Kitabı oku: «Der mysteriöse Cavalier und andere Novellen»
Herausgeber
Erik Schreiber
Scratch Verlag
e-book 095
Erscheinungstermin: 01.10.2021
© Scratch Verlag
Erik Schreiber
An der Laut 14
64404 Bickenbach
www.scratch-verlag.de
Titelbild: General Nansouty at the battle of Hanau (Ausschnitt) von Horace Vernet
Lektorat: Peter Heller
Vertrieb: neobooks
Rudolph Stratz
Der mysteriöse Cavalier und andere Novellen
Scherl Verlag 1924
Inhaltsverzeichnis
Der mysteriöse Cavlier
Henkerskind
Louisabeth
Der mysteriöse Cavalier
Aus der Chronik des letzten Reichsstandesherrn von Palmingen
... So kamen, wie mit dem Westwind die grauen Wolken, die grauen Sorgen über den Rhein, seitdem Buonaparte und die Franzosen an seinem linken Ufer ihre Zelte aufgeschlagen, und flogen hinüber in das Reich und bis in die einsamen Wälder und Berge rechts vom Rhein, in denen, mit vielen anderen edlen Häusern, auch mein altes und distinguiertes, glaubhaft von Äneas stammendes, alle Zeit mit Rothwachs-Freiheit und dem Prädikat: „hoch- und wohlgeboren“ begabtes Geschlecht, seit tausend Jahren frei, nur Seiner römischen Majestät in Wien und sonst Niemandem unterthan, gesessen und väterlich über nun, zu meinen, des Grafen Florentin VII., Zeiten nahe an achthundert Stück Unterthanen regieret.
Und wie aller irdische Glanz und Gloria einmal endet, so sollte nunmehr, nachdem wir seit etlichen sorgenvollen und betrübten Jahren mit anno 1800 ein neues Säculum begonnen, der erlauchte Stamm mit mir ausgehen und absterben, dessen über die gemeine Menschheit erhabenes Haupt schon im Spiegel den Schnee des Alters aufweist, wenn mir beim Lever mein Kammerknecht Pompeo Orlandi die Perücke aufstülpt.
Es weht Herbst in der Luft, wie draußen der Sturm durch meine Wälder geht und der Regen prasselt. Wir sind am Ende des heiligen Deutschen Reiches. Es giebt keinen deutschen Kaiser mehr über uns, die aus Urzeit semperfreien Reichsstände und Souveräns, dergleichen meine Vorfahren aus eigenem Recht auf dem Reichstag zu Regensburg durch die Jahrhunderte auf der fränkischen Grafenbank ihre Kuriatstimme geführt. Es giebt nur noch einen dem Meer entstiegenen wälschen Kaiser und seine bewaffneten Völker am Rhein.
Oh Ihr Herzöge von Weilheim und Usingen – oh Ihr Salme – oh Ihr alle, die Ihr in Napoleons Antichambre den Mamelucken um den Bart geht und den Frauen seiner Marschälle in Paris im Boudoir beim Schälchen Chocolate schmeichelt – oh Ihr sechzehn Unersättlichen, die Ihr mit dem Korsen den Rheinbund wider das Reich statuiert – Ihr Kleinen und – wehe! – Ihr Großen – Ihr neuen teutschen Könige und Großherzöge! Ihr rafft Eure Reich' und Lande zusammen, indem Ihr gierig uns ehrwürdige und altersgraue Herrlichkeiten verschlingt – Äbte und Reichsgrafen, Bischöfe und Fürsten, freie Städte und Ritterschaft! Schon hat sich, durch eine gesiegelte Ordre, ein Conseil von Hofgerichts-Registratoren zu einem Verifications-Protocoll bei mir angesagt. Bald läutet das Todtenglöckchen auch über der Souverainité meiner edlen Grafschaft Palmingen ...
Wie aber soll man noch mit weisem Scepter schier tausend Unterthanen regieren, wenn alle nachbarlichen Gewalten sich lösen und schwinden? Wer findet sich noch in den leeren Klöstern, den aufgelösten Bisthümern aus und ein? Wo ist das Weichbild der um Zoll und Wehr beraubten Reichsstädte? Die neuen Königlichen und Großherzoglichen Assessores und Secretarii, die geschäftig die Beute rubricieren, wissen selbst oft kaum die Grenzen ihrer frischgebackenen Staaten von Buonapartes Gnaden. Dessen Garden und Truppen über marschieren unbekümmert mitten durch teutsches Land. Besetzen im Frieden Plätze am Rhein.
Mon Dieu ... mon Dieu ... Ein Kellner Großherzog von Berg! Ein Soldat von Fortüne, Namens Murat! ... Die Welt steht nicht mehr lange! Sie muß brechen! In einer wirren Melée flüchten drüben aus der Pfalz übern Rhein die Vertriebenen zu uns herüber – Adel und Unadel – ohne Pässe und Permets, füllen Städte und Dörfer, mengen sich unter die Aventuriers, die auf Weg und Steg den von der österreichischen Campagne heimkehrenden endlosen Heereszügen des Kaisers der Franzosen folgen.
Welcher gräfliche Landesvater wie ich kann da noch auf Sicherheit Leibes und Lebens in seinen Gebieten halten, wenn ein heiliges römisches Reich teutscher Nation sich selbst seiner Wehr' und Waffen gänzlich entblößt hat, als sollte es auf Erden ewig Frieden werden, indeß doch der Franzose mit kriegerischem Lärm Europa erfüllt? Wem dient – offen sei's geklagt – dieser Wirrwarr und diese Waffenlosigkeit Teutschlands besser, als den Räuberbanden, die von den Niederlanden den Rhein herauf Spessart und Odenwald mit ihrem Getümmel erfüllen, als seien sie die eigentlichen Herren der Zeit? Der Name des Schinderhannes ist gewaltig! Die Kinder singen vom Hölzerlips! In allen dreizehn Dörfern meines Reichs aber klingt das Stoßgebet: „Behüt' uns Gott vor Johannes durch den Wald!“
Mit diesem famosen Räuberhauptmann sind meine Erblande gestraft! Es ist unmöglich, diesem Bösewicht, der höhnend seine Droh- und Brandbriefe mit „Johannes †††“ unterzeichnet, mit einem Strang das Leben zu verkürzen! Ich habe vergeblich und unter großen Dépensen meine Armee bis auf achtzehn Dragoner verstärkt. Selbst diese Truppenmacht bleibt ohne Süczeß. Mein Commandant en chef, der Capitän von Schindewolff, schon dem Äußeren nach kein rechter alter Marssohn, ist so großen kriegerischen Operationen nicht gewachsen. Und ich selbst, der regierende Graf, bin zu alt. Wohl hat mich das Schicksal mit sechs Schuh Länge und einem gebieterischen Exterieur begabt, und habe ich in meiner Jugend mich in Ungarn in habsburgischen Diensten getummelt, drei starke Paschas vom Sattel herab erlegt und die Roßschweife als aide-mémoire hier in der Halle meiner Väter aufgehängt. Nun aber bin ich ein Greis, auf dem schwerer noch als die Jahre die Regentenpflichten lasten. So geschah es, daß auch an dem Abend, von dem ich hier berichten muß, der Johannes durch den Wald meiner Allmacht in gräflich Palmingen'schen Landen spottete ...
Wie der Überfall vor sich gegangen, hat mir die arme Frau Reichsgräfin nicht verhohlen, und so vermelde ich es hier:
Sie, die junge Gräfin-Wittwe Amöne von Hohen-Sulz, war nebst ihrem kleinen Söhnlein Jasomirgott und ihrem bei sich habenden Kammermensch, der Demoiselle Häberlin, in ihrer sechsspännigen, verschlossenen Reisekarosse im Walde bis zu der Siebenherren-Ecke gelangt, so genannt, weil an dieser Wegbiegung die Blutbann-Gerechtigkeit von sieben teutschen Erbländern, darunter auch dem meinigen, aneinanderstößt. Es ist da eine Art hohle Gasse. Me Pferde gingen im Schritt. Drei Leibpostillone saßen darauf. Zwei Kammerhusaren auf dem Bock. Hinten stand, um die aufgeschnallten Koffer zu bewachen, auf dem Trittbrett ein bewaffneter Laquai.
Da erhebt sich in der Dämmerung ein Mordsgeschrei: „Schieß, dicker Bub, schieß! ... Zück den Säbel, scheeler Peter! ... Mühlarzt ... Katzenschinder – haltet die Gäule! ... Abrahämche – schneid' die Felleisen ab! ... Schneiderlein – hilf ihm! ... Halt Ausguck, Danziger Liese! ... Mach' den Wagenschlag auf, Studenten-Friedrich ... Scholem-Leagem! En avant! ... Courage! ... Los, Chawrusse! ...“ Hebräisch und Französisch durcheinander ...
Es lag ein dicker Baumstamm quer über den Weg. Aus den Büschen rechts und links lugte ein greuliches Volk, brach bewaffnet hervor, zielte mit Pistolen und schwang Degen und frisch abgeschnittene Eichenknüttel. Die Postillons und Kammerhusaren – nicht faul – warteten nicht erst, bis sie mit Pulver und Blei aus Sattel und Kutscherbock geräumt würden – sprangen hinab und flohen, und nicht minder hasenherzig auch der Domestique, so daß die Frau Gräfin Amöne, die ausgestiegen war, ganz verlassen dastand, neben sich die Demoiselle Häberlin mit dem weinenden Erbgräflein auf dem Arm.
Die hochgeborene Hohen-Sulz'sche Wittwe aber läßt sich nicht erschrecken! Sie stemmt die Hände in die Seiten, sieht über die Räuber im Kreise und ruft entrüstet: „Ihr schlechte Leut' – pfui – schämt Euch! Wer is denn Euer Hauptmann?“
Siehe: Es reitet ein Cavalier auf schwarzem Roß zwischen den Stämmen hervor. Er ist nach Brauch eines gemeinen Mannes gekleidet – trägt eine weiße, braunwollene Kappe, ein schwarzseidenes Halstuch, ein grau tuchenes Wamms, eine weiß und grün gefleckte Weste von Kattun, hirschlederne kurze Hosen mit viereckigen gelben Schnallen, weißwollene gerippte Strümpfe und Bundschuhe. Aber er sitzt mit einem höfischen Anstand zu Pferde. Vor dem Antlitz trägt er eine schwarze Maske, die nur die Augen freiläßt.
Die junge Frau Reichsgräfin blickt zu ihm auf und schmält ihn zornmüthig und voll Courage aus:
„Er hat wohl Recht, daß er sein Erröthen unter der Larve birgt! Stehle Er den Bauern Hühner und werfe Er die Meßjuden! Aber belästige Er nicht Personen von Stand und hoher Distinction! Denn dies ist wahrlich neu und geht übel aus! ... Weiß Er, wer ich bin?“
Lacht der Brigant oben unter seiner Maske.
„Zu was wären wir Killesgänger und Kitteschieber und ich der Ballmasemattener von den Ehrefhalchenern“, sagte er in einer widerwärtigen Mischung teutscher und hebräischer Zunge. „Parbleu, Madame: Sie sind noch landfremd hier rechts vom Rhein, nachdem Sie, durch den Traité von Lunéville, Ihre linksrheinische Herrschaft Hohen-Sulz an Frankreich verloren haben!“
„Deswegen komme ich ja flüchtig aus der Rheinpfalz!“, ruft erzürnt die Gräfin Hohen-Sulz. „Mit Müh' und Noth haben mich die Franzosen noch über die Mainzer Rheinbrück' gelassen. Flugs darauf haben die Schoote sie wieder zugemacht!“
„... und Madame ist nun im Begriff, ihre, als Entschädigung zugewiesene Herrschaft, die ehemalige Abtei Heilig-Kreuz, zwei Stunden von hier, zu beziehen!“ spricht der vermummte Bauer auf dem Rappen höflich. „Vous voyez bien: Ich weiß Bescheid!“
„So menagiere Er sich und lasse Er eine arme, christliche Wittwe in Frieden fahren!“
„Es ist nicht meine Schuld, daß dero Gatte als K. u. K. Obrister in der Bataille von Hohenlinden fiel! ... Sie sind erstaunt, daß ich das weiß? Ma foi, Madame – mir ist manches bekannt!“
„Dann ist Ihm auch nicht fremd, Er Töffel, daß ich keine landfahrende Madame bin, sondern die edelgeborene und hochgebietende Gräfin Sulz! Wer sich an Hab und Gut meiner erlauchten Personnage vergreift, dem winkt unfehlbar der Galgen!“
„Hei ja, Viva! Ihr grandige Malochner!“, schreit da der Schelme Oberster vom Roß und schwingt den Arm in die Luft. „Bangt Euch vor dem Dullme?“ Und die Lümplein umher lachen des Galgens, sind auch schon dabei, die Koffer und Mantelsäcke aufzuschneiden und die Pferde wegzuführen, und ihr Gewaltiger redet zu der mit Fug empörten Frau Gräfin weiter: „Eigenthum ist unrecht Gut! Das hat die große Revolution in Paris offenbart. Wer stiehlt, gewinnt das Seine wieder!“
„An ihm ist ein trefflicher Magister verloren gegangen“, sagt Ihre arme Erlaucht erbittert. Er aber, unter seiner schwarzen Maske: „Was in Ihrer Bagage an Geld und Gut steckt, das haben Ihre Vorfahren vor Jahrhunderten auf der Landstraße geraubt! Ich hole es uns armen Brüdern auf der Landstraße zurück! Voilà tout! ... Das Rad dreht sich, Madame!“
„Er wird selber aufs Rad geflochten werden, weil er mich, des heiligen Reiches Gräfin und Edelfreie ...“
„Das heilige Reich ist Todes verfahren! Die edle Freiheit lebt und blühet Jedermann, auch uns armen Strahle-Kehrern von der Landstraß'! Es ist kein Unterschied mehr zwischen dem geringsten Nachtdieb und einer gloriosen Frau Gräfin, sondern ein Mensch wie der andere!“
„Er hat gut philosophieren, Er diebischer Rousseau! Ich aber stehe hier ...“
„Sie sollten vor einfallender Nacht Schloß Palmingen erreichen, Madame!“, sagt der Mann in der Maske vom Roß herab. „Es ist nur zehn Minuten Wegs von hier! Gehen Sie flugs! Sonst kann ich, bei Nacht, für Ihre Sicherheit nicht bürgen! Ich habe zu üble Gesellen in meiner großen Compagnie!“
Und wie dann die Reichsgräfin von Hohen-Sulz gottergeben ihre Röcke rafft und mit Dienerin und Söhnlein zu Fuß in Regen und Abend-Dämmern durch den Koth der Landstraße dahinstapft – wahrlich ein erbarmungswürdiges Bild! – da ruft ihr der unbekannte Bösewicht nach: „Vermelden Sie des Grafen Palmingen hochnärrischer Herrlichkeit mein unterthäniges Compliment und einen Gruß vom Johannes durch den Wald!“
Ich, der Graf Florentin, absolvierte um diese Zeit vor dem flackernden Kamin meine allabendliche Akademie mit Monsieur du Marainville, meinem Florettmeister. Dieser ehemalige Musketier Ludwig XVI., den ich als Flüchtling vor der Revolution in meine Dienste genommen – wie denn mein Hof ein kleines Versailles des französischen ancien régime mit Stolz genannt werden mag – dieser Edelmann schlägt eine leckere Klinge. Doch auch ich tänzelte, wenn schon ein Greis, lang, hager und graziös, im Flammenschein des Kamins über das Parkett, ließ, trotz des Zipperleins, in hurtigen Pirouetten die blauseidenen, goldgestickten Rockschöße wehen und verneigte mich wohlgelaunt und gravitätisch, als ich mit einer süperben Finte wider den du Marainville reüssiert hatte.
Mein Porzellanmaler Christoforo di Santo Basso trat herein, ein welscher Meister von der nun schon seit Jahren abgegangenen kurmainzischen Fabrique in Höchst. Wies mir artige Streublümchen in einem weichen, karminrothen Camaiou auf Cocots en miniature, – kleinen, gedeckelten Bechern für süße Sahne – und ich bedauerte mit dem galanten Künstler, daß wir von Höchst kein Geschirr mehr zum Bemalen gewinnen können, seitdem die Franzosen die weitgerühmte Fayence-Manufaktur muthwillig verbrannt haben.
Inzwischen ließ ich mir von Pompeo, meinem Kammerknecht aus Neapolis – da ja die Teutschen zu solch delikaten Hantierungen zu grob und ungeschlacht sind – die Perrücke kräuseln und pudern und die Spitzenkrause glätten und Frack, Gilet und Escarpins zum Diné zurechtzupfen. An meinem Hofe darf Niemand die Schamlosigkeit so weit treiben, in langen Pantalons einherzugehen, oder durch runden Hut und freifallendes Haar freventlich sein Jakobinerherz offenbaren. Wo wurde sonst feine Sitte und heitere Anmuth gefunden, als in dem ehemaligen Frankreich, und so beorderte ich, während ich mir behaglich am Kamin Kniestrümpfe und Schnallenschuhe wärmte, meinen Hofcultus-Administrator und Oberceremonier, den alten Herrn Marquis Elimar de Fizeaux de Rouvron, der, mit dem Dreispitz unterm Arm, den Degen an der Seite, vor mir stand.
„Sorgen Sie, mein Theuerster, daß die Musikanten während der Tafel nur pianissimo fiedeln und keiner von der Livrée sich zu husten unterfängt und alles nach Gebühr verläuft.“
Der Herr Marquis verbeugte sich mit jenem leichten Anstand, wie er – ach! – nur in Versailles, niemals in unsern bäurischen teutschen Landen daheim war – und ich fügte gnädig, in Art des Sonnenkönigs lächelnd, hinzu:
„Und möge auch der Stern unseres Schlosses doppelt lieblich leuchten!“
Ein tiefes Compliment des Herrn Marquis:
„Meine Tochter Xénais wird ihr Bestes thun, um vor dero erlauchtigen Augen mit Ehren zu bestehen!“
Er zog sich, mit dem Antlitz gegen mich, zur Thüre zurück und verschwand. Ich winkte ihm heiter mit zwei Fingern nach. Ich saß am Kamin und träumte, indeß mein Hofstaat schwieg ...
