Kitabı oku: «Der Bruch»

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische

Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2021 Verlag Anton Pustet

5020 Salzburg, Bergstraße 12

Sämtliche Rechte vorbehalten.

Lektorat: Martina Schneider

Covergestaltung, Grafik und Produktion: Nadine Kaschnig-Löbel

Coversujet: lzf/shutterstock.com

eISBN 978-3-7025-8084-1

auch als gedrucktes Buch erhältlich, ISBN 978-3-7025-1027-5

www.pustet.at

Bildnachweis:

Sabine Deubler: S. 8, 20, 34, 62, 76, 90, 118, 130; Privat: S. 29, 46, 55, 69, 83, 99, 104, 113, 137; Christian Schneider: S. 19

SABINE DEUBLER

Der Bruch

Wenn Lebenskrisen stärken


Inhalt

Vorwort

Beinahe verstummt

„Schwester Michaela, es ist dringend!“

Jawid gab nicht auf

Stillgeboren

Ironman

Dem Alkohol entkommen

26 Jahre lang „schief“

Göttin des Glücks

Fünf Jahre obdachlos, sieben Jahre Knast

Aufgeblüht

Vorwort

Sie waren ihrem Schicksal ausgeliefert. Die im vorliegenden Buch vorgestellten Menschen erlebten in ihrem Leben einen schweren Bruch. Doch sie alle schafften es, wieder aufzustehen.

Als Journalistin durfte ich in den vergangenen 20 Jahren zahlreiche Menschen kennenlernen, die mich beeindruckt haben. Viele von ihnen haben Lebenskrisen durchgemacht und sind daraus gestärkt hervorgegangen. Ich wollte diese Geschichten immer hören und publizieren, um anderen Menschen in ähnlichen Situationen Mut zu machen. Als im Corona-Frühjahr 2020 auch mein Arbeitgeber Kurzarbeit einführte, begann ich mit der Arbeit für dieses Buch. Ich wollte es schon lange schreiben. Die drei Monate waren meine Gelegenheit, es zu beginnen. Michael – inzwischen mein Ehemann – unterstützte mich vom ersten Tag an. Auch im Freundeskreis, im Berufsnetzwerk und bei Vereinen halfen mir viele, die passenden Menschen für „Der Bruch“ zu finden. Was sie erlebt haben, soll zeigen, dass man aus einer schweren Zeit wieder herauskommen kann. Es geht um Themen, die in unserer Gesellschaft oft vorkommen, aber selten offen besprochen werden. So zerstört Alkoholabhängigkeit vieles, doch man kann die Sucht hinter sich lassen und neu beginnen. Eine Depression und Suizidgefahr anzuerkennen, rettet Leben und birgt die Chance, dass sich Betroffene endlich selbst lieben. Fehlgeburten können am Ende Teil einer erfüllenden Familiengeschichte sein. Eine lebensgefährliche Krankheit zu überleben, lässt leisertreten und das Leben schätzen.

Die vier Männer und sechs Frauen haben unterschiedliche Lebenskrisen erlebt, die jedem widerfahren könnten. Man spricht nur nicht gern darüber. Bei der Recherche scheiterte ich mehrmals an dieser Hürde. Umso mutiger finde ich die hier Porträtierten.

Sie lassen uns ein Stück weit in ihre Seele schauen, um damit Mitmenschen aufzubauen. Was sie zu erzählen haben, soll andere dazu ermutigen, über Scheitern zu reden. Denn das Darüber-Reden ist wichtig. Das lernte ich aufs Neue, als ich in die Lebenswelten der zehn Personen eintauchen durfte. Ob sie mir in einer adrett dekorierten Küche, in einem verrauchten Zimmerchen oder in einem freundlich eingerichteten Vereinsraum über ihren „Bruch“ im Leben erzählten – diese Frauen und Männer hatten ihr Schicksal angenommen und sich anderen mitgeteilt. Mit deren Hilfe kamen sie wieder auf die Beine. Sie sind heute stärker als zuvor. Wie ich aus persönlichen Schicksalsschlägen weiß, braucht man manchmal die Geschichten anderer Menschen, um selbst neue Perspektiven zu finden. Wenn sie es schaffen, einen zu ergreifen, machen sie Hoffnung. Dann kann auch der Mut kommen, sein eigenes Leben wieder in die Hand zu nehmen.

Ich wünsche Ihnen eine berührende Lektüre, die Ihren Lebensmut stärkt.

Ihre

Sabine Deubler

Beinahe verstummt


Innezuhalten und das Leben zu schätzen, das hat Stimmtrainer Arno Fischbacher nach einer Stammzellentransplantation gelernt. Seine Ehefrau half ihm dabei, gesund zu werden.

Einer der bekanntesten Stimmtrainer Salzburgs lebt ein Leben unter Hochdruck, als ihm eine lebensbedrohliche Erkrankung den Boden unter den Füßen wegreißt. Um wieder auf die Beine zu kommen, muss Arno Fischbacher, ein Macher, körperlich, mental und wirtschaftlich alles geben. Diese Zeit verändert ihn. Zum Glück, wie er meint. Sogar der Covid-19-Krise trotzt er Gewinnbringendes ab.

Im Vollgasmodus. So führt Arno sein Leben bis 2015. Schon mit 15 Jahren verlässt er seine Eltern und geht von Oberösterreich nach Salzburg. Macht eine Goldschmiedlehre samt Meisterprüfung. Baut das Theater Elisabethbühne Salzburg mit auf. Arbeitet sich dort in rund 20 Jahren vom Schauspieler bis zum kaufmännischen Leiter hinauf. Gestaltet danach den Start des Radiosenders Welle 1 mit. Ende der 1990er-Jahre gründet der Schauspieler als Stimmtrainer sein eigenes Unternehmen. Sein Slogan lautet: „Ich mache Stimmbesitzer zu Stimmbenützern.“ Sein Versprechen an Kunden: Wer bei ihm gutes Sprechen im „Eigenton“ lerne, der überzeuge im Geschäftsleben.

Ich wollte mich als Stimmtrainer und Bühnenredner profilieren. Das habe ich geschafft und jeden Applaus genossen. Zurückblickend denke ich, ich habe mir etwas beweisen wollen. Mir ist es wichtig gewesen, wie mich andere finden. Zwischen den vielen Seminaren im In- und Ausland bin ich nur wenig zu Hause gewesen. Und wenn ich da war, war ich in Gedanken schon wieder woanders. Körperliche Bedürfnisse habe ich damals hintangestellt. Es ist mir nicht wichtig vorgekommen, ob ich müde oder hungrig bin. Irgendwann habe ich das auch nicht mehr so gespürt. Stress hat mich zur Hochleistung getrieben. Zeitdruck war mein Motor.

Aber der Motor sollte ins Stocken kommen. Ein Gesundheitscheck zeigt, dass Arno Fischbachers Leben in Gefahr ist. Dass der Business-Stimmcoach an dem Test überhaupt teilnimmt, ist Zufall. Man lädt ihn dazu ein. Den Brief öffnet er in seinem Büro im schmucken Andräviertel in Salzburg. Es ist ein Junitag im Jahr 2015. Die Salzburger Christian-Doppler-Klinik wendet sich mit einer Bitte an den damals 59-Jährigen: Man untersuche gerade den Gesundheitsstatus von 10 000 Salzburgern. Er möge doch an dieser großen Studie teilnehmen.

Begeistert war ich nicht. Aber eine Gesundenuntersuchung war damals sowieso fällig. Und so genau wie in einer klinischen Studie wirst du normalerweise nicht gecheckt. Also habe ich mich dafür entschieden. Ich habe gedacht: Dann investierst du halt für diese Studie einen halben Tag Lebenszeit. Als ich drei Wochen später zur Untersuchung in die Klinik gegangen bin, hat die Sonne gestrahlt. Die Tests haben um sieben Uhr morgens begonnen. Um 12.30 Uhr hat mich der Arzt zum Gespräch bestellt. Und siehe da: Alle meine Werte sind bestens. Herz, Leber, Lunge, Cholesterin – alle top. Aufeinmal stutzt der Arzt. Er deutet mit dem rechten Zeigefinger auf eine Stelle im Befundbogen und sagt: „Nur da, da ist etwas. Die Blutwerte passen nicht ganz.“ Und er meint: „Da müssen wir nachschauen.“ Mich hat das nicht beunruhigt. Ich habe mir einfach gedacht: „Na gut. Dann schauen wir nach.“

Zwei Monate lang schauen die Ärzte nach. In dieser Zeit muss Arno Fischbacher regelmäßig in die Blutambulanz zur Blutabnahme gehen. Die Ärzte verschreiben ihm Medikamente und beobachten in engen Abständen, wie diese seine Blutwerte verändern. Der Coach ist jetzt auf einmal Patient. Im August 2015 bekommt er die niederschmetternde Diagnose: Eine lebensbedrohliche Bluterkrankung breitet sich in seinem Körper aus. Als der Arzt dazu anhebt, die Diagnose auszusprechen, drückt der Sprechtrainer gedanklich einen Knopf. Er schaltet um auf Geschäftsmodus.

Am Tag der Diagnose bin ich in der Ambulanz dem Arzt gegenübergesessen. Und der schaut mich so an. Da habe ich gewusst: Der will mir jetzt etwas sagen, das haarig wird. Als Stimmcoach trainiere ich ja auch Ärzte. Wie durch eine Kamera habe ich den Arzt beobachtet. Die Art, wie er es machte, fand ich ganz professionell. Der hat nicht lange herumgeeiert. Er hat mir ganz nüchtern gesagt: „Sie haben eine lebensbedrohliche Bluterkrankung und hätten schon einen Hirnschlag haben können. Wir müssen einen Spender finden. Sie brauchen eine Blutstammzellentransplantation.“

Wie betäubt geht der Stimmtrainer nach Hause. Kurz vernebelt die niederschmetternde Diagnose seine Gedanken. Dann schaltet der Patient um – er ist Geschäftsmann. Als solcher geht er in den Kalkulationsmodus: Stellt zu seiner Krankheit Fragen. Sucht im Internet nach Antworten. Was genau ist diese Krankheit? Bin ich selbst daran schuld? Was tut man mit dieser Diagnose?

Für diese Blutkrankheit ist nicht mein Lebensstil ausschlaggebend gewesen. Ich hätte sie nicht verhindern können. Irgendwelche Gene in meinem Körper haben plötzlich verrückt gespielt. Wegen dieser spontanen Genmutation ist meine Blutproduktion aus dem Ruder gelaufen. Ich habe zu viele Thrombozyten produziert. Ohne Transplantation wäre meine Blutproduktion ganz entgleist und ich wäre in relativ kurzer Zeit gestorben.

Sterben kann der Patient aber auch an der Transplantation. Mit zunehmendem Alter sinken die Chancen, dass man den massiven Eingriff überlebt. 20 Prozent beträgt das Sterberisiko in der Altersgruppe 60 plus. Arno Fischbacher geht zu diesem Zeitpunkt direkt auf die 60 zu. Um keine Angst aufkommen zu lassen, sammelt er weiter Fakten. Er versucht, sich möglichst viele Details aus dem Internet zu beschaffen. So will er sich vorbereiten auf das, was kommen wird.

So wie ich mir das vorgestellt habe, ist es aber leider nicht gegangen. Meine Krankheit war eine Individualistenkrankheit. Die kannst du nicht googeln. Das hat meinen Elan, alle offenen Fragen zu beantworten, gebremst. Damals bin ich zum ersten Mal nachdenklich geworden. Dass ich an etwas Gravierendem erkrankt bin, hat mir auch ein Schreiben meiner Krankenkasse gezeigt. Es ist eine Kostenaufstellung gewesen. Es ging um die Medikamente, die ich bis zur Transplantation habe nehmen müssen. Meine Krankenkasse hat dafür 5 000 Euro bezahlt. Und das jeden Monat. Erst beim Lesen dieser Kostenaufstellung ist mir klar geworden: Das ist etwas, das begleitet mich länger.

So vieles ist in diesen Monaten offen. Besonders der richtige Zeitpunkt für die Transplantation. Einen fixen besten Zeitpunkt gibt es nicht. Die Ärzte können nur so viel sagen: Es wird ein Zeitfenster geben, in dem die Transplantation erfolgen muss. Wann sich dieses Fenster auftun werde, das zeige sich erst mit der Zeit. So viel Ungewissheit kann einen lähmen. Damit das nicht passiert, nimmt Arno Fischbacher wieder die Dinge in die Hand. Er ruft eine frühere Arbeitskollegin an, die mittlerweile in München lebt. Kann sie ihm dabei helfen, eine Checkliste für wirklich alle Fälle zu erstellen?

Mir war mulmig, als ich in mein Handy gesagt habe: „Hallo Kathleen. Ich brauche dich. Hast du einen Tag Zeit für mich?“ Sie hat gleich ja gesagt. Ich war so erleichtert. Da war ja so viel zu organisieren. Einen ganzen Tag lang haben wir gemeinsam eine Checkliste geschrieben. Die eine Frage hat gelautet: Was muss ich alles veranlassen, damit mein Unternehmen einen viermonatigen Komplettausfall überlebt? Erst nach der Transplantation sollte mir klarwerden: Dass ich nur vier Monate ausfallen werde, habe ich viel zu optimistisch angesetzt. Erst einmal habe ich mein Unternehmen schrumpfen müssen. Aber nur so weit, dass ich es nach der Transplantation jederzeit wieder hochfahren konnte. Ich habe meine Mitarbeiterin kündigen müssen. Auch verschiedene Versicherungen, Internetpakete und Abos, um die Grundkosten zu senken. Die zweite Frage ist noch viel schwieriger gewesen: Was muss ich tun, um für meinen Todesfall vorzusorgen? Mit Kathleen habe ich alle Besuche notiert, die ich in den nächsten Tagen machen würde: Zum Notar gehen, zum Steuerberater, zum Bankberater – Ich habe sie dann auch alle persönlich abgeklappert. Wir haben festhalten, wo alle meine Unterlagen sind, wo die Passwörter zu finden sind. Wir haben nachgeschaut, wo meine Frau Zugang hat, falls ich nicht mehr heimkomme. Ich wollte das alles einfach geklärt haben.“

Nur so gut vorbereitet kann der Stimmtrainer unbelastet nach Graz in die Klinik fahren. Der Patient ist immer noch Unternehmer. Als solcher lebt er sein Leben jetzt erst recht unter Hochdruck weiter. In der Zeit vor der Transplantation muss mehr Geld als früher hereinkommen, um die erwarteten Ausfälle abzufedern. Zwei Jahre lang arbeitet der Salzburger mit Vollgas weiter. Er gibt noch mehr Seminare als früher und weiß zugleich um seinen bedrohten Gesundheitszustand: Seine Blutproduktion wird von Monat zu Monat schlechter. Ein Lichtblick in diesen zwei Jahren voller Ungewissheit: Nach langer Suche wird ein Spender gefunden. Ein Mann aus Berlin „passt“. Und: Er ist bereit dazu, sich mit Hormonen behandeln zu lassen. Bereit dazu, sich in einer Art Blutwäsche Blutstammzellen entnehmen zu lassen. Bereit zu dieser Prozedur, sobald sich Arno Fischbachers Zeitfenster öffnen wird. Jenes Zeitfenster, in dem sich sein Gesundheitszustand und das Eingriffsrisiko ungefähr die Waage halten. Die Transplantation kann ja auch tödlich enden. Der Patient soll am Tag Null also nicht mehr zu gesund, aber auch noch nicht zu krank für die fremden Blutstammzellen sein.

Tag Null war der 13. November 2017. Neun Tage davor musste ich in die Grazer Klinik einrücken. Sechs Wochen sollte ich dort verbringen. Körperlich habe ich mich fit gefühlt. Ich war bereit. Mein Leben habe ich in Gedanken in die Hände der Ärzte gelegt und ihnen gesagt: Egal was nötig ist, macht es mit mir.

Die neun Tage vor der Transplantation habe ich heftige Chemococktails bekommen. Die sollten meine Blutproduktion zerstören, damit mein Körper die neuen Stammzellen annehmen kann. Über einen Dauerzugang in meinen Brustkorb ist aus Infusionsbeuteln eine Flüssigkeit nach der anderen in meinen Körper geflossen. Der erste dieser neun Vorbereitungstage ist ein Montag gewesen. Er hat „Tag minus 9“ geheißen. Die Tage nach dem Eingriff heißen Plustage. Das hat sich angehört, als wären diese Tage ein Geschenk.

Die neun Vorbereitungstage sind bis ins Detail durchgetaktet. Arno Fischbacher ist fasziniert. Der penible Ablauf von früh bis spät erinnert ihn an einen großen Flugbetrieb. Eineinhalb Jahre lang hat er für die Austrian Airlines fliegendes Personal trainiert. Da war auch alles durchgetaktet. In die Klinik hat er sich seinen Laptop mitgenommen. Der hilft ihm, noch ein letztes Mal vor der Transplantation den Kalkulationsmodus einzuschalten. Im Internet liest er nach, was er alles noch wissen will. Sucht Antworten auf die Fragen, die ihn jetzt im Moment betreffen: Was genau fließt da in mich hinein? Was macht es mit mir? Die Flüssigkeiten zerstören seine Blutproduktion und fahren sein Immunsystem herunter. Der Berliner Stammzellenspender hat eine andere Blutgruppe als er. Würde Arno Fischbachers Körper die gespendeten Zellen abstoßen, wäre alles vorbei. Da sein Körper dann nicht mehr selbst Blut produzieren kann, würde er sterben.

Bis dahin habe ich die Umstände der Transplantation noch hochkomplex und total interessant gefunden. Nun ist mir klar geworden: Wenn die Transplantation schiefgeht, habe ich Pech gehabt. Das hat mich schon beschäftigt. Das lässt auch mich nicht kalt. Aber ich habe keine Angst gespürt. Das muss an den Erfahrungen liegen, die ich in drei besonderen Phasen meines Lebens gemacht habe. In meiner Jugend ist vieles nicht rosig gewesen. Ich bin verschreckt gewesen. Damals habe ich kaum Selbstwert empfunden und stark unter Migräneattacken gelitten. In dieser Zeit habe ich lernen müssen, in schwierigen Phasen mit mir selbst klarzukommen. Mit anderen umzugehen, habe ich dann im Zivildienst in einem burgenländischen Spital gelernt. Dort bin ich oft zu den Sterbenden geschickt worden, wenn die Krankenschwestern keine Zeit hatten. Wenn es bei jemandem zu Ende gegangen ist, bin ich da gewesen. Am Amazonas in Peru bin ich Jahre später meinen eigenen Ängsten aufden Grund gegangen. Nachdem ich sie im Dschungel bei einem Curandero (Naturheiler) zum ersten Mal wirklich zugelassen habe, habe ich meine Ängste besiegt. Sie sind nicht wiedergekommen. Rückblickend hatte ich mich also schon einige Male in Ausnahmesituationen erlebt. Diese Erfahrungen kamen mir jetzt zugute. Im Spital hatte ich keine Angst vor dem Sterben.

Als der Tag Null kommt, ist Arno Fischbachers Blutproduktion zerstört. Ein Flugzeug hat zwei Beutel mit einer beigen Flüssigkeit von Berlin nach Graz gebracht. Es sind die Blutstammzellen des Spenders. Dieses Bild wird der Sprechtrainer nie vergessen: Er liegt im Bett. Ist an zig Monitore und Apparate angeschlossen. Sie überwachen alle möglichen Funktionen seines Körpers. Hier piepst es immer und immer wieder, dort surrt ein Gerät, daneben zeichnen Apparate Kurven auf Monitore. Sechs maskierte Ärzte stehen um ihn herum, sehen ihn mit sehr, sehr wachen Augen an. Dann tritt einer von ihnen ganz nahe an das Krankenbett. Er wird gleich die Transplantation einleiten. Ein Eingriff, für die kein Skalpell verwendet wird, bei der nicht ein Tropfen Blut fließt – außer schon bald die Blutstammzellen von ihren Plastikbeuteln in den Körper jenes Menschen, dessen Leben sie retten sollen. Der Arzt braucht nicht einmal eine Minute, um jene Handgriffe zu vollziehen, nach denen Arno Fischbacher entweder leben oder sterben wird. Alle Blicke sind auf seine Hände und auf den Patienten gerichtet. Es geht los. Der Arzt hängt die Blutstammzellenbeutel an den Infusionsständer. Schließt sie an den Infusionsschlauch mit dem Dauerzugang an, der direkt in den Brustkorb des Mannes vor ihm führt. Und lässt die Blutstammzellen in Arno Fischbachers Körper einlaufen. Alle warten.

Niemand hat ein Wort gesagt. Das war eine unglaubliche Situation. Ich habe alles rund um mich wahrgenommen. Die gebannten Blicke der Ärzte in mein Gesicht, die blinkenden Monitore, die piepsenden Apparate. Ich habe mich gefragt: „Werde ich diese Prozedur überleben?“, „Was werde ich spüren, falls mein Körper nicht mitspielt?“, „Wird es nach dem Heute für mich noch ein Morgen geben?“, „Bekomme ich nach diesem Tag Null Plus-Tage geschenkt?“ In diesem Zustand ist es mir nicht gut gegangen. Die mentale Vorbereitung hat mir aber sehr geholfen. Nach einer halben Stunde sind die beiden Flüssigkeitsbeutel leer gewesen. Mein Körper hat die Stammzellen angenommen. Da ist mir langsam gesickert: Ich habe gerade eine neue Chance zum Weiterleben bekommen. Ich lebe weiter!

Arno Fischbacher bleibt nach der Transplantation noch einen Monat lang im Spital. Das Spitalspersonal schirmt ihn völlig ab. Das muss so sein, da sein Immunsystem zu keinerlei Abwehr imstande ist. Wenn der Unternehmer heute über diese vier Wochen spricht, pausiert er immer wieder und klingt sehr nachdenklich. Nach dem Tag Null dauert es lange, bis er überhaupt wieder aufrecht stehen kann. Dass es so dramatisch wird, hat er trotz all seiner Vorbereitungen unterschätzt. Als ein Plus-Tag sich ganz langsam an den nächsten reiht, hat sich das Leben des quirligen Mannes auf den Kopf gestellt. Zum ersten Mal seit langer Zeit hat er die Dinge nicht in der Hand. Kalkulieren bringt jetzt nichts. Es wäre auch viel zu anstrengend. Arno Fischbacher schläft so viel, wie er in seinem Leben nicht geschlafen hat. Nur wenn ihn die Krankenschwester weckt, ist er kurz wach, dann sinkt er gleich wieder in den Schlaf. Sein Körper braucht Zeit, um sich von der Behandlung zu erholen. Mit der Immunsuppression wird er fast ein Jahr lang leben müssen. Und doch holt ihn sein alter Lebensstil bald schon wieder ein. Noch im Spitalsbett gibt er sein erstes Telefoncoaching. Nach einer halben Stunde Arbeit ist er stundenlang „streichfähig“. Er merkt: Ich muss ab jetzt erkennen, wann es genug ist.

Plötzlich bin ich nicht mehr auf der Bühne gestanden. Das erste Jahr nach dem Spital bin ich körperlich parterre gewesen. Die meiste Zeit habe ich nicht einmal genug Kraft zum Sprechen gehabt. Ich bin nur mit mir selbst beschäftigt gewesen. Gewohnt habe ich im obersten Stock unseres Hauses. Meine Frau hat dort alle Pflanzen weggeräumt. Sogar die hätten mir schaden können. Wenn Besuch gekommen ist und ich in das Wohnzimmer gegangen bin, habe ich eine Maske tragen müssen. Ich bin dann mit am Tisch gesessen und schon nach einer Viertelstunde wieder in meine Etage gegangen. Mir ist alles zu viel gewesen. Ein Jahr lang habe ich fast nicht gesprochen.

Der Stimmtrainer spricht nicht. Er, der sonst mit vollem Elan seinen Kunden beibringt, was alles mit der eigenen Stimme machbar ist. Doch es ist zu hart. Wieder prescht Arno Fischbacher los. Fährt bereits ein halbes Jahr nach dem Eingriff nach Stuttgart, um Kinderzahnärztinnen in Sachen Stimme zu schulen. Danach ist er wieder völlig fertig. Es ist ein Wendepunkt.

Erst nach diesem Rückschlag habe ich mich in diesem schwachen Zustand akzeptiert. Ich habe gemerkt, ich muss jetzt auf mich achten. Da hat in mir ein Wandel eingesetzt. Meine Frau ist die größte Stütze für mich gewesen. Sie ist Kunsttherapeutin an der Psychiatrie der Christian-Doppler-Klinik, sie kennt sich mit Patienten aus. Ich habe Glück gehabt. Meine Frau hat es ausgehalten, mich ein Jahr lang als hilfsbedürftigen Patienten zu erleben und zu versorgen. Einen Ehemann, der ein Jahr lang in seiner Etage schläft und schläft und fast nicht spricht.

Dieses Jahr verändert Arno Fischbacher. Wegen der Immunsuppression erlebt der Stimmcoach gesundheitliche Rückschläge. Zwei Reha-Aufenthalte helfen ihm danach sehr. Er lernt, mehr auf seine körperlichen Bedürfnisse zu achten. Wenn er müde ist, legt er sich, ohne lang zu überlegen, hin. Als er wieder kräftiger wird, ruht er mehr in sich selbst. Verbringt endlich mehr Zeit mit seiner Frau, investiert in die Beziehung. Sein Aufstehen feiert er seither gemeinsam mit seiner Frau immer wieder. Im Kleinen – bei einem Abendessen, bei einem Glas Wein. Nicht einmal die Covid-19-Krise, in der er wochenlang keine Seminare halten darf, macht ihm Angst. Mit neuen Angeboten kommt er bei seinen Klienten gut an, sein Geschäft läuft wieder. Seine finanziellen Reserven hat Arno Fischbacher in der Krankheitsphase verbraucht und dennoch bleibt er optimistisch.

Da ist etwas Gravierendes in mir passiert. Ich verfüge heute über eine ganz große Gelassenheit. Die Covid-19-Krise erlebe ich als einen aufregenden Neubeginn. Ich arbeite mit Lust daran, meine neuen Geschäftszweige aufzubauen. Jetzt habe ich Zeit und Energie dafür. Die Bühnenrednerei ist nicht mehr mein Schwerpunkt. Ich muss mich nicht mehr vor anderen beweisen. Stattdessen konzentriere ich mich jetzt auf Coaching. Auf das ganz persönliche Arbeiten mit Menschen an heiklen Kommunikationsmomenten. Dafür habe ich mir letzten Herbst ein Live-Trainingsstudio eingerichtet. Als ich wegen der Veranstaltungsverbote Indoor-Seminare nicht mehr machen durfte, habe ich noch eine neue Idee entwickelt. Ich mache jetzt viel Online-Beratung. Das erweitert sogar meinen Aktionsradius.

Jetzt, zweieinhalb Jahre nach der Transplantation, geht es dem Stimmcoach gut. Er erlebt sich zum ersten Mal wieder als gesund und kraftvoll. Im April 2020 legt er zwischen zwei Videokonferenzen eine Verschnaufpause im Mirabellgarten ein. Die Sonne strahlt vom Himmel, es ist ein herrlicher, warmer Frühlingsvormittag. Der Unternehmer steuert zügig den Rosenhügel an. Dann verlangsamt er seine Schritte. Auf der Lehne einer Sitzbank legt er sein dunkles Businesssakko ab und lässt sich nieder. Der Frühling ist in vollem Gange. Fliederduft umgibt ihn, die Rosenbüsche zeigen ihr erstes Grün. Spatzen und Amseln trällern um die Wette. Der Stimmcoach lässt seinen Blick erst zur Festung Hohensalzburg schweifen, dann auf die Rosen. Er hört den Vögeln zu, lässt sich die Sonne ins Gesicht scheinen und schließt für einen Moment seine Augen. Er genießt es: Das Gefühl, wieder richtig im Leben angekommen zu sein.

Vor seiner Erkrankung suchte Arno Fischbacher Bühne und Applaus.

Die Krankheit hat etwas in mir verändert. Ich gehe jetzt besser mit mir selbst um. Ich achte mehr auf die Beziehungen zu den Menschen, die mir wichtig sind. Und auf die kleinen Dinge, die geben mir Sicherheit. Oft steckt hinter einer Angst einfach ein Bedürfnis nach Sicherheit. Das wird einem aber erst dann klar, wenn man sich mit seinen Ängsten konfrontiert. Ich weiß jetzt: Man kann aus schwierigen Lebensphasen gestärkt hervorgehen. Was mir heute Sicherheit gibt, sind so kleine Dinge wie Spaziergänge. Da bleibe ich stehen und höre einem Vogel zu oder schaue mir eine Blume an. Mein Gedankenkarussell stoppt. Ich steige aus und genieße den Moment.

„Schwester Michaela, es ist dringend!“


Nach überstandener Depression ist Schwester Michaela selbstbewusster als früher und wieder voller Lebensfreude. Ihre Ministricksocken zeigen psychisch Erkrankten: Mit kleinen Schritten wird man wieder gesund.

Sie ist ihr Leben lang sorgende „Schwester“. Zuerst als ältestes Kind einer Bergbauernfamilie, später als Ordensschwester, als Krankenschwester und als Pflegedienstleiterin einer Seniorenresidenz. Dort muss sie mit immer weniger Personal auskommen, was die bis dahin fröhliche, engagierte Frau innerlich zerreißt. Doch auf ihre Grenzen zu achten, hat Schwester Michaela nie gelernt. Sie arbeitet sogar noch, als sie aufgrund einer schweren Depression Suizidgedanken hegt. Nach einem völligen Zusammenbruch dauert es Jahre, bis sie ganz genesen ist. Doch sie wird wieder lebensfroh und lernt, auch sich selbst zu lieben. Heute ist die Ordensschwester eine wertvolle Stütze für andere Menschen, die psychisch erkrankt sind.

Auf einem Bergbauernhof in 1 300 Metern Seehöhe muss jeder mitanpacken. Ganz besonders Michaela, die älteste von fünf Geschwistern. Die „große“ Schwester. Nicht nur die Mithilfe im landwirtschaftlichen Betrieb ist ihr Tagewerk. „Pass auf die anderen auf“, sagen die Eltern. „Du könntest doch gescheiter sein“, bekommt sie, die Älteste, zu hören. Sie hat ihre Aufgabe und die muss erfüllt werden. Für Michaelas Bedürfnisse gibt es zu wenig Zeit, zu wenig Geld und zu viel Arbeit.

Meine eigenen Gefühle habe ich nicht gekannt und durfte sie auch nicht wahrnehmen. Ich habe gar keine eigenen Bedürfnisse gehabt, weil ich immer geschaut habe, was die anderen brauchen.

Als junge Erwachsene verlässt die große Schwester den Bergbauernhof. Doch ihr Weg scheint schon festgeschrieben zu sein. Sie tritt in eine Ordensgemeinschaft ein und wird somit immer für andere da sein.

Nein sagen habe ich noch nie können. Außerdem habe ich immer gerne geholfen. Ich habe einen guten Hausverstand und bin geschickt. In vielen Notsituationen habe ich eine Lösung gewusst.

Die junge Frau entscheidet sich für ein weiteres Schwesterndasein: Sie wird Krankenschwester. Für diesen sorgenden Beruf empfindet sie Leidenschaft. Sie ist in ihrem Element. Viele Jahre arbeitet sie mit großer Freude in zwei Salzburger Landspitälern. Ihren Tagesablauf – beten, arbeiten, essen – und einen Teil der freien Zeit verbringen die Mitschwestern miteinander. Sie wohnen im Personalhaus auf dem Spitalsgelände. Im Orden haben die Schwestern neben ihrer Arbeit Spaß beim Kartenspielen oder bei Theaterprojekten. Das Leben miteinander zu gestalten genießt die Bergbauerntochter. In ihren Urlauben geht sie mit einer Freundin jeden Tag Schwammerl suchen und genießt es, beim Wandern die Natur zu erleben. Auf der Männerstation arbeitet die Krankenschwester besonders gerne. Wenn sie heute an die Zeit zurückdenkt, huscht ein Lächeln über ihr Gesicht. Nach einer kurzen Nachdenkpause schildert sie im Lungauer Dialekt, wie erfüllend sie diese fordernde Arbeit empfunden hat.

Wir haben sehr viel Spaß gehabt. Auf der Männerstation ist es lustig gewesen, wir haben aber auch sehr viel gearbeitet. Abends oder nach zwölf Stunden Nachtdienst bin sehr müde, aber auch sehr zufrieden ins Bett gefallen. Meine Mitschwester und ich waren immer zu irgendeinem Blödsinn aufgelegt. Humor hat mir bei der Arbeit immer geholfen. Meine christliche Lebenseinstellung hat mein Leben geprägt. Ich war von Anfang an Krankenschwester aus Leidenschaft. Was die Patienten brauchten, was sie wollten – das habe ich immer genau gewusst. Ihre Dankbarkeit hat mich motiviert. Ich bin für andere da gewesen, habe immer Zeit gehabt und meine eigenen Grenzen nicht gekannt. Aber das ist für mich in dem Alter kein Problem gewesen. Es ist mir ja gut gegangen. Ich habe alles gehabt, was ich zum Leben gebraucht habe. Meine Aufgaben habe ich erfüllt.

Ihre Aufgaben erfüllt die Bergbauerntochter so gut, dass ihr eine Führungsposition übertragen wird. Ohne lange zu überlegen, willigt die Ordensschwester ein, die Pflegedienstleitung einer großen Seniorenresidenz zu übernehmen. Zwar vermisst sie den täglichen Umgang mit den Spitalspatienten, doch es gilt jetzt, neue Herausforderungen zu bewältigen. Schwester Michaela muss dafür sorgen, dass die Heimbewohnerinnen und -bewohner bestmöglich betreut und gepflegt werden. Sie hat auch darauf zu achten, dass es dem Personal gut geht. Diesen Spagat zu meistern erweist sich als sehr schwierig. Weitere Umstände verschärfen die Lage: Das Alter und die Pflegebedürftigkeit der Bewohner steigen mit den Jahren, die Anzahl des Pflegepersonals dagegen wird ständig reduziert. Wie so oft geht es ums Sparen.

In das Seniorenheim sind immer mehr sehr alte und schon sehr pflegebedürftige Bewohnerinnen und Bewohner gekommen. Das Haus hat vier Stockwerke gehabt. Überall, wo ich im Haus hingekommen bin, hat mir das Pflegepersonal gesagt: „Schwester Michaela, wir brauchen ganz dringend mehr Personal. Unsere Bewohner brauchen immer mehr Pflege. Wir schaffen das nicht mehr.“ Ich als Krankenschwester weiß, was für eine professionelle Pflege nötig ist. Darum habe ich in den Sitzungen mit der Heimleitung ständig gesagt: „Wir brauchen mehr Personal, die Arbeit ist zu viel geworden.“ Aber meine Bitten sind völlig ins Leere gegangen. Der Sparkurs ist sogar noch verschärft worden. Es hat nur geheißen: „Michaela, wie stellst du dir das vor? Das Personal ist das Teuerste im Haus. Wir können keine Stellen mehr nachbesetzen.“

Während die Ordensschwester über ihre Jahre als Führungskraft erzählt, spricht sie leiser. Sie wirkt nachdenklich.

Ich bin im Spagat zwischen Verwaltung und Pflegepersonal gestanden. Das hat mich innerlich zerrissen. In der Schwesterngemeinschaft hat es zusätzlich allerlei Arbeiten gegeben. Ich bin die Jüngste gewesen und habe allerlei Zusatzarbeiten übernommen. Irgendwann hat das Grenzen.

Die machen sich aber erst bemerkbar, als Schwester Michaela sie bereits lange überschritten hat. Sie geht so weit über ihre physischen und psychischen Grenzen hinaus, dass sie sich immer weniger spürt und schließlich ihre einstige Lebensfreude verliert. An einem sonnigen Apriltag 1994 kommen ihr zum ersten Mal Suizidgedanken.

Ich habe gedacht: Jetzt schaffe ich es nicht mehr. Ich habe mich ausgebrannt gefühlt und daran gedacht, mein Leben zu beenden. Es ist so aussichtslos gewesen. Damals bin ich in eine lange suizidale Lebensphase gerutscht. Aber kaum jemand hat davon etwas bemerkt. Ich bin eine ausgezeichnete Schauspielerin gewesen. Meine Familie hat am wenigsten davon erfahren. Die Mitschwestern haben es teilweise mitbekommen. Sie sind aber mit dieser schwierigen Situation überfordert gewesen.

Gewohnt, keine Schwäche zu zeigen, überspielt die Pflegedienstleiterin ihre Depression und ihre bedrohliche Situation. Sie ist am Ende, kann es sich aber nicht leisten, vor 100 Angestellten schwach und psychisch krank zu sein. Dann könnte sie ja ihre Rolle als Führungsperson nicht mehr erfüllen. Die Arbeit ist da, doch ihre Kraft ist verschwunden. Theoretisch ist sie nicht mehr arbeitsfähig. Praktisch ist das für sie aber undenkbar. Dafür ist sie viel zu leidenschaftlich Krankenschwester und Pflegedienstleiterin.

Dieser bedrohliche Zustand geht über Jahre. Schwester Michaela nimmt zwar neben der Arbeit eine Zeit lang Psychotherapiestunden, lässt diese aber bald wieder sein. Einmal nimmt sie eine Auszeit, hofft, dass drei freie Monate ihre Situation verbessern. Doch das passiert nicht. Im Gegenteil. Jahr um Jahr sieht sie weniger Sinn im Leben. Sie wird kraftlos, verliert ihre Lebensfreude und jeglichen Antrieb. Nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt kehrt sie sofort wieder in ihr Arbeitsfeld zurück. Was sie damals noch nicht weiß: Wenn sie immer wieder zurück in ihre Arbeit und in ihr Umfeld geht, kann sie nicht gesund werden. Sie selbst gesteht sich nicht zu, ihre Stelle zu verlassen. Niemand erkennt, wie dramatisch die Lage ist. Wie sehr die Depression durch die anhaltende Überlastung schon fortgeschritten ist. Die Pflegedienstleiterin steht in diesen Jahren direkt am Abgrund.

Das Schlimme war, dass ich in dieser Zeit immer daran gedacht habe, mein Leben zu beenden. Meine Gedanken haben so ausgesehen: „Wenn ich diese Stunde noch aushalte, gut. Wenn ich die nächste nicht mehr aushalte, dann nicht mehr.“ Mit meinem Leben Schluss zu machen, wäre für mich damals überhaupt kein Problem gewesen. Ich bin voll davon überzeugt gewesen: „An einer psychischen Krankheit kann man genauso sterben, wie an einem Karzinom.“ Ich nehme mir selber ja nur dann das Leben, wenn ich keinen anderen Ausweg mehr sehe.

Trotz allem habe ich weitergearbeitet. In ganz schlimmen Zeiten habe ich mich jede Stunde bei meiner Ärztin melden müssen. Eigentlich kann man da nicht mehr von Arbeiten sprechen. Das Ganze war grenzwertig. Für eine Krankenschwester ist es kein Problem, das eigene Leben mit Medikamenten zu beenden. Ich habe Zugang zu allen Medikamenten gehabt und hätte mir einfach eine Infusion legen können. Im schlimmsten Fall hätte ich alles gehabt, um Schluss zu machen. Durch meinen Kopf ist immer wieder derselbe Satz gegangen: „Wenn ich es nicht mehr aushalte, brauche ich nicht mehr lange zu überlegen. Dann weiß ich, was ich tue.“

Letztlich zögert die schwerkranke Frau aber immer wieder. Dass sie sich nicht das Leben nimmt, hat mit ihrer langen Erfahrung zu tun. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen im Krankenhaus hat sie oft erlebt, dass jemand aus Verzweiflung 20 Tabletten geschluckt hatte. Dass sie diesen Patientinnen und Patienten den Magen ausgespült haben. Dass diese danach fünf Stunden geschlafen haben und die Sache ist erledigt gewesen – oder auch nicht. Die Krankenschwestern haben es bei etlichen Betroffenen mitbekommen, dass diese durch ihren Suizidversuch eine dauerhafte Beeinträchtigung erlitten haben. Einzelne sind bis an ihr Lebensende pflegebedürftig geblieben. Das schreckt die Pflegedienstleiterin ab.

Du hast keine Gewähr, dass der Suizid gelingt. In der richtigen Minute kommt dann noch wer und es geht schief. Ich wollte nicht mit 50 Jahren irgendwo als Pflegefall liegen. Also habe ich meine Rolle weiterhin ausgefüllt. Das Überspielen meiner Krankheit ist mir später auf den Kopf gefallen. Meine Mitschwestern haben meine Not nicht verstehen können und gemeint, es fehle mir doch an nichts. Nur zwei haben meine stumme Sprache verstanden.

Die Spirale dreht sich unaufhörlich abwärts. Schwer depressiv empfindet die Pflegedienstleiterin ihr Leben zunehmend als aussichtslos. Sie hat keine Kraft und keine Hoffnung mehr. Im Jahr 2006 bricht sie völlig zusammen. Erst jetzt, als sie ihre Krankheit nicht mehr überspielen kann, bespricht sie mit ihrer Psychiaterin, was sie tun und in welches Krankenhaus sie gehen soll.

Es wird zehn Jahre dauern, bis Schwester Michaela wieder gesund ist. Neun Wochen wird sie in der Psychiatrie behandelt. Am Ende der neun Wochen erlebt sie keine Änderung, keine Besserung – so weit ist ihre Erkrankung schon fortgeschritten. Doch sie wird entlassen. Nach den Worten der Oberärztin ist sie „austherapiert“. Für sie ist das eine schlimme Aussage. Austherapiert zu sein heißt für die Schwester: Da kann man nichts mehr machen. Es geht ihr so schlecht, dass sie für eine Psychotherapie nicht geeignet ist. Manchmal kann sie nicht einmal „ja“ oder „nein“ sagen. Sie hat oft das Gefühl, dass sie völlig leer ist. Die Luft ist raus. Eine vertraute Mitschwester begleitet sie während dieser schlimmen Zeit. Was ihr damals geholfen hätte? Das weiß sie erst heute.

Ich hätte mir jemanden gewünscht, der das „Nicht-Aushaltbare“ mit mir aushält. Jemanden, der gesagt hätte: „Ich habe auch einmal so eine schlimme Zeit erlebt. Die Zeit wird wieder besser.“ Jemanden, zu dem ich hätte sagen können: „Es ist immer noch gleich schlecht und das Ganze ist einfach ‚scheiße‘.“

So eine Person gibt es damals nicht für Schwester Michaela. Durch die Arbeitsunfähigkeit und durch ihren schlechten Allgemeinzustand rutscht ihr Selbstwert unter null. Allein für das morgendliche Aufstehen, Duschen und Anziehen braucht sie manchmal zwei Stunden. Ihre größte Sorge ist, dass sie allein nicht mehr leben kann. Dass sie Sachen von der Apotheke nicht mehr selbst holen kann, dass sie immer jemanden um Hilfe bitten muss. Sie hat das Gefühl, überhaupt nichts mehr allein tun zu können. Doch wer sollte diesen Zustand wirklich ermessen können, wenn er ihn noch nicht am eigenen Leib erfahren hat?

Nur wer eine Depression selbst erlebt hat, weiß, wie sich das anfühlt. Das habe ich schmerzlich zu spüren bekommen. Psychiater lernen im Studium, welche Krankheitsbilder es bei psychischen Krankheiten gibt und welche Psychopharmaka sie verordnen müssen. Selber erleben sie die Krankheit aber nicht und verstehen daher auch nicht wirklich, wie schlecht es schwer depressiven Menschen geht. Ich erinnere mich deutlich an zwei Beispiele.

Eine Oberärztin der Psychiatrie hat mich stets mit folgenden Worten begrüßt: „Gell, heute geht es Ihnen schon ein bisschen besser.“ Mir ist es aber um kein Haarbreit besser gegangen, sondern Tag für Tag hundselendig schlecht. Und sie hat immer wieder gesagt: „Gell, heute ist es schon besser.“

Eine fromme Assistenzärztin ist tagelang zur Visite gekommen. In ihrer Hilflosigkeit hat sie begonnen, mit mir zu beten. Ohne mich zu fragen, ob ich das möchte. Ich habe nicht beten können. In meiner Kraftlosigkeit habe ich mich damals nicht wehren können. Im Glauben habe ich überhaupt keine Kraft gefunden. Von der Vernunft her wusste ich, woraus mein Ordensschwesterdasein besteht. Aber der Begriff „Glaube“ war zehn Jahre lang so weit weg, als wäre er nie da gewesen.

Es wird zum damaligen Zeitpunkt noch Jahre dauern, bis die Schwester gegen solche Behandlung aufbegehrt. Acht Jahre nach ihrem Psychiatrieaufenthalt fährt sie nach Schwarzach, um der Oberärztin der Psychiatrie von damals zu sagen: „Jeder Mensch mit einer Depression hat das Recht zu sagen, dass es ihm noch immer ganz schlecht geht.“ Mit der frommen Assistenzärztin, die damals immer wieder zum Beten in ihr Krankenzimmer gekommen ist, wird sie Jahre später ebenfalls sprechen und dabei erfahren, dass diese inzwischen Glaube und Medizin trennt.

Während ihres Spitalsaufenthaltes hatte es auch schöne Szenen gegeben. Eine Ärztin hatte mit einer einfachen, sehr menschlichen Geste Schwester Michaelas Herz berührt.

Während des stationären Aufenthaltes auf der Psychiatrie habe ich weiter meine Suizidgedanken überspielt, mich nur selten dem Pflegepersonal anvertraut. Deshalb haben sie mir gesagt, ich solle mich melden, wenn ich wieder so schlimme Suizidgedanken hätte. Eines Abends ist es mir richtig schlecht gegangen. Ich habe Bescheid gegeben. Die Schwestern haben mir gesagt, sie schicken mir die Ärztin. Die hat sich zu mir ans Bett gesetzt und gesagt: „Ich bleibe bei Ihnen, bis Sie schlafen.“ Das war so ein feines Gefühl. Sie hat mich gefragt, ob ich meine Medikamente genommen habe, noch ein paar Worte geredet und ich bin eingeschlafen. Diese kleine Geste hat mich so berührt. Sie hat mir gezeigt, dass ich nicht alleine bin und dass ich ein Stück weit verstanden werde. Acht Jahre später habe ich sie mit einem Gugelhupf besucht und mich noch einmal bedankt. Und siehe da: Die Ärztin hat sich auch noch genau an den Abend erinnert.

Schwester Michaela vor ihrer Krise: Sie war Krankenschwester aus Leidenschaft, für jeden Spaß zu haben und immer bereit dazu, anderen zu helfen. Ihre eigenen Bedürfnisse und Grenzen kannte sie nicht.

Menschen, die sie annähernd verstanden haben, waren der Ordensschwester neben der fachärztlichen Begleitung die größte Hilfe auf dem Weg der Besserung. Ganz langsam ist sie wieder auf die Beine gekommen. Auf ein Blatt Papier zeichnet Schwester Michaela mit Kugelschreiber eine Linie. Setzt eine kleine Stufe, dann wieder eine lange Linie bis zur nächsten kleinen Stufe. Die Treppe symbolisiert ihren Genesungsverlauf: Immer wieder geht es ihr in den ersten Jahren nach dem stationären Psychiatrieaufenthalt monatelang gleich schlecht. Dann kommt ein kleiner „Hupser“ – ein Tag, der ein bisschen besser ist. Danach wieder eine lange schwierige Phase und es macht wieder einen „Hupser“. Die Schwester zeigt auf die oberste Stufe ihrer Zeichnung.

Auf der obersten Stufe bin ich nach mehr als zehn Jahren angekommen. Es ist immer auf und ab gegangen. Das war ein langer Gesundungsprozess. Mit der Zeit habe ich endlich erkannt: Wenn sich an meinem Zustand etwas verändern soll, kann und muss ich meinen Beitrag dazu leisten. Und verbessern kann sich nur dann etwas, wenn ich alte Verhaltensweisen loslasse und neue annehme. Endlich habe ich mir zugestanden: „Heute geht es schwer, aber morgen geht es wieder leichter.“ So denken zu dürfen, das habe ich mühsam lernen müssen, doch es hat mich viel gelassener und wieder zuversichtlich gemacht. Sehr geholfen hat mir, dass ich seit dem Klinikaufenthalt alle sechs Wochen zur Oberärztin der Psychiatrie gehen darf. Außerdem nehme ich Psychotherapiestunden und meine Tablette. Die Tablette will ich gar nicht lassen, denn ich will das nie, nie wieder erleben. Zu den Mitschwestern sage ich immer: „Ihr müsst mir eine Packung Cipralex in den Sarg legen. Sicher ist sicher!“

Inzwischen geht es der Ordensschwester wieder gut. So gut, dass sie mit ihrer Krankheits- und Gesundungserfahrung heute als Genesungsbegleiterin eine wertvolle Stütze für psychisch erkrankte Menschen ist. Die Schwester, die jetzt Zivilkleidung trägt, arbeitet seit 2016 mehrmals pro Woche im Peer Center Salzburg. Seit 2018 leitet sie diesen vom Land Salzburg finanzierten Verein, der kostenlose Beratung und Gruppenangebote anbietet. Hier arbeiten ehrenamtlich weitere Genesungsbegleiterinnen und -begleiter. Diese müssen selbst einmal an einer psychischen Krankheit gelitten haben, Psychotherapie absolviert haben und Psychopharmaka genommen haben. Dazu gehört auch, dass sie auf dem Weg der Gesundung schon ein gutes Stück vorangekommen sind.

Was unsere Teammitglieder sich während ihrer eigenen Erkrankung gewünscht hätten, das leisten sie im Peer Center für Betroffene. Wir hier wissen, wie sich beispielsweise eine Depression wirklich anfühlt. Dadurch fühlen sich unsere Besucherinnen und Besucher verstanden. Man ist hier auf Augenhöhe. Allen ist gemein, dass sie persönliche Erfahrungen mitbringen. Die Besucherinnen und Besucher müssen nicht erklären, was sie gerade empfinden. Wir kennen die Probleme. Das haben viele unserer Besucher in der Klinik oder bei ihren Therapeuten vermisst. Einen Menschen, mit dem man ohne Tabus auf Augenhöhe über die eigene Krise reden kann. Einen Menschen, der sagen kann: „Ich habe das auch erlebt. Wenn du willst, begleite ich dich durch diese schwere Zeit.“

Mittlerweile Seniorin, blüht Schwester Michaela in ihrer neuen Arbeitsstelle auf. Man sieht es ihr an. Wenn sie von ihrer ehrenamtlichen Arbeit redet, strahlt sie über das ganze Gesicht. Die Arbeit macht ihr Freude. In den Jahren ihrer Genesung hat sie gelernt, zu ihren Bedürfnissen zu stehen. Endlich weiß sie, was zu tun ist, wenn sie sich einmal schlecht fühlt. Sie geht auch weiterhin wöchentlich zu ihrer Psychotherapeutin und alle zwei Monate zu ihrer Psychiaterin. Und endlich hat diese Krise etwas Gutes. Schwester Michaela gibt mit Herzblut all das weiter, was sie gelernt hat. Beispielsweise, dass Betroffene niemals sofort ihre Tabletteneinnahme abbrechen sollen, auch wenn es ihnen momentan besser geht. Oder dass sie nach einem Psychiatrieaufenthalt möglicherweise ihren Arbeitsplatz und ihre privaten Lebensumstände ändern müssen.

Aus meiner Krise habe ich viele Erfahrungen mitgenommen. Als ich gesehen habe, dass ich damit vielen Leuten helfen kann, wollte ich das tun. Das ist wohl das Wesen einer Krankenschwester, da habe ich lebenslänglich bekommen. (Sie lacht laut auf.) Aber ich habe während meiner Genesung gelernt, auch mich selbst zu lieben und meinen Bedürfnissen Platz zu geben. Inzwischen kann ich schon viel besser nein sagen. Ich bin selbstbewusster geworden und mache mir für meine Arbeit jetzt einen genauen Zeitplan. Wenn ich Energie brauche, gehe ich in die Natur, male, stricke, höre Musik oder gehe mit Freundinnen auf ein Eis. Dann fühle ich mich gleich wieder ruhiger, freudiger und stärker. Meine allerwichtigste Erfahrung aus dem Ganzen ist: Dass ich selber erlebt habe, wie man aus einer völlig aussichtlosen Situation, wo der Selbstwert unter null ist, etwas ganz Neues machen kann. Und zwar so, wie man es nie für möglich gehalten hätte. Ich weiß heute, dass diese Krise zum größten Segen meines Lebens geworden ist.

Weil sie das Wesen einer großen Schwester, einer Krankenschwester noch immer in sich trägt, setzt sich die Lungauerin mit Herz und Seele für das Peer Center ein. Sie berät Besucher, sie hält Wahrnehmungsgruppen, Frühstücks-Gesprächsgruppen und das Team zusammen. Zusätzlich macht die Genesungsbegleiterin Zeitungsredaktionen auf das Center aufmerksam und trommelt, wo sie kann, um Geld. Denn die Fördermittel von Land und Stadt, um Miete, Öffentlichkeitsarbeit und Informationsbroschüren zu bezahlen, sind sehr knapp bemessen. Mit ihrer offenen Art gewinnt die Seniorin immer wieder Förderer. Denen erklärt sie anschaulich, was ihr Team hier macht und redet dabei, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Manchmal muss sie schimpfen. Es ist etwas Rebellisches in ihr zum Vorschein gekommen. Sie weiß, wofür sie kämpft.

Unlängst habe ich der zuständigen Dame beim Land gesagt: „Wissen Sie, wir arbeiten alle ehrenamtlich und müssen dauernd Anträge schreiben, damit wir annähernd genügend Geld zum Überleben des Peer Centers haben. Wir ersparen ja der Gesellschaft Geld, wenn Leute, die wir beraten, nicht mehr ins Spital müssen.“ Kurz darauf hat sich das Fördergeld leicht erhöht.

Ganz ohne ist ihr Einsatz nicht. Er kostet viel Zeit und Energie. Bekannte sagen im Spaß, sie habe im Peer Center ihren Zweitwohnsitz. Wenn manchmal die ehrenamtliche Arbeit zu viel wird, macht sie einen Tag Pause. Sie denkt dann: „Heute könnt ihr mich gernhaben.“ Die Schwester kümmert sich immer noch sehr viel um andere. Aber heute sorgt sie endlich auch für sich selbst. Arbeit und Zuhause sind getrennt. Sie schaut auf sich, kennt ihre Bedürfnisse und richtet sich nach ihnen.

An einem warmen Junimittwoch sitzt Schwester Michaela im gelb gestrichenen Frühstücksraum des Peer Centers. In blauem Shirt und blauer Hose sieht sie sportlicher aus als früher. Für heute ist Schluss mit der Beratungsarbeit. Schwester Michaela trinkt ihre Kaffeetasse leer und räumt ab. Sie geht zu ihrem Fahrrad und radelt in der Abendsonne nach Hause. Sie freut sich auf morgen, da hat sie frei.

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