Kitabı oku: «Die letzte Wahl»
Rudolf Stratz
Die letzte Wahl
Roman
Saga
Die letzte Wahl
© 1899 Rudolf Stratz
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711506981
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com.
I.
„Pro gloria et patria!“
Die Stimme des deutschen Kaisers klang anders als das Gemurmel der Würdenträger, die vor ihm ihre Festreden zur Einweihung des neuen Reichstags gehalten hatten. Diese hüstelnden, stockenden und sich räuspernden Exzellenzen waren schon auf wenige Dutzend Schritt im Umkreise des sie umringenden, goldgestickten und ordenprunkenden, leise sporenklirrenden und verstohlen gähnenden Gewühls unhörbar gewesen. Eine gewisse Resignation, jene feierliche Ergebung in das Schicksal, das die Mitwirkenden jedes grossen offiziellen Staatsaktes kennzeichnet, lag auf allen Gesichtern.
Und nun plötzlich — hell und scharf, wie ein Kommandoruf auf dem Exerzierplatz, rings in dem Riesenraum alles zum Leben erweckend, dies „Pro gloria et patria!“ aus dem Munde des Kaisers.
Ein Rauschen wie das Wehen des Windes in Roggenfeldern ging in bunt zitternden Wogen durch den Festsaal unten und die Tribünen der Zuschauer oben unter der Kuppel, und durch das unbestimmte verhaltene Brausen klangen silberhell drei Schläge.
„Jetzt legt der Kaiser den Schlussstein zum Reichstag,“ hörte Ellen hinter sich die gedämpfte Stimme ihres Mannes und drehte sich zu der neben ihr sitzenden Schwester: „... Mary ... hast du gehört? Jetzt legt der Kaiser ...“
Sie konnte nicht weitersprechen, und Mary nickte nur stumm, ohne den Blick von dem Gefunkel und Gewimmel unten abzuwenden. Die Posaunenfanfaren, die gleichzeitig mit den Hammerschlägen des Kaisers wieder losbrachen, erstickten jedes Wort und verschlangen jeden andern Laut in ihren schmetternden, gellend wie der Schlachtruf vor dem Treffen durch Kuppel und Hallen brandenden Klangwellen.
Es war etwas Nervenaufrüttelndes, etwas von elementarer Kraft in diesen langgezogenen, jauchzenden Tönen. Mary fühlte, dass ein leichtes Frösteln sie überlief, während sie sich so weit wie möglich über das rote Tuch der Tribünenbrüstung lehnte und, wie man aus der Loge ein prunkvolles Ausstattungsstück geniesst, mit weit offenen Augen die Farbenorgie des nach dem Kaiser tief da unten am Schlussstein hämmernden offiziellen Deutschlands in sich aufnahm.
Was da eigentlich unter der Kuppelwölbung sich in Hunderten und Tausenden von glitzernden Punkten drängte und zwecklos in eintönigem, leisem Summen hin und her schob — sie hätte es nicht sagen können. Es war ein Rausch für die Augen, ein papageienfarbener Traum von Gold und Silber, der keine Überlegung und Unterscheidung zuliess.
Doch! Da, wo es in der Mitte des Gedränges licht war und neben dem viereckigen grossen Marmorwürfel des Schlusssteins die Steinmetzen in langen Schurzfellen, die silberne Mörtelkelle und den goldenen Hammer von Hand zu Hand gebend, standen — da, gerade unter ihr, war der Kaiser. Sie sah den Silberadler der Gardeducorps auf seinem Helm blitzen und dahinter goldig schimmernd die Pickelhauben der Flügeladjutanten, hünenhafter Erscheinungen in lichtgrauen, von der Silberschärpe eng gegürteten Mänteln.
Neben dem Kaiser die Kaiserin und die Prinzessinnen, alle in tiefer Trauer, mit langwallendem Flor. In seltsamem Widerspruch zu allem Gewohnten standen da inmitten der bunt herausgeputzten, in Silber, Gold und Scharlach gleissenden tausendköpfigen Männerwelt die wenigen Frauen als schwarzgekleidete, düster wirkende Gestalten da.
„Das ist der Reichskanzler!“ vernahm Mary hinter sich die leicht befangene Stimme ihres Schwagers. „... Da der kleine alte Herr ... er sieht wie ein Knabe aus, wie er da zwischen all den Potsdamer Riesen hintrippelt. ... Der breitschulterige, derbe Mann neben ihm ist der Minister des Innern ... ein merkwürdiger Gegensatz ... das feine, alte und müde Süddeutschland und das robuste Ostelbiertum, das noch von keines Gedankens Blässe ...“
„Davon will ich jetzt auch nicht angekränkelt werden,“ sagte Mary, ohne den Kopf zu wenden. „Was liegt mir daran, wie die Leute alle heissen! Ich will bloss schauen!“
Die Farbenpracht mit durstigen Sinnen schlürfen, die da unten wogt und zittert — ein regenbogenfarbiger Ameisenschwarm, den die Silberfluten des elektrischen Lichtes überspülen. Silber und Gold — das ist der Grundton auf dieser lebendig gewordenen Malerpalette, in der alle Farben durcheinanderwirren und sich zu neuen blendenden Tönen einen. Das Gold spiegelt sich auf den Kragen der Garde, es rankt sich als gesticktes Eichenlaub um ordenklirrende Generalsröcke und schlingt sich in breiten Tressen um die Frackuniformen, in funkelnden Borten um die Dreimaster des Zivils, dessen edelmetallene Pracht heute beinahe das bunte Tuch der Kriegswelt überstrahlt. Sind doch manche der wohlbeleibten Würdenträger vom Hals bis zu den Knien förmlich in Gold gepanzert, jenen grossen Käfern gleich, die in der Sommersonne metallisch schillernd am Wegrain dahinschlüpfen.
Freilich hat auch das Militär sein Bestes getan. Schaukelnde weisse Straussenfedern an den Generalshelmen, feuerrote und karmoisinfarbene Beinstreifen über spiegelnden Lackstiefeln, schwarzsammetener, ziegelroter und silberner Halsbesatz, schneeweisse Kürassierkoller und kornblumenblaue Dragonerröcke, purpurne, blutfarbene, kaffeebraune und grasgrüne Attilas, graues Pelzwerk über silberner Verschnürung, Bärenmützen mit bunten Lappen neben turmhohen Potsdamer Blechmützen — eines schlingt sich ins andere und mischt sich im Wellenspiel der Farben mit den schreiendroten Johanniter- und Malteserfräcken, dem flammenden Scharlach der Mecklenburger Ritter. Ein violetter Punkt dazwischen, die Soutane des Armeebischofs, gemengt mit dem Gold der Kammerherren und Stände, die nachtschwarzen Talare der Geistlichkeit, die blau und weiss leuchtenden Tropenuniformen der afrikanischen Pioniere, die weissen Westen, die Dreispitze und goldknöpfigen Fräcke der Admiralität. Und um jeden einzelnen dieser unruhigen Farbenpunkte schlingen sich noch einmal breite bunte Streifen und ein schmales, in Gold und Edelstein glitzerndes Band. Alle Orden der Welt — vom Schwarzen Adler bis zum Weissen Elefanten, vom Eisernen Kreuz bis zum Stern von Bagamoyo — schaukeln und klimpern da in bunter Reihe und ziehen ihre mattgelben, himmelfarbenen und purpurdunklen Bahnen über die Brust des Trägers.
Und in das summende, unruhig wogende, die Augen blendende Regenbogenspiel immer wieder hoch von oben die gellenden, zornig aufschreienden Posaunenfanfaren, das eintönige Hämmern der in langem Zuge heranwallenden Exzellenzen — Mary schwindelte der Kopf. Sie schloss die Augen und lehnte sich zurück.
Ihre Schwester neben ihr war nicht so ergriffen. Das gewohnte freundliche Lächeln auf dem junonischen Gesicht, die Hände im Schoss über dem Fächer gefaltet sass sie zufrieden da wie ein Kind, dem man eine Freude gemacht, und wartete, was nun noch weiter kommen sollte.
Das endlose Klopfen der Würdenträger auf den Schlussstein langweilte sie. „Wie lange dauert denn das noch?“ fragte sie ihren Mann.
Auf Herberts Gesicht lag der spöttische Zug, den sie nun schon seit zwei Jahren an ihm kannte. „Bis alle durch sind,“ sagte er.
„Und dann kommen die Abgeordneten?“
„Welche Abgeordneten?“
„Die vom Reichstag. Für die ist doch das Haus gebaut!“
„Ja.“
„... und da dacht’ ich mir ... wenn der Schlussstein fertig ist, dann kommt Papa und die anderen Reichstagsmitglieder und nehmen Besitz von dem Haus!“
„So könnte es ja auch sein!“ sagte ihr Mann. „Aber es ist nicht so. Die Abgeordneten sind schon da!“
„Wo denn?“
„Unten unter all den anderen Uniformen!“
„Das ist aber komisch ...“ Die schöne Frau kramte ihren Operngucker aus dem Täschchen und schraubte ihn zurecht. „... so wie Papa immer redet ... ich dachte ... da müssten sich die Abgeordneten als ein Ganzes fühlen ... so in einem Haufen beisammen sein ... ich weiss nicht recht, wie ich’s ausdrücken soll ... ich meine ... denen gehört doch der Reichstag ... und nicht all den Herren in Uniform ...“
„So? und wer hat ’s Reich jejründet, Jnädigste?“ hörte sie da hinter sich eine hölzerne Stimme, „wir ... die Leute von Versailles ... die Leute mit ’m Säbel und hohen Stiebeln ... und Strassenkot dran bis oben ’rauf ... und da vorne das Eiserne Kreuz unsres allergnädigsten Herrn und Königs ... wir waren so frei, bei Sedan und da unten vor Orleans, bei fünfzehn Grad Kälte und Franktireurs und noch nicht mal trocken Brot im Mantelsack das Reich zu jründen. Das Zivil ... das kam erst später ... wie alles glücklich vorbei war und der Rummel mit Ehrenjungfrauen und Triumphpforten und Jedichten anjing ... da hab’ ich die ersten Kerls im Frack jesehen ... früher nich!“
Das Ehepaar hatte sich erschrocken umgedreht und in dem hinter ihnen sitzenden spitzbäuchigen kleinen Greis, aus dessen lederfarbenem Gesicht ein schlohweisser Schnurrbart rechts und links in dolchscharf gedrehte Spitzen auslief, den alten von Dalchow auf Messow erkannt. Aus der Zeit, da Herbert als Generalstabsoffizier einer märkischen Division fungiert hatte, kannten er und seine Frau den zornmütigen alten Herrn. Er war berühmt wegen seiner Taktlosigkeit und hatte sich wohl deswegen gleich nach Siebzig mit dem Eisernen Kreuz erster Klasse vom Exerzierplatz auf sein Gut zurückziehen müssen.
Soweit die lächelnde Sanftmut ihrer Züge überhaupt von Unmut verfinstert werden konnte, glitt, während sie dem kleinen Krautjunker die Hand reichte, eine Wolke über Frau Ellens blühendes Gesicht. „O ... Sie hier?“ sagte sie, „... wie nett! ... also Sie wollen sich auch die Feier anschauen ...“
„Ja, von hier oben,“ erwiderte der alte Husar verdriesslich, „unten herein lassen sie mich ja nicht ... dreimal hab’ ich jetzt schon kandidiert,“ fuhr er fort und sein Gesicht wurde böse, „aber die Bande wählt mich nu mal nicht in den Reichstag ... i wo ... ’nen Tüncherjesellen aus Altruppin ... ausjerechnet ’nen Tüncherjesellen ... was sagen Sie dazu, Verehrtester?“
„Nichts,“ sprach Herbert.
Seine Frau wandte sich zu ihm, das Opernglas in der Hand. „Glaubst du, dass wir Papa da unten finden können ... in dem schrecklichen Gewühl?“
„Na ... der einzige Mensch ohne Orden muss doch da unten auffallen,“ erwiderte Herbert und drehte sich zu dem alten Dalchow. „Mein Schwiegervater gehört nämlich auch zu den ‚Kerls im Frack‘, wie Sie die Reichstagsabgeordneten nennen!“
„O wirklich?“ sagte der alte Herr, nicht im mindesten verlegen, „für welchen Wahlkreis denn?“
„Für Reiningen-Lüningen-Heidenfeldt.“
„Also im Thüringschen? ... und für welche Partei?“
„Eigentlich gar keine! Gegen den Umsturz .. als Vertrauensmann aller Parteien. Es ist eine rein persönliche Angelegenheit. Mein Schwiegervater hat durch seine grossen industriellen Anlagen und Unternehmungen den Kreis erst zu dem gemacht, was er ist ... und geniesst dadurch ein Ansehen dort, wie es eben nur ein Selfmademan seiner Art haben kann.“
Die schöne Frau drehte sich zu ihnen. „Sie kennen doch gewiss die Firma Banners, Heimgut und Compagnie?“ fragte sie, und es lag ein ernstes Selbstbewusstsein in der Art, wie sie den Namen des Welthauses aussprach.
Aber der alte von Dalchow erwiderte nur: „Ich verstehe leider jar nichts von derlei!“ und sie bog sich ärgerlich wieder über die Brüstung.
Dort unten spielte und glitzerte immer noch das leichtbewegte Farbenmeer und wie der Ruf des Windes über den Wellen fuhren, von oben kommend, die Posaunenstösse darüber hin. Der Hammer wanderte von Hand zu Hand, eine Exzellenz reichte ihn mit verbindlichem Lächeln der nächsten, und die herumstehenden Gold- und Silbermänner lächelten seelenlos mit. Etwas Ermüdendes, etwas Totes kam allmählich in das glänzende stumme Spiel. Es war, als trieben Tausende von aufgeputzten Marionetten, einem geheimnisvollen Mechanismus gehorsam, da unten ihr Wesen. Und ebensolche Wachsfiguren schienen die reglos und feierlich dasitzenden Zuschauer auf den grossen, rot ausgeschlagenen Tribünen zu sein, die, wie Riesennester voll bunter Vögel, an den Wänden der Kuppelwölbung klebten.
Frau Ellen spähte immer noch durch das Opernglas, um ihren Vater zu entdecken. Aber sie fand ihn nicht in diesem bunten Kreis, der, in der Mitte dicht und undurchdringlich, nach dem Rande zu sich lichtete und endlich in vereinzelten, abseits plaudernden Gruppen verlor. Hinter diesen kam dann das Nichts — grosse leere Flächen von Steinboden, der Beginn der nach rechts und links sich erstreckenden, jetzt ganz verödet daliegenden Wandelhalle.
„Komisch!“ meinte Ellen, „da stehen ganz, ganz hinten an der Säule versteckt ein Postbeamter und ein Telegraphenbote. Wozu sind denn die hier?“
„... um das ‚Volk‘ zu markieren!“ sagte ihr Mann.
Der alte von Dalchow blinzelte ihn misstrauisch von der Seite an. Solch freigeistige Redensarten waren ihm bei Herbert neu. Ellen aber war von der Erklärung befriedigt.
