Kitabı oku: «Die Liste vor der Kiste»

Yazı tipi:

DIE LISTE VOR DER KISTE
RUEDIGER DAHLKE


Mit Glück und Erfüllung
im Herzen, wenn
das Lebensschiff sein Ziel erreicht


© 2014 Terzium Verlag

Terzium ist ein Imprint der Allinti Verlag GmbH, Allschwil (Schweiz)

Umschlaggestaltung: Reinert und Partner, München

Umschlagmotiv: Shutterstock

Redaktion: Christine Stecher

Satz: BuchHaus, München

ISBN 978-3-906294-01-8

eISBN (ePUB) 978-3-906294-09-4

E-Book: Schwabe AG, www.schwabe.ch

Alle Rechte vorbehalten

www.terzium.ch


Unsere große Chance: Leben lernen

Die persönliche Liste

Grundsätzliche Qualitäten

Das Beste kommt zum Schluss

Ein urprinzipieller Vorgeschmack

Der Ruf des Lebens – Beispiele

Der große Katalog oder Aus dem Vollen schöpfen

Zu guter Letzt: inspirierende Pilgerziele und (Seelen-)Wanderrouten

Es an nichts mangeln lassen

Anhang

Empfehlenswerte Spielfilme

Veröffentlichungen von Ruediger Dahlke

Adressen


Lebe, als würdest du morgen sterben.

Lerne, als würdest du ewig leben.

Mahatma Gandhi


Es gibt ein Leben vor dem Tod. Wäre es da nicht gut, es auch zu leben – und es vor dem Tod zu einem runden Abschluss zu bringen? Statt also Mitte dreißig bereits tot zu sein und sich erst in seinen Achtzigern tatsächlich eingraben zu lassen, erscheint mir als ein lohnendes Ziel, sich die von Paulo Coelho erdachte Grabinschrift zum Vorbild zu nehmen. Für meine Person würde sie lauten:

Ruediger Dahlke

Er lebte noch, als der starb

Damit ist nichts anderes gemeint, als dass wir vor dem Tod alles ins Hier und Jetzt hineinpacken dürfen – um vollen Herzens auf diese spannende Entdeckungsreise zu gehen, die wir so mutig und manchmal anmaßend Leben nennen. So viele große und kleine Dinge gäbe es zu erleben. Das vergessen wir viel zu schnell.

Wir sollten uns bewusst werden, was wir eigentlich möchten und wozu wir einmal angetreten sind. So empfehle ich, sich dafür möglichst lange vor der »Kiste« eine Liste anzulegen, die noch ausstehende Träume, Hoffnungen und unbedingt abzuhakende Punkte enthält. Für uns Bedeutsames darf nicht in Vergessenheit geraten, damit sich am Ende nicht ein Stau von Unerledigtem ergibt, wie er Sterbenden oft zu schaffen macht.

Wir sollten uns auch nicht scheuen, sogar die ganz großen Träume und hochfliegenden Wünsche auf diese Liste zu setzen. Die beste Einstimmung darauf ist ein wundervoller Text von Marianne Williamson aus ihrem Buch Rückkehr zur Liebe. Ihn wählte Nelson Mandela einst für seine Inaugurationsrede, um Mut zu machen für seinen Traum von einem (be)frei(t)en Südafrika, das er für viele unerwartet und wundervoll verwirklichte. Und nebenbei bemerkt: Dieser charismatische Mensch, der sich lebenslang von seinen Überzeugungen und Idealen leiten ließ, wurde uralt.

Unsere tiefste Angst ist nicht die, dass wir unzulänglich sind. Unsere tiefste Angst ist die, dass wir über die Maßen machtvoll sind. Es ist unser Licht, nicht unsere Dunkelheit, das uns am meisten erschreckt. Wir fragen uns: Wer bin ich eigentlich, dass ich so brillant, großartig, talentiert, fabelhaft sein sollte? Aber wer sind Sie denn, dass Sie es nicht sein sollen? Sie sind ein Kind Gottes. Wenn Sie sich kleinmachen, dient das der Welt nicht. Es hat nichts von Erleuchtung an sich, wenn Sie sich so schrumpfen lassen, dass andere Leute sich nicht mehr durch Sie verunsichert fühlen. […] Wir sind dazu geboren, die Herrlichkeit Gottes in uns zu verwirklichen. Sie existiert in allen von uns, nicht nur in ein paar Menschen. Und wenn wir unser eigenes Licht leuchten lassen, erlauben wir auch unbewusst anderen Menschen, das Gleiche zu tun. Wenn wir von unserer eigenen Furcht befreit sind, befreit unsere Gegenwart automatisch auch andere.

Einige Jahrhunderte zuvor hatte Michelangelo Buonarroti, einer der größten Künstler der Welt, erkannt:

Die große Gefahr für die meisten von uns ist nicht,

dass unsere Ziele zu hoch sind und wir sie nicht erreichen,

sondern dass sie zu niedrig sind und wir sie erreichen.

Der Autor Alan A. Milne, »Vater« von Winnie Puuh und Tigger, gab Kindern folgende Zeilen mit:

Versprich mir, dich immer zu erinnern:

Du bist tapferer als du glaubst,

stärker als du scheinst,

klüger als du glaubst.

Und das gilt für alle Kinder – kleine wie große.

Die Tatsache, noch nicht in Zeitnot zu sein, noch von keiner Diagnose in Enge und Angst getrieben zu werden, kann Mut machen und Kraft schenken. Wir können gleich anfangen, unsere Liste aufzustellen und uns nach ihr zu richten – und zwar ohne falsche Bescheidenheit und Angst. Es ist nicht ratsam, alle Wünsche und Träume (ewig) aufzuschieben, bis es irgendwann (zu) spät ist. Wir haben heute, in diesem Moment, nichts zu verlieren und alles zu gewinnen.

Die großen spirituellen Traditionen legen uns nahe, mit allem eins zu werden. Zum Schluss müssen wir uns sowieso mit allem aussöhnen, uns in allem wiederfinden, mit allem einverstanden sein und erkennen, dass wir vom Göttlichen nicht getrennt sind. Hindus nennen das tat tvam asi (wörtlich: »Du bist das«), und sie meinen damit »Du bist göttlicher Natur«. Dieses Erkennen der Wirklichkeit entspricht auch dem Christus-Bewusstsein. Christen haben das Ziel, ihre Nächsten wie sich selbst zu lieben und sich beziehungsweise ihren Meister Christus im Geringsten ihrer Mitmenschen zu erkennen und sich in Christus und Gott in sich. »Das Himmelreich Gottes ist in euch«, heißt es in der Bibel. Klarer und deutlicher könnte es nicht ausgedrückt werden, und so hat falsche Bescheidenheit hier keinen Platz. Wir sind sozusagen von ganz oben angehalten, alles zu wagen, um das (ewige) Leben zu gewinnen, und zwar lange vor dem Tod. Wir müssten nur wollen und uns trauen.

Wozu also warten, bis der Druck wächst? Wer sich das nicht ein- und zugesteht, wird im Laufe des Lebens die Erfahrung machen, dass unsere Entwicklung in Richtung Kraft und Mut von außen angemahnt wird. Solch einem unnötigen Druck bräuchten wir uns gar nicht auszusetzen.

Das Damoklesschwert des Todes hängt von Anfang an über uns (allen). Es zu verkennen ist ebenso naiv wie ungeschickt. Wer jedoch den Tod als letztes und sicherstes Lebensziel akzeptiert, hat die bessere Ausgangsposition. Angelus Silesius, der dichtende »schlesische Engel«, sagt es deutlich:

Wer nicht stirbt, bevor er stirbt, der verdirbt, bevor er stirbt.

Und Goethe, der Deutschen Dichterfürst gibt uns zu bedenken:

Und so lang du das nicht hast,

Dieses: Stirb und werde!

Bist du nur ein trüber Gast

Auf der dunklen Erde.

Dabei ist uns das Muster schon aus Schulzeiten bekannt. Zum Beispiel wenn wir die Erledigung von Hausaufgaben bis zum letzten Moment aufschoben, um dann unter großer Anspannung noch alles auf den letzten Drücker hinzubiegen. Der letzte Drücker aber macht Druck, und das Ergebnis ist deshalb oft wenig überzeugend. Unter Druck werden nur wenige wirklich gut. Jeder kennt das Dilemma, und so lautet der zwar bekannte, aber selten befolgte Rat: »Was du heute kannst besorgen, das verschiebe nicht auf morgen.« Der weiseste Rat aber ist: »Alles zu seiner Zeit.« Doch wann ist die rechte Zeit für Träume, Wünsche und Visionen? Dazu gibt in unserer Kultur die Bibel (Prediger 3, 1-7.12) eine Antwort:

Alles hat seine Zeit und jegliches Vornehmen unter dem Himmel seine Stunde.

Geborenwerden hat seine Zeit, und Sterben hat seine Zeit;

Pflanzen hat seine Zeit, und Gepflanztes ausreuten hat seine Zeit;

Töten hat seine Zeit, und Heilen hat seine Zeit;

Zerstören hat seine Zeit, und Bauen hat seine Zeit;

Weinen hat seine Zeit, und Lachen hat seine Zeit;

Klagen hat seine Zeit, und Tanzen hat seine Zeit;

Steine schleudern hat seine Zeit, und Steine sammeln hat seine Zeit;

Umarmen hat seine Zeit, und sich der Umarmung enthalten hat auch seine Zeit;

Suchen hat seine Zeit, und Verlieren hat seine Zeit;

Aufbewahren hat seine Zeit, und Wegwerfen hat seine Zeit;

Zerreißen hat seine Zeit, und Flicken hat seine Zeit;

Schweigen hat seine Zeit, und Reden hat seine Zeit;

Lieben hat seine Zeit, und Hassen hat seine Zeit;

Krieg hat seine Zeit, und Friede hat seine Zeit. (…)

Ich habe erkannt, dass es nichts Besseres gibt unter ihnen, als sich zu freuen und Gutes zu tun in seinem Leben …

Genauso hat auch die persönliche Liste der Lebensthemen, der Herzenswünsche, Träume, Ziele ihre Zeit. Sie sieht selbstverständlich anders aus, wenn wir dreißig sind, als wenn wir sie mit fünfzig oder sechzig Jahren oder vor der letzten Etappe des Weges formulieren. Auch die Liste einer Frau wird sich von der eines Mannes unterscheiden. Die persönliche Liste ist in jedem Fall etwas so Individuelles, dass ich in diesem Buch nur Anregungen und manchmal vielleicht (An-)Stöße geben kann.

Natürlich gibt es die Unsicherheit, wann es Zeit ist, etwas in die Realität umzusetzen. Wir könnten uns sogar fragen, ob es für uns nicht überhaupt zu spät ist. Die ungemein befriedigende und erlösende Antwort lautet: Jetzt ist die richtige Zeit, und hier ist der richtige Ort – um zu leben.


