Kitabı oku: «Maminkas Sommerküche»
Inhalt
1 Cover
2 Titelei
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65 Danksagung
66 Biographisches:
Rumjana Zacharieva
Maminkas Sommerküche

Roman
Zacharieva, Rumjana: Maminkas Sommerküche. Frankfurt am Main, Größenwahn Verlag 2020
1. Auflage 2020
ISBN: 978-3-957712-80-6
Dieses Buch ist auch als eBook erhältlich und kann über den Handel oder den Verlag bezogen werden.
ePub-eBook: 978-3-957712-81-3
Korrektorat: Sophia Krämer
Satz: 3w+p GmbH, Rimpar
Umschlaggestaltung: @Annelie Lamers, Hamburg
Umschlagmotiv: @ Claudia Leffringhausen – www.leffringhausen.de
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.d-nb.de abrufbar.
Der Größenwahn Verlag ist ein Imprint der Bedey Media GmbH,
Hermannstal 119k, 22119 Hamburg und Mitglied der Verlags-WG:
https://www.verlags-wg.de
© Größenwahn Verlag, Frankfurt am Main 2020
Alle Rechte vorbehalten.
https://www.groessenwahn-verlag.de
Widmung:
Für meine Töchter Svetlana und Darina und meine Enkelkinder Leonis, Laurent, Aleksandar und Teodora
1
Verwöhnt. Ein schönes Wort war das nicht, und ich trug es wie einen Stempel auf der Stirn. Was war es, das mir dieses Wort eintrug? Etwas mit mir schien nicht in Ordnung. Ich musste unbedingt dahinterkommen! »Achtzig Prozent und das Knopfloch entzwei!« Das sagte ich immer, wenn ich fluchte.
Jeden Morgen stieg ich auf den Esstisch, hockte mich nackt vor den Spiegel meiner Großmutter Maminka und hoffte, endlich richtige Brüste zu entdecken. Mein Spiegelbild blickte mir matt entgegen: Zwei blasse, bräunlich auslaufende Augen – meine zukünftigen Brüste – sahen mich an und sonst nichts. Ich seufzte und zog mich wieder an. Nur Bedrisch, die einzige Türkin in unserer Klasse, hatte schon ein volles Dekolleté. Trotzdem war sie dreimal sitzengeblieben. Von diesem Standpunkt aus betrachtet war meine Lage nicht so hoffnungslos, wie sie im Spiegel aussah. Dieses Warten auf die Brüste machte mich nervös.
Manchmal, wenn ich die weißen Wände meines Zimmers betrachtete, packte mich die Lust zu malen, am liebsten Freitag und Robinson Crusoe an die Wand über dem Ofen, dazu in der Ferne die Silhouetten der Menschenfresser. Und zwischen Spiegel und Fenster den kleinen Clochard, wie er die Fahne der Revolution auf den Pariser Barrikaden schwenkt.
Ich wollte für die Freiheit sterben. Manchmal. »Pioniere! Man kann Heldentaten vollbringen, wenn man will!« Der Organisationsleiter hatte Recht. Man hätte zum Beispiel mehr Kamille als vorgeschrieben in den Ferien pflücken können. Ich zog es aber vor, für die Freiheit zu sterben, statt Kamille für die Kooperative zu pflücken.
Die Kamille. Nachts träumte ich davon.
Ich schwebe über einem Kamillenblütenfeld. Ich schwebe. Ich trage einen Riesenkorb, und der Korb zieht mich voran. Der Korb verwandelt sich in einen Ballon. Meine Mutter flicht einen Kranz‚ einen Kranz aus Kamillenblüten, und möchte ihn mir im Haar befestigen. Sie läuft durch das Kamillenblütenfeld und ruft meinen Namen, streckt die Hände empor, schreit. Ich aber fliege fort, entferne mich von ihr und vom Kamillenblütenfeld. Dann wird der Korb schwer, so schwer, dass er mich nach unten zieht. Ich falle langsam, halte die Luft an, der Korb ist voll mit dampfenden Kamillenblüten. »Warum hast du die Blüten nicht auf der Zeitung ausgebreitet, Mila?« ruft Großmutter plötzlich, hält sich am Korb fest. Wir versinken in einer Woge aus Kamillenduft, es wird tiefer und tiefer unter mir, ich versinke in einer Flut aus Kamillenblüten, Mutter will mir unbedingt den Kranz ins Haar stecken, sie stolpert, hält sich am Korb fest. »Halt dich fest«, ruft Maminka und streut Kamillenblüten über Mutters schwarzes Haar. »Du hast mich nie Völkerball spielen lassen, Mutter! Ich musste dauernd Brot backen ...«, sagt Mutter zu ihrer Mutter und entfernt sich, versinkt im Zeitlupentempo, und über ihrem Kopf schließt sich das Meer der Blüten. »Du darfst nie wieder die Kamille über Nacht im Korb vergessen! Sie schwitzt dann und ihre Heilkräfte schwinden«, mahnt Maminka. »Lass uns nicht weiter versinken, Großmutter, sonst können wir die Norm nicht erfüllen, und ich stehe da am Anfang des Schuljahres und kriege meine neuen Schulbücher nicht.«
Sieben Kilo Kamille!
Ich gehörte weder zu den Tüchtigsten, die drei, vier Stunden am Tag pflückten, um Geld zu verdienen, noch zu denjenigen, die sich totpflückten, nur damit sie am 15. September, dem ersten Tag des neuen Schuljahres, als Stoßarbeiter gefeiert wurden. Ich wollte weder gelobt noch gefeiert werden. Ich wünschte nicht mal, Geld zu verdienen. Ich wollte bloß meine Schulbücher haben. Sieben Kilo Kamille war der Preis. Zu hoch?
Der Traum endete meistens mit Maminkas Hand auf meiner nassgeschwitzten Stirn und einer Tasse Kamillentee, schwer gesüßt, mit einem über dem Feuer gerösteten Stück Weißbrot und einem unwillig angenommenen Happen salzigen Schafskäses. Später trank ich nur noch Lindenblütentee. Es half nichts. Als erstes musste ich unbedingt einen guten Kamillenpflücker finden. Dieses Gerät, ausgerüstet mit einem rostigen Eisenkamm mit 29 Zähnen, bestand aus einem primitiv zusammengehauenen Kasten. Der Holzkasten wog fast zwei Pfund und fasste zwei bis drei Pfund Kamillenblüten. Mit einer schwungvollen Bewegung führte ich den Eisenkamm durch die Kamille, zog den Kasten hoch, und etwa dreißig Blüten fielen in den Bauch des Holzkastens. In drei Stunden hätte er den Bauch voll haben können. Mein Arm war längst lahm, ich atmete schwer, schwitzte vor Anstrengung und maß die Zeit in Kamillenblütengramm. Mein Sommer hieß Kamille und wog sieben Kilo – von Mitte Juni bis Mitte September.
Nie schaffte ich es, mehr als eine Handvoll Kamille an einem Vormittag zu pflücken. Dann war ich gerädert für den ganzen Tag. Es blieb mir nichts anderes übrig, als jeden Tag zwei Stunden der Kamille zu widmen, sodass ich in einem Monat ... »So ist es auch gemeint«, tröstete mich Maminka. »Die wollen euch doch bloß zeigen, wie man sein Brot verdient ... es ist schon recht so! Und wenn du dumm bist und dir die Ferien damit verdirbst, so ist es deine Sache!«
Ich wollte sterben ... für die Freiheit. Manchmal. Ich stellte mir vor:
Die Tür geht auf, sie treten ein. Die Faschisten. Ledermäntel, Deutschgebrüll. Die Stimme des ersten Ledermantels: »Ihr Name, bitte!« Meine Stimme: »Soja Kosmodemjanskaja, junge sowjetische Partisanin, gequält und ermordet von den Faschisten im Zweiten Weltkrieg!« Die Stimme des zweiten Ledermantels: »Sie lügen! Ihr wahrer Name, bitte!« Meine Stimme: »Rajna die Königin, die 1848 die Fahne der Aufständischen bestickte und im Kampf gegen die Osmanen trug!« Die Stimme des ersten Ledermantels: »Sie lügen schon wieder, aber ... lassen wir das! Haben Sie ...?« Meine Stimme: »Ja, ich habe!« Die Stimme des zweiten Ledermantels: »Abführen! Heil ...!«
Und es tat mir leid, dass es keinen Partisanenkrieg gegen die Faschisten mehr gab. Man hörte im Radio nur noch vom Kalten Krieg, und ich wollte mich daran beteiligen. Ich beschloss, den Organisationsleiter zu fragen, was dieser »Kalte Krieg« eigentlich war, und erst dann ...
Ich stellte mir immer wieder nur etwas Winterliches darunter vor. Ich wollte mich daran beteiligen. Dass ich eines Tages ein Denkmal dafür bekommen würde, stand außer Frage.
2
Sommer. Ferien. Im Radio der Kalte Krieg. Mir gelingt es nicht zu verschlafen: Seit fünf Uhr früh dröhnt der Lautsprecher auf dem Dorfplatz Volkslieder, Meldungen der Volksfront, der Weltpolitik, der Kooperative. Und immer wieder heißt es: »der Kalte Krieg«. Neulich sogar, »Der Kalte Krieg ist in seine entscheidende Phase getreten.«
Wie alt ich bin? Zehn oder zwölf.
Ich sehe mich in Maminkas Bett mit dem geschnitzten Adler überm Kopf und einem Adler mit weniger pedantisch geschnitzten Federn am Fußende des Bettes liegen. Der Tag sendet seine Zeichen an mein Ohr: Das Krähen der Hähne im Schatten der Nussbäume, das Gurren der Tauben unterm Fenster, die Stimmen der Frauen, die sich unter der Weide am Dorfplatz versammeln. Gleich werden sie mit Pferdekarren oder Lastwagen aufs Feld gefahren.
»Kalter Krieg«. Die raunende Stimme der Sprechanlage will mir dauernd etwas mitteilen, das ich nicht verstehe. Wörter wie »Kapitalisten«, »Faschisten« und immer wieder »Kommunisten« bohren sich in meinen Schädel. Dann die Pfeife der Tante Mita, die ihre einzige Milchkuh zum Grasen treibt. Und die Gerüche: Palatschinkenduft, gebrannter Zucker, nasser Staub von der Straße. Die Sprechanlage redet sich in Rage. Dieser Kalte Krieg muss nahe sein. Ich frage mich nur, wie nahe.
Der Palatschinkenduft jagt mich aus dem Bett. Ich schaue durch das Fenster: Getümmel. Der Bus aus der Stadt ist soeben angekommen, die Frauen der Siebten Brigade, die immer noch nicht abgeholt worden sind, gestikulieren, als würden sie einander anschreien. Die Herde der Kooperative, die zum Grasen geführt wird, überflutet den Dorfplatz mit ihren braunen Leibern – eine Szene wie im Krieg. Großmutter hat meine Fantasie mit solchen Bildern besiedelt. Großmutter.
Ich renne die Holztreppe hinunter, betrete die Sommerküche. Maminkas Gesicht leuchtet im Halbdunkel des Raumes. Über ihrem Kopf hängen Maiskolben und Knoblauchkränze. Sie sitzt da, die Hände ineinander verknotet, die Nägel weißumrandet, die Furchen ihrer Handflächen weißgezeichnet mit Mehl.
»Großmutter, der Kalte Krieg kommt!«
»Ach, Kind! Den werden wir auch überleben ... ich hab’ schon zwei Kriege erlebt, was kann da noch passieren.«
In mir wird es kalt und dunkel.
»Was ist aber ein kalter Krieg, bitte?«
»Ich weiß es nicht, Kind. Krieg ist immer schlimm.«
Ich stehe schnell auf und umarme sie. Eifrig wischt sie sich die Mundwinkel mit dem Handrücken, gibt mir einen Kuss. Ich lasse sie nicht los. Von draußen dröhnen immer noch die Lautsprecher. Maminkas Haut, feucht und warm, riecht nach Sonnenblumenöl, Vanille und Schweiß. Ihr Ohrläppchen, das ich zwischen den Fingern halte, ist kühl. Sie riecht anders als Mutter. Hier, in ihrer Umarmung, fühle ich mich sicher. Ihre Hände sind so rau, dass sie mich jedes Mal beim Berühren kratzen.
»Komm, spiel mit mir ...«, bettele ich, »sonst weiß ich nicht, was ich tun soll.«
»Heute Morgen geht es nicht, Kind. Ich muss stricken, der Winter kommt ...«
Plötzlich zählt nur noch der Kalte Krieg. Die Kamille habe ich längst vergessen. Ich möchte in die Bibliothek gehen und Bate Stefan nach dem Kalten Krieg fragen. Großmutter ist erleichtert.
»Geh nur, Kind, geh. Dafür sitzt er ja den lieben langen Tag da und liest Bücher ... er muss es ja wissen, und wenn er es nicht weiß, wer dann?«
So untätig dasitzen und nichts tun, das konnte ich nicht. Der Kalte Krieg war nah, vielleicht war er auch schon da ...
Ich ging durch die Straßen, die langgestreckt in der Sonne brieten. Mit Kuhfladen und Pferdemist verziert, zogen sie sich unendlich hin. Ich wollte wissen, wo dieser Kalte Krieg sich abspielte und wer genau daran beteiligt war. Ich sah die Winterlandschaft unseres Dorfes, die flachen, sanften Rundungen der Umgebung, mit Schnee bedeckt, als wären sie in Maminkas Backstube entstanden: weiße, in Mehl gewälzte Riesenbrote auf einem flachen Brett, die am Eingang des Backofens warteten – der angezündete Horizont.
Oft krochen in meiner Vorstellung lauter Kolonnen von winzigen Soldaten um die Berge herum, knabberten die Gipfel vor Hunger an, richteten sich vor dem Horizonteingang auf, wollten ihren Kalten Krieg vorm Himmelsbackofen zu Ende führen. Jeder wollte siegen, es kämpften alle gegen alle und stießen einander in den Backofen hinein, wo die Sonne Wege und Wolken, Häusergiebel und Zwiebeltürme buk. Doch dann erschien Maminka am Horizont, bewaffnet mit dem Holzspaten, die ausgebleichte Schürze an. Sie schaufelte sie alle miteinander in den Backofen hinein. »Los!« Das Grün ihrer Augen leuchtete gefährlich und fremd. Schweißtropfen kullerten ihr die Nase hinab, sie schaufelte und schaufelte, bis keiner der Kalten Krieger mehr übrigblieb, bis das Mehl der Schneeberge eine bräunliche, grasverbrannte Kruste bekam und es wieder Sommer wurde.
»Tach, Mädchen!« Die alte Frau mit dem so zerfurchten Gesicht, als wäre Großvater mit dem Traktor hindurchgefahren, winkte mich mit dem Strickzeug herbei. Sie saß auf einem Schemel vor der Haustür. Ich grüßte leise zurück und trat heran. Ihr Schoß, bedeckt mit einer schwarzen Schürze, war voll Flusen. Sie spuckte in ihre Handflächen und rieb sie weg, während sie mir vorwarf, dass Großmutter immer noch nicht gekommen sei. »Sie hat doch versprochen ...«
»Sie hat keine Zeit.«
»Warum hat sie denn keine Zeit?« Die alte Frau gab sich nicht zufrieden, holte ihr Gebiss heraus und säuberte es mit der Stricknadel.
»Weil ...«, mir fiel spontan nichts ein. »Sie ... sie hat wirklich keine Zeit. Sie strickt!«
»Sosonagutgrüßschön.« Sie schob ihr Gebiss wieder in den Mund, wischte die Stricknadel an ihrem Knie ab und strickte weiter.
Zwei Häuser weiter saß noch eine Frau vor der Tür und ... strickte. Eigentlich ribbelte sie etwas auf; die Stricknadeln lagen neben ihr auf der Bank.
»Tach ...«, grüßte ich im Vorübergehen.
»Tach! Willst’n paar Pflaumen haben?«, lächelte sie und griff in den Korb, der auf der Bank stand. »Sag deiner Großmutter, dass sie mal vorbeikommen soll. Es gibt so viele Pflaumen in diesem Jahr, sie kann ein paar pflücken und einmachen. Ich weiß gar nicht, was ich zuerst tun soll: Marmelade kochen, einmachen oder stricken. Der Winter naht.«
Sie hätte auch sagen können: »Der Kalte Krieg naht«, so viel Unruhe lag in ihren Mundwinkeln, und dabei bewegten sich ihre Finger beim Stricken noch schneller. Ich ging weiter.
Die Sonne schien auf meinen Kopf. Der Weg zur Dorfbibliothek ging am Lebensmittelgeschäft vorbei. Eine lange Schlange wartete auf ... Ja! Sie warteten auf Gummiringe für die Einmachgläser, gerade war eine Fuhre aus der Stadt gekommen. Der Winter nahte. Sie waren geschickt, die Erwachsenen. Sie waren sich einig. Keiner von ihnen traute sich zu sagen: »Der Kalte Krieg naht!« Alle hatten keine Zeit. Sie waren am Einmachen, Stricken, Vorbereiten. Sie backten selber Brot, im Sommer, und sparten die Coupons, die ihnen die Kooperative austeilte, für den Winter auf. Wenn zufällig genug Zucker ins Lebensmittelgeschäft geliefert worden war, kaufte jeder gleich einen Zentner. Monatelang gab es dann keinen mehr zu kaufen. Sie rannten in die Stadt und stiegen vollbepackt aus den Bussen aus. Sie hatten wieder mal auf Vorrat gekauft: Stoffe, händevoll Aspirin für die Einweckgläser, Seife und Schmalz.
Plötzlich wollte ich nur noch sitzen. Sitzen und ruhen. Da setzte ich mich nun auf eine Holzbank. Meine Füße waren heiß in den Gummischuhen. Am liebsten hätte ich was getrunken, aber die nächste Wasserstelle war gegenüber der Dorfbibliothek. Unterm Lautsprecher versammelten sich lechzende Hühner mit ausgebreiteten Flügeln und aufgerissenen Schnäbeln. Zwei Zigeunerkinder bohrten hingebungsvoll in der Nase und fütterten die Hühner damit. Ein alter, zahnloser Mann ging schlurfend an ihnen vorbei und schimpfte sie aus. Zwei junge Männer bemühten sich, ein Transparent mit der Aufschrift »Alles für den Menschen« über die Straße zu spannen, und stiegen gleichzeitig die Stufen der Holztreppe empor. Der Lautsprecher forderte die Zigeunerkinder, die Hühner, den alten Mann und die zwei Aktivisten zu Sparmaßnahmen auf und versprach die Erfüllung des Jahresplans sieben Monate früher als vorgesehen. Dann machte er sie aufmerksam auf den Kalten Krieg und erinnerte sie nochmals daran, dass dieser in seine entscheidende Phase getreten war.
Ich stand auf. Ich hatte keine Zeit mehr, zur Bibliothek zu laufen. Ich wusste, was los war. Ich eilte und achtete weder auf die Kuhfladen noch auf die Steine unterwegs. Die Vorbereitungen liefen auf Hochtouren. In den Höfen wurden Seifen, Marmeladen und sonst noch was gekocht. Die Frauen strickten um die Wette. Endlich wusste ich, was ich zu tun hatte. Keuchend, verschwitzt, stellte ich mich vor Maminka hin und verlangte laut:
»Großmutter, bring mir das Stricken bei!«
»Du willst stricken?«
»Ja!«
»Was willst du denn stricken?«
»Handschuhe! Handschuhe für den Kalten Krieg!«
3
Es riecht nach Palatschinken. Ich stürze die Treppe hinunter.
Das würde ich im Winter nie tun, da unsere offene Holzterrasse dem Schnee und dem Regen völlig ausgeliefert ist und dauernd einfriert. Eine komische Treppe ist das, die zu der Terrasse hinaufführt: Sie gleicht eher einer Leiter. Zwischen den Stufen kann man bis in den Keller hinabblicken. Wenn Besuch da ist und die Männer im Hof noch eine rauchen und etwas länger schwatzen, gehen die Frauen vor und halten ihre Röcke fest. Der Wind ist tückisch. Es ist still, so still, dass kein Quittenblatt sich rührt. Plötzlich kommt ein Windstoß, als hätte das Kind eines Riesen mal eben über die Straße geprustet. Und wieder ist es still. Maminka ging immer schnell, egal, ob sie etwas die Kellertreppe hinaufschleppte oder den Hof mit leeren Händen durchquerte. Ihre Haltung – die Haltung eines Menschen, der stets gegen den Wind gehen muss. Sie bot dem Wind ihre Stirn und ihre Schulter, die Hände hielten die Röcke fest, als würde sie unentwegt eine steile Treppe hinaufsteigen.
Manchmal weiß ich nicht, ob ich das alles geträumt habe:
Das ... Ein vierjähriges Kind steigt die Treppe hinauf. Es hält seine Röcke fest. Es trägt eine Porzellanschüssel. An den Füßen Maminkas Galoschen. Noch zwei Stufen. Das Kind rutscht aus, schreit nicht. Rutscht durch die zwei obersten Stufen hindurch, bis in den Keller hinab, schreit nicht, hält die Schüssel fest. Die Kichererbsen darin beschreiben einen Bogen, weit, von der zweitobersten Stufe bis zum Keller hinab.
In meinem Magen zieht sich etwas zusammen. Das Gefühl, in einem hinabstürzenden Aufzug zu sitzen ... Das Zusammenziehen im Bauch – damals. Der Vergleich mit dem Aufzug – heute. Der rote Himmel, der sich über meine Augen legt – das Blut, das aus der Kopfwunde fließt. Damals der Schmerz, heute das Bild eines roten Himmels über den Augen. Und immer wieder der Versuch, das Damals nachzuvollziehen. Der Überblick rückwärts und das ungeduldige Klopfen an der Schwelle der damaligen Empfindung. Heute sehe ich. Damals spürte ich: die raue Hand meiner Maminka, die mir frisch abgeschnittene Schafwolle in die Wunde über dem Haaransatz stopft, überzeugt von den Heilkräften jener Stelle, an der sich der Lammschwanz hochstellt, um ein paar schwarze Bohnen abzuschütteln. Djado, mein Großvater, der mich hält und mir schwer ins Gesicht atmet, sein Geruch nach Tabak, Zwiebeln und Schnaps, sein spöttisches Lächeln. »Manche haben Stroh im Kopf, und du – Schafwolle!«
4
Jedes Jahr wurde der Backofen von Maminka eigenhändig repariert und mit Pferdemist verputzt. Für den Mist war ich verantwortlich. Ich verpasste zwar die Morgenportion, da die Herde der Kooperative viel zu früh an unserem Haus vorbei zur Weide zog, aber abends wartete ich genau wie die Nachbarskinder, versteckt hinter der Pforte, die Nase zwischen die Latten gepresst, auf die Herde und zählte jeden Pferdeapfel, der vor unserer Haustür fiel, damit ich ihn, sobald die letzten Tiere vorüber waren, auflesen konnte. Ich war nicht sehr schnell, sodass mir manch kostbarer Pferdeapfel abhandenkam, wenn alle Kinder zugleich ihren Beobachtungsposten verließen und mit Eimern und Schaufeln auf die Straße stürzten. Trotzdem schaffte ich innerhalb einer Woche so viel heran, dass unser Backofen prächtig verputzt werden konnte. Nach ein paar Tagen war er von der bissigen Sonne so weit getrocknet, dass wir das erste Frühjahrsbrot darin backen konnten. Vier Riesenbrote in der Woche. Die Coupons, die uns die Kooperative austeilte, hoben wir für den Winter auf.
Alles läuft immer in gleicher Weise ab: In einer schweren Holzwanne liegt ein Berg aus Mehl. Maminkas Hand gräbt im Vorgebirge eine weiße Grube, in die sie in Blasen aufgequollene Hefe hineingießt. Mit einer regelmäßigen, kreisförmigen Bewegung gräbt sie den Mehlberg unter. Ihre Finger arbeiten sich langsam voran, wie ein Maulwurf, so lange, bis der ganze Berg verschwunden ist. Nur zwei Hände voll Teig sind von ihm übriggeblieben, mickrig, grauweiß. Dann fängt das Kneten an. Ich sehe gespannt zu, wie sich Maminkas Stirn schnell und immer schneller mit kleinen Schweißtropfen bedeckt. Sie sind beinahe kugelrund. Bald ist ihre Oberlippe ganz nass. Die Schweißperlen rollen von der Stirn die Nase herunter und manche landen im Teig. Sie wischt sich das Gesicht mit dem Handrücken und knetet, knetet immer weiter. Ich bin müde vom Zugucken. Fast schlafe ich im Stehen ein. Maminka deckt den Teig liebevoll mit dem schönen handgewebten Tuch aus ihrer Hochzeitstruhe zu. Er muss in der Holzwanne übernachten, »schlafen muss er«, meint sie.
Eines Tages kam mein Großvater herein, volltrunken, wie er es immer um jene Tageszeit war. Er sah Maminka zornig an und schimpfte auf die Kommunisten und ihre ganze Sippe. Sie hätten ihm die Kneipe geraubt und verjubelt. Und er wunderte sich, dass die Amerikaner immer noch nicht da waren, um sie ihm zurückzugeben.
»Möge Gott die Händchen der Kommunisten vergolden, dass sie dir die Kneipe weggenommen haben ... du bist ja auch ohne Kneipe voll ... Und die Amerikaner ...«, fügte Maminka hinzu, »können mir gestohlen bleiben.«
Worauf er mit geballter Faust auf sie losging. Ich sah die fleischige Faust, fühlte den Luftstrom an meinem Gesicht vorbei und streckte den Fuß aus. Djado verlor das Gleichgewicht, und seine Faust landete im Teig.
»Mamka wi!«, fluchte er obszön, irgendeine Mutter betreffend, und schlug zu. Wir rührten uns nicht, platt an die Wand gedrückt. Als ihm die Fäuste wehtaten, nahm er den Teig und schmiss ihn an die Wand. »Mamka wi!«, schrie er dabei, holte den Teig von der Wand herunter, warf ihn in die Holzwanne, schnappte sich die Schaufel und schlug auf ihn ein, bis er selbst, völlig erschöpft, auf den Fußboden sank und – »Mamka wi!« – einschlief.
Maminka pickte die wenigen Holzspäne, die sie fand, aus dem Teig heraus. »So gut war das Brot noch nie durchgeknetet«, meinte sie, legte es vorsichtig wie ein Baby in die Wanne zurück und deckte es wieder zu. Am anderen Morgen war der Teig so aufgegangen, dass er die Holzwanne hinunterlief. Wir mussten ihn vom Boden auflesen und konnten zum ersten Mal fünf statt vier Brote daraus backen.
5
Der Wunsch, etwas länger zu schlafen, war jeden Morgen unwiderstehlich. Wie lange hielt ich es mit geschlossenen Augen aus? Das Zittern der eigenen Wimpern war ein Zeichen des Wachseins, aber solange die Lider geschlossen blieben, war der Tag noch nicht da. Und er blieb draußen, vor dem Tor der Augen, sandte kleine Zeichen an mein Ohr, immer wieder die gleichen Zeichen: das Krähen der Hähne in Baba Penas Hof; das Gurren der Tauben im Geäst des wilden Nussbaumes unterm Fenster; die Stimmen der Frauen der Siebten Brigade, die sich im kurzen Schatten der Trauerweide mitten im Dorf – wie jeden Tag – versammelten, um mit Pferdekarren oder mit einem Laster aufs Feld gefahren zu werden; die Pfeife der Tante Mita, die wieder einmal ihre einzige Milchkuh zum Grasen trieb ... Dann sandte der Tag, jeder Tag von Neuem, seine Gerüche aus. Durch das offene Fenster drang Palatschinkenduft, gemischt mit Rauch und kühler Luft. Dann roch es nach gebranntem Zucker. Ich öffnete die Augen jedes Mal mit dem Gefühl, betrogen zu sein: die Hähne, die Tauben, die Frauen, die Pferdekarren, der Laster, die Mita Maneva mit der Milchkuh ... All das wurde immer zu einem Stück gekalkter Decke über meinem Kopf, wenn ich die Augen öffnete. Die Gewissheit jedoch, dass die Palatschinken noch da waren, ließ mich die Treppe hinuntersausen.
Die Sommerküche war ein dunkles, aus Lehmwänden und zwei winzigen Fenstern bestehendes, viereckiges Loch. Eine Höhle, in der die Gerüche meiner Kindheit dicht aufeinanderprallten, einander bekämpften und durchdrangen: heißes Sonnenblumenöl, Bohnenkraut, Vanille und gebrannter Zucker; Duft nach getrocknetem Mischobst aus Aprikosen, Quitten, Äpfeln und Pflaumen; Duft nach trocknenden Wollsocken und Lindenblüten, Knoblauch und frischgeschnittenen Zwiebeln, brennendem Holz und Essig. Maminka wusch ihr Haar ausschließlich mit Regenwasser und spülte es zum Schluss mit einer dünnen Essiglösung nach. Einmal in der Woche sah ich ihre Haare offen und berührte sie. Sie glänzten, gelöst, in regelmäßigen Wellen.
Ich betrat die Sommerküche. Meine Haut, gespannt von der Kälte der Morgenluft während des kurzen Laufs die offene Treppe hinunter an den Quittenbäumen vorbei, fühlte sich feucht und fast süßklebrig an, sobald mir die mit so vielen Gerüchen getränkte Wärme entgegenschlug. Maminkas Gesicht, verjüngt und gerötet vom Feuer, leuchtet im Halbdunkel der Sommerküche, heute noch, genau wie damals. Maminka schiebt mir gleich zwei Palatschinken auf den Teller. »Iss!«
Ich esse. Ich schaue ihr zu, wie sie die Haare löst, wie sie mit den flinken Bewegungen ihrer Finger die zwei langen Seile von Zöpfen löst und sich in eine Königin verwandelt. Mit dem Holzkamm kämmt sie das fließende Haar, das Haar aus Kupfer.
»Iss weiter, ich muss das ja auch mal machen, später hab’ ich keine Zeit«. Sie fühlt sich schuldig, dass sie die Pracht vor mir ausbreitet, Rapunzel, Rapunzel, lass dein Haar herunter! Ich schaue ihr wie gebannt zu. Ist sie es, die kleine flinke Frau, die immer dem Wind Schulter und Stirn bietet, wenn sie mit leeren Händen den Hof durchquert oder Schweres die Kellertreppe hinaufschleppt, abgearbeitet und überwiegend schweigsam, dem Suff, dem Zorn, der Tyrannei Großvaters ausgesetzt? Ist sie es, meine Maminka, oder ist sie die Loreley oder Rapunzel, oder irgendeine Prinzessin, eine Königin aus den slawischen oder deutschen Märchen, die ich so gern lese?
Die Verwandlung Maminkas verzaubert mich, ich wage es nicht, den Tisch mit den Palatschinken zu verlassen, zu ihr zu gehen und mich umarmen zu lassen, die langen Haare im Gesicht zu spüren, nein, da darf nur die Sonne hin, die den Quittenbaum verlässt, das Fensterglas in tausend Kristallen bricht und in den Kupferhaaren meiner Maminka schwelgt. Ich schaue ihr zu, und mir wird bewusst, wie jung sie ist. Sie ist meine Großmutter, aber sie hätte meine Mutter sein können, denn Maminka ist jung und hübsch mit ihren Kupferhaaren und grünen Augen, mit ihrem schmalen Körper; aber vor lauter Arbeit und Kummer merkt keiner, wie hübsch sie ist. Nur ich.
Ich kaue langsam die Palatschinken mit der doppelt gekochten Quittenmarmelade. So treibt Maminka ihr den Schimmel aus: gekocht, verkocht, bis sie tot wird und von der ganzen Marmelade nichts als Zucker und ein köstlicher Geschmack übrigbleibt. Ich kaue, schaue ihr zu, und erst, wenn es anfängt, nach Essig zu riechen, bleibt vom Zauber nichts mehr übrig, nur zwei Seile von nassen Kupferzöpfen.
Die Sonne kehrt in den Quittenbaum zurück, kittet beim Hinausschlüpfen das Fensterglas; mich erfüllt ein bekanntes Gefühl: Ich habe viel Zeit vor mir, ich habe viel zu tun und weiß nicht, was ich zuerst tun soll. Maminka meint, ich soll zuerst spielen gehen.
»Und die Kamille?«
»Es braucht ja nicht gleich am ersten Tag zu sein«. Sie nippt an ihrem schwergesüßten Lindenblütentee.
Sie weiß, wie unglücklich ich bin, da es Sonntag ist und ich mir keinen Kamillenpflücker ausleihen kann. Beim Abräumen des Tisches verspricht sie mir, mit mir in die Blindengasse zu gehen und dort etwas Brennnesseln zu pflücken, während ich Kamille pflücke. Maminka steht langsam vom Tisch auf. Ihre Hand verselbstständigt sich, greift in die Tasche der ausgebleichten Schürze.
»Nimm ihn ...«, reicht mir ihren Holzkamm, der breite und dicke Zähne hat, »damit kannst du bis morgen Kamille pflücken, dann sehen wir weiter! Verlier ihn bloß nicht, ich habe keinen anderen!«
Ich laufe hinaus, ein letztes Bild im Kopf: Maminka gegen die Tür, im Gegenlicht, ruhig, undurchsichtig. Ein Schatten.
6
Jedes Mal, wenn ich das »andere Zimmer« betrat, hielt ich den Atem an. Es war wirklich anders als alle anderen Zimmer. Es war stets aufgeräumt und wurde nur dann betreten, wenn Maminka etwas aus ihrer Hochzeitstruhe holen musste oder wenn Gäste da waren. Meine Eltern schliefen immer dort, wenn sie uns besuchten. Meine Tanten mit ihren Männern auch.
Eines Tages betrat ich das »andere Zimmer«‚ ohne zu klopfen. Im Bett kämpfte meine jüngste Tante mit ihrem Bräutigam und hatte ein rotes Gesicht, als hätte sie stundenlang vor dem Backofen gestanden. Dabei schien der Kampf nach vorgeschriebenen Regeln zu verlaufen. Die Bewegungen unter der Decke waren heftig und regelmäßig, und der Onkel grunzte und atmete tief. Es berührte mich unangenehm, und ich vergaß es schnell oder versuchte es zu vergessen.
Danach klopfte ich an jede Tür und wartete lange, ehe ich irgendwo eintrat, auch wenn wir keine Gäste hatten.
Ich klopfe an. Ich betrete das »andere Zimmer«. Kühle. Ich bin barfuß. Unter den Fußsohlen das noppige Muster des handgewebten Teppichs. Es riecht nach Mottenpulver und Lindenblüten. Durch die geschlossenen Fenster, verdunkelt mit Reispapier, wird das grelle Licht gefiltert. Auf der Fensterbank die toten Mücken und Fliegen, ausgetrocknet. Das Bett: leer. Auf der Fensterbank: die Schachtel Pralinen. Jeden Tag darf ich nur einmal hinein, jeden Tag nur eine Praline, damit sie bis zum Ende des Monats reichen – bis Mutter und Vater aus der Stadt eine neue Schachtel geschickt haben. Mein Herz schlägt hoch bis in den Hals: Und was wäre, wenn ich mal zwei nähme? Manchmal sind es keine Pralinen. Manchmal sind es Orangen. Dann darf ich nur eine halbe haben, die zweite Hälfte bleibt für den nächsten Tag. Es sind keine Orangen, die auf der Fensterbank auf mich warten, es sind kleine runde Sonnen, die im Mund zergehen und die ich am liebsten mit der Schale essen würde, aber ich darf es nicht.
Ich betrat das »andere Zimmer«, und während ich mit geschlossenen Augen die Praline oder die halbe Orange im Mund zergehen ließ, sah ich Schiffe, beladen mit Orangen und Schokolade. Das Häuschen von Hänsel und Gretel war nichts im Vergleich mit meinen Fantasien, mit meiner Gier nach Süßem. Ich wagte es nie, eine zweite Praline oder die zweite Hälfte der Orange aufzuessen.
Im »anderen Zimmer«, neben der Nähmaschine, steht der Sack mit dem Würfelzucker an die Wand gelehnt. Ein Zentner Zucker in großen, 50 oder 100 Gramm schweren Würfeln lagert dort, und ich hole mir einen Würfel heraus, hocke mich neben den Sack hin und knabbere an dem Zucker, bis Maminka mich ruft. Dann schiebe ich den angeknabberten Würfel in die Schürzentasche und gehe hinaus.
Die Äpfel sind schon faustgroß, aber immer noch sauer. Ich hole mir einen vom Baum, werfe ihn hundertmal gegen die Hauswand, fange ihn auf und immer wieder gegen die Wand, bis er rundum weicher geworden und mit braunen Druckstellen bedeckt ist und der saure Saft an manchen Stellen herausspritzt. Dann eine Untertasse mit zerstampftem Würfelzucker holen, abbeißen, in den Zucker tunken, den sauren Saft, mit Zucker gemischt, durch die Zähne fließen lassen, träumen von Schiffen, beladen mit Schokolade und Orangen.
Neben dem Sack mit dem Würfelzucker im »anderen Zimmer« zu hocken und zu träumen war jedoch weit weniger aufregend, als hinter dem Holzstapel im Hof zu hocken und zu warten. Bis Montag hatte ich mein Problem gelöst. Endlich konnte ich in Ruhe hinter dem Stall verschwinden und darauf warten, dass der Truthahn die Henne bestieg. Ich musste nur aufpassen, dass mich keiner sah, musste so tun, als ob ich spielte! Maminka ahnte meine schlimmen Gedanken nicht und goss gerade das Seifenwasser von der Wäsche an die Quittenbäume. Sie meinte, Seifenwasser sei gut für die Quitten.
Ich hockte mich hinter einen Stapel Holz und wartete. Die Hühner ächzen und beklagen die Mittagshitze, obwohl es noch längst kein Mittag ist. Das Dorf ist leer. Das dumpfe Brummen der Traktoren da draußen im Feld, das Krächzen der Säge, die sich jeden Tag um diese Zeit meldet. Über meinem Kopf die heranreifenden Mirabellen, die Blätter und die grünen, sonnigen Spinnweben. Manchmal kriecht mir ein unsichtbarer Faden übers Gesicht. Ich warte. Ich wage nicht, die Backsteinsplitter umzudrehen, obwohl ich es gerne täte: Unter jedem Backstein wohnt ein Regenwurm.
Da sind sie! Die Truthenne schreitet geziert, passt auf, dass sie nicht in Hühnerkacke tritt, und pickt unentwegt irgendetwas vom Boden auf. Es sieht so aus, als würde sie der Truthahn überhaupt nicht interessieren. Er plustert sich auf. Er ist ganz rot im Gesicht. Er tanzt, er tobt: »Sieh mich an, ich komme!« Mein Herz schlägt schneller. Was ist es denn, dieses Etwas, das sich mit jedem aufgewirbelten Staubwölkchen unter den Füßen des Truthahns in mir breit macht? Ich bücke mich, knie mich hin, stütze mich mit den Händen auf den Boden, liege fast unter dem Stapel Holz. Ich will alles sehen, alles, was sich sehen lässt! Jahrelang glaubte ich, das Geschlecht des Truthahns hinge ihm von der Nase herunter – bis ich eines Tages merkte, dass er genau wie der Hahn die Henne bestieg und seinen Hintern an ihrem Hintern festdrückte. Dass das Weibchen immer dem Männchen unterlag, empfand ich als ungerecht. Und es schmerzte mich, wenn der Truthahn seiner Henne die Federn mit den Krallen auszureißen begann, sobald sie unter ihm lag.
Wenn Maminka einen Hahn geschlachtet hatte, holte sie ihm vorsichtig die Eier heraus. Gekocht schmeckten sie besonders gut, und sie legte sie immer auf meinen Teller. »Ich verstehe nur nicht, warum er seine Eier nicht legt, wenn er welche hat«, sagte ich bei solchen Gelegenheiten zu Maminka, die meine Frage unkommentiert im Raum stehenließ. So schien mir der Truthahn ziemlich unnütz zu sein: bloß fressen, die Henne besteigen und noch nicht mal Eier legen!
Wie oft blieb ich auf dem Boden liegen, während die Steinchen und die trockenen Klümpchen Erde meine nackten Knie und meine Handflächen blutig rissen. So war es gut: über mir die Mirabellen und die grünen Spinnennetze, die Blätter, die unentwegt miteinander tuschelten, der Schmerz an den Knien und den Handflächen. Stummsein. Wehtun. Warten. Das hatte viel miteinander zu tun.
Maminkas langgezogenes »Kooomm!« schreckt mich auf. Ich springe auf, reibe meine Knie, entferne vorsichtig, aber hastig die kleinen Steinchen und die Erdkrümel, verschmiere das Blut. »Ich kooooomme!« Ob Großmutter gemerkt hat, dass ich die zwei da beim Liebesspiel beobachtet habe?
Ich nähere mich Maminka langsam, sehr langsam, am Nussbaum vorbei. Mein Schatten geht mir brav nach, dann geht er Maminkas Schatten nach.
»Ich muss ein Körbchen für die Kamille mitnehmen, nicht wahr?« Mein Schatten steckt den Holzkamm in die Schürze, während Maminkas Schatten beschwichtigend auf ihn einredet: »Nimm lieber eine Tasse mit, Mila! Mehr schaffst du sowieso nicht mit dem Kamm.« Großmutters Schatten breitet verzweifelt die Arme aus, schlägt sich mit beiden Händen an den Kopf: »Sieben Kilo Kamille, Gott sei mit Euch!«
Mein Schatten zuckt mit den Schultern. Er weiß nicht genau, mit wem Gott sein soll. Mit denen, die uns diese Norm auferlegt haben, oder mit mir und den anderen Kindern, die die Norm erfüllen müssen?
7
Maminka kochte die beste Brennnesselsuppe, die ich je gegessen habe. Im Frühjahr, ehe der Spinat noch ans Wachsen dachte, war sie schon da. Wir alle, geplagt vom grünen Hunger, konnten das erste Grün nicht abwarten. Unsere Bäuche, verwöhnt, gereizt und einen Winter lang geplagt durch das sauer eingelegte Gemüse, »den Wintersalat«, wie man es nannte, und durch das Sauerkraut, sehnten uns nach einem frischen Blatt. Und das erste Essbare, das man entlang der Steinmauern und unter den Holzstapeln fand, war die Brennnessel. Wir bereiteten daraus den ersten Frühlingssalat, die erste Frühlingssuppe und sogar den ersten grünen Auflauf mit Reis, Zwiebeln und Eiern. Die Brennnessel gab es fast das ganze Jahr über bis zum späten Herbst, doch sie verlor ihre Anziehungskraft, sobald der Kopfsalat, die Radieschen und die Lauchzwiebeln geerntet wurden. Im Sommer kam es höchst selten vor, dass man eine Brennnesselsuppe vorgesetzt bekam; die gab es nur dann, wenn Großvater großen Hunger hatte und es nicht abwarten könnte, dass das eigentliche Essen auf dem Herd fertig war.
Wir gehen durch das leere Dorf. Es ist heiß und staubig. Wir nähern uns der Blindengasse und ziehen unsere Schuhe aus. Der Staub glüht – ein vertrautes Gefühl. Ich beobachte Großmutters Füße.
»Warum hast du nur vier Zehen, Maminka?«
»Djado Minko, dein Urgroßvater, hat mir den einen Zeh abgeschnitten, als ich klein war ...«
Die Sonne prallt auf meinen Kopf.
»So klein wie du, Mila.«
Und während ihre dünnen Lippen die einzelnen Worte formen, schaudert es mich; sie ist es nicht, die spricht, ich bin es, die von damals ausrückt, und während ich dies heute erzähle, werden die Mila und die Maminka eins. Djado Minko nähert sich, mit dem Taschenmesser in der Hand, dem Kind.
»Es tut nicht weh, pass auf, es tut nicht weh ... Der Zeh muss weg, sonst stirbst du ... mit einem blauen Pickel ist nicht zu spaßen!«
Da schreit ein Kind durch die Blindengasse, der Schmerz zerschellt an den Fensterscheiben, die Fensterscheiben sind mit Reispapier versperrt. Das Dorf ist leer, und der Schrei verdampft an den Wänden der heißen Häuser. Da brüllt ein Kind vierzig Jahre zurück in der Zeit und fast dreißig Jahre vorwärts, bis der Klageton eins wird und zu Buchstaben erstarrt. Da tritt plötzlich die alte Frau aus dem Kind heraus, setzt sich an den Rand der staubigen Straße, aus der einen werden zwei.
»Ist ja gut, mein Kind, es hat nur ganz kurz wehgetan ... hast du denn schon wieder kein Taschentuch? Mila! Wie oft soll ich dir das sagen, der Djado Minko hat es richtig gemacht! Er hat das Messer vorher in den Schnaps getaucht, und wie du siehst, lebe ich noch!«
Ich stand auf. Meine Handflächen waren feucht geworden, und ich merkte, dass ich vor Angst einen steifen Hals bekommen hatte. Maminka zog die Gummigaloschen wieder an, holte die Lederhandschuhe aus dem bunten Säckchen heraus, zog sie an und trat in die Brennnesseln hinein. Sie suchte die jüngsten Pflanzen, die an den Wurzeln seitwärts sprossen, und verstaute sie in ihrem Wollsäckchen. Ich zog meine Schlappen auch an. Die durchgeschwitzten Socken ließ ich in der Sonne lüften. Dann nahm ich den Holzkamm und beugte mich über das kleine Meer Kamille, das die Brennnesseln umgab. Der Kamm hatte vierundzwanzig Zähne; es passten genau dreiundzwanzig Kamillenblüten hinein. Ein Schwung mit dem Kamm durch die Kamille und hochziehen, als würde ich die Blüten kämmen. Die Hälfte fiel sofort wieder auf den Boden. Der Grund meiner Tasse wurde mit dem Rest der Blüten kaum bedeckt. Ob ich schon zehn Gramm gepflückt habe? Ich muss unbedingt einen richtigen Kamillenpflücker haben, sonst bin ich erledigt, dachte ich unentwegt.
Nach einer halben Stunde war meine Tasse fast voll, Maminkas Wollsäckchen mit den Brennnesseln auch, und wir machten uns auf den Weg nach Hause.
»Wie viel hab’ ich denn wohl gepflückt, Maminka?«, versuchte ich das Gewicht in der vollen Tasse zu schätzen. »100 Gramm vielleicht?«
»Höchstens fünfzig, Mila ... doch bis Montag sind es nur noch 25 Gramm.« Maminkas Antwort traf mich völlig unvorbereitet. Die Kamille trocknete schnell aus, das war es! Ich schaute sie verzweifelt an. »... wir packen das schon!«, klang Großmutter sicher, aber ich war untröstlich. Später erfuhr ich, dass man uns drei Kilo getrocknete oder sieben Kilo frische Kamille als erfüllte Norm anerkannte.
Aber erst viel später.
8
Das Weib, das das Wort »verwöhnt« hatte fallenlassen, war längst weg. Das hatte ich schon mehrere Male gehört, fast immer, wenn mich meine Eltern an der Bushaltestelle abküssten. Ich mochte keine nassen Küsse und ließ sie nur zu, wenn es unumgänglich war.
Der Bus fährt ab.
Mich packt etwas an der Gurgel, so fest, als würde mir eine Schlinge umgelegt. Man zieht zwar nicht zu, aber die Angst vor der Schlinge reicht. Dann klammere ich mich an Mutters Hals fest. Der Schaffner blickt finster drein, es eilt ... Die nassen Küsse machen mir nichts mehr aus, mir läuft es gleichermaßen aus Nase und Augen. Meine Lippen schwellen an, die Haut spannt sich.
Der Bus fährt ab.
Ich klammere mich an Maminkas Hals fest, so fest, als würde ich selbst die Schlinge zuziehen, doch nicht mehr um meinen eigenen Hals. Ein unsichtbarer Scheibenwischer verschmiert meine Sicht.
Der Bus fährt ab.
Ich rieche ihn, ich höre ihn, ich fühle die Schwingungen des großen Körpers, vollgestopft mit neugierigen Blicken. Maminka und ich schreiten ganz langsam, als würden wir eine riesige Glaskugel zwischen uns tragen, als hätten wir Angst, sie würde beim ersten unvorsichtigen Wort oder Schritt einfach zerspringen. Mein Blick klärt sich mit jedem Schritt mehr; die Häuser sind wieder da, den Bordstein kann ich am Rande erkennen. Meine Muskeln werden auf einmal locker, fast weich, in mir breitet sich ein weiches, weißes Kissen aus. Das Kissen ist so groß, dass ich ganz darauf passe. Eingerollt in mir selbst, ruhig und frei‚ werde ich da liegen bis zum nächsten Mal.
In zwei Wochen besuchen uns Mutter und Vater wieder.
Nie wusste ich, wann der Bus ankam. Nie wusste ich, mit welchem Bus sie fuhren. Ich wusste nur, dass es heute sein sollte. So bestand Heute aus lauter ineinander verwobenen Spannungsmustern, die mit jeder vergangenen Stunde lichter und greller wurden: das Hinaufklettern auf die Fensterbank, das Überblicken des Dorfplatzes mit der Wasserstelle und dem langen, schmalen Trauerweidenschatten, der bis zum Mittag schrumpfte und den Platz freigab, dafür aber dicker wurde, um gegen Abend wieder lang und schmal zu werden ... Das Verharren mit Blick auf die Straße, das Steifwerden, das Ausmachen des ersten Staubwölkchens, das aus Richtung Stadt aufflammte ...
Erst waren es die Pferde der Kooperative, die zum Grasen getrieben wurden, die die Straße mit der zähen Masse ihrer Leiber überfluteten und unter meinem Fenster aus dem Nebel flossen. Ihr Fluss, aus bräunlich-glänzenden Wellen getrieben, verzweigte sich an der Wasserstelle, überquerte das Schattenfeld der Trauerweide, dröhnte mit tausend Hufen und mächtigem Schnauben, kehrte zur Straße zurück, floss weiter, zäh und gewaltig. Jetzt war das Flussbett der Straße trocken, besät mit Pferdemist, der in der Sonne dampfte und glänzte, bis sich die Staubwolken über ihn legten.
Wieder steif werden, warten.
Aus der schmalen, hohen Staubwolke taucht der Laster auf, der die Frauen der Siebten Brigade zur Arbeit fährt, ein uraltes, klappriges Dorftier, das einige Minuten im Schatten verschnauft und dann wieder losfährt, beladen mit Harken, Decken und Frauengeschwätz. Dann kommen die Schafe. Sie folgen ihrer eigenen breiten Spur aus Glockenklang und Hundegebell, aus klagendem »Bäääh«, durchstochen vom scharfen Pfeifton des Schäfers, der, vier Finger in den Mund gesteckt, die Herde treibt. Der niedrigen, wolligen Wolke folgt der erste Bus. Er kommt im langsamen Schafschritt heran, erst das Dach mit den Koffern, dann die steile, in der Sonne blinkende Glasfront, kommt die Biegung der unsichtbaren Straße heraufgezogen. Der Bus fährt langsam, zu langsam und zu gemütlich, der Bus treibt die Schafe vor sich her, als wäre er der Schäfer.
Manchmal hatte ich Glück und meine Eltern kamen schon mit dem ersten Bus an.
Dann war Heute schon am Vormittag vorbei, und wir drei suchten den ganzen Hof nach Überraschungen ab, die ich vorbereitet hatte: das neuentdeckte Taubennest im Geäst des Nussbaumes, das Mauseloch hinter dem Hühnerstall, das sich später als das Loch eines Marders entpuppte – aber erst, als Maminkas Hühner reihenweise erdrosselt gefunden wurden –, die im »anderen Zimmer« stehende Kiste mit den abgeschnittenen, langen braunen Zöpfen, zwanzig Jahre lang ...
Dann zeigten sie mir ihre Überraschungen, die so schön nach Stadt rochen: backsteinähnliche Marzipanwürfel, goldfarbene Äpfel, die mehlig waren und das ganze Zimmer mit ihrem Duft beherrschten, steinharte Brezeln, luftgetrocknet, die ich den ganzen Tag als Kette um den Hals trug und beknabberte, und zwei bis drei Liter Bosa, jenes beigebraune, dicke und aus Weizen gebraute Getränk, das süß und sehr nahrhaft war und nicht so sauer wie die abgestandene Bosa im dörflichen Süßwarengeschäft ...
Lange wurde gegessen und gesprochen. Es wurde nur Schönes gesprochen: Wir waren immer gesund gewesen, auch wenn ich gerade die Masern hinter mich gebracht hatte; Maminka und Djado hatten sich immer prächtig verstanden, auch wenn er sie gerade am Tag davor verprügelt hatte ...
Dann gingen meine Eltern und ich spazieren.
Ich gehe zwischen den beiden, halte ihre Hände fest, balanciere die riesige Schleife auf meinem Kopf, bin rot bis zum Haaransatz. Sie sind da ... Gelegentlich küsse ich Vaters Hemdsärmel, der so schön nach Waschpulver und Staub riecht, streichele Mutters Ellenbogen, der so komisch runzelig und hilflos an ihrem dunklen glatten Arm klebt.
Das ist es wohl, was die Bauern meinen, wenn sie mich anstarren. Das ist es, wenn sie denken, dass ich verwöhnt bin: »Verwöhnt«. Ein schönes Wort war das nicht, und ich trug es wie einen Stempel auf der Stirn. Was war es, das mir dieses Wort eintrug? Etwas mit mir schien nicht in Ordnung. Ich musste unbedingt dahinterkommen!
9
Ich bin nie richtig in den Kindergarten gegangen. Ich wollte nicht. Dann, auf einmal, wollte ich doch, aber dann durfte ich nicht. »Du darfst nicht, weil deine Eltern nicht in der Kooperative sind.«
Für mich gab es einen Platz in einem Kindergarten in der Stadt, versicherte mir Maminka, aber ich konnte nicht den Platz eines anderen Kindes aus dem Dorf einnehmen. Alle, Plätze und Kinder, waren gezählt, und es gehörte sich nicht, dass ein Kind bei den Großeltern lebte, wo doch seine eigenen Eltern in der Stadt arbeiteten und lebten. Das leuchtete mir ein. Großmutter hatte ihr Bestes getan. »Ich habe sogar mit dem Bürgermeister gesprochen ... es geht eben nicht!«
Eines Tages jedoch, als Maminka mit den anderen Frauen der Siebten Brigade aufs Feld gehen und ich zu Hause allein bleiben sollte, nahm sie mich an die Hand, schleppte mich hinter sich her, brachte mich doch noch in den Kindergarten und sprach lange mit der Kindergärtnerin, die dauernd die Schultern hochzog und auf ihre eigene dicke Brust zeigte. Ich hockte dann unter dem Nussbaum und verfolgte das Gespräch aus der Ferne. Der ganze Kindergarten glich einem Aquarium: hinten die kleinen, bunten Fischlein, die Kinder, die dauernd den Sandkasten belagerten und die Schaukel stürmten; im Vordergrund die zwei großen Fische, Maminka und die dicke Kindergärtnerin, die stets mit der kurzen Flosse auf ihre eigene Brust zeigte. Die Fischchen musterten mich stumm aus der Ferne, als sei ich eine unbekannte Amphibie. Schließlich kam Großmutter zu mir. Sie nähert sich mit gelöstem Gesicht, sie lächelt mich an, sie zeigt mir ihre mit Silber bezogenen Seitenzähne.
»Du darfst bleiben!« Und sie gibt mir einen Henkelmann mit Gekochtem, ein Stück Brot und einen Löffel.
»Du sollst nicht weinen, Maminka«. Ich bleibe, während sie sich entfernt, und ich weiß nicht mehr, was ich mit dem Beutel anfangen soll. Ich sehe mich um und stelle ihn vorsichtig am Nussbaum ab, in eine kleine Vertiefung in der Erde, so dass die Suppe nicht auslaufen kann.
Der Kindergartenhof ist weitläufig. Kleine Sträucher teilen ihn, grenzen den Gemüsegarten ab, in dem stets eine der Kindergärtnerinnen wühlt. Eine niedrige Steinmauer trennt Kindergarten und Kirchhof. Hinter der niedrigen Steinmauer das fleißige Geräusch einer Harke: »Chrrrrsss, chrrrrsss!« Baba Popadija, die Frau des Popen, müht sich mit den Stangenbohnen ab. Im Schatten ist es kalt, aber ich traue mich nicht, die Schattengrenze zu überschreiten. Ich erkälte mich lieber, als mich den Blicken der anderen auszusetzen. Ich bleibe dort, wo ich bin, unterm dichten Dach der großen, sehnigen Blätter.
Ich kam mir überflüssig vor. Überflüssig und allein. Obwohl mich ein Junge einmal auf die Schaukel ließ – worauf ich mich sofort in ihn verliebte. Als die Kinder zum Mittagessen gerufen wurden, stellte ich mich als letzte an und glaubte, mitessen zu müssen. Ich sah durch die Tür die vielen schönen kleinen Tischchen, die Stühlchen, und fragte mich, bei wem ich wohl sitzen würde, ob vielleicht bei dem Jungen, der mich auf die Schaukel gelassen hatte? Als fast alle Kinder saßen, fragte die Kindergärtnerin, ob ich Hunger hätte, und ich bildete mir ein, sie hätten kein Essen für mich.
»Nein danke!«
Sie versprach, mich zu holen; ich aber schämte mich so sehr, dass ich zum Nussbaum zurückging, mein Gekochtes, das Brot und den Löffel herausholte und mich mit dem Henkelmann im Schoß auf die kleine Bank unter dem Nussbaum setzte. Ich tat so, als würde ich essen. In Wirklichkeit schämte ich mich zu Tode. Hoffentlich sah er mich nicht, der Junge von der Schaukel, sonst musste ich unbedingt sterben! Ich hob den leeren Löffel zum Mund hinauf, verharrte einen Augenblick lang, »chrrrrsss, chrrrrsss!«, kam es hinter der Steinmauer hervor, der Löffel tauchte ins Essen, ich wischte mir den Mundwinkel mit dem Handrücken ab, wie es Maminka nach jedem Bissen oder Kuss tat. Als ich die Kindergärtnerin kommen sah, versteckte ich meinen Henkelmann hinter dem Nussbaum.
Sie nahm mich an die Hand.
»Komm, wir haben für dich noch einen Platz gefunden.«
Ich ging erleichtert mit.
Im Speisesaal herrscht Totenstille. Ich stehe neben der Genossin Leiterin, während alle dasitzen. Dann sitze ich auch – Pechvogel, der ich bin, natürlich mit dem Rücken zum Jungen von der Schaukel, den Blick auf die dampfende Suppe gerichtet. Sie riecht zwar nicht schlecht, doch schwimmen in ihr einige Fettaugen und drei winzige Bauklötze aus geröstetem Zwieback, den ich verachte. Langsam leeren sich die Teller um mich herum, nur mein Teller ist noch voll. Die Dicke mit der Fischflosse von vorhin nähert sich.
»Hast du auch alles aufgegessen?« Und zeigt diesmal auf mich, und ich schiebe den vollen Teller von mir weg.
»Ja!«
»Heute lasse ich das durchgehen ...« Die dicke Genossin Leiterin mit der Fischflosse richtet sich auf – oh, wie laut sie ist, alle Köpfe drehen sich nach mir um – »... da es dein erster Tag hier ist«
»Ja, Genossin!« Ich werde rot bis zum Haaransatz. Ich spüre es.
»Aber ab morgen wird der Teller leergegessen! Verstanden?«
»Ja, Genossin ...« Alle Köpfe drehen sich zum Wasserpudding hin, »... ich komme, Genossin ...«, während sie mich wieder an die Hand nimmt.
Sie führt mich in den Schlafsaal. »Du darfst mit den anderen schlafen!«
Obwohl ich gar nicht müde bin.
Alles im Schlafsaal, in dem die dreißig Kinder auf ihren Betten lagen, war so sehr sauber, dass ich im ersten Augenblick glaubte, im Krankenhaus gelandet zu sein. Ich kam mir auch besonders schmuddelig vor und schämte mich, als ich mein Kleid auszog. Ob der Junge von der Schaukel ...? Ob er wohl den Tomatenfleck auf meinem Unterhemd sah? Hätte ich bloß auf Maminka gehört und gestern Abend das Hemd gewechselt! Dann lagen wir alle zwei Stunden lang ganz still, manche schliefen sogar ein, oder war ich die einzige, die vor Hunger nicht ruhen konnte? Mir schlief stattdessen der linke Arm ein, doch ich wagte nicht, mich umzudrehen. Die Genossin, die am Eingang saß und strickte, nahm jede noch so kleine Bewegung, jedes Geräusch wahr. Sobald sich eine der Decken verdächtig rührte, hob sie den Kopf vom Strickzeug und schmetterte einen furchterregenden, warnenden Blick in Richtung Übeltäter. Dieser Mittagsschlaf war so anstrengend, dass ich nie wieder auf die Idee kam, in den Kindergarten gehen zu wollen.
Ich blieb lieber zu Hause allein mit dem »anderen Zimmer«, mit dem ganzen stillen und auf mich lauernden Haus, allein mit den Gerüchen der Sommerküche und den Hühnern im Hof. Damals gab es keinen Kalten Krieg, oder ich nahm ihn noch nicht wahr. Es gab noch keine Norm zu erfüllen. Die Kamille existierte noch nicht. Sie war da, aber daraus konnte man Armbänder, Kränze und Ringe flechten. Maminka hatte mir beigebracht, wie man aus dem dünnen, zarten Stiel der Kamille eine Schlinge um den Hals der Blüte machte, sodass man beim leichten Ziehen mit der Blüte »schießen« konnte. Es gab noch nicht die Zehn Gebote des Kodex der Pionierorganisation, die später auswendig gelernt und praktiziert werden mussten. Es gab die Fremdwörter nicht, die in »Isten« endeten, wie Faschisten, Kommunisten und Kapitalisten, die später mein Bewusstsein umlagerten. Selbst die Buchstaben existierten nicht, da mir Maminka regelmäßig vorlas. Rajna Knjaginja, Rajna die Königin mit der Fahne der Aufständischen, bedeutete mir noch gar nichts. Nur wenn ich fiel und mir die Knie aufschlug und heulen wollte, hörte ich von der tapferen Soja Kosmodemjanskaja, die niemals weinte. Ich wusste noch nichts von ihren Qualen, von ihrem Märtyrertod, die Faschisten waren mir noch kein Begriff.
Ich falle hin, stehe auf, schweige, reibe das Knie, weine nicht. Fünf Jahre alt und weine nicht. »Du bist unsere tapfere Soja, nicht wahr?«, höre ich Vaters Stimme, und ich weiß, dass ich immer tapfer sein werde, komme, was wolle. Später, beim Abschied im Bus – in zwei Wochen kommen Vater und Mutter wieder zu Besuch – weine ich lauthals. Es läuft mir aus Nase und Augen, ich schäme mich, weil ich Soja Kosmodemjanskaja verraten habe.
10
Stets stand jemand neben mir. Genau besehen stand er in mir und ließ sich überallhin mitnehmen, mittragen, mitschleppen. Ich hatte ein schlechtes Gewissen. Mein schlechtes Gewissen war stets sauber frisiert und sauber gekleidet. Es schaute sich die Spinnweben an, während ich unterm Holzstapel hockte und dem Truthahn zusah, wie er seine Henne bestieg. Es wechselte das Unterhemd und passte auf, dass kein Tomatenfleck darauf kam. Es drehte sich schnell weg, während ich mit offenem Mund und pochendem Herzen den Kampf meiner jüngsten Tante mit ihrem Bräutigam unter der Decke im »anderen Zimmer« verfolgte, und es gesellte sich zum Organisationsleiter, während er von Heldentaten sprach. Mein schlechtes Gewissen pochte an meinen Schläfen und regte sich wegen der Kamille auf. Ich beneidete es um seine klaren Vorstellungen, um seine Fähigkeit, alles zu behalten und stets da zu sein, auch wenn es nicht im Geringsten gebraucht wurde.
Vor lauter Aufregung wegen der Kamille hatte ich meine Leseliste völlig vergessen und dadurch schon etwas Zeit verloren. Tags zuvor, als ich vom Pescho Kojkata mit dem entliehenen Kamillenpflücker zurückgekehrt war – mir war ein Stein vom Herzen gefallen – räumte ich meine alten Schulbücher vom Tisch weg und stellte mir schon voller Hoffnung die neuen vor, da fiel mir die Sommerleseliste mit der Pflichtlektüre in die Hand. »Verdammt!«
Ich sagte nicht »verdammt!«, sondern »Achtzig Prozent und das Knopfloch entzwei!« Das sagte ich immer, wenn ich fluchte. Das war der Fluch, den ich als Vierjährige zum ersten Mal von mir gegeben hatte. Ihm war ich treu geblieben und gebrauchte ihn in solchen Situationen. Am Samstag hatte ich mir schon »Der Glöckner von Notre-Dame« und »Du und Ich – Alles über die geschlechtlichen Beziehungen zwischen Mann und Frau« aus der Bibliothek ausgeliehen und freute mich darauf. Dafür hatte ich jetzt keine Zeit mehr. Ich schaute mir die Sommerleseliste mit der Pflichtlektüre von Mitte Juni bis Mitte September an und zählte die Titel: zweiundzwanzig! Bei genauerem Hinsehen stellte ich fest, dass ich acht davon schon gelesen hatte; manche waren vom vorigen Sommer in die neue Leseliste übernommen worden. Wäre die Kamille nicht gewesen ... Ich stellte mir das so vor: vormittags würde ich meine Pflichtlektüre erledigen, nachmittags und abends hätte ich Zeit für meine Bücher gehabt. Für die Bücher, die ich lesen wollte.
Der Nachmittag kriecht unter die ausgebreiteten Flügel der Hühner und unter die Holzstapel im Hof der Nachbarn. Dort ist es schattig. Dort lässt es sich vorübergehend aushalten. Maminka klappert mit den Tellern in der Sommerküche, Djado ist mit seinem Traktor schon um drei Uhr früh losgefahren und ist wie immer nicht da. Ich bin satt, aber ich öffne den Küchenschrank. Ich nehme mir ein Stück Weißbrot, das von der Hitze ein wenig muffig riecht, bestreue es mit Salz und süßer Paprika, manchmal auch mit Til Piper, und der siebenfache Geruch dieses Mischgewürzes lässt mir das Wasser im Mund zusammenlaufen in einer maßlosen Vorfreude.
Ich verkrieche mich ins Bett und lese und lese. »Du und Ich«, während mir mein schlechtes Gewissen den Rücken kehrt und den Tauben unter dem Fenster zuhört, wie sie einander umwerben, trotz der Hitze. Das Buch hatte Kaka Donka, eine ältere Freundin von mir, für mich aus der Bibliothek entliehen – natürlich keine Pflichtlektüre. Sie lasen so was erst in der achten Klasse. Ich musste nur ganz genau aufpassen, dass mich Maminka dabei nicht erwischte. Kaka Donka hatte mir versprochen, mir dann alles zu erklären. Sie war nicht sehr groß, sah aber wie eine erwachsene Frau aus: sehr breit in der Hüfte, mit ein wenig krummen Beinen und schmalen Brüsten, die sich flüchtig sehen ließen beim Haarewaschen. Ich sah ihr dabei oft zu und goss ihr das Wasser aus der Zinnkanne über den Kopf. Allerdings gefiel mir der Geruch ihrer Seife nicht: die aus Schweineschwarten selbstgekochte Seife roch penetrant. Diese Seife benutzte Maminka nur, wenn sie die mit Maschinenöl verschmutzten Hosen und Jacken von Djado wusch, sonst nie.
Ich lese. Mir wird es schwindelig vor Aufregung, dass ich so früh aufgeklärt werde. Das hat mit mir noch wenig zu tun, aber ich ahne Zusammenhänge. Das hat mit dem plötzlichen Verstummen der Erwachsenen zu tun, wenn ich das Zimmer betrete, mit dem Kichern der Mädchen aus der achten Klasse, wenn ihnen die Jungen unter die Röcke greifen, mit dem Klopfen an verschlossenen Türen und mit meinem Hocken hinter dem Holzstapel, wenn der Truthahn ... Das alles schwebt in der Luft. Wie Strom, der mich töten kann. Die Buchstaben des Untertitels sind dick, rund und schwarz – Insekten, die sich vollgesogen haben: »Alles über die geschlechtlichen Beziehungen« ... Wie hält das die Titelseite aus?
Ich hatte Angst, dass man das Buch bei mir finden würde. Ich hielt es in einem Strohkissen versteckt. Das Kissen lag ganz unauffällig auf meinem Bett. Den Saum hatte ich wieder zugenäht, nur ganz lose, sodass ich nachts den Faden ganz schnell herausziehen konnte. Wenn ich dann spät, ganz müde, »Du und Ich« schloss, schob ich es wieder in das Kissen zurück, nähte den Saum lose zu und legte mich schlafen.
Das Licht ist aus. Durch das offene Fenster greifen die Zweige des Nussbaums. Frösche quaken. Hin und wieder Schritte unterm Fenster: mal schlurfend, mal fest und abgehackt. Geräusche aus der Kneipe gegenüber, die längst nicht mehr Djados eigene Kneipe ist. Ich schließe die Augen. An ihrer roten Leinwand die Zeichnung, riesengroß, so groß wie die Plakate am Eingang der Kooperative, die zur früheren Erfüllung des Jahresplans auffordern. Die Zeichnung des männlichen Geschlechts, alles mit Pfeilen und Erklärungen, haargenau beschrieben! Mir wird heiß. Mein schlechtes Gewissen verkriecht sich unter der Decke, hält Augen und Ohren zu: So also sieht mein Vater aus! Kein Wunder, dass er sich mir noch niemals nackt vorgestellt hat! Ich hätte es auch nicht getan, wenn ich so ’n Dings da vorne hätte!
Sieben Kilo Kamille, zweiundzwanzig Bücher Pflichtlektüre, der Truthahn ... Alles war wichtig, aber wichtiger als alles andere war »Du und Ich« zu Ende zu lesen. Das große Schweigen der Erwachsenen – und beim Einschlafen noch an den Kalten Krieg denken ... klären ... aufklären ... Ja, sobald ich »Du und Ich« zu Ende gelesen hatte, musste ich die Übrigen aus der Klasse aufklären. Einer musste es ja tun!
11
In der Nacht war ich wieder Soja Kosmodemjanskaja. Die Faschisten hatten »Du und Ich« im Strohkissen gefunden und rissen mir die Zähne aus, einen nach dem anderen. Dann zogen sie mir die Haut ab und machten aus ihr Lampenschirme. Zum Schluss hielten sie mir die Riesenzeichnung mit dem männlichen Geschlecht vor Augen und fragten: »Haben Sie?« – »Ja«, antwortete ich, »ich habe«, und einer von ihnen führte mich an Kaka Donka vorbei – »Abführen! Heil!« –, die mir mit nassen Haaren nachlief und mir unbedingt die selbstgekochte Schweineschwartenseife zustecken wollte, »nimm sie mit, im Lager gibt es nichts zu essen!« Die ganze Nacht hatte ich eine einzige Aufgabe zu erfüllen, die ich mir irgendwann einmal selbst gestellt zu haben schien: schweigen, die Schmerzen lautlos ertragen, ein Beispiel für die Nachwelt werden, ein Denkmal bekommen, mich im Kalten Krieg bewähren.
Ich öffnete die Augen und war enttäuscht, dass ich geträumt hatte. Ich beneidete Soja Kosmodemjanskaja und setzte auf den Kalten Krieg. Vielleicht war es mir beschieden, mich im Kalten Krieg zu beweisen. Und wieder dachte ich an die Kamille. Die Kamille war lächerlich als Bewährungsprobe, auch wenn der Organisationsleiter die Erfüllung der Norm als Heldentat pries. Alles Ersatz, dachte ich: statt Heldentod im Partisanenkrieg oder an der Front – Kalter Krieg im Radio! Statt Untergrundkampf – Kamille! Ich beneidete Soja Kosmodemjanskaja und Mitko Palausov, den jüngsten bulgarischen Partisanen im antifaschistischen Kampf, für ihre heldenhafte Kindheit und wollte für die Freiheit sterben; aber ich starb nicht, nicht mal im Traum. Stattdessen plagte ich mich mit Gedanken an Kamille und Pflichtlektüre und suchte mir alle möglichen Beschäftigungen. Mich an etwas erinnern war schön. An unser Schaf zum Beispiel.
Das alte Schaf Wakla gebar ein Lämmchen, ein schwarzes, ein wunderbares. Im Februar, ungewöhnlich genug, war sie soweit, wie mir Maminka anvertraute. Großmutter setzte voraus, dass ich wusste – oder auch nicht – wie es dorthin, in ihren Bauch nämlich, gelangt war. Wakla hatte unseren Stall und Hof noch niemals verlassen. Daher dachte ich mir, dass es bei den Schafen anders sein müsse als bei den Hennen, die Eier legten. Darauf sagte Mara, meine Freundin, dass ich dumm sei:
»Wir haben drei Schafe und ganze vier Lämmer, ich weiß Bescheid!«
Und ich wusste, dass sie Bescheid wusste.
»Unauffällig, vielleicht sogar in der Nacht, muss dein Großvater das Schaf an den Mann gebracht haben.«
Und ich wusste nicht, an welchen Mann.
Mara empörte sich über mein Unwissen:
»Na so was! Doch nicht an einen Mann, sondern zu einem männlichen Schaf natürlich! Es hat sie bestiegen«, so sagte sie, »bestiegen!« – und das hörte sich an nach »Einen-Berg-besteigen« –, »und sie ist trächtig geworden, so wie die Frauen schwanger werden. Klar?«
»Alles klar!«
»Oder ... Wakla war es schon, als sie gekauft wurde«, meinte Mara, was mir persönlich realistischer erschien.
An einem verschneiten Abend, ganz spät, hörte ich, dass man nebenan flüsternd irgendwelche Vorbereitungen traf.
»Leise, das Kind wird wach!«
Das Kind sprang aus dem Bett und zitterte am ganzen Leib vor Aufregung. Der Holzofen war längst ausgegangen, und die Fensterscheiben waren vereist.
»Ich komme mit!«
Djado blickte mich zornig an.
»Du bleibst hier und wartest!« Er nahm einen Eimer mit warmem Wasser, zog seine alte Lammfelljacke an und lief zum Stall.
Ich bekam Angst.
»Worauf soll ich denn warten, Maminka?«
»Wakla kriegt ein Lämmchen«, nahm mich Großmutter in den Arm; dann schob sie mich plötzlich weg: »Du musst nur schön hier warten! Wenn sie es hat, dann zeige ich es dir, und du darfst mit ihm spielen, aber erst morgen früh!«
Wer bringt es ihr denn?, wollte ich fragen, aber ich schwieg, da ich ahnte, dass Wakla das Lämmchen doch von niemandem gebracht kriegte, sondern ... sondern was? Maminka guckte mich besorgt an:
»Ich muss jetzt aber wirklich gehen, sonst wird Djado schimpfen«, und verließ die Wohnstube, eingemummt in ein Wolltuch, mit einer alten Decke im Arm.
Ich fühlte mich, als hätte ich hohes Fieber, als würde ich von etwas schrecklich Aufregendem träumen. Ich war nahe daran, ein fürchterliches Geheimnis aufzudecken. Hier sitzen und warten? Nein! Ich zog meine Stiefel an, Maminkas Strickjacke, setzte irgendetwas auf den Kopf und lief zum Stall. Ein Windstoß warf eine ganze Lawine Schnee über mich. Ich schloss meinen Mund fest, ging zum Stall, wo zwei Laternen brannten, doch traute ich mich zuerst nicht, hineinzugehen. Durch den Spalt zweier Bretter sah ich Großmutter und Großvater, die mit Wakla zu kämpfen schienen. Was machen die denn bloß mit ihr?
»Ist schon gut, gut so ... jaja ... noch ein bisschen ...«, hörte ich Maminkas liebevolle Stimme.
Plötzlich nahm Djado die Laterne vom Balken herunter und stellte sie auf den Boden; ich sank automatisch auf die Knie, tief in den Schnee, presste mein Gesicht zwischen die wackeligen Bretter und schaute gebannt in den Lichtkreis, und was ich da sah ... Ich war entsetzt. Maminkas Hand zog Wakla mit aller Kraft am Schwanz und massierte ihren runden Leib. Djado war irgendwie mit ihren Beinen beschäftigt, und dann auf einmal kam unter dem Schwanz der Kopf eines Lämmchens hervor. Ich biss mir in die Faust, um festzustellen, ob ich wachte oder träumte, und sah, wie ganz schnell im Lichtkreis aus Waklas Leib das ganze Lämmchen fluppte, blutbedeckt. Ich fror. Djado und Maminka freuten sich, Wakla drehte sich wohlig um, und ihre raue Zunge leckte das Kleine ... Plötzlich fiel es mir ein, dass ich hier erfrieren könnte, dass ich hier gar nicht sein durfte und dass ich etwas Fürchterliches gesehen hatte.
Ich stand auf, kämpfte mit dem Schnee und konnte meinen Mund nicht schließen. Der Weg zur Wohnstube schien mir unendlich. Wenn es bloß aufhören würde zu schneien! Dann weinte ich los, laut, so laut ich nur konnte, ich wollte sterben, ich starb nicht, Maminka kam, nahm mich an die Hand, und weiter wusste ich nicht mehr.
Als ich erwachte, war ich krank. Neben mir auf dem Boden, eingewickelt in die alte Decke, lag das schwarze Lämmchen, sauber, so glänzend und sauber, dass ich meinen Augen nicht trauen wollte. Mir wurde ein scheußliches Pulver gegeben. Es klebte am Gaumen und war bitter. Ich musste es hinunterschlucken. Erst dann durfte ich das Lämmchen streicheln. Dann schlief ich wieder ein. Zwei Wochen lang blieb ich im Bett. Draußen hörte es gar nicht mehr auf zu schneien.
»Sämtliche Bahnlinien in unserem Bezirk sind eingeschneit«, Maminka beugte sich über mich, »daher können deine Eltern nicht kommen. Die Donau ist zugefroren, die Wölfe vom anderen Ufer gehen auf dem Eis spazieren ... am helllichten Tage haben sie einen Mann und ein Kind gerissen, und das in der Stadt!«
Ich musste Maminka in die Hand versprechen, dass ich meinen Eltern nichts von der Krankheit sagen würde, wenn sie wieder da waren.
12
Jeden Abend saßen die Frauen der Nachbarschaft auf der Straße. Manche auf dem Bürgersteig, andere auf der Bank vor unserem Haus. Es wurde gesponnen, gestrickt, aufgeribbelt, genäht; Kirschen wurden entsteint, Marmeladenrezepte besprochen, Hochzeiten geplant. Dabei beobachtete man uns Kinder, wie wir in den Eingängen verschwanden, tuschelten, einander jagten und den Tag hinausschoben bis in die Nacht hinein.
Am Ende des Dorfplatzes, vor Lelja Petras Haus, versammelten sich die Brigadiere, planten das Bestellen der Felder, zankten sich um nicht korrekt aufgeschriebene Arbeitstage, die sogenannten Trudodni, und verließen den provisorischen Klub mit dem Auftrag, jeden an die nächste Volksfrontversammlung zu erinnern. Langsam dunkelten ihre Arbeitsjacken und -hosen nach, schemenhaft blieb nur ihre Bewegung übrig, die Umrisse der einzelnen Gestalten wurden gegen den Himmel schwarz gestanzt, hin und wieder glühten die von den Zigaretten erleuchteten Gesichter auf. Die Brigadiere verließen den Dorfplatz, während die Dorfgrillen um die Wette zirpten. Da zirpten die Sterne mit und zitterten, und vor lauter Zittern verloren sie hin und wieder den Halt und stürzten ab über der Wasserstelle. Da kehrten die Schafe zurück und die Pferde und die Frauen der Siebten Brigade, und das Weiß ihrer Augen und ihrer Kopftücher beunruhigte das Abendblau und die Männer auf dem Weg nach Hause.
Zu Hause folge ich Maminka in die Sommerküche.
»Wissen meine Eltern eigentlich, dass ich für die neuen Schulbücher sieben Kilo Kamille pflücken muss?«
Maminka zündet das Feuer an.
»Woher soll ich das denn wissen, Mila? Hast du es ihnen schon gesagt?« Das Grün ihrer Augen sieht gefährlich und fremd aus.
»Nein ... ich habe es ihnen noch nicht gesagt, aber ich dachte, du ...«
Großmutter legt einige grüne Paprikaschoten ins Feuer. Auf der Oberfläche der Schoten bilden sich Blasen, die Hautblasen blähen sich auf, werden schwarz, platzen auf.
»Lass es lieber sein, Mila.« Sie fasst die ersten heißen Paprikaschoten an, dreht sie um. »Deine Eltern machen sich nur Sorgen, und helfen können sie dir ja doch nicht!«
Und ich fürchte mich vor den Feuerzungen, die ihre Hand lecken, aber es macht ihr nichts aus. Mutters Hände würden das nicht aushalten. Die Haut der ersten Paprikaschote platzt auf, platzt laut, ein harmloses Geschoss in der Nacht.
»Ich weiß, Maminka ... ich tue es nicht ...«, und im nächsten Moment platzen die anderen Paprikaschoten auf.
Mit der Zeit lernte ich die feinen Abstufungen von Schweigen, Verschweigen und Lügen kennen und ertappte mich oft bei dem Versuch, mein Verhalten in diesem magischen Dreieck so unauffällig wie möglich Wurzeln schlagen zu lassen, und es gelang mir ausgezeichnet. Maminka und ich waren zwei Verbündete. Unsere Losung hieß: Die Eltern dürfen nicht aufgeregt werden! Also verschwieg sie ihnen fast alle meine Anginen und Kinderkrankheiten und erzählte davon erst hinterher, wenn alles längst vorbei und überstanden war. Und ich schob meinen Felsen von schlechtem Gewissen vor mir her.
»Du sollst ja nicht lügen, das hat sogar Gott befohlen ... aber er hat nicht gesagt, dass wir nicht schweigen dürfen ... nicht wahr, Mila?« Und Maminka schwieg.
Nein, lügen wollte sie nicht, und so verschwieg sie vor meinen Eltern alles, was ihre Vorstellung von unserem harmonischen Landleben trüben konnte: Großvaters Sauforgien in seiner ehemaligen, schon längst verstaatlichten Kneipe, die Prügel, die er ihr – auch in meinem Beisein – regelmäßig verabreichte, den Zank und den Streit um Geld, wie sie ihn immer tot wünschte, wenn er ihr mal wieder kein Geld gab ... Nie hatte sie eigenes Geld gehabt, nie hatte sie etwas kaufen dürfen ohne seine Erlaubnis, nicht mal Zucker und Salz. Er versoff es in regelmäßigen Abständen, dann blieb Djado tagelang weg, arbeitete Tag und Nacht, machte Überstunden mit dem Traktor, der ihm längst auch nicht mehr gehörte, fuhr plötzlich nach Devnja ans Meer und brachte Delphinfilet, schwarz und luftgetrocknet, in süßer Paprika und schwarzem Pfeffer gewälzt, mit.
»Esst, esst, damit ihr seht, was für eine Delikatesse das ist, das ist eine De-li-ka-tes-se, sag’ ich euch. Esst, sowas gibt’s nur einmal im Jahr!«
Später gab es das schwarze Delphinfilet nicht mehr; dann brachte er Mispeln, die wir länger als drei Tage auf einer Zeitung liegen ließen, bis sie braun wurden und ich sie zwischen den Zähnen ausquetschen und aussaugen und das weiche Fruchtfleisch von den Fingern ablecken durfte.
Maminka und ich waren Verbündete. Das Schweigen übte ich, das Verschweigen kam von selbst, und ich verfolgte mit Neugier Großmutters Hinübergleiten zum Lügen: mühelos und unbeschwert. Es kam mir vor, als ginge sie auf einer Hängebrücke, auf der sie schwebte, einem unsichtbaren Ufer entgegen, auf dem alles nur noch ihrer eigenen Vorstellung von Harmonie entsprach. Das Fesselnde daran war, dass diese Brücke mit einem Fuß in der Gegenwart ruhte, aber, irgendwelchen unglaublichen Gesetzen folgend, ohne einen zweiten Stützpunkt auskam: Maminka ging und knüpfte stets einen neuen Schritt, während sie mir die fertiggeknüpfte Brücke anbot. Ich schwebte zwischen Realität und Wunschvorstellung, und jeder Schritt war eine Bestätigung von ihrem Seiltanz zwischen Schweigen und Lügen. Manchmal drohte da etwas in mir zu reißen. Ich empfing Schläge, die mir von innen versetzt wurden, und ich übte mich, sie aufrecht zu empfangen. Niemals fragten meine Eltern, ob etwas schlecht gewesen sei, sondern immer nur, ob es gut gewesen sei.
Vater schneidet hauchdünne Scheiben von der luftgetrockneten Lukanka-Wurst ab. Wir sitzen draußen am Tisch, es ist ein warmer Sommerabend, Djado hat den Pflaumenschnaps in die Schnapsgläser eingefüllt.
»Wie war es denn vorige Woche?« Vater steckt beiläufig eine hauchdünne Scheibe in den Mund. Mit »vorige Woche« meint er den Geburtstag von Djado Ilija, einem Verwandten.
»Schön war das.«
»Schön war das«, wiederholt auch Maminka, »es war wirklich schön«, bestätigt sie sogar und schon hat sie mir einen Blick zugeworfen. Und ich sehe meinen Großvater mit blutunterlaufenen Augen zum Messer greifen, das Messer dicht vor dem Gesicht seines Schwagers schwenken.
»Es war eine schöne Geburtstagsfeier.« Großmutter richtet die Zwiebeln und die Gurken und die Tomaten auf dem Teller an. »Mamka wi!«, dieser obszöne Fluch ... und das Messer steckt mit der Spitze in der Tischplatte dicht vor dem Teller des Schwagers, der, blass vor Angst, mit offenem Mund zittert und es nicht wagt, aufzustehen. Maminka bricht das selbstgebackene Fladenbrot an.
»Eine schöne Feier war das! Eine schöne Feier!«, wiederhole ich, ruhig wie sie, und ich erinnere mich nicht mehr an den Grund dieses Ausbruchs. Die »roten Ärsche« waren sicherlich schuld daran, und die roten Ärsche sind die Kommunisten, das weiß ich mit Sicherheit; aus Djados Flüchen geht immer hervor, dass es die Kommunisten sind. Etwas in mir zieht mich gewaltig zum Boden hinab, etwas möchte reißen und mir einen befreienden Schrei bescheren, aber der Schrei bleibt aus. Nur mein schlechtes Gewissen hält sich die Ohren zu und kauert sich unter den Tisch. Beiläufig versetze ich ihm einen knappen Fußtritt in den Hintern.
»Alles war schön, nur Baba Minka, die Schwägerin, hatte zu viele Peperoni ins Essen gegeben ... ihr wisst ja, wie scharf sie kocht!«
13
So wie es ein »anderes Zimmer« gab, gab es auch die »andere Großmutter«, Vaters Mutter, zu der ich in den Sommerferien fuhr.
»Da war die Sache mit den Pilzen«, fing ich eines Tages an, »die ich niemandem erzählen werde, noch nicht mal, wenn mich die Faschisten auf den elektrischen Stuhl fesseln würden, würde ich darüber reden.«
Und Mara lächelte spöttisch:
»Warum sprichste denn davon, wenn du es mir doch gar nicht sagen willst ...?«
Und ich schwieg.
Es geschah in den ersten Schulferien, die ich bei Baba Dotschka, der »anderen Großmutter«, verbrachte. Ich wurde von unserer Nachbarin Kaka Welitschka zum Abendbrot eingeladen. »Du kannst auch bei mir schlafen«, und ich war überglücklich. Mir war, als würde ich bei Mutter schlafen. Kaka Welitschka war eine schöne, schwarzhaarige junge Frau mit ganz heller Haut und pechschwarzen Augen. Sie ähnelte meiner Mutter erstaunlich in ihrer ganzen Erscheinung, in ihrer zärtlichen Art. Bloß die Augen waren anders. Mutters Augen waren hell wie Honig. Kaka Welitschka war für mich an jenem Abend meine Mutter, die ich seit einem Monat nicht mehr gesehen hatte, und ich war bereit, alles für sie zu tun, alles, wozu sie mich nur aufforderte, ich wollte nur brav und glücklich sein.
Ihr Haus war für mich jahrelang der Inbegriff eines großen städtischen Hauses, obwohl es im Dorf stand. Es war sauber, kühl, ordentlich, mit einer Freitreppe, Kacheln davor, und mit einer richtigen Holztreppe innen, die zum Obergeschoss führte. Es gab dort große Schränke mit dunkler Politur und winzigen gehäkelten Deckchen darauf, es gab sogar Blumen in Blumentöpfen, die ich kaum kannte. An unseren Fensterbänken in der Stadt würde nicht mal Unkraut gedeihen, seitdem uns das neue Wohnhaus vors Fenster gebaut worden war und uns den letzten Rest Sonne wegnahm, und bei Maminka wuchs nur Tomaten- und Paprikasaat an den Fenstern. Hin und wieder gab es dort eine Geranie, die aber schnellstens in den Garten verpflanzt wurde, sobald die Sonne warm genug war. So wuchsen Blumen und Gemüse nebeneinander, und das Blumenzüchten wie in Kaka Welitschkas Haus war mir unbekannt. Welch einen Aufwand sie beim Tischdecken trieb! Weiße Tischdecke, ein großer flacher Teller vor mir, darauf eine kleine hübsche Porzellanschüssel für die Suppe.
»So eine Verschwendung«, sagte ich, »du hast wohl viel Zeit!«
Bei uns zu Hause in der Stadt wurde der Tisch nur am Sonntag auf diese Weise gedeckt. Sonst wurde ein Papierbogen oder eine Zeitung auf dem Tisch ausgelegt. Das Papier fing die Suppentropfen und die Brotkrümel auf. Das Tuch blieb sauber, und die zusammengeknüllte Zeitung wanderte in den Mülleimer. Diese weiße Decke, das feine Geschirr, das viele Geschirr für das bisschen Essen ... So ein Unterschied zu dem Henkelmann, den meine Eltern aus der Schulmensa mit nach Hause brachten! Ich hätte Kaka Welitschka gerne gefragt, was sie eigentlich war, was für einen Beruf sie hatte, aber ich konnte es nicht. Die Bäuerinnen mit ihrer ledernen Haut und die Frauen aus der Stadt mit ihrem gehetzten Blick ... Kaka Welitschka schien ganz anders zu sein mit ihren ruhigen Bewegungen, mit ihrem Blick, der »Ich habe viel Zeit!« zu sagen schien. Ich wollte sie nicht fragen, und ich fragte sie doch.
»Ich bin das, was du hier siehst, Kleines ... das hier ...«, und sie schaute sich um und schwenkte den Arm durch den Raum. Der Bogen umfasste nicht nur das Wohnzimmer samt den Blumentöpfen, der geschwungenen Holztreppe und den gehäkelten Deckchen, sondern das ganze Haus von innen und außen samt Garten und Hof. »Ich bin eine Domakinja, eine Hausfrau, das bin ich!« Sie zuckte mit den molligrunden Schultern, als wären ihr Ameisen den Rücken hinaufgelaufen. Das Wort »Domakinja« kam mir immer fremd und geziert vor, es war mir immer peinlich, es auszusprechen.
»Heißt du denn so, weil du eine Frau bist, die bloß zu Hause sitzt: Haus-Frau?«
Kaka Welitschka schlug sich mit den Händen auf die Oberschenkel, genauso wie es die Bäuerinnen taten, wenn sie plötzlich erfreut oder überrascht waren, und ich wurde dieses peinliche Gefühl, das mir dieses fremde Wort verursachte, auf einmal los.
»Weißt du eigentlich, wie viel Arbeit es in einem Haus wie diesem gibt, Kind? Nimm doch nur den Abwasch ...« – sie füllte mir die Schüssel mit Suppe – »... wir sind ja vier Personen!«
Und auf meine Bemerkung: »Du hast aber auch viele Teller auf dem Tisch, kein Wunder, dass du so viel spülen musst«, lächelte sie nur.
»Hier, nimm von den Pilzen!«
Ich bekam einen Klacks Sauce mit Pilzen, dazu frisches Brot. »Der Schwiegervater hat sie in der Frühe selbst gesammelt.« Ich probierte vorsichtig das unbekannte Essen. Ich wusste nur: Pilze waren Mutters Lieblingsessen. Also schmeckten sie mir. Da ich die Hühnersuppe vorher gegessen hatte, probierte ich nur und ließ alles stehen.
Danach brachte Kaka Welitschka eine Schüssel voll Kirschen, klein und schwarz. Ich sah durch die offene Tür hinaus: Auf den Kacheln platzten bei jedem leichten Windstoß die kleinen schwarzen, überreifen Kirschen und hinterließen dunkelrote, fast blaue Kränze. Bienen und Wespen stürzten sich gierig darauf.
Die Schatten im Zimmer dehnen sich, werden schräger. Die Wände leuchten abendlich rot. Die Sonne platzt hinter dem Kirschbaum und hinterlässt rotblaue Kränze am Himmel. Die dunklen, süßen Früchte der Erwartung in mir sind auch zum Platzen reif. Mutter, die ich so lange nicht gesehen habe, lauert irgendwo in der Nähe, Kaka Welitschka reicht mir die Hand, jetzt ist es soweit, und wir steigen die Holztreppe hinauf. Durch das Treppengeländer sehe ich, wie die Schatten der Topfpflanzen mit den Schatten der Stuhllehnen eins werden: Das ist die Nacht.
Kaka Welitschka machte nur ein winziges Lämpchen an, streifte die Decke zurück und fing an, sich auszuziehen. Ich schämte mich wegen der Brüste, doch ich blickte hin und stellte fest, dass sie fast keine Warzen besaß. Mutters Brüste dagegen waren anders: Die Brustwarzen waren groß und braun. Vielleicht waren Mutters Brüste auch mal so rosig, so anders ... In ihrem weißen Nachthemd und mit den schulterlangen schwarzen Haaren sah ich Schneewittchen und Mutter zugleich. Mich fror es, und ich schlüpfte in die kühlen Laken, legte mich auf die Seite, machte mich klein und dachte, dass ich sie gar nicht berühren sollte, damit der Zauber nicht verging. Sie nahm mich aber in den Arm, küsste mich auf die Stirn:
»Gute Nacht, mein Kleines«, und ich sank in ihren Duft und schlief ein.
Ich sinke in eine Flut aus Haut und regelmäßigen Atemzügen. Ich sehe das Meer, spiegelglatt. Ich schwebe auf einer unsichtbaren Luftmatratze, schwebe über dem grünen Wasser und schlafe. Ich sehe, wie sich die Oberfläche des Meeres kräuselt, die Luftmatratze wird von einer Welle erfasst und beinahe umgeschmissen. Ich spüre die Welle von innen, in mir selbst, obwohl ich gleichzeitig sehe, wie sie aufsteigt und mich umzureißen droht. Da kommen neue Wellen auf mich zu, ich verliere das Gleichgewicht und werde irgendwohin geschleudert.
Mein Kopf dröhnt – werde wach – und tut weh, ich schreie, und übergebe mich.
Kaka Welitschka sprang auf, hielt mich fest. »Die Pilze! Die Pilze!« Ich zitterte am ganzen Leib. »Schwöre mir, dass du es niemandem sagst, Kleines!«, und mich schüttelte es, dass mir die Zähne klapperten. »Beim Leben deiner Mutter, sag nichts, bitte! Sag nichts, Kleines!« Meine Zähne klapperten weiter, und ich übergab mich mehrmals, bis ich völlig erschöpft ins Bett zurücksank.
Als ich die Augen endgültig aufschlug, massierte mich Kaka Welitschka mit einem heißen nassen Leinentuch. Sie bekreuzigte mich ein paarmal, und ich schämte mich wegen dieser Bewegung und wunderte mich, dass sie mich bekreuzigte, da ich doch nie im Leben mit Gott zu tun gehabt hatte.
»Ich sag’ wirklich nichts, ich schwöre es dir!« Später kam die Angst.
Heute weiß ich, dass es nicht die Angst vor dem Sterben war. Es war die Angst vor dem Umsonststerben.
14
Nie war ich mit mir einig, wenn ich an meinen Großvater dachte. Liebte ich ihn? Warum zweifelte ich daran? Weil er trank? Weil er auf die Kommunisten fluchte und auf die Amerikaner wartete? Weil er Maminka verprügelte, wann immer sie sich für »die Heutigen« einsetzte und um Geld bat? Weil ich Angst vor seinen wutunterlaufenen Augen hatte und weil er den Organisationsleiter für verrückt hielt? Eins stand fest: Solche wie Großvater gab es nur noch zwei im ganzen Dorf: den Popen und Baba Penas Mann. Alle drei hießen »Iwan« mit Vornamen.
Nüchtern war mein Djado Iwan eigentlich nur, wenn er mit dem Traktor oder mit der Mähmaschine aufs Feld hinausfuhr oder wenn er als Schlachter engagiert wurde. Dies alles ging mir durch den Kopf an einem der heißen Nachmittage, erfüllt mit Umschauhalten nach jenem Etwas, das mir trotz der Lektüre von »Du und Ich«, trotz der Gestalten meiner Heldinnen Soja Kosmodemjanskaja und Rajna der Königin verborgen blieb und mich immer wieder elektrisierte. Heiß war es. Ich leckte meine Oberlippe: salzig. Ich dachte an Großvater, an den Winter, wie er da am Herd saß, seine Wollsocken auszog und auf dem Kessel mit dem heißen Wasser trocknete, Apfelschalen röstete und Maminka im Auge behielt, während sie Fleisch- oder Bohnensuppe kochte.
»Was knappst du denn mit dem Wasser so rum?« Nie gab er sich mit wenig Suppe zufrieden. »Wasser, mehr Wasser sollst du reingießen!« Nie ließ er sich die Gelegenheit entgehen, mit seinem verstümmelten Zeigefinger zu protzen. »Nein, Soldat wollte ich nie werden! Mich da von einem dummen Arsch antreiben und herumkommandieren lassen? Nicht mit mir!« Außerdem wäre ihm das Geschäft kaputtgegangen, wenn er nicht daheimgeblieben wäre. Er ist stolz auf sich selbst, auf alles, was er mal besessen hat: ein Drittel der Dorfländereien, eine der zwei Dorfkneipen, eine Mähmaschine und die einzige Krempel in der ganzen Region. Da brachten die Bauern die frischgeschorene Schafwolle zu Djado und ließen sie bei ihm krempeln. »Ein Geschäft, das sag’ ich dir, Mila!«
Einen Augenblick lang vergisst er, wovon er spricht. Die ganze Küche riecht nach Bohnen und Fleisch, nach Bohnenkraut, billigem Tabak und nach seinem Schweiß. Wie im Traum gießt er heißes Wasser auf den heißen Backstein, das Zischen und der Dampf rufen ihn aus seinen Gedanken zurück, und die Schatten der armseligen Dinge in der Küche verdichten sich zu gleichmäßigem Dunkel. Großvater erzählt, und während er erzählt, verlässt ihn die Zeit: Plötzlich hat er seinen schwarzen Schopf wieder, und die frechen Augen strahlen, und ich sehe ihn die Halle betreten, wo die Krempel steht, eine Flasche Pflaumenschnaps in der Hand. Er gießt ein halbes Wasserglas voll und stellt es auf die Bank neben der Krempel, macht den Deckel der Maschine auf. Die Stahlzähne schimmern matt, als würden sie lächeln, und das, was dann kommt, schnürt meine Kehle zu, denn ich weiß, was kommt, und mir wird es flau im Magen, denn Großvater steckt seinen rechten Zeigefinger zwischen die Zähne der Krempel, und die Krempel ist immer hungrig ... Mit dem Zischen des heißen Wassers auf den Backsteinen kehrt die Zeit in Djados Gesicht zurück, er zeigt mir den verstümmelten Zeigefinger. Er hatte ihn sofort in den Schnaps getunkt, gleichzeitig die Flasche geleert und war zu Maminka gerannt.
»Mich holen sie nicht mehr! Mich in die Kaserne einsperren? Nein!«
Maminka rührt im Topf herum.
»So einer ist das, Mila!« Maminka gießt etwas Wasser nach und stellt den Kessel wieder auf die Herdplatte. »Mach dem Kind keine Angst, du Protznase, du! Und sowas nennt sich Patriot!«
»Nochmal!« Djado greift zum Kessel. »Nicht mal das Kochen konnte ich dir in dreißig Jahren beibringen! Was knappst du denn mit dem Wasser so rum!«
»Nicht mal das Kochen ...«
Dies war der Anfang eines Streits, der gewöhnlich damit endete, dass Djado zum Trost noch einen Schnaps kippte und den Weg zur Kneipe einschlug. Wenn Großvater aber zum Schlachten erwartet wurde, blieb er eisern. Er ging immer nüchtern hin. Jedes Mal ließ er sich mit Fleisch ausbezahlen. Fast zwei Monate lang hatten wir dann regelmäßig Fleisch auf dem Tisch, mindestens zweimal in der Woche. Nichts schmeckte so gut wie gebratenes Fleisch! Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir jeden Tag Fleischgerichte gegessen. Doch wir lebten in einer mageren Zeit.
Ich gehe durch das Dorf, und es ist Sommer. Ich denke immer noch an Djado – und an das faszinierende Spiel der Jahreszeiten in meinem Kopf. Ich komme mir allmächtig vor, denn ich brauche nicht mal die Augen zu schließen, um den Winter zu rufen, die Zeit zu verlängern oder sie zu verkürzen, die unendliche Freiheit, die Zauberei im Kopf, ja, alles, was ich bewirken kann. Ich denke an Djado. Ich gehe jetzt durch verschneite Straßen. Es schaudert mich vor allem an Sonntagen, denn sonntags werden die Schweine geschlachtet. Da schreien wenigstens drei oder vier Tiere auf einmal. Jetzt werden sie mit den Messern durchbohrt, je ungeschickter der Schlachter, desto länger die Qual für das Tier. Ich bin stolz auf Djado. Bei ihm gibt es kein Gebrüll: ein Stich, ein Schrei, und das Tier ist erlöst.
Unser Schwein weiß nicht, dass es geschlachtet wird. Unser Schwein bekommt einen letzten Napf mit aufgeweichten Brotkrusten und Gemüseresten. Es grunzt vergnügt, es schmatzt und wedelt mit dem Ringelschwänzchen. Der Schneeduft zittert, ein Feuer frisst sich in die Schneedecke hinein, in der Nähe des Holzstapels. Da kommen sie am Nussbaum vorbei, treten breitbeinig in den Schnee, die Männer – Djados Helfer. Großvater hat seine schwarzrot karierte alte Wolljacke und die Schirmmütze an, er befühlt die Klingen der zwei Messer liebevoll mit dem verstümmelten Zeigefinger – sie sind gut gewetzt. Er spuckt in den Schnee und stampft darin herum. Die Männer hinter ihm spucken nacheinander, stampfen mit den Schuhen. Ich laufe und halte mir die Ohren zu, ich laufe nicht schnell genug. Maminka holt mich ein. Sie hält mir die Ohren zu. Ich schreie lauter als das Schwein, sein Quieken geht in meinem Schrei unter. Großmutter holt eine neue Flasche Pflaumenschnaps aus dem »anderen Zimmer«.
»Nachher wird’s toll schmecken, Mila!«
Ich schaue durchs Fenster: Der Schnee im Hof ist breitgetreten, mit Blut bespritzt. Ein großer, knallroter Kreis, der zur Mitte hin immer dunkler und matschiger wird, dunkler, bis er ganz schwarz gähnt, dort, wo unser Schwein mit aufgeschnittener Kehle und aufgerissenem Maul liegt. Ich gehe hinaus. Ich rieche den Schnee. Der Schnee riecht nach Blut und versengten Borsten. Die Männer stehen im Kreis herum, ein Gläschen heißen, süßen Pflaumenschnaps in der Linken, ein Stück zartgebrannter Schweinehaut von der Hüfte, dort, wo sie am zartesten ist, in der Rechten, die Stiefel im Boden festgewachsen, im blutigen Schlamm. Djado reicht mir ein frischgegrilltes Stückchen Schweinehaut.
»Nimm, sei nicht dumm, das ist eine Delikatesse!«
Und ich esse. Es schmeckt gut: gleichzeitig geräuchert und gebraten.
Ich vermied es nur, dabei unser Schwein anzuschauen, das nur einen Schritt weit entfernt von mir hing und immer noch warm war.
15
Der Sommer ist lang. Jede Geschichte ist lang. Und am Anfang jeder Geschichte, die Großvater oder Großmutter erzählen, befindet sich etwas Bestimmtes, ein Ding, das man anfassen und sehen kann: ein Kinderzeh, ein Knopf, ein verstümmelter Zeigefinger, eine Stricknadel, eine Goldsuchuhr, ein besoffenes Huhn sogar!
Da ist sie, »die goldene Truhe«, wie ich sie immer nenne. Jedes Mal wird mir ein wenig unheimlich, wenn wir uns dieser Truhe nähern. Sie ist mit blaugoldgrünem Blech beschlagen. Auf der Vorderseite entfalten zwei prächtige Pfauen ihre Flügel. Durch das Oberlicht linst ein Sonnenstrahl und verfängt sich in einem Auge der Federpracht; ich bin geblendet und glaube an irgendeine magische Kraft, die durch die geschlossene Truhe herüber zu mir dringt, und ich kann mich dagegen gar nicht wehren. Maminka streichelt den hübschen Deckel.
»Hast du Angst, Mila?«
»Ich habe keine Angst, ich nicht, nur meine Knie und mein Bauch haben Angst, nicht ich!« Und ich berühre das Blech, ahme ihre Berührung nach.
»Klack«, meldet sich die rostige Stimme des Verschlusses, und Maminkas Hände heben vorsichtig den gewölbten Deckel hoch. Ich atme den Geruch des Mottenpulvers ein. Großmutter hebt eine seit ewigen Zeiten nicht mehr getragene Bauerntracht heraus. Der schwarze Plisseerock, Karljanka genannt, fällt schwer unter dem Gewicht der roten Stickerei. Ich fahre mit erregten Fingern über den rauen, handgewebten Stoff.
»Sag bloß, ihr habt das auch im Sommer getragen!«
Sie holt das weiße Leinenhemd heraus. »Na klar! Wir haben ja höchstens zwei Röcke gehabt!« Reichlich weinrotschwarz bestickt ist das Hemd, und sie legt es vorsichtig an. »Nur das Hemd wurde öfter gewechselt, Mila.« Sie legt die Taille des Hemdes an ihre eigene, über der nicht allzu frischen Schürze ...
Und was war mit der Buxe?, will ich fragen, aber Maminka errät meine Gedanken.
»Und wenn es ganz heiß wurde, haben wir eben die Buxe ausgelassen! Aber wollten wir nicht den schönsten Knopf der Welt sehen?« Großmutter wechselt das Thema schneller, als mir lieb ist.
Ich würde sie gerne fragen, ob sie wie Urgroßmutter im Stehen gepinkelt hat ...
Der Mantel. Er ist schöner, als ich gedacht hatte. Ich kannte ihn nur aus Maminkas Erzählungen von der 1. Mai-Manifestation, wegen der Großvater meine Mutter fast umgebracht hätte ... Und da geht so ein Mädchen durch die Straßen und marschiert mit den Roten, während die Roten seinem Vater zu Hause alles unterm Hintern wegtragen, weil ihm nichts mehr gehört, weil alles dem Staat gehört, die Krempel und die Kneipe, der Traktor und die Mähmaschine und das ganze Land. Und die Kleine, die fast zwanzig ist, singt die Internationale, eine Aktivistin, hübsch wie ein Tautropfen, die dunklen Haare in zwei dicken Zöpfen – und der Mantel ... Sie sieht nicht nach Arbeiterklasse aus, da sie den Mantel trägt, den grünen Zaubermantel, der ihren verschlissenen Rock versteckt.
»Sieh dir das mal an! Die ist bestimmt aus Amerika angereist! Eine Dame ist das!«
»Ach was! Das ist doch die Tochter von Iwan Djulgerov ... die haben die Tante in Amerika ...«
Ich schaue mir den Mantel an, ich möchte meine Mutter sein, meine Mutter mit neunzehn, ich möchte eine Heldin sein, die weiß, dass sie zu Hause umgebracht wird, wenn sie mit den Roten marschiert und die Internationale singt, aber der Knopf, der Knopf ist am schönsten! Er ist fast so groß wie meine Handfläche, bloß die Finger ragen darüber hinaus. Er ist durchsichtig und sieht aus wie eine runde Blume, bloß die Spitzen der Blüte sind schwarz. Der olivfarbene Wollstoff schimmert hindurch, und der Knopf sieht grün aus.
Maminka legt den Mantel vorsichtig in die Truhe zurück.
»Daraus machen wir einen tollen Mantel für dich, Mila, so wie ich früher die Röcke deiner Mutter aus Djados Hosen genäht habe, es gab ja nichts!«
Ich würde gern den Mantel tragen, ich möchte auch, dass sich die Leute nach mir umdrehen, ich möchte auch die Internationale lauthals singen, nur: Auf mich wartet niemand zu Hause, der mich umbringen will ... Und egal, was ich tue, es ist nie eine Heldentat! Ich möchte Soja Kosmodemjanskaja, Rajna die Königin und meine Mutter zugleich sein, ich möchte für die Freiheit sterben, den schicken Mantel an.
»Was hat denn Djado eigentlich getan, als er erfahren hatte, dass Mutter ...«
»Was soll er schon getan haben?« Maminka klappt den Deckel zu. »Er ist aus Protest gegen die Mai-Manifestation in die Kneipe gegangen. Am anderen Morgen fand man ihn unter einem der Tische wieder, und deine Mutter war schon längst in die Stadt gefahren. Das waren Zeiten!«
16
Vor der Dorfbibliothek wirbelte der Wind lauter Staubwolken auf. Sie liegt an einer Kreuzung. Zwei Stufen über der Straße und schon war man im Lese- und Ausleihsaal. Hier war es dunkel, kühl und still, und es gab keinen anderen Platz im Dorf, an dem ich mich lieber aufgehalten hätte. Links – der lange Tisch mit den Zeitungen. Djado behauptete, sie seien alle überflüssig, da sie alle dasselbe erzählten. Ich las keine Zeitungen und glaubte, niemals welche zu lesen, weil sie zu sehr knisterten. Wenn ich bei meinen Eltern zu Besuch war und wir beisammensaßen und lasen, beobachtete ich Vater, wie er die Seiten umständlich wendete und unerträglich knisterte, und ich wartete nur darauf, dass er nach einem Buch griff. Der Raum faszinierte mich. Rechts an der Wand die Kinderbücher und alles, was Jugendliche lesen durften. Quer im Raum – der Schreibtisch des Bibliothekars Bate Stefan. Er hatte das feinste Gesicht im ganzen Dorf, eine Stirn, die gar nicht enden wollte, und blasse Hände mit sehr langen Fingern, die die Bücher wie Säuglinge behandelten. Hinter seinem Rücken fing das Unbekannte an: Bücher in fremden Sprachen, wissenschaftliche Literatur, auch medizinische, Bücher für Erwachsene ... Ich nahm an, dass »Du und Ich« auch da irgendwo untergebracht war.
Ich nähere mich leise, und Bate Stefan hebt den Kopf und lächelt mich an.
»Hast du schon wieder alles ausgelesen?«
Ich reiche ihm die Sommerleseliste.
»Die mit den Häkchen, die hab’ ich schon mal gelesen.« Und ich drehe mich verstohlen um, als hätte ich jemand Unsichtbaren beim Lesen gestört.
Bate Stefan steht auf, verschwindet hinter den Regalen, kommt wieder zurück mit drei Büchern Pflichtlektüre. Er legt die Bücher vor mich hin.
»Da, alles Pflichtlektüre.« Er hakt zwei Titel auf meiner Liste ab mit der Begründung, dass ich keine drei Bücher über Mitko Palausov zu lesen bräuchte, sein Partisanenleben und sein Heldentod wären in einem der Bücher ausführlich genug beschrieben. Dann beugt er sich leicht vor, und seine Augen verraten, dass etwas Besonderes kommt. »Und das hier – ›Ewgenija Grande‹ – das liest du erst, wenn du die drei da ausgelesen hast, als Belohnung!«
»Eu-gé-nie Gran-det«, buchstabiere ich und spüre etwas Aufregendes beim Anblick des dicken, schnurrbärtigen Schriftstellers, etwas Aufregendes, das der braunweiße Umschlag verbirgt.
Bate Stefan zögert einen Augenblick lang, aber dann legt er das Buch entschieden auf die anderen. »Ich glaube nicht, dass ich es dir zu früh zu lesen gebe«, und gibt mir meine Lesekarte heraus.
Ich bin stolz, dass zwischen uns ein stillschweigendes Einvernehmen herrscht und er mir ohne Bedenken manchen Leckerbissen der großen Literatur »als Belohnung« für die Pflichtlektüre gibt. Ich verabschiede mich und gehe, gehe langsam an den Regalen vorbei und beneide Bate Stefan, dass er nichts anderes zu tun braucht als den ganzen Tag hier ...
»Müsst ihr nicht auch die Schönschrift üben?«
Seine Stimme holt mich ein. Mich trifft ein Schlag: die Schönschrift! Ich habe die Schönschrift vergessen! An die Kamille und an die Pflichtlektüre habe ich gedacht, aber nicht an die Schönschrift. Ich weiß nicht recht, ob ich mit Bate Stefan böse sein soll oder ob ich mich bei ihm bedanken soll.
Jeden Tag fünf Zeilen schön abschreiben, mit dem Datum versehen: Unser Lehrer in Sprache und Literatur hatte sich in den Kopf gesetzt, aus uns allen Schönschreiber zu machen ... Jetzt müsste ich mich hinsetzen und rückwirkend alles nachholen, für jeden Tag fünf Zeilen schreiben und dann weitermachen, bis ans Ende der Ferien. Ohne sieben Kilo Kamille keine Schulbücher, ohne Schönschrift und Pflichtlektüre keine guten Noten in Sprache, kein Friede während des ganzen neuen Schuljahres. Mein armes schlechtes Gewissen: Es saß schon am Tisch und schrieb fleißig, während ich den Lehrer, den Organisationsleiter und den ganzen langen Sommer verfluchte. Manchmal wollte ich sterben, für die Freiheit ... Ich wollte auch mit niemandem mehr über irgendetwas sprechen, sonst würde mir wohl doch noch etwas einfallen, was ich über der Kamille vergessen haben könnte, und das machte ich bestimmt nicht mehr mit. Kamille, Pflichtlektüre, Schönschrift. Das reichte wohl fürs ganze Leben.
Und ich hatte nur die Sommerferien.
17
Ich höre die Stimmen der Schafe, ihre Glocken. Ist es schon so spät geworden? Fast Abend. Der Wind legt sich an der Straße lang und ruht sich im Staub aus. Er hat genug vom Wirbeln. Jetzt brauchen die Bäuerinnen ihre Röcke nicht mehr festzuhalten. Sie steigen unbeschwert vom Lastwagen, der sie an der Dorfbäckerei wie eine Ladung aufgescheuchter Hühner freilässt. Manche stellen sich artig am Ende der Schlange an und kaufen noch Brot, dann schlendern sie langsam und vergnügt nach Hause, die Harke auf der Schulter, das weiße Kopftuch lässig vom Haar gerutscht – es ist die Stunde der Heimkehr. Viele gehen erst noch am Kindergarten vorbei und dann samt Harke, Brot und Kind nach Hause.
Ich war auch beim Bäcker vorbeigegangen und hatte ein Brot gekauft. Beim Öffnen des Tores merkte ich, dass ein Drittel des frischen Brotes weg war – ich hatte es aufgegessen.
»Maminkaaa!« Komisch, warum antwortete sie nicht? Sonst goss sie doch um diese Zeit das Gemüse. Ob etwas passiert war?
Ich legte die Bücher und das Brot auf den Tisch vor der Sommerküche und stürzte die Treppe herauf.
»Maminkaaa!«
Keine Antwort.
Sie liegt im Bett und klappert mit den Zähnen. Ich schlage die Tür zu, renne wie um mein Leben, hoffentlich stirbt sie nicht! An Rosenhecken und aufgescheuchten Gänsen vorbei, am Kindergarten vorbei, an der Kirche vorbei, hinab, den steilen Pfad an den Holunderbeeren vorbei, mein Atem stockt und brennt im Hals. Lieber Gott, lass sie leben! Lieber Gott, wenn es dich geben sollte, lass Maminka gesund werden! Hörst du! Die Füße bleiben stehen, ich bin nie gut im Laufen gewesen, immer die letzte, nur das Herz rast weiter, löst sich vom schweren Schritt, geht voran. Baba Penas Hof war plötzlich vor mir.
»Baba Penaaaa!«
Mein Schrei ging mir voran, der Hof lag still, abgeschirmt von der Straße durch den Weingarten. Ich lief quer durch die Reben bis zum Haus und tat mir an den Rebenwurzeln weh. Ich stürzte auf die Pergola. Baba Pena saß beinahe begraben unter einer Wolke aus frischgezupfter Schafwolle.
»Tach Kind!«
Sie zupfte ruhig weiter, und ich zog sie am Arm.
»Komm! Du musst sofort kommen, Maminka liegt im Bett und stirbt!«
»Moment mal ...», sie schob die Wolle vorsichtig beiseite, »was gibt’s denn?
Ich hob sie fast vom Boden.
»Nimm die Saugnäpfe und komm! Du sollst die Saugnäpfe mitbringen! Du bist doch eine halbe Ärztin!«
Baba Pena war eine sehr kleine Frau, so groß wie ich. Sie war Großmutters einzige Freundin. Da Maminka niemals ausging, war sie froh, dass »dieser Besen«, wie sie Baba Pena in deren Abwesenheit nannte, ihr alle Nachrichten vom Dorf mitbrachte. Sie war es, die Maminka jeden Tag informierte, was im Dorf los war, wer ins Krankenhaus gekommen war, wer Besuch aus der Stadt bekommen hatte. Ihr Mann war Großvaters Namensvetter und Freund. Beide Männer saßen stundenlang mit dem Popen zusammen in Djados ehemaliger Kneipe und »siebten die Politik«, wie Maminka zu sagen pflegte. Er war auch ein Geschädigter und gegen »die roten Ärsche«, sodass sie gut zueinander passten.
Baba Pena bleibt einen Augenblick stehen. »Ich kann nicht so schnell laufen, Kind!«
Ich bleibe auch stehen. Sie hält die Saugnäpfe und eine Streichholzschachtel in ihrer Schürze, und die Gläser klappern verräterisch. Jeder, der an uns vorbeigeht, weiß, dass Baba Pena jemanden kurieren wird. Ich bin ungeduldig. Ich habe Angst. Endlich geht Baba Pena weiter.
»Kommt dein Djado heute Abend vom Feld zurück?«
»Ich weiß es nicht! Ich glaube, er schläft bis Sonntag auf dem Feld. Sie sind mit dem Mähen noch nicht soweit, hat der Brigadier ausrichten lassen ...«
»Umso besser«, meint sie und steigt unsere steile, komische Treppe hinauf, »es ist auch keine Männersache.«
»Tach!« Maminka streckt ihr ihre dünne, sehr blasse Hand entgegen.
Baba Pena grüßt leise beim Eintreten und mustert ihre Freundin vom Kopf bis zu den zugedeckten Füßen.
»Hast du dich denn verhoben? Tut es weh?« Dann ordnet sie die Saugnäpfe auf dem Tisch. Sie schaut sich um. »Gib mir eine Scheibe Brot, Kind.«
Und ich hole ihr eine Scheibe Brot aus dem Brotfach.
Sie schneidet daraus langsam und vorsichtig zehn Würfel, steckt ein Streichholz mit dem Kopf nach oben in jedes Stückchen, dann streift sie geschäftsmäßig Maminkas Hemd hoch.
»Zieh dich aus!«
Großmutter gehorcht und gibt nur ein leises Stöhnen von sich.
»Mein ganzer Rücken, die Schultern, ich weiß nicht genau ...« Großmutter zieht das Hemd aus und legt sich auf dem Bauch.
Baba Pena sagt:
»Es dämmert ... mach das Licht an, Kind! Du wirst mir helfen, es muss schnell vor sich gehen. Du brauchst nur die Gläser anzuheben, wenn ich es dir sage, sonst nichts.«
Ich schlucke einige Male schnell hintereinander.
»Wie du meinst!«
Baba Pena setzt die zehn Würfel Brot mit den Streichhölzern auf Maminkas Rücken. Dann zündet sie ein Streichholz an und hält es in der Rechten, in der Linken das Glas, stülpt es schnell und geschickt darüber, sodass die Flamme ausgeht und das Glas sich in Maminkas Fleisch einsaugt. Zehnmal, bis Großmuttes Rücken wie mit Gläsern gespickt aussieht. Ich glaube den Geruch von verbranntem Fleisch zu spüren, das muss doch wehtun!
Maminka bleibt liegen, tröstet mich: »Das tut gut, Mila!«
Baba Pena setzt sich ans Bett, »Ziehen muss es jetzt«, beruhigt sie, und deckt Maminkas Rücken mit der Wolljacke zu.
»Was gibt’s Neues im Dorf, Pena?«, fragt Großmutter, als wäre sie schon geheilt.
»Petra Kojkina haben sie mit Blaulicht ins Krankenhaus, in die Stadt, gebracht.« Dieser Besen schaut durchs Fenster hinaus und senkt ihre Stimme. »Sie war wieder mal soweit und hat’s wohl allein versucht, da ist sie beinahe verblutet.«
Maminka flüstert »Pass auf, Pena!«, während ihr Blick mich verstohlen streift.
Ich meine, etwas von jenem geheimnisvollen Strom zu fühlen, der sich wieder um mich herum ausbreitet.
»Was hat sie denn gehabt, Baba Pena?«
»Was soll sie denn schon gehabt haben, Kind! Frauensachen sind das, misch dich da nicht ein!«, wimmelt sie mich ab.
Großmutter schweigt, und ich weiß, dass ich etwas Verbotenes gefragt habe.
»Komisch ...«, fährt Baba Pena fort, als wäre ich gar nicht im Zimmer, »bei der einen geht es gut, bei der anderen schief.«
Maminka möchte das Gespräch beenden, aber Baba Pena überhört sie:
»Wenn es soweit ist, muss jede ihr Joch selber tragen«. Ihr Gesicht ist von einer unbändigen Klatschsucht beseelt. »Mit einer Malvenwurzel! Mit einer Malvenwurzel hat sie es versucht ... so hat’s mir die Dicke Mita erzählt.« Sie setzt sich aufrechter, »Hab’ ich ja auch versucht, und es hat immer geklappt!«
»Was denn?«, höre ich mich laut rufen, und ich könnte Baba Pena hinausschmeißen, da sie mich so neugierig macht und doch nichts verrät.
»Geh du am besten spielen ...« Großmutter schickt mich hinaus, »geh Brot holen, und wenn du wieder da bist, mach ich dir was zum Abendessen.«
»Brot habe ich schon geholt!« Ich stehe abrupt auf, »Aber ich gehe nach draußen, wenn ich es nicht hören soll!«, sage ich trotzig.
»Wenn es darum geht, muss jede ihr Joch selbst tragen«, hatte Maminka gesagt. Was hatte sie bloß damit gemeint? Immer wieder diese Gespräche der Erwachsenen und dieses Mischdichnichtein! Und das Sichimmerwiederfügen und das Zimmerverlassen, wenn es am interessantesten wurde!
Ich ging hinaus und wusste wieder mal nicht, was ich mit mir anfangen sollte. Der Sommertag war so lang, dass ich am liebsten auf die Straße gegangen wäre. Doch ich hatte Angst, der Herde der Kooperative zu begegnen. Die Pferde ...
Ich warte. Erst höre ich entferntes Donnern, undeutlich, dumpf. Dann vernehme ich blitzartiges Wiehern, das dumpfe Donnern zerfällt in einzelne Hufschläge. Ich öffne das Tor und schaue die Straße hinab. Eine Wolke steigt am Ende der Straße empor, dann sehe ich eine dunkle Masse, einen gemeinsamen Rücken, der im Galopp wogt. Ich zähle: eins, zwei, drei, vier ... Bei fünf stürze ich hinters Tor zurück und verriegele es. Bei zehn rast schon die ganze, vom unteren Ende der Straße angeschwollene Pferdewelle an mir vorbei, mein Herz rast mit ihr, ich atme den Geruch der Tiere ein, ich bebe und habe Angst, bin aber doch in Sicherheit hinter den Brettern und wundere mich, dass Angst schön sein kann. Schade, dass wir keinen Pferdemist mehr brauchen! Die Straße ist voll davon.
Baba Pena öffnet das Tor.
»Ich gehe!«, sagt sie, »deiner Maminka geht es wieder gut, morgen kann sie aufstehen.«
Ich falle ihr um den Hals, schreie vor Freude auf, achtzig Prozent und das Knopfloch entzwei!
»Baba Pena, du bist die Größte, du bist eine ganze halbe Ärztin!«
»Vorsicht, Kind ...«, sie wehrt sich, »die Saugnäpfe!«, und geht mit den Saugnäpfen in der Schütze klappernd davon.
Ich freue mich so, dass ich mich erst mal neben Großmutter setze und gar nichts sagen kann. Ich halte ihre Hand und fühle, wie diese schmale, grobe Hand in meinen Händen einschläft. Ich habe keinen Hunger mehr. Im Zimmer wird es endgültig dunkel‚ ich krieche unter die Decke, rolle mich neben Maminka und schlafe an ihrem Rücken ein, der nach Spiritus und etwas unbestimmt Vertrautem riecht. Achtzig Prozent und das Knopfloch entzwei! Dabei bleibt es.
ln der Nacht lief ich den Hang hinunter ins Tal, an der Kirche vorbei. Unser Schwein mit dem Rücken voller Saugnäpfe lief mir nach, und es roch nach verbrannter Menschenhaut. »Iss, das ist eine Delikatesse«, forderte mich einer der Männer auf, die das Schwein halten sollten. Breitbeinig stand er vor mir, in einem schwarzen Ledermantel, und gab ein unverständliches Deutschgebrüll von sich, bei dem jeder Satz mit »Heil!« endete. Ich weigerte mich, zu essen, und erklärte mich bereit, für die Freiheit zu sterben.
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