Kitabı oku: «Glücklich mit mir selbst»

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E-Book-Ausgabe
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E-Pub-ISBN 978-3-906294-20-9
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Inhalt
Wie und warum dieses Buch entstand
ERSTER TEIL
Glücklich mit mir selbst – was heißt das?
Paare und Solisten – in Glück und Unglück
Die Spielregeln des Lebens
Allein-Sein ist nicht Einsamkeit
Das kleine und das große Glück
Wie wir sprechen, so denken wir auch
Alles Wesentliche beginnt bei uns selbst – auch die Liebe
Partnerschaft mit dem Selbst
»Die Braut, die sich nicht traut«
Unsere inneren Schätze heben
Narzissmus – eine moderne Pandemie?
Von der Einsamkeits-Forschung zur Einsamkeits-Therapie: Was uns die Wissenschaft zu sagen hat
Niemand ist schuld, wir alle sind verantwortlich
Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne – und danach?
Ritual statt Routine
Die innere und die äußere Reise
Unsere Lebensreise ist eine innere Reise
ZWEITER TEIL
Partnerschaft und bewusstes Allein-Sein – zwei Wege, ein Ziel
Die Liebe kennt vielerlei Art
Wertschätzung und Anerkennung
Selbstständigkeit und Selbstbestimmung
Trennung als Chance
Wer sich Freiheit nimmt, bekommt Verantwortung
Kunst und Elend des Kompromisses
Arm an Zeit zum Leben?
Den inneren Kompass finden
Ein Wort zu Stress und Entspannung
Wegleitung zum Tanz mit dem Leben
DRITTER TEIL
Geh deinem Glück entgegen – jeden Tag
Beginne jetzt!
Ordnung ins eigene Leben bringen
Das Körperhau
Das Wohnhaus
Von den Kindern lernen
Mut zum Lebensplan
Schenken ist exponentielle Glücksvermehrung
Ganz bei dir selbst
Meditation: Der Weg ist das Ziel
Kreative Auswege aus der Einsamkeits-Falle
Schlusswort
Anhang
Personen- und Sachregister
Vita Ruediger Dahlke
Veröffentlichungen des Autors
Dank
Wie und warum dieses Buch entstand
Ich lebe mein Leben basierend auf zwei Prinzipien. Eins – ich lebe, als ob heute mein letzter Tag auf Erden wäre. Zwei – ich lebe heute, als ob ich für immer leben würde.
OSHO
Zuallererst möchte ich klarstellen, die meiste Zeit meines Lebens in Partnerschaft gelebt zu haben, mit allen Höhe- und auch einigen Tiefpunkten. Begonnen hatte ich mein Partnerschaftsleben als Hippie. In der 68er-Zeit mit ihren Kommunen und Wohngemeinschaften sollten Partnerschaften dem Anspruch nach »offen« sein, was nicht ausschloss, dass man auch dauerhaftere Verbindungen einging. Letztlich stellte ich in diesem Umfeld aber immer wieder fest, dass die hohen Ansprüche in puncto Freiheit und Verzicht auf Besitzansprüche letztlich doch uneingelöst blieben und zur Verdrängung ebendieser Besitzansprüche und zu Ausbrüchen verdruckster Eifersucht führten.
Im Ashram von Bhagwan/Osho in Poona, heute Pune, wo der Anspruch freier Sexualität galt, erlebte ich, wie sich ein Swami, ein männlicher Ashrambewohner, herzzerreißend beschwerte, weil sich die über alles geliebte Partnerin von ihm abgewandt hatte, und er zum Schluss mehr stammelte als sprach: »It didn’t work.« Bhagwans ernüchternde Antwort: »It’s not supposed to work.« Aber wenn es nicht funktionieren sollte – was sollte es dann?
Während meiner nunmehr 70 Lebensjahre habe ich mehrere wundervolle Partnerinnen gehabt und geliebt – und viel von ihnen lernen dürfen. Obwohl ich unter zwei Scheidungen meiner Mutter mitgelitten und mir fest vorgenommen hatte, niemals zu heiraten, brauchte ich offenbar doch auch selbst zwei Ehen, um das Thema Partnerschaft zu bearbeiten. Die erste war eine Liebesheirat, hielt 25 überwiegend wunderschöne und durchweg lehrreiche Jahre, schenkte uns Naomi, unsere Tochter, und ging mit einer liebevollen Fünf-Minuten-Scheidung in eine Freundschaft fürs Leben über. Wir können somit friedlicher als vorher miteinander Eltern für unsere Tochter sein und auch noch besser zusammenarbeiten.
Dafür zeigte mir, dem Autor des Schattenprinzips, die zweite Ehe und Scheidung ebendieses.
Und die zweite Frau meines Lebens? Sie hatte mich verlassen, kurz bevor ich dieses Buch begann. Dass ich es mir vornahm zu schreiben, und zu diesem Thema, begriff ich auch als Einladung an mich selbst, mich meiner Einsamkeit bewusst zu stellen.
Natürlich dachte ich dauernd an die Beziehung und litt schwer an ihrem Verlust. Da meine Gefühls- und Gedankensphäre davon total eingenommen war, stürzte ich mich in die Arbeit. Und staunte von Tag zu Tag mehr, wie leicht und flüssig sie mir von der Hand ging und wie viel ich schaffte. Ich fand sogar noch Zeit für Tai Chi, Meditations- und Körperübungen. Dabei aber war unübersehbar: Es fiel mir deutlich schwerer, die Gedanken nicht abschweifen zu lassen, im Unterschied zur Arbeit, die sich bei mir mehr und mehr zur Schreib-Meditation entwickelt hat. Über Einsamkeit zu schreiben, das konnte jetzt unmöglich nur Ablenkung sein. Auf mich allein gestellt, zurückgezogen von allen und allem, verbanden sich für mich äußere und innere Arbeit. Wie von Zauberhand erschuf ich – nein: erschuf sich wie von selbst etwas sehr Besonderes und Wertvolles für mich. Ganz nebenbei und ausnahmsweise ohne lange Diskussionen mit einem Verleger wurde sogar der passende Buchtitel dafür gefunden.
Ich muss hier noch etwas erwähnen, und ich weiß, dass ich das oft tue, aber ich werde nicht müde, es zu tun – eben weil es so eminent wichtig ist. Es betrifft das Essen.
Hinzu kam nämlich, dass ich meine Ernährung sofort minimiert hatte und ganz automatisch auf Früchte und einiges Gemüse, also Rohkost, umstellte. Obendrein war Lockdown! So fielen auch Ablenkungen wie Aus- und Essengehen aus. Schon nach wenigen Tagen merkte ich, wie wohl mir das tat. Dabei genieße ich schon seit über 40 Jahren Kurzzeitfasten und esse sowieso höchstens zwei(erlei) Ma(h)l am Tag.
Aber es zeigten sich auch die Schattenseiten. Ich musste mich geradezu zwingen, nicht gleich alles schon während der Vorbereitungsphase im Stehen zu verspeisen. Das »Zeitsparen«, obwohl im Hinblick auf die Arbeit als positiv empfunden, ging rascher und ungezügelter weiter, als mir lieb war. Gemeinsame Essensrituale fehlten mir sehr. Andererseits ist Rohkost auf Frucht- und Gemüsebasis nicht nur unkomplizierter, sondern auch deutlich bekömmlicher, so dass ich besser schlafe und am nächsten Morgen ausgeruhter und noch fitter bin.
