Kitabı oku: «Der graue Herr»
Rudolf Stratz
Der graue Herr
Roman
Saga
Der graue Herr
Copyright © 1935, 2018 Rudolf Stratz und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711507377
1. Ebook-Auflage, 2018
Format: EPUB 3.0
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Vorwort
In meinen hier folgenden Aufzeichnungen und den sonstigen, auf meine Bitte von den anderen Beteiligten gelieferten Berichten habe ich, der damalige Erste Staatsanwalt Johannes Sigrist, noch einmal, nach einem Jahrzehnt, die Erinnerung an die einstigen zehn Stunden Margot Sandners zwischen Leben und Tod heraufbeschworen. Das Geheimnis jener blutigen Winternacht ist längst gelöst. Der graue Herr ist wieder dahin gegangen, woher er kam. Übrig bleibt für uns alle — und namentlich für mich, den Hüter des Gesetzes — der ewige Warnungsspruch: „Irren ist menschlich.“
1.
Niederschrift des Staatsanwalts Sigrist
Draussen auf der Strasse riefen es die Zeitungsverkäufer immer wieder im ersten Dämmern des Frühlingsabends: „Margot Sandners letzte Stunden!“
Es klang eintönig und aufreizend und fiel einem auf die sonst starken Nerven: Ihre letzten Stunden — die verdankt sie dir ...
Ich bin der Staatsanwalt. Ich war der öffentliche Ankläger! Ich habe nur meine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit getan, nach bestem Wissen und Gewissen! Ich habe das Todesurteil gegen Margot Sandner beantragt und durchgesetzt. Morgen früh ... um sechs ... ich sah auf die Uhr: es war jetzt acht Uhr abends. In zehn Stunden...
Wieder aus der Ferne dies Gebell der Strassenhändler. Es war sonst in unserer Grossstadt gar nicht üblich, so wie in den Weltstädten, die Blätter öffentlich auszuschreien. Das war heute die allgemeine Aufregung in der ganzen Stadt. Man glaubte, die heisse Welle aus der Innenstadt bis in unser stilles Villenviertel hinaus in der Luft zu fühlen.
„...Margot Sandners letzte Stunden ...“ Ich konnte es nicht mehr hören. Ich wollte nicht immer wieder daran erinnert werden. Ich trat in einer sonderbaren, mir selber unerklärlichen Unruhe vom Fenster in das Zimmer zurück.
Da drinnen purzelten sich der Peter und das Paulemännchen auf dem Teppich herum, und auf der Kautsch sass Klara und hatte Evchen auf dem Schoss und las mit ihm aus dem Bilderbuch: „Was ist das für ein Bettelmann — er hat ein schwarzes Röckchen an ...?“ und Eochen krähte und tippte mit dem rosigen Zeigefingerchen längs der Zeilen hin, als ob es schon längst buchstabieren könnte ...
Und wie so oft, wenn ich meine liebe Frau ansehe: Sie ist doch schon nahe an den dreissig — so alt wie Margot Sandner, ihre einstige Schulkameradin —, und hat doch noch in ihrem schlanken Wuchs etwas Mädchenhaftes — ein reines deutsches Gesicht mit klaren Augen und voll eines freien und frischen Friedens. Sie hat, was sie vom Leben wünscht. Und ich mit ihr und durch sie in unseren vier Wänden. Die letzte Abendsonne schien hell in einem schrägen Stäubchenstrahl in unsere kleine Welt. Und da draussen ist die Welt der Menschen und ihre Not.
Und der Menschheit ganzer Jammer fasst mich an, wenn ich mein Haus verlasse, um anzuklagen, wo anzuklagen ist — um Strafe zu verlangen, wo Strafe not tut — um meine Pflicht zu tun — meine Pflicht — meine Pflicht! Aber so schwer wie diesmal habe ich meine Pflicht noch nie empfunden.
Klara liess das Eochen auf den Boden gleiten. Sie schaute in ihrer heiteren Mütterlichkeit aus dem Kleeblatt der Kleinen um sie her zu mir auf. Sie sagte nichts. Sie wusste: Ich lasse mich in dem, was ich für meine Pflicht halte und tue, von niemandem beeinflussen und beraten — auch nicht von der eigenen Frau. Das muss der Mensch für sich allein mit Gott und seinem Gewissen abmachen. Aber ich wusste, was Klara dachte.
Und nun warf sie doch ihren blonden Kopf in den Nacken. Das ist immer ein Zeichen der unbeirrten Selbständigkeit meiner guten Lebenskameradin. Sie hat ein viel stärkeres inneres Leben, als die meisten bei ihrer ruhigen und ausgeglichenen Aussenart ahnen, und ich habe nie daran getastet und merke: Jetzt bricht das durch und heisst Margot Sandner ...
Ich suchte den Disput über Margot Sandner, den wir, Klara und ich, schon so oft in den letzten drei Monaten geführt hatten, heute zu vermeiden. Er war ja doch aussichtslos. Dort drüben stritt das Gefühl, hier bei mir der Verstand. Das einte sich so gut wie Feuer und Wasser. Ich fühlte den Drang, mit mir allein zu sein! Ich wollte dem Schatten der Margot Sandner entgehen, der ständig seit einem Vierteljahr, seit dem Urteilsspruch der Geschworenen, hinter mir her wandelte, als sei sie die Anklägerin, nicht die Verurteilte. Ich ging stumm und schnell aus dem Zimmer. Ich griff draussen auf der Diele nach Hut und Mantel. Ich war schon an der Flurtür. Da fühlte ich mich von hinten am Arm gepackt. Ich drehte mich um. Ich sah in die blauen Augen meiner lieben Frau. Ich sah auf ihrem vertrauten, sonst so klar in sich befriedeten Gesicht nicht nur einen Schmerz — eine Angst —, sondern eine Leidenschaft, die selbst mir, der ich sie doch, weiss Gott, wie mich selber kenne, fremd war. Sie zog mich in das Zimmer zurück. Die Kinder schauten, auf dem Teppich sitzend, aus grossen Augen zu Pappi und Mutti auf, wie Klara erregt vor mir stand und die Hände vor der Brust faltete und atemlos hervorstiess:
„Du — höre — der Staatspräsident kann Margot Sandner noch im letzten Augenblick begnadigen! Besinne dich, ob nicht gerade du ihm etwas zu sagen hättest s...“
„Nur das, was ich immer gesagt habe und sagen musste!“
„Margot Sandner stirbt durch dich!“
„Nein! Durch das Gesetz, das ich vertrete!“
„Wenn sie schuldig wäre!“ rief Klara stürmisch. „Aber sie ist es nicht! Nach meiner heiligen, unumstösslichen Überzeugung ist sie es nicht!“
Ich rang die Hände.
„Klara — wenn ich nicht wüsste, was du für eine vernünftige Frau bist ... Ich könnte in diesem Fall hier wirklich an deinem gesunden Menschenverstand zweifeln. — Kind — überlege dir nur: Die Margot Sandner hat doch ...“
„Ich kenne sie doch von klein auf!“ Die Worte meiner Frau überstürzten sich. „Wir stammen doch hier aus derselben Stadt. Wir haben schon als Kinder zusammen gespielt. Wir sind als Mädel zusammen in die Schule gegangen. Erst in den letzten Jahren, seit ich geheiratet habe, habe ich sie ein wenig aus den Augen verloren!“
„Nun eben! Du weisst nicht, was inzwischen aus ihr geworden ist! Die Margot Sandner hat doch ...“
„Der Mensch ändert sich doch nicht! Der bleibt doch, wie er ist! Die Margot war immer ein romantisches Geschöpf Gottes. Sie ist träumerisch. Sie ist phantastisch. Eine Künstlernatur. — Sie war ja auch Kunstgewerblerin, ehe sie geheiratet hat ...“
„Die Margot Sandner hat doch selber ...“ begann ich wieder. Aber Klara liess mich nicht zu Worte kommen.
„Die Margot war niemals so recht von dieser Welt! Die hat immer in einer Art Wolkenkuckucksheim gelebt! Irgendeine Riesendummheit aus reiner Schwärmerei — ja — die würde ich ihr eines schönen Tages unbesehen zutrauen! Aber eines Verbrechens ist sie unfähig! Und mm gar der Ermordung ihres eigenen Mannes! Stelle dir doch das nur vor, was das heisst! Man schaudert ja, wenn man nur daran denkt!“
Mir riss der Geduldfaden.
„Die Margot Sandner hat doch vor Gericht gestanden“, schrie ich, „dass sie ihren Mann mit vollem Vorsatz und Überlegung erschossen hat!“
„Das hat sir erklärt! Das ist eben das Rätsel!“
„Ein Geständnis ist kein Rätsel, sondern löst das Rätsel!“
„Ja — wenn der Betreffende sagt, warum er es getan hat! Aber das weisst du als Staatsanwalt wahrhaftig am besten: die Margot hat die Tat zugegeben! Aber seit diesem einen Satz vor Gericht schweigt sie sich unverbrüchlich aus! Über den Grund der Tat ist niemals ein Wort über ihre Lippen gekommen!“
„Nein! Sie bleibt stumm!“
„Hans — da stimmt doch etwas nicht! Glaube meinem Gefühl ... da stimmt etwas nicht!“
„Ihr Schweigen ändert nichts an dem Geständnis selbst! Und sogar wenn sie nicht gestanden hätte: Die Begleitumstände — die gerichtlich erhärteten, unumstösslichen Tatsachen bekunden mit furchtbarer Deutlichkeit, dass überhaupt gar kein anderer Mensch in Frage kommen kann! Sie ist und bleibt die Mörderin!“
Es war fast unheimlich, wie in dem plötzlichen Schweigen zwischen uns diese Worte in unserem friedlichen, immer noch hell abendbesonnten Familienzimmer verzitterten. Durch die Stille hörte man aus der Nebenstrasse undeutliche, stossweise Rufe. Das Paulemännchen, unser Ältester, horchte vom Boden her.
„Pappi — was schreien denn die Männer?“
„Es muss nächstens jemand sterben, Kind!“ sagte ich. „Eine Frau!“
„Pappi! Ist das eine böse Frau?“
„Nein!“ rief Klara heftig. „Das ist sie nicht!“ Und dann etwas ruhiger, aber mit einer ihr sonst fremden Härte im Ton: „Das ist eine gute Frau! Das weiss Pappi nur nicht so! Er kennt sie nicht!“
Es wurde wieder still. Klara und ich ashen uns an.
„Wer schaut den Menschen ins Herz?“ sagte ich endlich. „Und nun gar euch Frauen! In Margot Sandner schlummerten eben verbrecherische Instinkte, die bis dahin niemand ...“
Meine liebe Klara richtete sich auf. Auf ihrem ruhigen und regelmässigen Gesicht lag jetzt ein tiefer Ernst.
„Man hat uns deutschen Frauen seit vielen Jahren viel Unrecht getan!“ sagte sie. „Man hat uns scheinbar viel Freiheit gegeben, aber man hat uns viel mehr genommen. Man hat nicht mehr begriffen, dass ein Volk in der Familie wurzelt und die Würde der Familie und damit des Volkes in die Hand der Frau gegeben ist. Man hat uns aus der Familie auf den Markt hinaus bugsiert und zu einer Art Männer-Reserve gemacht und nicht bedacht, dass wir damit unser Bestes verlieren. Man hat oft in der Kunst und in der Literatur ein Zerrbild aus uns gemacht — und wir liessen es uns leider gefallen, weil wir uns einbildeten, das gehöre so in die neue Zeit. Aber wir sind gar nicht so. Wir sind, wie wir immer waren. Wir haben in schwerer Zeit unsere Pflicht getan, und wenn Deutschland wieder einmal hochkommt, dann geschieht es auch dank uns!“
„Warum erzählst du mir das alles jetzt?“
„Weil ihr von diesem Standpunkt aus über Margot Sandner geurteilt habt! Ihr habt, weil ihr ewig Vampyre im Film und hysterische Weiber auf der Bühne gesehen habt, gar nicht begriffen, dass Frauen wie die Margot oder ich oder wen du willst von unserer Art, schon in ihren Gedanken über den Trieben stehen, die unsereins zur Mörderin machen könnten!“
„Es gibt doch auch schwarze Schafe!“
„Aber Margot gehört nicht dazu. Sie ist eine deutsche Frau. Auf ihrem Ruf lastet nicht der geringste Makel. Das hast du selbst als Staatsanwalt zugeben müssen!“
„Das beweist noch nicht ...“
„Nimm doch ihr Elternhaus! Gegen den guten Studienrat Markwart und seine Frau hat sich doch nie ein Schatten eines Worwurfs erhoben. Das ist doch das richtige bügerliche Haus. Direkt spiessbürgerlich sind die Leute!“
„Gewiss — aber...“
„Und von da aus hat doch die Margot Sandner geheiratet! Die Bombenpartie ist ihr doch gar nicht zu Kopf gestiegen. Sie war immer nett und lieb — ganz die alte —, wenn man sie mal auf der Strasse traf. Sie konnte ja auch lachen! Ihre Ehe war doch absolut glücklich. Das sagt doch jeder, der mal bei Sandners im Hause war! Und sie machten doch ein grosses Haus. Gott und die Welt war dort. Der Margot ihre Künstlerfeste waren doch berühmt!“
„Klara!“ Ich machte mich los und stülpte mir wieder den Hut auf und drängte zur Tür. „Glaubst du denn, dass du mir mit alledem irgend etwas Neues sagst? Darüber haben wir doch schon tausendmal geredet!“
Meine Fran folgte mir. Sie eilte neben mir die Diele entlang. Sie rief:
„Die Margot und einen Menschen umbringen! Es ist ja einfach lächerlich! Und wenn sie’s selber zehnmal sagt! Hans — wie kannst du denn die Verantwortung tragen?“
Ich blieb noch einmal stehen.
„Nicht ich habe Frau Sandner schuldig befunden! — Das ist nicht meines Amts“, sagte ich, „sondern das der Geschworenen — zwölf Männer aus dem Volk...“
„Nicht alle...“
„Alle, bis auf eien! Diesen Herrn Nottebohm! Das genügte wahrhaftig, um die Wahrheit zu finden!“
„Es ist nicht die Wahrheit!“
„Klara — halte mich jetzt nicht auf! Ich muss frische Luft schöpfen! Die Geschichte dreht sich mir Tag um Tag wie ein Mühlrad im Kopf!“
„Nein! Ich lasse dich nicht fort! Höre mich...“
Gott sei Dank: Unten vor dem Haus surrte jetzt eben der Motor eines vorfahrenden Automobils. Der Regierungsassessor Fabri stürmte, zwei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe empor. Ich atmete beim Anblick meines kleinen Fabri auf. Er war meine rechte Hand. Für seine Jahre schon ein bisschen rundlich und immer ein wenig ausser Puste. Wenn er gar so nach Atem rang wie jetzt, dann kam er in dringenden Dienstangelegenheiten, und ich war der weiteren Auseinandersetzung mit meiner Ehehälfte überhoben. Und da stiess er schon hervor:
„Der Herr Staatspräsident lässt den Herrn Ersten Staatsanwalt sofort um seinen Besuch bitten!“
„Wissen Sie, in welcher Angelegenheit?“
„Der Herr Staatspräsident geht in letzter Stunde noch einmal mit sich zu Rate, ob er im Fall Sandner sein Begnadigungsrecht ausüben soll! Er möchte noch einmal in privater Aussprache Ihre Anschauung — die des Anklägers — hören. Er hat zu gleichem Zweck den Verteidiger, den Doktor Morell, zu sich bestellt. Er muss einen Entschluss fassen. Die Stadt ist ja in einer Aufregung...“
„Und wie mag gar der armen Margot zumute sein.“ Meine Frau, die sonst so Beherrschte, kämpfte mit Tränen.
„Der einzige Mensch in der Stadt, der ganz ruhig ist“, sagte mein kleiner Assessor immer noch atemlos, „das ist Frau Sandner selber!“
„Was?“
„Ich habe vorhin den Geistlichen — den alten Dingsda — getroffen, der sie seinerzeit konfirmiert hat...“
„...und mich mit ihr!“ rief Klara. „Und was sagt der Pastor Schmidt?“
„Er kam jetzt eben von ihr...“
„Und sie ist nicht in Todesangst?“
„Sie ist völlig gelassen, berichtet der alte Schmidt, sie sitzt in ihrer Zelle und liest ein Buch über die Bienen. Sie sagt, die Bienen seien ihr interessanter als die Menschen!“
„Man müsste sie auf ihren Geisteszustand untersuchen!“ flüsterte meine Frau. Sie hatte ganz scheue blaue Augen.
„... ist doch schon längst vor der Gerichtsverhandlung geschehen!“ Ich trat in das Treppenhaus hinaus. „Drei ärztliche Sachverständige haben sie für klarer im Kopf erklärt, als wir normalen Staatsbürger selber es womöglich sind! — Kommen Sie, Fabri! Ihr Wagen steht doch noch unten? Warte nicht mit dem Abendessen auf mich, Klara! Gott weiss, was sich heute Nacht noch ereignet!“
2.
Weitere Niederschrift des Staatsanwalts Sigrist
Die Villenstrassen, durch die unser Krastwagen sauste, boten im Abenddämmern mit ihren frühlingsgrünen Vorgärten das gewohnte Bild friedlichen Stillebens. Aber je mehr wir uns dem Innern näherten, desto mehr veränderte sich das Alltagsantlitz unserer guten Stadt. Die Menschen standen in Gruppen an den Strassenecken beisammen, sie gestikulierten, sie hatten sich mitten auf dem Weg aufgepflanzt und vertieften sich in die Abendzeitungen. Im Aufblenden der abendlichen Laternen füllten sich die Bürgersteige mit einem immer dichteren Gedränge in der Richtung nach dem freien Platz, an dem das Amtsgebäude des Staatspräsidenten lag.
Hier stauten sich die Leute viele Glieder tief, Kopf an Kopf, zu dunklen, unruhig bewegten, unbestimmt murmelnden Mauern. Vereinzelte Rufe wurden aus der Menge laut — Gassenjungen pfiffen — die Strassenbahn bimmelte und kam nicht weiter. Auch für uns war es unmöglich, die Masse zu durchbrechen und vor dem Ministerium vorzufahren. Wir mussten aussteigen. — Schutzmänner hielten eine schmale Gasse durch das Gewühl bis zum Portal frei. Depeschenboten, Briefträger, Reporter, Abgeordnete, Beamte, Notabeln der Stadt drängten sich da zum Eingang oder schoben sich uns von dort entgegen.
Ich passierte eilig zu Fuss diesen Menschenhohlweg. Ich wurde von der Masse als der Staatsanwalt Sigrist erkannt. Erregte Rufe umbrandeten mich. „Mörder!“ schrie mir ein blasser, leidenschaftlicher junger Mann ins Gesicht. Und eine Dame noch erregter: „Nein... Mörderin!“ — „Gnade — Gnade!“ tönte es da wie in einem Sprechchor, und dann wieder ein tiefer Bierbass: „Nee — Kinder — Gerechtigkeit! — Wo kämen wir denn sonst hin?“
Ich kümmerte mich nicht um die vox populi, obwohl die Leute mich am Ärmel fassten, mir in den Weg traten. Die Schutzleute schufen mir Bahn bis zum Eingang des Ministeriums. Dort harrte meiner ein Botenmeister. „Herr Staatsanwalt werden schon erwartet!“ meldete er und geleitete mich die Treppe hinauf, durch ein paar Vorzimmer voll Menschen, in den Empfangsraum des Staatspräsidenten.
Dr. Nöldechen war allein in dem weiten, stillen, von der steifen Würde des Staats erfüllten und durchkälteten Gemach. Er stand vor einem mächtigen grünen Tisch, auf dem das gedämpfte Licht elektrischer Deckenlampen die Dinge beschien, mit denen Margot Sandner seit Monaten die Öffentlichkeit beschäftigte — die Stapel von Gerichtsakten, die Stösse von Zeitungen, die Bündel von Depeschen, Briefen, Eingaben von Privaten und Vereinen, die Haufen von Visitenkarten ihrer Freunde und Gegner in diesem Prozess. Sinnend nun davor der kleine Mann, in dessen Händen ihr Schicksal lag. Ich kannte den Dr. Nöldechen seit Jahrzehnten, und es schien mir, als sei er in dieser ganzen Zeit weder alt noch jung, sondern äusserlich immer derselbe geblieben. Der zart gebaute, etwas gebückte Herr mit dem schütteren grauen Vollbart, der mächtigen gebuckelten Stirn über der goldenen Brille hatte etwas Zeitloses. Immerhin: Er war jetzt ein Siebziger. Sein Gesicht gefurcht, in seinem seltsamen Widerspiel von amtlicher Strenge um den Mund und menschlicher Güte in den Augen. In denen lag ein tiefer Ernst der Verantwortung, wie er langsam den Gelehrtenkopf zu mir umwandte und mir stumn die Hand bot und auf einen Sessel wies. Er hüstelte bedächtig. Das war immer seine Art, seine Gedanken zu sammeln, ehe er sprach. Dann begann er mit seiner hohen, leisen, heute etwas matten Stimme.
„Ich danke Ihnen, dass Sie gekommen sind! Ich brauche heute Menschen. Ich werde allein nicht fertig! Sie wissen: Ich bin ein gläubiger Christ. Ich habe heute Nachmittag einen einsamen, einstündigen Spaziergang gemacht und über den Fall Sandner nachgedacht. Ich habe mir dann die Stiftskirche aufschliessen lassen und eine Viertelstunde gebetet, dass Gott der Herr mich erleuchten möge. Aber mein Gewissen ist noch nicht in Ruhe. Ich habe ja freilich da die Akten. Ich habe die Berichte und Gutachten der zuständigen Stellen. Ein anderer würde sich vielleicht mit dem, was er da schwarz auf weiss besitzt, zufrieden geben. Aber gerade diesmal kämpft in mir etwas dagegen. Das sind starre, unpersönliche Schriftsätze auf der Schreibmaschine. In anderen Fällen wären sie mir auch Richtlinien für meine Entschlüsse genug. In dem Dunkel, in dem wir im Falle der Margot Sandner tappen, ist zweimal zwei nicht einfach vier. Es fehlt mir der Schlüssel zu dem Menschlichen in diesem Rätsel!“
„ — — — das höchstens in Frau Sandner’s Schweigen über die Gründe ihrer Tat liegt!“
„Ich kenne diese Frau nicht. Ich habe als Staatspräsident selbstverständlich der Gerichtsverhandlung nicht beiwohnen können. Ich suche irgendwie den lebendigen Eindruck ihrer Persönlichkeit. Ich habe mich mit ihren damaligen Richtern und dem Vorsitzenden des Schwurgerichts über sie unterhalten. Ich möchte nun noch Sie hören, der damals Frau Sandners Tod, und dann ihren Verteidiger, Doktor Morell, der ihr Leben forderte.“
„Ich weiss aus meiner Praxis wenig Fälle, in denen die Tatsachen so klar und einfach zutage liegen!“ sagte ich, bemüht, die Ruhe meines Amtes zu wahren. „Wir haben überhaupt nur zwei eigentliche Zeugen — die beiden Schutzleute Lemich und Neubert — beides erprobte, im Dienst ergrante, über jeden Verdacht erhabene Beamte. Herr Staatspräsident halten jetzt eben deren schriftliche Bekundungen in der Voruntersuchung in der Hand, wie sie nachher von den beiden in der Hauptverhandlung beschworen wurden!“
„An diesen Aussagen ist kein Zweifel!“ Dr. Philipp Nöldechen nickte bedächtig und legte den Akt auf den Tisch.
