Kitabı oku: «Der arme Konrad. Roman aus dem großen Bauernkrieg von 1525»

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Rudolf Stratz

Der arme Konrad
Roman
aus dem grossen Bauernkrieg von 1525

Saga

Der arme Konrad. Roman aus dem großen Bauernkrieg von 1525

© 1914 Rudolf Stratz

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711506974

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

1

Da, wo in winterwelkem Dickicht die Waldecke bis an die Hochstrasse vortrat, stürzten sich, aus ihrem Versteck herausfahrend, die Wölfe unter die Herde.

Fünf graue, blitzschnell in heiserem Belfern dahinfahrende Schatten, vor ihnen, wirr auseinander stiebend, das Gestrudel weissgelber, zottiger Schafpelze, deren fünf fast im selben Augenblick schon hilflos unter den Zähnen der Räuber zappelten.

Angstvoll kläffend, mit eingezogenem Schwanz, stand abseits der Schäferhund. Sein Herr, der greise, in Wald und Heide vertrocknete Hirte, war geflohen, dem Hügel zu, wo auf angstvoll schnarchenden und tanzenden Rossen die Edlen mit ihrem Gefolge hielten.

Ganz vorn ein kleiner, stämmiger Herr, verwegene Kampflust auf dem derben, vollbärtigen Antlitz, über das ein paar mächtige Augen trotzig und streitlustig wie die eines Bergstiers hinflammten. Daneben ein langer, hagerer Geselle mit dunklem Schnauzbart in dem gebräunten Raubvogelgesicht.

Hinter ihnen die Knappen, wildes, narbengeziertes Volk aus aller Herren Ländern in zerbeultem Eisenkleid, dem man Wind und Wetter und Nachtlager im Walde von weitem ansah.

„Helft, liebe Herren — helft!“ schrie der Hirte im Heranlaufen.

Die Reiter hörten ihn nicht. Auf den scheuenden Gäulen hin und her geworfen, folgten sie johlend und jubelnd mit den Augen dem Einbruch der Wölfe.

In einer Reihe hintereinander zogen die jetzt wieder dem Walde zu, ein jeder seine Beute im Maule mit sich zerrend, ohne sich um den Lärm zu kümmern.

„Helft, lieber Herr — helft!“ flehte der Hirte noch einmal und fasste, sich an das Pferd des blondbärtigen Ritters drängend, dessen rechte eisengepanzerte Hand, die starr und kalt wie von Stein auf dem Sattelknopf ruhte.

Der Ritter stiess ihn zurück und winkte, die Hand erhebend, dankbar den Wölfen nach. Übermütige Freude glänzte auf seinem Gesicht. „Glück zu, ihr lieben Gesellen!“ jauchzte seine Donnerstimme — „Glück zu allerwege!“

„Glück zu!“ schrieen hinter ihm die Knechte und hämmerten misstönend mit den Schwertscheiden gegen die Schilde. Und auf jedem dieser Schilde — der zurückspringende Hirte sah es erst jetzt — glänzte buntgemalt das Wappen des kleinen, breitschultrigen Edlen da vorn: der reissende Wolf, der eilfertig mit dem Lamm im Rachen abseits trabt!

„Wahrlich, Selbitz, das heisst ein gutes Zeichen!“ frohlockte der Ritter — „nichts Lieberes konnt’ mir diesen Abend werden —“ und sich zum Schäfer wendend, fuhr er fort: „Wes ist die Herde?“

„Dem hochwürdigen Abte zu Lorsch!“ erwiderte der Alte, und ein neuer Jubel brach in der Schar der Reiter los.

„Dem Pfaffen beim Weschnitztal?“ Der Ritter lachte herzlich. „Grüsse die Mönche von mir! Sprich: Es ist an dem, dass die schwarzen, die braunen und weissen Schafe geschoren werden! Der gemeine Mann ist aufgestanden in deutschen Landen. Allerorten im heiligen Reiche hängt der arme Konrad am Glockenstrang und läutet Sturm, reckt seinen Bundschuh an langer Stange auf und lässt das Zieroldgeschrei dahinfahren. Ist’s so oder nicht?“

„Ja, Herr!“ sprach der Schäfer finster. „Ich bin ein alter Mann und versteh’ das neue Wesen nicht! Aber es ist auf dem ganzen Odenwald eine Rottierung von Sturmhaufen, gleichwie wann die Bienen stossen. Und tun die Bauern ganz freudig — lassen sich hören, sie wollten den Pfalzgraf samt Bischöfen und Fürsten und wer ihnen mit reisigen Zügen beikäme, stracks erwürgen.“

Der Reitersmann ob ihm schlug lachend mit der Eisenfaust an sein Schwert und spornte das Ross zum Weitertraben. „Jetzt heisst’s, sich in die Händel schicken! Ein Frommer vom Adel wischt nicht leicht unters Eis, solange ihm das Schwert zuhanden ist. Aber den Fürsten und Pfaffen soll die Weile nicht lang werden, wann ihnen die Bauern durch die Häuser laufen und ihren Mutwillen treiben!“ Und noch einmal im Galopp sich im Sattel umwendend rief er zurück: „Die Zeiten begeben sich geschwinde! Jetzt sind die Wölf’ im Lande Meister! Und was nicht reissen und beissen kann, selbes muss Wolle lassen! Das melde dem Hochwürdigen in Lorsch! Solch neue und heftige Zeitung schickt ihm der Pfaff’ und Fürsten Freund — der Götz von Berlichingen auf dem Hornberg! — — —“

Gewaltig klangen und klagten, indes die Reisigen weiter über die Hochstrasse dahinritten, von allüberallher die Glocken. Wenn der Frühlingssturm einen Augenblick damit einhielt, durch die schauernden Tannenwipfel zu rauschen, dann tönte es in wildem, eilfertigem Gebimmel durch die Luft. In blechernen Klängen hallte es von den Dorfkirchen und in das zornige Gezeter zitterte angstvoll aus weltverlorenen Klöstern und hochgelegenen Schlosskapellen wie ein letzter Hilferuf das Abendläuten der untergehenden Sonne nach, während von dem fernen Heidelberg dumpf dröhnende Turmschläge herüberhallten.

„Die Bauern läuten einen bösen Sonntag ein,“ murmelte Hans Selbitz, „und ich vermeine: es wird ihnen diesmal besser glücken, als wie sie vor Jahren den Bundschuh aufwarfen und den armen Konz!“

„Lieber,“ sprach der Götz ehrlich, „wahr ist’s: Es schweisst den Bauern der Zahn gewaltig nach der Beute! Aber ich bang’ mich vor ihnen nicht! Ist ein leichtfertig und ungeschickt Volk und läuft vor einem mannlichen Ritterzug als der Has’ vor den Rüden.“

„Und doch heisst’s,“ meinte der Selbitz nachdenklich:

„Kein Messer niemals härter schiert,

Denn wann der Pauer Meister wird!“

„Ei — es soll auch scheren!“ lachte der Götz. „Aber nicht uns, Lieber — die Armen und Frommen vom Adel, die’s mit den Bauern halten — sondern die grossen Hansen, die Fürsten und Bischöfe. Wahrlich, die haben uns trefflich genug geschabt und gezwackt die Zeit — mögen nun zusehen, wie sie ohne den freien Ritter die aufrührerischen Gesellen bestehen!“

„Und ich mein’ doch,“ erwiderte der Selbitz hartnäckig, „wenn der gemeine Mann also überhand nimmt, so zahlen die Pfaffen die Morgensuppe, die Fürsten den Mittag und wir vom christlichen Adel das Nachtmahl —“

Der Götz war nachdenklich geworden und erwiderte nichts. Schweigend trabten sie weiter.

Auf der einsamen Hochstrasse kam ihnen, in seinen dunklen Wettermantel gewickelt, auf abgezehrtem, müde stolperndem Rosse, ein Reitersmann entgegen. Ihm folgten keine Knappen. Nur ein halbwüchsiger Bube lief nebenher und schleppte Schild und Lanze. Das Kleid des fahrenden Gesellen war von Regengüssen vergilbt, von Dornen zerfetzt, und wenn der Wind es lüftete, glänzte verrostet und zerschrammt der geringe Harnisch. Ein Eisentopf ohne Federn und Zierat bedeckte sein Haupt. Darunter fielen lange schwarze Haarsträhnen auf das bartlose, hagere Gesicht. Wind und Wetter hatten dies trotzige Antlitz gebräunt, Not, Kampf und Leidenschaft tiefere Furchen darin gezogen, als den dreissig Jahren des Fremden anstand, und düster schauten aus ihm die dunklen Augen in die Weite.

Der Berlichinger schirmte im Näherreiten mit der Hand die Wimpern, als wollte er dem Bilde nicht trauen. „Ist er’s, Selbitz?“ sprach er zweifelnd. „Oder blendet mich die Sonne, dass ich da einen, der in des Pfalzgrafen Acht und Bann ist, mit leiblichen Augen nach Heidelberg reiten seh’?“

Auch der Selbitz war ungewiss. „Seid Ihr’s, Schwager?“ schrie er, sich im Sattel aufreckend. „Seid Ihr’s, Felix von Trugenhoffen, oder nicht?“

„Ich bin der Felix Trugenhoffen!“ erwiderte der Fremde gleichgültig und ritt heran. „Gott grüss Euch, Schwager Berlichingen — und Euch, Selbitz!“

„Von wo kommt Ihr?“ fragte der Götz verblüfft.

„Vom Schweizerland. ‚Was Sporen trägt, muss sterben!‘ haben die Bauern allerwärts geschrieen. Bin ihnen aber doch entritten.“

„Und werdet um einen Kopf kürzer gemacht!“ sprach der Götz. „Ihr seid doch landflüchtig, Lieber, wie die anderen Ritter, die vorm Jahre mit dem Sickingen wider die Fürsten und Bischöfe hielten!“

„Und Trughof, Euer Burgstall am Neckar, ist ausgebrannt bis auf die Mauern!“ ergänzte der Selbitz. „Und in die Acht seid Ihr deklariert, Schwager, als offener, gemeiner Landfriedensbrecher?“

„Freilich.“ Ein wildes Lächeln glitt über das Gesicht des Fremden. „Mir geht’s, wie’s Euch aller Tage gehen kann! Die Pöne des crimen laesae majestatis ist manchem widerfahren. Hat aber nicht viel gefehlt, so waren dem Sickingen vorm Jahr Kurhut und Kaiserkrone, und wir hätten, was uns not tut, ein einig Reich vom Adel!“

„Die Fürsten sind stärker!“ Herr Götz wiegte nachdenklich das buschige Haupt. „Die vermaledeiten rheinischen Pfaffen. Mit der Mainzer Arkeley haben sie den grossen Sickingen zu Tod geschossen auf dem Landstuhl ...“

Der fahrende Geselle nickte. „Ja,“ sagte er düster. „Ich war dabei, wie er ausgeatmet hat. Jetzt hab’ ich unten bei den Schweizern meinen Freund, den Ulrich Hutten begraben. Sie gehen hin. Einer nach dem andern.“

„Wie soll sich ein ehrlicher Ritter halten?“ Götz von Berlichingen seufzte. „Unten muckt der Bauer mit seinem armen Konrad, oben druckt der Fürst mit dem schwäbischen Bund. Wir Freie vom Adel aber stecken dazwischen wie der Fuchs im Eisen. Gott besser’s!“

„Es wird nicht besser!“ sagte der fremde Reitersmann. „Es geht zu Ende. Wir sind die letzten Ritter. Ein neues Wesen kommt in die Welt. Davor kann Sporn und Tartsche nicht bestehen. — ‚Es ist eine Lust, zu leben!‘ hat der Hutten gerufen und ist doch Todes verfahren. So geht’s uns allen. Unsere Sonne steht schon tief im Westen. Noch einmal blühen in unseren Zeitläuften die alten Geschlechter in Schwaben und Franken und tun sich freudig hervor. Aber die Nacht ist nah!“

„Nein!“ Der Götz richtete sich hoffnungsvoll in den Bügeln auf. „Die grossen Hansen mögen manch alt ehrlich Geschlecht unterducken und an den Bettelstab richten, wie sie Euren Burgstall in Steine gelegt und Euer Land genommen haben — aber unser Reuterei und Gewerb werden sie mit all ihrem widerwärtigen Praktizieren nicht abtun. Müssen doch nach langer Furie ablassen und ist der Torheit ein Ende!“

„Ach, Götz!“ sagte der andere. „Ihr wisst ja nicht, was ich meine. Es ist nicht mehr an dem, dass man aus einem liederlichen Schlösslein heraus sein Ärgernis und Reuterspiel treibt, sich die Kappen bis über die Nase zieht und vermummt hinter den Hecken reitet ...“

Der von Berlichingen liess ihn nicht ausreden. „Doch, Schwager!“ rief er. „Es ist besser, hinter der Hecke handeln als davor! Ich hab’ Euren Vater noch gekannt. Der hat Euch als Säugling nach Frankenbrauch Kohlen und Würfel in die Wiege gelegt, auf dass Ihr ein abenteuerlicher deutscher Ritter würdet ...“

„Das bin ich geworden!“ Der finstere Geselle lächelte. „... Bin auf und ab geritten, hab’ mehr vom Leder gewonnen und gehandelt als mir lieb ist, aber ich meine doch: es hat ein Ende mit unserer Ritterschaft und ich bin froh, dass ich meines Stammes und Namens letzter bin, Schild und Helm hinter mir vergraben werden und alles mannlich Geschlecht der Trugenhoffer mit mir dahingeht.“

„Und wenn Ihr das meint, warum seid Ihr dann mit Gefahr Leibs und Lebens wieder hier?“

„Ich will’s Euch nicht verhehlen,“ sprach Ritter Felix. „Zu Wesen am Walensee ... da hab’ ich einen verrittenen Bruder aus den Sickingenschen Händeln getroffen, Ihr kennt ihn: den Rennehart von Neudeck. Den hatten sie damals wie eine wilde Sau gefangen und nach Heilbronn in den Turm geschickt. War aber ausgekommen und zu den Eidgenossen geflohen. ‚Ei, Trugenhoffen, lebst du noch?‘ fragt er mich. ‚Dass dich Botz mag! Es geht die gemeine Rede, du seist längst tot. In einer schlechten Herberg’ zu Basel von den Reisläufern erstochen.‘“

„Ich hab’s auch gehört!“ nickte der Götz.