So hatte ich, schneller als erwartet, bereits ein dreifaches Teilergebnis erzielt, um mit meiner Situation klarzukommen: eine sinnvolle, erfüllende Arbeit, auch noch mit hoher Produktivität, und eine verbesserte Ernährung. Alles wichtige Themen, die aus gutem Grund in diesem Buch auch wiederkehren werden. Der immer noch empfundene Entzugs- und Sehnsuchtsschmerz verschob sich nun weitgehend auf die Einschlafphase, die aber – frei von partnerschaftlichen Spielen – allmählich auch wieder kürzer wurde. Anfangs half ich nach, mittels vorheriger, intensiver körperlicher Anstrengungen: Ich übte mich sozusagen vorsätzlich müde, um besser einzuschlafen. Mal wieder etwas körperliche Betätigung tat mir aber auch außerordentlich gut.
Aus der Synergie von minimierter Rohkost, intensivem Üben, tieferem Schlaf und sinnhaltiger, erfüllender Arbeit ergab sich ein intensiver innerer Prozess. Er erlöste in mir, als typischem »Beziehungsmenschen«, eine lichtvolle Klarheit in einem Schattenbereich meiner selbst. Durch bewusstes Allein-Sein waren Kraft und Kreativität zurückgekehrt. Und dass, während ich schrieb, auch meine verloren geglaubte Partnerin ganz allmählich wieder zurückkehrte, gehört zum Geheimnisvollsten, was ich dabei erleben durfte.
ERSTER TEIL
Paare und Solisten – in Glück und Unglück
Es gibt keinen Weg zum Glück. Glücklich-Sein ist der Weg.
BUDDHA
Als Arzt und Berater frage ich mich seit 40 Jahren: Warum wollen so viele Menschen, die in Partnerschaften leben, im Grunde nichts lieber als hinaus, zurück in die »Freiheit«? Und warum sind so viele, die allein leben, oft einsam und sehnen sich nach nichts stärker als nach glücklicher Partnerschaft? Da muss es zwischen den Extremen doch eine Zwischenzone geben, in der Paare und Solisten gleichermaßen glücklich sein und ihr Leben genießen können.
Allerdings hatte ich auch eine sehr spezielle Einweisung in Sachen Paar- und Ehe-Therapie. In der Psychiatrie für eine geschlossene Männerstation angemeldet, um so richtig die Härtefälle des Fachs zu erleben, landete ich einmal pro Woche in der Eheberatung. Ich gestattete mir den Hinweis, keinerlei diesbezügliche Ausbildung im Studium genossen zu haben und selbst unverheiratet zu sein. Dies aus für mich gutem Grund, nämlich wegen zwei gescheiterter Ehen meiner Mutter. Es half nichts. Vielmehr stellte die rein auf Pharmakologie ausgerichtete Klinik einen nicht gerade sehr angesehenen älteren Psychiater und Psychoanalytiker extra für meine Einführung in die Ehe-Beratung ab. Eine für mich unvergessliche Erfahrung …
Der ältere Kollege erklärte ungerührt: Alles halb so schlimm, es kämen praktischerweise nur Frauen. Die würden sich sowieso immer nur darüber beschweren, dass ihre Männer nicht mehr so funktionierten wie zu Beginn der Ehe. Sie kümmerten sich nicht mehr, weder brächten sie noch Blumen mit noch Pralinen, geschweige denn Schmuck. Und sonst … ja, da seien sie schon gar nicht mehr zu gebrauchen. Ich hätte also nur dafür zu sorgen, dass die Männer wieder zum Anfangsprogramm zurückkehrten. Fertig, aus. Lektion erteilt.
Verblüfft fragte ich, wie ich das bewerkstelligen sollte, wo doch angeblich gar keine Männer in die Sprechstunde kämen. Ganz einfach, meinte der erfahrene Kollege: Rate den Frauen, sich all das selbst zu besorgen, wofür früher die Männer sorgten. Also sich selbst Blumen zu bestellen – am einfachsten vom Lieferservice. Fragte der Mann dann nach, wo der Rosenstrauß her sei, könnte sie ja auch ganz ehrlich sagen, sie wüsste es selbst nicht – schließlich sagt Fleurop nicht, wer sie dort besorgt. Manche Männer würden dann umgehend wieder dazu zurückkehren, selbst Blumen mitzubringen, größere Sträuße sogar, um den geheimen Verehrer auszustechen. Ja, und wenn das nichts brächte, dann könnten ja noch Dessous herumliegen, und jeder Ehemann werde den diskreten Hinweis verstehen, dass diese sonst ja auch ihm unbekannt bleibendem Einsatz zugeführt werden könnten.
Das sollte nicht etwa ein schlechter Witz sein! Protest nützte nichts, er bestand mit der ganzen Autorität eines universitären Lehrkörpers auf Umsetzung der Lektion. Verblüffung! Es funktionierte tatsächlich. So wurde ich im Schnellverfahren zwar kein guter, aber ein »erfolgreicher« Eheberater, zumal der ältere Kollege noch weitere Tricks aus seinem unerschöpflichen Praxis-Repertoire preisgab. Die Krönung aber war die Theorie dazu, die er in einem einzigen Satz zusammenfasste: »Männer sind so leicht zu dressieren, nur bei Frauen ist es noch leichter.«
Das konnte nun wirklich nicht alles sein. Es war aber alles, was die Psychiatrie, wie ich sie damals kennenlernte, dazu hergab.
Das ist nun vierzig Jahre her. Auch die Psychiatrie ist heute eine andere, und zur Eheberatung gehen heutige Menschen zum Psychotherapeuten. Die grundsätzliche und schwerwiegende Frage aber bleibt: Warum zerbrechen so viele Beziehungen? Und warum scheint es immer schneller zu gehen? Festzustellen ist in der Beratungspraxis heute aber auch: Längst nicht alle aus Partnerschaften gefallene oder ausgestiegene PatientInnen fühlten sich verlassen, einsam und beladen.
Die Spielregeln des Lebens
Wenn auf Erden die Liebe herrschte, wären alle Gesetze zu entbehren.
ARISTOTELES
Die Spielregeln des Lebens ergeben sich für mich aus drei Schicksalsgesetzen und zwölf Lebensprinzipien. Beginnen wir mit den Schicksalsgesetzen.
Partnerschaft beginnt heute in der Regel mit beglückender Verliebtheit, einer Phase der Exaltiertheit, gemäß dem berühmten Satz Hermann Hesses: »Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne.« Das entspricht dem drittwichtigsten der Schicksalsgesetze, welches besagt, schon im Anfang liege alles, so wie im Samen der Baum.
Früher nahmen auch noch in unserer eigenen Kultur die Eltern auf Eheschließungen großen Einfluss. So nach dem Motto: Wir haben ein Baugeschäft und die haben ein Baugeschäft, also baut etwas Schönes miteinander (auf). Damit folgten alle dem zweitwichtigsten der Schicksalsgesetze, dem der Resonanz. Im Anfang der Verbindung lag da meist kein übermäßiges Glück, dafür erwies sich das langfristige Konzept als Bürge für Haltbarkeit und Dauer und zumeist auch ein nicht so herbes Ende. Im Idealfall ist die heute so hoch geschätzte Resonanz-Phase eine wundervolle Zeit, die beide genießen, wenn sie dieselben Gedanken denken, dasselbe Essen mögen und sich am Selben und aneinander freuen. Im Stehen stoßen sie an, ohne anstößig zu sein, im Sitzen genießen sie das gemeinsame Mahl, bei dem sie sich schon nacheinander verzehren, was sie in der Horizontale dann vollenden oder auch nicht. Sobald diese Phase vorbei ist, etwa weil er gleich und sie gar nicht kommt oder sich eine anstrengende horizontale Bastelei ergibt, geben insbesondere die Jungen heute oft gleich wieder auf.
