Kitabı oku: «Der Normannenfürst»

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Rune Pär Olofsson
Der Normannenfürst

Saga

Während meiner Studentenzeit führte mich ein Stipendium zu einem französischen Benediktinerkloster. Dort fand ich die Chronik des Kanonikus Dudo über die normannischen Herzöge. Dudo regte mich an weiterzulesen - aber der Stoff blieb liegen.

1982 kam Clas Brunius mit seinem journalistisch brillanten „Nordens Franzosen“ mit Zeichnungen von Edward Lindahl (Norstedts) heraus. Der Untertitel des Buches ist „Sieben Herzöge in der Normandie“. War damit der Stoff für einen Roman unmöglich geworden ...?

Aber vielleicht doch nicht! Für jemand, der ein historisches Kompendium in leicht zugänglicher Form haben will, um „nachzuprüfen, was wahr ist“ und was als gelogen angenommen werden kann, ist Brunius´ Buch perfekt. Man findet darin auch kleine Karten und Literaturhinweise.

Rune Pär Olofsson

Prolog

Mein Name ist Heirik. Ich bin ein uralter Priester. Ich sitze im normannischen Rouen und schreibe meine Erinnerungen nieder, damit die Zeit vergeht. Ich meine: die Zeit bis zu meinem Tod. Es muss ein Fehler in das himmlische Register geraten sein - oder sie können sich nicht entscheiden, wo ich landen soll. Mein Hinscheiden ist unter allen Umständen unanständig verzögert worden.

Während der Wartezeit muss ich ja etwas zu tun haben, da ich nun weder lahm noch blind bin, sondern im Gegenteil unverschämt gut sehe. Also schreibe ich.

Die wichtigsten Jahre meines Lebens habe ich in der Normandie zugebracht und in der Nähe der Herzogsfamilie gelebt - oder was diese Familie werden sollte. Ich hatte gedacht, über diese Zeit und über diese Menschen zu berichten. Aber bereits Cicero - oder war es Cato der Ältere - wusste, dass das Alter geschwätzig und mit sich selbst beschäftigt ist, weshalb ich fürchte, meine eventuellen Leser werden unnötig viel in diesem Buch finden, was von meiner Wenigkeit handelt. Wenn ich jetzt meine Aufzeichnungen lese, merke ich, am wortgewandtesten zu werden, wenn ich „wir“ sagen kann. Ich tröste mich damit, dass die Theologen immer meinten, St. Lukas würde besonders interessant sein, wenn er „wir“ in seine Acta Apostolorum schreiben kann. Er war doch dabei - persönlich!

Vieles in diesem Bericht würde jedoch unverständlich sein, wenn ich nicht versuchen würde, den Hintergrund der Hauptpersonen zu schildern und alles, was geschah, bevor ich gewissermaßen in die Handlung kam. Dem werde ich mich eine ganze Weile widmen und dafür jetzt meine Egozentrik bändigen. Über dieses oder jenes werdet ihr euch sicherlich wundern: Wie kann er das wissen? Wenn ihr es bis zum letzten Blatt schafft, werdet ihr vielleicht verstehen warum ...

Etwas muss ich jedoch jetzt schon über mich selbst sagen, sonst würde mein Auftreten in der Geschichte noch unverständlicher werden, als es mir selbst vorkommt - jetzt, wo ich zurückdenke.

Ich wurde am Ende des 9. Jahrhunderts nach Christi auf Gotland geboren. Mein Vater war Großbauer und Kaufmann; er unterhielt viele Schiffe, die jedes Frühjahr über das Baltische Meer segelten und nach längerer oder kürzerer Zeit zurückkehrten, manchmal wohl fast vor Kostbarkeiten und Merkwürdigkeiten berstend.

Aufrichtig gesagt weiß ich nicht weshalb, aber eines Frühlings nahm mein Vater meine Mutter und meine Geschwister mit sich auf ein Schiff und segelte südwestwärts. Ich habe eine dunkle Erinnerung an Streit und harte Worte vor unserer Abfahrt. Ich kann auch durch die Andeutungen meiner Mutter ahnen, dass wir übereilt auf den Weg kamen und dass sie meinen Vater dafür tadelte. Ich verstand auch durch das, was die Männer an Bord untereinander besprachen, dass die Fahrt in ungewohnte Richtung gehen würde: Auf dem Westweg waren sie vorher nie mit meinem Vater gewesen. Aber ich war zu klein, um zu erfassen, wohin wir fuhren und weshalb, und es bekümmerte mich wohl nicht sehr. Alles war neu und spannend - zumindest am Anfang.

Dann begannen die Unglücke.

Meine Geschwister ertrugen die See nicht oder es war etwas anderes, was sie nicht vertrugen. Kurz und gut, sie starben, während wir auf See waren. Ich erinnere mich, dass meine Mutter viel weinte und mein Vater gar nicht, während ich mit einer gewissen Zufriedenheit feststellte, dass ich mehr Schlafplatz bekam, als sie fort waren. Ich erfuhr auch oft die Gunst, bei meiner Mutter schlafen zu dürfen. Das war mir vorher nicht erlaubt worden ...

Nahe einer Küste gerieten unsere Schiffe mit anderen Schiffen in einen Kampf und das größte meines Vaters ging unter. Ich habe später begriffen, dieses Schiff war eine knarra, also ein Handelsfahrzeug. Wahrscheinlich führte mein Vater auf diesem Schiff seine Handelswaren und andere Kostbarkeiten; wahrscheinlich war er durch diesen Verlust verarmt. Und doch war dieser Verlust in meinen Augen nicht der schlimmste. Die Segelstange eines der feindlichen Schiffe schwang über unser Freibord herein. In der Vorbeifahrt fegte diese meine Mutter mit sich über Bord, und wir sahen sie nie wieder.

Wir erreichten einen Hafen in Friesland oder Flandern. Vater verkaufte die Hälfte der Schiffe, die er aus dem Seekampf gerettet hatte, und dann lagen wir einen Winter an Land, um Kräfte zu sammeln und Handel zu treiben; ich weiß nicht so genau. Aber während dieses Winters konnte ich so weit heranwachsen, dass ich einen besseren Begriff darüber bekam, welche Länder wir besuchten und was wir vorhatten.

Mein Vater kaufte und verkaufte nicht mehr und Bauer war er auch nicht mehr. Er war nicht besonders munter dabei und ich nehme an, es beruhte darauf, dass es schlecht für ihn lief. Wir machten Strandüberfälle, um uns Nahrung zu verschaffen, und ich bekam manchmal das Vertrauen, Eier zu stehlen oder in einen Winkel zu kriechen, in den die Großen nicht gelangen konnten. Zeitweise hungerten wir, aber manchmal hatten wir Überfluss an Essen und Trank. Das schwankte mit den Konjunkturen in unserem „Gewerbe“.

Nun werde ich jedenfalls weitschweifig - ich sollte versuchen, mich kurz zu fassen ... Mit seinen zwei verbliebenen Schiffen begab sich mein Vater unter irgendeinen Anführer, auf den er vor Valland stieß, und zusammen mit diesem fuhren wir die Seine hinauf. Da setzte ich mein erstes Haus in Brand! Das war lustig.

Dann wurde es weniger lustig, weil der Anführer fiel oder gefangen genommen wurde und Vater so wieder sein eigener Herr. Wir setzten die Fahrt um Westfranken und die Bretagne fort und kamen schließlich zu dem Ort, der Noirmoutier genannt wird, einer Insel vor der Mündung des Flusses Loire. Dort hatten sich Nordmänner bereits früher niedergelassen und von dort schikanierten sie alles und alle, so weit sie ins Land vermochten - und es war nicht viel, was sie nicht vermochten.

Vater begab sich unter einen neuen Anführer und war öfters mit den anderen Nordmännern auf Raubzug fort. Aber in Noirmoutier hatte er sich mit einer widerwärtigen Frau zusammengetan - mindestens meinte ich das so. Ich hasste meinen Vater für diesen Verrat an meiner Mutter, aber noch mehr hasste ich diese neue Frau. Es wurde festgelegt, dass sie meine neue „Mutter“ sein sollte, aber daran hatten weder sie noch ich große Freude während des langen Jahres, das wir zusammen verbrachten. Nun, mich sah sie wohl kaum mehr als zu den Mahlzeiten und in den Nächten, und an die Nächte möchte ich kaum erinnert werden, weil Vater und sie sich nicht schämten, miteinander zu buhlen, obwohl ich mich in der Kammer befand. Für den Raubzug war ich zu jung, weshalb ich wohl zugeben muss, einen Haufen Unfug gelernt zu haben, während ich mir selbst überlassen war, zusammen mit anderen kleinen Rackern.

Noch ein Frühling kam und die Schiffe wurden ausgerüstet, um nach Süden zu fahren. Dieses Mal wollte der Anführer ins Mittelmeer hinein, wenn auch manche abrieten. Vater und seine Leute sollten mit auf diese ferne Fahrt und man war der Meinung, ich sollte bei Vaters Hure bleiben, bis er zurückkehrte.

Bitten halfen nicht und Tränen auch nicht: Ich war eben zu jung, um unter Seefahrern und Kämpfern etwas zu taugen. Also versteckte ich mich an Bord.

Als man mich fand, erhielt ich natürlich Prügel. Aber es war zu spät umzukehren, und sie konnten mich nicht irgendwo an Land setzen. Ich musste mit nach Spaniens Küste herunter und hinein durch den Njörvasund. Für mich endete die Fahrt am Strand neben dem Delta des Flusses Rhône, aber meinen Vater sah ich nie wieder. Wenn mir jemand in diesen Tagen gesagt hätte, ich würde in einigen Jahren ein gelehrter Mann und christlicher Priester sein und meine Tage in Rouen beschließen, ja, da hätte ich ihn wohl für verrückt gehalten.

Aber - genug jetzt hierüber.

I

1

Eines Morgens im Mai, gerade bei Sonnenaufgang, wurde Popa von heftigen Hornklängen geweckt. Die Wächter müssen ungewöhnlich aufgeregt sein, dachte sie, deren Hörner hören sich an wie Junghähne. Dann hörte sie draußen Fußgetrappel und aufgeregte Rufe: „Die Normannen! Die Normannen!“

Nur mit einer Tunika über den nackten Körper geworfen sprang Popa aus dem Zimmer und vor zur Burgmauer. Ihr Mund stand offen und sie atmete kurz. Das Wetter war ganz ruhig, die Segel waren aufgerollt; dennoch flogen die Schiffe ohne Wind auf der Aure. Auf dem Rücken der Springflut ritten die Drachenboote der Normannen den Fluss hinauf, schneller als Pferde.

Die Glocken der Kathedrale begannen zu läuten, gerade als die Normannen ihre roten Schilde von den Relingen hoben und Männer, die sie nicht sah, Ruder fällten, um die Fahrt zu bremsen, sodass die Schiffe nicht an der Stadt Bayeux vorbeigetragen wurden. Zwölf Schiffe konnte sie zählen, bevor sie sich im Hafen zusammendrängten.

Der Anblick schlug Knoten in ihre Därme. Sie war 18 Jahre alt und hatte über die pfeilschnellen Überfälle der Normannen gehört, solange sie sich erinnern konnte. Aber niemals vorher hatte sie dergleichen bezeugt. Der Anblick war nicht einfach nur erschreckend. Das Bild war auch schön. Die schrägen Sonnenstrahlen des Maimorgens schlugen Echos aus Helmen und Klingen, als die Männer von den schlanken Schiffen an Land sprangen. Sie fühlte es unter den Achseln und im Schoß feucht werden, atmete aus und sagte laut: „Endlich!“

Endlich kam der Überfall, auf den sie so lange gewartet und sich so viele Male vorbereitet hatten. Doch kam er ohne Warnung. Wie beim vorigen Mal und davor ...

Vielleicht erinnerte sie sich falsch. Vielleicht war sie beim letzten Mal zu klein. Vielleicht war sie nicht einmal in Bayeux. Aber sie hatte die Geschichten so oft gehört, dass sie meinte, dabei gewesen zu sein. Der Fluss strotzte von Normannen. Grölende Fremde fuhren in die Häuser und kamen mit den Armen voll Diebesgut wieder heraus. Beim nächsten Mal kamen sie mit denen herausgeschleppt, die im Hause wohnten - die es nicht geschafft hatten, in die Stadt zu fliehen oder zu den Mönchen ins Kloster. Einige lagen bereits still, während das Blut den Boden um sie herum färbte - sie hatten versucht, ihre Werte zu verteidigen, entweder waren es Dinge oder die Schöße ihrer Frauen. Die Gefallenen waren Männer oder waren es gewesen. Einige waren Frauen. Die Frauen wurden zum Kai heruntergetrieben, wo andere Normannen sich ihrer zur Sortierung annahmen. Die Jungen und die mit festem Fleisch sollten an Bord genommen werden. Die Alten durften laufen. Kleine Kinder, die sich weiter an ihre Mütter klammerten und nicht loslassen wollten, erhielten die Axt in den Schädel, und so waren sie vom Jammer der Welt erlöst ...

Immer noch lärmten die Glocken in der Kathedrale. Ja, eine Kathedrale hatten sie in Bayeux, aber keinen Bischof. Er war mit Frau, Kindern und Buhlen in sicherere Gebiete geflüchtet - wenn es jetzt noch immer irgendwelche sicheren Gebiete im Reich des fränkischen Königs gab. Die Klostermauern hatten den Brechern der Normannen nicht standgehalten. Und nachdem die Mauern gestürzt waren, erhielten die Plünderer viele neue Männer und Frauen, die sie gebunden zu den Schiffen führen konnten. Gefangene brachten gute Preise in den Heimatländern der Nordmänner und an den englischen Herrenhöfen. Wozu die Frauen außerdem taugten, konnte sie sich vorstellen.

Dieses Mal gab es kein Kloster und keine Höfe außerhalb von Bayeux. Alles war niedergebrannt; das Kloster wurde wegen seines Widerstandes abgebrannt. Nun galt der Überfall Bayeux selbst. Dessen Mauern waren bisher zu dick, selbst für die Normannen. Von der Burg aus hatte ihr Vater, Graf Odo Berenger, den Widerstand mit frecher Lust geleitet. Die Normannen mochten das siedend heiße Öl nicht, das sie ins Gesicht bekamen, als sie auf den Enterleitern hingen. Genauso wenig die warme Pisse, die die Frauenzimmer in deren Augen kippten. Während der oberste Räuber auf der Leiter gerade sichtbar wurde und nicht am sichersten auf den Beinen war, bekam er einen Hieb mit einer Brotschaufel und stürzte von der Leiter. Dem nächsten Enterer erging es nicht besser. Die Verteidiger setzten sich hin und schissen direkt in die Hände - dann warteten sie, bis der Augenblick am günstigsten war. Der Augenblick kam, wenn der Enterer sein Bein über die Mauerkrone schwingen wollte; bisher hatte er sich mit Schild und Spieß geschützt, aber jetzt war er für eine kleine Weile preisgegeben. Die mutigsten Frauen flogen nach vorn und mauerten seine Augen mit der offenen Hand zu. Dann half es nicht, wenn er brüllte und um sich stach, weil er nichts sah. Der Pfeil kam von der Mauerinnenseite und saß quer durch seinen Hals und Sekunden darauf war ihm rückwärts auf den Weg geholfen, auf dem er gekommen war. Im Fallen riss er andere Kameraden mit sich zu Boden.

Popa lachte über diese List. Ihr Vater hatte lange und genau instruiert und die Bürger hatten gemeint, die Idee sei erheiternd und lernten schnell.

„Alle nehmen Eimer mit sich zur Mauer und lassen ihr Wasser dorthinein. Die mit Darmdrang halten sich am längsten zurück und begeben sich zur Krone. Die Pechsieder sollen ihre Kessel Tag und Nacht kochend halten, auch wenn es ein halbes Jahr oder mehr ruhig war. Jedes Viertel hat Verantwortung für sein Stück der Mauer, denkt daran. Ich weiß, wer von euch verantwortlich ist, die Wachen in gleichen vier Stundenläufen zu verteilen, und wer sich versäumt, verliert Fuß und Hand. Die Ölmischung muss siedend gehalten werden und nicht lauwarm und ...“

Ja doch, sie wussten. Und besonders stolz waren die Frauen der Stadt über die Rolle, die sie bei der Verteidigung spielen durften. Dass die Mauern bisher keinen Normannen über die Krone gelassen hatten, war zu einem großen Teil ihr Verdienst. Sein Wasser auf Befehl zu lassen, war nun nicht das Leichteste; die Spannung verschloss gern die Fluten. Dagegen brauchten die Bäuche keine besondere Aufmunterung, die wurden im Gegenteil ungewöhnlich schnell gelöst, und davon wurden die Verteidigungsmittel ja keineswegs schlechter. Um die Wahrheit zu sagen, hatten auch viele der Männer zum Willkommensgruß beigetragen, aber es biss offenbar besser, wenn der Schimpf von den Frauen kam. Auf andere Weise konnte man nicht erklären, weshalb der Überfall zum Stehen kam und die Normannen sich um das Feldzeichen scharrten und berieten. Währenddessen hatte sich ein Reitertrupp aus einem der kleineren Tore auf der Landseite begeben. In voller Karriere ritten die Reiter dann quer durch den unvorbereiteten Normannenhaufen. Einige der Räuber hatten sie gefällt, aber meistens deshalb, um an einige von denen zu kommen, die der Graf als Anführer ausgemacht hatte. Einige von diesen stürzten sie mit ihren Lanzen nieder, aber so vorsichtig, dass sie nicht totgeschlagen wurden. Dann wendeten sie genauso schnell zu den großen Toren, die Gefangenen hinter sich schleppend, wurden mit ihrer Beute eingelassen und Tor und Fallgitter landeten sicher auf ihren Plätzen, bevor die Normannen hinterherkamen.

Der Ausfall dauerte nicht länger als es braucht, ein Paternoster und zwei Ave zu lesen. Graf Odo lobte, tadelte aber teilweise auch; ein paar der Gefangenen hatten die Reiter so unbedacht behandelt, dass sie bereits tot waren. Die Reiter hatten sich damit begnügt, die Gefangenen zwischen sich zu nehmen, jeder an einem Bein. Der Nacken war dabei gezwungen, die Galoppschritte zwischen dem Feldzeichenmann und dem Stadttor in Bayeux zu zählen, und das hatte der nicht ausgehalten.

Der Zorn des Grafen ermattete inzwischen sofort, da es sich zeigte, dass es den Reitern geglückt war, den Marschall der Normannen, wie sie ihn nannten, zu greifen. Einen besseren Fang konnten sie nicht gemacht haben.

Der Marschall war natürlich beschämt. Wie sich zeigte, hieß er Botho, und er drohte mit allen Gruseligkeiten des Abgrundes, wenn ihm auch nur ein Haar auf dem Kopf gekrümmt würde. Da würde sein Herr, Rolf, alle Normannen, die vor Frankreichs Küste zu finden waren, sammeln und Bayeux einschließen und die Bürger aushungern lassen, bis sie vor Ermattung starben oder sich auf Gnade und Ungnade ergaben. Obwohl an Gnade nicht zu denken war, Jung wie Alt, Mann wie Frau sollten erschlagen und von ihrer Stadt kein Stein auf dem anderen gelassen werden. Graf Odo und die Bürger hörten zu, ohne die Worte zu verstehen, die Botschaft konnten sie jedoch erraten. Der Graf riet zur Ruhe, umso mehr, als er sah, ein Schiff stach mit schnellem Ruderzug den Fluss hinab, während die übrigen Normannenhaufen müßig auf und um den Schiffen herumlagen. Nach einem Tag kam das ausgesandte Schiff zurück. Und nun hatten sie einen Mann dabei, der fränkisch sprechen konnte. Mit gewendetem Schild kam der Mann mit seinem Gefolge in Hörweite. Damit erfuhren die Verteidiger, was sie bereits wussten, und hörten die Drohungen, die sie bereits kannten. Ein Detail war jedoch neu: Rolf und seine Anführer boten Bayeux ein Jahr Frieden, wenn Botho schnell und gesund zurückgeliefert würde. Sonst!

Graf Odo und seine Leute dachten über dieses Angebot eine Weile nach, aber nicht länger als notwendig. Es war etwas auf dem Wege, worauf sie gehofft hatten. Vorausgesetzt, man konnte sich auf die Normannen verlassen? Botho versicherte, dass man das konnte: Er selbst würde dafür bürgen.

„Wir haben wohl mehr Freude an einem ganzen Jahr Frieden für eine Stadt als an einem normannischen Anführer im Keller“, meinte Graf Odo.

Also wurde Botho zu den Normannen herausgelassen; die übrigen Gefangenen sollten als Geiseln für ein Jahr verbleiben, zur Erinnerung, falls deren Herren sich vergessen sollten.

Während des Jahres, das vergangen war, wurde Bayeux mit großem Eifer zusätzlich befestigt. Vor einem Monat war dann die Frist ausgelaufen. Am Tag ein Jahr nach Bothos Gefangennahme segelte ein Normannenschiff die Aure herauf. Es hatte Friedensschilde aufgesetzt und war allein, weshalb sich keine Unruhe bei den Verteidigern zeigte. Das Geschäft des Schiffes war, die zurückgelassenen Geiseln zu holen. Aber Graf Odo hielt vor, in diesem Fall müssten neue Geiseln gestellt werden: Er war keinesfalls damit einverstanden, die normannischen Krieger für Nichts herauszulassen.

„Nichts? Du hast für ein Jahr Frieden erhalten. Nennst du das Nichts, sollst du bald etwas anderes erfahren. Da kann es geschehen, dass du meinst, nur ein Tag Frieden sei Gold wert.“

„Da sagst du etwas. Ich nehme gern Gold im Austausch für diese Großesser.“

Nach einer weiteren Weile Gezänk gingen die Sendboten auf das Schiff zurück. Als sie zurückkamen, waren sie mehr. Wie Odo erraten hatte, hatten sie damit gerechnet, neue Geiseln stellen zu müssen. Drei vollgerüstete Männer wurden nun zum Tor geführt, mit den Händen um die Schwertschneiden und die Griffe gegen Graf Odos Leute gewandt. Der Austausch geschah; die gefangenen Normannen wurden freigelassen und die Geiseln herein. Darauf eilten die Normannen zum Schiff, legten ab und verschwanden.

Die Geiseln wurden entkleidet und als drei friesische Nonnen befunden.

2

Die Burg in Bayeux war so gut wie von Kriegsvolk entleert. Ein gewaltiges normannisches Heer belagerte Paris und fuhr plündernd im Land darum umher. Herzog Robert von Francien, der auch Graf von Paris und dessen Vasall Graf Odo Berenger war, hatte seine Vasallen um Hilfe gebeten, die Gewalttäter aufzuhalten. Für solche Bitten waren die Vasallen ganz taub. Gewöhnlich konnten sie vorgeben, alle Hände voll zu tun zu haben, ihre eigene Grafschaft zu schützen - welche ja die des Herzogs in letzter Hand war. Aber nun, da Bayeux ein Jahr lang Frieden hatte, ohne dass die Abmachung gebrochen wurde, und die Normannen all ihre Kraft für den Überfall auf Paris gesammelt zu haben schienen, vermochte Graf Odo keine Entschuldigung zu finden. Außerdem hatte die Verwandtschaft des Grafen Lehen in dem Gebiet, das nun geplündert wurde: unter anderem Senlis, welches hoch angesehen war. Also sammelte er seine Leute und zog nach Paris. Mit ihm war der Sohn Bernhard, Popas zwei Jahre älterer Bruder. Die 18-jährige Popa wurde in Bayeux zurückgelassen. Es würde für sie dort sicherer als im Inneren des Landes sein, wenn man sie nicht bis hinauf nach Burgund führen wollte. An Senlis war da gar nicht zu denken! Aber Popa wollte nicht nachgeben, sondern von Senlis quengeln.

„Es ist nicht mal sicher, dass wir bis dorthin kommen", erklärte Graf Odo. „Und wer weiß, ob die Burg in diesem Fall standhalten könnte. Denke daran, dass die Normannen Teufel im Kriegführen sind. Die sind listig wie die Füchse und ganz schonungslos, wenn sie sich etwas in den Sinn gesetzt haben. Und etwas Schlimmeres kann ich mir nicht denken, als dass wir auf dem Weg dorthin überfallen werden und du armes Kind in deren Klauen landen solltest. Die vergewaltigen jedes Frauenzimmer, das sie zu sehen bekommen, egal ob Jung oder Alt. Färsen und Schafe helfen in Ermangelung von Besserem. So bleibst du hier in der Burg. Die Leibwachen sollen nach dir sehen und die Bürger verantworten Tore und Mauern, wenn irgendwelches loses Volk auftauchen sollte. Gehorche jetzt. Deine selige Mutter würde mir zugestimmt haben."

Popa machte eine Grimasse hinter dem Rücken ihres Vaters. Es war schlimm genug mutterlos zu sein; er brauchte sie nicht auch noch daran zu erinnern und die Tote als Rückhalt zu nehmen.

3

Mit der Belagerung von Paris ging es stockend. Um die Wahrheit zu sagen, machte sie nicht einen einzigen Fortschritt. Gewiss wuchs das Heer jeden Tag im Ausmaß: Nordmänner und Männer von den englischen Inseln, die das Gerücht über die große Belagerung gehört hatten und nun reiche und leicht gewonnene Beute winken sahen. Aber der Zuwachs des Heeres erschwerte auch die Versorgung. Man war gezwungen, immer größere Gebiete zu plündern, um das Nötigste für den Tag zusammen zu bekommen - und was wurde da aus der Belagerung! Rolf Jarl, der von den Franken Rollo genannt wurde, war mit dem meisten unzufrieden, so, wie die Sache nun stand. Sein Onkel Hulk war dem Namen nach oberster Kriegsanführer, auch wenn sich die Jarle gleich an Macht sahen und der Onkel nichts ohne deren Zustimmung tun konnte. Der Mann begann wohl alt zu werden und dazu selbstherrlich, so war es. Diese Belagerung hier betrieb er schlecht, so war es auch. Obendrein hatte sich der Narr von einem Bischof in Denain taufen lassen und dafür reiche Geschenke und schöne Versprechungen erhalten. Danach hatte er trotzdem weiter wie vorher gelebt, nicht nur, dass er sich zu Thor und Odin hielt, sondern auch seine Plünderungen fortgesetzt, entgegen dem gegebenen Versprechen.

Derartiges brachte die Nordmänner in Verruf. Wer wollte letztendlich irgendwelche Übereinkommen mit ihnen eingehen, wenn sie eingegangene Absprachen nicht einhielten?

Es war noch mehr, was schlecht war. Allzu viele befestigte Burgen hatten unangetastet zurückgelassen werden müssen. Paris würde niemals genommen werden, wenn das Land im Rücken der Nordmänner in Feindeshand verbleiben sollte. Ständig wurde die Furage von Reitern aus diesen Burgen überfallen: Ein schneller Ausfall bedeutete den Tod guter Männer und verlorene Beute, und dann, flugs waren die Franken wieder in ihren Burgen, sicher und gesund, bereit zu neuen Ausfällen, sobald sie dazu Gelegenheit erhielten.

So ein Dorn im Auge Rollos war Bayeux. Mehrere Versuche, diese Festung zu erobern, waren missglückt und wurden frühzeitig aufgegeben. Mehr als ein Haufen Feinde hatte sich innerhalb dieser Mauern in Sicherheit gebracht. Mehr als einmal hatte ein Ausfall von dort Rollos eigene Streitkräfte aufgerieben oder wurde ihnen zu einer Bremse unter dem Steiß, als sie alle Kräfte für anderes benötigten. Wie jetzt. Er hatte eine gute Stellung räumen müssen, weil diese aus völlig unerwarteter Richtung angegriffen wurde. Gefangengenommene hatten erklärt: Die Reiter kamen von Bayeux - auf dem Weg, die Verteidigung von Paris zu verstärken ...

Es lagen gewiss ungebrandschatzte Burgen in näherer Umgebung; von Paris bis Bayeux war es nicht am nahesten. Aber Rollo hatte große Lust gerade gegen Bayeux zuzuschlagen. Nicht, weil die letzte Verstärkung für die Verteidiger von Paris von dort gekommen war und diese Gegend deshalb schlecht verteidigt war. Nein, er wollte Bayeux und dessen Graf für den Schimpf gegen Botho und für den schimpflichen Waffenstillstand bezahlen lassen. Dann würde es auch gut tun, sich an allen zu rächen - am meisten an diesen Frauenzimmern, die sich mit den Mitteln der Natur verteidigt hatten. Diese Schande würden die getroffenen Nordmänner lange nicht vergessen ...

Er rief seine Anführer zusammen und ließ sie an seinen Gedanken teilhaben. Ja, da waren sie mehr als willig, etwas anderes als diese zähe Belagerung zu probieren. Also beschlossen sie den Tag und beratschlagten über die beste Weise.

Rollo war sich zumindest einer Sache gewiss: Dieses Mal würden sie besser gerüstet sein und Rat finden, über die verdammte Mauer zu kommen.

4

Popa hatte sich so in ihren Gedanken verloren, dass sie erst jetzt die drohende Gefahr begriff. Alte ehrenreiche Erinnerungen waren nicht viel wert, sich dagegen zu lehnen, wenn es ernst wurde. Würden die Leibwächter und die Bürger gegen so viele Angreifer standhalten können? Nun, wo der Vater mit dem größten Teil der Garnison fort war, schienen auch alle seine guten Lehren wie fortgeblasen. Sie sah Männer und Frauen wie aufgescheuchte Hühner an der Stadtmauer entlang rennen und mal hier, mal dort picken. Und selbst fiel ihr nichts anderes ein, als da zu stehen, wo sie stand.

Sie hörte von unten die verängstigten Rufe der Verteidiger:

„Wer hat die Feuer ausgehen lassen! Das Pech ist ja steif wie Eichenholz!“

„Genauso schlimm ist es mit dem Öl, das ist nicht mal pisswarm ..."

Das klang nicht besonders hoffnungsvoll. Die Nordmänner standen bemerkenswert abwartend, seit sie an Land gegangen waren. Dachten sie nicht daran, zum Angriff überzugehen? Vielleicht hielten ihre Gebete zur Jungfrau Maria sie zurück, bis die Bürger sich sammeln und ihre Vorbereitungen beenden konnten! Obschon die selbst am Mangel an Wachsamkeit schuld waren. Andererseits konnten doch nicht alle ihre Pflichten versäumt haben, es gab ja mehr Pechkessel entlang des Verteidigungswerkes und viele andere, die ...

„Jungfrau Popa“, schrie jemand hinter ihr. Es war ihre alte Amme. Popa wandte sich um und sah die Alte mit ihren Armen rudern wie mit Windmühlenflügeln.

„Beeil dich und komm. Wir müssen uns verstecken. Die Heiden haben große Treppen auf der Landseite gebaut, sie sind jeden Augenblick in der Stadt. Und steh bitte sehr dort nicht ungeschützt, es kann ein Pfeil geflogen kommen, wenn du es am wenigsten erwartest.“

Sich verstecken - wo sollten sie sich verstecken? Besser sich offen fassen zu lassen, als wie ein Katzenjunges hervorgezogen zu werden.

Da hörte sie den Kampfruf der Nordmänner. „Thor“ brüllten sie und dann noch etwas, was sie nicht verstand. Es brach aus ihnen heraus. Wie ein Donnerknall. Sie fühlte eisige Schauer über den Rücken laufen und die Beine gehorchten ihr nicht mehr, trotz der immer wilderen Rufe der Amme.

Dann geschah alles mit Blitzgeschwindigkeit. Normannen flogen über die Mauer herein, schlugen sich zum Tor am Hafen durch und öffneten dieses für die Wartenden. Popa stand wie Lots Weib und sah alles geschehen; es war, als geschah es irgendwo anders, wo sie selbst nicht mit dem Körper dabei war.

Ihr Körper war jedoch aufs höchste in dem Augenblick anwesend, als ein Normanne in den Schützengang der Burg heraufbrauste, sie zu sehen bekam, stehen blieb und grinste. Gleich darauf hing sie über seiner Schulter auf dem Weg die Treppe hinunter. Sie strampelte pflichtschuldig, bemerkte aber, dass sie nirgends traf. Verdrehte seine Ohren, so gut sie konnte, hörte aber keine Wirkung. Die Tunika glitt während ihres eifrigen Bemühens von ihr herunter, das war das Einzige, was geschah. Der Normanne bemerkte zufrieden ihre Nacktheit und legte seine freie Hand mit einem festen Griff zwischen ihre Schenkel.

So, jetzt sollte auch ihr das Schicksal widerfahren, mit dem ihr Vater sie so oft erschreckt hatte ...

Die Tunika war ihr über Brust und Gesicht gerutscht, während sie aus der Burg geführt wurde. Wobei sie mit dem Kopf nach unten hängend mehr ahnte als wusste, dass sie durch das Tor hinunter zum Fluss getragen wurde. Auf einmal ließ der Heide sie los und die Welt stand wieder aufrecht. Doch brauchte sie eine Weile, um sich zu orientieren.

Um sie herum lagen die gebundenen Leibwächter. Die fluchten leise und innig. In einem Ring aus Männern hockten unter großem Gejammer Frauen und Kinder; von denen hatten die Nordmänner gemeint, es würde nicht der Mühe wert sein, sie zu binden. Ein gewaltiger Hügel von Beute lag rechts von ihr und wuchs ununterbrochen, je mehr von der Stadt mit ihrer Bürde zurückkamen. Einiges erkannte sie als aus ihrem eigenen Heim wieder. Da glänzte die große Silberterrine. Da fuhr der Bärenpelz ihres Vaters auf den Kleiderhaufen. Und - mochte ihn der Teufel holen - da besichtigte gerade ein Großgewachsener lachend ihren teuersten Armring.

Erst jetzt wurde sie gewahr, dass der Mann, der sie geholt hatte, sie vor einem Kerl, der auf einem Schemel saß, herunterfallen lassen hatte. Sie war weder gebunden noch war sie zum Frauenplatz geführt worden. Der Schemel war das Erste, was sie sah, dann die Beine mit ihren gekreuzten Bändern. Während sie versuchte sich mit der Tunika notdürftig zu verhüllen, erdreistete sie sich, einen schnellen Blick auf den Rest des Mannes zu werfen. Er saß mit nacktem Oberkörper und den Helm auf den Knien. Schweiß glänzte auf seiner Brust. So, er mag bei der Erstürmung dabei gewesen sein. Ob er der Anführer der Normannen war? In jedem Fall war er der Einzige, der saß, so weit sie sehen konnte.

Aber nun erhob er sich. Beugte sich nieder und hob sie auf die Füße. Nackt auch diese ... Sie leistete keinen Widerstand, als er sie aufrichtete, nicht einmal, als er mit einem raschen Griff ihre Tunika abstreifte und sie vor all diesen Normannen und ihrem eigenen, gefangenen Volk entblößt dastand. Ja, sie versuchte nicht einmal Brust und Schoß zu verhüllen, wie es eine ehrbare Jungfrau tun sollte. Die Leute würden über sie reden, wenn sie Gelegenheit dazu bekämen. Doch spürte sie keine Scham, eher eine Art Lüsternheit: Sie ertrug es, beschaut zu werden, und selbst hatte sie sich ja nicht ausgestellt. Jedoch wollte sie ihren Betrachter noch nicht offen anblicken. Unter halb geschlossenen Augenliedern sah sie einen Mann im Alter ihres Vaters. Sehnig, ohne überflüssiges Fleisch. Weshalb hatte sie sich eingebildet, alle Normannen wären haarig und dickbäuchig? Dass dieser Mann nicht größer und kräftiger war, enttäuschte sie fast, ein so sichtbar gewöhnlicher Kerl konnte wohl kaum der oberste Herr der Normannen sein ...?

Endlich sah sie ihm direkt ins Angesicht. Unter Haaren wie vom Regen gefällter Weizen leuchtete ein braun umrandetes Lachen und die Augen strahlten vor Entdeckerlust. Er streckte die rechte Hand aus und hob ihr Kinn, drehte ihren Kopf erst nach rechts, dann nach links. Kam näher und fühlte über ihre Mitte und Hüfte. Nahm gleichsam Maß von ihr ... Sie spannte die Schenkel an und presste diese vor dem, was kommen würde, zusammen. Er begnügte sich aber damit, nach unten über ihren Biber zu streichen und mit dem Mittelfinger an der empfindlichsten Stelle zu verweilen. Sie zitterte und war nahe daran, die Balance zu verlieren. Drückt er tiefer, fühlt er, wie feucht ich bin, dachte sie und verfluchte ihr Erröten, das sie vom Haaransatz nach unten kribbeln fühlte, wagte aber nicht, nach unten auf ihren Körper zu schauen, um zu sehen, ob sich die Röte ganz über sie ausgebreitet hatte. Verzweifelt hielt sie seinem Blick stand, nachdem der von ihrem Heimlichsten zurückgekehrt war - sein Finger verweilte weiterhin dort.

„Virgo?“, fragte er noch immer lachend.

So! Er konnte wenigstens ein Wort in christlicher Sprache. Vielleicht verfügten die Normannen über eine Art Wortliste über die wichtigsten Fragen und Anträge! „Virgo“ war wahrscheinlich eines der wesentlichsten Worte für einen Räuber wie diesen hier. Sie war nah daran „Fühl nach!“ zu sagen, schwieg aber.

„Na ja, Zeit genug, das zu erfahren“, murmelte er in seiner eigenen Sprache.

Dieses verstand sie nicht, konnte es aber vielleicht erraten. Seine Finger hatten mit der Untersuchung aufgehört, und ohne erklären zu können weshalb, fühlte sie sich ein wenig enttäuscht. Nach wie vor über das ganze Gesicht lachend ging er dann um sie herum. Nahm einige Schritte rückwärts und betrachtete sie von weitem. Sie konnte seinen Bewegungen folgen, indem sie über ihre Schultern blickte. Machte er einen Überschlag und errechnete, was er herausbekommen würde, wenn er sie verkaufte? Der Schreck durchrieselte sie erneut. Nun war er auf ihrer linken Seite und ließ die Hand im Vorbeifahren sich über ihren Stert wölben. Dann tat er etwas, was sie sich nicht hatte vorstellen können: Er hob ihren linken Arm und roch in ihrer Achselhöhle. Ein Dunst von seinem warmen Körper stach in ihre Nase, der war aber nicht abstoßend.

Als sie danach in seine Augen sah, wurde sie mit einem Mal ruhig: Dieser Mann hier würde sie nicht verkaufen. Er würde sie für sich selbst behalten - und sie fand in einer verwirrten Freude, dass sie es wollte.

Ihr Lachen traf seines. Für den Fall, er würde noch zögern, wollte sie versuchen, ihn zu überzeugen, ihn dazu zu bringen, zu wählen wie sie wollte. Eine andere Art, zu ihm zu sprechen, kannte sie nicht. Sie hatte gar kein Wort für das, was sie sagen wollte, auch wenn er ihre Sprache verstanden hätte.

Er beugte sich nach unten, nahm ihre Tunika von der Erde und ließ diese über sie fließen. Er sagte etwas zu ihr, was sie nicht verstand, und wandte sich dann zu seinen Männern. Zeigte und gestikulierte immer noch mit äußerstem Humor. Popa stand und wartete ab. Etwas würde nun mit ihr geschehen - aber was?

Als sie ihre Tunika wieder über sich hatte, sah sie, was sie eben aus ihrem Bewusstsein verdrängt hatte. Der Normanne hatte sie der Schande ausgesetzt, nackt von all seinen Leuten gesehen zu werden, während er sie betastete, als ob sie ein Schlachttier oder eine Hure wäre. Würde er sie wirklich so behandelt haben, wenn er sie für sich selbst wünschte? Oder lag irgendeine Art Angeberei in seiner öffentlichen Untersuchung: seht nur und werdet neidisch! Sie sah sich um. Ja, noch lag die Lüsternheit dick wie Käse über den grinsenden Gesichtern der Normannen. Die zeigten auf sie und machten Gesten und lachten untereinander, und jetzt erst fühlte sie sich trotz der bedeckenden Tunika ausgezogen.

Die Angst ergriff sie erneut. Zitternd suchte sie Schutz beim Anführer der Normannen, aber der hatte sich von ihr abgewandt. Er sprach mit dem, der sie in der Burg gefunden und sie hier herunter getragen hatte. Ein schneller Blick in ihre Richtung, dann wandte er sich zu den Schiffen und rief etwas. Popa konnte sehen, wie das Gesicht des Normannen nun ernst war.

Und siehe, ein groß gewachsener Kerl mit geschorenem Kopf kletterte aus einem Boot und kam zu ihnen heran. Das musste ein Mönch sein! Endlich jemand, mit dem sie sprechen konnte - obwohl, was sollte sie sagen?

Der Mönch lauschte verdrießlich eine Weile auf den Normannen, dann wandte er sich zu Popa.

„Das hier ist der erste Anführer der Normannen“, sagte er auf Fränkisch. „Rolf heißt er, wird aber von den Unseren Rollo genannt. Er sagt, noch nie eine schönere Frau getroffen zu haben. Dass du in der Burg des Grafen gefunden wurdest, macht ihn neugierig darauf, wer du bist? Mit dem Recht des Siegers kann er dich zu seiner Buhle nehmen oder dich verkaufen. Vielleicht taugst du auch zur Geisel und kannst gegen Gold getauscht werden: Ich kenne seine Meinung nicht recht. Aber nun will Rollo, dass du ihm über deine Herkunft Bescheid gibst. Und ich würde dir raten, die Wahrheit zu sagen. Weil er bald merkt, ob du gelogen hast - und dann wird dir dein Schicksal nicht gnädig sein.“

Popa holte tief Luft und schwieg eine Weile, bevor sie antwortete. Dann sah sie direkt auf Rollo und sagte:

„Ich bin Popa, Tochter des Grafen Odo Berenger, Herr über Bayeux bis zum heutigen Tag. Und ich bin es nicht gewöhnt zu lügen - jedenfalls nicht, wenn sich hier so viele Zeugen befinden.“

Sie zeigte auf die Leibwächter, die Frauen auf der Wiese wurden vielleicht nicht als Zeugen angesehen?

Der Mönch übersetzte und Rollos Gesicht wurde noch ernster. Er kratzte ein Wundmal, welches vom Bart zum linken Ohr verlief, und betrachtete sie erneut. Eine Weile schwieg er, dann sprach er wieder mit dem Mönch, aber dieses Mal sah Rollo die ganze Zeit auf sie.

Erneut übersetzte der Mönch Rollos Rede.

„Rollo sagt, zuerst daran gedacht zu haben, dich zur Buhle zu nehmen, ob du wolltest oder nicht. Aber nun, seit er erfahren hat, wer du bist, glaubt er, es wäre ohne deine Zustimmung nicht ratsam. Nach Graf Berengers Zustimmung zu fragen, findet er jetzt keinen Grund. Für die schimpfliche Behandlung, die er dich gerade hat ausstehen lassen, bittet er dich um Vergebung. Er ist jedoch nicht bereit, dich außer Sichtweite zu lassen, weshalb er dich vorerst mit nach Rouen nimmt. Dort darfst du in Ruhe beim Klostervolk von St. Ouen über sein Angebot nachdenken - ja, dort befinden sich nicht nur Brüder, sondern auch einige fromme Frauen mit eigenem Haus, sodass du dich nicht beunruhigen brauchst.“

Wahrhaftig, der Normannenanführer mochte sie. Da war es vielleicht nicht so, dass sie die Gefangene war, sondern er ... Der Mut stieg, und sie erdreistete sich zu fragen:

„Was geschieht, wenn Rollo meine - meine „Zustimmung“ nicht erhält?“

„Darüber wird er nachdenken, wenn der Tag gekommen ist. Während dieser Zeit verspricht er, dich bei den frommen Frauen in St. Ouen in Frieden zu lassen."

Sie blinzelte zu Rollo und ließ den kleinen Teufel, der in sie gefahren war, wieder heraus; vielleicht würde seine Geduld zu hart geprüft, aber sie konnte es nicht bleiben lassen:

„Reichen nicht die friesischen Nonnen als Jungfrauen?“

Der Mönch verstand nicht, übersetzte dennoch und sah Rollos Angesicht in ein breites Grinsen aufgehen.

„Sie ist eine Frau nach meinem Sinne, das höre ich! Sage ihr, sie darf in ihr Gefolge nehmen, wen sie will, und von ihrer beweglichen Habe, welche nun etwas zerstreut ist, so viel nach Rouen mit sich führen, so viel es ihr behagt.“

Popa sah sich um, auf die gebundenen Leibwächter und auf die eingehegten Frauen und Kinder. Dann schöpfte sie erneut Atem und nahm Anlauf:

„Ich benötige keine Bedenkzeit. Ich folge lieber dir, Rollo, jetzt sofort, und fühle keine Notwendigkeit, meine Tugend von irgendwelchen ungewaschenen Nonnen verteidigen zu lassen.“

Das Letzte wollte der Mönch nun nicht wortgetreu übersetzen, aber es reichte dazu, dass Rollo die Augenbrauen anheben und wieder froh aussehen sollte. Sie hob die Hand:

„Nur eine Bedingung: die anderen Gefangenen sollen ihre Freiheit wiederbekommen.“

Rollo verfinsterte sich, als er ihre Bedingung zu hören bekam, und auch die übrigen Anführer murmelten und hatten Einwände. Ein Halbdutzend Kerle versammelte sich um Rollo, um Rat zu schlagen. Zuletzt waren sie sich einig. Popa erhielt, was sie wollte, wenn auch nicht ganz.

„Alle vom fränkischen Stamm mögen gehen, wohin sie wollen, wenn sie nur über die Berge nach Süden verschwinden“, bestimmte Rollo. „Hier sollen hinterher nur verlässliche Nordbewohner zu finden sein.“

Damit die Franken nicht allzu große Bürden zu tragen hatten, befreiten die Normannen sie von allem überflüssigen Gut. Als sie darüber grummelten, völlig verarmt von Grund und Hof ziehen zu müssen, wurde Rollo böse und brüllte:

„Ihr sollt verdammt dankbar sein, dass ihr das Leben behalten dürft. Und wer nur im geringsten murrt, kann noch das Schwert kosten. Wir haben noch nicht das Willkommen vergessen, welches uns voriges Jahr empfing. Es sei nur Popa zu danken, dass wir euch nicht in eurem eigenen Dreck ertrinken lassen. Aber um euch auf den Weg zu helfen und euch dazu zu bringen, dankbare Gebete den Weg nach oben zu senden, lassen wir einigen von euch einen Vorgeschmack von dem Schicksal zukommen, das ich für die garstigsten von euren Frauen ausgedacht hatte.“

Er wählte einen Mann und eine Frau aus und diese wurden trotz heftiger Tränen und großen Widerstandes zurück in die Stadt geführt. Popa konnte am Anfang nicht feststellen, was die Unglücklichen erwartete, aber so allmählich begann sie es zu ahnen. Und als sie zurückkamen, waren sie über den ganzen Körper beschmiert und sprangen kopfüber in die Flut.

Es war so, dass die Burg von Bayeux in drei Etagen gebaut war. Im Innersten des Hauskörpers befand sich ein Rohr, welches zum Keller führte. Zu diesem Rohr führte eine Anzahl von Abtritten, und was in diesen verrichtet wurde, fiel herunter in die unterirdische Latrine. Mit jeder Frühlingsflut wurde ein Bach unter die Burg geleitet, um die Hinterlassenschaft des Jahres wegzuspülen. In diesem Jahr war jedoch keine Frühlingsflut gekommen und die Latrine war deshalb wohlgefüllt.

In dieser waren die Zwei getauft worden - als Dank für das Willkommen vom vergangenen Jahr. Nachdem sie die zwei Gefangenen hatten herauskommen sehen, muckste keiner mehr. Fort rannten sie. Als sie sich umsahen, fanden sie ihre Heimstatt in Flammen.

5

So trafen sie aufeinander, Rollo und Popa.

Am Anfang entsetzte sie sich viele Male: Was war in sie gefahren, dass sie sich beinahe ungenötigt mit den Normannen eingelassen hatte? Was würden ihr Vater und ihr Bruder und andere Verwandte denken, wenn die erfuhren, was sie getan hatte? Sicher meinten die, sie hätte lieber den Tod wählen sollen, als sich einem Heiden und Feind ihres eigenen Volkes und Landes als Buhle zu geben. Außerdem war der mehr als doppelt so alt wie sie.

Die einfache Wahrheit war, sie wollte ihn haben - und er sie. Eine Antwort, welche wohl vor ihren Verwandten nicht gelten würde ... Doch wessen Fehler war es, dass sie in Bayeux zurückgelassen wurde?

Auf dem Weg von Bayeux nach Rouen - „Adieu Bayeux!“ - hatte sie den Mönch so viel, wie sie wagte, ausgefragt. Denis hieß er, wie der Schutzpatron des Frankenreiches, und kam von Jumièges. Der Mönch war von seltsamer Art, und sie glaubte erst, seine Schweigsamkeit käme aus einem moralischen Grund: In seinen Augen musste sie eine Sünderin sein, zumindest eine werdende. Recht bald fand sie, Denis war von Natur aus bitter, wenn auch auf seinen Erlebnissen beruhend. Dass er Dänisch konnte, hing damit zusammen, dass er Sklave eines dänischen Häuptlings war, der dann ein mächtiger Herr beim dänischen König im östlichen England wurde. An und für sich hatte er es nicht so schlecht am dänisch-englischen Hof. Sein Herr hatte ihn an König Gudrum verschenkt, der sich nach seiner christlichen Taufe Adelstan nennen ließ, und dieser ungelehrte König hatte Denis als Schreiber benutzt. In Franreich waren seine Frau und seine Kinder zurückgeblieben, und während seiner Jahre in England hatte er nicht gewusst, ob sie lebten oder nicht.

„Aber dann kam Rollo nach England“, berichtete Denis. „Am Anfang war es wohl so und so mit der Freundschaft zwischen ihm und dem König. Aber nach einem Plünderungszug entlang der Küste des Kontinents kam Rollo mit großen Reichtümern zurück. Und was noch besser war: mit einem richtigen Heer, welches sich an Adelstanes Seite gegen andere englische Könige schlug. Danach stand Rollo hoch in der Gunst. Der König wollte, dass Rollo als Jarl in seinem Reich verbleiben sollte, aber Rollo lehnte dankend ab; aus einem gewissen Grund glaubte er, sein Glück würde auf ihn in Frankreich warten.“

„Ist Rollo getauft?“, wollte sie wissen.

„Nein, nur primgesegnet. Unterbreche mich nun nicht, nachdem ich in Gang gekommen bin, auf deine vielen Fragen zu antworten. Kurz und gut, Rollo fasste Zuneigung zu mir. Vielleicht war es, weil ich ein wenig Dänisch konnte, vielleicht hatte er Nutzen davon, was ich vom Land um die Seine herum zu berichten wusste. Als er hierher von dannen zog, bat er den König, mich freizukaufen und mit sich nehmen zu können. Wie du bemerkt hast, bin ich so eine Art Dolmetscher für ihn. Er ist ein guter Mann, mitten in seinem heidnischen Unverstand - möge St. Denis mit ihm sein auf allen seinen Wegen. Und mit dir auch; ich glaube, du wirst ihm Segen bringen.“

Sie verstummte beinahe vor Verwunderung.

„Ich dachte, du würdest mich verachten“, antwortete sie schließlich.

Denis schüttelte mit dem Kopf. Als er nichts weiter herausbrachte, versuchte sie es erneut mit einer Frage:

„Aber wenn nun der englische König getauft und Rollos Freund ist, weshalb überredete er da nicht Rollo, sich taufen zu lassen?“

Denis schüttelte erneut seinen Kopf, zog eine Zwiebel heraus und begann davon zu essen.

„Das sollst du versuchen, selbst herauszufinden", schlug er vor. „Rollo mag es merkwürdigerweise nicht, darüber zu reden. „Das hat Zeit." antwortet er, wenn ich ihm zusetze. Ich glaube, er rechnet damit, sich eine Art Vorteil von einem hohen Herrn zu verschaffen, wenn er sich taufen lässt - vielleicht vom fränkischen König sogar. Aber er ist kein Heide schlecht und recht und überhaupt kein Feind der christlichen Kirche. Im Gegenteil, als er von seinem flandrischen Zug kam und bei Jumièges an Land ging, hatte er die Reliquien von St. Hameltrudis bei sich und legte diese auf den Altar von St. Vaas. Und er hat heilige Träume gehabt – aber über die soll er selbst berichten, wenn er meint, sie sollten berichtet werden."

Heide und doch nicht ... Sie brachte es nicht zusammen. Das war genauso schwer erklärbar wie, dass sie hier in Rollos Boot saß, auf dem Weg, seine Geliebte zu werden.

„Jumièges“, erinnerte sie sich. „Hast du etwas über die Deinen erfahren?“

„Ja und nein“, antwortete er kurz und schwieg dann. Denis hatte für dieses Mal genug geredet. Auf ihre nächste Frage antwortete er gar nicht und dann setzte er sich woanders hin.

An der nächsten Flussmündung lag eine Flotte normannischer Schiffe, und diese schlossen sich nun Rollos Schiffen an. Aus dem fröhlichen Gespräch zwischen den Booten zog sie den Schluss, dass auch diese Männer beim Überfall auf Bayeux dabei gewesen waren. Sie fragte Denis, und dieser bekräftigte ihr Raten mit einem Nicken. Also waren sie im Gegensatz zu dem, was Bayeux erwartet hatte, mit ihren Entertreppen über den Landweg gekommen ...

Popa war noch niemals so weit ostwärts bis zur Seinemündung gewesen. Wie gewöhnlich warteten die Schiffe die Flutzeit ab und ritten auf dem Rücken der Flutwelle die Seine hinauf; sonst hätte man gegen den Strom rudern müssen. Von Booten hatte Popa wenig Ahnung, aber diesen Kniff konnte sie nicht genug bewundern!

Von der Seinemündung und ein gutes Stück aufwärts lief die Flussrinne gerade und breit durch eine flache Landschaft; man fand dort nicht viel, was das Auge erfreute. Aber jetzt machte der Fluss eine scharfe Wendung und die Hänge wurden steiler, immer grüner, immer blühender. Das war schön! Sie erhob sich, stellte sich an die Reling und nahm mit all ihren Sinnen auf, was sie sah, hörte und fühlte. Ein gellender Pfiff ließ sie sich nach achtern wenden. Es war Rollo, der mit den Fingern im Mund von seinem Platz oben auf dem lyfting gepfiffen hatte. Er winkte sie zu sich und sie kam. Dann hob er sie zu sich herauf, setzte sie sich auf seine Knie und hielt sie um ihre Mitte. Seine freie Hand machte einen weiten Bogen.

Ja, sie sah. Der steile Kalkfelsen, der Steilhang leuchtete zwischen üppigen Gewächsen, die hinauf und herunter in allen Regenbogenfarben wuchsen.

Die Fahrt ging mit Windeseile im Takt der Springflut. Der Fluss machte eine neue Biegung und gleich noch eine schärfere. Sie brausten an einer gewaltigen Schlange entlang voran, und unbewusst drückte sie sich dichter an Rollo: Wenn der Rudersmann nicht aufpassen und sie quer zur Strö-mung geraten oder geradeaus fahren würden, statt zu schwenken! Rollo lachte; er verstand, was sie fühlte.

„St. Vandrille Backbord“, unterwies er sie. „Altes Kloster.“

Ja, sie verstand; aber von dem Kloster war nicht viel geblieben. Freveltat der Normannen, dachte sie und wurde mit Schmerzen an das brennende Bayeux erinnert. Sie hoffte auf den Augenblick, in dem sie es ihm in seiner Sprache sagen konnte! Jetzt musste sie sich damit begnügen, sich zu wenden und auf die Ruinen zu zeigen, mit dem Kopf zu schütteln und böse auszusehen. Er lachte wieder sein dröhnendes Lachen, sodass sie auf seinen Knien hüpfte.

„Ich werde das alles bald wieder aufbauen!“, rief er, ließ sie los und formte mit den Händen, weshalb sie nahe daran war, von seinen Knien zu fallen. Er nahm sie erneut in den Griff, fester nun und höher; seine großen Hände umfassten jede eine ihrer Brüste, und die Hände wussten bald, dass die Brüste wussten. Popa fühlte, wie die Warzen unter seinen wandernden Fingern steif wurden. Kein Mann hatte vorher ihre Brust berührt, und nun, da er es tat, breitete sich ein kribbelndes Gefühl in ihrem Körper aus und schlug gerade dort Wurzel, wo er sie am Strand von Bayeux angefasst hatte; auch dort hatte sie bisher noch kein Mann berührt. Erschreckt fragte sie sich, ob die anderen Männer an Bord bemerkten, was mit ihr geschah, aber da ließ er plötzlich ihre linke Brust los und zeigte wieder:

„Jumièges! Das Kloster, von dem Denis herkommt - das steht zumindest noch, jedenfalls das meiste. Sankt Per geweiht.“

Dann wechselte er den Griff wieder zur linken Brust und mit der rechten Hand in einem neuen Bogen heraus:

„Dort St. Vaast! Dort setzte ich zum ersten Mal meinen Fuß auf fränkische Erde.“

Dem meisten, was Rollo sagte, konnte Popa dank ihres Gesprächs mit Denis folgen. Plötzlich bog sich die Seine so gefährlich, dass Popa für einen Augenblick glaubte, sie würden wenden. Rollos Hand kehrte nicht zurück, und die linke Hand vergaß, was sie vor sich hatte, und sank auf ihren Bauch. Rollo war in Gedanken versunken: Er erinnerte sich zurück und träumte voraus. Popa war dafür dankbar, gleichzeitig, wie sie seine Hände vermisste ...

Zwei schwindelnde Biegungen erreichte die Flut, dann waren sie vor Rouen. Die Ruderer mühten sich aus Leibeskräften, das Schiff aus der Hauptströmung und in ruhigeres Wasser nach Backbord zu bringen.

6

Rouen ...

Die Stadt sollte die vornehmste neben Reims sein, aber was Popa sah, waren meistens Ruinen, notdürftig zusammengeflickt und mit Segeltuch gedeckt - wenn sie überhaupt einen Schutz gegen Sonne und Regen hatten. Aber die Normannen hatten starke Mauern aufgebaut; sie sah, große Teile der Mauern waren neu, wie auch Türme und Erker. Ein Pfahlkranz umschloss das äußere Hafenbecken und eine Insel im Fluss, wodurch ein guter Hafen gebildet wurde. Innerhalb dieses Hafens befand sich noch ein Wall und in diesem ein Wassertor. Rollos Schiff musste den Mast umlegen, um hindurchzukommen. Der Sinn war, dass drinnen weder Gezeiten noch Feinde Unruhe bringen konnten.

Rouen war eine einzige große Befestigung. Hierher würden sich die Normannen in äußerster Not zurückziehen können - denn kein fränkischer oder flämischer Markgraf träumte etwas anderes, als stark genug zu werden, um die Räuber ins Meer zu werfen. Käme es jedoch dazu, dass die Normannen gezwungen waren, Frankreichs Erde zu verlassen, waren die Schiffe ihr Nabelstrang, ihre einzige Möglichkeit zur Befreiung. Also war es notwendig, die Schiffe so gut wie möglich zu schützten. Was Popa noch nicht verstand - und was selbst die Normannen noch nicht richtig begriffen hatten - war, dass die Franken wenig Geschick mit Kriegsschiffen hatten und darin niemals so sehr viel besser werden sollten. Auf den Flüssen und entlang der Wasserwege blieben die Normannen die Herren, unabgesehen aller Vorsichtsmaßnahmen.

Die Normannen, die kein Quartier in ausgeräumten Häusern oder in geflickten Ruinen genommen hatten, wohnten in hölzernen Gassen entlang des Hafens, manche sogar in einem Zelt. Zwischen diesen Zelten und Buden liefen Waschrinnen, und Popa sah zu ihrer Überraschung mehrere Frauen und Kinder. Waren die Frauen Sklaven - wie sie selbst? Nein, viele sprachen Rollos Sprache, das hörte sie, als sie sich zwischen Booten und Land gegenseitig anriefen.

Bald sollte sie erfahren, dass viele Nordleute ihre Familien mitgenommen hatten. Die eine oder andere Frau war von fränkischer Herkunft und war auf ungefähr gleiche Weise wie Popa im Heer gelandet. Und dann gab es natürlicherweise auch Sklaven, Männer und Frauen - obgleich keiner von denen Nordmensch war.

Popa hatte erwartet, man würde ihre Sachen losbinden und an Land bringen, ja, natürlich auch, dass sie selbst an Land gehen durfte. Aber Rollo hatte nur ein Geschäft in der Stadt zu erledigen. Bald war er wieder an Bord und das Schiff steuerte wieder in die Hauptströmung und fuhr noch weiter den Fluss hinauf. Wohin in aller Welt waren sie auf dem Weg?

Die Seine war nun, wenn das möglich war, noch weniger geneigt, zwischen den Bergen zu laufen, und wand sich so heftig, dass Popa voll zu tun hatte, sich auf den Beinen zu halten. Kroch sie unter Deck, wurde ihr schwindlig und sie musste sich erbrechen. Sie ließ deshalb alle Fragen sein und schloss sich in ihr Schweigen ein. Der Anblick des verwundeten und geflickten Rouen hatte auch ihren Mut sinken lassen. Wenn es hier so ärmlich war, wo die Normannen lebten, wie sollte sie es da aushalten! Und weshalb brannten sie eine so ausgezeichnete Festung wie Bayeux nieder! Sie sollte den Mann hassen, der ihr Heim zerstört hatte, anstatt ... Sie suchte Rollo mit dem Blick, aber er hatte jetzt keine Zeit für sie, er stand spähend am Bug. Wieder schlug das Entsetzen über sie: Wie konnte sie anderes als Abscheu für ihn fühlen? Sie sah ihn nun als den Fremdling, der er war. Was war es, das ihr in seiner Nähe die Sinne verwirrte? Welcher Dämon hatte ihr Sand in die Augen geworfen?

Es war wahr: Sie hatte nur zu wählen zwischen ihm oder als Sklavin verkauft zu werden ...

Es dauerte nicht lange, bis sich das Schiff wieder dem Land näherte. Sie wählten dieselbe Seite des Flusses wie in Rouen. Backbord wurde sie gewissermaßen genannt; also würden sie auf der rechten Seite der Seine an Land gehen - sie hatte gelernt, dass man immer die rechte und linke Seite eines Flusses von oben, von der Quelle zum Meer festlegte.

Sollten sie hier wirklich bleiben?

Desgleichen hatte sie nie gesehen oder sich vorstellen können. Das Boot hatte sie mitten in ein gewaltiges Heerlager geführt. Mit dem, was sie sah, sollte sie in den nächsten Jahren bis zum Überdruss wohlbekannt werden; jedoch hörte sie niemals auf, von der wahnwitzigen „Stadt“ fasziniert zu sein. Ihr zukünftiger Streifzug gab ihr dieses Bild vom Lager der Normannen:

Ein hoher Erdwall lief um das äußere Lager und innerhalb des Walles mit den Giebeln zu diesem standen niedrige, lang gestreckte Gebäude Seite an Seite. In der Mitte des Lagers befand sich eine kreisrunde Anlage mit noch höheren Wällen. Zwei holzbelegte Straßen kreuzten einander mitten im Lager und führten zu vier Toren in vier Himmelsrichtungen. Die Straßen teilten die „Stadt" in vier gleiche Quadranten auf, jeder beherbergte vier bootförmige Gebäude. Diese vier Häuser waren so gelegen, dass sie einen vierseitigen Hof umschlossen.

Allmählich entdeckte Popa, auch die Häuser des äußeren Gürtels waren nach gleichem ungewöhnlichen Muster gebaut; von oben mussten die wie Seite an Seite vertäute Schiffe aussehen.

Eins von diesen inneren Vierteln war Rollos „Quartier“ - im buchstäblichen Sinn.

Er hatte ihr an Land geholfen und behielt dann seinen Griff um ihren Arm bei, während er die Schritte geraden Wegs zu seinem Quartier steuerte. Stolz schlug er das Tor an der Giebelseite auf und bat sie einzutreten. Zuerst schien ihr das langgestreckte und bis auf einige Luken fast fensterlose Gebäude ein Stall oder Magazin zu sein.

Nachdem sich ihre Augen ein bisschen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten, wurde sie an den Längsseiten Tisch und Bänke und mitten an den Längsseiten erhöhte Sitze gewahr - Rollo nannte sie Hochsitze. In der Mitte auf dem Boden war ein länglicher Herd aus Steinen eingemauert und über allem hing ein Rauchfang mit einem Fries rundherum. Auf dem Fries standen lange Trinkhörner und Kannen, Abendmahlskelche und kleiner Becher aus Gold und Silber. In Augenhöhe waren die Wände mit Borten oder Wandbehängen bekleidet; deren Muster waren ungewohnt - aber schön. Die Wandteppiche konnten wohl eine halbe Elle breit sein. Im Übrigen war der Saal bis auf eine Anzahl aufgespannter Felle samt aller Art von Waffen kahl.

Popa musste mächtig verwundert ausgesehen haben, weil Denis hereingerufen wurde. Er erklärte, dies wäre die Halle eines normannischen Fürsten. Sogar die größten Könige im Norden hielten sich an „Schalen" wie diese. Dort aßen und tranken sie am Abend mit ihren Männern und Gästen - ja, auch Frauen durften bei den Festen dabei sein, solange sie wollten oder sollten ...

Das Letzte sagte Denis mit leiser Stimme.

Dann war es Zeit für Popa, das Allerheiligste der Halle sehen zu dürfen. Rollo ging zu einem schrankähnlichen Aufbau in der äußersten linken Ecke und zog die Vorhänge weg. Oho, das war ein Himmelbett. War es ihr also bestimmt, dort drinnen zwischen den Fellen mit ihm zusammen zu liegen?

Sowohl als auch. Rollo und Denis hatten es eilig, sie aus der Halle und um die Ecke zu führen. Und dort, an den Giebel angebaut, stand ein kleines Haus aus Holz. Eine steile Treppe führte zu einer Galerie. Rollo sprang hinauf und bedeutete ihr nachzufolgen. Nach einiger Mühe mit ihrem langen Rock kam sie die Treppe hinauf und schaute in eine hübsche Kammer. Das war ihr eigenes kleines Haus, erklärte Rollo - er war flink in der Zeichensprache. Und unten im Erdgeschoss fand sie etwas, was wohl im fränkischen Sprachgebrauch Salon oder Boudoir genannt werden könnte – aber auch hier stand ein Schrankbett, wenn auch nicht von so gewaltigem Ausmaß wie Rollos.

„Hier schläft deine Dienerin“, erzählte Rollo während Denis nebenher lief und übersetzte. „Sie ist Frankin und heißt Arlette, und sie wird dir helfen, heimisch zu werden. Nun darfst du dich bis zum Abendessen einrichten. Wann dieses sein wird, wirst du hören - da schlägt man auf das Kupferbecken, das vor der Halle hängt. Aber komm dann sofort! Derjenige, der sich aufhält und später kommt, als ich den ersten Kelch getrunken habe, muss büßen.“

Wie in den Märchen stand auf einmal alles um sie herum, was sie sich wünschen konnte: die sich verbeugende Arlette, all ihr Eigentum, das sie bei der Burg in Bayeux ausgesucht hatte - und dazu viele Dinge, von denen sie gedacht hatte, sie würden auf einem Schiff keinen Platz finden. Himmel, wohin sollte sie alles stellen und legen! Aber Arlette fand Rat. Rollo hatte eine ganze Längsseite als Speicher. Popa konnte ihre Kisten dort unterbringen, bis Rollo ihr ein eigenes Haus schaffen konnte, das größer war. Erst jetzt bemerkte Popa, dass sie ja die ganze Zeit fränkisch mit Arlette sprechen konnte - und da setzte sie sich hin und weinte.

Als sie sich ein bisschen erholt hatte, folgte sie Arlette zum Speicher. Und das war nicht irgendein beliebiger Speicher!

Überall an den Wänden, auf dem Fußboden, unterm Dach hingen, standen und lagen Kostbarkeiten zu Tausenden. Kisten voller Gold und Silber, Münzen und Armringe, Fingerringe und Ketten, Abendmahlskelche und Kruzifixe. Dicke Ballen aus Brokat und Kleider und unzählige andere Tucharten. Seidenmäntel und Biberpelze - bald würde der Bärenpelz ihres Vaters hier landen.

Sie konnte nicht alles beim Namen nennen, was sie sah. Hier wurde es also gesammelt, alles, was die Normannen während der Jahre in ihrem Land geraubt hatten, in „ihren" Kirchen und Klöstern. Gegen ihren Willen näherte sie sich dem Regal mit kostbaren Frauenkleidern und strich über Tücher und Stickereien. Wer etwa hatte diese besessen und getragen?

„Aber", sagte sie verwirrt, „dass man wagt, alle diese Reichtümer hier so offen zu lagern! Du hast ja keinen Schlüssel - und das Tor steht unverschlossen ...!"

„Oh“, antwortete Arlette, „hier im Lager der Normannen stiehlt jemand nicht mal einen Kamm. Der würde sofort gehängt.“

Aber ... Popa schwieg über das, was sie dachte: Wenn diese Regel für das Heer und die Normannen galt, war es ja nicht sicher, dass sich Franken wie Arlette und sie selbst daran hielten. Was hinderte es, dass Arlette stahl, so viel sie zu tragen vermochte, und entfloh?

Arlette musste ihr Gedanken gelesen haben.

„Kein Dieb kommt hier weit. Alle, die es versucht hatten, kehrten zurück - um gehängt zu werden ..."

Das klang wie eine Warnung!

Deutlich waren die inneren Viertel vornehmer als die äußeren, am nächst stattlichsten war das von dem ihr von Bayeux bekannten Marschall Botho, und dann wohnten die übrigen normannischen Anführer darin - oft mit Familien. Keiner von ihnen verschloss die Tür hinter sich ...

Jedoch erlebte Popa das Heerlager wie ein Gefängnis. Wälle überall, wohin man schaute. Und ohne Schutz durfte sie nirgendwohin gehen.

„Ich glaubte, du hättest eine Burg in Rouen?“, versuchte sie es, als Rollo sie eines Tages umherführte.

„Die werde ich wohl bald haben“, antwortete er zögernd. „Aber lieber baue ich mir einen prächtigen Hof in einem fruchtbaren Tal, wenn ich einmal Zeit und Ruhe finde.“

„Ja, tu das!", ermunterte sie ihn eifrig. Was auch immer, es musste wohl besser sein als dieses Gefängnis hier. „Kann Rouen nicht reichen, bis ...?"

Er machte eine weite Handbewegung über das Lager.

„Wir brauchen sowohl Rouen als auch Pont de l´Arche, bis wir sicheren Frieden haben", antwortete er. „Gerade jetzt muss ich zwanzigtausend Mann unterbringen - glaubst du Rouen reicht da, wenn so viele Männer ein Dach über dem Kopf und Essen im Bauch haben wollen? Und wo soll ich Platz für all die Pferde finden? Und die Schmiede und die Brauereien und die Weinkeller und die Schwertschleifer und die Schlachter und die Getreidekisten ...?"

Nein, er hatte bestimmt Recht. Das Lager war bereits Stadt und Bauernhof in Einem, jedoch im Kolossalformat! Das war imponierend, das war Schreck einjagend - aber es war deshalb nicht im geringsten angenehmer.

II

1

Popa musste sich über vieles wundern. Manches konnte sie nicht in Worte kleiden, weil sie Rollos Sprache nicht beherrschte und keinen anderen Fragen von ihr übersetzen lassen wollte; dazu waren die zu heikel. Anderes sollte sie erst erfahren, als mehrere Jahre vergangen waren. Aber bereits vom ersten Augenblick dachte sie darüber nach: Wer vor ihr in dem kleinen Haus gewohnt hatte? Und wohin hatte diese Frau ihren Weg genommen?

Es wollte ihr nicht in den Kopf gehen, dass ein so alter Kerl wie Rollo allein gelebt hatte, bis er sie getroffen hatte; nicht mal eine Grafentochter von Bayeux war so eingebildet. Vorsichtig fragte sie Arlette aus, aber diese Närrin antwortete in vollem Ernst, das Haus hätte auf die „Richtige“ gewartet, das soll heißen auf Popa. Sie wurde böse.

„Steh nicht und mache mich dümmer als ich bin“, fauchte sie. „Heraus mit der Sprache, wer war seine Gespielin vor mir?“

Aber nun verstand sogar Arlette kaum Fränkisch. Sie zuckte nur mit den Schultern und antwortete:

„Weiß nicht. Bin nicht so lange hier gewesen.“

Was sie gewiss war - Popa fand bald heraus, Arlette war unter den Ersten, die die Normannen zu Dienerinnen gemacht hatten, als sie sich bei Rouen niederließen. Vielleicht hatte Arlette selbst ihren Herrn bedient?

Sie wurde nicht viel klüger, als sie Denis fragte. Ja, er antwortete nicht mal, er grunzte nur und schüttelte - seiner Gewohnheit treu - mit dem Kopf. Aber Popa wurde eigensinnig. Viele von Rollos nächsten Männern waren verheiratet, aber nicht nach kirchlichem Brauch. Ja, sein nächster Vertrauter, Botho Marschall, war ungetauft wie Rollo, aber mit einer Frankin „verheiratet", die Christin war - aber so eine Ehe zwischen Christen und Heiden wurde ja von der Kirche nicht anerkannt. Wie konnten sie da behaupten, verheiratet zu sein? Nun meinte Denis, sie waren verheiratet „More danico", auf dänische Weise, und das war nicht schlechter, wenn man es nüchtern sah. Popa musste sich ja erinnern, bereits Adam und Eva hatten in Ehe gelebt und Kinder aufzogen, die das Erbe nach ihnen antraten, und so weiter durch alle Geschlechter durch die Jahrhunderte. Und keiner hatte sie deshalb als Buhlen und Hurenkerle oder als unverheiratet bezichtigt. Obwohl manche gewiss Buhlen hatten, wie Salomo ... Genug davon, nach dem, was Denis wusste, hatte sich die Kirche erst viele Jahrhunderte nach Christi Geburt in die Ehe eingemischt. Und der eine oder andere Kirchenvater oder Abt brummelte darüber, dass Mönche und Priester ohne Frauen leben mussten, aber auch das war eine Erfindung der neueren Zeit. Sankt Paulus sagt jedenfalls, dass ...

Da meinte Popa, Denis hätte sich von der Sache entfernt. Was sie wissen wollte war, ob Rollo auch „More danico“ verheiratet war? Zu Hause in Dänemark? Vielleicht in England? Vielleicht an beiden Orten? Wenn eine von diesen „Ehefrauen“ auf den Gedanken kam, hierher in das Frankenreich nachzukommen, wie so viele andere Frauen vom anderen Ufer des Meeres, was geschah dann mit Popa? Musste sie dann aus dem kleinen Haus ausziehen?

Denis schmatzte und murrte und schälte seine ewige Zwiebel. Soviel er wusste, hatte Rollo sich vorher niemals für jemand entschieden. Frauen hatte er wohl besessen wie andere Männer, und vielleicht hatte er mit ihnen Kinder - wenngleich Denis auch darüber nichts wusste. Das Einzige, was er sicher sagen konnte, war, Rollo hatte niemals von irgendeinem Erben gesprochen, ja, er hatte sogar niemals jemand sagen hören, dass Rollo irgendwo ein Kind hatte, das er anerkannte. Wenn Popa meinte, das würde merkwürdig klingen, musste sie bedenken, dass Rollo während seiner ganzen Mannesjahre ein Zugvogel gewesen war. Eigentlich erst jetzt hier an der Seine und bei Rouen hatte er begonnen, „zu Hause" zu einem Ort zu sagen.

Als Popa das hörte, sah sie deutlich so zufrieden aus, dass Denis sich genötigt sah, sie aufklären zu müssen.

„Das Schöne mit der Ehe auf dänische Weise ist, sie kann aufgelöst werden“, sagte er und grinste unverschämt. „Wie du weißt, zählt die Kirche die Ehe zu den Sakramenten und sieht sie als unauflöslich an. Nur der Tod oder der Papst kann die Bande lösen. Manchmal nicht einmal der Papst - falls er nicht ordentlich bezahlt wird ... Aber Marschall Botho kann welchen Tag auch immer sich hier draußen auf den Markt stellen und erklären, dass er von jetzt an seine Ehefrau verstößt! Gewiss kann sie nach nordischem Recht Gleiches tun, aber das ist jedoch in der Praxis ein wenig verzwickter. Da sollte sie ja Eigentum haben, wenn sie sich von ihm befreit.“

Popa ließ den Nähkranz sinken, an dem sie saß.

„Aber was für ein Unterschied ist dann zwischen Geliebte und Gattin in der dänischen Weise?“

„Ja, der Unterschied ist groß. Mann und Frau sind bei der Hochzeit ein Abkommen eingegangen: dieses und jenes besitzt der und der und so weiter. Wenn der Mann seine Frau verstößt, muss er zusehen, sie auf ehrbare Weise zu versorgen. Und da pflegt es unter den Nordleuten keine Schwierigkeiten zu geben, darüber kann ich aus England zeugen. Es kommt vor, dass wir Christen schlechter sind. Es geschieht ja ab und zu, ein christlicher Fürst befindet es für gut, seine Frau aus dem einen oder anderen Grund zu verstoßen - gewöhnlich ist der Grund jünger und schöner, und da kann die erste Frau in äußerste Armut geraten. Und sie bekommt keine Unterstützung von der Kirche, wenn sie nicht - wie gesagt - vermögend ist und sich ein Papier vom Papst kaufen kann, das ihr das Recht gibt, sich wieder zu verheiraten.“

Ja, wahrlich, es gab vieles zu bewundern! Und vieles konnte sie nur von Rollo selbst erfahren. Aber weil er kein Fränkisch konnte und es auch gar nicht lernen wollte, beschloss sie, so schnell wie möglich Dänisch zu lernen. Sie erhielt von Rollo das Versprechen, Denis als Lehrer zu bekommen, wenn Rollo nicht selbst seinen Beistand brauchte. Schreiben und lesen konnte sie selbst, schlimmer war es, etwas zu finden, was auf Dänisch geschrieben war. Rollo hatte niemals von irgendeinem Buch auf Dänisch reden hören - und auch kein anderer in Rouen. War man gezwungen zu schreiben, so schrieb man auf Latein?

„Es gibt Bücher auf Fränkisch“, antwortete Popa friedlich.

„Die gibt es sicher auf Dänisch auch", meinte Rollo. „Und das mit „Dänisch" musst du nicht buchstäblich nehmen. Svea und Nordmänner sprechen die gleiche Sprache wie ich, obwohl sie sich in der Aussprache ein wenig unterscheiden kann. Selbst komme ich von Halland, und es ist genauso viel Wasser zwischen Halland und Dänemark wie zwischen Frankreich und England. Bestimmt gibt es Bücher, aber ..."

Offenbar hatte sie einen Stoff berührt, den er nicht beherrschte. Bücher hatte er meist dazu benutzt, Feuer zu machen und Hauswände abzudichten, wenn er sich überhaupt darum gekümmert hatte, sie in einem Kloster auf seinem Weg wahrzunehmen. Popas Bildungshunger hatte jedoch das Gute, dass Rollo ein Haufen schön illuminierter und ledergebundener Bücher von seinem nächsten Proviantierungsraubzug nach Soissons hinauf mit nach Hause brachte. Er versicherte, dass er jetzt niemals von Klöstern oder Kirchen raubte.

Umso schlimmer war es, dass die Bücher Popa keine große Hilfe waren; sie waren alle auf Latein, und das konnte sie nicht. Sie versuchte Bruder Denis dazu zu bringen, ihr vorzulesen, aber es schien, als ob er es auch nicht konnte oder jedenfalls einen ganzen Teil vergessen hatte. Also sog sie umso eifriger die nordische Sprache ein. Popa war jung und lernte leicht. Bald konnte sie genauso viel wie ihr Lehrer.

2

Je mehr es auf den ersten Abend im Lager zuging, desto mehr begann sich Popa zu ängstigen.

Nicht, weil sie Rollos Umarmung fürchtete. Geistig war ihr Körper bereit, ihn entgegenzunehmen. Aber sie war wirklich „Virgo“ und von all dem Unbekannten beunruhigt, das mit ihr geschehen sollte. Das Schlimmste war, dass Rollo berauscht zu ihr kommen würde. Je länger das abendliche Fest dauerte, desto mehr Toasts mussten die Männer trinken. Und sie tranken keine Schlückchen: Das Horn musste in einem Zug geleert werden, sonst musste sich der Trinkende schämen.

Zuerst hatten sie auf Odin und dann auf Thor getrunken; das hatte sie vielleicht erwarten können, stutzte jedoch davor. Dass darauf auf Christi getrunken wurde, überraschte sie fast noch mehr. Dann wurde es Zeit für einen Toast auf Popa, und da musste sie schließlich bis zum Boden trinken. Davor hatte sie sich hartnäckig geweigert, guten Rat anzunehmen, sondern genippt, wie sie es gewohnt war.

Zum Glück bekam sie roten Wein. Viele von ihren Tischnachbarn tranken auch Wein. Die meisten, auch mehrere Frauen tranken Bier. Sie bekam es zu kosten und fand es bitter. Manche hielten sich an Met, aber der war aus Honig gemacht und erschien ihrem Gaumen allzu süß.

Aber - wie die aßen, diese Normannen! Flink schnitten sie große Fleischscheiben mit ihren langen Messern in Streifen und schaufelten mit beiden Fäusten ein. Dann wurde es Zeit für Geflügel: Es sah aus, als ob ein halber Vogel für jeden das geringste war. Natürlich musste das alles heruntergespült werden. Und das öfter. Wenn sie sich ein wenig erholt hatten, knabberten sie an getrocknetem Fisch oder schnitten eine Keule ab, die um den Tisch herumwanderte oder über ihnen hing. Sie probierte ein Stückchen; es war geräuchert und schmeckte vortrefflich. Vielleicht Hirsch? Sie suchte Denis mit den Augen, hielt ein Stück hoch und machte ein Fragezeichen.

„Bär“, schrie er zurück. „Die glauben, sie werden von Bärenfleisch stark.“

Da wollte sie nicht noch mehr haben ...

Die Männer - und die Frauen auch für diesen Teil des Abends - zechten und schwirrten um sie herum. Fackeln knisterten an den Wänden und das Feuer brannte auf dem Herd. Wofür dieses - jetzt mitten in der Sommerwärme! Die Hitze war stark, fast unerträglich und der Rauch kroch immer weiter vom Dach herunter, es brannte in ihren Augen. Sie dämmerte vor Sattheit, Wein und Müdigkeit, wo sie saß, dahin und zuckte ab und zu zusammen, wenn ein Knochen in das Feuer flog und das Fett aufflammte. Bekamen die niemals genug? Irgendein Barde war aufgesprungen und sang ihr zu Ehren, und sie musste lachen und ihm zutrinken, obwohl sie kein Jota verstand. Dann sprachen Rollo und mehrere andere. Der eine nach dem anderen sprang auf und sprach darüber, wer er war und welche Taten er ausgeführt hatte. Sie würde sich nicht an einen einzigen von all diesen Namen erinnern. Und sie sollte nun zu all diesem mit ihrem Buhlendienst beginnen ...!

Sie musste einen Augenblick eingeschlummert sein. Denn plötzlich stand Rollo auf und hielt sie um die Schultern. Sie war hellwach und dachte: Jetzt! An ihrer Seite stand der Dolmetscher. Aber Rollo sprach laut zu allen:

„Die Jungfrau ist nach einem langen und gewaltsamen Tag mit großen Umwälzungen in ihrem Leben müde. Dafür bietet sie uns allen tausend gute Nächte. Bruder Denis folge ihr zu ihrem Quartier, weil Arlette offenbar eingeschlafen ist.“

Alle applaudierten ihr zu, Rollo richtete sie auf und küsste ihre Stirn. Und sie! Sie zog es vor, sich vor ihm zu verbeugen. Woher in aller Welt sie das nun hatte ...

Oh, endlich war sie draußen an der frischen Luft! Sie atmete laut aus und zog dann die Lungen mit einem tiefen Atemzug voll. Vom Wall duftete eine Pflanze stark und einschläfernd; sie wollte am Morgen nachsehen, welche das sein konnte.

Es war Rollo, der sie erinnerte hatte, wie lang der Tag gewesen war. Im Morgengrauen wurde sie durch den Überfall der Normannen geweckt. Und dann war ihr mehr geschehen als während ihres ganzen früheren Lebens. Gewiss war sie zu Tode erschöpft - aber die Normannen mussten noch müder sein. Schliefen die nie? Selbst war sie jetzt so erregt, dass sie eigentlich keine Lust hatte, sich hinzulegen. Die Nachtluft hatte sie auch aufgemuntert, vielleicht hatte sie auch drinnen in der Wärme eine ganze Weile geschlafen. Sie ging zwischen der Halle und dem Wall mit dem schweigenden Bruder neben sich hin und her. So, wie sie sich während des Abends danach gesehnt hatte, allein zu sein - so wollte sie nun nicht, dass er sie verlassen würde! Sie fühlte sich auch darüber erleichtert, dass Rollo sie diese Nacht schonen wollte. Sie wünschte, über all das mit Denis sprechen zu können, fand aber keine Worte.

„Verzeih mir“, sagte sie plötzlich, „ich halte dich auf. Du willst vielleicht zu den anderen gehen?“

„Nein“, seufzte er, „ich bin froh, solange ich es nicht brauche. Ich bin nun kaum noch Mönch, aber freitags pflege ich zu wachen - aus alter Gewohnheit.“

„Oh“, sagte sie und blieb einen Moment stehen. „Ist heute Freitag? Das hatte ich vergessen! Deshalb hattest du so wenig gegessen. Ich sah es und verglich dich mit den Normannen. Es schien, als ob du keiner von ihnen bist, meine ich.“

Er lachte trocken. Das war das erste Lachen aus seinem Hals, obwohl es nicht gut klang.

„Ich habe im Vergleich mit denen nichts, mich zu rühmen. Dass ich mich nicht vollsaufe und kein Fleisch an einem Freitag esse, rechne ich mir nicht als Verdienst an. Eher ..."

Er vollendete niemals seinen Gedankengang und sie vermochte nicht zu fragen.

„Nun sollst du mich endlich verlassen“, lachte sie. „Sonst kann unser Fürst da drinnen auf den Gedanken kommen, du nahmst, wovon er so höfisch in dieser Nacht Abstand genommen hatte ... Dass er dich schickte und nicht Arlette weckte, das verwunderte mich jedenfalls.“

Er blieb in der Dunkelheit plötzlich stehen. Nur die Fackel an der Ecke der Halle warf ihren flackernden Schein über sein Gesicht.

„Es ist gut, dass du das gleich über mich weißt - besser so als von jemand anderem. Rollo weiß, dass ich lendenlahm bin. Er hat selbst dafür gesorgt, dass ich es wurde.“

Jetzt verstand sie nicht richtig?

„Ich war auf einem Raubzug in England dabei. Hinterher feierten wir den Sieg. Ich soff mich voll und vergewaltigte eine Jungfrau. Schlimmer war, als es sich zeigte, dass die Jungfrau einem der Normannen gehörte. Zur Strafe für meine Untat bekam ich das Glied abgeschnitten, mit dem ich gesündigt hatte. Auch das ist „More danico“. Sage niemals, sie sind Heiden, die keine Gesetze haben!“

„Dass du nicht aus seinem Dienst entflohen bist!“

„Weshalb sollte ich das tun? Mir konnte er keine größere Wohltat angetan haben! Und nun: Gute Nacht! Sei nicht ängstlich - keiner wird kommen und dich stören; es gibt nichts Sichereres als ein normannisches Heerlager.“

Er folgte ihr zur Treppe, sah zu, dass sie glücklich die Stiege hinaufkam, und blieb zurück, bis sie die Tür hinter sich geschlossen hatte.

Es dauerte lange, bis sie schlief. Jedes Mal, wenn sie an der Schwelle war, sah sie vor sich, wie Vergewaltiger bestraft wurden.

3

Als Arlette Popa mit dem Frühstück weckte, war es schon spät am Sonnabend.

„Rollo hat mir befohlen, dich ausschlafen zu lassen", sagte Arlette, als Popa entsetzt darüber war, wie hoch die Sonne stand. „Er lässt ausrichten, er erwartet dich in einer Stunde in der Badestube?“

„Badestube?“

„Gewiss, das kennst du bestimmt nicht. Ja, jeden Sonnabend heizen die Normannen gewaltig unter einer Badestube ein, bis es höllisch warm darinnen ist. Dann gehen sie hinein, ganz nackt, sowohl Männer als auch Frauen, und bleiben drin, bis der Schweiß von ihnen rinnt. Wenn sie denken, genug zu haben, werfen sie sich ins Wasser und kühlen sich ab, und dann gehen sie wieder in die Hitze - und dann ins Wasser erneut, bis sie sich richtig sauber fühlen. Ja, ungefähr so geht es zu."

„Ungefähr? Warst du niemals selbst dort?“

„Nein, Gott bewahre mich! Mich ihren lüsternen Blicken und geilen Pfoten aussetzen? Nein, ich wasche meinen Körper auf anständige Weise. Ein Mal im Monat hat der Herr für die Reinigung der Frau bestimmt und nicht mal das im Übermaß. Im Übrigen hat die Kirche das gemeinsame Bad verboten - glaube ich.“

Popa prustete Brei über die ganze Decke und lachte so laut, dass sie nahe daran war, das ganze Frühstück zu verlieren.

„Mit dem gleichen Maß gemessen: Wann hat der Herr sich gedacht, sollen sich Männer waschen?“ Arlette legte den Kopf schief und wischte energisch ihre beschmutzte Herrin ab.

„Nun ja, mein Vater badete niemals mehr als zwei Mal im Jahr: Ostern und Weihnachten. Die Normannen gehen jeden Sonnabend in die Badestube, da muss irgendeine Sünde mit im Spiel sein, wenn sie es so lieben.“

„Da verehre ich die Normannen und deren Sünden“, bestimmte Popa und sprang aus dem Bett.

Die Frage war, was sie überstreifen sollte, bevor sie sich wieder alles auszog? Die Tunika von gestern vielleicht. Wenn die nur von Bayeux mitgekommen war. Rollo hatte darauf geachtet, dass sie sich für die Seefahrt warm kleiden würde.

Das mit der allgemeinen Nacktheit ließ sie ein wenig zögern. Arlette wusste wohl nicht, was sie schwatzte. Popa würde sehen, was die anderen Frauen taten. Andererseits hatte sie sich bereits sowohl vor Christen wie vor Heiden nackt gezeigt. Noch einmal konnte das wohl egal sein.

„Arlette“, rief sie, „zeige mir wenigstens den Weg zur Badestube.“

Der Sklavin würde es wohl gut tun, in die Badestube gezogen und mit Gewalt gewaschen zu werden - sie strahlte einen nicht gerade angenehmen Duft aus. Sobald ich Dänisch kann, werde ich darum bitten, eine normannische Dienerin zu bekommen, dachte sie.

4

In der Badestube zu baden, war ein wirkliches Erlebnis, das sie ihren fränkischen Verwandten gönnte! Sie verstand nun, dass Reinlichkeit ein natürlicher Reichtum und ein Vergnügen war, von dem ihr eigenes Volk kaum eine Ahnung hatte. Und dazu musste sie in einem heidnischen Lager landen, um es zu lernen.

Eine ehrbarere Veranstaltung hätte sie sich wohl kaum denken können. An der Tür stand eine Badefrau und teilte Blätterzweigbüschel an alle aus. Mit denen konnte man sich nach Belieben bedecken. Rollo zeigte ihr, wie man die Zweige auch benutzen konnte, um seinen Körper damit zu peitschen – wenn auch maßvoll: Da half man der Haut zu atmen und dem Blut, freier zu laufen, erklärte er. Mit vorsichtigem Schlag zeigte er auf ihrem Rücken, wie das zugehen sollte, und ja doch, gewiss fühlte es sich schön an, passte aber wohl besser zu den sonnengegerbten Normannen! Sie wandte sich um und nahm ihm das Reisig, um es auf ihm auszuprobieren. Erheitert gab er sich in ihre Gewalt. Sie meinte, sie peitschte ihn tüchtig und in jedem Fall härter, als er es mit ihr getan hatte, aber er zeigte, dass sie noch härter peitschen sollte. Das tat sie mehr als gerne: Nun bekam er für seine Sünden, für die und für die und für die! Es war, als ob sie kaum aufhören konnte, als er meinte, genug bekommen zu haben.

Botho Marschall lachte herzlich über die Abreibung, die sie Rollo gegeben hatte. Botho mischte munter Dänisch und Fränkisch, aber Popa verstand leidlich ein Teil von dem, was er berichten wollte, und den Rest der Übersetzung stand seine fränkische Frau bei. Obwohl mit manchem wollte Adéle, wie sie hieß, nicht heraus - und schließlich verstand Popa weshalb.

„Gib es Rolf, nur!“, munterte Botho sie auf. „Je sauberer er wird, desto mehr Freude hast du an ihm im Bett. Das mit der Badestube ließ die englischen Frauen uns wie Verrückte jagen. War man nur frisch gebadet, konnte man welch hochadlige Dame auch immer als Geliebte bekommen!“

Adéle schlug nach ihm, als er nicht nachgab, sondern sie Zwang, auch das mit den englischen Geliebten zu übersetzen. Popa dachte darüber nach, ob sie es wagen sollte zu antworten, dass Rollo eine fränkische Grafentochter ohne zu baden zur Geliebten bekommen können hätte. Aber dann beschloss sie, damit innezuhalten - Adéles wegen. Die Frankin wirkte zimperlich; Adéles Günstling würde sie wohl nicht werden.

Popa fühlte, genug von der Hitze zu haben, und verließ die Badestube. Aber wo sollte sie in den Fluss herunterkommen? Rollo war ihr sofort auf den Fersen. Als er ihr Zögern verstand, gestikulierte er abwehrend.

„Das Wasser im Fluss ist zu schmutzig! Nein, komm hierher!“

Er ging um die Badestubenecke voran und sie hinterher. Und wahrhaftig, da befand sich ein großes Bassin aus dem Felsen herausgehauen mit ganz klarem Wasser. Popa sah sich um und bemerkte, das Wasser kam von einem Bach, der geradewegs von den Klippen herunterstürzte.

Rollo warf sich kopfüber in das Wasser, und ohne sich zu bedenken, sprang sie hinterher. Der Schock nahm ihr für eine Weile den Atem: Das Wasser war eisig kalt - und schwimmen konnte sie wohl auch nicht! Sie musste ganz verrückt geworden sein.

Rollo prustete und fuhr im Wasser hin und her und hatte zuerst keine Gedanken für sie. Aber dann bemerkte er, dass Popa nirgendwo zu sehen war, verstand und tauchte. Hoch kam er wieder mit ihrem halb ertrunkenen Körper, zog sie in das Flachwasser und schüttelte sie nach oben und nach unten gewandt.

„Willst du dich ertränken, verfluchtes Weib!“, brüllte er in seiner Angst. „Ab dem morgigen Tag lernst du schwimmen. Möge der Puk alle fränkischen Grafen holen, die ihren Kindern das Schwimmen nicht leeren!“ Sie hustete und schäumte, wollte aber lieber auf den Beinen stehen als herabzuhängen. Sie kniff ihm in den Schenkel zum Zeichen, dass sie wohlbehalten und außer Gefahr war. Da stellte er sie aufrecht. Sie wollte für ihre Dummheit Buße tun und im selben Gang danken, aber wie sollte sie es tun? Vielleicht so hier: Sie legte beide Hände zusammen, beugte schnell ein Knie, erhob sich auf die Zehen und küsste ihn mitten auf den Mund.

Er hatte begriffen! Er umfasste sie mit seiner ganzen Stärke und drückte sie - und hätte sich noch Wasser in ihren Lungen befunden, so wäre es sicher aus ihr herausgeflossen.

Popa hatte lange vor den anderen genug und kehrte zu ihrem Häuschen zurück. Dort legte sie sich auf ihr Bett und ruhte. Das Bad selbst zog die Kraft aus einem und außerdem standen Wein und Bier in der Badestube dabei. Hätten die Franken mehr Verstand, würden sie an einem Sonnabend über die Normannen herfallen!

Sie hatte fast geschlafen, als sich die Tür öffnete und Rollo hereinkam. Er hatte nur ein Tuch um die Hüften. In der Hand hielt er einen Korb und tischte rasch Wein und getrocknete Weintrauben auf.

„Es gibt mehr“, sagte er, „Brot und Käse - nimm dir, was du dir wünschst.“

Sie wollte eigentlich nichts haben, kostete aber von den Gaben, um ihn nicht zu enttäuschen. Dann hob er den Becher mit Wein, trank selbst und reicht ihr ihn dann. Danach stellte er sich an ihrem Bett auf die Knie. Sie gab der Seidendecke einen Tritt und lag nackt vor ihm. Dann hob sie seine Hand und legte sie über ihren Schoß.

„Virgo“, lachte sie. „Encore!“

5

Rollo schlief an ihrer Seite. Popa war hellwach und froh.

Dieser Heide und Barbar war der behutsamste Liebhaber, den sie sich denken konnte. Sie hatte keine eigene Erfahrung; doch hatten sie die Amme und andere erwachsenen Frauen über die Wildheit der Männer seufzen gehört. Und mit der Liebe der Tiere war sie seit Kindesbeinen vertraut; nicht mal die deutete auf größere Empfindlichkeit. Aber der Anführer der Normannen hatte sie behandelt als wäre sie ein Vogelei, ein Vogeljunges, streichelte sie sicher, streichelt sie satt, streichelte sie hungrig, bis sie selbst vor Geilheit wild wurde und ihn fest in sich hineinzog. Da ließ er sie endlich seine Stärke fühlen, aber auch nur ganz in ihrem eigenen Takt. Immer noch erlebte sie, wie er sie beinahe jeden neuen Schritt bestimmen ließ, und plötzlich bekam sie das Gefühl, dass ihre Lust stärker war als seine. Sie vermisste fast die Wildheit, über die sie so viel erzählen gehört hatte.

Sie wurde ruhig unter ihm und öffnete die Augen. Sah, dass er sie mit tiefem Ernst betrachtete. War sie ihm nicht genug? Oder war sie allzu unkeusch in ihrer Liebe? Oh, wenn sie eine gemeinsame Sprache besitzen würden!

Er sah in ihre Augen, noch immer mit großem Ernst. Dann las er richtig in ihrem fragenden Gesicht und seine Augen wurden froh:

„Mirakel!“, flüsterte er.

Ja, so war es - sie besaßen eine gemeinsame Sprache! Es reichte ein einziges Wort, dass auch sie beginnen konnte, wieder richtig in seinem Körper zu lesen, in ihrem gemeinsamen Leib. Sie war sich wieder sicher. Streckte ihre Hände hoch und griff um seinen Nacken - und dann war er es, der das Kommando übernahm.

Nun schlief er, die rechte Hand über ihre Brust gewölbt. Am Sonnenstreifen an der Unterkante der Tür erkannte sie, sie mussten sich über Stunden geliebt haben; selbst hatte sie gedacht, die Zeit würde still stehen oder dass ihre Umarmungen aus der Zeit gerückt waren. So im Jetzt aufgehen zu können und die Vergangenheit und Zukunft zu vergessen - sie hatte nicht gewusst, dass das möglich war.

Sie betrachtete ihren schlafenden Mann. Immer noch fiel es ihr schwer, sich vorzustellen, dass dieser Mann der von allen Franken so gefürchtete Normanne Rollo war. Welche Stärke besaß er, die ihn zum Ersten unter all diesen starken Männern machte, die sie während des vergangenen Tages und dem Siegesfest am Abend getroffen hatte? Etwas davon hatte sie wohl während des Festes in der Halle verstanden. Er hatte sich von seinem Hochsitz erhoben und zu ihnen gesprochen. Die Worte hatte sie nicht verstanden, aber sie hatte das Saugen gefühlt, die Faszination, den Enthusiasmus in den Gesichtern der anderen Normannen gelesen - und zum Schluss war der Beifall um sie herum explodiert und Rollo hatte sich nicht mehr hörbar machen können. Er war auf den Tisch gesprungen und hatte sein Horn geschwenkt, sodass das Bier nach allen Seiten überschwappte. Andere Männer taten es ihm gleich, Horn klang gegen Horn, und dann schnitt der furchtbare Schlachtruf durch die Halle.

Für einen Moment hatte sie sich bedroht gefühlt. Sie war doch ein besiegter und hergeführter Feind; vielleicht würden sie nun in ihrer wilden Freude sie dem Gott, den sie verehrten, zum Dank dafür opfern, dass er ihnen den Sieg über Bayeux so schnell und überwältigend gab? Sie hatte gehört, dass die Heiden Gefangene zu Ehren ihrer Götter erschlugen. Denis hatte den Schlachtruf der Normannen für sie übersetzt: „Thor hilf!“ Und das hatte Thor an diesem Tag wahrlich getan, während Jungfrau Maria sich von Popas Gebet abgewandt hatte, wenngleich sie in ihrer Einfalt das Gegenteil geglaubt hatte.

Dann, als sie sich am meisten ängstigte, war Rollo vom Tisch gesprungen, hatte sie von ihren Füßen gerissen und sie über seinen Kopf gehoben. Sollte das Opfer jetzt geschehen? Er war zweimal mit ihr auf gestreckten Armen erhoben um den Herd gegangen und alle hatten in die Hände geklatscht und „Popa! Popa!“ gerufen. Schließlich hatte sie verstanden, es war eine Ehrung für sie, aber auch ein Anerkennen von Rollos Wahl - aber es hatte lange gedauert, bis ihr Herz aufhörte zu klopfen. Halb erstickt vom Rauch oben unter dem Dach war sie nicht imstande, die Ehrung in ihrem vollen Wert einzuschätzen. Und eine Weile später, als die Spannung nachgelassen hatte, war sie eingeschlummert.

Der Anführer, der kaum eine Minute stille gewesen war, seit sie ihn getroffen hatte, schlief nun wie ein ruhiges Kind an ihrer Seite.

Wer von ihren Verwandten könnte das verstehen, wenn sie es berichtete! Sie verstand ja eigentlich selbst nichts. „Mirakel“, hatte er gesagt. So war es, und mehr als das.

6

Als Popa am Sonntagmorgen erwachte, waren Rollo und seine Männer fort. Arlette wusste nicht, wohin sie ihren Weg genommen hatten.

„Die räubern wohl irgendwo im Lande, wie sie es zu tun pflegen. Ochsen und Schweine, Weizen und Wein - es wird viel gebraucht für so viele.“

„Aber bauen sie nicht für sich selbst an und ziehen Vieh auf?“

„Sie jagen das Wild im Wald und ziehen Fische aus den Fluten, wenn sie nicht kämpfen“, antwortete Arlette, „aber anbauen? Tja, ich weiß nicht so genau.“

Besseren Bescheid erhielt Popa von Denis, den Rollo wohl freundlicherweise zu Hause gelassen hatte, um auf alle Fragen Popas antworten zu können. Obwohl sie an ihm bemerkte, er wäre lieber bei den Normannen gewesen, anstatt als ihr Lehrer Dienst zu tun.

„Gewiss bauen sie Gerste und Weizen hier und da an, wenn sie können", meinte Denis. „Viele Normannen haben ja ihre Frau und Kinder mitgenommen, und die meisten haben sich auf Höfen niedergelassen, von denen die Franken geflohen sind. Das Vieh geht halbwild in die großen Wälder, zusammen mit Hirsch und Wildschwein und alles, was sich dort befindet - man muss nur Pfeil und Bogen nehmen und hinausgehen, um sich Nahrung zu verschaffen. Aber gerecht wie es zugeht, zieht ein fränkisches Reitergefolge auf Rachepfad durch das Seineland und brennt die wenige Saat ab, die wachsen konnte. Deshalb siehst du so viel Volk in diesem Gebiet. Die Normannen sind eben einfach nicht stark genug, um zwischen ihren befestigten Lagern über das Land verstreut zu wohnen. Könnten sie in Frieden leben, glaube ich wohl, dass sie sich selbst von dem fruchtbaren Küstenland versorgen könnten. Aber solange es ehrenvoller ist, auf den Schädel eines Franken einzuschlagen als einen Acker zu pflügen, werden wir keine Änderung erleben!"

Fast einen Monat war das Heer fort; Rollo war nur herüber nach England gewesen, um seinem alten Freund Adelstan gegen seine Feinde zu helfen!

Als Rollo wiederkam, konnte Popa annehmbar dänisch mit ihm sprechen. Als sie noch einen Monat geübt hatte und die beiden jede Nacht den Verlust für den verlorenen Monat nach ihrem ersten Zusammensein wiedergewonnen hatten, wusste Popa, dass sie in anderen Umständen war: Sie war schwanger.

Rollo wurde wild vor Freude. Er drückte und drehte sie, bis sie schrie, sie würde eine Fehlgeburt bekommen, wenn er sie nicht lassen würde.

„Nun werde ich dich zum Weib nehmen“, erklärte er, als er selbst sich so weit beruhigt hatte, dass er sprechen konnte. „Nun, nachdem es sich gezeigt hat, dass du nicht unfruchtbar bist. Ich muss nur zuerst mit den Jarlen sprechen.“

„Was haben die nun mit der Sache zu tun?“, wunderte sich Popa.

„Eine so wichtige Sache geht sie alle an“, antwortete er. „Wir sind alle gleich an Macht, auch wenn ich der Erste dem Namen nach bin. Ihre Zustimmung ist für meine Nachkommen wichtig. Obwohl, sträuben sie sich, werde ich sie wohl so weit bringen, ihre Meinung zu ändern!“

Sie verzog den Mund; alle waren gleich - aber manche waren gleicher als die anderen, deutlich!

„Aber“, wendete sie ein und tat einfältiger als sie war, „wie sollen wir einen Priester dazu bringen, uns zu trauen, wenn du nicht getauft bist?“

„Wir werden nicht durch einen Priester getraut!“

„Soo? Aber da wird ja die Ehe in den Augen der Kirche und so auch unter den christlichen Franken nicht gültig.“

„Meine Eltern kamen ohne Priester aus und deren Eltern vor ihnen. So reicht das für mich auch. Und du wirst keinen Unterschied spüren.“

Aber meine Verwandten werden es, dachte sie. Und unsere Kinder. Aber sie schwieg. Trotz allem war sie seine Gefangene. Sie hätte genauso gut Arlettes Schicksal teilen können, wenn er es so beschlossen hätte.

Ganz konnte sie jedoch den Faden nicht fallen lassen. Rollo war ja kein gewöhnlicher Heide. Er wusste eine ganze Menge über den christlichen Glauben. Er hatte Reliquien an St. Vaast verschenkt. Er hatte in Jumiéges ein Kloster wieder aufgebaut. Auch wenn das nicht von Frömmigkeit sprach, deutete es mindestens darauf, dass er einen guten Eindruck im Seinetal machen wollte. Hier kommt kein gewöhnlicher Dutzendräuber. Rollo und seine Leute reißen nicht ab, sondern bauen wieder auf.

Wie Denis und sie verstehen konnten, beabsichtigte Rollo, sich in Rouen niederzulassen. Das stand mit besonderen Träumen, die er gehabt hatte, im Zusammenhang. Er hatte diese Träume einige Male erwähnt, ein bisschen zurückhaltend, hatte sie aber doch verstehen lassen, dass er in den Träumen gesehen hatte, wie er die Taufe nahm und großen Nutzen davon hatte.

Popa erdreistete sich nun, ihn daran zu erinnern. Warum ließ er sich nicht jetzt taufen? So würde er größeres Ansehen in der christlichen Welt gewinnen und vielleicht den Frieden bekommen, nach dem er trachtete.

Rollo grinste und rieb sich die Wunde in seiner Wange.

„Diese Träume können ein Irrlicht sein und genauso gut von Nifelheim kommen", antwortete er leise. „Es kann immer noch so schlecht ausgehen, dass mein Volk und ich von dem Land hier durch die Männer des Königs vertrieben werden. Und da kann es gefährlich sein, nach Halland heim zu kommen, wenn man im fremden Land zu anderen Göttern übergegangen ist. Die Götter, die im Norden herrschen, lieben solche Handlung sicher nicht und da kann es leicht geschehen, dass ich mein Glück ganz und gar verliere. Ich muss hier sicher im Sattel sitzen, bevor ich mich entschließe.“

Sie verstand, dass es sich nicht lohnte, mit ihm darüber zu streiten. Noch nicht. In einer Sache wollte sie jedoch Klarheit.

„Wenn wir nun Kinder bekommen, will ich in jedem Fall, dass sie getauft werden. Kannst du dich so weit strecken?“

Er breitete die Arme aus.

„Gewiss! Taufe sie, so oft du willst! Das kann niemals schaden. Ob sie hier in Frankreich bleiben oder übers Meer fahren müssen, ist egal: Sie dürfen ja nicht dafür leiden, was mit ihnen als Säugling geschah.“

Sie wollte wohl versuchen, ihn über die christliche Taufe zu unterweisen, aber das sollte ein anderes Mal geschehen! Der Gedanke, sie selbst würde gezwungen sein, ihm in das Land der Normannen zu folgen, ließ sie grübeln. War es nicht ein kaltes und ungastfreundliches Land? Und sollte sie dort selbst gezwungen werden, die Götter zu tauschen?

„Gut, dass du schwanger bist“, sagte Rollo plötzlich. „Ich habe erfahren, dass mein Onkel Hulk von uns gegangen ist. Er fiel unten in Aquitanien. So nun bin ich der Einzige, der übrig ist. Es ist gut, sich in Kindern weiterleben zu wissen!“

7

Rollo machte sofort Ernst mit seinem Plan, sich mit ihr zu verheiraten. Er rief seine Jarle zusammen und erhielt deren Zustimmung. Dann geschah die Trauung in aller Festlichkeit vor Zeugen und Rollo sprach ihr Eigentum zu und gab seinen Handschlag darauf - ja, sie begriff nicht die Hälfte, aber die Jarle klopften auf ihre Schilde und nickten beifällig. Denis erklärte ihr, sie hätte eine gute Heirat gemacht, auch wenn manche von Rollos Versprechungen schwer zu halten sein würden. Auf diese Weise hatte sie Bayeux als Morgengabe bekommen. Das beinhaltete, sie würde Einkommen von der Grafschaft Bayeux haben, wenn Rollo sich abwenden sollte. Denis gab keinen weiteren Kommentar, Popa begriff jedoch: Es war am sichersten, wenn Rollo lebte und wenn Bayeux in der Hand der Normannen verbleiben würde ... Von der Stadt selbst war ja nicht viel zu holen! Wenngleich Botho versprach, sie wieder aufzubauen?

Selbstverständlich musste all das mit einem ordentlichen Fest gefeiert werden. Dieses Mal saß Popa dicht neben Rollo im Hochsitz und wurde gebührend geehrt. Einen schweren Goldschmuck ließ Rollo über ihre Brust hängen. Der war mit einem so reichen Muster verziert, wie sie es vorher nie gesehen hatte. Auf ihre Frage antwortete Rollo, er wäre von der Kaiserin von Byzanz getragen worden. Wie er in seinen Besitz gekommen war, darauf wollte er nicht näher eingehen. Sie musste sich hineinfinden, Schalen auf Frei und Frigga zu trinken, dafür, dass sie selbst sie auf die Heilige Jungfrau mit ihr anstoßen ließ. Bemerkenswerter war das mit der kleinen Statuette, die auf ihren Platz gestellt wurde. Es wurde gesagt, das Bild würde den Gott Frei darstellen. Der Holzgötze hatte einen spitzen Helm, sonst war der Mann nackt. Die halbe Höhe der hockenden Gestalt bestand aus einem steifen Phallus, der aufrecht zwischen seinen gespreizten Schenkeln herausragte. Der Sinn des imponierenden männlichen Gliedes war es nun, dass Popa es mit Fett schmieren musste, und Rollo nahm ihre Hand und zeigte, wie sie tüchtig reiben sollte, dann gab Frei der Ehe gute Fruchtbarkeit.

„Ist das nicht ein bisschen zu spät gedacht?“, meinte sie lachend. „Ich glaube, es hat bessere Wirkung, wenn ich es mit dir so mache!“

Aber Rollo verfinsterte sich.

„Ich lache nicht über deine Götter, dann sollst du nicht über meine lachen!“

Ein kleiner Alter, auf den sie vorher nicht geachtet hatte, nahm das Gottesabbild von ihr und stellte es vor eine von den anderen Frauen. Während die Frau ihre Pflicht tat, war der Alte bei einem Wandschrank und holte mehr Statuetten. Rollo bemerkte, wohin sie sah, und erklärte:

„Die sollen eigentlich in einem besonderen Götterhaus stehen, aber hier im Lande wollte ich sie nicht der Neugier der Fremden oder ihrem Lachen aussetzen. Also mussten sie im Schrank stehen. Nun hat der Gode mir geklagt, ich hätte den Göttern zu wenig Ehre erwiesen, seit ich hierher gekommen bin, und deshalb lasse ich ihn deren Abbilder hervorholen. Das war das geringste, was ich tun konnte, meine ich.“

Popa verstand, Rollo war immer noch zornig darüber, dass sie gelacht hatte.

„Verzeih meine Unkenntnis“, bat sie. „Es ist dein Fehler, dass du mich nicht unterwiesen hast. Und nun sollst du erzählen, was ein Gode ist.“

„Der Gode ist unser Priester. Er opfert, das heißt, er bereitet den Göttern unsere Opfer. Und er ist es, der all die alten Geschichten kennt und auf die heiligen Gesetze achtet. Nun hatte er beim Heer so wenig zu tun gehabt, dass er begann misslaunig zu werden und mich zu beschuldigen, ein Abtrünniger zu sein - besonders jetzt, nachdem ich mir eine Christenfrau genommen habe. Missvergnügen sät er auch unter meinen Männern, weshalb ich auf der Hut sein und ihn predigen lassen muss. Sonst ..."

Popa nickte, sie glaubte verstanden zu haben.

„Und du selbst?“, wollte sie wissen. „Glaubst du nicht an das, was der Gode tut?“

Er spitzte die Lippen.

„Schwer zu sagen. Ich antworte auf dieselbe Weise, wie ich es über die Taufe tat: Es kann niemals schaden. Aber so viel kann ich wohl sagen, unsere Götter sind nicht so gierig wie eure nach Opfern und Gebeten. Ich glaube, sie denken, es ist am besten, wenn wir sie nicht zu oft belästigen.“

„Wir Christen haben nur einen einzigen Gott“, wandte Popa ein.

„Geschwätz! Ihr habt mindestens drei, um mit dem Vater, dem Sohn und dem heiligen Gast zu beginnen, - Rollo zählte mit den Fingern der rechten Hand ab - dann ist da noch Maria und Petrus und ..."

„Stopp, stopp", unterbrach Popa ihn lachend, „Maria und Petrus sind keine Götter, sie sind Heilige! Und vom Heiligen Geist heißt es, - und er ist eins mit dem Vater und dem Sohn in der dreieinigen Göttlichkeit, die ..."

„Ja, ja, ich habe das schon gehört, aber der Unterschied ist wohl nicht so schrecklich groß. Wie auch immer: Jetzt trinke ich auf sie alle, auf die Götter und Heiligen der christlichen Seite. So werden sie nicht gram darüber sein, dass der Gode ein bisschen opfert.“

Der Gode hielt sich an einem großen Kessel vorn am Herd auf. Popa beobachtete ihn und dann streifte sie eine Erinnerung.

„Ich glaubte nicht, den Gode früher gesehen zu haben, aber war er nicht draußen auf der Wiese dabei, als wir uns trauten? Bestimmt war das derjenige, der hinter der Reihe auf und ab ging und nicht dabei zu sein scheinen wollte?“

Rollo grunzte.

„Mm, stimmt ... Er wollte dabei sein und über unsere Ehe lesen, aber dazu sagte ich glatt nein. Kein Priester, weder ein christlicher noch ein freitreuer soll sich in meine Trauung einmischen dürfen! Da kommen sie schnell auf den Gedanken, zu herrschen und verbieten und erlauben zu können. Wie euer Papst. Am meisten ärgerte es mich jedoch, dass er versuchte, meinen Jarlen einzutrichtern, ich könnte dich nicht anders, denn als Geliebte haben, weil deine Verwandten ihre Zustimmung nicht gegeben haben und du keine Mitgift hattest. Ich musste sie erinnern, bereits genug Mitgift von deinem Vater genommen zu haben.“

Ja, sie hatte an die Mitgift gedacht, sie auch, aber im Stillen genauso gedacht wie er.

„So war es das, weshalb er so böse Blicke auf mich warf, als er die Götterfiguren holte!“

„Wahrscheinlich. Weshalb du ihn vorher nicht gesehen hast, beruht darauf, dass er gerade in diesen Tagen aus der Gefangenschaft bei den Franken zurückgekommen ist. Er wurde oben bei Laon gefangen genommen, und dort musste er sich versprochen haben, weil er in einem Kloster gefangen gehalten wurde, wo sie alles getan hatten, ihn zu bekehren.“ Rollo lachte: „Ich erfuhr es, als ich ihn neulich auslöste.“

„Aber, weshalb ist er so böse auf dich, wenn du ihn nun freigekauft hast und alles?“

„Er meint, ich habe ihn allzu lange gefangen sitzen lassen. Und da kann ich ihm zustimmen; hätte ich ihn sofort ausgelöst, würde er nicht so viele Grillen in den Kopf bekommen haben. Der Unterschied zwischen uns Asagläubigen und euch Christen ist zuerst der, dass ihr argsinnige Priester und Mönche habt - die finden immer etwas, um darüber zu streiten, was den einen heiliger macht als den anderen! Nun hat unser kleiner Gode schlechte Lehren bekommen.“

Popa dachte eine Weile unter Schweigen darüber nach. Vielleicht hatte er Recht - keiner hatte versucht, ihr den Glauben der Normannen aufzuschwatzen, seit sie nach Rouen gekommen war, nicht einmal Rollo. Er hatte sie gelassen und schweigend zugeschaut, wenn sie ihre Gebete morgens und abends gesprochen hatte. Wenn es jemand war, der sich mit Bekehrungsversuchen beschäftigt hatte, so war das wohl sie! Wiewohl ihr Hauspriester nicht gemeint haben würde, sie hätte sich über Gebühr angestrengt.

„Was hat der Gode vor und was kocht er dort vorn?“, wunderte sie sich.

Rollo seufzte.

„Er opfert Thor ein Pferd“, antwortete er dumpf. „Das kann wohl nicht schaden, aber er hätte eine andere Gelegenheit gewählt haben können als gerade heute.“

Der Gode kostete und schmatzte. Hielt eine Statuette über die Dämpfe und murmelte; das musste wohl für Thor sein. Dieses Mal würde Popa versuchen, sich das Lachen zu verkneifen!

Plötzlich wandte sich der Gode um und rief Rollo und den anderen etwas zu; was, gelang Popa nicht zu verstehen. Alle erhoben sich und nahmen ihre Brotteller mit sich.

„Es bedeutet, dass wir nun alle zusammen ein Stück vom Opferfleisch bekommen", erklärte Rollo. „Gut, wenn du mir folgst, aber du brauchst nichts essen, wenn du nicht willst.“

Nein, wahrscheinlich nicht! Sie schaute sich nach Bothos fränkischer Frau um, konnte sie aber nirgends sehen. Vielleicht hatte sich Adéle hinausgeschlichen, um dem zu entgehen? Das war schade; Popa hätte ihre Stütze gebraucht - und zumindest hatte Popa sehen wollen, wie sich Adéle bei einer solchen Gelegenheit aufführte.

Popa beschloss, auf ihrem Platz zu bleiben. Zum Opferkessel vorzugehen und zu heucheln, das konnte sie nicht. Es war besser, sie stand offen zu ihrer Weigerung, Heidenopfer zu essen. Muss ich deshalb eine Märtyrerin werden, so geschehe Gottes Wille, und sie fühlte sich wie Santa Agatha!

Rollo kehrte verbittert zu seinem Platz zurück. Er musste verbittert sein! Sie sah, wie die anderen auf sie und den leeren Brotteller vor ihr schielten.

„So, das bisschen konntest du nicht für mich tun“, sagte er und kratzte Fleisch vom Knochen ab.

„Wenn du aus Angst vor deinen Jarlen opfern musst, obwohl du nicht willst, so ist das deine Sache“, antwortete sie hart. „Ich habe nicht versprochen, deine Götter anzubeten, nur, nicht über sie zu lachen. Verleite mich jetzt nicht dazu, über meinen Mann zu lachen - ich bin jedenfalls Grafentochter, wenn es auch so gekommen ist, dass ich in deinem Bett gelandet bin. Ein bisschen Stolz habe ich trotz allem. Und vielleicht nehme ich mein Christentum ernster als du deinen Glauben.“

Er haute den Pferdeknochen auf den Tisch, sodass es bis zu ihr aufspritzte.

„Ich bin von dänischem Königsgeschlecht“, zischte er, „und habe keine schlechteren Ahnen als du.“

„Ha, ha! Von dänischen Königen gibt es dreizehn auf ein Dutzend - und was weißt du über meine Ahnen! Du würdest nicht mal einen Stammbaum erkennen, wenn du einen sehen würdest.“

Ja, so hatten sie ihren ersten Streit, und das sogar während des Hochzeitsmahls.

Sie trank von ihrem Wein, um ihren Zorn zu stillen. Sie hatte bereits mehr getrunken als sie sollte. Das Geraune der Umsitzenden hatte sich gelegt; alle wollten ja den Wortwechsel der Neuvermählten hören. Aber es war wohl nicht viel, was sie auffangen konnten, weil Rollo und Popa trotz allem ausreichend nüchtern waren, um nicht laut miteinander zu zanken. Wem der Wortwechsel galt, konnten sie alle jedoch erraten. Und der Gode fühlte den Mut steigen, als er in Rollos zorniges Angesicht sah. Zuletzt wurde er übermütig. Er sprang nach vorn und stellte sich mitten vor Popa, zeigte mit gestrecktem Arm auf sie und führte die wildesten Beschwörungen aus.

Alle saßen versteinert und sperrten den Mund angesichts der laut tönenden Verwünschungen des Goden auf. Rollo auch – wenn auch nicht so lange. Langsam erhob er sich aus seinem Hochsitz und stieg über den Tisch. Gleichzeitig zog er sein Schwert aus der Scheide. Der Gode verstummte mitten in einer Beschwörung und wich zurück. Das passte Rollo vortrefflich, weil es ihm genügend Raum gab auszuholen, ohne dass er dem Goden nachsetzen musste. Blitzschnell flog das Schwert von der linken Hüfte, schnitt den Kopf des Goden im Schwung ab und hatte so gut gezielt, dass der Kopf des Goden mit einem Platsch im Opferkessel landete.

Rollo ging zum Herd vor, tauchte das blutige Schwert in die kochende Brühe und wischte es dann an der Hose der Leiche sauber.

„So“, brüllt er und steckte das Schwert wieder in die Scheide, „nun bin ich hiernach selbst der Gode. Den, welchen wir hatten, opfere ich hiermit Odin, leider kopflos - aber Odin hat ja bereits einen abgehauenen Kopf mit mehr Verstand darin als in dem, welchen Thor jetzt bekam. Soweit hier nicht jemand ist, der zu krähen fortsetzen will, wo der vorige Hahn aufgehört hat?“

Er sah sich unter den auf den Bänken Sitzenden um, aber es war keiner, der die Augen von ihm nahm, und keiner, der antwortete. Dann wandte er sich an Popa.

„Mein Weib bitte ich um Vergebung, gerade heute Göttern geopfert zu haben, die nicht ihre sind. Ich verspreche, es wird nie wieder in ihrem Angesicht geschehen. Und nun Hausdiener, seht zu, dass hier auf dem Fußboden gewischt wird. Speiseburschen, tragt den Kessel heraus! Kellerburschen, seht zu, dass es nicht im Horn und Becher fehlt! Hier wird jedenfalls Hochzeit gefeiert!“

Er kehrte zu seinem Platz auf dem gleichen Weg zurück, auf dem er ihn verlassen hatte.

„Ich werde dich nie wieder feige schimpfen“, versprach Popa.

8

Das Kind wurde geboren. Ein Mädchen. Es war so kläglich und schwach, dass Rollo sofort Rat wusste:

„Wir setzen sie im Wald aus!“

Popa keuchte vor Abscheu und Zorn. Also war es wahr, was sie über die Normannen gehört hatte, wovon sie aber geglaubt hatte, es sei Gerede. Er war doch ein Hund und Heide!

„Unser Christus hat gesagt: „Lasset die Kinder zu mir kommen“, und ich habe gelernt, dass der Herr keinen dahinsiechenden Docht auslöscht. Aber wenn es dein Befehl ist, da gehe ich selbst mit dem Kind hinaus und komme nie wieder. Ich ahne jetzt, warum du keine Erben hast - und auch keine lebenden Geliebten!“

Er starrte sie unter seinem Sandsturm von einem Schopf hervor an.

„Das kann die Strafe dafür sein, dass du über Frei gelacht hast“, murmelte er.

„Nein, aber die Strafe dafür, dass ich mich freiwillig mit dir abgebe! König Davids erstes Kind mit Batseba, das durfte auch nicht leben ... Aber du brauchst dich nicht zu beunruhigen - das Kind stirbt wohl bald, so schwach, wie es ist.“

Das Kind wollte die Brust nicht nehmen und wahrscheinlich hatte sie auch keine Milch, so aufgerührt, wie sie war.

„Beunruhigen?", äffte er nach. „Danke dem Teufel, dass ich beunruhigt bin! Ich habe dich nicht geheiratet, damit du schwache Kinder bekommst und dazu noch von weiblichem Geschlecht. Ich in meinem Alter ..."

Dann ging er seiner Wege und Popa sandte nach Denis. Wollte er das Mädchen taufen?

„Dazu habe ich kein Recht“, antwortete der Bruder, „aber ich kann dein Kind nottaufen. Dann kann ein Priester die Taufe bestätigen, wenn sie überleben sollte.“

„Haben wir denn keinen Priester in Rouen?“, klagte sie.

„Keiner hat sich hier hergewagt, seit Rollo kam“, antwortete Denis. „Obwohl er selbst beim Erzbischof in Reims darum gebeten hat.“

„Ja, das ist Scham und Schande, dass Priester und Bischöfe zu bequem sind, nicht mal ein paar Meilen reisen zu können, um vor den Heiden zu predigen. Wie sollen die Normannen einmal friedliche Christen werden, wenn keiner versucht, vor ihnen das Wort Gottes zu verkünden?“

Denis seufzte. Er hatte daran gedacht, sie an die Mönche in Jumièges zu erinnern, aber da waren nur noch drei - und selbst war er wegen seiner Sünden aus dem Brüderkreis ausgeschlossen. Aber das Herz, das Popa mitzuteilen, hatte er nicht. Oder nicht den Mut.

Das notgetaufte Kind starb am dritten Tag, wie Popa es vorausgesagt hatte.

Rollos Sinne waren verdunkelt und er sprach während der darauf folgenden drei Tage zu keinem. Dann nahm er seine Leibwache mit sich und ritt unter Friedenszeichen nach Süden. Auch Denis war dabei. Er schlug ein Lager am Fluss Oise auf und sandte Botschaft zum Erzbischof von Reims. Nachdem beide Seiten Geiseln gestellt hatten, kam der Erzbischof zum Fluss. Rollo ließ Denis erklären, er und sein Volk wollten Priester im Seineland haben. Und weshalb hatte Rouen weiterhin keinen Erzbischof?

„Wessen Fehler ist das?“, fragte der Erzbischof. „Die Bischofsburg in Rouen wurde bereits vor 50 Jahren geschliffen. Ist sie seit dem wieder aufgebaut worden?“

„Das soll schnurstracks geschehen. Aber der Erlöser begnügte sich mit einem Stall, habe ich gehört, da wird wohl sein Bischof nicht einen ganzen Palast benötigen?“

„Er benötigt auf jeden Fall eine Kirche. Aber die Kathedrale in Rouen benutzt ihr als Stall, wie ich gehört habe. Ist das in der Nachfolge des Erlösers?“

„Die Kathedrale war so stark beschädigt, als ich nach Rouen kam“, antwortete Rollo, „dass sie weder als Kirche noch als Stall taugte. Ich bot der ganzen Gegend auf des damaligen Bischofs Bitte Frieden an, und Frieden hat das Land gehabt, soweit es auf mich ankam. Aber wir hatten ja niemals genügend Frieden vor den Franken gehabt, um Kathedrale oder Bischofspalast aufbauen zu können. Es war nicht mein Fehler, dass Bischof und Priester flohen. Die Kirche von St. Quen habe ich jedenfalls wieder aufgebaut; die muss wohl für den Bischof so lange reichen.“

„Es befanden sich Bischöfe in vielen anderen Städten, erinnerte der Erzbischof. In Evreux und Bayeux, um nur einige zu nennen. Die Städte existieren genau genommen nicht mehr - und die wurden wahrlich nicht vor einigen fünfzig Jahren geschliffen! Und die Christen in den Städten hast du des Landes verwiesen und vertrieben. Wer konnte da glauben, du würdest dich nach Priestern sehnen?“

Rollo schwieg eine Weile, dann sagte er:

„Ich sprach jetzt nicht von Bayeux, sondern von Rouen. Bruder Denis hier kann dir berichten, dass christliche Mönche in Jumièges verblieben sind und ihr Kloster wieder aufgebaut bekommen haben. Die können nicht ein einziges schlechtes Wort über mich und mein Volk sagen. Aber keiner der Mönche hat das Recht, die Messe zu feiern und zu taufen. Ich habe viele Franken in meinem Dienst, und Bauern und Bürger sind in Rouen zurückgeblieben oder zurückgekehrt. Ich habe mir sogar eine christliche Frau genommen. Sie hat neulich ein Kind bekommen, das sich mit einer Nottaufe begnügen musste, bevor es starb. Was glaubst du, was sie dazu meint, wie sich ihre Kirche um sie kümmert? Und mich will sie überreden, mich taufen zu lassen - aber wie soll das geschehen? Ich kann wohl nicht notgetauft werden?“

„Dir eine christliche Frau „genommen“ war wohl das richtige Wort“, antwortete der Bischof verbiestert. „Die Ehe ist wie auch immer von der Kirche nicht gesegnet. Und was es heißt, normannische Fürsten zu taufen, damit haben wir schlechte Erfahrungen. War es nicht gar dein Onkel, der mit dem seligen König Odo einen Verbund schloss und sich dann mit dem König als Gevatter taufen ließ? Welche Art Frieden bekam der König von diesem Verbund!“

„Mein Onkel Hulk ist seit langem tot und begraben, aber ich gebe zu, das war von ihm schlecht getan. Aufgrund dieses Verrats habe ich mich auch von ihm geschieden. Und hast du irgendwo gehört, ich hätte seitdem das Land weit hinein ins Frankenreich beunruhigt?“

„Wer uns mit deiner Zustimmung oder ohne sie bekriegt, kann nicht einmal der Teufel wissen“, meinte der Bischof. „So viel ist jedoch sicher, kein Franzmann lebt sicher, weder entlang der Loire noch der Seine. Begnüge dich damit, in Rouen zu sitzen, und höre mit deiner Räuberei auf, so wirst du beides erhalten, Priester und Bischöfe.“

„Ich werde jetzt einen Bischof haben - und wenn ich einen von dir rauben muss!“, schrie Rollo. „Bei Gottes Gebein, das ist teuflisch, dass es keine Christen mehr gibt, die nach der Märtyrerkrone trachten!“

Der Bischof lachte.

„Du hast jedenfalls gelernt auf christliche Weise zu fluchen, so kannst du nicht weit von Gottes Reich sein. Deshalb sollst du bekommen, was du willst. Ich glaube, ich weiß einen, der Märtyrer werden will.“

„Einer ist besser als keiner“, antwortete Rollo. „Aber - das darf nicht irgendein Sauertopf sein. Da kann es leicht geschehen, dass er mehr für seine Dummheit als für seinen Glauben leiden muss, und da wird wohl nicht einmal ein Bischof ein Märtyrer?“

Die Geiseln wurden freigelassen und jeder kehrte zu den Seinen zurück. Es dauerte einen Monat aber letztendlich kam Witto und zog in den hastig gesäuberten Erzbischofpalast in Rouen ein. Er hatte einige Priester mitgebracht und so konnte dann endlich wieder die Messe in Rouen gefeiert werden und Popa geistliche Wegleitung erhalten. Die letzten Hinterlassenschaften der Pferde der Normannen hatten sie auch aus der Kathedrale geräumt, aber im Chor und über dem Altar lag immer noch der Regenschutz, den Rollo aus zusammengefügten Segeln nähen lassen hatte. Ganz dicht war das Dach ja nicht, besonders nicht, wenn es stürmte. Witto klagte. Mit den gewaltigen Steuern, wie Rollo und seine Männer sie den Franken abgezwungen hatten, ganz abgesehen von der unermesslichen Beute, die sie von Unschuldigen genommen hatten, sollte Rollo in der Lage sein, die Kathedrale instand zu setzen.

„Alles zu seiner Zeit“, versprach er. „Aber einige Regentropfen über dem Altar sind wohl nicht die Welt; ihr mischt ja doch Wasser in den Abendmahlswein!“

„Das“, meinte Witto, „war eine schlechte Entschuldigung.“

Popa und Rollo versöhnten sich bald nach dem Unfrieden um das Neugeborene. Sie hatten es schwer als Mann und Frau voneinander zu lassen. Und als Popa herausfand, welch große Mühe Rollo aufgewandt hatte, einen Bischof oder Priester nach Rouen zu bekommen, wurde auch sie weich. Sie begriff, dass er das für sie getan hatte und sein Eifer eine Art Wiedergutmachung für seine Härte gegen das Kind und sie war.

Dennoch war es, als ob weder seine noch ihre Götter mit Gefallen auf ihre Umarmung sahen. Als Popa das nächste Mal schwanger wurde und ihr Kind schon über die Hälfte der Zeit war, bekam sie eine Frühgeburt.

Dieses Mal schwiegen sie beide und berührten nicht mit einem einzigen Wort, was geschehen war.

Aber Popa ritt nach Rouen, um mit dem Erzbischof ein ernstes Gespräch zu führen.

Witto lauschte geduldig ihrem Bericht.

„Habe Geduld, meine Tochter“, ermahnte sie der Bischof, als sie endlich ermüdete. „Du hast keine Schuld, weil du entführt wurdest. Nach kanonischem Recht lebst du mit Rollo in Sünde, aber der Herr sieht auf die Absicht und weiß, gerade du hattest keine andere Wahl. Dass die Kinder gestorben oder von dir gegangen sind, sollst du nicht als eine Sündenstrafe sehen - aber möglicherweise kann diese Prüfung so auf Rollos Gesinnung einwirken, dass er williger wird, die Taufe anzunehmen. Wer weiß - vielleicht kann seine Liebe zu einer christlichen Frau der Weg zu seiner Bekehrung sein. Und da bist du Werkzeug in der Hand des Herrn geworden!“

Popa saß und sah auf den Fußboden; jeweils ein Viereck war schwarz, das andere weiß. Sie konnte es nicht unterlassen, diese zu zählen. Wieder und wieder. Sechs schwarze und sieben weiße in der Länge und umgekehrt in der Breite ... Weshalb weckte der Teufel solche Gedanken in ihr, jetzt wo sie es nötig hatte, all ihre Aufmerksamkeit auf Wittos Antwort zu lenken!

„Eine Sache habe ich nicht bekannt“, antwortete sie leise. „Ich - ich leistete niemals Widerstand gegen Rollo. Ich gab mich ihm aus freiem Willen.“

Endlich war es gesagt.

Sie wartete auf seine Antwort, und als die nicht kam, war sie gezwungen aufzusehen und diese in seinem Gesicht zu lesen, obwohl sie das Schlimmste ahnte. Was sie sah, war Lächeln und Milde, da wo sie Abscheu erwartet hatte.

„Sei froh, dass du nicht die doppelte Bürde tragen musst, auch noch Widerwillen gegen die Normannen zu spüren! Und würde es besser für einen von euch sein, wenn Rollo sich dir mit Gewalt aufgezwungen hätte?“

Sie konnte es fast hören, wie ihr bei seinen Worten die Steine vom Herz fielen. Und schließlich wagte sie es, ihn anzulächeln.

„Ich habe deine Beichte gehört“, sagte er und erhob sich. „Nun werde ich dir die Absolution erteilen.“

Er ging zu einem kleinen Altar voran und bezeichnete ihr zu folgen. Dann nahm er die Stola und hängte sie über seine Schultern. Sie beugte die Knie und lauschte auf die Gebete, die er sprach. Dem Latein konnte sie nur stellenweise folgen, doch war es, wie der eigenen sicheren Muttersprache zu lauschen, und manchmal konnte sie in das Gebet einfallen und wusste, was die Worte bedeuteten: " ... mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa ..."

Dann lag seine Hand auf ihrem Kopf und das Zeichen des Kreuzes auf ihrer Stirn verblieb wie ein Zeichen der Wonne. Erst jetzt kamen die Tränen. Erst jetzt sah sie ein, wie groß ihre Entbehrung gewesen war, das Vermissen des Sakramentes, Sehnsucht nach dem Heiligen. In Bayeux hatte sie einen Hauspriester gehabt - aber da hatte sie nicht weiter darauf geachtet und es nicht anders als zu den Selbstverständlichkeiten gezählt.

Durch die Tränen hindurch küsste sie die Stola, die er ihr reichte. Dann tastete sie nach seiner Hand, fand diese und küsste auch seinen Bischofsring. Nicht nur einmal in bescheidener Andächtigkeit, sondern immer wieder, bis er seine Hand zurückzog und ihr auf die Füße half.

„Geh nun, mein Kind, geh nun im Frieden des Herrn - aber komm wieder, sobald du es nötig hast. Freue dich, dass der Herr dein Herz vor Verhärtung bewahrt und den Glauben darin gelassen hat. Jemand hat kraftvolle Gebete für dich gesprochen.“

Das erinnerte sie an einen anderen Schmerz.

„Ich vermisse die Meinen und besonders meinen Bruder Bernhard. Ich hätte es gern, wenn sie auf irgendeine Weise einen Gruß bekämen und ein ..."

Sie wusste nicht, wie sie es erklären sollte. Der Erzbischof legte seine Hand auf ihre Schulter und drückte diese leicht.

„Ich werde sehen, was ich ausrichten kann“, versprach er. „Senlis - nicht wahr? Gut! Nächstes Osterfest hoffe ich, dein Kind taufen zu dürfen - ein starkes und lebendiges Kind!“

Sie sah verwundert zu ihm auf. Noch war sie nicht schwanger, ja, sie hatte Rollo seit ihrer Fehlgeburt nicht einmal näher kommen lassen. Wie konnte der Bischof das so sagen?

Sie vergaß auf alle Fälle nicht, sich zu verbeugen, bevor sie in den gleißenden Sonnenschein hinaustaumelte.

Zu Ostern des folgenden Jahres musste der Erzbischof wirklich ein lebenskräftiges und lautstarkes Kind von Rollo und Popa taufen. Aber auch dieses Mal war es von weiblichem Geschlecht.

Wenn Rollo enttäuscht war, versteckte er es gut. Es war diesmal keine Rede davon, das Kind zu den wilden Tieren auszusetzen. Sobald er durfte, hob er das Mädchen hoch und lachte über ihr reichliches Haar, welches auf den Punkt seinem glich.

„Und starke Hände hat sie, obwohl sie noch so zart ist“, lachte er und ließ sie den Griff um seinen rechten Nasenflügel halten. Dann setzte er sie symbolisch aufs Knie und sagte: „Das ist meine Tochter, und sie soll nach meiner Mutter Gerlog genannt werden!“

Popa schwieg und ließ ihn, trotzdem sie gelernt hatte, der Name des Kindes sollte geheim gehalten werden, bis er in das Ohr des Taufeverrichters geflüstert wurde. Sonst konnte der Böse dem kleinen Ungetauften schaden, wenn er seinen Namen kannte. Dass sie beim Namen der Tochter kein Wort mitzureden hatte, musste sie wohl auch erdulden. Da war es genug, dass er sie zur Bestätigung seiner Vaterschaft aufs Knie gesetzt hatte. Sie musste es auch als eine Ehre auffassen, dass er das Mädchen nach seiner Mutter benennen wollte, obgleich ihr der Name ungewohnt im Mund lag. Rollo, der Anführer der Normannen hatte einen anerkannten Nachkommen, obwohl es bestimmt besser wäre, wenn der Nachkomme ein Sohn gewesen wäre. Popa verstand das genauso gut wie Rollo. Sie konnte nur hoffen, nicht eine zu sein, die nur Mädchen zur Welt brachte. Nächstes Mal! Sie würde Erzbischof Witto fragen, welchen Heiligen sie um Fürbitte anrufen konnte, um als nächstes einen Knaben zu gebären. St. Martin von Vertou vielleicht? Nein, der war als Schutzpatron für die unglücklich Verheirateten bestimmt - und das stimmte ja in ihrem Fall nicht, wenn auch ... Nein, sie konnte sich nicht erinnern. Es war so viel, was sie nicht kannte oder was sie vergessen hatte. Wenn sie nur besser zugehört hätte, als ihre Mutter lebte - oder als sie der Hauslehrer unterrichtete! Sie taugte nicht viel als „Werkzeug des Herrn“ unter den Heiden.

Es gelang ihr jedoch, Rollo davon abzubringen, Gerlog auf nordische Weise mit Wasser zu übergießen. Dagegen konnte sie nicht verhindern, dass er die Neugetaufte Salz von seiner Schwertscheide lecken ließ - was für ein Nutzen nun ein Mädchen von so etwas haben konnte!

Sobald die Tauffeier zu Ende und es Rollo gelungen war, wieder nüchtern zu sein, ritt er allein mit dem Pferd aus. Er würde ausreiten - wohin, sagte er nicht. Während des Festes hatte Rollo betrübt ausgesehen. Vielleicht musste er sich die Schwermut abreiten, worauf die nun auch immer beruhen mochte.

III

1

Rollo ritt in düsteren Gedanken. Das Pferd folgte dem Pfad durch den Wald, wich vor einer Eiche hier, vor einer Buche dort, ohne dass der Reiter zu bemerken schien, wohin der Weg führte. Nur als ihm irgendwelche herabhängenden Zweige ins Gesicht schlugen, räusperte er sich dazu und wehrte sich. Danach durfte das Pferd weiter gehen, wohin es wollte.

Das hier also war sein Leben! Ein Landesflüchtling und ein Wegelagerer auf dem Weg, drei Dutzend Leben auszufüllen, und noch besaß er keine richtige Stadt. Reichtümer und Besitz hatte er im Überfluss gesammelt, aber er hatte noch keinen Sohn, dem er sich mitteilen konnte, keinen, der sein Erbe nach ihm antreten würde. Keiner würde nach seinem Tod das Heer der Normannen ins Feld führen und die Jarle daran erinnern, was sein Vater Rollo ausgerichtet hatte. Eine Tochter hatte er, aber die sollte kein Heer führen.

Sicher hatte er Söhne hier und dort in Ländern, die er überfallen hatte. Aber nirgends hatte er sich so lange aufgehalten, dass er diese zu sehen bekommen hatte, und keine von ihren Müttern war gekommen und hatte ihm das Malzeichen gezeigt. Ja, um die Wahrheit zu sagen, erinnerte er sich keines Namens dieser Frauen; die wenigen, an deren Namen er sich erinnerte, waren die, die er haben wollte, aber nicht bekam. Vielleicht hätten die Frauen, die er niemals vergessen konnte, ihm einige Söhne geboren, vielleicht würde es übrigens nur Töchter geben, die seinen Haarschopf geerbt hätten!

War es das Leben, das er erträumt hatte, als er mit seinen Männern westwärts zog? Hatte der Traum ihn in die Irre geführt?

Er konnte sagen, dass er nicht selbst gewählt hatte, beständig auf dem Schiff zu fahren und im Heerlager zu liegen. Er würde sicher den einen oder anderen Frühling auf Raub ausgezogen sein, aber dann wäre er wieder heimgekehrt nach Halland und hätte seines Vaters Jarlgebiet verwaltet. Hätte sich Frauen genommen und Söhne und Töchter gehabt. Wenn nicht ...

2

Halland war in den Tagen seines Vaters ein Teil des Reiches des dänischen Königs, aber mit weit reichender Selbstständigkeit. In bestimmten Zeiten war es unsicher, zu welchem König man gehörte, dem dänischen oder dem Sveakönig. Manchmal gab es viele Könige, kleinere und größere, die einander in die Haare gerieten, und dann herrschte keiner. Lange Zeiten hatten Dänemark und Norwegen den gleichen König - oder einer der Könige erhob Anspruch auf beide Reiche. Zeitweise nannte sich einer König von Dänemark oder König von Norwegen, ohne über viel mehr zu herrschen als über einiges snesland um seinen eigenen „Königshof“ herum.

Es war nun so, dass Rollos Vater, Guttorm, Halland als Erbe von seinem Vater bekommen hatte. Jarl wurde er genannt - aber wessen Jarl war er? Kein König hatte von ihm den Lehnseid gefordert, und so lange er lebte, hatte er seine Hände nicht zwischen die eines Königs gelegt. Mit Hårik II. auf dem dänischen Thron sollte Guttorm genau gewusst haben, wohin er gehörte, weil er des Königs Neffe war. Aber als Guttorm auf die Aufforderung, an Håriks Hof zu kommen, nicht antwortete, und weil Håriks Kundschafter berichteten, Guttorm würde sich viele Hunderte gut bewaffneter Knechte hallten und konnte dazu rasch Vasallen aufbieten, ließ Hårik die Sache auf sich beruhen. Guttorm durfte sitzen, wo er saß, bis sich König Hårik stärker fühlte. Das eine oder andere Scharmützel an der Grenze zu Schonen hatte auch gezeigt, Guttorms Männer waren wachsam und legten keinen besonderen Wert auf die Verwandtschaft mit den Dänen.

König Hårik war über seinen Neffen auch nicht erfreut, als Guttorm begann, junge dänische Männer aufzunehmen und zu beschützen, die der König des Landes verwiesen hatte. Die dänischen Inseln waren übervölkert, genauso Schonen; größere Teile von Jylland waren Wildnis und konnten nicht für so viele Nahrung geben. Also beschlossen der König und seine Jarle, ein alter Brauch sollte wieder aufleben: Durch Wurf eines Loses wurde bestimmt, welche der Bauernsöhne gezwungen sein würden, das Land zu verlassen, um ihr Glück außerhalb des Landes zu finden.

Viele der Betroffenen weigerten sich jedoch und es wurden Hiebe und Schläge ausgeteilt. Wenn sich die Verwiesenen nicht mehr wehren konnten, flohen sie auf ihren Schiffen hinüber zu Guttorm nach Halland.

Guttorms beide Söhne, Rollo und Gurim, waren dabei, erwachsen zu werden. Sie stützten ihren Vater und versprachen ihren dänischen Brüdern all die Hilfe, die sie in Zukunft benötigen würden.

„Ihr habt die gleichen Rechte auf dänisches Land wie jeder andere“, meinten Rollo und Gurim. „Kommt ihr in unseren Dienst, so werden wir uns rüsten und nehmen das zurück, was euer rechtmäßiges Eigentum ist.“

Bald danach starb Guttorm Jarl. Und kaum hatten die Söhne sein Grabbier getrunken, als sie erfuhren, König Hårik hatte befunden, es sei an der Zeit, die Guttormssöhne zu unterdrücken und Halland erneut unter seinen Gehorsam zu zwingen. Eine große Flotte rüstete sich auf beiden Seiten des Öresundes, um an der halländischen Küste zu landen.

Angriff ist die beste Verteidigung! Zusammen mit den Landesverwiesenen zogen Rollo und seine Männer über die Grenze nach Schonen und verheerten und brandschatzten. Eine Menge karver und wohlgerüstete sessor überraschten sie in den Häfen entlang der Bärjehalbinsel und in den Buchten südlich davon - die wurden in Brand gesetzt und vom Land gestoßen oder wurden in die raume See bugsiert und durften brennend gegen Seelands Küste treiben.

Darüber konnte König Hårik keine Nachsicht walten lassen. Er ließ eine große Truppe an Land setzen, welche Rollo und Gurim von Süden her angriff. Die beiden Heere schlugen sich über mehrere Tage, aber die Halländer waren besser mit der Natur und dem Terrain vertraut. Das gab zuletzt den Ausschlag: Der König kehrte um und zog sich mit seinen Männern in die befestigten Orte zurück.

Rollo und Gurim setzten ihr Toten in Hügeln bei, aber die Gefallenen des Königs ließen sie liegen.

Über gut und gern fünf Jahre wurde der Kampf fortgesetzt, ohne dass eine Seite ein Übergewicht gewann. Mit dem Recht des Alters steuerte Rollo das Jarltum und Gurim war Oberbefehlshaber des Heeres. Eine Beendigung des Streites war nicht abzusehen, außer wenn sie nach Dänemark gezogen wären und Hårik vollständig geschlagen hätten; andererseits besaßen sie dafür nicht genügend Kräfte, wenn sie keine Hilfe von außen in Anspruch nehmen wollten. Aber das war ihnen zuwider; es war schlimm genug, dass Verwandte gegeneinander kämpften.

Es blieb nichts anderes übrig, als Frieden zu schaffen, indem man sich auf Gnade und Ungnade ergab - aber wie der Frieden für sie aussehen würde, konnten sie sich leicht ausrechnen. Und die vom dänischen König Verwiesenen wollten auf diesem Ohr gar nicht hören; die hatten nur den Tod für ihren Aufruhr zu erwarten.

Da kam Botschaft von König Hårik. Der Bote wandte sich an Rollo:

„König Hårik lässt dieses bestellen: „Du und ich, wir sollten uns beide über die Verwandtschaft freuen und nicht länger gegenseitig bekriegen.“ Hierzu hat der König einen Vorschlag, den ich sofort vorlegen werde, wenn ich zuerst Bier bekomme!“

Der Bote bekam sein Bier und gab dann seines Königs Wunsch bekannt: Der wollte das haben, was sein Vater besessen hatte; worüber Rollos Großvater geherrscht hatte, durften sie, Rollo und Gurim, behalten. Doch sollten sie dann in Frieden leben und ein Bündnis miteinander eingehen. Auch für die des Landes Verwiesenen hatte der König einen Vergleichsvorschlag, und nachdem diese und Rollos Hauptleute den Vorschlag gehört hatten, gaben sie ihre Zustimmung. Der Tag wurde festgesetzt, an dem Frieden geschlossen und Eide geschworen werden sollten.

Hårik und Rollo trafen sich an der Grenze; während der Jahre der Fehde war sie längs der Laga entstanden, und dort hatte Rollo eine Festung auf einer der Inseln bauen lassen, wo der breite Strom eine Querbiegung machte. Lagaholm nannte er diese Festung. Er bot dem König an, auf Lagaholm Quartier zu nehmen, aber Hårik zog es vor, zusammen mit seinen Knappen im Lager südlich des Hafenortes zu wohnen.

Am Südende der Laga trafen sie sich also, der König und Rollo, tauschten wertvolle Geschenke aus und schlossen mit kräftigen Eiden Frieden. Das nachfolgende Fest wurde am Strand abgehalten, weil so viele Gäste keinen Platz im Hause hatten. Als das Fest zu Ende war, schieden beide Parteien, und alles war Frieden und Freude.

Aber während der dunkelsten Stunde der Nacht fielen die Männer des Königs die Festungswälle an. Rollo und Gurim waren auf den Angriff völlig unvorbereitet, und zuerst wussten sie nicht, woher er kam. Waren es wirklich die Männer des Königs oder war es eine dritte Partei, die nun dachte, zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen zu können.

Wie auch immer, sie begannen, sich zu verteidigen. Da wandten sich die Angreifer um und flohen. Rollo und seine Leute hinterher, sie wollten wenigstens wissen, wer die Angreifer waren. Und vielleicht brauchten die Knappen des Königs ihre Hilfe, wenn es so war, dass das Lager des Königs bedroht war?

Da! Aus geschütztem Hinterhalt wälzten sich Feinde im Rücken der Verteidiger hervor, wie sich die Fliehenden gleichzeitig rasch umwandten und auf Rollos Leute einschlugen. Der dänische König hatte in aller Heimlichkeit sein Heer zu den Wäldern nördlich des großen Hügels geführt, und in der Unschuld seiner Jugend hatte Rollo nach so teuren Eiden nicht mit Verrat gerechnet.

Die Festung brannte bald hinter Rollos Männern, und die Übermacht war zu groß - in zwei Richtungen vermochte man nicht besonders lange standzuhalten. Die Männer um Rollo fielen auf allen Seiten. Als er Gurim fallen sah, zog er sich mit vielen Wunden aus dem Kampf zurück und floh zusammen mit einer Hand voll Überlebender. Während Hårik befestigte Orte und Dörfer niederbrannte und das Land unter sich legte, zogen sich Rollo und seine Leute zur Flussmündung zurück. Dort hatten sie sechs Schiffe liegen, versteckt unter Laubzweigen. Mit diesen Schiffen segelten sie nordwärts zu einer Insel im Götafluss, die dem Sveakönig gehörte.

In den dänischen Landen waren sie nunmehr vogelfrei, dorthin konnten sie nicht zurückkehren. Sich unter den Sveakönig zu begeben, dazu hatten sie auch keine Lust. Die Frage war: Wohin sollten sie ihren Weg nehmen?

Während sie ihre Wunden versorgten, kam einer nach dem anderen von den Dänen, die König Hårik früher verwiesen hatte. Das Gerücht, wohin Rollo geflüchtet war, hatte sie erreicht. Rollo war darüber nicht besonders froh; je mehr sie wurden, desto schwerer war es, alle mit Essen zu versorgen - und bald würde auch König Hårik erfahren, wo sich Rollo befand. Hatten sie Pech, würde einer von den Jarlen des Sveakönigs kommen und sie vorher vertreiben.

Rollo war noch von seinen Wunden erschöpft und schlief mehr, als er wach war. Träumte er oder hörte er wirklich eine Stimme? „Rollo, steh auf, sei guten Mutes und zieh sofort über das Meer nach England!“

Den Gedanken konnte er jedenfalls selbst gedacht haben - und hatte es auch getan, mehr als einmal! Aber nun wurden auf einmal alle die Neugekommenen ein Zuwachs. Sechs Schiffe mit genug Volk, sie zu bemannen, voll bewaffnet – ja, gewiss würden sie rüber nach England ziehen können.

Ganz willkommen in England waren sie nicht! Sie mussten harte Kämpfe austragen, dort wo sie landeten, aber sie hatten nichts anderes als das Leben zu verlieren und schlugen sich mit dem Mut der Verzweiflung, bis die Angeln - oder wer diese waren - flohen, Gefallene und Gefangene hinterlassend. Nun konnte Rollo wenigstens verhandeln! Er sandte Botschaft zum König der Angeln und versprach seine Gefangenen frei zu lassen, wenn sie über Winter bleiben durften; dann würden sie weiterziehen - sie hatten nichts Böses gegen das Volk von England im Sinne, sie waren nur arme dänische Landesflüchtlinge, vertrieben von ihrem König.

Den Rest kann man hier nun auslassen: die Jahre in Friesland und Flandern, mal mit dem einen, mal dem anderen nordischen Heerführer, die Rückkehr nach England und seinem großen Glück bei König Gudrum in Ostangeln. Er wollte auf den Traum zurückkommen, für den er abgelehnt hatte, ein mächtiger Jarl bei König Gudrum zu werden, der Traum, der schuld war, dass er sich nicht zurück nach Dänemark oder Halland mit seinem ständig wachsenden Heer begeben hatte – das wäre nicht geschehen, bevor er nicht selbst Dänemarks König gewesen wäre!

Den Traum hatte er während eines widrigen Winters in England:

Er befand sich plötzlich in einer wunderbaren fränkischen Stadt oben auf einem hohen Berg. Hier wollte er wohnen! Er ging zwischen den Häusern umher und fand alles bemerkenswert und vortrefflich. Das einzige Verwunderliche war, dass er ganz einsam war. Es war nicht ein einziger Mensch zu sehen ... Aber gerade das bekümmerte ihn nicht. Er ging zur Stadtmauer und bewunderte ihre Stärke und ihre Befestigungstürme. Was für eine Stadt konnte das sein? Gerade als er stand und das schöne Stadttor betrachtete, fühlte er, wie es begann, am ganzen Körper zu jucken. Er kratzte sich, wo er hinkommen konnte, aber das hatte keine Wirkung, brachte keine Linderung. Da sah er auf seinen Körper herunter, er betrachtete seine Hände und riss sein Hemd auf und schaute: Ja, überall war er von den widerwärtigen Zeichen des Aussatzes bedeckt.

Vielleicht waren alle vor seinem Anblick geflohen? Drinnen in der Stadt durfte keiner mit Aussatz sein, soviel er wusste. Raus und weg! Aber - wie hatte er diese furchtbare Krankheit so plötzlich bekommen können?

Er rettete sich auf die Spitze des Berges hinauf, während er seine arme Haut kratzte, bis sie blutete. Während er den Hang hinaufzog, hörte er Wasser rauschen. Der Laut kam immer näher, je höher er kletterte. Und da, da lag eine Quelle, von der das Rauschen kam. Er legte sich auf die Knie, um zu trinken, aber zuerst spiegelte er sich in dem klaren Wasser und bemerkte, wie das Wasser duftete. Wie Rosen, wie ... Er hatte keinen Vergleich. Gewiss war: Einen so lieblichen Duft hatte er vorher nicht gekannt!

Er wölbte die Hand und trank. Das Wasser war nicht kalt, wie er erwartet hatte, und doch war es kühl. Sonderbar! Vielleicht würde es sein Jucken lindern, wenn er in die Quelle stieg? Es war vielleicht einem Aussätzigen nicht erlaubt, dieses herrliche Wasser zu besudeln, aber er sah sich um und fand immer noch keinen Lebenden in Sicht. Also zog er seine Lumpen aus und ließ sich in die kühlende und doch lauwarme Quelle sinken. Er schauderte, als er seine aufgeschwollene, schwammartige Haut mit den dunklen Flecken sah. Er konnte sich auch gleich in die Quelle sinken lassen und sich darin ertränken.

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400 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788711441909
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