Kitabı oku: «Heimliche Ehe»
Rudolph Stratz
Heimliche Ehe
Saga
Heimliche Ehe
Copyright © 1931, 2018 Rudolf Stratz und SAGA Egmont
All rights reserved
ISBN: 9788711507322
1. Ebook-Auflage, 2018
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk
– a part of Egmont www.egmont.com
1
Das Boot, in dem sich Anne und Alfred küssten, schwankte im Wellenschlag eines vorbeifahrenden Dampfers. Querab hinter ihm lief ein Segelboot auf. Der dicke, nackte Herr in roter Schwimmhose darin rief dröhnend :
„Gesegnete Mahlzeit!“
Alfred Giebisch war gross, brietschulterig und hüftschlank gewachsen. Er drehte den krausen, dunklen Rundkopf. Die schwarzen Augen darin waren gefährlich.
„Ich komm’ gleich ’rüber zu Ihnen — in Ihre Mucke=pinne!
„Seien Sie doch nicht so unzart!“ sagte auch Änne sanft. Sie sass jetzt am Steuer — blond, weich, schlank — aufrecht in blauer Bandmütze, weisser Leinenjacke, weissen Hosen, Strohschuhen wie ein Schiffsjunge. Der weisse Nacktfrosch lachte fett. Alfreds bartlose Züge eines braunen, jungen Römers röteten sich vor Zorn. Änne hob die feinen, mageren Hände gefaltet vor die Brust.
„Lass ihn doch, Alf! Es ist ja nur der pure Neid.“
Der Dicke segelte ab. Er spreizte auf dem Rückzug über die Schulter weg fünf dicke, rote Wurstfinger nach hinten.
„An jedem Finger könnt’ ick ein Verhältnis haben, Fräulein!“
Nun waren die beiden wieder allein. Allein auf dem Müggelsee. Überall weisse Segel, menschenschwarze Dampfer, Ruderboote, Motorgeknatter, Musik. Die fernen Ufer Weiss und bunt von Badenden. Blauer Himmel. Sonntagnachmittag. Fern Berlin.
„Berhältnis . .“ sagte Änna nach einer Weile schwermütig.
„Lass doch den Stiesel!“
„. . . wo wir beide uns doch durchaus heiraten wollen! Gott sei Dank bist du darin so furchtbar anständig . . . !“
„Nee — so wie’s die andern machen,“ Alfred Giebisch legte die Beine auf den zweiten Rudersitz und schob sich eine Zigarette zwischen die trotzig und energisch geschmungenen Lippen, „so machen wir’s nicht. Ich will vor meiner künftigen Frau Achtung haben — schon wegen der Kinder!“
„Ich bin darin ja auch so wahnsinnig rückständig!“ sagte Änne. „Man kommt sich ja fast komisch vor heutzutage. Aber ich denke genau so wie du.“
„Augen hast du . . . “Alfred sah sie träumerisch an und liess das Boot treiben, eine Hand im Wasser „. . . so blau wie der Müggelseel“
„Das sagst du jeden Sonntag . . . “
„Und jeden Sonntag kommen wir hier heraus . . . “
„Und kommen nicht weiter!“
Der Nachen näherte sich dem Ufer. Es war voll von Badenden. Geplansche. Gelächter. Gequietsche. Eine Damenstaffel schwamm prustend nach einem Gummitier in den Wellen um die Wette.
„Die im schwarzen Trikötchen macht’s, Änne!“
„Sie krauelt unrein . . . Alf! Das muss ich als Turnlehrerin im Nebenamt wissen!“
„Na und ich? Ab Uhrer viere Leichtathlet . . . “
„Aber verdienen tust du nichts damit!“
„Das ist’s ja eben. Es ist das viele Held, das man nicht hat!“ Alfred warf seine Zigarette ins Wasser. „Grossjährig sind wir. Ich sechsundzwanzig. Du zweiundzwanzig. Aufs Standesamt könnten wir gleich. Der Onkel dort segnet uns ohne viel Umstände.“
„Aber dann?“
„Du wohnst bei deiner Mutter, ich bei meinen Eltern. Woher eine Bleibe kriegen und nicht stehlen!“ Alfred Giebisch legte sich verbissen in die Ruder. „Wohnungsamt! Schwarz kannst du dabei werden! Und wenn mal nach Jahr und Tag, dann ‘ne Wohnküche! Bon Kindern keine Rede!“
„Und wovon die Einrichtung zahlen?“
„Stottern? Schön! Aber wie lange geht dann das noch mit mir bei Strömich und Merz?“ Die Ruderschläge klatschten in das spritzende Wasser. „Ich strampele mir hier als Vertreter die Stiebel schief und mache glänzende Geschäfte! . . . Und in der Fabrik in Sachsen — nu hären Sie . . da schlafen die Kutesten! — da geht alles den Krebsgang. Eines schönen Morgens machen die Dussel hier die Bude zu, und ich bin abgebaut!“
„Und dann?“
„Gott — ’ne Stelle wie die krieg’ ich schliesslich schon wieder! Ich kann ja zusehen! Aber da werden wieder die Kräfte von ’nem Kerl wie mir kaum zu zehn Prozent genutzt. Es ist ja zum Stiefelausziehen: da hat man nun ’nen Schwager, der klotzig verdient — mit ‘nem Riesenwirkungskreis . . . Jeden Augenblick könnte er mich bei sich unterbringen . .“
„Wenn du . . . “
„Nein! Ich gehe nicht zu Herrn Vögeding! Ausserdem gibt er mir ’ne Zigarre und schmeisst mich leutselig ‘raus! Ich kann’s ihm nicht mal verdenken, wenn er’s bis zum Hals hat! Vater und die Brüder haben da schon alles verkorkst, mit ihrem ewigen Gedrängele um Geld! Die empfängt er gar nicht mehr!“
„Ja — und nun erst ich!“ Änne schlug kummervoll mit der Hand nach einer vorbeischillernden Libelle: „Eben erst Studienreferendar . . . auf Probe — da und dort — mal in dem Mädchenlyzeum Germanistik, mal in dem Französisch! Bis zu dem Studienassessor in zwei Jahren krieg’ ich so gut wie nichts!“
„Das einzige, was man erschwingen könnte, wäre ein möbliertes Zimmer mit zwei Betten! Essen im Wirtshaus. Schauderhaft! Aber das tun ja viele junge Ehepaare in unserer herrlichen Gegenwart!“
„Als ob es darauf ankäme —, ob wir als möbliertes Ehepaar in einer Stube oder in ‘ner Kulturwohnung am Kurfürstendamm wohnen! Das eigentliche Unglück ist doch . . . “
„Ach ich Weiss!“
„Sowie ich mich in der Probezeit verheirate, flieg’ ich! Ein für allemal! Meine Laufbahn ist futsch! Wo Mutter ihr Letztes in meine Ausbildung gesteckt hat! Was Machen wir dann? Dann langt es nur als Turnlehrerin höchstens noch zum Tillergirl! Herrogott . . . schmeiss nur nicht das Boot um!“
Alfred war wild aufgesprungen. Er hielt breitbeinig Gleichgewicht. Seine schwarzen Augen loderten. Der ganze, grosse, südlichbräunliche Kraftmensch kochte.
„Also: gehst du nur so mit einer und hustest aufs Standesamt — dann heulen sie: da haben wir die heutige Jugend — den Richter Lindsan — die Unmoral . . . Verzeihen Sie, meine Herrschaften: Ich meinte nicht Sie!“
Er verbeugte sich höflich gegen zwei Paddler in einem vorbeigleitenden Eskimo, beide mit Stoppelköpfen, mit weissen Armen und Beinen in schwarzen Trikots. Aus nächster Nähe sah man, dass sie verschiedenen Geschlechts waren.
„Und hat man Grundsätze und will heiraten,“ Alfred Giebisch schmiss sich wieder auf die Ruderbank, „dann geben sie einem zum Dank keine Wohnung und jagen dich aus Amt und Brot! Wie soll man’s den zum Donnerwetter der Gesellschaft heutzutage recht machen?“
„Die Menschen sind zu abscheulich!“ sagte der blonde Studienreferendar.
„Aber wir lassen uns nicht unterkriegen!“ schrie Alfred erbittert. „Nach Casanova gehen wir nicht!“
„Nach Canossa – um Gottes willen!“ Änne faltete entsetzt die hände.
„Meinetwegen Canossa!“
„Alfred: ich sag’ dir immer: Nimm dich mit den Fremdwörtern in acht! Die beizzen!“
„Volksschule . .“ sprach der junge Mann . ."mal ’n Hauslehrer in der Inflation, wie Papa im Geld pladderte . . . nischt gelernt und krumme Beine . . . “
„Du bist Gott sei Dank wundervoll gewachsen!“ sprach die junge Turnlehrerin warm. „Du bist überhaupt ein sehr schöner Mensch! Darüber sind sich die Gelehrten einig!“
„Danke. Gleichfalls. Na – meinen Plauener Tüll werde ich auf der Tour auch ohne Bildung los!“
„Ach — Bildung!“ sagte der Studienreferendar innig und schaute sich um, ob der Dicke in der roten Badehose wieder angesegelt käme. Nein. Alfo küssten sie sich. Dann nahmen sie jeder ein Ruder und pladderten aus dem Müggelsee hinaus in die schmale Spree.
2
Es wehten reichlich viel schwarze Schilfkolben im Sommerwind über der kleinen Uferbucht, in die sie das Boot stehend mit den Rudern hineinstakten. Die Stechfliegen summten. Seitlings hatte die träge Strömung einen gesegneten Berliner Strand von leeren Konservenbüchsen, Stullenpapier und faulem Tang angeschwemmt. Es roch muffig in der hitze. Aber hinter dem grünen Röhricht wurzelte ein Dutzend Krüppelkiefern im weissen Sand, und unter dem spärlichen Schatten der Kuscheln stand freundlich, die Front nach dem Wasser, den Blick noch bis zum Müggelsee, das Weekendhäuschen.
Das Weekendhäuschen war nur winzig. Es glich — innen ein Raum für alles, aussen auf Tragpfosten aus rohen, moosverstopften Längsbalken gezimmert, — dem Wigwam eines Pelzjägers. Aber die flache Wellblechdachung, die niedere Türe, die Läden der beiden kleinen Fenster waren munter froschgrün gestrichen. Der farbige Wimpel des Leichtathletenklubs „Eintracht 1920“ wehte von einer himmeleblauen Stange. Im grünen Geranke um die Holzlatten der Laube nebenan flammten die roten Bohnenblüten.
Alfred Giebisch stand davor am Ufer und betrachtete still zufrieden sein Heim, die muskelstarken blossen Arme auf der Brust über dem blauweiss gestreiften Trikot gekreuzt. Sonst hatte er nur noch ein paar leinene Kniehosen an. Die haut seines halbnackten, kraftvollen Körpers glänzte goldbräunlich wie warme Bronze in der Sonne. Der Studienreferendar stand neben ihm, einen halben Kopf kleiner, zart, auch nur in Trikot und Höschen, Wassertropfen an den blossen Waden, auch braungebrannt, so dass ihr kurzes Haar noch heller blond ihr schmales Gesicht mit der Stupsnase und dem eigenwilligen Mund umwuschelte.
„Dass du das ganze haus so allein zusammengezimmert hast . .“, sagte sie andächtig.
„. . so gut es in der Eile ging . . . wenn der Mensch acht ganze Tage Urlaub im Jahr hat . . . “
„Was du so alles kannst . .“
„Ich könnte ganz andere Sachen! Wenn man mich nur liesse! Aber Pinke-Pinke braucht man . . . ’nen Wirkungskreis!“
Er sprang mit einem grimmigen Satz bis zu den Knien in das Wasser, zog das Boot dicht an das Ufer und auf zwei runden Fichtenhölzern über den Sand nach dem niedrigen Schuppen hinter dem Weekendhaus, wo schon das zweisitzige Motorrad angekettet lehnte. Dann setzte er sich auf die holzbank in der Laube. Änne war in das Haus gegangen. Bald kam aus ihm der Geruch von Kaffee und dann sie selbst, mit Tassengeklappeer, und deckte hausfraulich das windschiefe Tischchen in der Laube. Er schraubte inzwischen behutsam mit seinen grossen, sportschwieligen Händen die Nadel ins Reise-Grammophon ein. Sie sassen Arm in Arm vor den Kaffeetassen und rauchten und schauten still auf die weite Welt hinaus, und am Boden spielte die Platte:
„Kennst du das kleine Haus am Michigansee?“
Änne legte sich lang auf den Sand, die Hände im Nacken verschränkt, und blinzelte zum blauen Himmel über sich in die Höhe und sang mit dünner, hoher Stimme:
„Dahin fuhren wir zwei — einst im Mai –“
„Und lag . . . “, Alfred streckte sich bronzebraun neben sie, „auch noch der Schnee . . . “
„Alf — du singst furchtbar falsch . .“
„Egal! . . . auf dem kleinen Haus am Michigansee . . . “
Gemeinsam sangen sie beide halblaut, gefühlvoll:
„schuf die Liebe und zwei — ew’gen Mai . . . “
Dann surrte die Platte und verstummte.
„Ach ja . . . “ sagte Änne nach einer Weile. Es klang wie ein Seufzer. „Gut, dass wir wenigstens das kleine Haus am Müggelsee haben!“
Alfred Giebisch riss verdrossen einen Grashalm aus dem mageren Boden.
„Es ist auch immer eine Hetze: —Sonntag morgen immer erst heraus und um fünf am Abend wieder heim! Wenn wir Mann und Frau wären . . . “
„ . . . dann könnten wir immer schon Sonnabend mittag hier sein und erst Montag mit den Hühnern wieder nach Berlin. Das wäre erst das richtige Weekend!“
Beide wurden still. Schauten sich an. Wieder weg.
„Ich Weiss, woran du jetzt denkst, Änne . . . “
„Du auch . . . “
„Wir haben ja schon sooft Davon geredet . . . .“
„Fang’ nur nicht wieder davon an . . . “
„Eigentlich ist das doch das Ei des . . na — wie hiess der Kerl?“
„Des Kolumbus!“
„Da ist doch eine Möglichkeit, sich zu heiraten . . . .“
Änne legte ihm rasch und ängstlich die Hand auf den Mund. Liess fie wieder sinken. Schwieg. Versank in Träume.
„Ein Glück, dass erst Juni ist!“ sagte sie dann. „Da haben wir noch den ganzen Sommer vor uns. Den langen, langen Sommer . .“
„Aber so geht das nicht weiter. Das halten wir gar nicht aus!“
„Was sollen wir machen?“
„Änne — ich komm’ wieder auf das zurück, an das wir beide schon seit Monaten denken . . . “
„Sprich nicht Davon . .“ Änne rührte schnell und verstört in ihrer Kaffeetasse. Ihr Gesicht wurde unter der Sonnenbräunung blass. „Wenn man immer wieder davon redet, dann tut man’s schliesslich . . . “
„Donnerwetter: tut man denn unrecht, wenn man sich heiratet . .?“
Änne stand landsam auf.
„Ja. Aber heimlich heiratet . . . “ sagte sie mit grossen Augen, ganz leise, mit zitternder Stimme. Auch er erhob sich.
„Na natürlich Heimlich . .“ Er bemühte sich, möglichst unbefangen zu reden. „Was bleibt einem denn übrig, wenn die Menschen so blödsinnig sind?“
Sie traten in ihrer Erregung vor die Laube. Sie gingen draussen mit schnellen, kurzen Schritten in der heissen Sonne auf und ab, immer von den Konservenbüchsen zum Schilf und zurück.
„Wenn uns der Standesbeamte vier Wochen in den Kasten hängt, kümmert sich bei mir kein Mensch in Berlin darum!“ versetzte er. „Und dein Schulkollegium erfährt nicht die Bohne Davon. Du musst nur dem Standesbeamten nicht sagen, dass du Lehrerin bist, sondern Haustochter bei deiner Mutter. Fräulein Bender gibt es in Berlin viele. Freilich: Deine Mutter..“
„Das wäre das Geringste . . . “
„Nanu?“
„Das hab’ ich mir schon überlegt. Da hatt’ ich ’ne Idee von Schiller: Der Mutter kann ich einfach sagen, ich sei in die Damenriege des Ruderklubs — irgendeines Ruderklubs hier — eingetreten und übernachtete da mit anderen im Damenraum des klubhauses. Das täten viele, um nicht erst nach Berlin zurückzumüssen!“
„Und das glaubt sie?“
„Du ahnst nicht, wie weltfremd die alte Generation ist! Natürlich glaubt sie’s! Sie glaubt mir alles!“ sagte Änne. „Aber es tut mir weh!“
„Ach – das ist eine fromme Lüge!“
„Ich meine auch nicht das — da heiligt wirklich der Zweck die Mittel, wenn ich heimlich als Ehefrau auskneif’ . . . aber dass ich der Mutter nicht sagen dürfte, dass ich Ehefrau bin — das ist schrecklich!“
„Wenn du ihr strengstess Stillschweigen . .“
„Mutter und stillschweigen! Da kennst du sie flach! — ? Mutter kann nichts bei sich behalten. Sie ist viel zu gut. Sie traut allen Menschen und vertraut ihnen blindlings alles an!“
„Ich danke.“
„Sie würde sofort geheimnisvolle Andeutungen machen — bei Tanten und Verwandten . . . ‚Kinder — wenn Ihr wüsstet!‘ — und ihre Sorge um unseren Streich unter dem Siegel der Verschwiegenheit ihren Freundinnen beichten! Und in kurzem Weiss es Gott und die Welt, und Fräulein Meinhold erfährt es, die Direktorin — na — und alles Weitere kann man sich ja denken!“
„Schrecklich mit so alten Damen . . . “
„Du wirst Mutter nicht ändern! Nachher erinnert sie sich gar nicht, wem allen sie’s erzählt hat, und stellt es entrüstet in Abrede! Nein – da muss man schweigen, wie das Grab! Und wenn einem das Herz blutet.“
Beide waren blass und ernst. Alfred Giebisch nickte entschlossen.
„An sich wäre die Chose auf die Weise furchtbar einfach! Du bleibst bei deiner Mutter wohnen und ich bei meinen Eltern. Wir brauchen keinen Pfennig für Wohnung und Aussteuer und Möbel, auch wenn ich abgebaut werde. Du behältst deine Stellung. Und zwei Tage fast in der Woche — da haben wir uns, Änne!“
„Hier im Häuschen . .“
„Das ist doch alles so furchtbar einfach!“
„Aber wenn es herauskommt — dann bin ich perdü!“
„Es darf eben nicht herauskommen!“ Alfred Giebisch riss zornig einen Schilfkopf vom Stengel, betrachtete ihn aufmerksam und warf ihn weg.
