Kitabı oku: «Bin kaum da, muss schon fort»

Yazı tipi:

Sabine Herold (Hrsg.)

Bin kaum da, muss schon fort

Eltern fehl- und totgeborener Kinder

berichten von ihren Erfahrungen


Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

2., überarbeitete Auflage 2011

ISBN 9783865066527

© 2006 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers

Titelfoto: shutterstock

Die Skulpturen »Bleib Sein Kind« und »Immer geborgen« auf den Umschlaginnenseiten wurden von Dorothea Steigerwald geschaffen.

www.dorothea-steigerwald.de

© Brendow Verlag, Moers.

Nachdruck nur mit Genehmigung des Verlags

Satz: Hans Winkens, Wegberg

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2014

www.brendow-verlag

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vowort zur 2. Auflage

Vorwort: Wie alles anfing

Zum Aufbau des Buches

Teil I Die fehlende Geburt

Geburt ohne Kind (Sabine Herold)

Besser ein großer Abstand als gar keiner! (Nadja Hadem)

Erst eins, dann zwei … (Anonym)

Für immer in meinem Herzen! (Andrea Berger)

Gott sieht die Leere (Reingard Reuter)

Abschied am Fluss (Ruth Bühler)

Kurz, aber schmerzvoll (Tobias Rautenberg)

»Nur eine Fehlgeburt …« (Jutta Koslowski)

Männer weinen nicht (Erich Koslowski)

Teil II Geburt des Todes

In den Himmel geboren (Patricia Knodel)

Für Gabriel (Rainer Knodel)

Meine Reise mit Rebecca (Sheri Neufeldt-Fast)

Rebecca (Arnold Neufeldt-Fast)

Philippe, du beibst in meinem Herzen (Kathrin Meyer-Trautwein)

Bevor wir dich kennenlernen durften … (Anonym)

Jonas, ein Gedanke Gottes (Vreni Wittwer)

Ein kurzes, wertvolles Leben (Angelina Heusser)

Teil III Trauern erlaubt!

Trauerwege schrittweise gehen (Tobias Rautenberg)

Der frühe Tod eines Kindes (Franziska Maurer)

Begleitung durch eine Hebamme in der Folgeschwangerschaft (Kathrin Anteuer-Bärtschi)

Und Gott? (Sabine Herold)

Anhang

Weiterführende Adressen/Informationen für Deutschland

Internetadressen

Weiterführende Adressen/Informationen für die Schweiz und Österreich

Weiterführende Literatur

Vorwort zur zweiten Auflage

Das Buch »Bin kaum da, muss schon fort« hat vielen Frauen geholfen, ihren tiefen Schmerz nach einer erlebten Fehl- oder Totgeburt (oder sogar nach mehreren) wahrzunehmen, zu verstehen, sich diesem zu stellen und sich die notwendige Trauer zu erlauben. Seitdem ich als Pfarrerin in der reformierten Landeskirche in der Schweiz tätig bin, erlebe ich eine immer größere Offenheit in Bezug auf dieses sensible und leider immer noch tabuisierte Thema. Bei Frauentreffen, Frauenfrühstücken, Besuchen, Taufgesprächen oder in der Seelsorge öffnen sich Frauen und berichten mir von ihrem Erleben. Manchmal ist es auch nur eine kurze »Bemerkung am Rande«, die auf das traurige Geschehen verweist. Manchmal wünschen sich Frauen Begleitung, um mit einer Person ihres Vertrauens über ihren Schmerz sprechen zu können.

Als Pfarrerin ist es mir ein Anliegen, Menschen Mut zu machen, ihre schmerzenden Sandkörner anzuschauen und darüber zu reden, damit sie wie in einer Muschel – zwar in einem schmerzhaften Prozess, aber doch Schicht für Schicht – in eine kostbare Perle verwandelt werden können. Gott bietet uns dazu sein Perlmutt an und auch dieses Buch ist für mich inzwischen wie eine Schicht Perlmutt geworden auf dem Weg zu der je eigenen, unverwechselbaren, einzigartigen Lebensperle. Dies wünsche ich mir und allen Leserinnen und Lesern für diese zweite Auflage!

Sabine Herold

Vorwort

Wie alles anfing

Nicht mehr schwanger, doch nicht schwanger, leerer Bauch, Ent-Täuschung, vorbei der Traum – kein Kind.

Wie viele Frauen verlieren ihr Kind durch eine Fehlgeburt oder Totgeburt! Wie viele warten vergeblich darauf, schwanger zu werden! Für wie viele ist die Geburt mit großen Ängsten verbunden! Wie viele erleben die Geburt wie ein Trauma oder bangen noch wochenlang um das Leben ihres Kindes – zwischen Hoffnung und Resignation! Wie viele nehmen sich nicht die nötige Zeit zum Trauern und Loslassen. Wie viele sprechen nicht darüber!

Wie viele müssen ihr Kind, das in ihrem Bauch, in ihrem Herzen oder in ihrer Vorstellung gewachsen ist, wieder loslassen! Es sind so viele!

Hannah Lothrop schreibt in ihrem Buch »Gute Hoffnung – jähes Ende. Fehlgeburt, Totgeburt und Verluste in der frühen Lebenszeit. Begleitung und neue Hoffnung für Eltern«: »Obwohl schätzungsweise jede vierte oder fünfte Schwangerschaft in einer Fehlgeburt endet (manche Fachleute schätzen sogar, dass jede zweite Frau mindestens einmal im Leben eine derartige Erfahrung macht!) und darüber hinaus ca. jedes 133. Baby in Deutschland entweder tot geboren wird oder den ersten Lebensmonat nicht überlebt, verbannen wir die Vorstellung von dieser Möglichkeit aus unseren Gedanken. Unsere Ängste dürfen sich höchstens in unseren Träumen zeigen« (S. 18).

Nach meiner Fehlgeburt brauchte ich einige Wochen, bis ich den Schmerz überhaupt richtig zulassen und mir die Trauer zugestehen konnte. Das Trauern und Weinen, das Darübersprechen, das Schreiben und Malen taten gut. Und als ich mir erlaubte, mir Zeit zu lassen, fiel eine Last von meinen Schultern.

Ich erlebte einfühlsame Reaktionen von Freunden, Verwandten und Bekannten. Doch ich erlebte auch das andere: dass ich es einigen gar nicht sagen wollte, weil ich Angst hatte, von ihnen durch unangebrachte Antworten oder Floskeln verletzt zu werden.

Ich hatte während dieser Zeit so manches Mal das innere Drängen, diese oder jene Freundin anzurufen und ihr von meinem Verlust zu erzählen. Zu meinem Erstaunen »outeten« sich diese Frauen oft selbst als Betroffene, die ein oder sogar mehrere Kinder durch eine Fehlgeburt verloren hatten. Diese Frauen halfen mir am meisten, da sie genau nachvollziehen konnten, was der Verlust eines Kindes bedeutete. Sie konnten mit-fühlen und nahmen Anteil. Ich wandte mich auch bewusst an Frauen, von denen ich hörte oder wusste, dass sie betroffen waren, und fragte sie um Rat, den ich gerne annahm.

Außerdem ging ich auf die Suche nach christlicher Literatur zu diesem Thema, da für mich ganz klar war, dass ich mich mit diesem Verlust vor allem auch von meinem Glauben her auseinander setzen wollte. Ich fand jedoch nichts. Anderen Frauen erging es genauso.

Nachdem ich meinen persönlichen Trauerweg gegangen war, wuchs in mir das Anliegen, ein Buch zum Thema Fehlgeburten und Totgeburten herauszugeben. Es sollte dabei nicht um eine theoretische Abhandlung, um medizinische Informationen oder Statistiken gehen, die in Fachbüchern oder im Internet nachgelesen werden können, auch nicht um eine Liste mit Tipps, also um ein Nachschlagewerk oder einen »Fehlgeburten-Guide«. Es ging mir nicht darum, nur einzelne Zitate von Betroffenen einzufügen oder die Artikel zu kommentieren und darauf die Theorie zum Thema Fehlgeburten aufzubauen, die es meines Erachtens nicht gibt. Ich wollte eine Sammlung mit Berichten von betroffenen Frauen oder Paaren, die ihre eigene Geschichte erzählen, die beschreiben, wie sie den Verlust des Kindes oder der Kinder erlebten, wie sie trauerten, was ihnen am meisten half und wie sie mit dem Schmerz umgingen und diesen in ihr Leben integrierten.

So ging ich auf die Suche nach betroffenen Frauen und Paaren, die bereit waren, den Verlust ihres Kindes zu Papier zu bringen. Ich fragte zuerst die Frauen, die ich schon kannte. Diese fragten wiederum Betroffene, die sie kannten, und so weiter. Ich machte auch zahlreiche Interviews, aus denen weitere Geschichten entstanden.