Wer die Lebensmitte überschritten hat – was biologisch gesehen mit einundfünfzig der Fall ist –, sollte sich eigentlich seiner Endlichkeit hier auf Erden immer stärker bewusst werden. Selbst wer in jüngeren Jahren meint, er habe alle Zeit der Welt, ist (zu) optimistisch. Siddhartha Gautama, der Buddha, sagte fünfhundert Jahre vor unserer Zeitrechnung: »Das Problem ist, du denkst, du hast Zeit.«

Worauf wollen wir warten? Wie schlau ist es denn, jeden runden Geburtstag zu feiern und dabei zu übersehen, dass er uns dem verdrängten Ende einen deutlichen Schritt näher bringt? Es gibt nur eine Zeit, zu leben beziehungsweise damit anzufangen, und nur einen Ort, wo das möglich ist: Hier und Jetzt, das viel besungene Doppelgespann Raum und Zeit. Die beiden sind für uns Menschen die großen Täuscher, aber auch die Schlüssel zum Glück: Der einzige Ort und die einzige Zeit zu leben ist der Augenblick. Oder in den Worten von Anne Frank: »Wie wundervoll, dass niemand einen einzigen Moment warten muss, bevor er anfängt, die Welt zu verbessern.«

Wenn wir – Goethes und Angelus Silesius’ Rat folgend – den Tod beizeiten auf der Seelen-Bilder-Ebene zu uns einladen, können wir jetzt schon das große Geschenk in Empfang nehmen, das er uns anzubieten hat: das Leben vor dem Tod. In diesem Sinne wird uns der Tod zu seiner Zeit vollkommen ehrlich machen und unserer Wahrheit näherbringen.

Im Angesicht des Todes werden fast alle Menschen in einer tiefen Weise ehrlich, was Angehörige und andere Zurückbleibende oft erschreckt. Vielleicht ist das einer der Gründe, warum der Tod uns überhaupt so unheimlich ist. Dazu nur einige Beispiele aus meinem Feld der Medizin: Auf dem Totenbett konnte Edward Jenner, der Entdecker des Impfens, eingestehen, dass er der Menschheit mit der Impfung statt des erhofften Segens ein Monster beschert hatte. Erst auf dem Totenbett erkannte Louis Pasteur, in dessen Namen wir bis heute die sowieso schon gefährliche Trinkmilch noch weiter ruinieren, dass er die Erreger über- und das Terrain unterschätzt hat. Kurz vor seinem Tod gestand der Nervenarzt Leon Eisenberg, dass er das Krankheitsbild ADHS, das Zappelphilipp-Syndrom, passend zur Droge Ritalin erfunden habe und nicht etwa umgekehrt – typisches Beispiel eines von vielen im Dienste der Industrie erfundenen Krankheitsbilder.

Grundsätzliche Qualitäten

› Ehrlichkeit: Der Tod macht uns ehrlich wie nichts sonst, und das ist immens erleichternd für die Seele. Wir könnten diese Erleichterung allerdings jederzeit vor unserem Ende in Anspruch nehmen. Zum Schluss, wenn der Höhepunkt kommt, rückt diese Ehrlichkeit stets in den Vordergrund und lässt viele Menschen für das ihnen Wesentliche kurz vor dem Entschlafen nochmals erwachen. Selbst im letzten Moment kann noch so viel gelernt werden.

Der Tod ist zeitlebens immer da und nah, und wir dürfen sein Geschenk der Selbstehrlichkeit jederzeit annehmen. So ist Ehrlichkeit ein erster allgemeiner und dabei wichtigster Punkt für die Liste vor der Kiste. Und jeder könnte sich bereits an dieser Stelle vornehmen, in Bezug auf seine Liste immer ehrlich mit sich zu sein. Ähnlich ergeben sich bereits in diesem einführenden Kapitel weitere allgemeine Punkte, die je nach eigenen Bedürfnissen gleichsam den Kopf der persönlichen Liste zieren könnten.

› Das Eigene: Der nahende Tod enthüllt auch, was wirklich wichtig war im Leben. Je früher wir das erkennen, desto schöner könnte der ganze Rest werden. Aus fast vierzig Arztjahren und der Erfahrung von Menschen »am Ende« wie auch aus Bronnie Wares wundervollem Buch 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen weiß ich, dass vielen erst zum Schluss dämmert, wie wenig sie ihr eigenes Leben gewagt und sich stattdessen bemüht haben, es allen recht zu machen und fremde Erwartungen zu erfüllen. Die eigenen Themen sind dabei oft auf der Strecke geblieben. Sie lassen sich aber über die Rückbesinnung auf versunkene Träume und Wünsche wiederfinden. Dann können die Bereitschaft und der Wille zum eigenen Leben ein zweiter allgemeiner Punkt für die persönliche Liste werden.

Selbst die wenigen, die es schaffen, es allen recht zu machen, gehen noch am Wesentlichen – dem Eigenen, Individuellen und Originellen – vorbei, denn letztlich ist es sogar besser, eigene Fehler als fremde Tugenden zu leben. Es bringt keinen Segen, Erwartungen zu erfüllen, die dem eigenen, originellen (Lebens-)Weg nicht entsprechen. Die Wünsche und Träume der Liste vor der Kiste können der ideale Schlüssel zum Eigenen sein.

› Arbeit: Viele entdecken auch erst spät, dass sie sich viel zu viel Arbeit zugemutet und viel zu wenig (Lebens-)Freude gegönnt haben. Natürlich verleitet unsere Leistungsgesellschaft ganz massiv genau dazu. So könnte der dritte Punkt für die Liste lauten: weniger Arbeit, mehr Leben. Es mag aber andererseits auch Menschen geben, für die er heißen müsste: mehr zu mir passende Arbeit.

› Lebensfreude: Was Lebensfreude für jeden im Einzelnen heißt, sei dahingestellt. Das Leben verlangt uns Achtsamkeit für eigene Bedürfnisse und Aufmerksamkeit für unsere Umwelt ab, für unsere Nächsten und Liebsten. So bekommen wir auch in diesem Feld eine Chance zu Entwicklung und Wachstum. Meine Erfahrungen mit der Beratung von Paaren zeigten über Jahrzehnte dasselbe Muster: Zu Beginn leben sie ihre Liebe, schenken sich Zeit und Aufmerksamkeit und sind damit glücklich; nach fünf Jahren aber sind sie in aller Regel nur noch mit materiellen Themen beschäftigt, und meist ist auch die Liebe darin untergegangen. Eine gute Übung ist, auf sein Leben zurückblickend Bilanz zu ziehen, wie viel Zeit die Liebe und das, was man selbst liebt, bis heute bekommen haben und wie viel Zeit für materielle Interessen bereits draufgegangen ist.

› Gefühle: Beim Thema Lebensfreude geht es auch allgemein um mehr Gefühl – für viele von uns ein wichtiger fünfter Punkt. Sterbenden wird oft bedrückend klar, dass sie sich viel zu wenig Gefühlsausdruck erlaubt und sich und anderen damit so viel vorenthalten haben. Auf dem Sterbebett kommen dann oft Gefühle (her-)auf, die Angehörige überfordern, stecken sie doch meist zu tief in ähnlichem Verdrängungsschlamassel – aber besser hier und jetzt, als dass es gar nicht geschieht. Öffnen Sterbende dann manchmal das Füllhorn ihrer ein Leben lang zurückgehaltenen Gefühle, können deren Wellen noch manche Barriere wegspülen und Herzen erreichen und erweichen.

Heutzutage lernen Menschen manchmal erst auf dem Sterbebett – wegen der einkehrenden Ehrlichkeit –, sich mehr zu ihren Gefühlen zu bekennen als in ihrem ganzen Leben davor. Jetzt mag allerdings so viel Ungesagtes und Ungelebtes auf einmal hochdrängen, dass die Gefahr besteht, diesem emotionalen Sturm zu erliegen. Zu den eigenen Gefühlen zu stehen, ist jedenfalls ein vielfach notwendiger allgemeiner Punkt der Liste.

› Vergebung: Bis zum Schluss wird oft aufge(sc)hoben, sich selbst und anderen zu vergeben. Dabei wäre Vergebung ein weiterer allgemeiner Punkt für die Liste vor der Kiste. Mitten im Leben, solange alle noch viel davon haben, wird Vergebung das Leben in großem Maß bereichern. Aus der Arbeit mit Ritualen des Verzeihens weiß ich, wie viel blockierte Energie und Lebensfreude frei wird durch bewusstes ehrliches Loslassen von Vorwürfen. Die Heilkraft des Verzeihens hat schon wahre Wunder bewirkt. Wie unsinnig, jemand anderem etwa ein halbes Leben lang oder länger nachzutragen! Nur man selbst hat Last, Belastung und Beschwerden davon. Es ist eigentlich nur eine Frage der Intelligenz, sich mit Groll und Hass rechtzeitig auseinanderzusetzen und solche Lasten loszulassen. Am besten ist, gleich hier und jetzt einen sechsten Punkt auf der Liste daraus zu machen.

› Freundschaft: Bei hochbetagten Menschen sind Freunde oft nicht mehr zahlreich – sei es, dass sie schon vorausgegangen sind, sei es, dass man sie aus den Augen verloren hat. Sie fehlen dann am Totenbett, aber vor allem in den letzten Jahren, Monaten, Wochen. Wem das letzte Stündlein schlägt, der ist am besten im Kreis seiner besten, engsten Freunde oder Freundinnen aufgehoben. Vorher viel Zeit mit besten Freunden zu verbringen, könnte deshalb ein nächster wichtiger allgemeiner Punkt auf der Liste von vielen von uns sein.

Häufig liegt der Grund für Einsamkeit im Alter einfach darin, dass Freundschaften zu wenig geschätzt und gepflegt wurden. Dass man sich aus den Augen verloren hat, liegt oft auch daran, dass diese auf Banknoten fixiert waren. Gute Noten bei Banken, die sogenannte Bonität, hat mit einem erfüllten Leben aber nicht das Geringste zu tun, eher im Gegenteil. Und die sogenannten Boni, die sich Banker im Selbstbedienungsverfahren genehmigen, um sich vermeintlich Gutes zu tun, zeugen eher von Charakterschwäche und fehlender moralischer Integrität. Zumindest haben die Banker nicht so weit gedacht wie Einstein, der schon wusste: »Alles, was gezählt werden kann, zählt nicht notwendig. Alles, was zählt, kann nicht notwendig gezählt werden.«

Wer vor lauter Geldverdienen, Fremdbestimmung und wirtschaftlicher Zwänge erfüllende Gespräche und verbindenden Austausch versäumt, ist am Ende schlecht dran und sehr allein. Freunde aus den Augen zu lassen, ist ein Fehler, der oft nicht mehr gutzumachen ist, Freundschaften rechtzeitig zu pflegen dagegen wundervoller Bestandteil eines erfüllten Lebens.

Als sich von meinen drei besten Freunden zwei unerwartet früh per Unfall eben gerade nicht verabschiedeten, sondern einfach davonmachten, wurde mir erst bewusst, was wir alles versäumt hatten. Viele Pläne und Träume hatten wir ohne Not aufge(sc)hoben – aber für wann? Robert Louis Stevenson, der schottische Dichter, dem wir das »Schattenstück« Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde und Klassiker wie Die Schatzinsel verdanken, sagte: »Wir sind alle Wanderer in der Wildnis der Welt, und das Beste, was wir auf unseren Reisen finden können, ist ein ehrlicher Freund.«

Ähnlich wie mit Freunden ist es oft auch mit scheinbaren Kleinigkeiten. Wenn ich nicht bald anfange, die Bücher zu lesen, die ich noch unbedingt lesen möchte, statt nur meinen Alltagskram durchzusehen, brauche ich eine sehr lange Pensionszeit. Dabei wollte ich eigentlich gar nicht in Pension gehen. Da stimmt doch irgendetwas nicht in meinem Leben … Wem kommen solche Gedanken eventuell bekannt vor?