„Frag’ ich: wer lässt das Geschrei ausgehen? — spricht er: Die Heerdegen von Hirnsheim. Ist’s so?“

„Ja. Die drei Heerdegen wollen Euch nicht wohl, Felix, die wollen Euch übel.“

„Sommer die Feifel ja!“ knurrte der Selbitz. „Ihr habt sie hart verdrossen und es ihrer Schwester, der Madlene, wie ein Nigromanta mit schwarzen Künsten angetan! War in dem armen kleinen Haus Hirnsheim Aufreitens und Heimwesens genug von Grafen und Herren. Die hätten aber lieber des Wasenmeisters Gäste sein können. Und wer die Madlene um Bescheid anging, hat sie sich vernehmen lassen: ‚Herr! Ihr habt schöne Rosse. Lasst sie mich auch mal von hinten schauen!‘“

„Das heisst,“ ergänzte der Götz, „wie der karge Abt von Ursperg spricht:

‚Der Mist und die Gäst’

Sind im Feld zum best’.‘“

„Da haben die Brüder sich endlich in die Handlung geschlagen, haben eine sichere Botschaft vorgewiesen, Ihr seiet des Tods vergangen, zum alten Haufen hingefahren und davon. Sprach die Madlene: ‚So lasst mich in ein Kloster gehen. Da drin will ich bleiben! ...‘“

„Sie haben’s aber nicht gelitten?“ fragte der fahrende Ritter rasch ... „... wie ich berichtet bin!“

„Beim lausigen Wams von Dornheim — nein! Sie haben’s nicht gelitten. Haben die Madlene in die Ehe gegeben, dem Wolframsteiner. Dem hält sie seit einem Vierteljahr Haus. Der könnt’ ihr Vater sein.“

„Und hat sie doch genommen?“

„Ein alter, böser Kriegsmann!“ Selbitz nickte anerkennend. „Ein bescheiter, listiger und geschwinder Herr, riesengross und stark wie ein rechter Schwab, viel umgetrieben in allen Ländern und Meeren. Wenn solch ein reicher aufrechter Freiherr mit seinem ganzen lustigen Ritterzeug recht freundlich und popularis vor einem verfallenen Waldhaus aufreitet, wo sie des Sonntags frisch Wasser zu Brot und Rüben trinken, da hat er bald die Braut hinter sich im Sattel. Da haben sich ihre Brüder, die Heerdegen, nicht zweimal fragen lassen.“

„Was hat er denn gefragt?“

„Er hat gesagt: ‚Unter zweiundzwanzig Gräfinnen hab’ ich die Wahl; aber ihrer fürbindigen Schöne wegen und über alle Massen guten Zucht und Gebärden bitt’ ich von Euch Jungfer Madlene, Eure Schwester, zur Hausfrau. Die hat mir so gut gefallen, dass ich sie ohne alles Heiratsgut übernehmen, ihr auch alle Kleidung geben will. Des zum Zeichen sollt Ihr sie mir in einem langen Hemd überantworten.‘ So ist’s dann auch geschehen, wie er’s selbst begehrt hat!“

„Und ich bin also recht berichtet gewesen!“ sagte Ritter Felix. „Ich dank’ Euch, Schwager Hans!“

„Da seid Ihr der Madlene wegen gekommen?“

„Ihres Hausherrn wegen!“ Der fahrende Geselle lachte hart auf. „Wenn sie nicht mein ist, soll sie keines andern sein! Den Wolframsteiner will ich bestehen, nicht im Schimpf, sondern im Ernst, und es ihm und dem Heerdegen nicht für gut halten, dass sie uns so geäfft haben. Wann die Läufte wieder stiller geworden, scheidet er von der Erd’ ab oder ich. Auf den Tag gehört er mir zu und soll mir den Vortanz lassen. Und sollt’ ich auch mein Leben darum darzustrecken und verlieren!“

Der Götz lachte bei dem Gedanken an eine Fehde zwischen dem irrenden Reiter und dem reichen Herrn. Hans Selbitz aber wurde ärgerlich. „Es ist genug gegackert!“ schrie er und zügelte, volle Ungeduld auf dem braungebeizten Geiergesicht, sein tänzelndes Pferd. „Mach voran, Götz! Die Nacht fällt ein, die Rosse sind müd’; wir haben noch lange Reise bis zum Hornberg!“

„Kommt Ihr mit auf mein Haus, Schwager Felix?“

„Nein!“

„Alsdann ... viel selige Zeit, Schwager Felix!“ Götz von Berlichingen hob, zum Abschied winkend, seine eiserne Hand. Krachend und rasselnd fuhr der Zug der Heckenreiter in die Tiefe.

Es dämmerte stark. Der Nachtwind strich mit herben Flügeln über die Höhen des Odenwaldes, dass die kahlen Bäume schauerten und welkes Laub über den weissdampfenden Boden hintanzte. Der Gaul wurde unruhig und schüttelte sich vor Frost. Aber der einsame Ritter achtete nicht darauf. Hochaufgerichtet schaute er finster in die Ferne, und es zuckte um seine Lippen. Hans Waldvogel, sein Junge, ein dunkeläugiges Bürschlein von vierzehn Jahren, das einst in einem welschen Tal der Schweiz von seinen Ziegen weg ihm zugelaufen war und seitdem wie ein Hund folgte, kauerte am Boden und schaute erwartungsvoll auf seinen Herrn.

Endlich besann er sich. „Bist müde, mein Bub’?“ fragte er freundlich. „So steig auf den Baum da, dass du vor den Wölfen ohne Sorgen bist, und bind dich fest und schlafe und lauf mir morgen nach. Ich aber reite die Nacht durch, dass ich mit der Sonne in Heidelberg bin!“

2

Durch die Rheinebene hin trabte eilfertig ein junger Priester, verstörten Angesichts, in eine schwarze Kutte gehüllt. Hinter ihm, in ehrerbietigem Abstand, ein gewappneter Ritter und drei Knechte.

„Da sind die Türme von Heidelberg!“ rief der Kanzler Dalberg. „Gnädiger Herr — in einer Viertelstunde sind wir bei Eurer Gnaden Bruder, dem Pfalzgrafen.“

Bischof Georg von Speyer drehte sich um und schaute nach seinen Landen zurück, aus deren Mitte sich, hell im Morgensonnenschein emporgewölbt, der ehrwürdige Kaiserdom erhob. „Gott sei gepriesen!“ keuchte er. „Die Gefahr ist vorbei! Wenn man so gemächlich reisen darf“ — er wies nach vorn — „wie der Reiterzug da vor uns, so kann es hier um die Stadt Heidelberg mit der Bauern Stürmen noch nicht so heftig bestellt sein!“

Ein riesiger Recke ritt da auf hochbeinigem, goldbraunem Hengst, von einer langen Knappenreihe gefolgt. Über den kunstreich mit Gold und Silber getäfelten Harnisch wallte von dem verwetterten, grimmigen Gesicht ein langer, eisgrauer Bart herab. Darunter verschlangen sich zwei schlanke Hände. Dicht an ihn geschmiegt sass hinter ihm ein blondes, junges Weib im Sattel und schaute träumerisch nach rechts und links in das Saatengrün und Himmelblau und das Glitzern und Prangen des Frühlings.

Der stolze Kirchenfürst jagte, ohne die beiden anzuschauen, vorüber. Er scheute sich, erkannt zu werden als ein landflüchtiger Mann, der Hilfe suchend mit einer Handvoll Knechte dahinritt.

Der andere Zug trabte hinterher.

„Lieber Herr!“ sprach das junge Weib nach einer Weile. „Reitet nicht so geschwind! Es stösst mir das Herz ab!“

„Ei was!“ Der Recke warf einen sorgenden Blick nach rechts und links und stiess dem Hengst die goldenen Sporen in die Flanken. „Halt dich fest! Wird dir nicht gleich das Herz verdrucken! Die Zeit tut not. Es begibt sich grosser Lärm am Rhein, im Lande Schwaben und der Pfalz. Und wer sich auch nicht um des gemeinen Pöbels Murbeln kehrt, sieht doch: der Handel kommt allzu grob an den Tag!“

Das junge Weib klammerte sich fester an ihn an. „Man merkt’s: Ihr seid kein Frauenmann!“ stiess sie atemlos im Jagen hervor. „Setzet mich hinter Euch, haltet mich wie einen Beutepfennig aus dem Türkenkrieg und kümmert Euch nicht, ob ich auf laufendem Ross verzucken und vergehen muss. Ihr seid ein grober, rauher Mann! Was es für Gestalt um uns Weiber hat, darein werdet Ihr Euch nie schicken!“

Von hartem Zügelriss pariert fiel das Pferd in Schritt. Es dampfte und sein Reiter blickte finster drein. „Du schöpfst dir trefflich ein Gemüt, Madlene!“ knurrte er, ohne sich umzuschauen. „Belferst tagaus, tagein wider deinen Herrn und Hauswirt ...“

„Der ist’s mit meinem Willen nicht geworden! Das ist uns beiden nicht unbekannt.“

Jetzt wendete sich Herr Wolfgremlich doch im Sattel und schaute zornig unter buschigen Brauen in Madlenes vom Ritt erhitztes Gesicht, um das zerzaust die langen Locken spielten. „Wir sind ein Paar Ehevolk,“ gebot er leise und nachdrücklich, „... und bleiben’s! Und sollst keinen anderen in Sinn und Gemüt haben, wenn ich dir gut bin.“

Sie lächelte müde. „Die Gedanken ... die fliegen als die Schwalben im Herbst! Die meinen gehen weit fort ... weiss selbst nicht, wohin ... kenn’ das Land nicht; aber ich werd’s einmal schauen, wenn Gott mir mein Stündlein rüstet. Des tröst’ ich mich!“

„Und an wen denkst du dort?“

„An den, der schon hinüber ist! Den die Reisläufer in Basel erstochen haben in einer schlechten Herberge. Weil er tot ist, darf ich’s sagen. Und ich möcht’ auch tot sein und bei ihm!“

Der Hengst machte, von unvermutetem Sporenhieb getroffen, einen mächtigen Satz und wieherte zornig auf. Die Stimme des Freiherrn klang wie Bärengrollen. „Hab’ ich’s dir nicht verboten,“ knirschte er, „an den verlorenen Gesellen zu denken?“

„Ich hab’ nun einen seltsamen, unverträglichen Kopf!“ Madlene schaute über seine Schulter hinweg in die Ferne. „Ich denke eben doch an ihn. Ich will Euch ja nicht betrügen und Euch kein Storchennest zeigen. Ich meine nur, der Allmächtige gibt einmal uns beiden die ewige Freud’. Es hilft ja keine Stärke, keine Geradigkeit! Es geht zu seiner Zeit alles dahin, wie der Rauch; letztlich nimmt uns der Tod gar hin!“

„Aber noch leben wir, Madlene, und ich bin der Sache nicht zufrieden! Ich weiss ja wohl: ich bin ein frommer grober alter Schwab’ und in Weiberhändeln nicht so behend wie der Franzos, aber doch noch ein aufrechter, reuterischer Mann und empfang’ ein bitteres Missfallen an deinem Wesen! Ganz beschwerlich bist du ... ganz unleidentlich ...“

„Ei — warum habt Ihr mich dann genommen?“

„Ja, warum?“ Der Recke seufzte. „Deine Brüder waren langsam und liederlich in deinen Sachen, Madlene, haben’s verabsäumt, dich zu verheiraten, — ihrem Stamm und Namen wenig Ehre eingelegt. Da bin ich von ohngefähr dazu gekommen, hab’ dich gesehen und bei mir gedacht: eine christliche Hausfrau ist eine Gab’, die sich ins Schwabenland fügt und einen Schwaben so wohl als eine schöne Straussfeder ziert! Es ist der Welt Lauf. Die Alten haben den Cupidinem mit verbundenen Augen, als ob er blind sei, gemalt!“

„Da haben die Heiden aber wohl getan!“ sagte Madlene. „Ich war auch blind!“

„... Dass du deinen Brüdern gehorcht hast und dich mir zuführen lassen — eine arme Jungfer und Waise ohn’ alle Zugab’ und Heiratsgut, ohne Aussteuer und Abfertigung und ...“

„Fröle Annele von der Frölichsburg.“ Madlene sprach mehr zu sich als zu dem Recken vor ihr. „... Die ist mit ihres Vaters Bäcken in die Fremde davongezogen und beide im Elend gestorben, der Gesell und sie. Gott helf’ ihr! So will ich’s nicht treiben. Ich will mich halten. Mein Gesell ist tot, kann mich nicht ins Übel führen. Aber eben darum muss ich an ihn denken mein Leben lang ...“

„Nun aber wahr’ dich,“ — Herr Wolfgremlich ballte vor Zorn die Fäuste über den Zügeln — „oder es gibt rote Ohren und zerstrobeltes Haar!“

Aber Madlene erschrak nicht. „Es steht ein verschlossenes Klösterle oben im Odenwald,“ sagte sie. „Da hab’ ich hinein wollen und Mariä Leid tragen mein Leben lang, als eine gottesfürchtige und vielbetende Klosterfrau. So wär’s recht gewesen und der Handel gut geschlichtet. Schau, da seid Ihr vors Haus geritten ...“