„Rekapitulieren wir uns doch den kurzen und simpeln Vorgang!“ fuhr ich fort. „Die beiden Schutzleute hatten in der Nacht vom fünfundzwanzigsten zum sechsundzwanzigsten Januar draussen an der Ecke der Elisenund Gartenstrasse in einem im Winter fast unbewohnten und daher von Einbrechern bedrohten Villenviertel Wacht. Eine Viertelstunde, nachdem es vom Turm elf Uhr nachts geschlagen, verlassen sie ihren Posten in der Elisenstrasse, um in der unweit gelegenen, wenig gut beleumundeten Wirtschaft ,Knolls Taverne’ den Vollzug der Polizeistunde zu kontrollieren, und biegen in die Gartenstrasse ein. Dies Eckhaus, um das sie herumgehen, ist die grosse, winters völlig leere, dem Grosskaufmann Leopold Sandner gehörige Villa, mit dem Vordereingang nach der Gartenstrasse. Gerade als sie auf drei Schritte an dem Haustor vorbeikommen, kracht innen ein Schuss durch die Nachtstille, in der sie jeden etwa vorhergegangenen Schuss hätten hören müssen. Es war also unzweifelhaft der erste und einzige Schuss, der überhaupt abgegeben wurde.“
„Das Haustor ist unverschlossen —“, Dr. Nöldechen blätterte wieder stirnrunzelnd, in angestrengtem Nachdenken in dem Protokoll.
„Der eine Schutzmann fasst sofort davor Posten, so dass niemand nach dem Schuss hier die Villa verlassen konnte...“, fahre ich fort. „Der andere dringt mit seiner Taschenlaterne in die dunkle Diele ein. Alles ist still. Nichts rührt sich. Ein Hinterraum ist erleuchtet. Auf der Schwelle, zwischen diesem Salon und der Diele, liegt Sandner tot. Noch warm. Nicht weit davon auf dem Teppich ein Revolver — sein eigener Revolver, wie festgestellt —, in dem ein Schuss fehlt. Der Schuss ging von hinten an der tötlichen Stelle zwischen Wirbelsäule und Hinterkopf ins Genick. Es ist, nach Aussage aller Sachverständigen, ganz unmöglich, dass ein Mensch sich selbst einen solchen Schuss beibringen kann.“
„Und wenige Schritte davon, im Nebenraum...“
„...sitzt Frau Margot Sandner in Hut und Mantel, völlig teilnahmslos, und lässt sich gleichgültig festnehmen...“
„...und gibt nur die Tat zu, aber mit keiner Silbe jemals die Gründe!“ Der alte Nöldechen seufzte und warf das Protokoll auf das grüne Tuch.
„Der Schutzmann an dem Haustor hat sofort mit der Trillerpfeife eine Streifrunde herbeigerufen!“ fuhr ich fort. „Das ganze Haus wurde in allen Winkeln durchsucht. Es fand sich keine Menschenseele ausser Frau Sandner und dem Toten. Der Hinterausgang nach dem Park war von innen so fest mit Sicherheitsschlössern und Vorlegstangen verwahrt, dass man eine Viertelstunde gebraucht hätte, um zu öffnen...“
„Es gab noch eine Pforte aus dem Wintergarten ins Freie...“
„Sie war fest verschlossen. Der Schlüssel hing innen an der Wand. Einen zweiten Schlüssel besass Sandner selbst. Er fand sich in seiner Tasche. Den dritten und festgestelltermassen letzten hatte der für den Winter mit dem Sandnerschen Haushalt in die Stadt gezogene Gärtner. Dieser Schlüssel befand sich laut seinem Eid diese Nacht über wie gewöhnlich an einem Nagel an der Tapete über seinem Bett.“
„Und selbst wenn man von einem heimlich hergestellten Nachschlüssel reden wollte“, schloss ich, „so haben wir auch da einen klassischen Zeugen unter Eid dafür, dass während der kritichen Zeit niemand in der mondhellen Frostnacht, in der er weithin hätte gesehen werden müssen, von hinten heraus das Haus verlassen hat! Auch Fussspuren haben sich bekanntlich nirgends in der Umgebung gefunden.“
Dr. Philipp Nöldechen nickte und schwieg. Ich hub noch einmal an:
„Also müssen wir Frau Sandners Geständnis, dass sie ihren Mann mit voller Überlegung getötet hat, Glauben schenken, auch wenn sie uns ihre Beweggründe unerschütterlich vorenthält. Dadurch macht sie es uns ja so schwer. Da heisst es immer und verfolgt mich seit Monaten, der Staatsanwalt habe den Kopf der Schuldigen verlangt! Weiss Gott — mir wäre lieber gewesen, ich hätte mildernde Umstände für die Angeklagte beantragen und sie vor dem letzten Gang bewahren können! Aber wo wir, dank ihr, überhaupt keine näheren Umstände der Tat kennen, konnten wir beim besten Willen auch keine mildernden Umstände der Tat kennen und in das Urteil einsetzen. Wir mussten uns also an die Tatsachen allein halten: Ja oder nein? Schuldig oder nicht? Leben oder Tod? Es gibt keine Abschwächung. Keine Erklärung. Es gibt nur den Buchstaben des Gesetzes. Das ist die Zwangslage, in die Margot Sandner selbst aus freiem Willen damals mich und die Geschworenen und den Gerichtshof versetzte, und jetzt, bei der Frage der Begnadigung, Sie, Herr Staatspräsident, bringt!“
„ES ist, als ob sie sterben wollte!“ sagte der alte Herr mit seiner leisen, seltsam hellen Stimme. „Darf man einem Menschen von Staats wegen behilflich sein, der Selbstmord begehen will?“
„Ja!“ versetzte ich fest. „Wenn dieser Mensch seine Tat sühnen und sich selber richten will — aus Gründen, die nur Gott und er kennen!“
Der ergraute kleine Würdenträger sah mich durch die Brillengläser aus seinen grossen, dunklen Augen an, die, wenn auch alterstrübe, doch noch seine geistige Bedeutung verrieten.
„Das ist Ihr Standpunkt!“ sprach er langsam. „Audiatur et altera pars!“ Ich höre da draussen die stürmische Stimme des Verteidigers. Wir kennen sein Ungestüm.“ Und zu dem einen Spalt der Tür öffnenden Diener: „Lassen Sie Herrn Doktor Morell nur gleich herein!“
3.
Noch eine Niederschrift des Staatsanwalts Sigrist
Der Rechtsanwalt Morell stürzte herein. Stürzen war das rechte Wort. Er ging nicht wie andere. Er war immer der Läufer von Marathon, von einem rastlosen Temperament getrieben, auch drüben im Justizpalast, in flatternder Robe über Gänge und Treppen, von einem Verhandlungszimmer in das andere, einen unbändigen Ehrgeiz als Schrittmacher im Genick. Er war, mit kaum fünfundzwanzig Jahren, schon einer der gesuchtesten Verteidiger. Aber man sah es ihm an: das war nur der Anfang! Er, Paul Morell, musste der exste Rechtsanwalt der Stadt werden. Geheimer Justizrat, Millionär. Was weiss ich...
Er passte in unsere nordische Stadt wie die Faust aufs Auge. Schon nach seinem Äussern. Ein südlicher Mensch. Ein Mittelmeermensch. Darauf deutete dieses krause, dichte, schwarze Haar, die starken schwarzen Brauen über den feurigen, dunklen Augen, der kleine schwarze Schnurrbart, unter dem beim Lachen die weissen Zähne blinkten, das ewig bewegte Mienenspiel seines bräunlichen, ausdrucksvollen Gesichts. Dabei war er aber ein rechter Sohn unserer guten Stadt, einem ehrbaren, seit Jahrhunderten in ihr ansässigen Patriziergeschlecht entsprossen. Das südliche Blut — das musste irgendwie durch Heirat einmal in die Familie gekommen sein.
Der Rechtsanwalt Morell und ich standen uns wie Katz’ und Hund. Wir kreuzten oft genug vor Gericht die Klingen, und ich muss gestehen: Er machte es einem nicht gerade leicht! Nicht, als ob sein juristisches Wissen so profund gewesen wäre! Im Gegenteil: Morell litt bei seinem unruhigen Geist oft unter einer gewissen Oberflächlichkeit! Auch nicht, als ob die Logik seiner Ausführungen immer entwaffnete! Er setzte sich, wenn es nicht anders ging, mit kühnem Gedankensprung über unbequeme Zusammenhänge hinweg! Aber er war der geborene hinreissende forensische Redner. Als solcher feierte er Triumphe. Die Worte ballten sich ihm wie durch Naturgewalt auf den Lippen. Er besass das grosse Geheimnis eines Demosthenes: er glaubte in dem Augenblick, in dem er sprach, felsenfest selber an das, was er sagte, und darum glaubten ihm, zu meinem Kummer, auch oft genug die Geschworenen.
Hier, ausserhalb der gerichtlichen Arena, waren wir zwei gute Bekannte. Ich bot ihm die Hand. Er drückte sie flüchtig, fast ohne hinzusehen. Er beachtete mich kaum. Er wandte sich an den Staatspräsidenten. Der ganze Mensch war Feuer und Flamme. Er bebte von jenem, mir nur zu gut als seine Spezialität bekannten heiligen Zorn, den er oft genug vor Gericht im Interesse seiner Klienten ins Treffen führte. Aber so völlig ausser Fassung hatte ich diesen nervösen Mann doch noch nie gesehen.
„Ein Justizmord — Herr Staatspräsident!“ rief er, ohne eine Frage abzuwarten, und wiederholte es in einem erstickten und darum wirkungsvollen Pathos. „Ein Justizmord, Herr Präsident! Sie haben in Ihren ehrwürdigen Jahren das biblische Alter überschritten. Ihre vorbildliche Gottesfurcht ist bekannt. Sie können die Spanne Zeit ermessen, in der Sie vor einem höheren Richter stehen werden, als es die waren, vor denen Margot Sandner stand...“
Das waren wieder seine Phrasen aus dem Gerichtssaal. Ich kannte das. Aber er wirkte doch wieder durch eine leidenschaftliche Überzeugungskraft, die in seiner Sprache, seinen Bewegungen, seinem ganzen Wesen mitschwang.
„Herr Präsident!“ fuhr er atemlos fort. „Können Sie sich die Auffassung dieses Mannes hier — Verzeihung: des Herrn Ersten Staatsanwalts hier — zu eigen machen? Ich sehe an seinem Gesicht, was er denkt! Ich weiss, was er Ihnen gesagt hat! Es ist sein Beruf, immer nur das Schlechte — das Entartete — das Niedrige im Menschen zu sehen! Aber eben dadurch kommen, durch Menschenirrtum, die Justizmorde zustande!“
„Ich protestiere gegen diesen Ausdruck! “ rief ich. „Das Gericht hat zu Recht erkannt!“
„Auch ich möchte Verwahrung einlegen!“ sprach Dr. Nöldechen leise, aber bestimmt.
„Ich bitte um Verzeihung! Ich nehme die Wendung zurück. Entschuldigen Sie sie mit dem Eifer des Verteidigers, der im letzten Augenblick ein Leben, das ihm anvertraut ist, retten will! Herr Präsident — es lastet eine furchtbare Verantwortung auf Ihnen...“
„Dessen bin ich mir bewusst!“ sagte der alte Herr vor sich hin.
„Lassen Sie sich nicht von dem Mann zu Ihrer Rechten, der die Seelenlosigkeit des toten Buchstabens vertritt, zu einem Entschluss drängen, der...“
Ich hob abwehrend die Hand.