› Disziplin: Ein zweischneidiges Schwert ist die Disziplin. Einerseits leiden viele im Rückblick an zu viel Disziplin und Unterwerfung hinsichtlich fremder Erwartungen sowie an selbstschädigendem Gehorsam. Andererseits ist zu wenig Disziplin in Bezug auf eigene Hoffnungen, Träume und Visionen gefährlich. Zu Anfang des Gymnasiums wollte ich noch alle drei alten Grundsprachen unserer Kultur lernen und fing auch begeistert damit an, aber Hebräisch war so anders und schwer und Skifahren so viel spannender, und schon gab ich es auf, nachdem ich gerade mal die Buchstaben konnte. Griechisch fiel späterem Pubertätsstress zum Opfer, und wieder war ich nicht viel über die Buchstaben hinausgekommen. Wäre Latein nicht Pflicht gewesen, wahrscheinlich hätte ich es auch aufge(sc)hoben. Heute finde ich keine Zeit mehr dafür, denke aber wehmütig zurück, wie leicht es mir damals gefallen ist zu lernen, und bedauere, wie viel Inspiration und Freude mir heute entgehen, da ich die Originaltexte nicht lesen kann. Dazu hätte ich damals »nur« mehr Disziplin aufbringen müssen.

Von der Wortbedeutung steckt in Disziplin der Schüler (lat. discipulus), allerdings erstreben heute alle rasch Meisterschaft. Dabei lehrt uns östliche Weisheit, wie wichtig es ist, im sogenannten Schüler-Bewusstsein zu bleiben und sofort woanders von Neuem Schüler zu werden, sobald man irgendwo Meisterschaft errungen hat. Die westliche Glücksforschung kann den Vorteil bestätigen: Lernende sind immer messbar glücklicher als diejenigen, die aufgegeben haben, lernend zu wachsen. Schüler-Bewusstsein macht nicht nur glücklich, sondern hilft uns offenbar am Lebensende, wenn unsere Zeit gekommen ist, auch leichter loszulassen und zu gehen. In Faust II lässt Goethe den Chor sagen: »Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen!«

Wir sollten sicher keine Streber werden, aber es ist in jeder Phase (des Lebens) hilfreich, sich mit Engagement und Disziplin um Ziele zu bemühen. Vor allem wird dies im letzten Lebensabschnitt besonders deutlich, und vor diesem Hintergrund wird Schüler-Bewusstsein zu einem entscheidenden Punkt.

› Die innere Stimme: Wenn wir im Laufe unseres Lebens – je früher, desto besser – hören, horchen und gehorchen lernen, können wir Letzteres mehr auf unsere innere Stimme beziehen als auf äußere Befehlshaber und -geber. Verbinden wir dann Disziplin mit Konsequenz, werden wir unsere Träume und Wünsche leichter verwirklichen können, und das erleichtert das Loslassen am Ende ungemein. Die innere Stimme hören und zu beachten lernen, wäre also ein guter allgemeiner Punkt.

› Ent-Täuschung: Ratsam ist, Enttäuschungen frühzeitig durch ein entsprechend mutiges Leben durchzustehen und zu erlösen – und sie sich nicht fürs Totenbett aufzuheben. Wir würden das Leben verfehlen, wenn wir am Ende voller Fehler und Täuschungen daliegen. Wir könnten lernen, in Enttäuschungen die Täuschung zu erkennen und in allen Fehlern Fehlendes zu entdecken und diese Einsichten zu integrieren. Bei Missgriffen oder Fehlern (engl. mistakes) werden wir im Grunde aufgefordert, neuerlich und besser zuzugreifen. Haben wir aufgrund unseres Missgeschicks (franz. malheur) schlimme Stunden durchlitten, sollten wir auf bessere hoffen. Wir können also verhindern, voller Fehler und Täuschungen auf der Strecke zu bleiben und bei der Bilanz am Ende in Enge und Angst zu geraten.

»Nur wer wagt, gewinnt«, lehrt das Sprichwort, und das gilt fürs ganze Leben. Wer es wagt und sein Leben lebt, wird am Ende gewinnen, jedenfalls viel eher als diejenigen, die es aufge(sc)hoben haben – um zum Schluss mit allem Offengebliebenen konfrontiert zu werden, mit Rechnungen, die dann nicht mehr oder nur noch sehr schwer und unter Zeitdruck zu begleichen sind.

Gehen wir es an, das Leben. Und wer es wagt, sich Enttäuschungen zu stellen, wer sie als Ende von Täuschungen zu sehen lernt, der wird es leichter haben, sich seine Wünsche zu erfüllen und seine Träume zu verwirklichen, oder er vermag mit jeder Ent-Täuschung Stück für Stück diese Welt der Illusion aus Raum und Zeit mehr zu durchschauen. Aus spiritueller Perspektive können wir sowieso nur gewinnen, denn das eine ist so gut wie das andere, und alles wird gut mit dieser Lebenseinstellung. Fehler und Enttäuschungen als Chancen zu begreifen, ist demnach ein himmlischer, weil dem Himmel näherbringender Punkt auf unserer Liste.

› Der Tod als Freund: Es ist viel mehr als nur ein guter Trick, den Tod als Freund und Lebenshelfer und manchmal sogar Lebensretter anzuerkennen und einzubinden. Der Familientherapeut Bert Hellinger ließ nach schwerer Krankheit und im bereits hohen Alter auf der Bühne einen Sessel für den Tod aufstellen – direkt neben sich. Der Effekt war tief und verblüffend. Es war einer der Vorträge, die ich nicht vergessen werde. Letztlich ist es also nicht erstaunlich und befremdlich, wenn Gevatter Tod in der Literatur als Freund (Hein) dargestellt wird, der hilft, vieles noch in Ordnung zu bringen, bevor es endgültig zu spät ist. Es wird nur ein wenig enger auf der Couch, wenn man spürt, dass er immer neben einem sitzt. Hier ist nicht nur an Hugo von Hofmannsthals Jedermann und seinen bayerischen »Kollegen«, Franz von Kobells Brandner Kaspar, zu denken. In dem sehenswerten Film Rendezvous mit Joe Black erscheint der Tod ganz menschlich und in der Gestalt von Brad Pitt sogar ausnehmend attraktiv. Zum Schluss macht der Tod alle ehrlich und räumt so lange auf, bis alles wieder in Ordnung ist – und niemand kann das besser als er. Lassen wir uns also von ihm helfen, unser Leben aufzuräumen.

Auch Volkslieder widmen sich häufig diesem wahrscheinlich wichtigsten Thema des Lebens, etwa in Hoch auf dem gelben Wagen, in dem der Tod als Schwager mit auf dem Kutschbock sitzt. Was auch immer an Themen hochkommt auf der Lebensreise, der Refrain macht klar: »… aber der Wagen, der rollt«. Das Leben folgt seinem Rhythmus, auch wenn einer geht und die Ebene wechselt; der Wagen des Lebens rollt weiter und darüber hinweg. Das Leben macht nicht halt.

Gevatter Tod wird schlussendlich auf alle Fälle helfen, vieles selbst noch auf dem Totenbett in Ordnung zu bringen. Darüber hinaus besteht sein besonderes Geschenk an uns darin, ihn schon jederzeit vorher einladen, kennenlernen und seine bereitwillig angebotenen Gaben in Form von Erkenntnissen in Empfang nehmen zu dürfen. Sein größtes Geschenk ist Ehrlichkeit sich selbst, anderen und dem Lebensweg gegenüber. Doch da gibt es noch etwas: Die Franzosen nennen den Orgasmus le petit mort, den »kleinen Tod«. Er lässt uns aber nicht die Endlichkeit, sondern die Unendlichkeit erfahren.

Der Tod, der uns unsere Endlichkeit vor Augen führt, verbindet uns mit der Unendlichkeit. Das macht ihn so faszinierend und wichtig. Aber wir können diesem Augenblick von Wirklichkeit in der Zeit auch fern vom physischen Tod begegnen, nicht nur im Orgasmus, sondern etwa auch bei der Meditation. Zen-Meister Deshimaro sagte, er steige in die Grube, wenn er sich zum Zazen setze, und meinte, sein Ego müsse dabei sterben.

Das Ego ist es, das uns an die beiden großen Täuscher, Raum und Zeit, kettet und uns vorgaukelt, wir hätten alle Zeit der Welt, und uns damit von der einzigen Zeit fernhält, in der wir wirklich leben können: dem Hier und Jetzt. Wann immer wir in die Gegenwart eintauchen, wachsen wir über die Endlichkeit hinaus und erfahren Unendlichkeit – das sind Augenblicke des Erwachens.

Alles, was die Illusion zerstört, wir hätten noch alle Zeit der Welt, kann uns helfen, natürlich auch Momente der Lebensfreude, in denen wir wirklich ankommen wie beim Augenblick des Loslassens im Orgasmus, wenn das Ego mitten im Leben sterben kann – für kurze Zeit. Den Tod in Zukunft auch schon in jedem Alter als Freund zu sehen, könnte uns im Leben unglaublich punkten lassen.

Das Beste kommt zum Schluss

Der Filmtitel Das Beste kommt zum Schluss scheint allem zu widersprechen, was der westliche Mensch so glaubt. Die Moderne hat in einem beispiellosen Jugendkult den Tod weitestgehend verdrängt. Das hat allerdings kaum jemanden glücklich und das Ende zu einem Desaster gemacht. In Heime und Asyle abgeschoben, fühlen sich die Alten, deren Zahl obendrein überproportional zunimmt, weder wohl noch angenommen. Und so werden wir entsprechend dem Schattenprinzip auch auf allen Ebenen immer mehr mit dem Thema Alter konfrontiert, gerade weil wir es nicht mögen. Daten und Fakten dokumentieren die Überalterung der Gesellschaft. Die Alterspyramide ist schon längst keine mehr, sondern zeigt Ausformungen wie ein umweltgeschädigter Baum, der mit seinen Fluchttrieben an der Spitze eine Art Storchennest bekommt. Während Hundertjährige längst keine Seltenheit mehr sind, scheinen es Paare zu sein, die mehr als zwei Kinder bekommen. Viele wollen nur ein Kind und die meisten keins. Die Renten der vielen Alten seien von den wenigen Jungen kaum mehr zu finanzieren, heißt es, und auch das lässt alte Menschen sich nicht gerade beruhigt zurücklehnen und zufrieden entspannen. Sie erhöhe ständig die Lebenserwartung, hören wir von der Schulmedizin, dabei ist es bestenfalls die Alterserwartung, die wir erhöhen. Kindheit und Jugend, die wir so schätzen, werden im Gegenteil immer kürzer. Inzwischen kommt über die Hälfte der US-Kids in die Geschlechtsreife, bevor sie zehn sind, und zwar wegen der Mast mit Tierprotein und besonders Milch(produkten) voll von Wachstumsfaktoren. Die Jugendzeit wird ebenfalls verkürzt durch Herabsetzung der Volljährigkeit, denn Politiker hoffen, zum Dank von eben diesen Jungen gewählt zu werden. Länger wird dagegen nur die Zeit von der Lebensmitte bis zum Tod und damit das Alter, das wir so gar nicht mögen und am liebsten verdrängen. Aber gerade das, was wir ablehnen, drängt das Schicksal uns nach dem Schattenprinzip auf.