Wenn ich nun all die Texte vor mir sehe, all diese ganz persönlichen Geschichten, dann kann ich nur sagen: Die Arbeit hat sich gelohnt! Jeder Bericht spricht für sich, entspringt einer persönlichen Geschichte und manchmal einem langen, schmerzhaften Weg. Jede Geschichte ist anders. Jeder Trauerprozess verläuft individuell und doch ähnlich.

Während ich Betroffene fragte, ob sie bei diesem Projekt mitmachen wollten, merkte ich, wie tabu doch das Thema Fehlgeburt ist. Immer wieder erwähnten Frauen, dass sie kaum darüber sprachen und im Moment der Fehlgeburt nicht wussten, dass es unzählige Betroffene gibt. Manche haben mir auch abgesagt, weil es ihnen zu nahe ging bzw. weil sie damit nicht an die Öffentlichkeit treten wollten. Es geht um etwas sehr Persönliches, bei dem mann oder frau nicht schon wieder verletzt werden will. Darum respektiere ich es auch, wenn einige lieber anonym bleiben wollen. Es ist mir wichtiger, dass ihre Geschichte erscheint, wenn auch ohne Namen, als dass ihr wertvoller Beitrag keinen Platz findet.

Warum ist das Thema Fehlgeburten tabu? Was könnten wir tun, dass mehr darüber gesprochen wird, damit Frauen bzw. Paare informiert sind und wissen, dass jedem so etwas passieren kann und sie nicht auf einmal wie aus heiterem Himmel vom Blitz getroffen werden? Wie könnten Gemeinden dazu beitragen, dass Betroffene aufgefangen werden und Hilfe finden? Diese und noch mehr Fragen beschäftigen mich nach wie vor.

Eine Frau aus Kanada, die mir ihre Geschichte auf Englisch erzählte, überraschte mich, als sie sagte: »Wir haben in Kanada inzwischen gelernt, über solche Verluste, über den Tod – auch eines Ungeborenen –, zu sprechen. Wir haben jahrzehntelang die Erfahrung gemacht, dass es ungesund ist, wenn man es verschweigt und tabuisiert. Heute ist es eher tabu, nicht darüber zu sprechen!« Ob wir wohl auch dahin gelangen?

Nicht jede Frau will darüber reden. Das ist auch okay. Es wird jedoch dann zum Problem, wenn sie gerne darüber sprechen würde, aber aus Angst vor eventuellen Verletzungen schweigt oder die Trauer unterdrückt, weil sie nach zwei Wochen angeblich genug geweint hat, wie es vielleicht eine gut meinende Verwandte bemerkt …

Mir fällt auf, dass nach einer erlebten Fehl- oder Totgeburt immer wieder Schuldgefühle und Selbstvorwürfe eine Rolle spielen. Eine weitere Schwangerschaft nach einer Fehlgeburt kann mit großen Ängsten verbunden sein.

Jede Schwangerschaft bedeutet, dass ein Kind im Leib der Mutter heranwächst. Umso größer und schmerzhafter ist dann der Verlust des Kindes, ob sehr früh oder auch spät in der Schwangerschaft. Für unseren Verstand ist es natürlich schlimmer, wenn ein Kind in der zweiten Schwangerschaftshälfte oder kurz vor, bei oder nach der Geburt stirbt. Aber nicht unbedingt im Herzen einer Mutter, die ihr Baby verliert.

Dieses Buch soll betroffenen Frauen und Paaren helfen, ihren eigenen Schmerz über den Verlust eines Kindes zuzulassen, sich damit auseinanderzusetzen, ihn auszudrücken und zu wissen, dass es Frauen gibt, die das auch erlebt haben und verstehen, was sie gerade durchmachen. Vielleicht finden sich die einen in dem einen Bericht wieder, andere Betroffene in einem anderen.

Für dieses Buch habe ich auch ganz bewusst Frauen gefragt, von denen ich wusste, dass Gott für sie eine wichtige Rolle spielt, und denen ihr Glaube bzw. ihre Beziehung zu Gott geholfen hat. Gott war damals mein Halt, der, vor dem ich weinen, trauern, klagen, auch anklagen durfte, der mir zuhörte, der mir keine Vorwürfe machte oder mich mit Allgemeinplätzen abspeiste. Er war da. Das tat gut, obwohl der Verlust so unendlich wehtat. Ich bin davon überzeugt, dass Gott und der Glaube als unsichtbare Dimension und Lebenskraft eine neue Tür in der Trauer öffnen und Hoffnung über alle menschlichen und medizinischen Grenzen hinaus geben können.

Ich hoffe, dass viele Frauen und Männer durch die persönlichen Berichte in diesem Buch ermutigt werden und mit neuer Hoffnung aus dem Trauerprozess herauskommen, damit sie auch wieder andere trösten und ermutigen können.

Aber dieses Buch ist nicht nur für Betroffene gedacht, sondern auch für SeelsorgerInnen, GemeindeleiterInnen, Eltern und eigentlich jeden Menschen. Vielleicht hilft es und sensibilisiert, mit Betroffenen, die ein Kind verloren haben – und war es auch noch so klein oder jung und ungeboren –, im Schmerz mitzufühlen und Anteil zu nehmen: auch mit wenigen Worten; durch Da-Sein, durch Zuhören oder auch durch Schweigen.

Ich danke an dieser Stelle allen, die sich bereit erklärt haben, mitzumachen, sich zum Teil sogar noch einmal dem tiefen Schmerz zu stellen, aber dadurch auch noch einen Schritt weitergekommen sind. Ich danke ganz besonders denen, die den Mut hatten, ihren Namen unter ihren Text zu setzen, auch den Männern, die bereit waren, ihre Perspektive mitzuteilen.

Sabine Herold

Zum Aufbau des Buches

Normalerweise wird zwischen Fehlgeburt (frühe und späte Fehlgeburt) und Totgeburt unterschieden. Eine frühe Fehlgeburt geschieht bis zur 12. Schwangerschaftswoche, eine späte bis zur 25. Von Totgeburt spricht man, wenn das Kind über 500 g schwer ist und im Mutterleib oder während der Geburt stirbt.

Ich nehme in diesem Buch eine andere Einteilung vor. Es gibt Frauen, denen das Kind sehr früh im Mutterleib abstirbt und die es dann durch Blutungen oder eine Ausschabung (Curettage) verlieren. Die Berichte dieser Frauen finden sich im ersten Teil: Die fehlende Geburt: Ein Kindes stirbt im Leib der Mutter in der frühen Schwangerschaft.

Bei anderen Frauen stirbt das Kind in einer späteren Schwangerschaftsphase. Ab etwa der 12. – 16. Woche kann das Kind nicht mehr durch eine Curettage geholt werden und muss geboren werden. Hier liegt für mich der entscheidende Unterschied. Berichte hierüber bilden den zweiten Teil: »Geburt des Todes: Ein Kind stirbt im Leib der Mutter und muss tot zur Welt gebracht werden«.

Die persönlichen Beiträge sind meines Erachtens wertvoll und nicht durch ein Fachbuch zu ersetzen. Andererseits soll das Buch nicht allein auf der persönlichen Erfahrung gründen, sondern auch Wissen vermitteln und durch Informationen Hilfestellung geben. In einem dritten Teil »Trauern erlaubt! Ein steiniger, aber lohnender Weg. Fachbeiträge zum Thema Trauerprozess« kommen zwei Hebammen zu Wort, die Frauen in und nach einer Fehlgeburt bzw. Totgeburt oder auch in einer Folgeschwangerschaft begleiten. In einem weiteren Beitrag werden die Phasen der Trauer erklärt.

Und Gott? Die Auseinandersetzung mit der Frage nach Gott gerade in solch schmerzhaften Situationen soll ein Anfang neuer Hoffnung nach den Verlusterfahrungen und ein Trost sein, dass auch der noch so kleinste Hauch von Leben in Gottes Händen ist.

Das Buch schließt mit einem Anhang, in dem weiterführende Informationen, Adressen, Internetseiten und Literatur aufgeführt sind, die weiterhelfen sollen, sich in das Thema zu vertiefen oder mit Anlaufstellen Kontakt aufzunehmen.

Teil I

Die fehlende Geburt

Ein Kind stirbt im Leib der Mutter in der frühen Schwangerschaft

Geburt ohne Kind

Ich habe es mir auf dem Sofa bequem gemacht, die Beine hochgelegt und versuche nun, mich zu entspannen. Ich will mich schonen, aber das ruhige Liegen fällt mir schwer. Mit einem dreijährigen Wildfang ist das fast unmöglich. Aber jetzt liege ich da. Ich bin in der achten Woche schwanger. Vor vier Tagen haben leichte bis mittlere Blutungen eingesetzt, die mich schockiert und verwirrt haben. Im ersten Moment habe ich gedacht, dass nun alles aus sei, und mich gleich auf den Weg ins Krankenhaus gemacht. Es war nicht alles aus. Der Ultraschall war in Ordnung. Die Ärztin hat mich beruhigt, und ich bin wieder nach Hause gefahren – nicht ganz so beruhigt. Zwischendurch haben die Blutungen aufgehört, dann sind sie wiedergekommen. Seit Tagen geht das so, aber es scheint ein bisschen besser geworden zu sein. Ich habe wieder Hoffnung und versuche, alles ruhiger zu nehmen. Sämtliche Termine sind abgesagt. Ich bleibe zu Hause.