„Ich habe lediglich auf Befragen nach bestem Wissen meiner Überzeugung Ausdruck gegeben, dass Frau Sandners Verurteilung nach ihrem Geständnis eine Selbstverständlichkeit war!“ sagte ich. „Ob nachträglich Gnade für Recht ergehen soll — das zu entscheiden steht nicht bei mir. Als Mensch habe ich nichts dagegen!“
„Und es muss Gnade ergehen, Herr Präsident!“ Dr. Paul Morell dämpfte plötzlich seine schmiegsame und biegsame Stimme zu einem geheimnisvollen Flüstern, das mir aus vielen seiner Plaidoyers nicht fremd war: „Meine Klientin hat allerdings mit einem einzigen knappen Satz ihre Schuld gestanden! Aber was eigentlich in jener Villa in der Nacht geschah, davon haben wir trotz dieses angeblichen Geständnisses keine Ahnung!“
„Sie schweigt!“ Der Staatspräsident Nöldechen nickte und wiederholte in tiefem Sinnen, mehr für sich als für unsere Ohren: „Das ist es... sie schweigt!“
Und Morell, seinen Vorteil erkennend, weiter:
„Herr Präsident: Soll man deswegen einen Menschen für immer stumm machen, weil er nicht spricht?“
„Auch nicht zu Ihnen spricht?“ rief ich.
Der Rechtsanwalt Morell wandte sich zu mir. Zum erstenmal sah ich eine gewisse Mutlosigkeit und Ratlosigkeit in seinen heissen dunklen Augen. Er zuckte erbittert die Achseln.
„Was soll ich tun?“ sagte er. „So schwer hat es mir allerdings noch nie ein Klient gemacht. Aber ich war doch mit dem armen Sandner so dick befreundet, ich verkehrte doch soviel in dem Sandnerschen Haus — gerade weil auch meine bessere Hälfte und die Margot Sandner von klein auf ein Herz und eine Seele waren und schon zusammen in die Schule gegangen sind...“
„Meine Frau auch!“ sagte ich.
„Eben! Das ist ja alles derselbe Jahrgang. Das hängt alles zusammen. Deswegen war es meine Gewissenspflicht, als das Unglück geschehen war, mich Frau Sandner als Verteidiger zur Verfügung zu stellen! Sie nahm es ja auch sofort an. Irgendeinen Verteidiger musste sie ja haben, und ich als Freund des Hauses konnte ihr doch ganz anders zur Seite stehen als irgendein wildfremder, womöglich vom Gericht bestellter Herr in schwarzer Robe. Aber ins Vertrauen gezogen — das muss ich leider Gottes ehrlich gestehen und habe es schon in der Verhandlung offen zugegeben — hat sie mich sowenig wie sonst jemanden, und bei diesem direkt wahnsinnigen und selbstmörderischen Standpunkt ist die verblendete Frau bis heute geblieben!“
Eine Weile war es still. Dann sagte Dr. Nöldechen:
„Es gibt nur eine einzige Frage, die trotz Frau Sandners Schweigen über die näheren Umstände ihrer Tat einwandfrei geklärt ist und die wir jetzt noch einmal prüfen wollen — die Frage: Was wollte Frau Sandner in dieser Winternacht in dem einsamen, unbewohnten haus?“
Er wandte sich an den Rechtsanwalt Morell:
„Das war der Grund, weswegen ich Ihre verehrte Frau Gemahlin um ihren Besuch bitten liess!“
„Ich habe sie mitgebracht! Sie ist draussen!“
„Dann sagen Sie der gnädigen Frau, ich wäre ihr dankbar, wenn sie sich jetzt hereinbemühen wollte!“
4.
Die vierte und vorläufig letzte Niederschrift des Staatsanwalts Sigrist
Wie so oft in guten Ehen, ergänzten sich auch bei Morells zwei grundverschiedene Hälften zu einem erfreulichen Ganzen. Schon äusserlich waren er und sie das gerade Gegenteil. Frau Lisbeth Morell, die leise eintrat, in respektvoller Haltung sich dem greisen Staatspräsidenten näherte, war so blassblond wie ihr Mann tief brünett, die Augen von einem unbestimmten, etwas matten Blau statt seiner schwarzen Irrlichter, schmal und schmächtig von Gestalt, in der Kopfneigung und dem schwachen Lächeln, mit dem sie uns begrüsste, von einer gewissen damenhaften Kühle, im Gegensatz zu ihm, bei dem das Barometer immer auf Sturm stand.
Sie galt für eine hübsche Frau. Sie war es auch. Gewiss. Aber in einer unauffälligen, etwas blässlichen und nüchternen Art. Sie hinterliess keinen rechten Eindruck. Man konnte sich vorstellen, dass man ihr Äusseres rasch wieder vergass, was einem bei ihm, Paul Morell, nicht leicht passieren konnte. Wahrscheinlich brauchte er bei seinem Temperament solch eine gleichmässige, fast ein wenig langweilige Frau. Eine andere hätte es mit dem aufgeregten Menschen vielleicht gar nicht ausgehalten. Die zwei aber kamen seit Jahren vortrefflich miteinander aus.
„Bitte — nehmen Sie Platz, gnädige Frau! Herrn Staatsanwalt Sigrist kennen Sie ja durch seine Gattin, Ihre Schulfreundin! Und nun erzählen Sie mir, bitte, ganz freimütig — ganz menschlich, was Ihnen von dem Zusammensein mit Margot Sandner an dem verhängnisvollen Abend in Erinnerung ist! Es ist kein Verhör! Es ist ein Gefallen, den Sie mir persönlich und nur mir erweisen, indem Sie meine Einsicht in diese dunkle Geschichte aus Ihrer eigenen Wahrnehmung heraus unterstützen!“
Ich wusste schon aus der Prozessverhandlung seinerzeit: Es war Frau Morell damals so ergangen, wie wohl fast jeder Dame der Gesellschaft, die sich plötzlich als Zeugin vor Gericht, vor den Schranken und Talaren, in dem überfüllten Saal als Mittelpunkt von Hunderten von Blicken empfindet und weiss, dass Hunderte von Ohren das mit anhören, was sie sagt. Jede Dame fühlt sich da befangen, spricht stockend und mit Pausen und Wiederholungen. Jetzt, dem Herrn Staatspräsidenten gegenüber, würde diese Hemmung durch das Ungewohnte wahrscheinlich eine ähnliche sein. Ich tat daher, was ich häufig im Gerichtssaal tat. Ich zog mein Taschenbuch hervor und stenographierte Frau Morells Bericht mit, um mir von ihm ein ganz klares Bild festzuhalten. Ich hatte meinen Entschluss nicht zu bereuen. Denn es wäre sonst nicht leicht gewesen, Frau Morells langsamer und umständlicher, etwas preziöser Art des Sprechens zu folgen. Es hatte etwas Ledernes an sich. Es passte zu ihrem ganzen Wesen. Hier ihre Bekundungen mit den Zwischenfragen des Herrn Staatspräsidenten.
5.
Lisbeth Morells Bericht
„Ja — Herr Präsident — die Margot und ich — wir waren doch von klein auf dick befreundet — nicht? Wo wir doch schon zusammen in die Schule gegangen sind ... Ja — und nun — so als junge Frauen — da haben wir erst recht jeden Tag zusammengesteckt ... Ich kann wohl sagen: Ich war der Margot ihre einzige wirkliche Vertraute. Ich hatte vollen Einblick in ihre Ehe ...“
„Und wie war denn die Ehe?“
„Da — da kann ich nur die Hand aufs Herz legen und beteuern, Herr Präsident: Fabelhaft glücklich! Wie das unheil passierte — da war die Margot gerade ein Jahr verheiratet — nicht? Noch kein Baby in Sicht. Sie konnte alles auf ihren Mann konzentrieren. Na — und das tat sie ja wohl! Angebetet hat sie ihn. Er erschien ihr wie ein Wunder der Schöpfung. Da muss man ja nun sagen: Die Margot hatte immer eine abenteuerliche Phantasie. Bei der wurde immer alles im Handumdrehen romantisch. Nun gar ihr Mann!“
„Aber er war doch eine fesselnde Persönlichkeit?“
„Das muss ihm der Neid lassen! Sehr elegant und sehr liebenswürdig. Und das kann man ja wohl gestehen: er sah sehr gut aus. Geld spielte bei Sandner überhaupt keine Rolle. Damit hat er seine Frau überschüttet. Er gönnte ihr jeden Luxus. Überhaupt: Er war immer direkt riesig nett zu ihr!“
„... so dass es sich daraus erklärt, dass Frau Sandner einen wahren Kult mit ihm trieb?“
„Sie hatte ja auch enormes Glück — nicht? — mit der Partie! Sie war doch schon gehörig über die Mitte der Zwanzig — kein Geld — der Vater Gymnasiallehrer — das Mädel hatte doch nichts als ihr bisschen Kunstgewerblerei — na — damit lockt man doch heutzutage auch keinen Hund vom Ofen — ja — und wenn man auch Freundin ist —, aber das wusste die Margot ja schliesslich selber am besten: Sie war doch nur gerade so noch knapp hübsch — mehr nicht. Das Schönste an ihr waren die grossen dunklen Augen. Vielleicht haben die’s dem Herrn Sandner angetan? Also, jedenfalls hat er sie geheiratet. Er hätte ganz andere Partien machen können — in der Stadt — sehr reiche Partien — ich könnte Namen nennen — aber ich will diskret sein. — Da ist zum Beispiel die eine junge Witwe — die kann sich heute noch nicht trösten — die Trude Jürgens ...“
„Sie wollten ja diskret sein, gnädige Frau!“
„Ja — richtig! Also — gewundert haben wir uns schon alle, dass Sandner gerade auf Margot verfallen ist. Aber gegönnt habe ich ihr als meiner Freundin natürlich das grosse Los von Herzen!“
„Kannten Sie Sandner schon früher?“
„Nein. Er hat ja, wie ich noch ein Backfisch war, die Stadt verlassen und ist ins Ausland gegangen. In Amerika — da soll er doch tolle Reichtümer gesammelt haben — nicht? Denn von Haus aus hatte er doch wohl nichts. Sein Vater hat ja hinter dem Postschalter gesessen und Briesmarken verkauft.“
„Also von irgendeiner auch nur leisesten Trübung der Ehe war Ihnen bis zu dem fraglichen Abend nichts bekannt?“
„Von Trübung kann man da wohl nicht redden, Herr Präsident, wenn ich das untertänigst sagen darf. Nur von den regelmässigen Gewittern!“
„Gewittern?“
„Ja doch, Herr Präsident! Ich meine die Eifersuchtsszenen. Darin war die Margot gross. Sie hat ihren Mann wahnsinnig geliebt. Gerade darum war sie noch wahnsinniger eifersüchtig. Das kam von ihrer Überspanntheit. Rein verdreht war sie dann — nicht?“
„So ... so ...“
„Sie hatte dann einen reinen Todeskummer im Gesicht. Halb hat man lachen müssen und halb tat sie einem leid. Ich hab’ immer getan, was ich konnte, um die nervöse Frau zu beruhigen! Ich bin doch mehr auf das Praktische angelegt — nicht? Da wurde sie dann allmählich wieder Mensch.“
„Gab ihr Sandner denn wirklich Grund zur Eifersucht?“
„Gott — Herr Präsident: Ein bisschen leichtlebig — ja — das war er ja wohl. Das lag in seiner Art. Er hat den Frauen gefallen und war ja selber auch kein Unmensch. Er war ja auch oft auf weiten Geschäftsreisen. Aber trotzdem, Herr Präsident: Ich bin heute noch felsenfest davon überzeugt: Die Margot hat in ihrer Phantastik immer nur Gespenster gesehen!“
„Von wirklichen — hm — sagen wir Seitensprüngen Sandners ist Ihnen nichts bekannt?“
„Nicht das geringste! Die Margot darf man da nicht ernstnehmen. Die ist viel zu exaltiert. Die macht immer gleich aus einer Mücke einen Elefanten. So war es ja auch an dem Unglückstag!“
„Bitte — erzählen Sie, gnädige Frau, was sich da ereignete.“
„Also ich bin daheim und putze gerade Handschuhe mit Benzin und denke mir nichts Böses — nicht wahr? —, da klingelt’s und die Margot schickt ihren Chauffeur und ihren Wagen und einen Zettel — in der Aufregung ganz schief gekritzelt: ,Komm sofort zu mir!‘ Na — ich kenne doch meine Margot! Also ich telephoniere nur schleunigst meinem Mann ins Büro: ,Du — Schatz — ich muss fort! Die Margot hat wieder einmal ihren Anfall!‘ — und dann spornstreichs hin zu ihr. Natürlich — das kannt’ ich doch schon —, da liegt die Margot auf dem Sofa, blass wie eine Leiche, mit ganz starren, verzweifelten Augen und in der geballten Faust einen zerknitterten Brief! Mit denen werden wir ja seit Jahr und Tag in der Stadt behelligt. Ich weiss nicht, wozu die Polizei eigentlich da ist. Es gibt doch Schreibsachverständige. Freilich: Heutzutage tippen sie die anonymen Briefe auf der Schreibmaschine. So der auch!