Vor diesem Hintergrund behauptet nun dieser amerikanische Film gegen jeden Trend, das Beste käme zum Schluss, und belegt das auch noch mit bewegenden Bildern und dem besten, was Hollywood an Schauspielern zu bieten hat. Der Film ist wie eine Therapie(stunde), und tatsächlich lässt sich daraus mit wenig Aufwand eine wundervoll einfache, wirksame und dabei extrem (preis-)günstige Therapie fürs Leben entwickeln – und in meinen Augen brauchen wir alle Psychotherapie. Schon vor Jahrzehnten sagte der Gestalttherapeut Irving Polster, Psychotherapie sei zu schade, um Kranken vorbehalten zu bleiben. Selten hatte jemand so Recht.

Damit meine ich nun nicht, alle sollten zum Analytiker gehen. Wir brauchen weder eine weitere die archetypisch männliche und sowieso schon übermächtige linke Gehirnhälfte betonende Analyse noch neues Futter für unseren nimmersatten Intellekt. Das bringt, wie der US-Großversuch in den Achtzigerjahren gezeigt hat, erschreckend wenig, höchstens dass die Filme von Woody Allen nach unzähligen Analysestunden deutlich besser geworden sind. Ich meine hier wirkliche Therapie mit tiefem Eintauchen in die Seelen-Bilder-Welt, um Zugang zum eigentlichen Leben mit seinen Empfindungen und Gefühlen, seinen Bildern und Visionen zu bekommen. Aus solch neuem Erleben des Lebens ergeben sich andere Schwerpunkte und Perspektiven, und wir kämen zurück zur alten Einschätzung und Ordnung, wie sie etwa das klassische Indien kennt. Dort sind idealerweise die ersten einundzwanzig Lebensjahre dem Lernen vorbehalten, die zweiten einundzwanzig der Familiengründung und dem Berufsleben, die dritten einundzwanzig dem Konsolidieren des Erreichten, um sich anschließend lösen zu können. Denn mit dreiundsechzig Jahren beginnen die letzten einundzwanzig Jahre der spirituellen Vervollkommnung mit dem Höhepunkt in der (Er-)Lösung des Heimgangs, dem Tod. Dieses letzte Viertel ist der – jedenfalls für Inder – entscheidende Quadrant des Entwicklungskreises, auf den alles hinausläuft. Daran lässt die östliche Philosophie wenig Zweifel. Das wird auch noch gelebt, etwa in Bali, wo das Alter und mit ihm die Alten in hohen Ehren stehen. Insofern illustriert der Film Das Beste kommt zum Schluss eine alte Idee und schlägt eine längst überfällige Korrektur des modernen Lebens vor. Außerdem lädt er dazu ein, über seine Bilderwelten in unsere eigenen einzutauchen und beide zu verknüpfen, bis wir in Trance geraten und Trance-formation erleben, das heißt, dorthin zu gehen, wo wirkliche Psycho- im Sinne von Seelentherapie geschieht.

So gesehen bieten gute Filme eine wundervolle Chance, sich selbst besser kennen- und mehr schätzen, ja lieben zu lernen, und ich empfehle sie gern als Therapie, verbunden mit speziellen Aufgaben. Das bringt viel und kostet (fast) nichts. Tatsächlich gibt es viele brillante Spielfilme, die uns spielend und spielerisch auf die Sprünge helfen und weiterbringen können. Mir ist es jedenfalls oft so gegangen und hat mich zu einem ausgesprochenen Filmfan gemacht.

Fast immer handeln Spielfilme von fremden, aber an eigene Muster und Erfahrungen erinnernden Lebensgeschichten, die uns in Resonanz mit unseren (Ur-)Mustern beziehungsweise Archetypen bringen. So können sie Träume wecken und aufleben lassen, zu neuen Träumen verleiten und die Seele berühren; sie regen das Mitfühlen und Lernen an. Oder mit den Worten von Eleonore Roosevelt: »Die Zukunft gehört denen, die an Träume glauben.« Müsste ich einen Film aussuchen, der mir und meinen Patienten diesbezüglich am meisten geholfen hat, fällt mir sofort Das Beste kommt zum Schluss (The Bucket List) ein. Manche haben diesen Film mit Morgan Freeman und Jack Nicholson in den Hauptrollen schon gesehen. Wenn noch nicht, umso besser! Dann hat man dieses Vergnügen noch vor sich, und das erste Mal ist immer etwas Besonderes. Ich habe den Film sicher zehnmal erlebt und mag ihn eigentlich immer mehr. Er hat trotz seines Ernstes viel Witz und für Hollywood-Verhältnisse verblüffende Tiefe; er ist außerdem im Sinne der Krankheitsbilder-Deutung sehr stimmig, von wundervollen Darstellern getragen und in meinen Augen insgesamt ein Meisterwerk.

Es kann uns helfen und viel Zeitverlust im Leben ersparen, wenn wir uns einmal intensiv mit Das Beste kommt zum Schluss auseinandersetzen. In dieser Tragikomödie ist zu erleben, wie zwei Menschen verschiedenen Temperaments, unterschiedlichster sozialer Herkunft und Lebenswelt angesichts der erschreckenden Diagnose Lungenkrebs zu Freunden und Verbündeten in Sachen Lebensfreude werden. Als sie scheinbar nichts mehr zu verlieren haben, entdecken die Todkranken, was ihnen wirklich wichtig ist. Bevor sie den Löffel abgeben müssen, haben sie schnell jeweils ihre »Löffelliste« (bucket list) aufgestellt und machen sich daran, die Zeit zu nutzen, um Spaß zu haben und ihre Leichtigkeit wieder zu spüren. Das Beste für uns Zuschauer ist aber noch viel besser, denn der Film lässt uns spontan erkennen, dass wir gar nicht bis auf eine Krebsdiagnose und gescheiterte Chemo warten müssen. Wir können in diesem Moment anfangen, wirklich zu leben, unser eigenes originelles, ganz persönliches Leben.

Eigentlich ist The Bucket List der Film zum Buch oder Die Liste vor der Kiste das Buch zu diesem himmlischen Film. Himmlisch, weil er uns tatsächlich mit dem Himmel, unserer Bestimmung, verbinden kann und dazu noch mit unseren Wurzeln im irdischen Leben. Jedenfalls rate ich, ihn sich als anmachende, im Sinne von öffnender Übung zur Eigenentwicklung erst- oder nochmals anzuschauen. Anmachend auch, weil uns diese »Filmtherapie« wieder einschalten kann, falls wir schon abgeschaltet und uns aus Leben und Entwicklung ausgeklinkt haben. Wichtig ist, sich zuvor Papier und Stift bereitzulegen, denn gleich nach dem Anschauen des Films geht es um die eigene, ganz persönliche Liste vor der Kiste. Sie kann zu wundervoller Lebenshilfe werden – ich persönlich habe meine Liste immer dabei.

Und jetzt rate ich, den Film auf sich wirken zu lassen mit all seinen kleinen Feinheiten und Stimmigkeiten und gleich anschließend in dieser Stimmung, die erste eigene »Lebensliste« zu erstellen oder sie zu überarbeiten und zu ergänzen. Nach dem Filmerlebnis befinden wir uns sowieso in einer Art Trance und können den musikalischen Abspann nutzen, um in dieser angerührten Stimmung einen Moment der (Selbst-)Ehrlichkeit – vielleicht statt sonst üblicher Selbstherrlichkeit – zu genießen und offene Wünsche Punkt für Punkt zu Papier zu bringen, sogar die ganz großen. Wer mag, kann anschließend auch noch mit anderen über seine Liste sprechen. Unter Umständen wird er wie der Filmheld Edward Cole (Jack Nicholson) einen Partner finden für eine gemeinsame Reise zur Verwirklichung (noch) ungelebter Träume. Hier liegt nur dann eine Gefahr, wenn jemand wie der andere Filmheld Carter Chambers (Morgan Freeman) die eigene Frau als Kompagnon wählt beziehungsweise sie ihn. Das wird in solch einem Fall von Dominanz nicht gutgehen, da das alte Muster der Verhinderung von Lebens- und Selbstverwirklichung dadurch nur noch stabilisiert wird. Aber es könnte natürlich auch der eigene Partner sein, wenn beide sich idealerweise wirklich die Freiheit schenken, ureigene Erfahrungen zu machen, und sich einander zugestehen und gönnen zu leben, was noch offengeblieben ist. Und wenn beide Partner zwischendurch immer wieder am gleichen Strang ziehen, kann eine gemeinsame Lebensliste eine große Liebe noch vertiefen und bereichern.

Ein urprinzipieller Vorgeschmack

Jetzt möchte ich Sie auf eine Reise mitnehmen zur Überarbeitung und vielleicht Erweiterung Ihrer ursprünglichen (Film-)Liste vor der Kiste. Ziel ist es, Ihre Fantasie anzuregen, Sie auf Ideen zu bringen, um alle wesentlichen Aufgaben und Herausforderungen zumindest ins Auge zu fassen und um letztlich zu verwirklichen, was Sie lebendig macht und hält. Natürlich kann ich nur Anregungen und Vorschläge anbieten, denn wie schon C. G. Jung sagte: »Die Schuhe, die jemandem passen, drücken jemand anderen. Es gibt kein Lebensrezept, das für alle passt.«

Wie kann ich mir dennoch herausnehmen, Ratschläge zu geben, was in Ihrem Leben noch fehlen könnte, was Sie vielleicht noch brauchen, ohne Sie überhaupt persönlich zu kennen? Ich stütze mich dabei auf die alten Traditionen und ihr System der Ur- oder Lebensprinzipien; sie geben auch Ihnen die Sicherheit, nichts zu vergessen. Es geht darum, den Wunschzettel an der ganzen Fülle der Möglichkeiten und am ganzen Spektrum der Wirklichkeit zu messen, und dazu sollten Sie Folgendes wissen:

Die Einheit zerfällt zuerst in Yin und Yang, weiblich und männlich. Das weibliche Yin lässt sich in die beiden Elemente Wasser und Erde, das männliche Yang in Feuer und Luft unterteilen. Aus diesen vier Elementen folgen die zwölf Ur- oder Lebensprinzipien, denn jedes Element ist in drei Aspekte unterteilbar, in einen anfänglichen kardinalen, einen mittleren fix(iert)en und einen labilen. Nehmen wir als Beispiel das Element Wasser: Das ruhige Wasser der Teiche und Bäche ist kardinal, das verschlingende Wasser der Moore und Sümpfe fix und das unendlich weite der Meere und Ozeane labil. Werden alle vier Elemente nach diesem Dreischritt untergliedert, kommen wir zum Entwicklungskreis der (vier mal drei) zwölf Ur- oder Lebensprinzipien. Der Ausdruck Archetypen trifft auch, wird aber häufig und vor allem von C. G. Jung für alle möglichen seelischen Muster verwendet. Wir könnten diese zwölf Grund- oder Lebensthemen einfach durchnummerieren; nach klassischer Art werden sie mit den Namen der Stern- oder Tierkreiszeichen belegt, was jedoch noch nichts mit Astrologie zu tun hat.