Oh – schweigt mir ... schweigt von Xénais! ... Oh, Cupido, du Loser! ... Oh, du altes Herz ... oh ... Xénais ... du Spröde ...
Es wäre besser für mich, ins Kloster zu gehen! Ein alter Spötter und Gottesleugner und Weltmann wie ich – ein wahrer Sohn des großen, todten, achtzehnten Jahrhunderts. Im Kloster hat dies arme, feurige Herz Ruh'! A Dieu mon âme – mon cœur aux dames... Wie habt Ihr das selber gehalten – Ihr Montmorency mit Eurem Wahlspruch: „Gott meine Seele – mein Herz den Frauen – mein Leib dem König – die Ehre für mich ...“?
Oh Xénais ... hartherzige Coquette ... Soll ich dich wirklich an den zierlich erhobenen Fingerspitzen der linken Hand zum Altar geleiten – eine mésalliance – eine schimpfliche mésalliance – wenn du auch eine landflüchtige Marquise bist ... aber ich ... ein Standesherr des römischen Reiches – dem Kaiser ebenbürtig – ich – der letzte Palmingen. Soll ich, zum schmählichen Ende, die Ahnentafel mit einer unebenbürtigen Heirath beflecken?
Und anders thust du's nicht ...
Oh Xénais ...
Eine innige Liaison in allen Ehren ...?
Du lachst nur und machst mir armen weißhaarigen Schäfer, der zu deinen Füßchen kniet, eine lange Nase ... Du könntest meine Enkelin sein ...
Das Kloster...
Oh Xénais ... oh Schlange Eva ... oh Xénais ...
Mein Jagdmeister O'Kelly kam in hohen, übel beschmutzten Stiefeln herein. Er ist ein Ire, und auf welchen Wegen er abenteuernd bis an meinen Hof gelangt, hat sich nie recht offenbaren wollen. Ich weiß nur, daß Niemand so grausam und entsetzlich lügen kann wie er, wenn er uns seine Bärenhatzen in der Walachei und seine Händel mit Wölfen und Luchsen bei den Lappländern meldet.
Er war kein Sieur von Politesse, sondern trat frischweg ein und rapportierte mit einer vom Branntwein rauhen Kehle.
„Es ist um das Schloß herum nicht geheuer, Erlauchte Gnaden! Alle Saurüden im Park schlagen an! Man hat diverse Kerle, von einem Habitus wie Trabanten oder Läufer eines großen Herrn, Hals über Kopf rennen sehen, als säße ihnen der Böse auf den Hacken!“
„Werden Wildfrevler sein, die Euch für Narren halten!“ ließ ich mich nicht eben huldvoll verlauten.
„... Im Walde – berichten etliche Holzweiblein – schleichen sich üble Gestalten durch die Bäume ...“
„Unter meinen, des regierenden Grafen, Augen ...“
„Was untersteht sich ein Räuber nicht in seiner Schalkheit? Ich erlebte es einmal im Kastell des Hospodars der Moldau ...“
„Lasset den Großtürken unterwegs! Sehet lieber, was das für Nachtvögel in frecher Nähe unserer Residenz sind!“
„Sie tragen Waffen und schwere Packen! Ich besorge: Es ist draußen eine Attacke auf einen étranger de distinctiongeschehen!“
„Soweit treibt selbst ein Johannes durch den Wald nicht seinen Übermut und Büberei!“, rief ich und erhob mich in voller Majestät von Palmingen vom Tabourett. Doch zugleich heulten die Hunde draußen noch toller, und es geleitete der Marquis von der Halle her eine Dame vor mein Antlitz, der eine Kammerdienerin mit einem Knäblein auf dem Arm folgte.
Diese Fremde mußte von hohem Stand und Abkunft sein, daß ein so gewissenhaft ceremoniöser Hofmarschall wie der de Fizeaux sie ohne Anmeldung, so wie sie regentriefend und windzerzaust aus der Nacht kam, in meine Appartements introducierte. So trat ich, den Lorgnettenstiel zu den Augen hebend, neugierig und cavalièrement leicht, mit zwei Pas vor sie hin.
Sie war eine große und wohlgebildete Person, von schönem und vollem, wenn auch jetzt bleichem Antlitz. Noch mochte sie wenig über die Mitte der Zwanzig sein – mit sattsam viel kastanienbraunem Haar unter dem verschobenen, schiefsitzenden Reisehäubchen, und Thränen des Zorns in den grauen Augen – doch aber in einer Tournüre und Haltung, wie sie einem hochadeligen Frauenzimmer, auch im Echauffement, verbleibt. Sie trug einen weiten kapuzinerbraunen Tuchmantel mit langen bauschigen Ärmeln, vorn aufgeschlitzt, und darunter einen Rock aus feiner, silbergrauer Wolle, alles von der Witterung draußen naß und die Schuhe feucht von Straßenschlamm.
Diese grande Dame nun marschieret, wie sie meiner gewahr wird, alsofort auf mich zu, faßt Posto und beginnt, sich, ohne einige Complimente, bitterlich zu beschweren: Sei dies Zucht und Ordnung in gräflich Palmingen'schen Ländern, daß man eine Reisende von ächt altadeligem Blut und sechzehn malteserfähigen Ahnen allda am lichten Tage molestiere? Sie habe sich, als eine hülflose und vertriebene Wittib, einer besseren Nachbarschaft zu ihrem neuen Herrensitz Heilig-Kreuz versehen ...
Nun merkte ich, daß dies die Sulz'sche Gräfin war, die ich noch nicht von Person kannte, und ich excusierte mich geziemender Maßen. Sagte, ich ließe stets die Ordinari-Post von meinen reitenden Dragonern cotoyieren. Und hätte noch weniger ermangelt, der Frau Gräfin eine gebührende Sauvegarde zu stellen, sowie sie mich avertiert hätte, daß sie meinem Staat die Ehre ihrer Durchreise vergönne.
Sie aber mag nichts hören und klagt: Wahrlich – eine angenehme Surprise! Nun sei sie schimpflich um ihr Hab und Gut draußen auf der Landstraße geprellt und stehe wie eine Landstörzerin da vor Gott und den Menschen! Rückt mir auf den Leib und begehrt mit dräuenden grauen Augen zu wissen, wer auf hiesigem Territorio regiere: Florentin VII. oder Johannes durch den Wald?
Zum Glück waren wir – die Gräfin Amöne und ich – nahe verwandt! Denn mein Vorfahre, der Kreuzritter Sifridus, der im Jahr des Herrn 1099 bei der Erstürmung Jerusalems fiel, und die Ehezier Aleit des liber miles de Sulce am Rhein waren Geschwister gewesen. Dies fiel mir bei und mit dein Recht des cousin rügte ich: „Wie mochten Euer Liebden auch muthwillig ohne ritterlichen Schutz die Wälder passieren?“ Sie aber, rasch und mundfertig: „Daran ist Eure gräfliche Weisheit allein schuld!“
„... Daß Sie solch eines Husarencoups sich vermaßen, Liebwertheste?“ replicierte ich erstaunt, in der Zunge Voltaire's und die schöne Gräfin, in ihrer Exaltation in simpelm Deutsch, dessen Mundart es nicht verhehlte, daß die Wiege ihrer erlauchten Ahnen viele Jahrhunderte drüben in der Pfalz gestanden:
„Ei gerad'! Hätt' ich nur den Herrn Stabsrittmeister noch bei mir gehabt!“
Und mit jener pleine carrière der Gedanken, wie sie dem Frauenzimmer eigen, continuierte sie:
„Guck emal: das war ein rechter Husar! Gleich hinter dem Großherzogthum Frankfurt haben mir uns in der Poststuben kennen gelernt! Ei – hat der Preuß' den Postmeister gedrillt, wie der mir keine Pferd' hat geben wollen, und den Grobian geheißen, Bauernpferde zu schaffen! Wir haben denselben Weg gehabt und er ist die ganze Zeit neben meiner Chaise geritten und hat mich chaperonniert und mir haben miteinander conversiert!“
„Hätte doch gemeldeter Chevalier die Frau Cousine bis hierhergebracht!“
„Ja, liebs Göttle – darf er denn? An Ihrem Grenzbaum, Herr Cousin, hinter dem Städtche Waldbronn, waren Ihre Employe's wüst! Gleich die Musketen vom Buckel und die Schnurrbart' gestrichen: „Kein preußischer Werbe-Offizier darf auf gräflich Palmingen'sches Gebiet! ...“
„Meine präciseste Ordre und Entschluß!“ bekräftigte ich und gerieth noch nachträglich in den Zorn eines Landesvaters, dem man sein Eigentum raubt, „nachdem ein Rittmeister von Arcularius mir hinterlistig zwei starke Purschen für die preußische Armee geworben und entführt, und so die Zahl meiner Unterthanen merklich gemindert hat!“
Die Sulz'sche Frau Cousine lacht und klatscht in die Hände. „Etsch! Der Monsieur de Arcularius ist es ja gerade,“ spricht sie, „der mich begleitet hat!“
„Soll anderswo sein Métier prästieren als in meinem Reich und Landen!“ brause ich auf und die Gräfin, rosig erhitzt, mit feucht glänzenden Augen – wahrlich: ein reizendes Bild von Meister Watteau's Pinsel – von adeligem Anstand und doch ein liebenswürdiges Weib – wenn mein altes Herz nicht schon für Xénais glühte – ... oh Xénais ... nun denn – sie – die vertriebene Hohen-Sulz'sche, eifert, als sei sie selbst ein Sujet des roi de Prusse: „Der König von Preußen braucht doch Soldaten! Seine ganze Armee marschiert doch nach Westfalen. Es heißt doch: Jetzt giebt's endlich den Krieg zwischen ihm und dem wüschten Buonaparte! Deswegen muß ja der Herr Capitän von Arcularius allgemach heim! Er hat lang genug hier die Deserteurs und Conscribierten der grande armée über'n Rhein herüber angeworben und in Handgeld und Handschlag genommen, spricht er!“
„Wo ist sothaner Offizier zur Zeit?“
„Ei – unten in Waldbronn, im „Lamm“ – da hockt er!“ ruft die schöne Frau Amöne. „Ohne eine hochgräfliche riegeldumme Grenzsperre wäre er bei mir geblieben, und ich hätte meine Bagage noch! Er wollte mit solch einem Johannes durch den Wald flugs fertig werden, hat er gelacht und gesagt, – wenn man ihn machen ließe! Dafür sei er ein preußischer Husar und Werber und habe mehr Finten, Listen und Anschläg' im Kopf als ein Baum Blätter!“
„Möchte dies nicht nach einem Poltron schmecken, schöne Frau Cousine?“, frug ich in Zweifeln.
„Der Ruf des Herrn Werbe-Capitäns, daß ein Fuchs viel von ihm lernen könne – und in der Roth ein reißender Wolf von ihm das Beißen – geht weithin am Rhein bis in das Kur-Trier'sche und Kur-Kölnische!“, verteidigte ihn die Gräfin mit erhitzten Wangen. „Er steht auch in großer Gunst und Affektion bei dem Vater aller Husaren in Preußen, dem Herrn von Blücher. Er hat mir Briefe gewiesen, aus Stolpe und Bütow in Pommern, wo der Herr Generallieutenant sein ansehnliches Husarenregiment vor dem Ausmarsch nach Westfalen visitierte. „Wir werden nun negstens in die Gefegte mit diese Kerlls kommen!“, schreibt er. „Mit der Feder will es Seiner Exzellenz nicht recht glücken! Aber der Herr von Arcularius versteht wohl, wie es der Säbel meint!“
„Und er hat sich zu Euer Liebden vermessen, den Johannes durch den Wald zu fangen?“
„So sprach er nicht nur zu mir, sondern vor aller Welt zu den Postknechten, die die Vorleg-Pferde anschirrten und kleinmüthig waren: Er wolle solch einem Räuberlein auf einen Schelm anderthalb setzen! Dazu brauche es freilich nicht ein bäuerisches Drauflosreiten, sondern einigen Husarenwitz und preußisch kalt Blut!“
Unter diesem begeisterten Lob des Herrn Prussien von rothen, Hohen-Sulz'schen Lippen war meine Décision geschehen! Ich wollte nicht weiter meiner hohen Souveränität aus Waldesklüften heraus Hohn und Schabernack bieten lassen!
„Ich werde immédiatement ein Billet an den Herrn Stabsrittmeister expedieren“, meldete ich der Gräfin, „und ihn invitieren, einige Tage mein Gast zu sein! Möge er dann seine Husarenkunst an dem Johannes durch den Wald erweisen!“
Das Haus Palmingen lebte zwar mit dem Reichsstädtlein Waldbronn schon seit mehreren Jahrhunderten wegen einer strittigen Gänseweide in Fehde und Unfrieden und der weitberühmte Prozeß hing einhundertelf Jahre vor dem Reichskammergericht und ist, nachdem Wetzlar nun fürstlich Dalberg'sch geworden, niemals zu Ende gediehen. Trotzdem fertigte ich jetzt einen reitenden Boten mit meiner Epistel an den Herrn von Arcularius in Burgfrieden und Weichbild Waldbronn'scher Reichsstandschaft ab, wählte dazu den getreuesten und unerschrockensten aller meiner Dragoner, den Trompeter Bellonier, einen Brabanter, und hieß ihn, ohne Angst vor den Räubern, brav durch die Nacht galoppieren, wie er dann auch ohne Abenteuer in dem Städtchen anlangte, dem Herrn Rittmeister den petschierten Brief übergab und anderen Morgens mit dessen gehorsamstem Rapport wieder bei mir antrat, der Capitän von Arcularius werde nicht ermangeln, hochdero gnädigster Provokation zu folgen.
Während ich ihm am Abend diese Zeilen schrieb und also wider Hermes an Mars, gegen den Gott der Diebe an den Gott des Krieges appellierte, hatte ich die Frau Gräfin ehrerbietig ersucht, für vorkommende Nacht über mein Schloß und seine Appartements befehlen und verfügen zu wollen. Diese liebe Cousine jedoch hatte, bei aller Holdseligkeit äußeren Ansehens, malheureusement, wie mir bald klar wurde, einen rechten Pfälzer Dickschädel von Alters-Ahnen her auf ihren zarten Schultern sitzen und, besorg' ich, ihrem Gemahl wohl manchmal den Kopf heiß gemacht, bis er, allezeit getreu für Habsburg und ein heiliges Reich, bei Hohenlinden wider die Sansculotten sein adlig Gemüt aushauchte. Diese Gräfinwittwe stampfte jetzt mit dem Fuß tönender, als meinem Hofceremonier lieb war, auf das Getäfel, weigerte sich, Speis und Trank bei mir zu goutieren, und beharrte, mit finster geschürztem Mund und, als eine schöne junge Weibsperson, doch voll männlicher Courage, stracks ihre Reise nach Heilig-Kreuz fortzusetzen.
„Es halten sich als noch etliche Mönch' dort verschlupft!“, sagte sie erbost, und ich wußte wohl: Abt Martin II – seines Stammes ein Reichsfreiherr von Jachenau – und die alten Patres mochten aus dem, achthundert Jahre besessenen, nun säcularisierten Kloster nicht weichen, obwohl ihnen Dorfpfarren genug geboten waren, sondern getrösteten sich immer noch einer besseren Zeit. Und die Amöne von Sulz wickelt ihr Kindlein gegen die Nachtkühle in warme Decken und ruft: „Wo soll ich denn mein Haupt hinlegen? He? Ich bin auch aus uralten Erblanden von den Franzosen verjagt! Es hat halt jetzt in Teutschland zu viel Menschen und drängt Einer den Andern! Mit meinem Amtmann, den ich vorausgesandt, leben die Ordensleute wie Katz' und Hund! Ich will da aber keine Gewalt brauchen, sondern die Affaire in Güte schlichten!“
„Was wird die Frau Cousine da thun?“, frage ich, und die junge Gräfin lacht muthwillig. „Ei nix, als daß ich da bin! Kann ich dafür, daß ich lange Haar' hab' und ein Frauenzimmer bin? Da kriegen's die frommen Männer mit den Ängsten um ihr Seelenheil und räumen vor mir Beelzebübche das Feld – der gestrenge Herr Abt, wenn er mich anguckt, an der Spitz'! Deß bin ich getrost! Ich muß nur vor nachtschlafender Zeit am Pförtchen Sturm schellen. Sonst lassen sie mich nicht mehr ein! ... Bitt' also Euer Liebden herzlich: Schafft mir Reisegelegenheit!“
Meine Subjekte hatten inzwischen mit Fackeln die Karrosse, die noch verlassen auf der Landstraße stand, aus dem Walde heraufgeholt und trugen die von Frevlerhand aufgesprengten und in den Graben geworfenen Koffer herbei. Deren Inhalt war von den räuberischen Kanaillen, soweit sie ihn nicht hatten mitgehen heißen, mutwillig verstreut, und es sollen weithin im Walde noch Jupons und Chemisetten, Spitzen-Bonnets und Culottchen in den Sträuchern gehangen und am Boden gelegen haben.