„Und hab’ dich weggenommen von deinen vollen, verspielten Brüdern, wie sie dagesessen haben in dem verfallenen Torstüble und mit ihren Ofenheizern und Buben gewürfelt und gesoffen, und hab’ dich aus der Not herausgefischt und all dem Strudel ...“

„Ja, Herr! Das habt Ihr! Aber ich dank’s Euch nicht!“

„Halt’ ich dich nicht gut und in Ehren?“

„Ja, Herr!“

„Hab’ ich dir nicht zwei welsche Pfauen geschenkt, wie sie die Pfalzgräfin selber kaum hat?“

„Ja, Herr!“

„Ist nicht unser Haus so fest und schön wie keines und sitzen mir nicht dahinter die Bauern auf Stunden weit in Zins und Gülte?“

„Ja, Herr!“

„Und wenn wir heute in Heidelberg einreiten, Madlene, lass’ ich dir ein Osterlamm zurichten, ganz artig mit Maienschmalz und Mandeln, hin und her vergoldet und mit den besten Farben angestrichen, dass das ganze Frauenzimmer vom Adel dich vor Neid scheel ansieht! Also was willst noch?“

Das junge Weib lächelte schmerzlich. „Lieber Herr,“ sprach sie. „Ich bin solcher Sachen nicht zufrieden! Möcht’ lieber mit Tod vergehen oder im Kloster liegen als ein schönes Haus haben mit welschen Pfauen und einem güldenen Osterlamm. Das freut mich nicht!“

Jetzt konnte sich der Recke nicht mehr halten. „Wohl ufher in Teufels Namen, dass dich alle Plagen angangen!“ brüllte er und setzte sein Pferd in Galopp. „Ich bin kein Dockemändle, dass du so zu mir sprichst! Sei froh, dass ich nicht mehr in meiner Jugend bin und ein wilder Herr. Sonst wollt’ ich dich zerzausen wie einen Hasenbalg mit deinem Klösterle und dir die Kutten erschwingen, dass nicht viel Staubs darin bleibt! Jetzt aber imponiere ich dir Silentium, bis wir einheimisch kommen. Das merk dir wohl!“

„Wann Ihr mich nicht fragt, Herr, so bin ich still. Wann Ihr mich aber fragt, so sprech’ ich, wie mir ums Herz ist, heut und morgen!“

Stumm ritten sie dahin und schwere Seufzer wölbten die Brust des Recken.

„Warum hast du dich in die Ehe getan?“ dachte er bei sich. „Es geht ein falscher Würfel in der Sache um und was die Alten gesprochen, dass die Weiber lange Kleider tragen und kurzen Sinn — das bescheint sich mir jetzt. So viel bin ich herumvagiert und hab’ meinen abenteuerlichen Kursum gehabt in allen Landen, und nun beisst mir auf meine alten Tage solch Jungfer mit List und Geschwindigkeit und über die Massen schön in die Augen, dass ich mich aller Ruh’ müssigen und entschlagen und in Angst und Nöten mit ihr haushalten muss!“

„Aber dir geschieht recht, wenn du auch als ein vernünftiger Schwab’ nicht dergleichen tust und den Schmerz hinter dich druckst! ‚Treib’s, so geht’s!‘ spricht der Kappler und spricht wohl!“

Seine Heftigkeit tat ihm leid. Er wandte sich reumütig im Sattel um. „Rat mir, Madlene!“ sagte er halblaut. „Was soll ich dir Liebes tun? Da lass’ ich mich keine Kosten bedauern.“

Sie hatte die Augen voll Tränen. „Was kommst du zu mir um Rat?“ fragte sie mit erstickter Stimme. „Wir beide sind nicht witzig, einander zu raten. Ich weiss nichts!“

Da sprengte er zornig weiter und seine bärtigen Lippen seufzten aufs neue. „Wer kann ermessen, wie viel Sorg’, Not und Unfrieden aus dem ehelichen Stand entspringt und welch ein seltsamer Vogel ist es doch um einen weissen Raben, um einen schwarzen Schwanen und ein verständig Weib ...“

Ein wildes Getümmel wogte durch die engen Gassen der Neckarstadt. In flüchtendem Gedränge, als sässe der arme Konrad schon hinten im Sattel, strömte es durch die verschanzten, von pfalzgräflichen Landsknechten bewachten Tore und ritt und karrte vom anderen Ufer über die Dachbrücke hinein. Auf dem Marktplatz, auf den vom Jettenbühl das feste, des Ausbaus wegen mit Erdhaufen und Gerüsten umkleidete Schloss und weiter oben die Hohenstaufenburg herabschauten, staute sich das Gedränge. Ein wirres Geschrei und Gelaufe erfüllte da die Wirtshäuser, die keinen Platz mehr für die Neuankommenden boten, so dass die geflohenen Amtmänner, die Schreiber und Keller ratlos davor mit den Ihren auf offener Gasse irrten und die Schilder musterten, die der vom Lande eingerittene Adel aussen an der Schenke aufgehangen hatte.

Vor den Edelhöfen derer, die in Heidelberg einen eigenen Sitz besassen, standen in langer Reihe die gepackten Wagen und Pferde und lagen, vom Volke begafft, die Truhen und die Weinfässer, die Betten und die Sättel, die Kornsäcke und Waffen auf dem Boden. Da hielt der Edle von Handschuchsheim, der seine nahe Wasserburg im Stich gelassen, und ihm gegenüber leitete von schweissdampfendem Pferde der Dynast von Hirschhorn, von Dienern und Mägden umdrängt, den Einzug in den Hirschhof, sein stattliches Haus. Vor seinem Münchhof sass fassungslos weinend der greise Zisterzienserabt von Schönau. Umsonst versuchten ihn die Brüder zu trösten, und verächtlich blickte, auf sein Schlachtschwert gelehnt, der finstere, streitbare Abt von Maulbronn, dem ein Plattenpanzer den hageren Leib umfing und die weissen Haarsträhne unter dem Eisenhut hervor über die faltigen Züge quollen, zu der verstörten Gruppe hinab. Aus dem Gewühl der Knappen, der Bürger, der aus allen Waldklöstern herabgestiegenen Mönche leuchtete es wie von Schneeflocken um das Deutsche Haus her. Dort quartierten sich die aus ihrem Neckarreich verjagten Deutschherren eilfertig ein, schlaffe, unkriegerische Männer mit angstbleichen Zügen.

„Die Pest über die Pfaffen!“ fluchte, aus seinem Hofe tretend, der Marschall von Habern zu einer Gruppe Edler. „Wahrlich, ein trefflicher Ordenskomtur — der Herr Dietrich von Klee! Kaum rottet sich der gemeine Mann zusammen, so lässt er ihm alles deutschherrliche Land, fährt mit den Rittern seines Wegs und gibt Haus Hornegg, das feste Schloss, das seit Römerzeiten steht, mit allem Gold und Kleinod und Urkunden in den Mutwillen der Bauern.“

„Das Wasser steigt allenthalben!“ erwiderte kopfschüttelnd Hans Landschad von Steinach, der pfälzische Rat. „Es ist bei keinem mehr Rettung, als bei unserem Kurfürsten und dem schwäbischen Bund!“

„... und Gott allein ist’s bekannt!“ murmelte der grimme Junker von Affenstein und schaute gen Westen, da, wo über der Rheinebene in blauem Dunst die ferne Haardt verschwamm, an deren Abhang sein Stammsitz lag. „Gott allein ist’s bekannt, wie weit noch die greuliche Gefahr und geschwinde Empörung durchs Reich fliegt!“

Herr Landschad und der Marschall von Habern blickten in finsteren Sorgen das Neckartal hinauf, wo dem reichen pfälzischen Rat ob Steinach seine vier Schlösser auf das Städtlein niederdräuten und dem Reiterobersten des Pfalzgrafen die Minneburg über sein weites Lehen hinwegsah.

„... ‚Das Übel frisst um sich wie eine ungestüme Flut! In Tirol sind alle Bösewichter auf!‘ schreibt der Hochwürdige aus Salzburg, und aus Frankfurt ist gestern einer gekommen und sprach: ‚In Niederdeutschland sieht es allerdings übel aus! Aufruhr und Mutwille allerwege! Und sonderlich in Thüringen! Dort richtet ein verkehrter Mann zu Mühlhausen, Thomas Münzer geheissen, die fürnehmsten Praktiken der Sedition zuwege, und ein Aufruhr fliesst aus dem anderen, wie eine vergiftet pestilenzische Luft, dass kein Entweichen davor möglich ist!‘“

„Gottlob, da sind wir am Löwen! Ihr, Wirt, schafft mir ein Kandel Wein. Wir sind seit Tag und Tau im Sattel! Die Stadt hat ein böses Gesicht!“ wandte sich der Wolframsteiner zu den Edlen. „Was lauft ihr alle, als sei der Bauer schon im Lande Meister? Ich hab’ im Vorbeireiten durch die Gassen alle Edelhöfe voll gesehen! Die Venningen sind in ihr Haus eingekommen, die Sickingen, die Göler von Ravensburg, die von Botzheim und Wallbronn — ei, was weiss ich, wer alles! — Meine Frau und ich — wir fürchten den Bruder Bauer nicht und reiten unverzagt in unsere Burg!“

„Gott bewahr’ Eure Burg und Euch vor den teuflischen Rotten!“ sprach der Affensteiner. „Ich habe böse Zeitung vom hochwürdigsten Greiffenclau aus Trier. Das schändliche Übel des Aufruhrs ist auch über ihn gekommen —“

„Selbes ist mir nicht unbekannt!“ unterbrach ihn der von Wolframstein. „Wir reiten ja vom Rheine her! Dort haben sich überall leichtfertige Burschen im Gespräch zusammen verpflichtet, neue Haufen aufzuwerfen und an der Haardt wie im Elsass sind die Bauern zusammengeloffen! Ei, ihr Herren, was habt ihr aber ein Schwert zur Seite hangen? Fahret unter sie, ehe es zu spät ist. Denn auf Ostern, geht die gemeine Rede, soll der Tanz begonnen und mit Mord, Brand, Nahm’ und Raube Ritterschaft und Pfaffheit wacker begegnet werden!“

„Ihr redet, wie Ihr’s versteht!“ erwiderte der stattliche Marschall von Habern. „Wer soll wider die Bauern zu Felde ziehen? Der Truchsess von Waldburg hat mir noch gestern geschrieben: ‚Als des schwäbischen Bundes Feldhauptmann kann ich die aufrührerischen Gesellen nicht strafen, wenn mir von den Fürsten nicht eilends Hilfe wird!‘ Die aber vermögen’s nicht, sondern haben’s mit eigenem zu tun!“

Eine plötzliche Stille legte sich über den Marktplatz und ehrfurchtsvoll wich alles zurück.

Durch die Menschengasse ritt, von vielen Edlen gefolgt, ein junger Mann in goldbelegtem Harnisch und Seidenschaube heran. Beim Anblick des Wolframsteiners glitt ein Lächeln über sein leichtsinniges Gesicht. „Willkommen, Wolframstein! Lieber, Besonderer!“ rief Pfalzgraf Ludwig. „Ihr kommt mir zu guter Stunde!“

Herr Wolfgremlich beugte sich im Sattel. „Was befehlen Euer Gnaden?“

„Wisset!“ sagte der Kurfürst halblaut. „Wie übel und mutwillig sich der gemeine Mann überall verhält, ist Euch nicht unbemerkt geblieben. Und von Tag zu Tag zeigt uns Gott mehr seinen Ernst. Der Bischof von Würzburg ist auf dem Wege hierher, von den Bauern aus seinem Herzogtum Franken vertrieben, und nun meldet mir der Erzherzog Eugen, des Landes Württemberg Verweser, seine Bauern hätten überall am Neckar und im Odenwald angefangen zu rumoren, seien hinausgezogen, in Sinn und Meinung, ihren Landesfürsten und Herrn samt aller Ritterschaft zu erschlagen und zu erstechen. Da bittet er mich um Gottes willen, ich sollt’ ihm Hilfe senden, nach Weinsberg, wo sich seine Ritter unter dem Grafen Helfenstein sammeln. Ich aber kann’s nicht. Mir tun Mann und Pferd hier selbst not.“

„Und da, meinen Euer Gnaden, sollt’ ich von meinem Hause nach Weinsberg reiten?“

„Des wär’ ich von Herzen froh!“ versetzte der Pfalzgraf und wies auf drei junge Edle, die höfisch geputzt, Haupthaar und Bart nach welscher Art gekräuselt, mit verwegenem Lächeln die Treppe des Goldenen Bären herabstiegen. „Ihr mit Euren Schwähern da, den drei Heerdegen, und Euren Reisigen seid ein stattlicher Ritterzug, an dem die zu Weinsberg meinen redlichen Willen erkennen. Und Euer Schloss ist fest genug, dass es indessen eine Handvoll Knechte gegen die Bauern verwahrt!“

Der Wolframsteiner machte ein missmutiges Gesicht. „Es ist keine Ehr’ an dem schlechten Bauernvolk zu holen, Euer Gnaden!“ sprach er, „und einem alten Kriegsmann ist solch leichtfertiges Gesindel ein recht dummer Feind. Mir will’s nicht eingehen, dass ich mich nach Weinsberg heben soll. Bin nicht mehr lustig zum Kriegen! Hab’ ein junges Weib. Die hütet ein verständiger Mann vor jungem Gesind und hält sie unbeschrien!“

„Ein verständiger Mann traut seinem Weibe!“ Sehr überzeugend klang die Stimme des liederlichen jungen Fürsten nicht.