Indem wir diese zwölf archetypischen Urmuster als Hintergrundwissen nutzen, stellen wir sicher, nichts Wesentliches auszulassen. Vergewissern Sie sich also zum Schluss, dass Sie auf Ihrer Liste zu allen Urprinzipien Punkte aufgenommen haben, damit kein wesentliches Lebensthema außen vor bleibt.



1. Beim Aggressions- oder Marsprinzip geht es darum, den Mut zu entwickeln, erste Schritte in Neuland zu unternehmen, sich neue Räume zu erobern – im Hinblick auf konkrete Vorhaben, vor allem aber auch auf Bewusstseinsräume. Das Marsprinzip könnte also dadurch erlöst werden, einmal den Mut aufzubringen, etwas wirklich Neues zu tun, das uns reizt und herausfordert. Es ist auch entscheidend, wenn wir unseren Platz im Leben erobern und wenn wir Entscheidungsfähigkeit, Konfrontationsbereitschaft und Zivilcourage entwickeln. Für eine gute Sache zu kämpfen, ist eine wundervolle Herausforderung und Einlösung dieses Prinzips, wobei man auch bewusst Risiken eingeht.

Eine Sportart erlernen, die Mut erfordert, oder auf einer (Foto-)Safari gewagte Aufnahmen von wilden Tieren zu schießen oder Rafting- und Canyoning-Touren zu unternehmen, passen zu diesem Prinzip, ebenso der Sprung vom Zehnmeterbrett oder nur ein Kopfsprung ins Wasser, eine Fahrt mit der Achterbahn samt Dreifachlooping, natürlich auch ein Feuerlauf und alle anderen Mutproben, die wirklich herausfordern. Ganz im Sinne von Mars ist auch das Erlernen von Kampfkunst inklusive der Vertiefung in ihre Philosophie oder Reiten im Cowboy-Stil im gestreckten Galopp über Stock und Stein. Vor allem ist mutiges, grenzüberschreitendes Denken bis in neue Bereiche und die Eroberung von geistigem Neuland gefragt. Einen alten Streit mutig beizulegen und seine Hintergründe offen(siv) zu klären, gehört in dieses Feld, zum Beispiel auch die eigene Geburt nochmals im Rahmen einer Therapie oder in einer Sitzung mit dem Verbundenen Atem zu erleben oder sich bei einer Primärtherapie oder Dynamischen Meditation die ganze Wut aus dem Leib zu brüllen.


2. Das Stier-Venusprinzip fordert, unseren Platz in der Welt und im Leben zu finden und zu sichern. Besitz und materielle Werte sind hier äußerer Ausdruck von Selbstwertgefühl, das so wichtig ist. Wir sollten das eigene Revier abstecken und es auf Dauer anlegen und genießen. Im Rahmen eines Rituals könnten wir Mutter Erde mit allen Sinnen spüren lernen. Denkbar ist auch, Naturrituale und Feste im Jahreskreis zu feiern, etwa Beltane und andere Fruchtbarkeitsriten nach dem Vorbild alter keltischer Tradition. Die intensive sinnliche Naturerfahrung wird hier zur Kraftquelle.

Verwurzelung und Erdung, Verbundenheit und Beständigkeit sind im Reich von Stier-Venus Grundbedürfnisse, dazu gehört auch aller Sinnengenuss. Einmal einen Sommer auf einer schönen Alm zu verbringen, wäre folglich ein passender Punkt für die Lebensliste. Gartenarbeit und sich für Umwelt und Natur zu engagieren oder eine Vereinsgründung zu diesem Zweck entsprechen ebenfalls diesem Urprinzip. Man könnte sich aber auch in der eigenen Heimatgemeinde engagieren (in Verwaltung oder Politik), um diese bewusst als Heimat zu erhalten und ihre Schätze zu pflegen.

Der Steigerung des eigenen Selbstwertgefühls mag es dienen, sich selbst für alles bereits Erlebte und Erreichte Anerkennung zu schenken. Gleichzeitig ist die bisherige Einstellung zu Besitz auf den Prüfstand zu stellen. Aus der Perspektive von Stier-Venus ist Besitz auch Verpflichtung, und die Pflege von Landschaft und Tradition ist gleichermaßen Herzensanliegen. Das eigene Zuhause spielt eine große Rolle und könnte gefeiert und genossen werden im Kreise der Nächsten, etwa bei kulinarischen und musischen Festen.

Einmal nach Herzenslust Spezialitäten zu schlemmen bei entsprechender Volksmusik oder kulinarische Reisen zu unternehmen, könnte reizen, etwa ein Besuch beim Oktoberfest mit reichlich Bier und rustikalem Essen aus der Hand. Man könnte einmal etwas kosten, das man noch nie gegessen hat und auch nie essen wollte, oder in einem Ritual sehr bewusst (s)einen Baum pflanzen oder einen ganz Tag lang überall hin barfuß gehen, sich vielleicht auch einen ganzen Sommer lang täglich barfuß erden.


3. Das Zwillinge-Merkurprinzip lädt dazu ein, sich mit den Themen Kontakt und Kommunikation – mit Menschen, der Welt und dem Leben – intensiver zu beschäftigen. Es herrscht hier die Grundstimmung, allem neugierig und offen zu begegnen, die Welt zu erforschen und immer wieder Neues dazuzulernen. Wir könnten erleben, welche Freude es macht, sich mitzuteilen und ganz offen und wach zuzuhören. Diese Offenheit, Klugheit und Flexibilität bereichern das Lebensgefühl.

Eine Fremdsprache zu lernen oder Nachhilfepate zu werden für ein ausländisches Kind, und diesem beim Lernen und Einstieg in die neue Kultur zu helfen, könnten passende Punkte für die Liste sein. Eine kleinere Herausforderung wäre das Einlösen aller Brief- und Mail-Schulden. Wie wäre es, spontan Menschen anzurufen, mit denen man schon immer mal reden wollte, auf Facebook oder im Netz nach alten Freunden zu fahnden und wieder mit ihnen in Kontakt zu treten. Das Gefühl, vernetzt zu sein, könnte mehr Aufmerksamkeit verdienen.

Die Chance, mit Gott und der Welt in Kontakt zu treten und überall dabei zu sein, seine Interessen auszuweiten und auf Facebook oder Twitter noch weitere neue Kontakte hinzuzugewinnen – all das lässt sich genießen. Das könnte auch heißen, in einer Espressobar mitten im Trubel ganz einfach zu sein, das Ohr am Puls des Zeitgeistes, oder Menschen, die vollkommen anders sind, die aus anderen Kulturen oder einer anderen Schicht stammen, kennenzulernen und sich für sie zu interessieren: Wie kommt ein Clochard unter die Brücke, oder wie lebt es sich als Förster? Oder ganz im Gegenteil könnte die Herausforderung darin bestehen, eine Woche lang auf jede Form von Kommunikation zu verzichten, um mit sich selbst, mit seiner Seele in Kontakt zu kommen, oder sich sogar eine längere Zeit des Schweigens und Rückzugs zu gönnen.


4. Beim Mondprinzip werden wir dazu angeregt, uns der eigenen seelischen Identität bewusst zu sein. Es geht zudem darum, sich selbst als (mit-)fühlendes Wesen zu erleben, eingebunden in den Rhythmus von Natur und Welt. Hingebungsvolle mütterliche Liebe gegenüber allen Lebewesen zu empfinden, ist hier Lebensaufgabe. Konkret heißt das zum Beispiel, ehrenamtliche Arbeit wirklich als Ehrenamt wahr- und wichtig zu nehmen und dies im Rahmen einer gemeinnützigen Organisation wie der Tafel auszuleben oder in der Sorge für ein Patenkind.

Wir folgen dem Mondprinzip, wenn wir uns ein Nest bauen, einen Familientag gestalten, es dabei so richtig gemütlich angehen lassen und Familiengefühl leben, wie schon lange nicht mehr, und ganz bewusst all das annehmen, was andere spießig (an einem) finden. Gönnen wir uns doch einmal ganz bewusst etwas, das als kitschig, peinlich, uncool gilt. Nicht zu vergessen die Möglichkeit, sich die Welt sogar ganz bewusst schönzutrinken, sich gemütlich zu »bedudeln«. Oder wir pflegen und hegen den eigenen Garten, verschönern den Balkon und freuen uns an unserem grünen Daumen; vielleicht machen wir einen Wintergarten zu unserem eigenen kleinen Paradiesgarten, um uns darin einfach wohlzufühlen und die Seele baumeln zu lassen.

Wir könnten den Eltern einen Überraschungsbesuch abstatten und ihnen für das eigene Leben danken und sagen, wie sehr wir sie lieben – oder uns in die Rolle von Mutter oder Vater versetzen und dem Kind, das heißt uns selbst, einen Brief zur Geburt schreiben und mitteilen, wie wir uns angesichts all der auf uns zukommenden Verantwortung fühlen. Sehr inspirierend ist auch, sich viel Zeit zu nehmen und sich das Leben einer Groß(en)Mutter oder eines Groß(en)Vaters in aller Ausführlichkeit erzählen zu lassen und darüber nachzusinnen oder sogar zu schreiben wie Marcel Proust Auf der Suche nach der verlorenen Zeit – ohne es vielleicht auf so viele Bände bringen zu müssen. Es kann auch dazu inspirieren, Ahnenforschung in eigener Sache zu betreiben und das Ergebnis in Gestalt eines Stammbaumes auf einer eigens arrangierten Familienfeier zu enthüllen, damit alle etwas davon haben.


5. Beim Sonnenprinzip ist alles andere als Schüchternheit gefragt. Wir dürfen uns in den Mittelpunkt stellen, einmal richtig glänzen, beispielsweise ungeniert Karaoke singen, in großer Aufmachung in die Spielbank gehen, locker 100(0) Euro einsetzen und dabei erleben, wo die eigenen Grenzen sind und das Herz zu klopfen beginnt.

Überhaupt will man im Zeichen der Sonne die Herzensthemen und Anliegen spüren und umsetzen und seine Kreativität und Lebensenergie einsetzen. Wir sollten nicht zögern, bewusst all das zu delegieren, was auch andere bewerkstelligen können, und uns lieber vorbehaltlos unserem Herzensthema widmen. Dazu gehört auch, allen zu danken, die so vieles für einen erledigen, sie anzuerkennen, die eigene Dankbarkeit dafür in sich zu suchen und zu übermitteln. Überhaupt ist einmal darauf zu achten, wie viel andere für einen tun und was man für sie tun könnte.