Der Stich durch die Seele

Auf einmal geht ein schmerzhafter Stich durch meinen Unterleib. Ich erschrecke, ahne Schlimmes. Es kommt mir vor, als sei mein Kind soeben gestorben. Aber ich weiß es nicht. Wenig später bekomme ich starke Schmerzen. Alles zieht sich zusammen.

Ich mache mich auf den Weg ins Bad. Blut. Ich blute wie verrückt. Es hört nicht mehr auf. Und es tut weh. Das ist nicht normal, denke ich. Ich sehe nicht nur Blut. Da kommt mehr raus: schwarze Klumpen. Ich weine. Jetzt weiß ich, dass ich mein Kind verloren habe.

Wenig später kommt eine Freundin und fährt mich in die Praxis meiner Gynäkologin. Die Ärztin macht einen Ultraschall. Von einer Schwangerschaft ist keine Spur mehr zu sehen. Aus. Vorbei. Die Ärztin reagiert sehr einfühlsam und erzählt mir, dass sie selbst drei Fehlgeburten gehabt habe. Meistens verliere eine Frau ein Kind, wenn ein genetischer Fehler vorliege. Aber das sei trotzdem sehr traurig, da es in unseren Köpfen schon ein fertiges Baby sei.

Mein Kopf versteht, aber mein Inneres kann noch nicht fassen, was in den letzten Stunden geschehen ist und was ich gerade mitgeteilt bekommen habe: keine Schwangerschaft mehr, kein Kind mehr.

Ein Mädchen?

Gerade bin ich aus der Narkose aufgewacht. Die Ausschabung liegt hinter mir. Regelmäßig überwacht eine Krankenschwester meine Werte. Die anderen Betten in meinem Zimmer sind leer. Wenn ich zwischendurch allein bin, weine ich hemmungslos.

Die Tür öffnet sich, und mein Mann kommt herein. Sein Anblick tut mir gut. Er hat mir etwas zum Schreiben mitgebracht. Kaum ist er wieder weg, laufen die Tränen von neuem. Ich erinnere mich an einen Traum, ein paar Nächte, bevor die Blutungen kamen:

Ich merke, dass die Wehen losgehen. Alles geht schnell. Schon liege ich im Kreißsaal, vom Personal umgeben. Die Schmerzen sind unbeschreiblich. Die Freude ist umso größer, als das Kind da ist. Ein Mädchen.

Aber wieso schon die Geburt? Ich bin doch noch am Anfang der Schwangerschaft. Es dauert eigentlich noch sieben Monate.

Jetzt ist meine Schwangerschaft zu Ende. Es dauert keine sieben Monate mehr. Das Kind ist »geboren«– ein Mädchen. Irgendwie hilft mir der Traum von letzter Woche, denn nun ist das Kind kein »Etwas« mehr, sondern hat ein Geschlecht, ist eine Persönlichkeit – meine Tochter!

Brief an mein Kind

Ich nehme den Block, den mein Mann mitgebracht hat, und schreibe einen Brief an mein Kind, aber auch einen Brief an Gott, den ich im Hier und Jetzt nicht verstehe:

Jetzt ist alles vorbei. Kein Kind mehr in mir. Die Angst und Unsicherheit der letzten Tage sind gewichen. Nur der Schmerz bleibt: der körperliche Schmerz im Bauch; die Lücke, die du einst ausfülltest – und der Seelenschmerz.

Mein Kopf will erklären; meine Seele weint. Du bist tot. Und mit dir ist ein Teil meines Herzens gestorben.

Auch wenn mein Körper schon bald den alten Zustand wiedererlangt hat, ist meine Seele noch bei vorgestern, als du noch da warst; bei gestern und bei heute, als mich der Schmerz durchdrang. Meine Seele ist noch nicht im Jetzt angekommen, hat noch ein Kind – und wird dich immer als Kind haben, auch wenn du dann vielleicht im Zimmer der Erinnerung wohnst.

Dein Tod ist im Moment das Schlimmste für mich. Es ist nicht das Ende der Welt. Es ist das Ende meiner Welt!

Das Leben geht weiter; die Zeit läuft unaufhörlich – doch bei mir steht sie still. Gott, ich weiß nicht warum. Aber ich frage dich – und ich warte auf eine Antwort!

In der Nacht wechseln sich Schlaf- und Wachphasen ab. Wenn ich einschlafe, träume ich komische Sachen rund um die Fehlgeburt. Ich weine im Traum und erwache auch weinend.

Schon früh am anderen Morgen beginnt der Tagesbetrieb. Immer noch muss ich weinen. Dann wird ein Bett nach dem anderen neben mir belegt. Ich reiße mich zusammen. Trotzdem bin ich ständig kurz davor, erneut in Tränen auszubrechen.

Ich liege auf dem Bett und schaue aus dem Krankenhausfenster. Das Wetter ist wunderschön. Ich kann sogar bis zu den Alpen sehen, die von sanftem Dunst umgeben sind. Das Morgenrot ist überwältigend. Doch was nützt mir der wunderbare Ausblick?

Gerade habe ich unser zweites Kind verloren. Bisher habe ich immer gedacht, dass mir so etwas nicht passieren kann. Meine Mutter hat vier Kinder zur Welt gebracht, hatte nie Probleme während der Schwangerschaft. Nie eine Fehlgeburt. Wieso sollte mir dann so etwas geschehen?

Was eine Frau durchmachen kann, die ein Kind verliert, war mir bisher fremd, nicht nachvollziehbar. Nun weiß ich selbst, was es bedeutet. »Kind, wo bist du?« Und dann kommen die Selbstvorwürfe: Vielleicht bin ich selbst schuld, dass sich das Kind gelöst hat. Vielleicht hätte ich meinen Sohn nicht mit dem Fahrrad in die Spielgruppe bringen sollen. Vielleicht hätte ich letzte Woche nicht zum Zug rennen sollen, den ich sowieso verpasst habe. Dann waren da die zwei Grippen. Vielleicht sind die der Grund für die Fehlgeburt.

Während ich so in Schuldgefühlen versunken bin, kommt mein Mann. Er hat sich freigenommen, und ich bin sehr dankbar dafür, dass er da ist. Sobald die Ärztin noch einmal vorbeigeschaut und mir weitere Anweisungen und Medikamente gegeben hat, werde ich entlassen. Die Ärztin wünscht mir noch alles Gute. Alles Gute? Was soll das heißen? Was ist jetzt gut für mich?

Zu Hause muss ich immer wieder weinen. Der innere Schmerz überrollt mich unangemeldet, heftig, tief. Doch jedes Mal versuche ich, ihn zu unterdrücken und mich zusammenzureißen, »stark« und »tapfer« zu sein. Ich fühle mich wie in einer anderen Welt, wie neben mir. Alles scheint so surreal zu sein. Vieles ist auf einmal belanglos, und ich merke, was im Leben wirklich wichtig ist.

Was wirklich hilft

Seltsamerweise höre ich in dieser Zeit von mehreren anderen Frauen, dass sie auch eine oder sogar mehrere Fehlgeburten hatten. Diese Frauen können mich am besten verstehen und helfen mir durch ihr Zuhören, ihr eigenes Erzählen, ihre Worte. Ich merke, dass diese Frauen wissen und am eigenen Leib erlebt haben, wovon sie reden. Von ihnen kommen keine Pauschalantworten wie: »Du bist doch noch so jung! Du hast ja schon ein Kind! Sei dankbar dafür! Dein Sohn braucht dich jetzt. Du kannst ja wieder schwanger werden. Das geht vielen so. Du bist halt keine robuste Person …« Derartige Antworten bekomme ich auch zu hören. Ich versuche zu verstehen, dass viele nicht wissen, was sie sagen und wie sie reagieren sollen, und dass wohl die meisten ihre Worte gut meinen. Ich fühle mich von ihnen aber nicht wirklich verstanden.

Was mich vielmehr ermutigt, sind Sätze wie: »Jede Frau erlebt und verarbeitet eine Fehlgeburt anders. Gib und nimm dir jetzt Zeit, um zu realisieren, was alles in dir vor sich geht, um deine Gedanken und Gefühle zu ordnen. Weine, wenn dir danach zumute ist. Lass dir Zeit, von deinem Kind Abschied zu nehmen. Versuche das zu sehen, was du hast, und freue dich daran, zum Beispiel an deinem Mann und an deinem Kind. Akzeptiere nach und nach, dass das zum Leben gehört. Das ist die Realität. Wenn deine Gefühle in der nächsten Zeit sehr schwanken, dann hängt das auch mit dem Hormonwechsel zusammen, den du durchmachst. Suche jetzt viel Nähe zu lieben Menschen und Freundinnen, die dich verstehen. Sprich über das, was in dir vorgeht. Meide Menschen, die dich mit fertigen Antworten abspeisen, die dich stressen und dir die Kraft rauben.« Ja, und ich meide derartige Menschen. Ich überlege mir sehr gut, wem ich von meinem Erleben erzähle und wem nicht, welche Antworten ich vertragen kann und welche nicht.