„Ich trau’, so weit ich schau’!“ Der Blick des Freiherrn streifte flüchtig Madlene. „Ich bin bei Jahren. Manch junger Gesell ist vor mir Tods verfahren, hat mit der Haut bezahlt, in einer schlechten Herberg’ drüben bei den Reisläufern oder anderswo. Aber solch flinker Gesellen vom Adel gibt es mehr!“

„Ei — das lasst Euch nicht verdriessen!“ lachte der Pfalzgraf. „Jetzt ist nicht die Zeit dazu geschickt, in währender Bauernnot!“

„Es findet doch einer seinen Weg!“ beharrte Herr Wolfgremlich. „Gleich ist er da, läuft auf dem Seil und scharmuziert im Frauenzimmer. Die Weiber wollen ja immer besondere Moden und Manier. Da muss es abenteurig zugehen. Dazu bin ich zu alt. Und sind solch Gäste zu erwarten, so tut ein freundlich Aufsehen und Aufpassen ganz wohl!“

„Also bleibt zu Haus!“ sagte der Pfalzgraf achselzuckend. „Lasst Euch vom Küchenbub den Löffel bringen und tut Euren Schlaftrunk im Frauenzimmer. Was es unterdem für eine erschreckliche Gestalt da draussen hat, das darf Euch dann nicht scheren!“

„Doch, Euer Gnaden!“ Des Freiherrn finstere Züge röteten sich im Unmut. „Der Bauern Aufruhr liegt mir schwer an und ich bin kein hinkend Pfäffle, zieh’ nicht die Hosen herab und lass’ Schwarzwald und Feierabend sehen, wenn das Feindsgeschrei ausgeht. Was Ihr mich heisst, das tu’ ich nicht gern, aber ich tu’s. Will meine Frau wohl im Hause Wolframstein verwahren, dass kein Bauer seinen Grind hineinsteckt, und dann auf Weinsberg reiten, so rasch die Pferde laufen und ...“

Eine plötzliche Bewegung Madlenes liess ihn verstummen. Als sei ihr ein Geist erschienen, starrte sie, im Sattel zurückfahrend, vor sich auf den Markt.

Ein fremder Ritter stand da neben seinem abgetriebenen, von Schmutz und Schweiss befleckten Gaul. In den verblichenen Wettermantel gehüllt, mit beiden Händen auf das rostige Schwert gestützt, schaute er sie unverwandt an, und ein wildes Lächeln lag über seinen bartlosen Zügen.

Ein Gemurmel und Gegrolle des Erstaunens lief über den Platz.

Der Kurfürst wandte sich zum Landschad. „Wer ist der Mann?“

„Ein landflüchtiger Ritter, Euer Gnaden!“ sprach der pfälzische Rat. „Trug seinen Burgstall Trughof am Neckar von der Pfalz zu Lehen und hat sich in die Sickingenschen Händel eingelassen. Kam solcher Art in Acht und Bann und tat sich auf und davon in die Schweiz. Weiss nicht, was er seitdem getrieben. Meint’, er sei schon tot!“

„Nun gedenk’ ich’s wohl!“ Pfalzgraf Ludwig liess sein Auge in strenger Prüfung auf dem Trughofer ruhen. „Was wollt Ihr hier, Ritter?“

Felix von Trugenhoffen hatte sein Schwert auf das Pflaster gelegt und trat vor den Landesherrn hin. „Meinen Herrn such’ ich! Ich will Busse tun!“

Der Kurfürst runzelte die Stirn. „Wie lange seid Ihr landflüchtig?“

„Ein Jahr!“

„Und wo waret Ihr selbe Zeit?“

„Bin kreuz und quer dahingezogen!“ sprach Ritter Felix gleichgültig. „Hab’ in vieler Herren Ländern umsonst meine Fortune gesucht.“

„Man sieht’s Euch an!“ sagte der Pfalzgraf und schaute dem Trugenhofer forschend in das abgezehrte, wettergebräunte Gesicht mit den grossen, dunklen Augen.

Dem klugen Landschad entging die Wandlung in den Zügen des Pfalzgrafen nicht. „Herr,“ sagte er, „das ist kein Quidam und gemeiner Reiter, sondern ein Guter vom Adel, wohlberedt und einschlägig, in allen Sätteln zu Schimpf und Ernst vor anderen zu brauchen!“

„Und wunderbar starken Leibes ist er,“ pflichtete der von Affenstein bei. „Wisset, Habern, der Ritter steht Euch für drei Reisige im Feld!“

„Und uns tun Reisige wahrlich not!“ murmelte der Marschall, ohne seinen Herrn anzuschauen.

Doch der Kurfürst hatte seinen Entschluss schon gefasst. „Felix von Trugenhoffen,“ sagte er rauh, „Ihr kommt zu guter Stunde, da vor der gemeinen Not alles andere schwindet. Euch ist verziehen! Seid mein Lehnsmann, wie zuvor!“

Ritter Felix hob sein Schwert auf. „Ich danke Euer Kurfürstlichen Gnaden! So nehm’ ich den Burgstall Trughof wieder von Euch zu Lehen und schwöre Euch Treue und Gehorsam als ein Freier vom Adel!“

Pfalzgraf Ludwig neigte das Haupt. „Den Gehorsam könnt Ihr gleich bekunden. Der Wolframstein, der da vor Euch hält, der reitet mit seinen Schwähern und seinem reisigen Zeug noch vor Mittag gen Weinsberg, um Stadt und Burg vor Jäcklein Rohrbach und seinen aufrührerischen Buben bewahren zu helfen. Da mögt auch Ihr —“

„Nein, Herr!“ Der von Trughoffen richtete sich finster auf. „Ich will nach Weinsberg reiten Tag und Nacht, wie Ihr befehlt, aber nicht mit dem Wolframsteiner!“

„Und warum nicht?“

Ritter Felix schwieg. An seiner Stelle nahm der Recke ihm gegenüber das Wort. „Dass es Seine Gnaden wissen!“ höhnte er. „Nicht um Urfehd’ zu schwören, ist der Trughöfer zurückgekommen und nicht, um sein geringes Burgstädlein wieder aufzurichten, sondern um Madlenes willen, meiner Hausfrau! Tut mir leid, dass er dasteht. Ich hab’ nicht anders gewusst, als er sei längst abgestorben.“

„So war die gemeine Rede überall!“ sprach der Affensteiner.

Ritter Felix lachte. „Ich bin von den Toten aufgestanden!“ sagte er. „Hab’ im Grab nicht können schlafen, dahin die Heerdegen mich haben stecken wollen und gelogen in ihren Hals hinein ...“

„So waren wir berichtet!“ schrie Hans Daniel. „Zu Basel in der Herberg’! ...“

„Jawohl, zu Basel in der Herberg’,“ sprach der fahrende Ritter. „Da sass einer vom Adel ...“

„... ein kleinfüger armer Mann ...“ höhnte der Wolframsteiner, „trägt die Harfe im Wappen und sonst nichts ... ein schlechter Verdorbener vom Adel ... mit den Sickingenschen und aller Fürsten Feinden stets ein Kuchen und Eier ... nimmt noch einmal eine schimpfliche Kappe ...“

„Selber Geselle vom Adel,“ fuhr Ritter Felix fort, „hat von dem Blasius Schmidt, einem alten fröhlichen Mann am Rhein, in der Herberg’ gehört: Der Heerdegen Sach’ steht der Gestalt und Gelegenheit nach wohl. Die haben ihre Schwester dem Wolframstein ins Haus gegeben, — sie hat wollen oder nicht, da war nicht viel Erbarmen, ob sie sich auch ganz übel gehub und befand, ihr sei der bittere Tod lieber als solch alter keinnutziger Schwab’ vom Wolframstein, der all seine Zeit und Datum nur noch auf den Wein gestellt hat ...“

„Hol’ mich der leibhaftig’ Teufel im Himmel!“ Herr Wolfgremlich brüllte los. „Ich will dir das Maul abhauen, du Lotterbub’!“

„Denn ihr Herz“ — der Trugenhofer würdigte seinen Gegner keines Blicks, sondern schaute dem Pfalzgrafen fest ins Gesicht — „das hat an einem andern Herzen gehangen, einem edeln, kecken, gesunden Herzen, in starkem Leibe wohl verschlossen. Selb’ Herz ist in mir übermächtig geworden. Da hab’ ich zu mir gesprochen: Ich will mich so halten und herfürtun, dass mein Herr, der Pfalzgraf, meine untreuen Praktiken vergisst und ich wieder in ein Lehnsrecht und Verstand mit Seiner Gnade komm’!“

„Dass dich die Pestilenz ankomm’, du Bösewicht!“ schrie Hans Daniel, „... in dein böses ungezähmtes Maul hinein!“

„Dann aber will ich mir die Buben ersuchen, die ihre Schwester hinkuppeln, und den alten Guggelmann, der sie nimmt.“ Des Trugenhofers Stimme bebte in verhaltener Wut. „Will sie erreiten und mein Schwert in sie stechen, dass sie racks vom Gaul fallen und tot sind ...“

„Lieber Esel ... beiss mich nicht!“ höhnte von hinten der junge Jörg Heinrich. Aber sein Gesicht war bleich.

„Und vordem will ich keinen Trost meines Lebens haben, eh’ ich mich an Euch ritterlich gehalten hab’ mit Hauen und Stechen und Euch herausgeklaubt hab’ aus Euren Knechten und allem Tross, womit Ihr Euch verfasst. Da will ich Euch einen Reuterdienst erweisen, davor Ihr Euch bedankt! Soll Euer letzter sein!“

Der Pfalzgraf gebot mit einer Handbewegung Schweigen. „Trugenhoffen!“ sprach er. „Ich merk’s: Ihr seid ein übler, unsinniger Mann. Die Hitz’ verblendet Euch. Schickt Euch in Gottes Willen. Wann die Heerdegen ihre Schwester einem andern zur Hausfrau gegeben haben, so ist der Handel aus und sie ist für Euch ab und tot!“

„Die Liebe ist nicht ab und tot!“ sagte der Trugenhofer. „Die war zwischen uns und bleibt!“

Er schaute Madlene an. Sie erwiderte seinen Blick nicht. Starr und reglos wie versteinert stand sie da und sah zum Himmel auf, an dem in eiligem Flug die Frühlingswölkchen hintrieben.

„Und darum, Herr!“ hub Ritter Felix nach kurzer Weile wieder an, „steht der Handel so: Wann die Bachforelle bergabwärts schwimmt, will ich Frieden machen mit den Heerdegen von Hirnsheim. Wann dort in der Ebene der Neckar umkehrt und in den Odenwald zurückfliesst, dann reich’ ich dem Wolframsteiner meine Hand. Und wann die Sonne dort über dem Rhein aufgeht und von der Haardt gen Osten läuft, zur Stund’ lass’ ich von Madlene, des Wolframsteiners Hausfrau. Doch vordem nicht!“

Der Lärm unterbrach ihn. Die Heerdegen drängten sich heran und in aufschnaubendem Grimme fuhr Herr Wolfgremlich an sein Schwert. „Wahr’ dich, du Heckenreiter!“ dröhnte seine tiefe Stimme. „Mein Zorn greift hart zu!“

Vor ihm am Boden klirrte es. Der Eisenhandschuh des Trugenhoffers lag da auf den Steinen. „Das gilt dir!“ sprach Ritter Felix. „Dir und den Heerdegen von Hirnsheim! Wisset, ihr Herren, dass ich euch Feind sein will in ehrlicher Fehde, bei Tag und Nacht, auf Leben und Tod!“

„Hebt Euch von meinem Angesicht!“ zürnte der Pfalzgraf. „Es frommt Euch wahrlich besser, wenn ich Euch verlorenen Gesellen nicht mehr seh’!“

„Ihr habt mich wieder zum Lehnsmann angenommen —“ Der Ritter hob den Handschuh auf, trat auf sein Ross zu und schwang sich in den Sattel. „So will ich meiner Lehnspflicht walten und mich, so müd’ der Gaul ist, nach Weinsberg auf den Weg tun und meine Fehde anstehen lassen! Wann aber der Mutwille der Bauern gestillt ist und Ordnung in deutschen Landen, dann treff’ ich euch, Wolframstein und Heerdegen, mit der Schärfe des Schwertes! Euer Feind soll mein Freund sein und was euch leid tut, tut mir wohl. Das wisset alle, ihr Wohlgeboren, Edel, Streng und Ehrfest, ... gnädig Herren und guten Freunde!“

Er warf sein Ross herum und trabte die Gasse zur Neckarbrücke hinab. Die Hufe des Hengstes donnerten und von weither klangen und klagten im Frühlingssturm des armen Konrads mahnende Glocken.

3

Im dämmernden Saal sass Herr Wolfgremlich gestiefelt und gespornt am Eichentisch und löffelte missmutig seine Morgensuppe. Madlene kauerte neben ihm und schnallte ihm mit geübten Händen die letzten Riemen am Panzer und Beinschienen fest, eifersüchtig überwacht von dem danebenstehenden Bastian Rebenkönig, des Wolframsteiners altem Reisigen, zu dessen Vorrechten vor der Zeit der Ehe das Wappnen und Rüsten seines Herrn gehört hatte.

Herr Wolfgremlich stand auf und wischte sich den Bart. „Es wird Zeit, nach Weinsberg auszureiten! Du, Rebenkönig, bewach mir mit den Knechten wohl mein Haus und lasse die Zugbrücke nicht ohne Not herunter! Sonst geschieht’s wie in der Haardt,“ er wandte sich zu Madlene, „wo die Bauern eine ehrliche Gräfin zu Westerburg, die zu Neu-Leiningen ihr Wesen hat, gezwungen haben, den ehrlosen Bösewichtern zu Tisch zu kochen und zu dienen!“

Madlene nickte nur stumm.