Etwas richtig und aus ganzem Herzen gut und von allen bewundert auf die Bühne (des Lebens) zu bringen, ist eindeutig sonnenhaft. Etwa bei jedem Blick in den Spiegel sich bewusst sagen: »Ich liebe dich!« Einem völlig fremden Menschen eine unerwartete Freude machen. Bewusst in andere Rollen schlüpfen und Kleidung tragen, die man noch nie getragen hat und eigentlich auch nie tragen würde, um sich in der fremden Rolle zu spüren und von allen sehen zu lassen, etwa in der eines Punkrockers, und Max Reinhardts Erkenntnis nachfühlen: »Der wahre Schauspieler ist von der unbändigen Leidenschaft getrieben, sich unaufhörlich in andere Menschen zu verwandeln, um in den anderen am Ende sich selbst zu entdecken.«

Letztlich werden im Sonnenprinzip idealerweise auch die eigene Herzenswärme und Güte kultiviert und mit Großzügigkeit sowie mit Autorität und Authentizität verbunden. Wir können unsere Zentriertheit und unser Selbstbewusstsein nutzen, um Großes zu bewegen und hochfliegende Träume wahr zu machen.


6. Dankbarkeit ist das große Thema des Jungfrau-Merkurprinzips, insofern gilt es hier, wirklich Ernte-Dank-Feste zu feiern. Eine passende Aufgabe wäre, all jenen zu danken, denen Dank gebührt. Oder besser noch eine ganze Woche Danksagen für das, was von allen Seiten täglich für uns geschieht. Genießen wir also die große Anpassungsfähigkeit an die vorgefundenen Lebensbedingungen in Dankbarkeit und Bescheidenheit und mit aller gebührenden Demut. Ein wichtiges Thema ist in diesem Zusammenhang auch, das eigene Leben und das anderer immer wieder in Ordnung zu bringen mit der notwendigen Sorgfalt und Achtsamkeit, mit guter Beobachtungsgabe und Vernunft – als eine Art Zen des Alltagslebens.

Unbedingt wäre die eigene Ernährung dem aktuellen wissenschaftlichen Wissensstand anzupassen und sie auf pflanzlich-vollwertige Nahrung im Sinne von Peace Food umzustellen, und zwar der eigenen Gesundheit, der Beseitigung des Hungers in der Welt, der Ökologie und den Tieren zuliebe. Und wenn es noch nicht geschieht: vor jedem Essen ein Tischgebet des Dankes sprechen.

Wer in Verbindung mit dem Jungfrau-Merkurprinzip steht, wird die eigene Situation genau analysieren wollen, den Zukunftssorgen gern eine Stunde Beachtung schenken und alle Eventualitäten prüfen. Das heißt, sich bewusst all die Sorgen zu machen, die gerechtfertigt sein könnten – in gesundheitlicher und gesellschaftlicher Hinsicht. Anschließend sollten wir aber über Mark Twains Erkenntnis meditieren: »Es gibt unglaublich viele Sorgen, aber die meisten treten nie ein.«

Ratsam ist auch, sich Vorteil und Konsequenz echter Vorbeugung im Sinne von Krankheit als Symbol klarzumachen und sich auf diese Weltsicht einzulassen, statt viele Tage mit Gesundheitssorgen und allen möglichen Früherkennungsmaßnahmen zu verschwenden. Man könnte auch einmal eine homöopathische Arzneimittelprüfung wagen, um zu erleben, wie es ist, in das Wesen eines Tieres, einer Pflanze oder sogar eines Minerals einzutauchen und es aus dem Herzen heraus zu verstehen.

Empfehlenswert ist, für einen genau definierten Zeitraum Sorgen bewusst beiseitezulassen, also zu üben, sich eine Woche alle »Beschwerden« ans Universum zu untersagen – auch »Bestellungen«, denn sie sind ja auf der Kehrseite nichts anderes als Beschwerden, die langfristig das Leben schwer machen.


7. Eine gute Herausforderung im Rahmen des Waage-Venusprinzips besteht darin, sich einen Monat oder wenigstens eine Woche lang ganz auf den eigenen Partner einzulassen und einfach mit ihm oder ihr in Harmonie zu gehen, gleichgültig wobei und gleichgültig wofür er oder sie sich gerade interessiert. Oder einen schon lange überfälligen Liebesbrief vorbehaltlos schreiben und wirklich absenden; einem Menschen die eigene Liebe ohne Einschränkungen gestehen und ihm seine ganze Zuneigung schenken; eine Flirt-Schule besuchen und sich auf entsprechende Erfahrungen einlassen.

Vielleicht genügt es auch, einmal uneingeschränkt und vorbehaltlos Sympathie zu zeigen: einen ganzen Tag lang jedem ein freundliches, offenes Lächeln schenken, ein Kompliment machen, eine Freundlichkeit erweisen und schauen, was sich daraus ergibt. Möglicherweise verlangt diese Erfahrung nach Verlängerung, vielleicht ist sie die Offenbarung für alles weitere Zusammenleben.

Kleine Punkte wären, einmal eine Modenschau mitzuerleben, einen Tag der Schönheit und Ästhetik zu widmen, sich zu pflegen und verwöhnen zu lassen vom Masseur bis zum Friseur – auch als Mann. Oder – wenn man so etwas noch nie getan hat – einmal einen ganzen Tag lang in eine Kunstausstellung zu gehen und sich Bilder und Plastiken anzusehen oder den ersten Besuch einer Opern- oder Ballettaufführung zu zelebrieren, vielleicht sogar an einer der großen Bühnen anlässlich einer Ferienreise. Oder gehen wir doch mal zu einer Filmpremiere mit all den Promis und Schönen, falls das einen Reiz hat.

Zu den Lebensgenüssen, die hier verwirklicht werden wollen, gehört auch, einmal so richtig vom Feinsten zu essen – nicht viel, aber von höchster Qualität und mit allem Drum und Dran an einem schön gedeckten Tisch bei Kerzenlicht, untermalt von Musik. Wir könnten uns auch daranmachen, unsere Traumwohnung einzurichten, und dazu die entsprechenden Designerkataloge wälzen und an der Umsetzung Spaß haben.

Was immer man auch tut, nach dem Prinzip von Waage-Venus verlangt es Achtsamkeit für Ausgewogenheit und wahre Harmonie im Sinne des goldenen Schnittes. Der Sinn für (innere) Schönheit und Ästhetik möchte mit ins Spiel (des Lebens) gebracht werden. Entscheidend ist, liberal und höflich sowie mit erlesenem Geschmack zu Werke zu gehen, um ausgleichend auf die Gegenpole zu wirken; ein Gleichgewicht der Kräfte und harmonische Partnerschaften sind der Gewinn.


8. Alles in Frage stellen und radikal anders und tiefgründiger denken – diesen Anspruch finden wir beim Plutoprinzip. Das kann bedeuten, einen Tag oder mehr der eigenen dunklen Seite zu widmen – angefangen bei der Lektüre von Das Schatten-Prinzip und der Inspiration durch die CD Schattenarbeit bis hin zur vierwöchigen Schattentherapie. Im Grunde geht es darum, sich der größten Angst todesmutig zu stellen und sie (und sich) so zu überwinden.

Vieles mag dazu beitragen, dem Plutoprinzip näherzukommen, zum Beispiel etwas verschenken, woran das eigene Herz besonders hängt; die Ausstellung Körperwelten besuchen und mit dem Tod auf vertrauten Fuß kommen, sich zu ihm, in seinen Schatten setzen. Auch an Friedhofsbesuche um Mitternacht wäre zu denken und sich vielleicht sogar einmal auf das Grab eines Vorfahren zu legen. Oder Bücher des Marquis de Sade oder Shades of Grey lesen und eigene Sadomaso-Ambitionen ausloten; sich in einem Sexshop beraten lassen und entsprechend einkaufen. Oder ein Foltermuseum, die Folterkammer einer alten Burg inspizieren. Oder eine Woche lang alles ablehnen, was an einen herangetragen wird und die folgende Woche allem zustimmen. Oder eine schamanistische Schwitzhütten-Zeremonie durchleben.

Bedeutsam ist, bei allem die große seelische Kraft und radikale Wandlungsfähigkeit und das Stirb-und-werde-Prinzip im Auge zu behalten und einmal bewusst den wichtigen Dingen des Lebens auf den Grund zu gehen, und zwar mit Selbstüberwindung und -beherrschung sowie mit Opferbereitschaft.


9. Das Jupiterprinzip verbindet uns in besonderem Maß mit Lebensfreude und Glück. So mögen wir uns dazu inspiriert fühlen, einen Freudentag liebevoll zu gestalten. Ein wichtiges Thema ist dabei auch die Pilgerreise ins eigene Innere oder eine Reise um die Welt zu den Quellen der großen Religionen. Es ist vielleicht von Gewinn, Gotteshäuser und Tempel anderer Kulturen zu besuchen und sich auf diese Eindrücke einzulassen. Das kann bedeuten, einmal an einem uns fremden religiösen Ritual teilzunehmen und in diese andere Glaubenswelt einzutauchen, auf Sinn- und Visionssuche zu gehen, die Bibel oder andere heilige Schriften zu studieren, sich auf Gottessuche zu begeben.

Neben dem spirituellen Suchen und Finden steht die Beschäftigung mit Philosophie, zum Beispiel anhand der Schriften eines Philosophen, von dem man schon gehört hat und der fasziniert. Eine unterhaltsame Geschichte des Denkens wie Sofies Welt von Jostein Gaarder mag dazu anregen, sich in einen der philosophischen Ansätze zu vertiefen.

Es liegt bei diesem Urprinzip auch nahe, über Glücksforschung zu lesen und sich Übungen zum Glückserleben zu widmen. Außerdem könnte dazu gehören, einmal genießerisch ein Gelage, die eigene Orgie zu veranstalten, sich Luxus zu gönnen, ein dickes Auto zu fahren und großzügig zu schenken und sich an der begeisterten Reaktion der Beschenkten zu erfreuen.

Ganz Jupiter ist, Versöhnung und Toleranz zu üben – etwa indem wir einem Asylbewerber großzügig helfen –, Freude zu stiften, Humor zu verbreiten, andere mit Weitblick zu fördern, zum Gönner und Mäzen zu werden, den Funken der Begeisterung überspringen zu lassen, Brückenbauer zu werden und Weisheit wie auch Vertrauen in den Sinn des Lebens zu verbreiten. Das alles – mit einer großen Portion Optimismus im Hinblick auf Wachstum auf allen Ebenen – gehört zur »Jupiterliste«.


10. Das Saturnprinzip führt zum Wesentlichen. Das kann bedeuten, sich einen Monat lang in jeder Hinsicht zu beschränken und dabei das Minimum auszuloten, das man wirklich braucht. Versuchen wir doch mal, es ohne viel Konsum zu schaffen.

Sehr anschaulich ist auch, einen Karton mit Dingen zu füllen, die das Wesentliche, das von uns einmal bleiben wird, symbolisieren – und dazu noch die eigenen Lebenserinnerungen für die Nachkommen aufzuschreiben.

Gespräche, die wir mit einem wichtigen Menschen über den Tod führen, oder das Notieren von Wünschen für die Gestaltung der eigenen Begräbnisfeier sowie des Textes für den Nachruf sind eine aufschlussreiche Beschäftigung mit dem Saturnprinzip, die uns vieles lehren kann.

Unter Saturns Einfluss sind wir dafür sensibilisiert, nichts mit ins Grab zu nehmen und einen sauberen Schlussstrich zu ziehen, um Angehörigen keine Arbeit mehr zu machen. Das kann bedeuten, ein Testament ganz korrekt nach offiziellen Richtlinien zu erstellen und ein weiteres Testament aus Seelensicht zu formulieren; einen Abschiedsbrief an seine Lieben zu schreiben.

Um uns dem Saturnprinzip hinzugeben, könnten wir einige Tage oder eine ganze Woche in einem völlig dunklen Raum verbringen und in die eigene dunkel Nacht der Seele eintauchen. Oder wir nehmen uns eine Woche für alles Anstehende doppelt so viel Zeit wie gewohnt; besuchen einen alten Menschen im Altersheim und hören uns geduldig dessen Lebensgeschichte an; leben einen Tag mit Ohrstöpseln völlig taub; sagen eine Woche zu allen Angeboten Nein und erleben, was das bringt.

Mit Saturn lassen sich auch Tage der Arbeit feiern. Es geht um konsequente harte und fleißige Tätigkeit mit dem Ziel, etwas Beständiges, Bleibendes zu schaffen. Mit Saturn wollen wir Disziplin üben und Struktur ins Leben bringen. Das kann bei einer Klettertour im Fels geschehen – langsam und stetig aufsteigend, verlässlich und gut gesichert –, beim Besuch einer Eishöhle, bei der Durchwanderung einer (Salz-)Wüste oder während einer Woche im (Zen-)Kloster unter Teilnahme an allen Exerzitien oder bei unserem Seminar Fasten – Schweigen – Meditieren.

Zum Saturnprinzip gehört, mit Geradlinigkeit und Disziplin seine Kreise zu ziehen, weise Selbstbeschränkung zu üben und seine Fähigkeit, das Wesentliche zu erkennen, zu nutzen. So heißt es hier: »Weniger ist mehr.« Bestenfalls bringen wir Ausdauer, gepaart mit Arbeitsfreude und Verantwortungsgefühl zum Einsatz und erreichen dadurch Klarheit.


11. Das Uranusprinzip verlockt zu einer Reise ins Blaue: einmal Ferien machen ohne große Planung, ohne Termine, mit verrückter Offenheit für alles Mögliche, also einfach den Koffer mit Sommersachen packen, zum Flughafen fahren und den nächstbesten Last-Minute-Fernflug buchen.

Selbst wenn wir nur einen Tag lang alles ganz anders machen, sind wir dem Uranusprinzip auf der Spur. Und auch das zählt: am Morgen die Zähne mit der anderen Hand bürsten, Tee statt Kaffee nehmen, konsequent vegan essen oder das erste Schnitzel seit Jahren auf dem Teller haben, eine fremde Person ansprechen, mal angezogen duschen, bei Vollmond unter dem Sternenhimmel tanzen oder nackt auf einer Wiese im Regen.

Sich spontan von etwas Lästigem oder wirklich Belastendem zu trennen – jetzt, wann sonst – passt genauso zu dieser uranischen Energie wie auch ein Tag der Verbundenheit mit Freunden, an dem wir ihnen ungewöhnlich viel Zeit widmen und uns auch wirklich mit ihnen austauschen.

Nicht zu vergessen ist ein Tag, an dem unsere Originalität im Mittelpunkt steht, ein Tag, um verrücktzuspielen, es so richtig krachen zu lassen, über die Stränge zu schlagen, die eigene Mode zu kreieren, aufzufallen, in Rollen zu schlüpfen, die faszinieren und an- und verrückt machen – lauter Dinge, die man sich selbst bisher nie gegönnt oder zugetraut hat. Das ist, wie den Karneval in Venedig zu feiern oder in Rio Samba zu tanzen. Lassen wir uns also motivieren, auf die Suche nach dem Original zu gehen, als das wir gemeint sind, und uns bewusst vom Abziehbild lösen, das wir geworden sind.

Natürlich können wir mit Uranus auch im Cyberspace reisen, einen Computerkurs belegen und echte Fortschritte im Umgang mit neuer Technologie machen – und dabei lieber digital abstürzen als real –, das wäre ein guter Punkt auf unserer Liste. Allgemein legen wir unter dem Einfluss von Uranus Wert auf gute Freunde und bewahren uns Unabhängigkeit und Idealismus, wie auch den fast objektiven Über- und Weitblick. Wir nutzen unsere Fähigkeit, Visionen zu entwickeln, und richten den Blick nach vorn.


12. Mit dem grenzauflösenden Neptunprinzip sind wir angeregt, mal eine Zeit lang nur zu träumen, uns geheimsten Sehnsüchten hinzugeben, unser tiefstes Geheimnis zu lüften. Wir gewinnen auch den Raum, zu verzeihen und zu vergeben und großzügig zu spenden – oder alte Schuld(en) zu begleichen oder abzudienen. Wo es notwendig und längst überfällig ist, können wir ein Verzeihungsritual machen und uns ihm ehrlichen Herzens widmen.

Neptun legt uns intensive Erfahrungen nahe, zum Beispiel in einem sogenannten Dunkelrestaurant ein Essen mit allen Sinnen erleben, ein paar Stunden im Samadhi-Tank verbringen und im Wasser schwebend in das Land der Träume gleiten, Aqua-e-motion erleben, uns eine Atemsitzung mit open end and mind im körperwarmen Wasser gönnen, ein Meditationscamp oder einen Ashram besuchen oder eine mystische Reise unternehmen und uns auf übersinnliche Erfahrungen einlassen, auf Visionssuche gehen, einen Geistheiler besuchen. Wir könnten Tauchen lernen oder uns mit Tümmlern (Delfinen) in der Freiheit und Weite des offenen Meeres tummeln.

Beim Neptunprinzip sind wir besonders aufgefordert, Hingabefähigkeit zu beweisen und Opferbereitschaft zu leben, intuitive Fähigkeiten, Sensibilität und Sensitivität und unsere reiche Fantasie zu nutzen sowie Nächstenliebe und Mitgefühl in die Welt zu bringen. Das kann bedeuten, einem Tag lang jedem Menschen, der uns begegnet, etwas Gutes zu tun. Oder einem Tier das Leben zu retten, es freizukaufen oder in Obhut zu nehmen. Wir haben die Chance, selbstlos und empfänglich, aus großem Urvertrauen heraus unseren Traum vom Einswerden mit allem zu leben, absichtslos und liebevoll, versöhnlich und verzeihend.

Der Ruf des Lebens – Beispiele

In gewisser Weise zehren wir alle von Erinnerungen an Erlebnisse und Erfahrungen, die mit einem intensiven Gefühl von Lebendigkeit verbunden waren. Das ist auch ein Grund, warum alte Männer immer wieder von ihren Kriegserlebnissen erzählen, denn in der Gefahrensituation haben sie sich lebendig gefühlt.

Nie vergesse ich die Kurzbekanntschaft mit dem unglaublich dicken Postbeamten in einem unbedeutenden Ort in den USA. Er war der fetteste Mensch, den ich bis dahin gesehen hatte, und es war meine erste USA-Reise. Ich war jung und im Land der unbegrenzten Möglichkeiten unterwegs, wo ich studieren wollte – mit großer Wissbegierde gegenüber allem, auch diesem aus allen Kleidern quellenden Postmann. Als er merkte, dass ich Deutscher war, begannen seine Augen zu leuchten, und er fragte wie aus der Pistole geschossen, ob ich in Heidelberg lebe. Als ich das verneinte, war er sprachlos. Wie konnte man nicht in Heidelberg leben, wenn man in Deutschland zu Hause war? Es stellte sich heraus, dass Heidelberg das Paradies seines Lebens gewesen war, das er nach langen Kriegsjahren endlich gefunden und vor Jahrzehnten auch wieder verloren hatte. Der Krieg hatte ihn aufblühen lassen, das machten seine Worte klar. In (s)einem für mich heute schon wieder namenlosen Städtchen geboren, hatte sein Leben erst mit dem Krieg so richtig begonnen. Er war nach Europa, in die alte Welt geschickt worden, um sie zu retten. Mit und für (General) Patton und sein Land war er marschiert und hatte Seite an Seite mit den anderen boys Unglaubliches geleistet, erlitten und erlebt. Dem Tod oft nah, hatten sie für eine bessere Welt gekämpft, alles riskiert und gewonnen. Er hatte Feinde getötet und Kameraden verloren und unglaubliches Glück gehabt, das Inferno zu überleben, und er war jung und fit gewesen, voller Lebensenergie. Zu guter Letzt waren sie in Heidelberg einmarschiert als Sieger und auch so begrüßt, gefeiert und belohnt worden. Als Sieger und Befreier hatten sie Schokolade und Zigaretten verschenkt und konnten dafür mit ihrem Cowboy-Charme fast alles haben. Die Herzen flogen ihnen zu, und die »Fräuleins« lagen ihnen zu Füßen. Da war er richtig glücklich gewesen und hatte sich das erste Mal in seinem Leben so richtig gemeint und angesprochen gefühlt. Jeder Tag war ein Geschenk und eine Belohnung für die erlittenen Strapazen gewesen. Er konnte aus vollem Herzen sagen: »Heidelberg was the time of my life.«

Warum er denn nicht in Heidelberg geblieben sei und dort lebe, wenn das für ihn der schönste Ort auf Erden und die beste Zeit seines Lebens gewesen sei, fragte ich. Das habe er nicht gewagt, denn die Army hätte Beziehungen zu den »Fräuleins« unterbunden und verboten. So habe er schließlich auch seines zurückgelassen und sei dem Marschbefehl nach Hause gefolgt, in seinen Heimatort und schließlich ins post office.

Dort war er geblieben und hatte sein Leben im Fett der täglichen Langeweile versinken lassen. Der Krieg vorbei, Patton vergessen und Heidelberg ein ferner unerreichbarer Traum – statt fit nun fett, war er im wahrsten Sinne des Wortes im Postamt sitzen geblieben und freute sich nun wie ein Kind, einem Deutschen, wenn auch nicht aus Heidelberg, zu begegnen, der so jung war wie er damals, als er noch »lebte«.

Wenn ich meine persönliche Lebensgeschichte anschaue, bin ich glücklich und dankbar, zur ersten Generation von Deutschen seit Langem zu gehören, die alt werden darf, ohne Krieg zu erleben. Was waren bisher meine Momente von besonderer Lebendigkeit? Es handelte sich auch bei mir um Situationen, in denen mir die Endlichkeit meines Lebens bewusst wurde:

› Uranische Momente

Der Sturz ins Seil beim Klettern, Zehntelsekunden nur, die sich unglaublich dehnten und mir mein Leben nochmals buchstäblich im Flug und wie im Film zeigten. Wer war der Regisseur dieses Films? Ich selbst, wie natürlich auch der Hauptdarsteller. Beziehungsweise hat die Instanz in mir, die für Lebendigkeit steht, ihn gedreht und mit der Frage beschlossen: Was ist noch offen? Wofür willst du weiterleben? Anschließend war ich wirklich lebendig; die beim Sturz erlittenen Verletzungen spielten gar keine Rolle, und ich zählte die Tage meines neugeschenkten Lebens danach von eins bis – ja, bis mich der alltägliche Trott wieder einfing und neuerlich einnicken ließ.

Da war der Flug entlang des Amazonas mit meinem Freund Peter in seinem kleinen einmotorigen Flugzeug. Plötzlich schienen die Funkfeuer verloren, und das bei knappem Treibstoff. Unten sahen wir nur »Brokkoli«: Alles war in Grün getaucht, und wir konnten die auf der Karte verzeichneten Flüsse kaum erkennen. Dazu das Gefühl, keine Kontrolle mehr zu haben, in Gottes Hand zu sein, in der wir ja eigentlich immer sind, nur ohne uns dessen so bewusst zu sein wie beim Anblick des grünen Meeres unter uns. Und dann wieder eine Funkverbindung und Hoffnung und schließlich eine zweite und zurückkehrende Orientierung und fast schon Sicherheit – aber immer weniger Sprit. Auf einmal erkannten wir in der Ferne das Hospital, doch sofort schloss sich der Brokkoli-Urwald wieder. Nach der Landung auf den letzten Drücker beziehungsweise Tropfen gab es ein gegenseitiges Drücken: eine kurze Umarmung unter Jungs, die Männer und Ärzte spielten. Schauspieler in einem Leben, das für einen langen Moment durch Desorientierung und Spritmangel sehr lebendig geworden war. Natürlich lassen sich solche Ereignisse nicht inszenieren, aber eine gewisse Offenheit für Erfahrungen, die in Grenzbereiche führen, fördert ihre Wahrscheinlichkeit. Klettern ist nur eine Möglichkeit unter vielen.

Ein Erlebnis wie das über dem Dschungel lässt sich verschieden verarbeiten. Ich kann in Zukunft vorsichtiger sein, mich auf Ähnliches nicht mehr einlassen oder überhaupt nicht mehr klettern, so werde ich natürlich nicht mehr ins Seil fallen. Dann besteht allerdings die andere Gefahr, nämlich in seinem ganz persönlichen post office sitzen zu bleiben und in der Stagnation zu landen, wo sich das Leben mit Ersatz(befriedigungen) wie Essen von selbst beschwert. Echtes Leben und der Ersatz verhalten sich zueinander wie Leben und Lesen – was Lesen nicht abwertet, sofern es zum Leben anregt. Wer Filme sieht und Biografien liest, kann darüber das eigene Leben vergessen oder sich im Gegenteil dazu erst so richtig anregen lassen.

Ein spannender Punkt könnte sein, sich darauf einzustellen, die kritischen Situationen, in die man sich bringt oder in die man gerät, auch offen(siv) durchzustehen, das heißt, die Suppe bewusst auszulöffeln, die man sich eingebrockt hat. So wird die nächste Krise zur Chance. Und es ergibt sich wie von selbst zusätzlich eine gar nicht bewusst steuerbare Liste, die ein mutiges, offenes Leben präsentiert.

Uranus ist hier angesprochen als Luftzeichen, zu dem Fliegen und Springen gehört, aber auch alles Plötzliche, spontan Hereinbrechende wie ein Absturz oder seine Gefahr. Wer das Uranusprinzip aus seinem Leben verbannen möchte, um Gefahren zu meiden, läuft Gefahr, auch Humor und Witz, Spontaneität und Geistesblitze auszuschließen.

Dann dieser Fallschirmsprung aus 4500 m Höhe – gut geplant und nicht riskant, aber doch »gefährlich« hoch beziehungsweise tief. Auf der Kufe des Hubschraubers sitzend erschien die Welt da unten so klein und der Luftraum irgendwie laut. Dann der Impuls zu springen und die Angst davor – wie fühlte ich mich wach und lebendig. Schließlich das Loslassen: eine Minute freier Fall, die viel länger dauerte als andere Minuten, und schließlich der Ruck, der mir durch und durch ging, als sich der Fallschirm entfaltete. Scheinbar riss er mich wieder in die Höhe – uranische Momente, wie auch das Herabschweben und die abrupte Landung, die dann plötzlich wieder rennend geschah.

Uranisches Lebensgefühl auch durch die langen Haare in Hippiezeiten, die ich mir trotz Rauswurfandrohung hatte wachsen lassen. Den Rauswurf annehmen und gehen für diese Freiheit auf dem eigenen Kopf – allerdings wissend, dass die Mutter einen zurückwünschen und -holen würde. The Age of Aquarius miterleben und in vielen Verrücktheiten feiern.

Fallschirmspringen, Segelfliegen oder Zeitströmungen für gewagte, verschrobene, originelle Momente oder Erfahrungen nutzen, all das ist machbar und wird ohne letzte Sicherheit dafür umso sicherer verblüffende Lebendigkeit vermitteln. Neben der Offenheit für jene Bälle, die uns das Schicksal zuspielt, die wir nur fangen und nutzen müssen, könnten wir uns auch aktiv an den Spielen des Lebens beteiligen. Es muss ja kein Fallschirmsprung sein, aber einmal etwas Verrücktes an der Grenze zum für uns »Gefährlichen« zu tun, um das Leben und die eigene Angst darum richtig zu spüren, ist möglich und sicher herausfordernd und somit belebend und ein besonderer Punkt auf der Liste.

› Begegnungen mit dem Marsprinzip

Ich hatte folgende Momente meiner Lebensgeschichte keineswegs gesucht, aber sie haben sich mir aufgedrängt und brachten mich weiter:

Dem Stiefvater widerstehen, obwohl er, der Offizier, physisch so viel größer und stärker war und davon auch schlagend Gebrauch machte – ein Augenblick des Zu-mir-Stehens und der Kraft. Und die erstaunte Erfahrung der Befreiung nach einem für beide überraschenden Zurückschlagen meinerseits, das mir zu Fortschritt und Befreiung und ihm zu Zurückhaltung verhalf.

Aus politischen Gründen den Kriegsdienst verweigern, obwohl gerade diese Begründung nicht anerkannt wurde, und erst nach zehn Jahren und einigen Schikanen und vielen Ängsten damit durchkommen.

Meine eigene unabhängige Form von Entwicklungsdienst er- und durchleben. Urwaldhospital im Regenwald – wenn auch nur kurz – mit meinem Freund; eine Zeit lang in Afrika leben und arbeiten und andere Menschen erleben und die Wüste spüren. Psychotherapie machen auf einem Kontinent wie Afrika, wo es so etwas in dieser Form noch nicht gab, und ein entsprechendes Bewusstseinsfeld schaffen; in Freda eine Person finden, die es weiterträgt und weitergibt.

Etwas wagen, um etwas zu bewegen: meine Medizin, obwohl kaum einer davon etwas wissen wollte und niemand aus dem Ärztekreis mich unterstützte. Zu erleben, was es heißt, wenn plötzlich alle Krähen über einen herfallen, obwohl es doch heißt: »Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.« Im Dauerfeuer der Angriffe lebendig, wach und standhaft bleiben.

Den Winter ganz anders leben – genau dort, wo es meine Seele hinzieht, obwohl ökologisch inkorrekt. Ein Haus auf einer philippinischen Trauminsel bauen und rasch wieder loslassen, in Bali überwintern und sich Sonne und Ruhe gönnen, den Charme einer erhaltenen alten Kultur genießen mit ihren Menschen, Stimmungen und Landschaften. Eine schöne, sichere und erfolgreiche Ehe verlassen, die keine mehr ist, dennoch gemeinsam er- und behalten, was immer wertvoll war und bleibt: das Verständnis, die Zusammenarbeit, die geteilte Lebensphilosophie, ein besonderes, wundervolles Kind und viele geistige Kinder. Die Erfahrung, dass Zu-sich-Stehen und Sichgerademachen für ein Thema von Wichtigkeit sich lohnt und der Mut, für etwas Neues, Nichtdagewesenes zu kämpfen, erfolgversprechend ist.

Alles auf eine Karte setzen und beim Skirennen an meine Grenzen fahren und dieses Grenzland erleben und kennenlernen, die Geschwindigkeit und die große Kraft in der Bewegung spüren. Das gemachte Nest der Schulmedizin verlassen in eine Richtung, die ein Zurückkommen kaum ermöglicht. Sich exponieren und den Kopf aus der Deckung nehmen. Das ganze Geld aus drei Jahrzehnten Arbeit in einen Traum, ein Projekt stecken, obwohl das unsicher, unvernünftig und ökonomisch nicht clever ist. Aber wer sein Geld geschickt auf alle möglichen Ebenen verteilt und es so platziert, dass ihm nichts passieren kann, dem wird auch nichts damit passieren. Wofür aber ist es dann gut? Und ist es dann gut, wenn es der nächsten Generation per Erbschaft den Lebensweg verstellt, also das Normalprogramm abgespult wird? Und wie dumm ist es erst, reich zu sterben und nicht wenigstens versucht zu haben, etwas Sinnvolles, Schönes, Erhebendes, der Seele Wichtiges daraus zu machen. Erkennen, dass unsereins mit Geld sowieso nicht mehr möglich ist, als ein Beispiel und Symbol zu schaffen. Das Mögliche zu wagen ist die Chance. Abenteuer können wirklich teuer werden und nicht nur am Abend, aber sie bringen Erfahrungen und Lebendigkeit mit sich.

› Venus begegnen

Zur eigenen Lust und Liebe stehen und finden: Die von Mut begleitete Freude, als ich mir von meiner Lehrerin auf die Sprünge helfen ließ, mich in meinen Fantasien traute, noch weiterzugehen, mir meine eigene Liebesgöttin kreierte und mit ihr glücklich sein konnte. Der späte Moment zu wagen, die praktische, aber feige »Häschen-in-der-Grube«-Methode der Partnerakquisition durch flirtende Aktivität zu ersetzen, oder erst recht der, die Frau anzusprechen, die mich faszinierte, die mir aber auch Angst machte, mich in Unruhe und Spannung versetzte, die ich schon eine Woche angeschaut hatte, ohne ein Signal zu geben; der Kampf zwischen (gutbürgerlicher) Erziehung und Lust auf Wagnis und erotische Freude. Die Hoffnung auf das Schicksal, dass es mir eine gute Gelegenheit zuspielen möge. Und die Dankbarkeit, als es das tat; die Erfüllung, als wir uns finden.

Erotischen Mut entwickeln und statt nur zu fühlen, auch berühren und dabei allmählich fühlen lernen. Träume austauschen und umsetzen und nicht locker lassen, um allmählich doch lockerer zu werden und freier und erfüllter zu leben. Die Lebensfreude in sinnlicher Erotik befreien und genießen lernen. Mich mit sechzig und entgegen vieler Ratschläge trauen, »den guten(?) Ruf aufs Spiel zu setzen« und Mythos Erotik zu schreiben, weil ich es wichtig und das Thema wunderschön finde. Das Buch auch zu mögen, als es floppt, und mich über die wenigen Leser zu freuen, die es sich erlaubt und gegönnt haben. Der freche Rat, Venusisches auf der eigenen Liste zu berücksichtigen.

Natürlich ist das Venusprinzip auch in Kunst und Ästhetik zu finden, ebenso in genussvollem Essen und einer schönen Wohnung, aber in Sinnlichkeit und erotischer Liebe kommt es uns doch am nächsten. Wir dürfen es an uns heran- und zu uns hereinlassen.

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Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
218 s. 15 illüstrasyon
ISBN:
9783906294094
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
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