Ich hab’ nun wirklich eine strafende Miene aufgesetzt, Herr Präsident, als die gesetzte und vernünftige Freundin, und zu der Margot gesagt: ,Schäm’ dich! Auf der Stelle zerreisst du das Ding und schmeissst es in den Papierkorb. So was liest ein anständiger Mensch gar nicht erst!‘ Aber sie gibt mir den Wisch wortlos zu lesen. Ich weiss noch genau, was darin stand: ,Liebe arme gnädige Frau! Heute abend um elf Uhr sind Herr Sandner und seine Freundin Luise Heidebluth draussen in Ihrer leeren Villa. Vielleicht überzeugen Sie sich selbst! Eine, die es gut mit Ihnen meint!‘ “
„Hm ... hm ... Ja ... Sie kennen dies Fräulein Heidebluth, gnädige Frau?“
„Na — die kennt jeder! Ich meine: Alle Damen kennen sie. Sie hat doch den elegantesten Modesalon der Stadt. Sie räubert einen aus mit ihren Preisen. Die halbe Stadt sitzt bei ihr in der Kreide. Aber sie hat einen Schick ...“
„Was ist das nun für eine Persönlichkeit?“
„Na — wie eben die Inhaberinnen von solchen ganz feinen Modesalons sind. Sie ist selbst sehr elegant und weltsicher ... Sie hat eine Liebenswürdigkeit, einem die Sachen aufzuschwatzen ... Schmeicheln kann sie — na, ich danke! ... Ganz jung ist sie nicht mehr — so Anfang dreissig — auffallend hübsch und distinguiert und fabelhaft gewachsen. Eine grosse schlanke Person. Sie hat ja wohl auch als Mannequin angefangen!“
„Die Luise Heidebluth hat bei ihrer Vernehmung angegeben, dass sie von der ganzen Sache nichts wisse und an dem fraglichen Abend ihre Wohnung überhaupt nicht verlassen habe. Diese Aussage hat sie vor Gericht beschworen. Sie scheidet also aus dem Fall aus. Aber wie ist denn sonst ihr Ruf?“
„Ja — da kann man mich totschlagen, aber ich habe nie etwas Nachteiliges von ihr gehört. Ich habe es auch gleich der Margot gesagt: ,Nun stelle dir doch bloss die Heidebluth vor! Die ist doch viel zu gerissen! die ist doch viel zu vorsichtig für so wilde Sachen! Die wird doch nicht wegen solcher Abenteuer ihr schönes Geschäft und ihre feine Damenkundschaft aufs Spiel setzen!‘ Aber die Margot war nicht umzustimmen. Wenn sie in ihrer blinden Eifersucht einmal etwas im Kopf hatte, dann war sie unzurechnungsfähig! Nicht?
Sie ahne das schon lange, sagte sie. Letzte Weihnachten — da habe ihr Mann ihr bei der Heidebluth einen pompösen Sealskinmantel gekauft, und die Heidebluth habe solche guten Kunden wie sie persönlich bedient — ja — und da habe sie, die Margot, wohl bemerkt, dass diese gewandte, liebenswürdige, bildhübsche Heidebluth alle Minen springen liess und dass Blicke hin und her Feuer fingen. Sie habe damals schon in einer verzweifelten Stimmung den Laden verlassen und sich erst allmählich im Lauf der Zeit beruhigt. Aber nun sei es ja sonnenklar: Damals habe es angefangen, und nun sei es glücklich so weit.“
„Luise Heidebluth hat unter Eid erklärt, sie habe Herrn Sandner als gelegentlichen Kunden in ihrem Laden gekannt, sonst gar nicht!“
„Ja — aber erzählen Sie doch mal das der Margot, Herr Präsident! Die war gar nicht zu beruhigen. Sie blieb dabei: Nun müsse sie Gewissheit haben! Sie werde heute nacht nach der Villa hinausfahren. Und ich, ihre beste Freundin, müsse sie begleiten!... Herr Präsident: Sehen Sie mich an! Ich bin, weiss Gott, keine abenteuerliche Natur! Mir war es direkt graulich — nicht? —, dass wir zwei jungen Frauen allein bei Nacht und Nebel in die verlassene Vorstadt hinausfahren sollten! Ich konnte der Margot dort auch wenig helfen. Denn ich kannte mich in der Villa gar nicht aus. Ich war sehr selten da draussen gewesen. Die Villa liegt ja am Ende der Welt. Viel zu weit von unserer Wohnung in der Altstadt, wo mein Mann sein Büro hat. Man braucht förmlich eine Tagereise dorthin, wenn man nicht einen eigenen Wagen hat. Und den haben wir doch nicht. Mein Mann hat doch keine Zeit, viel herumzufahren. In den Sommermonaten, wenn die Margot da draussen war, ist sie doch jeden Tag in die Stadt gekommen zu Einkäufen und zur Schneiderin und ins Kino und so, und da haben wir uns dann immer getroffen!“
„Also Sie rieten Frau Sandner ab?“
„ ,Draussen stehst du dann glücklich vor einem verschlossenen, stockdunklen und totenstillen Haus, in dem natürlich keine Menschenseele ist‘, habe ich der Margot gepredigt, ,und wir können froh sein, wenn wir nicht noch tot daheim wieder ankommen!‘ Bei der Margot nur ein eigensinniges Kopfschütteln! Sie bleibt nun mal dabei! Eine andere als mich, ihre nächste Freundin, nahm sie auf diese Expedition nicht mit! Das wusste ich. Allein konnte ich die aufgeregte Frau doch die Fahrt ins Schwarze nicht machen lassen. Also fuhr ich am Abend in Gottes Namen mit. Wohl war mir dabei von vornherein nicht zumute! Das darf ich wohl sagen, Herr Präsident! Es war überhaupt noch ein Glück, dass ich mich ohne weiteres für die späte Nachtstunde frei machen konnte. Mein Mann war nämlich mit dem Abendzug nach Berlin gefahren, um dort am nächsten Morgen einen gerichtlichen Termin wahrzunehmen. Auf dem Kreuzplatz, ein paar Minuten von der Villa, liess die Margot ihren Wagen halten und stieg aus. Ihr Chauffeur ist solch ein neugieriger Peter. Der braucht nicht alles zu wissen. Wir mummten uns in unsere Pelze und gingen zu Fuss weiter. Es war eine kalte, taghelle Vollmondnacht. Alles um uns war ausgestorben. Im Winter wohnt kein Mensch draussen. Da kamen wir nun an Ort und Stelle.
Ich bitte um Verzeihung! Ich rede immer so umständlich. Aber das liegt nun einmal in meiner Art. Mein Mann ist auch manchmal verzweifelt. Aber es ist doch wichtig, dass Herr Präsident die Örtlichkeit genau kennen — nicht? —, wo Sie doch nicht selber dort waren?“
„Ja, bitte, gnädige Frau! Ich bin ganz Ohr!“
„Nämlich — also die Villa — wie soll ich da sagen — das ist ein Eckhaus! Nach vorn, mit dem Haupteingang, geht sie auf die Gartenstrasse. Neben der Rückseite und dem grossen Park dahinter läuft die Elisenstrasse, so dass die beiden Strassen einen rechten Winkel bilden — nicht? —, in dem die Villa liegt. Ja — wir marschierten nun längs des Parkgitters die Elisenstrasse hinauf. Kein Mensch weit und breit. Nur weiter oben in der Elisenstrasse, nahe der Ecke, zu meiner grossen Beruhigung zwei Schutzleute. Die hielten da Wache. Ehe wir an die herankamen, sagte die Margot: ,Ich will allein in das Haus. Bleibe du hier in dem Mondschatten von dem dicken Baumstamm da stehen und warte, bis ich zurückkomm’!‘ — Gut! Ich machte halt, wo ich war — die Schutzleute haben mich da überhaupt nicht gesehen — und die Margot ging an ihnen vorbei und um die Ecke nach dem Vordereingang der Villa. Da schlug es drüben von der Johanniskirche gerade elf!“
„Einen Moment, gnädige Frau! Von Ihrem Standpunkt aus konnten Sie die Rückseite der Villa und den Park deutlich überblicken?“
„Es war fast so hell wie am Tag. Der Vollmond stand ganz mächtig am Himmel. Ich stehe und schaue nach den dunklen Fenstern der Villa und denke mir noch: ,Margot — wann wirst du endlich vernünftig werden? Und deswegen holt man sich hier eiskalte Füsse!‘ — da steht mir, ungelogen, plötzlich das Herz still! Auf der rückwärtigen Seite der Villa werden, gerade wie es elf schlägt und die Margot eben wahrscheinlich von vorn in das Haus tritt, zwei Fenster hell, und hinter den Scheiben steht ein Mann — und das ist Leopold Sandner!“
„Sie haben ihn ganz unzweifekhaft erkannt?“
„So wahr ich hier sitze, Herr Präsident! Ich habe es ja auch vor Gericht beschworen, dass er es war!“
„Die beiden Schutzleute weiter oben in der Elisenstrasse konnten die Fenster nicht sehen?“
„Nein. Die standen schon zu nahe an der Hausecke.“
„Wie lange sahen Sie Sandner?“
„Ach — ganz kurz! Es war, als hätte er nur schnell Licht gemacht, um die weissen Vorhänge an den beiden Fenstern herunterzulassen, wahrscheinlich weil er im Dunkeln die Schnurquasten nicht finden konnte. Gleich darauf knipste er wieder aus, und das Zimmer lag dunkel!“
„Und blieb nun so?“
„Nur etwa fünf Minuten. Dann wurde es plötzlich wieder hell, und hinter den Scheiben bewegte sich manchmal ein Schatten. Ich sah deutlich, dass es der Schatten eines Mannes war!“
„Aber nicht, wer es war?“
„Da fragen mich Herr Präsident zuviel. Ich bin mir der Bedeutung meiner Aussagen bewusst. Ich sage nur, was ich absolut mit gutem Gewissen verantworten kann! Da muss ich nun also sagen: Und wenn man mich totschlägt — ich weiss nicht, ob das Sandner war oder ein anderer Mann!“
„Einen zweiten Schatten — etwa den einer Frau — haben Sie nicht bemerkt?“
„Weiss Gott nicht! Dabei musste doch die Margot längst im Hause sein! Komisch — nicht? Und womöglich auch die Heidebluth! Ich muss sagen — ich hab’ dagestanden und am ganzen Leib gezittert — nicht nur vor Kälte —, sondern was in dem Haus noch passieren könnte! Nun gingen zu allem Unglück auch noch die beiden Schutzleute weg...“
„Wann war das?“
„Da war inzwischen ja wohl eine gute Viertelstunde verstrichen. Da hatte es schon längst von den Kirchtürmen ein Viertel nach elf geschlagen. Das war mein Kummer, dass ich nun mutterseelenallein da in der Nacht gestanden bin. Ich schaute sehnsüchtig den beiden Schutzleuten nach, wie sie langsam in ihren dicken Mänteln um die Ecke in die Gartenstrasse geschlurft sind, wo — das habe ich ja schon gesagt — nicht wahr? —, also wo doch der Vordereingang der Villa ist . . . Und in demselben Augenblick — Herrgott — ich bin doch sonst gar nicht nervös — ich bin das gerade Gegenteil von der Margot — deswegen wirke ich doch so beruhigend auf die — ihr Mann war mir immer direkt dafür dankbar . . .“