„Das sagst du so!“
„. . . wenigstens so lange nicht herauskommen, bis ich eine seriöse Position hab’ und dich ernähren kann! Das kann über Nacht kommen, auch ohne dass ich zu meinem grossen Schwager Vögeding lauf! So gut, wie der mit Geduld und Spucke — na — eigentlich über Nacht — von einem kleinen Mann zum Reichmeier geworden ist, so sicher werd’ ich auch ’mal Millionär! Wetten dass . . . ?“
„Ach – lass nur jetzt die Zukunftsmusik – ja?“
Alfred Giebisch legte Änne leise die Hand auf den blossen Scheitel.
„Ich will dich nicht drängen, Änne!“ sagte er weich. „Die Entscheidung steht bei dir!“
„Und die Verantwortung!“
„Die trage ich mit dir! Sage ja oder nein — ich werde tun, was du willst! Aber wenn es geschehen soll, dann nicht erst lange gefackelt! Dann gleich! Das Warten hat gar keinen Zweck!“
Er liess Änne stehen und ging zur Seite. Er hatte nur ein paar Schritte getan, da hörte er hinter sich laufen. Zwei weiche Arme schlangen sich um seinen Hals. Er sah in ein blasses, tränenbeperltes, glückselig lachendes Gesicht.
„Änne — wollen wir . . . ?“
„Ja.“
„Heimlich?“
„Ja! Ja! Ja! Wir riskieren’s! Jch hab’ dich zu lieb!“
3
Ein paar Studen später war die Landstrasse nach Berlin eine einzige kilometerlange Staubfahne. Die sinkende Sonne schien rötlich durch die grauen Schleier. In ihnen hupten die Autos, knatterten die Krafträder, bimmelten die Radler. Seitlings zogen die Wandervögel, die Familien, die Vereine. Dann stockten die Kolonnen, geblockt vom Anprall eines Kühlers an den Tank vor ihm. Alfred und Änne standen neben ihrem Rad in einem heissen Brodem von Staub, Schweiss, Benzin, Zigarren. Er entzündete, jetzt vom Sturzhelm bis zu den Schnürschuhen in dattelgelbem Sportleder, eine Zigarette zwischen den zusammengepressten Lippen.
„Also es bleibt dabei, Änne: Wenn schon, denn schon! Ohne langes Gefackel! Wir heiraten gleich!“
„Ja. Wir wollen doch den Sommer draussen nutzen!“ sagte Änne. Sie sah jetzt, mit der grossen Brille vor den Augen, fremdartig und hochmütig aus, streng wie eine Lehrerin. Das Schwarz der Brille machte ihre schmalen Wangen blass. Sie vertrat sich die steifgewordenen Beine, die in Breeches und Wickelgamaschen staken, passend zu dem hochgeknüpften Lederjäckchen und der Lederkappe.
„Morgen vormittag, Änne, geh’ ich zu dem Standesbeamten! Der Onkel traut uns mit Wonne!“
„Du — aber wir sagen’s wirklich keinem Menschen!“
„Keiner Seele! Das heist: wart’ einmal! Zwei Trauzeugen brauchen wir doch!“
„Um Gottes willen — wen denn?“
„Wozu hat der Mensch Brüder? Den Friedrich habe ich hier sofort in Berlin greifbar! Den stökere ich jetzt gleich ’mal in seinem Photographenatelier drinnen auf!“
„Und der Bruno?“
„Dem schreib’ ich auf seine Gutsstelle in Holstein, dass wir seinerzeit hier auf ihn rechnen! Der Oberinspektor beurlaubt ihn schon für einen Tag von seinen Kühen und Schafen! Er kann ihm sagen: ’ne olle Erbtante sei abgekratzt..“
„Dass der Bruno es nur nicht als Junggeselle zu leicht nimmt und etwas ausschwasst — von unserer heimlichen Ehe!“
Der Studienreferendar brachte die beiden Schicksalsworte aufgeregt und geheimnisvoll, mit schwankender Stimme über die Lippen. Ihr Bräutigam legte ihr die hand auf die Schulter.
„Der Bruno! Der nimmt doch das Leben so Ernst! Er und seine jungen Leute vom Lande da oben starren ja von Grundsätzen. Der gibt sein Ehrenwort und schweigt sich aus! Und der Friedrich auch!“
„Eben wird der Weg frei!“
„Vorwärts! Aufgesessen!“
Das Gerolle und Gestrampel und Getute wälzte sich weiter, achtlos an dem seitlings auf das Feld geschobenen blessierten Wagen vorbei, nach Berlin. Berlin riss seinen Rachen auf. Berlin verschluckte hungering die heimkerenden Millionen. Alfred Giebisch und Änne Bender sausten mit vorgebeugten Köpfen und hämmernden Herzen und einem feierlichen, beklommenen Lächeln auf den blassen Gesichtern wie Goldaten vor der Schlacht, im Gewühl der Unzähligen, in Donner und Glut Berlins hinein. Nahe dem Brausen und Tosen des Alexanderplatzes lud er in einer kleinen Seitenstrasse den blonden Sozius vor einem Mietshaus ab.
Sie standen am Haustor, die Hände ineinander, und schauten sich stumm ins Gesicht und küssten sich mit den Augen. Überall in den Hausgängen und Höfen standen jetzt in der Dämmerung die Paare, die Strasse entlang, in ganz Berlin, in Deutschland, auf der ganzen Welt.
„Ich töffe nachher noch ’mal rasch wieder hierher zurück und melde dir, was der Bruder gesagt hat!“
Alfred Giebisch knatterte davon. Hoch im Norden, in der Welt der Fabriken, legte er im Flur einer Miestkaserne die Sicherheitskette vor sein Rad und stieg die ausgetretenen Treppen empor, vier Stockwerke hoch, bis zu einem Schild: Friedrich Giebisch, Photograph..
„Ist er zu Hause, Linda?“ Er gab der jungen Frau, die auf sein Klingeln öffnete, die Hand. Sie sah in dem Zwielicht wie ein schlankes, langes Gespenst aus, in dem weissen Leinenkittel vom Hals bis fast zu den Knöcheln. Sie gähnte und hielt, ihre Rechte in seiner, die tadellos manikürte, langfingerige weisse Linke vor den etwas grossen und etwas rot getönten Mund.
„Na klar! Als Photograph — bei dem Prachtwetter!“ Sie hatte eine helle, schnelle Berliner Stimme. Berlinisch intelligent, mit beweglichen braunen Augen, war auch ihr sehr hübsches, schon etwas faniertes und leicht gepudertes Gesicht. Es paste sich, mit der langen, geraden ein wenig nach den Sternen gerichteten Nase, den hochangestetzten Nasenflügeln, der kurzen Oberlippe und schnippisch gerundeten Unterlippe dem neuen mondänen Typ der Modeblätter an. Das kurze Braunhaar wellte sich sorgfältig onduliert um die kleinen, von falschen Riesenperlen umpendelten Ohren. Sie ging, mit der Uebung eines Empfangsfräuleins, dem Besucher durch das dürftige, dämmernde Vorstadt- Atelier voraus und rief:
„Du, Fritze! Der Alfred ist gekommen!“
„Er soll wieder gehen!“ tönte von hinten eine starke, warme Männerstimme
„Fritze — benimm dich! Ja? — Mir jibt er — mir gibt er deb, Guten Ton in allen Lebenslagen’ und ‚Mir oder Mich?’ in die Hand! Und er selber? — Du hast allein mit Fritze zu redden? Bitte — bedien’ dich!“
Alfred Giebisch trat, an der Dunkelkammer und den Arbeitstischen vorbei, in das abgeschrägte Dachzimmer — Wohn-, Schlaf- und Essraum in einem. Auf einem Schemel in der Mitte stützte ein mittelgrosser Mann nahe den Vierzig den glattrasierten, ausdrucksvollen Charakterkopf dumpf in die Hände. Sein gefurchtes und leidenschaftliches Antlitz mit der Hakennase, den grossen, grauen Augen, dem bitteren, starkfaltig ausgeprägten Mund erinnerte an einen älteren Provinzmimen. Aber die unzähligen Furchen auf der Stirn, die grüblerischen Krähenfüsse um die Tränensäcke deuteten auf den Denker. Er blickte auf und fuhr sich heftig mit der hand durch die genialischen, langen, grauen Stirnsträhnen.
„Setz dich!“ sagte er. „Es ist heiss hier. Im Sommer. Im Winter um so kälter. Linda und ich frieren um die Wette!“
„Kriegt ihr denn keine andere Wohnung?“
„Wir?“ Der Photograph lachte wild auf. „Für Unverheiratete, mein Sohn, gibt es möblierte Zimmer. Aber in getrennten Häusern. Sonst kommt der Hausverwalter!“
„Ach so!“
„Da kann ich zehnmal auf dem Wohnungsamt feierlich vor Gott und den Menschen erklären: ‚Linda und ich sind ein freies Paar! Wir leben in Kameradschaftsehe!’ Der Beamte blättert: ‚Ich finde da nur eine unverehelichte Luise Knieriem, die bei Ihnen als Assistentin angestellt ist!’ Hier oben lassen einem die Banausen wenigstens ungeschoren! Was bringst du? Viel Zeit hab’ ich nicht! In einer halben Stunde kommen die Adelphen!“
„Verbessert ihr immer noch die Welt?“
„Es tut not!“ sagte der Mann mit dem verwüsteten Charakterkopf leise und fest. Aus dem Atelier rief Linda mit ihrer scharfen Kehle: „Wegen mir können die Brüder“ — sie sagte mehr: „die Brieder“ — „kommen!“
Sie hatte die photographischen Apparate beiseitegerückt, Stuhl, Tisch und Wasserglas darauf hingestellt und aus ein paar Plättbrettern über Stühlen zwei Reihen Sitzbänke hergerichtet. Sie streifte ihren weissen Atelierkittel ab. Ein Sonntagnachmittag-Kleid aus himmelblauem Crêpe de Chine veränderte plötzlich ihr Menschenbildnis. Der hauchdünne Stoff verfloss mit dem mondän frisierten Kopf darüber zu einem Ausschnitt neurer Berliner Eleganz der unteren Hunderttausend. Sie wirkte in ihrer interessanten Blässe fast damenhaft, als sie über die Schwelle trat. Man sah jetzt erst, wie schlank und flott sie gewachsen war. Sie blickte selbst befriediat auf das Faltenspiel des halbdurchsichtigen Gewebes um ihre Knie nieder.
„Richtige, lange, dünne gerade Filmbeine — was?“ sagte sie stolz unbefangen. „Du, Männe: Ich geh’ jetzt in die Englische Stunde!“ Sie reichte Alfred die Hand. „Nicht schlecht braun gesotten is er! Du hast natürlich heute wieder ’n ganzen Tag mit deiner Kleinen auf dem Wasser gelegen?“
„Das ist keine Kleine, sondern eine Lehrerin der Kleinen! — Ein Studienreferendar!“
„Verzeihung! Ich wollte der Iräfin-Braut nich zu nahe treten!“ Linda ging. Sehr leichtfüssig. Schmalhüftig. Schmalschulterig. Sehr bewusst Nur ein schwacher Parfümhauch blieb von ihr in der Luft übrig
4
Friedrich Giebisch, der Photograph, blickte seiner freien Frau nach. Ein andächtiges Leuchten lief über seine gefurchter, vom Lebenskampf verwüsteten Züge, wie Sonnenschein über ein Schlachtfeld.
„Diese Seele hab’ ich gerettet!“ sprach er feierlich. „Das versöhnt mit manchem in Dasein! Wenn ich denke, woher sie kam..“
„Gott — ‘ne Bolle aus der Invalidenstrasse!“ sagte der Bruder ziemlich gefühllos.
„. . . der Vater ein Säufer, die Mutter lungekrank, sechs Kinder in der Kellerwohnung . . . Mit vierzehn Iahren Laufmädel in einem Abzahlungsschäft im Osten.s Dann an den Hausvogteiplatz — mitten in die Konfektion . .“
„. . da krabbelte sie sich doch schon in die Höhe . .“
„Frage mich nicht, wie . . . . — . . . .:Tippen und Kurzschrift und Buchführung hat sie ja in der Zeit im Fortbildungsunterricht mit der ihr eigenen Energie gelernt! Aber sonst . . . . Ich kam diesem Kind als ein Erlöser! Ich riss sie aus den Klauen eines dicken Ranonchefs, neben dem sie auf seinen Einkaufsreisen verwilderte.“
Der Merschenfeind schloss halb die Lider. Er summte, still lächelnd, andächtig vor sich hin.
„Sie war ein Kind des Volks und schön!
Sie trug das Glück in kalte Höh’n . . . . .“
Dann schlug er mit der Fraust auf den Tisch, jugendliches Feuer in den Augen.
„Aber auch ich habe sie dafür in die höheren Regionene des Lebens getragen! Ach — das tut einem einsamen Menschen wie mir wohl, einem Menschen etwas zu sein! Es füllt erst mein eigenes Ich! Sie ist so willig — so dankbar! Sie lechzt ja nach Bildung!“
„Ietzt treibt sie Englisch?“
„Ja. Es ist rührend von Herrn Höltl — an seinem freien Sonntagabend! Herr Höltl ist der Damenfrieseur unten im Hause. Er hat sich erst vor kurzem selbständig gemacht. Er war lange Frieseur auf einem Llonddampfer nach New York. Daher sein Englisch. Linda lernt da ‘ne Masse! Aber — Herrgott . . . “ Ein Blick auf die Uhr. „. . . die Adelphen! . . Du wolltest was? Mach’s kurz, Alfred!“
„Also: die Linda ulkte da eben mit ihrer Berliner Schnauze über meine Gräfin-Braut! Gräfin ist Unsinn. Aber Braut — das stimmt! Wir wollen Heimlich heiraten, Fritz!“
Der Photograph hörte mit einem sardonischen Zucken der Mundwinkel zu. Als der Iüngere geendet, umspannte er mit seinen grossen, trockenen, nervös heissen Händen dessen braune Sportfaust. Sein Charakterkopf legte sich in feierliche Furchen:
„Tu’s nicht, Alfred! Wozu? Mahce es wie ich! Lebe in freiem Bund!“
„Nein. Das wollen wir gerade nicht!“
„Warum nicht?“
„. . . weil wir uns dafür zu lieben!“
„Liebe ist Feriheit!“ sagte langsam durch die Dämmerung Friedrich Giebisch, der Photograph. „Sie ist eine innere Notwendigkeit. Sie duldet keinen äusseren Zwang. Und Ehe ist die höchste Liebe. Also ist Ehe höchste Freiheit! Deswegen heirate ich nicht: Aus Ehrfurcht vor der Ehe! So, wie ich unter dem Wort ‚Ehe’ den Bund zweier Menschen verstehe!“
„Weisste — das ist mir zu hoch!“
„Seit zwei Iahren lebe ich jetzt mit Linda zusammen. Ich könnte mich jeden Augenblick vor ihr trennen. Ich tue es nicht. Ich werde es nie tun. Gerade weil ich fessellos bin, bin ich gebunden — durch höhere Gewalten als der Bürokrat auf dem Standesamt und das Bürgerliche Gesetzbuch, das für eine Hnpothek auf eine Seigenfabrik gut sein mag, aber nicht für die letzen Dinge dieser Welt!“
„Und die Rinder? . . . “
„Haben wir welche?“
„Nein. Aber wenn alle so denken, stirbt die Welt aus!“
„Wäre das ein Unglück?“ Der Menschenverächter stützte den Kopf in die Hand. „Dann stirbe sie in Schönheit!“
„Nein — auf diese Rutschbahn im Lunapark folge ich dir nicht! Dazu bin ich nicht gelehrt genug — für deine Spintisierereien!“ Der junge Kaufmann lachte. „Ich will heiraten und ‘ne richtiggehende Frau haben und Kinder und ‘mal Enkelkinder, damit ich Weiss, wofür ich mein Leben lang schufete und wem ich ‘mal das grosse Vermögen, das ich mir sicher zusammenkratzen werde, hinterlass’!“
„Siehst du — das ist’s: Du denkst rein wirtschaftlich!“ Der Weltverbesserer sties dem anderen leidenschaflich den gereckten Zeigefinger vor die Brust. „Du bist genau wie unser Schwager, der verfluchte Vögeding! Dem sein fauler Witz: ‚Je Dollar, je besser!’ ist kennzeichnend für den ganzen Mann. Na — mich sieht der Gemütsmensch nicht mehr wieder!“
„. . . weil er dich in seiner gemütlichen Art gefragt hat, ob die Gemeinde Dalldorf wirklich ihren Namen geändert hat, wie du von ihm Geld haben wolltest . . . “
„Nicht für mich, sondern für die Adelphen!“
„Na eben! Adelphen ist doch Griechisch? Das heist doch, Brüder’ — sagst du? . . . Otto Vögeding und brüderliche Liebe — der Witz ist gut!“
„Na — und du? Bift du anders? Du denkst wie all ihr smarten jungen Kerle jetzt nach dem Krieg denkt: Geld machen und ‘nen neuen Hut für die Frau und ein Auto auf Abzahlung: Schluss! Pudelwohl fühlt ihr ein Auto auf Abzahlung: Schluss! Pudelwohl fühlt ihr euch in einer Welt ohne Götter! Halbe Amerikaner seid ihr und wisst nicht, dass Deutschland ein Geist ist!“
„Na — — und du?“
Ein Strich der mächtigen Hand drüben quer durch die Luft.
„Ich leugne alles! Alles!“
„Auch ‘ne Beschäftigung!“
„Du warst zu jung! Du hast den Krieg nicht mehr mitgemacht!“
„Hast du jemals die Front geziert?“
„Ich war vier Jahre Krankenpfleger im Lazarett!“ sagte Friedrich Giebisch grüblerisch. „Wenn das alles möglich war, was ich in den vier Jahren mit diesen Augen gesehen hab’, dann haben alle Grundlagen der menschlichen Gesellschaft versagt. Dann müssen wir die Welt aus dem Schutt heraus auf einer ganz neuen, freieren und sittlicheren Ordnung wiederaufbauen. Deswegen lebe ich Kameradschaftsehe. Deswegen habe ich die Gemeinschaft der Adelphen gegründet. Da nebenan kommen übrigens schon die ersten . . . . .“
„Dann willst du also auch nicht unser Trauzeuge sein?“ Alfred Giebisch erhob sich.
„Warum nicht? Was schiert mich fremde Torheit? Wenn du wüsstest, wie menschlich veredelt es ist, nicht verheiratet ze sein — ‚wenn du frei sein kannst, so gebrauche dess doch viel lieber!’ steht schon in der Schrift . . . “
„Sei so gut und missbrauche nicht auch noch die Bibel — ja?“
„Aber sei rücktändig — renne in dein Unglück! Mein Bratenrock ist noch gut! Ich erscheine zu deinem Begräbnis! Ich meine: auf dem Standesamt.“
„Danke! Und zu Linda kein Wort! Nicht wahr?“
Alfred Giebisch ging. In dem dämmerigen, kahlen Atelier versammelte sich auf den Holzbänken schon die Gemeinde. Er konnte den paar Dutzend stiller Gesichter nichts Besonderes ansehen. Es schienen alles kleine Leute — Handwerker — ältere Frauen — ein Strassenbahnschaffner — ein Briefträger — einige junge Menschen, die wie Studenten und Studentinnen aussahen. Als er die Treppe hinabstieg, hörte er schon von oben die leidenschaftlich dröhnende, blutwarme Predigerstimme seines Bruders. Er schüttelte den Kopf, kettete unten sein Rad los und fuhr Davon, dem Berliner Zentrum zu.
5
Dort, in der kleinen Strasse nahe dem Alexanderplatz, sass Änne Bender, die Studienreferendarin, mit ihrer Mutter zusammen im Wohnzimmer. Es war ein noch ganz altmodischer Raum, mit einem weissen Kachelofen und bläulichem Gasstrumpflicht von der Decke. Aus den vier Fenstern der Gartenwohnung der Ausblick auf zwei lebensmüde Birken im Vorderhof. Auf dem Tisch am Febster, an dem Änne mit gesenktem Blondkopf in ein Heft schrieb, brannte eine Petroleumlampe. Ihre Mutter sass hinten im Zwielicht auf dem Wandsofa und strickte. Mitten in der Stube trug ein Rundtisch zwei schwarzeingerahmte Photographien — zwei lustige junge Leute in Feldgrau — blutjung — fast noch Rnaben — der eine 1918 gefallen am Kemmel, der andere nachträglich erst 1919 in Rurland. Aber die beiden Söhne waren nicht tot. Sie gingen seit vielen Iahren neben der Mutter weiter burchs Leben.
„Du — Änne —“, sagte die verwitwete Sanitätsrätin sinnend nach langem Schweigen, „ich glaube, der Paul ist jetzt dicht am Amtsrichter!“
„Na sicher, Mutter — bei seinen Gaben!“
Änne Bender sann über den nächsten Satz in ihrem Heftchen. Sie trug jetzt, nach des Tages Hitze, ein jungenhaftes, gestreistes Pnjama und hatte eine Zigarette im Mund. An den feinen, weissen Fingern blühten zwei rote Tintenfleckchen.
„Ach Gott — und der Emil jetzt bald als Baurat! . . . as könnte Häuser geben, Kind!“
„Na — kolossal!“
Das Kritzeln der Feder. Das Klappern der Nadel. Iregendwo da draussen wehte der Wind um flandrische Gräber und kurischen Sumpf.
„Korrigierst du Hefte, Änne?“
„Nachher! Jetzt führe ich mein Tagebuch!“
„Ich möchte nur wissen, was du jeden Tag so Merkwürdiges hineinzuschreiben hast!“
„Ich fetze mich mit mir und meiner Stellung zur Welt auseinander!“ Änne Bender neigte grüblerisch das hübsche Profil, in dem die Nase neugierig, erwartungsvoll gegen das Leben, ein bisschen als Stupsnase, hochging, dicht über das Papier.
„Ich Weiss nicht — zu meiner Zeit — Änne — da nahm sich ein junger Mensch nicht so furchtbar wichtig . . . “
„Es gibt nichts Wichtigeres als den Menschen, Mutter!“
„Aber es kann sich doch nicht um jeden Menschen die Welt drehen!“
„Jeder Mensch ist die Welt!“
„Kind — Kind — wir haben doch auch gelebt!“
„Wir leben vielleicht einfacher als ihr!“ Änne wandte nicht den Kopf beim Schreiben. „Aber wir leben schwerer. Denn wir müssen uns unseren Weg durch das Leben selber suchen! Wir erben ja nichts von euch.“
„Nun mach’ auch noch Vorwürfe..“
„Ich meine doch nicht, dass Vater mitten im Krieg gestorben ist und wir unser Geld nachher in der Inflation verloren haben! Aber vor uns liegt lauter Neuland. Wir müssen uns Deutschland und das Leben erst neu entdecken, wie der Kolumbus Amerika! Glaub’ mir: die Besseren unter uns machen as sich nicht leicht!“
„Wenn man euch nur helfen könnte . . . .“
„. . . nur indem man uns zu verstehen sucht! Ich suche mich selber ja auch erst zu verstehen! Deswegen geb’ ich mir in dem Tagebuch Rechenschaft — nicht aus Grössenwahn, sondern aus Verantwortungsgefühl. Das gab’s zu deiner Zeit nicht. Da hat man uns das alles abgenommen. Aber dann war auf einmal der Kladderadatsch da . . und nun . . . Herrgott — da bimmelt’s!“
Der Studienreferendar sauste in drei Jagdsprüngen hinaus, warf sich draussen ein Mäntelchen über Jacke und Hose und flog der dunklen Gestalt auf der Schwelle in die Arme. Küsse. Stille. Endlich:
„Na — Alf — was hat dein Bruder gesagt?“
„Mies hat er gemacht!“
„Der muss es ja wissen! Dem seine sogenannte Ehe . . . “
„Aber er hilft uns trauen!“
„Na — Gott sei Dank!“
„Er hat’s auch nicht leicht im Leben! Er macht sich’s noch unnötig schwer! Er käme ja nie zu was! Herrgott: Wenn ich nur mal ordentlich Spielraum hätte im Leben!“
„Ja — wenn . . wenn . . Und dem Bruno schreibst du! Auf den kann man sich verlassen — als Trauzeugen! Uff! — Wie, Mutter? Störe jetzt nicht! Herr Giebisch steht hier draussen!“
„Ich hab’ nämlich ‘ne Idee! . . Wozu hab’ ich denn eigentlich ‘ne Schwester, die an einen Schwerverdiener wie den Vögeding verheiratet ist?“ Der braungebrannte, hochgewachsene, lederne Kraftfahrer beugte den dunklen Krauskopf zu dem blonden Haupt nieder. Die schwarzen Augen flackerten hoffnungsvoll in dem verwegen lächelnden, bartlos-energischen Gesicht. „Ein Federzug von dem Kerl und ich bin gemacht! Weisst du: Ich geb’ meinem Herzen einen Stoss und such’ doch mal den teuren Schwager heim! Jetzt gleich — ehe es mich reut — und frage ihn, ob er wirklich an ‘ner Kraft wie mir vorübergehen will!“
„Der wird dir ‘was malen! Der geniesst schon längst die Familie seiner Frau nur aus angemessener Entfernung! Das weisst du so gut wie ich!“
„Er hat mich ja seit vier Jahren nicht mehr gesehen! Vielleicht imponiere ich ihm jetzt!“
„Ein ganzer Kerl bist du!“ Änne musterte ihn mit andächtig zusammengelegten Händen. „Schön bist du. Das muss dir der Neid lassen. So denk’ ich mir die alten Griechen! . . Aber ob das auf den hartgesottenen Sünder wirkt? — Deinen Grips kann er dir doch nicht ansehen!“
„Ich probier’s!“
„Aber doch nicht in dem ledernen Wildwest mit den Ölflecken und dem Staub?“
„Ich zieh’ mich fix daheim um!“
„Also . . . Wie, Mutter? Nein: Herr Giebisch kann nicht ’reinkommen und mit uns Tee trinken! Er muss fort! Also in Gottes Namen, Alf! Ich bin skeptisch!“
Alfred Giebisch lief mit dem letzten Kuss auf den Lippen die Treppe hinab und fuhr davon. Die Fläche vor dem Stettiner Bahnhof kribbelte Schwarz von heimkehrenden Ausflüglern. In hundertfachem, eintönigem Grau standen endlos lang die alten Häuser der Invalidenstrasse. Eine Türe ging, in einem von ihnen, unmittelbar auf den Treppenabsatz. Das war seine Bude. Drinnen langte er in Eile seinen graukarierten Sonntagnachmittagsanzug aus dem Schrank — der kurze Rock knapp auf Taille gearbeitet, die Hose so scharf in der Bügelfalte gekniffen, dass sie fast von selbst stand. Er trat prüfend vor den Spiegel. Er sah im Glas den grossen, kräftigen Jungmännertyp des Deutschland nach dem Kriege, der in seiner angelsächsischen, bartlosen, sportlichen Gepflegtheit alle früheren Unterschiede von Rang und Beruf verwischte. Er öffnete auf dem Treppenabsatz mit einam Drücker die Flurtür neben seiner Stube, zur Zweizimmerwohnung seiner Eltern.
„Ich futtere heute nicht daheim, Vater!“
Der alte Giebisch hob im Sitzen, hinter einem Wust von Schriftstücken, den gesträubten, weissen Kakaduschopf. Über der Hakennase und dem weissen Spitzbart funkelten in dem feinen, rosig gefältelten Gesicht die hellblauen, unruhigen Augen. Er war klein und zart von Gestalt, aber sehr beweglich für seine Mitte der Sechzig.
„Mutter is doch noch aus Potsdam retour!“ sagte er heiter und schon mit einem Schwung die Papiere zurück. „Siehste mir nichts an, mein Sohn? . . . Mit euch jungen Kerlen is ja nischt los! Hoho — wenn wir Alten nicht wären! . . . Wenn det halbwegs jlückt — mit der Transaktion —, dann bin ich in den nächsten Tagen Aufsichtsrat!“
„Vater — lass doch das ewige Projektemachen! Das ist je Mumpitz!“
„So?“ Der Alte zuckte belustigt und überlegen die Schulter. „War ich schon ’mal Millionär oder nicht — hä?“
„’n papierener, Vater! In der Inflation! Das waren viele!“
„Haben wir nich ’ne Reise in die Schweiz jemacht — damals, die janze Familie? . . . hab’ ich nich ’ne pikfeine Villa jemietet . . hab’ ich euch Jungens nich zwei Jahre ’nen Hauslehrer jehalten?“
„. . . bis plötzlich die Stabilisierung ausbrach!“
„. . . mach’ ich’s eben künftig mit der Deflation! Ich komm’ wieder hoch!“ Der alte Giebisch nickte siegesgewiss. „Wenn der Mensch einmal im Leben schon so weit war . . . “
„Na ja — Armut macht nicht immer glücklich!“ sagte der junge Mann. „Aber manchmal denke ich, es wäre besser gewesen, wir hätten gar nicht erst Blut geleckt mit dem Geldverdienen, sondern das kleine Drogenlädchen von vor dem Krieg behalten, statt dass du in der Kohlrübenzeit mit deinen Ersatzmitteln . . . “
„Hast du nicht selber als Bengel geholfen, die Millionen bündeln?“ rief der Alte triumphierend. Seine blauen Augen leuchteten.
„Ja. Und das geht mir heut’ noch nach! Da hat man nun, mit dem Hauslehrer damals, ’n bisschen Manieren gelernt und ’n bisschen Bildung! Nun ist man nicht zufrieden! Nun will man immer höher hinaus!“
„Wart’ nur, bis ich in den nächsten Tagen wieder mang die Jründer jehe!“ Der alte Giebisch warf feurig den weissen Kakaduschopf ins Genick. „Na Mutter? Endlich! Wat — ‚schon wieder Luftschlösser!’ sagste? Nur für’n Jroschen Jeduld! Wie war’s denn in Potsdam?“
„Die Herrschaften waren so jnädig!“ Mutter Giebisch war noch atemlos vom Treppensteigen. „Sie, die alte Exzellenz, hat mir die Hand jedrück und jesagt: ‚Das vergesse ich Ihnen nicht, liebe Giebisch, dass Sie zur Taufe meines Enkelchens gekommen sund!’ Und ick hab’ fast jeweint und jesagt: ‚Wenn man dreissig Jahre in den hohen Häusern in Berlin und Potsdam als Kochfrau gekocht hat, dann verlässt man die Herrschaften auch im Unjlück nich! Denn kocht man wieter für sie, mit Gott für König und Vaterland!’. .“
Mutter Giebisch setzte sich. Sie war auch schon sechzig. Aber sie blühte rundlich, mit rotem, vollem Gesicht, in dem guten schwarzseidenen Kleid, das einen leisen Kampfergeruch verbreitete.
„Die jnädige Frau Jräfin Tochter und andere hohe Damens sind in die Küche jekommen und haben mir die Hand jejeben. Und der alte Herr Jeneral selber mit all seinen Orden. Und die alte Exzellenz war janz jerührt und hat jesagt: ‚Das ist doch noch eine alte treue Seele von rechtem Schrot und Korn!’ Und ick hab’ jesagt: ‚Ick versteh’ nichts von Politik. Ich bin ’ne alte Person! Ich bleib’ da, wo ick mein Leben lang jestanden hab’!’. . “
„Recht hat sie! Politik ist Quatsch!“ rief der alte Giebisch. „Det Jeld — is es! . . Heirate du dich nur mal hübsch warm ein, Alfred, in ein flott jehendes Jeschäft. Witwe ohne Anhang, mit Vierzimmerwohnung.“ Der Alte schnalzte geniesserisch mit der Zunge. „Schau’ nur, Mutter: Wenn der Bengel so dasteht — in der feinen Kluft — auf den müssen ja die Mächen fliejen!“
„Wie’n Jraf!“ Seine Mutter faltete mütterlich gerührt die herdroten Finger.
„Ach wat, Jraf! Mehr! Wie einer im Kino, wenn er so nongschalang vor seinem Schloss in sein Auto steigt . . . Wo willste heute abend noch hin? Was — zum Vögeding?“ Der Alte schnellte in die Höhe. „Na — mich sieht mein Herr Schwiegersohn nich mehr! Dat weiss ich!“
„. . . weil er dir durch das Mädchen hat hinaussagen lassen, er hätte die Blattern, wie du ihm mit deinen wilden Geschäften Tag und Nacht keine Ruhe gelassen hast! . . und er sei wegen wichtiger Sitzungen für den Rest des Jahrhunderts nicht mehr zu sprechen!“
„. . . sowenig wie für den ewig klammen Friedrich! Jhr habt den Vögeding ganz kopfscheu gemacht mit dem Geschnorre!“
„Hat er unsere Tochter zur Frau oder nich?“
„Na — jrüss’ die Käte!“
„Jedenfalls geh’ ich mal zu ihm in den Löwenkäfig!“ sagte Alfred Giebisch. „Gute Nacht!“
6
Draussen, im äussersten Westen Berlins, suchte Alfred Giebisch, vom Bahnhof Hohenzollerndamm her, beim Laternenschein in der breiten Prunkstrasse die Hausnummer seines Schwagers. Die sechs grossen ebenerdigen Fenster rechts in dem ragenden Mietspalast waren hell.
„Was? Herr Doktor Vögeding nicht daheim?“ sagte er zu dem öffnenden Dienstmädchen. „Liebes, verehrtes Fräulein — das Hamburger Häubchen steht Ihnen übrigens reizend — Sie gehen vielleicht heute noch über die Halensee-Brücke . . . Schade dann um so viel Schönheit und Jugend!“
„Es ist schon Uhrer zehne abends! Herr Doktor reist um Mitternacht nach Hamburg!“
„Und das sagen Sie so fristig? Lächeln Sie doch ’mal ’n bisschen! Ich bin überzeugt: Sie haben ein Paar Grübchen! Na — sehen Sie: ich auch! Ja — wir beide . . . Also — sagen Sie der gnädigen Frau, ihr Bruder Alfred sei da!“
„Nee! Denn geht’s nicht!“ Die Hausangestellte strich sich misstrauisch die Schürze glatt.
„Warum sind Sie eigentlich noch nicht beim Film? Bei Ihrem Äussern? Also melden Sie Frau Vögeding, es sei ein schöner, junger Mann draussen! Ihnen gefiele er . . . “
„Ich darf doch nicht!“
„. . . und Sie könnten seiner netten Art, zu bitten, nicht widerstehen . . . “
„Na — Sie sind aber auch einer!“ Das Mädchen lief halblachend, mit rotem Kopf, nach hinten. Gleich darauf kam von dort, mit weichen, leisen, Fast lautlosen Bewegungen, eine dunkeläugige, junge Frau. Sie war ein paar Jahre älter als ihr Bruder, mittelgross, vollschlank, in dunklem Kleid. Ihre vollen, runden Wangen waren blass, und ebenso blass der weiche, herzförmig geschnittene Mund. Um den spielte, als die beiden sich im Boudoir gegenübersassen, ein stilles, melancholisches Lächeln.
„Du hast wieder deine alte Anziehungskraft auf das weibliche Geschlecht bewährt!“ sagte sie mit ihrer sanften und umflorten Stimme. „Die Anna hat eigentlich von meinem Mann strikten Befehl, niemanden des Namens Giebisch in die Wohnung zu lassen. Der Vater und der Friedrich haben ihn zu sehr mit ihren Geldforderungen gequält. Für aussichtslose Sachen gibt Otto nun mal nichts! Dazu ist er zu sehr Geschäftsmann!“
„Ich will ihn auch gar nicht anpumpen!“
„Gott sei Dank! Dass ich die Eltern besuche und aus meiner Kasse unterstütze — dagegen hat der Otto ja nichts. Nur er will ungeschoren sein! Heute ist er leider Gottes noch ungemütlicher als sonst! Erstens hat er grässlichen Ärger im Geschäft, so das ser aus heiler Haut mit dem Nachtschnellzug nach Hamburg muss, und zweitens seit einer Stunde auch noch plötzlich Zahnweh. Ich warne Neugierige, Alfred!“
„Ich kann ihm nicht helfen! Nun bin ich schon mal da!“
Die junge Frau lachte plötzlich leise. Es belebte ihr sanftes Gesicht. Sie sah viel hübscher aus. Nur unter den langen, dunklen Wimpern blieb der resignierte Ausdruck der Augen.
„Worüber amüsiert du dich denn, Käte?“
„Heute nachmitttag hab’ ich euch, vom Auto aus, auf der Spazierfahrt mit Otto, auf der Chaussee gesehen!“ sagte die Schwester. „Ihr standet neben eurem Verhältnisrad. Du — die ist ’mal nett! Ich gratuliere!“
„Ein herrliches Mädchen . . . “
„Ihr habt’s gut! Ihr seid frei!“ Käte Vögeding wandte den dunklen Bubischeitel nach der Türe. Ein achtjähriger, kleiner, blauer Matrose rannte rabiat über die Schwelle, das Fräulein atemlos hinter ihm her.