Die nächsten Tage werden nicht leicht. Ich versuche, den Schmerz zuzulassen, aber es ist jedes Mal ein Kampf. Von zwei Freundinnen bekomme ich Blumen. Einen Strauß Rosen und einen großen Strauß mit riesigen Sonnenblumen. Die Blumengeschenke freuen mich sehr. Ich erinnere mich auch an eine Karte von einer selbst betroffenen Frau, die mich ermutigt. Auch von meiner Mutter bekomme ich einen Brief, in dem steht, dass sich meine Eltern und Geschwister sehr auf das Baby gefreut hätten. Noch jemand, der unser Kind ins Herz geschlossen hat. Mitten in meinem Dunkel gibt es doch immer wieder Lichtblicke – sei es durch ein liebes Wort, eine mitfühlende Geste, eine Umarmung, Zuhören …

Verarbeitung in der Stille

Mein Rucksack ist schwer, zieht mich nach unten, fordert meine letzte Kraft. Ich trage Schmerz, Erschöpfung, Schuldgefühle und Angst mit mir herum. Meine Reise geht ins Tessin, wo eine Woche Stille auf mich wartet, »Geistliche Übungen« genannt. Das Thema lautet: »Zur Ruhe kommen bei Gott«– das, wonach ich mich im Innersten sehne.

Ich bin äußerlich still, aber umso mehr wird mir meine Unruhe bewusst. Ich kämpfe zuerst gegen meine Gefühle, gegen die Tränen und die Trauer. Ich habe Angst, dass mich der Schmerz überrollt. Es fällt mir schwer, »schwach« zu sein und mich gehen zu lassen. Aber jedes Mal, wenn es doch möglich ist, spüre ich Erleichterung.

In meinem Tagebuch halte ich den Trauerprozess täglich fest. Schreiben hilft mir. Es hilft, meine Gedanken und Gefühle und den Schmerz in Worte zu fassen, sie auszudrücken und bewusst zu machen.

Wo bist du, Kind?

Ich suche dich –

doch du bist nicht mehr da;

gegangen, aus mir, weg.

Nichts bleibt –

nur der Schmerz,

ungeweinte Tränen,

Verlust und Trauer.

Ich fühle mich leer,

einsam, verlassen –

unendlich müde.

Wo bist du, Gott?

Ich kann dich nicht finden.

Fremd bist du mir geworden.

Mein Kind hast du mir genommen.

Warum?

Für was?

Erst gibst du, dann nimmst du.

Dein Schweigen quält.

Sprich doch ein Wort –

dein Wort für mich!

Ich bitte Gott um die »Gabe der Tränen«, denn ich merke, dass ich das Weinen nicht erzwingen kann, dass aber trotzdem eine Sehnsucht in mir ist, zu weinen und zu trauern, weil die Tränen innerlich brennen und geweint werden wollen. Mir wird auch bewusst, dass ich Zeit brauche und dass das Erlebte nicht von heute auf morgen »gelöst«, betrauert und abgeschlossen ist. Ich könnte es wegschließen, unterdrücken, verdrängen, aber dann würde es im Unterbewusstsein weiterquälen. Ich bitte Gott, dass er mit mir in meinem Tempo durch den Schmerz geht.

Mir wird klar, dass ich meine Tochter nicht innerhalb von ein paar Tagen loslassen muss, aber dass ich mich mit meinem Kind zusammen Jesus überlassen darf – seiner Liebe, Obhut, seinem Blick und seiner Nähe.

Wenn ich Musik höre und sie in mir klingen lasse, dann wird auch meine Seele berührt, und ein Ventil öffnet sich.

Ich gebe meiner Tochter einen Namen. Sie soll nicht namenlos bleiben. Salome. Friede. Im Namen drückt sich meine Sehnsucht nach innerem Frieden aus, die Sehnsucht, bald auch über diesem Verlust zur Ruhe zu kommen. Noch einmal schreibe ich meiner Tochter, diesmal spreche ich sie mit ihrem Namen an:

Salome, ich sehne mich nach dir. Ich wüsste gerne, wie du ausgesehen hättest – deine Augen, dein Gesicht. Ich möchte dich in meinen Armen halten und liebkosen, möchte dich schützen und versorgen. Ich hätte so gerne erlebt, wie mein Bauch mit dir wächst, doch das wird ein Wunsch bleiben. Ich vermisse es, keine Kindsbewegungen von dir in mir spüren zu dürfen – nachts, wenn ich wach liege, oder auch am Tag. Ich wäre so froh gewesen, dich lebend zur Welt zu bringen, doch tot bist du geboren – als Abort verloren gegangen, ausgeschabt, ein Häuflein Gewebe, zur Unkenntlichkeit entstellt. Ich muss an all die Kinder denken, die nie geboren wurden und werden, auch an all die abgetriebenen Menschlein, die leben wollten, aber nicht durften, deren Leben grausam ein Ende gesetzt wurde. Salome, in meinem Herzen und meinen Gedanken bist du ein Mensch, mein Kind, mein Baby, meine Tochter.

In einer kleinen Kapelle sitze ich lange Zeit vor dem Kreuz und komme mit Jesus ins Gespräch. Endlich bricht die ganze Trauer aus mir heraus. Ich weine hemmungslos, schluchze, kämpfe nicht mehr gegen die Tränen. Sie dürfen kommen. Vor Jesus – dem, der unendlich für mich gelitten hat – brauche ich mich nicht zu schämen. Es tut gut, die Tränen zuzulassen und mich gleichzeitig dem zu überlassen, der mein Kind und mich selbst in der Hand hält.

Am nächsten Tag begegnet mir Jesus in der Stille. In einem inneren Bild bekomme ich drei Geschenke von ihm:

Es ist, als wenn er mir noch einmal für ein paar Wochen lang mein Kind zurückgibt, damit ich mich in Ruhe von ihm verabschieden kann. Ich darf mir Zeit lassen zu trauern.

Zweitens darf ich – eingehüllt in den Mantel seiner Liebe – weinen, klagen, trauern, meine Gefühle und den Schmerz zulassen. Und ich weiß: Jesus ist in diesem Schmerz bei mir. Er trauert mit mir. Vor ihm darf ich sein, wie ich bin, und das kommen lassen, was kommt – auch Tränen!

Das dritte Geschenk ist die Verheißung neuen Lebens. Vielleicht ein weiteres Kind? Ich weiß es nicht.

Die Zeiten der Stille tun gut. Es kommt mir vor, als wenn Jesus mir Sätze sagt wie: »Komm zu mir mit deinem Schmerz; ich weiß darum; ich halte dich. Ich lasse dir Zeit. Lass dir selbst auch Zeit – mindestens so lange, wie deine Schwangerschaft dauerte! Ich gebe dir Anteil an meinem Leben, geliebte Tochter. Und: Deine Salome ist sicher und geborgen bei mir!«

Diese Erfahrungen sind für mich sehr tiefe Begegnungen mit Gott, und ich gebe sie an dieser Stelle nur weiter, weil ich hoffe, dass sie vielleicht Frauen in ähnlichen Situationen trösten und sie ermutigen, sich von Gott ansprechen und halten zu lassen.

Das Wissen darum, dass ich trauern darf, entlastet mich und heilt sogar einen Teil des Schmerzes. Ich erlebe einen kleinen Durchbruch: neue Lebensfreude, Hoffnung, Trost. Der Himmel über mir scheint eine ähnliche Veränderung zu erleben. Bisher hat es nur geregnet. Jetzt endlich bahnen sich die Sonnenstrahlen einen Weg durch die Wolken. Der Himmel bricht auf:

Die Sonne scheint

und wärmt, umarmt und blendet mich –

nach dem Gewitter, den Regenschauern – Himmelstränen.

Licht – für mich.

Trost – von Gott.

Ich gehe zurück in den Schmerz, zu dir, Kind,

halte dich in meinen Gedankenhänden,

schaue dich mit meinem inneren Auge an,

liebe dich, liebkose dich in meinem Herzen.

Dabei bin ich getröstet und gehalten.

Ein Stärkerer ist bei mir,

der »Ich-bin-da«,

der zu mir in die Tiefe kommt,

der meine Schwachheit und Ohnmacht teilt.

Gott, ich überlasse mich dir.

Ich lasse meine »Haltung« los,

um von dir gehalten zu werden;

verliere meine Fassung,

um von dir erfasst zu werden.