Wo die Resonanz sich aber wundervoll fügt, sie miteinander schwingen und entschweben in gemeinsame Glücks- und sogar orgiastische Einheitsgefühle, liegt eine genussreiche, aber begrenzte Zeit vor ihnen. Nicht wenige deuten sie als höchste Zeit zur HochZeit und trauen sich vor den Traualtar. Das aber ist eine Rechnung, die sie ohne das erste Schicksalsgesetz gemacht haben.
Dieses erste und wichtigste Gesetz, das der Polarität, entfaltet seine Wirksamkeit, sobald der Hormonrausch der Resonanz-Phase vorüber ist und der Alltag mit seiner Routine einkehrt. Dann erleben die beiden, wie sie sich gegenseitig ihre jeweiligen Schatten(seiten) zu spiegeln beginnen. Die allermeisten stürzen jetzt in die Konflikte der Schattenprojektion ab. Was mit himmlischen Orgasmen und/ oder mit Anrufung himmlischer Kräfte Himmel-hoch-jauchzend vor dem Trau-Altar begann, endet häufig – in unseren Großstädten schon zu 80 Prozent – zu Tode betrübt vor dem Scheidungsrichter. Anschließend sind beide allein, oder einer ist es, ganz selten aber keiner, weil beide schon heimlich oder offen für Ersatz (vor-)gesorgt haben. Nun zu den Solisten des Lebens.
Das neudeutsche »Single« gehört inzwischen zum selbstverständlichen Sprachgebrauch, der herkömmliche Begriff »alleinstehend« dagegen nur noch ins Personenstandsregister. Gut so. Ihm haftet seit je etwas Defizitäres an. »Allein stehen« zu können ist dabei doch alles andere als ein Defizit, und das ist nicht nur zeitgemäß, sondern auch wesenhaft so. Solisten in der Kunst des Lebens genießen in Bezug auf alle drei Schicksalsgesetze sogar einige Startvorteile auf dem Weg zu nachhaltigem Glück.
>Allererst so in Bezug auf das Gesetz der Polarität. Sie müssen davon ausgehen, dass auftretende Probleme ausschließlich mit ihnen selbst zu tun haben, denn da ist schlicht kein Partner, auf den sie projizieren könnten: Sie sind sich selbst und nur sich selbst immer und ausnahmslos verantwortlich. Es wird davon zu reden sein, welche Herausforderungen das mit sich bringt.
>Auch beim Resonanz- oder Spiegelgesetz sind sie – rein prinzipiell gedacht – im Vorteil. Sie können sicher sein, dass ihre Schwachstellen nicht vom Partner ausgeglichen werden. Wer niemanden hat, der seine Schwächen kompensiert, muss sie allerdings auch selbst sehen können und allein bearbeiten, um sich in puncto Lebensqualität letztlich nichts vorzumachen.
>Das Gesetz des Anfangs offeriert in unserer entwickelten, offenen Gesellschaft, die sich – bis zum Corona-Koma – die Freiheit des Individuums auf die Fahnen geschrieben hatte, für fast jede Art von Alleingang nachgerade verführerische Möglichkeiten. Ob als Chance oder Falle, hängt davon ab, welche inneren und äußeren Voraussetzungen der einzelne Mensch mitbringt und welche Vorstellungen von seinem Glück er sich gönnt.
Allein-Sein ist nicht Einsamkeit
Einsamkeit ist das Vermissen des Anderen. Allein-Sein ist das Finden von sich selbst.
OSHO
Fragst du vielleicht: »Glücklich mit mir selbst, nur ganz für mich allein – ist das nicht egoistisch?« Oder, anders herum: »So ganz für mich allein – bin ich dann nicht schrecklich einsam?«
Einsamkeit ist ein Gefühl von Mangel, das mit Leid verbunden ist. Wer sich einsam fühlt, dem fehlt etwas. Schon diese Feststellung rückt Einsamkeit in die Nähe von Krankheit. Ist doch »Was fehlt ihnen?« die klassische Eröffnungsfrage der Ärzte. Wenn ich einsam bin, fühle ich mich ganz auf mich allein zurückgeworfen. Das Gefühl der Überforderung begleitet mich sogar unausgesprochen, es steht im Raum wie der sprichwörtliche Elefant.
Einsamkeit ist kränkend und kann auch körperlich krank machen, zumal wenn sie mit Gefühlen des Ausgeliefertseins einhergeht und wie ein Gespenst im kleinsten Zeitraum lauert, der ohne Ablenkung ist. Umfragen haben ergeben, dass die Hälfte der Deutschen Angst davor hat, im Alter zu vereinsamen. Vor allem Frauen, und sie haben guten Grund dafür, bleiben sie doch weit häufiger allein übrig, quasi als gesellschaftlicher Restposten. Angst aber kann erst recht erkranken lassen, wie auch die Kollateralschäden der Angstverbreitung in Zeiten der Pandemie gezeigt haben. Hinter der Angst vor Einsamkeit steckt auch häufig die vor Ablehnung. Je mehr man sich abgelehnt fühlt, umso williger lehnt man sich auch selbst ab: ein Teufelskreis, der wiederum die Abhängigkeit von Lob und Anerkennung fördert. Selbstliebe und Selbstachtung, dann bereits geschwächt, bleiben schließlich ganz auf der Strecke. All das zeigt: Einsamkeit ist nicht etwa ein isoliertes Gefühl, sondern steht im Zusammenhang mit Angst, enttäuschten Hoffnungen und unerfüllter Sehnsucht.
Es ist durchaus gerechtfertigt, chronifizierte Einsamkeit als Krankheitsbild zu sehen, das falsche Vorstellungen von der Realität hervorruft. Die Einsamkeit nimmt dann gleichsam die Rolle einer ständigen Lebensbegleiterin an. Der Ausstieg ist infolgedessen schwieriger als aus einem akuten Geschehen, aber sehr wohl möglich, wie sich zeigen wird.
Allein-Sein will dagegen schon vom Wort her etwas ganz anderes sagen, nämlich Alles-in-einem zu sein. So verstanden, ist Allein-Sein ein existenzieller Zustand, das heißt natürlich gegeben und nicht künstlich hervorgebracht. Allein-Sein ist seinem innersten Wesen nach ein Glückszustand, ist deutlichst gefühlte Gewissheit meiner Allverbundenheit. Allein-Sein in diesem Sinne kann es, mit Krishnamurti gesprochen, »erst geben, wenn die Einsamkeit aufgehört hat«. Ein einziger, bewusst gewählter Moment kann reichen, um wieder zu sich zu kommen, seine Gedanken zu ordnen und sich zu sammeln, Abstand von einer problematischen Situation zu gewinnen. Um das eigene Leben zum Besseren zu wenden, geht es darum, sich Qualitätszeit zu nehmen für absichtsvolles Innehalten, um den inneren Halt wiederzufinden.
Warum verursacht Einsamkeit Angst? Weil sie aus dem Schmerz darüber erwächst, sich niemandem wirklich nahe zu fühlen, mit niemandem verbunden zu sein und gegenseitig Erfahrungen teilen zu können. Es gehört zu den typischen Begleiterscheinungen der heutigen Zeit, dass Einsamkeitsgefühle vermehrt auch in Beziehungen auftreten. Nicht immer liegt das am Partner. Die Seele kann sich auch einsam und vernachlässigt fühlen, weil wir nicht auf dem Weg zu ihr sind.
Wenn so viele Menschen Angst vor Vereinsamung haben, dann liegt ein tieferer Grund dafür wohl in der gefürchteten »inneren Leere«, die fühlbar wird, wenn wir keine Befriedigung erfahren, weil uns Ansprache und Zuspruch fehlen, oder einfach schon deshalb, weil wir aus der Gewohnheit fallen. Jedoch besitzt die »Leere« als innerliche Erfahrung auch eine erlöste Form. Ja, sie ist dann sogar das eigentliche Ziel des spirituellen Weges.
Als alles entscheidenden Unterschied zwischen Einsamkeit und Allein-Sein erkennen wir also: Es kommt darauf an, mit welcher Einstellung wir unsere Situation sehen und vor allem fühlen. Er fühlt sich schlecht, weil niemand für ihn da ist. Sie fühlt sich gut, im Idealfall glücklich schon allein mit sich selbst.
Mit einem Wort: Einsamkeit ist ein negatives Gefühl, geformt durch ein negatives Bewusstsein. Bewusstes Allein-Sein dagegen bewirkt, dank einer willentlichen Geisteshaltung, ein positives Gefühl. Einfach nur allein zu sein ist lediglich ein objektiv-neutraler Tatbestand. In welche Richtung das Pendel im Seelenraum ausschlägt, hängt von uns selbst ab.
Der Einsame sucht in einem fort nach dem anderen. Ihm fehlt etwas Entscheidendes. Statt bei sich selbst, ist er gedanklich stets beim anderen und ohne ihn unglücklich. Er ist im Wortsinn außer sich und sucht seine Erfüllung außerhalb von sich. Der andere soll ihm das Glück bringen!
»Alleinstehende« mitleidsvoll über die Schulter anzuschauen ist somit absolut fehl am Platz. Ja, sie stehen allein. Na und? Das heißt doch zunächst nur, dass sie für sich selbst allein einstehen müssen. Ist ein solcher Mensch dann nicht vielleicht sogar glücklicher, als wenn er sich bindet und sein eigenes Glück von einem anderen Menschen abhängig macht?
Warum wird Singles immer noch bereitwilligst unterstellt, sie müssten sich einsam fühlen? Frei nach dem Motto: »So ganz allein, das ist doch bemitleidenswert. Da muss man auf Dauer doch schrullig werden!« Dahinter steht ein Missverständnis, das tief in die unbewussten, kollektiven Glaubensstrukturen der modernen Massengesellschaft blicken lässt.
Wir sind so rasch so viele auf Mutter Erde geworden, dass wir schlicht und ergreifend nur noch selten allein sein können. Und wenn, dann sind wir noch seltener wirklich allein. Die virtuelle Gegenwart anderer Menschen hielt nicht erst seit gestern Einzug in unser ureigenes Rückzugsgebiet. Es begann vor gut einhundert Jahren mit wenigen Stunden Radio am Tag, setzte sich fort mit Fernsehen rund um die Uhr und ist mit dem Internet in die letzten Nischen des Privaten vorgedrungen. Wie selfish sind eigentlich all die Selfies? Das nicht mehr wirklich erlebte Leben wird als Ersatzhandlung ins Smartphone gebannt.
So schön der Gedanke des Teilens auch ist, es bleibt doch die Frage: Ist das reine Erleben als solches denn sonst gar nichts mehr wert? Bist selbst du nur noch wert, was du teilst, wo du bist, wie du bist, mit wem du bist, wofür du bist? Wen interessiert das eigentlich wirklich? Wer interessiert sich noch für sich selbst? Ist nicht das Wichtigste individuell (das heißt wörtlich: un-teilbar)?
Der Flug einer Möwe über der Brandung, ein wogendes Getreidefeld im Wind, ein Sonnenaufgang am Berg, ihr Untergang im Meer: Sie stehen doch so unmittelbar und überzeugend für sich selbst, dass sie nicht immer auch geteilt und kommentiert werden müssten. Sind sie nicht immer noch am intensivsten zu erleben und zu genießen, wenn wir dabei selbst ungeteilt und ganz bei uns sein dürfen?
Dass dies nicht mehr erstrebenswert oder sogar unmöglich sei, ist ein epochal zu nennendes Missverständnis. Der ohnehin schon rasant fortschreitende Verlust der Fähigkeit, sich allein wohl, sicher und glücklich zu fühlen, wird dadurch noch weiter beschleunigt.
Natürlich sind wir alle verschieden, die einen mehr von Emotionen, andere mehr von Gefühlen eingenommen. Denn auch Emotion und Gefühl sind nicht ein und dasselbe. »Emotion« kommt vom Lateinischen ex = aus und motio = Bewegung und bezeichnet somit ganz wörtlich eine Bewegung, die nach außen gerichtet ist, die hinauswill und -muss. Zu fühlen heißt, direkt wahrzunehmen, was in uns geschieht – nicht mehr und nicht weniger. Es will von sich aus gar nicht vermittelt, also geteilt werden. Begeisterung möchtest du vielleicht hinausschreien, deine Mutterliebe braucht das nicht. Die natürlich gegebenen Unterschiede unter uns Menschen erklären aber nicht, warum immer mehr Menschen sich einer künstlichen, Total-Sozialisierung ihrer höchst persönlichen Erlebniswelt unterwerfen. Nun spricht uns schon nicht mehr nur die Stimme aus dem GPS an – oder die des Autos selbst, das eine Inspektion wünscht –, sondern sogar auch aus Haushaltsgeräten. Um heute mit sich selbst allein zuhause zu sein, würde selbst ein Stromausfall nicht ausreichen. Das heißt, mit und für uns selbst allein existieren wir – ohne bewusste Absicht und nachhaltiges Bemühen – schon gar nicht mehr. Die »Schöne Neue Welt«, von Aldous Huxley bereits vor fast einhundert Jahre mit ironischer Hellsichtigkeit in ihren fatalen Auswirkungen beschrieben, ist dank der neuen Technologien bereits Realität!
All das ist längst bekannt. Was weniger auffällt, aber umso schwerer wiegt: Das allgemeine Verständnis von Allein-Sein hat sich grundlegend gewandelt. Es wurde und wird weiter ins Negative gezogen. Im Drang, alles »teilen« zu wollen, im Sinne von Vermittlung persönlicher Botschaften, spiegelt sich jedoch, kritisch betrachtet, eine bedenkliche Verarmung der persönlichen Erlebniswelt.
Für sich allein zu stehen und nicht im Mahlstrom des Mainstream mitzuschwimmen, ist heute allerdings schon verdächtig, zumal in Krisenzeiten. Das Überwachungsbedürfnis, bisher vor allem aus Diktaturen wie China und Russland bekannt, greift immer weiter um sich. Deshalb geht es in diesem Buch darum, den Wert bewussten Allein-Seins herauszustellen. Darum, die Chancen zu entdecken, die es uns bietet – und Wege aufzuzeigen, sie im Alltag zu nutzen.
Das kleine und das große Glück
Viele Menschen wissen, dass sie unglücklich sind. Aber noch mehr Menschen wissen nicht, dass sie glücklich sind.
ALBERT SCHWEITZER
Wir sind soziale Geschöpfe. Die Philosophen der griechischen Klassik erkannten den Menschen bereits als zoon politicon, als ein politisches Wesen. Wir verbinden uns von Natur aus mit anderen zu Gruppen und Gemeinschaften und möchten diese Zugehörigkeit auch spüren. Wahrscheinlich war es dieses positive Gruppengefühl, was uns, die Nachkommen des CroMagnon-Menschen, zum Erfolgsmodell der Evolution machte und uns erlaubte, die Neandertaler zu überflügeln. Der niederländische Historiker Rutger Bregman führt in seinem Buch »Im Grunde gut« starke Argumente ins Feld, um zu belegen, wie wir als voneinander lernende Gruppenwesen, die sich mit Freundlichkeit begegneten, die entscheidenden Vorteile in der Entwicklungsgeschichte errangen. Das ist zwar lange her, aber immer noch wirksam.
Gleichzeitig sind wir auch Geschöpfe, die das Allein-Sein zu unserer persönlichen Vollendung brauchen. Um uns zur wirklichen Krone der Evolution zu entwickeln, ist jener Prozess notwendig, den C. G. Jung Individuation nannte. Individuation ist, wie schon das Wort ausdrückt, individuell und auf je eigene Art und Weise anzugehen. Befreite, Verwirklichte oder Erlöste sind diesen Weg auch im Wortsinn allein gegangen. Ashrams und Klöster überall auf der Welt stehen dafür. Auch der historische Gautama Buddha musste sich erst mit Entschlossenheit und Mut gegen die beharrenden Kräfte seitens seiner königlichen Familie behaupten, um sich zu lösen und seinen ureigenen Weg der Individuation zu finden.
Wir kommen aus der Gemeinschaft unserer eigenen Ursprungs- wie auch der gemeinsamen Menschen-Familie und sind beides: Gruppenwesen, aber auch Einzelkämpfer auf dem Weg der Selbstverwirklichung. Die Gemeinschaft lockt mit Gemütlichkeit und Wohlgefühl, die Individuation mit dem Heil. Ob wir auch allein glücklich sein können, hängt davon ab, was wir unter Glück verstehen. Die Mehrheit setzt Gemeinschaftsleben mit Glück gleich und findet es in der Regel im kleinen Glück des alltäglichen Wohlbefindens. Für den Weg zum großen Glück der endgültigen, umfassenden Befreiung brauchen wir aber auch zumindest Phasen des Allein-Seins.
Während die Welt schon längst auf dem Weg in die Ablenkungs-Falle war, sangen DichterInnen wie Rainer-Maria Rilke, Anaïs Nin und Ernest Hemingway noch das Hohelied des Allein-Seins. Und nicht nur sie. Santiago Ramon y Cajal, der Begründer der Neurowissenschaften, schwärmte: »Oh, beruhigendes Alleinsein, wie günstig bist du für das ursprüngliche Denken!« Sie alle wussten: Jeder kreative Schöpfungsakt braucht Zeit für sich allein. Phasen absichtlichen, bewussten Allein-Seins sind erforderlich, um kreatives Potential authentisch und mit Schaffensfreude auszuschöpfen. Nur wer ganz bei sich selbst ist, kann seine Mitte finden und ins Zwiegespräch mit seiner Seele eintreten. Um uns selbst nahezukommen, um uns wirklich kennenzulernen, brauchen wir Zeit für uns ganz allein. Ständige äußere Geschäftigkeit aber ist der Gegenpol zu Selbstfindung.
Es beginnt bei scheinbar banalen Dingen des Alltags, die aber überhaupt nicht banal sind. Geschäftsessen etwa lassen die Hauptsache zur Nebensache werden. Es geht dann eben nicht in erster Linie ums Essen, sondern ums Geschäft. Kein Wunder, dass sie auch noch zum Überessen verführen. Bewusstes Fasten dagegen bringt dich zu dir selbst tut dir gut. Fasten kann man auf vielen Ebenen und damit nicht nur der Falle der Ablenkung, sondern auch der Falle des Übermaßes entgehen. Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, wie der Volksmund weiß. Nur wer schweigt, auch in Gedanken, vermag seine innere Stimme zu hören. Immer nur auf andere zu hören, auf sie wirken, Eindruck machen zu wollen bringt uns von uns selbst weg, vertreibt uns aus unserer Mitte. Auf die innere Stimme zu horchen, ihr gehorchen zu lernen bringt uns dem eigenen Selbst näher. Still-Sein, im Idealfall noch den inneren Dialog zum Schweigen zu bringen: Das ist es, was uns zu unserem Selbst führt. Solange wir uns ständig äußeren Reizen aussetzen, bleibt Selbstfindung bestenfalls ein schöner Traum.
Wie wir sprechen, so denken wir auch
Wenn die Menschen nur über das sprächen, was sie begreifen, dann würde es sehr still auf der Welt sein.
ALBERT EINSTEIN
Auch unter Menschen kann man einsam sein, zutiefst einsam sogar, und sich von Gott und der Welt verlassen fühlen. Wer sich niemandem zugehörig fühlt und glaubt, nicht dazuzugehören, dem nutzt die Gemeinschaft der Dazu-Gehörigen absolut nichts. Im Gegenteil. Wer anders als die anderen empfindet, fühlt sich isoliert. Und wer sich isoliert fühlt, leidet darunter. Damit ist eine innere Abwärtsspirale in Gang gesetzt, denn Einsamkeit wird ungern eingestanden. In einer Gesellschaft, die der Geselligkeit einen so hohen Stellenwert einräumt, ist Einsamkeit schambesetzt. Allein-Stehende werden immer sagen: »Ich lebe allein«, aber sicher niemals: »Ich lebe einsam.«Wer glaubt, das sei immer so gewesen, irrt gewaltig. Meister Eckhart oder Hildegard von Bingen hätten sich gewiss nichts daraus gemacht, so zu formulieren: »Ich habe bewusst die Einsamkeit gewählt.« Solange bewusst gewähltem Allein-Sein ein hoher, spirituell gesehen sogar der höchste Wert beigemessen wurde, schämte sich niemand dafür.
Vorurteilslos betrachtet, gab und gibt es auch keinen Grund dafür. Auch ein heutiger Kartäusermönch kann schon seit Jahr(zehnt) en in seiner Kartause mit sich völlig allein sein, ohne sich einsam fühlen zu müssen, denn ihm wird nicht eingeredet, Allein-Sein habe zwangsläufig negative Empfindungen und ein scheußliches Selbstbild zur Folge. Möglicherweise ist er dank seines Allein-Seins schon in den wundervollen Zustand des Alles-in-Einem-Seins eingetreten und geht, Gott in sich wissend, im Glücksgefühl der Allverbundenheit auf.
Es ist ein großer Kulturverlust, dass Allein-Sein heute generell als unerwünscht betrachtet wird. Ohne die Erwartung, mit fortschreitendem Lebensalter nicht mehr integriert, sondern ausgeschlossen zu sein, gefühlt »nicht mehr dazuzugehören«, wäre die Angst vor Einsamkeit im Alter sicher nicht so verbreitet. Offenbar liefert auch die sogenannte Seelsorge da weder befriedigende Antworten noch gangbare Auswege.
Der Ausdruck »mutterseelenallein« ist sehr aufschlussreich: Da fehlt offenbar die Mutter-Seele, und damit etwas ganz Tiefes und Wichtiges. Andererseits ist es gerade die Mutter-Seele, die spricht: »Ich würde so gern einmal für mich allein sein.« Das geht bei dem zunehmenden Stress allüberall immer mehr Menschen so. Wer also sagt, er habe Angst davor, allein zu sein, meint damit eigentlich Angst vor Einsamkeit. Und wer sich einsam fühlt und sagt: »Ich fühle mich allein«, meint: »Ich fühle mich einsam.« Einsamkeit ist eben ein Gefühl, Allein-Sein dagegen ein Zustand, der an sich nicht fühlbar ist, wohl aber sein Resultat: eben glücklich zu sein mit sich selbst.