„Ungebärdig ist er wieder, gnädige Frau! . . . Er sollte ja längst im Bett sein! Aber der Herr Doktor kann sich ja nicht von ihm trennen! Hermännle — sag’ schön gute Nacht!“
„. . . auch dem Onkel Alfred da!“ mahnte die Mutter. „Das ist ein wirklicher Onkrl!“
„Kommste aus Amerika, Onkel?“ Das Hermännle sass auf Alfreds Knien. „. . . . weil du noch nie da warst . . . “
„Ich komme von weit — weit her — aus Berlin!“
„Haste mir nichts mitgebracht?“
„Das nächste Mal! Meine Koffer sind noch nicht da!“
„Biste vorausgeflogen? . . . Au fein! Der Pappi fliegt auch bald ’mal mit mir! Pappi! Pappi! . . . “
Das Hermännle glitt von den Knien des Gastes herunter und stürzte nach der Portiere zum Nebenraum. Sie wurde mit zwei heftigen Rucken nach rechts und links geteilt. Otto Vögeding stand auf der Schwelle, ein gedrungener, breitschulteriger Vierziger, mit einem Ansatz zum Embonpoint, grosse Glatze, die Zigarre schief im Mundwinkel, Ungeduld auf dem glattrasierten, rötlich gedunsenen Gesicht mit der energischen, kurzen Nase und den starken Kiefern.
„Wo bleibt denn zum Kuckuck ver Wagen, Käte? Ich werde mit der ewigen Bummelei von dem Krause noch den Zug versäumen!“
„Du hast noch reichlich Zeit, Otto!“ sagte Käte Vögeding leise und scheu. Sie stand auf. Ihr Mann duckte sich in den Knien. Plötzlich strahlten seine herrischen Züge. Er breitete die Arme aus und fing das herantrabende Hermännle auf und schwenkte es begeistert hoch in die Luft und betrachtete es liebevoll von unten.
„Wo ist denn mein Kommerzienrätle — wo ist es denn?“
„Alleweil hoch über den andern, Pappi!“
„Erst kommt wer?“
„Ich!“ krähte das Hermännle aus der Höhe.
„Und dann?“
„Lange nix!“
„Recht so! Du bist mein Kommerzienrätle!“
„Er verzieht den Jungen masslos!“ sagte die junge Frau zu ihrem Bruder. „Ich kann nichts dagegen machen. Ich bin die reine Nebenfigur.“
Das Hermännle verschwand geräuschvoll an der Hand der Houvernante. Otto Vögeding blickte ihm zärtlich nach und griff sich dann an die Backe.
„Das Zahnweh wird immer toller! Natürlich ausgerechnet am Sonntagabend, wo weit und breit kein Zahnarzt — und wenn — nee — muss der Mensch auch noch gerade die Nacht durch nach Hamburg! Wenn sie mich dort morgen in der Sitzung belämmern . . . “
„Dich, Otto?“ Die junge Frau lächelte nur bei dem Gedanken.
„. . . dann ist mein hohler Zahn daran schuld!“ Otto Vögeding sah jetzt erst, dass noch ein dritter in dem dämmerigen Zimmer war. Er runzelte die Stirne. „Wen hast du den da, Käte?“ Er trat forschend mit schweren Schritten, die Zigarre in der Hand, näher. „Kenn’ ich ja gar nicht!“
„Doch, Otto!“ sagte seine Frau bittend und ängstlich.
„. . . und beinahe zu nachtschlafender Zeit . . . da bin ich doch neugierig!“
„Mein Bruder Alfred. Du hast ihn vier Jahre nicht gesehen, Otto! Ich weiss: Es ist dir nicht recht! Aber er hat sicher etwas sehr Dringenes. Er will kein Geld, Otto!“
„Ist er krank?“
„So seh’ ich aus!“ Alfred Giebisch’ braunes Gesicht lachte über dem grauen Sonntagnachmittagsanzug.
„Krank? Wieso — Otto?“
„Na — ’n Giebisch, der kein Geld will!“ Otto Vögeding zuckte freundlich-brutal die Achseln. Er setzte sich, steckte die Hände in die Hosentaschen und streckte die Beine aus. Dann musterte era us seinen kleinen, hellgrauen Augen, unheimlich-gemütlich lächelnd, den Schwager.
„Na — nimm schon Platz! Du siehst merkwürdig ansändig aus — für einen Giebisch!“
„Otto . . . “
„Na ja, Käte! Segen, dass ich auch bei Zahnweh sonniger Laune bin!“ Otto Vögeding sah nach seiner Taschenuhr. „Zehn Minuten hab’ ich Zeit! Nicht ’ne Sekunde länger . . . Betörend wirkt der Knabe! Findest du nicht auch, Käte?“
„Ja. Aber spiele nicht mit ihm, wie der Kater mit der Maus! Ach — ich kenn’ dich doch, Otto!“ Käte Vögeding sagte es gepresst und schnell und ging leise aus dem Zimmer. Ihr Mann seufzte.
„So wird man verkannt! Sogar von der eigenen Frau! Dabei bin ich ’n Mensch wie ’n Kind. Nur das eine: Ich bin Patentvertreter! Das weisst du.“
„Ein ganz grosser sogar!“
„. . . und nicht ’n Anwalt für finanzielle Schwulitäten kleiner Leute! Verstanden — ja?“ Es klang kurz und scharf. „Nicht so ’ne Pumpstation, wie auf den Dörfern, wo jeder kommt und seinen Tank — will sagen seine Taschen füllt! Das voraus — in aller Freundschaft! Nun schiess also los!“
7
Der Patentvertreter Otto Vögeding sass und drehte in den Tiefen seines Klubsessels die Daumen über der gewölbten Weste, die Zigarre schief zwischen den sarkastischen Lippen. Seinem Gast hatte er nichts zu rauchen angeboten. Der junge Mann langte sich aus dem Kasten eine Zigarre, entzündete sie und began zwischen den ersten Zügen:
„Offen gestanden, Schwager: Du bist mir ein Rätsel! Das wollte ich dir schon lange ’mal bei Gelegenheit sagen! Du bist ja reineweg mit Blindheit geschlagen! Merkst du den das nicht?“
Otto Vögeding nahm überrascht die Havannah aus dem Mund und schaute sein Gegenüber so schweigend und aufmerksam an, wie ein Irrenarzt einen bedenklichen patienten!
„Höflich ist es ja nicht von mir, dir das so unumwunden zu Gemüt zu führen. Aber du bist ja ein Mann, der die Wahrheit verträgt!“
„Immer munter so weiter!“ sprach der hausherr.
„Du giltst doch für so smart! Vor zehn Jahren noch ein kleiner Rechtsanwalt ohne Kundschaft! Und jetzt . . . “
Otto Vögeding griff nach dem Telephon neben ihm, horchte hinein und sagte gleichgültig in den Trichter:
„So? Eben kabeln die Amerikaner, dass sie in den Patentsachen von Wieses Erben nicht nachgeben? Schön. Also Kampf! Mir recht! In Wieses Erben stecken Millionen! Wie mir’s geht? . . . Lustlos! Zahnweh! . . . Langweiliger Mensch vor mir im Klubgestühl! Nacht!“ Er hängte ab. „Nu aber gefälligst zur Sache!“
„Du bist doch Familienvater!“ Alfred Giebisch streifte die Asche seiner Havannah ab. „Kannst du den das wirklich vor Weib und Kind verantworten?“
„Was den?“
„. . . dass du derart an deinem Glück vorbeigehst?“
„An welchem?“
„Na — an mir!“
„Der Kerl ist klassisch!“ Otto Vögeding faltete die Hände über dem Bauch.
„Ein kommender Mann von meinen Qualitäten! Dabei, als nächster Verwandter, absolute vertrauenswürdig! Ich versichere dich, mein lieber Otto — wer in Berlin die Verhältnisse kennt, versteht dich einfach nicht!“
„Aber sonst fühlst du dich wohl?“
„Ich spreche lediglich in deinem Interesse! Du bist ein älterer Herr zu Anfang vierzig. Du bist kurzatmig. Du rauchst Dreimännerzigarren! Du hast dir in den letzten zehn Jahren so viel zugemutet wie andere Zeit ihre Lebens. Du brauchst Entlastung! Eine mit Energie gelaene junge Kraft! Bitte, hier! Beiene dich!“
„Hast du öfters so Anfälle?“
„Ich sage das nicht wegen mir. Ich hab’ das nicht nötig. Ich stehe gross da — in bester, ungekündigter Position — in einem glänzend aufgezogenen Betrieb. .“
„. . . den Strömich und Merz demnächst warden liquidieren müssen! Und du vertrittst dir dann in Berlin die Beeneken, aber nicht mehr Plauener Tüll!“ Otto Vögeding lächelte mit grausamen Behagen. „Glaubst du, ich müsste das nicht? Ich weiss alles! Gott erhalte dir deine Unschuld!“
„Aber ich habe deine Laufbahn verfolgt!“ setzte er nach einer Weile hinzu. „Du hast das Geschäft hier in Berlin und den umliegenden Dörfern ganz amerikanisch organisiert, viel zu grosszügig und modern für die altmodische Firma!“
„Also . . . da bin ich!“ Alfred Giebisch sprang empor. Er sah unter sich im Klubsessel das energische Geschüttel einer überlebensgrossen Glatze.
„Nee — nee! Du bist mir viel zu gerissen, mein gutester Alfred! So viel grips brauche ich gar nicht. Den hab’ ich selber! Ich brauche Leutchen, die Order parieren, aber nicht mir in die Karten gucken!“
Otto Vögeding stand etwas mühsam auf.
„Denn so’n ekelhafter Kerl wie ich“, sprach er. „Es setzt ja gleich Krach zwischen uns! Und du gehst hin und gründest ein Konkurrenzunternehmen! Danke für Obst!“
„Also nicht!“
„Nee — nee — bleib’ mal noch! Du hast dich ’rausgemacht in den vier Jahren. Du gefällst mir! Hör; mal zu! Ich bin nämlich ’n Gemütsmensch! Man sieht’s mir nur nicht so an! Ich will’s deiner Schwester zuliebe tun, die sich immer grämt, dass ich nichts für euch übrig hab’, und feurige Kohleb auf dein Haupt sammeln, obwohl es deine Familie wahrhaftig nicht um mich verdient hat! Gemeiert habt ihr mich, seinerzeit. . als Schwiegersohn. .“
„Mit der Käte? Das ist denn doch. .“
„Die Käte in Ehren! Die Käte aus dem Spiel! Aber ich war, wie du vorhin so warmherzig betont hast, vor zehn Jahren ’n Jurist, der froh war, ’mal als Schneeschipper ’nen warmen Löffel zu versienen! Nu dein Vater mitten in der Inflation . . . Villa draussen im Vorort . . . Auslandsreisen . . . Hauslehrer . . . Hausangestellte . . . Ich hab’ mir gedacht: Da heiratest du ein! Da kriegst du den Wuppdich unter deine zerrissenen Stiefelsohlen! Da springst du hoch! Jawoll! Es sind viel Leute an der Grippe gestorben. Aber mehr noch an der Rentenmark!. . . Eines schönen Tages Schluss! Wie ich den ersten blauen Vogel auf eurem Klavier gesehen hab’, da wusst’ ich genug! Aber da war’s zu spat! Die Käte und ich schon ein glückliches Paar!“
„Lass das doch!“
„Hab’ ich das nicht getan! Hab’ ich mir nicht aus eigener Kraft meinen Weg gemacht? Hab’ ich es die Käte je entgelten lassen? Nie! Wo werd’ ich denn die Käte kränken? Sie hängt ja so an mir! Sie geht ja ganz in mir auf! So eine weiche, stille, zarte Seele!“
„Ja. Sie ist rührend, wie sie dich so auf die Dauer aus halt!“ sagte der Schwager. „Aber was das mit mir zu tun hat . . . “
„Ich besteche meine Mitmenschen nicht durch Schönheit!“ Otto Vögeding gähnte. „Ber dir ist das was anderes! Du bist ein junger Mann, wie ihn sich die Weiner heutzutage in ihren kühnsten Träumen vorstellen! Siehste — mein Sohn: Da geht dein Weg. .“
„Wohin?“
„Ich will dir dabei mit der Käte in Gottes Namen behilflich sein! Tanzt du perfekt? Hast du ’nen anständigen Frack? Smoking? Ja? Dann kannst du künftig bei mir im Haus verkehren. Bei mir gehen viele Leute aus und ein. Ich komme in alle Kreise. Wetten, dass sich da ’was an Weiblichkeit findet, das Feuer fängt? Was machst du denn für ein Gesicht?“
„Du must jetzt nach Hamburg, Schwager . . . “
„Hübsch und jung natürlich . . . Kannste verlangen! Aber dass es dir nicht geht wie mir, sondern dass die Jungfrau dick wattiert ist, die ich dir zuführe . . . “
„Ich will dich jetzt nicht länger aufhalten . . . “
„. . . das lasse ruhig meine Sorge sein . . . Nu läuft der Mensch nach der Türe. . Alfred . . . ’ne Vernunftehe ist doch das einzig Wahre!“
„Schönen Dank, lieber Otto!. . . Aber mach ’nen anderen damit glücklich!“
„So hör doch!“
„Ich bin nämlich nicht so! Wirklich nicht! Grüss die Käte! Gute Nacht!“
„Verrückt!“ sagte Otto Vögeding, al ser allein war. Dann laut, in einem Zornausbruch: „Käte!. . . Käte!“
„Ja. Ja!“ Die junge Frau stürzte angstvoll beflissen über den Flur.
„Du hast ’ne ungesunde Familie!. . . Herrott — wo ist den meine Mappe!“
„Hier! Ich hab’ sie ja, Otto!“
„Meine Handtasche — zum Donnerwetter!“
„Ich trag’ sie ja schon zum Wagen!“ Das hausmädchen lief.
„Wo ist den der Wagen? Wo steckt denn wieder der Krause! Ich werde ihn noch einmal . . . Ach so — da steht er ja!. . . Kuss, Käte! Herrgott —hab’ ich Zahnweh! Los! Lehrtet Bahnhof! Ich komm’ in ’ner netten Stimmung nach Hamburg! Die sollen sich wundern!. . . Bande!. . . “
8
Der Schlafwagenschaffner wunderte sich, dass der Herr aus dem Mittelabteil 7/8 erster Klasse gleich nach der Ankunft des Zuges in Hamnurg austieg. Es war doch noch nicht sechs Uhr morgens. Der Herr konnte ruhig bis acht Uhr im Wagen bleiben. Aber Otto Vögeding winkte dem Schaffner übellaunig ab, dann einem Träger. Er ging zu Fuss, langsam, schwerfällig, durch die morgenhellen, noch leeren Strassen in das Hotel und liess sich von dem verschlafenen, alten Nachtportier ein Zimmer geben. Er stand übernächtig vor em Spiegel. Er sah darin einen müden Mann — grau die Haut — gross die Glatze — schlaff die Züge — Tränensäcke — ein Vierziger erst — aber ein stark verbrauchter Vierziger, dem man auf zehn Schritt die verkümmerte Nachtruhe ansah — nur fünf Stunden im Schlafwagen. Er gähnte. Er spürte einen leichten Schwindelanfall. In letzter Zeit öfters. Die Nerven — sagte der Doktor. Die ewige Tratmühle . . . Er setzte sich ärgerlich, die Zigarre im Mund, ein Blatt Geschäftsnotizen in der Hand, den Zwicker vor den Augen, in die Badewanne. Durch die Wärme des Wassers wurde das Zahnweh, das ihn seit dem Abend plagte, noch toller. Mit diesem verdammten Gebohre in der Backe war man um meun Uhr in der Konferenz wegen der patente von Wieses Erben, der reine Waisenknabe — ein Spielball für dir Yankeegruppe. Er zog sich an und fuhr hinunter zum Portier. Der Nachtgreis wiegte den Grauschädel.
„Jetzt schon ein Zahnarzt? Das soll wohl schwer sein! Und in nächster Nähe! Tja: Da probieren Sie am besten bei Frau Dehnert — gleich um die Ecke!“
„’ne Zahnärztin?“ Otto Vögeding runzelte in tiefem Misstrauen die Stirn.
„Die hat mehr zu tun als mancher von den Doktors!“
„. . . und ist so früh schon, meinen Sie . . . ?“
„Die ist so Frisch! Die ist längst auf den Beinen!“
Otto Vögeding läutete an einer Türe, auf de rein Schild: „Irma Dehnert, Dentistin“, befestigt war. Ein siebenjähriges Mädelchen mit einem Rattenschwänzchen von Blondzopf öffnete und rief nach hinten:
„Irma! Da s—teht ein Mann mit einem hohlen Zahn!“
„Ist das deine Schwester, die mir den Zahn . . . ?“
„Nein. Die Mutti!“
„Und zu der sagst du ‚Irma’?“
„Oh — wir s—tehen alle so gut miteinander!“
Aus einer Stube, in der Kinderstimmen schrillten, kam vergnügt lachend, sehr beweglich, eine kleine, zarte Frau im Morgenrock, wenig über die Mitte der Zwanzig. Sie hatte einen vollwangigen, braunen Bubenkopf und musterte aus glänzenden blauen Augen den Patienten.
„Punkt neun beginnt das Vergnügen!“ sagte sie. „Um die Zeit haben Sie Sitzung? Sie müssen jetzt gleich . . . ? Aber so früh am Tag hab’ ich Räuberpreise! Da bin ich unans—tändig teuer! Danke!“ Sie nahm mit ihren spitzen Kinderfingern den Hundertmarkschein von der Seitenkommode. „S—timmt! Bitte!“
Das quecksilberne Persönchen öffnete geschäftig eine Türe, fuhr flink in einen weissen Kittel, breitete ein Kopftuch auf den Lehnstuhl.
„Nehmen Sie Platz! Und s—tellen Sie sich nicht an! Männer sind doch so wehleidig — nöch?“
„Sie halten nicht viel von uns Männern?“
„Meine Neugier ist schin lange ges—tillt!“
„Aber Sie sind doch verheiratet?“
„Witwe! Seit zweieinhalb Jahren! Seidem habe ich mich selbständig gemacht. Es geht ganz gut — nöch? Aha — da ist der Verbrecher! Der Dritte oben rechts!“
„Au!“
„Sie hätten längst zum Zahnarzt müssen! Keine Zeit? Aber für die Börse — da hatten Sie Zeit!“
„Au!“
„Ja. Dat help nu nich! Das ist nu die Strase!“
Die feinen Finger handhabten geübt die Bohrmaschine. Die Dentistin trug um die Stirn geschnallt ein elektrisches Lämpchen. Otto Vögeding sah von unten ihr prall erhelltes, sachlich ernstes, rotwangiges Kindergesicht.
„Männer sollten von Männern behandelt warden!“ Er ächzte. „Wollen Sie denn nicht wieder heiraten?“
„Nie wieder Krieg!“
Irma Dehnert stopfte die Backentasche ihres Patienten voll Watte. Sie life zum Telephon und sprach hinein:
„Nachmittags zum Kaffee? Ich s—taune! Zwölf Stunden habe ich heute den Tag über zu tun — bis in die Nacht! Eben ziehe ich schon einem Herrn die Zähne. Er kann sonst nicht an der Börse s—pekulieren — nöch? Zum Abendbrot? Ja! Aber die ganze vierköpfige Horde — ich und meine Brut! Und schickt euern Wagen! Ich kann uns kein Taxi leisten!“
„. . . trotzdem Sie so viel Patienten haben?. .“ sagte Otto Vögeding, als sie wieder zu ihm zurückgekehrt war.
„Kommt alles auf die Bank! Für meine Gören!“
„Sie sind ja mit Leidenschaft Mutter!“
„Ich bin berühmt dafür! Gott sei Dank sin des lauter Mäels. Wir sind so gemütlich unter uns!. . . So. . nun sind Sie vorläufig zurechtgedoltert!“ Die kleine Frau wusch sich die Hände. „Ich habe Ihnen zunächst eine Gummi-Einlage gemacht. In ein paar Wochen — wo sind Sie den her?“
„Tragen Sie es mir nicht nach: aus Berlin!“ Otto Vögeding lachte. Aber es kostete ihn Mühe, sich zu erheben. Seine Beine schwankten.
„Gott — Berlin!. . . Na ja . . . also in ein paar Wochen kann dann Ihr Berliner Zahnarzt das weitere . . . Was ist Ihnen den? Igittigitt! Sie taumeln ja . . . “
„Mir ist so komosch!“ Otto Vögeding hielt sic him Stehen an der kleinen, zarten Person im weissen Kittel neben ihm fest. „Das Zimmer dreht sich um mich!. . . Ich bin die Nacht durchgefahren und habe wegen dem Zahnweh nichts gefrühstückt, sondern nur schwere Zigarren auf den leeren Magen geraucht . . . .“
„Dann müssen Sie fix was in den Magen kriegen! Kommen Sie ’mal da nebenan!“
Die kleine Frau geleitete hilfreich, wie eine Krankenschwester, den grossen, schweren Mann, ihn mit den flachen Hänen unter den Ellbogen stützend, in das anstossende Zimmer.
„Hurra! Die Irma!“ riefen drei kleine Mädchen, die da am Frühstückstisch sassen uns Milch tranken.
„. . . dass ihr mir den Onkel nicht auslacht, ihr kleinen Dübels!“ Irma setzte ihren Pflegling auf einen Stuhl. „Das kann jedem mal passieren! Sogar uns!“
Es klang wie ein mitleidiges ‚und nun gar den Männern!’ Sie füllte ein grosses Glas mit warmer Milch. „Das haben Sie wohl zum letztenmal genossen, als Sie ges—tillt wurden? Helpt nich! Nur ’runter! Das belebt! So. Sie sehen gleich viel schöner aus!“
„Mir ist auch schon wieder wohler!. . . . Das ist allerdings das erste Mal, dass ich Milch trinke . . . “
„. . . und dass ein Mann hier mit am Tisch sitzt — hu!“ sagte Irma mit grossen Augen zu ihren Kindern.
„Wir brauchen teine Männer!“ lallte das kleinste Dreijährige, das noch in einem Holzstühlchen thronte, und leckte an seinem Schieber.
„Wir s—tehen auf uns!“ pflichtete die Fünfjährige neben ihm bei. Und die Älteste, die Siebenjährige, schmierte Butterbrote und verkündete:
„Man muss s—tärker sein als das Schicksal!“
„Das hat die Ilse von mir aufgeschnappt!“ versetzte die kleine, zierliche Mutter. Sie war plötzlich ernst geworden. „Das hab’ ich mir oft als Mut zugesprochen — nach dem Tod meines Mannes. Wenn man über Nacht allein das—teht, kaum vierundzwanzig, mit drei winzigen Bälgen, und ohne Geld — Die Hauptsache ist: Kopf hoch — nöch?. . . Ich hab’s gewagt und auf eigene Faust die Praxis fortgeführt. Und der liebe Gott hat das ja nun auch richtig vers—tanden! Nu sind wir über’n Berg! Wat, min Töchtings?“
„Ja, Irma!“ schrien die Kinder. Otto Vögeding stand auf und drückte die Hand der Dentistin, die fast in der seinen verschwand.
„Sie sind ein ganzer Kerl!“ sagte er. „Nun will ich nicht länger stören! Schönen Dank! Und alles Gute! Ich bin ein zuwiderer Kerl! Aber Ihnen gönn’ ich’s!“
9
Der Patentanwalt Vögeding ging flotteren Schrittes, als er gekommen, eine Melodie summend, nach dem Hotel zurück. Seine massig-bauchige Gestalt wiegte sich jugendlich in den Schultern. Sein rötlich-gedunsenes, bartloses, sattes Gesicht lächelte sonnig. Das Hotel war inzwischen aufgewacht. Die Tagportiers am Werk. Er frug den einen:
„Sagen Sie mal: Ihr Nachtrat hier hat mir da ’ne blendende Zahnärztin empfohlen — gleich da um die Ecke . . . “
„Frau Dehnert? Ja — die kann was!“
„Sie ist Witwe?“
„Ja. Der Mann war auch Zahnarzt.“
„Woran ist den der gestorben?“
„Der? Der hat sich doch seinerzeit erschossen!“
„Nanu? Weswegen denn?“
„Es war da so was Sittliches!“ Der Portier sah sich um und dämpfte die Stimme. „Mit ’ner Patientin — in der Narkose . . . “
„Was Sie nicht saagen . . . “
„Stand alles in der Zeitung. Wie nun ’s Gericht — draussen im Hafen haben sie ihn morgens tot gefunden. Hinterher kamen noch mehr so böse geschichten heraus. Es war ein schöner Mann. Ich seh’ ihn noch vor mir!“
„Und die Frau. .?“
„Die ahnte von nichts. Die hat das alles erst nachträglich erfahren. Ja — das war wohl ein Schlag.“
„Aber nu hält das kleine Frauenzimmer die Ohren steif?“
„Die lute Dehnert? die lässt sich nicht unterkriegen! ’Morgen, Herr!.“
Otto Vögeding frühstückte auf seinem Zimmer und empfing, mit den starken Kiefern kauend, leutselig den mit einer Mappe hereinschlüpfenden dicken, kleinen Herrn.
„Na — Joëlsöhnchen — gleich geh’ ich mit Ihnen zur Sitzung! Wie mir’s geht? Sehen ja! — Tässchen gefällig? Nicht? — Jüngling mit lockigem Haar! Das heist: die Locken . . . .“ Er strich sich mit der breiten, grossen Hand über die Glatze. „Hauptsache: was daruntersteckt!. . Wir wollen heute ’mal den kindern aus New York in die Suppe spucken!“
„So einfach ist die Sachem it den Wieseschen Patenten ja nun nicht!“
„Nee. Der alte Wiese — na — also wie er Anfang dieses Jahres starb, da hab’ ich mich gefragt: was hat er denn nur wieder damit bezweckt? Sehen Sie: So war der Mann! Ein kniffliges Köppchen! Ehrbarer Kaufmann. . Prima . . . Primissima! Aber wissense: Er vernebelte gern seine Geschäfte! Recht hatte er! Aber nu dürfen wir hinterher seine Pokerkarten ordnen! Zustand! Sie! Ich muss noch ein Stück Nagelfleisch essen! Ich hab’ ’nen Hunger . . . “
„Vor ein paar Stunden hätten Sie mich sehen sollen!“ Otto Vögeding zündete sich eine Zigarre an. „Mies — sage ich Ihnen! Wie? Nee — Zahnweh! Nu die Amerikaner! Aber da um die Ecke wohnt ’ne kleine Person — die hat mich glänzend plombiert. Eine Frau Dehnert . . . “
„Kenn’ ich nicht!“
„Sollten Sie aber! Gehen Sie ’mal hin und lassen Sie sich ’nen Zahn anbohren — rein nur zum Spass! Lernen Sie sie kennen. Lohnt sich!“
„Sind Sie jetzt fertig mit dem Frühstück?“
„Schon das zweite! Erst ’n Schoppen kuhwarme Milch bei ihr!. . . Drei Sdhreibälge mit am Tisch! Zu nett! Ich bin doch so ein empfindsamer Mensch!“
„Wollen wir nicht gehen?“
„Die Frau hat’s in sich! Sehen Sie ihr nicht an! Sie sieht aus wie die Schwester von ihren Kindern . . . Klein wie ’ne Puppe! Ober oho!“
„Die Amerikaner . . . “
„. . . sind jetzt gerade ein Fressen für mich!. . Ich bin so sinnig aufgelegt wie ein Preisboxer! Kommen Sie, Joëlsöhnchen!“
Otto Vögeding pfiff falsch, aber laut: ‚Auf in den Kampf, Torero!’ Und kramte seine Papiere zusammen. Zehn Minuten darauf glich in dem Konferenzzimmer sein Antlitz einem winterlichen Gletscher, seine Faust ruhte geballt auf dem grünen Tisch, seine Stimme kollerte in rauhem, stossweisem Englisch.
„Nichts wäre schwieriger, Gentlemen, als einen verträglicheren Menschen als mich zu finden! Abe rich sitze hier zu meinem ernsthaften Kummer nicht als Menschenfreund, sondern als Vertreter der Wiese’schen Erben. Wie Sie wissen, war der verstorbene Geheimrat Balthasar Wiese, Dr.-Jng., Dr. jur. h. c. und so weiter und so weiter — nicht nur eine finanzielle Kapazität ersten Ranges, sondern auch ein hervorragender Techniker, der es — ich darf mich wohl so ausdrücken — durch die Vermählung schöpferischer Phantasien mit angewandter Wissenschaft vom einfachen Schlosser zum vielfachen Millionär gebracht hat!“
„Seine letzte epochale Entdeckung“, Otto Vögeding rauchte heftig, „nämlich die Konzentrierung der in Benzin, beziehungsweise Benzol enthaltenen wirksamen Kraftstoffe zu einer trockenen Pulvermischung, die, in Patronen mitgeführt — etwa eine Patrone auf hundert Liter Wasser — einen erstklassigen Betriebsstoff für Motoren darstellt — nun, gentlemen — Wasser gibt es überall und umsonst!“ Ein Faustschlag auf den Tisch. „Das heist nichts Geringeres, als dass wir künftig in der Lage find, im Auto tausende von Kilometern zurückzulegen, ohne uns mit Benzinmengen zu belasten und von Benzinstationen abhängig zu sein!“
„Hört! Hört!“ rief der Rechtsanwalt Joëlsohn mit hoher, dünner Stimme.
„. . . und diese Patente sind wir entschlossen, mit Nägeln und Zähnen zu verteidigen! Sehen Sie hier eine blütenweisse Piquéweste! So rein ist unser Gewissen! Darüber hilft Mr. Thompsons drüben — wie ich mit Schmerz sagen muss: zynisches — Lächeln nicht hinweg. Aber“, Otto Vögeding faltete treuherzig ie Hände und zwinkerte gewinnend mit den kleinen, schlauen Augen, „ich hoffe als Christ und Geschäftsmann, dass sich noch heute vormittag die Neue und die Alte Welt über diesen Tisch hinüber die Hände reichen warden!“
„Na — dann also nicht!“ sprach er, al ser mittags das Beratungszimmer verliess, zu dem Rechtsanwalt Joëlsohn. „Mir auch, offen gestanden, lieber! Ich bin immer mehr für frischen, fröhlichen Krieg, wie man in Friedenszeiten so schön sagte. Wird ja ein Rattenkönig von Prozessen! Hundearbeit? Wie? Ich fahre mit dem Mittagszug nach Berlin. Gepäck schon am Bahnhof. Ich esse nur jetzt irgendwo hier ’nen Happen! Machen Sie mit? Keine Zeit? Schade! Ich hätt’ jetzt gern ’nen Menschen! Also ruhen Sie sanft!“
Der Patentvertreter Vögeding schlenderte allein durch das Menschengedränge weiter, langsam, in Gedanken, mit einem unruhigen Gesicht und einem glücklichen, zerstreuten Lächeln. Auf der anderen Seite der Strasse ging rasch und fest ein mittelgrosser, junger Mann zu Ende der Zwanzig, vom Äusseren eines Landwirts, in grauer Joppe, die Jagmütze in der Hand. Sein glattrasiertes, strenges Antlitz war so tiefbraun gebrannt, dass es hart wie Erz aussah. Darin flackerten zwei helle blaue Augen. Der Stoppelkopf war blond. Aber er schien durch die Bronzetönung der trotzigen Züge flachsfarben. Der junge Mann sah herüber und dann gleichgültig wieder weg. Otto Vögeding steuerte breitneinig über den Fahrdamm auf ihn zu.
„Hallo — Bruno!“
Der vom Lande hörte nicht. Der andere stellte ihn. „Haste mich denn nicht gesehen?
„Doch!“
„Und stiefelst an deinem eigenen Schwager vorbei?“
„Haben wir uns den ’was zu sagen?“ frug der junge Mann kurz. Er hatte eine eigenwillige, kantige Stirn und dünne, feste Lippen.
„Herrjeses — saagen! . . sagen! Ich möchte jetzt gerade nicht allein sein! Ich bin so ’ner Stimmung! Komm! Frühstück’ mit mir!“
„Danke!“
„Na — was haste denn gegen deinen armen ollen Schwager? Wir beide haben doch niemals miteinander Krach gehabt!“
„. . . weil ich nie ’was von dir gewollt hab’!“
„Richtig! Deinen Vater hab’ ich abwimmeln müssen! Deinen Bruder Friedrich. Gestern ist mir auch noch dein Bruder Alfred durch die Lappen gegangen! Du bist der weisse Rabe in der Familie Giebisch! Was haste denn jetzt vor, Menschenskin?“
„Kunstdünger kaufen! Deswegen bin ich von Holstein herein!“
„Mein Sohn: Der Mist läuft dir nicht davon!“ Otto Vögeding schob gemütlich seinen Arm unter den des Bruders seiner Frau. „Sei doch kein Frosch! Los!“
„Wir sprechen zwei verschiedene Sprachen!“ sagte der junge Landwirt schroff. „Ihr redet vom Dollar und wir von Deutschland! Ihr seid zufrieden, wenn es Deutschland wieder gut geht!“
„Na — und wenn alle immer nur so in hohen Tönen denken wollten, wie du und deine Freunde . . . “
„Deutsch denken wir, weil wir Deutsche sind . . . Ihr seid auch Deutsche! Aber ihr denkt nicht daran! Auf die Art kommen wir nie wieder hoch!“
„Da ist ’ne Porterstube!“
„Deswegen haben ernsthafte deutsche Kerle wie wir nichts mit euch zu schaffen!“
„. . . und werden es nie zu was bringen, Kind Gottes!“
„Darauf kommt’s auch ’nen Dreck an! Ich sorge nicht um mich!“
„Kunststück! Als Junggeselle.“
„Das kann man eben Menschen wie dir nicht begreiflich machen!“
„Verbiestert! Verbiestert! Ihr seid mir schon die Rechten — Du und deine Fanatiker! Glaub’ mir: Ein gesunder Egoismus hält die Welt! Komm, mein Jungchen! Wir redden da drinnen bei ’nem Stout und Steak nur von Lenz und Liebe!“
Otto Vögeding schob väterlich den Schwager die Kellertreppe hinab. Der junge Mann vom Lande liess sich schweigsam von ihm mit Spiese und Trank bewirten. Dann hob er misstrauisch die heissen, blauen Augen vom Hummer.
„Du bist heute so merkwürdig menschenfreundlich, Otto!“
„Ja. Man hat so Tage! Man fühlt sich allein! Piksolo auf der Welt! Da nimmt man mit dem Ersten, Besten vorlieb! Ach — Stuss: allein! . . . Knie’ dich nur in die Austern, mein Sohn!“
„Kommst du nicht zuweilen nach Berlin? Na also!“ Otto Vögeding zündete sich die zehnte Zigarre dieses Tages an und reichte dem Landwirt in versöhnlicher Stimmung Feuer. „Dann lass dich ’mal bei uns sehen! . . . “
Plötzlich schlug seine Laune in Wehmut um. Er beugte sich über den Tisch und flüsterte geheimnisvoll-vertraulich hinter der hohlen Hand:
„Aber es ist langweilig bei uns! Das sag’ ich dir gleich! Die Käte, deine Schwester, ist so still! Sie sitzt da und schweigt und sieht einen liebevoll an. Sie hat mich ja so lieb. Sie ist mir so dankbar für alles. Rührend ist die Frau. Aber sie ist still! Sie rankt sich um einen. Man kann sie kneten wie Wachs. Man hat keinen Halt. Herrgott — man ist doch auch nicht mehr der Jüngste!“
Otto Vögeding starrte in den Zigarrenrauch. Er sah plötzlich älter aus, verfallen . . .
„Da war heute früh . . . “ sagte er langsam.
„Was war heute früh?“
„Da hatt’ ich tolles Zahnweh! Nun ist’s vorbei! Ich fühle mich wie ein Jüngling!“ Der Patentanwalt lachte und stand elastisch auf. Er gab dem Schwager die Hand. „Höchste Eisenbahn für mich! Also du trittst ’mal in Berlin bei uns an! Nimm vorlieb! Still ist die Käte eben. Still.“
10
„Fräulein Bender: Sie werden am Telephon verlangt!“
„Wie?“ Die blonde Studienreferendarin, die sic him Lehrerinnenzimmer mit zwei jungen Kolleginnen während der Vormittagspause Tee kochte, hob die Hand ans Ohr. Der Kinderlärm, der durch dir sommerlich offenen Fenster aus den Höfen des Mädchenyzeums heraufdrang, war betäubend.
„Ihr Schuhmacher will Sie sprechen, Fräulein Bender!“ trompetete Fräulein Mannskopf, die Schul-Sekretärin, mit ernstem Gesicht, in dem nur die Mundwinkel zuckten.
„Ach so!“ Änne Bender federate mit der Schnellkraft der Turnlehrerin im Nebenamt von ihrem Stuhl, bezwang sich und wandelte sanft und zart, mit weiblich-weichen Bewegungen zum Apparat, ein kühles, abwehrendes Lächeln unter der zierlichen Stupsnase auf dem schmalen Gesicht. Sie horchte und nickte freundlich.
„Also nach zwölf schicken Sie mir heute die besohlten Schuhe? Danke!“
„Wie heisst denn Ihr Schuhmacher, Bender?“ schrie Fräulein Schraudt harmlos durch den Spektakel im Hof. Die kleine Mannskopf neben ihr flötete mit einer ganz hohen, durchdringenden Unschuldsstimme:
„Können Sie mir nicht seine Adresse geben? Ich brauch’ neue Absätze!“
Änne schob nur eigenwillig und etwas verächtlich die Unterlippe vor und glättete sich scheinbar zerstreut vor dem Spiegel mit der Hand den blonden Bubi-Scheitel. Das Schrillen der Schulglocke überhob sie der Antwort. Das Geschrei auf dem Hof verwandelte sich in ein hundertfaches Füssegepolter auf den Treppen. Die Schulvorsteherin, die Studiendirektorin Fräulein Meinhold, steckte ihren kurzgelöckelten Graukopf durch den Türspalt. Sie war eine sehr energische Dame, wohlbeleibt, atemlos vom ewigen Umtrieb, aber geschäftig-guter Laune wie immer. Eher einer rührigen Familienmutter als einem älteren Fräulein ähnlich.
„Sie haben jetzt Deutsch, Fräulein Bender?“
„Ja, Frau Direktor! Besprechung des Aufsatz-Themas: ‚Mein Sonntagsnachmittag-Ausflug’!“
„Machen Sie es den Kindern nicht zu schwer! Einfache Freude an der Natur! Stilles Vergnügen an jedem Käfer und warum! Wieso lächeln denn die Damen? Ja — ich komme schon!“
„Was weiss denn unser armes Benderchen von Landpartien?“ sagte entrüsted, währens die Direktorin weiter eilte, die Sekretärin zu der Lehrerin Frau Sittegast. Die war schon fünfzig, grau, rund, klein und neugierig wie eine Maus. Sie riss erstaunt die Kinderaugen auf.
„Kommen Sie denn nie ins Freie, liebe Bender!“
„Fräulein Bender sitzt jeden Sonntagnachmittag zu Haus und büffelt an ihrer wissenschaftlichen Fortbildung!“ sagte Fräulein Schraudt feierlich. „Ruderpartien und solchen Schnickschnack gibt es für sie nicht. Dazu ist das Mädchen viel zu ernst veranlagt!“
Die Studienreferendarin Bender tippte nur schweigend und vielsagend mit dem Zeigefinger gegen ihre Stirn und ging hinüber in ihre Klasse.
Das Mädchenlyzeum lag im neuen Westen. Die Studienreferendarin Bender fuhr mittags, nach Schulschluss, einen weiten Weg bis nach dem Alexanderplatz. In dessen Nähe wartete, im Volksgedränge des Bürgersteigs, ein junger Mann. Die Leute gingen achtlos an ihm vorbei. Änne verstand die Menschheit nicht recht. Denn das war doch das Schönste, was man weit und breit sehen konnte — in dem eleganten, grauen Sakko, breitschulterig, über mittelgross — das dunkle Haar — die schwarzen, feurigen Augen in dem sportbräunlichen, lustigen Gesicht. Um die glattrasierten Lippen ein hoffnungsvolles Lächeln. Ein amerikanisches Lächeln. Das keep smiling, das man im Film sah. Wie bei den grossen Amerikanern, die die Welt bewunderte: die Grübchen und den ausdrucksvollen Mund für die Frauen, das energisch darunter gerundete Kinn gegen die Männer. Der heissblütige, brünette Typ.
Die geschäftigen Berliner merkten so was nicht. Doch — jetzt drehten sich zwei junge Mädchen im Vorbeigehen wohlgefällig nach dem Geschäftsvertreter Alfred Giebisch um. Puten . . dachte sich Änne mit einem Stich von Eifersucht. Sie eilte schlank, blond, flüchtig auf ihren Bräutigam zu. Die beiden drückten sich die Hände und traten einträchtig zu dem vergitterten Kasten an der Hauswand nebenan. In dem Aushang des Standesamts war da zu lessen, dass der Kaufmann Alfred Giebisch und die berufslose Änne Bender miteinander die Ehe einzugehen beabsichtigten und dass etwaige Einsprüche dagegen innerhalb von vier Wochen . . .
„Die vier Wochen sind jetzt um.“ Ännes Stimme würgte in Glück und Angst, „und keine Katze hat was gemerkt!“
„Nee! Sie glauben alle fest an ein Verhältnis!“ sagte der junge Mann triumphierend.
„Im Lyzeum auch! Eben heute wieder! Ich lass’ sie meckern!“
„Es kann uns ja vorläufig gar nichts Besseres passieren! Ein unmoralisches Pärchen — das darf sich driest und gottesfürchtig schnäbeln! Da kümmert sich keine Behörde und kein Wohnungsamt und keine Familie darum! Komische Welt!“
„Wir Beide haben eben die höhere Sittlichkeit!“ sagte der blonde Studienreferendar ernst und stolz.
„Die wirkliche geheime Sittlichkeit! So geheim wie möglich — dass niemand was von der Sittlichkeit merkt! Wenn wir so jede Woche ein paarmal vor dem Kasten standen — ein bisschen mulmig war mir doch jedesmal zumute!. . . „dass wir beim Eheschliessen ertappt warden könnten! Ach Gott — Alf — erst mir!“
„Jetzt sind wir so weit! Deswegen hab’ ich dich heute hierher bestellt!“ Der junge Mann zog schwungvoll ein Papier aus der Tasche. „Ich war dieser Tage noch ’mal bei dem Standesbeamten und hab’ ihm begreiflich gemacht, dass wir an einem Sonnabendmittag heiraten müssen, weil unsere Moneten und mein Beruf uns nur eine Hochzeitsreise übers Weekend nach unserem Häuschen am Müggelsee erlauben . . . Der Mann hatte ein Einsehen. Heute früh bekam ich die Zuschrift. Da lies!“
Das dürftige, graue Zettelchen glich in seinem Äusseren etwa einer Steuerrechnung. Aber Änne gab es andächtig, mit feuchten Augen, ihrem Verlobten zurück.
„Alf: übermorgen Mittag um eins!“ sagte sie leise.
„Übermorgen Mittag um eins sind wir Mann und Frau!“
„Man wagt es gar nicht zu glauben, Alf! Es kommt einem so unwahrscheinlich vor!“
„Wird aber!“
„Herrgott — jetzt darf ich aber nur schauen, dass mein graues Schneiderkleid zur Hochzeit fertig wird!“ sagte der Studienreferendar. „Ich muss gleich ’mal in dem Geschäft vorsprechen. Ich hab’ doch so ein schlechtes Gewissen. Ich darf doch das Kleid daheim gar nicht zeigen! Bring’ mich hin, Alf! Es ist nu rein paar Strassen weit!“
Sie gingen nebeneinander durch das Mittagsgewühl der Berliner City. Änne war stumm. Sie wurde langsam bleich. Sie kämpfte mit sich. Sie blieb an einer, gegen den Menschenstrom geschützten Ecke, stehen. Sie rang mit sich. Sie stiess hervor:
„Alfred . . . noch ist es Zeit . . . “
„Zu was denn?“
„. . . . bis übermorgen bist du noch frei!“
„Leider noch bis übermorgen! Ich wollt’, die zwei Tage wären schon ’rum!“
„Überlege es dir!“
„. . . ob wir heiraten sollen?“ frug der junge Mann verblüfft.
„. . . ob du mich heiraten willst! Es liegt ja alles nur an mir! Es dreht sich ja alles um mich. Sogar die erste Idee mit der heimlichen Heirat hab’, glaub’ ich, ich zuerst gehabt!“
„Die ist uns beiden zugleich gekommen — ganz von selber —“
„Aber du übernimmst die Last . . und die Sorge — für die ganze Zukunst! Wenn es doch herauskommt — und ich fliege . . . “
„Flüstere doch nicht solchen Kohl, Schatz!“
„. . . dann hast du mich auf dem Hals . . dann must du den Kampf in Berlin für uns beide aufnehmen! Berlin ist doch kein Kinderspiel . . . “
Unser täglich Brot gib uns heute — donnerten die Lastwagen auf dem Pflaster. Die Fenster klirrten. Die Autos hupten. Die Strassenbahn dröhnte. Ännes zarte, angstvolle Stimme:
„Alf — wird dir das nicht zuviel?“
Im Schweisse deines Angesichts sollst du dein Brot essen! —heulten drüben die Fabriksirenen. Die Radler flitzten. Die Schupos ruderten mit den Armen. Die staubig-heisse Sommerluft zitterte. An en Litfasssäulen umher klebten bis hoch hinauf die grellen Plakate mit amerikanischen Theatersücken, amerikanischen Jazzbands, amerikanischen Girls, amerikanischen Bars. Aner unten schrien die Steine, brauste der Asphalt von deutscher Not, deutscher Arbeit, deutschem Willen zum Leben.
„Alf: wird es dich nie gereuen?“
„Lachbar!“
„Koofen Sie Schnürsenkel, Herr Direktor! Der Vater is arbeitslos . . . .“ Eine Knirpsstimme vom Boden her — weinerlich-weh, Menschenströme darüber hin — Schwarz — flutend — hastig . . . Männer mit Stosskarren . . . Mähren vor Mörtelwagen . . . Rammschläge vom Neubau . . . heisere Rufe . . . die Arbeit . . . die Not . . . Menschen . . . Menschen zu Millionen . . . Millionen in Berlin . . . durch das Rennen und Rasseln und Wimmeln ein heller Ruf: „Röschen! Röschen! Die kleenen Sommerboten!“
Alfred Giebisch kaufte der jungen Frau ein Sträusschen ab und steckte es Änne behutsam in die Hohlhand.
„Da hast du unsere Sommerboten! Für übermorgen! Mehr sag’ ich nicht!“
„Willst du wirklich . . . ?“ Ännes blaue Augen waren nass. Sie fing an zu lächeln.
„Erste Mal, dass du Nerven hast, Annemie! Macht aber nichts!“
„Ach — Nerven!“ Änne Bender steckte sich den kleinen bunten Hochzeitsbusch an und senkte leise, liebevoll ihre Stupsnase hinein. Ihr schmales Gesicht belebte sich in blutwarmem Schein.
„Halt du dich nur an mich, du Schaf . .“
„Nur dir nie zur Last fallen! Nie! Nie! . . . Ich hab’ meinen Stolz!“
„Nu lass ’mal! Also ich hab’ mir das so gedacht: Nach der Trauung Fütterung der Raubtiere — ich meine der Trauzeugen — irgendwo! Verwöhnt sind sie gottlob ja nicht. Unser Verhältnisrad . . . “
„Eherad!“
„Eherad vorher zu deiner Schneiderin! — Ist das hier ihr Haus? Schön! Dort ziehen wir uns um und sausen hinaun nach dem Müggelsee . . . “
„Ach — herrlich!“
„Nun muss ich nur gleich schauen, dass ich meine Herren Brüder zum Sonnabend dingfest mach’!“
„Also es bleibt dabei?“
„Es bleibt dabei — heut’ und in Ewigkeit! Hergott Donnerwetter! Für wen hältst du mich denn?“
„Für den besteb Menschen auf der Welt!“
„Unterschätz’ dich nur nicht! Wer dich kriegt, kann lachen. Der hält, was er hat! Aber feste! Herrgott — da kommt meine Elektrische! Adieu! Adieu!“
11
Am Eingang der mächtigen Mietskaserne im Berliner Norden, auf die Alfred Giebisch zuschritt, hinge in verstaubter Glaskasten: ‚Friedrich Giebisch, Photograph’, voll verblasster Lichtbilder von Brautpaaren, Kindern, Konfirmanden, Weiblichkeit in Sonntagsstaat. Ein paar puppig lächelnde, wächserne Damenköpfe im Schaufenster daneben. Goldbuchstaben auf der Glasscheibe: ‚Eugen Höltl, Damenfriseur. English spolen.’
Herr Höltl lehnte weltmännisch, in blendend weisser Jacke, die Brennschere zwischen Ohr und Krauskopf, in der Tür seinen Geschäfts und plauderte vertraulich mit einer eleganten, schmalschulterigen und schmalhüftigen Damenerscheinung in sommerlich-duftigem, modischem Weiss. Das Berlinische, intelligente, beweglich-hübsche, schwach gepuderte Gesicht der Dame zeihte lachend unter dem weissen Spitzenschirm die weissen Zähne. Alfred Giebisch ergriff ihre sorgfältig gepflegte, schmale, langfingerige Hand.
„Na, Linda“, sprach er wohlwollend zu der freien Frau seinen Bruder, „du wirst jeden Tag noch schöner! Wie machste denn das?“
„Darf ich vorstellen?“ Linda, die sich eben noch vor Vergnügen quietschend mit der flachen Hand auf den Schenkel gepatscht hatte, zeigte die weltläufige Würde einer Empfangsdame. „Herr Höltl . . . Mein Schwager!“
„Eine fabelhafte Linie!“ Der Friseur Höltl drückte dem Anderen verbindlich die Hand, das Auge noch auf Linda. „Diese natürlich Büste — diese langen, schnurgeraden Beine. Ich bin doch Fachmann, Herr . . . Wenn man wie ich jahrelang auf Lloyd-Linien das international Publikum bedient hat . . . Und so ’was ist nicht beim Film!“
„Nee! So wat is nich beim Film!“ sagte Linda hell in unbekümmerter Sprache der Spree. Ihre scharfen braunen Augen kokettierten aus der feinen weissen Puderschicht des Gesichts unter den sorgsältigen Bubiwellen aus dem Topfhütchen. „Aber schick — was?“ Sie drehte sich, mit ausgebreiteten dünnen Armen, wohlgefällig und leichtfüssig, in langen, schmalen Schuhen tänzerisch um ihre eigene Achse. „Alfred — merkst du Herrn Höltl nichts an?“
„Oh — ich werde oft auf meine Ähnlichkeit mit Mussolini angeredet!“ versetzte Herr Höltl schnell und geschmeichelt. Linda nickte.
„Er hat so ’was Neckisch-Italienisches — der kleine Mann!“ Sie war, lang und schlank, einen Fingerbreit grösser als er. Ein Blick auf ihre Armbanduhr. „Gott — ich darf machen! Good bye, gentleman!“
Sie stürmte mit langen, energischen Schritten, jetzt weniger Dame als Laufmädel von einst, die Strasse entlang. Herr Höltl sog den schwachen Parfümhauch hinter ihr in die Flügel seiner römischen Nase.
„Das Englisch, das die Frau am Leib hat, das hat sie von mir!“ sprach er stolz. „Einen Bildungstrieb hat sie — einen Fleiss — nicht zu sagen! Möcht’ man nicht glauben, wenn man sie so sieht! Na — Sie wollen wohl zu dem glücklichen Gatten im Olymp hinauf? Mahlzeit, Herr . . . “
Oben im Atelier waren keine Kunden. Friedrich Giebisch, der Volksphotograph, steckte, al ser Schritte hörte, den hageren, gefuchten Charakterkopf au ser Dunkelkammer. Die langen, grauen Strähnen fielen ihm genialisch-wirr bis in die grauen, grossen Augen, zwischen denen die Hakennase kämpferisch vorsprang. Das bittere Lächeln es Menschenfeinds verzog seine bartlosen, herrisch aufgeworfenen Lippen und wurde plötzlich sonnig, als der Name Lindas fiel.
„Du hast sie unten getroffen!“ Er schritt in seiner mageren Länge, einem älteren Provinzschauspieler gleich, durch das Atelier und langte mit pathetischem Armschwung zwei Strohstühle durch die Luft. „Ja. Sie musste fort. Sieh’: Das ist auch mein Werk! Das macht mich stolz und glücklich!“
„. . . dass sie jetzt am frühen Nachmittag tanzen geht oder so was? Na ja! Sie war doch in grosser Kriegsbemalung und Kledage! Ich glaube, du siehst so ’was gar nicht!“
Ein mitleidiger Blick unter buschigen Brauen drüben.
„Ich habe Linda zu den Zielen des Adelphenbundes erzogen, die ihr alle in eurem sozialen Egoismus nicht versteht!“ Die Stimme des Weltverbesserers klang warm und weich. „Zum Dienst an anderen . .“
„Wem dient die Linda denn jetzt eben, im Schweisse ihres Angesichts?“
„Heiss wird die Fahrt nach der städtischen Anstalt in Wuhlgarten heute schon sein! Und vom Bahnhof noch eine Viertelstunde zu Fuss! Linda hat dort eine epileptische Schwester. Ich gestate es.“ Ein Faustschlag aufs Knie . . . „Ich wünsche es sogar, dass sie das Unglücksgeschöpf, — Sidonie ist ihr Name — man nennt sie Siddy — dass sie diese verblödete Siddy regelmässig besucht. Der Menschheit ganzer Jammer . . . “
„. . . hast du denn da draussen den Wuhlgarten angesehen? Warst du ’mal mit?“
„Ich? Ich kann doch mein Atelier nicht im Stich lassen!“
„Ach so!“
„Du, Friedrich“, began Alfred Giebisch nach einer Pause des Schweigens. „Ich würde an deiner Stelle die Linda doch nicht so allein ’rumlaufen lassen!“
„Fege gefälligst vor deiner Türe! Ja?“ Der Denker warf leidenschaftlich die grauen Strähnen in den Nacken. Die Kampfnatur lohte unter seinen grauen Augenborsten und flackerte über die zerwühlten Züge. „Da gibt’s Kehricht genug!“
„Da ist alles piksauber, mein Sohn. Wirst du gleich vernehmen! Also übermorgen früh photographierst du hier mich und die Änne im Brautstaat — natürlich for Nass — unter Brüdern — und um Punkt halb eins stehst du mit uns auf dem Standesamt!“
„In Gottes Namen! Ich habe es nun einmal versprochen!“ sagte Friedrich Giebisch. „Es ist ja höchst unmoralisch, was ihr vorhabt . .“
„Unmoralisch, wenn wir uns heiraten? Das ist die Höhe!“
„Ihr heiratet heimlich! Ihr fürchtet euch vor den Menschen. Der Mensch soll für das einstehen, was er tut!“
„Herrgott — wenn die anderen Leute nun mal so verbohrt sind!“
„Meine Linda, dies freie Kind, und ich“, der Volksphotograph erhob sich feierlich in seinen mageren, schlotterigen Länge, „wir stehen Hand in Hand offen vor aller Welt. Wir leugnen nicht, dass wir niemals vor dem Altar und vor dem Standesamt gestanden sind . . . “
„Traurig genug! Wo ihr es jeden Augenblick könntet . .“
„. . aber nicht wollen! Weil uns der Höhenflug der Kameradschaftsehe über die Vorurteile der Menge erhebt! Diesen Vorurteilen trotzen wir — als neue Menschen . . “
„. . . wenn ich nur wüsste, was daran neu ist, du alter Schwede!“
„. . . und zu diesem Trotz gehört Mut. Den Mut — den lob’ ich mir! Ihr aber verkriecht euch wie Adam und Eva nach dem Sündenfall! Das Standesamt ist für euch nur der Baum der Erkenntnis!“
„Sind alle deine Adelphen so verrückt wie du?“
„Weiter:“ Der Photograph Giebisch ging mit Siebenmeilenschritten durch das Atelier. Seine zerdrückten Rockschösse wehten. „Wollt ihr künftig zu zweit sein oder zu mehreren?“
„Wir müssen zu zweit bleiben — bis auf weiteres — ob wir wollen oder nicht — Herrgott: — ohne Wohnung — ohne Mödel — ohne . . . “
„Also ihr müsst, was ihr nicht wollt! Wiederum der Widerspruch! Wiederum die Furcht vor den Menschen! Da schau’ Linda und mich an! Wir sind fest entschlossen: Wir gehen ein für allemal Hand in Hand zu zweit durch dies Leben!“
„Und was wird aus der Menschheit?“
„Alles Unglück auf der Welt kommt daher, dass es zuviel Menschen gibt. Und zu wenig Land und Raum und Licht und Luft und Nahrung für die vielen Menschen!“ Friedrich Giebisch machte bedeutungsvoll halt. „Verringere die Zahl der Menschen, und du schaffst die Kriege und die Kohlrübenwinter, die Kellerwohnungen und die Epidemien aus der Welt! Je weniger Menschen, desto glücklicher sind sie! Wer für sein Teil die Menschheit nicht vermehrt, ist ein Wohltäter der Menschheit!“
„Friedrich: dir haben sie seinerzeit den Kopf verkehrt angeschraubt!“
„So wird die freiere Liebe zwischen Linda und mir zur höheren Liebe für die Menschheit!“
„Du hast ganz recht, dass du die Linda nicht da hinaus in ihre Anstalt begleitest!“ Der jüngere Bruder stand auf. „Die sind imstande und behalten dich gleich dort! Weisst du: Früher hat man die Kameradschaftsehe einfach ’n Verhältnis genannt und nicht so grosse Worte darum gemacht! Also ich für mein Teil bin so unsittlich und heirate! Du — da bimmelt’s! Da kommen Leute, die photographiert sein wollen! . . Auf übermorgen!“
12
„Bruno Giebisch, Dominium Niestedt, Post Wittenbeke, Holstein. Tante Fridas Beisetzung Sonnabend mittag ein Uhr. Wir rechnen bestimmt auf dein Kommen. Alfred.“
Alfred Giebisch überantwortete dem Schalterbeamten in dem kleinen Postamt in der Friedrichstadt die Depesche. Hinterher, draussen, ein langsam aufsteigendes, beklemmendes Gefühl in Sommerhelle und Sommerhitze unterm Himmelblau: Nettes Zukunftszeichen, eine heimliche Heirat mit einem erlogenen Todesfall zu bemänteln . . .
Aber man musste die Drahtung dringend machen. Sonst kriegte jetzt, während der Erntezeit auf dem Dominium in Holstein, der Bruder Bruno dort keinen Urlaub.
Ein Stapel Musterkoffer bis auf den Bürgersteig hinaus. Ein Hotel für Geschäftsleute, nahe dem Hausvogteiplatz und der City. Ein Blick des Portiers nach dem Schlüsselbrett.
„Herr Strömich und Herr Merz? Die Fabrikanten aus Plauen? Nummer 107. Sind zu Hause!“
In dem Zimmer, das der Vertreter von Strömich und Merz betrat, sassen seine beiden Chefs gedankenvoll nebeneinander auf dem Kanapee und rauchten. Vor ihnen auf dem Tisch lag ein Haufen Bank-Korrespondenzen. Herr Strömich hob die Glatze. Er war ein munterer, kleiner, dicker Sachse, Speckfalten im Genick, kurze, fette Finger, die er freundlich im Sitzen dem jungen Mann reichte.
„Nu — Sie nenn’ ich ä dicht’gen Gärl! Sie sind ja hell’sch uff’n Damm!“
„Heute früh sind wir erst angekommen!“ Herr Merz sprach ein leises, trocknes, vorsichtiges Hochdeutsch. Er war eine nüchterne, magere Erscheinung von beträchtlicher Länge, eher vom grünen Tisch als von der Klöppelmaschine. „Und bevor wir noch Zeit hatten, Sie zu benachrichtigen . .“
„Ich hörte heute Vormittag bei der Kundschaft von Ihrer Anwesenheit“, der junge Mann setzte sich, „und erlaubte mir, jetzt in der Mittagspause in einer Privatangelegenheit . . . Meine Tante ist nämlich gestorben. Ich bitte für Sonnabend Vormittag um Urlaub!“
„Nu nadierlich — wo wer’n wir nich!“
„Mein Beileid!“
„Danke, Herr Merz!“
Es war ein Schweigen. Alfred Giebisch sass unbehaglich da. Wieder, neben dem braunen Eichenholztisch des Standesamts, Schwarz dieser Schatten eines Sarges . . . Er hob entschlossen den dunklen Kopf. Sein Gesicht leuchtete.
„Ausserdem, Herr Strömich und Herr Merz, halte ich es für gut, wenn ich sobald als möglich hier bei Ihnen antrete und Ihnen über das Geschäft hier berichte! Ich kann ohne Ruhmredigkeit sagen: Ich habe Feuer dahinter gemacht! Das Geschäft marschiert flott!“
„Is bekannt! Nähmen Sie ä Zigarre?“
„Danke! . . . Und das Geschäft ist noch einen enormen Erweiterung fähig! Es muss nur amerikanisch aufgezogen warden — mit intensiver, individueller Bearbeitung der vorhandenen Kundschaft und grosszügigen Reklame für die kommenden . . . “
„Das gostet ä Häbbchen Geld!“
„Ich habe da grosse Pläne, die ich Ihnen entwickeln möchte . .“
„Das Geld — das is das Maleer!“
„Das Arbeiten mit den Banken“, ergriff jetzt langsam Herr Merz das Wort, „Wir sind eben dabei zu kalkulieren . . . “
„Das Bedriebsgabidal . . . “
„. . . das derart hoch verzinst werden muss . . . “
„. . dass nischt üwrig bleibt!“
„Ich wirtschafte es heraus, meine Herren! Lassen Sie mich nur gewähren!“
„Und dazu noch mehr Bankgeld?“ Herr Merz schichtete die Korrespondenz vor ihm zu einem streng methodischen Viereck. „Danke. Mir ist schon warm genug. Im Gegenteil . . Wir dürfen den Bogen nicht überspannen . . . “
„Nur geen zu grosses Risigo!“
„. . . und denken, was Ihnen ja nicht neu ist, Herr Giebisch, sehr ernsthaft daran, unseren Betrieb beträchtlich zu verkleinern!“
„Dann ist meine Arbeit umsonst! Dann lässt sich die Vertretung hier nicht aufrecht erhalten!“
„Das wäre dann auch nicht unsere Ansicht!“
„Ach so . .“
Es war ein Schweigen.
„Ich betrachte so Geschäftssachen immer in aller Kemiedlichkeit!“ began endlich Herr Strömich. „Da sieht man wieder, wie kud’s is, wenn mer hibsch dick is! Es is noch nich aller Tage Abend, Herr Giebisch!“
„Vielleicht können Sie und wir doch beisammenbleiben! Das hoffe ich auch!“ Herr Merz erhob sich und schüttelte dem Vertreter die Hand. Sein Antlitz war ledern.
„EIne so dichtige Kraft!“
„Es wird sich in nächster Zeit entscheiden, Herr Giebisch, haben Sie nur Geduld! Die Verhandlunggen mit den Banken . . . Wann wird Ihre liebe Tante begtaben? Übermorgen? Dann sehen wir Sie also hier morgen früh! Auf Wiedersehen!“
Alfred Giebisch ging in Gedanken, mit gesenktem Kopf, durch das Mittagsgewühl bis zur Wohnunh seiner Eltern. Der Vater lief atemlos auf der Treppe an ihm vorbei, klein, mager, geschäftig, eine dicke Mappe unter dem Arm, ohne Hut, in Eile wie immer. Er warf aufgeregt den gesträubten weissen Kakaduschopf zurück. Der weisse Spitzbart zitterte unter der Hakennase in dem feinen, rosig-gefältelten Gesicht.
„Es is wieder Essig mit dem Aufsichtsratsposten, Alfred! Es wird von allen Ecken gegen mich interigiert! Ich hab’ zu viel Feinde in Berlin!“
„Denen ihre Sorgen möcht’ ich haben, Vater!“
„Aber die Leute kennen Giebisch’n schlecht. Ich mach’ jetzt ’ne janz andere Kiste auf!“ Die blauen Augen des mageren Männchens liefen wie Kreisel! „Halt’ mich um Gottes willen nich uff! Ick hab ’ne Iründungssitzung! Millionensache! Dir jesagt!“
„Habt ihr denn Geld?“
„Jeld sollen wir ooch noch haben? Du bist jut! Wenn ick Jeld hätte, brauchte ick doch nicht zu jründen! Bring’ du mal ’ne reiche Schwiegertochter ins Haus! Dann haben wir Jeld!“
„Sehr richtig, Vater!“
„Na also — munter! . . Kerl wie du . . . Nach dir schlecken sie sich alle zehn Finger! Mahlzeit!“
Und stehenbleibend, vom untersten Treppenabsatz hinauf, schallend:
„Biste der Familie schuldig! Kleen hab’ ick anjefangen! Einmal! war ick schon hoch! Ick schaff’s noch einmal, als oller Mann! Du bist meine Hoffnung!“
Alfred Giebisch zuckte stumm die Achseln und stieg mit hart umwölkter Stirn die Stufen empor. Oben stand die Mutter und erzählte ihm etwas. Er hörte es nur halb.
„Is das nich zu jnädig von der alten Exzellenz?“ Mutter Giebisch strahlt rundlich über das rote, volle Gesicht, die Arbeitshände verklärt gefaltet.
„. . . wo du neulich in Potsdam bei der Taufe gekocht hast?“
„. . . schickt sie mir doch das Bild von dem Enkelchen im Steckkissen! Da schau! Ach . . ich bin janz jerührt! Ich kann mir nicht helfen, Kinders! Ich bin ’ne alte Person! Ich bin für die alte Zeit! . . . Ach Gott — eh’ ich es vergesse: Die Käte hat vorhin den Brief da für dich abgeben lassen durch ihren Chauffeur — unsere nobliche Tochter! Er holt nachher die Antwort!“
Der junge Mann überflog die flüchtigen Zeilen seiner Schwester. „L. A. Ich möchte Dich dringend in einer Angelegenheit, die mich betrifft, möglichst noch heute Abend sprechen! Bitte komm, wann Du willst! Ich bin allein zu Haus. Gruss. Käte.“
„Ich muss jetzt ins Geschäft, Mutter!“ sagte er. „Also, wenn dem Vögeding sein Chauffeur erscheint — ich lasse der Käte sagen, ich würde heute nach dem Abendbrot, so gegen neun, bei ihr draussen sein!“
13
Der reiche Raum am Hohenzollerndamm lag im Dämmerlicht einer einzigen, mannshohen Stehlampe. Ihr roter Florschirm tönte Käte Vögedings weiches, rundes Gesicht mit blutwarmem Leben. Sie drehte den dunklen Bubenkopf nach der Tür und reichte mit einam schwermütigen Lächeln um die blassen, vollen Lippen dem eintretenden Bruder die Hand.
„Dank’ dir, Alfred! Setz’ dich! Tee? Nein? Wir sind ungestört. Otto ist auf einmal ins Kino . . . “
„Nanu!“
„Nicht wahr? So ein Kientopf, gleich um die Ecke!“
„Und du bist nicht wenigstens mit ins Vergnügen?“
„Er hat mich gar nicht erst aufgefordert! . . . Nimm dir nur ruhig eine Zigarre! . . Otto qualmt ja auch alles voll!“
„Du bist scheint’s nervös, Käte!“
„Weisst du, was der Otto heute Nachmittag getan hat? Er ist im Grunewald spazieren gelaufen. Zwei Stunden. Sie haben umsonst nach ihm geklingelt!“
„Was ist denn in ihn gefahren?“
„Wenn ich das wüsste . . . “
Kätes leise umflorte und müde Stimme verklang. Eine Weile tickte nur die hohe, friesische Wanduhr durch die Stille. Dann legte die junge Frau mit einer ihrer weichen, fast lautlosen Bewegungen ihre kühle, weisse Rechte auf den Handrücken ihres Bruders. „Wir haben un seine Ewigkeit nicht gesehen, Alfred! Warum bist du denn vor vier Wochen plötzlich abends von hier weggelaufen?“
„Hat es dir dein Mann nicht gesagt?’
„Otto erzählt mir nie mehr ’was!“
„Er hat mich geärgert!“
„Nenn mir ’mal jemanden, den er nicht ärgert!“
„Er hat damit geplänkelt, mich zu verheiraten!“
„Da kannst du aber stolz sein!“ sagte die Schwester. „Das ist bei ihm ein Beweis von ungewöhnlichem Wohlwollen!“
„Ich brauche aber keibe reiche Frau!“
„Eine arme kannst du doch erst recht nicht heiraten!“
„So? Warum denn nicht? He? . . Bitte!“
„Sei doch nicht so aufgeregt, Alfred! Du hast doch nichts!“
„Aber rich verdiene! Nicht zu knapp! Bei Strömich und Merz!“
„Die stehn doch auf der Kippe! Mein Mann sprach erst dieser Tage darüber mite in paar Geschäftsfreunden bei Tisch!“
Alfred Giebisch stand auf und ging stumm und finster durch das Zimmer.
„Und Vater kommt doch nie im Leben mehr zu was, Alfred! Der hinterlässt dir nichts!“
„Was ist denn das überall für ein Unken?“ Der junge Mann machte schroff in der Nähe der Tür halt. „Wo man hinkommt, da unken sie und quatschen von ’ner reichen Frau! Nee — weisst du, Käte — da geh’ ich lieber!“
Käte Vögedings vollschlanke, mittelgrosse Gestalt im einfachen, silbergrauen Strickkleid hob sich füchtig aus dem Sessel. Sie trat geräuschlos auf dem dicken Teppich zu ihrem Bruder. Jetzt, fern von dem trügerischen Licht der Lampe erschien ihr Antlitz mit den grossen, dunklen Augen sehr blass.
„Ich wollte dich doch nicht kränken, Alfred!“
Und dann, mit einem bitteren Zucken um den herzförmig geschnittenen Mund: „Ich hab’ doch die gute Partie gemacht . . . und gönn’ die auch eine!“
„Und wie ist es denn mit dir geworden? Du hängst blind an dem Otto! Du lebst nur für ihn . . . Aber dein Mann betrachtet das ja rein als selbstverständlich. Das ist ein Gemütsmensch. Der lässt sich seine Gefühle nicht anmerken. Allein sitzen lässt er dich — sagst du ja selbst . .“
„Ja. Ganz besonders in letzter Zeir . . . “
„Na — also das geht mich nichts an! Aber dann verschone bitte auch mich mit der Heiraterei!“
„Komm! Setz’ dich wieder!“
„Meinetwegen! Es handelt sich doch nicht um mich! Du hast mir geschrieben, dass du in einer Sache, die dich betrifft . . . “
„Ja. Eben Otto und mich. .“ Käte Vögeding glitt wieder auf den Sessel. Sie strich sich mechanisch die Falten ihres Kleides glatt und starrte verloren in das Licht der Lampe. Dann ein langsames:
„Otto ist in den letzten Wochen völlig verändert!“
„Wie zeigt sich das?“
„Ich existiere einfach nicht mehr für ihn!“
„Hat er viel Geschäfte?“
„Ja. Aber gute. Schlechte macht der Otto doch nie. Das kriegt er doch gar nicht fertig.“
„Ist er krank?“
„Äberarbeitet. Aber das ist er ja chronisch!“
„Und nun behandelt er dich schlecht?“
„Im Gegenteil! Unheimlich mild! Früher — da hat er einen angebrüllt! Gott — da schwieg man! Nachher war er auch wieder gut!“
„Und jetzt?“
„Jetzt kommt er herein und setzt sich und sagt nichts und sieht mich ernst und beunahe kummervoll an.“
„Hast du ihn denn nicht gefragt, was ihm fehlt?“
„Dann antwortet er: ‚’ne Million Dollars’ — oder so ein fauler Witz!“
„Und dann?“
„Dann gähnt er und nickt mir so sonderbar zu und geht in sein Zimmer und arbeitet. Manchmal geht er auch gleich in sein Zimmer und kommt nicht zu Tisch, und wir sehen uns den ganzen Abend nicht.“
„Was steckt denn da dahinter?“
„Das wollt’ ich eben vin dir wissen!“ Käte hob mit einer heftigeren Bewegung als bisher den dunklen Kopf, der sich leise ein wenig rotate. „Du bist doch ein junger Mann und kein Duckmäuser! Du hast doch selbst so eine kleine allerliebste Freundin!“
„Die wollen wir hier aus dem Spiel lassen!“
„Ich meine nur: Du verstehst dich auf so ’was!“ Die weichen Züge der Schwester härteten sich in einer ungewohnten, kalten Spannung. „Erscheint dir das denkbar, dass bei Otto etwas Ähnliches . . . ?“
„Bei deinem Mann?“ Alfred Giebisch musste lichen.
„Antworte bitte ernsthaft!“
„Ausgerechnet der Otto! Das wäre wahrhaftig bei ihm das erstemal!“
„Einmal ist es simmer das erstemal!“
„Er ist doch ausserdem schon im Schwabenalter!“
„Gott . . . “
„Na ja . . Allerdings . . . “
Ein Schweigen.
„Also hältst du es für unmöglich, Alfred?“
„Unmöglich?“ Der junge Mann sann nach. „Möglich ist schliesslich alles. .“
„Ich finde keine andere Erklärung!“
„Aber das wäre ja für dich furchtbar, Käte — wo du so an ihm hängst. .“
„Das Hermännle — das hertz er noch! Sonst ist ihm alles im Hause gleichgültig! Immer sitzt er in Gedanken. .“
„Hast du keine Vernutung, an wen er denkt?“
„Hier in Berlin an keine! Das steht nun einmal fest! Er ist hier viel zu bekannt. Den ganzen Tag unter Menschen. Man kann ihm jede Minute nachrechnen. Ich hätte auch schon längst anonyme Briefe gekriegt!“
„Aber wo sind dann seine Gedanken?“
„Da fragst du mich zuviel!“
Die junge Frau stand an dem halboffenen Fenster und schaute in die laue, dunkle Julinacht hinaus. Der breite Hohenzollerndamm lag leer im Laternenschein. Nur der Wind spielte auf dem Asphalt wie eine unsichtbare Katze mit ein paar Zeitungsfetzen.
„Eben kommt Otto!“ sagte sie.
Der Patentvertreter Vögeding hastete unten auf dem Bürgersteig heran. Er hatte den Hut, über das kurze, graue Borstenhaar weg, tief im Genick und den Kopf im Gehen gesenkt, Schwarz wie ein Scherenschnitt hob sich vom bläulichen Schein der Laterne sein Profil mit der niederen Stirn, der energischen, geraden, kurzen Bismarcknase, den zähen, dünnen Lippen, dem runden Willenskinn. Aus dem breitschulterigen, massigen Leib wölbte sich, bei seiner gebeugten Haltung, der Ansatz des Bauchs. Die Knie knickten ihm unter seinen schweren, schnellen Tritten. Er lief mehr als er ging.
„Warum ist er denn so pressiert, Käte?“
„Ich hab’ den Otto noch nie so eilig gesehen!“
„Jetzt bleibt er steh’n und stiert zu Boden und schüttelt den Kopf!“
„Aber was er im Kopf hat . . . ?“
„. . . nu setzt er sich entschlossen wieder in Trab!“
Otto Vögeding öffnete das Haustor. Im Widerschein des erleuchteten Treppenflurs stand sein rötlich-gedunsenes, sattes Gesicht ein paar Sekunden hell vor der dunklen Nacht, bartlos, mit schlaffen Backen, die Zigarre schief in dem grausam-leutseligen Mund, den Zwicker vor den wässerigen, kleinen, fuchsschlauen Augen.
Man hörte, wie er draussen mit dem Drücker den Wohnungseingang öffnete. Er räusperte sich tief auf der Diele. Es klang wie ein Brummeln ode rein schweres Seufzen. Nun schlug eine Türe. Alles wurde still.
Käte Vögeding wartete eine Weile, ob ihr Mann hereinkommen würde. Dann klingelte sie dem Mädchen.
„Fragen Sie den Herrn, Berta, wo er den Tee . . . ?“
„Der Herr Doktor will keinen Tee. Er packt seine Handtasche. Er hat dem Krause sagen lassen, er sole sofort vorfahren!“
„Dein Mann verreist, Käte?“
„Es scheint!“
„So Knall und Fall?“
„Das tut er manchmal! Das ist nichts Ungewöhnliches! Wenn gerade ein dringendes Geschäft . . . “
Die Türe öffnete sich. Otto Vögeding schaute in Hut und Mantel herein, die Reisetasche in der Hand.
„Ich fand eben, wie ich heimkan, einen Brief vor, Käte!“ sagte er schnell und kurzatmig. „In Frankfurt am Main machen sie wieder lauter Dummheiten. Ich muss sofort hin! Ich war eben schon im Kinderzimmer und hab’ dem Kommerzienrätle gute Nacht gesagt!“
Er musterte geitesabwesend seinen Schwager. Endlich erkannte er ihn.
„Hohe Ehre, Alfred! Wer hat dich denn eingeladen?“
„Ich!“ sagte die junge Frau schnell und hart.
„So? Na — schön!. . Du — alter Kronensohn: Strömich und Merz sind bald zu schön für diese Welt! Eiherrchäses — da staunen Sie, mein Kutester? Nicht? — Um so besser!“ Kätes Mann war ganz der alte. Er zwinkerte listig mit den leicht geröteten Lidern. Die Goldplomben blinkten beim breiten Lachen in seinen starken, gelblichen Zähnen. Er sah auf seine Uhr: „Herrgott — wenn ich nach Frankfurt will, darf ich mich eilen! Es ist nur wegen der Patente, Käte, von Wiese’s Erben — weisst du — die ich vertrete! Morgen abend bin ich wieder da!“
Er lief fast ohne Abschied aus dem Zimmer. Seine Frau schaute ihm nach.
„Das ist auch das erstemal, seit wir verheiratet sind“, sagte sie langsam, „das ser mir anvertraut, in was für Geschäften er verreist!“
„Weisst du, was mir aufgefallen ist, Käte: Er hat die ganze Zeit vermieden, dich anzusehen!“
„Ich habe nicht darauf geachtet.“ Die junge Frau zuckte die Achseln. Sie stand in dem rötlichen, dämmerigen Zimmer wie ein Schatten an dem halboffenen Fenster. Ihr Bruder trat zu ihr. Unten kam Otto Vögeding hastig aus dem Haus und rannte auf seinen Wagen zu. Der Motor lief schon. Der Patentvertreter musste seine trockene, vom Rauchen belegte Stimme verstärken, um dem Chauffeur durch das tieftönige Brummen laut zuzurufen:
„Nach dem Lehrtet Bahnhof, Krause!“
Er kletterte, ohne rechts und links zu sehen, schwerfällig und eilfertig in den Wagen. Die Limousine rollte davon. Alfred Giebischs Gesicht oben am Fenster war sehr Ernst.
„Hast du gehört, Käte? Er fährt nach dem Lehrter Bahnhof!“
„Nun ja . . . “
„Solange die Welt steht, ist vom Lehrter Bahnhof noch nie ein Zug nach Frankfurt am Main gegangen! Der ganze Verkehr geht von dort nach Norden!“
„Also fährt er woanders hin, al ser gesagt hat? . . . .“
„Nach der Waterkant . . . Kiel oder Hamburg oder so . . . “
„In Hamburg war er schon vor vier Wochen . . . “
„Aber diesmal will er es nicht wahr haben!“
„Alfred . . . um Gottes willen — warum will er es nicht? . . Alfred: sieh’ mir ins Gesicht: denkst du in diesem Augenblick dasselbe, was ich denke?“
„Weisst du, Käte: Ich verbrenn’ mir lieber nicht die Zunge! Ich äussere keine Mutmassung, die ich nicht beweisen kann!“
„Aber jedenfalls“, setzte Alfred Giebisch nach einer Weile hinzu, „hat er reineweg den Kopf verloren! Er hätte dir doch seelenruhig sagen können, dass er nach Hamburg reist! Was ist denn dabei? Warum hat er’s nicht getan? Irgend etwas hat ihn zurückgehalten!“
„Das schlechte Gewissen!“
„Liebe Schwester, nichts Gewisses weiss man nicht . . . “
14
Otto Vögeding kletterte auf dem Hamburger Hauptbahnhof unsicher, aber eilig von den Trittbrettern des Schlafwagens auf den Bahnsteig. Er rannte durch die Sperre und die morgendlich sonnenhellen, noch menschenleeren Gassen in das nahe Hotel. Er frug, beiläufig, gähnend, den alten Nachtportier:
„Da ist doch hier um die Ecke diese nette kleine Zahnärztin — Witwe — noch jung — drei Mädchen — wie heisst das gute Kind doch gleich? Richtig: Frau Dehnert! — Hoffentlich ist der Laden in Betrieb?“
„Sprechstunde von neun Uhr ab, Herr!“
Der Patentanwalt Vögeding begriff, dass er dismal wohl oder übel bis neun Uhr warten musste. Er sass in seinem Hotelzimmer und rauchte und lächelte vor sich hin und dachte an damals: Die drei Mädelchen am Frühstückstisch. Die junge Mutter. Er mitten dazwischen. Die viele Milch. Die helle Wohnung, „dass ihr mir den Onkel nicht auslacht — ihr kleinen Dübels!“. . . . . . . .
Neun Uhr vom Kirchturm! Hut! Hinüber! Herzhämmern auf der Treppe: Noch eine Minute bis zum Wiedersehn! . . .
Der kleine Wateraum, den er betrat, war gesteckt voll. Alle schon vor ihm da. Lauter Frauen und Kinder. Er war der einzige Mann. Er setzte sich. Er fühlte sich unbehaglich, fast lächerlich. Er wartete verbissen, die Fäuste auf den Knien. Die Nebentür ging auf. Eine kleine, junge Frau steckte quecksilberig und vergnügt den vollwangigen braunen Bubenkopf durch den Spalt. Ihre glänzenden blauen Augen ruhten eine Sekunde fremd und etwas erstaunt auf Otto Vögeding. Dann schlug sie in komischem Entsetzen die Hände zusammen.
„Na — Grete — dat’s ja wohl dull! Du heulst ja? Wo die Tante doch die Kinnings so liebhat! Komm nur, min Zuckerpopp!“
Sie schob das schluchzende Kind mit der Mutter über die Schwelle, ohne Otto Vögeding weiter zu beachten, auch nicht, als sie die nächsten Patienten hereinholte. Es nahm kein Ende. Der Patentvertreter sass nun schon eine gute Stunde und länger, fiebernd vor Ungeduld, mit mählich aufsteigender, innerlicher Wut. Endlich! Er reckte den massigen Leib rasch, mit einer jugendlichen Kraftanstrengung, vom Kanapee und folgte verdüstert und verärgert der kleinen frischen jungen Frau im weissen Kittel in das Nebengemach. Drinnen drückte er ihr stumm, mit einem schalkhaften und vielsagenden Zwinkern der kleinen, durchdringenden Augen die noch von Wasser und Seife feuhten Kinderfinger. Sie liess es etwas verwundert geschehen. Dann frug sie geschäftsmässig:
„Tja — und wo fehlt’s?“
Er musste lachen.
„Na — Sie kennen mich doch, Frau Dehnert!“
Die blanken, blauen Augen drüben blieben ausdruckslos. Ein fragendes Kopfschütteln.
„Aber ich bin es doch!“
„Ich?“ Es zucke vergnüglich über das bewegliche, von Arbeitseifer pulsende, rotwangige Gesicht. „Damit s—tellen Sie mir eine Frage — die Jeder . . . . Witte nehmen Sie Platz . .“
Otto Vögeding setzte sich tief enttäuscht in den Stuhl und lehnte den rötlich-gedunsenen Bulldogg-Kopf zurück. In ihm kochte es. Seine rauchkranken Kehlbäner klangen heiser.
„Sie erkennen mich wirklich nicht wieder?“
„Es kommen so viele Leute zu mir . . . “ Die kleine Zahnärztin beugte sich vor und äugte sachlich in Otto Vögedings mächtige Kiefer. Ihre jungmütterlichen, beweglichen Züge erhellten sich erfreut: „Igittigitt. . die Gummiplombe da rechts oben im Backenzahn . . . Nu weiss ich . . . “
Der Mann mit offenem Mund im Sessel vor ihr wurde tieftraurig: das also war der Mensch! Sein Wesen verwehte! Sein Bild verblasste. Nur ein erbsengrosses Stück Gummi war die Brücke zur Erinnerung . . .
„Sie sind der Patient, dem vor ein paar Wochen plötzlich slimm wurde!“ Die kleinen Finger sondierten mit einer Lanzette. „Ich hatt’ damals ein’ Schrecken: wenn er mir nur nicht hier im Zimmer s—tirbt! . . Der Schlag für die Praxis — nöch?“
„Sie sehen: ich bin noch unangenehm auf dem Posten!“
„Nachher hätten die Leute gesagt, ich wär’ es gewesen! . . Oh — ich s—taune! Das ist ja noch meine alte Einlage . .“
„Die trag’ ich mit mir herum — zur Erinnerung an Sie!“ Otto Vögedings sarkastisches Lächeln kehrte wieder, aber von einer fremdartigen Weichheit übersonnt. „Ich habe Sie nämlich nicht vergessen, so wie Sie mich!“
„Dann haben Sie wohl nicht so viel zu tun, wie ich!“ Die Zahnärztin kramte in ihrem Instrumantenkasten.
„Nein! Ich dreh’ den ganzen lieben langen Tag die Daumen!“ sagte Otto Vögeding gemütlich. „Und dabei hab’ ich immer an Sie gedacht. Jeden Tag.“
Ein rascher, forschender Blick von drüben. Die junge Frau prüfte sachlich-streng das Gummistückchen. Sie schüttelte empört den Kopf.
„Lewer Gott — ja — die Männer aber auch . . . “
„Ich weiss Von uns halten Sie nicht viel!“
„Die kleinen Kinder sind vers—tändiger! Ich habe Ihnen doch gesagt, der Zahn muss in ein paar Wochen gefüllt werden! Und nun liegt die Plombe noch darin . . . “
„Sie haben sie ’reingetan! Sie müssen sie auch wieder ’rausnehman! Nee—nee — darin bin ich eigensinnig! Deswegen bin ich eigens wieder nach Hamburg gekommen!“
„Nur deswegen?“
„Ja.“
Es klang gepresst. Irma Dehnerts Blick wurde etwas unruhig.
„Wundert Sie das, Frau Dehnert?“
„Es geht mich nichts an!“
„Doch! Es geht Sie sehr viel an!“
„Ich tue hier als Zahnärztin meine Pflicht! Und weiter . . . Nu halten Sie ’mal s—till!“
Irma Dehnert arbeitete mit flinken Fingern und gefurchter Stirn, stumm in die Aufgabe der Stunde vertieft. Eine Weile herrschte Schweigen. Als Otto Vögeding wieder reden konnte, frug er:
„Was machen Ihre drei Blondköpfe?“
„Danke! Die s—pielen auf dem Hof!“
Wieder Stille.
„Ich hab’ auch so ’nen Stammhalter zu Hause!“ sagte dann Otto Vögeding.
„. . . .’n Junge?“ Das mütterliche Gefühl der jungen Frau wurde wach. „Wie alt? Igitt! Erst acht?“
„Nicht wahr? Noch so klein! Ich hab’ immer Andst, es könnt’ ihm was passieren, wenn ich weg bin!“
„Was soll ich denn da erst sagen?“ Die kleine Frau wirtschaftete mit ihren Häkchen und Bohrern. „Den ganzen Tag im Beruf und niemand für die Kinder. Ich bin doch Witwe . .“
Otto Vögeding schaute vor sich hin.
„Ich hab’ auch keine Frau!“ sagte er dann . .
„Sie sind Witwer?“
Er antwortete nicht. Die Zahnärztin hielt es für eine Bejahung. Sie nickte leise, teilnehmend mit dem Kopf und machte sich wieder an ihr Werk.
„Na immerhin . .“, begann Otto Vögeding in einer freien Pause, „kann ich wenigstens dafür sorgen, dass auf den Jungen gehörig aufgepasst wird. Ich bin einer der merkwürdigsten Menschen von Deutschland! Sehen Sie mir das nicht an?“
„Nö!“
„Ich habe nämlich noch Geld! . . . ’nen ganzen Haufen!“
„Das kann ich von mir nicht sagen!“
„Alles selbstverdient! Und ich verdiene immer noch unheimlich dazu!“
„So? Ich muss die Ohren s—teif halten, wenn ich durchkommen will!“
„Na — und wenn Sie nun durchkommen?“ Otto Vögeding fingerte sich zäh unter den kleinen, flinken Händen der Zahnärztin in der Backentasche und schaffte sich Zungenfreiheit.
„Wollen Sie wohl gleich den Wattebausch im Mund behalten — Aber ges—wind!“
„Nein. Jetzt wird geredet! . . Wie alt sind Sie?“
„Lewer Gott: Sechsundzwanzig Jahre!“
„Also wenn Sie nun zwanzig Jahre schuften — was haben Sie zu gutter Letzt davon?“
„. . . dass ich meine drei Gören hochgebrecht hab’! Nun aber Schluss! Nöch?“
„. . . und Sie sind inzwischen alt un grau geworden! . . Nee — noch nich ’mal alt! Aber Ihre Jugend haben Sie vertan . . . “
„So Patienten wie Sie wünsch’ ich mir noch ’n Päckchen zu Weihnachten.“ Die junge Frau zielte aufmerksam blinzelnd mit der Sonde nach dem Backenzahn.
„Lassen Sie ’mal die verfluchte Pike! . . Ja! Das Alter haben Sie dann noch vor sich! Leere Jahre! Lange Jahre! Dreissig Jahre gut und gern! Haben Sie denn nie daran gedacht?“
„Wat helpt dat? Das Schicksal ist ein s—nurrig Ding!“ Die kleine, zarte Frau im weissen Kittel lachte: „Ich tu’ meine tägliche Arbeit! Das bin ich meinen Kindern schuldig!“
„Herrgottdonnerwetter! Sichern müssen Sie die Existenz Ihrer drei Krabben!“
„Bin ja eben dabei!“
„Und wenn Sie krank werden — vielleicht schwerkrank — lange krank?“
„Sie haben ein liewes Herz!“
„. . . oder Sie werden vom Taxameter überfahren!“
„Ihnen mach’ ich nachher ’ne schöne Rechnung!“ Der kleinen Frau standen die Tränen in den Augen.
„Ich hab’ mir das alles überlegt, während Sie mir im Zahn ’rumbohrten!“
„Ich s—topfe Ihnen jetzt den Mund mit Watte!“
„In Ihrem Interesse überlegt!“
„. . Ich weiss gar nicht, was Sie von mir wollen . . . “ Irma Dehnerts frisches Gesicht war blass und verprellt, mit feuchten Spuren auf den runden Wangen.
„Aber ich!“
„. . dass Sie mich so quälen! Ich bin zwar nu rein winziges Persönchen! Aber ich kann sehr energisch sein!“
„Ich erst!“
„Sie mögen sich ’nen lütten Herrgott dünken! Hier im Zimmer bin ich der Herrgott! Vers—tanden?“
„Hören Sie doch . .“
„Entweder Sie lassen sich jetzt von mir s—tillschweigend plombieren, oder Sie gehn zu einem anderen Zahnarzt un lassen dort Ihre natürliche Liebenswürdigkeit s—pielen! Nich? Sie wollen bleiben! Also denn man tau!“
Otto Vögeding schwieg. Musste schweigen. Watte im Mund. Instrumente. Die behutsamen Fingerchen. Eine feindselige Stille brütete zwischen Ärztin und Patient. Irma Dehnert atmete hörbar auf, trat zurück und nickte nur, während sie ihr Werkzeug weglegte, beklommen über die Schulter.
„Fertig?“ frug Vögeding auch nur kleinlaut.
„Gottlob! Und in Zukunft: Es gibt ja so gute Zahnärzte in Berlin . .“
„Zu denen ich gehen soll?“ Otto Vögeding stieg mühsam aus dem Kippstuhl. „Uff!“ Er vertrat sich die Beine. Er lächelte grausam. „Allerdings — wenn ich hier abgewimmelt werde . .“
„Ich behandele eigentlich überhaupt keine männlichen Patienten! Man sieht ja, wohin’s führt!“ Die kleine Frau wandte ihm ihr blasses, verscheuchtes Kinderegesicht zu. „Sie haben mich recht traurig gemacht . .“
„Nee — ich bin traurig! Aber sehr!“
„Ich bin sonst so eine fröhliche Kreatur! Aber jetzt ist das wie eine Wolke! Da kommen Sie als Hans Huckebein . . . “
„Ja — wenn Sie sich natürlich schon nach vier Wochen nicht mehr an die Leute erinnern, die es gut mit Ihnen meinen.“
„Schreien Sie doch nicht so! Man hört es ja im Wartezimmer!“
„. . . das ist bitter . .“ Otto Vögeding zog mit seinen breitkantigen, zitterigen Händen seine Brieftasche . . „. . Das hatt’ ich nicht erwartet! Das ist mir eine Lehre! Ihnen auch! Auf diese Weise kommen Sie nie auf einen grünen Zweig!“
„Fünszehn Mark — bitte!“
„Viel zu billig! Ihnen ähnlich! Da sind fuffzig Märker! Sie wollen nicht? Na — denn nicht! Des Menschen Wille — ? Bitte: hier! Danke sehr! Adieu!“
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.