Bei meinem nächsten Gespräch mit der Leiterin dieser Stillewoche lade ich endlich meine Selbstanklage, mein schlechtes Gewissen und meine Schuldgefühle, dass das Kind vielleicht wegen mir gestorben ist, ab. Ich vergebe mir selbst und nehme Gottes Vergebung in Anspruch.

Und dann vergebe ich Gott. Das klingt vielleicht seltsam, aber ich gebe ihm mein Nicht-Verstehen, meine Klagen und die vielen Fragen, auf die ich keine Antwort habe. Warum hat er mir meine Tochter genommen, wenn er doch der Gott des Lebens ist? Ich spreche diese Frage aus und weine den Schmerz heraus, und es tut gut. Ich lasse meine Erwartungen, die Schuld, in der er bei mir – wie ich meinte – steht, meine Forderungen, mein angebliches »Recht« auf dieses Kind los.

Schnell geht die Woche im Tessin zu Ende. Mit einem vollen Rucksack, aber mit einem erleichterten Herzen fahre ich wieder nach Hause. Die Trauer nehme ich mit, aber ebenso Trost.

So lange, wie meine Schwangerschaft gedauert hat, so lange lasse ich mir Zeit zu trauern. Dann bin ich bereit, mein Kind loszulassen. Ich nehme in der Stille vor Gott von Salome Abschied. Sie ist nicht verloren, nicht irgendwo, sondern in den liebenden Armen Gottes. Was bei mir zurückbleibt, ist Friede über den Abschied von meinem Kind. Auch wenn noch oft die Tränen fließen und fließen dürfen, kann ich wieder lachen.

In der Gegenwart

Nach ein paar Monaten bin ich wieder schwanger. Wird es diesmal gut gehen? Ich will mich nicht zu sehr freuen, aus Angst, dass es vielleicht wieder ein jähes Ende haben könnte.

Die Schwangerschaft ist ein Geschenk! Ich weiß jetzt, dass es nicht selbstverständlich ist, überhaupt schwanger zu werden, ein Kind auszutragen und gesund auf die Welt zu bringen – es ist reine Gnade! Kein Mensch kann Kinder »machen«. Keine Frau hat ein Recht auf Kinder! Eine Schwangerschaft ist ein Geschenk des Himmels: Gott hat sich dieses Kind ausgedacht! Und jeder Tag, an dem eine Frau schwanger bleibt, ist Gnade. Jeder Tag, an dem das Kind leben, sich entfalten und wachsen darf, ist noch viel mehr!

Sabine Herold, Laupersdorf, CH

Dieser Artikel erschien in gekürzter Form zuerst in der Zeitschrift Lydia.

Besser ein großer Abstand als keiner!

Schon bevor wir heirateten, war uns klar, dass wir irgendwann Kinder haben wollten. Ich habe einen Beruf, der sich mit Kindern relativ gut vereinbaren lässt, und hatte ein Studium vorerst weit von mir geschoben, obwohl ich es zeitweise doch immer mal in Erwägung zog.

Bald nach unserer Hochzeit wurde ich überraschend schnell schwanger. Nach dem ersten Schreck darüber, dass sich unser Leben früher als geplant ändern würde, freuten wir uns auf unser erstes Kind. Unser Sohn Johannes war ein sehr liebes Baby, weinte wenig und war sehr pflegeleicht. Nach einem Jahr wurde der Wunsch nach einem zweiten Kind größer, und zu unserer Freude war ich bald wieder schwanger. Bei der ersten Ultraschalluntersuchung konnte man das kleine Herz noch nicht schlagen sehen. Als ich Sorgen äußerte, wurde ich auf die nächste Untersuchung vertröstet, alles befände sich noch »im Rahmen«. Eine Woche später war nichts mehr im Rahmen. Das Kind lebte offensichtlich nicht, und ich wurde in die Klinik zur Ausschabung überwiesen. Ich war untröstlich. Noch in der Nacht vor dem Eingriff hoffte ich, dass alles nur ein böser Traum war und mein Baby lebte. Konnte Gott wirklich so grausam sein und ein sehnlich erwartetes Kind wieder nehmen? Leider ja. Ich verstand die Welt nicht mehr und trauerte intensiv um mein Kind.

In dieser Zeit wurde ich darauf aufmerksam, dass es viele Frauen gab, die eine Fehlgeburt erlitten hatten. Das hatte ich bisher noch nie so wahrgenommen. Vielleicht, weil kaum jemand darüber sprach? Jedenfalls wusste ich nun, dass ich nicht die einzige Frau war, der so etwas passierte. Mein Mann konnte mich leider nicht wirklich unterstützen. Für ihn war das Kind ja noch nicht in irgendeiner Weise spürbar bzw. sichtbar gewesen. Richtig schlimm empfand ich damals aber diejenigen, die meinten, sie müssten meiner Trauer mit irgendwelchen dummen und auch frommen Phrasen begegnen. »Wer weiß, wozu es gut war?« (Ja, wozu eigentlich???) »Gott hat sich schon was dabei gedacht.« (Ich wüsste zu gerne, was.) »Ihr seid doch noch jung und könnt noch weitere Kinder bekommen.« (Ich wollte kein anderes, ich wollte dieses!) »Vielleicht war es ja behindert.« (Das war in dem Moment völlig egal, ich wollte, dass es lebte.) Diese und noch etliche andere wohlmeinende Ratschläge ließen mich zu dem Schluss kommen, dass es irgendwie nicht erlaubt sei, um eine Fehlgeburt zu trauern. Nur meine Freundin tat das einzig Richtige. Sie besuchte mich spontan, nahm mich einfach in den Arm und ließ mich so stehen mit all meinen Gefühlen. Und Gott? Er war so unendlich fern. Ich habe ihm meine Enttäuschung, meine Trauer und meine Wut entgegengeschleudert. Danach fühlte ich mich besser.

Ein Jahr später war ich zum dritten Mal schwanger. Ich ging etwas verhaltener an die »Sache« heran. Außer meinem Mann erzählte ich vorerst niemandem davon. Erst mal abwarten, nur nicht zu früh freuen. Dennoch war die Enttäuschung groß, als ich nach einer Blutung im dritten Monat das Baby verlor. Es gelang mir schneller als beim ersten Mal, mich abzulenken, schließlich hatte ich ja versucht, mich nicht zu sehr auf die Schwangerschaft einzulassen. In diesem Jahr wurde mir bewusst, welches Opfer Gott gebracht hatte, als er seinen Sohn am Kreuz sterben ließ. Es ist furchtbar, ein Kind zu verlieren. Wie muss er gelitten haben, als er das freiwillig tat – und zwar für mich!

Kurz nach Ostern bekam meine Freundin ihr zweites Kind. Ich konnte mich von ganzem Herzen mitfreuen und durfte die Patentante von Klein-Laura werden. Ein Geschenk war seitdem für mich, dass ich nie neidisch wurde auf andere, die ein Baby bekamen (und das waren einige). Ich hätte mir nur gewünscht, dass ich lieber gar nicht schwanger geworden wäre, als die Kinder wieder hergeben zu müssen.

Wir wollten nie ein Einzelkind, aber mittlerweile begann ich es zu genießen, unseren Sohn aufwachsen zu sehen und alle Entwicklungsstufen mitzubekommen. Er war ein fröhliches, aufgewecktes Kind. Als er dreieinhalb Jahre alt war, wurde er chronisch krank. Er bekam eine schwere Form von Epilepsie, und wir verbrachten etliche Wochen in der Kinderklinik. Auch das erste Jahr danach war sehr anstrengend, da die starken Medikamente wesensverändernd wirkten, die Konzentration und Wahrnehmung einschränkten. Wir waren sehr mit klinischen Kontrollen und irgendwelchen Therapien beschäftigt. Vielleicht war es gut, dass wir zu dem Zeitpunkt noch keine weiteren Kinder hatten? Wie schafften andere Leute das bloß?

In dieser Zeit starb unser fünf Monate alter Neffe am plötzlichen Kindstod. Das war ein weiterer Schock für die ganze Familie. Kurze Zeit darauf entschuldigte sich meine Schwägerin bei mir für die unbedachten Worte, die sie nach meinen Fehlgeburten geäußert hatte. Sie habe nun selbst schmerzhaft erfahren, wie es sei, ein Kind zu verlieren. Das hat mich sehr beeindruckt, zumal ich es schlimmer finde, je älter ein Kind ist und je mehr man es kennt und liebt, aber für sie machte das offenbar keinen Unterschied.

Die Jahre vergingen, und ich verlor noch weitere Kinder, allerdings so früh, dass ich gar nicht mehr deswegen zum Arzt ging (ich weiß, dass man das nicht tun sollte, da es zu nachhaltigen Schäden der Gebärmutter führen kann, wenn man keine Ausschabung vornehmen lässt). Mittlerweile war unser Sohn sieben Jahre alt, wir hatten ein Haus gekauft und irgendwie begonnen, mit dem Gedanken an weitere Kinder abzuschließen. Als wir von Freunden gefragt wurden, ob wir ihnen unseren Kinderwagen, den Autositz und die Stoffwindeln abtreten würden, haben wir bereitwillig zugesagt. Wozu hatte ich das ganze Zeug all die Jahre aufgehoben? Es war Zeit, Platz zu schaffen! Prompt wurde ich schwanger. Irgendwie konnte ich eine innere Freude nicht unterdrücken, dennoch fuhr ich leicht panisch zum Arzt. Auf dem Weg dorthin flehte ich inständig, dass dieses Kind lebte. Mein Gebet wurde erhört: Das kleine Herz schlug fröhlich vor sich hin! Ich war in der achten Woche schwanger. Drei Tage später folgte der erste Schreck: Ich bekam eine Blutung. Völlig aufgelöst machte ich mich auf den Weg in die Praxis. Selbstzweifel plagten mich. Hatte ich mich übernommen? Musste ich diesen letzten anstrengenden Nachtdienst wirklich machen, nur weil ich noch niemandem von meiner Schwangerschaft erzählen wollte? Hatte ich das Leben meines Kindes leichtfertig aufs Spiel gesetzt? Nach bangen Stunden blickte ich auf den Monitor und sah mein Baby, das fleißig mit den Armen ruderte, als würde es mir zuwinken. Dem Kind ging es gut. Gott sei Dank!

Genießen konnte ich die Zeit der Schwangerschaft nicht. Nach jedem Arztbesuch war ich nur kurze Zeit davon überzeugt, dass alles in Ordnung war. Es gab oft mehr Tiefen als Höhen. Im achten Monat wurde ein möglicher Herzfehler diagnostiziert. Die darauf folgende Woche des Wartens auf weitere Untersuchungen war hart. Sollte unser Kind vielleicht eine Behinderung haben, durch den Herzfehler nicht lebensfähig oder anderweitig eingeschränkt sein? Wieder konnte meine Freundin trösten und für uns beten. Das tat gut, und ich konnte der Untersuchung gelassener entgegensehen. Mein Mann war in dieser Woche auch eine große Hilfe und verbreitete Optimismus. Auch wenn wir uns natürlich ein gesundes Kind wünschten, würden wir lernen, mit einer Behinderung umzugehen. Auf diesem Gebiet sind wir schließlich erprobt, dachte ich manchmal zynisch.

Oft wurde ich gefragt, was »es« denn werden würde, und ich entgegnete jedes Mal, dass wir uns vom Geschlecht des Babys überraschen lassen wollten. Der nächste Spruch, der dann kam, war mit fast vorauszubestimmender Sicherheit: »Na ja, Hauptsache, es ist gesund!« Hauptsache gesund! Welch ein Hohn für alle behinderten und kranken Menschen. Manchmal wäre ich deshalb fast explodiert. Sollte ich die Leute schockieren und erwidern, dass unser Kind vielleicht behindert sein würde? Was ist denn dann die Hauptsache? Was war die Hauptsache für mein Kind? Dass es jetzt schon geliebt wurde und dass ich mich riesig darauf freute. Das war die Hauptsache! Im Herzzentrum stellte sich dann heraus, dass unser Kind kerngesund auf die Welt kommen würde. Alle Aufregung umsonst. Zum Glück!

Endlich konnten wir unser kleines Mädchen gesund und munter in den Armen halten. Katharina Elisa betrat die Welt mit großen offenen Augen. Elisa bedeutet: »Gott ist Vollkommenheit«, und wir sind dankbar für den kleinen vollkommenen Menschen. Als ich neulich erwähnte, dass der Abstand zwischen unseren Kindern doch ziemlich groß sei, entgegnete mir ein lieber Bekannter: »Besser ein großer Abstand als gar keiner!« Recht hat er!

Nadja Hadem, Marburg, D

Als »Bin kaum da, muss schon fort« erschien, war ich gerade wieder schwanger. Ich konnte damals nur ein paar Berichte quer lesen, da mich das Thema doch noch zu sehr aufwühlte. Etwas überrascht war ich schon davon, dachte ich doch, dass ich mit dem Verlust spätestens nach Schreiben des Artikels gut fertig geworden war.

Ein Exemplar des Buches konnte ich im gleichen Jahr an eine Bekannte weitergeben, die mit Zwillingen schwanger war und ein Kind verlor. Sie hat nur wenig über das Ereignis gesprochen, wollte aber das Buch gerne behalten.

Eine andere Reaktion kam von einer Freundin, die mir das Buch unter Tränen zurückgab. Die Trauer über ihren unerfüllten Kinderwunsch wurde erst durch das Lesen einiger Berichte konkret. Auch ein Thema, das der Aufarbeitung bedarf.

Trotz meiner Vorgeschichte konnte ich mich gut auf die neue Schwangerschaft einlassen und hatte wenig Ängste. Das empfand ich als große Entlastung. Unsere Magdalena erblickte 22 Monate nach ihrer Schwester nach einer schnellen, komplikationslosen Geburt im Geburtshaus das Licht der Welt – genau am Geburtstag ihres Papas. Was für ein Geschenk!

Johannes ist ein stolzer großer Bruder und liebt seine kleinen Schwestern (meistens) sehr. So herrscht in unserer Familie nun reger Trubel, aber das haben wir ja so gewollt!

Nadja Hadem (Dezember 2010)

Erst eins, dann zwei …

Ich hatte zwei Fehlgeburten. Die eine kam mir, wenn ich ehrlich bin, fast »gelegen«, denn meine beiden anderen Kinder waren noch recht klein, sodass ich nicht wusste, wie und ob ich es mit einem dritten Kind schaffen würde. Ich fühlte mich mit der Tatsache, wieder schwanger zu sein, ziemlich überfordert. Wie sollte das werden? Ich stand wie vor einem unüberwindbaren Berg.

Aus meiner Überforderung heraus hatte ich innerlich gehofft und auch gebetet, dass das Kind abgeht. Doch als es dann so weit war und ich das Kind tatsächlich verlor – ohne große Vorankündigung, ohne große Schmerzen –, war es dann doch schockierend für mich. Ich ging zum Ausschaben ins Krankenhaus.

Wieder daheim, schmerzte der Verlust des Kindes, und das schlechte Gewissen plagte mich wochenlang, vor allem, weil ich nicht Ja zu dem Kind gesagt hatte. So glaubte ich, es wäre meine Schuld, dass das Kind abgegangen war. Ich versuchte, die Fehlgeburt allein zu verarbeiten. Jahrelang verlor ich kein Wort darüber. Das erste Mal erzählte ich Jahre später meiner Schwester und einer Freundin davon.

Dann war zwei Jahre lang »Ruhe«, in denen ich nicht mehr schwanger wurde.

Bei der nächsten Schwangerschaft hatte ich von Anfang an starke Blutungen. Ich war mit Zwillingen schwanger, was mich sehr freute, mir zugleich aber noch mehr Angst machte, denn ich fürchtete nun nicht nur, ein Kind zu verlieren, sondern gleich zwei. Ich betete, dass die Kinder bei mir bleiben und ich sie austragen konnte. Doch die Blutungen wurden immer stärker. Ich sollte nur liegen. Das hatte der Arzt schriftlich verordnet.

In der 14. Schwangerschaftswoche verlor ich dann aber das erste Kind. Es kam durch eine Sturzgeburt heraus. Es war mitten in der Nacht, als ich auf die Toilette ging und das Kind auf einmal herausfiel. Ich war schockiert und rief meinen Mann. Das kleine Wesen zappelte in der Toilette. Ich konnte erkennen, dass es ein Mädchen war, was ich mir gewünscht hatte. Wir holten das Kind heraus und hielten es in den Händen. Es zappelte, hätte aber in diesem Alter keine Chance gehabt. Ich rief die Hebamme an und schilderte ihr, was passiert war. Sie sagte, dass man nichts machen könnte. Es würde zu lange dauern, bis der Krankenwagen käme. Das Kind sei zu klein, um zu überleben. Ihm fehlte zu viel. Es war noch nicht ganz ausgebildet. So starb unsere Tochter in unseren Händen. Wir packten sie ein und »entsorgten« sie. Wir wollten sie erst beerdigen, doch mein Mann meinte, dass es nicht so gut sei, weil die Tiere sie in der Nacht vielleicht wieder ausgraben könnten. Die Vorstellung war für ihn unerträglich. Er wollte das Kind als ganzes Wesen in Erinnerung behalten. Wir sind uns in diesem Punkt nie einig geworden. Schließlich akzeptierte ich, das Kind nicht zu beerdigen, obwohl ich es gerne getan hätte, damit ich auch immer wusste: Da ist es jetzt, bzw. da war es.

Nachdem ich das eine Kind verloren hatte, hörten die Wehen auf. Die Gynäkologin stellte fest, dass sich der Muttermund wieder geschlossen hatte. Bis dahin hatte ich gar nicht gewusst, dass es das gibt. Ich hoffte nun weiterhin, dass wenigstens das andere Kind noch bei mir bleiben würde, aber zwei Wochen später verlor ich auch dieses. Es starb im Mutterleib und wurde durch eine Ausschabung geholt.

Alles war so gefühllos und ging ohne Wärme vor sich. Von den Ärzten kam nur: »Das kann jedem passieren.« Erledigt. Ich hatte keine Schwester oder Hebamme, die zum Beispiel gesagt hätte, dass ich mir jemanden suchen sollte, um den Verlust zu verarbeiten.

Zwei Kinder auf einmal zu verlieren war für mich recht schwierig, nachdem ich vorher eines verloren hatte, das ich verlieren wollte.

Ich suchte Hilfe, raste von Ort zu Ort. Ich fand niemanden, mit dem ich über das reden konnte, was mich so plagte. Ich suchte eine andere Frau, die das Gleiche erlebt hatte. Doch ich musste erfahren, dass sich alle in Schweigen hüllten. Ich stieß eher auf Distanziertheit. Niemand wollte darüber sprechen. Das Thema schien tabu zu sein.

Endlich fand ich eine Frau, die mir erzählte, dass sie zum gleichen Zeitpunkt eine Fehlgeburt gehabt hatte. Bei ihr war das Kind von Anfang an zu klein geblieben und nicht richtig gewachsen. Wir konnten uns in unserem Erleben und in unseren Gefühlen gut verstehen, und wenn eine von uns niedergedrückt und depressiv war, versuchte die andere, sie wieder zu ermutigen.

Bei der ersten Fehlgeburt habe ich die Trauer nicht so rausgelassen, weil ich mir innerlich immer bewusst war, dass ich das ja so wollte. Bei den Zwillingen trauerte ich intensiver.

Da meine Mutter zu dieser Zeit im Krankenhaus lag und ein jämmerliches Bild abgab, wie sie so hilflos dalag, war mir erst recht zum Weinen zumute. Ihr Zustand war der fehlende Tropfen, der mein Tränenfass zum Überlaufen brachte und das Ventil öffnete, damit ich wirklich weinen konnte. Mein Mann glaubte, ich würde wegen meiner Mutter weinen, aber letztendlich war es die Trauer um meine Kinder, der ich Ausdruck gab.

Mein Mann verstand mich nicht und konnte auch nicht nachvollziehen, warum ich so traurig war. Es ging bei ihm nicht so tief. Für ihn war der Verlust der Kinder ein Zeichen, dass es einfach nicht sein sollte. »Denk an den Aufwand, wenn es Zwillinge sind. Da ist es besser, dass sie jetzt abgehen.« Ich erwiderte: »Das hätten wir geschafft, wenn wir sie schon bekommen!«

Meine beiden größeren Kinder halfen mir während der Zeit der Trauer, da ich wusste: Hier ist meine Aufgabe!

Nach dem Verlust der Zwillinge konnte ich am Anfang nicht mehr beten. Ich hatte innerlich immer das Gefühl: Gott hat mir die beiden auch genommen, weil ich ihn ja darum gebeten hatte, dass er mir das Kind davor nimmt. Ich zweifelte daran, dass Gott gerecht ist und dass er richtig macht, was er macht.

Inzwischen habe ich die Fehlgeburten verarbeitet, aber ich denke noch immer an die Kinder, auch an den Moment, als sie starben. Es ist so ein furchtbares Gefühl, wenn ich mich daran erinnere, wie mein Kind ins WC fiel und wie ich das kleine Wesen von ein paar Zentimetern sah und wusste, dass ich nicht helfen konnte. Ich stand ohnmächtig daneben.

Inzwischen ist Zeit verstrichen, und wenn ich das Erlebte heute betrachte, kann ich sagen: In unserer jetzigen Situation würde ich es mit drei Kindern mehr oder mit Zwillingen menschlich gesehen nicht schaffen. Die Aufgabe wäre zu groß.

Es stimmt schon, dass die Zeit Wunden heilt und dass ich mittlerweile auch besser darüber reden kann.

Ich bin allerdings inzwischen sehr vorsichtig geworden, wem ich von meinen Fehlgeburten erzähle. Ich frage zuerst, wie es der anderen geht, wie sie es erlebt hat und ob sie darüber reden will, statt dass ich alles von mir erzähle und dann kommt nichts zurück. Ich merke, dass das Thema bei vielen ein Tabu ist, da man sehr verletzlich ist oder auch schnell verletzen kann.

Anonym

Für immer in meinem Herzen!

Im Oktober 2003 entschlossen wir uns, uns noch einmal auf das Abenteuer Schwangerschaft, Geburt und ein drittes Kind einzulassen. Bis dahin hatten wir bereits zwei gesunde, muntere und liebe Buben. Wir hatten uns nie Gedanken darüber gemacht, wie viele Kinder wir einmal wollten, hatten uns aber stets mehrere Kinder vorgestellt. Der Zeitpunkt im Oktober 2003 schien uns günstig. Die Jungs waren jetzt zwei und fünf, und einen zu großen Abstand zwischen dem zweiten und dritten Kind wollten wir nicht unbedingt. Nun waren wir sehr gespannt, das heißt vor allem ich. Die Erinnerung an die zweite Schwangerschaft war mir nämlich noch ziemlich präsent. Damals war ich ein ganzes Jahr lang nicht schwanger geworden. Deshalb schwang bei unserem Entschluss, noch einmal ein Kind zu bekommen, auch ein bisschen Angst mit. Vielleicht musste ich mich ja noch einmal auf eine längere Wartezeit gefasst machen. Vielleicht würden wir auch gar kein Kind mehr bekommen. Wer wusste das schon. Ich war also so ziemlich auf alles gefasst. Nur nicht auf Folgendes:

Ich wurde nämlich prompt schwanger! Kein Warten, Bangen und Hoffen! So schnell war ich noch nie schwanger geworden! Für mich war das eine absolute Überraschung, eine überaus positive Erfahrung, und ich war total glücklich und selig! Wie dankbar war ich auch Gott gegenüber! Er meinte es so gut mit mir! Er beschenkte mich und unsere Familie auf ganz wunderbare Weise. Von da an war jeder Tag viel leichter und beschwingter. Ich erlebte Gott sehr intensiv und fühlte mich ihm so nahe wie schon lange nicht mehr. Jeden Tag musste ich an unser Kind unter meinem Herzen denken, schmiedete Pläne und stellte mir vor, wie es dann im nächsten Sommer sein würde. Ich überlegte mir, wie und wann wir unsere Buben über den Familienzuwachs informieren wollten, dachte mir schon Namen und Paten aus. Es ging sehr viel in meinem Kopf und Herzen vor.

Umso schmerzlicher war dann der Tag, an dem ich dieses Kind wieder hergeben musste. Ich kann mich sehr gut an diesen Tag erinnern. So etwas brennt sich ein in Herz und Seele. Am Tag vor dem ersten Advent hatte ich mehr Ausfluss als gewöhnlich. Das beunruhigte mich schon ein bisschen. Am Abend entdeckte ich dann plötzlich Blut. Für mich brach eine Welt zusammen. Ich wusste sofort, was dies zu bedeuten hatte. Typischerweise war auch noch Wochenende. Meinen Arzt konnte ich unmöglich erreichen. So rief ich meine Schwägerin an, die Gynäkologin ist. Sie erklärte mir ziemlich kühl und sachlich, dass ich dieses Kind mit größter Wahrscheinlichkeit verlieren würde. Ich machte mir selbst auch nichts vor. Ich spürte innerlich, dass es so kommen würde. Trotzdem hätte ich mir von meiner Schwägerin ein bisschen Hoffnung gewünscht – irgendeinen Strohhalm, an den ich mich hätte klammern können. Noch war ja nichts Schlimmes passiert. Bloß ein bisschen Blut, wenn ich aufs WC musste.

Die nächsten 24 Stunden verbrachte ich ausschließlich zu Hause im Bett. Am Sonntagmorgen rief ich dann in meiner Verzweiflung eine Hebamme an. Diese Frau war sehr mitfühlend und warmherzig. Ihre Anweisung war Bettruhe. Es könne in einer Schwangerschaft mal bluten, das habe noch nichts zu bedeuten. Im Verlauf des Sonntags nahm aber dann die Blutung zu, und wenn ich aufs WC musste, entdeckte ich auch kleine Blutklümpchen im Urin. Ich wusste Bescheid.

Am Abend des ersten Advents ging dann ein etwa mandarinengroßer Klumpen weg – weg in die Kanalisation. Jetzt war es doch passiert. Ich hatte dieses bereits geliebte Kind in der neunten Schwangerschaftswoche verloren. Ich war todunglücklich und untröstlich.

Die Tage darauf waren sehr schlimm. Ich lag meistens im Bett. Meine Buben wurden von meiner Mutter umsorgt. Sie konnten mich in diesen Tagen wohl nicht verstehen und wussten nicht, weshalb ihre Mami im Bett lag und so viel weinte. Ich nahm mich ihnen gegenüber so gut wie möglich zusammen. Wir klärten sie nicht über die wahren Gründe auf. Das kam erst viel später. Im Nachhinein würde ich unseren älteren Sohn sofort informieren. Es wäre für ihn wahrscheinlich einfacher gewesen, und er hätte meinen Seelenschmerz schon verstanden. Nachher ist man sowieso meistens klüger.

Die ersten Tage nach der Fehlgeburt war ich sehr müde und fühlte mich leer. Ich wurde immer wieder von Weinkrämpfen geschüttelt und schrie den Schmerz ins Kissen. Wo war da Gott? Weshalb hatte er mir dies angetan? Ich verstand ihn nicht. Ich fühlte mich von ihm betrogen: So, als hätte er mir den Speck durch den Mund gezogen. Ich nahm es Gott ziemlich übel und machte ihn lange für mein Unglück verantwortlich.

Am nächsten Tag stellte der Arzt bei einer Ultraschalluntersuchung fest, dass das Kind wirklich weg war. Das tat sehr weh. Wieder ein paar Tage später musste ich dann ins Krankenhaus zur »Auskratzung«. Das war am 6. Dezember 2003. Auch dort konnte ich meinen seelischen Schmerz nicht unterdrücken. Ich weiß noch gut, wie mir die Tränen ununterbrochen über die Wangen liefen und ich unterwegs in den Operationssaal von zwei Krankenschwestern betreut wurde, die mir sachte übers Haar strichen und mit mir über den Verlust dieses Kindes sprachen.

Ganz lieb war an diesem Tag meine Schwiegermutter. Sie saß beim Aufwachen aus der Narkose schon an meinem Krankenbett und weinte mit mir. Sie hatte selbst ein paar Kinder verloren und konnte richtig mit mir mitfühlen. Sie konnte mir mit ihrer Gegenwart etwas geben, was nicht einmal meine Mutter gekonnt hätte. Heute kann ich sagen, dass diese Fehlgeburt meine Schwiegermutter und mich näher zueinander gebracht hat – und das ist sehr wertvoll! Meine Freundin war auch gleich zur Stelle. Sie war eine der wenigen, die von meiner Schwangerschaft überhaupt wussten. Sie hatte sich zusammen mit ihrem Mann so fest auf das Kind gefreut. Nun brachte sie mir ein ganz schönes und besonderes Geschenk mit ins Krankenhaus. Es war eine Tonfigur zum Aufstellen: ein Engel (ein Kind) mit einem kleinen Engel (einem Baby) im Arm. Heute steht diese Figur in unserem Schlafzimmer und erinnert mich immer wieder an unseren kleinen Engel im Himmel. Am meisten Trost, Kraft und neuen Lebensmut haben mir in dieser Zeit aber meine beiden Buben gegeben. An ihnen konnte ich mich freuen! Ich hatte ja bereits zwei gesunde Kinder, die mich brauchten und für die ich da sein wollte. Sie waren im ganzen Leid mein allergrößter Trost.

Auch mein Mann versuchte, mich in diesen schweren Stunden zu verstehen und zu trösten. Er fühlte sich aber selbst so hilflos und war in gewisser Weise überfordert. Überfordert mit mir und der ganzen Situation. So widmete er sich bald wieder seiner Arbeit und schaute positiv nach vorne. So schnell konnte ich das nicht. Ich musste zuerst noch mit dem Erlebten fertig werden. In diesem Punkt war ich allein, da musste ich selbst durch.

Doch es war erstaunlich, wie offen und mitfühlend sich die meisten Leute um mich herum verhielten. Viele Frauen berichteten mir von gleichen oder ähnlichen Erlebnissen. Ich war also nicht allein. Ich war überrascht, wie viele Frauen eine oder mehrere Fehlgeburten erlebt hatten. So etwas kann auch verbinden. Das berührte mich sehr und half mir über den Verlust hinweg. Während ich noch krankgeschrieben war, begann ich, unsere Fotoalben mit Fotos anzufüllen. Seit zwei Jahren hatte ich sie nicht mehr weitergeführt. Diese Arbeit war auch Balsam für meine Seele. Auf den Fotos konnte ich so viel Schönes noch einmal durchleben. Wie reich beschenkt war ich doch mit meiner Familie!

Trotzdem war es eine sehr traurige Weihnachtszeit. Stets wurde ich wieder an das Erlebte erinnert, und oft fühlte ich mich allein. Klar trauerte auch mein Mann. Für ihn war es aber trotzdem nicht das Gleiche. Er war diesem Kind noch nicht sehr nahe gewesen, hatte es weder gesehen noch gespürt. Er hatte sich auch kaum Gedanken über die Zukunft gemacht. Da sind wir Frauen einfach viel näher am Kind. Für ihn war jedoch nach der Fehlgeburt sofort klar, dass er weiterhin ein drittes Kind wollte – unbedingt, oder jetzt erst recht. Er war auch sehr zuversichtlich und optimistisch. Das half mir manchmal; manchmal machte es mir Angst. Was, wenn es nicht mehr klappen sollte?

Trotz meiner Fehlgeburt wollte ich sofort wieder schwanger werden. Es gab da für mich kein Warten. Ich stürzte mich in meine Arbeit als Lehrerin, Mutter und Hausfrau. Zwischendurch ließ ich meinen Gefühlen freien Lauf, weinte und trauerte still für mich. Die Umwelt vergaß die Fehlgeburt schnell. Das tat manchmal weh! Ein Gedanke tröstete mich aber stets: Ich wusste, dass unser verlorenes Kind jetzt bei Gott war. Dort ging es ihm gut – es war glücklich und dem himmlischen Vater nahe. Es würde im Himmel auf mich warten, und eines Tages würde ich es sehen und in meine Arme nehmen können. Dieser schöne Gedanke gab mir auch eine andere Sicht auf den Tod. Bisher hatte ich mit etwas Angst an den Tod gedacht. Nun aber bekam er einen anderen Geschmack. Mein Kind wartet im Himmel auf mich. Darauf freue ich mich heute.

Im Februar wurde ich noch einmal heftig mit meiner Fehlgeburt konfrontiert. Bei drei Frauen aus meinem Freundes- und Bekanntenkreis wurde nämlich langsam ein Bäuchlein sichtbar. Irgendwie war es schon gemein. Diese Frauen hatten das, was ich mir auch so fest gewünscht hatte. So gerne hätte ich jetzt auch mein wachsendes Bäuchlein gezeigt. Eine dieser Frauen hatte den gleichen Geburtstermin, den ich mit meinem Baby gehabt hätte – den 8. Juli 2004. So sehr ich mich für diese Frauen freute, so groß war auch mein Schmerz. Doch dieser Schmerz ging wieder vorbei – es war nur eine kurze Attacke.

Dann im März, nach nur drei Monaten, war auch ich wieder schwanger. Der errechnete Geburtstermin war der 19. November. Also würde ich noch in diesem Jahr ein Kindlein in den Armen halten können, und dies, noch bevor die Fehlgeburt sich jähren sollte. Im ersten Moment war ich außer mir vor Freude, doch sehr bald stellte sich Angst ein. Heute denke ich, dass ich die Fehlgeburt noch zu wenig verarbeitet hatte. Die Wunde war noch zu wenig verheilt.

Viele Gedanken kreisten in den ersten Tagen und Wochen in meinem Kopf. Was, wenn sich meine Erfahrung einer Fehlgeburt wiederholen würde? Wieso sollte ich gerade dieses Kind behalten können? Es gibt schließlich Frauen, die haben mehrere Fehlgeburten nacheinander. Zu meinem eigenen Schutz wollte ich mich noch nicht zu früh freuen. Bald ging ich zum Frauenarzt. Dieser nahm mich ernst und untersuchte mich in den darauf folgenden Wochen häufiger, als es üblich ist. Er wollte mir dadurch Sicherheit vermitteln und mir die Ängste nehmen. Er meinte auch, dass meine Ängste berechtigt wären. Eine Fehlgeburt hinterlasse immer Spuren. Ich solle aber zuversichtlich sein, denn es bestehe kein Grund zur Besorgnis. Ich war ihm dankbar für sein Verständnis. Es verlief dann auch alles sehr gut, und das Baby entwickelte sich prima.

Etwa in der zwölften Schwangerschaftswoche versicherte mir der Arzt, dass ich dieses Kind behalten würde und mir wirklich keine Sorgen zu machen bräuchte. Bei mir wollte sich aber trotzdem noch keine Freude breit machen. Ich kannte Frauen, die hatten ihr Kind auch später noch verloren. So sagte ich mir, dass ich es erst in der 15., 16. Woche glauben würde. