier gesessen hat, dann hockt’ ich schon als kleines Baby auf einem Fabrik-Chassis und trat aus Leibeskräften die Kuppelung aus un gab imaginäres Gas. Die Arbeiter haben immer gelacht. Aber so lernt man’s! Ich hab’ mir die technischen Kenntnisse rein auf eigene Faust angeeignet!
Ja — aber Sie wollen von der Elfi hören . . .“ Male Matteis hielt inne und besann sich. „Man kann sie gar nicht so schildren. Sie war ja ein kleines Fabelwesen. So rührend unmodern — deswegen hab’ ich sie so wahnsinnig geliebt und bewundert — sie war wie eine Verschönerung des Lebens, das wir Leute von heute führen und nicht mehr so wie die Elfi führen können, sonst kommen wir unter die Räder! Die Elfi war wie ein grosses, ganz reines, unschuldiges Kind — ganz auf Liebe gestellt — ganz auf Hingebung — ganz auf Weichheit . . .“
„Efeu und ein zärtlich Gemüt . . .“
„Ja. So. Ich weiss nicht, von wem das ist . . .“
„Von Goethe!“
„Ach! . . . Ja — es kam bei der Elfi alles auf ihren Mann an. Das ging nun auf einmal wahnsinnig schnell. Die Elfi lernte meinen Schwager kennen: Verliebt! Verlobt! Standesamt! Weg war sie.“
„Verzeihen Sie eine schnöde Zwischenfrage, Fräulein Matteis: Ihre Schwester bekam eine ansehnliche Mitgift mit?“
„Ein für allemal ihr ganzes Erbteil!“ Male Matteis furchte die Stirne. „Mein Schwager bestand auf der sofortigen Barauszahlung, und die Elfi war sein willenloses Sprachrohr!“
„Ihr Schwager hat also finanziell nichts mehr von seiten Ihrer Schwester zu erwarten?“
„Nein — keinen Pfennig mehr! Gott sei Dank! Das hielte die Fabrik wirklich nicht mehr aus! Die hat schon ’ne Pferdekur hinter sich. Damals, wie er die Elfi anstiftete, ihr gesetzliches Erbteil aus der Fabrik zu ziehen, da hab’ ich meinen lieben Schwager zum erstenmal kennengelernt, wie er wirklich war! Ich bitte Sie: heutzutage das bisschen Kapital, das man noch hat, aus dem Betrieb ’raus! Ich hab’ an dem Abend wirklich gesessen und geheult wie ein Schlosshund . . .“
„Und Herr Vohwinkel war keinen Vernunftsgründen zugänglich?“
„Er baute doch die Eigenhäuser für die Siedlung Neuwest! Da wollte er sich selber finanziell dran beteiligen! Es sei eine grosse Sache! . . . erklärte er . . . Abe rich glaube: nachher war es gar keine solche Goldgrube . . .“
„Ganz im Gegenteil!“
„Und wie, in der Autofabrik, waren die Leidtragenden!“ Male Matteis’ Lippen zuckten. „Damals waren es gerade zwei Jahre, dass Papa gestorben war. Plötzlich, morgens beim Frühstück. Schlaganfall. Da standen wir. Die Aktien waren doch Familienbesitz. Meine Mutter hatte ’nen Haufen — ich — die Elfi — und dann ein ganzes Schock Muhmen und Tanten und Neffen und Nichten. — Das life nun alles durcheinander — jedes hörte auf ’nen andern — keine hatte ’ne Ahnung . . . Da Ordnung schaffen: ich war damals erst zwanzig. Aber ich sagte mir: da musst du rücksichtslos dreinfahren und alles unter einen Hut bringen! Sonst müssen wir alle zusammen in einigen Jahren den Leierkasten drehen . . . Aber da red’ ich jetzt von mir statt von der Elfi . . .“
„Es hängt doch alles mit Ihrer Schwester zusammen! Erzählen Sie nur weiter!“
„Na — das gab ’nen netten Tanz!“ sagte das junge Mächen. „Wis sie Angst vor mir kriegten und mir Vollmacht gaben und ich unsern Direktoren Luft schaffte, dass sie endlich disponieren konnten, ohne dass ihnen irgend ein Familienmitglied hineinquatschte! Nun ging’s vorwärts wie geschmiert! Da kam der Donnerschlag mit der Mitgift! Wir sassen da blank wie die Frösche! Wir konnten von vorn anfangen! Gott sei Dank: jetzt, wieder nach zwei Jahren, sind wir überm Berg. Die Bankschuld ist abgezahlt. Mit dem neuen Kleinwagen verdienen wir augenblicklich grob . . .“
„Wel nämlich Si emit dem Liliput zwei schwere Bergrennen gewonnen und damit eine Riesenreklame für die Marke gemacht haben!“
„Ja — es war ein toller Dusel. Durch halb Europa ohne Strafpunkte! Ich hab’ meine Knochen gespürt! Wohin, Herr Doktor!“
„Nur zwei Worte an mein Büro!“ Der Rechtsanwalt Burhem life zu dem Apparat. Er überzeugte sich durch einen Rückblick, dass die gepolsterte Zellentür fest geschlossen war, und raunte in die Röhre: „Hören Sie, Krause: im strengsten Vertrauen: setzen Sie sich gleich mit den paar zuverlässigsten Ermittlungsinstituten — Sie wissen ja welche — in Berlin in Verbindung. Ich will missen, ob, wann und wo und in welcher Höhe der Architekt Vohwinkel Lebensversicherungen auf seine verstorbene Ehefrau abgeschlossen hat — hier und im Ausland — namentlich in Amerika! Verstanden?“
5
Der Rechtsanwalt Burhem kehrte in das Schanklokal „Zum feuchten Emil“ zurück und setzte sich seiner Klientin gegenüber. Am Nebentisch rückte ein Bierfahrer seine Lederschürze zurück, wischte sich mit dem Handrücken den Schnurrbart und brach geräuschvoll auf. Ein graubärtiger Nachtrat der Wach- und Schliessgesellschaft schob sich herein und forderte ein Nordlicht. Niemand kümmerte sich viel um das Paar an Fenster. Male Matteis hatte den Ellbogen auf den Tisch und den kurzgeschnittenen dunkelblonden Kopf in die Hohlhand gestützt. Sie schaute, in tiefen Gedanken, vor sich nieder in die leere, dickwandige Kaffeetasse, als könne sie aus deren Grund die Geheimnisse dieses Morgens lesen. Wieder sah der Verteidiger den frühen Ernst auf dem hübschen, lebhaft und fest geschnittenen Mädchengesicht. Sie hob mit einem raschen Aufschlag die klaren, hellbraunen Augen. In denen war jetzt die kühle, unbefangene Sicherheit, mit der sie, von ihren Aufenhalten in Amerika her, Männern ins Gesicht sah.
„Warum glauben Sie, dass meine Schwester Elfi noch lebt?“ sagte sie.
„Weil Ihr Schwager nicht den geringsten Grund hatte, sie umzubringen!“ erwiderte der Rechtsanwalt Burhem kurz, beinahe schroff. Er trommelte, nach seiner Gewohnheit beim Plädieren, nervös mit den Fingern auf dem Tisch. „Ihr Schwager war durch die Erbauszahlung, wie Sie mir selbst sagten, abgefunden! Irgendwelche weiteren Vermögensvorteile hatte er durch den Tod Ihrer Frau Schwester nicht zu erwarten! Und bei Lebzeiten machte sie es ihm im übrigen doch wahrhaftig nicht schwer! Sie liess ihn mit seinen tausend Amouren ungehindert gewähren! Sie siechte still an seiner Seite dahin, den sie trotz allem dabei noch leidenschaftlich liebte. Nun sagen Sie selbst!“
„Ich sage einfach und immer wieder: wenn die Elfi lebte, würde sie mir ein Lebenszeichen geben!“
„Das kann sie nicht, gnädiges Fräulein. Denn sie soll nach dem Willen ihres Mannes für tot gelten!“
„Was hätte denn das für einen Zweck?“
„Gnädiges Fräulein: Sie erzählten mir, Ihr Schwager habe das ganze Geld seiner Frau in die Siedlung Neuwest gesteckt! Sie äusserten gleich darauf Ihren Zweifel, ob das wirklich solch eine Goldgrube sei? Nun: Im Vertrauen: die Neuwest wackelt! Wackelt äusserst! Es ist in Berlin ein offenes Geheimnis, dass die Gesellschaft und damit auch deren oberster Mann an der Spitze, der Architekt Christof Vohwinkel, vor dem finanziellen Kladderadatsch stehen!“
„Gut, dass die arme Elfi das nicht mehr erlebt!“
„Sie erlebt es, meine Gnädigste — sie erlebt es!“ Der Verteidiger spielte unruhig mit einem Kaffeelöffel. „Das ist ja eben der Zweck der Übung — ich meine dieses Scheintodes! Des Todes für einen Schein! Oder für mehrere Scheine. Scheine der Lebensversicherungsgesellschaften. Zugunsten des Architekten Christof Vohwinkel, im Fall des Ablebens seiner Gattin!“
„Was . . .?“ Das junge Mädchen erhob sich langsam, mit grossen, starren Augen. „Wenn ich Sie recht verstehe, so wollen Sie behaupten, dass mein Schwager hohe Versicherungspolicen auf den Tod meiner Schwester abgeschlossen . . .“
„. . . und wahrscheinlich schon lange in Amerika eingestrichen hat!“
„. . . und dass er zu diesem Zweck die Elfi mit ihrem Einverständnis für tot ausgibt . . .?“
„Ja!“
„Aber das wäre ja der reine Betrug!“ sagte das junge Mädchen. Ihre Augen funkelten.
„Trauen Sie den Ihrem Schwager nicht zu?“
„Von ihm rede ich nicht! Aber meine Schwester! Meine Schwester!“ Male Matteis flüsterte, damit niemand im Lokal sie hörte. Sie beugte den Kopf weit über die Tischplatte gegen den Rechtsanwalt vor. Ihr Gesicht sah gefährlich aus in seinem heiligen Zorn. „Sie wagen es, das Andenken meiner Schwester zu beschimpfen?“
„Das sind zu grosse Worte, Fräulein Matteis!“
„Sie bringen dieses reinste Wesen der Welt, das Sie nie gekannt haben, und wenn Sie es gekannt hätten, nie begriffen hätten, Sie bringen meine Elfi mit einem — ja. . . mit einem ganz glatten, schamlosen Betrug in Verbindung?“
„Der Mithilfe, gnädiges Fräulein! Es tut mir ja leid, es zu sagen!“
„Die Elfi! Der Elfi das zuzutrauen! Es wäre ja so lächerlich, wenn es nicht so schimpflich wäre!“
„War, nach Ihrer Aussage, Ihre Schwester nicht in ihren Mann verliebt?“ frug der Rechtsanwalt gleichgültig.
„Na — wahnsinnig!“
„War sie nicht, wie Sie sie schilderten, von zärtlichem, hingegebenem Charakter — weiches Wachs in der Hand eines Menschen, den sie liebte?“
„Das schon — aber . . .“
„Also — was tut nicht eine opferfähige Frau, die liebt?“
Male Matteis stand nun wirklich auf. Der Rechtsanwalt Burhem war sitzen geblieben. Sie schaute von oben auf ihn hinab. Sie hatte sich jetzt beruhigt. Sie war nur sehr blass. Sie zuckte die Achseln.
„Sie sind ein armer Mensch!“ sagte sie verächtlich. „Sie tun mir leid. Für Sie gibt es nur das Schlechte und Niedrige im Leben!“
„Leider Gottes!“ Der Verteidiger blickte ergeben vor sich hin. „Da die Mustermenschen der Schöpfung sich nur sehr spärlich nach Moabit verirren . . . Ich sehe nun einmal berufsmässig den Menschen in seiner ganzen Schwäche!“
„Und wieviel entgeht Ihnen, dass Sie den Menschen nicht mal in seiner ganzen Stärke sehen!“ Males Atem ging stürmisch. Aus ihren Augen lachte zornige, zukunftsfrohe Jugend. Ihr Antlitz rötate sich in einem heiligen Eifer. „Und den Menschen in seinem ganzen Anstand! Es gibt fabelhaft anständige Menschen — prachtvolle Naturen . . .“
„Ihnen glaub’ ich das aufs Wort!“ sagte, sich erhebend, der Rechtsanwalt.
„Und an solche Menschen glaub’ ich — sonst müsste man ja den ganzen Glauben an die Menschheit verlieren — und solch ein Mensch war die Elfi! Nein — der ihr Bild trüben Sie mir nicht! Kommen Si emit hinaus auf die Strasse — draussen sage ich Ihnen die Meinung weiter! Hier rede ich zu laut . . . Die beiden Briefträger drüben schauen schon herüber! . . .“
„Bitte!“
„So! Die Strasse ist leer. Hier sind wir ungestört. Nun hören Sie meine Überzeugung! Mein Schwager steht vor dem Bankrott. Das Geld seiner Frau hat er vertan. Neues ist von ihr nicht zu erwarten! Also braucht er eine zweite Frau mit neuem Geld. Für ihn eine Kleinigkeit: er ist in den Dreissig, ein sogenannter schöner Mann, von einer für mich unbegreiflichen Wirkung auf mein Geschlecht. Er hat, wenn er frei ist, an jedem Finger zehn reiche Partien. Aber er ist noch nicht frei. Er besitzt schon eine Frau. Die muss also zuerst von der Bildfläche verschwinden! Die Elfi stirbt im Ausland über Nacht. Das Trauerjahr ist jetzt um. Wir werden bald von einer neuen Verlobung des Herrn Christof Vohnwinkel hören — wenn ich ihn nicht vorher dem Staatsanwalt wegen Ermordung seiner Frau überliefere. Und das werd’ ich — verlassen Sie sich darauf!“
„Und der leere Sarg?“
„Der leere Sarg sagt Ihnen, Herr Doktor, dass die Frau, die da hineingehört, irgendwo in der Umgebung dieses spanischen Nestes ermordet worden ist und garnicht mehr an Ort und Stelle in den Sarg gebracht werden konnte! Vielleicht hat mein Schwager sie in einen Teich gestossen oder in einem Kaktusgebüsch vergraben — was weiss ich . . . Das wissen nur die, die ihm dort bei dem ganzen Verbrechen geholfen haben, und unter denen werde ich jetzt in Spanien in aller Stille auftauchen, ehe eine Woche um ist!“
„Sie werden mir glauben, gnädiges Fräulein,“ sagte der Rechtsanwalt Burhem langsam, „dass ich mich in erster Linie mit dieser Möglichkeit eines Mordes, die Sie eben andeuteten, beschäftigt habe!“
„Das hoff’ ich wenigstens!“
„. . . und ich habe diese Möglichkeit ausgeschaltet, nachdem ich mir vorhin Ihren Schwager eine Stunde lang angesegen habe! Das ist nämlich bestimmt kein Mörder!“
„Wer sagt Ihnen das?“
„Die Menschenkenntnis — gnädiges Fräulein! Die hat man oder man hat sie nicht! Man sagt sie mir ja in einem besonderen Masse nach! Sie ist ein Gefühl! Analysieren lässt sie sich nicht! Ihr Schwager Vohwinkel kann kein Blut sehen. Er ist ja kein Mann der Gewalt! Er ist viel zu weichlich. Ein Liebling der Frauen. Weiblich mit ihnen empfindend. Sie verstehend und von ihnen verstanden. Solchen Leuten braucht man nicht erst zu sagen: Du sollst nicht töten. Die töten von selber nicht! Als halbe Naturen tun sie auch da eben ie Hälfte: sie lassen ihren Mitmenschen am Leben und tun so, als wäre er tot!“
„Ich bleibe steif und fest bei dem Mord!“
„Und ich bei der Versicherungspolice, Fräulein Matteis!“
Es hielten jetzt schon einige Frühdroschken an der Strassenecke. Male Matteis stieg in die eine.
„Die Elfi ist tot!“ sagte sie halblaut zu dem Rechtsanwalt Burhem, der auf dem Bürgersteig stand.
„Ihre Frau Schwester lebt!“ Er schloss den Wagenschlag. „Auf Wiedersehen, gnädiges Fräulein!“
Das Auto surrte davon. Der Verteidiger stand eine Zeitlang wie eine stumme Steinsäule in der Morgensonne und starrte ihm tiefsinnig nach, bis es um eine Ecke verschwand. Dann setzte er sich in das nächste Taxi und fuhr in sein Büro.
„Wilde Sache, Kollege!“ Er gähnte, al ser bei seinem Sozius eintrat. „Bei mir Ben Akiba: Immer der alte Schwindel! Höherer Schwindel! Prachtexemplar von einem Versicherungsbetrug! Leckere Schüssel für einen ehrgeizigen, jungen Mann wie Sie!“
Der Justizrat Dohmke war ein jovialer, beleibter Graukopf mit schlauen, kleinen Augen hinter der goldenen Brille. Die wohlwollende Neugier auf seinem behäbigen, rosigen, von einem Wollkranz grauer Löckchen umrahmter Vollmondgesicht wandelte sich während der paar saloppen Sätze des anderen in stille Ehrfurcht vor einem grossen, einem ganz grossen Fall . . .
„Donnerwetter . . .,“ sagte er, als der nervösa Mann vor ihm schloss. Weiter nichts.
„Sie müssen also gleich zu dem Fräulein Matteis hinaus!“ Der Rechtsanwalt Burhem zündete sich eine neue Zigarette an und rauchte heftig. „Die Bekanntschaft wird Sie nicht gereuen! Sie: das ist mal ein Mädel von Format!“
„Ich hab’ schon von ihr gehört!“
„Aber sehen muss man sie, alter Freund! Lohnt sich — Ihnen gesagt! Noch nicht fünfundzwanzig — und dabei wie ’ne Alte — das heisst gar nicht alt, sondern sehr jung. Das ist eben das Merkwürdige an ihr: diese Mischung von Ernst des Lebens und Jugend! . . . Neue Jugend — Schneidige Jugend. . . Entzückende Jugend . . .“
„Na . . . na . . . Kollege . . .“
„. . . dass es so was noch hier mitten in Berlin gibt . . .“
„Was kennen Sie denn von Berlin? Die Gerichtssäle. Das Büro hier. Und — verzeihen Sie das harte Wort — den Spielkulb. Schluss!“
„Ja — man ist ein Tier . . .“ Der Rechtsanwalt Burhem setzte sich und sprang sofort aufgeregt wieder empor. „So ganz modern ist sie . . . Amerikanisch geradezu ist sie . . .“ Er lief auf und nieder. „. . . und dabei etwas so Unberührtes um sie. . . etwas so Taufrisches — zauberhaft in seiner flotten Sachlichkeit . . .“
„Werden Sie nur nicht noch poetisch!“
„Ja — doch — so als ob es gar keine Tauenzienstrasse und keinen Kurfürstendamm gäbe . . . Also glatt ein Ausnahmegeschöpf, Dohmke . . .“
„Kollege . . . Kollege . . . ich warne Sie!“
„Wovor? Sie hat selbst vorhin gesagt: Die Juristen denken immer gleich das Schlimmste!“
„Hab’ ich ein Wort von Heiraten gefprochen? Ich denke mir nur mein Teil. Verzeihen Sie die indiskrete Frage: Wie lange sind Sie jetzt geschieden?“
„Drei Jahre . . .,“ sagte der Rechtsanwalt Burhem plötzlich schwermütig und schaute vor sich hin.
„Na — dann ist’s ja allmählich Zeit, wieder dem Zug des Herzens zu folgen. Nehmen Sie’s ’nem siebenköpfigen Grosspapa wie mir nicht übel!“
„Ich hab’s ein für allemal verschworen!“ Der Verteidiger schüttelte unruhig den Kopf. „Ich passe nicht für die Ehe! Die Weiber sind zu nervös!“ Er klapperte aufgeregt beim Sprechen mit dem Papiermesser. „Sie reden mir zu viel!“ Die Worte überstürzten sich ihm auf den Lippen. „Sie nehmen die Ruhe aus dem Hause.“ Er rannte zwischen Türe und Fendter auf und nieder. „Das halte ich nicht mehr aus! Das hab’ ich auch Fräulein Matteis gesagt . . .“
„. . . dass Sie Ihren Liebeswahnsinn niederkämpfen wollen?“
„Nein! Dass ich nicht in der Lage bin, gegen Herrn Vohwinkel . . .“ Albert Burhem brach ab. Er drückte auf einen Knopf und sagte zu der eintretendne Sekretärin: „Fräulein Grün — geben Si emir die Automobilfabrik ehemals Friedrich Matteis A.-G. — Sie wissen — die draussen an der Oberspree — die Privatwohnung dort — nicht das Kontor — und auch nicht den Ausstellungsraum in Berlin W. — . . . Pardon, Kollege . . .“ Er griff, an dem Justizrat vorbei, nach dem Tischfernsprecher, horchte hinein und runzelte die Stirn.
„Wie? Fräulein Matteis ist noch nicht aus der Stadt zurück? Vielleicht noch im Stadtbüro am Kurfürstendamm? Aber sie müsse gleich kommen? . . . Ach — Verzeihung, gnädige Frau — Sie sind selbst am Apparat? Bestellen Sie doch bitte Ihrem Fräulein Tochter, mein Sozius Dohmke sei gerade jetzt unmenschlich überlastet . . .“
„Nanu?“ murmelte der dicke Justizrat.
„. . . er könne sich beim besten Willen nicht noch mehr aufpacken! Und am wenigsten diesen kniffligen, unberechenbaren Fall . . .“
„. . . hören Sie mal, Burhem . . .“
„. . . und es sei mir nichts übrig geblieben, als den verzweifelten Bitten des Kollegen um Schonug seiner Nerven . . .“
„Meine Nerven . . .,“ brummte der Phlegmatikus drüben.
„. . . nachzugeben und selbst — ich habe ja Nerven wie Schiffstaue — die Beratung der Familie Matteis im Fall Vohwinkel zu übernehmen! Was neuerings passiert ist? Ob und wann die Exhumierung . . .? Die hat eben stattgefunden! . . . Mit einem verblüffenden Ergebnis! Sie hören von mir alles Nähere mündlich, gnädige Frau! Ich werfe mich jetzt gleich in mein Auto und fahre zu Ihnen hinaus!“
Der Rechtsanwalt Burhem hängte ab.
„Was Sie dabei wie ’n Maikäfer zu greinen haben, Kollege, weiss ich nicht!“ sprach er scharf. „Man kann sich doch eine Sache noch mal anders überlegen! Fräulein Grün: ich habe nicht nach Ihnen geklingelt! Wie? Er Medizinalrat hängt drinnen am Telefon?“ Er lief in den Vorderraum und lauschte: „Sie wollten mir nur mitteilen, dass Sie Herrn Vohwinkel glücklich im Sanatorium Kleemüller abgeladen haben? Danke! Raten Sie dem Herrn nur, er soll sich dort nicht zu häuslich einrichten! Es würde schon in Moabit eine bevorzugte Zelle im Untersuchungsgefängnis für ihn gelüftet!“
6
„Ich habe Ihnen also hiermit den Herrn Vohwinkel in Ihr Sanatorium zu treuen Händen übergeben und wasche im übrigen meine Hände in Unschuld!“ De kleine, dicke Gerichtsarzt dämpfte, im Begriff, durch die Haustür auf die Strasse zu treten, die Stimme. „Aber im eigensten Interesse Ihres mondänen Betriebs, lieber Sanitätsrat Kleemüller: haben Sie ein wachsames Auge auf das Kuckucksei, das ich Ihnen da ins Nest gelegt habe!“
„Sie meinen, dass bei Herrn Vohwinkel etwas Menschliches . . .?“
„Ja . . . Ja. Ich meine . . . So’n lütter Selbstmord macht doch oft der Umgebung mehr Schererei als dem Verflossenen selber! . . . Ist ja natürlich auch nur ’ne Möglichkeit! Die Chose ist ja noch ganz unklar!“
„Na schön! Bringen Sie mir öfter so Patienten! Die hab’ ich gern! Auf Wiedersehen!“ Der Sanitätsrat Kleemüller lief in seinem Geschäftstrab die teppichgepolsterten, noch morgenleeren Gänge entlang, in denen nu rein paar Diener in blau-weiss gestreiften Leinenjacken Staub saugten und Schwestern mit weissen Hauben und weissen Schürzen auf Pantoffeln huschten. Er glich einem feinsinnigen, bartlosen Meikus des achtzehntes Jahrhunderts, lang, hager, in einem altfränkischen Gehrock, der ganze Mann wie aus der Postkutschenzeit, auf einen vertrauenerweckenden Gegensatz zu Berlin W abgestimmt. Sein längliches Antlitz lächelte in tröstender Menschenkenntnis, seine tiefe, weiche, leise Stimme war ein milde einlullendes Opiat. Er hatte eine fast unhörbare Art, über die Schwelle von Nummer 17 zu gleiten und dem schönen, wachsbleichen Mann beschwichtigend zuzunicken, der bei seinem Eintritt das südlich weiche, dunkelkrause Haupt aus den angespreizten Handtellern hob.
„Na — Herr Vohwinkel: Was machen Sie?“
„Ich halt emir den Kopf, damit er mir nicht zerspringt!“ Der Architekt hatte die Ellbogen auf die Tischplatte, vor der er sass, gestemmt. Er stützte das Kinn auf eine Faust und richtete darüber hinweg seine dunklen Augen verglast auf den Sanitätsrat. „Hören Sie mal: Lieg’ ich am End’ noch im Bett und schlafe und trauma die ganze Geschichte . . .?“
„Nicht doch! Wir sind ganz wach und munter, Verehrtester!“
„Wenn ich nicht träuma . . ., dann gehöre ich ja eigentlich in ein Irrenhaus. Dann bin ich offenbar verrückt geworden . . .“
„Nicht so hitztig! Nicht so hitzig! Sie zwingen sich jetzt, ein bisschen was zu frühstücken!“
„. . . ich hätte meine Frau umgebracht . . . ich meine Frau . . .“
„Vielleicht versuchen Sie, ein wenig zu schlafen! . . .“
„. . . meine Frau — meine geliebte Frau . . .“
„. . . oder, wenn Sie nicht schlafen können — ich schicke Ihnen etwas leichte Lektüre . . .“
„. . . Ja — bin ich denn ausserhalb von dieser Welt — oder seid Ihr’s?“ Christof Vohwinkel schüttelte den Kopf und flüsterte vor sich hin: „Da macht man den Sarg auf . . . Er ist leer . . . Ja . . . wie kann er denn leer sein? Das ist ja eine Afferei der Augen! . . . Das ist ja nicht möglich . . .“
„Immer Ruhe — immer Ruhe, Herr Vohwinkel!“
„Schwatzen Sie nicht!“ Der schöne Mann sprang ungestüm auf. Er stiess den Stuhl zurück, das ser dem Sanatoriumsleiter gegen die dünnen Beine torkelte. „Belästigen Sie mich nicht! Was soll denn der Kram? Da steh’ ich . . .“ Er wandte sich keuchend, wie um Hilfe flehend, dem Arzt zu. „Da steh’ ich, von Feinden umringt! Es geschehen Dinge, die ich nicht begreife . . . für die ich keine Erklärung geben kann . . . Der Sarg ist leer! Der Sarg wurde leer zugenagelt . . .“ Der Architekt fasste den Doktor Kleemüller an einen Knopf seines Pastorenrocks und schüttelte den . . . „Verstehen Sie: leer zugenagelt! Man behauptet: von mir! Und ich darf nicht sagen, wo ich in dieser Zeit war, als der Sarg zugenagelt wurde. Ich werde es nicht sagen! Ich beisse mir lieber die Zunge ab!“
„Setzen Sie sich . . . Beruhigen Sie sich . . . die Nervenattacken nützen zu nichts!“
„Begreifen Sie, was das heisst?“ Der Architekt Vohwinkel blieb wildatmend stehen. „Nicht reden zu dürfen — sich nicht rühren zu dürfen — und meine Feinde triumphieren!“
„Sie haben ja gar keine!“ sagte der Sanitätsrat milde. „Sie sind ja so allgemein beliebt!“
„Ich habe eine Todfeindin!“ Christof Vohwinkel steckte die Hände in die Hosentaschen und lachte hart vor sich hin. „Sie ist meine Schwägerin und schreibt sich Male Matteis. Das Mädchen ist ungewöhnlich energisch. Dabei nicht dumm. Sehr hübsch dazu. Also alles in allem höchst gefährlich!“
„Vielen Männern sicherlich! Aber warum gerade Ihnen?“
„Sie hasst mich wie die Sünde!“ Der Architekt Vohwinkel würgte es aus trockener Kehle. „Weil sie ihre Schwester, meine Frau, vergöttert, und ich leider Gottes meine Frau in unserer Ehe sündhaft vernachlässigt habe! Von ihr wurde — das wird mir allmählich entsetzlich klar — meine Frau angestiftetm sich auf diese teuflische Weise an mir zu rächen, indem sie plötzlich in Spanien verschwand, während ich in jener Angelegenheit, über die ich nicht reden darf, abwesend war. . .“
„Herr Vohwinkel: Ich werde Ihnen mal den Puls fühlen!“
„. . . indem dann dieser leere Sarg nach Deutschland expediert wurde und dann die Male hier in Berlin anfing, das Gerücht auszustreuen, ich hätte meine Frau ermordet, bis ich schliesslich selbst die Ezhumierung beantragte — selbst — in meinem guten Gewissen — das spricht doch Bände!“
„Freilich — freilich, Herr Vohwinkel!“
„. . . und nun vorhin dastand und meinen Augen nicht traute! Und meine Schwägerin Male steht dabei und reibt sich die Hände! Die Sache ist höllisch schlau von ihr eingefädelt — das Mädchen ist mit allen Hunden gehetzt . . .“
„Herr Vohwinkel: Ihre Nerven sind hochgradig überreizt!“
„. . . Sie hat die Elfi zu dem Streich gegen mich willenlos gemacht und ihr vorgespiegelt, sie, die Elfi, müsse mir die Verirrungen meiner Ehe zehnfach heimzahlen und sich von mir befreien! Sie weiss natürlich auch jetzt gang genau, wo die Elfi steckt, und halt sie auf dem laufenden üben den Vernichtungsfeldzug gegen mich!“
„Sie müssen sofort zu Bett, Herr Vohwinkel!“
„Glückt die Kampagne, so werde ich hingerichtet. Oder verschwinde auf Lebenszeit im Zuchthaus. Finanziell ruiniert bin ich, im Vertrauen, schon jetzt! Was macht’s? Ein Mensch weniger! Es gibt ja so ’ne Masse!“
„Wenn Sie zu Bett sind, klingeln Sie der Schwester! Ja!“
„Ja glauben Sie denn, ich könnte jetzt hier krumm liegen und faulenzen, während draussen mein Fräulein Schwägerin mi rim Schweiss ihres Angesichts mein Grab schaufelt? Nein — ich werde ihr mal vor das Angesicht hintreten! Ich will sehen, ob sie meinen Blick aushält! Ich werde ihr auf den Zahn fühlen, was sie von den Geheimnissen dieses Sarges weiss! Und dann werde ich mir gestatten, dem Staatsanwalt zu melden: Fräulein Matteis gehört vor Gericht! Nicht ich!“
„Ich kann mich hier nur als Arzt äussern, und ich bin bei Ihnen für unbedingte Ruhe!“ Der Leiter des Sanatoriums Kleemüller schüttelte sein würdiges Haupt aus Hufelands Zeiten. „Was Sie vorbringen, Herr Vohwinkel, macht, klinisch beurteilt, einen durchaus pathologischen Eindruck! Schliesslich kein Wunder in Ihrer merkwürdigen Lage! Nun — nun, das gibt sich auch alles wieder mit der Zeit! Gibt sich! Halten Sie sich nur jetzt recht hübsch still auf Ihrem Zimmer! Verlassen Sie es nicht! Laufen Sie nicht unnütz in der Anstalt herum. Es regt nur Sie und die anderen auf! Na — ich schau’ später wieder nach! Morgen, Morgen, mein Bester!“
Der Sanitätsrat war geräuschlos wie ein Schatten zur Türe hinausgeweht. Christof Vohwinkel zuckte geistesabwesend die Achseln. Er hatte auf das Milchgeplätscher der vielen Worte gar nicht mehr hingehört. Er trat zu dem einzigen Fenster seines Gemachs. Er schaute nach dem grossen, grünen Garten des Sanatoriums hinaus. Die Bänke neben den Kieswegen, die Liegestühle auf dem Rasen, die Hängematten zwischen den Bäumen waren jetzt noch alle leer, die Patienten noch im Bad, in Wickeln, im Zanderraum, im Röntgenkabinett, in der pneumatischen Kammer, unter den Fäusten des Masseurs, auf der Wage, unter der Dusche. Es klopfte. Die Schwester brachte das Frühstück. Christof Voheinkel blinzelte sie misstrauisch an.
„Was für ein Schlafmittel habt Ihr denn in die Zichorie getan?“
„Aber, Herr Architekt!“
Die Pflegerin ging. Vohwinkel liess Kanne, Tasse und Teller unberührt. Er wartete, bis die leichten Schritte draussen auf dem Gang verhallt waren. Er lauschte in der tiefen Stille, als könnte jeden Augenblick draussen der schwere Schritt von Schutzleuten dröhnen, die kamen, um ihn zu verhaften. Er schaute, mit der fieberhaften Hast eines Mannes, dem plötzlich jede Minute kostbar ist, im Zimmer umher und suchte seinen Hut. Der breitrandige Künstlerhut war nicht zu entdecken! Den hatte die gute Schwester offenbar unbemerkt unter ihrer Schürze mit fortgenommen! Vohwinkel musste lachen: Jetzt, in der Junihitze, fiel in Berlin ein Herr ohne Hut wahrhaftig niemandem auf! Hoffentlich hatten sie nicht auch noch die Türe . . . Nein! Die Türe war offen. Der Architekt Vohwinkel schritt den ausgestorbenen Flur entlang zum Haustor. Dort steckte der Pförtner seinen bärtigen Kopf aus dem Seitenfensterchen.
„. . . Augenblick, Herr Architekt!“
„Nun machen Sie doch schon auf!“
„Ich will nur schnell dem Herrn Sanitätsrat melden, dass der Herr Architekt jetzt ausgehn! Ich weiss nicht, ob es dem Herrn Sanitätsrat recht ist!“
Christof Vohwinkel machte kehrt und ging in sein Zimmer zur ebenen Erde zurück. Stand unruhig und unschlüssig. Der Garten draussen war noch immer leer. Das Fenster lag ziemlich hoch. Herrgott — wozu war man denn Architekt — an steile Leitern und schmale Planken und Turnerkunststücke auf dem Neubau gewohnt? Er schwang sich über den Fenstersims, er fand, mit den Händen an ihm hängend, draussen in den Holzgevierten des Spalierobstes Stützpunkte für die Stiefelspitzen, er landete mit einem Plumps unten suf der weichen Erde, life schnell, quer über die Blumenbeete, durch den Garten an die Mauer, erkletterte einen Föhrenstamm bis zu deren Krönungshöhe, stand vorsichtig, mit derben Schuhsohlen, auf den eingemörtelten grünen Glasscherben und tat einen weiten Sprung hinunter auf die baumbeschattete, stille Seitenstrasse. Ein paar Leute, die da gingen, blieben starr stehen. Er winkte ihnen flüchtig mit der Hand zu: „Es ist nichts!“ und eilte den Weg entlang. An der Ecke atmete er auf. Da wollte gerade ein leeres Auto vorüber. „Halten Sie mal am nächsten Zigarrenladen!“ beorderte er und stieg ein. Und ein paar Minuten später dort, nachdem er sich ein paar teure Havannas eingesteckt hatte, im Telefonbuch blätternd, nachlässif zu dem diensteifrigen Verkäufer: „Ach — wollen Sie mir ’nen Gefallen tun — ja? Ich hör’ nämlich ’n bisschen schwer! Bitte rufen Sie doch mal die Nummer da an und fragen Sie, ob Fräulein Matteis schon draussen in der Fabrik ist!“
„Gerne, mein Herr!“ Der junge Mann verschwand und kam wieder. „Die Dame sei wahrscheinlich noch im Ausstellungsraum in der Stadt — sagt das Mädchen am Apparat!“
„Danke!“ Der Architekt Vohwinkel stieg wieder in den Wagen. „Los! Kurfüstendamm 710!“
Hinter mächtigen Glasscheiben standen da blitzblank poliert und lackiert die Musterexemplare der Automobilfabrik ehemals F. Matteis A.-G. Zwei jüngere Gents mit tadellosem Sakkoschnitt und Bügelfalte lehnten gelangweilt in diesen kundenlosen Morgenstunden an ihren Prunkwagen und wurden beim Erscheinen des schönen Mannes plötzlich stürmisch lebhaft.
„Sie interessieren sich für unsere neuesten Typen? Sehr schmeichelhaft! In welcher Art darf er sein? Ein leichter, wirklich leistungsfähiger Wagen? Mein Herr: Sie finden in ganz Berlin und in den Vereinigten Staaten nichts Besseres und dabei Billigeres als hier unseren diesjährigen Matteis-Six — Beachten Sie die schnittige Linienführung . . . Ein kleines Wunder an Zuverlässigkeit und Elegan!“
„Natürlich alle Schikanen!“ ergänzte der zweite Herr. „Hydraulische Stossdämpfer! Fünffach bereift! Vielleicht einmal eine kleine Probefahrt?“
„Mit diesem Wagen hat unser Fräulein Matteis neulich als einzige Dame punktfrei das tolle Bergrennen in . . .“
„Sagen Sie mal: könnte ich Fräulein Matteis nicht einmal selbst wegen des Wagens sprechen?“
„Leider nein, mein Herr!“
„Man sagte mir doch, sie sei augenblicklich hier!“
„Ja. Aber Fräulein Matteis befasst sich natürlich nicht persönlich mit dem Verkauf unserer Fabrikate!“ meinte der erste Gent höflich und etwas überlegen lächelnd.
Der Architekt Vohwinkel furchte die Stirne und schaute durch das Lokal.
„Ich kenne doch Fräulein Matteis! Mir würde sie schon den Gefallen tun!“ Er brach ab und horchte einen Augenblick. „Ich höre doch ganz deutlich da irgendwo ihre Stimme!“
„Fräulein Matteis telefoniert nebenan im Kontor mit ihrer Frau Mutter. Deswegen ist sie hergekommen. Ich glaube nicht, dass Fräulein Matteis zu sprechen sein wir. Sie ist heute durch irgend etwas sehr erregt!“
„Na — immerhin — wenn das Telefongespräch zu Ende ist, werde ich mein Glück versuchen! Wenn das gnädige Fräulein mich sieht — ich sage Ihnen ja — wir sind alte gute Bekannte . . .“
„Ja, Mama . . . Ich hielt es für besser, dich gleich noch von Berlin aus telefonisch vorzubereiten,“ rief in der Hörzelle des rückwärts von dem Verkaufsraum gelegenen Büros Male Matteis in das Sprachrohr, „statt dass ich dir draussen mit der unerhörten Geschichte ins Haus falle und ich erschrecke! Also jetzt habe ich dir alles erzählt. Jetzt hast du Zeit, dich zu sammeln, bis ich hinauskomme! Ich steige jetzt gleich in meinen Wagen! Wie? Ja. Ich bin überzeugt, dass er sie ermordet hat! Es bleibt gar keine andere Erklärung! Wenn du sein Gesicht gesehen hättest! . . . Nein. Leider. Verhaftet hat ihn der Staatsanwalt vorläufig nicht — nur in ein Sanatorium spediert! Wenigstens ist er da unter Aufsicht!. . . Also auf nachher. . .“
Male Matteis hängte ab, öffnete die Zellentür, machte halt. Sie konnte nicht über die Schwelle. Der Architekt Vohwinkel stand davor. Er hielt sie in dem engen Kasten gefangen. Die beiden saben sich in die Augen. Male Matteis war mehr zornig als erschreckt.
„Da hört doch alles auf. . .,“ sagte sie halblaut.
„Jetzt hab’ ich dich. . . Jetzt kommst du mir nicht von der Stelle. . .“
„Willst du mich auch umbringen, wie du meine Schwester umgebracht hast?“
„Lüge nicht!“ Der Architekt Vohwinkel beugte sich vor. Er flüsterte nur. „Du brings mich um — mit niederträchtigem Vorbedacht! Aber so leicht wirst du mit mir nicht fertig!“
„Lass mich jetzt heraus!“
„Du wirst mir jetzt Red’ und Antwort stehn!“
„Ich bin hier Herr im Haus! Ich rufe meine Leute!“
„Meinetwegen! Dann gestehe mir vor allen deinen Leuten, wo du die Elfi verborgen hältst!“
„Was?“
„. . . damit man, dank euch, mich köpft!“
„Bist du verrückt geworden?“
„Aber ich habe keine Lust, wegen euch aufs Schafott zu kommen! Ich habe keine Lust, wegen euch zeitlebens Tüten zu kleben! Ich habe keine Lust, wegen euch mir vorher ’ne Kugel vor den Kopf zu schiessen — wo ich doch unschuldig bin! Du weisst das! Du wirst mit jetzt die Möglichkeit geben, das zu beweisen! Du wirst mir sagen, wo die Elfi ist!“
„Mein Gott — im Jenseits — durch dich!“
„Wo hast du sie versteckt? Gestehe!“
„Wenn du den Unzurechnungsfähigen spielen willst, um deiner Starfe zu entgehen so probier’ dein Glück vor Gericht und vor den Ärzten! Hier, zwischen uns, unter vier Augen, hat die Komödie gar keinen Zweck! Also lass mich jetzt gefälligst vorbei . . .“
„Du bleibst! Du sagst mir jetzt, wo die Elfi ist . . .“
„Untersteh’ dich, mich anzurühren!“
„Da halt’ ich dich! . . .“
„Lasse mich los!“
„Mir ist jetzt alles gleich! Ich kämpfe um mein Leben . . .“
„Soll ich wirklich schreien! Soll die ganze Strasse zusammenlaufen?“
„Gib die Elfi her! . . . Ich habe Todesangst . . . Ich bin kein Held . . . Ich will nicht sterben . . .“
„Jetzt packt er mich noch am Hals . . . Hilfe . . . Gott sei Dank, Herr Ritter . . . Bitte, Herr Ritter . . . möglcihst keinen Lärm! Kein Aufsehen!“
Der eine der beiden jungen Verkäufer, die dem Architekten Vohwinkel gefolgt waren, fasste ihn von hinten unter den Ellebogen. Der zweite half ihn halten und winkte einem vom Hofe herstürmenden, nassen Wagenwäscher. „Holen Sie rasch ’nen Schupo!“ Male Matteis stand in der Mitte des Kontors. Sie war sehr blass. Sie glättete sich mechanisch mit der flachen Hand die Falten ihres weissen Kleids und griff sich in das Haar. Sie vermied es, ihren Schwager mit einem Blick zu streifen.
„Der Herr hier steht unter dem dringendsten Verdacht der gewaltsamen Beseitigung seiner Frau, meiner Schwester!“ sagte sie zu dem eintretenden Schupo. „Leider lassen die Behörden ihn noch immer frei herumlaufen . . . Und in dem Sanatorium, in das er kommen sollte, geben sie ihm offenbar auch den Hausschlüssel! Dabei ist er gemeingefährlich! Das hat er jetzt eben wieder geziegt! Wie? Sie bringen den Herrn zur Polizeiwache? Gut!“
Der schöne Mann zuckte die Achseln. Er ging ruhig und elastisch mit dem Schupo zu seinem draussen wartenden Auto und fuhr nach dem Revierbüro um die Ecke.
„Ich bin mir durchaus keiner Schuld bewusst!“ sagte er dort schnell und höflich, in leichtem Gesprächston, zu dem Wachtmeister. „Eine kleine Auseinandersetzung in geschlossenem Hinterraum, unter vier Augen, mit meiner sehr temperamentvollen, jungen Schwägerin! Mein Gott — das kommt in den besten Familien vor! Wenn die Dame mich verklagen will — sie kennt mein Adresse! Bitte hier meine Ausweise: Eigene Villa im Grunewald. Gültiger Pass. Letzte Steuerquittung von blödsinniger Höhe! . . . Das kein Haftverfahren gegen mich schwebt, hat die junge Dame selbst zugegeben. In einem Sanatorium geht natürlich jeder aus und ein, wie es ihm beliebt! Also was will sie eigentlich? Wissen Sie’s? Ich nicht! Ich bin also, nach Feststellung meiner Personalien, entlassen! Danke sehr! ’Morgen!“
Der Architekt Vohwinkel stand vor dem Polizeibüro. Es lag in einer Querstrasse, ganz nahe dem Kurfürstendamm. Der Taxameter harrte davor. Der Chauffeur, ein alter, ehemaliger Droschenkutscher, döste beschaulich vor seinem Steuerrad. Er fuhr von einem derben Hanschlag auf die Schulter empor. Sein Fahrgast stand hinter ihm in dem offenen Wagen und deutete auf die breite, noch morgenleere Fahrbahn drüben.
„Sehen Sie die junge Dame in Weiss, mit dem weissen Band am Strohhut, die eben vorüberfährt . . .?“
„. . . die da alleene im Wagen sitzt . . .?“
„. . . und selbst chauffiert! Hinter der fahren Sie her! Hier, Mann Gottes, haben Sie zwanzig Märker!“
„Nanu?“
„Dafür finger Sie folgendes: Sowie wir an rotes Licht kommen, stoppen Sie dicht neben dem Wagen drüben — oder besser noch unmittelbar dahinter . . . so dass ich aussteigen und mich schnell, ehe es weiter geht, neben die Dame in dem anderen Wagen setzen kann! . . . Wie? Nun dämmert’s Ihnen! . . . Also los!“
Es war noch zu früh für Verkehrsstockungen. Der Kurfürstendamm lag noch leer und verschlafen, nach dem brausenden Menschengewimmel, dem tausendfachen Gehupe der Autos, den taghellen Bogenlampen und laufenden Lichtbändern und blauen, roten, gelben elektrischen Girlanden der Mitternacht. Das Auto mit der jungen Dame un Weiss am Steuer glitt gleichmässig und flüchtig an den kritischen Strassenecken vorbei. Die Taxiroschke, ein ausgedienter Herrschaftswagen, rasselte kurzatmig, aber rüstig wie ein steinalter Renngaul, hinterher. Male Matteis merkte es nicht. Sie hatte keine Zeit, den Kopf zu drehen. Jetzt, gegen die Gedächtniskirche hin, wurde das Gerolle der Autobusse und Elektrischen dichter. Der kleine Wagen schlüpfte in Schlängellinien zwischen den Kolossen durch. Stoppte vor der fernen, breiten Brust des armespreizenden Schupos. Im selben Augenblick war der Taxameter neben ihm. Christof Vohwinkel sprang heraus. Die drei Schritte auf seine Schwägerin zu. Sie sah ihn . . . Sie sass hilflos. Sie konnte nicht vorwärts und nicht zurück . . .
„Ihnen hat wohl der Dokter Bewejung verordnet, det Sie hoer zu Fuss mang dem Fuhrwerk ’rumloofen!“ Ein Geschäftsbote schob sich mit seinem Dreirad zwischen die beiden Autos und trennte den Architekten Vohwinkel von dem Matteis-Wagen drüben. „Nu machen Sie mal fix Schlusssprung retour in Ihre Karre! Et jeht wieder los!“
Die kleine Wagenburg ruckte an und rollte. Vohwinkel hatte durch das Aussteigen Zeit verloren. Er sah den Strohhut mit dem weissen Band hundert Meter vor sich in voller Fahrt. Er hatte einen neuen Einfall. Er liess den Chauffeur in die Kurfürstenstrasse einbiegen. Er jagte ihn in Polizeiwidrigem Tempo durch das stille, von Verkehrsschutzleuten unbewachte Geheimratsviertel, über die Potsdamerbrücke, die Viktoriastrasse entlang nach dem Kemperplatz. Dort musste ihm seine Schwägerin auf dem eigentlichen Weg, der Tiergartenstrasse, in die Arme laufen. Kaum hielt er hinter dem Roland an der Ecke der Lennéstrasse, da sah er sie, inmitten eines ganzen Rudels sausender Wagen, herankommen. Sie umrundete vorschriftsmässig langsam, zur Hälfte das Denkmal in der Mitte: Sie musste jetzt an ihm vorbei. Nein. Sie hatte ihn bemerkt. Sie fuhr einfach den Kreis weiter, schwenkte, ihm den Rücken kehrend, rechts ab, durch die Bellevueallee schnurgerade in den Tiergarten hinein.
Der Architekt Vohwinkel konnte ihr nicht folgen . . . Er war durch das standing sich drehende Karussell immer neuer Autos von ihr getrennt. Er überlegte mit zusammengebissenen Lippen: Die Stockungen am Brandenburger Tor würde sie vermeiden. Sie würde längs der Spree hinaufjagen. Er fuhr in einem Sturmtempo nach der Alsenbrücke. Schnellte im Rücksitz des Taxameters empor: Da flitzte gerade vor ihm der Matteis-Six hinüber auf das andere Ufer. „Chauffeur: nun aber hinterher!“ Eine Jagd durch die Strassenzüge des Nordens. Christof Vohwinkel war nur noch zehn Meter hinter dem Wagen seiner Schwägerin — nur noch fünf — Sie wusste es . . . Sie schaute erbittert über die Schulter. Aber sie konnte nicht schneller fahren. Ein unbehilflich rumpelnder Mörtelwagen versperrte ihr den Weg. Der Architekt Vohwinkel lächelte siegesgewiss. Da türmte sich im letzten Augenblick vor ihm jäh das grosse, lähmende Verkehrshindernis Berlins: In der Mitte der Strasse, sie in zwei Hälften spaltend, hielt gemächlich die Elektrische. Sie hatte Zeit. Rechts am Bürgersteig stand, die Strassen-hälften sperrend, ein alter Gemüsekarren. Er hatte auch Zeit. Dazwischen war kein Raum mehr für dir Durchfahrt. Alles übrige konnte warten. Male Matteis war gerade noch vorher durchgewitscht. Ihr Schwager sah sie und ihren Wagen durch die endlose Invalidenstrasse hin immer kleiner und kleiner werden und verschwinden.
Das Mädchen in Weiss fuhr, ohne sich noch einmal umzusehen, dahin. Sie schwenkte in einem gewaltigen Bogen quer durch das ganze Berlin des Ostens wieder in der Richtung nach der Oberspree. Sie kam allmählich aus den Vorstädten hinaus, in das Bereich der Bauzäune, Sportplätze,
Müllstätten, Kiesgruben, der letzten freistehenden Mietskasernen, der einzelnen Fabriken auf freiem Felde.
Neben einer solchen russigen Hochburg von Schloten, Schuppen, Höfen, niederen Dächern lag eine rote Backsteinvilla. Das Gitter ihres Vorgartens öffnete sich vor dem Auto. Male Matteis hielt an dem Haustor und sagte im Aussteigen zu der Portierfrau:
„Mein Schwager fährt hinter mir her! Ich glaube, er will mich umbringen! Wenn er kommt, sagen Sie ihm, dass ich mich in keiner Weise vor ihm fürchte! Er soll also nicht gewalttätig eindringen, sondern sich manierlich bei mir melden lassen, wie es sich gehört!“
7
Male rannte die Treppe hinauf. Auf dem Flur hörte sie schon aus dem Salon die erhitzte Stimme der Mutter. Dazwischen das kräftige Kanzelorgan des Onkels Theodor, des Pfarrers aus der Altmark:
„Gott ist allwissend, Amalie, aber die Menschen nicht!“
„Wo der Hellseher mir doch damals genau gesagt hat, wie das gestohlene Teeservice aussah . . .“
„Das ist so echt euer Berlin! In die Kirche geht ihr nicht . . .“
„. . . wo er mir Stück für Stück beschrieben hat — die Silberkanne . . . das Sieb . . .“
„. . . aber zu solch abergläubischem Getue . . .“
„Ich hab’ mein Silber doch wieder!“
„Durch die Polizei!“
„. . . nachdem der Hellseher die nötigen Winke gegeben hat! Ich schwör’ auf den Strohmeyer!“
„Herr — vergib ihr!“ Der Pfarrer Schuh wandte sich mit einem Seufzen von seiner Schwester. Er war ein langer, dünner Mann mit einem ganz feinen, rosig zarten, in einer graublonden Vollbartwildnis kaum erkennbaren Gesicht. Frau Matteis war jünger al ser, Anfang fünfzig, mittelgross, beweglich, lebhaft wie ihre Tochter, auf die sie mit gerungenen Händen losstürzte.
„Male! Endlich! Da bist du! Um Gottes willen . . . Erzähle . . . Erzähle . . .“
„Ich hab’ dir ja schon alles am Telefon erzählt! Mehr weiss ich selbst nicht!“ Das junge Mädchen warf aufgeregt Hut und Handschuhe auf den Rundtisch, hinter dem auf einem Sofa die Tanten Minna und Aurelia sassen, die eine, das alte Fräulein Schuh, die Schwester ihrer Mutter, die andere, die Frau des Pfarrers, ihre Schwägerin. Der Polytechniker Schuh, deren Sohn, stand daneben. Da war noch die Primanerin Lotte und der junge Bankbeflissene Karl Matteis, Kinder des auch achon verstorbenen, vervetterten Kommerzienrats Matteis — alle teils ohnedies zu Besuch im Haus, teils telefonisch zusammengetrommelt, alle Aktieninhaber des Familienclans der Matteis-Automobil A.-G., alle Frauen und Jugendliche, ausser dem Wort Gottes vom Lande, dem gegenüber den Geheimnissen Berlins weltfremden Pfarrer Schuh. Male hielt sich, in dem allgemeinen Wirrwarr, die Ohren zu.
„Kinder — tut mir den einzigen Gefallen und schreit nicht alle durcheinander!“ sagte sie. „Mit dem Gerede und Gejammer um die Elfi kommen wir nicht weiter! Es muss gehandelt werden! Ich muss handeln! Ich bin der einzige Mann in der Familie! Verzeihe, Onkel Theodor — ich meine natürlich nur in solchen Abenteuern und Gefahren, wie sie jedem bevorstehen, der sich in diese dunkle Mordsache hineinmengt! Wie?“ Sie wandte sich zu ihrer Mutter. „Offenbar hat er sie in der Nähe von Fuensanta ermordet! Ich fahre sofort hin und stelle Nachforschungen an . . .“ Sie klingelte. „Laufen Sie rasch hinüber ins Büro, Martha!“ befahl sie dem eintretenden Mädchen. „Ich lasse Herrn Gilg, den spanischen Korrespondenten, bitten, sich sofort zu mir hierher zu bemühen! . . . Ja. Er hat die Elfi ermordet, Mama! Augenblicklich ist er hinter mir her, wahrscheinlich, um mich auch auszurotten! Er ist auf dem Weg! Er wird gleich da sein!“
„Um Gottes willen . . . die Polizei . . .“
„Die Polizei gibt ja ihren Segen dazu! Vorhin hat er mich schon in der Stadt am Hals gepackt gahabt und gebeutelt! Sie haben ihn auf die Wache gebracht! Da ist er wieder! Aus dem Sanatorium ist er auch ausgebrochen! Nichts gegen ihn zu machen! Nein — lass nur, Mama! Ich graule mich nicht vor ihm! Er soll nur kommen! Ihr braucht euch nicht jetzt schon unter die Stühle zu verkriechen! Ich empfange ihn unter vier Augen! Ich lasse ihn nicht aus dem Zimmer, ehe er mir gesteht, was er mit der Elfi gemacht hat.“
„Was sagt er denn bis jetzt?“
„Mit eiserner Stirne und schlecht gespielter Überraschung: Er wisse von nichts!“
„Und wenn er dabei bleibt?“
„Dann wüssen wir mit allen Kräften auf andere Weise die Wahrheit entschleiern! Wie, Mama? Dein Gedankenleser — von damals — mit dem gestohlenen Teeservice — ach — ich bitt’ dich — das ist ja reiner Unsinn! Herr Gilg!“ Male Matteis eilte dem eintretenden glattrasierten und respektablen Fünfziger entgegen. „Bestellen Sie Ihr Haus! Verabschieden Sie sich von Ihrer Familie! Sie müssen heute noch nach Spanien fliegen. Ich brauche Sie dort, weil ich doch kein Wort Spanisch verstehe. Ich komme mit achthundert Kilometer täglich im Auto hinterher. Bitte, schicken Sie mir mal gleich den Werkmeister, den Giesebrecht! Ich treffe mich mit Ihnen an der Pyrenäengrenze! Wie? Ja! Ich muss in Spanien das Rätsel des Verschwindens meiner Schwester lösen! Mama — lasse mich um Gottes willen mit deinem Hellseher Strohmeyer in Ruhe! Schreiben Sie mir genau die Route auf, Herr Gilg! Ich schicke Ihnen meinen Pass! Besorgen Sie die ganze Wirtschaft auf dem Konsulat! Verlieren Sie keine Minute! Ich hab’ jetzt nicht die Zeit, Ihnen alles zu erklären! Also auf nachher! Adieu! Adieu! —
„Herrgott! Ihr macht mich direct nervös mit eurem Gedankenleser!“ Male Matteis wandte sich zu der Mutter und den zappelnden Tanten. „Das weiss ich, dass der gute Mann drüben in der Frankfurter Allee wohnt — nur ’ne Viertelstunde mit dem Auto von hier! . . . Aber mir ist jetzt die Zeit wirklich für solche Kindereien zu kostbar!“
„Du hast recht! Das sind heidnische Experimente, aber nichts für gutr Christen!“ bestätigte der Pfarrer. Male warf ungeduldig den Kopf zurück.
„Du machst einen ganz rebellisch, mit deiner salbungsvollen Art, Onkel! Du erreichst gerade das Gegenteil! Ich bin ein ganz moderns Mächen! Warum sollte ich nicht an Hellseherei galuben? Ich tu’s bloss nicht, weil ich zu nüchtern veranlagt bin! Das ist mein persönliches Pech! Gott sei Dank, Giesebrecht: Da sind Sie! . . . Kommen Sie mal fix daher!“
Paul Giesebrecht, der Berufsrennfahrer der Fabrik, war ein breitschulterig untersetztes, langsames, nervenloses Geschöpf, Voll eherner Ruhe auf dem vollmondrunden, gutmütig bartlosen, hamsterbärtigen Antlitz mit den kleinen, schläfrig halbgeschlossenen Augen. Male nahm ihn vertraulich bei der Hand.
„Wir müssen zusammen nach Spanien fahren, Paule,“ sagte sie atemlos. „Wann? Heute noch! In ein paar Stunden! Richten Sie unseren mordsbesten Wagen! Wir lösen uns gegenseitig am Steuer ab! Dann kommen wir schon schnell genug durch Europa! Es ist ja jetzt im Juni so lange hell! Herr Gilg fliegt voraus! Auf Wiedersehen! Martha — packen Sie meine Sachen in den Autokoffer! Martha! Wo steckt denn wieder die Martha?“
„Es hupt draussen!“ verkündete die Primanerin Lotte bang.
„Es fährt ein Taxameter vor!“ Die Stimme des Pfarrers schwankte unsicher.
„Der Onkel Christof sitzt darin!“ schrie der Bankbeflissene.
„Er springt heraus!“
„Er läuft ins Haus!“
„Martha . . . sind Sie endlich da?“ sagte Male Matteis ruhig. „Herr Vohwinkel? Ja. Ich habe ihn schon gesehen! Führen Sie meinen Schwager in das grüne Zimmer! Ich komme gleich!“
Der schöne Mann stand stumm in der Mitte des Gemachs. Leise öffnete sich die Tür ein wenig. Males hübscher Kopf spähte misstrauisch durch den Spalt nach dem Besucher.
„Geh mal bitte bis zum Fenster hin!“ sagte sie. „So! Danke!“ Sie trat vorsichtig, auf den Fussspitzen ein und setzte sich hart neben der Türe auf einen Stuhl, den Blick immer fest, wie eine Löwenbraut im Käfig, auf den dunklen Schattenriss ihres Schwagers drüben vor der hellen Scheibe gerichtet.
„Bitte — nimm dort Platz! Auf dem Fauteuil neben dem Fenster! Komme mir nicht näher! Du erlaubst schon, dass ich der Vorsicht halber die Breite des Zimmers zwischen uns lege! Ich bin darin komisch! Ich hab’ es nicht gern, am Hals gewürgt zu werden. Auch nicht von den nächsten Verwandten! —
Was diese Art von Familienleben betrifft,“ Male Matteis öffnete, unter einem Stoss Zeitungsblätter, die sie in der Linken hielt, hervor die rechte Faust. In der Handfläche ruhte schussgerecht ein winziger Revolver. „Bilde dir nicht ein, dass das ein Kinderspielzeug ist! Das Ding ist scharf geladen! Es schiesst und trifft! Ich hab’ es auf den Lendstrassen immer im Auto mit! Das nur beiläufig! Du verstehst . . .“
„Ich habe gar keine Waffe bei mir!“ Der Architekt Vohwinkel murmelte es in einem müden, beinahe gleichgültigen Ton. Er sass, in der Haltung eines ganz erschöpften Menschen, am Fenster, die Hände auf den Knien ineinander gekrampft, bleich in dem hellen Tageslicht. Vonder Wand blickte, in Öl und Gold, der verstorbene Fabrikant Matteis, ein bärtiger, energischer Charakterkopf, auf seine hübsche Tochter und seinen schönen Schwiegersohn nieder. Der schwieg. Starrte vor sich hin. Es zuckte unstet über seine verstörten Züge. Sein Mund stand halb offen. Er schluckte zwei-, dreimal, bis er ihm gequält ein paar leise, gepresste Worte abrang.
„Ich weiss, Male . . . Du bist innerlich ein leidenschaftlicer Mensch . . . Bei dir geht alles tief . . .“
„Von mir ist nicht die Rede!“
„. . . wenn du auch nach aussen noch so kühl und flott auftrittst!“ Christof Vohwinkel holte sich sein Taschentuch heraus und trocknete sich den kalten Schweiss von der Stirne.
„Bitte — komm zur Sache!“
„Ich weiss, dass du mich hasst, so wie du eben hassen kannst — weil du die Elfi geliebt hast, so wie du lieben kannst . . .“
„Was willst du hier?“
„. . . und dass du sie furchtbar an mir rächen willst . . .“
„Ein Verbrechen rächt man nicht, sondern man bestraft es. Und das ist nicht meine Sache, sondern die der Gerichte, die dich unbegreiflicherweise immer noch auf Berlin loslassen . . .“
„. . . weil sie wissen, dass ich unschuldig bin! Und das weisst auch du!“ Der Architekt warf seiner Schwägerin einen verzweifelten Blick zu. In seinen weichen, südlich dunklen Augen flehte die stumme Angst eines gehetzten Tiers. „Du bist doch eine Frau! Du bist doch ein Mensch! Du kannst doch nicht kaltblütig, wider besseres Wissen, einen Menschen morden . . .“
„Ich?“
„. . . indem du behauptest, ich hätte meine Frau ermordet!“
„Sage doch, wo du während ihres Todes warst! Aha — du schweigst!“
„Sage du lieber . . .“ Christof Vohwinkel richtete sich, wachsgelb im Gesicht, langsam, wie ein erwachender Scheintoter auf. Male Matteis umfasste umwillkürlich, mit einem prüfenden Blick auf ihn, den Kolben ihres Damenrevolvers. „. . . Sage du lieber, ob du nicht in der Zeit, wo ich nicht dort war, in Fuensanta warst und im Einverständnis mit der Elfi ihren angeblichen Tod in Szene gesetzt hast!“
„Glaubst du immer noch an den hellen Unsinn?“
„Die Elfi selber ist ja zu so etwas unfähig! Du must ihr geholfen haben!“
„Warum bist du nicht, wenn du in dieser Geistesverfassung bist, im Sanatorium geblieben?“
„Du hast es dort fertig gebracht, den leeren Sarg zu verschliessen . . .“
Male Matteis stand behutsam auf, ging Fuss vor Fuss bis in die Mitte des Zimmers und legte die Zeitungen, die sie in der Hand hielt, dort auf den Tisch. Dann schritt sie rücklings, mit dem Gesicht gegen ihren Schwager, nach der Türe zurück und setzte sich.
„Es sind alte Nummern, vom vorigen Jahr, die daliegen!“ sagte sie. „Hole sie dir und lese sie bitte am Fenster! Du findest in jeder Nummer, durch acht Tage, meinen Namen als Teilnehmerin an der österreichischen Zuverlässigkeitsfahrt genannt. Es sind genau die Tage, in denen die Elfi, fern in Spanien, gestorben ist. In Linz bekam ich die Depesche und brach die Fahrt ab undd fuhr mit dem Schnellzug nach Berlin zu Mama. Vorher hatte ich vier Wochen ununterbrochen in Berlin trainiert. Jeder Mensch sah mich täglich in der Fabrik. Ich kann also unmöglich in dieser Zeit in Spanien gewesen sein. Ich war überhaupt nie dort. Ich spreche keine Silbe Spanisch. Ich habe keine Ahnung von den dortigen Menschen und Dingen. Leute, die dir glauben, dass ich in Fuensanta die Hand im Spiel hatte, wirst du allenfalls in ’ner Gummizelle auftreiben — aber sonst nirgends auf der Welt!“
„Ich werde bald selbst verrückt!“
„Aber dann spiele bitte nicht gegen mich den wilden Mann und versuche nicht, dein Schuldbewusstsein auf mich abzuwälzen! Das Unterfangen ist kindisch! Das musst du selbst in deinem ersten lichten Augenblick begreifen . . . Ich glaube, du hast jetzt gerade einen . . .“
„Ja. Ich sehe es ein . . .“ Christof Vohwinkel sprach mühsam, den Blick ins Leere. „. . . Ich . . . kann . . . diesen Verdacht . . . nicht aufrecht erhalten . . . diesen Verdacht gegen dich . . . Er kam mir so . . . in meinem Fieberzustand . . . Man klammert sich an einen Strohhalm . . .
Nein. Nein. Nein. Dann ist alles beim alten! Dann ist die Elfi wirklich tot!“ Der schöne Mann am Fenster schrie es auf. Er brach plötzlich zusammen. Er legte im Sitzen die Stirn auf die Knie. Er weinte hell wie ein Kind. Seine Stimme schluchzte erstickt. „Ich weiss ja, dass sie tot ist . . . tot . . . tot . . . tot . . .“ Der Architekt Vohwinkel stöhnte es auf. Er hatte tränenfeuchte Augen. Er schaute wirr zur Zimmerdecke. Er trommelte mit den Fäusten auf den Knien und sank plötzlich wieder wie ein zuckender Klumpen Kleider in einen neuen fassungslosen Weinkrampf zusammen. Seine Schwägerin beobachtete ihn forschend und feindselig vom anderen Ende des Zimmers. Sie schob dabei langsam ihren kleinen Revolver in die Seitentasche ihrer weissleinenen Jacke zurück.
„Nee — der Mann ist nicht mehr gefährlich . . .,“ versetzte neben ihr, wie aus ihren Gedanken heraus, eine halblaute Stimme. Der Rechtsanwalt Burhem war eingetreten. Er senkte den hageren, bartlosen Kopf zu seiner Klientin hinab. Auf seinen beweglichen Zügen zuckte jetzt nicht die gewohnte nervosa Ironie. Die klugen Augen hefteten sich durch den goldenen Zwicker durchdringend ernst auf den still weinenden Mann am Fenster.
„Laufen Sie Sturm!“ flüsterte er. „Er ist jetzt weich! Nutzen Sie die Zeit! Stellen Sie sich vor ihn hin! Reissen Sie ihm das Geständnis aus der Seele . . . So . . .“ Er folgte Male Matteis, die hastig aufsprang und durch das Zimmer auf den Architekten Vohwinkel zulief. Er satnd schutzbereit hinter ihr und schaute ihr über die Schulter. Sie beugte sich zu dem gebrochenen Mann auf dem Stuhl.
„Einmal muss es doch sein! . . .“ sagte sie entschlossen zwischen den Zähnen. „Warum quälst du noch dich und andere? . . . Sprich die Wahrheit . . .“
Eine wilde, entsetzte, abwehrende Bewegung unter ihr. Male Matteis schüttelte den Kopf. Sie beharrte, mit ihrer klaren, hellen Stimme: „Erleichtere dein Gewissen! Du hast dich doch in deinen eigenen Schlingen verstrickt! Du kannst die Widersprüche nicht aufklären! Es bleibt dir nichts übrig, als zu gestehen! Du wirst viel ruhiger werden, wenn du die Last von der Seele hast!“
„Ich war es doch nicht! Ich will nicht sterben!“ Die Stimme Christof Vohwinkels gellte durch das Zimmer. Er sprang empor. Er stand wildkeuchend da. Er griff sich mit der Hand zwischen Hals und Kragen, wie um sich in einem Ersticknungsanfall Luft zu schaffen. „Lasst mich in Ruhe! Verstanden? — Ich hab’ hier schon Leute um mich genug! Was wollen Sie denn auch noch hier, Sie Gerichtsschreiber oder wer Sie sind? . . . Ich brauche Sie nicht . . . Ich will allein sein! . . . Ich . . . ja . . . ich werde jetzt also wieder gehen!“ Der Architekt tat mechanisch ein paar Schritte zur Tür. „Mein Auto ist unten!“
„Meines auch!“ sagte der junge, blonde Referendar. „Der Untersuchungsrichter hat es sehr missfällig vermerkt, dass Sie heimlich das Sanatorium verlassen haben! Er wünscht, Sie daraufhin sofort einem Verhör zu unterziehen! Ich wollte mich, in seinem Auftrag, hier bei Ihren Verwandten, nach Ihrem mutmasslichen Verbleib erkundigen, und hatte die Chance, Sie gleich persönlich anzutreffen! Darf ich bitten, mir zu folgen!“
Christof Vohwinkel erwiderte nichts. Er ging schleppend, dumpf ergeben, mit gesenktem Haupt, ohne sich um die Anwesenden zu kümmern, über die Schwelle. Auf ihr verbeugte sich der blonde, junge Referendar korrekt nach rückwärts in das Zimmer und folgte ihm. Male schaute hinter ihrem Schwager her.
„Aus dem ist nichts herauszukriegen!“ sagte sie, in ihre Gedanken verloren. „Überhaupt hier in Berlin nichts! Nur an Ort und Stelle. In Spanien . . .“
Dann hefteten sich plötzlich ihre lebhaften braunen Augen betroffen auf den Rechtsanwalt Burhem.
„Und womit kann ich Ihnen dienen, Herr Doktor? Verzeihen Sie die Frage! Aber da ich alle Hände voll zu tun habe . . . Sie hatten doch in dieser Sache gestreikt . . .“
„Ja — aber — ich telefonierte vorhin schon vergeblich . . . Es handelt sich um meinen Sozius! Der Mann ist nämlich nicht ganz taktfest auf der Leber! Eine Nervenmühle wie den Fall Vohwinkel hält er nicht aus!“
„Komisch . . .“ sagte Male Matteis.
„. . . Dass der Dohmke nach Karlsbad muss?“
„Nein: Dass Sie dabei rot werden? Warum werden Sie denn rot?“
„Ich denke nicht daran!“
„Aber natürlich! Sie werden ja noch röter!“
„Lassen wir das bitte, gnädiges Fräulein!“
„Ich dachte, so abgebrühten Rechtsanwälten wie Ihnen könnte so was gar nicht mehr passieren!“
„Bleiben wir bei der Sache! Also es bleibt mir da keine Wahl: Ich muss nolens volens statt des Dohmke . . .“
„Ich dachte, Sie wären dazu viel zu blasiert! Sind Sie ja auch! Sensationsprozesse sind Ihnen ein Greuel . . .“
„Aber dieser nicht . . .“
„— ein Greuel — haben Sie selber heute früh gesagt! Also lassen wir’s bei Ihrer guten Absicht bewenden, Herr Doktor! Ich danke Ihnen schön! Ich will auch die Leber Ihres Herrn Dohmke nicht unnötig belasten! Ich finde schon noch heute, ehe ich wegfahr’, hier in Berlin einen wirklich schneidigen Rechtsanwalt während meiner Abwesenheit!“
„Aber, gnädiges Fräulein . . .“
„Ach — du grosser Gott! . . . Geht meine Armbanuhr richtig? Ja? Dann muss ich schleunigst hinüber in die Fabrik! Sonst gehen mir dort die Direktoren durch die Binsen! Wie? Ob Sie mitkommen können?“ Male Matteis sprang schon, zwei Stufen auf einmal, die Treppe hinab. „Wir haben uns doch eigentlich alles gesagt!“ Sie hastete mit blossem Kopf an der Garage hinter der Villa vorbei. „Nein? Noch nicht? Ja — was denn noch? Ob ich mir meine Ablehnung nicht noch überlegen will? Ja, warum denn?“ Sie eilte durch ein aufklirrendes Eisentor, dem salutierenden Wächter zunickend, in den Fabrikhof. „Vorhin hatten Sie keine Lust! Jetzt hab’ ich keine Lust mehr! Das ist doch furchtbar einfach!“
„Nein, Fräulein Matteis! Die Angelegenheit ist nicht einfach! Die Angelegenheit erfordert eine ganz gewiegte Kraft! Und zwar — entschuldigen Sie die Offenheit — keine andere als die meinige!“ Der Rechtsanwalt Burhem trabte atemlos nebenher und musste dabei schreien. Rings um sie beide donnerte jetzt und flammte und rauchte das Reich der Arbeit. Die Hämmer tanzten. Die Drehbänke sangen. Die Treibriemen surrten. Die Fräsmaschinen kreischten. Rotglut aus offenen Öfen und kalter Windzug durch offene Fenster schlugen ineinander. Purpurheisse Stahlstücke wanderten an Ketten durch die Luft. Weisse Augäpfel rollten in russigen Gesichtern. Male Matteis lief durch Hitze, Lärm, Pfützen, Staub, Rauch wie durch ihre gute Stube. Sie sprang elastisch über die Eisenbahnschienen am Boden. Sie schirmte mechanisch die Augen mit gespreizter Hand gegen das Funkensprühen der zischenden Schweisskolben. Sie deutete stehenbleibend mit dem linken Zeigefinger auf einen Motorblock und schrie, die Rechte als Sprechrohr an den Mund legend, durch den Spektakel einem Arbeiter etwas von Zylindern ins Ohr, das der Rechtsanwalt Burhem nicht verstand. Sie hatte seine letzten Worte gar nicht mehr gehört. Sie stürzte auf einen älteren Herrn zu, der in einem Hof eine Reihe von Eisenbahnwagen abschritt, und redete stürmisch auf ihn ein.
„Das war nämlich unser Finanzminister! Der schickt mir in einer Viertelstunde das nötige Kleingeld für die Reise hinüber!“ sagte sie, zu dem Verteidiger zurückkehrend, durch die plötzliche Stille hier im Freien, ausserhalb der Maschinensäle. „Diese Reise nach Spanien geht natürlich über mein Privatkonto. Ich nehme von der Fabrik nichts geschenkt!“
„Sie verdienen ja auch genug!“
„Da — bitte!“ Die Augen des jungen Mädchens glänzten. Sie wies auf die vielen Güterwagen hintereinander, von denen jeder eine Holzkiste von der Grösse einer Schlafkammer trug. „So geht das jetzt jeden Tag! Jeden Tag geht, alles in allem, ungefähr ein Güterzug mit Matteis-Sechs hinaus an unsere Kunden — alles unser neues Kleinauto, seitdem ich damit das Bergrennen gemacht hab’! Fein — was?“
Das junge Mädchen vergass für einen Augenblick Not und Drang des Tages. Sie schaute stolz durch ihr Reich. Und es war dem melanchlolischen Rechtsanwalt neben ihr, als sei sie selbst ein Stück dieses Reichs von Feuer und Stahl, eine schöne Blüte, die dieser heisse, zitternde Boden der Arbeit trieb, das Kind einer neuen Welt von Nerven, Kohlen, Massen, Muskeln, mit neuem Lebenswillen und neuem Ichgefühl. Sie stand jetzt etwas abseits im Gespräch mit dem technischen Direktor. Sie verhandelte mit diesem ungemütlich bestimmt aussehenden Herrn im langen Leinenkittel, dessen Wort sonst kurzer Befehl und blinder Gehorsam hiess, vertraulich und sachlich wie ein jüngerer Kamerad mit dem älteren, und trennte sich von ihm mit kräftigem Händedruck.
„Es muss nämlich jetzt jemand anderer statt mir die neue leichte Rennmaschine einfahren helfen!“ sagte sie, auf dem Rückweg nach der Villa, zu dem Rechtsanwalt Burhem. „Dumm — aber nichts zu machen! . . . Paule! . . . Paule!“ Sie winkte dem Werkmeister Giesebrecht, der an einem mächtigen Tourenwagen herumbastelte. „Denken Sie um Gottes willen an unsere Triptyques für Frankreich und Spanien! Schon beim Klub unterwegs? Na schön! Dann bin ich hier fertig!“
„Fräulien Matteis,“ begann Albert Burhem eindringlich, während sich die beiden dem Fabrikgitter näherten, „es klingt ja komisch, wenn ein Rechtsanwalt meines Kalibers sozusagen um Beschäftigung bittet . . . Ich wimmele mir ja im Gegenteil die Sachen ab, wo ich nur kann!“
„Ja. Das sagten Sie heute morgen schon!“ Male Matteis betrat zerstreut den Hofraum vor der Garage.
„Aber diese Sache heute macht eine Ausnahme! Diese Sache beschäftigt mich in einem Masse . . . Ich möchte diese Sache nicht aus der Hand lassen! Sie sollten mir deise Sache ruhig anvertrauen!“
Das junge Mädchen stand, ohne auf ihn zu hören, und betrachtete misstrauisch das kleine, dunkle Stadtcoupé, das eben, von dem Chauffeur gesteuert, dumpf tutend aus der Garage um die Villa herum nach der Vorfahrt rollte.
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