Es gibt deshalb keinen Grund zu einem fröstelnden Gefühl, wenn in diesem Buch von der »Leere« als erlöstem Gegenpol von »innerer Leere« gesprochen wird. Vielleicht sollten wir uns auf der Reise in unsere Innenwelt daran gewöhnen, dass es dort nicht um »Etwas« und »Dieses« oder »Jenes« geht. Bewusstheit benötigt keinen Gegenstand, kein Gegenüber, denn Bewusstsein ist überall, wir sind uns dessen nur nicht bewusst.
Auch Einsamkeit und Allein-Sein sind Gegenpole. Erstere steht für Abhängigkeit und Mangel, Letzteres für innere Erfüllung. Bewusstes Allein-Sein zu erlernen ist das beste Mittel gegen Einsamkeit und sogar, wie wir sehen werden, eine Voraussetzung für gelingende Partnerschaft.
Alles Wesentliche beginnt bei uns selbst – auch die Liebe
Als ich mich wirklich selbst zu lieben begann, habe ich mich von allem befreit, was nicht gesund für mich war, von Speisen, Menschen, Dingen, Situationen und von allem, das mich immer wieder hinunterzog, weg von mir selbst. Anfangs nannte ich das »gesunden Egoismus«, aber heute weiß ich, das ist »Selbstliebe«.
CHARLIE CHAPLIN
In aller Regel begannen wir unser Leben allein im Mutterleib, hatten die meisten doch keinen Zwilling zur Seite. Von allen Seiten von unserer Mutter umgeben und in ihr geborgen, mussten wir dann allein den Kopfsprung ins Leben wagen, und das gilt selbst für Zwillinge. Auch am Ende des Lebens sind wir letztendlich allein, wenn uns Gevatter Tod abholt. Und zwischen unserem ersten Atemzug nach der Geburt und dem letzten vor dem Tod liegen eine Menge Situationen, wo wir ganz allein und nur auf uns selbst gestellt sind. Die Frage ist, ob und wie wir uns dem stellen.
Bei entscheidenden Momenten wie etwa Lebensübergängen sind wir letztlich und wesentlich ebenfalls allein. Die Peergroup mag Pubertierende hilfreich unterstützen, aber am Ende ist Erwachsen-Werden ein nur allein zu schaffender Schritt. Das gilt ebenso für die Um- und Einkehr in der Lebensmitte und die Akzeptanz des Geschenks des Alter(n)s.
Alles Wesentliche beginnt immer also bei uns selbst. »Nur du allein kannst es schaffen. Aber du kannst es nicht allein schaffen«, lehrte mich der große Nervenarzt Walther Lechler. Ein Kernsatz, der sich aus seiner Arbeit mit Suchtpatienten ergab. Und so wahr – auch für viele Situationen darüber hinaus! Wenn ein Süchtiger nicht von sich aus will, führt kein Weg aus der Sucht. Auch die beste Ärztin kann keinen Patienten zu seinem Gesundheits-Glück zwingen. Gern variiere ich den zweiten Satz inzwischen in: »Aber du musst es nicht allein schaffen.« Denn häufig ist Hilfe da und wäre nur anzunehmen. Das ist es, was Walther Lechler wohl auch meinte: Süchtige – aber nicht nur sie, sondern viele Menschen im Zustand akuter Bedürftigkeit – brauchen eine Gruppe, die sie stützt und, wo notwendig, immer wieder auffängt. Aber ich habe sogar auch Süchtige kennenlernen dürfen, die es ganz allein schafften, sich aus der Abhängigkeit – selbst von Heroin – zu befreien. Noch nie aber erlebte ich, wie ein Partner oder eine Gruppe jemanden aus einer Sucht befreite, der nicht selbst dazu entschlossen und bereit war. Bei Co-Abhängigen hat das manchmal den Anschein, aber in Wirklichkeit geht es nie ohne eigenen Impuls der Betroffenen.
Letztlich verweist auch der erste der Metasätze des Christentums auf uns selbst – und ohne des Egoismus verdächtig zu sein: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.« Das ist eine direkte Aufforderung zur Selbst- oder Eigenliebe! Mehr als mich selbst kann ich sowieso niemanden lieben. Wer so tut, als ob er andere mehr liebe als sich selbst, ist nicht noch besser, sondern hat ein Problem mit Selbst-Akzeptanz und Selbstliebe und/oder ein naives anthropomorphes Gottesbild, wie Religionswissenschaftler es nennen, wenn man sich Gott nach seinem eigenen (Ideal-)Bilde vorstellt. Wenn – wie Christus sagt – das Himmelreich Gottes in uns liegt, können wir auch Gott nicht mehr als uns selbst lieben. Hier wird deutlich, wie wichtig es ist, zwischen Ego und Selbst zu unterscheiden.
Aber so wie mich selbst könnte ich im Ideal- oder besten Fall auch andere lieben. Das ist das höchste der Gefühle, das Bestmögliche, was ich meinen Nächsten bieten kann. Mehr geht nicht, wie zwei Jahrtausende christlichen Bemühens, da noch eins draufzusetzen, dramatisch belegen. Die Verfolgung Andersgläubiger, die zeitweise brutale Mission, die Mordorgien der Inquisition und der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen bis in unsere Zeit erfolgten garantiert durch Menschen, die sich selbst nicht liebten und oft genug vorgaben, Gott mehr zu lieben als sich selbst. Aber in Wirklichkeit wurden sie nur zu Verbrechern oder gar Mördern in Gottes Namen.
Wenn ich mich selbst nicht liebe, klappt es mit den anderen garantiert nicht. Wer sich selbst liebt, kann auch andere lieben und für sie da sein, aber natürlich auch gut mit sich allein und für sich allein da sein.
Partnerschaft mit dem Selbst
Höre auf, Gott zu suchen; suche den, der sucht.
RUMI
Der Schlüsselsatz lautet schlicht und ergreifend: Glücklich mit mir selbst zu sein ist die Grundlage meines gesamten Glücks. Aber damit nicht genug: Nur wenn ich mit mir selbst glücklich bin, kann ich es auch mit anderen sein. Und es geht noch weiter: Nur wenn ich mit mir selbst glücklich bin, kann ich auch andere glücklich machen.
All das zusammen zu verwirklichen wäre natürlich der Idealfall. Stellen wir uns eine(n) erleuchtete(n) Meister(in) vor. Sie oder er wird ihrem Gegenüber immer einen glasklaren Spiegel bieten, anstatt in die Projektionsfalle zu tappen. Wer Vollkommen- oder Allverbundenheit (er-)lebt, wird alles in einem, nämlich in sich selbst, finden. Vollständig Verwirklichte können immer allein sein und werden doch stets auch mit allen und allem verbunden bleiben.
Als gewöhnliche Menschen, aber mit dem Ziel der Verwirklichung, sehen wir uns mit einer grundsätzlichen Gabelung des spirituellen Weges konfrontiert und müssen wählen: Offen steht uns zum einen der Weg der Haus-Mutter oder des Haus-Vaters, wie man in Indien – immer noch ganz unbefangen – den Pfad nennt, der über Partnerschaft und Familie führt. Zum anderen der Entwicklungsweg der Eremitage, des freiwilligen Allein-Seins auf der Suche nach Gott beziehungsweise Einheit. Aber auch dann geht es noch um Beziehung, nämlich zu Gott. Wobei die spirituelle Essenz aller großen Religionen und Traditionen darin übereinstimmt, Gott weder als alten Mann noch überhaupt als Mann zu verstehen. Das ist nur der klassische Irrtum des jeweiligen Bodenpersonals im Patriarchat. Selbst im christlichen Vaterunser heißt es im aramäischen Urtext Awun, was genauso All-Mutter wie All-Vater bedeuten kann.