Die Gräfin von Sulz aber kümmerte sich nicht darum, sondern half eifrig im Hof bei Laternenschein den Haiducken, die aus meinem Marstall gezogenen Pferde anzuspannen und wußte mit Schnallen und Riemen Bescheid wie ein Stalljunker. Ich aber ließ mir inzwischen meinen Generalissimus, den Commandant en chef von Schindewolff, kommen und befahl, bei meiner Ungnade, diesem allzu dicken und, trotz weißen Schnurrbarts, Würfeln und Weib ergebenen Marsdiener, sich ungesäumt und mit meiner gesummten Kriegsmacht von, nach des Bellonier Abgang, siebenzehn Dragonern in den Sattel zu schwingen, sich des ferneren unter kriegerischem Blasen durch die Nacht, gezückten Säbels um die gräfliche Reisekarrosse versammelt, nach Heilig-Kreuz zu instradieren und dort die hohe Dame ohne nochmalige Trouble und Attaque sain et sauf abzuliefern.
So durfte dann die gute Frau Reichsgräfin mit erlauchtem Sprossen und Bedienerin getrost in Nacht und Nebel hinausfahren. Sie reichte mir über den Kaleschenschlag noch herablassend die Hand zum Kuß, und während ich einen solchen graziös applicierte, beugte sie sich vor, wurde ein klein weniges roth und sagte: „Vielleicht läßt sich der Herr von Arcularius bei seinem dasigen Aufenthalt auch einmal in Heilig-Kreuz erblicken ...“
Mein schelmisches Zwinkern wollte Ihre Liebden nicht bemerken, sondern lehnte sich schnell in die Lederpfühle zurück, die Suite trabte los und die Räder rasselten.
Oh ... Xénais ...
Umschloß nicht zärtlich die musselindünne, weiße Robe, eng wie ein Hemd, mit langer Schleppe und buntgestickten Borten dein Nippes-Figürchen einer porzellanenen Schäferin? Öffnete sich nicht neckisch der tiefe Ausschnitt deiner hohen Wespentaille dem sanften Spiel deines weißen Busens? Lächelte nicht die kindliche Unschuld Elysiums aus der Nacht deiner großen, mandelförmigen Augen?
Oh – dieses Haar ... kraus, wirr, pikant in dem tiefen Blauschwarz seiner Perrücke ... dieses Gesichtchen – schmal und fein – geheimnisvoll weiß gepudert – mit den beweglichen Nasenflügeln von deiner heiteren Rasse, dem kleinen, rundlichen, elegischen Spitzbuben-Mäulchen ...
Oh ... Xénais ... Kind des Südens ... Tochter eines fremden Landes, in unsere barbarischen Wälder verschlagen – Xénais ... süße kleine Marquise ... Traumbild von einst – aus den Tagen meiner fernen Jugend ... vom Sonnenhof von Versailles ...
Und um den dünnen, weißen Hals trägst du ein schmales, vielsagendes rothes Band. Viele deiner Verwandten fielen unter der Guillotine. Du rettetest dich als Kind auf dem Arm des Vaters hierher auf mein Schloß! Hier blühtest du zur Jungfrau heran ...
Giebt es etwas Anmuthigeres – Ihr Amoretten, die Ihr mich unsichtbar umgaukelt, seid Zeugen! – als dein Spiel mit dem Longschal, den ich dir zum Wiegenfest verehrte? Er ist zweimal so lang wie du selber, türkisch gemustert, mit langen Franzen. Du aber weißt das lange schmiegsame Gewebe, einer Hamilton gleich, um dein Persönchen zu schlingen, dich in unbewußter Grazie darin zu drapieren, in klassischer Plastik einer deliciösen, immer wechselnden Haltung und Bewegung stets neu das Herz des alten Schäfers zu erfreuen ...
Oh Xénais ... dein Schäfer wird wieder jung ...
Drei ist die Zahl der Grazien. Zu dritt nur waren mir auch bei unserem Symposion: Ich, Xénais und ihr Vater, der Marquis.
Scherzhaft-geistreich, in der Sprache des Herrn von Voltaire, die den Ohren des Haushofmeisters, der aufwartenden Laquaien und des Leibjägers fremd, fing unsere Konversation, hin und her über den Tisch, die Bonmots und Aperçus auf, die wie leichtbeschwingte Falter den goldenen Glanz der Wachskerzen in den hohen Silberkandelabern umgaukelten. Wir handelten erst das Malheur der armen Gräfin ab, mit dem sie, vor dem großen Räuber Buonaparte flüchtend, unter die kleinen Räuber, den Johannes durch den Wald und sein Volk, gefallen, und ich konnte mich nicht entbrechen, anzumerken, es habe vielleicht gar noch auf dieser Reise Gott Amor, als preußischer Husar verkleidet, unserer Cousine Amöne den Pfeil ins Herz geschnellt ...
Amor ... das liebliche Kind ... Da waren wir denn wieder bei dem zärtlichen, kleinen Liebesgott! Ich faßte, indessen uns die Domestiquen Orange-Wasser über die Hände träufelten, Xénais, diese schalkhafte kleine Unschuld aus Welschland, bei den Fingerchen, und flötete leise: „Oh spröde Diana teutscher Wälder! ... Wann wirst du deinen Endymion erhören?“ Sie aber, die Marquisin, wiegt das brünette Köpfchen und spricht träumerisch: „Eben läutet es draußen das Ave!“ und ich verstand den feinen Stich wohl, daß keine andere Bresche zu dieser kleinen Festung offen, als die Kirchenthür zu Pfaff' und Altar ...
Dies war die erste Verstimmung, und es folgte sur le champ die zweite: die grausame Xénais fächelte sich Kühlung, trieb, voll erlesenen Geschmacks, das flüchtige Spiel des Schals zu einem Wellenwurf, der sie abwehrend beinahe völlig verhüllte, und ließ dabei wie beiläufig einfließen, sie sei, nebst dem Marquis, für morgen Nachmittag von dem Baron Maxence Marie von Wimmersheim auf sein nahes Schloß zur Chocolate genöthigt!
Im Nu waren in mir alle Dämonen der Eifersucht von ihren Fesseln der convenance gelöst! Ich versetzte, mit einer merklicheren Vibration der Kehle, als es Einem der Großen dieser Erde ansteht. „Ah – und wer ist das weiter – mein Nachbar ... le baron de Wimmersheim! ... Ein Mensch von niederem Adel ...“
„Mir ebenbürtig, Monseigneur!“ lächelte es von den kleinen, weißen Zähnen neben mir durch das Krachen einer Mandel. „Es kann nicht einem Jeden die Reichsstandschaft in die Wiege gebunden sein!“
„Ein Herr von mäßigen Vermögensumständen – fast arm zu nennen ...“ mäkelte ich erhitzt weiter. Xénais strich sich die weißen Musselinfalten ihres Gewandes glatt und erwiderte gelassen: „Nicht mehr, gnädiger Herr, seitdem ihn vor zwei Jahren die verewigte Gräfin-Tante in Wien mit großer barer Erbschaft begabt hat!“ Und – zu allem Unglück! – dies war wahr! Also höhnte ich erbittert zum dritten – und darauf gab es keine Parade – denn ich sagte nur, was der ganzen schönen Welt weithin bewußt: „Ma foi! Wen treffen Sie in dem Baron? Einen Harlekin! ... Einen ausgepichten Bajazzo, den nur alter Nam' und Schild vor dem Narrenthurm bewahren! ... Einen unmännlichen, verweichlichten Zärtling!“
Xénais hielt sich mit den kleinen Händen die kleinen rosigen Ohren zu. Ich jedoch beharrte in cholerischem Humor:
„Wenn Sie eines Mundkochs benöthigen, Marquise – le baron de Wimmersheim, diese ausgemachte Weibernatur, steht selbst am Herd und siedet und backt! Macht Ihre Garderoberin es Ihnen mit Nadel und Schere nicht zu Dank – le baron de Wimmersheim, fädelt und fertigt Perlenstickereien trotz einem Frauenzimmer! Gekleidet ist dieser Nachbar und Baron, daß seine Bauern lachen und es einen Schellen-Narren zu Fastnacht erbarmen möchte – so machet er aus sich in seiner Einfalt einen regenbogenfarbenen Affen! Ein Cavalier ohne Courage! Ein Glied der Noblesse ohne alle Mériten! Äh ... Fi donc!“
Das lose Kind an meiner Seite spielte mit ihrem Réticule und schnitt ein maliciöses Mündchen.
„Ein extraordinairer Vorzug ist dem Baron Wimmersheim doch vor Eurer gräflichen Erlaucht eigentümlich!“ ließ sie sich vernehmen und wieder zuckte es mir ins Herz. Denn dies wollte bedeuten: Er heirathet mich ohne Besinnen – die Tochter eines Marquis, dessen Schlösser und Güter – leider – nur noch im Monde liegen ... Und wenn ich noch die Zimperliche spiele – ei nur, weil ich lieber zur linken Hand des hochgebietenden Reichsgrafen von Palmingen getraut bin als zur rechten des kleinen Baron Wimmersheim ...
Aber beeilen Sie sich, Monseigneur ...
Just eben hörte ich in der Nacht draußen das Hufgetrappel und Säbelgeklirr meiner Armee, die victorieusement, ohne vom Johannes durch den Wald attackiert worden zu sein, von Heilig-Kreuz zurückkehrte. Ich ließ noch einen feurigen Blick eines treuen Ritters der Damen über Xénais hinleuchten. Sie aber schüttelte das eigensinnige, in eine chevelure à la sauvage der Perrücke gewirrte schwarze Köpfchen und sprach, vor sich hinlächelnd:
„Ich werde doch morgen bei dem Baron Wimmersheim ein Schälgen Chocolate nehmen!“
Da hob ich erzürnt die Tafel auf und verfügte mich allein in mein Cabinet, nicht anders erwartend, als in der Antichambre den Capitän von Schindewolff vorzufinden, der mir melden sollte, daß die Gräfin Amöne glücklich in Heilig-Kreuz einpassiert.
Doch wer tritt mir im Cabinet, wo er bekümmert vor dem Kamin gesessen, im Flackerschein der Flamme entgegen: der hochwürdige Abt Martin II. selber ...
Dieser vom Klosterthron gestoßene Mönchpriester ähnelte keineswegs den weltlichen Domherren am Rhein, die die Büste des Heiden Diderot auf ihrem Schreibtisch postieren und in Galanterien erfahren sind. Seine Gesichtsbildung war grob, ihr Aussehen streng, das graue Haar wirr, die Kutte rauh, Sandalen an den Füßen – mehr ein Waldbruder, denn ein Edelmann.
„Ich bin mit wendender Kutsche und deinen Dragonern hierher gereist, Florentinus!“ sprach er mit tiefer Stimme. Denn als nahe Vervetterte bedienen mir uns des „Du“. „Es ist an dem, daß ich eilends fliehen mußte. Der böse Feind hat seinen Vortheil erkannt und ist in Heilig-Kreuz eingedrungen!“
„Mit Hörnern und Klauen, Schwefel und Gestank?“
„Mit langem Haar und langen Röcken, heller Stimme und höchst holdselig zu schauen!“, rief der heilige Mann. „Wehe! Wehe! Wahre dein Seelenheil! Wo der Satan in Weibsgestalt umgeht, da weiche! Morgen ziehe ich mit den Patres weiter in österreichische Erblande, wo – dem Ewigen sei Dank – noch kein Klostersturm und Säkularisation erfunden wird und uns im Wallfahrtskloster St. Peregrin ein neuer irdischer Unterstand bereitet ist!“
„Also habt Ihr in Heilig-Kreuz nicht den Teufel ausgetrieben, sondern der Teufel Euch!“ scherzte ich und geleitete den Abt in meinen Schlaftempel, wo ich die bevorzugte Welt empfange. Wir setzten uns an den hohen und heißen, eisernen Ofen, der in zierlicher vergitterter Schmiedearbeit und mit gehämmerten Schildern den Thurmbau von Babel darstellt, und Martin II. sprach bedachtsam: „Schelte nicht, Florentinus, sondern sei auf dein eigenes Seelenheil bedacht! Du bist alt und müde! Freilich voll seichten Unglaubens und höhnischen Zweifels, als ein rechter Sproß eines nun abgethanen, achtzehnten Säculums. Aber wer an Allem zweifelt, muß auch an dem Unglauben zweifeln, und wer Nichts glaubt, darf auch nicht an den Zweifel glauben, und man hat solcher Exempel heilsamer Bekehrung schon mehr als eines erlebt, und die Gott läugnen, sind ihm heimlich oft schon wieder am nächsten! Darum komme zu uns nach St. Peregrin und verbringe da in Frieden deine letzten Tage!“
Ich vergoß still ein paar Zähren in mein Spitzentüchlein und dachte an Xénais. Der finstere Abt fuhr grollend fort:
„Was thust du noch in dieser Weltlichkeit? In wenigen Wochen oder Monden bringt dir der Wille des Schicksals eine Kutsche voll Schreiberseelen und Rechtsverdrehern vom Code Civil vor das Schloß. Du wirst als Souverän abgesetzt, mußt Herrschaft und Macht den gekrönten Dienern Napoleons übergeben und sinkst in das Dunkel der Unterthanen hinab!“
„Ha! Niemals!“ rief ich. Doch Herr Martin II. ließ sich das Wort nicht nehmen. „Ein Anderer möchte sich getrösten, daß sein Stamm noch blüht! Du aber bist der letzte Graf von Palmingen! Das gute, ehrliche Haus geht mit dir hin, nach Gottes Rath! Es wird einsam und Herbst um dich! Deine Gattin, die Frau Gräfin, starb früh vor dir dahin! Und wer kann sich erkühnen und sagen, daß dein einziger Sohn noch lebt?“
„Oh ... rede mir nicht von meinem Sohn!“, rief ich schluchzend und barg das thränennasse Antlitz in den Händen. Der vertriebene Klosterherr redete weiter:
„Ich weiß es wohl, daß du seit fünfzehn Jahren – seit er, vom Jakobinerteufel der Freiheit besessen, nach Paris ging, sich für einen Citoyen und Menschenrechtler, Feind der Fürsten und Pfaffen, und Anbeter der Göttin Vernunft erklärte und in den feurigen Abgrund der Revolution sprang – ich weiß, Florentinus, daß du deinen Sohn aus väterlichem Recht und Kraft des Statuts deines hochedlen Hauses als dessen Senior verstoßen und verflucht – auch männiglich untersagt hast, seiner noch je vor deinen Ohren zu gedenken und von ihm zu sprechen – wenn nicht dermaßen, als sei er todt! Wahrscheinlich ist er todt – wie denn diese greuelvolle Zeit der Sansculotten gleich Chronos alle ihre eigenen Kinder fraß – er muß todt sein! Denn man hat zu lange schon nichts von ihm vernommen?“
„Für mich ist der Unselige todt.“
„Was also hält dich noch hienieden auf Erden? Die Erde, auf der wir stehen, Florentinus, gehört uns nicht! Nur die Erde, in der wir ruhen! Alles Zeitliche schwindet jetzt dahin. Der Kaiser ist weg. Das Reich zerfällt. Wir werden Alle vertrieben, Jeder aus dem Seinigen! Du von den Justitiaren und Protokollanten der neuen hohen Herren Rheinbund-Potentaten und Franzosenknechte, – ich von einem jungen Frauenzimmer vom Adel wie der Hohen- Sulz'schen Gräfin!“
„Und der Gräfin wieder hat der Johannes durch den Wald das Ihre geraubt!“ seufzte ich. „Hoch zu Roß – vermummt – auf meinem Boden – recht wie ein Ritter von der Landstraße! Wann wurde das, seit dem gesegneten Mittelalter, je vernommen?“
„Der Johannes durch den Wald soll sein Pferd ohne Tadel meistern und tummeln – heißt es“, sprach Herr Martin II., „– nicht schlechter, als es manche unserer Vorfahren, leider Gottes, als Raubritter thaten!“
Ich mußte dazu nicken.
„... so als sei ihm ein altes und edles Geblüt eingeboren!“ sagte der Abt. „Wie würde auch aus einem gemeinen Schnappsack ein Kentaur?“
„Mag dem so sein, daß es ein ausgearteter Cadet aus großem Hause ist! ...“
„Nachdenklich, Florentinus, ist weiter das Factum, daß er gerade deine Grafschaft nebst Nachbarthümern heimsucht und plagt, und nicht nach anderer Räuber und Wölfe Art weithin im Lande auf- und abstreicht!“
„Lassen mir es, Abbas ...“
„Hier aber, in Palmingen'scher Herrschaft, ist ihm Weg und Steg bekannt, kein Schlupf und Gelegenheit verborgen, wie einem, der von Mutterbrust und Kindesbeinen an hier daheim gewesen ...“
„Genug denn ...“
„Nun aber ein wunderlicher Fingerzeig, Florentinus: was sich sonst an gemeinen Räubern in lichten Schaaren bei uns umtreibt, Juden wirft und sich beim Bauern die Nachtranzen mit Kamisolen und Dörrfleisch füllt – diese Brüderlein wissen, was ihre Thaten werth sind und daß sie nichts Besseres verdienen als Stockhaus und Hochgericht! Unser Ritter auf dem Rappen aber – ei – weiß er nicht dem Beraubten zum Hohn zu melden, jedwedes Eigenthum sei überkommener unrechter Besitz und wolle an seinen rechten Ort, zu denen, die da Nichts haben, zurück? ... Florentinus: hörst du da nicht die Höllenstimme des großen blutigen Babel Paris und der Schreckensherrschaft? Hat nicht Maître Robespierre, herausgeputzt à quatre épingles, zierlich einen Blumenstrauß in der Hand, beim Fest des höchsten Wesens in Paris solche Principien ausgerufen – und war unter den viel tausend schwarzen Schafen, die ihm lauschten, nicht auch ein junger Graf aus Teutschland?“
„Höre auf, Abbas!“, schrie ich aufspringend. Herr Martin aber predigte unverdrossen weiter:
„Verkündet nicht dieser unbekannte Junker Johannes durch den Wald, wenn er bei deinen Amtleuten Nächtens die Thüren einstößt, bei Fackelschein die Schafe wegtreibt, deine Zinsen und Gefälle aus den Kästen raubt – läßt er sich nicht da, hoch zu Roß in der Nacht, inmitten seines höllischen Haufens, mit einer fürchterlichen Stimme vernehmen, er hole sich nur wieder, was ihm mit Fug und Recht gebühre? So als sei er enterbt und verstoßen und um das Seinige gebracht ...“
„Ich mag nichts mehr hören!“
„Wer kann es sein, der mit einiger Raison – auch eines Bösewichts – sich solcher Worte vermessen darf? Keine Christenseele weiß es! Denn Niemand erblickte den Herrn Johannes durch den Wald noch anders als mit vermummtem Antlitz! Daraus ist unschwer abzusehen, daß ein Entsetzen durch das Land laufen und alle Gemüther verwirren würde, wenn man diesen mysterieusen Cavalier einmal mit bloßem Angesicht erkennen möchte! Denn was liegt an eines ordinairen Räubers gemeiner Gesichtsbildung? Selbst ein Bückler und Mathes, Veit und Manne, und was an weitverschrieenen, großen und berühmten Räubern sonst zur Zeit durch diese Gebirge schweift, hat selten das Antlitz geschwärzt und eine schwarze Larve vorgebunden, und trotzt meist offen Gott und der Obrigkeit!“
„Genug! Lieber Hochwürdiger und Vetter: Mach' ein Amen hinter deinem Sermon!“
„Ich bin am Amen! Denn weißt du, Florentinus, wohin ich hinaus will?“
„Sprich es nicht aus!“
„... Ahnst du, was mir seit Langem schwant?“
„Berufe es nicht!“
„Hörst du, was die gemeine Rede und des Volkes Murmeln längst rings im Lande ist?“
Ich faßte den Herrn Abt vorn an seiner stacheligen Wollkutte. Er ließ sich nicht in seinem Sprüchlein beirren.
„... was im Schloß hier schon die geringsten Heerdmägde und Stallbuben raunen – und es untersteht sich nur keiner, es vor dir zu verlauten ...?“
Mochte ich auch Herrn Martin in meiner Angst und Noth schütteln und beuteln – sein exemptes Gewand vergessend! – er rief athemlos und unverdrossen weiter:
„Vox populi – vox Dei! ... Gott straft dich, Florentinus, für dein hartes Vaterherz! Denn siehe – wenn nicht alles trügt –“
Ein kalter Angstschweiß näßte mir die Stirne. Ich fiel in den nächsten seidenen Armstuhl und saß da schweigend und mit offenem Munde, und Herr Martinus der Andere schloß:
„– dann ist besagter vielberühmter Johannes durch den Wald der Erbgraf Otto Septimus, dein Sohn, den dein Fluch und wälsche Irrlehren dir aus der Fremde als deinen abgesagten Feind zurückgestellt haben!“
Wo blieb mir, in dieser regnichten und stürmischen Nacht, der Mohn des Morpheus? Ich wandelte ruhelos in meinem geräumigen Schlaftempel auf und nieder. Ich lehnte bekümmert am Fenster und tausend Pensee's jagten durch meine Seele! Ich nahm meine Zuflucht zu jener Funktion menschlichen Verstandes, die mir immer als die höchste erschienen und mein Leben durch dies, nun vollendete, merveilleuse achtzehnte Jahrhundert begleitet hat – zu dem Zweifel, und fand im Zweifel den gewohnten Trost eines hochgeborenen alten Philosophen! Was weiß ein Zelot in seiner Zelle – so raunte mir die freundliche Kupplerin Skepsis zu – was weiß er von der Menschen Meinung, Landstraß' und Lauf der Welt? Der rauhe und grobe Herr – zornig, daß ihn die schöne Hohen-Sulz'sche mit flammendem Schwert aus seinem Pfaffenparadies vertrieben – hat das empfangene Ungemach christlich an mich weitergeben wollen! Soll ihm aber nicht glücken!
So beschwichtigte ich mich – soi disant im Kampfe wider mich selbst – und erwartete mit Ungeduld den Morgen ....
Ein Reichsstand wie ich, Graf Florentin, sorgt sich sonst wenig um die paupere und eisenfresserische Nation der Preußen dort hoch oben im Norden, in Berlin und Warschau. Ich – und ein Jeder, der einer galanten und graziösen Conduite des Lebens beifällt – erfand die Preußen alle Zeit als steif und feind den Orten, wo wahrer bon ton und höfisches Ceremoniell, Feinheit jeglichen Pläsiers und exklusive Reserve wider Bourgeoisie und Canaille, der Welt ein leuchtendes Exempel geben – als wie im königlichen Paris und in der Kaiserstadt Wien.
Nun aber ersehnte ich nichts heftiger als die Ankunft des Herrn Stabsrittmeisters von Arcularius! Wie die gesammte Börse auf die Faro-Bank, so setzte ich auf diesen vielberufenen Prussien meine Lebenshoffnung. Diesem ausländischen Husaren-, Werber- und Abenteurer-Charakter, der ja bald wieder von dannen ritt, wollte ich mich gänzlich découvrieren und ihn bitten, mit allen seinen Listen den Johannes durch den Wald nicht gleich in Thurm und Eisen zu liefern, sondern vorerst ihm heimlich zu entlocken, wer er eigentlich sei – ob ein Kesselflicker oder eines heiligen Reiches Graf ...
Zu guter Stunde war an diesem Morgen ein großer, starker berittener Jude eilends beim Schlosse durchpassiert, welcher, als ein Geldwechsler auf dem Weg nach Frankfurt, mit seinen Dienern, die Halfterpistolen zur Hand, unverzagt, in gestrecktem Galopp, das Revier des Johannes durch den Wald durchmessen hatte und nun zum Gott seiner Väter aufathmete. Dieser juif en question berichtete, er habe unterwegs eine, bei heftigem Regen verschlossene Chaise hinter sich gelassen, in welcher, nach der Geschwätzigkeit des Kutschers auf dem Bock, ein zu mir reisender Herr Offizier in preußischen Diensten gesessen.
Nun sah ich abwechselnd auf jede der beiden großen Sackuhren, die ich anlangen, um den Hals geschlungenen, goldenen Ketten in meinen Gilet-Taschen trug, und wünschte den Herrn Stabsrittmeister herbei und setzte, auf einen jähen und erschrockenen, wälschen Schrei meines valet de chambre Pompeo Orlandi, den Fuß auf den Balkon ...
Da unten, um die Waldecke, kam der Wagen! Aber wie denn: Der Bock war leer! Die Zügel schleiften am Boden! Die beiden Gäule gingen im Schritt! Nun konnte man bemerken, daß hinter ihnen, hinkend und von Erde beschmutzt, der Kutscher lief! Der Mensch erreichte seine beiden Mähren gerade, als sie von selbst vor der Auffahrt meines Schlosses stillhielten.
Mit Beschämung muß ich eingestehen, daß ich einige eilige Schritte hin die Gravität des Auftretens vergaß! Erst beim Herniederwandeln über die Treppe gewann ich – den Hofceremonier Marquis de Fizeaux mit dem Marschallstab voran – meine landesherrliche Würde wieder mit der ich mein Vaterauge auf den schlotternden Postknecht blitzen ließ.
„Was ist arriviert? Melde Er!“
Der Kerl berichtete, noch außer Athem: – Ja ... zu Diensten ... Freilich habe er den Capitän von Arcularius durch den Wald gefahren, mit der Peitsche geknallt, recht um in seiner Bêtise die Räuber zu rufen – und sich Eines gepfiffen – da seien aus einer Tannenwildniß der Johannes mit der schwarzen Maske und zwei Gesellen vorgesprungen und hätten blindlings über den Kutschenschlag weg ihre Donnerbüchsen auf den armen Herrn innen gelöst, daß der Rauch aufwirbelte und die Gäule sich entsetzten und durchgingen, und er, der Kutscher, vom Bock purzelte. Er sei in Todesängsten hinterhergehumpelt. Lebe noch, mit der Heiligen Hilfe ... aber der Herr in der Chaise da herrinnen, den Seine gräflichen Gnaden auf das Schloß zu sich gefordert ... „Wie kann der Johannes durch den Wald das schon erfahren haben?“, frug ich wahrhaft entsetzt ...
„... Der Herr da drinnen ist todt! Er regt sich nicht mehr!“, verkündete heiser mein Jagdmeister O'Kelly! In der Ecke des Wagens lehnte, in sich gesunken, im Dämmern die Gestalt des unselig Verblichenen. Meine Livrée griff zu, um die Leiche herauszuheben. Ich wendete mich ab. Ich mochte den betrübten Anblick nicht schauen.
Da höre ich, in meiner Gegenwart, angesichts des Todes, ein allseitiges, lautes und unehrerbietiges Gelächter, mit dem die Burschen ungehobelt herausplatzen! Sie lüften den tabakbraunen, rauhwollenen Radmantel und Reisehut von dem Leichnam – und mon Dieu: – gemeldeter Leichnam ist nichts als ein dickes, wohlgestopftes Felleisen, an dessen Elenn-Leder und Messingbügeln die bübischen Pistolenkugeln, wie man deutlich sah, abgeschrammt und breitgeschlagen waren.
Doch der Herr Stabsrittmeister in persona, – wo war dieser listige Preuße geblieben? Nun kratzte sich der Tölpel auf dem Bock hinter dem Ohr und entsann sich, er habe, gleich nachdem er in den Wald gekommen, hinter sich etwas wie die Wagenthür schlagen hören. Da war der Husar heimlich, lange vor dem Überfall, herausgesprungen und hatte so, wie ein Fuchs den andern, den Johannes durch den Wald geprellt ...
Die Marquise Xénais schickte ihre Stubenheizerin und begehrte, zu wissen, was der Auflauf vorstelle? Ich verfügte mich höchstselbst zu ihr und brachte ihr, als ihr getreuer Serviteur, diese neue Post. Die Holdselige ruhte, in einem Negligée, dergleichen die Himmlischen erfunden haben mögen, und in der denkbar anmuthigsten Stellung, die Bänderschuhchen der Füßchen neckisch gekreuzt, schmachtend die gepuderte Wange in der aufgestützten kleinen Hand geborgen – ruhte, sage ich, auf einem geblümten Canapé, scherzte mit ihrem Wachtelhündchen und schüttelte eigensinnig die blauschwarze Nacht ihres Löckchengewirrs bei der inständigen Bitte ihres Schäfers, von der intendierten Chocolate bei dem Baron von Wimmersheim abzustehn!
Eh bien, marquise! So führte mir denn die Furie Eifersucht die Feder und in Angst, Xénais und le baron de Wimmersheim ohne mich bei einer Schäferstunde zu wissen, sandte ich ihm, kurz resolviert, ein Handschreiben und meldete mich selber für diesen Nachmittag auch bei der berühmten Chocolate zu Gast.
Dies gethan, promenierte ich in den Audienzsaal zurück. Es ist das Menschenrecht auch der Geringsten meiner Unterthanen, an jedem Freitag in der Woche, nachdem ich meinen mittäglichen Repas eingenommen, sich mir zu nahen und an mir einen huldvollen Herrn für ihr Gestammel und ihre Kniefälle zu finden. Der Zulauf der Supplikanten ist stets immens und auch heute mochte ihrer mindestens ein halbes Dutzend versammelt sein, die ich der Reihe nach, wie sie demüthig ihren Kratzfuß machten, mit meiner Ansprache beglückte.
Mein Schutzjude Moises Legusch beschwerte sich hart: Er war, als ein Viehschmuser und Ochsentreiber, sammt der Blümchen, seiner Tochter, kürzlich vom Johannes durch den Wald überfallen und ihm vier Häupter Rinder weggetrieben und nur mit einigen Maulschellen und Püffen bezahlt worden.
Dem Butternickel, einem Unterkäufer, der Speck und Schmalz bei den Bauern zusammenfeilschte und über den Rhein trug, wo ihm die Franzosen besser zahlten – ihm hatten die Bösewichter von des Johannes ††† Bande nur den leeren Sack gelassen. Meinem Amtsschreiber Papius hatten sie vorige Woch' mit einem Stachelstock übers Haupt geschlagen und an die hundert Carolin aus der Truhe entwendet.
Der hochwürdige Pfarrer Held mußte mir, als neuesten Schurkenstreich dieser Elenden, zu melden, daß sie die Ägydii Kapelle Nächtens aufgebrochen hatten, um die Wachskerzen auf dem Altar zu stehlen. Mit diesen angezündeten Pfundlichtern aber erleuchteten die Malefizkerle noch in gleicher Nacht den Keller des Schultheißen und Grenzwirths Geiger und rollten die Branntweinfässer auf Nimmerwiedersehen davon.
Es stieg ein übles Aroma aus dem Peuple auf. Ich verhehlte ein Gähnen und ennuyierte mich. Ich frug daher etwas mißgelaunt den Nächsten: „Und was – que, diable! – hat Ihm der Johannes durch den Wald zu Leid gethan?“
„Nichts, gnädiger Herr!“
Diese freimüthige Erwiderung frappierte mich und ich faßte den guten Gesellen wohlwollend ins Auge. Es war ein noch jüngerer gemeiner Mann in einem blauleinenen Fuhrmannskittel, kurzen, weißleinenen Hosen und Bändelschuhen. Er stand treuherzig und breitbeinig da und drehte seinen dreieckigen Bauernhut zwischen den Händen. Seine Mundart schien mir fremd. Der Marquis de Fizeaux, welcher mir die Individuen präsentierte, räusperte sich mit einer wichtigen und geheimnisvollen Miene.
„Es ist ein vazierender Bandkrämer, der sich der Käsvogel nennt“, wisperte er. „Er ist am Überrhein in Fürstprimas'schen Landen toleriert und handelt von da mit Pfeifenköpfen, bleiernen Knöpfen, Messern, Spiegeln ...“
„Eh – geh' Er damit zu den Bauern!“, sprach ich unwillig.
„... und mit steinernem Geschirr ...“
„Hol' der Böse seinen Plunder ...“
„... und mit Porzellan, hoher Herr!“, flüsterte der Krämer. „Ich weiß wohl, wo noch eine rare, kurfürstlich Mainzische Ware aus der in Asche gefallenen Fabrik in Höchst da und dort im Lande zu finden ist. Ich schaffe die schönsten und seltensten Grüppchen bei: Ochsenhetz und Löwenkampf, Liebesbrunnen und Hundehochzeit! Ich bin als ein Handelsmann in solchen gebrannten Dingen gut erfahren und Euer Gnaden gänzlich zu Diensten!“
„Sieh! Sieh!“ sprach ich erfreut. „Endlich einmal ein Bittsteller, der mir Etwas ins Haus trägt! Ich muß Ihn loben, Käsvogel – so ist ja wohl vulgo sein Name! Trete Er ans Fenster, wo uns der Populace nicht hört! Dort wollen wir des Weiteren über diese Affaire sprechen!“
Die Fenster des Saals öffneten sich gegen Mittag auf den Schloßhof hinaus. Im Hof war ein Trubel. Ich bemerkte den Frater Dothias, meinen Stallmeister. Weltlich ein Baron Galletta, ehemals in toscanischen Militärdiensten, dann als Laienbruder einem Kloster entlaufen, und – als ein eingeschworener Illuminat wie ich und mir darin mit Passion zur Hand – in Rosenkreuzerei, Athenischen Logen und Freimaurerei vom Flammenden Stern – dieser wahren Religion eines achtzehnten Jahrhunderts, – wohl noch besser erfahren als im Messehören und Hufbeschlag.
Dieser mein Ordens-Freund hatte etliche blanke Pferde an den Wassertrensen aus dem Stall ziehen lassen und wies sie einem braunen, schwarzhaarigen Zigeuner, der in den Hof geritten und von seinem Klepper abgetreten war. Mühlsteine und glühend Eisen sind zwar die einzigen Dinge, die ein Zigeuner liegen läßt und nicht mit sich gehen heißt. Doch genießt dies Volk von Ägypten aus, woher es gekommen, noch mancherlei Geheimnisse und weiß, mit Spinnweb, Speichel und Abrakadabra den Pferden Maule und Hahnentritt, Weben und Windsetzen zu vertreiben. Ich konnte es also nicht tadeln, wenn mein Dothias von der schwarzen Kunst des Zigeuners profitierte. Letzlicher stand in einem abgeschossenen langen Rock und hohen Stiefeln, als ein rechter Roßkamm und Roßtäuscher, vor den herausgeführten Gäulen. Aber er suchte nicht in ihrem Maul nach den Kunden in den Zähnen, sondern mit ernstem Aussehen, die langen Haare schüttelnd, nach Etwas in der flachen Hand des Dothias, welcher als ein Oberer vom zweiten Grad unserers heimlichen Ordens, unter seinem Oberrock statt der Nachteule schon den halben Mond am ponceaurothen Band trägt – Bruder Dothias, dieser in alle Eleusinischen Mysterien Insinuierte, blickt erhitzt zu mir herauf und ruft verzückt:
„Monseigneur! Der Zigeunerkerl hier kann mehr als Brot essen! Hier leuchten Pythagoräische Maximen aus fernen Zeiten auf! Er liest Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft untrüglich aus der Hand!“
Da durchbohrte mich der Pfeil einer sublimen Idee, daß ich vielleicht aus dem ungewaschenen Maul eines Zigeuners erfahren möchte, wer der Johannes durch den Wald sei, und ich begab mich hinunter auf den Hof und winkte den braunen Heiden vor mein Angesicht und ließ ihn kurz an: „Zigeuner – kannst du auch mir die Wahrheit sagen?“
Zur Antwort zeigt Jener lachend das Weiße in seinen Augen und die weißen Zähne in der kupferfarbigen Visage, beugt sich über meine Hand, ohne sie zu berühren, und die frohe Laune weicht von ihm und er flüstert ganz erschrocken, ganz leise, so daß nur ich es hören kann:
„Kohdle. Kyre – Großer Herr! ... Es steht grausames Unglück über Ihrem Schlosse! Das spür' ich als ein Sende, als ein Zigeuner!“
„Woher kommt das Unglück?“, raune ich und erwarte mit Grauen die Antwort. „Von deinem Sohn – dem Johannes durch den Wald!“ Stattdessen wispert es neben mir: „Es ist schon bei Ihnen eingetreten, Großmächtiger Herr! Hüten Sie sich, – oh weh! – vor dem preußischen Werber!“
„Zigeuner, was weißt du von dem Preußen?“
„Hetzen Sie ihn nicht gegen den Johannes durch den Wald, gewaltiger Herr! Wer Johannes durch den Wald nimmt furchtbare Rache an Euch allen! Schicken Sie den Preußen auf dem Schub dahin zurück, woher er kommen ist!“
„Dummer Zigeuner! Der Preuße ist ja noch gar nicht da!“
„Er ist in Ihrem Schloß, –- der Pfiffes! Der mächtige Herr merkt es nur nicht!“
„Was plapperst du, Zigeuner?“
„Er hat sich heimlich eingeschlichen, damit es dem Johannes durch den Wald verborgen bleiben soll, daß er vorhanden ist! Dem Johannes durch den Wald wurd' aber flugs ein Zinken gesteckt ...“
Unter solchen Worten tritt dieses maivais sujet ganz gemächlich in den Steigbügel, schwingt sich auf seinen struppigen, aber nicht üblen Gaul und deutet breit grinsend mit dem Finger nach dem Schloßthor, wo der Porzellankrämer vom Überrhein mir aus dem Saal gefolgt ist und bescheiden in der Ecke steht. Nun aber sich aufreckt und über eine weite Regenlache hinweg einen Sprung wider den Zigeuner führt, wie man sich dessen eher von einem Tiger in Indien als von einem schlichten Großherzoglich Dalberg'schen Subjekt versehen möchte. „Halte-là!“ schreit er dabei mit gellender Stimme. „Steh, Zigeuner, und zeig', wer du bist!“
Der braune Kerl auf dem Roß aber wirft es herum, daß es in die Luft steigt, und meist mit der Rechten, unter dem aufflatternden Mantel hervor, ein schuhlanges Pistolet. Im selben Moment hat auch der Bandelkrämer ein doppelläufiges Terzerol aus seinem blauen Leinwandkittel gewonnen und seine Kehle gellt wie eine Trompete: „Du Schuft! Du bist Johannes durch den Wald!“
Die Augen des Zigeuners aber glühen und er lacht und er fährt, Antlitz und Pistolenmündung rückwärts gewendet, mit seinem windschnellen Roß über den Hof, daß Knechte und Mägde, Hunde und Cavaliere voll Entsetzen vor dem Johannes durch den Wald übereinanderpurzeln, rennen, sich in Winkeln ducken. „Ihr seid letztlich gewarnt!“, ruft er zurück. „Ich bin mit anderen Schelmen fertig geworden als mit Euch, – Herr von Arcularius!“
Wie dem Verruchten folgen? Es standen nur Gäule mit blankem Rücken und losen Trensen umher! Schon saß, nach Türkenmode mit einem Bocksprung von rückwärts, der Herr im blauen Kittel auf dem nächsten besten Tier, und nun merkte dieser sonst untraitable Krippensetzer, daß ihm ein Husar aus weiland Friederici des Großen Armee die Rippen zusammendrückte. Auf blankem Roß und wie mit ihm verwachsen, jagte, zu meinem ungläubigen Etonnement, der Herr Stabsrittmeister von Arcularius hinter dem Johannes durch den Wald drein. Aus der Faust des Zigeuners vorn blitzt die Pistole. Der Jahrmarktskrämer hinten feuert im vollen Galopp wider. So verlieren sich die beiden unheimlichen Gäste meines Schlosses in einer Hetzjagd, an den ackernden und sich hinterm Pflug bekreuzigenden Bauern vorbei, in der Ferne.
Ich, der regierende Graf, war total stupéfait. Der abgedankte Klosterbruder Dothias und der Herr Marquis, mein Marschall, mußten mich unter den Armen in das blaue Cabinet führen – so heftig war der Embarras meiner Nerven. Der Jägermeister O'Kelly ließ mich auf einen Stuhl gleiten, mein Kammerknecht Pompeo lüftete mir das Spitzenjabot, der Maestro Christoforo, mein Porzellanmaler, wedelte mir mit einem Straußenfächer Kühlung. Doch fühlte ich mich erst erquickt, als sich ein zarter und köstlicher Zephyr von Parfüm durch das Zimmer ausströmte, in das die Marquisin Xénais mit leichten Sohlen und hohen Stöckeln hereingetrippelt, und die Göttliche neben mir niederkniete und ihre Rosenfinger die Krähenfüße meiner Schläfen mit Lavendelgeist rieben!
Beglückt, mit geschlossenen Augen, murmelte ich: „Nun wird doch hoffentlich, Theure meiner Seele, der Herr von Wimmersheim seine Chocolate ohne uns löffeln?“
Sie aber, die schwarze Eva, blies mir mit süßer Stimme, unschuldig wie eine arkadische Hirtin, ins Ohr: „Nicht doch! Lassen mir ce pauvre Baron nicht nach dem Anblick Eurer Erlaucht schmachten! Die Visite wird Euer Gnaden, nach dieser Emotion, ein erfrischendes Divertissement bedeuten!“
Man kann sich nichts Ridicüleres ausmalen, als schon unsere Begrüßung durch Monsieur le Baron Maxence Marie César de Wimmersheim!
Sein Château – füglich eher ein Jagdschloß zu nennen – liegt mitten im dichten Gehölz und kein Einsichtiger wird es ihm unter den obwaltenden Zeitläuften verdenken können, daß er alle Fenster vorsorglich gegen den Johannes durch den Wald hat vergittern lassen. Aber daß jedes Fenster inmitten zierlichen eisernen Geschnörkels eine eiserne Strahlensonne aufweist und als Gesicht in ihr des Barons eigenes Konterfei, wie er dem Johannes ††† draußen höhnisch die Zunge bleckt – diese Imagination läßt schon errathen, was für ein Narr hinter diesen Eisenstäben haust.
Er tänzelte und scherwenzelte uns dienstbeflissen über die Freitreppe entgegen, machte mir unterwegs die possierlichsten tiefen Reverenzen, warf der Sylphe an meiner Seite neckische Kußfingerchen durch die Luft zu und begrüßte herablassend mit einem Wink eben dieser Finger ihren Vater, den Marquis.
Oh ... Xénais ... falsche Schlange unter Blumen ... Ich sah den vielsagenden Augenaufschlag von unten wohl, mit dem du des Barons Wimmersheim graziös gerundeten Arm nahmst, um hinter mir an seiner Seite deine Entrée in das Schloß zu halten. Ein Papagei krähte uns von seiner Stange entgegen. Die Natur hatte die Farben des Regenbogens über das wunderliche Geflügel ausgeschüttet und doch glich gemeldeter Vogel eher einer Krähe, wenn man ihn mit seinem Herrn daneben verglich. Der Baron de Wimmersheim hatte, um der Marquise und mir seine Verehrung zu bezeugen, einen rosarothen goldgestickten Frack angelegt. Daß er einen Schnürleib nach Weiberart darunter trug, sah man nur von hinten. Denn vorn kleidete er seinen hageren, an sich wohlgebildeten Leib mit drei langen Gilets in Klappen übereinandergeschuppt, von Aprikosen-, Flieder- und Perlmutter-Farbe. Die Escarpins waren aus violetter Seide. Silberschnallen an den weiß-seidenen Kniestrümpfen. Unter den Arm hatte dieser Herr einen schwarzsammtenen, goldgeränderten Dreispitz geklemmt, an der Seite einen kleinwinzigen, zerbrechlichen Galanteriedegen gleich einem Kinderspielzeug.
Ein ungeheures, buntseidenes Tuch würgte siebenfach geschlungen, seinen Hals bis zu den Ohren. Das Haar des Barons war in viel hundert kleinen Cherubim-Löckchen gebrannt und gekräuselt, sein faunisches Gesicht mit Reismehl weiß gepudert, Lippen und Augenbrauen mit blutrothem und schwarzem Stift nachgezogen, als sei er ein Pojatz bei den englischen Reitern.
Wo er ging und stand, umwehte ihn eine Wolke von Moschus, und dieser schwüle Odeur benebelte alle seine mit selbstgemachten Stickereien, Deckchen und Polstern complètement gefüllten Boudoirs, durch die uns dieser Imbécile geleitete.
Auf dem Tisch stand eine Collation bereit, und der Baron war nicht wenig stolz, uns auf Edelmanns Ehre zu versichern, daß er diese Pâtisserieen mit eigenen Händen gebacken. Ein kleiner Mohr in Türkentracht wartete auf. Es war freilich nur ein Bauernknäblein aus dem Dorf des Herrn von Wimmersheim, den er mit Kienruß geschwärzt hatte. Er durfte der göttlichen Xénais nicht zu nahe kommen, wenn anders garstige Flecken auf ihrem Putz und Staat vermieden werden wollten. Und in der That – die hartherzige Schöne hatte dem Baron zu Liebe alle verführerischen Reize ihres nachthaarigen, großäugigen wälschen Südens in ein schmachtendes Licht gerückt. Unter ihrer Robe von blutrothem, mit Stahlperlen gestickten, indischen Perkal, warf, in Kniehöhe vorkommend, eine Tunika die gefälligsten Wellen aus schwerem nilgrünem Sammet. Ein Brabanter Spitzenrand umkoste den weiß athmenden Busenausschnitt. In anmuthigster Art hob sie die zarten Arme in kurzen Puffärmeln und strich über das Löckchengewirr, unter dem ihr schmales und pikantes, weißgepudertes Gesichtchen auf das graziöseste dem Baron zulächelte. Für mich hatte sie niemals diesen Ausdruck von Amüsement auf dem kindlichen Linienschnitt ihrer Züge übriggehabt, und die Höllenpein der Eifersucht machte mein Innerstes erschauern. Denn – ach – ich war bei Jahren – und ce satané Monsieur de Wimmersheim – wenn schon ein ausbündiger Harlequin – war jung ...
Der Baron klapperte geschäftig mit Täßchen und Schälchen, bot uns wie eine Dame des Hauses die Honneurs, fächelte sich Kühlung, pirouettierte zum Fenster, um einen Fußschemel für Xénais zu apportieren, meckerte und kicherte, erzählte ihr Histörchen in das kleine Ohr, daß sie lachend abwehrte, ihm auf die Finger schlug und doch nicht von ihm abrückte. Dies encouragierte ihn, immer kühnere Schäferspiele aus Wien zu berichten, wo er zehn Jahre hindurch auf der wahren hohen Schule der Galanterie gewesen und sein Vermögen zugesetzt, nun aber, durch die Erbschaft der Gräfin-Tante, um ein Zehnfaches wiedergewonnen hatte. Erst als im vorigen Jahr der neu anhebende blutige Krieg zwischen Habsburg und Buonaparte mit unsanften Pausbacken die Redouten und Assembléen, Praterfahrten und Bals paré's auseinandergeblasen, hatte er, der Baron, sich gezwungenermaßen hierher auf sein Stammhaus im Walde retiriert, ersehnte aber nichts mehr als den nahen lieben Frieden und neues Pläsier.
„Pfui über den Krieg! Ich habe einen wahren Dégout gegen jedes Tröpflein Blut!“, gestand er vertraulich. „Mir wird schon blümerant, wenn ich mich nur an meinem Stickrahmen hier in den Finger steche!“ Ihm erwiderte Xénais, ihr Lachen hinter der Chocolate-Schaale verbeißend: „Sie reden recht wie ein Frauenzimmer, mein Herr!“ Er aber nahm dies für eine Schmeichelei, löffelte Zuckerwerk, sog sich Nervenstärkung aus seinem Riechfläschchen in die Nüstern, erzählte, er habe wohl an die hundert Tabatièren in seinen Gemächern stehen, auf jedem Tisch eine andere, – und wie er neulich seinen Mops habe hinrichten lassen müssen, und daß man sich die Hände nur einmal in der Woche mit frischgemolkener, noch warmer Ziegenmilch waschen müsse – sonst ja nicht und mit nichts anderem, und diesem geheimen Hausmittel, verdanke er, der Baron, seinen vielbewunderten, reinen und weichen Teint, – kurzum – es klapperte ein solcher Mühlbach von Thorheit aus seinem roth geschminkten Mund, daß ich zu meiner Satisfaktion merkte, wie es auch der göttlichen Xénais allgemach zu viel wurde und sie nur noch leer und unwillig zuhörte und leise seufzend nach der Thüre sah.
Dies rührende Bild ließ mich aufathmen! So hatte es denn dieser allzu offenherzige und schellenlaute Narr bei meiner Phyllis verspielt! Ich beorderte durch einen gnädigen Augenwink meinen Hofmarschall, das Anschirren der Pferde persönlich zu überwachen, setzte mich indeß wohlgefällig im Fauteuil zurecht, faltete die Hände und schloß etwas die Augen, denn ich mochte das wirre und krause Geschwätz dieser menschlichen Elster – dieses Herrn von Wimmersheim – nicht mehr hören.
Sei's darum, daß ich ein bißchen eingenickt bin! Jedenfalls zupfte mich nach geringer Zeit ein Meerkater – welch zahmen Affen sich der Baron, quasi in effigie seiner selbst, im Zimmer hielt – zerrte mich dieses Geschöpf, spitzbübisch grinsend, an dem Zöpfchen, das ich, der Zeit zum Trotz, im Nacken trage, und ich erwachte und sah, daß das Cabinet leer war.
Doch eben trat in diesem Augenblick Xénais wieder über die Schwelle, und der Baron hinter ihr, und ihre Wangen glühten unter dem Puder wie Feuer unter dem Schnee, und die dunklen, seelenvollen Mandeln ihrer Augen glänzten in schwärmerischem Aufschlag zum Himmel und ihr Busen wogte. Le Baron de Wimmersheim hatte ihr die Erbschaft der Gräfin- Tante gezeigt, die er vor den k. k. Kriegsläuften aus Wien hierher salviert: – Geschmeide wie aus dem Paradies: Verloques, Kameen – Intaglio's – Perlengeschnür – Diamantengehänge – rubinene Ringe – Türquisen und Amethysten. Nun aber erst das gemünzte Gold: Caroluspiaster und holländische Dukaten – spanische Dublonen und venezianische Zechinen – preußische Pistolen und harte Gulden Wiener Währung – alles schier in Scheffeln, und, sammt dem Geschmeide, in Schatullen in einer großen, eisernen Kiste aufbewahrt, diese aber wieder mit Ring und Ketten im Gebälk des Bodens angeschlossen, so daß der Johannes durch den Wald, wenn er selbst in das Schlafgemach des Barons eingedrungen, sich darin fruchtlos abplacken und ohne Gewinn abziehen müßte!
Die süße Stimme der Marquise Xénais zitterte und schwang, während sie mir diese Schätze des Großmoguls abschilderte. Das Gleißen des Goldes war ihr heißer zum Köpfchen gestiegen, als vorher der feurige Malvasier, an dem sie nur genippt. Sie gestand freimüthig, der Baron sei viel reicher als sie sich je im Traum habe beigehen lassen, und reichte ihn, beim Abschied, neckisch und verführerisch wie eine Circe, die Hand zum Kuß. Ich aber, der Graf, legte mir eine steife Reserve auf und schickte mich in einem bitteren Verdruß des Herzens zur Heimkehr.
Fahr' hin – du schnöde Welt! Ich mußte mich der Worte des rauhen Abbas Martin entsinnen, daß diese Erde ein Jammertal sei und mit Nichten ein Liebeshof! Mir missfiel, in Sturm, Regen und Abendgrauen um meine schwerfällig knarrende Hofkalesche, diese „beste aller Welten“, wie sie der geistreiche Franzose nennt. Ich spürte wiederum Lust, sie nicht mehr als ein verliebter Jupiter hinter Nymphen und Dryaden her zu durchschweifen, wie solch eine flüchtige Schöne, quasi in einen Baum verwandelt – so unbeseelt und kaltherzig, in einem grausamen Schweigen neben mir saß – sondern die Menschen nur noch von weitem, aus der Solitüde des Alters her, zu betrachten.
Ein Mensch aber läßt sich nicht bannen! Er gewinnt aus Nacht und Nebel um mich her Leben! Er wächst aus der weißen Luft, die über der Wiese braut! Er lugt aus jedem Dickicht wie ein Haufen Laub am Boden! Er steht wie ein Schatten hinter jeder Eiche am Weg! Er schaut mit fernen Geisteraugen aus dem Phosphorleuchten faulen Holzes dort tief im Forst! Er ist da und ist nicht da! Jeder nennt seinen Namen und keiner kennt ihn! Er schwebet aus dem Abendgespinnst um die Tannen durch die Luft auf mich zu ... Johannes durch den Wald ... mein Sohn ... Oder bist du's nicht, Abbadonna? ... Unseliger, den der Vaterfluch traf? ... Bist du es doch? ... Wehe, mir schauert!
Auf der Landstraße vor uns scholl ein lauter und grober Gesang von vielen Mannskerlen und Burschen:
„Auf – drunter und drüber –
Was Bauer will sein!
Mein Mus ist mir lieber
Als Braten und Wein!“
Mein sechsspänniger Reisewagen überholte viele Dutzend dahinziehende redliche Landleute in schwarzen Bauernhüten, langen blauen Röcken und weißen Zwillich-Hosen. Beim Schein ihrer Pechfackeln sah man, daß ein Jeder Dreschflegel, Sense, Holzaxt oder sonst eine taugliche Waffe auf der Schulter trug. Ihre Wachhunde bellten. Vorn schlug der Grobschmied wie ein Tambour auf einen Kupferkessel, um durch all dies hussah! und horridoh! eines wilden Heeres etwaige Räuber verzagt zu machen. Zwischen diesen Bauern karrten ein paar schwere Planwagen, die sie auf solche lärmende Manier bewachten, und an der Spitze des Zugs ritt im Dunkel, die gespannte Pistole am rechten Schenkel aufgesetzt, ein junger Herr im Dreispitz und engem, an den Schößen aufgeklapptem Reitfrack und winkte mir, im Vorbeifahren, in die Kalesche hinein einen Gruß und rief mit heller Stimme: „Bon Soir, Euer Liebden und Vetter!“
Ich steckte, indigniert über diese Vertraulichkeit des fremden jungen Cavaliers, den Kopf aus der Kutsche. Siehe – da war es die schöne Gräfin Amöne von Hohen-Sulz, die da in Junkerkleidung, wie zur Jagd, rittlings zu Pferde saß und frischweg lachte:
„Ich hab' an dem einen Rencontre gestern mit dem Johannes durch den Wald alleweil genug! Und dieweil ja der erlauchte Herr Cousin seine Straßen nicht schützen kann, so hab' ich meine neue Bauernschaft aufgeboten und mich an ihre Spitze als Hauptmännin und Feldobristin gesetzt und hole meine schwere Bagage mit Silber und Leinen und Pelzwerk und all meinem, übern Rhein mitgebrachten, Hab' und Gut selber vom Reichsstädtchen unten zu mir nach Heilig-Kreuz! Diesen redlichen Landsturm hier geht auch der Johannes durch den Wald nicht an! Die Leutche stecke voller Kurasch, weil ich sie führe – die ich dem Herrn Grafen eine geruhsame Nacht wünsche!“
Unter diesen übermüthigen Worten zog die unverzagte, junge Hohen-Sulz'sche Wittwe ihrem festen Haus zu, und was sie dort alsbald Absonderliches erlebte, muß ich später melden ...
Fidonc! ... Wie rümpfte ich indigniert die Nase, als mir beim Eintritt in die Treppenhalle meines Schlosses ein spürbarer übler alter Nachschmack von holländischem Rauch-Kanaster entgegenwehte. Von allen widerwärtigen Barbarenbräuchen der neuen Zeit ist mir dieses, den Indianern abgelauschte Brandopfer der Wachtstube gänzlich insupportabel und, ohne Ansehen der Person, in meinem Hofhalt strictissime verboten. Es war denn auch keiner meiner Subjecte der Schuldige gewesen, sondern der Herr Stabsrittmeister von Arcularius hatte die Ahnenhalle in eine Tabagie verwandelt.
Dieser Preuße – so berichtete mir mein Kammerknecht Pompeo Orlandi – war, bald nach meiner Abfahrt zu dem von Wimmersheim, aus den Wäldern zurückgekehrt, hatte sich, aus seinem Mantelsack und Doppelgänger heraus, bürgerlich, etwa in der Tracht eines Negocianten oder Musterreiters, gekleidet, die beste Bouteille aus dem Keller und, was der Bratspieß dazu hergab, auftischen lassen und hinterher ungescheut eine Pipe Tobak geschmaucht – wie das des Feldlagers Brauch, hatte er dem Pompeo erklärt – und er sei hier wider den Johannes durch den Wald im Felde!
„... der ihm aber doch zu schnell entritten zu sein scheint!“ merkte ich in einigem Ärger an.
Er habe sich, als ein erfahrener Husar und Parteigänger, wohl gehütet, sich von dem Johannes in den Wald hinein und in einen Hinterhalt locken zu lassen, – waren seine Worte – und habe sein an der Lisière des Gehölzes, zum Verdruß der innen lauernden Schelme, Kehrt geschwenkt und ihnen den Rücken präsentiert!
Päh – dieser Pesthauch verkohlten indianischen Krauts in den Lüften! Ich fächelte mit der gespreizten Rechten diesen plebejischen Odem einer neuen Zeit von mir ab, die den Tabak, statt, wie es sich gebührt, als Schnupfpulver zur Nase, gleich einer Brandfackel sich ins Maul führt! Ich recherchierte: „Und, nach ausgerauchtem Pfeifchen – was hat der Herr von Arcularius dann weiter angegeben?“
„Begehrte einen Pfeifenräumer, stocherte sich den Meerschaumkopf leer und wollte ihn sich von Neuem stopfen und anzünden! Da faßte ich mir ein Herz und bedeutete dem Herrn Stabsrittmeister, daß zuviel von dem blauen Dunst den erlauchten Ahnenbildern an den Wänden schädlich werden und sie schwärzen möge!“ Da schlug Seine Gestrengen mir auf die Achsel und lachte: „Da sei Gott vor, du Spitzbub! Also führe mich lieber in die Wachtstube! Die ist allerlande das rechte Tabakkollegium für alles, was Patronen beißt und in Steigbügel tritt ...“
„So geleitete ich denn“, fuhr der Pompeo fort, „diesen Herrn Husaren aus Preußen in das Gewölbe zur ebenen Erde, wo dero hochgräfliche Dragoner sich auf den Pritschen lümmelten und ihr Commandant, der Herr von Schindewolff, zwischen ihnen am Tisch hinter einer Kanne saß. Zu ihm setzte sich der Herr von Arcularius rittlings auf einen Stuhl, würfelte und trank mit ihm, spendete auch Euer Erlaucht gemeiner Reiterei ein freigebiges Biergeld, so daß er bald die ganze Soldateska in Gunst und um sich versammelt hielt, wie Kriegsleute aller Orten sich leicht als Freund oder Feind finden.“
Daß aber die gesammte monströse und für einen Edelmann unschickliche Begebenheit mit der qualmenden Pipe im Ahnensaal nur eine Kriegslist gewesen, um ohne Aufsehen und Mißtrauen durch meinen, allen Dragonern wohlbekannten Kammerknecht auf der Wachtstube eingeführt zu werden, – das ist erst später ans Licht gekommen.
Nun denn: der Rittmeister Gustav Adolf von Arcularius saß da, und hielt die Pfeife zwischen den Zähnen und seine Augen gingen durch den Qualm hin und her über die Kerle, als suchte er Etwas, und er erzählte tausend Schnurrpfeifereien von seiner Werberei in der großen Pfaffengass' längs des Rheins von Mainz bis Cöln, und vorher in hamburgischen Tavernen, unter wildem Seevolk, entsprungenen Galeeren-Züchtlingen, Schmugglern, Dieben und Deserteuren, aus welcher Crapüle es auch bei aller Umsicht nicht leicht gewesen sei, taugliche Individuen für Seine Majestät in Preußen herauszufischen!
Es läßt sich leicht abnehmen, welch ein wohlgefälliges und sachkundiges Auditorium der Herr Werbe-Offizier mit solchen Historien in der Wachtstube fand! Da war wohl Keiner, dem nicht noch das Fell irgendwo in der Erinnerung juckte. Mein guter Schindewolff konnte sich seine Leute auch nicht beim Pastor auswählen! In diesen Napoleonischen Läuften, in denen unser betrübter alter Erdtheil nur noch ein Haufen Kraut und Rüben, durfte man Niemanden lange fragen, woher er des Wegs kam! Man hätte doch nie die Wahrheit vernommen, und ich konnte froh sein, wenn meine Armee jetzt mit siebzehn Dragonern und einem Trompeter – dem schon gemeldeten Brabanter Bellonier – komplett angemustert und furchtgebietend dastand!
Die Dragoner waren hocherfreut, einmal einen adeligen Herrn zu finden, der ihre Gemütsart begriff, und wie es einem gemeinen Burschen zu Muth, der bald diesem, bald jenem König Seel' und Knochen verdingt, da, von den streifenden Husaren unbemerkt und so ohne Strick und Spießruthen aus diesem Lager desertiert, in jenem drüben wieder Handgeld nimmt, hinter den Armeen als Mérode-Bruder umschweift, und, von Winter und Schnee aus den Waldlöchern vertrieben, wieder horcht, wo die Trommel klingt und die harten Thaler über den aufgestellten Werbetisch springen.
Diese Noth eines armen, jungen Kriegskerls versteht keiner besser als ein Husar, der ja, nach seinem Métier, meist weit draußen vor dem Lager im Lande liegt, mit Bauer und Edelmann, Mönch und Bürger, Jud und Fuhrknecht gut Freund, in Feld und Flur daheim, und daher der Natur und den Menschen näher ist, als die hochmüthigen, bezopften Herren mit Sponton und Ringkragen in Reih' und Glied der Wachtparade. So drängten die Dragoner eifrig den Herrn von Arcularius, noch mehr von seinen hamburgischen Werber-Aventüren zum Besten zu geben, und er klopfte seine Pfeifenasche in die Bierlache auf dem Wacht-Tisch und erzählte:
„Es hat mir dort nicht mehr gefallen wollen, nachdem ich einmal schon beinahe durch fremde Bosheit in den Husarenhimmel, – will sagen: die Hölle – eingegangen. Es war da ein langer, rüstiger Kerl. Der wollte sich samt seinem Kameraden anmustern lassen und erbot sich, mich in die Herberge zu führen, wo sein Kumpan zu finden sei. Ich folgte ihm in eine verrufene Gasse und unter übles Volk. Das ließ ich mir unbedachtsam in den Rücken gerathen und unversehens warf sich, was an Galgenvögeln in diesem Wanzengemach hauste, auf mich, um mich kalt zu machen und – was ja allerwege die große Gefahr aller Werber ist – das viele Handgeld zu gewinnen, das ich im Hosensack bei mir führen mußte! Denn das wißt Ihr selber am besten: dem Vogel muß man flugs sein Futter hinhalten, wenn er kirr ist! Sonst fliegt er wieder fort!“
„Ei – und wie erging es denn dem Herrn Capitän?“
„Ich sprang durchs offene Fenster drei Stockwerke hinunter auf die Straße!“, sagte der Preuße kaltblütig und rauchte.
„Da müßte der Herr doch heute noch an Krücken gehen!“
„Nein! Denn unten war kein Pflaster aus Erde, sondern ein stinkendes, stilles Gewässer. Solche Wassergassen heißt man in Hamburg die Fleete. Da schwamm ich denn davon. Meldete, naß wie ein Pudel, einem hohen Senat mein übles Geschick. Flugs schickte das Niedergericht die Stadtknechte an den von mir bezeichneten Ort. Aber sie fanden schon das Nest leer und es gab so etliche ungehängte Schelme mehr auf der Welt!“
Auf das hin trank der Rittmeister von Arcularius seine Kanne leer, ließ seine Augen wieder über ein versammeltes, reichsgräflich Palmingen'sches Reichscontingent schweifen und klappte den Zinndeckel mit den Worten zu: „Seitdem hab' ich Hamburg gemieden und mich am Rhein besser gefallen! Da, ist ein leichtes und fröhliches Volk und gut sein! Es finden sich auch geschickte Leute zu Pferd' und Fuß genug! Ich wollte mich getrauen, zwischen Neumond und Vollmond ein ganzes Bataillon Husaren aufzurichten! Nur Eines freilich müßte ich mir aus dem preußischen Norden verschreiben und kommen lassen!“
„Was meint der Herr Kamerad für ein Manquement?“, murmelte der Commandant von Schindewolff schon halb schlaftrunken. Denn er hatte, nach seiner Art, trotz des frühen Abends, schon brav Bier geschluckt.
„Das sind die Trompeter!“ sprach der Herr Rittmeister. „Ihr blast hier am Rhein nicht herzhaft genug! Solch ein Alarmsignal bei uns Husaren in Preußen – hei! – das schmettert wie das Jüngste Gericht, daß Einem das Herz im Leibe lacht!“
„Ei – denkt der Herr Kamerad, wir tuten hier wie die Kuhhirten?“ replicierte der dicke, alte Schindewolff und strich sich beleidigt die Biertropfen aus dem weißen Schnauzbart. „Ich werde Ihnen gleich weisen, was mir können! ... He ... Bellonier! ... Trompeter! Trete einmal vor! – Das ist ein Brabanter, Herr Rittmeister, und mit sieben Wassern gewaschen!“
„Mir wohl bekannt, Herr Commandant!“
„So ... so! ... Woher denn wohl?“
„Nun – weil mir dieser Trompeter gestern die gnädige Invitation Seiner Erlaucht überbracht hat!“ sagte der Preuße langsam und leichthin und sah ihn an.
„Ah ... richtig! ... Ich vergaß! ... Hallaho ... Bellonier ... mon ami! ... En avant! ... Blase dem Herrn Stabscapitän unser Retraite-Signal! Das flutscht dir am besten!“
Der Brabanter – ein hagerer, schwarzer Geselle – placierte das Mundstück seiner Trompete unter dem dunklen Schnurrbart. Die schwarzen Augen liefen ihm, während er anhub, unruhig wie zwei gescheuchte Mäuse in dem gelben Gesicht hin und her, blieben dann an dem Herrn Husaren- Werber haften. Die Trompete aber gab nicht weiter die wild schmetternde, gräflich Palmingen'sche Rückzugs-Fanfare in Kriegszeiten von sich, sondern plötzlich einen gräßlichen, heulenden Ton wie den Aufschrei eines Sterbenden und verstummte dann gänzlich, und der Herr Stabsrittmeister lüpfte sich von seinem Reitsitz, knöpfte sich den Oberrock zu und sprach kalten Bluts zu dem Schindewolff: „Sie werden heute nicht viel Ehre mit dem Kerl einlegen, mon commandant, – denn er ist, nach meiner opinion, besoffen!“
„Besoffen wie ein Schwein!“, schrie der feiste Schindewolff, aufspringend und schnaubend ob seiner Blamage. „Hinaus mit dir und in dein Dorfquartier! Schnarch' deinen Rausch aus, du nichtsnutziger Teufels-Trompeter – warte!“
Der Bellonier war schon aus der Thür. Gleich hernach trat auch der Herr von Arcularius hinaus in den schwarzen, regnerischen Abend, nachdem er kurz von dem verdutzten alten Schindewolff Urlaub genommen. In ein paar Sprüngen hatte er den einsamen Kerl auf der Landstraße eingeholt.
„Steh', Canaille!“
„Ja – Herr Stabsrittmeister!“
„Warum schlotterst du am ganzen Leibe ...? Pfui! Ein Soldat!“ ...
„Huh! Gnade, Herr Rittmeister …!“
Dabei wirft sich selbiger Kerl mit den Knieen in den Schlamm am Boden und hebt die Hände. Der preußische Herr aber betrachtet ihn von oben und zuckt die Achseln.
„Um Gnade magst du ein hochnotpeinliches gräfliches Hals- und Blutgericht bitten, dem ich dich unweigerlich nach Rückkehr Seiner Erlaucht wegen mörderischen Überfalls auf mich in Hamburg denuncieren werde! Ich besorge aber, daß du doch den Sprung von der Leiter thun wirst! Geht der Welt auch nicht viel verloren!“
„Herr Rittmeister ... gnädiger Herr ... Es ist ja damals in Hamburg durch Gottes Gnade und Fügung alles noch gut verlaufen und Euer Wohlgeboren nicht zu Schaden gekommen! Ich habe nachher auch unser intendiertes Verbrechen bitterlich bereut und wieder hier ein ehrliches Soldatenhandwerk ergriffen. Der Herr Rittmeister sehen es ja!“
Der Herr von Arcularius lachte und beugte sich in Wind und Nacht über den Höllenbraten, der wie ein dunkler Klumpen unter ihm am Boden wimmerte, und hatte doch, zu einiger Vorsicht, die Hand an der Pistole im Sack.
„Ein ehrlicher Dragoner willst du sein, du Hund?“ sprach er.
„... und ein gottesfürchtiger Trompeter dazu.“
„Soll ich dir sagen, weswegen du dich in diese gräfliche Troupe hier hast einrollieren lassen?“
„Gnädigster Herr ...“
„Soll ich dir sagen, wer du bist, wenn man dir ins Gesicht leuchtet?“
„Leise ... leise ...“
„Ein Mitglied von der Bande des Johannes durch den Wald bist du! Und Keines von den Gemeinsten!“ versetzte der Husar, auch auf einmal gedämpft. „Ich habe dich auf der Stell', von Hamburg her, erkannt und mich nichts Gutes von dir versehen, wie du mir das hochgräfliche Schreiben auf meine Wirthskammer brachtest, und habe auch auf den erstencoup d'œil bemerkt, daß auf dem gefalteten Brief das Palmingen'sche Siegel mit heißem Federmesser abgesetzt und wieder aufpetschiert und also diese Post unterwegs erbrochen war! Ließ also lieber statt meiner den Mantelsack in der Kutsche reisen und behielt Recht ... Kerl – wann glaubst du, daß du gehenkt wirst? Es soll hier ein weißköpfiger, fünfundsechzigjähriger Scharfrichter beamtet sein, des Namens Nord, der seine Kunst meisterlich versteht!“
Der teuflische Wurm am Boden winselte nur und wand sich. Der Herr oben setzte ihm bedachtsam die Stiefelspitze' auf die Brust.
„Um dich zu fassen und zu halten, bin ich heute in Eure Wachtstuben niedergestiegen!“, sagte er, „und habe mich mit Euch losem Volk gemein gemacht! Nun Hab ich dich Brigant!“
„Erbarmen ... Erbarmen ...“
„Wirst schon sehen, wieviel Erbarmen eine hohe Palmingen'sche Justiz-Kanzlei mit Euch Räubern aufbringt, die just zum letzten die Menschen placken und zwacken!“
„Was fruchtet's, gnädiger Herr Stabsrittmeister, die kleinen Räuber wie mich richten, und die großen läßt man laufen und hat die Noth also doch kein Ende! Ja – wenn ich noch der Johannes durch den Wald selber wäre ...“
„Bist wenigstens sein Freund und Vertrauter ...“
„Mir vertraut er! Laßt nur mir das Leben und gerade Glieder“, bettelt das ekle Bündel am Boden. „Ich will Euch auch von Herzen gern dafür den Johannes durch den Wald anzeigen und verrathen!“
Da pfeift der Husar oben durch die Zähne und lacht: „Guckt der Fuchs schon aus meinem Loch? Du Maledetto! Weißt du, was ich mit dir vorhab?“
„Mich gnädigst springen lassen,“ flennt es auf der Erde, „wenn ich den Johannes auf den Markt und ans Messer bringe!“
„Hoffst du so, du Höllensohn?“
„Wohlgeborener Herr, was ist an einem geringen Landstreuner und falschen Trompeter wie mir gelegen? An mir ist nicht viel Ehr' zu holen! Hingegen wer den Johannes durch den Wald meistert, erwirbt sich Mériten durch das ganze Land, und in jedem Bänkelsängerlied wird sein Name gepriesen und ihm dankt die ganze Population, und der Herr Stabsrittmeister hat einen rechten Husarenruhm und Ehre aus dieser Affaire!“
„Gut denn!“ sagt der Preuße ohne Wimperzucken zu dem Kerl zu seinen Füßen. „Du hast deine Bosheiten gegen mich verübt! Also kann ich dich auch pardonnieren, ohne ein gräfliches Urtheil! Entläufst dem Teufel doch nicht! Steh auf!“
Nun gedieh der Kerl wenigstens aus dem Dreck, in dem er sich wälzte, auf die Knie, umklammerte so die Kniee des Herrn Stabsrittmeisters und barmte wie ein kleines Kind: „Lieber, guter Herr Stabscapitän! Lassen Sie mich leben!“
„Antworte mir: wer ist der Johannes durch den Wald?“
„Gnädiger Herr! Ich weiß es nicht!“
„Lasse die Wahrheit aus deinem Maul gehen, Kerl, oder ich mache dich doch noch zu einer Rabenspeis' am Galgen!“
„Euer Gnaden! Es heißt allerorts, selber Johannes habe bei den türkischen Heiden im Lande Ägypten den Schlüssel Salomonis und ein Bündniß mit dem Teufel gewonnen, sei aber im Übrigen der rechte, heimgekehrte Sohn Seiner gräflichen Erlaucht von Palmingen! Ob er es nun in Wahrheit ist, das ist mir nicht bekannt!“
„Hast ihn doch oft genug von Angesicht gesehen, du lügnerischer Satanello!“
„Immer nur mit einer Larve vor seinem Antlitz, Herr Stabsrittmeister! Immer nur mit einer schwarzen Larve! Der Johannes durch den Wald läßt sich nicht anders erblicken!“
Dieser Drommeter Uriels und Belials-Dragoner stand nun auf seinen zwei lebenden Beinen und verstummte. Der preußische Herr frug weiter: „Wenn du mir schon nicht melden kannst, wie der Johannes durch den Wald aussieht, du Erzdieb, so wirst du doch wissen, wo sein Verweilen und sein gewöhnlicher Aufenthalt ist ...“
„Ich thät es von Herzen gern sagen, gnädigster Herr Rittmeister! Aber der Johannes durch den Wald verräth es Keinem, woher er kommt! Auf einmal steht er unter uns!“
„Wo – du incorrigibler Schuft! Nun aber sprich!“
Der Trompeter schaute sich voll bösen Gewissens in der Nacht um, schluckste merklich und raunte: „Eine halbe Stund' von hier liegen in einer wüsten, leeren Gegend die Kandelmühlen. Die sind von altersher ein wahres, rechtschaffenes Räuberquartier! In selben Kocheme Bayes, wie wir Jauner solche vertraute Häuser nennen, versammelt sich heute Nacht unsere ganze Diebessozietät!“
„Und du mit?“
„Allergnädigster Herr – ich wäre ein feiger Hans ohne Herz, wenn ich diesmal ausbleiben wollt'! Es wird heute eine gewaltige Chasne Maloche geben – ein Einbruch mit Sturm und Feuersnot und Blut, wie noch keiner im Lande dagewesen! Es sind große verrufene Räuber von weither verschrieben und gekommen! Viel Scherfenspieler mit ihnen – will sagen Hehler, um das unmäßige geraubte Gut wegzuschaffen! ... Wird die Mühe lohnen, Herr Stabsrittmeister! Die großen Planwagen sind voll von Leinwand, Garn und Tuch, Rauchwerk, Sammet und Seide, Silber, Kupfer und Zinn, Zierleder, Daunensäcken, Bettung, Mehl, Schmalz, Schinken und Wurst. Bargeld in dicken Beuteln, Fässer voll starkem Pfälzer Wein. Goldene Borten und Tressen. Federbüsch' und Stickereien und ... Pardonnieren mir Euer Gestrengen! Aber das Wasser ist einem Kerl wie mir im Maul zusammengelaufen, wie ich die Wagen vorhin habe vorbeipassieren sehen!“
„Welche Wagen, du Hundsfott?“
„... Die die Frau Gräfin von Hohen-Sulz mit ihrer Bauernschaft nach Heilig-Kreuz geschafft hat! Dort stehen die Wagen jetzt im Klosterhof und Ihro Hohen-Sulz'schen Gnaden glauben sich selber und die gräfliche Fahrniß in dem verschlossenen Haus hinter Eichentoren und eisernen Gittern sicher und wohl verwahrt. Aber Ihre Hochgeboren macht ihre Rechnung ohne den Johannes durch den Wald! Der ist noch in jedes Haus eingedrungen, wohin es ihn gelüstete – sei's mit Witz, sei's mit der Faust! Da frommt nicht Riegel und nicht Wachhund, nicht brennende Pechpfannen und nicht Sturmläuten! Der Johannes durch den Wald findet seinen Einschlupf und wir hinterher! Das sind wir nicht anders gewohnt!“
„Und so wollt Ihr heute Nacht das Haus der Frau Gräfin attaquieren?“
„Nach Mitternacht marschieret alles von der Kandelmühle durch den Wald dorthin ab! ... Nun hab' ich frei meine ganze Wissenschaft gestanden! Gnädiger Herr Offizier: Ihre parole d'honneur, daß ich dafür und für diesmal noch unter dem Galgen durchlauf', an dem die Andern hängen!“
Der Herr von Arcularius sog Luft aus seinem Pfeifenkopf und sah beim Aufglühen des Glimmkrauts auf seine Sackuhr und tat einen erlösten Atemzug: Es war noch früh am Abend und manche Stunde bis Mitternacht. Ein rechter Husar aber nutzt ein Vaterunserlang besser als ein Pfefferkrämer ein ganzes Jahr.
„Du bist jetzt als ein Filou entdeckt und gänzlich in meiner Macht!“, sprach er zu dem bitterlich barmenden Brabanter. „Also auf Cavalierswort: Wenn du mir den Johannes durch den Wald und seinen Anschlag richtig verraten hast, so magst du morgen bei aufgehender Sonne entlaufen, wohin dich der Teufel pfeift, und eine Rolle Dukaten als Judaslohn mit auf den Weg!“
„Ich küsse Euer Gestrengen gehorsamst die Hände!“
„... Und nun verzieh' dich in dein Quartier und rühr' dich nicht, bis ich dich rufe! ... In welcher Direction, von hier, ist das Kloster Heilig-Kreuz situiert?“
„Just da, wo der Mond überm Wald aufgeht!“
„Es ist gut!“
Während diese echt preußische Reiterseele in der Wachtstube saß und auf der Landstraße ihren Discurs hielt, war ich, der Reichsgraf Florentin von Palmingen, längst wieder, wie schon berichtet, in der Dunkelheit von diesem schnöden und abgeschmackten Geck und Galan, dem Baron von Wimmersheim, in mein Gebiet und Schloß zurückgekehrt, hatte mich mit einer kalten Reverenz von der Marquise Xénais verabschiedet, und, unter Vortritt ihres Vaters, meines Ceremoniers, und eines halben Dutzend, Kandelaber in Händen habender Laquaien, in meinen Regierungssaal verfügt. Dort hätte der Herr von Arcularius, wenn er von meiner Heimkunft erfahren, sich mir wohl nähern und präsentieren können. Doch aber hieß es, als ich nach dem Prussien frug, er habe sich, unbekannt wohin, in die Nacht hinaus verzogen und sei verschwunden!
Die Nacht hatte sich aufgehellet. Der Regen war dem Mond gewichen, der mit einem trüben und schwefeligen Schein am Himmel stand. Es ging ein lauter und heulender Wind aus den Bergen und wehte kalt. Ein unlustiges Wetter also und im Wald eine dunkle Luft, durch den sich unser Herr Husar zu Fuß behende und vorsichtig dahinpürschte und ganz zufrieden war, daß, außer Kauz und Fledermaus, Niemand seiner gewahr werden konnte, bis er vor der aufgelassenen Abtei Heilig-Kreuz stand.
Der Anblick dieses nun ausgekramten, durch viele Säcula bestandenen Pfaffen-Nestes stillte sein Gemüth. Denn dies ehrwürdige Kloster, dessen beide Kirchtürme und Wahrzeichen der Gegend ein rheinbündischer Fiscus bereits hatte, abtragen lassen und die Steine den Bauern zum Aufrichten ihrer Ställe gegeben – dieses Kloster aus der Zeit des Kaisers Barbarossa lag im Mondschein in einem Viereck rings von breiten Wasserläufen umgeben, die die festen Mauern bespülten und durchaus keinen Zutritt zu dem Inneren ließen – es sei denn über den schmalen Damm, der geradewegs auf das Hauptthor zuführte.
Dieses Thor war von den nun ausgetriebenen Mönchpriestern schon weislich für ungebetene Gäste in der Nacht hergerichtet. Es war, in Form von einem Andreaskreuz, mit mannsdicken Balken verlegt, und über und über mit Eisen beschlagen und verbuckelt und ein eiserner dicker Ring zum Klopfen hing daran und der Herr von Arcularius freute sich und dachte: „an dem Ring und Thor und Klösterlein beißt sich der Johannes durch den Wald und sein ganzes Comitat von Meisterdieben und Todtschlägern die Zähne aus! Wenn sich da nicht Einer von ihnen den Fuchspelz umthut und sich listig einschleicht und insgeheim seinen Galgenkumpanen von innen aufmacht – anders gewinnt der Buonaparte selber ohne grobes Geschütz dem starken, frommen Haus Nichts ab! Darin ist die Gräfin von Sulz geborgen wie die Perle in der Muschel.“
Es wird keiner die Behauptung maintenieren wollen, daß die Husaren fleißige Kirchgänger seien. Doch haben, an diesem Abend, die Büsche und Bäume ein aufrichtiges: “grace à Dieu!“ des Herrn Rittmeisters vernommen. Er ließ, in dem bläulichen Mondschein, seine Augen über die Environs des Klosters dahingleiten. Das Weiß des Karrenwegs, in dem Thal, setzte sich scharf ab gegen das Schwarz eines Bächleins, das neben ihm herlief und die Nacht mit seinem Murmeln erfüllte. Auf der anderen Seite war der dichte Wald. In dieser Stille nun vernahm unser Herr Husar das Trapsen von Mannesstiefeln – schnell – schlürfend – unregelmäßig – hält an – schleppt sich weiter – und er steckt seinen Kopf vorsichtig wie ein Meister Reinecke aus dem Busch, und sieht: Da unten auf dem Thalpfad trägt sich ein Mensch, mit Mühe und aufs äußerste fatiguiert, auf unsicheren Beinen, dahin, dem guten Haus Heilig-Kreuz zu, um dort eine Ressource und Protektion zu finden, ehe ihn Nacht und Wald und die eigene Faiblesse als ihr Opfer anfordern.
Dieser einsame und bedrängte Peregrinus schien ein Jungmann von dreißig und etlichen Jahren, und nicht, wie man nach seiner Art, zu Fuß zu reisen, muthmaßen möchte, ein versprengter und in diesen Waldwinkel verirrter, fechtender Handwerksgesell, sondern der Wanderer trug sich in der Art eines Mannes von mittelmäßigem Stand und Ansehen oder in einem Habit, dessen sich auch Höhergestellte auf Reisen bedienen, um nicht ohne Noth jedem kuriosen Wirth und Postknecht ins Auge zu fallen.
Er hielt einen runden, dunklen Hut in der Hand, so daß das halblange, blonde Haar ihm im Nachtwind um den bloßen Kopf flog. Seine Kleidung war ein blauer Redingote mit lang wehenden Schößen, rothem Kragen und Aufschlägen. Hierzu gelbe Pantalons, die in halbhohen, schwarzen Stulpenstiefeln steckten. Waffen sah man an diesem seltsamen Monsieur nicht. Noch observierte er des öfteren in scheuer Manier rückwärts über die Schulter die Gegend, ob er nicht verfolgt oder überfallen würde, und der Herr von Arcularius oben im Gebüsch dachte sich: An dem guten Mann liegt's nicht, wenn ihm nicht die Taschen aufgeschnitten werden und die rothe Brühe über die Ohren läuft! Der Fürwitz dieses Menschen, in einem manneskundigen Paradies des Brigantaggio und gelobten Land aller Nachtdiebe und Posträuber, wie es damals unsere Wälder waren, ohne Fuhrwesen und Escorte sich bei Fuchs und Wolf zu Gast zu laden, wollte ihm nicht gefallen und schmeckte ihm nach einer Kriegslist ... und so zog der Husar die Stirne kraus und roch Lunte und schlich leise im Wald, wie der Kater neben der Maus, neben dem verdächtigen Bruder auf der Landstraße her.
Dieser nun that en face des Klosters, wo man ihn von dort schon deutlich gewahrnehmen konnte, einen tiefen Seufzer und sank entkräftet zur Erde. Raffte sich mit aller Mühe wieder auf, lugte hinter sich und flüchtete und schwankte im Zickzack auf das Heilig-Kreuz'sche Thor zu, lehnte sich, am End' seiner Force, gegen das dicke Holz und ließ den Klopfer fallen.
Der Husar saß hart neben ihm im Erlenbusch am Rand des Wassergrabens. Der Eisenring gab einen lauten Schlag. Es dauerte ein gutes Paternoster und länger, bis es drinnen im Hause rumorte und lebendig wurde. Dann schob sich oben behutsam, zollweis, der Laden von der Luke. Es schaute erst ein grober, langer Arquebusenlauf heraus. Dann ein Kopf. Selber wies einen glatten Diana-Scheitel von braunem, natürlichem Haar, das flach an den Ohren gestrichen und im Nacken in Zöpfe gelegt war. Diese in Paris neu in Mode gekommene klassische Haartracht wurde in Teutschland schon vielfach von dem vornehmen Frauenzimmer goutieret. Dahinter stand das Kammermensch mit einem Talglicht und erleuchtete so, wie die Opferkerzen Unsere liebe Frau über dem Altar, das Brustbild der schönen Gräfin Amöne, die als ein rechter commandant supérieur einer Festung unverzagt hochselbst Nachtwache, Rond' und Sentinelle hielt.
Mit einer hellen und kriegerischen Stimme wie ein Feldcornett auf Vedette ruft sie hinaus in die Nacht: „Qui vive?“, – so daß es der Herr von Arcularius in seinem Röhricht beseufzte: Schade um das anmuthige Weibsbild! Das gäbe einen feinen Junker für meine Husaren!
Der Fremde unten aber findet keine Erwiderung, sondern starrt hinauf und streicht sich ungläubig über die Augen. Und die Hohen-Sulz'sche oben unwirsch: „Antwort' er – s'il vous plaît! Warum guckt er mich an wie der Ochs das neue Thor?“
„Wie ist mir denn? Madame spricht doch dort oben aus der clausura!“
„Jetzt is nix mehr mit der Klausur.“
„Madame: Träum' ich oder wach' ich? Das Ende der Welt ist ja nahe! Die frommen Bettelväter dulden eine Frau im Kloster?“
„Es hat sich ausgebettelt! Jetzt bin ich hier Herr und Meister, die Reichsgräfin von Sulz, und lass' mir und meinem kleinen Kunz, meinem Herrn Sohn, nit die Butter vom Brot nehmen!“
„Und die Mönche sind fort?“
„Alleweil sind die Letzten abmarschiert! Haben in der Eile noch ein paar alte Kutten unten hängen lassen!“
„Und ich hatte das Kloster als letzten point de vue im Auge, um für die Nacht ein Asyl zu finden und nicht wie Benjamin unter die Räuber zu fallen, von denen die Wälder hier wimmeln“, sagte der Fremde unten mit einer tiefen und dunklen Stimme, deren Klang doch den Mann von Education und Politesse verrieth. Er lehnte gänzlich erschlafft am verschlossenen Thor. Sein nach oben gewandtes Antlitz war im Mondschein bläulich-bleich wie das eines Todten. Er hob die Hände. „Ich kann nicht mehr weiter!“, fuhr er mühsam fort. „Meine Füße tragen mich nicht mehr! Ich habe geringe Chance, diese Nacht zu überstehen, wenn ich nicht in Madame eine Patronin finde und sie mich christlicher Weise in ihr Haus läßt!“
Die schöne Gräfin-Wittwe steckte, neugierig wie ein ächtes Eva-Geblüt und doch mißtrauisch wie ein Mann, den Kopf weiter hinaus.
„Ei – wer heißt denn auch Monsieur, die Passage durch die abgelegenen Wälder hier zu nehmen, statt daß er sich auf der großen Landstraße hält?“
„Ich muß mich abseits schlagen ...“
„... und ohne Roß und ohne Diener! Er mag schon der Rechte sein!“
„Ich darf mich keinem Diener anvertrauen und nicht zu Pferde Aufsehen erregen ...“
„Glaub's schon! Was hat er denn alles gegen den Code pénal verbrochen? Wieviel Procureurs und Richter sind denn hinter Ihm her?“
„Nicht die Gerichte suchen einen Mann wie mich, Madame!“, kam es von unten höflich und ruhig zurück. „Dieser Verdacht ist so absurd, daß nur eine komplette und wohl begreifliche ignorance in Hinsicht meiner Person ihn erklärt. Ach nein, Madame: Hinter mir ist das apokalyptische Thier selber und will mich verschlingen ...“
„Ich seh' nix als wie eine Fledermaus!“, sagte die junge Gräfin. Der inconnu unten lachte wild auf, und ein heiseres Hah! Hah! hallte von der Bergwand zurück.
„Soll ich ihn noch nennen: die Zuchtruthe am Himmel? Die Geißel Gottes? Den neuen Attila und Dschingiskhan? Den meerentstiegenen Dämon Buonaparte? ... Napoleons Schergen sind hinter mir, Madame! Mit jedem Athemzug steht mein Leben auf dem Spiel! Er selber gab die Ordre an Monsieur Fouché, coûte que coûte mich aus der Welt zu räumen! Voilà tout!“
„Ich mein', der Empereur hat mehr zu thun ...“
Es schien, als wolle der Herr im blauen Redingote unbedacht Etwas erwidern. Aber er hielt an sich. Dies war dem Rittmeister von Arcularius, der nebenan wie ein Wassergott im Schilfe thronte, ein untrügliches Argument, daß Jener ein Fremder von Distinction sei und sich an der großen Welt glattgerieben habe. Denn Schweigen irritiert jede Eva, und nun möchten sie's partout wissen – und so inquirierte denn auch die Sulz'sche Gräfin flugs von oben:
„Wer ist denn der Monsieur? Decouvriere Er sich!“
„Nehmen Sie an, ich sei der Negociant Krüger, dessen Reisepaß von Hamburg lautet!“, sagte der Fremde am Thor plötzlich in einem klaren und wundervollen Französisch, wie man es nur in der hohen Noblesse Europas hört. „Mein eigentlicher Name – was liegt daran – heutzutage –- wo Kurfürsten stürzen, Großherzöge auferstehen, uralte Häuser von den Franzosen vertrieben und Soldaten von Glück Könige werden! ... Genug! Ich muß es Ihnen in der Stille der Nacht eröffnen! Denn es geht um mehr als mein Leben! Es geht um meine Sendung: Ich komme, als geheimer Agent, mit wichtigsten, vertrauten Aufträgen von London nach dem Wiener Hof! Ich habe nicht die Ehre, Sie zu kennen, Madame! Doch die Wohlgestalt Ihrer Gesichtsbildung zeigt mir eine Frau von Kopf, die Hirschbüchse in Ihrer kleinen Faust eine Frau von Herz! Ich wage es, in Ihnen eine teutsche Patriotin zu erblicken, die nicht, wie leider so viele blinde Geister am Rhein, zu Buonaparte betet und vor den Franzosen kniet!“
„Vor den Spitzbuben! Vor den Diebesfingern!“ schrie die schöne Hohen-Sulz'sche im Fenster empört, denn sie stammte aus der heißen Pfalz, und die Zunge lief ihr so rasch, wie das Blut durch die Adern. „Vor den schlechten Kerlen, die mir drüben überm Rhein unser tausendjähriges Land genommen und meinen Gemahl in der Bataille erschossen und mich als Wittfrau in die Fremde gestoßen haben! ... Wenn ich dem Napoleon einen rechten Tort anthun könnte –“ Sie hob die geballten Hände zum Nacht-Himmel „Ainsi Dieu me soit en aide: Ich thät mich nit lang ziere!“
„Lassen Sie mich ein, madame la comtesse!“, sagte unten die tiefe Stimme aus der Nacht, „und Ihr Gebet ist erfüllt!“
„Doch wenn nicht“, fuhr er fort, und seine Gestalt wankte am Thor. „... Es übersteigt zwar meine Imagination, wiefern ein einzelner matter und müder Reisender Ihnen inmitten Ihrer starken Dienerschaft mit Gefahr drohen könne – Lassen Sie denn immerhin einen Courier der hohen Politik, an dessen flüchtigem Fuß die Historie hängt, und – so viel sei mein Schleier gelüftet – einen vollbürtigen Standesgenossen zugleich – als Aas für Räuber und Franzosen vor Ihrer Schwelle vergehen ... ich falle hier nieder – ich habe meine letzten Kräfte ausgegeben! Ich bleibe hier liegen – komme, was mag! Bonne nuit, Madame!“
Gleich darauf rasselten die Riegel, kreischten die Angeln, lohten Pechfackeln aus dem geöffneten Thor und in seiner Wölbung stand die Frau Gräfin Amöne inmitten ihrer wenigen, zur Noth bewaffneten Läufer, Lampenwärter, Stallschreiber, Jagdpfeifer und Sommeliers, denn ein guter Theil ihres Hofhalts war ihr schon gestern beim Überfall des Johannes durch den Wald vom Reisewagen weg entlaufen und nicht wiedergekommen. Was von der Livree noch übrig war, griff nun zu und faßte den verirrten Reisenden draußen, den nun wirklich eine Ohnmacht überkommen hatte, an Armen und Beinen und trug ihn wie einen Sack ins Schloß hinein und legte ihn gleich im Erdgeschoß zur Rechten, wo sonst das Sprechzimmer des Herrn Abtes Martin II. gewesen war, auf ein Canapé. Es wurde nach kaltem Brunnenwasser gerufen und nach Essig und Tüchern, und Einer schwenkte gar ein angezündetes Weihrauchfaß, um den Herrn zu beleben, und in diesem treppauf, treppab – hin und her – fiel es dem Herrn Rittmeister von Arcularius nicht schwer, durch das offene Thor in das Kloster zu schlüpfen, ehe die Frau Gräfin von Hohen-Sulz ihre Leute schalt und antrieb: „Allons! Wollt Ihr den Johannes durch den Wald ins Haus bringen? Macht toute de suite das Thor wieder zu!“
Dieses Holzwerk war, von innen gesehen, erst recht stark wie für die Ewigkeit. Es hätte auch einem Rammbaum, den zwölf kräftige Kerle schwangen, Trotz geboten, und unser Herr Husar sagte sich wieder: Nein! Von außen ist die Nuß nicht zu knacken, wenn nicht durch des Teufels Spiel ein Nußknacker innen hineingeräth ...
Es hing nur ein geringes Lämpchen von der Deckenwölbung und streute, je nachdem es im Luftzug schaukelte, wechselnd Licht und Schatten da und dorthin über die steinerne Halle. In deren Thorwinkel stand der Preuße durchaus im Dunkeln und sah drüben, im Cabinet des regierenden Herrn Abts, hell beschienen, den armen, maroden und hinfälligen, heimlichen Botengänger zwischen der englischen Nation und Seiner Wiener Apostolischen Majestät, der sich mit einem Trunk Wasser erfrischte und wunderlich schnell – unter des Herrn Rittmeisters finsteren und argwöhnischen Blicken – seine entnervten Lebensgeister restituierte.
Das Antlitz dieses Chevalier Ichweißnichtwer, der nun glücklich, dank dem weiblichen Mitleiden der Gräfin, seine Entrée in das Kloster forçiert hatte, war von einer edlen, aber schmermüthigen und verdüsterten Bildung. Diese unruhig schweifenden, flackernden Augen straften den bitter und gramvoll geschlossenen, feingearteten Mund Lügen. Die Falten einer stürmischen Lebensfahrt hatten sich abenteuerlich in die distinguierten Züge eingegraben. Zwei kleine blaue Narben nebeneinander zeichneten sich auf der rechten Schläfe. Wie der Herr nun aufstand, war der Anstand seiner Bewegungen vollkommen und eines Grandseigneurs würdig, und in dem leichten Spiel seiner, wenn auch fatiguierten, Glieder ahnte man eine nicht gewöhnliche Kraft. Er lächelte und sprach einige Worte der Courtoisie zu der von Hohen- Sulz, wie obligiert er Ihro Hochgeboren für bewiesene Barmherzigkeit sei. Dies Lächeln aber war voll Wermuth – von verborgener Wildheit und verhehltem Hohn. So lachte kein Guter. Zu diesem Lächeln zwang sich eher die stille Verzweiflung eines verlorenen Sohns und einer abgründigen Seele ...
Immer furchtbarer stieg dem Stabsrittmeister von Arcularius aus dem nobeln und finsteren Umriß des Cavaliers in der Abtstube die Gestalt eines Cavaliers aus der Hölle, – des Johannes durch den Wald. Und in diesem horriblen Verdacht sagte er sich, daß dieser Erzbösewicht und Feind der Menschheit vor allem nichts ahnen dürfe, daß der Mann in der Ecke hier der Rittmeister von Arcularius – den er nur als einen bäuerischen Landkrämer gesehen – und ihm und seinen schädlichen Wölfen hart auf der Fährte sei.
„Tiens!. Ich muß doch 'mal visitiere, ob meine Leut' auch das Thor wieder wohl verwahrt habe! Das ist eine arg leichtfertige Bagasch'!“, tönte, aus der Höhle des Abbas, die helle Stimme der Frau Gräfin Amöne. Sie sprang, mit einem hurtigen Schwung, die drei Treppenstufen hinunter in die Einfahrtswölbung und ließ dort den ellenlangen Zipfel ihres Kleids, den sie sich zweimal um die Taille gewickelt hatte, aus den Fingerspitzen zur Erde fallen, so daß die Schleppe brav, à la mode, den Staub vom Boden fegte und der Magd die Mühe sparte. Denn die anmuthige Wittwe von Hohen-Sulz stolzierte jetzt nicht mehr als ein junger Jagdcavalier im Reitfrack und – in Ehren zu melden – Höslein, sondern trug ein hochgegürtetes, langfließendes flohfarbenes Kleid, ob dem ein steif aufstehendes, weißes Spitzenkräglein auf das gefälligste ihren weißen Hals und den braunen Nackenschopf umschloß.
So passierte sie, leise mit den Schleifenschuhen klappend, den steinernen Estrich und machte nahe am Thor halt und legte die Hände ineinander und sprach zu sich selbst, erstaunt und halblaut:
„Guck' emol: Ist doch noch ein Pfäffle dagebliebe!“
„... um den Teufel aus dem Haus zu treiben, liebe Tochter!“ sprach der Mönch, der ihr, die Kapuze tief in die Augen und das Antlitz bis zur Nase in der Kutte geborgen, aus dem halben Licht entgegentrat.
„Mich?“, frug die Hohen-Sulz'sche kampflustig, die gespreizten zehn Finger schon wieder in die Taille gestemmt.
„Mit nichten! Der Teufel geht hier in anderer Gestalt um!“, versetzte der Mönch mit einer dunklen und verstellten Kehle. „Wache und bete, meine Tochter!“
„Ei! Schlaf' ich denn?“, rief die schöne Gräfin erzürnt aus und rüttelte, ihm den Rücken kehrend, prüfend an Riegeln und Schlössern. „Alleweil müßt Ihr Herrn Einem die Hölle heiß machen! Und mit dem Beten allein wehr' ich dem wüsten Johannes durch den Wald da draußen nit! Pas du tout! ... Dafür hat uns der liebe Herrgott Vorleg-Eisen und Schießgewehr und kochend Wasser verliehen! Ich will schon mit dem Johannes beten, wenn er sich einstellt! Mein Avemaria nimmt er sich nicht als Souvenir mit! Dafür bin ich gut! ... Und mir nicht bewußt, eine Bêtise gesagt zu haben, hochwürdiger Vater, weil Sie unter Ihrer Kutte lachen!“
Da blinzelten sie, im Schatten der Kapuze, zwei Husarenaugen so pfiffig und lauernd an wie ein Kater auf seiner Nachtfahrt auf der Dachrinne, und die liebliche Kätzin drüben, die Hohen-Sulzsche, fuhr zurück und that einen kleinen Schrei. Oder unterdrückte ihn noch halb. Denn der Pater drüben zückte warnend den Zeigefinger.
„Still, Frau Gräfin! ... Es darf hier Keiner meinen Charakter und Patent wissen!“
Da begriff die gute Frau Gräfin, daß ein falscher Pfaff sie schnickte! Es ging ein warmer Sonnenschein über ihr liebenswürdiges Antlitz, und in ihre grauen Augen kam ein feuchter Glanz, und ihre Wangen blühten ein wenig roth, als sei sie noch eine unvermählte Jungfer von Stande und sähe ihren Liebsten. Aber sie faßte sich, reichte dem rauhwolligen Mönch die Hand und flüsterte freudig: „Ja – was führt denn den Herrn Rittmeister so à l'improviste zu mir her?“
Und wer weiß, ob sie nicht insgeheim hoffte, er würde nach Husarenart Sturm reiten, trotz der Pfäfflein-Tracht ihre Hand küssen und feurig erwidern: „Gott Amor selbst, Madame!“ Ihr wär' es recht gewesen. Aber der fromme Vater vor ihr zog ein hartes und lauerndes Gesicht, auf dem nicht Frau Venus, sondern Meister Mars wohnte, und erkältete so ihr zärtliches Herz und murmelte zu der still Gekränkten: „Auf der Verfolgung von Räubern muß ich Ihro Hochgeboren molestieren! Hätte mich sonst nicht unterstanden! Bitte mille fois um Pardon!“
„II n'y a de quoi, mon capitaine!“ replicierte die schöne Amöne kühl. Dann, mit einem fast spöttischen Achselzucken: „Wie kommt der Herr denn in die Kutte?“
„Es hängen da noch mehr am Riegel, die die Mönche vergessen haben!“, sagte der Husar. „Puh! ... das riecht nach Moder und kaltem Weihrauch. Ich fühle mich wenig geistlich darin!“
„Die fromme Uniform steht dem Herrn Rittmeister auch nicht sonderlich!“ versetzte die junge Gräfin-Wittwe feindselig und amüsiert. Er faßte ihre Hand. Noch einmal hoffte sie: Jetzt kommt ein zartes Wort und knüpft mit Rosenketten Herz zu Herzen! Statt dessen stieß Jener rau und hastig hervor: „Ihren Schwur, Gräfin, daß dieser Mann dort drüben, dem Sie, übel berathen, permittiert haben, hier zu übernachten ...“
„Ich such' mir meine Gäst' selber und nach meinem Gusto aus – nicht nach des Herrn Rittmeisters Erlaubniß!“
„... daß dieser Mann mit keinem Laut erfährt, daß ich der Stabsrittmeister von Arcularius bin! ... Es geht um Ihr Leben, Frau Gräfin!“
„Jesus Christ! ... Ist das auch recht, Einen so in den Tod zu erschrecken?“
„Wissen Sie, wer dies nach meinem Soupçon ist? Aber bewahren Sie Ihre Contenance! Verziehen Sie keine Miene, wenn ich Ihnen den Namen nenne ...“
Doch in diesem Augenblick trat, aus dem Abt-Gemach, der Fremde heran, in einer ungezwungenen und leichten, edelmännischen Art, und über sein schönes und bleiches Antlitz unheimlich lächelnd, und es blieb der Reichsgräfin von Hohen-Sulz als einer großen Dame keine Wahl. Sie faßte sich und sagte: „Darf ich Euer Hochwürden hier den Herrn Negocianten – ei – nun hab' ich den Namen vergessen!“
„Krüger – hochdero zu dienen!“
„Merci! ... den Monsieur Krüger präsentieren! Dieses, mein Herr Krüger, ist der hochwürdige Herr Pater Ignacius, der, in Gottes Namen, seinen Abscheu gegen Weib und Weltlichkeit hintangestellt hat, um noch etliche Tage hier als geistlicher Registrator zu verziehen und mir die Abtei mit Land, Gefällen und Bauern gebührend zu überliefern!“
Der reisende Kaufmann Krüger verbeugte sich steif und streifte den geistlichen Herrn mit einem mißtrauischen und unverhohlen forschenden Blick. Der Fuchs im Mönchspelz wieder dankte väterlich-gemessen. Und auch sein Auge war argwöhnisch und drohend, und es war so still zwischen den beiden Gästen der Frau Gräfin, daß man kleine Füßchen die Treppe hinabspringen hörte, und ihr Knäblein lief heran, die Mundtuch-Zipfel hinterm Ohr, seinen Holz-Löffel schwingend, und rief: „Mamele! Komm' duzwitt! Das Mus stockt in der Schüssel, und kalt schmeckt's garstig!“
Die Gräfin Amöne strich ihm mit der Hand über den Blondkopf und sagte lachend: „Das Erbgräflein hat Recht! Darf ich die Herren bitten, mit der Tafel vorlieb zu nehmen, in der Sie mich unterbrochen haben! Ich kann freilich mit Besserem als einem warmen Hirsebrei und etlichem Kumskraut und Rabinzchen im Echauffement des heutigen Tags nicht dienen!“
Als sie nun oben, in der Wohnung des Klosteramtmanns, bei der Tafel saßen, die Frau Gräfin mit dem Büble in der Mitte, und rechts und links die zwei feindlichen Gastherren, da wußte der Husar, der vom Rhein kam, Bescheid und bekreuzigte sich geschwind, ehe er zu löffeln anhub. Doch der Monsieur vis-à-vis ließ das nicht gelten, sondern neigte sich vor und frug ehrerbietig: „Reverendissime domine ... Wollen uns der Herr Pater nicht ein kräftiges, lateinisches Tischgebet sprechen?“
Fehlte auch noch, daß des Königs von Preußen Husaren Latein lernten! Die Gräfin Sulz half, da die himmlische Vorsehung dieser hübschen Frauensperson einen schlagfertigen Geist gegeben, schnell aus der Noth. „Ich bin eine Calvinerin!“, sagte sie und speiste dabei den kleinen Jungherrn Kunz mit dem Breilöffel, „und red' mit dem lieben Gott gut deutsch, wie mir der Schnabel gewachsen ist ... Also lasset's unterwegs, wenn's beliebt!“
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.