„Jetzt hämmern schon die letzten!“ rief sie, „siehst du ... da vor dem grossen Herrn mit der goldenen Halskette ...“
„Das ist der Oberbürgermeister von Berlin ...“
„Da der kleinere Herr im Frack mit dem Vollbart, der hat jetzt den Hammer ... jetzt schlägt er ... wer ist denn das?“
„... o, der hat dies Haus in den letzten zehn Jahren gebaut ... sonst nichts!“
Ellen machte grosse Augen. „Ja, aber warum kommt er denn jetzt erst an die Reihe? ... nach all den anderen, die dabei gar nichts zu tun gehabt haben?“
„Da musst du Herrn von Dalchow fragen,“ erwiderte ihr Mann. „Er wird dir sagen: ‚weil er bloss ’nen Frack anhat‘!“
„Na ... warum sind denn Sie in Zivil?“ brummte der Alte etwas ärgerlich. Aber gleich darauf beugte er sich dicht zu Herberts Ohr. „Sagen Sie mal ...“ raunte er, auf Mary blickend, die sich von Ellen das Opernglas ausgebeten hatte ... „wer ist denn die Dame neben Ihrer Frau Gemahlin?“
„Gefällt sie Ihnen?“
„Na ... wissen Sie ... so schön wie Ihre Frau Gemahlin ist sie ja nicht, die ist ja ... wenn ich so sagen darf ... rosig und blühend wie ’n Sommertag ... apropos ... was machen Ihre Kinder?“
„Danke. Sie sind alle drei wohl.“
„... recht so ... ja ... was ich sagen wollte ... also die andere da drüben ... so schön ist sie lange nicht! Aber die Rasse! Donnerwetter! Sehen Sie mal den Rassekopf! Diese Profillinie! trotzig wie ’n hübscher Raubvogel ... und die grauen Augen dazu mit dem grünen Schimmer ganz tief drinnen ... und wie die Nasenflügel zittern ... das Temperament, wenn das so mal auflodert ... dann gute Nacht! Deubel auch! Glauben Sie mir, das ‚Mollete‘, wie der Wiener sagt, das ist das Richtige an den Frauenzimmern! dann sind sie gut und freundlich und lachen ... wie — wenn ich so sagen darf — Ihre Frau Gemahlin ... aber die mageren, nervösen ... die lachen nicht ... die schauen die Männer ganz ernst an und machen sie ganz schweigend und ganz selbstverständlich verrückt, wenn sie gerade den Richtigen treffen. Aber ... um auf die Dame zurückzukommen ... kennen Sie sie?“
„Natürlich kenn’ ich sie!“
„Rasse! Rasse!“ sagte der alte Dalchow noch einmal kopfschüttelnd. „Na ... nu sagen Sie mal: wer ist es denn?“
„Meine Schwägerin ... die Gräfin de Grain!“
Der alte Junker pfiff leise durch die Zähne. „Also verheiratet?“ fragte er dann.
„An einen früheren Regierungsassessor im Kreise Lüningen, wo mein Schwiegervater seine Eisengiessereien hat.“
„So, so!“ Herr von Dalchow musterte tiefsinnig eine Weile die überschlanke, hochgewachsene Gestalt vor ihm.
„Kann der Assessor a. D. Pistolen schiessen?“ fragte er dann plötzlich.
Herbert musste wider Willen lachen. „Ich denke wohl!“ sagte er.
„Na ... dann ist’s ja gut!“
„Hör’ mal, Männe!“ ... Frau Ellen drehte sich sanft lächelnd um ... „ist das eigentlich wahr: Mary behauptet, Bebel sei nicht hier! der käme nicht zu so was!“
„Nein. Das tut er auch nicht!“
„Und Windthorst ist wirklich schon tot?“
„Schon lange.“
„Und Bismarck war eingeladen und hat abgesagt?“
„Ja.“
„Nun ... dann hat Mary wieder einmal recht!“
„Warum glaubst du mir’s denn nicht gleich?“ sagte Mary gelassen und halblaut zu ihrer Schwester. „Nun lachen sie wieder ringsum über dich!“
„Das ist sehr unrecht!“ Die schöne Frau unterdrückte ein leichtes Gähnen. „Ich versteh’ doch nichts von Politik und lese nicht den ganzen Tag Zeitungen und Broschüren wie du. Wenn du Kinder hättest, tätest du’s auch nicht!“
Mary erwiderte nichts, sondern warf nur hinter Ellens Rücken ihrem Schwager einen Blick zu. Der zuckte nur mit unmerklichem Lächeln die Achseln, und ein ebensolches Lächeln überlegenen Mitleids glitt wie ein Widerschein eine Sekunde über ihr kluges, von glänzenden Augen erhelltes Gesicht. Gleich darauf lenkte sie den Blick wieder in das Gewühl des Saales hinab und er schaute gleichgültig, beinahe gelangweilt, zu der Glaskuppel hinauf, durch deren Wölbung grau und grämlich der Winternachmittag in den vom Glühlicht sonnenhell strahlenden Raum hineinschielte.
Eine kurze Pause trat ein, in der der alte von Dalchow über etwas nachzusinnen schien.
„Wie Sie sich verlobt haben ...“ fragte er dann ganz unvermittelt seinen Nachbar ... „haben Sie da eigentlich Ihre Schwägerin schon gekannt?“
„Nein. Ich stand doch damals in Berlin. Ich hab’ sie erst auf der Hochzeit gesehen.“
„Aber sie war damals auch schon verheiratet?“
„Ja. Interessiert Sie das so?“
„I wo!“ sagte der alte Herr. „Ich kam nur so gerade drauf, weil ...“
Da setzten die Posaunen wieder ein, die letzten Worte einer unhörbaren Rede unten verschlingend, und in das Schmettern der Fanfaren hallte aus Tausenden von Männerstimmen ein Ruf ... und noch einmal ... und zum drittenmal, an den Wänden und Wölbungen dahinrollend, das Hurra auf den Kaiser.
„Heil dir im Siegerkranz!“ die Musik setzte mit der feierlichen Weise ein. Auf den Tribünen ringsum waren die Zuschauer aufgestanden und sangen mit, die hellen Soprane der Offiziersfrauen klangen durch das stossweise Schmettern der Nationalhymne, und unten aus dem Saal tönte das Rauschen, Scharren und Sporenklirren der aufbrechenden Farbenmassen.
Das Kaiserpaar schritt durch eine bunte Gasse von Präsidenten und Generalen davon, gefolgt vom Zug der schwarzgekleideten Prinzessinnen. Dahinter strömte in regellosen Wogen das offizielle Deutschland und versickerte als immer dünner werdendes Farbengerinnsel durch den Wandelgang und die Ausgangspforten. Schon klafften breite weisse Steinlücken an den Stellen, wo eben noch Schwärme von Exzellenzen leise flüsternd gestanden, schon konnte man die letzten Gruppen, die einzelnen Gestalten zählen, die den scheinbar in seiner Leere immer riesiger werdenden Kuppelraum belebten, dann verschwanden auch diese, die Posaunen verstummten, das neue Reichshaus war eingeweiht.
Auch die Tribünenbesucher durften nun, nachdem die schillernde Seifenblase der Festversammlung zergangen, ihre Plätze verlassen und auf die Strasse niedersteigen. Die meisten Bänke lagen bereits menschenleer im Glanz des roten Tuches da, als Herbert mit den beiden Damen in den Garderoberaum heraustrat. „Mache rasch!“ flüsterte er seiner Frau zu, während er ihr den Pelzmantel umhing, „dass wir den alten Dalchow loswerden. Der Mensch ist grässlich mit seinen ewigen Taktlosigkeiten!“
Aber da hörte er schon die heiser-joviale Stimme hinter sich: „Darf ich um den Vorzug bitten, mich Ihrer Frau Schwägerin zu präsentieren?“ und musste das wohl oder übel tun.
Dann stiegen sie im Schwarm der anderen Zuschauer die Treppe hinunter.
„Jerade wie wenn’s Theater aus is!“ sagte der alte von Dalchow ... „... jrosse Oper oder so was! Schade, jnädigste Gräfin, dass Ihr Herr Gemahl nicht auch das in Berlin mit ansehen konnte!“
„Mein Mann ist in Berlin. Wir leben ja hier!“ erwiderte Mary.
„... und er versäumt dies Schauspiel? ... nicht möglich ... ja ... was tut er denn jetzt?“
„Er frühstückt bei Töpfer. Oder ist auf der Börse oder sonstwo. Aber kommen Sie ... sonst verlieren wir die anderen aus den Augen.“
„So ... er frühstückt bei Töpfer?“ murmelte der alte Herr, warf einen verstohlenen Blick auf Mary, dann auf die beiden vor ihnen und trabte, so gut es seine etwas gichtbrüchigen Beine erlaubten, neben seiner rasch und biegsam ausschreitenden Begleiterin dahin.
II.
Die kalte Winterluft des Dezembermittags schlug ihnen entgegen, als sie durch das südliche Portal ins Freie traten. Es war ein jäher Übergang aus der Märchenpracht da innen in die graue Wirklichkeit Berlins. Dort trug die Welt ihr Feiertagsgewand, hier den schmutzigen Arbeitskittel des Alltags. Graue Wolken am Himmel, zwischen denen die Sonne wie eine blinde rote Scheibe stand, die kahl zum Himmel sich aufreckenden Äste des Tiergartens, rauhe bis ins Mark erkältende Windstösse, die kleine Staubwirbel über den Asphalt dahintanzen liessen, Schornsteine und graue Dächer in der Ferne — das alles wollte so gar nicht zu dem sonnigen Glanz der eben verflossenen Feier passen.
Beendet war die Feier eigentlich noch nicht ganz, denn der Kaiser war auf einer Besichtigung der inneren Reichstagsräume begriffen und viele der Festgäste und Tribünenbesucher standen, seiner Abfahrt harrend, in plaudernden Gruppen vor den weissen Riesenwänden des Prunkbaus beisammen.
Man konnte glauben, sich im Innern eines Feldlagers zu befinden! Militär ringsum. Der ganze Reichstag war von Gardetruppen umgeben. Zu Hunderten flatterten an aufrecht im Sattelschuh gehaltener Lanze die weiss-schwarzen Fähnchen der Dragoner, von der kaiserlichen Freitreppe her nickten in ganzen Wäldern die vom Winde schiefgewehten weissen, schwarzen und roten Haarbüsche des Fussvolks und davor schaukelten über den dunklen, haarscharf gerichteten Linien der Rosseleiber die fliegenden Adler der Kürassierhelme auf und nieder, wenn einer der frierenden Gäule ungeduldig mit den Hufen scharrte.
Hinter diesen starren Mauern, deren tiefes Schweigen nur das eintönige Käuen der Rosse an den Kandaren, das leise Klirren der Säbel und ab und zu der gedämpfte Zuruf eines Unteroffiziers unterbrach, dehnten sich in der Ferne, zwischen den kahlen, von Frost bereiften Stämmen des Tiergartens lange, stumme Menschenreihen, schwarzgrau, unansehnlich, endlos, wie der Winterhimmel über ihnen, wie die arbeitsrussige Stadt, die sie gesandt. So standen sie seit Stunden in stiller Erwartung, der Absperrung gewohnt und schon froh, wenn das Vorübertraben eines Adjutanten, die Grobheit eines Schutzmanns oder der faule Witz eines Eckenstehers das Stilleben einer Festlichkeit unterbrach, von der sie nichts sahen und hörten und doch nicht lassen wollten.
„Brr ... ist das kalt!“ sagte Ellen und wickelte sich fester in ihren Pelz ... „... sieh nur all die komischen Leute da hinten ... wie wir kamen, standen sie schon da, und nun sind sie immer noch nicht nach Hause gegangen! Und dabei sehen sie doch gar nichts!“
„Das ist das Volk!“ erwiderte Herbert trocken. „Das wohnt der Feier als Zaungast bei.“
Der alte Dalchow hatte das gehört und wandte sich kopfschüttelnd zu seiner Begleiterin. „Ihr Schwager hat sich sehr verändert, Gnädigste! Damals als Generalstabsoffizier ... na ja ... er war ja immer ein bisschen scharf und schroff und ein Streber, wie er im Buch steht. Aber dabei doch ’n zufriedener Mensch ... hat ja ’ne Riesenkarriere vor sich ... Wenn einem der Kommandierende General todsicher ist, dann ist es der uns beiden nicht unbekannte Generalstabshauptmann Herbert von Haldern ... und nun sehen Sie mal sein Gesicht ... gelb ... mager ... und so etwas merkwürdig Verbissenes in den Mundwinkeln ... unter dem Schnurrbart, der auch seinen Schwung eingebüsst hat ... nee ... hören Sie mal ... das gefällt mir nicht ... der Ehrgeiz ... der reibt ja den Menschen auf ... man lebt doch nicht bloss, um seine Vordermänner zu überholen ...“
„Bemerken Sie denn nichts?“ sagte Mary und deutete auf ihren Schwager, der, auf einen leichten Stock sich stützend, langsam zu ihnen herantrat.
„... dass er ’n bisschen lahmt? ... natürlich ... deswegen trägt er ja Urlaubszivil! Bin selber auch drei-, viermal unterm Gaul gelegen. Kommt mal vor. ’n paar Wochen Wiesbaden, und ’s ist wieder gut.“
„Oder auch nicht.“ Herbert hatte die letzten Worte gehört und prüfte, während er sprach, scheinbar zerstreut mit fachmännischem Blick das in der Kälte dicht vor ihnen bockende und sich bäumende Pferd eines Gardeducorps-Leutnants ... „... ich habe mehr Pech gehabt. Mein Knie war entzwei, und wie’s wieder ganz war, blieb’s steif für immer!“
„Nanu!“ der alte Junker war ganz erschrocken ... „... wie können Sie denn dann reiten?“
„Gar nicht mehr!“
„Ja ... aber wie dienen Sie denn dann?“
„Auch nicht mehr. Seit zwei Jahren bin ich offizieller Reichskrüppel mit zwanzig Taler Schmerzensgeld im Monat. Nun kann sich ein anderer für mich schinden!“
Der dicke, kleine Krautjunker pfiff leise durch die Zähne. „Na ... das sind ja nette Chosen ...“ sagte er stockend, mit unsicherer Stimme ... „... also wirklich invalide?“
„Ja.“
„Und was tun Sie denn jetzt?“
„Nichts.“
„Aber Sie müssen doch als ... als Zivilist eine Beschäftigung haben!“
„Das Zivil wirft sich, nach Ihrer treffenden Beobachtung, bei festlichen Anlässen in einen Frack. Das hab’ ich, wie Sie sehen, getan und damit mein Tagewerk erschöpft.“
„Ja ... und morgen ...“
„Morgen sehe ich irgendwo anders zu! Es muss doch auch Publikum auf der Welt geben.“
„Na ... hören Sie mal ... Sie lächeln dabei so sonderbar ... so spöttisch ... gerade als wollten Sie sich über mich lustig machen ...“
„Eher über mich selbst!“ Herbert prüfte immer noch das unruhig tänzelnde Tier des Gardeducorps. „... sehen Sie mal ... der Bengel da kann noch nicht ordentlich reiten ... und bleibt doch ganz hübsch oben im Sattel. Ich kann reiten ... sehr gut sogar ... und würde doch mit meinem lahmen Beine beim ersten Galoppsprung vom Pferde gleiten. Das ist, was man eine tragikomische Existenz nennt. Na ... und wenn was komisch ist ... dann lacht man eben drüber.“
„Ich, weiss Gott, nicht.“ Der alte von Dalchow fingerte unsicher suchend in der Luft herum, in Ungewissheit, wie sein Gegenüber einen Händedruck des Mitleids aufnehmen würde ... „... Sie tun mir höllisch leid. Das ist ja ein furchtbarer Schlag für einen Mann wie Sie!“
„Da kommt mein Schwiegervater ...“ sagte Herbert gelassen. „Auf Wiedersehen, Herr von Dalchow, aber, wenn möglich, ohne Beileid. Das hab’ ich nämlich noch von niemand verlangt. Guten Morgen!“
Auf seinen Stock gestützt folgte er den beiden Damen. Der andere schaute zweifelnd der hochgewachsenen Gestalt nach, die mit den strengen, hartgeschnittenen Zügen des von Wind und Wetter gebräunten Gesichts, in ihrer straffen Magerkeit und aufrechten Haltung ein Urbild zäher preussischer Soldatenkraft war. „Schade, schade!“ murmelte er und trat zu ein paar pommerschen Reichstagsabgeordneten, die, als Dragoner und Husaren gekleidet, in der Nähe standen. „... Mahlzeit, Ihr Herren! ... na ... nu sagen Sie mal ... kennen Sie Haldern? ... Das ist ja schrecklich ... der Mann lahmt ... kann einfach nicht mehr gehen ...“
„Na ... bis durch die Türe da langt’s noch vielleicht!“ lachte einer der Granden, der in seiner hageren Länge und dem weissblonden Schnurrbart deutlich seinen schwedischen Ursprung aufwies und deutete auf das Portal des Reichstags hinter ihnen.