„Jawohl!“ fuhr er fort. „Solch stolzen hoffärtigen Gemüts sind schon die Abenteurer, bedünken sich, sie wären nun Meister im Lande! Aber wir wollen den Hochmut und Frevel der Bauernschaft schon dämpfen — botz Schweiss sommer gele! — und ernstlich wider sie handeln!“

Er reckte sich und streckte die Arme aus, dass der Panzer klirrte. „Gern scheid’ ich nicht von hier ab, Madlene; ich kann vom Kriegen und Reuten keinen Trost mehr gewinnen. Bin weit übern Mittag und sitz’ jetztmals der Geiss so nah’ auf dem Schwanz, dass ich schon schier herabfall’ und zum alten Haufen fahre!“

Das junge Weib erwiderte nichts.

Der Recke musterte sie verstohlen und mit finsterem Gesicht. Dann gab er dem Rebenkönig einen Wink. „Geh und sag meinen Schwägern, es sei an dem! Wollen in den Bügel treten!“

Der Reisige zog die Tür hinter sich zu. Die beiden waren allein.

Herr Wolfgremlich ging schweren Schrittes auf und nieder, dass die Dielen unter seiner Eisenlast knarrten.

„Schwör mir’s, Madlene!“ sagte er plötzlich. „Lass mir keinen ins Haus, wann ich fort bin!“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiss und getraue mir wohl, das Schloss zu erhalten! Wann sich die Bauern davor rucken, sollten sie den Hingang für den Hergang haben und eilends weichen sans dire adieu! Ich will ihnen eigentlich den Weg weisen, wie Ihr mich’s gelehrt habt, dass sie merken: Wir sind nicht gewillt, in unserem Erb’ turbiert, angefochten und des mit Gewalt entsetzt zu werden, sondern bei unserer Possession zu verbleiben!“

„Aber wann nun ein anderer kommt und ist kein Bauer.“ Der Freiherr murmelte es beinahe und seine dumpfe Stimme zitterte. „Wann der Trugenhoffen sich nun nicht nach Weinsberg gehoben hat gestern vom Heidelberger Marktplatz, sondern reitet unversehens hier am Hause vor ...“

„So bleibt das Haus verschlossen!“ Madlenes Gesicht war hart wie Stein. „Ich bin Eure Hausfrau. Hab’ Euch geschworen am Altar und will meiner Seelen Seligkeit nicht verlieren!“

„Des mag sich Hans Lulle getrösten, aber wir nicht!“ sprach eine helle scharfe Stimme. Hans Daniel von Heerdegen trat mit seinen Brüdern ein, buntgefiederten Helms, mit blinkenden Spangen herausgeputzt, als ging’s zum Fastnachtsstechen. „Ich hör’ den verloffenen Gesellen schon da unten pochen und rufen ...“

„Er singt das Lied vom armen Ritter!“ lachte Jörg Heinrich und der dritte Bruder summte den Spottvers vor sich hin, so leise, dass kaum der Rebenkönig neben ihm es verstehen konnte:

„Ratzen und Mäus’,

Flöh’ und Läus’,

Angst und Sorgen

Wecken mich allmorgen!“

„Selb Lied hättet ihr singen sollen!“ sagte Madlene kalt. „Drunten im Waldhaus. Da habt ihr beisammen gesessen in Dampf und Weinfeuchte und war Lieb’ und Einigkeit unter euch Brüdern ein seltener Vogel. Und habt nichts gehabt auf der weiten Welt, was euer war. Nur eines. Mich habt ihr gehabt. Das war eure Hoffnung und Fortüne, wie ein gut Ross oder Dorf und nicht anders habt ihr’s an den reichsten Herrn verkauft und haltet euch nun trefflich mit Fisch und Fleisch, welschem Wein und damastnen Schauben. Ich aber dank’s euch nicht!“

„Da bescheint sich’s, wie ich’s mein’!“ sprach Hans Daniel gelassen. „Schwager ... ich rat’s Euch ernstlich: lasst sie nicht allein! Lasst einen von uns bei ihr, dass nichts Ungeschicktes geschieht!“

„Es geschieht nichts Ungeschicktes!“ Madlene schaute ihren Brüdern ruhig ins Gesicht ... „und einen Wächter brauch’ ich nicht. Bin schon gefangen genug. Zieht ihr getrost wider die Bauern und verseht euch dort eurer Viktorie. Mich habt ihr ja schon dargestreckt und still und stumm gemacht bis auf die Sterbenszeit!“

Die Brüder sahen sich an. Es war ihnen beklommen zumut. Jörg Heinrich versuchte zu scherzen. „Ich fürcht’ mich vor den Bauern!“ klagte er weinerlich. „Ich besorg’, sie tun mir was zuleid. Musst dann um uns weinen, Madlene!“

Sie schüttelte den Kopf. „Für euch wären meine Augen trocken!“ sagte sie laut und langsam. „Ihr habt mir mein Leben genommen. Mögen andere eures nehmen. Da bin ich nicht davor und möchte keinen Finger rühren. Es ist eins wie ’s andere: Mir nicht zulieb und nicht zuleid. Ihr seid mir fremde Leute!“

Eine Weile herrschte dumpfe Stille. „Solch Art hat es also um unsere Schwester!“ murmelte endlich Hans Daniel. „Wann freilich das eigene Geblüt einem den Tod an den Hals hängt, wie der Katze die Schellen ...“

Ein rauher Bass unterbrach ihn. „Kommt!“ gebot Herr Wolfgremlich finster. „Ich mag nichts mehr hören! Tut euch in den Sattel!“

Ohne Gruss stiegen sie die Treppe hinab in den Hof. Der alte Rebenkönig schaute ihnen unter der Pforte nach, wie sie längs der Hügel durch die weissdampfenden Nebel dahinritten.

„Wo solch ungereimte Sachen in einem Geschlecht vorfallen,“ sagte er nachdenklich zu einem weisshaarigen Reisigen neben sich, „ist’s ein gewisses Zeichen, dass es zugrunde geht oder doch am nächsten dort vorbei. Denn wo’s solche Händel hat, das sind die Vorboten!“

Der andere nickte: „Wann ein Unfall über ein Geschlecht soll gehen, so geschieht’s und ist mit einem Stück nicht ausgerichtet, sondern es folgt je eins zum andern ...“

Als die Hähne krähten und die Sonne im Tau des Grases glitzerte, ward es unten im Dorf lebendig. Das zitterige Glöcklein liess wie alle Tage bisher seine Sturmschläge vernehmen, zwei eintönige Schläge, die wie ein fortgesetztes „Bundschuh!“ — „Bundschuh!“ über die dampfenden Äcker, den im Frühwind rauschenden Wald dahinwanderten, und ein Schwarm mit Spiessen und Knütteln bewehrter Bauern zog zum Schloss empor. Ihr Pfarrherr führte sie, ein stämmiger, älterer Mann mit gutmütigem, derbem Bauernkopf, auf dem eine Eisenkappe funkelte.

Vor dem hochragenden, von dreifacher Ringmauer und tiefem Graben umlaufenen Turm- und Giebelgewirr der grimmen Feste, die sich wie eine kleine, bis an die Zähne verschanzte Stadt den Berg hinauf wölbte, machte der Zug Halt, in sorglicher Entfernung von den Armbrüsten der Knappen, die von den Torzinnen herabblinzelten.

Nur ein paar der Kecksten wagten sich noch näher heran und schlichen bis unter die Fenster des hinter den Türmen zum Himmel aufstrebenden, efeuumrankten Herrenhauses, über das hinaus, ein aus Riesenquadern gefügter unförmlicher Koloss, der Bergfried sein Reich überschattete.

„Kumm, Teifel!“ brüllte ein wüster Geselle. „Kumm! Hol alles, was im Schloss sei!“

Und wie das Janken hungriger Wölfe, die wohl zur Winterszeit in feiger Mordgier den Edelsitz umkreisten, scholl das Gebelfer seiner Genossen: „Kumm herab, Wolframsteiner! Wir wöllen dir den Bart herausraufen!“

Einer der Knappen legte einen Bolzen auf die stählerne Armbrust und schoss. In Zickzacksätzen fuhr das Gesindel zurück, und der Pfeil zitterte ohnmächtig auf der Erde.

Herr Wolfgang Kirschenbeisser aber, der Pfarrherr zu Gottwoltshausen, trat unverzagt und waffenlos vor die noch herabgelassene Zugbrücke. „Meldet eurem Herrn, dem Freiherrn von Wolframstein,“ rief er mit dröhnender Stimme: „Es ist der gemeinen, nunmehr versammelten Bauernschaft ernstlicher Will’, Meinung und Befehl, dass er, der Ritter, in unsere christliche Brüderschaft eintritt und noch bei heutigem Tage mit dreissig wohlgerüsteten Mann der göttlichen Gerechtigkeit Beistand tut — und wo das nicht geschieht, soll er wissen, unsicher zu sein Leib’ und Lebens!“

Die Knappen erwiderten nichts. Innen im Schlosshof erklang eine helle, befehlende Stimme, und knarrend öffnete sich das Tor. Frau Madlene trat heraus, fröstelnd in einen Fuchspelz gewickelt, und ging auf den Pfarrherrn und die hinter ihm sich drängenden Bauern zu. Unwillig musterte sie die in finsterem Trotz zur Seite schauende Schar.

„Wen habt ihr für euren Redner aufgeworfen?“ fragte sie kurz. „Etwa dich, Michel Heul, den bösesten Bauern, der hinter meinem Herrn sitzt, oder gar dich, Christa Kutter, du loser Schalksknecht, der ihm den Bart ausraufen möcht’? — Wann er von seinem Ritt nach Weinsberg wieder heim ist, kannst dich melden und es versuchen!“

Der Pfarrer reckte sich auf. „Ist unser gnädiger Herr nicht im Schlosse, so höret Ihr, Frau, unser Begehr!“

„Ei schau!“ sagte Madlene. „Unser Pfaff’ an der Spitze des leichtfertigen Volks! Hat sich eine Eisenkappe über die Ohren gezogen und dünkt sich fürwahr ein Reitersmann! Aber so ist’s überall! Wer leitet den gemeinen Mann zum Aufruhr an? Ausgeloffene Mönche, abtretene böse Pfaffen, lutherische Buben — fressen Fleisch, wann Fastens ist!“

„Tut gemach, Frau!“ wollte sie Wolfgang Kirschenbeisser unterbrechen, aber sie liess sich nicht stören.

„Nun habt ihr’s erreicht! Unruhe und Mutwillen allenthalben. Die Bauern gehen in die adligen Häuser, prassen und schlemmen am dicksten zu, lassen das Vöglein sorgen, halten redlich und männiglich kostfrei Spass und Frass!“

„Jetzt muss auch der Bauer Herr werden!“ knurrte einer der Knüttelträger. „Gott will’s!“

„Was Stab und Stangen tragen kann,“ ergänzte Pfaff Kirschenbeisser, „das muss jetzt auf sein! Es tut not!“

„Treibt keine ungeschickten Worte!“ gebot Madlene kurz. „Wie ich Euch hab’ kommen sehen, hab’ ich meinen Pelz umgetan und bin fürbass gegangen. Was also wollt Ihr?“

Der Pfarrherr holte ein dünnes Heftchen aus dem Chorrock. „Ihr hört’s ja! Euch in die christliche Brüderschaft zwingen!“

„Mit dem Büchlein da?“

„Das sind die zehn gründlichen und rechten Artikel der freien Bauernschaft,“ sprach der Kirschenbeisser bedächtig, „wie sie allerdings von Thüringen bis Tirol im Schwange sind! Ihr habt sie wohl verlesen und wisset, weswegen wir beschweret sind!“

Madlene nickte. „Mein Herr hat sie mit mir in gerechtem Unwillen verlesen! Der Böse haust in euch. Ihr wollt euch den Pfarrherrn selbst erwählen und kiesen und schätzet den kleinen Zehent für einen unziemlichen Zehent, den die Menschen erdichtet haben!“

„Und zum dritten,“ rief Wolfgang Kirschenbeisser grimmig, „ist der Brauch bisher gewesen, dass man die Bauern für Eigenleut’ gehalten hat, welches zum Erbarmen ist, angesehen, dass uns Christus alle mit seinem vergossenen kostbaren Blut erlöst und erkauft hat. Ihr aber schindet und schabt uns mit Scharwerk und Todfall und Fastnachthennen, als wolltet ihr viel Freud’ und Mut an unserem blutenden Schweisse haben!“

„Das glaub’ ich,“ — Madlene zuckte die Achseln — „dass euch der Müssiggang besser behagt! Darum dünkt es euch in euren Teufelsartikeln unziemlich und unbrüderlich, dass ihr Fische im fliessenden Wasser, Wildbret und Geflügel nicht fangen sollt! Darum beschwert ihr euch der Befolgung halber, wollt uns die schönen Wälder verwüsten, um eure Bettlersuppen zu kochen, und darum wollt ihr der Herrschaft keine Dienste mehr tun!“

„Die Herrschaft hat’s verdient,“ grollte der Pfarrherr, „und ihr Edelfrauen insbesonders! Ei, ihr hoffärtigen Geschöpfe, müssen euch die Bauern nicht mitten in der Ernte Schneckenhäuslein suchen, Garn darauf zu winden, und für euch Erdbeer, Kriesen und Schlehen gewinnen? Den Herren aber muss der Bauer werken bei gutem Wetter, sich selbst bei schlechtem, und über sein armes bisschen Saat läuft das Gejaid und die Hunde ohne Achtung einigen Schadens!“

„Pfarrherr,“ sprach Madlene mitleidig, „so hat’s Gott gewollt und ist’s immer gewesen. Ihr werdet’s nicht ändern. Aber meinet ja nicht, die vom Adel seien alte Weiber und schier tot, weil ihr einen neuen armen Konz machen wollt! Sie werden mit euch Bösewichtern übel umgehen!“

„Frau! Es ist nicht an dem!“ ermahnte sie der Kirschenbeisser. „Die Bauernschaft stellt Euch ein freundliches Ersuchen!“

„Ich hab’s verstanden,“ erwiderte Madlene, „wie die Bauern über mich fallen wollen und mir das Meine nehmen! Welcher Schelm hat Euch die zehn Artikel geschrieben?“ herrschte sie, dicht herantretend, den Pfarrer an. „Nun nimmt der gemeine Pöbel, der ohnedies lieber meisterlos als in Geboten lebt, die Artikel mit gierigem Herzen an, begibt sich auf Üppigkeit, Jubilieren und leichtfertig Wesen. Ihr aber, Pfaff’ Kirschenbeisser, statt zu merken, was Euch Bischöfe, Äbt’ und Prälaten in Christo raten —“

„Die Prälaten haben ihre Untertanen nicht als Schäflein geweidet,“ schrie der Pfarrer, „sondern als Hunde geachtet! Die sind ritterbürtig und mit euch Edlen eines Sinnes und Stammes! Ich aber bin eines Bauern Sohn!“

„Und habt der Obrigkeit zu gehorchen!“

„Jawohl, die Obrigkeit!“ schrie Herr Wolfgang, und zu den Bauern gewendet fuhr er fort: „Sie strecken den Gehorsam zu weit hinaus, machen ein gemaltes Männlein daraus, haben die Welt bisher gar damit geäfft, es höflich herausgemustert und geputzt. So man aber diesen Stichling im Grund ersucht, so ist er nichts denn ein verlarvter Strohputz! Gott mag in seiner Gerechtigkeit dies greuliche babylonische Gefängnis nicht gedulden, dass wir Armen also sollen vertrieben sein, ihre Wiesen abzumähen und zu hauen, den Flachs zu säen, zu raufen, zu riffeln, zu röseln, zu waschen, zu brechen und zu spinnen, Erbsen zu klauben, Mohren und Spargeln zu brechen! Hilf Gott, wo ist doch des Jammers je erhört worden! Sie schätzen und reissen den Armen das Mark aus den Beinen. Wo bleiben hier die Stecher und Renner, die Spieler und Bankettierer, die da völler sind denn die speienden Hunde? Wo bleiben hier die mit ihrem Handlehen und Hauptrecht? Ja, verflucht sei ihr Schandlehen und Raubrecht! Und dass sich ja keiner dawider rümpfe, oder gar flugs geht’s mit ihm als mit einem verräterischen Buben ans Pflöcken und Vierteilen, da ist minder Erbarmen als mit einem tollen Hund! Hat ihnen Gott solche Gewalt gegeben? In welchem Kappenzipfel steht doch das geschrieben? Des Teufels Söldner sind sie, und Satanas ist ihr Hauptmann. Hinan, weit hinein mit diesen Moabs und Behemoths und weit hinweg. Das ist Gottes höchstes Gefallen!“

Der Pfarrherr schwieg atemlos, und dumpfes, wütendes Grollen lief durch die Reihen seiner Bauern.

Madlene war bleich geworden und wich einige Schritte zurück.

„Ihr nehmt euch also vor, im Aufruhr wider eure Herren und Fürsten zu leben?“ fragte sie drohend.

„Das wollen wir!“ sprach Herr Wolfgang, andächtig die Hände faltend. „Denn wie steht’s bei Martin Luther geschrieben: ‚Wenn du frei sein kannst, so gebrauche das doch viel lieber!‘ ‚Jeder Edelmann soll nur eine Tür haben!‘ hat Florian Geyer, selbst ein Edelmann, sich vernehmen lassen, ‚und die Mönche mögen hacken und reuten wie die Bauern‘. Wer wider den Stachel löckt, darf jetzt seine Seele Gott befehlen. Denn das neue Reich ist kommen!“

„Ei freilich!“ lachte Madlene. „‚Es ist doch was Neues!‘ sprach der Teufel, da er die Buttermilch mit der Mistgabel frass! Ihr werdet noch wünschen, dass der Wein wieder im Fass sei! Hilft aber dann nichts mehr! Ihr müsst hindurch!“

„Wir wollen hindurch!“ Pfaff Kirschenbeisser sah feierlich zum Himmel auf.

„Und wenn euch jetzt der Kitzel sticht —“ Madlene trat, sich in den Fuchspelz wickelnd, in die Torwölbung — „so vergesset nicht: es ist kein Spassens mit der gottgewollten Obrigkeit! Ich lasse jetzt vor euch ungehorsamen Buben mein festes Haus zuschliessen. Ob auch mein Herr nicht da ist, hat er doch genug wehrhaftes Volk darin gelassen, euch Tölpeln den Weg zu weisen, wann ihr wieder die Mauern anlauft. Tut’s not, so ruf’ ich ihn aus Weinsberg heran. Dann aber, rat’ ich euch freilich selbst, mögt ihr der Ohrfeig’ nicht erst gewarten!“

Das Haupt hochmütig in den Nacken zurückgelegt, ging sie, ohne rechts und links zu schauen, in die Burg zurück, und in schwerem Klirren und Stöhnen schwankte die Zugbrücke in die Höhe.

Eitel Siegmund von Heerdegen, der mit seinen Brüdern neben dem Wolframsteiner daherritt, schüttelte sich im Sattel, dass der Panzer klirrte. „Mir läuft das Wasser nur so bei der Hitze vom Leib!“ fluchte er.

„Wir sind bald in Weinsberg!“ tröstete ihn freundlich sein Bruder Jörg. Hans Daniel aber warnte ihn.

„Tu deinen Harnisch nicht von dir! Die Schelme lassen unversehens aus dem Dickicht ihre Bolzen fliegen!“

Wolfgremlich drehte sich zu den Junkern um. „Rossmucken sind’s!“ entschied er. „Rossmucken sind solche Bauern! Summen und webern umher, machen die Gäule scheu und können uns doch nicht durch unser festes Eisenhemd stechen und weh tun!“

„Ich wollt’, sie kämen uns morgen in den Lauf!“ meinte Hans Daniel.

Sein Bruder Eitel lachte: „Wirst sie schon vor Weinsberg sehen. Ihre drei Haufen wollen vor der Stadt in eins zusammenstossen, der Jäcklein Rohrbach mit den Neckarwinzern, Jörg Metzler mit den Odenwälder Bauern und Florian Geyer mit seiner schwarzen Schar!“

„Das setzt einen lustigen Handel ab!“ frohlockte Georg von Heerdegen.

Sein Schwager, der finstere Ritter, nickte. „Wir haben schon lang keine Sauhatz gehabt!“ lachte er grimmig und eiliger trabten die Edlen gen Weinsberg.

4

Was die Pferde laufen konnten, ging der Zug Herrn Konrads III., des flüchtenden Bischofs von Würzburg, durch das Neckartal. Ein wildes Gewimmel von gepanzerten Lehensrittern und schwertbewehrten Domherren, von Köchen, Dienern und Knappen, Karren voll Mönchen und Priestern, die, gedrängt wie die Raben auf dem Ast, beisammensassen, Reliquienschreine und Altargerät in den Armen, bepackte Maultiere, Hunde und Trossvolk, das neben den Gäulen lief.

Inmitten der regellosen Schar der Kirchenfürst selbst. Zusammengebrochen sass der stolze, alte Herr auf seinem weissen Hengst, das vom purpurroten Barett gekrönte Haupt gesenkt, Kotspritzer auf dem blanken, mit goldenen Reifen gezierten Harnisch und dem scharlachfarbenen Waffenrock, den Krummstab schlaff in der Hand haltend.

Ritter Felix war zur Seite gewichen, um die wilde Jagd an sich vorbeibrausen zu lassen. „Ich mein’, man soll dem Feind die Bäuche weisen und nicht den Rücken!“ schrie er in das Geklirr der Panzer, das Wagengerassel und Hufgepolter hinein.

„Ihr redet, wie Ihr’s versteht, Ritter!“ erwiderte ihm, in eiligem Vorbeireiten sich im Sattel wendend, ein Reisiger. „Das Gespenst fliegt weiter! Ganz Franken und Schwaben steht in hellen Flammen. Wann es dämmert, geht die Rede, soll man heute im Neckartal und auf den Bergen hier die ersten feurigen Häuser sehen! Merkt auf, ob nicht auch Eures dabei ist!“

„An meinem Häuslein ist nichts mehr auszubrennen!“ lachte Ritter Felix und ritt weiter. — —

Kurz vor Neckarzimmern hallte wie vom Himmel her dumpfes Pochen an sein Ohr. Dort oben auf schwindelnder Höhe verwahrte Herr Götz von Berlichingen emsig sein Schloss Hornberg. Hell hoben sich der schlanke hohe Bergfried, das Gewirr der kleineren Türme und zackengekrönten Mauern vom Blau des Himmels ab. Winzig klein erschienen vom Tal die geschäftig hin und her eilenden Knechte und die im Sonnenschein blinkenden Panzer der Reiter, die ihre Rosse den Bergpfad auf und nieder zügelten.

Zwei wilde Gesellen auf mageren Bauernkleppern kamen, dicht an Ritter Felix vorbei, den Abhang hinab. „Der Götz muss unser Oberst werden!“ sprach der eine finster. „Er mag wollen oder nicht. Die Bauernhauptleut’, Fähndriche und Gewaltigen haben sich zusammengetan und ihn erwählt!“

„Er aber hat sich beschwert!“ lachte der andere tückisch. „Hast nicht gehört, Müllerhänslein, wie er sich gewunden hat! Es wollt’ ihm nicht gebühren! Sie sollten den Neuhauser nehmen, wär’ geschickter dazu!“

„Potz Blitz!“ sagte Müllerhänslein von Bieringen gleichmütig, „wir haben ihn itzt abgefangen! Hilft ihm nichts, wenn er noch so ein langschweifig Geschwätz macht! Er muss Oberster sein, oder wir schiessen ihn vom Gaul!“ — —

Nun ritt der Trugenhofer im Deutschordensstädtchen Gundelsheim ein.

Die Deutschherren waren allesamt geflohen. Wie in einem Bienenstock summte es vor den Portalen des Schlosses und strömte über die Zugbrücken und kehrte beutebeladen zurück. Die Gundelsheimer fegten den Deutschherren gründlich Küche, Keller und Kammer ihrer Feste aus, ehe sie die Pechkränze hineinwarfen. Da schleppten sich Bauern mit Getreidesäcken, dort trugen vier Kerle im Schweiss ihres Angesichts einen steinernen Wassertrog auf Stangen davon und zankten sich Weiber um die Chorhemden, aus denen sie sich Schürzen zu schneiden gedachten. Die zerrissenen Briefe und Urkunden des Rentamts bedeckten wie ein Schneegestöber den Hof, und im Keller stand schuhhoch der Wein, der den zerschlagenen Fässern entronnen war. Betrunkenes Volk stapfte und plätscherte bei Fackelschein in der goldigleuchtenden Flut, die den Raum mit betäubendem Dunst erfüllte, und beugte sich nieder, den Wein mit der Hand in den Mund zu schöpfen oder in Näpfen und Kesseln auf die Gasse zu tragen.

Dort scharte sich johlend und jubelnd das Volk, Weiber und Kinder, um die Brandmeister, die den Beuteschatz des Schlosses, Silber, Leinwand und Hausgerät, unter den armen Konrad verteilten, und gellend klang das Spottlied:

„Essen, Trinken, Schlafengan,

Kleider aus und Kleider an,

Ist die Arbeit, so die Deutschherrn han!“

Ernster aber ging es im Städtlein selbst zu. Dort rüsteten sich die wehrhaften Männer, um zu dem grossen Heer der Odenwälder und Neckarbauern zu stossen. Sie stellten sich in Reih’ und Glied, sie hoben ihr Banner mit der aufgehenden Sonne und der Umschrift: „Wer frei will sein, der zieh’ zu diesem Sonnenschein!“ und von einem Stein herab, neben dem die Pechkessel und das Brandgerät zum Einäschern der Burg schon bereit lagen, predigte der Schweineheinz von Krebsbach den Aufruhr.

„Fahrt an, christliche Brüder!“ gellte seine heisere Stimme. „Wetzet die Waffen! Dran, dran, dran, weil das Feuer heiss ist! Lasset euer Schwert nicht kalt werden von Blut! Schmiedet Pinkepank auf dem Amboss Nimrods. Stellet euch fürwahr männlich und werfet den Turm zu Boden! Fresset den Pfaffen das Köstlichste aus den Speisekammern und saufet den Wein aus Gelten und packet die Schmerbäuche alle beim Grind! Und lasset euch von den Junkern nicht mit Affenschmalz bestreichen, sondern rucket ihnen die festen Häuser herum und schreiet: ‚Hier steht der arme Konrad mit Grund und Boden und sonst kein Herr!‘“

Weiter und weiter ritt Herr Felix den schmutzigen, vielgewundenen Pfad längs des Neckars dahin, zuweilen zum Schwerte greifend und sein Pferd spornend, wenn wiederum mit Trommelschlag und aufgerecktem Bundschuh, den Pfarrherrn an der Spitze, ein Bauernhaufe des Weges zog.

Schon senkte sich die Abenddämmerung hernieder, da machte er an einer Biegung halt. Dort, jenseits des brombeerumrankten Hügels, der an dem Fluss vorsprang, musste sich, von steiler Felswand auf die blauen Neckarwellen niederschauend, erheben, was von Trughof noch übrig war.