„Also in dem Augenblick, in dem die Schutzleute den Vordereingang passieren mussten . . .“
„. . . da kracht doch durch die totenstille Nacht aus der Villa heraus ein Schuss . . . Gott . . . bin ich erschrocken . . . ich stand wie gelähmt . . .“
„Sie verliessen Ihren Platz nicht?“
„Ach — konnt’ ich denn? Die Beine hätten mich ja gar nicht getragen. Ich hab’ gestanden und nach der Villa gestarrt und mir gedacht: ,Um Gottes willen — was hat die Margot nur da drinnen angestellt?‘ Dann hörte ich das Trillern von den Schutzmannspfeifen, und es kamen neue Schutzleute angerannt, und zwei von ihnen stellten sich gleich hinten im Park vor der Villa auf!“
„Und in der Zeit zwischen dem Schuss und dem Eintreffen dieser Schutzleute haben Sie die Rückseite der Villa nicht aus den Augen gelassen?“
„Aber auch nicht eine Sekunde! Ich war ja doch wie hypnotisiert — nicht? Ich bebberte doch vor Angst um die Margot!“
„Und in dieser Zeit ist niemand irgendwie hinten aus dem Hause in den Park herausgekommen?“
„Es hat sich doch nichts gerührt, Herr Präsident! Das war ja so unheimlich, dass nach dem Schuss gleich wieder alles still war!“
„Sie hätten es sehen müssen, wenn jemand herausgekommen wäre?“
„Man hätte eine Katze auf hundert Schritte in dem Mondschein gesehen! Das habe ich auch vor Gericht beschworen! Mein eigener Mann, wie er da sitzt, war doch der Verteidiger der Margot. Wenn ich irgend mit gutem Gewissen gekonnt hätte, hätte ich ihm doch geholfen, die Margot zu retten und gesagt: ,Es ist möglich, dass ich mich geirrt habe!‘ Aber jeder Irrtum meinerseits ist ausgeschlossen. Ein Eid ist doch eine heilige Sache. Da muss man bei der vollen Wahrheit bleiben — nicht?“
„Und was geschah nun, gnädige Frau?“
„Plötzlich wurde es auf den Strassen lebendig. Es wurde gelaufen und laut geschrien: ,Mord! Mord!‘ Und ein dicker Schutzmam: — der hat den Vorhang von dem einen hellen Fenster weggezogen und es aufgestossen und den beiden Polizisten im Park zugerufen: ,Wir haben sie schon festgenommen!‘ Nun kriegte ich es mit einer neuen Angst — nicht nur um die Margot — der hab’ ich ja doch nicht mehr helfen können —, sondern um mich selber, dass sie mich hinter meinem Baum finden und als Mitschuldige verhaften und auf die Wache schleppen würden! Da bin ich blindlings die Strasse hinuntergerannt bis zu dem Kreuzplatz und in der Margot ihren Wagen gesprungen und hab’ gerade noch so viel Atem gehabt, dass ich ihrem Chauffeur sagen konnte, die gnädige Frau sei verhaftet, und er solle mich um Gottes willen so schnell wie möglich heimfahren! Halb tot bin ich angekommen! Mein Mann da kann es bezeugen! Nein — einmal so eine Nacht und nicht wieder! . . . Ja — und mehr weiss ich ja wohl von der Nacht nicht, Herr Präsident!“
„Ich danke Ihnen, gnädige Frau, dass Sie sich zu mir bemüht haben! Ich will Ihre Güte nicht weiter in Anspruch nehmen. Gute Nacht!“
6.
Bericht des Rechtsanwalts Dr. Paul Morell
Erst jetzt, viele Jahre nach jener furchtbaren Nacht, in der mein Freund Leopold Sandner seinen jähen Tod fand, habe ich auf Bitte des damaligen Ersten Staatsanwalts, jetzigen Geheimen Oberregierungsrats Dr. Johannes Sigrist, meine Anteilnahme an den Ereignissen in den hier folgenden Zeilen niedergelegt, und zwar, wiederum auf Herrn Sigrists besonderes Ansuchen, so, wie sich den Beteiligten allen damals die Dinge darstellten — nicht, wie sie nachher in Wirklichkeit waren.
Ich beginne meinen Bericht: Lisbeth, meine Frau, war nach Beendigung ihrer Aussage von dem Herrn Staatspräsidenten entlassen worden. Ich hatte sie bis zur Türbegleitet und kehrte in den Saal zurück. Ich fühlte in einer rücksichtslosen Entschlusskraft: Jetzt oder nie! Jetzt war der grosse, aber auch allerletzte Augenblick gekommen, wenn ich überhaupt noch in zwölfter Stunde das Leben meiner unglücklichen Klientin retten wollte! Ich musste blindlings Sturm laufen, um das Herz des alten Herrn drüben zu erweichen.
Nur helfen — helfen — helfen — diese menschliche Gewissensnot des Verteidigers im Kampf um Sein und Nichtsein — das — bei Gott im Himmel — das allein fieberte in mir! Mein ganzes Ich war mit einer verzweifelten Leidenschaft geladen, dem Tod seine Beute zu entreissen. Ich sammelte alles Temperament, alle Beredsamkeit, die Gott mir gegeben. Ich sehe mich jetzt, durch die Entfernung der Jahre, in jener längst verflossenen Stunde wie einen fremden Menschen. Dieser Mensch hatte seine Fehler und Gebrechen. Ich weiss es und gestehe es: Ich wurde damals von einem blinden Ehrgeiz durchs Leben gepeitscht. Meine forensischen Erfolge in jungen Jahren waren mir zu Kopf gestiegen und hatten mich dünkelhaft gemacht. Jähzornig war ich bis zur Selbstvergessenheit. Selbstsüchtig. Ich dachte nur an meine Karriere. Ein Blender vor den Menschen. Meine berühmten Verteidiger-Reden — ach — die waren oft genug nur noch vielerprobtes Feuerwerk. Ich fühlte in meinem Innern nichts dabei.
Aber all dies Menschliche, Allzumenschliche fiel in dieser Stunde von mir ab. In mir war nur noch reines Wollen, einem von einem fürchterlichen Schicksal bedrohten Menschen zu helfen um jeden Preis! Alles in mir schrie: Paul Morell — rufe alle guten Geister! Reisse um Gottes willen diese verblendete Frau vor dem Grab zurück, das sie sich selbst stumm und mit eigenen Händen gräbt!
Ich war aufgesprungen. Ich stand vor dem Staatspräsidenten, der klein und gebückt in seinem mächtigen Sessel sass und von unten forschend aus seinen seltsamen, bedeutsamen alten Augen zu mir aufsah. Ich nahm alle meine Kraft zusammen.
„Herr Präsident!“ begann ich atemlos. „Nie war ein Verteidiger in einer so schweren Lage wie ich! Meine Klientin hat seinerzeit zu meinem Schrecken, ohne mir vorher eine Silbe zu sagen, ihre Schuld gleich zu Beginn der Gerichtsverhandlung eingestanden und seitdem kein Wort mehr darüber gesprochen! Herr Präsident — bei Gott dem Allmächtigen — ich glaube nicht an dieses Eingeständnis! Ich glaube nicht an diese Schuld!“
„. . . für die ausserdem noch völlig unwiderlegliche und einfach erdrückende Beweise vorliegen!“ schaltete der Staatsanwalt Sigrist mit Seiner leidenschaftslosen Stimme ein. Ich drehte mich stürmisch zu ihm um. Er war keiner von den Blutdürstigen seiner Gilde. Er hatte immer etwas menschlich Gerechtes. Aber er war eben der starre Hüter des Gesetzes — peinlich penibel in allem, von dem Scheitel, genau in der Mitte des rotblonden Haars, bis zur Stiefelspitze. Er stand mit seinen breiten Schultern wie ein Turm zwischen mir und drüben dem Retter in der Not, sein bartloses Gesicht mit den scharfen Augen hinter dem Zwicker war unbewegt.
„Was soll ich mit Ihnen reden, Herr Sigrist!“ sagte ich. „Wir sprechen zwei verschiedene Sprachen! Für Sie ist zweimal zwei nur einmal vier!“ Ich wandte mich wieder hastig dem Staatspräsidenten zu: „Nein! Nein! Nein! Zweimal zwei ist auch manchmal fünf! Ich möchte durch die Gassen laufen und schreien: Zweimal zwei ist fünf! Margot Sandner ist unschuldig! Sie bezichtigt sich einer Tat, die sie gar nicht begangen hat — die sie in ihrem ganzen Leben, nach ihrem ganzen Wesen niemals hätte begehen können!“
„Und aus welchen Gründen beschuldigt sie sich?“ kam es drüben in kaltem Ton aus dem Mund des Dr. Sigrist.
„Das weiss nur Margot Sandner selbst!“ rief ich ihm über die Schulter zu und fuhr fort: „Herr Präsident: Margot Sandner weiss etwas, was wir anderen alle nicht wissen! Sie nimmt dies Geheimnis in wenigen Stunden mit in die Ewigkeit, wenn wir ihr den Mund für immer versiegeln und uns so jeder Möglichkeit, es einmal zu lösen, berauben. Und doch kann dies Geheimnis eines Tages irgendwie durch die Allmacht des Schicksals herauskommen und ein Schrei des Entsetzens durch die Welt gehen: Margot Sandner war unschuldig! Man hat einer unseligen, von irgendwelchen dunklen, seelischen Mächten getriebenen Frau zu einer Art Selbstmord verholfen, und alle Reue, alle Verzweiflung machen sie nicht wieder lebendig!“
Es war eine Weile still. Dann räusperte sich der alte Herr und sagte leise, tonlos, in seiner bedächtigen Art:
„Aber sie muss es doch gewesen sein . . . Es ist gar nicht anders möglich!“
„. . . . und wenn sie es war, Herr Präsident, muss sie durchaus mit Vorsatz gehandelt haben? — wie sie das vorgibt, um dem Mann, den sie im Leben so sehr geliebt hat, in den Tod zu folgen? Kann eine Schusswaffe nicht unversehens losgehen? Ist nicht, gerade bei einer so phantastischen Frau, eine plötzliche Aufwallung wahrscheinlich, die sie der Überlegung beraubte?“
„Sie wiederholen Ihr Plaidoyer von damals!“ schrie Dr. Sigrist.
„Ist nicht sogar, um jede, auch die entfernteste Möglichkeit zu erschöpfen, eine Tötung auf Verlangen denkbar, so dass Sandner aus freiem Willen durch ihre Hand starb?“
„Lächerlich!“ Mein Widersacher drüben zuckte die Achseln. Ich beachtete ihn nicht. Ich sprach auch nicht mehr. Ich stand und schaute dem kleinen alten Herrn im Sessel unverwandt ins Gesicht, so, als forderte ich von ihm die ewigen Menschenrechte, die der tote Buchstabe des Gesetzes meiner Klientin vorenthielt.
Auch der Staatspräsident blieb stumm. Er erhob sich, mit einer Handbewegung, die den Schluss der Debatte anzeigte. Dann kreuzte er die Hände auf dem Kücken und trat in tiefem Nachdenken an das Fenster.
7.
Aus dem Tagebuch des Staatspräsidenten Dr. Philipp Nöldechen
Ich habe diese hier folgenden kurzen Sätze unmittelbar, nachdem ich meinen Entschluss in Sachen Sandner gefasst hatte, in mein Tagebuch aufgezeichnet, um meine Stimmung und meine Beweggründe, die mich zu diesem Entschluss trieben, Schwarz auf weiss zur späteren Beruhigung meines Gewissens festzuhalten. Ich stelle hiermit eine Abschrift Herrn Dr. Sigrist zur Verfügung.
Ich stand am Fenster und machte es auf, um die frische Nachtluft zu geniessen, und sah nun erst das grosse, zahme Ungeheuer Volk, das da unten Schwarz und hunderköpfig den Platz füllte. Bei meinem Anblick — dem des Wärters des gewaltigen Chamäleons — brach es in unbestimmte Urwaldtöne aus. In ein Brausen. Viele weisse Flecke stiegen aus dem Gewoge. Das waren die gehobenen Hände der Masse Mensch. Viele Rufe durcheinander. Man konnte sie schwer unterscheiden: das „Herr — erbarme dich!“ und das „Kreuzige sie!“ — die Mörderin.
Über den aufgeregten Menschen standen hoch am Nachthimmel unwahrscheinlich hell und nahe und ganz still unzählige Sterne. Und das schien mir greisem Christen in dieser Nacht der Unruhe ein Gleichnis unserer Wanderschaft von dieser in jene Welt.
Ich dachte mir: ,Bald bist du alter Mann dort drüben!‘ Ich fragte mich: ,Darfst du diese junge Frau vorausschicken?‘
Du hältst in deiner Hand das Ding, das die Menschen Staat nennen. Sie haben es geschaffen als ein Bündnis der Starken, Gesunden und Rechtlichen, um die Schwachen und Kranken zu schützen und sich gegen die Ungerechten zu wehren. Das hatte man in den letzten Jahren zu sehr vergessen. Der Staat hiess nicht mehr Stärke, sondern Mitleid und Schwäche. Aber ist Milde des Staates gegen seine Feinde nicht Grausamkeit gegen seine Bürger? Gnade eine Ungerechtigkeit gegen die Gerechten? Weht nicht jetzt mit Recht ein schärferer Wind?
Lasse also der Gerechtigkeit ihren Lauf.
Aber gibt es nicht etwas über dem Staat? Der Staat ist ein Gebilde von Menschenhand. Der mensch ist ewig. Ewig seine Schwäche. Wir sind menschlichem Irrtum unterworfen in einem Fall, der so dunkel ist wie die Nacht da draussen. Ewig seine Schuld. Wir sind allzumal Sünder.
Da klang in meinem Ohr befreiend, die Zweifel lösend, das Wort des Heilands zur Sünderin: „Gehe hin, Weib, und sündige hinfort nicht mehr!“
Ich trat in die Mitte des Raumes zurück und sagte zu dem Verteidiger Dr. Morell:
„Fahren Sie sofort zu Ihrer Klientin, und bringen Sie uns endlich ihr Gnadengesuch. Ich will ihm stattgeben!“
Diesem Auszug aus meinem Tagebuch möchte ich für die Zwecke des Herrn Dr. Sigrist noch hinzufügen:
Das Antlitz des Rechtsanwalts Morell hatte bei meinen Worten den Ausdruck gequälter, leidenschaftlicher Spannung verloren, der es in diesen Stunden völlig verändert hatte. Eine erlösende Freude leuchtete darüber. Er drückte mir stumm beide Hände, dass mich die Finger schmerzten. Er stürzte wortlos davon.
Ich wollte mich von dem Staatsanwalt Sigrist verabschieden. Ich sah ihn im Gespräch mit einem Mädel aus dem Volke, einem jungen Ding, das etwas blöde aussah, mit von Tränen rotgeränderten Augenlidern, und dem der Mund vor Aufregung offen stand. Dass der Wachtmeister sie bis hier herein geführt hatte, bewies die Wichtigkeit und Dringlichkeit des Falles. Und in der Tat wandte sich der Staatsanwalt Sigrist zu mir:
„Herr Präsident: Dies ist das Dienstmädchen der Luise Heidebluth. Es ziehen sich Wolken über Fräulein Heidebluths Haupt zusammen. Es handelt sich nur noch um wenige Stunden. Wir können nicht mehr den gewohnten Geschäftsgang mit Vernehmungen zur Amtszeit und derlei beobachten. Ich bitte um die Erlaubnis, die Heidebluth sofort holen zu lassen!“
Dem stimmte ich zu.
8.
Bericht des Rechtsanwalt Morell
Ich eilte, von dem Herrn Staatspräsidenten verabschiedet, in blinder Hast die breite Treppe des Ministeriums hinab. Ich stiess achtlos die mir Begegnenden beiseite, die trotz der späten Abendstunde heute aufgeregt kamen und gingen. Unten öffneten mir die Pförtner einen Torspalt und schlossen ihn gleich wieder gegen die draussen drängende Menge. Ich war mitten in dem Gestrudel. Man rief meinen Namen, den des bekannten Verteidigers. Zu anderen Zeiten hätte das meinem Ehrgeiz geschmeichelt. Jetzt achtete ich nicht darauf. Man schrie mir allerhand zu, was ich nicht verstand. Ich kämpfte mich durch die Masse, ohne rechts und links zu schauen, ohne Rede und Antwort zu stehen, und stieg da, wo der Platz weiterhin leerer wurde, in eine der seitlings haltenden Mietsdroschken und fuhr zu Margot Sandner.
Eine unheimliche Stimmung umfing mich gleich beim Eintritt in das Gefängnis. Diese Stickluft war nicht zu fassen. Sie wehte aus dieser vergitterten vermauerten Welt schon um die misstrauischen und und gefurchten Züge des Pförtners, der mir das Aussentor aufschloss, sie brütete dumpf auf den schweigsamen Gesichtern der Wärter in der kleinen Wachtstube neben der zweiten Einlasspforte der Verdammten, sie webte in den langen, leeren, kahlen, schmerzhaft grell erleuchteten Gängen, sie haftete an den dicken Eisenstäben der Zwischentüren. Man hörte durch den Schall der eigenen Schritte und, wenn man stehenblieb, durch das Klopfen des eigenen Herzens diese beklemmende Totenstille, die überall über dem weiten, nächtigen Haus lastete. Es war wie eine zitternde Spannung, ein verhaltener Atem vor etwas langsam Grauendem, Heranrückendem, Unaufhaltsamem, und der schnurrbärtige Schliesser, der mich begleitete, sagte auch:
„Heute Nacht schläft keines in den Zellen — vor Aufregung. Alle sind sie wach! Sehen können sie ja nichts. Aber sie hören doch aus dem Hof, was da gehämmert wird. So sehr lange dauert es ja nicht mehr bis zum Morgen!“ Seine Schlüssel rasselten. „So, hier!“
Bisher hatte Frau Margot Sandner ihren geräumigen Haftraum mit einer Genossin geteilt. Jetzt war sie allein in einer kleinen, mir fremden Zelle. Aber ich wusste, was diese Zelle bedeutete: Morituri te salutant! Tretet ein, ihr Kinder des Todes! Es waren schon so manche vor euch da! Zwei Beamte standen vor der Tür. Innen in der Ecke sassen stumm und etwas stumpf zwei ältere Wärterinnen, die Hände im Schoss.
Ich hatte gefürchtet, den greisen Pastor Schmidt oder sonst irgendwelchen Seelsorger bei Margot Sandner zu finden. Jeder falsche Zuspruch, ja jede Anwesenheit eines Dritten hätte mir meine Aufgabe noch erschwert, die verblendete Frau, ehe man da oben das dünne Glöckchen läutete, zur Vernunft zu bringen. Aber die Geistlichen hatten schon ihres Amtes gewaltet — freilich, wie es schien, ohne viel Erfolg. Sie hatten sich, wie mir der Beamte zuflüsterte, vor kurzem auf Frau Sandners Wunsch zurückgezogen und wollten später wiederkommen. Nur ein Kruzifix stand, als fremdartiges und feierlich mahnendes Ausstattungsstück der Zelle, auf dem Tisch Eine mit einem grünen Blechschirm abgeblendete Lampe erhellte ihn. In ihrem Lichtkreis sass Margot Sandner.
Sie hatte den dunkelbraunen Kopf in die linke Handfläche gestützt und schaute vor sich hin, ohne dass ihr mehr regelmässiges, als eigentlich hübsches Antlitz verriet, was in ihr vorging. Das Sprechendste in dessen angenehmer, weicher Rundung waren die grossen, dunklen, seltsam gläubig und phantastisch glänzenden Augen. Ihre beseelte Tiefe verriet, dass in ihnen sich die Welt anders spiegelte als bei anderen Menschen.
Sie war sehr blass und sah dadurch etwas älter aus als ihre siebenundzwanzig oder achtundzwanzig Jahre, mit denen sie nur um drei Jahre hinter ihrem toten Mann zurückblieb. Mittelgross und zart von Gestalt, reichte sie mir im Sitzen mit einem stummen und träumerischen Kopfnicken die rechte Hand, die sich eiskalt anfühlte. Ihre Bewegungen vollzoge sich in einer stillen Müde, fast willenlos unbewusst. Ihr Gesichtsausdruck war immer noch teilnahmslos. Es schien ihr völlig gleichgültig, ob ich, ihr Verteidiger, da war oder nicht, ob ich kam oder ging, sprach oder schweig. Ich kannte das bei ihr. Alle meine berühmte Beredsamkeit war bei meinen Zellenbesuchen an ihr abgeprallt. Aber jetzt musste ich durchdringen! Es ging um alles! Ich trat dicht vor sie hin. Ich blieb vor ihr stehen. Meine verhaltene Erregung brach los.
„Endlich“, begann ich. Ich beugte mich vor. Ich war atemlos. Ich konnte das triumphierende Leuchten in meinen Augen nicht unterdrücken! „Endlich, meine liebe, arme Freundin, sind wir soweit . . . Ich war zu dem Herrn Staatspräsidenten befohlen . . .“
Margot Sandner unterbrach mich mit einer weichen, aber etwas ungeduldig abwehrenden Handbewegung, wie ein Mensch, der nicht durch Kleinigkeiten gestört werden will.
„Lassen wir doch den Staatspräsidenten!“ sagte sie. „Der alte Herr sollte sich jetzt schlafen legen . . .“
Und nach einer Weile, versonnen:
„Ich brauche keinen Schlaf. Ich hole das von morgen früh ab reichlich nach. Das heisst: Morgen? Ist es schon Mitternacht? Nein. Noch nicht. Aber bald.“
Wenn sie sprach, schaute sie immer an dem anderen vorbei, geradeaus in das Leere, so als spräche sie mit sich selbst. Es war wie ein lautes Denken. In solchen Augenblicken umspielte ein seltsam in sich verschlossenes, geheimnisvolles Lächeln ihren Mund, das nicht Lächeln, sondern Abwehr war. In ihr Inneres sollte keiner hineinsehen. Und am wenigsten ich, ihr Verteidiger. Das ging so seit Monaten. Es war zum Wahnsinnigwerden. Man musste mit ihr umgehen, wie mit einem rohen Ei und kam doch nicht weiter, sondern durfte froh sein, wenn wenigstens alles bei ihr beim alten blieb.
„Ich habe mit dem Herrn Staatspräsidenten gesprochen“, hub ich wieder an, behutsam, um sie nicht vorzeitig zum Widerstand zu reizen.
„. . . und deswegen kommen Sie eigens zu mir?“ sagte Margot Sandner erstaunt, halblaut zwischen den halb offenen Lippen, und schüttelte leise den Kopf, als begriffe sie meine übertriebene Geschäftigkeit nicht.
Und dann wieder das rätselhafte, starr in sich versonnene Schweigen. Es lastete lähmend auf mir. Ich straffte mich entschlossen, mit einem freudigen und ermutigenden Kopfnicken. Ich musste zur Sache kommen.
„Der Staatspräsident schickt mich . . .“
Meine Klientin hob das Haupt. Ein paar dunkelbraune Haarbüschel fielen ihr lose über die niedere Stirn. Sie hatte die Gewohnheit, diese Strähnen mechanisch mit der Hand fortzustreichen. Es war wie eine Bewegung, etwas wegzuwischen, was hinter dieser Stirn lebte.
„Sagen Sie dem Herrn Staatspräsidenten, es wäre alles in Ordnung! Ich bäte nur, in diesen paar letzten Stunden in Ruhe gelassen zu werden!“ versetzte sie. Ihre Sprache war weich und tief, meist schleppend, bis sie sich an einem Gegenstand belebte. So wie jetzt.
„Wissen Sie“, begann sie plötzlich nachdenklich, aber ohne eine Spur von Unruhe in der Stimme. „Ich überlege mir die ganze Zeit, wie das eigentlich morgen um diese Zeit sein wird.“
„Ich verstehe Sie nicht, liebe Freundin!“
„Das geht alles morgen genau so seinen Gang wie heute . . .“
„Hören Sie mich! Ich bringe eine Nachricht . . . Ich möchte nur nicht mit der Tür ins Haus fallen . . .“
„Aber ich bin morgen nicht mehr da! Das kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.“
„Ihre Gedanken sind Gott sei Dank ganz überflüssig. Der Herr Staatspräsident . . .“
„Die Welt ist doch nur da, weil ich sie sehe. Wenn ich sie nicht mehr sehe, ist sie auch nicht mehr da!“
„Hören Sie mich jetzt um Gottes willen an!“
„Wenn die Welt morgen zusammen mit mir nicht mehr da ist, dann wäre ich ja die Welt! Das ist doch Unsinn, Doktor! . . .“
„Durch den Sie nur dem ausweichen wollen, was ich Ihnen zu sagen habe . . .“
Margot Sandner hörte gar nicht zu.
„Denn die Welt war doch schon lange vor mir da und wird nach mir da sein! Die Welt kann gar nicht sterben. Aber dann kann ich doch auch nicht sterben!“
„Liebe Freundin — Sie sind wirklich nicht von dieser Welt!“
„Dann werde ich auch morgen nicht sterben, sondern einfach neu zu leben anfangen! Das ist doch ein tröstlicher Gedanke — nicht?“
Frau Sandner stand auf. Sie machte ein paar Schritte durch die Zelle und sagte plötzlich leise vor sich hin:
„. . . und trotzdem . . . Man schaudert . . . man schaudert . . .“
Das war für mich ein Wink, vorzugehen. Ich trat ihr in den Weg.
„Es kommt nicht soweit! Beruhigen Sie sich!“ sagte ich laut und fest. „Ich habe Gott sei Dank vorläufig das äusserste abgewendet!“
Meine Worte glitten an Margot Sandner ab. Sie hatte etwas ganz anderes im Kopf. Wenn ihre Gedanken sich an einem Gegenstand erwärmten, dann brach ein träumerisches Feuer des Innenlebens bei ihr durch. Eine stille Begeisterungsfähigkeit, die mit ihrer künstlerischen Natur zusammenhing. Sie stand vor mir und schaute mir zum erstenmal aus ihren dunklen Augen ins Gesicht.
„Kennt man eigentlich einen anderen Menschen?“ fragte sie unvermittelt. „Manchmal denke ich: Man ist ganz allein auf der Welt und sucht auf der Welt nur sich selbst und macht aus einem anderen Menschen wieder sich selbst — sozusagen sein eigenes verschöntes Ebenbild. So — so, habt ihr mir vorgeworfen, hätte ich es auch mit meinem Mann gemacht. Ich hätte in ihm ein Ideal angebetet . . .“
„Jeder Mensch hat seine Schwächen!“
„Er nicht. Er war mein höheres Ich. Man kann doch im Leben nicht nur nach eigener Vollkommenheit trachten, sondern auch nach der Vollkommenheit eines anderen Menschen. Leopold war vollkommen! Das sage ich Ihnen! Das weiss ich! Dabei bleib’ ich!“
„Liebe Freundin — damit kommen wir nicht weiter! Der Zeiger auf der Uhr rückt vor! Lassen Sie mich zu Ihnen redden. Sie kennen mich wahrhaftig als Ihren Freund . . .“
„Wer kennt einen Menschen? Kenne ich Sie? Vielleicht sind Sie ganz anders, ich weiss nicht . . .“ Plötzlich streckte sie mir versöhnend die Hand entgegen. Ein schwaches Lächeln umspielte in dieser unerbittlichen Stunde ihren Mund. „Nein — seien Sie mir nicht böse! Ich weiss, wenn es einer gut mit mir meint, dann sind Sie’s! Aber Sie können mir nicht helfen. Ich kann Ihnen nicht erklären, warum ich schweige. Ich sage Ihnen nur: Es muss sein! Es ist etwas Heiliges um das Schweigen. Daran sollt ihr nicht rühren!“
„Sie brauchen nicht zu reden! Sie brauchen nur zu schreiben. Nur einige wenige Buchstaben. Nur Ihren Namenszug — weiter nichts!“
Ich erbat mir von einer der Wärterinnen einen Stuhl. Ich schob ihn an den Tisch. Ich setzte mich. Ich holte meinen Tintenstift und mein Notizbuch heraus. Ich riss aus ihm ein Blatt. Ich bedeckte es mite in paar flüchtigen Zeilen. Ich musste dabei das Zittern meiner Hand beherrschen — so stürmte alles in mir. Ich war zu Ende. Ich schob Margot Sandner das Papier und den Stift hin. Ich zwängte ihn ihr beinahe in ihre kalte Hand.
„Unterzeichnen Sie!“ flüsterte ich. „Es ist Ihr vorläufiges Gnadengesuch! Was an Formsachen fehlt, weil die Zeit drängt, das holen wir morgen nach. Das macht nichts!“
Frau Sandner rührte sich nicht.
„Liebe Freundin! Ihr Gesuch ist jetzt bereits bewilligt. Ich habe es aus dem eigenen Mund des Staatspräsidenten.“
Keine Antwort.
„Mit einem Federstrich retten Sie Ihr Leben. Das ist doch die Hauptsache. Vorläufig wenigstens. Das Weitere kommt dann von selbst. Das überlassen Sie mir. Ich betreibe von morgen ab fieberhaft das Wiederaufnahmeverfahren. Ich muss es durchsetzen. Ich alarmiere die Öffentlichkeit. Ich berufe Versammlungen ein. Der Spruch der Geschworenen bietet zu breite Angriffsflächen. Wir werden neue Tatsachen finden, die Sie entlasten. In absehbarer Zeit sind Sie auf freiem Fuss, und dad Ganze liegt hinter Ihnen wie ein böser Traum.“
Margot Sandner erwiderte nichts. Sie unterzeichnete auch nicht. Sie sass in sich versunken da und sah teilnahmslos vor sich hin.
„Der Wahrspruch der Geschworenen war ein Fehlspruch!“ wiederholte ich eindringlich und leise. Die Wärterinnen in der Ecke brauchten nicht alles zu vernehmen. „Der eine von den zwölfen, der Kaufmann Nottebohm, ein allgemein hochgeachteter Mann in reifen Jahren, sagt es seit Monaten jedem in der Stadt, der es hören will. Mit ihm setze ich mich morgen in Verbindung. Wir bilden einen Ausschuss, der die Sache in die Hand nimmt . . . So unterschreiben Sie doch endlich . . .“
Der Raum für die vier Silben „Margot Sandner“ unter meinen in der Eile schräg über das Papier laufenden Zeilen blieb leer. Meine Klientin schob mir das Blatt und den Stift wortlos wieder zu. Es war eine gleichgültige Bewegung.
Ich kreuzte die Arme über der Brust und starrte eine Weile verzweifelt vor mich hin. Dann griff ich nach einer neuen Seite aus dem Notizbuch. Ich schrieb zum zweitenmal fast den gleichen Wortlaut und setzte mit fester Hand meinen eigenen Namen darunter.
„Ich habe jetzt von dem Recht des Verteidigers Gebrauch gemacht und in Ihrem Namen das Gnadengesuch aufgesetzt!“ sagte ich laut und hart. „Da, lesen Sie!“
Margot Sandner las nicht. Sie nahm wohl das Papier, aber sie zerriss es träumerisch, ohne es anzusehen, in kleine Stücke.
„Sind Sie denn wahnsinnig?“ schrie ich.
„Ach — lasst mich in Ruhe!“ Es klang müde, fast schläfrig.
„Der Herr Staatspräsident weiss doch, was er tut!“
„Nein.“ Wieder die verschleierte, gleichgültige Stimme: „Er weiss es nicht. Er kann es nicht wissen. Denn er weiss nicht, was ich weiss. Niemand weiss das ausser mir!“
„Was soll ich denn um Gottes willen dem Herrn Staatspräsidenten melden?“
Zum erstenmal wurde jetzt Margot Sandner etwas lebendig.
„Sagen Sie ihm: Man kann einen Menschen zum Tode verurteilen. Das ist Gesetz und Recht. Aber der Herr Staatspräsident soll sich überlegen, ob er einen Menschen zum Leben verurteilen darf, der sterben will! Das ist Unrecht, wenn der Betreffende genau weiss, dass er den Tod verdient hat!“
„Das ist eben nicht der Fall!“ keuchte ich. „Das ist ja meine Verzweiflung seit Monaten! Rekapitulieren wir doch einmal in letzter Stunde den Fall: Sie fuhren hinaus, um Ihren Mann mit dieser Dame heidebluth zu treffen! Das ist nach dem Zeugnis meiner Frau klar.“
Ich hörte keinen Widerspruch. Ich fuhr fort:
„Nun: Sie fanden die Heidebluth draussen nicht! Auch das ist erwiesen! Es war nur Ihr Mann im Haus. Damit entfiel jeder Grund zu der Tat.“
„Und doch hat es sein müssen!“ Frau Sandner sagte es ganz leise und ganz ruhig, wie unter einem unwiderstehlichen Zwang, und schaute dabei an mir vorbei irgendwohin ins Leere.
„Die Heidebluth war auch nicht etwa, ehe Sie kamen, in der Villa gewesen und hatte vielleicht irgendwelche Spuren ihrer Anwesenheit zurückgelassen. Sie hat beschworen, dass sie an dem Abend ihr Haus überhaupt nicht verlassen hat!“
„Und doch hat es sein müssen!“
„Weiter: Die Heidebluth hat sogar unter ihrem Eid ausgesagt, dass sie den Leopold kaum gekannt hat!“
„Und doch hat es sein müssen!“
Es war nichts zu machen. Ich war einem Weinkrampf nahe. So waren meine Nerven herunter! Ich — der Verteidiger, der Mann. Und neben mir sass ganz ruhig diese Frau. Ich stiess hervor:
„Wenn ich von etwas in der Welt überzeugt bin — dann davon, dass Sie unschuldig sind!“
Ein sonderbarer Aufblick von unten, ein seltsames Lächeln Margot Sandners.
„Was wissen Sie, was in jener Nacht passiert ist?“
„Jedenfalls, dass die Heidebluth nicht dort war, und von Ihrer Eifersucht gegen diese Person geht doch die ganze Anklage aus.“
Ich bekam keine Antwort, als ein müdes Achselzucken das nichts verriet. Ich sah auf die Uhr.
„Gott sei Dank können Sie es nicht verhindern, wenn der Herr Staatspräsident von seinem Begnadigungsrecht Gebrauch machen will!“ versetzte ich atemlos. „Ich fahre jetzt zu ihm zurück. Ich biete alles auf, um Sie trotzdem zu retten!“
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