„Aber das ist ja der Eingang für die Abgeordneten,“ sagte der alte Herr erstaunt.
„Na ... und Haldern will in den Reichstag ... kommt auch ’rein ... über kurz oder lang! ... jeden Tag war er ja drüben bei uns im Foyer ... und sah, wie die Chancen stehen ... glauben Sie denn, dass ein Mensch wie er das Stilliegen aushält?“
Der kleine Uckermärker zog die Augenbrauen hoch. „... So? ... so? ...“ sagte er ... „... na ja ... wenn ein Mensch zu was anderem nicht mehr zu brauchen ist ...“ Er brach ab. Denn es fiel ihm ein, dass die beiden Offiziere vor ihm auch Mitglieder des Reichstags waren und er selbst auch schon als Zählkandidat fungiert hatte. „... Na ... adieu!“ meinte er ohne besondere Verlegenheit ... „... ich höre da die wohlbekannten Klänge des Parademarsches. Das muss man sehen!“
Auf der grossen westlichen Freitreppe des Reichstagsbaus stand der Kaiser und liess die Ehrenkompagnien seiner Garderegimenter an sich längs des Palastes vorbeidefilieren, der in Zukunft den Männern der Reden und Majoritätsbeschlüsse gehören sollte. Die Pauke donnerte, die Pfeifen schrillten, in das Gellen der Hörner und den Trommelwirbel klingelte silbern der glöckchenreiche, mit Rossschweifen gezierte Schellenbaum, und in dröhnendem Gleichschritt, von den auf und nieder schwankenden Helmbüschen und den glitzernden Linien der Gewehrläufe überragt, marschierten die Sektionen vorbei, dass die Wände des Reichshauses von dem Stampfen der gleichmässig herausgeworfenen Beinreihen widerhallten und der Schall bis zu der Siegessäule hinwanderte, auf der, ein goldener unförmlicher Klumpen, die Viktoria in einsamer Höhe zu ihrer Schwester auf dem Brandenburger Tor hinüberblickte.
„Du schaust ja gar nicht hin, Papa?“ fragte Ellen und hob sich auf die Fussspitzen, um nichts von dem militärischen Schauspiel zu verlieren.
Der unscheinbare alte Herr lächelte. Ein kluges, mildes Lächeln, das leise über die Fältchen und Runzeln seines Gesichtes lief und sich still in dem weissgrauen, wenig gepflegten Vollbart verlor. Aber er tat seiner schönen Tochter doch den Gefallen, rückte die goldene Brille zurecht und warf einen scharfen prüfenden Kaufmannsblick auf die Truppen, als wolle er deren Preis und Marktwert abschätzen. In seinen Augen war noch helles Leben. Über das Antlitz aber legte das Greisenalter schon jenen Zug von gleichmütigem Frieden, in dem ein langes, arbeitsreiches Leben ausklingt, ein Leben, von dessen Sorgen und Kämpfen, in Zweifeln durchwachten Nächten und schlau berechneten Siegen die Hunderte von feingestrichelten, im Laufe der Jahre eingemeisselten Linien um Stirn und Augen sprachen. Auch seine Gestalt war schon gebeugt, wie gedrückt von dem kostbaren Biberpelz, der um sie schlotterte, und seine Bewegungen schienen wenigstens hier inmitten dieser straffen, bunt uniformierten Riesen langsam und beinahe unbeholfen.
„Ich kann nichts sehen, Kinder!“ sagte der Kommerzienrat Banners nach kurzer Weile. „... Für die Wachtparade bin ich nun einmal zu klein geraten. Ich erkenne gerade noch die Rossschweife der Grenadiere ...“
„Das sind doch keine Grenadiere, Papa!“ Ellen war ganz erschrocken ... „... sie haben doch schwarze Haarbüsche ...“
„Ach so ... und die Grenadiere sind die roten da nebenan?“
„Das ist ja die Musik!“ Die gewesene Offiziersfrau warf einen ganz erschrockenen Blick zur Seite, ob niemand ihr Gespräch belausche. Der alte Herr aber schüttelte freundlich den Kopf. „Das werde ich wohl nicht mehr lernen,“ sagte er. „Ich bin zu alt dazu.“
Die beiden Schwestern sahen sich an. Sie begriffen nicht, dass all dieser Prunk und Pracht auf den Vater gar keinen Eindruck zu machen schien.
„... Wenn ihr euch nur amüsiert habt, Mädels!“ fuhr der kleine Kaufherr fort und machte einem baumlangen Adjutanten Platz, der sich mit flüchtiger Entschuldigung an ihm vorbeidrängte ... „... ich hab’ eure strahlenden Gesichter oben auf der Tribüne gesehen!“
„Aber wir dich nicht, Papa! Und wir haben so ausgeschaut!“
„Ich hab’ mich so ein wenig abseits gehalten. Ein alter Mann im einfachen Frack ohne alle Orden ... man kommt sich da immer ein bisschen überflüssig vor bei so glänzenden Gelegenheiten ... Erinnerst du dich, wie unser Papagei einmal fortflog und ein Schwarm Raben ihn gleich tothackte? Umgekehrt hab’ ich mich vorhin gefühlt, wie ein schwarzer Rabe in einem Haufen von bunten Papageien. Da gehör’ ich nicht hinein.“
„Ja ... aber man kommt doch in so eine Stimmung ...“ Mary sah aus ihren grossen, grau leuchtenden Augen auf ihren Vater herunter ... „... all die Pracht und Herrlichkeit ... ich bin förmlich wie berauscht. Es zittert alles in mir. Geht dir denn das nicht auch so?“
Der alte Banners erwiderte nichts, sondern lächelte bloss. Und es war Herbert, der ihn verstohlen beobachtete, als verblasse vor diesem nachdenklichen, fuchsklugen Lächeln des Kommerzienrats all die Gold- und Silberpracht umher, als verwandele sich das Farbenspiel in Alltagsgrau, als verhalle die triumphierende Musik in weiter Ferne. Und durch die verwehenden bunten Schleier ragte ernst die wirkliche Welt, das Reich der Tatsachen, der Zahlen und der Arbeit, in dem Hermann Banners seit zwei Menschenaltern lebte.
„Du bist ja nun eine Gräfin, Mary,“ sagte der alte Banners endlich, „und ich bin ein reicher Mann und Reichstagsabgeordneter und Kommerzienrat und Ehrenbürger und was weiss ich. Das alles ändert aber an der Tatsache nichts, dass ich mit zwanzig Jahren hinterm Ladentisch gestanden und die Nächte durch Englisch und doppelte Buchführung gelernt und mich als Kommis in der Welt herumgestossen und teures Lehrgeld bezahlt hab’, bis es dann endlich, einschlug und der Erfolg kam. In derselben Zeit, mein Kind, sind die Leute hier um uns herum allerhand geworden ... nicht nur Offiziere ... die mein’ ich nicht ... denn das sind redliche, tüchtige Arbeiter wie wir anderen Bürger, die die Steuern dafür zahlen ... aber Erbküchenmeister sind solche Leute geworden, Baillis des Johanniterordens, Mitglieder der Mecklenburger Ritterschaft, Kammerherren, Majoratserben, Hofmarschälle, Vertreter des alten und befestigten Grundbesitzes und manches andere. So leben sie hin, und wenn durch unsere Mühe und Arbeit etwas fertig geworden ist, dann kommen sie und weihen es ein! So auch heute den Reichstag. Schön. Ich gönne ihnen das Vergnügen für heute. Arbeiten will ich von morgen ab drin. Punktum. Sela.“
„Aber es ist doch so etwas Schönes ... so eine Feier ...“
„Kind ...“ sagte der alte Herr ... „... mir hat die Natur jeden Sinn für Feierlichkeit versagt. Es kommt mir komisch vor, wenn die Menschen plötzlich besondere goldgestickte Röcke anziehen und geheimnisvolle Gesichter machen und sich von grossen Trompeten das Trommelfell sprengen lassen. Es steckt nichts dahinter, glaub’ mir, und hat keinen Sinn. Ich bin ein Mann des matter of fact. Während der ganzen Zeremonie vorhin hab’ ich immer an meine anatolischen Bahnen denken müssen und die Emission unserer Anleihe in Venezuela. Da ist Geld drin. Auf die Rede von so einer Exzellenz bekommt man nicht ’nen Groschen.“
Er nahm mit einer raschen Bewegung den Zylinder ab. Ringsum entblössten sich trotz des kalten Windes die Köpfe, die Offiziere fuhren mit raschem Ruck zusammen und legten, mit der Linken die Säbelscheide suchend, die Rechte an den Helmrand, die Damen sanken in tiefem Hofknicks zusammen, während das Kaiserpaar in schnellem Trab von der Rampe des Reichstags zur Siegesallee dahinfuhr. Ein paar Züge von Panzerreitern mit donnernden Hufen vor und hinter der Karosse, der flammendrot gekleidete Stallmeister neben ihr — dann unter dem kahlen Geäst des Tiergartens das dumpfe Brausen der Hoch rufenden Massen, geschwungene Hüte und flatternde Taschentücher über langen, dunklen Menschenmauern — damit war das letzte Augenblicksbild der Feier vorbei, die Reichstagseinweihung zu Ende.
Der Rest des Militärs marschierte, die Absperrung lösend, davon und hinter ihm strömte in Schwärmen das Volk über den bis dahin halb verödeten, nur von den spärlichen Gruppen der Festgäste belebten Platz vor dem Reichstag. Das wimmelnde Getriebe des täglichen Lebens erfüllte ihn, der Strassenverkehr begann und an Stelle der Posaunenfanfaren klang das Knarren der Mörtelfuhrwerke, das Geklingel der Pferdebahn, das Gekläff der Ziehhunde vor den Milchkarren in die Ohren der von der Zeremonie Kommenden, die, in dunkeln Mänteln ihren Kleiderprunk vor der Kälte und den neugierigen Blicken der Menge schützend, so rasch wie möglich ihre Wagen zu gewinnen suchten.
Herbert und seine Frau waren vorausgegangen, um eine viersitzige Droschke aufzutreiben. Der alte Herr blieb indessen mit Mary wartend auf der Bordschwelle stehen.
„Kommt dein Mann nachher ins Hotel?“ fragte er.
„Jedenfalls,“ sagte Mary. „... Wenn Oskar gefrühstückt hat und mit seinen Börsengeschichten fertig ist ... mit ’nem Pferd wollt’ er, glaub’ ich, heute auch jemand hineinlegen ... Das alles kann noch ein paar Stunden dauern ...“
„Um so besser!“ Der Kommerzienrat schaute sie von der Seite an ... „... ich möchte euch Mädels mal ein bisschen für mich haben. Dich besonders, Mary.“
Die junge Frau erwiderte darauf nichts und ihre Gesichtszüge blieben gelassen wie zuvor.
Der alte Banners räusperte sich: „Hör’ mal ...“ sagte er nach einer Weile scheinbar gleichgültig ... „... Das war Oskar also recht, dass du mit Herberts in den Reichstag gegangen bist?“
„Nein. Ich war allein. Wir hatten ja nur die eine Karte, und Oskar sagte, er mache sich nichts daraus. Ich solle gehen. Und wie ich auf der Tribüne war, sah ich Ellen, und sie winkte mir zu. Das bemerkte der Herr neben ihr, und aus Höflichkeit bot er mir an, die Plätze zu tauschen. Abschlagen konnt’ ich das doch nicht gut. Es sassen zu viel Bekannte herum. Denen wäre das aufgefallen.“
„Also war es nur Zufall, dass ihr euch getroffen habt?“
„Natürlich,“ sagte Mary. „Wir verkehren ja fast gar nicht miteinander. Es ist gewiss ein halbes Jahr, dass wir zuletzt irgendwo zusammen waren.“
„Du meinst ... mit den Männern?“
„Ja. Ellen und ich ... wir treffen uns oft ausserhalb!“
„Aber Herbert und dein Mann können sich nun einmal nicht zueinander stellen?“
„Nein,“ sagte die junge Frau knapp. „Wenn’s dir recht ist, Papa, gehen wir dem Wagen entgegen. Er kommt so schwer durch in dem Gedränge ...“
„Schön!“ Der alte Herr war im Begriff, sich leicht auf den Arm seiner Tochter stützend, die Bordschwelle zu überschreiten, als er wieder stehenblieb, die Stirne runzelte und die goldene Brille zurechtschob.
„Wahrhaftig ... der Mensch lebt noch ...“ sagte er dann halblaut.
Dicht vor ihnen stand ein langer, hagerer Mann in den Dreissigern. Sein Äusseres verriet einen jener Daseinskämpfer von Berlin, von denen man nicht weiss, wie sie sich eigentlich vom Morgen bis zum Abend vor dem Verhungern schützen, die man nicht vermisst, wenn sie eines Tages spurlos verschwunden sind, und über die man sich nicht wundert, wenn sie plötzlich Millionäre werden — Menschen, die man zu allem für fähig hält, ohne ihnen auch nur die geringste Übertretung des Strafgesetzes nachweisen zu können, — denen viele das Zuchthaus prophezeien und doch den Handschlag auf der Strasse nicht verweigern — Gläubiger der Zukunft, die in der Volksküche über Riesenspekulationen brüten und aus denen alles werden kann, nach oben und unten, im Guten und Bösen, wie eben die Wirbel der Weltstadt mit ihnen spielen.
Schon die Kleidung — dieser tadellos elegant geschnittene, aber ganz abgeschabte und vom Regen verwaschene Winterpaletot, wie man ihn als „von Kavalieren nur vier Wochen getragen“ in den Trödelläden kauft, der nicht unmoderne, aber zerbeulte und stachelhaarige Zylinder, die modisch spitzen, zerrissenen Stiefel und die leicht ausgefransten, aber noch mit einer Bügelfalte gezierten Beinkleider — wies auf einen Mann hin, der seinen Platz in der Welt noch nicht gefunden hat, und ebenso zweifelhaft blieb sein Gesicht. Vollkommen bartlos, von langen Haarsträhnen umwallt und mit einem mephistophelischen Zug um den Mund, konnte es einem brutalen Abenteurer gehören. Aber die Augen blickten darüber stark und fest in die Weite, und die breite Stirn zeugte von ernster Gedankenarbeit.
„Sind Sie’s wirklich, Herr Queetz?“ fragte der Kommerzienrat etwas unsicher, „na, wie geht’s Ihnen denn?“
„Danke! Soso!“ — der Mephisto lüftete nachlässig lächelnd den Hut — „und Ihnen? ... na, ’nen Kommerzienrat braucht man nicht erst zu fragen!“
Herr Banners runzelte die Stirn, als wolle er sagen: „Immer noch die alte Frechheit! ...“ aber er bezwang sich und forschte wohlwollend weiter: „Sind Sie immer noch Hauslehrer?“
„Ich bin Journalist!“ sagte Dietrich Queetz ... „... schon seit damals ... ’s schützt einen wenigstens vor dem Verhungern.“
„Da berichten Sie wohl jetzt über die Einweihung des Reichstags?“
„Ja. An ein paar Provinzblättchen; Zeile zehn Pfennige, halbe nicht gerechnet.“
„Hatten Sie denn einen guten Platz?“
„Ich war doch nicht drin!“ sagte Dietrich Queetz erstaunt. „So leicht kriegt unsereins doch keine Karte. Darauf kommt’s ja auch nicht an.“
„... na ... auf was denn?“ fragte der alte Herr verblüfft.
„Dass man weiss, wovon man morgen sein Diner in der Volksküche zahlt ... Herr Kommerzienrat haben heute wohl schon gefrühstückt?“
„Adieu!“ sagte Herr Banners ärgerlich. „Aber wissen Sie ... ich hab’s als junger Mensch niemand gesagt, wenn ich kein Geld hatte! Das hilft nämlich zu gar nichts!“
Damit ging er weiter. „Existenzen sind das ...“ klagte er zu seiner Tochter, die, den Gruss des Journalisten kaum erwidernd, ihm gefolgt war, „... Existenzen! ... Kerle, die in den Dreissigern noch kein Geld haben ... lächerlich ... aber freilich ... das sind die richtigen Weltstadtpflanzen ... ein Mensch, der halb wie ein Schmierenkomödiant aussieht, halb wie ein stellenloser Kammerdiener ... und noch so ’n Schuss Landpfarrer mit langer Mähne dazwischen — und dann erst frech gegen alle Welt und selbstbewusst wie der Hahn auf dem ...“
Er verstummte plötzlich mit einem Blick auf Mary und schritt auf den Wagen zu, der mitten im Gedränge der anderen Fahrzeuge hielt.
„Wer war denn dieser sonderbare Heilige, mit dem Papa eben sprach?“ fragte unterdessen im Wagen Herbert seine Frau.
„Hauslehrer bei uns ...“ erwiderte Ellen. „Für meinen Bruder. Vor acht oder neun Jahren. Ein Kandidat der Theologie! Weil er so frech war, hat ihn Papa weggejagt!“
„Na ... so sieht er auch aus!“
„Aber es hatte, glaub’ ich, noch einen andern Grund!“ fuhr Ellen fort ... „... freilich, Mary ist ja so verschlossen. Sie redet ja nie von sich und ihren Sachen ...“
„Mary?“
„Ja ... denk dir nur ... aber ganz im Vertrauen ...“ Ellen legte ihre Hand auf die des Gatten ... „... sie war damals ja noch ein halber Backfisch ... ich glaube ... er war der einzige Mann in ihrem ganzen Leben, der jemals wirklich Eindruck auf sie gemacht hat! Denn Oskar ... nun ... darüber brauchen wir ja eigentlich ...“
„Hör’ mal, Herbert!“ sagte der kleine Kaufherr, noch etwas erhitzt von der Begegnung, an den Wagenschlag tretend. „Du bist ein vernünftiger Mensch und nimmst’s nicht übel ... ich möchte eigentlich gern mal mit meinen Mädels ein paar Worte im Vertrauen reden ...“
„Ich verstehe schon.“ Herbert stützte sich vorsichtig auf seinen Stock und stieg aus ... „Wo treffe ich dich nachher?“
„Hol’ mich doch zum Mittagessen ab ... im alten Reichstag ... so nach vier ... da haben wir die letzte Sitzung! Also nichts für ungut! Los, Kutscher!“
Der Wagen rasselte davon. Herbert schaute ihm nach. Neben dem Graukopf des alten Herrn schimmerte Ellens Goldhaar, die, obwohl die jüngere Schwester, auf dem Rücksitz sass. Gegenüber Mary. Er wunderte sich, in wie weiter Entfernung die festen, kühnen Linien ihres leicht zurückgeneigten Hauptes deutlich erkennbar blieben, und ihm schien es, als blickten aus dem blassen Antlitz ihre grauen Augen unruhig in die seinen.
Ob das eine Täuschung war, konnte er nicht unterscheiden. Weiter und weiter rollte der Wagen, in dem sie reglos, das Gesicht ihm zugewendet, sass, und verschwand dann um die Ecke der Dorotheenstrasse.
III.
„Uff!“ sagte der alte Banners und liess sich erschöpft auf einen Sessel im Wohnzimmer seines Hotels nieder. „... so ’n unnützes Herumstehen und feierliches Gesicht machen ... das macht müder als ein ganzer Vormittag Arbeit ... Ich werd’ alt ... ich merk’s ... alt und müde ...“ wiederholte er nach einer Weile und stützte den verwitterten Graukopf in die Hand ... „... ja ... ja ... Kind ... das ist der Lauf der Welt ...“
Er war allein mit Mary. Ehe sie noch am Hotel vorfuhren, hatte er Ellen gebeten, ihm für ihre Kinder einige Spielsachen einzukaufen, damit er als Grosspapa des Abends doch nicht mit leeren Händen in ihr Haus käme. Das hatte ihr ohne weiteres eingeleuchtet, und sie war mit dem Versprechen, bald wiederzukommen, an der Ecke der Charlottenstrasse ausgestiegen.
Mary freilich ahnte, dass die Bitte ihres Vaters nur ein Vorwand war. Sie sass ihm stumm gegenüber, ihren gewohnten gleichgültigen Ausdruck auf dem blassen, leidenschaftlichen Gesicht. Sein Blick ruhte zuweilen auf ihr — das fühlte sie, ohne es zu sehen — ein treuer, sorgender Vaterblick, den sie von früher her wohl kannte. Es schien, als warte er, dass sie zu sprechen anfangen solle. Allein sie schwieg. Sie atmete leicht, ihr Auge war klar und kühl, ihre Hand ruhig wie immer, während sie ihrem Vater, der seine Zigarrentasche hervorgeholt hatte, ein Streichholz entzündete.
„Danke!“ sagte der Alte, seiner Henry Clay die ersten duftigen Ringeln entlockend, und wieder trat Stille ein.
Plötzlich stand Mary auf und begann im Zimmer auf und nieder zu gehen. Scheinbar gelangweilt und doch von einer inneren Unruhe getrieben, jenem leisen, unbestimmbaren Zittern der Nerven, mit dem das Temperament über die Willenskraft siegt und sich verrät.
Der alte Herr schob sich die Brille zurecht und folgte mit den Augen der schlanken, hohen Gestalt, um die sich in schillernden, leise zischelnden Falten der Wurf des perlgrauen Kleides schmiegte. Darunter blinkten die langen, schmalen Lackschuhe und durchmassen, lautlos und elastisch wie der Tritt einer Katze, den dicken Smyrnateppich. Etwas Katzenhaftes, eine seltsame Mischung von gleichgültiger Ruhe und verhaltener Schnellkraft lag in all ihren Bewegungen und glomm in dem grünlichen Glanz, der zuweilen tief innen in ihren grauen Augen aufleuchtete. Kein Zweifel — sie war nicht so schön wie ihre goldblonde, rosige Schwester. Sie war mehr. Eines der Gesichter, die man nicht vergisst, die mit ihrer stummen Leidenschaftlichkeit wie ein quälendes Rätsel in der Erinnerung stehenbleiben.
Der kleine Kommerzienrat sah auf die Uhr. „Hast du ’ne Ahnung, Mary,“ fragte er ... „... wie lange Ellen braucht, um das Spielzeug für die Kleinen zu finden?“
„Woher soll ich das wissen?“ Mary war am Fenster stehengeblieben und schaute hinaus. „... Wir haben ja keine Kinder!“
„Na ja ...“ der alte Herr schüttelte ärgerlich den Kopf ... „... ’s ist ja auch zu dumm! Vorderhand musst du dich eben mit über Ellens Kinderstube freuen.“
„Das kann ich nicht!“ sagte Mary. „Im Gegenteil ... das erste Mal ... wie ich davon hörte ... da hab’ ich die ganze Nacht geweint.“
„Aber ... Mary ...“
„Ja, das verstehst du nicht, Papa! Man kommt sich so unnütz vor ... So ohne Ziel und Zweck ... Wenn man so morgens aufsteht und sich erst überlegen muss: wie schlage ich heute nun den ganzen lieben langen Tag tot ...?“
„Du hast doch deinen Mann!“
„Unter Tag seh’ ich ihn selten. Da hat er seine Geschäfte ...“
„Ja ... was treibt er denn nun so eigentlich?“
„Er frühstückt irgendwo ... mit ein paar Menschen! Manchmal sind’s anständige Leute ... manchmal ganz unglaubliche Gestalten. Mit denen schliesst er dann irgendwas ab ... kauft ein Haus oder eine Zeitung und verkauft eine Schiffsladung Weizen oder einen Posten afrikanische Shares ... was weiss ich ... ich versteh’ nichts davon ... und dann fährt er wohl noch auf die Börse und zum Notar. Kommt er dann gegen fünf zum Mittag, ist er meistens in der besten Stimmung. ‚Das deutsche Volk arbeitet ganz tüchtig für mich,‘ sagt er dann, wenn er sich die Serviette umlegt ... ‚Heute habe ich tausend Mark Plus gemacht und für morgen liegt schon ein neues Schaf auf der Bank ...‘ Und wenn ihm der Diener seinen Mumm extra dry eingiesst, behauptet er jedesmal: ‚Die Wolle der Schafe ist mein sittliches Eigentum! Man muss den kleinen Mann zur Emsigkeit erziehen. Wo bleibt sonst meine Dividende?“
„Nette Grundsätze,“ sagte der alte Herr kopfschüttelnd ... „... aber es glückt ihm ja, wie’s scheint!“
„Ja. Neulich zeigte er mir seine Bücher. In den drei Jahren, die wir verheiratet sind, hat er, wie er behauptet, meine Mitgift mehr als verdoppelt!“
„So, so? Aber ihr habt’s doch nicht nötig. Und wie derlei auf die Dauer das Dasein deines Mannes ausfüllen soll ...“
„Es ist doch nur ein Übergangsstadium,“ sagte Mary. „Ehe er aus dem Staatsdienst vor zwei Jahren austrat, hat er mich förmlich um Erlaubnis gefragt. ‚Du hast einen Regierungsassessor und künftigen Landrat geheiratet,‘ erklärte er ... ‚... bestehst du darauf, Landrätin zu werden und so weiter im Trott der Staatskarriere, so mache ich den Zickzackkurs der Regierung weiter mit, und wenn mich das Schicksal bis Krotoschin verschlagen sollte. Aber die grosse Karriere, die wir beide wollen, ist uns dann verschlossen. Wie die Dinge heute liegen, kriegt man die nur als ganz freier, unabhängiger Mensch!‘ Das hab’ ich eingesehen, und so zogen wir nach Berlin.“
„Und worauf wartet er nun hier?“
„Auf den grossen Schlag, wie er’s nennt! Der ganze Witz im Leben sei der, die Dinge auf sich zukommen zu lassen! Inzwischen ‚lebt er sich in Berlin ein‘ ... nach seinem Ausdruck ... das heisst ... er macht alle die Geschäfte, von denen wir sprachen.“
„So?“ Der kleine Handelsherr stiess eine mächtige Rauchwolke in die Luft ... „... und wie stellt sich denn dein Mann beiläufig so den grossen Schlag vor?“
Mary überlegte einen Augenblick. „Darüber wollte er mit dir selbst sprechen!“ sagte sie dann zögernd. „Ich will mich nicht in Politik mischen!“
„Also Politik ist’s?“
„Natürlich. Oskar erklärt jeden Tag, ihm gebühre eine führende Stellung im Leben der deutschen Nation!“
„Und ich soll ihm dazu verhelfen?“
„Ja. Durch den Reichstag.“
Der Kommerzienrat stand, sich auf die Tischplatte stützend, auf. „Nun kann ich mir schon denken,“ sagte er trocken ... „.... also lassen wir’s vorderhand. Das ist ’ne Sache zwischen ihm und mir!“
Er ging auf seine Tochter zu und legte ihr leise den Arm um den Nacken. „Nun schau mich mal an, mein Mädel!“ sagte er ... „oder vielmehr auf mich herunter. Denn du bist ja mit Gottes Hilfe einen Kopf länger wie dein alter Vater!“
Sie beugte sich herab und gab ihm einen Kuss. „Ich bin ganz Ohr, Papa! Was willst du wissen?“
„Etwas, was einen Vater schliesslich auch angeht ...“ sprach der alte Herr ernst ... „... ob du glücklich bist, Mary? ... Mir scheint’s leider nicht so ganz der Fall.“
Das junge Weib schwieg eine kleine Weile. Ein Lächeln spielte um ihren Mund. „Weisst du, Papa,“ sagte sie dann ... „... Glück ... das ist schliesslich auch ein Begriff! Ich bin immer eine kühle Natur gewesen ... ohne die Illusionen vieler anderer Mädchen ... und darum ist mir auch manche Enttäuschung erspart geblieben. Das kann man doch auch schon ein gewisses Glück nennen und ...“
„Halt! ...“ unterbrach sie der alte Herr, „... zur Sache! ... ich habe dich gefragt, ob du glücklich bist? Glück heisst für euch Frauenzimmer Liebe. Liebst du deinen Mann?“
„Liebe ...?“ sagte Mary ... „... vielleicht versteht darunter auch jeder etwas anderes. Ich verstehe darunter, einen Menschen gern haben! Das Wilde und Stürmische, was man vielleicht die eigentliche Liebe nennt — das ist nie über mich gekommen. Dazu bin ich zu kalt von Natur.“
„Wir haben vorhin am Reichstag einen Menschen getroffen, mein Kind ...“ ihr Vater schüttelte nachdenklich den Kopf ... „... wenn ich an den Tag denke, an dem ich unsern damaligen Hauslehrer an die frische Luft setzte ...“
„Er hatte eine ungeheure Macht über mich ... mit meinen achtzehn Jahren,“ sagte Mary ganz ruhig, „... gewiss ... das kann ich nicht leugnen! Wenn er’s befohlen hätte, wäre ich vom Turm heruntergesprungen. Sein Wille war meiner. Ich hatte gar keine Persönlichkeit mehr. Aber ob man das Liebe nennen kann ... diese Übermacht eines starken Charakters über ein halbfertiges Geschöpf, wie ich es damals war ... nun ... jedenfalls ist’s vorbei und nicht wiedergekommen.“
„Also dein Mann hat diesen Einfluss nicht?“
„Es war doch von vornherein eine Vernunftehe ...“ Mary schaute ihrem Vater kühl ins Gesicht ... „Darüber haben wir uns ja nie Illusionen hingegeben.“
„Das heisst ... er brauchte viel Geld und eine kluge Frau ... und du einen sehr klugen Mann, um an seiner Seite zu einer glänzenden Stellung und dem Lebensgenuss im grossen Stil, wie ihn dein Naturell verlangt, zu kommen?“
„Nun, ja ... so ungefähr.“
„Schön!“ sagte der alte Kaufmann, „mir hat, wie du weisst, deine Wahl nie gefallen. ‚Ja‘ hab’ ich trotzdem gesagt, denn du warst einundzwanzig, und des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Nun komm’ ich ja selten nach Berlin, trotz des Reichstags. Ich hab’ zu viel Arbeit mit den Fabriken, und meine Gesundheit ist schlecht. Aber wenn ich komme, finde ich, dass dein Mann wohlbeleibter, frivoler und selbstzufriedener geworden ist. Von dem mageren, eleganten Regierungsstreber, der damals auf unseren Bällen vortanzte, ist auch nicht die Spur übriggeblieben. Er setzt Fett an, körperlich und geistig. Er wird mir zu früh satt. Und darum frag’ ich dich noch einmal: Mary ... bist du mit ihm glücklich?“
„Ja.“
„Kind ... ist das auch wirklich wahr?“
„Ja.“
„Kannst du mir das beschwören?“
„Ich schwör’ es dir!“ sagte die junge Frau halblaut, mit unbeweglichem Gesicht und halbgeschlossenen Augen.
„Hm ... hm!“ Der alte Herr ging unruhig rauchend im Zimmer auf und nieder. „Also was fehlt dir denn?“
„Mir? ... Nichts!“
„Na ... hör’ mal!“ Er blieb ärgerlich vor seiner schönen Tochter stehen ... „... willst du mir was weismachen? Das seh’ ich doch, dass du leidest ... dass irgend etwas an dir zehrt; man braucht ja bloss dein Gesicht anzuschauen ... Warum sagst du mir’s denn nicht?“
„Ich weiss nicht, was du meinst, Papa?“
Er fasste ihre kühle, magere Hand. „Mary ...“ sagte er, „du weisst, was du mir bist ... mehr als deine seelengute Schwester und viel mehr als mein Sohn. Der und ich verstehen uns nicht. Wir leben in zwei verschiedenen Zeiten, und ich gönne ihm gern sein Reserveoffizierspatent von den Bonner Husaren und seine Korpsbänder aus Heidelberg und Göttingen, sein Monokel, seine prinzlichen und gräflichen Freunde und alles, wenn er nur mich alten Mann im Arbeitskontor in Frieden lässt. Aber mein eigentlicher Sohn ... das bist du! In dir erkenne ich ein Stück von mir wieder ... Verstand ... zähes Wollen und Selbstbeherrschung ... mehr als recht ist. Denn, weiss Gott ... niemand meint es so gut mit dir wie ich! Mir könntest du schon vertrauen!“
Das schlanke junge Weib rang in lachender Ungeduld die Hände. „Wenn ich aber doch kein Geheimnis habe, Papa!“ rief sie aus.
„So ... so ...“ sagte der alte Herr, setzte sich wieder in den Lehnstuhl und rauchte verdrossen weiter.
„Sag’ mal ...“ hub er nach einer Pause wieder an. „Warum vertragen sich eigentlich eure Männer so schlecht zusammen?“
„Sie sind so verschieden! Eine harte Pflichtnatur wie Herbert und dagegen Oskar ... nun ... du kennst ihn ja ...“
Der Kommerzienrat schaute sie plötzlich an, mit einem so angstvoll forschenden Blick, dass sie unwillkürlich stehenblieb ... „Ist das der einzige Grund, Mary?“
„Es war niemals von einem andern die Rede!“
„... und es war auch nie ein Gedanke ... eine Empfindung ... möchte ich sagen ... dass etwas ... Tieferes dahinter steckt ... etwas, was zwei Männer nun einmal trennen muss ...“
„Sie haben ja gar keine Berührungspunkte!“
„... Ausser dass sie Schwäger sind!“
„... sag’ mal, Papa!“ Mary nahm neben ihrem Vater Platz. „Geht das nun auf Ellen?“
„Nein, Kind!“
„Wenn’s also auf mich geht,“ sagte die junge Frau ganz ruhig ... „dann erinnere dich, bitte, an das, was du vorhin gesagt hast ... dass ich dir im Wesen so ähnlich sei! Hast du in deinem ganzen Leben irgend etwas zu verheimlichen und zu bereuen?“
„Gott sei Dank, nein!“ Der alte Herr schüttelte den Kopf.
„Nun ... dann, Papa ...“ sie wandte ihm voll das Antlitz zu und in ihren Angen sprühte es auf, wie ein grüner Blitz ... „... dann denke, bitte, das gleiche auch von mir!“
Der alte Herr stand ganz erschrocken auf und legte ihr die Hand auf die Schulter. „Ja ... aber, liebes Mädel ...“ rief er ... „du wirst doch nicht glauben, dass ich dich im Ernste ...“
„Ich glaube gar nichts!“ sagte sie, lehnte sich in den Stuhl zurück und schloss wie ermüdet die Augen. „... Ich möchte nur, dass darüber Klarheit ist und ich nicht unnütz mit Fragen gequält werd’!“
„Schön!“ Der kleine Kommerzienrat holte sich eine neue Zigarre heraus und setzte sie in Brand. Dabei blickte er verstohlen auf seine Tochter. Aber Mary sass ganz ruhig da, mit beinahe apathischem Gesichtsausdruck. Ihre Wangen waren blassgetönt wie immer, und leise regelmässige Atemzüge hoben ihre Brust.
Da klopfte es. Ellen trat herein, mit Paketen beladen, plaudernd, lachend und geschäftig. Sie war noch ganz ausser Atem vom Treppensteigen, während sie die Schächtelchen und Kistchen aufmachte, um all ihre Herrlichkeiten zu zeigen. Hier das laufende Häschen sei für den kleinen Albert. Wenn er nur in Gegenwart der Bonne damit spiele, werde er es nicht so bald kaput machen. Für Ernst, der ja schon älter und vernünftiger sei, passten die Bleisoldaten besser. Als Offizierskind gehöre er doch eigentlich schon zur Armee, wenn er auch erst später ins Kadettenhaus käme. Und auf Baby, das neuerdings beim Zahnen über Gebühr schreie, werde der bunte Wollvogel auf der Stange mit den Klimperglöckchen sicher wohltätig beruhigend wirken. Alles zusammen koste zwölf Mark achtzig! Ob das dem Grosspapa nicht zuviel sei?
„Nein,“ sagte der alte Herr und warf Mary einen lächelnden Blick zu. Beide empfanden in diesem Augenblick dasselbe — dass diese schöne, voll erblühte Frau, die sich so über die Kindergeschenke freute, selbst im Grunde ihres Wesens noch ein Kind war und voraussichtlich ihr ganzes Leben lang blieb — ein goldblondes, argloses und gutherziges Kind, dessen freundliche Augen alles — die Welt, die Menschen, sein eigenes Dasein — klein und nett wie eine gemütliche Puppenstube ansahen.
Mary liess das Häschen auf der Tischplatte hinlaufen. „Ja ... du hast’s gut!“ sagte sie in einem sehnsüchtig träumerischen Ton. „... mit deinen drei Göhren ...“
„Ich hab’ auch meine Not ...“ die schöne Frau setzte sich und wickelte die Geschenke sorgsam wieder ein ... „... das könnt ihr mir schon glauben!“
„Mit den Kindern?“ fragte der alte Herr.
„Ach ... Ärger gibt’s mit denen genug ... den ganzen Tag ... besonders mit Ernst ... unartig wird der Junge ja neuerdings ... das ist geradezu ... aber das meine ich nicht ... sondern etwas wirklich Arges ... das Unglück mit Herbert ...
„Dein Mann ist immer guter Dinge!“ fuhr sie zu Mary fort ... „... man muss ja manchmal gerade auflachen, wenn er so ’reinkommt, mit seinem schlauen Augenblinzeln und dem frechen Gesicht. Und immer bringt er den neuesten Witz von der Börse mit oder hat sonst was zu erzählen. Hingegen meiner ... ja ... ihr glaubt’s vielleicht nicht ... aber er ist imstande und geht den geschlagenen Vormittag in seinem Zimmer auf und nieder ... oder sitzt da und schaut vor sich hin, und es wird Mittag, ohne dass man auch nur ein Wort von ihm zu hören bekommt.“
„Ich versteh’s wohl!“ sagte der Kommerzienrat. „Gezwungene Untätigkeit ist was Schreckliches.“
„... und nun gar für einen Mann wie Herbert,“ ergänzte Ellen ... „Andere Kameraden von ihm, die finden irgendeine Beschäftigung, sie sammeln Briefmarken oder gehen auf die Jagd und spielen Skat und legen sich auf Malerei und werden Landwirte oder irgendwas und sind zufrieden. Aber sprich davon mal mit Herbert. ‚Das sind ausgenutzte Troupiers,‘ sagt er, ‚die wissen, dass ihnen recht geschehen ist und sie zum alten Eisen gehören. Aber ich —‘ Und ’s ist ja wahr. Ein Offizier wie er, Hauptmann im Generalstab, dicht am Militärattaché, die ganze Brust voll Orden — und nun mit einemmal alles zu Ende. Da kann er keine Freude an Spielereien finden wie die andern. Was er braucht, das ist ein ganz grosser, bedeutender Wirkungskreis!“
„Vielleicht ist der ihm nahe!“ Der alte Herr lächelte fein und stiess die Zigarrenasche behutsam ab. „... ich hab’ so meine Pläne mit ihm. Wenn’s Zeit ist, sprechen wir drüber, und dann wird er, denk’ ich, zufrieden sein!“
„Geb’s Gott!“ seufzte die blonde Ellen. „Bis jetzt wird’s täglich schlechter mit seiner Stimmung. Anfangs — gleich nach dem Unglück — als wir zur Kur in der Schweiz waren und dann in Italien ... da war er noch ganz guter Dinge. Da scherzte er noch manchmal über die ganze Geschichte. Ich weiss noch, wie er einmal mitten auf dem Canal Grande mit der Gondel zu schaukeln anfing und meinte, er könne nicht ertrinken. Das Schicksal verfahre mit ihm so wunderlich, dass er sicher noch zu grossen Dingen aufgespart sei. Aber dann ... seit wir in Berlin sind ... von da an ging’s los ... der Trübsinn ... und die Unruhe, und wurde immer ärger ... auf den Tag, als wir im Bahnhof Friedrichstrasse einfuhren und du, Mary, und dein Mann dastanden und uns erwarteten! Weisst du noch ... Wir haben dann noch zusammen im Monopolhotel gegessen.“
„Ich erinnere mich nicht mehr recht,“ sagte Mary.
Ellen seufzte. „Ich seh’s noch vor mir. Wir waren ja so lustig den Abend und mussten immer über dich und Herbert lachen. Denn ihr kanntet euch ja noch kaum und wart ganz verlegen, weil ihr ‚du‘ zueinander sagen solltet ... und kamt immer wieder aus Versehen in das ‚Sie‘ hinein ...“
Mary schaute zur Decke auf. „Ja ... das weiss ich noch!“ sagte sie trocken lachend. „Schliesslich tranken wir in aller Form Brüderschaft. Es wäre eigentlich unnötig gewesen, denn wir sehen uns ja doch fast nie.“
„Ja ... ’s ist zu schade!“ Auf Frau Ellens rosigem Gesicht lag wirklicher Kummer. „... Papa ... du könntest wirklich einmal mit deinen Schwiegersöhnen ein ernstes Wort sprechen.“
Der alte Herr schüttelte den Kopf, während er unverwandt auf Mary blickte. „Das geht mich nichts an!“ sagte er. „Das haben die Herren unter sich auszumachen. Also der Aufenthalt in Berlin bekommt deinem Mann so schlecht?“
„Wie ich dir sage ... Vom ersten Abend ab war er wie verwandelt!“
Am Boden tönte ein schwacher Fall. Mary hatte, wie es schien aus Versehen, mit dem Ellbogen eines der Spielzeugpakete vom Tisch gestreift. Sie bückte sich danach und es dauerte eine Weile, bis sie es fand und wieder hinlegte. Eine feine Röte hatte sich über ihre Züge ergossen.
„Ich will die Pakete doch lieber in den Mantel tun,“ sagte Ellen und trat in das Vorzimmer hinaus ... „... sonst vergesse ich sie noch.“
Der alte Herr sah Mary an.
„Wir wollen hinuntergehen, Mary!“ sagte er ruhig. „... Und was du mir nicht sagen willst, verschweigst du mir eben! Komm, Ellen! Ich muss ’ne Kleinigkeit frühstücken.“
„Ach ja ...“ Ellen stand arglos lächelnd in der Türe ... „... ich hab’ auch ordentlich Hunger ... von all dem Zuschauen ...“
IV.
Der frühe Winterabend dämmerte bereits über Berlin, als Herbert langsam durch die Leipziger Strasse dahinschritt, um seinen Schwiegervater aus dem alten Reichstag abzuholen. Aber der Weltstadt bringt die Nacht keine finsteren Schatten — im Gegenteil, erst wenn der Himmel oben zu grauen beginnt, kleidet sich unten das Häusermeer in strahlenden Glanz. Was den Tag über farblos und verdriesslich in dem Nebelprickeln des Dezembers dalag, schmückt sich jetzt mit künstlichem Licht, die Schaufenster werfen ihre hellen Vierecke weit hinaus in das Menschengewühl der Gassen, die mattbläulichen Sonnen des Bogenlichtes strahlen in langen Reihen darüber, die roten, grünen und weissen Laternen der Pferdebahn gleiten eilfertig dazwischen hin und her und oben am Himmel spiegelt sich rötlich wie der Widerschein einer mächtigen Feuersbrunst der abendliche Schimmer des Berliner Westens.
In diesen späten Nachmittagsstunden zwischen fünf und acht Uhr, und zumal jetzt, in den Wochen vor Weihnachten, geht der Puls der Weltstadt in den schnellsten Schlägen. Ein eilfertiges Gewimmel der paketbeladenen, gewandt aneinander vorbeischlüpfenden, in ewigem Wechsel eilig dahinflutenden Menschenwellen auf dem Bürgersteig, ein Gewirr vierfacher, von den hohen Verdecken der Pferdebahn und Omnibusse überragter Wagenreihen auf dem Fahrdamm, ein unbestimmtes Brausen, Rasseln und Klingeln in taghellem Licht — man konnte sich von dieser Strömung dahintragen lassen, wie der Schwimmer von den Fluten, in einer Art Selbstvergessenheit, traumverloren in dieser rastlosen und doch eintönigen, gleichförmig rauschenden und treibenden Welt.
Herberts Züge waren finster, während er, mit seinem lahmen Bein fortwährend von Vorauseilenden angestossen und gedrängt, seinen Weg durch die Menschengruppen suchte. Ein jeder dieser Leute, die da hinhasteten, als sei die nächste Sekunde Goldes Wert, hatte seine Stelle im Leben, ein Ziel, dem er zustrebte, Tagesarbeit und Feierabend, der kalkbespritzte Maurer da in klappernden Holzpantinen so gut wie die kleine, behende hinschlüpfende Konfektioneuse, der Chinese da hinter dem Ladentisch der Teehandlung wie der Offizier vor ihm in Helm und Mantel und umgegürteter Schärpe. Er aber — ihn hatte das Schicksal gewaltsam aus den Reihen der Arbeiter herausgerissen. Sein Tageslauf war ein Nichtstun — ein müssiges Schlendern durch die Strassen, ein Auf- und Niedergehen im Zimmer und Zigaretten rauchend im Schaukelstuhl liegen und grübeln und träumen.
Die Schärpe des vor ihm gehenden Leutnants hing ein wenig schief. Er sah es, und ein bitteres Lächeln der Erinnerung lief über seine harten, gallig getönten Züge. So lotterig hatte sie ihm sein Bursche, der verfluchte bummelige Polacke, auch umgeschnallt an jenem noch halbdunklen Manövermorgen, da er zum letzenmal ein Pferd bestiegen. Schon gegen Ende der Übung war das Pferd merkwürdig unruhig gewesen. Er achtete nicht auf sein Ohrenspitzen, Bocken und Gewieher und trabte zu der Kritik, die die berittenen Offiziere um seinen General versammelte.
„Vergegenwärtigen wir uns die Stellung der Batterie, meine Herren ...“ hatte Exzellenz gesagt und nach einer Windmühle zur Linken gedeutet. Alles wandte sich rasch im Sattel — auch er — und dann ein plötzliches Wiehern und Bäumen, ein Sturz, ein Schlag mit dem Knie gegen einen Prellstein — er lag am Boden, den Zügel in der Hand, und vor ihm stand, lammfromm wie sonst, sein Pferd.
Und nun klärte es sich auf. Beim Reiten hatte sich die zu lose gegürtete Schärpe nach hinten verschoben und mit ihren Quasten den Rücken des Gaules gekitzelt, bis das Tier die Geduld verlor und sich durch einen unvermuteten Satz des unbekannten Störenfrieds zu entledigen suchte.
Im ersten Augenblick lachte alles über das kleine Missgeschick, und er selbst bat, wenn schon mit schmerzverzogenem Gesicht, den General um Entschuldigung. Aber schon als der eilig herbeigerufene Assistenzarzt das Bein untersuchte, wurde die Sache ernster, ein noch ernsteres Gesicht machte am Abend der Oberstabsarzt, der von sofortigem Transport in die nahe Garnison und Urlaub auf ein viertel bis halbes Jahr sprach, und einige Wochen darauf liess das Kopfschütteln der aus Berlin an das Krankenlager gerufenen medizinischen Grösse keinen Zweifel mehr: das Knie musste steif bleiben. Eine nur einen Zentimeter zu weite Schärpe hatte alle Zukunftsträume eines ehrgeizigen Mannes vernichtet.
Es dauerte lange, bis Herbert das wirklich begriff und die Hoffnung endgültig verabschiedete. Aus seinem bisherigen, von seiner Kadettenzeit bis zum Eintritt in den Generalstab dem Dienst und der Pflichterfüllung gewidmetem Leben war er gewohnt, eine selbstverständliche Verbindung zwischen Arbeit und Belohnung, zwischen Schuld und Strafe zu sehen. Das war der Geist seines Elternhauses wie der des blutarmen, preussischen Kleinadels überhaupt, dem er entstammte, der Geist, in dem er selbst lebte und zu dem er seine Söhne zu erziehen gedachte.
Arbeit war sein ganzes Dasein gewesen, rastlose Arbeit. Vor ihr verschwand alles andere. Die Kahlheit und Kargheit seiner Leutnantsjahre in einem bescheidenen Infanterieregiment der Provinz berührten ebensowenig wie der plötzliche Wohlstand durch die Heirat sein Inneres. Er hatte, als er in Berlin zur Kriegsakademie kommandiert war, Ellen liebgewonnen und geheiratet, ohne bei dem alten Kommerzienrat nach mehr als dem Kommissvermögen zu fragen, das ihnen die Verbindung ermöglichte. Dass Herr Banners seine Tochter weit reichlicher ausstattete, war ihm gleich und änderte in nichts seine nüchterne Selbstzucht. Mässig in allem hatte er nur ein Lebensziel gehabt: den Dienst und die Karriere. Alles andre waren nur Episoden in seinem Leben, auch die Heirat, zu der er geschritten, als es eben an der Zeit war und sich ihm eine willkommene Gelegenheit bot. Aber tiefe seelische Erschütterungen hatte ihm auch dieser wichtigste Entschluss des Daseins nicht gebracht. Er lebte in ruhiger, freundlicher Ehe. Zu Leidenschaften und Stürmen liess ihm der Dienst keine Zeit, der Dienst, in dem er aufging und der ihn durch eine glänzende Laufbahn entschädigte.
Und nun war dies alles dahin durch den Seitensprung eines Pferdes, und er stand auf seinen Stock gestützt als lahmer Zivilist auf der Leipziger Strasse gegenüber dem Reichstag.
Die lärmende Verkehrsader trug hier ein seltsam doppeltes Gesicht. Auf einer Seite glänzte und strahlte alles von dem Lichtschein der grossen, mehrstöckigen Kaufhäuser, der Prunkläden und Schleuderbazare, vor denen sich die Menschenmasse in dicken Klumpen staute. Auf dem andern, weit weniger belebten Ufer herrschte Finsternis und tiefes Schweigen. Mit langen dunklen Fensterreihen standen da die mächtigen Gebäude der Reichspost und des Kriegsministeriums, des Herrenhauses und der Porzellanmanufaktur in demselben schroffen Gegensatz zu dem betriebsamen Gewimmel des Geschäftslebens gegenüber, wie der düstere altpreussische Beamtenstaat zu dem mächtig pulsierenden Handels- und Industriereich des neuen Deutschlands.
Nur ein niedriges, mit breiter Freitreppe versehenes Gebäude drüben zeigte hell erleuchtete Fenster. Herbert schritt, vorsichtig das Wagengewühl der Leipziger Strasse kreuzend, darauf zu und ging an dem Pförtner vorbei, der vor dem ihm bekannten Herrn grüssend die Hand an den roten Mützenrand legte, in das Foyer des alten Reichstages.
Der schmale, lange Raum erschien heute lächerlich klein und unbedeutend im Vergleich zu dem riesenhaften, viele Tausende von Menschen fassenden Umfang der Wandelhalle in dem am Morgen eingeweihten Palast. Und einen ebenso alltäglichen, nüchternen Eindruck, gegenüber dem Farbenrausche jener Feier, machten die Männer, die ihn erfüllten. Die Reichsboten hatten ihre bürgerliche Gewandung wieder angelegt. An Stelle der bunten Husarenattilas und weissen Kürassierkoller, der roten Ritterkleider, der Kammerherrenfräcke und goldgestickten Beamtenuniformen waren die grauen und schwarzen Röcke, die schlotternden Hosen getreten, wie sie draussen auf der Strasse alle Welt trug. Äusserer Glanz und Prunk waren aus diesen Gruppen geschwunden. Wie sie da halblaut plaudernd beisammen standen, waren es eben Männer aus dem Volk, aus verschiedenen Schichten und Berufen, der eine sorgfältiger, der andre verwahrlost gekleidet und doch alle von einem gleichmässigen Anstrich, wie ihn etwa auch die Geschworenen im Sitzungssaal, die Mitglieder eines Kriegervereins, die Stadtverordneten in irgendeinem Rathaus tragen. Das Foyer war dicht gefüllt, dichter als sonst an „grossen“ Tagen, die über das Sein oder Nichtsein eines wichtigen Gesetzes entscheiden. Denn heute lag für keinen Reichsboten eine Veranlassung vor, sich durch Fernbleiben zwanglos der Verantwortung für eine folgenschwere Abstimmung zu entziehen. Zum letztenmal konnte man heute die charakteristischen Erscheinungen des Reichstags, die sich in dem Labyrinth von Korridoren und Hallen des neuen Hauses unrettbar vereinzeln und verlieren mussten, alle beisammen mit einem Blicke übersehen. Die hageren, braungebeizten Physiognomien der ostelbischen Junkerschaft und die behaglich glatten Gesichter des Klerus, die meist recht nichtssagenden, noch jugendlichen Züge der Sozialdemokratie, zwischen ihnen noch vereinzelt ein paar graue, charakteristische Verschwörerhäupter aus der alten Schule, durchgeistigte Gelehrtenköpfe neben brutalen Bierwirtsantlitzen, Vollbart und Brille der wohlwollenden und satten Männer des goldenen Mittelwegs — heute waren alle Parteien vertreten und scharten sich, der Eröffnung der letzten Sitzung harrend, vor den grünverhangenen Saaltüren.
Soweit es bei dem Reichstag, der skeptischsten und blasiertesten Körperschaft Deutschlands, überhaupt möglich war, lag beinahe eine gewisse Feierlichkeit über diesem so unheimlich vollen, von gedämpftem Geplauder und dem leisen Knarren der im Teppich versinkenden Fusstritte erfüllten Foyer, in dem, dicht über den Köpfen der Abgeordneten, eine bläuliche Schicht von Zigarrenqualm reglos wie eine Wolke stand.
Es dauerte eine Weile, bis Herbert den alten Banners entdeckte, der, die Hände in den Hosentaschen, die Havanna im Mundwinkel, zwischen einigen Gesinnungsgenossen auf einem der braunen Ledersofas sass.
„Du kommst zu früh!“ sagte der alte Herr ... „Es hat noch nicht mal angefangen! Aber tröste dich. Es wird ein kurzer Schmerz. Die Sitzung dauert nicht lange. Namensaufruf und damit basta! Und immerhin erlebst du hier inzwischen einen historischen Moment. Viele Jahre haben wir doch hier gesessen und geredet und zuweilen sogar gehandelt und uns im allgemeinen doch immer leidlich miteinander und mit der Regierung vertragen. Wie das im neuen Hause wird, weiss ich nicht. Glaub’ mir ... der Charakter eines Menschen hängt auch von seinen vier Wänden ab. Mir ist da draussen vor dem Brandenburger Tor alles zu weit ... zu frostig ... zu prunkvoll. Na ... wir werden ja sehen ...“ Er runzelte die Stirne und schob sich die Brille zurecht ... „... Da ist schon wieder dieser Mensch!“ murmelte er. „Er verfolgt mich wie ein Schatten.“
Herbert folgte seinem Blick und erkannte in der langen, hageren Gestalt und dem bartlosen, von unordentlichen Haarsträhnen umringelten Mephistogesicht den Journalisten, mit dem der alte Herr vormittags beim Besteigen des Wagens gesprochen.
„Das ist euer gewesener Hauslehrer, wie mir Ellen erzählte?“
„Ja. Ein entgleister Kandidat der Theologie und jetzt Gott weiss was!“ sagte der alte Herr. „Diese Sorte Literaten ziehen hinter uns Abgeordneten her wie die Haifische hinter dem Schiff, in der Hoffnung, ein paar über Bord fallende Brocken politischer Weisheit zu erwischen.“ Er stand auf und nickte mit dem Kopf nach dem Fremdling.
„Wünschen Sie eigentlich was von mir, Herr Queetz?“ fragte er ... „... Oder warum umkreisen Sie mich seit einer halben Stunde?“
„Ich würde allerdings gerne etwas wissen, Herr Kommerzienrat!“ sagte Dietrich Queetz und trat ohne Verlegenheit näher ... „Wie ich höre, sollen in allernächster Zeit Wahlprüfungen auf die Tagesordnung kommen?“
„Ja.“
„Und darunter, soviel ich weiss, auch die Ihre?“
„Ja.“
„Diese Wahl hat die Kommission seinerzeit mit acht gegen drei Stimmen für ungültig zu erklären beantragt, weil der damals als Vertreter des Landrats fungierende Regierungsassessor, Herr Graf de Grain, Wahlaufrufe zu Ihren Gunsten mit seinem amtlichen Charakter unterzeichnet hat?“
„Diesen Glanzstreich hat mir mein lieber Schwiegersohn Oskar allerdings gespielt,“ sagte der alte Herr mehr zu Herbert als zu dem Interviewer.
„Es ist nun kein Zweifel,“ fuhr der geläufig fort, „dass das Haus sich der Auffassung der Kommission anschliessen wird! Herr Kommerzienrat verlieren Ihr Mandat und es muss eine Neuwahl stattfinden.“
„Wahrscheinlich.“
„Wenn Sie wieder kandidieren, Herr Banners, so ist die Neuwahl natürlich nur eine Formalität. Anders aber wäre es, wenn Sie Ihren mehrfach geäusserten Entschluss bewahrheiten und sich vom öffentlichen Leben zurückziehen wollten. Was dann in Ihrem Kreise geschieht ...“
„Warum wollen Sie denn das wissen?“ fragte der alte Herr milde.
„... Weil dann dort einer der heftigsten Wahlkämpfe unvermeidlich ist! Eine Menge Strömungen werden plötzlich entfesselt. Die Parteien scheiden sich auf einmal, wenn Ihr Name wegfällt. Ein Kampf zwischen Stadt und Land, zwischen den Interessen der von Ihnen dort ins Leben gerufenen Industrie und dem Grossgrundbesitz wird unvermeidlich.“
„Woher wissen Sie denn das? Sie sind ja schon seit acht Jahren von dort weg!“
„Ich habe — aus der Zeit meiner Hauslehrerschaft — einen Freund dort, den Pfarrer Freiherrn von Hohinrot, der ...“
Der Kommerzienrat wurde plötzlich lebendig. „Sagen Sie mal!“ rief er und fasste in seiner Erregung den Rockknopf seines Gegenüber ... „... Was ist denn das nur eigentlich für ein Mensch?“
„Das wissen Sie doch, Herr Kommerzienrat! Ein früherer Husarenoffizier, der dann Theologie studierte und sich die ganz einsame und abgelegene Pfarrei Waldwimmersthal ausgesucht hat.“
„Ja ... aber innerlich! Er hat ja alle Geistlichen ringsum in der Hand — und wenn man die kleinen Leute spricht ... die schwören ja alle auf ihn.“
Dietrich Queetz zuckte die Achseln, und ein Lächeln lief über seine scharfgeschnittenen Lippen. „Es wird wohl an der Persönlichkeit liegen?“ sagte er knapp. „Aber ... um auf die Sache zurückzukommen: gedenken Sie wieder zu kandidieren, Herr Kommerzienrat?“
„Ach ... Ihr Freund, der Pfarrer, will wohl in den Reichstag?“
„Nein,“ erwiderte der Journalist. „Mit derlei hat der doch längst abgeschlossen und lebt in seinem Winkel bei den armen Leuten. Aber ein Machtfaktor ist der Pfarrer Hohinrot bei den nächsten Wahlen doch ... das können Sie mir glauben!“
Ein schrilles Klingeln ertönte gleichzeitig von allen Seiten durch das Foyer und über die Wendeltreppe. Die elektrischen Läutewerke luden zur letzten Sitzung in der Leipziger Strasse ein.
Der alte Herr ging auf die grünverhangene Türe zu, durch die sich die Abgeordneten drängten. „Grüssen Sie Ihren Freund!“ sagte er ... „... und der alte Banners gehöre immer noch zu den Leuten, die sich nicht über ungelegte Eier den Kopf zerbrechen. Vorderhand bin ich noch Abgeordneter. Bin ich’s in ’ner Woche nicht mehr — na ... dann können wir ja weiter sehen!“
Damit ging er hinein. Der hagere Literat sah ihm einen Augenblick nach. Dann zuckte er die Achseln und wandte sich nach rechts, der Treppe zu, die zu den Tribünen führte.