Jawohl! Da ragte noch der Bergfried in das lichte Blau des Abendhimmels, ein brandgeschwärzter, unwirscher Geselle, um den sich, an zwei Stellen vom Bundesgeschütze niedergelegt, die Mantelmauer krümmte. Über ihr starrten einige verkohlte Sparren und Balken in die Luft. Mehr als das und ein Haufe von Schutt und Asche war von dem Wohnhaus, den Stallungen und Kammern nicht übrig geblieben. Auf den zersprungenen Ziegeln und Holzsplittern, den Steintrümmern der Mauer sprosste das junge Gras und webte seinen lichtgrünen Teppich über den Hof bis zu dem gähnend offenen Burgtor. Die schweren Eichenbohlen, die es einst schirmten, mochten wohl flussabwärts geschwommen sein, und in dem Lehmboden davor zeichneten sich die Spuren des Wildes ab, das vor Sturm und Regen in dem verlassenen Gemäuer seinen Unterschlupf suchte. Um den Bergfried schwärmten die Krähen. Drohend, als wollten sie den Gast verscheuchen, klang das Geschrei der dunklen Wolke, die über der Burg ihren allabendlichen Massenflug abhielt.

Ritter Felix hatte sein Ross in den Trümmern des Hauses angepflöckt, da, wo noch ein Stück des einstigen Stalles aufrecht stand und vor Nachtfrost und Wölfen Schutz bot, und mit seinem Dolche Futter von dem Grase geschnitten, das üppig genug in seiner Stammburg gedieh. Nun klomm er vorsichtig zu dem hoch über dem Boden gelegenen Eingang des Bergfrieds empor. Dort in dem dicken Gemäuer wollte er, den Himmel hoch über sich, die Nacht rasten.

Eine wilde, zornige Traurigkeit erfüllte ihn. Wie war das alles zerstört und verwüstet von denen, die stärker waren als er! Seit undenklichen Zeiten hatte sein Geschlecht hier gehaust, frei und kühn wie die Bergfalken, die hart daneben an der Steinwand nisteten, und wie alljährlich neue Falken aus ihrem Reisiggestrüpp auskrochen und schrillen Schreies über das Flusstal hin auf Raub strichen, so, schien es, sollte auf ewig die Sippe der Trugenhoffen vom ragenden Felsen herab auf Welt und Menschen niederschauen.

Und nun sass er, ein Bettler, als der Letzte seines Stammes, in der zerstörten Burg ...

Wovon sie wieder aufbauen? Und wenn es ihm gelang, was half’s? Die neue Zeit war da. Stärker als die dickste Mauer war das Pulver, und gewaltiger als der Ahnen Lehre und Beispiel der tiefe, sehnsüchtige Drang da innen: Heraus aus den unwirtlichen, windumpfiffenen Raubnestern! Lieber tot, als solch ein Leben voll endloser Fehden und Völlerei, Speere brechen, Herden wegtreiben und Wanderer brandschatzen — hin und her in deutschen Landen, — ohne Zweck und Ziel — bis der Tod die krausen Händel endet!

Aber wohin? Dem Fürsten am Hofe dienen als geschmeidiger Knecht? Nein, die Heerfolge stand einem Mann von freiem Adel an, nichts weiter! Den Kaufherren gleich werden und mit dem Ellenmass den Samt messen ... Ritter Felix griff, wie um einen Schimpf abzuwehren, an sein Schwert. Oder als Pfaffe dem Himmel dienen und dem Weib entsagen? Der Trugenhofer schaute trotzig lächelnd auf den Neckar herab, und seine Lippen murmelten es wieder: „Wann der Neckar bergaufwärts fliesst und über ihm die Sonne gen Osten läuft, zur selben Stunde will ich lassen von Madlene, meines Feindes Hausfrau!“

Kein Fürst, kein Pfaff, kein Bürger, dann — dann müsste ein Armer vom Adel zum Bauern werden, mit den Haufen wandern, die unzählbar wie die Bienenschwärme auf Tal und Höhen summten und die grossen Herren landflüchtig aus Palästen und Abteien trieben!

Unten im Hofe regte sich etwas. Leise Schritte stapften über das Gras. Eine dunkle Gestalt hob sich im Dämmerlicht undeutlich ab. Der Ritter nahm sein Schwert zur Hand. „Wen sucht Ihr?“ rief er aus dem Bergfried herab.

„Den Felix von Trugenhoffen,“ klang halblaut die Stimme des Fremden dagegen.

„Woher wisst Ihr, dass er hier ist?“

„Ich hab’ ihn in Gundelsheim gesehen, als ich mit Jäcklein Rohrbach, Uz Entenmaier und dem Flammenbäck beisammen war!“

„So seid Ihr ein Bauernhauptmann?“

„Das bin ich!“

„Seid Ihr ein Mann oder mehr?“

„Ein einziger Mann! Lasst mich zu Euch aufsteigen, Felix!“

„Wer seid Ihr, dass Ihr mich beim Namen nennt?“

„Einst Euer Freund und Bruder! Antonius Eysenhut, der Leutpriester zu Eppingen, jetzt des freien Kraichgauer Haufens Gewaltiger und Hauptmann!“

„Antonius Eysenhut!“ Ritter Felix eilte herab und trat dem Fremden in dem Hof entgegen.

Ein hageres Schwärmerangesicht, von blondem Vollbart und langen blonden Haarsträhnen umrahmt, von dunkelblauen, fanatisch leuchtenden Augen überglüht, so stand der schmächtige Mann da und begrüsste mit hartem Händedruck den Freund. „So sehen wir uns wieder, Bruder Felix!“ sprach er. „Zwei Gute von uraltem Adel, die als Buben in der Klosterschule von Kron’ und Landen träumten, und nun du ein geächteter Heckenreiter, ich ein entlaufener Pfaffe, und doch reicher als meine Feinde zumal. Denn mein ist die Zukunft!“

Der von Trughoffen liess sich neben dem anderen auf die Steintrümmer nieder. „Bist also auch in der Bauern Brüderschaft eingetreten?“ fragte er finster.

Pfaff Eysenhut schaute ihm ins Gesicht. „Mondelang,“ sprach er langsam und feierlich, „hab’ ich in Wahrheit in grosser Angst und Bekümmernis keinen Schlaf getan, bis dass das Wort des Herrn und Martin Luthers, seines Knechtes, hell in mir erstand!“

„Ist schon mancher lutherische Geselle eines Hauptes kürzer geworden!“ meinte Ritter Felix kopfschüttelnd.

„Seitdem sind wir, meine Brüder im Geiste und ich, im Lande umgezogen, gleichwie die Krähen in der Luft, wohin uns Gottes Wille weist. Und sieh: das Samenkorn sprosst auf! Allenthalben klingt es: ‚Brüder, es will sich der Bundschuh regen,‘ und sammeln sich die christlichen Haufen der Bauernschaft zum Kampf wider die Tyrannen!“

„Das Bauernvolk ist zum Kriege ungeschickt,“ sprach der Ritter hochmütig. „Euer Kriegen tut kein gut! Euch tun die Herren wie der Herzog von Württemberg dem armen Konz. Der liess ihnen die Köpfe weidlich abhauen!“

„Wie der Handel ausläuft,“ — Pfaff Eysenhut schaute zum Himmel auf, an dem um die silberne Mondsichel die ersten Sterne flimmerten — „das weiss nur einer. Aber solches ist uns bekannt: die Bauernschaft will nimmer in die alten Fussstapfen treten, und ehe sie solches mehr tun wollen, ehe muss des Menschenblutes mehr verzehrt und vergossen werden als Wasser ist auf Erden.“

„Die Sach’ schaut seltsam aus!“ Felix schüttelte wieder das Haupt. „Ich bin ein Ritter. Mit den Rittern hab’ ich mich unter dem Sickingen wider die Fürsten verbündet. Was schiert mich der Bauersmann? Er ist ein Schelm und gemahnt mich, wenn’s zum Kriegen geht, an die Zigeuner!“

„Du sollst aber mit uns gehen!“ sprach Pfaff Eysenhut leise und eindringlich. „Darum bin ich dir nachgestiegen, so sehr mich die Zeit drängt, dass ich vom Bauernrat in Gundelsheim wieder über den Neckar zu meinen Kraichgauern komme. Wach auf, Felix, und schau um dich und werde der Geringsten einer zu Gottes Gefallen. Sein Wort ist in mir lebendig geworden! Das Feuer geht aus meinem Munde und erhellt die Finsternis, in der ihr Herren hinter Turm und Mauern lebt!“

Ritter Felix war aufgestanden und trat an die Mauerlücke. „Wird euch noch leid werden vor den Burgen —“ meinte er, „mit dem liederlichen Gesindlein, das ihr an euch hängt!“

Antonius war ihm gefolgt. „Kennst noch die Warte auf dem Kraichgau?“ fragte er.

„Hans Hippolyt Venningens festes Haus Steinberg? Ei — Bruder, wer sollte das prächtige, wohlgeschickte Schloss nicht kennen?“

Die Hand des anderen wies in die Ferne. Eine ungeheure Feuersäule stand da reglos wie eine Riesenfackel in der stillen Nachtluft. „Gestern bin ich mit meinem Gesindlein kommen,“ sprach Pfaff Eysenhut, „habe den Steinberg eingenommen, von Grunde ausgefegt und mit ihm ein Lustfeuer und Schrecken gemacht im ganzen Kraichgau — und mir freudig vorgesetzt, weiter dermassen zu handeln!“

„Und ich soll mittun — einer vom Adel?!“ rief der Ritter grimmig.

„Mit den Hohenstaufen,“ sprach Pfaff Eysenhut, „sind meine Altvordern so gut wider die Ungläubigen gezogen wie die deinen. Aber es hat ein Ende mit der Hoffart! Die Menschen werden gleich! Das tausendjährige Reich bricht an! Schau, wie die Burgen da und dort von den Höhen lodern. Das sind die Brandfackeln der neuen Zeit. Das arme, gemarterte und gekreuzigte Volk ist aufgestanden und feiert fürchterliche Ostern!“

„Noch seid ihr nicht Meister im Lande!“ knirschte Ritter Felix.

Pfaff Eysenhut legte ihm die hagere Hand auf die Schulter und schaute ihm verzehrend ins Gesicht. „Komm zu den Bauern, Herzensbruder! Rette dein zeitliches und ewiges Heil! Jetzt erfüllt sich das Wort für die Mühsamen und Beladenen: ‚Was du einem unter diesen meinen Geringsten getan‘, hat Martin Luther die Schrift verdeutscht, ‚das hast du mir selbst getan!‘“

Ritter Felix nahm den Helm ab, ging zu einer nahen Pfütze, Wasser hinein zu schöpfen, und tränkte sein Pferd in den Mauertrümmern. „Ihr seid übel beraten!“ sprach er zurückkehrend. „Die Klöster können sich freilich euer nicht erwehren. Aber der Rittersmann ist des Bauern Tod, wenn er geharnischt in ihre Haufen einreitet!“

„Komm zu den Bauern, Felix!“ sprach Pfaff Eysenhut noch einmal in weichem, bittendem Ton.

Der von Trugenhoffen schüttelte das Haupt. „Der Pfalzgraf hat mich als Lehnsmann angenommen. Ich bin ihm Heeresfolge schuldig. Morgen abend bin ich, wie es sein Geheiss, bei den Kraichgauer Edlen in Weinsberg!“

„So bist du von Stund an mein Widersacher“ — Antonius Eysenhut wandte sich zum Gehen, „und der christlichen Bauerngemeinschaft Feind und musst dein Abenteuer darum bestehen! Morgen um diese Zeit ist rings um Weinsberg der Himmel rot von feurigen Burgen. Dann weise du deinen Freunden, wer also schaltet, und melde ihnen: Pfaff Eysenhut hat sich zu Gast geladen und schickt die schädlichen Häuser in Flammen zum Himmel!“

5

Der Ostermorgen graute über dem Weinsberger Tal. Noch war es halbdunkel. Feiner Reif bedeckte das hunderttausendfältige Gewimmel kahler Rebstöcke, die sich hügelauf und hügelab stundenweit nach allen Seiten über das reiche Land hinzogen, und Nachtwolken hingen um die Weibertreu, das finster vom Bergkegel auf die Reichsstadt Weinsberg herabschauende uralte Welfenschloss.

Weinsberg selbst lag noch ganz im Dämmerlicht, mit seinen guten Mauern und Türmen, seinen wohlverschlossenen Toren des Feindes harrend. Über seinen spitzgiebligen, den Abhang aufsteigenden Dächern glänzten sechs grosse bunte Lichtstreifen in Nacht und Nebel hinaus. Die Kirche, die, Städtchen und Schanzen überragend, mit ihrem Friedhof wie ein Bollwerk auf der höchsten Höhe stand, war zur Frühmesse hell erleuchtet, und zu den dünnen, zitterigen Tönen des Turmglöckchens knieten drinnen Bürger und Volk, davor auch Graf Helfenstein mit ein paar Edlen im Gebet.

Die meisten Ritter aber waren auf der Strasse. Sie schlenderten eisenklirrend die engen Gassen auf und nieder, sahen nach den Pferden, die gesattelt und gerüstet in den Ställen harrten, und schauten wieder von den Mauern, wo Scharen von Mägden in Körben die ausgebrochenen Pflastersteine zur Verteidigung herbeitrugen, hinaus ins Land.

Aber da draussen regte sich nichts, war nichts Lebendes zu erblicken. Selbst das Sturmläuten, das die ganzen Tage unablässig geklungen, war seit dem Abend verstummt.