Die Suche nach Einheit, Vollkommenheit oder Gott muss innen stattfinden und nicht etwa draußen in der Welt. Nichts anderes meint der christliche Satz: »Das Himmelreich Gottes liegt in euch.« Auch der große Sufi-Dichter Dschalal ad-Din Muhammad Rumi bringt es auf den Punkt mit dem Satz, der diesem Kapitel vorangestellt ist.
In der griechischen Götterwelt der Antike wurde das ganze Geheimnis so verpackt: Nach der Erschaffung der Welt hielten die Götter Rat, wo sie den Schlüssel zur Erkenntnis des Ganzen verbergen sollten, damit die Menschen ihn nicht so rasch fänden. Nachdem sie die entlegensten Orte der Erde durchgedacht hatten, kam Apoll die Erleuchtung, den Schlüssel im Herzen der Menschen selbst zu verstecken, weil diese dort am wenigsten suchen würden.
Bei den alten Griechen, am Tempel von Delphi, stand außen über dem Tor: »Erkenne dich selbst.« Drinnen soll gestanden haben: »Damit du Gott erkennst.« Auch hier dieselbe Reihenfolge: Zuerst gilt es, sich im Selbst zu erkennen, bevor es möglich wird, in Gott die Einheit von allem zu erleben.
Doch wir müssen gar nicht so weit zurückgehen, sondern nur wieder werden wie die Kinder, um zu verstehen, worum es geht. Im Kinderbuch »Oh, wie schön ist Panama« von Janosch wird empfohlen, statt Pilze zu suchen, lieber Pilze zu finden. Schöner Gruß von kleiner Tiger und kleiner Bär an großen Rumi!
»Findet, statt zu suchen!« Unter diesem Leitsatz ist nicht einmal die Richtung vorgegeben. Und sind gute Kompromisse keineswegs ausgeschlossen! Nie und nimmer ist einsam und verlassen, wer nur der inneren Stimme von innerer Heilerin oder innerem Arzt lauscht und schließlich Gottes Stimme vernimmt – egal, ob es den üblichen Vorstellungen entspricht, wo und wie gehört werden soll. Nichts anderes zeigt die Liebesgeschichte zwischen Franz von Assisi und der Heiligen Chiara. Ich erspare mir hier absichtlich das Wort »platonisch«, weil durchaus nicht klar ist, ob die damit verbundene Erzählung der von beiden gelebten Wahrheit oder mehr der Sicht des zölibatären Kirchenpatriarchats entspricht. Mit dem Evangelium der Maria liegt uns im Übrigen ein authentischer Text des Urchristentums vor, der die Rolle der Frau ganz entschieden anders darstellt. Er befreit nicht nur die Maria Magdalena vom Ruch des »leichten Mädchens« und stellt sie im Rang noch über die männlichen Jünger, sondern sogar als Partnerin neben Jesus selbst. Auch das Nonnen-Leben der Hildegard von Bingen und ihrer Mitschwester verlief in großer Freiheit und sogar einiger Freizügigkeit mit Tänzen – auch reichte es ihr, das Ornat der Nonne einmal in der Woche zu tragen.
Egal welche Richtung man an der großen Gabelung des spirituellen Weges einschlägt: Zuallererst gilt es immer, mit sich selbst glücklich zu werden – in Partnerschaft mit dem Selbst, dem Synonym der Einheit. Der Weg ist das Ziel! Und er ist in keinem Fall einfach und leicht, ob ich mir nun von Partnern aus Fleisch und Blut oder von Christus meinen Schatten zeigen lasse – christliche Nonnen tragen seinen Namen bis heute in ihrem Ehering. In jedem Fall muss ich den Schatten integrieren, und erst wenn er mit meinem Ich vereint ist, lässt sich Selbst-Verwirklichung erlangen.
»Die Braut, die sich nicht traut«
Rituale sind wichtig. Heutzutage ist es »hip«, nicht verheiratet zu sein. Mich interessiert es nicht, »hip« zu sein.
JOHN LENNON
Auch wer sich auf den Weg der Partnerschaft macht, ist gut beraten, sich zuvor selbst lieben zu lernen, damit sein Weg auch wirklich ins Glück führt. Insbesondere wer heiratet, sollte das beherzigen. Denn wer sich nicht selbst liebt und zu sich selbst nicht Ja sagen kann, kann auch nicht zu einem anderen Menschen wirklich Ja sagen. Das aber ist der entscheidende Punkt bei der Heirat, einer Ehe-Schließung. Wenn wir das Ideal einer bis zum Lebensende geschlossenen Beziehung immer seltener erreichen, hat das wohl auch damit zu tun, dass wir immer seltener unser Glück in uns selbst finden und es stattdessen vom Partner erwarten.
Ich habe bereits deutlich meine Meinung zum heutigen Medien-Hype gesagt. Das heißt nicht, dass ich alles ablehnen würde, was mit Unterhaltung zu tun hat. Auch gute Unterhaltung gehört zu den notwendigen Mußestunden, die sich die meisten viel zu selten gönnen. Wir Menschen dürfen und sollen auch träumen, besonders von schönen und die Seele nährenden Dingen. Warum soll es in der heutigen Zeit nicht auch eine ganze Traumfabrik geben? Ich selbst habe deren Produkten, zusammen mit meiner ersten Frau, das Film-Deutungsbuch Die Hollywood-Therapie gewidmet. Mehr dazu im Praxisteil des vorliegenden Buches. Hierher passt etwas daraus einfach so gut, dass ich es als erhellendes Beispiel einfügen möchte:
»Die Braut, die sich nicht traut«, mit Julia Roberts als Maggie Carpenter und Richard Gere als Ike Graham in den Hauptrollen, behandelt genau das Thema, mit dem wir uns hier jetzt befassen – äußerst unterhaltsam und auf den Punkt. Maggie arbeitet als Verkäuferin im Eisenwarenladen ihres schwer alkoholkranken Vaters. Privat ist sie die klassische Verführerin, bandelt mit unwiderstehlichem Charme mit vielen Männern an, sogar mit dem Mann ihrer besten Freundin. Das führt zu verschiedenen Heiratsanträgen, die sie – ebenfalls der typischen US-Mädchen-Sozialisation entsprechend – nicht ablehnen mag, sondern wie selbstverständlich annimmt. Immer erst im letzten Moment, in der vollen Kirche, kommt ihr die ganze Bedeutungsschwere des Rituals zu Bewusstsein, und statt das von allen erwartete Ja-Wort zu sprechen, kann sie nur noch fliehen. Sie spürt intuitiv, dass ihre Zustimmung nicht stimmig wäre, weder für sie noch für ihn.
Ike Graham, Klatschkolumnist der großen Tageszeitung, erfährt »zufällig« von den Eskapaden Maggies und macht sich in seiner Kolumne – ohne Maggie überhaupt zu kennen – lustig über ›die Braut, die sich nicht traut‹. Das bringt ihm eine Frühform dessen ein, was heute Shitstorm heißt, und schließlich seine Entlassung durch die Chefredakteurin der Zeitung, seine Ex-Frau. Immerhin erwirkt deren neuer Mann, Ikes Freund, für ihn eine letzte Chance und Gnadenfrist. Ike muss die Geschichte von Maggie Carpenter sauber recherchieren und sich gegebenenfalls öffentlich entschuldigen.