Das Foyer war nun fast leer. Nur da und dort sassen in den Ecken leise plaudernde Gruppen, zumeist Grossjournalisten, denen der dauernde Aufenthalt hier vergönnt war, und inaktive Politiker, gewesene oder reifende Zierden des Reichstags.
Vom Saal innen drang kein Laut, aus dem Restaurant neben dem Foyer nur das dumpfe Rumpeln und Klirren, mit dem Stühle, Tische und Gläser zusammengepackt wurden, um nach dem neuen Stelldichein der „Fraktion Schulze“ vor dem Brandenburger Tor geschafft zu werden. Auch in dem noch in Betrieb befindlichen Sektbüfett ordnete die Kellnerin ihre Siebensachen, und auf der anderen Seite des Wandelganges räumten Briefträger die Mappen, Formulare und Bücher der Reichspost aus dem kleinen Bureau heraus. Alles ging zu Ende. In wenigen Minuten gehörte der alte Reichstag der Vergangenheit an und der Erinnerung an all die bewegten Szenen, die sich in ihm abgespielt, an die weltgeschichtlichen Sitzungen, wenn unter der Torwölbung des Ostens das dumpfe Rollen eines Wagens ertönte und in der Seitentüre die Riesengestalt im blauen Kürassierrock, den blitzenden Helm in der Hand, erschien — wenn dann atemlose Stille sich über Abgeordnetensitze, Zuhörertribünen, Journalistenplätze und Diplomatenlogen legte und durch das Schweigen Bismarcks helle, oft stockende und in seltsamem Räuspern den Gedanken in seinen Tiefen zum geflügelten Worte schmiedende Stimme durch den kleinen Saal, durch Deutschland und über den Erdkreis hallte.
Das war nun vorbei und den Ort, an dem die unvergesslichsten Worte gefallen, die seit Luthers Tagen die deutsche Zunge kennt, sollten, nach den Beschlüssen eines königlich preussischen Fiskus, binnen kurzem Barbierstuben, Reformrestaurants und Schaustellungen entweihen.
Da kam der Kommerzienrat wieder in das Foyer zurück. „Gut, wenn man mit B anfängt,“ sagte er. „Ich bin schon aufgerufen. Wir haben jetzt reichlich Zeit. Setze dich einmal neben mich. Ich muss etwas mit dir reden.“
Herbert nahm schweigend neben dem alten Herrn Platz.
„Du steckst nämlich in gar keiner gesunden Haut,“ fuhr der fort, bedächtig zwischen den zur Decke gesandten Rauchwolken seine Worte abwägend, „... sogar rein körperlich gesprochen. Deine Gesichtsfarbe ist gelblich, du bist noch magerer, als du früher warst, du sprichst nicht ... kurzum ... du bist mit dir und der Welt nicht zufrieden.“
„Bin ich auch nicht!“ sagte Herbert ruhig.
„Warum du’s nicht bist ...,“ die Pausen zwischen den bläulichen Ringen der Havanna wurden immer gedehnter, „... ob bloss wegen deines Unfalls ... oder weil vielleicht etwas anderes ... in deinem Innern ... na ... kurz und gut ... das will ich nicht untersuchen und nicht danach fragen. Denn es gibt Dinge ... die macht ein Mann mit sich aus ... ich meine einen Mann wie dich, der keinen andern braucht, um das Rechte zu tun. Was du brauchst, das ist das einzige Mittel für alle Anfechtungen ... das, was den Menschen allein auf die Dauer stärkt und hält ... die Arbeit. Eine Tätigkeit in grossem Stile tut dir not, in der du dein Malheur ... und alles andre vergisst ... und die will ich dir verschaffen.“
„Was meinst du damit?“ Herberts Stimme klang gepresst vor Erregung.
„Ich meine,“ erwiderte sein Schwiegervater, „dass es für mich an der Zeit ist, allmählich mein Haus zu bestellen. Und dazu gehört auch die Einsetzung meines Nachfolgers im Reichstag. Du weisst, wie gross mein Einfluss im Wahlkreis ist. Es kann geschehen, dass ein Teil der Grundbesitzer und Pfarrer mir abspenstig wird und sich einen eigenen Steifleinenen als Kandidaten leistet! Aber darauf kommt es nicht an. Die grosse Masse der Wähler — von den Arbeitern natürlich immer abgesehen — bleibt mir bei der Stange. Den Mann, den ich bei der Hand nehme und vor die Volksversammlung führe und von ihm sage: ‚der hat mein Vertrauen und wird den Kreis so weiter vertreten, wie ich’s seit Gründung des Reichs getan hab’‘ — den schicken sie in das neue Haus da drüben! Darauf kannst du dich verlassen!“
Herbert nickte stumm.
„Ich sage ‚du‘!“ fuhr der alte Herr fort, „weil es ja schon seit mehr als einem Jahr — bald nach deinem Unfall — zwischen uns besprochen ist, dass du mein Nachfolger werden sollst. Du warst damit einverstanden, dich der parlamentarischen Karriere zu widmen ...“
„Einverstanden?“ sagte Herbert. „Es ist die Rettung meines Lebens, dass du mir das ermöglichst. Wie ich dir dafür danken soll, das weiss ich wahrhaftig nicht!“
„Na ... man keine Sentimentalitäten,“ meinte der kleine Kommerzienrat trocken, „das steht uns beiden nicht. Also du hast dich ja nun inzwischen tüchtig mit Volkswirtschaft, Staatsrecht und derlei beschäftigt, den Wahlkreis kennst du als mein Schwiegersohn genau und für den Anfang stehen dir ja auch mein Rat und meine Erfahrung zur Seite. Blieb also nur die Frage: Wann soll es heissen: Ablösung vor?“
„Und das wäre jetzt?“ fragte Herbert. Er bemühte sich, ruhig zu bleiben. Aber seine Stimme zitterte merklich.
Der alte Herr wiegte betrübt den verwitterten Graukopf hin und her. „Ich wäre gern noch geblieben,“ sagte er endlich. „Ich bin die Arbeit gewohnt, und ein guter Gaul stirbt in den Sielen, wie Bismarck in eben diesem Hause hier gesagt hat. Na — er hat doch dran glauben müssen, und das ist unser aller Los. Mein Schicksal ist der Doktor ... der berühmte Geheimrat hier in Berlin. ‚Sie sind eben einfach verbraucht,‘ sagt er zu mir, wenn er mich eine Viertelstunde beklopft und betastet und sein Heidengeld eingesteckt hat, ‚abgenutzt wie eine Ihrer Maschinen nach langer, redlicher Arbeit. Nun heisst’s eben die Kräfte sparen, dass der Mechanismus noch eine Weile funktioniert!‘ Und vorgestern setzte er hinzu: ‚Wenn Sie jetzt nicht auf der Stelle ausspannen, so stehe ich für nichts!‘ Na — was soll man da machen?“
„Ja, es ist gewiss traurig!“ sagte Herbert.
„Meine industriellen Anlagen sind, wie du weisst, seit zwei Jahren schon Aktiengesellschaft,“ fuhr der kleine Kommerzienrat fort, „also da kann ich mich so sachte aus dem Verwaltungsrat drücken, und die Geschichte geht ruhig weiter. Und was den Reichstagsitz betrifft, siehst du, so trifft es sich seltsam, wie ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass gerade für nächste Zeit die Wahlprüfung angesetzt ist. Es hätte ebensogut ein halbes Jahr früher oder später kommen können. Der Präsident wartet eben, bis wir einmal durch Zufall und die Gnade Gottes ein beschlussfähiges Haus haben wie heute, und dann setzt er es eilig auf die Tagesordnung. Das verhält sich alles so, wie es dieser Presskatilinarier vorhin von mir bestätigt haben wollte. In einer Woche kann ich also aller menschlichen Berechnung nach meine Visitenkarten mit dem ‚M. d. R.‘ ins Feuer werfen, fahre mit dir nach Reiningen—Lüningen—Heidenfeldt und in zwei Monaten wirst du dir neue Visitenkarten als ‚Mitglied des Reichstags‘ bestellen! Na, und nun ist genug darüber geredet. Ich will mal wieder ’rein! Mir scheint der Namensaufruf geht zu Ende!“
Er verschwand durch die Portiere. Man hörte einen Augenblick beim Öffnen der Türe aus dem Sitzungssaal eine eintönige, laute Stimme und das tiefe „Hier!“ eines Bierbasses hinterher. Dann wurde wieder alles still.
Herbert stand auf und ging in grossen Schritten durch das leere Foyer. Die Erregung stieg ihm zu Kopf. Er musste sich erst allmählich in den Gedanken finden, dass er der Erfüllung seines heissen Wunsches nahe war, dass er seinem Dasein einen neuen, reicheren Inhalt geben sollte, als einer der Erlesenen der Nation da drinnen, der dreihundertsiebenundneunzig Männer, denen ein Volk von fünfzig Millionen vertrauensvoll die Leitung seiner Geschicke in die Hände gelegt hatte. Wahrlich, das war den Einsatz eines Menschenlebens wert, für das Vaterland zu wirken und sich des höchsten Ehrenamts würdig zu zeigen, das Deutschlands Männer zu vergeben hatten.
Ein donnernder Heiterkeitsausbruch innen unterbrach seine Gedanken. Ein kurzes Auflachen wie nach einem guten Witz. Dann wieder einen Augenblick tiefe Stille, ein beifälliges Gemurmel, die Saaltüren öffneten sich gleichzeitig, um die in schwarzen Knäueln herausdrängenden Reichsboten zu entlassen, die letzte Sitzung war zu Ende.
„Warum wart ihr denn so heiter?“ fragte Herbert, in dem Gewühl sich zu seinem Schwiegervater gesellend.
„Rat’ einmal!“ erwiderte der alte Herr vergnügt, „wieviel Abgeordnete bei Abschluss des Namensaufrufs da waren?“
„Nun?“
„Genau dreihundertdreiunddreissig! Auf den Kopf!“
„Und darüber habt ihr so gelacht?“
„Na ... das ist doch komisch!“
Eingezwängt in der zum Ausgang strebenden Menschenwelle durchschritten sie die Vorräume und kamen zur Türe. Die kalte Abendluft, der Lichterglanz, das Lärmen und Klingeln der Leipziger Strasse schlug ihnen entgegen. Im Kreise um die Freitreppe standen wie gewöhnlich Haufen von Passanten, um in den herauskommenden Gruppen neugierig nach bekannten Abgeordneten zu spähen.
Herbert reichte dem alten Herrn den Arm und geleitete ihn die glitschrige Treppe hinab. „Hat denn der Präsident zum Abschied noch ein paar passende Worte gesagt?“ fragte er.
„Gewiss!“ schmunzelte der Alte. „Aber die Stenographen haben sie nicht aufschreiben dürfen.“
„Wieso ... die letzten Worte, die in dem alten Reichstag fielen?“
„Die lauteten, dass es morgen abend im neuen Reichstagspalast für die Abgeordneten Freibier, freie Havannas und freien alten Kornschnaps gibt — alles gestiftet von Landsleuten auf beiden Hemisphären —, wer will, kann Gäste mitbringen!“
Herbert schwieg.
„Das verstimmt dich, mein Sohn!“ sagte der Kommerzienrat, als sie im Wagen sassen und jener ihm die die Decke über die Knie schob, „aber sei erst einmal ein paar Jahre im Reichstag, und du wirst sehen, dass man da mit der Begeisterung und all den schönen Dingen nicht durchkommt. Im Reichstag konzentriert sich wie in einem Brennspiegel das tägliche Leben des deutschen Volkes mit all seiner Sorge und seiner Not um das tägliche Brot und all den Kleinlichkeiten armer, schwer arbeitender Menschen, aus denen zu neunundneunzig Hundertsteln unsre Nation besteht. Mit idealer Weltanschauung und schönen Worten stopft man keine hungrigen Mäuler, schafft man kein Defizit aus der Welt und taxiert man nicht eine Tarifposition nach ihrem Wert. Darum sind wir nüchtern und skeptisch, und das ist bei Licht betrachtet ganz gut so.“
V.
Also nun ist das hohe Haus glücklich umgezogen!“ sagte der alte Herr, während er sich mit seinen drei Kindern und Herbert behaglich an einem Speisetisch seines Hotels niederliess, „und ihr beiden Mädels könnt euch rühmen, dass ihr einen Maskenball am hellichten Tag mitgemacht habt. Denn was andres war der Zauber heute vormittag weiss Gott nicht!“
Er scherzte absichtlich, um ein gewisses sonderbares Gefühl los zu werden, das er zuweilen in Gegenwart seiner Kinder empfand, eine Art innerlicher Beklemmung über ihren leichten Weltton und ihre vornehmen Manieren, die ihm, dem rauhen Selfmademan, innerlich imponierten. Es erschien ihm, dessen Jugenderinnerungen in ein düsteres Krämergewölbe, auf dumpfige Schlafstellen und spärliche Mahlzeiten, auf alle Roheit und Plumpheit des Volkslebens zurückwiesen, zuweilen wie ein Rätsel, dass er so elegante Töchter haben könne — dass ihm eine wirkliche Gräfin den Suppenteller reichte und eine blonde Schönheit wie Ellen die entfallene Serviette aufhob.
Und nun gar erst sein Sohn ihm gegenüber — dieser blutjunge, schweigsame Klubmann mit der Gardenia im Knopfloch des Smoking-Coats und der schwarz-grünen Binde über der weitausgeschnittenen plissierten Hemdbrust, auf der, in einen schwarzen Knopf gefasst, ein einzelner mächtiger Diamant blitzte. Alfred war ihm der Vertreter eines neuen Geschlechtes, das er nicht verstand. Keine einzelne Erscheinung — denn er wusste, dass ihm viele Erbsöhne der rheinischen und mitteldeutschen Grossindustrie aufs Haar glichen —, sondern der Typus einer Generation, die nur das eine Bestreben hatte, sich von dem Boden des Kaufmannsstandes, in dem sie wurzelte, so rasch wie möglich loszulösen und in den alten Herrenkasten des Urpreussentums aufzugehen — sei es, dass sie als Kavallerieoffiziere und Regierungsassessoren sich mit dem Schwertadel verschwägerten, wie ihre Schwestern, vom bunten Tuch gelockt, überall im Lande mit ihrer Mitgift ehrwürdig eingerostete Wappen vergoldeten, — sei es, dass sie — hier als Bürgerliche doch überall empfindlich zurückgesetzt, aus den Hofstellen, den vornehmsten Regimentern und vielen Verwaltungsämtern trotz ihres Reichtums bis zu der in der Ferne winkenden Nobilitierung ausgeschlossen — sich, von der goldenen Jugend Hamburgs her, den Begriff eines independent gentlenman schufen, eines unabhängigen jungen Rentners, der darum durchaus nicht müssig zu gehen brauchte, sondern in Matterhornersteigungen und afrikanischen Expeditionen, in Anlegung von Gestüten und Kunstsammlungen, als Gelehrter oder Nimrod rastlos arbeiten, sein Leben aufs Spiel setzen und Namhaftes leisten konnte — nur eben nicht um Geld! Denn damit hörte eben die Unabhängigkeit auf und man sank in die Schicht der Erwerbenden, der Handelswelt zurück, der in dem neuen, durch das Schwert gegründeten Reiche eben nur die zweite Rolle und — als Brücke zu dem herrschenden preussischen Kriegsadel — der neuzeitliche Ritterschlag des Reserveoffiziers übrig blieb.
Alfred Banners war nichts weniger als beschränkt. Sein regelmässiges, leidenschaftsloses Gesicht mit dem wohlgepflegten Schnurrbärtchen und der von Narben zerfetzten Wetterseite der linken Wange machte einen intelligenten und sympathischen Eindruck. Er hatte auf Studienreisen durch die englischen und belgischen Fabriken zu viel gesehen und erlebt, um, wie manche seiner Genossen, völlig in dem alten Corpsstudenten und Reserveleutnant aufzugehen. Im Gegenteil — es reizte sein angelsächsisch geschultes Selbstbewusstsein, bei Gelegenheit im Bräu einen von der ganzen Gesellschaft ehrerbietig begrüssten Prinzen von Kaulquappenhausen schlecht zu behandeln und, im Manöver vor seinem Zuge reitend, irgendeinen wegen seiner Grobheit verrufenen Kommissmajor durch seine medisante Physiognomie zu stillem Wahnsinn zu bringen. Sein Leben war inhaltreich und geregelt in athletische Übungen und Sport aller Art, gesellschaftlichen Verkehr und wissenschaftliche Studien eingeteilt, die ihm die Anlegung einer mit gutem Blicke ausgewählten Kunstsammlung ermöglichten. Einer Wette auf dem Rennplatz, einem Jeu ging er gerade nicht aus dem Wege, aber im ganzen konnte man nicht sagen, dass er die Renten sinnlos vergeudete, die ihm aus dem Stampfen der Maschinen, dem Feuerschein der Hochöfen seines Vaters zuflossen. Seiner Gesinnung nach war er Reaktionär durch und durch.
„Ich hoffe, lieber Papa!“ sagte er in dem beinahe ehrerbietigen Ton, den er stets seinem Vater gegenüber bewahrte, „ich hoffe, dass der ‚Zauber‘, wie du selbst diesen ganzen Reichstagskrempel nennst, nicht mehr lange dauert! Über kurz oder lang schliessen wir doch die Bude zu und die ganze Herrlichkeit ist gewesen!“
„Das ist Unsinn!“ sagte der alte Herr.
„Hälst du es nicht eher für Unsinn,“ hub Alfred nach kurzer Pause mit seiner kühlen, halblauten Stimme wieder an, „die allgemeine Gleichheit von Vernunft und Urteilskraft, die doch ein klarer Nonsens ist, gesetzlich festzustellen? Ein polackischer Analphabet hat bei der Wahl genau dieselbe Stimme wie Bismarck! Er weiss nicht, wo Afrika liegt, aber er wählt einen Kolonialgegner! Den Unterschied zwischen seinen zwanzig Mark Wochenlohn und den zwanzig Milliarden, die ein verlorener Krieg. Deutschland kosten würde, ahnt er kaum — aber sein Vertreter stimmt unentwegt gegen die Schlagfertigkeit des Heeres. Von Kunst und Wissenschaft hat er ...“
„Mein lieber Alfred,“ unterbrach ihn der Kommerzienrat und schlürfte seine Suppe, „ich bin bei Tisch und will meine Ruhe! Wir haben oft genug davon gesprochen. Wenn du einmal so alt bist wie ich, wirst du einsehen, dass oft in dem scheinbar Törichten die tiefste Weisheit liegt. So ist’s auch mit dem Wahlrecht.“
„Schön!“ sagte Alfred, und lehnte sich resigniert zurück. „Aber mich sieht keiner im Reichstag!“
Eine kurze, etwas unbehagliche Pause trat ein. Der alte Herr warf einen missbilligenden Blick auf das einzige leere Kuvert am Tisch.
„Oskar muss doch immer auf sich warten lassen!“ sagte er, „wo steckt dein Mann denn nur wieder, Mary?“
Mary zuckte lässig die Schultern. „Ich weiss nicht. Heute nacht kam er um vier aus dem Klub, erklärte, während er den Paletot auszog, er und der kleine Meier seien die Creme der Erde, und schlief sofort ein wie ein Toter. In aller Gottesfrühe ist er wieder weg — zur Schafschur, wie er sagte —, die Lämmlein blökten schon nach ihm und seiner Kuponschere — und seitdem hab’ ich ihn nicht mehr gesehen!“
„Jetzt schimpfen sie doch wieder alle über mich!“ sagte ein wohlbeleibter, kaum mittelgrosser Herr mit starker Glatze und jovial lächelndem, vollem Gesicht, in dem über einem stattlichen Schnurrbart die Äuglein heiter und listig blinzelten, während er an den Tisch herantrat, „die Geschäfte, lieber Schwiegerpapa ... die Geschäfte! ... Es gibt so böse Menschen auf der Börse! Ein blondlockiger Jüngling, wie ich, muss sich da vorsehen — sonst sitzt er da mit dem Schlussschein, er weiss nicht wie — Israel aber spottet seiner, und die Mäkler lachen! ‚Tag Schatz!‘“ Er klopfte seiner Frau auf die Schulter und reichte über den Tisch hinüber Ellen und Alfred die Hand. Dann wandte er sich zu Herbert: „Na ... sehen wir uns auch mal wieder, Schwager!“ sagte er kühl, und die beiden Männer wechselten einen förmlichen Händedruck, ohne sich erst zu einem Lächeln der Begrüssung zu bemühen.
Der Graf de Grain setzte sich, schob die Schösse seines Fracks, den er jeden Abend nach englischer Sitte trug, zurecht und winkte dem Oberkellner. „Sind Sie mein Freund?“ forschte er vertraulich.
„Zu Befehl, Herr Graf!“ Der Kellner, der einem hageren englischen Lord glich, lächelte diskret.
„Das ist recht!“ sagte Oskar. „Bleiben Sie dabei und Sie werden bei meinem Aufbruch tanzen und springen. Denn ich verweise meine Wohltäter nicht auf den himmlischen Lohn, sondern zahle die Trinkgelder hienieden bar! Und nun ... Hand aufs Herz ... ist eine Möglichkeit ... ich betone: eine entfernte Möglichkeit vorhanden, hier etwas zu essen zu bekommen?“
„Vielleicht vorerst ein Dutzend gemästete Austern und etwas Yquem? Inzwischen spreche ich mit dem Chef de Cuisine!“
„Hm! ...“ Oskar runzelte die Stirne. „Heben Sie die Hand auf, alter Freund, und schwören Sie ...“
„Was denn, Herr Graf?“
„Dass die Austern frisch sind!“
„Aber, Herr Graf!“ Der Frackträger machte eine beschwörende Gebärde, und ein Zug edler Entrüstung erschien auf seinem verwitterten Gesicht.
„Dann her damit!“ Oskar versank in tiefes Grübeln. „Den Karpfen will ich!“ rief er dann plötzlich laut, als der Kellner in unhörbaren Schritten schon fast bis zur Türe geglitten war. „Einen grossen Karpfen, blau! ... melden Sie das dem Chef! ... Den Karpfen, den ich nachmittags telephonisch bestellt hätte!“
„Sehr wohl, Herr Graf!“
„Und zu trinken? ... Füllen Sie immer noch Leonhardis Tinten in Ihre Bordeauxflaschen, wie neulich, oder welche Substanz ist jetzt darin ...?“
„Herr Graf ... unser Mouton-Rothschild ...“ Der Oberkellner blinzelte verzückt lächelnd, mit dem schwärmerischen Augenaufschlag eines Verliebten, zur Decke.
„Gut! Ich will es noch einmal probieren!“ entschied der dicke Graf, „aber wenn es wieder eiskalte Tinte ist ... sagen Sie, es sei für einen Kranken!“ rief er dem enteilenden Frackträger nach, „... für einen armen Mann, mit dem sie an der Börse ein unschönes Spiel treiben!“
„Ist das wirklich wahr?“ fragte der Kommerzienrat, der die ganze Zeit zwischen Lachen und Ärger dagesessen hatte.
„Ach nein!“ Graf Oskar tätschelte zerstreut die Hand seiner Frau. „Es macht sich so weit! Ich bin mit dem deutschen Volk zufrieden. Es arbeitet ordentlich für mich. Ich muss ihm das lassen. Es ist ein gutes und emsiges Volk. Wenn ich so morgens aus dem Klub komme und sehe diese braven Leute im Morgendämmern zur Arbeit gehen, das Handwerkszeug im Arm und mit hochgeklapptem Rockkragen, dann wird’s mir ganz weich ums Herz und ich zerdrücke eine Träne. Ganz zerknirscht komm’ ich zu Hause an und taste nach der Kuponschere. Mary kann’s bezeugen!“
Aber seine Frau sagte nur: „Du weisst, dass ich diesen Ton nicht ausstehen kann!“ und starrte auf das Tischtuch.
„Ja ... ich selber auch nicht!“ bestätigte der Graf. „Im Grunde bin ich eine tiefernste Natur. Man merkt’s bloss nicht, weil mir der Deubel immer im Nacken sitzt, und dann muss ich faule Witze machen. Aber ich gräme mich innerlich darüber — glaub’ mir’s! Die Verhältnisse bringen es eben so mit sich. Wie oft habe ich schon zu meinem Geschäftsfreund, dem kleinen Meier, gesagt: ‚Mann ... haben Sie denn gar keinen Idealismus? Sehen Sie mich an ... da lernen Sie’s!‘ Aber bei diesen Leuten ist Hopfen und Malz verloren!“
Er brach bekümmert ab, und der Kellner brachte die Milchaustern, die dickgemästet wie kleine Säcke in ihren Schalen ruhten. Bezüglich des Karpfens sei alles in Ordnung. Der Chef habe selbst die Zubereitung überwacht. Was der Herr Graf nachher ...
„Eine Omelette à surprise!“ sagte der Graf und schickte ihn fort.
„Es ist schwer, Mensch zu sein!“ plauderte er weiter, die Austern kunstgerecht lostrennend und aus der Schale schlürfend, „und dass nächstens in Berlin W eine Hungersnot unter uns oberen Zehntausend ausbricht, steht ganz ausser Zweifel. Die Austern sind auch wieder unter aller Würde — sonst hätte ich dir natürlich davon angeboten, Mary; aber so esse ich sie als selbstverleugnender Ehegatte allein. Es gibt einfach keinen Ort mehr, wo man menschenwürdig speisen kann. Die hungernden Millionäre irren schon in Rudeln durch die Tiergartenstrasse und fallen schliesslich blindlings in einer Kutscherkneipe ein — es herrschen trostlose Zustände ... trostlos,“ wiederholte er, goss sich ein Glas Bordeaux ein und schlürfte es in kleinen Schlücken, während seine Augen zwinkernd durch den ganzen Raum gingen.
„Es gibt ein schönes Bild, ‚Schafschur in Oberhessen‘,“ sagte er dann absetzend, „das könntest du eigentlich für mich als Sachverständiger kaufen, Alfred! Ich will es in mein Arbeitszimmer hängen. Es wird mir neuen Mut geben, wenn ich an eine Emission nicht recht ’ran will oder der kleine Meier mich geärgert hat. Dann blicke ich andächtig zu dem Bilde empor und ...“
Mary wandte sich ihm plötzlich zu. „Bitte, höre jetzt auf!“ sagte sie bestimmt. „Es ist langweilig, wie du dich immer verstellst und den Spassmacher spielst! Du bist gar nicht so! ... Das wissen wir hier doch alle!“
„Das ist eine Frau!“ Der Lebemann schüttelte bekümmert den Kopf. „Aber bloss der Ärger, weil sie keine Austern gekriegt hat.“ Er schob den Teller mit den Schalen von sich. „Schön. Ich werde ernsthaft sein. Also heute habt ihr das neue Reichshaus eingeweiht, Schwiegerpapa?“
„Ja,“ erwiderte der alte Herr kurz. Die ganze Art des Börsengrafen war ihm mehr denn je ein Greuel.
„Habt ihr denn auch schon ’ne Inschrift oben an das Gebäude?“ forschte der unbekümmert weiter, „nachdem’s mit ‚Dem deutschen Volke‘ nichts ist? Ich würde was Biblisches nehmen: ‚Eure Rede sei Ja — Ja!‘ das ‚Nein — Nein!‘ lassen wir weg! Das liebt die Regierung nicht. Der kleine Meier freilich meinte, man solle für die Abgeordneten lieber einen Kernspruch aus dem täglichen Leben wählen. Etwa: ‚Quatsch’ nicht, Krause!‘ in flammenden gotischen Riesenlettern über dem Hauptportal! Das wäre ...“
Jetzt wurde der grauköpfige kleine Reichsbote ernstlich erzürnt. „Es gibt immer noch Leute, mein lieber Oskar,“ sagte er scharf, „die ernste Dinge ernst zu nehmen gewohnt sind. Dazu gehöre auch ich. Also verschone mich, bitte, mit diesen Witzen und bringe sie dort an, wo sie am Platz sind — in der Börsenkulisse.“
„Schön!“ antwortete Graf Oskar in unerschütterlicher Ruhe. „Ich schweige. Der Karpfen, den mir mein einziger Freund auf der Welt, der hiesige Oberkellner, eben bringt, ist auch stumm und doch ein vortreffliches Wesen.“
Er widmete sich mit Eifer und Sachkenntnis dem Fisch, und eine unbehagliche Pause trat in dem Tischgespräch ein.
Der alte Herr schaute auf seine beiden Schwiegersöhne. Er hatte es wohl bemerkt, dass die beiden seit der Begrüssung noch kein Wort miteinander gesprochen, ja es geflissentlich vermieden hatten, auch nur einen Blick zu tauschen. Auch Mary, die zwischen ihrem Vater und ihrem Manne ihren Platz hatte, war stumm. Mit einem leeren, müden Ausdruck sass sie da, die Augen in die Weite gerichtet, und berührte nur zum Schein etwas von den Speisen und Getränken.
„Diesen Fisch habe ich mir vor zwei Stunden von der Börse aus telephonisch bestellt,“ sagte plötzlich in die tiefe Stille hinein der unbekümmert kauende Graf. „Es war das letzte Aufblitzen meines Geistes am heutigen Tag. Versuch ihn ’mal, Mary. Er ist gut. Der Chef hat seine Schuldigkeit getan.“
Mary machte eine abwehrende Gebärde. „Lass nur,“ sprach sie wie geistesabwesend und ohne ihren Mann anzusehen.
Aber der legte ihr schon ein Stück auf den Teller. „Ich will, dass du den Karpfen kostest!“ beharrte er im Ton eines jovialen Tyrannen, und sie fügte sich, ohne weiter ein Wort zu verlieren.
Inzwischen war der Kellner herangetreten. Diese Depesche sei eben für den Herrn Grafen abgegeben worden.
„Aha ... aus Boulogne sur Mer.“ Er überflog rasch die paar Worte: ‚The Ascot stakes in New Market ... Randown erster mit zwei Längen ... Wetten 1:2½ ...‘ „Also fünfundzwanzig Pfund Sterling Plus für mich ... schön ... fünfhundert Mark sind überall auf der Welt fünfhundert Mark ... so macht man’s! Arbeiten! meine Herrschaften ... Arbeiten! ... das sag’ ich immer wieder! Wir sind zum Arbeiten auf der Welt; was, Kellner?“
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