„Alle Dörfer in der Rund’ stehen leer!“ sprach Eberhard Sturmfeder zu Ritter Felix, der neben ihm an der Turmzinne des Untertors lehnte. „Es ist alles zu dem hellen Bauernhaufen gestossen und nichts zu Hause geblieben, als die Gockelhahnen, den Ostertag anzukrähen!“

Ritter Felix sah ihn an. „Ich wollte, wir schrieben Pfingsten statt Ostern,“ sagte er halblaut. „Der Handel wird bös! Die Bauern rücken an, und wer weiss es, ob wir dies Osterfest überstehen!“

Die Junker im Kreise lachten dröhnend auf. So wunderlich erschien ihnen die Besorgnis des Genossen.

„Was ficht dich an, Felix?“ fragte der Sturmfeder. „Bist doch sonst nicht kleinlaut, sondern von herzhaftem Gemüt, und lässt dich durch das leichte Völklein schrecken!“

Und ein anderer alter Reitersmann, Sebastian von Ow, setzte hinzu: „Ei — wie hat unlängst der bayrische Hauptmann Muckentaler seinem Herzog berichtet: ‚Auf den Bergen liegt nichts als heilloses Gesindel, Diebsleute, Spieler, abgehauste Bauern, Musikanten, Vaganten, Pfannenflicker und Trossbuben!‘ Dass sich Gott der armen Schlucker erbarm’!“

Unten klirrte es auf dem Pflaster. Die drei Heerdegen wandelten da in zierlichen Harnischen, wallende Federn auf dem Helm, gähnend auf und nieder.

„Wer förcht sich da oben vor den Rossmucken?“ höhnte einer herauf, und der Trugenhofer wandte sich finster ab.

„Schaut doch nur der Bauern Gewaltige!“ hub Sebastian von Ow wieder an. „Arme leere Buben sind ihre Kapitäne, die das Ihre böslich vertan haben, wie Thomas Gross, der Mordbrenner, den sie das Mantelkind heissen —“

„Und seine Vettern, die Reitzendorffer,“ lachte der Edle von Sturmfeder, „lassen sich jetzt Hans und Christoph Bauer schelten statt ihrem ehrlichen Namen vom Adel —“

„Derlei hängt sich an den Jäcklein Rohrbach wie der Kot der Strasse an den Absatz!“ meinte Jörg von Kaltental. „Den Jäcklein aber kenn’ ich. Das ist ein mutwilliger Bub’, mit Worten und Geschäften aufrührerisch, hat stets auf dem Vogelfang und beim Wein gelegen —“

„Und war im ganzen Neckartal keine Schlichtung oder Zank“ — ergänzte Sturmfeder, „der Jäcklein hat dabei sein müssen mit seinen Hilpartsgriffen! An solchen Fähndrichen erkennt man, wie das Bauernvolk im Feld zu schätzen ist!“

„Und Florian Geyer?“ unterbrach ihn der Trugenhöfer finster. „Ist das auch ein armer Bub’ oder ein schlossgesessener reicher Ritter? ... Ist das auch ein heilloser Kesselflicker oder ist er ein erfahrener Kriegsmann, der einst den Götzen von Berlichingen niedergeworfen hat? Der aber führt uns heute die Bauern über den Hals! Gott befohlen, lieben Schwäger! Ich geh’ und höre die heilige Messe!“ — — — —

Aber in der Kirche fand Ritter Felix keine Ruhe. Denn vor ihm kniete, in dem Dämmerlicht der spärlichen flackernden Kerzen, doch an der Riesengestalt und dem lang wallenden, weissen Bart kenntlich, der Wolframsteiner und bitterer Hass zog bei seinem Anblick durch des Trugenhoffens Brust. Er suchte sich zu sammeln. Umsonst. Wie er auch beten mochte, die Züge der Heiligen hart neben dem Altar verwandelten sich vor seinen vom Dunst des Weihrauchs umschatteten Augen. Sie wurden herb und kalt. Ein spöttisches Lächeln lief über sie hin. Die goldenen Locken blinkten, und statt der Seligen sah der Ritter ein schönes Weib — ein Weib, das er in Hass und Not liebte. Er wandte den Blick zur Seite, um den Frauenkopf nicht mehr zu schauen. Eine schmale, mit Eisenstreifen benagelte Holztüre war da zu seiner Rechten, dicht an dem Aufgang zum Turme, in der Wand. „Wohin mag die Türe führen?“ ging es ihm müssig durch den Kopf, und seufzend erkannte er, dass es für heute mit Sammlung und Gebet vorbei sei.

Eben wollte er aufstehen. Da klangen hoch von den Kirchenzinnen drei rasche, warnende Glockenschläge, und dumpfes, sich eilig näherndes Gemurmel kam von aussen.

Die Kirchentüre ward aufgerissen, dass heller Morgenschein in das Gewölbe flutete. „Sie sind da!“ schrie Hans Daniel von Heerdegen. „Sie ziehen von allen Seiten heran! Kommt, liebe Herren und Freunde! Der Helfensteiner erwartet uns auf dem Marktplatz!“ — —

Dort stand Ludwig Helferich Graf von Helfenstein, ein junger, wohlbeleibter Herr von achtundzwanzig Jahren, von Bürgern und Edlen umdrängt. Er sah bleich und aufgeregt aus. „Seid herzhaft, ihr Lieben!“ rief er über den Platz. „Ob auch die Bauern mit grosser Furie kommen, lasst euch nicht schrecken! Ich hab’ mich schon gestern mit den Reisigen aus Weinsberg getan, den ganzen Tag über ob ihnen im Neckartal gehalten und ihnen Abbruch getan. Viele von ihnen haben wir so erstochen und beschädigt. Glaubt mir: sie wagen’s nicht, das Städtlein zu berennen. Und tun sie’s doch, so ist der pfälzische Ritterzug unterwegs und wird uns nicht in Nöten stecken lassen. Ich aber, der Graf, hab’ Weib und Kind oben im Schloss verlassen, um mit euch den Kampf zu bestehen! So steigt in Gottes Namen auf die Mauer und fahret unsäuberlich mit den Schelmen. Es wird schon recht zugehen!“

Aber als die Edlen mit ihren Reisigen und den Bürgern auf Turm und Zinne standen, schauten sie sich stumm und finster an ob des bösen Schauspiels, das sich ihren Augen entrollte.

Es schien, als seien die braunen Rebenhügel ringsum lebendig geworden und zitterten und wogten in immer neuen Flutwellen wider die Mauern von Weinsberg. Graubraun, eintönig, unendlich wie die verdorrte Erde, aus der sie zu werden und zu wachsen schienen, wanderte das Gewimmel der Bauern von allen Seiten heran. In tausendköpfigen, farblosen Fluten ergoss es sich in die Talgründe und stieg langsam wieder die Rebenhänge empor, näher und immer näher, wie eine unaufhaltsame, blindlings vorwärts getriebene Naturgewalt. Ein dumpfes, undeutliches Brausen zog vor ihnen her, wie das Rauschen eines mächtigen, alles überflutenden Stromes, und unermüdlich klang dazu das Gerassel der Sturmtrommeln, nach deren Takt die groben Bastschuhe beinahe lautlos zwischen den Rebenpfählen Schritt für Schritt die schweigende Wetterwolke herantrugen.

Da und dort schwankte über dem Sturmgewölk auf langer Stange der Bundschuh. Aus dem Gewirr der schräg durcheinander starrenden Musketen, Hellebarden und Dreschflegel nickte das Bettlerzeichen grimmig den Edlen in Weinsberg zu und blähten sich im Morgenwind die grellen, nie geschauten Kriegsbanner der einzelnen Haufen.

Ein paar hundert Schritt vor der Stadt machten die Vordersten halt. Man konnte deutlich die bärtigen Gesichter der Winzer und Waldbauern, die Gestalten der Anführer erkennen. Zahlreiche Dorfpfarrer in Helm und Panzer, vereinzelte Ritter mit geschlossenem Visier auf wohlgerüstetem Ross, marktschreierisch gekleidete Wirte und Bauernburschen an der Spitze ihrer Schar. Zwei Herolde lösten sich aus den unruhig durcheinander webenden Schwärmen, hinter denen noch immer neue über Tal und Hügel in regellosen Massen sich nachschoben. Einen Hut an einer Stange schwenkend, traten sie als Parlamentäre vor das Tor.

„Eröffnet Stadt und Schloss dem hellen christlichen Haufen Odenwalds und Neckartals!“ schrie stehenbleibend der eine zur Mauer hinauf. „Wo nicht, bitten wir um Jesu willen, tut Weib und Kind hinaus. Denn beide, Schloss und Stadt, werden dann den evangelischen Brüdern zum Stürmen übergeben und alsdann niemand geschont!“

Vom Turm des Untertores blitzte es auf. Ein Krach erscholl, und blutend wälzte sich einer der Unterhändler am Boden, indes der andere entlief. „Wir wollen euch willkommen heissen, dass die rote Suppe nachläuft, ihr christlichen Brüder!“ höhnte, die rauchende Muskete absetzend, Wolfgremlich von Wolframstein mit seiner dumpfen Bärenstimme. „Ihr wollt uns wohl schrecken und meinet, wir hätten von Hasen das Herz!“ Und zu den Edlen lachte er: „Nun merket den armen Konrad, wenn man ihm den Ernst zuwendet!“

Wie ein vom Stocke aufgerührter Ameisenhaufen wirrte es nach dem Schuss in dem Bauernheer durcheinander. Ein wildes, tausendstimmig anschwellendes Getöse klang über das freie Feld. Was es bedeutete, ob Schrecken, ob Zorn, war nicht zu erkennen.

„Seht da!“ schrie der von Ow und sprang unwillkürlich zurück.

In Schritt und Tritt, geordnet und gewappnet wie ausgesuchte, kriegserprobte Landsknechte, trennte sich ein mächtiger Haufen vom Bauernheer ab und zog in eiligem Marsch nach links gegen die Burg heran. Über ihm wehte, als einziges Feldzeichen, ein nachtschwarzes Banner. Ein Ritter, von Kopf zu Fuss schwarz gepanzert, ritt der schwarzen Schar voran über das Feld.

„Florian Geyer!“ lief ein verstörtes Gemurmel über den Mauerkranz. „Schaut, Liebe, wie hat er seine Bauern gedrillt und zum Kriege geschickt gemacht! Die frommen Knechte des Frundsberg rücken nicht trefflicher in die Schlacht! Gott gnad’ dem Schloss und was darin ist!“

„Lasst euch nicht schrecken!“ schrie der Wolframsteiner und strich sich den weissen Bart. „Sind doch nur schlechte Bauern! Kommen mit aufgereckten Bannern vor uns angerückt, lassen die Fetzen fliegen und sich beschauen — aber zum Sturmlauf mangelt ihnen das Herz!“

Eine unheimliche Bewegung zitterte durch das Bauernheer. An Stelle des bisherigen Summens und Brausens trat tiefe Stille.

„Da reitet der Jäcklein Rohrbach vor!“ flüsterte hinter den Edlen mit angsterstickter Stimme der Bürgermeister von Weinsberg. „Der wüste Bub’ mit dem Galgengesicht. Und die Hexe neben ihm — das ist die schwarze Hofmännin — sie segnet die Bauern zur Schlacht!“

In plötzlichem Donner hallten dort drüben Tausende von heiseren Stimmen zusammen. Die braunen Menschenwände, die den Hügelrand eingesäumt, setzten sich wie von einer unsichtbaren Hand fortgerissen in Bewegung. Wie eine Sturmflut rollte es in betäubendem, immer wütender aufsteigendem Geheul von allen Seiten gegen die Stadt, ein Gehaste und Gerenne von ineinander strudelnden, vorwärts — nur vorwärts drängenden Schwärmen, Bundschuh und Banner schräg wie zum Sturme geneigt über den im Hellebardenschein und Helmglanz blinkenden Wogen, ein Branden und Tosen, ein Aufprallen und Hin- und Herfluten längs der grauen, alten Reichsstadt, die sich inselgleich über das Meer der Schlacht erhob. Von ihren Zinnen blitzte und böllerte es, und jeder Schuss streckte in den dichten Massen unten einen Bauern nieder. Aber die anderen achteten es nicht. Von zwanzig, dreissig schwieligen Fäusten geschwungen donnerte der Sturmbock gegen das Untertor, und in sein furchtbares Anpochen hallten Schmettern und Krachen der Äxte zu beiden Seiten und der gellende Ruf: „Hinein! Hinein! Die Ritter müssen sterben!“

„Habt ihr’s gehört — die Ritter!“ schrie eine angsterfüllte Stimme vom Wall. „Uns Bürgern tun sie nichts!“

„Ihr Bürger sollt beim Leben bleiben!“ brüllte es unten aus dem Gewühl der Stürmenden. „Geht in eure Häuser! Die Ritter müssen sterben!“ Und in verdoppelter Wucht polterte es wider das wankende Tor.

Ein Bürger sprang vom Wall herab. „Lasst sie in der Brühe stecken!“ schrie er. „Rettet euch! Am Obertor steigen sie schon ein!“

Die anderen Bürger schwankten. Der eine hob seinen Hut auf einer Stange hoch und trat vor. „Friede für alle!“ rief er. „Friede — ihr Brüder Bauern!“

Ein wildes Gelächter antwortete unten. Zerschossen flog der Hut zu Boden, und ringsum leerten sich die Mauern.

Den fliehenden Gruppen kam, in donnerndem Galopp über das Pflaster fegend, der Graf Helfenstein entgegen. „Wo sind meine frommen Bürger?“ schrie er verzweifelt.

„Die Bürgerwachen —?“ Wolfgremlich von Wolframstein rasselte eilends mit den Edlen vom Turm herunter. „Die halten als die stummen Hunde das Gewehr in die Höhe! Wir müssen fort! Das Tor ist nicht zu halten!“

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