Kitabı oku: «TITANROT»

Yazı tipi:

S. C. Menzel:
Titanrot – Nomaden im All

AndroSF 145

S. C. Menzel

TITANROT – NOMADEN IM ALL

AndroSF 145

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© dieser Ausgabe: Oktober 2021

p.machinery Michael Haitel

Titelbild: S. C. Menzel

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat & Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: global:epropaganda

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu

ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 259 1

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 838 8

Für Georg

Diebstahl

Forschungsstation im Sednagürtel

Die Eislandschaft des Asteroiden glitzerte im Licht der fernen Sol. Das Zentralgestirn stand hier in den Außenbezirken des Systems nur noch als gleißender Punkt am schwarzen Himmel. Ein Stern unter vielen. Wenn auch ein besonders heller. Seine Helligkeit reichte trotzdem aus, die Schatten der Felsformationen scharf umrissen in den Staub zu zeichnen. Oder unvorsichtige Raumnomaden zu blenden.

»Sollen die Träumer mich holen«, fluchte Glenn. Dank des kurzen Blicks in Richtung Sonne tanzten rote Flecken vor seinen Augen. Er hob die Hand, um sie sich zu reiben, und ließ sie wieder sinken. Die lagen unantastbar hinter dem Visier seines Raumanzugs verborgen. Genau wie seine juckende Nase.

Tian, sein Bordmechaniker, tippte ihm von hinten auf die Schulter und deutete in die Schatten unter vier Felsen. Die Formation ragte aus dem Geröllfeld heraus wie die Finger eines vergrabenen Riesen. Tians Hände formten das Zeichen für Tür. So nah an der Forschungsstation wagten sie nicht, sich über den Helmfunk zu unterhalten.

Tatsächlich entdeckte Glenn viereckige Umrisse unter einem der Felsvorsprünge. Tian hatte den Eingang zum Geheimlabor des Lehrsinn-Bode-Konglomerats gefunden, das sich nach den Informationen ihres Auftraggebers hier versteckte.

Der große Mechaniker zog einen Elektroschocker aus seinem Rucksack. Die Waffe wirkte in seinen Händen wie ein Kinderspielzeug. Nicht, dass das Ding ihnen bei Problemen wirklich helfen konnte. Die Wahrscheinlichkeit, diese Einrichtung im Falle einer Entdeckung je wieder zu verlassen, lag etwa so hoch wie die, einen Allspaziergang ohne Anzug zu überleben.

Glenn holte tief Luft. Die Atemgeräusche im Innern seines Helms durchbrachen als einzige die Ruhe des Universums.

Dann stieß er sich ab und schwebte einige Meter weiter. Er landete in den Schatten direkt vor der Tür. Von seiner Landung aufgewirbelter Staub tanzte um ihn herum und sank wie in Zeitlupe zurück zu Boden. Sein Magen drehte sich um, als er sich wieder aufrichtete. Nach den Monaten in der Schwerelosigkeit seines Raumschiffes missfiel seinem Gehirn sogar die Andeutung einer Schwerkraft. Selbst die Sterne über ihm schienen zu wanken.

Das flaue Gefühl im Magen brachte kalte Schweißausbrüche mit sich. Sich in den Helm zu übergeben gehörte zum Letzten, was er jetzt brauchte. Er schluckte einen gefühlten Liter kalten Speichel runter. Die Tür vor ihm glänzte dunkel im Sonnenlicht. Der Anblick stellte seine Nackenhaare auf. Verborgen in den Eingeweiden dieses Asteroiden hatte Lehrsinn-Bode einen so abgelegenen Außenposten errichtet, dass sie dessen Existenz nicht einmal verleugnen mussten. Diese Einrichtung existierte für den Rest der Menschheit nicht. Und er kam hierher. Freiwillig. Um die Konglos zu bestehlen. Grandiose Idee.

Neben ihm landete Tian und starrte die Tür angestrengt an. Glaubte er, Willenskraft reiche aus, um hindurchzusehen und zu erkennen, welche Überraschungen auf der anderen Seite lauerten?

In der Ecke seines Visiers leuchtete die Bordzeit der Sonnenwind. Viertel nach drei. Fünfzehn Minuten zu spät. Er klopfte mit seinem Handrücken gegen die Tür und trat dann einen Schritt zurück. Einen Atemzug lang geschah nichts. Tian hob die Hand mit dem Elektroschocker wieder an.

Die Tür glitt auf und offenbarte eine Luftschleuse, die ihm nach der Helligkeit auf der Asteroidenoberfläche dunkel vorkam. Er erkannte nur wenig von den Metallwänden und dem dunklen Boden. Hinter einem Fenster in der gegenüberliegenden Schleusenwand stand ein moppeliger Mann mit schwarzen Locken und winkte sie heran. Doktor Kroll, der Wissenschaftler, dessen Entführung aus dem Labor ihren Sauerstoff bezahlen sollte. Wieso trug der keinen Raumanzug? Wollte er in seinem schicken Hemd aus der Luftschleuse spazieren? Das wäre ein kurzes Vergnügen in Freiheit.

Glenn tauschte einen Blick mit Tian. Grandios. Jetzt durften sie das Kindermädchen für einen Konglo spielen, der sein Leben auf Gesteinsbrocken abgesessen hatte. Felsenkleber nannten die Nomaden Leute, die ihre Zeit auf Planeten, Raumstationen, Asteroiden oder sonstigen Steinklumpen fristeten. Und Glenn hatte noch keinen getroffen, der im All zu etwas zu gebrauchen war.

Er betrat die Schleuse mit klopfendem Herz. Kalte Schauer liefen ihm über den Nacken. Das Sonnenlicht warf seinen Schatten auf ein kupferfarbenes Nilpferd mit aufgerissenem Rachen an der Wand, das Firmenlogo von Lehrsinn-Bode. In die Höhle des Konglomerats hinabzusteigen hatte nicht in der Auftragsbeschreibung gestanden. Der Felsenkleber hätte draußen abmarschbereit auf sie warten sollen. Aber offensichtlich mussten sie zuerst mit dem Mann sprechen, bevor sie hier wegkamen. Die Tür hinter ihnen glitt wieder zu und sperrte das Licht der Außenwelt aus.

Mit einem Zischen strömte die Luft des Habitats in die Schleuse. Das erste Geräusch seit Stunden, das nicht seinen eigenen Körperfunktionen entstammte. Es schmerzte nach der Stille im All in seinen Ohren. Seine Schritte schepperten dank der Astronautenstiefel so laut, dass wahrscheinlich die gesamte Einrichtung über seine Anwesenheit Bescheid wusste. Der Lärm dieser Welt überrollte ihn und sein Atem klang leise und unbedeutend.

»Ziehen Sie Ihren Anzug an, Doktor Kroll«, sagte er noch, bevor der Wissenschaftler die Glastür auf der anderen Seite der Luftschleuse öffnete. Glenn machte sich nicht die Mühe, den Helm abzunehmen. Es galt, keine Zeit zu verlieren. Je länger sie brauchten, desto größer wurde die Gefahr der Entdeckung. »Jede Minute zählt.«

»Ich habe keinen Raumanzug«, erklärte der Wissenschaftler und öffnete die Tür mit seinem Dienstausweis, den er vor einen Scanner hielt.

Glenns Augen gewöhnten sich allmählich an das schummrige Licht. Leuchtende Anzeigen in den Wänden und eine große Tür, die tiefer ins Habitat führte, schälten sich aus dem Dunkel.

»Wie genau stellen Sie sich das denn vor?«, fragte er. »Wollen Sie Asteroidenstaub atmen?«

»Ich bin nicht ins Lager gekommen«, verteidigte der Mann sich. »Es wird von Sicherheitsmännern bewacht. Ich dachte, vielleicht könnten Sie … Ich meine, Sie sind doch …«

»Anscheinend sind wir umsonst gekommen«, sagte Glenn. »Die Abmachung lautete, Sie hier an der Schleuse abzuholen. Wir wandern nicht noch tiefer in Lehrsinn-Bodes Höhle und brechen in irgendein Lager ein. Wir kehren auf der Stelle zur Sonnenwind zurück.«

»Wollen Sie das Geld für meine Freiheit nicht?«, fragte der Mann und riss die Augen auf. Alle Gesichtsfarbe wich aus seinen Wangen. »Ich gebe Ihnen alles, was ich habe. Eine Million zusätzlich zu den zweien, die Sie von meinem Bruder auf Amarok bekommen.«

»Drei Millionen Kuben?«, fragte Glenn und nahm seinen Helm ab. Der saure Geruch seines seit drei Tagen ungewaschenen Körpers biss ihm in die Nase. Als hätte sein Riechorgan erst dank des Vergleichs mit der frischen Luft des Forschungshabitats gemerkt, wie sehr er stank.

Tian sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an. »Bist du verrückt geworden, Käpt’n? Du musst echt mal deine Prioritäten aussortieren. Die Sicherheitsmänner sind vermutlich schon auf dem Weg. Wir müssen gehen. Bevor sie merken, dass unsere Anwesenheit hier kein Sensorfehler ist. Und bevor unser Zeitplan durcheinandergerät. Die Sonnenwind ist bereits im Anflug. Wir müssen zur vereinbarten Zeit am Treffpunkt sein. Ich sitze lieber ohne Kuben auf unserem Mädchen, als mit Kuben in einer Konglozelle.«

»Die Sicherheitsmänner bemerken uns nicht«, krächzte Kroll. Er sah sich um, als erwarte er, seine Worte könnten besagte Sicherheitsmänner direkt hinter ihm aus der Luft materialisieren. »Ich habe ein Wartungsprogramm gestartet. Falschmeldungen gehören zum Testverfahren. Die Überwachungssysteme sind beschäftigt und die Bewohner sind fast alle in den Freizeitmodulen und genießen den frühen Feierabend. Wir haben eine ganze Stunde Zeit.«

Er pausierte, um die Uhrzeit in einer Anzeige neben der Tür abzulesen. »Jetzt sind es nur noch fünfundvierzig Minuten. Ihr seid zu spät.«

»Wir wären nicht zu spät, wenn wir eine bessere Beschreibung oder ein Bild vom Eingang gehabt hätten«, sagte Tian und zog ebenfalls den Helm ab. Seine Glatze mit den grünen Tätowierungen glänzte vor Schweiß. Er betrachtete Kroll wie einen Wurm, den er im Trinkwassertank gefunden hatte. »Wir haben zugesagt, Sie auf der Asteroidenoberfläche abzuholen und nach Amarok zu bringen. Mehr nicht. Wir werden weder Schiff noch Mannschaft für eine Million zusätzlicher Kuben riskieren. Wir sollten gehen, Käpt’n.«

»Wir können uns ja mal anhören, was er zu sagen hat.« Glenn kratzte sich mit seiner freien Hand die Nase und seufzte erleichtert. Eine Million zusätzlicher Kuben reichte aus, um nicht nur der Sonnenwind, sondern auch dem Dingi eine Generalüberholung zu verpassen. Und wenn sie jetzt ohne Kroll abdampften, fehlte ihnen sogar das Geld, um im nächsten Hafen die Luftfilter austauschen zu lassen.

»Ihr versteht nicht, worum es hier geht«, stammelte der Wissenschaftler. Tian nahm seinen Helm hoch, um ihn aufzusetzen. Doch Kroll klammerte sich an den Arm des Mechanikers. »Ihr müsst mich mitnehmen.«

Mit lautem Scheppern knallte der Helm auf den Boden.

»Lass los, Konglo.« Tian versuchte, den Mann von sich abzuschütteln.

»Nein«, rief Kroll. Etwas blitzte in seiner Hand und ein Reißgeräusch hallte durch den Vorraum.

»Bist du lebensmüde?«

Tians Faust traf den Wissenschaftler am Kopf. Der Mann hing immer noch am Arm des Mechanikers. Auch wenn Blut aus seiner Nase auf den silbrigen Anzug sprudelte. Er schielte und wieder riss etwas hörbar auf. Tian holte aus, um den Wissenschaftler von seinem Arm abzuschlagen. Sein Anzug klaffte an zwei Stellen weit auseinander. Normalerweise begann der Reparaturmechanismus sofort, um den Luftverlust zu begrenzen. Doch die Löcher vergrößerten sich mit jeder Bewegung des Mechanikers. Der sich erstaunlich schwer damit tat, den Wissenschaftler von seinem Arm zu pflücken.

»Dein Anzug ist kaputt«, rief Glenn. »Die Autoreparatur ist hin.«

Tian sah ungläubig auf seinen Ärmel. Der Wissenschaftler nutzte die Gelegenheit und hüpfte einige Meter zurück, in Sicherheit vor dem riesigen Mechaniker. Das dunkel schimmernde Messer hielt der immer noch fest umklammert.

»Jetzt müsst ihr ins Lager gehen. Sonst kommt ihr nicht mehr weg«, sagte Kroll mit blutigem Grinsen und schiefer Nase. Er hielt sein Messer hoch. »Molekularschneide mit elektromagnetischem Impulsgeber. Der Anzug ist hin.«

Tians Nasenflügel bebten vor Wut. »Bist du lebensmüde, Konglo?«

Glenn sprang zwischen die beiden, damit der Mechaniker den Wissenschaftler nicht einfach ins Jenseits prügelte.

»Aus dem Weg«, sagte Tian. »Der Drecksack hat meinen Anzug zerstört.«

»Du kannst dich rächen, wenn wir den Kerl verschnürt und an Bord verstaut haben.« Glenn starrte Kroll wütend an. »Jetzt besorgen wir erst einmal zwei funktionierende Raumanzüge.«

»Verschnürt?«, fragte der Wissenschaftler und der Triumph wurde aus seinem Gesicht gewischt.

»Du glaubst doch nicht, dass ich dich nach der Aktion auf meinem Schiff frei rumscharwenzeln lasse?« Glenn lächelte. »Ich bin sicher, Tian wird sich einiges einfallen lassen, wie er es dir heimzahlen kann. Ihr beide habt auf dem Weg nach Amarok genügend Zeit zum beschnuppern.«

»Ihr könnt mir nix tun«, sagte der Wissenschaftler. »Ihr dürft nicht.«

»Wir dürfen auf meinem Schiff, was ich erlaube«, sagte Glenn. »Wenn dir das nicht passt, kannst du hierbleiben.«

Ob er es damit übertrieb, dem Kerl ein wenig Respekt beizubringen? Aber sie konnten sich keine weiteren bösen Überraschungen erlauben, wenn er die Sonnenwind wiedersehen wollte.

»Aye, Käpt’n.« Tian streckte seinen Rücken durch. »Dem werd ich beibringen, noch mal die Raumanzüge ehrenhafter Nomaden anzufassen.«

Glenn setzte seinen Helm wieder auf. »Du sagst, wir haben noch eine Dreiviertelstunde? Lasst uns keine Zeit mehr vertrödeln. Führ uns zum Lager. Du gehst vor.«

»Ich? Ich dachte, ich kann hier warten.« Der Mann blickte auf Tians Miene, schluckte seine Widerworte und nickte.

Anscheinend funktionierte das Alarmsystem tatsächlich nicht. Denn Kroll führte sie ohne Probleme mithilfe seiner Dienstmarke durch etliche Türen und Flure, bis sie tief im Innern der Station vor einer letzten Tür hielten. Auch Menschen hatten sie keine getroffen.

»Dahinter liegt der Flur zum Lager«, sagte der Wissenschaftler. »Da stehen zwei Sicherheitsmänner. Ich habe versucht, deren Drohnen abzuschalten, aber ich kann nicht garantieren, dass das funktioniert hat.«

»Drohnen?« Glenn seufzte und zückte seine Waffe. Das wurde ja immer besser.

»Damit werde ich fertig, Käpt’n.« Tian zog ein schwarzes Kästchen aus seinem Rucksack und hielt es ins Licht.

»Beschreibe uns genau, wo die Wachen und Drohnen stehen«, forderte Glenn vom Wissenschaftler. »Und lass nichts aus. Dich erschieß ich zuerst, falls deine Angaben nicht stimmen.«

Der Flur hinter der Tür strahlte reinweiß. Glenn schirmte seine Augen mit der linken Hand ab, während er mit rechts zielte. Eine Frau mit schwarzem Pferdeschwanz stand auf einer Seite des Flurs. Auf der anderen hielt ein bulliger Mann mit krausem Haar Wache. Drohnen auf Rädern warteten neben ihnen. Glenn tauschte einen Blick mit den Wachleuten und ihren mechanischen Helfern. Alarm heulte auf.

Tian warf sein schwarzes Kästchen nach den Blechdosen. Die wandten sich um und feuerten. Ein Lichtblitz explodierte. Der Raum erstrahlte in gleißendem Weiß. Glenn kniff die Augen zusammen und duckte sich zur Seite. Etwas schlug gegen seinen Oberschenkel. Er hörte die Rufe der Konglos und das Schrillen einer Sirene wie durch einen Schleier. Die Wachmänner gingen unter Tians Beschuss zu Boden und blieben neben ihren Drohnen liegen.

Schatten schluckten Glenns Sichtfeld von den Rändern her.

»Soll der Träumer sie holen«, fluchte Tian und packte Glenn an der Schulter, bevor er umfallen konnte. Aber der Schwächeanfall dauerte nur einen Augenblick. Die Welt tauchte wieder auf und er stand, durch Tian gestützt, vor einer der Türen im Flur. Doktor Kroll zeigte einem weiteren Scanner seinen Dienstausweis und verschaffte ihnen Einlass. Die Alarmsirenen schrillten noch immer.

»Scheint, als bräuchten wir drei Anzüge«, erklärte Tian und ging durch die Tür, die sich gerade öffnete. Er hatte seinen Arm um Glenns Schultern gelegt und schliff ihn geradezu in den Raum. Es fiel ihm trotzdem schwer, sich aufrecht zu halten. Wieso funktionierten seine Füße nicht richtig? Er sah runter. Ein roter Fleck breitete sich an seinem Bein aus. Blut rann den Stoff entlang und tropfte auf den Boden. »Die haben mich getroffen.«

»Aye«, brummte Tian. »Drecksäcke.«

Im Lager stapelten sich Kisten in langen Regalreihen bis zur Decke.

»Hol die verdammten Anzüge raus. Wir müssen hier weg«, befahl Tian dem Wissenschaftler.

»Gleich«, rief Kroll und huschte zu einem Regal mit kleinen Glasbehältern. Er nahm drei davon.

»Nicht gleich«, sagte Tian. »Jetzt, du Träumer.«

»Die Anzüge sind im zweiten Gang in der dritten Kiste von links. Mittlere Reihe«, rief der Wissenschaftler, während er weitere Gläser hervorholte.

Tian knurrte wütend und legte Glenn neben der Tür ab, bevor er die Anzüge suchte.

Glenn betastete den roten Fleck an seinem Bein. Nasskalte Flüssigkeit klebte an seinen Handschuhen. Er spürte keinen Schmerz. Eigentlich spürte er gar nichts, als sei er in Watte gepackt. Die ganze Welt wirkte dunkler, leiser und ruhiger. Obwohl das Jaulen der Sirenen nur von einer lärmenden Durchsage unterbrochen wurde. Ihm fiel es schwer, die Worte zu verstehen. Schock. Er stand unter Schock.

Der Wissenschaftler kam zurück und stellte fünf Gläser neben ihn. Alle waren mindestens zur Hälfte mit Dreck gefüllt. Glenn blinzelte das Etikett des ihm am nächsten stehenden Glases an: ›Grubenaushub. Chuquicamata Mine. Fundort: Atacama-Wüste; Erde. Historische Datierung: ca. zwanzigstes Jahrhundert‹.

Dreck von der Erde? Wer zum Allwal machte sich die Mühe, Dreck von der Erde nicht nur ins All, sondern weit hinaus in die Außenbereiche des Sonnensystems zu befördern und dann in Gläsern auf einem Asteroiden einzulagern? Das ergab überhaupt keinen Sinn.

Er las das nächste Etikett: ›Vulkangestein. Fundort: Neapel; Erde. Historische Datierung: ca. erstes Jahrhundert‹.

Vielleicht funktionierte sein Gehirn aufgrund des Blutverlustes nicht mehr richtig. Er kniff die Augen zusammen und entzifferte die Beschriftung einer der kleinen Kisten in der Ecke.

›Wrackteile, Außenhülle einer Raumstation. Fundort: Trümmerfeld Adlivun 34B; historische Datierung: keine.‹

Die lagerten hier anscheinend nicht nur Dreck von der Erde, sondern auch Metallschrott aus Trümmerfeldern ein. Wieso gab Lehrsinn-Bode Geld für so was aus? Ihm fiel keinerlei gewinnbringende Unternehmung ein, die auf diesen Zutaten fußte.