In deren kleinem Heimatort empfängt Ike eine Wand aus Ablehnung. Aber aus dem anfänglichen Krieg mit Worten, Gesten und kleinen Gemeinheiten entsteht mit der Zeit gegenseitiges Verständnis. Ike wird klar, dass Maggie eigentlich nicht vor dem jeweiligen Mann, sondern vor sich selbst flüchtet, da sie sich selbst überhaupt nicht kennt und gar nicht weiß, wer da eigentlich Ja sagen würde. Aus Verständnis entwickelt sich nach und nach Liebe. Ike versteht jetzt, wie hoffnungslos gefangen Maggie im Netz ihrer Muster ist. Sie kann nicht Ja sagen – weder zu sich selbst und ihrem Leben noch – daraus folgend – zum jeweiligen Verlobten. Sie bleibt auch nur ihrem Vater zuliebe in dessen Eisenwaren-Laden, würde doch aber viel lieber aus den Dingen, die sie tagtäglich verkauft, Kunstobjekte erschaffen. Tatsächlich weiß sie nicht einmal, wie sie Eier am liebsten mag, weil sie sich sofort dem jeweiligen Geschmack des jeweiligen Verlobten anpasst.
Bei den Übungen zur Vorbereitung einer weiteren Hochzeit verliebt sich auch Maggie in Ike, der sie als Einziger zu verstehen scheint. Insofern sagt sie die Hochzeit diesmal rechtzeitig, noch lange vor Betreten der Kirche, ab. Aber Maggie und Ike sind nun so verliebt, dass sie, kurz entschlossen, den schon feststehenden Termin für ihre Hochzeit übernehmen.
Und wieder kann Maggie nicht Ja sagen, zwar kennt sie sich nun selbst etwas besser, aber es reicht nicht, und sie flieht wiederum spektakulär und Ike rennt ihr vergeblich hinterher.
So offenbart der Film nebenbei noch die Falle des Verliebtseins, denn in dieser hormonellen Bewusstseins-Vergiftung sind kaum klare, nachhaltige Entscheidungen möglich. Durch die rosa Brille ihrer Verliebtheit übersahen beide völlig, dass Maggie noch längst nicht wirklich Ja zu sich selbst sagen kann und Ike ebenso wenig zu sich selbst. Er steht gar nicht zum zynischen Klatschkolumnisten, den er gibt, und zu dem, was er sein Leben nennt. Durch Maggies erneute Flucht ernüchtert, und bei jedem für sich allein, wirkt und arbeitet diese Erfahrung in beiden weiter, und sie gehen auf die Suche nach sich selbst.
Eines Tages sieht Ike in (seinem) New York ein Schaufenster mit der Kunst von Maggie Carpenter. Und auch er hat im Prozess des Allein-Seins sich in der Tiefe seiner Seele durchgerungen, seinen Traum vom Schriftsteller zu verwirklichen, statt lebenslänglich zynische Zeitungskolumnen zu verfassen. So verhalf erst die Phase des selbstbestimmten, kreativen Allein-Seins beiden dazu, sich selbst klarer, deutlicher und ehrlicher zu sehen und so überhaupt erst beziehungsfähig zu werden.
Nach langer Vorbereitung der Selbstfindung im Allein-Sein – möglicherweise war früher Verlobungszeit so gemeint – besucht Maggie Ike in New York und macht ihm einen bezaubernden Heiratsantrag, der aber auch eine Warnung vor ihr selbst beinhaltet und das Schattenprinzip durchaus einschließt. Natürlich kann Ike da nur Ja sagen. Nun gelingt ihre Heirat, und die längere und intensive innere Vorbereitung gibt zu den schönsten Hoffnungen für ihr gemeinsames Leben Anlass.
Die Geschichte von Ike und Maggie plädiert dafür, sich Zeit zu lassen, so lange allein zu bleiben, bis man auch für sich selbst glücklich werden kann. Wer aber glücklich mit sich selbst ist, für den ist es fast egal, wen er oder sie heiratet, und es besteht obendrein die Chance, in der Beziehung weiter zu lernen und zu vollenden, was jede/r schon für sich allein begonnen hatte: Selbstverwirklichung. Als Hollywood-Blockbuster mit gleich zwei Weltstars zielte der Film natürlich auf möglichst großen Kassenerfolg. Die Geschichte ist fiktional, ihre Botschaft aber ein Stück echter, ungemein wichtiger Lebensweisheit. Und ein berührendes Beispiel dafür, dass dank einer bewussten Phase selbstbestimmten, kreativen Allein-Seins eine Bindung fürs Leben überhaupt erst Sinn ergeben und gelingen kann.
Während die meisten versuchen, ihren Partner in Richtung des Ideals, das sie selbst glücklich machen würde, zu drängeln, zu nötigen, gar zwingen oder erpressen zu wollen, geht es in Wirklichkeit immer »nur« um die eigene (Selbst-)Verwirklichung. Entwicklung in der Projektion, sie also über den Partner erwirken zu trachten, um sie sich selbst zu ersparen, kann zu beider Glück nie beitragen. Die Freude, dass auch der Partner für sich und auf sein Selbst zuwächst, ist ein zusätzliches großes Geschenk und ihm von Herzen zu gönnen.
Direkt nach der Trennung und dem Spektakel ihrer gescheiterten Hochzeit werden sich Maggie und Ike vielleicht einsam und verlassen gefühlt und gelitten haben. Aber die folgende, bewusst genutzte Zeit des Allein-Seins hat sie weitergebracht und wachsen lassen, jeden für sich selbst und dann auch aufeinander zu. Das mag schon den fundamentalen Unterschied zeigen, zwischen dem Gefühl des Mangels bei Einsamkeit und dem Zustand des Allein- und Für-sich-Seins.
Wer mit sich selbst glücklich ist und – auch allein – ein erfülltes Leben lebt, kann es auch mit jedem und jeder anderen. »Die Braut, die sich nicht traut« tat also gut daran, sich nicht auf jemand einzulassen, bevor sie sich auf sich selbst eingelassen hatte. Zuvor hatte sie sich nicht in ihr Innerstes gewagt, um herauszufinden, wer sie ist und wer sie in Zukunft sein will. Sie hatte sogar ihre beste Freundin gefragt, ob sie wirklich jeden Mann anflirtete! Nun konnte diese es ihr am Beispiel ihres eigenen Ehemannes überzeugend bestätigen. Maggies fluchtartiges Nein zu den Fremden, die da jeweils neben ihr am Altar standen und sie fürs ganze Leben haben wollten, war also eher ein verdruckstes Ja zu sich selbst.
Letztlich ist erst reif für eine Beziehung, wer seine eigenen Schatten- und Lichtseiten im Hinblick auf sein ganzes Potential gesehen, anerkannt und angenommen hat. Sich selbst anzunehmen, wie man ist, macht reif und reich und damit auch im tiefsten Sinne beziehungsfähig.
Noch einen wesentlichen Schritt weiter gedacht, könnte jede(r), die oder der mit sich selbst glücklich ist, nicht nur mit jeder oder jedem anderen ebenfalls glücklich werden, sondern auch den Partner glücklich machen. Das hieße, ihn oder sie auch zu seinem/ihrem eigenen vollen Potential in Resonanz zu bringen.
Beziehung wird so zum Luxus für jene, die es allein schaffen würden, es aber auch gemeinsam genießen wollen.
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