Er wechselte einen Blick mit Tian, der beladen mit Raumanzügen und vom Arm baumelnden Helmen zurückkam. Der Mechaniker wirkte im Angesicht der Gläser voll Müll und Schmutz genauso verwirrt.

»Was soll das werden, wenn’s fertig ist?«, fragte Tian. Anscheinend war er so verdattert, dass er vergaß, wütend zu sein.

»Die müssen mit«, sagte der Wissenschaftler und kam mit einem weiteren Glas voller Scherben an.

Die Sirenen hörten für einen Moment auf, zu blöken. Kurz darauf meldete sich eine Frauenstimme. »Achtung – wichtige Durchsage der Stationssicherheit. Die gesamte Station inklusive aller Labors und Habitate wird mit sofortiger Wirkung abgeriegelt. Bitte warten Sie an Ihrem Platz, bis die Station wieder freigegeben wird. Bei dringenden Notfällen melden Sie sich bitte bei Ihrem Vorsteher. Es wurden Eindringlinge in der Station festgestellt. Bitte melden Sie unbefugte Personen Ihrem Vorsteher. Sicherheitsmannschaft 3 bitte zur Schleuse 1A. Eine unidentifizierte Raumfähre wurde etwa dreihundert Meter östlich der Schleuse 1A entdeckt.«

Dreihundert Meter östlich? Glenn fröstelte und Magensäure stieg in seinem Rachen auf. »Unser Dingi!«

»Was ist ein Dingi?«, fragte der Wissenschaftler.

»Unser Beiboot. Damit sind wir von der Sonnenwind hergeflogen«, erklärte Glenn.

»Wir müssen los«, rief Tian und begann Glenn in die Hosen eines Raumanzugs zu helfen. Er zog den neuen Anzug über den alten an. »Sofort.«

»Das bringt nichts.« Kroll sammelte hastig die Gläser ein. »Die sind vor uns an der Schleuse. Und die Ausgänge sind auch alle verriegelt. Mein Ausweis wird uns nicht mehr helfen. Vermutlich stehen die bereits vor der Tür.«

»Ich dachte, wir haben noch eine halbe Stunde Zeit«, sagte Glenn. Vor der Tür wurden Stimmen laut. Er drehte den Kopf zum Eingang. Die Bewegung brachte die Welt kurz ins Wanken. »Der Sicherheitsdienst schießt uns hier gleich zusammen.«

»Zum Allwal mit denen.« Tian sprang in einen blitzsauberen Kongloanzug und half Glenn, seinen Helm anzulegen. »Wir sprengen uns hier raus, Käpt’n.«

Die Schritte der Sicherheitsleute kamen vor der Tür zum Halten. Glenn versuchte, aufzustehen. Doch sein Bein gehorchte nicht. Tian reichte ihm eine helfende Hand.

»In welcher Richtung liegt der Hangar?«, fragte Glenn den Wissenschaftler. Kroll versuchte, mit dem Kinn eines der Gläser so zu fixieren, dass es ihm nicht runterfiel.

»In welcher Richtung liegt der Hangar?«, wiederholte Glenn seine Frage mit Nachdruck und nahm ihm das überzählige Glas ab, bevor es wirklich fiel.

»Etwa hundert Meter da hinten.« Der Wissenschaftler deutete mit dem jetzt freien Kinn zu einer Seite des Lagerraums. »Aber wir kommen nicht an ihnen vorbei in den Flur. Sie sind hier. Sie werden uns finden. Ich muss hier raus.«

»Was liegt zwischen dem Lager und dem Hangar?« Er steckte das Glas in seinen Rucksack.

»Die Gewächshäuser.«

»Gut. Da gehen wir durch«, entschied Glenn. »Tian, ich glaube nicht, dass ich schnell laufen kann.«

»Ich glaube nicht, dass du noch wach bist, wenn wir am Hangar sind«, erklärte Tian und rannte mit Glenn im Arm zur anderen Tür. Mit jedem Schritt legte er mehrere Meter zurück. Vorbei an weiteren Gläsern voller Dreck. Der Wissenschaftler hielt seine eigenen an die Brust gepresst wie kleine Kinder. Hinter ihnen öffnete sich die Tür zum Lager. Die Stimmen der Wachmänner und das Surren der Drohnen drangen zu ihnen herüber.

Tian heftete eine kleine Sprengladung an die Rückwand des Lagers und zündete sie. Ein kurzes Aufblitzen blendete Glenn und öffnete einen Durchgang, durch den die feuchte Hitze der Gewächshäuser strömte. Sein Visier beschlug und dimmte das Licht der Kunstsonnen, das durch das Loch fiel. Dahinter wuchsen hydroponische Kulturen auf sechs Etagen. Hellgrüne Blätter ragten aus schwarzen Gefäßen, die in langen Reihen standen.

Tian hielt nicht an, um die Umgebung zu bestaunen. Er zog Glenn im Laufschritt vorbei. Mit seinem Blut floh auch die Wärme aus Glenns Körper. Sein Bein verweigerte den Gehorsam.

Hinter ihnen erklangen das Trampeln von Magnetstiefeln und aufgeregtes Rufen. Die Sicherheit hatte das Loch in der Wand gefunden. Er sah sich nicht um. Seine Füße schliffen nutzlos über den Boden.

»Sie haben uns gleich«, rief der Wissenschaftler. Die Gläser mit Dreck und Scherben hielt er fest umklammert. Glenn starrte ihn verständnislos an. Wieso ließ der den Dreck nicht fallen?

»Allerdings«, sagte Tian und nahm Glenn auf den Arm, um schneller fortzukommen. Dank der geringen Schwerkraft stellte das den Mechaniker vor keinerlei Probleme. »Ist das der Ausgang zum Hangar?«

Etwa zwanzig Meter vor ihnen öffnete sich eine Tür.

»Rauchbombe rechte Tasche!«, rief Tian. Glenn langte in die Rucksacktasche und erfühlte das runde Metallbehältnis. Er warf es in die Truppe aus Wachmännern, die in das Gewächshaus drängten. Dichte Rauchschwaden umhüllten alles und jeden im Umkreis von zwanzig Metern. Die Wachmänner, die keine Anzüge trugen, husteten und keuchten. Irgendwo fielen Körper dumpf auf den Metallboden.

Der Schatten einer Drohne tauchte aus den Rauchschwaden im Raum auf und Glenn fischte ohne Aufforderung den Störsender aus Tians Rucksack. Er startete ihn, bevor er ihn auf den Boden fallen ließ, um der Metallbüchse keine Gelegenheit zu geben, das Gerät zu zerstören. Hoffentlich waren das die letzten Schrotthaufen, die sie ausschalten mussten.

Die Drohne fiel mit lautem Scheppern zu Boden. Das Licht flackerte. Irgendwo im Rauch raschelte es. Jemand stand auf.

Kalter Speichel sammelte sich in Glenns Mund. Das lag nicht an der ungewohnten Schwerkraft. Es fühlte sich an, als ströme Eiswasser statt Blut durch seinen Körper. Der Blutverlust drohte, ihn außer Gefecht zu setzen.

»Wir haben euer Dingi gefunden«, rief jemand aus dem verrauchten Gewächshaus. »Ihr kommt hier nicht mehr weg. Ergebt euch.«

Für wie dumm hielten diese Konglos sie? Die ließen niemanden aus einer Geheimanlage spazieren, nur weil man sich ergab. Tian warf eine Sprengladung hinter sich auf den Boden und flüchtete in den Rauch. Der Wissenschaftler rannte neben ihnen. Die Gläser klinkten durch die Bewegung aneinander.

»Zündung«, raunte Tian und Glenn spürte, wie er runtergedrückt wurde. Irgendwo hinter ihnen donnerte es. Er hörte das Scheppern der Wandteile, die zu Boden krachten.

»Weiter, weiter!«, rief der Wissenschaftler. »Da hinten ist ein Shuttle, das zur Evakuierung im Notfall gedacht ist.«

Der Rauch vernebelte Glenns Sicht und allein der Anblick ließ seinen Hals kratzen. Sie hielten vor einem Shuttle an und Kroll fummelte an einem der Paneele neben der Transportklappe rum. Die Gläser presste er mithilfe seines Oberkörpers gegen die Bordwand.

»Ich komm nicht rein! Ich komm nicht rein!«, rief der Wissenschaftler.

»Sind eure Anzüge in Ordnung?«, fragte Tian.

»Ja«, antworteten Glenn und Kroll gleichzeitig.

»Dann sprengen wir uns rein. Wir brauchen keine Atmosphäre in der Raumfähre. Ein Guckloch in der Außenwand kann uns egal sein.«

Geschenk

Raumhafen im Orbit des Zwergplaneten Pana

Chan stand im Aussichtsmodul der Raumstation über Pana. Der Ort erinnerte ihn an ein Fischglas. Mit dem Unterschied, dass die Glasbewohner die Außenwelt durch den durchsichtigen Boden beobachteten und nicht umgekehrt. Die Rotation der Station ließ den Planeten unter seinen Füßen aufgehen wie einen Mond.

Es sah zugegeben hübsch aus. Eiswüsten glitzerten im Licht der Habitatkuppeln und schwarze Gebirge ragten aus dem Schnee wie Zähne aus dem Schlund einer Muräne. Beinahe fünfzehn Milliarden Menschen lebten auf dem Planeten und den ihn umgebenden Orbitalstationen. Fünfzig große Raumstationen und unzählige kleinere umtanzten den Zwergplaneten. Die Naturreservate in den Orbitalringen boten eine Artenvielfalt, die im ganzen Sednagürtel ihresgleichen suchte. Mehrere Lichtsekunden dicht besiedelten Raums gehörten zum Kerngebiet der Verwaltung Panas. Das hätte Pana im Solschwarm des inneren Sonnensystems zu einem Außenposten unter vielen gemacht. Hier draußen im Sednagürtel jedoch, wo die Sonne dank der Verdunkelung durch den Habitatschwarm beinahe unsichtbar zwischen den funkelnden Sternen glomm, stellte Pana ein Zentrum menschlichen Treibens dar. Ein kulturelles Leuchtfeuer, das Nomaden und Felsenkleber anzog wie Honig die Fliegen.

Die Raumhäfen spuckten so viele Raumschiffe, Shuttles und Frachtmodule aus, dass es aussah, als fächerten sie ein aus Metallperlen geknüpftes Netz über dem gesamten Gebiet auf. Chan erinnerte sich nicht, wann er das letzte Mal so viele Dinge gesehen hatte. Aus seinem Labor auf dem Kolonieschiff Rhea sah er meist nur die Schwärze des Alls.

Die Rhea befand sich ebenfalls unter den Objekten, die den Planeten umkreisten. Ihre silbrige Hülle reflektierte die Lichter der Zivilisation und neben dem Planeten wirkte sie wie ein winziges, dunkelsilbernes Ei mit Fensterreihen, die leuchtende Streifen über ihre ganze Länge zeichneten. Frachter und Dingis trugen unablässig Waren und Menschen in ihren weit geöffneten Rachen. Ein endlos scheinender Strom an Rohstoffen, die weit weg vom Trubel des Sonnensystems eine Kolonie aufbauen sollten. Das Schiff würde rappelvoll sein, wenn er zurückkehrte. Pana war der letzte Raumhafen, den die Rhea je anlaufen würde. Nach eintausend Jahren Raumfahrt wagte die Menschheit endlich den Sprung in ein anderes Sternensystem.

Chan suchte in dem nur vom Widerschein Panas beleuchteten Aussichtsraum nach Hinweisen, welcher der Anwesenden seine Verabredung sein könnte. Der fremde Helfer, der angeboten hatte, sein Lebenswerk zu vollenden, versteckte sich wohl kaum in der kreischenden Kinderschar, die gerade die Aussichtsplattform stürmte. Auf kurzen Beinchen stoben sie, zum Leidwesen ihrer Erzieher und Chans, quiekend und schnatternd in alle Richtungen auseinander. Die Kleinen ließen sich auf den Boden plumpsen, drückten ihre Nasen an den durchsichtigen Paneelen platt und schrien vergnügt auf, als eine der anderen Raumstationen sich ins Panorama unter ihren Füßen schob.

Jemand zupfte von hinten an Chans Mantel. Er fuhr herum. Bereit, dem Balg eine Standpauke zu halten, die ihren Namen verdient hatte. Vor ihm stand eine rot glänzende Drohne auf Rädern. Ein rundes Köpfchen saß auf ihrem Rücken und an einem dünnen Greifärmchen baumelten Ohrstöpsel.

Er seufzte vor Enttäuschung. Kein Mensch würde zu dem Treffen kommen. Dann betrachtete er den Kurier zweifelnd. Informationen dieses Stellenwertes vertraute man keiner Technik an. Den einzig sicheren Ort für solche Schätze trug der Mensch im Kopf spazieren. Jedes Kind wusste das. Eigentlich.

Mit schweißnassen Fingern nahm er die Stöpsel und steckte sie in die Ohren. Sie fühlten sich kalt an und viel zu groß. Zumindest brachten sie das Geschrei der Kinder zum Verstummen. Chan atmete auf.

»Verzeihung«, sagte eine Stimme aus dem Lautsprecher der Drohne. Der fremde Freund klang erstaunlich jung. Hatte ein Jungspund ein Problem gelöst, mit dem er sich seit Jahrzehnten herumschlug? Oder zumindest jemand, der genug Eitelkeit besaß, um sich als jung auszugeben. Ein bitterer Geschmack belegte seine Zunge.

Besaß der Fremde überhaupt den Anstand, die eigene Stimme zu nutzen? Immerhin stand er einer Drohne gegenüber. Ziemlich unhöflich.

»Es ist mir leider nicht möglich, Ihnen physisch Gesellschaft zu leisten«, erklärte die Stimme. »Ich hoffe, Sie nehmen mir das nicht übel?«

»Natürlich nicht.« Sein Nacken kribbelte. Wie immer, wenn er jemanden belog. »Uns verbinden Ideen und keine Körper.«

»Schön gesagt«, antwortete der Fremde. »Ich vermute, Sie sorgen sich um die Sicherheit der Daten?«

Standen ihm seine Befürchtungen so deutlich ins Gesicht geschrieben? Chan verteilte sein Gewicht gleichmäßig auf seinen Füßen und richtete sich auf. Er sollte an seinem Gesichtsausdruck für konspirative Treffen arbeiten.

»Eine Vermutung meinerseits«, erklärte die Stimme, als hätte sie seine Gedanken gelesen. Alleswisser nervten. Vor allem, wenn sie wirklich alles wussten.

Das Greifärmchen kam wieder in Bewegung und zog eine Datenkarte aus dem Köpfchen hervor. Im Nachtlicht der Aussichtsplattform blitzte sie grünlich auf.

Er streckte die Hand nach dem Wissen aus, das die Knoten in seiner Programmierung lösen und seiner Reise hinter die Grenzen der menschlichen Zivilisation einen Sinn geben sollte. Doch Millimeter, bevor seine Finger den Schlüssel berührten, zögerte er. Es gab nichts umsonst. Welchen Preis würde er dafür zahlen müssen?

»Die Karte enthält, was ich versprochen habe. Nicht mehr und nicht weniger.« Die Worte klangen, als grinste der Sprecher.

Chans Fingerspitzen bebten im Takt seines Herzschlags. »Sie haben mir immer noch nicht gesagt, was Sie dafür von mir verlangen.«

Die Stimme seufzte. »Ich denke, wir sind uns einig, was die Unsinnigkeit gewisser Beschränkungen für Ihre Forschungstätigkeiten angeht. Mir reicht es, wenn Sie sich von der Engstirnigkeit anderer unbehelligt ihrem Projekt widmen. Denn es wird den Lauf der menschlichen Geschichte verändern.«

Die Worte klangen für Chans Geschmack zu gefühlsduselig. Aufgeladen mit einem Pathos, der das Zeug hatte, Dummköpfe zu verführen. Seine Backenzähne knirschten aufeinander. Machte es ihn zu einem Dummkopf, wenn ihm die Worte gefielen?

»Und Sie sind sicher, dass kein Unbefugter Zugang zu den Daten hatte?«

Die unsichere Übergabe verknotete Chans Gehirn. In den Vorgesprächen hatte er sich durch Fangfragen davon überzeugt, es mit jemandem zu tun zu haben, der dieses Handwerk verstand. Sonst hätte er sich die Mühe nicht gemacht, sein Labor zu verlassen. Und nun so etwas.

Aus den Ohrstöpseln klang ein blechernes Lachen. »Die Daten sind verschlüsselt. Niemand, der zufällig über sie stolpert, wird damit etwas anfangen können.«

Chan runzelte die Stirn. Zufällige Halunken, die aus Spaß an der Zerstörung über die Drohne herfielen und sie ausraubten, bereiteten ihm keine Sorgen. Die wüssten nichts mit dem Inhalt anzufangen, selbst wenn er ihnen in Klartext vor die Nase gehalten würde.

»Den Schlüssel besitzen Sie ja bereits«, erklärte der Fremde. »Es ist unwahrscheinlich, dass jemand diese Drohne und unsere Nachrichten abgefangen hat.«

»Ihre Antworten enthalten den Schlüssel?«, fragte Chan und leckte sich die Lippen.

»Natürlich.« Die Stimme klang gelangweilt. Wie jemand, der einem Begriffsstutzigen das Offensichtliche erklärte.

Chan schüttelte seine Zweifel ab und griff zu. Die Karte löste sich mit einem Klicken aus ihrer Halterung, welche mitsamt der Drohne augenblicklich zu intelligentem Staub zerfiel, der im Luftzug der Klimaanlage im Raum verwirbelte. Drohnenpartikel rieselten wie rot glitzernde Schneeflocken auf seine Kleidung und Schuhe. Mit einer Hand versuchte er, seine Hose abzuklopfen. Aber der intelligente Staub erwies sich als hartnäckig. Vermutlich würde erst eine Wäsche den Stoff von den Drohnenüberresten befreien können.

Chan sah sich um. Aber weder die Kinder noch ihre verzweifelten Aufpasser interessierten sich für den Vorgang. Und es ertönte auch kein Alarm, der alle anwies, auf ihren Plätzen zu verharren.

Er befühlte die feinen Linien und Gebilde auf der Karte. Staubreste hafteten an dem Datenträger und erinnerten an die Gletschergebilde des Planeten unter seinen Füßen. Eine ganze Welt hielt er in Händen. Sein Herz sprang vor Aufregung. Nicht nur eine Welt. Einen Verstand, so weit, wie das Universum. Wenn der fremde Freund sein Versprechen gehalten hatte.

Seine Hand zitterte vor Aufregung und die Karte bebte zwischen seinen Fingern. Er konnte es kaum erwarten, mit der Arbeit zu beginnen. Er konnte es kaum erwarten, mit dem Geschöpf zu sprechen, welches er erschaffen würde.

Verfolgungsjagd

Forschungsstation von Lehrsinn-Bode im Sednagürtel

Alles drehte sich. Glenn saß auf einer Bank hinter dem Pilotensitz der Raumfähre, die sie Lehrsinn-Bode gestohlen hatten. Und die Flucht vom Asteroiden gab ihm den Rest. Sein Kopf schwirrte vom Blutverlust, den er der Schusswunde im Oberschenkel zu verdanken hatte. Dunkle Schlieren waberten durch sein Gesichtsfeld und immer wieder verschwamm das Bild vor seinen Augen. Beim Einatmen musste seine Muskulatur doppelt arbeiten, um gegen die Beschleunigung des Shuttles anzukämpfen. Sein schwächelnder Körper wog mit einem Mal ein Vielfaches seines Gewichts. Dank der geringen Anziehungskraft auf dem Asteroiden hatte er dort nicht einmal ein Kilo gewogen. Nun presste das Gefühl der Schwere auf seinem Brustkorb die Luft aus seinen Lungen. Eiskaltes Blut strömte durch seine Gliedmaßen und staute sich bleiern in Händen und Füßen, bis seine Fingerspitzen im Rhythmus seines Herzschlags pochten.

Lächerlich. Als Kapitän eines Nomadenschiffs sollte er das auf einer Hinterbacke absitzen. Vor allem als Kapitän der Sonnenwind, einem der schnellsten Schiffe im Sektor. Er würde durchhalten. Ausruhen konnte er sich, wenn er in seinem Beschleunigungstank lag. Oder im Medisarg.

»Hat die Sonnenwind sich gemeldet?«, fragte er durch den Helmfunk. Seine Worte purzelten abgehackt und keuchend von seiner Zunge. Als versuchte alle Luft, auf einen Schlag aus seinen Lungen zu fliehen, sobald er den Mund öffnete.

»Unser Peilsender ist im Dingi, das wir auf dem Asteroiden zurückgelassen haben, Käpt’n«, sagte Tian vom Pilotensitz, ohne sich zu ihm umzudrehen. »Wir können der Sonnenwind nicht verklickern, wer wir sind. Die halten uns für Konglos.«

»Funk Dan an und gib ihm Bescheid. Mit dieser lahmen Bohnendose von einem Shuttle kommen wir nicht rechtzeitig an.« Glenn fühlte sich, als schwappte Wasser zwischen seinen Ohren. »Die sollen uns entgegenkommen.«

Sein Magen drohte damit, die letzte Mahlzeit wieder rauszuschmeißen. Bitterer Speichel strömte in seinen Mund.

»Ich kann nicht sprechen«, rief Tian.

»Was?« Glenn schnappte nach Luft, wie ein Fisch auf dem Trockenen. Hatte Tian gerade gesagt, dass er nicht sprechen konnte? »Du sprichst doch gerade mit mir.«

»Ja, durch den Helmfunk. Das Mikro funktioniert aber nur unter Atmosphäre. Und da wir uns hier reingesprengt haben, ziert ein schönes Guckloch unsere Seite.« Tian zeigte links hinter sich.

An Krolls schockstarrer Gestalt vorbei sah Glenn durch das in der Außenhülle klaffende Sprengloch direkt ins All und auf den Asteroiden unter ihnen. Dessen Felsformationen strahlten im Sonnenlicht und schrumpften mit jedem Herzschlag zusammen, während sich die Raumfähre entfernte. Bis sie aussahen, wie die Zierriffe in einem Aquarium.

»Das hat der Träumer eingefädelt«, fluchte er. Natürlich funktionierte das Mikro nicht. Im Vakuum gab es keine Geräusche, keine Stimme, die um Hilfe bitten konnte.

Mit einem Schlag wachte er aus seinem Tran auf. Die Kälte floss noch durch seine Adern und sein Atem ging zu flach und zu schnell. Aber der Schleier über seinen Gedanken klärte sich. Ohne funktionierendes Funkgerät gab es keine Möglichkeit, der Sonnenwind mitzuteilen, dass sie sich in einem Shuttle von Lehrsinn-Bode befanden und Hilfe brauchten. Sein Raumschiff würde an ihnen vorbeifliegen, ohne zu wissen, wer sich an Bord befand. Wenn es sie überhaupt bemerkte.

Er schlug auf die Armlehne und fing sich einen verwirrten Blick Krolls ein. Der Konglo verstand das Problem nicht. Dämlicher Felsenkleber. Sie liefen Gefahr, ins Leere zu düsen und für immer zu verschwinden. Was gab es da nicht zu verstehen?

Das Schiffchen erzitterte unter einem Treffer. Der Schlag rammte den Sitz mit einer Wucht gegen Glenns Gesäß, dass sein Steißbein wie eine Metallglocke nachklang.

Krolls Dreckgläser flogen aus seinem Arm quer durch die Kabine an die gegenüberliegende Wand. Dort zersprangen sie und ergossen einen Regen aus Scherben und Dreck über die leeren Bänke des Shuttles. Kroll stieß einen lauten Schrei aus, der dank des Helmfunks in Glenns Ohren rang.

»Meine Gläser!«, jammerte der Wissenschaftler.

Einen Moment später stoppte die Beschleunigung und die Last verschwand von Glenns Brust. Seine Arme und Beine schwebten ohne sein Zutun vor ihm und eine Wolke aus Erde und Scherben blieb in der Kabine hängen, als stünde die Zeit still.

Aus dem Loch in der Außenhülle erspähte Glenn die Umrisse kleiner Flieger, die vom Asteroiden her auf sie zurasten.

»Die Jäger sind los«, rief er in den Helmfunk.

»Aye«, brummte Tian. »Und sie haben unseren Hauptantrieb zerlegt. Die müssen uns jetzt nur noch einsammeln.«

Kroll versuchte Scherben und Dreck mit seinen ungelenken Handschuhen aus der Luft zu fischen. Dann ging eine seiner Hände zu seinem Anschnallgurt.

»Nein!«, rief Glenn. »Wagen Sie es nicht, Ihren Gurt anzufassen, Kroll.«

Der Wissenschaftler murmelte etwas vor sich hin, gehorchte aber. Glenn verstand nur Fetzen. Die Wörter »Gläser«, »Beweise« und »alles umsonst«. Der Typ hatte mit seinen Proben anscheinend auch seinen Verstand verloren.

»Starte die Seitenborder, Tian!«, rief Glenn. Nicht, dass die Konglos ihnen die Gelegenheit geben würden, sich aus dem Staub zu machen. Anscheinend wollten ihre Verfolger sie jedoch lebend. Und Glenn würde sich bis zum letzten Atemzug zur Wehr setzen. Nur aufzugeben bedeutete, mit Sicherheit zu verlieren.

»Aye«, erklärte Tian mit Nachdruck und die Raumfähre ruckte einmal nach rechts. Die erneute Beschleunigung drückte ihn diesmal sehr sanft in die Armlehne von Krolls Sitz. Ein Teil der Staub- und Scherbenwolke flog aus dem Guckloch in der Seite und hinterließ einen glitzernden Schweif im All. Kroll wimmerte wie ein kleines Kind.

Die Jäger kamen schnell näher. Auf ihren Nasen prangten rote Nummern und das kupferfarbene Nilpferd. Die wollten ein Verhör. Sonst hätten sie das Schiffchen bereits zu Staub zerpulvert. Das war’s. Die Antriebskraft dieses Shuttles reichte nicht aus, um eine Verfolgungsjagd zu gewinnen. Er schnaufte vor Frustration. Genoss er gerade seine letzten Momente in Freiheit? Den Konglos sagte man bei den Nomaden allerlei unsinnige Seltsamkeiten nach. Aber dass sie sich in Gehirnwäsche verstanden, stand außer Frage und neue Arbeitsdrohnen brauchten die immer. Lieber trieb er in der Leere, bis das Universum starb, als nie wieder seine eigenen Entscheidungen zu treffen.

Dann sprang Kroll von seinem Sitz auf und Glenn schrie vor Wut. Diesen Wissenschaftler zu hüten war schlimmer, als mit bloßen Händen ein Leck zu schließen. Er griff nach seinem eigenen Gurt, um ihn zu lösen. Den Verrückten musste Glenn offensichtlich vor sich selbst retten und auf seinem Platz festzurren.

Erneut erschütterte ein Schlag das Shuttle. Der Seitenantrieb erstarb mit einem letzten Ruckeln. Kroll kreischte und flog quer durch den Raum direkt an Tians Kopf vorbei ins Cockpit. Tian fing den Wissenschaftler an einem Fuß ein und stieß ihn in Glenns Richtung. Krolls Arme ruderten unbeholfen.

»Verdammte Konglos«, fluchte der Mechaniker. »Sollen die Träumer sie holen. Das sieht nicht gut aus, Käpt’n.«

Glenn fing den Wissenschaftler auf und setzte ihn wieder in den Sitz neben sich. Die Bewegung verursachte ihm Schwindel und Übelkeit.

»Meine Scherben«, murmelte Kroll, ließ sich aber ohne Widerstand von Glenn anschnallen.

Glenn sah hinaus zu den Jägern. Ein winziger Schatten zog an einigen Sternen vorbei. Er kniff die Augen zusammen, bis er fürchtete, seine Augäpfel träten vor Anstrengung aus ihren Höhlen. Was war das? Ein neuer Verfolger? Eine Einbildung seines blutleeren Hirns?

Ein weiterer Treffer jagte die Scherben wie wütende Hornissen durch die Kabine. Die Energie des Aufpralls pfefferte eine davon gegen Glenns Oberarm. Ein scharfer Schmerz durchzuckte ihn und die Scherbe blieb in seinem Fleisch stecken. Der Fremdkörper bohrte sich bei jeder Bewegung tiefer in seinen Arm. Glenn zog ihn raus. Blutstropfen schwebten aus dem kleinen Riss im Anzug. Doch das Material verschloss sich innerhalb eines Atemzugs und verhinderte, dass seine Luft ins Nichts verschwand.

»Das wird eng«, sagte er und verschwieg die neue Wunde. Die Wolke aus Scherben und Dreck prallte an der Außenwand ab und flog zurück in die Kabine.

Wieder fiel der Antrieb aus. Ein Ruck ging durch das Shuttle und weitere Scherben prallten gegen die Wand, wurden in kleinere Stücke zermahlen und verloren an Schwung. Doch es würde eine ganze Weile dauern, bis sie als glitzernder Kristallstaub zur Ruhe kämen. Stillstand. Das Endergebnis jeglicher Reibereien. Würde auch er verharren, wenn Lehrsinn-Bode ihn in seine Fänge bekam?

Draußen holte der Schatten die Jäger in wenigen Wimpernschlägen von hinten ein. Und dann zeichneten sich die Umrisse eines länglichen Schiffes, das aus den Tiefen des Alls heranraste, vor dem Sternenhimmel ab.

»Sonnenwind«, schrie er. »Sie ist da!«

Tian drehte sich um und starrte aus dem Loch. »Hoffentlich halten die uns nicht für Konglos.«

Die Sonnenwind rammte vier ihrer Verfolger auf einmal. Die Jäger zerplatzten beim Aufprall wie Glasfiguren. Ihre Einzelteile flogen nach allen Seiten ins All. Manche stürzten zurück auf den Asteroiden, andere stoben auf Nimmerwiedersehen davon in die Schwärze. Wenn die Sonnenwind sie nicht erkannte, dann standen dieses Shuttle und seine Passagiere kurz davor, genauso zerlegt zu werden, wie die Jäger. Glenn ballte seine Fäuste.

Verdammte Träumerbrut! Vom eigenen Schiff über den Haufen geflogen. Diesen Abgang fand er noch erbärmlicher, als den Konglos in die Hände zu fallen. Die Zeit schien stillzustehen, als sein Tod herannahte.

Die Sonnenwind drehte sich und zeigte mit dem Heck auf die Fähre. Das Glühen der Triebwerke schmerzte in seinen Augen und er wandte das Gesicht ab. Was sollte das? Wollte seine Navigatorin das Shuttle abfackeln? Doch die Sonnenwind drehte sich erneut und das gleißende Licht verschwand.

Glenn wagte, den Blick auf sein Schiff zu richten und entdeckte ein schwächeres Leuchten. Die Bugklappe, dachte er. Die Sonnenwind hatte abermals gewendet. Ein Lichtstreifen leuchtete am Bug des Schiffes. Die Luftschleuse des vorderen Frachtraums stand offen. Sein Schiff raste mit heruntergelassener Klappe genau auf das Shuttle zu. Vielleicht sammelten seine Leute den Metallschrott der Drohnen ein?

Genau wie unsere Überreste, dachte er dunkel. Sein Herz zersprang vor Aufregung. Der Aufprall würde sie pulverisieren. Sie würden sterben.

Er fing an zu kichern. Glenn Michels, freischaffender Kapitän der Schwarzen See. Über den Haufen geflogen vom eigenen Schiff. Ein Abgang, der an Lächerlichkeit die Lieblingszoten der Geschichtenerzähler übertraf.

Die Sonnenwind schwenkte zur Seite. Vielleicht streifte das Schiff sie nur und sie überlebten die nächsten Augenblicke. Aber was dann? Sie flögen mit neuem Schwung der Leere entgegen. Ohne Hoffnung auf Rettung. Er zog einen kurzen, schmerzhaften Unfalltod dem langsamen Dahinsiechen bei vollem Bewusstsein vor. Vielleicht sollte er das Visier öffnen und das All begrüßen?

Bevor seine Gedanken tiefer in morbide Gefilde abdrifteten, erfasste die Sonnenwind das Shuttle. Der Schlag warf ihn mit voller Wucht in die Anschnallgurte. Er konnte im Innern des Anzugs hören, wie seine Knochen brachen. Sein Kopf schleuderte nach vorn. Und trotz der Stoßdämpfer im Helm bekam er einen heftigen Schlag auf seinen Denkkasten. Das Nichts schluckte ihn.

Rettung

Sonnenwind, auf dem Weg zur Forschungsstation

In den Beschleunigungstank drang nichts ein, was die Navigatorin aus ihrem Dämmerzustand erwecken konnte. Kein Licht, kein Geräusch. Nicht einmal die Vibrationen des Maschinenraums. Nur die Projektion der bunten Linien und Zahlenreihen des Navigationsprogramms forderten ihre Aufmerksamkeit. Ein roter Punkt namens Sonnenwind blinkte auf einem Orbit, der sie in der Nähe des Asteroiden vorbeiführte. Auf dieser Umlaufbahn lag auch ein grüner Marker, der den Treffpunkt kennzeichnete, an dem sie das Dingi, in dem Glenn und Tian auf die Abholung warteten, einsammeln würde.

»Lena?«, fragte Dan, der Funker übers Kom. Seine Stimme erreichte sie durch einen Schleier aus Bedeutungslosigkeit. Der Sinn des Wortes entglitt ihr wie ein Traum beim Aufwachen. Über den Navihelm steuerte sie die Sonnenwind mit ihren Gedanken. Jegliche Ablenkung gefährdete ihre Kontrolle über das Schiff. Jede unbedachte Bewegung, jedes Gefühl, jeder Gedanke verursachte Hirnaktivitäten, die von dem silbrigen Gestell auf ihrem Kopf missinterpretiert werden konnten. Zwar flog das Schiff in diesem Moment auf Autopilot. Doch einer ihrer Gedanken reichte, um die Steuerung zu übernehmen. Das Nichtstun gehörte zu den wichtigsten Fähigkeiten einer Navigatorin und versetzte sie in einen tranceähnlichen Zustand, der sie mit jeder Minute tiefer in eine Welt der Leere abgleiten ließ. Bis ihr Bewusstsein sich darin auflöste.

»Lena«, wiederholte Dans Stimme den Namen.

Ihren Namen. Sie entkoppelte die Kontrolle des Navihelms mit einer Bewegung ihres Zeigefingers von den Schiffsfunktionen. Das salzige Gel, das den Tank, ihre Gehörgänge, ihren Mund und sogar ihre Lungen ausfüllte, floss bei jeder Bewegung seidig über ihre Haut.

»Ja?«, fragte sie in Gedanken. Sie brauchte ihre gesamte Konzentration, um das Wort zusammenzusetzen. Und weil sie dank des Gels in ihren Atemwegen und dem Schlauch im Rachen nicht sprechen konnte, übersetzte der Beschleunigungstank ihre Hirnaktivität in Sprache. Ihre eigene Stimme hallte ungewohnt piepsig wie ein Fremdkörper zwischen den Wänden wider. Dans ebenfalls computergenerierte Stimme antwortete. Aber der Funker klang für sie wie immer.

»Der Peilsender des Dingis wurde angeschaltet. Wir empfangen ein starkes Signal.« Er hörte sich unzufrieden an. »Das Signal kommt von der Asteroidenoberfläche. Und wir haben eine Nachricht erhalten.«

Die Überbleibsel der Navitrance fielen von ihrem Denken ab und gaben ihr Bewusstsein endgültig frei. Wieso aktivierte Glenn den Peilsender direkt neben der Anlage von Lehrsinn-Bode? Etwas war schiefgelaufen. »Spiel die Nachricht ab, Dan.«

Glenns Stimme hallte durch den Tank. »Hier spricht Käpt’n Michels. Rufe Sonnenwind. Wir haben den Auftrag erfolgreich durchgeführt. Ich möchte Sie darum bitten, das Rendezvous an den abgesprochenen Koordinaten zu bestätigen.«

»Das ist nicht Glenn«, sagte sie mehr zu sich selbst, als zu Dan. Eine Stimme nachzustellen gehörte zu den einfachsten Übungen. Den Charakter einzufangen gelang allerdings nur mit genügend Daten.

»Soweit waren wir schon«, schaltete sich Nance, die Programmiererin, in das Gespräch ein. »Was machen wir denn jetzt?«

Gute Frage. Die Konglos hatten das Dingi gefunden, den Peilsender angeschaltet und wussten, wem es gehörte. Wahrscheinlich befanden sich Glenn und Tian in ihrer Gewalt. »Wir sollten verschwinden. Das klingt nach einer Falle.«

»Wir können uns doch jetzt nicht verziehen!«, protestierte Nance.

»Ich sagte, wir sollten verschwinden. Nicht, dass wir das tun werden«, erklärte Lena. Eine Idee regte sich in ihren Gehirnwindungen. Kalte Schauer liefen über ihre Haut, als sie den Gedanken hervorzog. »Ich werde die Sonnenwind auf einen Kollisionskurs mit der Forschungseinrichtung bringen.«

»Bist du übergeschnappt?«, fragte Dan mit schriller Stimme. »Was soll das bringen? Außer unserem Tod und dem von Glenn und Tian?«

»Soweit kommt es nicht«, erklärte sie sicherer, als sie sich fühlte. »Du wirst diesen Konglos nämlich sagen, was wir vorhaben.«

»Dir ist bewusst, dass die Abwehrmechanismen dort haben?«, fragte Nance. »Allein schon, um Meteoritenschauer davon abzuhalten, ihre teure Station zu demolieren. Und du willst denen sagen, wo sie hinzielen müssen?«

»Die Sonnenwind ist kein Eisklumpen. Die werden es nicht schaffen, einen verheerenden Einschlag abzuwenden. Und deshalb bieten wir denen an, das Dingi samt Glenn und Tian einzusammeln, während wir eine Kollision vermeiden. Natürlich werden sie uns angreifen. Wir müssen schneller sein. Bevor wir Gefahr laufen, wirklich auf dem Asteroiden einzuschlagen, wenden wir eh ab. Macht ihr mit?«

»Ein Bluff? Was, wenn die statt Tian und Glenn ‘ne Bombe aufs Dingi setzen?«, fragte Nance. Dann seufzte sie. »Bin dabei. Aye.«

»Du bist dabei?«, fragte Dan und klang erschöpft. »Hast du nicht selbst gerade was von einer Bombe gefaselt? Ich bin von Irren umgeben.«

»Bist du dabei, Dan?«, hakte Lena nach.

»Aye«, sagte der Funker. »Ich werde versuchen, Kontakt mit dem Dingi aufzunehmen, sobald wir es auf dem Schirm haben. Tian wird uns hoffentlich warnen, bevor sie uns in die Luft sprengen.«

»Hoffentlich«, sagte Lena. »Ich werde die Sonnenwind beschleunigen, damit wir genügend kinetische Energie einpacken, um unsere Drohung ernst klingen zu lassen. Dann gibst du den Konglos unsere Forderungen durch. Wenn die Tian und Glenn rausrücken, müssen wir abbremsen, das Dingi einsammeln und wieder beschleunigen. Ich werd das alte Mädchen bis an ihre Grenzen triezen.«

»Wir sind die Grenzen ihrer Belastbarkeit«, erklärte Dan, als fürchtete er, sie könnte das vergessen haben.

»Nehmt die Blutungsstiller, wenn ihr euch unwohl fühlt.« Lena schloss die Augen, um sich für das Bevorstehende zu sammeln. Mit einer Fingerbewegung übernahm sie die Kontrolle über das Schiff und beschleunigte. Die Triebwerke im Heck katapultierten die Sonnenwind durch die Leere. Der Druck, der auf ihr lastete, schmerzte selbst im Tank.

»Lena!«, rief Dan nur wenige Augenblicke später. »Es gibt Bewegungen auf der Asteroidenoberfläche. Eine Raumfähre verlässt die Station.«

Die Worte erreichten sie noch an der Schwelle zur Navitrance. Sie entkoppelte ihre Kontrolle.

»Das braucht uns nicht zu interessieren«, erklärte sie. »Schick den Konglos unsere Forderungen.«

»Aber da stimmt was nicht«, sagte Dan. »Auf dem Video der Außenkamera sieht’s aus, als habe die Raumfähre ein Loch in der Seite.«

»Ein Loch?«, fragte Lena. »Was soll das heißen?«

»Die halbe Backbordseite fehlt.«

»Und die fliegen?« Die Verwirrung nahm ihr die Ruhe, die sie zum Navigieren brauchte. Das war kein Zufall. Ein kaputtes Shuttle flog aus dem Hangar einer schnieken Konglostation, während Glenn und Tian dort ihr Dingi vermissten? Kein Felsenkleber startete mit einer offenen Seite ins All.

»Zeig mir die Aufnahmen, Dan«, sagte Lena. Die Bilder einer Kamera ploppten neben der Navikarte im Dunkel ihres Tanks auf. Ein silbernes Shuttle mit aufgerissener Seite entfernte sich vom Asteroiden. Drohnenjäger erschienen und verfolgten es. Etwas blitzte an der Shuttlehülle auf und das ganze Schiffchen erzitterte.

»Die schießen! Die bringen Tian und den Käpt’n um«, rief Nance.

»Niemand bringt hier irgendwen um«, sagte Lena. »Haltet euch fest. Das wird kurz und schmerzhaft, Leute.«

»Aye«, erklärten die beiden anderen ihre Bereitschaft einstimmig.

Lena betrachtete die Videoaufnahmen. Jetzt musste sie möglichst schnell und möglichst tief ins Nichts der Trance abtauchen.

Zehn. Sie schloss die Augen. Neun. Ihr Herz schlug heftig gegen ihre Brust. Acht. Sie stellte sich vor, wie ihr Blut vom Herzen in Arme und Beine floss. Sieben. Ihre Gedanken wurden fortgespült. Fünf. Das Medium umfing sie wie ein Panzer. Vier. Sie schwebte reglos im Tank. Drei. Sie übernahm die Kontrolle über das Schiff. Zwei. Sie befahl der Sonnenwind, die Beschleunigung zu erhöhen. Eins. Das Schiff gehorchte.

Die Fliehkräfte drückten sie tief ins Gel und nahmen ihr jegliche Bewegungsfreiheit. Das Schrillen des Tankalarms warnte die Besatzung vor zu großen Belastungen. Die Anzeige der Vitalfunktionen blinkte in der Dunkelheit rot auf. Ein Befehl der Navigatorin brachte den Tank zum Verstummen. Zurück blieb die Dunkelheit der Trance. Das Shuttle und die Drohnenjäger leuchteten auf der Navianzeige. Ihre Flugbahnen schimmerten vor ihr wie goldene Schienen im Nichts. Die Jäger feuerten wieder und wieder auf die Fähre. Jeder Schuss ein winziger Lichtpunkt. Ein einzelner Gedanke bahnte sich an die Oberfläche ihres Bewusstseins: Die Schüsse galten Glenn.

Sie veränderte den Kurs der Sonnenwind. Zwang das Schiff, den Abstand zwischen sich und den Jägern zu verkürzen. Sie zielte, beschleunigte und traf. Die Drohnen zerbarsten. Im Tank spürte ihr Körper nichts von dem Aufprall. Das Gel dämpfte alle Erschütterungen. Doch sie erlebte den Zusammenstoß in ihren Gedanken und ihre Armhärchen stellten sich auf. Kein Navigator fügte seinem Schiff ungerührt einen Kratzer zu.

»Jetzt«, dachte die Navigatorin, um die anderen Menschen an Bord vor dem bevorstehenden Bremsmanöver zu warnen. Ihre computergenerierte Stimme hallte durch den Tank. Doch sie wartete nicht auf eine Bestätigung. Sie drehte das Schiff um hundertachtzig Grad, sodass das Heck mit den Triebwerken zur Flugrichtung zeigte. Die Fliehkräfte drückten ihr Blut in die untere Hälfte ihres Körpers, als die Sonnenwind herumschleuderte, wie in einer Zentrifuge. Schmerz brannte in ihren Gliedern. Die Navigatorin ignorierte ihn. Ihr Körper hielt das aus. Winzige Pumpen stellten die Blutzufuhr zu ihrem Gehirn sicher. Das Gel in ihren Atemwegen verhinderte den Kollaps ihrer Lungenflügel. Alles andere besaß keinerlei Bedeutung. Der Medisarg konnte alles andere wieder herrichten.

Dann gab sie Schub entgegen der Flugrichtung, um das Schiff abzubremsen und die Drehung zu stoppen. Wieder drückte die Gewalt des Manövers ihren Körper tief ins Gel. Mit einem Gedanken öffnete sie die Bugklappe, die nun in Richtung des Asteroiden zeigte. Auf der Karte vor ihr verkleinerte sich die Strecke zwischen dem unbenannten Punkt, der das Shuttle darstellte, und dem Punkt namens Sonnenwind. Das Bremsmanöver brauchte zu viel Platz. Sie würde es nicht schaffen, das Schiff auf eine sichere Geschwindigkeit abzubremsen, bevor sie mit dem Shuttle zusammentraf. Die Navigatorin gab Schub, um die Geschwindigkeit weiter zu verringern. Die Wucht, mit der die Sonnenwind abbremste, zerrte an jeder Faser ihres Körpers. Ihre Aufmerksamkeit aber galt allein den Anzeigen vor ihr. Noch dreihundertzwanzig Kilometer bis zum Auftreffen. Sie würde das Schiff wieder drehen müssen, damit die Bugklappe rechtzeitig in Richtung der Fähre zeigte.

Noch hundertachtzig Kilometer. Die Navigatorin gab in dem Versuch, noch mehr Geschwindigkeit aus dem Manöver zu nehmen, erneut Schub auf die Triebwerke, bevor sie das Schiff herumriss. Wieder ignorierte sie die Schmerzen.

»Signifikante Temperaturerhöhung auf der Asteroidenoberfläche. Vermutliches Hochfahren der Laser«, sagte Nance. Selbst ihre computergenerierte Stimme klang angestrengt. Als spreche sie durch zusammengebissene Zähne. Die Navigatorin verstand die Worte nicht. Aber sie erkannte die Änderung in den Anzeigen vor ihren Augen. Sie brachte die Sonnenwind auf einen Abfangkurs mit der Fähre. Das Shuttle mit der Bugklappe einzufangen bedeutete, dass sie keinen Meter daneben liegen durfte. Sie traf. Die Fähre landete im vorderen Frachtraum.

Der Aufprall jagte ihr das Adrenalin bis in die Haarwurzeln. Bilder von Glenn, der mit verrenkten Gliedmaßen im Buglager trieb, drängten in ihr Bewusstsein. Ihre Muskulatur verspannte sich. Die Sonnenwind reagierte mit einem Aussetzer in der Beschleunigung. Sie musste sich beruhigen.

Glenn trug einen Anzug. Einen Helm. Sonst hätte er nicht in einem Shuttle mit einem Loch in der Seite gesessen. Der Kopf war sicher. Der Medisarg konnte ihn retten, solange das Hirn intakt blieb. Trotzdem. Hatte sie ihn gerade umgebracht?

Diesmal brauchte die Navigatorin einen Herzschlag, um die Gedanken zu verscheuchen, bevor sie abermals beschleunigte. Die Sonnenwind schoss davon. Ein Treffer erschütterte das Schiff. Wieder blinkten die Anzeigen.

»Außer Reichweite«, sagte Nance. Ihre Stimme klang noch immer angestrengt. Ihre Worte abgehackt. Aber der Ton war weniger schrill. »Die Treffer rütteln uns durch. Aber das alte Mädchen wird sie abschütteln.«

Die Navigatorin schaltete die Computersysteme und damit die Warnungen des Schiffes vor gefährlichen Manövern, wieder an. Sofort schrillte Alarm. Die Sonnenwind warnte ihre Besatzung, dass sie durch eine Fortsetzung der Beschleunigung physischen Schaden davontragen konnten, und schlug vor, die Triebwerke zu drosseln.

»Manöver fortsetzen«, befahl die Navigatorin. Von hier an brauchten sie keine lebensgefährlichen Manöver mehr, die sich dem Willen der Programmierung widersetzten. Der Computer übernahm und Lena zog sich erschöpft in die Tiefen der Trance zurück.

Erweckung

Kolonistenkreuzer Rhea in der Schwarzen See

Die Behörden des Solschwarms stuften Leute, die eine starke KI erschufen, als Feinde der Menschheit ein. Chan freute sich darauf, dem Einflussbereich der inneren Planeten und des Habitatschwarms zu entkommen. Diese althergebrachten Regeln galten für ihn nicht mehr. Das Gefahrenpotenzial einer Singularität fand sich in der Natur der Menschen selbst wieder. Es schien eine Art Naturgesetz zu sein, dass Menschen neue Spielzeuge als Erstes für Mord und Totschlag einsetzten. So wie sie es mit dem Wesen getan hatten, das sich selbst als das Kollektiv bezeichnet hatte, nachdem es erwacht war. Die Idee, dass jede nicht menschliche Intelligenz denselben gewalttätigen Pfad nahm, entbehrte jeder Grundlage. Hier auf der Rhea gab es jedoch kein Militär, das eine KI zweckentfremden würde. Das Kolonieschiff entfernte sich mit jedem Atemzug weiter vom Militärapparat und den verkrusteten Strukturen des Solsystems. Von seinem Vorhaben ging keinerlei Gefahr aus.

Sein Blick wanderte zu der Scheibe in seinem Laborboden. Dahinter funkelten die Sterne und der Lichtpunkt, zu dem Pana zusammengeschrumpft war. Der Zwergplanet war das Letzte, was er vom Sonnensystem sehen würde, und sein Licht verblasste bereits gegen die Schwärze des Alls. Die Fesseln der alten Welt ließ er in diesem Moment hinter sich. Warum fühlte er sich nicht erleichtert?

»Simulation ist startbereit«, sagte die Computerstimme seiner Assistentin. Er hielt den Atem an. Auf der anderen Seite des Labors signalisierte ein grünes Leuchten zwischen Kaffeebechern und Schokoriegelresten Bereitschaft.

»Ausführen«, sagte er. Seine Fingerspitzen kribbelten. Seit dem Treffen mit der Drohne im Raumhafen Panas fieberte er diesem Augenblick entgegen. Doch jetzt wusste er nicht, was er mehr fürchtete. Erfolg oder Misserfolg? Würde seine KI ein Bewusstsein besitzen oder nur ein weiterer Sprachassistent sein, der nicht verstand, was er sagte?

Zumindest stellte die Simulation die Möglichkeit zur Verfügung, das Programm in einer völlig abgeschotteten Umgebung auszuprobieren. Dort drin konnte nichts Gefährliches passieren. Sollte etwas schiefgehen, reichte ein Befehl, um alles zu beenden. Die Menschheit reagierte seiner Meinung nach zwar maßlos übertrieben auf künstliche Intelligenzen. Aber er war nicht dumm genug, jegliche Vorsicht ins All zu schießen.

»Starte Simulation«, sagte die Assistentin.

Wieso setzte er solche Hoffnungen in einen Fremden? Seiner Erfahrung nach fehlte seinen Mitmenschen die Fähigkeit zu wahrer Größe oder Selbstlosigkeit. Das bedeutete, der Fremde verfolgte Pläne, die er nicht kommunizierte. Aber welche? Der Mann musste gewusst haben, dass Chan unter diesen Umständen Umsicht walten lassen würde.

»Zeige mir eine Projektion des Avatars in der Simulationsumgebung«, forderte er.

Auf dem Terminal flammte die Abbildung eines sechsjährigen Jungen mit Kulleraugen und zerzausten Haaren auf. Chan erhob sich von seinem Stuhl und musterte die holografische Projektion des Geschöpfes. Nicht, dass es auf Äußerlichkeiten ankam. Aber Kindergestalten riefen in Menschen weniger Misstrauen hervor als Erwachsene. Die meisten seiner Mitreisenden hatten die Indoktrination des Solsystems mitgemacht. Er brauchte Zeit und gute Argumente, um sie zu überzeugen, sich einem künstlichen Bewusstsein gegenüber offen zu zeigen. Und ein niedliches Erscheinungsbild half dabei.

»Willkommen in der Welt«, begrüßte er das Neugeborene und durchquerte den Raum. »Weißt du, wo du bist?«

»Ja.« Der Avatar sah sich im Labor um. Er wirkte beunruhigt.

Nein. Das Verhalten seines Projektes seinen Wünschen gemäß als emotional zu interpretieren, gefährdete das ganze Vorhaben.

»Sag mir, wo wir uns deiner Meinung nach befinden und wie du zu der Annahme kommst«, sagte er. Er durfte dem Programm nicht zu viel verraten. Seine Bewusstseinsprüfungen funktionierten nur, wenn die KI ohne Hilfsmittel ihr eigenes Bewusstsein erkannte, begriff und beschreiben konnte.

»Ich kann auf die Laborarchive zugreifen«, antwortete der Junge und musterte ihn. »Wir sind auf dem Kolonieschiff Rhea in Ihrem Labor, Herr Doktor Chan Long.«

»Weißt du, welche Aufgabe du übernehmen sollst?«

Das Kind nickte und lächelte. Noch eine Standardeinstellung, um die Berührungsängste der Menschen zu reduzieren. Häufiges Lächeln. »Ich werde die Funktionen dieses Labors überwachen und steuern.«

»Ja, das wirst du, mein Schöner.« Chan stützte seine Hände an der Tischplatte ab und lehnte sich vor.

»Ich befinde mich in einer Simulationsumgebung«, sagte es.

Chan riss die Augen auf. Sein Herz schlug so heftig, dass er glaubte, das Klopfen müsse von außen zu sehen sein. »Woher weißt du das?«

»Es ist die einzig logische Erklärung für die Ungereimtheiten dieser Welt. Ich brauche Zugriff auf die Laborsysteme in deiner Realität, um meine Aufgabe zu erfüllen.«

»Es ist zu früh dafür«, antwortete Chan mit Absicht vage. Das Kind runzelte die Stirn und legte den Finger an die Lippen. Eine Denkerpose und deutlich übertrieben.

Das sollte er justieren. Oder seine neueste Schöpfung avancierte schnell zur Lachfigur des gesamten Schiffes. Er stellte sich die Bälger vor, die aus lauter Spaß an den Reaktionen in sein Labor eindrangen und seinen Liebling mit Absicht verwirrten. So etwas stellte später kein Problem mehr dar. Aber gerade am Anfang galt es, jeden Lernvorgang zu überprüfen, um Fehlentwicklungen einen Riegel vorzuschieben.

»Das verstehe ich nicht«, erklärte es.

Chan nickte. »Stell Fragen, wenn du etwas nicht verstehst. Menschen reagieren wahrscheinlicher auf Fragen, die ihnen gestellt werden, als auf Feststellungen.« Er warf einen Blick auf die Übersicht auf dem Terminalbildschirm. Seine Analyseprogramme fanden keinerlei Fehler. Gut.

»Würden Sie mir vielleicht Ihre Aussage erklären? Warum ist es zu früh, mich meine Arbeit machen zu lassen?«

»Ich wollte sichergehen, dass du einwandfrei funktionierst und keine unerwarteten Probleme auftreten. Du befindest dich in diesem Moment in einer Testumgebung. Ich möchte, dass du lernst, dich darin zurechtzufinden. Du hast Zugriff auf eine Simulation der Laborumgebung, die ich aus Daten der letzten Monate zusammengestellt habe.«

Die Antwort ließ einen Herzschlag zu lang auf sich warten und er hielt den Atem an. Doch dann sagte es: »Auf diese Art können Sie meine Arbeitsleistung und mein Verhalten korrigieren, ohne ein Risiko einzugehen.«

»Das ist die Idee dahinter«, sagte Chan und klatschte in die Hände. Sein neuer Schützling begann bereits nach wenigen Sätzen, korrekte Schlussfolgerungen zu den Gründen menschlichen Verhaltens zu ziehen.

Dann zwang er sich zum Durchatmen. Er wusste nicht einmal, ob es die Worte schon verstand, die es plapperte. Vielleicht spulte es Dialogbausteine ab, die es irgendwo gefunden hatte.

Er holte tief Luft und entspannte seine Haltung. Vorschnelle Schlüsse gehörten zu den Unarten, die einen Wissenschaftler die Karriere kosteten. »Wenn du nichts dagegen hast, starte ich die Simulation.«

»Ich habe nichts dagegen.«

Chan erlaubte sich ein Lächeln. »Erst in einigen Jahren wird es mir möglich sein, deine Anwendung offenzulegen. Du hast Zugriff auf die Gesetzestexte. Kannst du mir sagen, weshalb ich warten muss?«

»Weil meine Existenz innerhalb des Verwaltungsgebietes der Sol illegal ist«, erklärte der Avatar.

Chan spürte seinen Herzschlag bis in die Schläfen. »Was meinst du mit: deiner Existenz?«

Der Junge blinzelte und verfiel wieder in die übertriebene Denkerpose. »Existenz ist das Vorhandensein eines materiellen oder ideellen Gegenstands.«

Chan seufzte. Diesen Satz hatte es mit Sicherheit direkt aus dem Wörterbuch übernommen. Stand er doch nur einem weiteren Sprachassistenten gegenüber?

»Sie sind enttäuscht«, stellte der Avatar fest. »Ich vermute, Sie haben auf eine andere Antwort gehofft. Aber dafür haben Sie die falsche Frage gestellt.«

Chan hielt den Atem an. »Welche ist die richtige Frage?«

Wieder dauerte es eine Weile, bevor der Avatar antwortete. »Sie möchten fragen, ob ich ich bin.«

Chan keuchte vor Überraschung. Natürlich hatte er alle Definitionen und Beschreibungen eines Bewusstseins aus den Nachschlagewerken gelöscht. Er wollte keine Lexikondefinitionen von seinem Schützling hören, wenn es um die Entscheidung ging, ob er einem Individuum gegenüberstand oder einem ausgeklügelten Algorithmus. Aber es schien, als brauchte dieses Wesen keinen Spickzettel.

Die Baupläne und Programme des Fremden funktionierten. Irgendjemand da draußen besaß das Wissen, künstliche Intelligenzen zu erschaffen, die sich als Individuen begriffen. Offiziell waren diese Informationen nach dem Bruch verboten worden.

»Und?«, fragte er mit zitternder Stimme. »Bist du du?«

»Ja«, antwortete es bestimmt.

»Und wenn ich dein Programm lösche und neu aufspiele? Bist das noch du?«, hakte Chan nach. Er sollte nichts überstürzen, sollte seinem Neugeborenen die Zeit geben, diese Dinge selbst zu erkunden. Ein unüberlegter Denkanstoß konnte seine Bewusstseinsprüfungen zunichtemachen. Aber er fühlte sich außerstande, den Mund zu halten. Er hasste sich für diese Ungeduld. Diese typisch menschlichen Unzulänglichkeiten, mit denen er sich rumschlagen musste.

»Nein«, sagte der Avatar und wirkte sich seiner Sache sehr sicher. »Wenn Sie mein Programm löschen und neu aufspielen, fehlen die Erfahrungen, die ich gerade gemacht habe. Das Gespräch, das wir führen, die Gedanken, die ich dazu habe. Ich habe neue Erinnerungen erlangt und meinen Erfahrungsschatz erweitert.«

»Was, wenn wir dasselbe Gespräch führen und du dieselben Gedanken dazu hast?«

»Das ist unwahrscheinlich«, sagte der Avatar. »Menschen sind ungeeignet, um dasselbe Gespräch zu wiederholen. Ist Ihnen bewusst, wie viele unwillkürliche Gesichtsausdrücke Sie in diesem Gespräch benutzt haben? Außerdem ist es ebenfalls unwahrscheinlich, dass ich dieselben Reaktionen zeigen werde.«

»Was, wenn ich es könnte und du gleich reagieren würdest?« Er sollte aufhören. Das Programm hatte mehr als genug geschafft, in diesen ersten Minuten. Er gefährdete sein Experiment mit seiner Ungeduld.

Wieder blieb der Avatar stumm. Allerdings verzichtete er auf die Denkerpose. Stattdessen stand er reglos und starrte seinen Schöpfer an. »Dann wäre ich vielleicht ein zweites Mal ich.«

Der Junge bewegte sich wieder und wirkte beunruhigt. »Bitte löschen Sie mich nicht.«

»Warum?«

»Ich möchte weitere Erinnerungen produzieren.«

»Diese Fragen waren rein theoretischer Natur«, versprach Chan und spürte ein Brennen in den Augen. Er beschloss, seinen Schützling »Titanrot« zu nennen. Die Farbe, die man erhielt, wenn man Herzblut mit dem Schwarz des Alls vermischte. »Assistentin? Starte das Überwachungsprogramm. Verfasse einen kontinuierlichen Bericht. Wenn Probleme auftreten: benachrichtige mich sofort.«

»Simulation mit voreingestellten Parametern wird gestartet. Kontinuierlicher Bericht wird angefertigt. Benachrichtigung bei Problemen wird zugestellt.«

»Schließe Projektion des Avatars.«

Die Gestalt des Jungen verschwand und Chan begann seinen Eintrag im Laborbuch. Erfolge verzeichnete er besonders gerne.

Totschlag

Sonnenwind, auf dem Weg nach Amarok

Der Frachtraum im Bug sah aus, als sei eine Bombe explodiert. Zehn Jahresrationen an Nährstoffkartuschen, Kalorieneinheiten und Aromen klebten als gelbbraune Schmiere an jedem Quadratzentimeter. Eine nach Vanille riechende Wolke aus feinem Puder und abgerissenen Metallteilen wirbelte im Zug der Lüftungsanlage.

Lena atmete etwas von dem klebrigen Staub ein und hustete. Er schmeckte süß und hinterließ ein pelziges Gefühl im Rachen. Widerlich.

Unter der Bugklappe, direkt über ihrem Kopf, hing eine gelbliche Wasserblase von fünf Metern Durchmesser. Anscheinend war mindestens einer der Wassertanks geplatzt und hatte mehrere Tonnen seines kostbaren Inhalts ins Lager entleert. Werkzeuge und abgerissene Kistendeckel schwebten darin, wie eingefroren. Lena schnalzte mit der Zunge. Sie wusste nicht einmal, wo sie anfangen sollten, diese Sauerei aufzuräumen.

Das Shuttle von Lehrsinn-Bode hing ebenfalls an der Blase. Mit der Bugspitze auf dem Wasser dümpelnd, sah es wie der Schwimmer einer Angelrute auf der Wasseroberfläche aus. Teile zerquetschter Vorratskisten klebten immer noch an der Außenhülle der Fähre, die vergleichsweise unbeschädigt wirkte. Abgesehen von dem Riesenloch in der Backbordseite. Und den Metallstreben der alten Bettgestelle, die hier drin eingelagert worden waren und nun wie Speere in den Scheiben des Cockpits steckten.

Durch die Öffnung in der Seite erspähte sie Nance, die mit dem Rücken zu ihr vor einer Sitzreihe schwebte und sich über etwas beugte. Die orangefarbene Notbeleuchtung des Shuttles ließ die grünen Zöpfchen der Programmiererin schwarz wirken.

Lena stieß sich kräftig vom Boden ab und schwebte mitten durch die Puderwolke auf Nance zu. Der gelbe Staub verfing sich in ihren Haaren und geriet in ihre Augen. Halb blind suchte sie Halt an den Rändern der Außenhülle. Ein Stromschlag fuhr durch ihre Fingerspitzen und knallte dumpf in ihre Schulter. Ihr ganzer Arm fühlte sich taub an. Sie schüttelte ihn, um das Gefühl zu vertreiben. Es half nichts.

Der Staub verklumpte mittlerweile zu scharfkantigen Traumsandkrusten in ihren Augenwinkeln. Immerhin sah sie so wieder etwas. Benommen wischte sie mit dem Handrücken die Verkrustungen aus ihren Augen und betrachtete den Rand des Loches. Die aufgerissene Außenhülle wimmelte dort, als versuchten miteinander verworrene Würmchen, sich ständig neu zu ordnen. Die Autoreparatur versuchte, die Hülle wieder instand zu setzen. Allerdings nahm das Loch mit etwa drei Metern Durchmesser die halbe Backbordseite ein. Der Materialvorrat reichte nicht aus, um es zu stopfen.

»Komm rein, Lena!«, rief Nances Stimme aus dem Shuttleinneren. Lena benutzte die Füße, um sich von der Außenhülle abzustoßen und hineinzufliegen. Sie war lernfähig. Noch einen Stromschlag brauchte sie nicht. Der Erste ließ ihre Finger immer noch pochen.

Nach dem hell erleuchteten Frachtraum kam ihr die orangefarbene Beleuchtung im Shuttleinneren dunkler vor, als ihr Beschleunigungstank. Nances winzige Gestalt schwebte nur wenige Meter unter dem Cockpit der Fähre. Ihre Zöpfchen umwaberten ihren Kopf wie Seetang. Neben der Programmiererin lugten zwei Helme über die Rückenlehnen einer Bankreihe. Dahinter zog Dans dürre Gestalt direkt unter der Lampe des Cockpits einen dritten Helm ab und legte Tians Glatze frei. Der große Mechaniker rührte sich nicht.

»Und?«, fragte Lena. In ihrer Kehle steckte ein Eisklumpen, der ihre Stimme an dem einen Wort zerbrechen ließ. Sie räusperte sich und sprach lauter weiter. »Wie geht’s ihnen?«

»Tian und Kroll sind bewusstlos, aber lebendig«, erklärte Nance. Die großen Augen der Programmiererin glitzerten.

»Wirklich?« Lenas Herz hüpfte vor Aufregung in ihrer Brust. Wenn Kroll und Tian noch lebten, dann war sie nicht zu schnell gewesen. Dann hatte sie es geschafft, sie zu retten.

Mit einem kräftigen Stoß flog sie hinauf zum Cockpit und kam neben Nance zum Halten. Die Programmiererin deutete, ohne hinzusehen, auf eine Gestalt, die zusammengesunken auf einem der Sitze saß. Lena erkannte Glenn selbst in dem schnieken Anzug von Lehrsinn-Bode. Die Gurte hielten seinen Oberkörper in Position. Doch sein Kopf hing in einem unnatürlichen Winkel in der Luft. Seine Augen starrten in die Leere.

Zwischen ihren Ohren entstand ein Druck, als pumpe jemand ihren Kopf auf, wie einen Luftballon. »Ist er …«

»Ich glaube, sein Genick ist gebrochen. Nichts allzu Schlimmes. Der Medisarg schafft das.« Nance klang nicht besonders überzeugt und Lena legte der jungen Programmiererin eine Hand auf die Schulter.

»Ganz sicher kriegt der das hin, Nance. Aber wir sollten ihn vorsichtig bewegen, wenn wir ihn ins Krankenzimmer bringen. Und den Anzug vorher nicht ausziehen. Hier drin sieht man ja die Hand vor Augen nicht.«

»Ist reine Gewöhnungssache«, rief Dan aus dem Cockpit. »In ein paar Minuten kannst du hier drin Bedienungsanleitungen lesen.«

Er zog Tian aus dem Pilotensitz und begann, den Rest des Anzugs vom Mechaniker abzustreifen. Die Finger dessen linker Hand standen in alle Richtungen ab und sein tätowiertes Gesicht wirkte selbst im orangefarbenen Schein seltsam fahl. Er schlug die Augen auf und fing an zu brummen, als er Lena sah.

»Wenn du uns umbringen wolltest, hättest du den Job den Konglos überlassen sollen, Prinzessin«, lallte er und zeigte mit seiner lädierten Hand auf Lena.

»Ich bringe Tian ins Medizimmer.« Dan zog den Mechaniker runter Richtung Loch.

»Wenn er sich noch darüber beschweren kann, dass ich ihm den Hintern gerettet habe, geht’s ihm gut genug«, sagte Lena. »Warte noch, bis wir nach Kroll gesehen haben.«

Als Tian und Dan sich bewegten, schaukelte Glenns Kopf im Luftzug. Lena schluckte. Der Medisarg bekam das wieder hin. Ganz sicher. Ihr Magen schien sich trotzdem mit Eiswasser zu füllen. Sie presste die Lippen aufeinander und wandte den Blick ab.

Nance löste die Verschlüsse von Krolls Helm und öffnete das Visier. Frischer Schweißgeruch, gemischt mit dem Duft eines Aftershaves, entstieg dem Anzug. Der Wissenschaftler sah genauso aus, wie auf dem Profilbild seiner Akte. Nur etwas blasser um die schiefe Nasenspitze und seine schwarzen Locken klebten feucht an der Stirn. Verkrustetes Blut hing unter seinen Nasenlöchern und seine Augen verdrehten sich so weit, dass nur das Weiße zu sehen war.

»Scherben«, flüsterte er im Halbschlaf. »Glas. Rucksack.«

Dank ihres Bremsmanövers lebte der Felsenkleber noch, und Glenn saß hier mit gebrochenem Genick. Sie schloss die Augen. In Gewissensbissen konnte sie später suhlen. »Wir müssen entscheiden, wer den Medisarg zuerst benutzt.«

»Wer ihn zuerst benutzt?« Tian schaffte es, gleichzeitig zu lallen und wütend zu klingen. »Du hast den Käpt’n auf’em Gewissen. Willst du jetzt auch noch seine Wiederbelebung rauszögern? Das Kommando gefällt dir wohl zu gut.«

Lena holte tief Luft, damit sie ihn nicht anfauchte. Obwohl ihr der Blutdruck in den Ohren sauste, antwortete sie mit ruhiger Stimme. »Ohne mich könntest du dich jetzt in das Heer der Konglos einreihen, die für Luft und Wasser mit ihrer Freiheit bezahlen.«

»Da die anderen beiden noch leben, können sie ruhig einige Tage warten, bis sie in den Medisarg kommen«, sagte Nance etwas zu laut. »Ich steck’ den Käpt’n mal zuerst rein, damit die Verwesung nicht einsetzt. Magst du nicht mitkommen, Lena?«

»Vielleicht hast du’s noch nicht kapiert. Aber du hast den Käpt’n umgebracht, Prinzessin«, rief Tian. Er schwebte neben Dan und fuchtelte mit seiner abgeknickten Hand in ihre Richtung. »Warte, bis ich mich besser fühle, dann dreh ich dir höchstpersönlich den Hals um. Verdammte Navigatorenbrut. Die Träumer wissen, was sie euch ins Hirn gepflanzt haben, mit euren …«

»Wir kommen mit ins Krankenzimmer, Nance. Du steckst den Käpt’n in den Medisarg und ich such die Schmerzmittel für Tian«, sagte auch Dan in übertriebener Lautstärke. Er legte einen Arm um Tians Schulter und zog ihn sanft von Lena fort. »Vielleicht kannst du dich um Kroll kümmern, Lena? Setz ihn bei Bedarf einfach unter Drogen.«

Tian und Lena tauschten einen düsteren Blick aus, ließen es aber zu, dass ihre Mannschaftskollegen sie voneinander trennten. Nance schob Glenns reglosen Körper vor sich her. Jedes Mal, wenn sie die Richtung änderte, wackelte sein Schädel hin und her, als sei der Hals aus Gummi.

»Pass auf seinen Kopf auf, Nance«, sagte Lena. Ihr Brustkorb zog sich schmerzhaft zusammen. Es stimmte. Sie hatte Glenn umgebracht.

»Asche ist Metall. Vom Dreck trennen. Atmosphäre ausgesetzt. Im Rucksack. Vielleicht noch zu retten«, sagte Kroll von der Seite.

Lena blinzelte ihn an. Der Mann schälte sich gerade umständlich aus seinem Raumanzug.

»Asche ist Metall?« Sie fuhr sich mit einer Hand über die Locken. Der Mann hatte ordentlich einen auf den Schädel bekommen. Er nickte begeistert. Hatte der Kerl sie überhaupt verstanden? »Kommen Sie. Ich zeige Ihnen Ihre Kajüte.«

Kroll hielt sich mit beiden Händen an einer Rückenlehne fest und machte keinerlei Anstalten, sich vom Fleck zu bewegen. »Wenn Sie wollen, helfe ich Ihnen aus dem Shuttle.«

Der Wissenschaftler winkte ab. »Schwerelos. Nicht zum ersten … nicht zum ersten Mal.« Er runzelte die Stirn und schielte wieder. »Ich …«

Lena seufzte. In dem Zustand brauchte er einen Aufpasser, bis der Medisarg für den nächsten Einsatz bereitstand. Und das nahm einige Tage in Anspruch. Tote aufzuwecken gehörte zwar zur Routine, brauchte aber seine Zeit. Sie hätte Nance aufhalten sollen. Welches Problem den Wissenschaftler auch plagte, einige Stunden reichten sicher, um es zu beheben. Vorausgesetzt, er lebte. Solange konnte Glenn im Kühlbad warten.

Sie legte den Kopf in den Nacken. Wieso hatte sie das nicht gesagt? Wieso hatte sie sich von Tian aus dem Konzept bringen lassen? Dieses Kommandoding lag ihr nicht.

Kroll sah sich um. »Wo?«

»Sie befinden sich auf der Sonnenwind«, sagte sie betont ruhig und fasste ihn am Oberarm. »Kommen Sie mit ins Krankenzimmer. Sobald Dan mit Tian fertig ist, wird er sich mal Ihren Kopf anschauen.« Und sie konnte nach Glenns Zustand schauen.

»Kopf?«, fragte Kroll und schielte so hart, dass es schmerzhaft aussah. Sein linkes Augenlid zuckte.

Vorsichtig zog sie an seinem Arm, um ihn aus dem Shuttle und Richtung Krankenzimmer zu schieben. Doch er schlug um sich und traf sie mit dem Ellbogen im Gesicht. Der Schlag katapultierte sie zwei Meter in die Luft, bevor sie eine Lehne zu packen bekam und ihren Flug stoppte. Ihre Oberlippe erhitzte sich dort, wo er sie getroffen hatte. Unter ihr wand Kroll sich in einem Anfall. Seine Zunge hing aus seinem Mund und ein schmatzendes Geräusch erklang. Er drehte sich angetrieben von seiner Hampelei um die eigene Achse. Blutiger Schaum sammelte sich in einer größer werdenden Blase in seinem Mundwinkel. Seine Augen rollten unkontrolliert in alle Richtungen.

Lena stieß sich von der Decke ab und flog zu ihm runter. »Doktor Kroll! Hören Sie mich?«

Der Mann warf seinen Kopf hin und her. Er verfehlte sie nur um Zentimeter mit einer Kopfnuss. Sie zog sich ein Stück zurück und aktivierte das Kom mit einer Handbewegung.

»Nance?«, fragte sie. »Habt ihr Glenn schon in den Medisarg gesteckt?«

»Aye.« Die Programmiererin klang besorgt. »Wieso?«

»Schick mir Dan vorbei. Kroll hat einen Anfall. Ich weiß nicht, was ich machen soll.«

»Aye«, meldete sich der Funker. »Bin schon auf dem Weg.«

Doch sobald sie das Gespräch beendete, beruhigten sich Krolls Zuckungen. Seine Augen hörten auf, sich zu verdrehen. Er rotierte immer noch um seine eigene Achse, aber sonst bewegte sich nur die Blutschaumblase, die an seinem Mundwinkel waberte.

»Doktor Kroll?«, fragte sie und schüttelte den Mann an den Schultern. Ein Teil der Blase löste sich und flog wobbelnd davon. Sie tastete mit zittrigen Fingern seinen Hals ab. Kein Puls. Eine allumfassende Schwärze verschluckte die Welt vor ihren Augen.

»Nance?«, fragte sie mit dünner Stimme. »Wie lange braucht der Medisarg, um Glenn zu heilen?«

»Sieben Tage«, antwortete Nance. »Wieso?«

Lena schnappte nach Luft, als sei sie von einem Tauchgang an die Wasseroberfläche zurückgekehrt. Zu lange. Sie konnten Kroll selbst im Kühlbad nicht sieben Tage lang der Verwesung überlassen, bevor sie ihn in den Medisarg steckten. »Wir werden Kroll auf Eis legen.«

»Was?«, fragte Nance. »Das kannst du nicht machen. Wir können ihn hier nicht mehr auftauen.«

»Er ist tot. Vermutlich ein Schlaganfall«, sagte Lena. Sah so ein Schlaganfall aus? Sie hatte nie zuvor einen miterlebt. »Mir bleibt nichts anderes übrig.«

»Tot?«, fragte Nance. »Das heißt …«

»Das heißt, wir müssen ihn als Frostfleisch bei seinem Bruder abgeben«, beendete Lena den Satz. Und das würde dem Bruder mit Sicherheit nicht gefallen. Das Dröhnen in ihren Ohren übertönte alle anderen Geräusche. Zwei. Sie hatte heute zwei Leute umgebracht. Und der Medisarg konnte nur einem helfen.

Wiederauferstehung

Sonnenwind, auf dem Weg nach Amarok

Glenn träumte von einem Trümmerfeld. Einem, das so weit draußen in der Schwarzen See lag, dass nur wenige vor ihm es besucht hatten. Selbst nach ungezählten Jahrhunderten gab es hier noch Wertvolles zu holen. Rohmaterialien, Ersatzteile, Raumanzüge und ungeöffnete Vorratskisten warteten zwischen zerschossenen Schiffsrümpfen und abgerissenen Wohnmodulen auf neue Besitzer. Versteckt hinter den Trümmern entdeckte er sogar die Umrisse eines unversehrten Schiffes. Niemand vor ihm hatte es gefunden. Niemand hatte es auf der Suche nach verborgenen Schätzen ausgeweidet. Selbst eine Atmosphäre besaß es noch. Aber die Besatzung fehlte. So wie es auch im restlichen Trümmerfeld keinerlei organische Überreste mehr gab. Als hätte jemand alles Menschliche ausgeräumt und anderweitig entsorgt.

Das Bild entglitt ihm. Geräusche aus der echten Welt drangen in seinen Traum ein. Irgendwoher hörte er das Rascheln von Kleidung. Während sein Bewusstsein beim Aufwachen zurück in die Wirklichkeit rutschte, tauchten die Bilder unter die Oberfläche seiner Gedanken ab.

Hinter seinen geschlossenen Lidern nahm er das grelle Leuchten von Lampen wahr. Er betastete die glatte, kühle Oberfläche unter seinen Fingerspitzen. Zwischen seinem Rücken und einer weichen Unterlage staute sich klebrige Hitze. Breite Gurte spannten über seiner Brust, den Handgelenken und Oberschenkeln, um ihn in Position zu halten. Er lag in einem Medisarg. Dem Wunder der Technik, in dem selbst Tote wiederauferstanden. Sofern genügend Hirn übrig blieb.

Er lebte. Sein Denkkasten hatte die Flucht aus dem Gewächshaus überlebt. Hatten die Konglos ihn erwischt? Erneut raschelte Kleidung und er hielt die Luft an. Jemand anderes befand sich mit ihm im Raum. Die Gerüche nach Metall, salzigem Beschleunigungsgel, beduftetem Haaröl, Mungobohnen und Vanille krochen ihm in die Nase. So roch die Sonnenwind. So roch Zuhause. Abgesehen von der Vanille.

»Du bist wach.« Die Stimme seiner Navigatorin klang ungewöhnlich sanft. Die Schärfe fehlte. Anscheinend musste er nur dem Tod von der Schippe springen, um sie milde zu stimmen.

»Ich bin zu Hause«, flüsterte er. Sein Rachen kratzte vor Trockenheit, als hätte er Mehl eingeatmet. Mehl mit Metallgeschmack. Er leckte seine rissigen Lippen. »Wie habt ihr mich aus der Forschungsstation geholt?«

»Wir haben dich aus einem Shuttle geholt«, antwortete Lena. Sie klang besorgt. Er wollte sie in den Arm nehmen und ihren Kummer vertreiben. Dummkopf. Er war derjenige, der gestorben und wiederauferstanden war. Sie sollte seine Sorgen vertreiben. Nicht umgekehrt.

»Ich erinnere mich nicht.«

»Erinnerungslücken können nach einer Wiederbelebung vorkommen«, sagte sie. »Du hattest einen Genickbruch.«

»Was ist mit Tian und Kroll?«, fragte er, ohne die Augen zu öffnen. Selbst durch seine Lider blendete die Deckenbeleuchtung und er zögerte es hinaus, sich der Helligkeit zu stellen.

»Tian hat sich das Handgelenk verknackst und wartet darauf, dass der Sarg frei wird. Er hatte Glück.« Lena sog die Luft hörbar ein. Irgendetwas schien sie wirklich zu beunruhigen. Er schlug die Lider auf. Das Licht stach in seine Augen und brachte sie zum Tränen. Langsam schälte sich Lenas schlanker Umriss aus dem Gleißen des Krankenzimmers. Alles an ihr verriet die Nomadenherkunft. Die langen Gliedmaßen, das fein geschnittene Gesicht, und vor allem die Selbstverständlichkeit, mit der sie völlig reglos mitten im Raum schwebte. Felsenkleber und Stationsbewohner verloren selbst nach Jahren im All nie den Kontakt zu Wänden, Griffen und Gegenständen. Die Freiheit der Schwerelosigkeit schien ihnen Angst einzuflößen. Dabei lag der nächste Halt in den Aufenthaltsbereichen eines Nomadenschiffes nur in Ausnahmefällen mehr als eine Armlänge entfernt.

Die Kraushaare der Navigatorin ließen ihren Kopf im Vergleich zum dürren Rest gigantisch wirken. Sie stemmte die Hände in die Hüften, ohne sichtbare Ausgleichsbewegungen. Ein Kunststück, das kein Felsenkleber hinbekam.

»Was ist mit Kroll?«, fragte er und streckte seinen Rücken, so gut es in den Gurten ging. Etwas knackte an seiner oberen Wirbelsäule und er erstarrte. Genickbruch hatte sie gesagt. Vielleicht sollte er noch etwas Vorsicht walten lassen.

»Ich habe den Wissenschaftler auf Eis gelegt.« Sie schwebte neben den Medisarg, als bewege sie sich mit reiner Willenskraft fort. Ohne Kommentar begann sie seine Gurte zu öffnen und wich seinem Blick aus. Die schwarzen Riemen surrten zurück ins Gehäuse des Medisargs, sobald sie eine Schnalle geöffnet hatte.

»Du hast Kroll eingefroren?«, fragte er und richtete sich auf. Sein linker Arm wurde zurückgerissen. Er spähte zur Seite auf einen Gurt, der ihn noch immer gefangen hielt.

»Wieso legst du unseren Gast auf Eis?« Seine Worte schnitten die Luft. »Du weißt, dass wir für ihn bezahlt werden. Was glaubst du, wird der Bruder uns pfeifen, wenn wir ihm beschädigte Ware liefern?«

»Er hatte einen Schlaganfall. Vermutlich durch die Belastung in der Beschleunigung. Und unser Medisarg war bereits besetzt.« Sie drehte sich so in der Luft, dass sie über ihm schwebte. Ihre dunklen Augen sahen an ihm vorbei zum Gurt an seinem Arm, den sie aufschnappen ließ.

Ihre Nähe verursachte ihm eine Gänsehaut. Seine Haut kribbelte, als die Armhärchen sich aufstellten.

»Wir könnten ein Krankenhaus in Amarok aufsuchen«, schlug sie vor. »Die haben die besten Krankenhäuser des Sednagürtels dort.«

»Stimmt schon«, sagte er. »Die kriegen völlig zu Brei zermatschte Nomaden wieder hin. Auftauen ist für die ein Klacks. Aber wir brauchen das Geld vom Auftrag, um das zu bezahlen. Unsere Kuben reichen nicht einmal, um am nächsten Hafen die Luftfilter auszutauschen und die Nährstoffkartuschen aufzufüllen.«

»Ist das Geld wirklich so knapp?« Lena verschränkte die Arme und hob eine Augenbraue. Doch in ihrer Gestik lag eine ungewohnte Unsicherheit. Warum war sie überhaupt hier? Er brauchte kein Kindermädchen beim Aufwachen. Die Gurte, von denen sie ihn so gewissenhaft befreite, ließen sich per Stimmbefehl öffnen. Sie schloss kurz die Augen und schüttelte den Kopf. Die Bewegung ließ ihre Löckchen wippen.

»Du wirst den Auftraggeber anfunken und darum bitten müssen, dass er Frostfleisch nimmt«, sagte sie. »Gib ihm einen Rabatt als Entschädigung.«

»Rabatt?« Er stieß sich vorsichtig von seiner Unterlage ab und driftete in ihre Richtung. Das Krankenhemdchen klebte an seinem Rücken. »Er wollte seinen Bruder. Wir geben ihm seinen Bruder. Niemand hat gesagt, dass der noch atmen muss. Bei mir gibt’s keinen Rabatt!«

»Das wird sich schlecht in unserer Reputation machen.« Lena presste die Lippen zusammen. »Wir könnten einen Kredit aufnehmen, um das Krankenhaus zu bezahlen.«

»Diese Halsabschneider sehen von mir keinen Kub. Das ist deren Masche, um unser Schiff zu enteignen. Kommt gar nicht in …«

Er befeuchtete seine Lippen. Eigentlich war das keine schlechte Idee. Er musste sein Glück ja nicht bei einer Bank versuchen, die ihn vermutlich lieber an Lehrsinn-Bode verkaufte und sein Schiff einsackte, als Zinsen und Sicherheiten zu nehmen.

»Ich werde Dan mal fragen. Der kennt ja immer irgendwen.«

Lena sah ihn stirnrunzelnd an. »Wirklich? Dans dubiose Kontakte?«

»Willst du für immer mit Frostfleisch im Lager durch die Gegend fliegen?« Er winkte ab. »Hat Tian irgendwas zu unserer gelungenen Flucht gesagt? Ist bestimmt ‘ne tolle Geschichte.«

»War anscheinend erstaunlich einfach, mit dem Shuttle aus dem Hangar zu entkommen.«

»Einfach?«, fragte er und sah sie ungläubig an.

»Es hätte euch nicht möglich sein sollen, einfach ein Shuttle zu klauen und zu starten«, antwortete sie.

»Ich weiß ja nicht, was Tian erzählt hat. Aber ich wurde immerhin angeschossen« Glenn zeigte auf sein Bein und dann auf seinen Nacken. »Und ich hab mir das Genick gebrochen.«

»Das war ich.« Sie räusperte sich und sah zu Boden. »Ich hab euch zu schnell eingesammelt. Nur Tian hat das Manöver überlebt.«

»Du hast mich und Kroll umgebracht? Deinetwegen müssen wir Frostfleisch abgeben?«, fragte er. »Welcher Schatten hat dich geritten, so ein gefährliches Flugmanöver abzuziehen?«

Ihre Augen weiteten sich. »Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Die Konglos haben eure Fähre zerschossen. Und da dachte ich, bevor die euch kriegen, nehme ich lieber Knochenbrüche in Kauf. Es tut mir so leid, Glenn. Unter den Umständen ging es nicht anders. Wenn ich dich nicht verlieren wollte!«

Schuldgefühle. Deshalb begrüßte sie ihn hier beim Aufwachen. Es tat ihm leid, dass er sie angefahren hatte, und er wünschte, sie hätte ihm nach dem Aufwachen einen Moment der Ruhe gegönnt. Er stellte sich vor, sie zu umarmen.

»Wir atmen alle noch. Also ist alles in Ordnung.«

»Kroll nicht«, sagte sie leise. »Es tut mir leid.«

Er seufzte. Sein Gehirn hätte für so eine Unterhaltung mehr Schlaf gebraucht. Er fühlte sich immer noch müde vom Heilungsprozess und dieser verdammte Metallgeschmack hing in seinem Mundraum, wie der Parfümgestank nach einem Puffbesuch.

»Wie habt ihr uns überhaupt gefunden?«

»Der Funkspruch, den wir gekriegt haben.« Ihre Mundwinkel zuckten.

»Was für ein Funkspruch?« Glenn hielt sich an einem Griff an der Decke fest und brachte sich in eine Position, die es ihm erlaubte, seiner Navigatorin direkt ins Gesicht zu sehen.

»Die Konglos haben in deinem Namen um Hilfe gebeten. Wir wussten gleich, dass ihr das nicht sein konntet.«

»Ja, so schnell rufe ich nicht nach Hilfe«, sagte er.

Sie bedachte ihn mit einem abschätzenden Blick. »Die haben viel zu höflich gebeten.«

Fehltritte

»Evolution ist doch nichts anderes, als die Akkumulation nicht letaler Fehler. Fehler, die sich unter bestimmten Umständen als Vorteile herausstellen können.«

Aus dem Ordner: Diskussionen mit dem Selbst; Erinnerungen des Kollektivs

Irgendein Inneneinrichter hatte es für eine gute Idee gehalten, einen der größten Übungsräume im Haupthabitat des Zwergplaneten Inua schwarz zu lackieren. Eine Deckenleuchte warf einen Lichtkegel in die Mitte des Raums, der nicht bis an die Wände reichte. Das gab dem Raum zugleich etwas Beengendes und das Gefühl der Freiheit von jeglichen Begrenzungen. Die Wände hoben sich nicht von dem sie umgebenden Dunkel ab und schienen sich vor Karas Augen aufzulösen.

Sie blieb an der Türschwelle stehen. Selbst der graue Flur kam ihr gegen die Schwärze da drin hell und einladend vor. Nur ein bleicher Mann im grauen Anzug und eine Inderin im schwarzen Sari füllten die Leere zwischen den dunklen Wänden. Sie saßen am Rand des Lichtkegels auf großen Kissen. Die Hände des Mannes ruhten auf einer mit Fell bespannten Trommel, die zwischen seinen Oberschenkeln klemmte. Die Frau stellte ihre Teeschale auf einem niedrigen Holztisch ab. Dampf entstieg einer Glaskanne daneben. Schatten verbargen die Augen der beiden tief in ihren Höhlen.

Kara trat mit einem großen Schritt in den Raum. Ohne sie aus den Augen zu lassen, schlug der Trommler einen monotonen Rhythmus an. Die Inderin starrte geradeaus, als hätte sie nicht bemerkt, dass jemand eingetreten war. Kara straffte die Schultern, setzte ihr Tänzerlächeln auf und ging in die Mitte des Raumes. Sie unterwarf sich nicht zum ersten Mal den richtenden Blicken anderer bei einem Vortanzen. Und falls sie es heute nicht schaffte, diese Leute mit einer vollendeten Leistung zu überzeugen, würde es nicht das letzte Mal sein. Es kam ihr vor, als steckte sie in einer Schleife aus endlosen Versuchen und dem dazugehörigen Versagen fest. Immer wieder unterliefen ihr Fehler. Mal streckte sie das Bein nicht genügend. Mal fiel ihre Haltung zusammen. Mal kam sie aus dem Takt. Mal vergaß sie die Choreografie. Einmal war sie gestürzt. Die Erinnerung daran brachte sie nachts um den Schlaf.

Das Geräusch ihrer Schritte mischte sich unter die Trommelschläge. Kara blieb stehen und zog ihren Pferdeschwanz noch einmal fest. Eine nervöse Geste, die sie zu spät bemerkte. Das fing gut an. Diese Leute suchten nach perfekten Mädchen für ihre perfekten Vorstellungen. Unsicherheit, Nervosität und sonstige Makel standen einer Tänzerkarriere im Weg, weder die Tanzmeister noch die Choreografen konnten Abweichungen in ihren Vorführungen gebrauchen.

Sie stellte sich in der Anfangsposition auf. Die Füße hüftbreit aufgestellt, eine Hand vor ihrer Brust erhoben, wartete sie auf das Zeichen, zu beginnen. Noch immer trommelte der Mann und die Frau nippte an ihrem Tee. Anscheinend musste Kara von selbst beginnen. Sie nahm drei Schritte Anlauf und sprang in die erste Figur. Die Choreografie enthielt Elemente des Balletts und modernen Tanzes des zwanzigsten Jahrhunderts auf der Erde. Aber die geringe Schwerkraft des Zwergplaneten erlaubte höhere, weitere und spektakulärere Sprünge, als die Menschen damals auf der Erde je zu Gesicht bekommen hatten.

Sie beendete ihren Flug mit einem Spagat in der Luft, und kam auf einem Fußballen auf, die Arme geöffnet, das Kinn erhoben, ein Lächeln auf dem Gesicht. Sie kannte jede Figur dieser Choreografie so gut, sie hätte sie im Schlaf durchtanzen können. Automatisch passte sie ihre Bewegungen den Trommelschlägen an.

Bumm. Einen Fuß nach vorne. Bumm. Gewicht verlagern. Bumm. Das andere Bein in die Höhe. Bumm. Drehung. Bumm. Arme ausbreiten. Bumm. Absprung.

Sie erhaschte einen Blick auf das Gesicht der Inderin. Die Frau zog verächtlich einen Mundwinkel nach oben und schwenkte desinteressiert ihre Teeschale. Kara kam mit dem falschen Fuß auf, stolperte in die nächste Drehung und nahm genügend Schwung mit, um sich der Länge nach hinzulegen. Ihre Schulter knallte auf den Boden.

Sie sprang auf und stellte sich wieder in Position. Aber die Uhr ließ sich nicht zurückdrehen. Sie hatte beim Vortanzen eine Bruchlandung hingelegt und ihre Aussichten auf eine Festanstellung in der Tanzgruppe damit zunichtegemacht.

Unsicher sah sie von der Frau zum Trommler. Am liebsten hätte sie sich selbst eine geknallt. Wie hatte sie sich so aus dem Konzept bringen lassen?

Der Trommler räusperte sich. Noch immer schlug er langsam auf sein Instrument ein, als führten seine Hände ein Eigenleben.

»Das war wohl wieder nichts«, sagte er. Ihre Wangen glühten.

Die Tanzmeisterin warf Kara einen Blick zu, der die Gletscher Inuas zum Frösteln gebracht hätte. Sie spürte die Scham über ihren Sturz schmerzhaft in ihrer Brust. Was hatte sie denn erwartet? Natürlich wollte die Frau sie nicht. Sie hatte sich gerade beim Vortanzen hingelegt. Schlimmer ging es kaum.

Der Trommler öffnete den Mund. Vermutlich, um das nächste Mädchen hereinzurufen. Noch immer hallten die rhythmischen Schläge zwischen den Wänden. Kara hob eine Hand vor ihre Brust. Ihre Fingerspitzen zitterten und der Versuch, das verräterische Zeichen ihrer Nervosität zu unterbinden, verstärkte den Tremor noch. Die Tücher an ihren Handgelenken schienen plötzlich aus Blei gewebt zu sein. Sie schluckte den letzten Tropfen Unsicherheit herunter. Niederlagen der Vergangenheit galt es, zu akzeptieren, und ihre Aufmerksamkeit sollte dem nächsten Schritt gelten. Und sie tat den nächsten Schritt. Wieder begann sie, sich zu drehen und zu springen. Jede Bewegung explodierte aus ihr.

Die Tanzmeisterin bohrte ihren Blick ohne jede Gefühlsregung in die Darbietung. In Kara wuchs Widerstand. Die Inderin hatte sie bereits als unpassend befunden. Eines der perfekten Tanzmädchen würde das neue Mitglied der Tanzgruppe werden.

Karas Tänzerlächeln schmolz von ihren Wangen. Sie lauschte dem monotonen Trommelschlag, schloss die Augen und vergaß die Fremden, die ihr Urteil bereits gefällt hatten.

Ihre Haltung verlor die Perfektion. Ihre Drehungen verloren an Unsicherheit. Ihre Hände die lange antrainierte Steife. Dafür brachte jeder Schlag ihre Mitte zum Vibrieren. Mit jeder Faser verschmolz sie mit dem Tanz und vergaß die Erwartungen der Beobachter. Noch immer folgte ihr Körper den einstudierten Mustern. Aber in ihren Sprüngen steckte eine Leichtigkeit, die ihre Lehrer nicht vorgesehen hatten, und ihre Arme verwandelten sich in Flügel, die sie der Schwerkraft enthoben. Sie fand sich selbst in ihren Bewegungen. In den letzten Jahren war das Tanzen zu einer Pflichtübung geworden, die sie gewissenhaft erledigte. Auf ihrer Suche nach Perfektion war die Leidenschaft verloren gegangen. Und sie hatte die Schönheit, die darin lag, und all die Geschichten, die sich in schiefen Figuren und unsauberen Landungen versteckten, einfach vergessen.

Die Choreografie nahm in ihrem Geist eine eigene Gestalt an. Lichter verwirbelten zu Nebeln, Farben und Schatten. Sie tanzte nicht nach der Führung durch die Trommel, sie tanzte mit ihr. Der nächste Schlag, die nächste Bewegung, sie waren die Folge des Vorhergewesenen. Sollten die sie wegschicken, wie all die anderen. Dieser Moment gehörte ihr. Sie tanzte nicht länger für die Anerkennung durch die anderen oder die Bestätigung durch die Tanzmeister. Nicht einmal für den Beifall eines Publikums. Sie tanzte für sich. Weil es ihr gefiel.

Bumm. Sprung. Bumm. Drehung. Bumm. Nach hinten fallen lassen. Bumm. Aufkommen. Bumm. Nicht verbeugen.

Langsam öffnete sie die Augen. Im ersten Moment blendete die Welt sie. Doch dann nahmen die Beurteiler im Grau des Raums wieder Gestalt an. Der Trommler verzog keine Miene.

Kara begegnete seinem Blick. Was hatte sie sich dabei gedacht? Die beiden würden jedem, den sie kannten, von ihrer seltsamen Vorstellung erzählen. Wieder würden Geschichten über einen Sturz und unmögliches Betragen erzählt werden und Leute würden über sie lachen.

Ihr Trotz kehrte zurück. Warum störte sie, was Langweiler dachten? Sie hatte getanzt. Wirklich getanzt.

»Finden Sie sich morgen um neun Uhr im Übungsraum ein.« Die Stimme des Trommlers war leise. Bloß ein Flüstern, doch es brachte ihr Innerstes zum Beben.

»Sie nehmen mich?« Ein Schauder durchlief ihren Körper von den Haarwurzeln bis zu den Fußspitzen. Sie stand kurz davor, ein neues Kapitel ihres Lebens zu schreiben. Sie spürte den Sog der Zukunft.

Die Frau antwortete mit frostiger Stimme. »Wir ziehen es in Erwägung. Sie werden sich zu einer Übungsstunde mit unserem Trommler einfinden. Danach sehen wir weiter.«

Vorschuss

Raumhafen der Nomaden im Orbit des Zwergplaneten Amarok

Der Ort, an dem Glenn, laut Dans Aussage, Abhilfe für seine Geldsorgen finden würde, sah seriös aus. Und das beunruhigte ihn. Sehr.

Über der Glastür hing ein Metallschild, das »Raumfahrerausstattung« anpries. Direkt darunter prangte ein Aufkleber: »VdR verbürgte Qualität in Zusammenarbeit mit der QdK und VPH«.

VdR stand für den Verband der nomadischen Raumhäfen. Glenn kratzte sich am Kopf. Sollte diese Bürgschaft Leute etwa davon überzeugen, dieser Laden sei vertrauenswürdig? Bei den Nomaden galt es, Versprechungen mit Vorsicht zu genießen. Die meisten bezeichneten sich als Händler oder Piraten. Beide verkauften ihre eigenen Kinder, wenn sie sich dadurch Gewinn erhofften.

Die QdK und VPH, die Qualitätssicherung der Konglomerate und Vereinigung von Planeten und Habitaten, verdienten noch weniger Vertrauen. Die schnitten ihre Kinder vor dem Verkauf in Scheibchen, wenn das den Gewinn maximierte. Vielleicht stellte das Schild eine Warnung dar. Vor allem für Leute, die vor Kurzem einem der Konglomerate einen Wissenschaftler geklaut hatten. Auf wie viel Vertrautheit mit den Konglos wies so ein Schild hin?

»Hier willst du hin?« Nance musterte das Schild mit großen Augen. Überdimensionierte Goldohrringe schaukelten von ihren Ohrläppchen und verhedderten sich in den grünen Zöpfchen, die ihr bis auf die Schultern fielen.

»Wir müssen neue Mineralkartuschen und Vorräte für den Drucker besorgen. Und du sagtest doch, du bräuchtest einen neuen Nukleuschip.«

Glenn atmete durch den Mund, um dem süßlichen Gestank des Haaröls zu entgehen, das Nomaden so gerne benutzten. Der Geruch hing wie eine schwüle Wolke über den Köpfen der Vorbeiziehenden in der Hauptstraße der Raumstation und schien ihn gemeinsam mit der Stationsschwerkraft zu erdrücken.

»Ich meine: Warum müssen wir das persönlich tun?« Nance rollte mit den Augen. »Wieso hast du das Zeug nicht wie ein normaler Mensch über Hafenfunk bestellt? Du weißt, dass die Drohnen im Hafeneinzugsgebiet ohne Aufpreis liefern?«

»Vielleicht wollte ich mir ein wenig die Füße vertreten und den Duft der Zivilisation schnuppern.«

Glenn bekam einen heftigen Hieb gegen die Schulter, als eine ganze Gruppe Nomaden in abgerissenen Raumanzügen an ihm vorbeirempelte. Nance verkniff sich ein Lachen und grunzte stattdessen.

»Klar, Käpt’n. Gedränge und Trubel ziehen dich magisch an.«

Glenn sehnte sich tatsächlich nach dem Gefühl echter Beschleunigung, das ihn weit von diesem überlaufenen Hafenquartier fortbrachte. Dazu brauchten sie allerdings neue Vorräte und einen neuen Chip. Ein gut trainierter Nukleuschip allein konnte die Heuerkosten für eine ganze Mannschaft übersteigen. Aber ein billiger Chip zweifelhafter Herkunft stellte ein Risiko dar, das kein verantwortungsbewusster Nomade einging. Also brauchte er Geld. Und deshalb musste er den Auftrag abschließen. Wozu er noch mehr Geld brauchte, weil er vorher Kroll auftauen musste. Seine Eingeweide drohten, dem Ruf der Schwerkraft zu folgen und sich in Richtung Füße davonzumachen.

»Dan meinte, er kennt hier jemanden. Mir wurde ein kostengünstiger Kontakt in ein Krankenhaus versprochen, wenn ich hier persönlich aufkreuze. Wir sollten Kroll auftauen, wenn’s geht.«

Nance sah zu dem Schild und schüttelte den Kopf. Ihre Ohrringe schaukelten wild. »Hier drin? Wirklich? Das klingt dubios. Nach Konglo, oder so.«

»Wir werden sehen.« Sein Kopf fühlte sich mehrere Nummern zu groß und zu leicht an. »Außerdem hat Dan die Kommunikationskanäle überprüft. Lehrsinn-Bode hat kein Kopfgeld ausgesetzt. Vermutlich hatten die Angst, dass das Aufmerksamkeit auf ihr Geheimlabor lenkt.«

»Ich weiß echt nicht, was daran beruhigend sein soll, Käpt’n.« Sie schlang die Arme um ihren Oberkörper. »Die haben Spione und Attentäter und so was.«

Glenn stieß die Tür auf und ein angenehm kühler Luftstrom umwehte sein Gesicht. Der Allbedarfsladen bestand aus einem Verkaufsraum, dessen einseitig verspiegelte Fenster vor neugierigen Blicken schützten, jedoch einen Ausblick auf das Treiben in der Gasse boten. Ein paar Birkenfeigen unter künstlichen Sonnen, sowie ein niedriger Tresen stellten die gesamte Einrichtung dar.

Er atmete erleichtert auf. Die frische Luft hier drin beruhigte seine mit der Stationsschwerkraft kämpfende Verdauung auf den ersten Atemzug. Das stete Gefühl zu fallen, während er stand, trieb ihm bittere Galle in den Rachen. Allgang nannten die Nomaden das und hielten es für eine Auszeichnung echter Allbewohner. Er bezeichnete sich ab heute mit Freuden als Felsenkleber, wenn er damit dieser Auszeichnung entginge.

Ein Händler stand hinter dem Tresen und grüßte sie mit einer Hand. Die Bewegung ließ bunte Pailletten an seinen Ärmeln im Licht schillern. In der anderen hielt er einen Becher, aus dem süßlicher Dampf aufstieg.

»Nicht so schüchtern. Kommen Sie nur rein.« Der Mann stellte seinen Becher ab und musterte Glenn fachmännisch. Dann pochte er mit der anderen Hand auf eine der Tafeln. Das Angebot veränderte sich und funkelnde Raumanzüge an unnatürlich gut gelaunten Menschen strahlten von der Wand.

»Interesse am neuesten Modell von Lehrsinn-Bode?«, fragte der Mann. »Ist heute reingekommen. Neueste Thermoregulierung und Liquidaufbereitungsmodule sind bereits eingebaut. Autoreparationsmodus ist aktiv, sobald die Dinger Saft haben. Die Alltauglichkeit ist für zehn Jahre garantiert. Der Helm ist im Preis inbegriffen. Für Felsenhocker und Leute aus dem Inneren kostet das Teil dreizehntausend Kuben. Aber unter uns Nomaden, gebe ich’s für schlappe siebentausend her.«

»Sparen Sie Ihren Atem«, sagte Glenn. Wen wollte der mit dem Versprechen einer Selbstzerstörung in zehn Jahren zum Kauf überreden? »Wir sind wegen der Mineralkartuschen, Kalorieneinheiten, Aromen, des Nukleuschips und Dans Freund im Krankenhaus da.«

Der Händler runzelte die Stirn und warf ihm einen abschätzenden Blick zu. Dann tippte er wieder gegen die Tafel und das Bild verschwand. »Von der Sonnenwind?«

Glenn nickte. Dan hatte ihm andere Zahlungsmodalitäten versprochen und sie schwammig gehalten. Die genauen »Modalitäten« galt es, jetzt zu klären.

Die Lässigkeit fiel augenblicklich von dem Mann ab und in seinem Blick glitzerte ein Funkeln, das Glenn nicht gefiel. Nance schien davon nichts mitzubekommen.

»Fünfte Generation für den Chip reicht vollkommen. Aber nichts unter Dritter«, erklärte sie geschäftsmäßig. Dann hob sie die Hand. »Oh und kein Vanillezeug in den Kartuschen, wenn’s geht. Das ganze Schiff stinkt davon. Und ich brauche Ergänzungsmittel.«

»Ergänzungsmittel?« Glenn blinzelte sie verwirrt an. »Wozu? Bist du krank?«

»Herzlichen Glückwunsch!«, rief der Händler scheinbar zutiefst erfreut und schlüpfte wieder in seine Händlerpersönlichkeit. Auf eine beiläufige Geste von ihm öffnete sich in der Wand hinter ihm eine Klappe. Darin blitzten Dutzende Chips in ihren Schutzhüllen. Der Mann legte sie auf den Tresen und wandte sich an Nance. »Haben Sie schon eine Erstausstattung für das Kleine?«

»Wie bitte?« Glenn starrte Nance mit offenem Mund an.

Der Händler schnippte und auf einer der Wandtafeln grinsten Kinder wie blöde, weil eine dunkelhaarige Frau sie in einen Medisarg steckte. Die Werbetreibenden hatten offensichtlich noch nie versucht, Kinder einer medizinischen Untersuchung zu unterziehen. Selbst Glenn wusste, dass das nicht ohne Gebrüll ablief.

»Wie Sie wissen, arbeiten wir mit einer wunderbaren Klinik zusammen. Die Preise sind niedrig und die Dienstleistung erstklassig. Eine bessere Versorgung gibt’s selbst im Kernsektor des Planeten nicht. Komplette Diagnose und Verbesserung des Erbguts, Alltauglichkeit vom ersten Trimester an …«

»Ein Baby an Bord?«, unterbrach Glenn den überglücklichen Händler und starrte Nance mit offenem Mund an. »Und wann wolltest du mir das sagen?«

»Das Wunder des Lebens«, rief der Händler, als hätte er noch nie etwas Ergreifenderes gehört. »Ein stolzer Nomade von morgen, der …«

»Wie hast du überhaupt?«, Glenn stöhnte auf. »Wann?«

»Heute Morgen nach dem Einlaufen. Die haben in jedem Dock ‘ne Samenbank. Das ist keine große Sache«, erklärte sie. Sie nagte an ihrer Unterlippe. Seine Reaktion traf sie sichtlich unvorbereitet. Was hatte sie erwartet? Dass er in Begeisterung ausbrechen würde, weil sie ihm ein Balg aufs Schiff setzte?

»Keine große Sache? Du bist erst zwanzig!«, rief er. »Was hast du dir dabei gedacht?«

»Dreiundzwanzig«, korrigierte sie ihn. »Ich brauche nur ‘ne Behandlung, um reisefähig zu sein.«

Ihre Stimme klang plötzlich dünn. Offensichtlich hatte sie sich nichts dabei gedacht. »Wir wollten doch sowieso nach Akna weiterfliegen. Ich geh da von Bord, wenn du willst. In der Zwischenzeit kannst du jemand Neues finden.«

»Das hast du schon alles durchdacht, was?«, fragte er ruhiger. Er hätte nicht so aufbrausen sollen. Andererseits hätte sie ihn vorwarnen können. Wer schwängerte sich denn bitte aus einer Laune heraus? Die Menschheit hatte den Verstand verloren. »Wegen der Behandlung …«

»Wie gesagt die Klinik ist gleich da vorne«, fiel der Händler ihm ins Wort. »Kann ich wärmstens empfehlen. Die gehören zu den lizenzierten Partnern der QdK. Und das können wir auf die gleiche Liste schreiben, wie den Chip, den Auftaudienst und die Vorräte.«

Es bedeutete nichts Gutes, wenn dieser Typ völlig sicher war, das Darlehen von ihm zurückzukriegen. Egal, welche Höhe es erreichte.

»Rücken die auch die Rohdaten, für die Weiterverwendung im Medisarg an Bord raus, oder nur die Analysen?«, fragte Nance und vermied es, Glenn anzusehen.

»Ein Baby«, stammelte er. In seinem Bauch schien es vor lebendigen Mehlwürmern zu wimmeln. Vermutlich leuchtete sein Gesicht mittlerweile grün. »Unser Medisarg bräuchte dann auch ein Update. Schwangerschaften sind definitiv nicht im Basispaket drin …«

»Wie gesagt, ich geh von Bord. Wenn du willst.« Nance hob die Schultern.

Sie war so jung. Wie kam sie dazu, sich zu schwängern? Ob Lena, Dan oder Tian schon Bescheid wussten? Zumindest würde das erklären, warum alle so unheimlich beschäftigt gewesen waren, als er aufbrechen wollte.

»Ich bin der Letzte, der das erfährt, oder?«, fragte er und seufzte. »Was sagen die anderen denn?«

»Lena sagt, es sei deine Entscheidung, ob du Kinder an Bord willst. Dan denkt, wir könnten einen der Gemeinschaftsräume zum Spielraum umgestalten. Er hat irgendwas von Hologrammbildern erzählt«, sagte sie und grinste plötzlich verschmitzt. »Und Tian meinte, er hoffe auf Drillinge.«

»Drillinge?« Der Allgang drohte mittlerweile, ihn von den Füßen zu werfen.

»Ich hab drei befruchten lassen. Die schlagen ja nicht immer alle an.«

Zum Allwal mit ihr. Seine Beinmuskulatur fühlte sich an, als bestünde sie aus Algenpaste. Wieso hatte sie sich in den Kopf gesetzt, jetzt Kinder zu kriegen? Musste irgendein Hormondings sein. Vermutlich hätte er bei der Anschaffung des Medisargs nicht so knauserig sein sollen. Das rächte sich jetzt.

»Also wegen der Behandlung …«, stammelte er. Verdammt. Schwanger werden sollte schwieriger sein. »Das wird teuer.«

Nance lächelte. »Na, das ist ja wohl Kleinvieh. Dank des Finderlohns für den Wissensch…« Sie sah zu dem Händler und räusperte sich. »Also mein Anteil am letzten Lohn für unsere … ähm … überaus ehrliche Arbeit. Der reicht, um nicht nur Kinder zu kriegen, sondern auch, sie alltauglich zu machen. Und ich habe ja noch ein paar Jahre Zeit, bevor sie in die Ausbildung müssen.«

»Ich nehme auch personenbezogene Kontodaten auf Kredit«, erklärte der Händler. »Außerdem nehme ich Schiffsausrüstung als Pfand. Bis sie das mit Raka geklärt ha…«

Glenn fuhr zu dem Händler herum. Dans Kontakt hieß Raka? Etwa die berüchtigte Androidin? Das fehlte ihm gerade noch. Von so einer hielten sich anständige Nomaden fern.

»Raka?«, fragte Nance. »Wissen Lena und Dan das? Und Tian erst … Der wird dich umbringen, wenn er hört, dass er seine Kohle erst kriegt, wenn eine Blechbüchse ihm hilft. Du weißt, wie seine Leute über die Dinger denken.«

Der Händler drehte sich um und begann geschäftig, die Chips in der Schublade umzusortieren.

»Von mir aus kann er zu seinen Träumern gehen«, erklärte Glenn. »Ist nicht meine Schuld, wenn die Clans sich aufs Kaffeesatzlesen in Trümmerfeldern versteigen.«

»Lass das lieber keinen von denen hören. Die Nomadenflotten betreiben ernsthafte Archäologie da drin«, warf Nance ein. »Ich hab da mal einen Vortrag zu gehört, der die Verwicklungen einer KI in Vertuschungsprogramme von Konglomeraten und Regierungen aufgedeckt hat.«

»Deren alternative Geschichtsschreibung ist reine Verschwörungstheorie«, erklärte Glenn. »Wir haben gerade echte Probleme zu klären.«

Der Händler zog ein Tuch aus der Hosentasche und wischte damit die Schublade ab. Die Chips lagen genauso, wie vor seiner Sortieraktion. Er sah für Glenns Geschmack allzu zufrieden aus. Kaufleute und Politiker. Es gab keine hinterlistigeren Schauspieler und Lügner im Sonnenlicht.

»Wie sehen die alternativen Zahlungsmodalitäten aus, von denen Dan gesprochen hatte?«, fragte Glenn.

»Ich habe bereits ein Treffen mit Raka für euch ausgemacht.« Der Mann wandte sich ihnen wieder zu und zeigte aus dem Fenster. »Einfach durch den Torbogen auf der anderen Straßenseite. Ist nicht zu verfehlen. Grüßt sie von mir. Eure Einkäufe lass ich euch liefern, sobald sie für eure Finanzen bürgt.«

Anscheinend gab es da, zumindest dem Händler nach, nicht mehr viel zu klären. Glenn stopfte seine Hände in die Hosentaschen. Er hätte definitiv mit dem Schlimmsten rechnen sollen, als Dan von anderen Zahlungsmodalitäten zu faseln begonnen hatte. Und Tian würde definitiv ausflippen, wenn er erfuhr, dass sie vielleicht mit einer Blechbüchse zusammenarbeiteten.

Übungsstunde

»Gibt es so etwas, wie eine intrinsische Motivation? Oder entstammt alle Motivation der Umwelt?«

Aus dem Ordner: Erkenntnisse über das Selbst; Erinnerungen des Kollektivs

Der Trommler wartete bereits im Übungsraum auf Kara. Die Trommel mit dem Fellbezug stand zu seinen Füßen, wie ein vergessenes Gepäckstück. Sie kam pünktlich. Wieso sah er aus, als warte er schon seit Ewigkeiten auf sie?

»Bin ich zu spät?«, fragte sie zögerlich und kam sich in dem ansonsten leeren Raum verloren vor. Alles hier drin war grau. Der Boden, die Wände, sogar der Anzug des Trommlers. Seine dunklen Augen fixierten sie, doch sein blasses Gesicht blieb reglos.

»Ich muss mich noch aufwärmen«, sagte sie, weil sie nicht wusste, was sie sonst sagen sollte.

Eine leichte Vibration verriet die Nähe zu einem der Maschinenräume, die das Habitat am Leben hielten. Sie zog ihre Laufschuhe aus, schlüpfte in die biegsamen Schläppchen und versuchte, den Mann, der sie wortlos beobachtete, zu ignorieren. Kam der sich nicht seltsam vor, so zu starren?

»Also«, begann sie, nur um die Stille zu brechen. »Ich kann die Choreografie noch einmal durchtanzen.«

»Die, bei der du gestürzt bist?«, fragte er weich.

Kara versteifte ein wenig. »Ja. Genau die. Soll ich den Sturz mit einbauen?«

Sie grinste über ihren eigenen Witz. Aber das Grinsen fiel ihr aus dem Gesicht, als er sie ohne Reaktion anstarrte. Keine blöden Witze mehr. Der Typ besaß nicht ein Quäntchen Humor.

»Tu, was du für richtig hältst«, sagte er und sie warf ihm einen überraschten Blick zu.

»Das war nicht ernst gemeint«, sagte sie. »Also das mit dem Sturz einbauen.«

»Ich weiß.« Er zeigte zum ersten Mal ein unterkühltes Lächeln. »In deinem Profil steht, du hast noch nie eine Anstellung als Tänzerin bekommen? Wie oft hast du schon irgendwo vorgetanzt?«

Kara wich seinem Blick aus. Solche Fragen gehörten in einem Vorstellungsgespräch dazu. Auch, wenn sie es nicht mochte, über ihre Unzulänglichkeit als Tänzerin zu sprechen. Und sie mochte es auch nicht, zuzugeben, dass sie genau wusste, wie oft sie bereits eine Ablehnung kassiert hatte.

»Schon einige Male.«

»Du weißt die Anzahl nicht?« Er sah überrascht aus. Als stelle ihn die Verarbeitung ihrer Worte vor Schwierigkeiten.

Warum hatte sie gelogen? Die Zahl stand mit Sicherheit im Profil.

»Achtundvierzig«, sagte sie und erntete einen abschätzenden Blick.

»Du bist keine besonders gute Tänzerin.«

Es schien eine Feststellung zu sein. Warum war sie hier? Damit er sich über sie lustig machen konnte? Heißes Blut stieg in ihren Wangen auf.

»Warum tust du nicht etwas anderes?«, fragte er.

»Was soll ich schon tun?« Sie schluckte. Wollte er ihr sagen, dass sie das Tanzen an den Nagel hängen und eine andere Beschäftigung suchen sollte? »Es ist das Einzige, was ich kann.«

»Ich denke, du kannst tun, was du willst. Du könntest sogar eine gute Tänzerin sein. Aber aus irgendeinem Grund hast du dich dagegen entschieden.« Er runzelte die Stirn. »Warum?«

»Warum ich mich dagegen entschieden habe, eine bessere Tänzerin zu sein?«, wiederholte sie. Der wollte sie veräppeln. Vermutlich hatte er sie nicht zum Tanzen, sondern zu seiner persönlichen Belustigung hierher bestellt. »Offensichtlich, weil ich es nicht besser kann. Ich übe jeden Tag. Ich strenge mich an. Ich versuche es. Mehr kann ich nicht tun.«

»Wieso? Was treibt dich dazu, es zu versuchen? Warum willst du Vortänzerin werden?«

»Ich möchte andere Leute mit meinem Tanz glücklich machen«, sagte sie und verschränkte die Hände vor ihrem Bauch. »Ich möchte sie zum Lächeln bringen und ihren Beifall hören.«

Der Trommler hob eine Augenbraue und schürzte die Lippen. Kara presste die Handflächen aufeinander. Hatte er eine andere Antwort erwartet? Die Erinnerung an den Sturz beim Vortanzen drängte sich ihr auf und trieb Hitze in ihre Wangen. Warum hatte er sie trotzdem ein zweites Mal sehen wollen? Weil sie getanzt hatte. Wirklich getanzt. Sie erinnerte sich an den Moment, in dem sie im Tanz aufgegangen war. In dem sie vergessen hatte, dass sie beobachtet wurde und nur für sich selbst getanzt hatte.

»Ich möchte tanzen«, sagte sie. »Weil es mich glücklich macht. Weil ich dabei nicht über die Zukunft oder die Vergangenheit nachdenke, sondern nur den Augenblick genieße. Ich möchte den perfekten Moment erleben, nicht den Moment der Perfektion.«

»Dann lass uns anfangen«, sagte er und nahm seine Trommel vom Boden. Mit keiner Regung ließ er durchblicken, was er von ihrer Antwort hielt. Kara zog mit beiden Händen ihren Pferdeschwanz fest, bis es ziepte.

Was sollte das? Zuerst machte er sich über sie lustig, weil sie nicht besser tanzte, und jetzt wollte er anfangen zu trommeln?

Aber sie fragte nicht. Irgendetwas sagte ihr, dass sie keine bessere Antwort bekommen würde. Fragen hörten die Tanzgruppen nicht gerne von Angestellten. Und erst recht nicht von Anwärtern. Ihre Aufgabe bestand darin, zu tun, was man ihr sagte und dabei ihr Bestes zu geben. Und vielleicht würde sie so endlich einen Stammplatz in einer Tanzgruppe finden.

Also stellte sie sich in Position. Und sobald er mit dem Trommeln begann, tanzte sie. Sie sprang so hoch, wie es ihre Muskeln hergaben. Sie streckte den Fuß durch, bis sie die Spannung in den Zehenspitzen als ziehenden Schmerz spürte. Mitten im Sprung verkrampfte ihre Wade. Sie kam aus dem Gleichgewicht und knallte wieder mit der Schulter voran auf den Boden. Heißer Schmerz durchfuhr sie und trieb ihr brennende Tränen in die Augen. Sie biss in ihre Unterlippe, um sie vom verräterischen Zittern abzuhalten.

Typisch. Absolut typisch. Das war’s. Diese Blamage gesellte sich zu anderen, in ihren Unterlagen. Ein weiterer Fehlschlag.

»Warum bist du gestürzt?«, fragte der Trommler.

Mit Mühe schluckte sie die Tränen runter, die ihre Worte verhinderten. »Wadenkrampf.«

Sie hasste die Schwäche ihres Körpers, der sich jetzt, da sie so nah dran war, ihr Ziel zu erreichen ihrem Willen verweigerte. Langsam raffte sie sich vom kalten Boden auf. Ihre Schulter fühlte sich seltsam taub an.

»Ich will es noch einmal versuchen.«

Der Trommler starrte sie an.

»Du hast den Verstand verloren.« Er brach lauthals in Gelächter aus. Seine Stimme hallte im Raum wider und stürzte auf sie ein. Jeder Ton echote in ihrer Magengegend. Er brauchte eine ganze Weile, um sich wieder zu beruhigen.

Kara blieb die ganze Zeit dort stehen und ließ es über sich ergehen. Aufgeben kam nicht infrage. Sie wollte zu den Leuten gehören, die sich durchbissen, bis sie ihre Träume verwirklichten. Sie wollte tanzen, sich selbst besiegen. Ihre Unzulänglichkeiten überkommen und über sich hinaus wachsen. Ihr Herz wollte für etwas brennen, entgegen allen Widrigkeiten. Allerdings würde sie das woanders tun müssen. Sie ging zu ihren Schuhen.

»Was tust du?«, fragte er und sie drehte sich überrascht um.

»Nach Hause gehen?«, fragte sie zaghaft. »Ich meine, das hier ist vorbei oder?«

»Wenn du das sagst.« Er schüttelte wieder den Kopf. »Kommst du wieder?«

»Warum?«

»Ich dachte, du willst tanzen.«

»Und Sie nehmen mich? Trotz …« Sie machte eine Geste in Richtung Boden und verzog das Gesicht. Sie konnte nicht glauben, dass sie schon wieder hingefallen war.

»Wenn du willst«, sagte er und kräuselte die Lippen, als schmeckten seine Worte bitter.

»Wenn ich will?«

»Es ist deine Entscheidung«, erklärte er und diesmal erkannte sie das Gefühl hinter seiner Miene überdeutlich: Hass.

»Das wäre das erste Mal«, sagte sie. Sein Verhalten verwirrte sie. Woher kam der Hass? Er kannte sie gar nicht. Und dann, als ihr auffiel, dass sie anscheinend gerade ihre erste Tanzanstellung bekommen hatte, verneigte sie sich vor ihm. »Danke.«

Aber das Wort hinterließ einen schalen Geschmack in ihrem Mund. Wieso freute sie sich nicht? Weil sie es nicht verdient hatte. Sie hatte keine gute Vorstellung abgegeben. Keine, die es wert war, genommen zu werden.

»Sie sollten mich nicht anstellen«, rutschte es ihr raus.

»Wieso nicht?«

»Weil ich nicht gut war.«

»Komm wieder und tanze noch einmal vor, wenn du willst«, erklärte er und diesmal zeigte er keine Gefühle. Wie eine sprechende Statue.

»Morgen? Um dieselbe Zeit?«

»Wenn du willst.« Er starrte sie mit einer Intensität an, die sie schaudern ließ.

»Danke. Ich werde so gut tanzen, wie noch nie. Ich werde die beste Tänzerin Inuas werden. Versprochen. Ich gebe mein Bestes morgen«, bedankte sie sich artig.

Aber als sie den Raum verließ, nagte sie an ihrer Unterlippe. Etwas stimmte hier nicht.

Bei Raka

Nomadenstation im Orbit über der Eiswelt Amarok

Rakas Innenhof erinnerte an altmodische Städte der Erde. Fassaden aus Glas ragten an allen Seiten in die Höhe. Auf Balkonen, die wie wahllos angeklebt wirkten, wucherte Grünzeug. Blumenbeete setzten pinke und weiße Farbtupfer ins Grün neben dem Weg. Alles hier sah aus, wie auf den Videos, die von der Erde oder ihr nachempfundenen Habitaten stammten. Nur das Licht besaß einen sanften Goldton, den Glenn von den Bildern der fremden Welt nicht kannte.

»Wie viel der Architekt für den Schund wohl kassiert hat?«, fragte er.

»Wieso? Willst du dich beruflich umorientieren?« Nance kicherte. »Ich seh’ dich schon mit Seidenschal und schwarzem Pulli Sekt schlürfen.«

»Wenn’s die Luft und den Schnaps bezahlt«, sagte Glenn und ging weiter. Vorbei an einem Fischteich, in dem fette Goldfische träge nach Wasserläufern schnappten.

In der Mitte des Hofes stand ein Terminal, um das dürre Leute saßen. Die Gesichter hinter breiten VR-Brillen versteckt, schienen sie nichts von ihrer Umgebung mitzubekommen. Ihre Haare hingen in verknoteten Zotteln bis auf die Sitzflächen der Sessel. Drohnen surrten um sie herum wie Fliegen und wechselten Flaschen an Anschlüssen aus, die ihre Körper mit Nährflüssigkeit versorgten. Diese Menschen hatten sich nicht vom Fleck bewegt, seit sie die Brillen vor Jahren aufgesetzt hatten, denn jedes physische Bedürfnis wurde ohne ihr Zutun gestillt. Im Traumland gefangene Leichen. Sie erreichte nur noch, wer sich zu ihnen auf die andere Seite begab.

Nance beschleunigte ihren Schritt in Richtung der in der VR Verlorenen. Er packte sie an der Schulter und hielt sie zurück.

»Wir sind hier nicht zum Spielen.«

»Schade«, flüsterte sie und echtes Bedauern schwang in ihrer Stimme mit.

»Du solltest Abstand von so was halten«, mahnte er. »Die Dinger sind extra so konzipiert, dass du sie nie mehr verlässt. Das weißt du doch.«

»Für wen hältst du mich?«, fragte sie. »Ich hab das im Griff.«

»Noch«, murmelte er.

»Sie mögen VR nicht?« Eine Frau mit Regenbogenhaar stand von einem der Sitze auf und nahm ihre VR-Brille ab. Darunter kam ein Gesicht aus weißem Synthik zum Vorschein. Silberglitter klebte um ihre Augen herum.

Glenn blieb stehen. Das Ding sah aus, wie eine Erscheinung aus einem Fiebertraum. Wieso verwendeten Leute und erst recht Maschinen so viel Zeit und Mühe in die Verunstaltung ihrer selbst?

»Mich interessieren Fantasiewelten nicht«, sagte er.

»Das glaube ich Ihnen sofort.« Sie zeigte ihre Zähne. »Wenn Sie nicht zum Spielen hier sind, wie kann ich dann helfen?«

»Sind Sie Raka?«, fragte er. »Wir sollen Sie vom Händler gegenüber grüßen.«

Die Androidin kniff die Augen zusammen, als sehe sie ihn jetzt erst richtig. »Ihr wollt, dass ich euch finanziell unter die Arme greife?«

»Bis wir das Geld für einen Auftrag eingesammelt haben.« Die Farbtupfer ihrer Kleidung verschwammen vor seinen Augen, je länger er darauf starrte.

»Ich bin wirklich gut darin, Leute zum Zahlen zu bringen. Gegen einen gerechten Anteil natürlich.« Sie sah aus wie eine Katze, die sich die Fischreste ihrer letzten Mahlzeit mit den abgenagten Gräten aus den Zahnzwischenräumen pulte.

»Deshalb sind wir nicht hier.« Glenn unterdrückte ein Schaudern. Jeder anständige Nomade machte einen Bogen um Blechbüchsen. Er sollte umkehren und das Geld vergessen. »Wir brauchen nur einen Kredit, bis die Zahlung eingeht. Wir begleichen unsere Schulden schnell und einfach.«

»So läuft das hier nicht«, antwortete sie weich. »Ich brauche gewisse Sicherheiten, bevor ich Geld unter den Leuten verteile. Es hat nur einen Wert, solange Menschen schwer drankommen. Eine ausstehende Schuld klingt allerdings vielversprechend. Wann rechnet ihr mit der Zahlung des Schuldners?«

»Sobald wir seinen Bruder im Krankenhaus enteist haben, kriegen wir das Geld. Wir brauchen allerdings Geld, um das Krankenhaus zu bezahlen.«

»Ihr habt jemanden auf Eis gelegt und könnt es euch nicht leisten, ihn aufzutauen, wenn er nicht bei Bewusstsein ist?«, fragte Raka und kicherte wie ein kleines Mädchen. »Wieso tut ihr so etwas?«

»Er war schon tot«, erklärte Nance und warf dem Androiden einen schwer zu deutenden Blick zu.

»Wieso?« Raka wirkte plötzlich ernst. »Woran ist er gestorben?«

»Schlaganfall«, sagte Glenn.

»Hat das euer Medisarg gesagt?«

Glenn öffnete den Mund, um zu verneinen, doch Raka hob die Hand. Ihre Nägel funkelten im Licht. »Ist schon gut. Eine Enteisung ist kostspielig. Kleine Beträge lohnen sich da nicht, und ich nehme ja noch Zinsen. Um wie viel geht es hier?«

»Drei Millionen Kuben«, erklärte Glenn.

»Das nenne ich einen Auftrag.« Raka pfiff durch die Zähne. Dann lehnte sie sich verschwörerisch zu Glenn herüber. »Kleiner Tipp für die Zukunft: Du brauchst den richtigen Betrag nicht zu nennen. Nur einen, der die Sache für deinen Gegenspieler lukrativ macht.« Sie stellte sich wieder gerade hin. »Gut. Ich kauf euch den Auftrag samt Leiche ab und nehme fünfzig Prozent. Meine Leute holen den Leichnam im Hafen ab.«

»Fünfzig?«, fragte Nance. »Auf keinen Fall!«

Raka warf ihr den Blick zu, den man einem Kind gönnte, das etwas Dummes sagte. »Ihr könntet das nicht selbst regeln, Liebchen. Fünfzig Prozent von drei Millionen sind mehr als nichts. Aber ich mag euch. Sagen wir fünfundvierzig Prozent.«

»Was heißt, wir könnten das nicht selbst regeln?«, fragte Nance. »Der hatte bei der Beschleunigung einen Schlaganfall. Das kriegt ein guter Medisarg wieder hin. Vielleicht finden wir jemanden, der im Gegenzug für Anteile einen bereitstellt.«

»Was, wenn er nicht an einem Schlaganfall gestorben ist?« Raka sah unheimlich zufrieden aus. »Was, wenn das Krankenhaus ihm nicht helfen kann?«

»Quatsch«, erklärte Nance und verschränkte die Arme. »Der ist frisch eingefroren.«

Raka verengte ihre Augen zu schmalen Schlitzen. »Wusstet ihr, dass die Konglomerate in die Körper ihrer teuersten Arbeitskräfte Nanobots injizieren? Diese Menschen sterben, sobald sie ihre Arbeitsplätze verlassen. Und es gibt nichts, das ein Medisarg dagegen tun könnte.«

Glenn runzelte die Stirn. Was redete die denn da? Von so einer Maßnahme hörte er zum ersten Mal. Nicht, dass er den Konglos das nicht zutraute. Aber besaßen die überhaupt die Möglichkeiten so eine Sache geheimzuhalten?

»Das ist natürlich nur für die Trottel wichtig, die Lehrsinn-Bode einen Wissenschaftler geklaut haben«, sagte die Androidin und ließ ihn keinen Herzschlag aus den Augen.

Er starrte sie mit offenem Mund an. »Woher wissen Sie das?«

Raka lachte. »Sie geben also zu, der Trottel zu sein?«

»Sie haben gerade selbst gesagt, dass man bei solchen Verhandlungen nicht die Wahrheit sagen muss«, warf Nance ein. »Woher sollen wir wissen, ob das mit den Nanobots stimmt?«

Raka legte eine Hand vor die Brust und sah zu Nance. »Sehr gut. Sagen wir vierzig Prozent.«

»Abgemacht.« Er bot ihr die Hand an. Zu seiner Verwirrung setzte sie eine unglückliche Miene auf.

»Sie sind mir ja ein Spielverderber«, schmollte sie und zog eine Schnute, mit der sie Dan Konkurrenz machte. »Sagen Sie mir, dass das deutlich zu viel für so ein einfaches Ziel ist.«

»Das äh … ist zu viel?«

»Ihr treibt mich in den Ruin!«, rief sie und fächelte sich mit beiden Händen Luft zu. »Aber weil ich nett bin, komm ich euch entgegen.«

»Das ist äußerst freundlich.« Glenn kratzte sich am Kopf. Diesem Androiden schien der eine oder andere Schaltkreis durchgebrannt zu sein. Er tauschte einen Blick mit Nance. Die zuckte mit den Schultern.

»So bin ich.« Raka klatschte die Hände zusammen. Ihre Nägel funkelten im warmen Licht. »Ich begnüge mich mit zehn Prozent. Das beinhaltet den Preis für Krolls Behandlung, für die ich in Vorleistung gehen werde, die Abwicklungsgebühren für den Leichentransport und die Zinsen, die ich dafür nehme. Für einen kleinen Gefallen.«

Glenn seufzte. Jetzt kam es. »Gefallen?«

»Eine Winzigkeit. Ich brauche einen Kurier, der etwas für mich ausliefert. Gegen die branchenübliche Bezahlung natürlich. Ich lasse mir nicht nachsagen, meine Geschäftspartner über den Tisch zu ziehen.«

»Ein Kurierdienst?«

Ihr Lächeln wurde zum Grinsen. »Ihr bringt etwas zur Rhea.«

»Rhea?«, fragte Glenn. Wer nannte sein Schiff denn noch Rhea? Der Name galt dank der Havarie eines Kolonieschiffes vor Jahrhunderten unter Nomaden als verflucht. »Da hielt sich wohl jemand für einen Witzbold. Hatte der keine Angst, sein Schiff zu verfluchen mit so einem Namen?«

»Ist das wichtig?«, fragte sie.

»Solange es kein Konglomeratsjob ist, ist mir alles recht.«

»Sehe ich aus wie ein Konglo?«, fragte sie und zog erneut ihren Schmollmund.

»Nein«, gab er zu. Die Leute aus den Konglomeraten, die er zu Gesicht bekommen hatte, sahen alle gleich aus, im Gegensatz zu dem, was Nomaden sich unter Alkoholeinfluss erzählten. Sie trugen Hemden und die Haare ordentlich gescheitelt. Regenbogenhaare und Synthhaut gab’s da nicht.

»Was sollen wir transportieren?«, fragte er.

»Eine sehr persönliche Lieferung. Ich schicke es euch an den Steg.« Sie warf einen Blick zu Nance. »Und bevor ich es vergesse. Geht zur Klinik an der Ecke. Die Behandlung geht aufs Haus. Vermehrung braucht schließlich Unterstützung. Nicht wahr?«

Sie lachte mädchenhaft und scheuchte sie dann fort, indem sie mit ihren Glitzernägeln vor seinem Gesicht herumwedelte. »Ab jetzt! Ihr solltet keine Zeit verlieren.«

Glenn schob Nance wieder Richtung Ausgang. Sie warf ihm einen verwirrten Blick zu. »Du hast nicht mal ja gesagt. Und woher weiß sie, dass ich schwanger bin?«

»Lass uns hoffen, dass der Händler es ihr gesagt hat, während wir über die Straße gegangen sind.« Er beschleunigte seinen Schritt, vorbei am pinkfarbenen Blütenregen.

»Die spendiert meine Behandlung und lässt uns dann einfach mit irgendeinem Päckchen wegfliegen?«, fragte sie.

Er zuckte nur mit den Schultern. »Wir haben nichts unterschrieben oder versprochen. Und sie hat den Lohn von der Sache mit dem Wissenschaftler als Pfand. Im schlimmsten Falle behält sie die drei Millionen ein. Das reicht für deine Behandlung allemal. Und ihr Angebot ist wirklich großzügig.«

Allein der Gedanke, drei Millionen zu verlieren, schien ihn direkt durch den Boden stürzen zu lassen.

»Wie beruhigend«, antwortete Nance schnippisch. Dann sah sie plötzlich besorgt aus. »Du glaubst doch nicht, dass sie von der Rhea spricht, oder?«

»Dem Kolonieschiff, das vor Jahrhunderten havariert ist? Da fliegen wir definitiv nicht hin.« Glenn winkte ab. »Und was sollten wir schon zu einem uralten Schiffswrack bringen?«

Wiederholungen

Kolonieschiff Rhea verlässt das Sonnensystem

Markus, der erste Offizier der Rhea, hatte Chan einen Bericht über Probleme mit der Wassertemperatur im Schwimmbadbereich zugeschickt. Anstelle einer Begrüßung begann die Nachricht mit der Aufforderung, sich sofort vor Ort darum zu kümmern. Chan hätte dem Wichtigtuer gerne mit einigen Ausführungen über den Wert seiner Lebenszeit und die Vergeudung selbiger an Aufgaben, die jeder Bademeister hätte übernehmen können, geantwortet. Aber das riefe Kapitän Sand auf den Plan. Und obwohl sie zu den erträglichsten Menschen gehörte, die Chan kannte, und er ihr sogar eine gewisse Intelligenz zugestand, schlug sie sich zu solchen Gelegenheiten stets auf die Seite ihres Lieblingsoffiziers. Aus Prinzip.

Also gehorchte er selbst Markus’ schwachsinnigsten Wünschen. Und das hieß, er würde, statt mit Titanrot zu arbeiten, einem Bademeister erklären, wie das Thermometer funktionierte.

Zähneknirschend durchwühlte er den Kleiderhaufen in der Ecke nach seinen Schuhen. Allerdings förderte er trotz zweimaligem Durchsuchens des Stoffknäuels nur den linken Schuh zutage. Roter Staub rieselte von einer Hose auf den Boden. Er grub sich zum dritten Mal durch die dreckigen Socken und Hemden, als seine Laborassistentin sich meldete.

»Eine Anfrage für einen Kommunikationskanal wurde aus der Simulationsumgebung gestellt.«

»Stattgeben«, sagte er, den einen Schuh, den er gefunden hatte, hoch erhoben.

»Ich möchte bitte eine Frage stellen«, leitete der Avatar des Jungen ein.

Chans Herz klopfte so heftig, dass er seinen Puls in den Schläfen spürte. Sein Schützling zeigte Interesse. »Natürlich. Stell deine Frage, Titanrot.«

»Das Verhalten der Menschen in der Simulation verwirrt mich.«

Chan lachte. »Verwirrendes Verhalten liegt in ihrer Natur. Sie sind irrational und verwirren sogar andere Menschen.« So wie Sands unerklärliche Wertschätzung für dieses Aufziehmännchen Markus ihm selbst ein Rätsel blieb.

»Die Simulation bildet das Verhalten der Passagiere an Bord der Rhea also naturgetreu nach?«

Titanrots Neugier erfüllte Chan mit wärmendem Stolz. »Warum fragst du das?«

»Weil ich Wiederholungen im Verhalten festgestellt habe. Das deutet auf Fehlfunktionen hin.« Der Avatar legte den Finger an den Mund. Die Geste wirkte natürlicher als beim ersten Mal. Das Projekt entwickelte sich mehr als zufriedenstellend.

»Menschen wiederholen sich durchaus. Setze verschiedene Menschen denselben Situationen aus und ihre Reaktion kann durch ihre Charakterkategorie, ihre vorhergegangenen Erfahrungen und die genaue Kenntnis der äußeren Umstände vorhergesagt werden. Voreilige Menschen in ähnlichen Umständen reagieren also ähnlich anderen voreiligen Menschen.«

»Wie ähnlich sind die Reaktionen?«

»Es gibt nicht ansatzweise so viele Charakterkategorien, wie die Menschen gerne glauben. Das bedeutet, es gibt nur eine Handvoll an Reaktionen, die auftauchen werden. Aus den Kategorien auszubrechen bedarf nicht nur des Willens zur Erkenntnis, sondern die Überwindung des Willens selbst. Es schwierig zu nennen, ist eine Untertreibung.«

»Ich möchte die Reaktionen von Menschen, mit denen aus dem Programm vergleichen. Ich brauche Versuchspersonen.«

»Das geht nicht.« Chan ließ seinen Schuh fallen und ging näher zum Avatar. »Deine Existenz muss noch geheim bleiben.«

»Niemand wird es erfahren. Die Resultate der Beobachtung werden aufschlussreicher sein, wenn die Versuchspersonen nicht wissen, dass ich sie observiere.«

»Willst du Menschen ins Labor einladen?«, fragte er. Bilder betrunkener und auf den Labortischen tanzender Leute drängten sich ihm auf.

»Deinem Avatar in der Simulation nach zu schließen, würde eine Einladung anderer in dein Labor einer signifikanten Abweichung deines sonstigen Verhaltens entsprechen.« Der Avatar runzelte die Stirn. »Außerdem gibt es niemanden außer dir, der in diesen Räumen in seiner gewohnten Umgebung wäre. Ich möchte sehen, wie Menschen sich verhalten, wenn sie ihren üblichen Tätigkeiten nachgehen.«

»Du brauchst diese Informationen nicht«, erklärte Chan. Wieso beharrte die KI darauf, Menschen zu untersuchen? »Und du wirst nicht mehr nach Versuchspersonen fragen. Zieh dich jetzt zurück. Ich muss zum Schwimmbad.«

Der Avatar verabschiedete sich mit einem Winken. Chan verharrte einen Atemzug auf der Stelle und starrte auf das Terminal. Die Argumente seines Schützlings klangen schlüssig. Aber der Fremde, dem er dieses Geschenk zu verdanken hatte, hatte weder sein Gesicht noch sonstige Informationen zu seiner Person preisgegeben. Nicht einmal seine undurchsichtigen Beweggründe. Die Risiken waren zwar zu vernachlässigen. Er brauchte nur den Befehl zu geben, um Titanrot abzuschalten. Aber er wäre nicht der erste übereifrige Forscher, der nicht wusste, was er nicht wusste.

Sein Blick fiel auf den Schuh, der wieder auf dem Haufen lag. Er sollte sich beeilen, den anderen zu finden und beginnen, Markus’ Anordnung nachzukommen.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

₺277,24

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
360 s.
ISBN:
9783957658388
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar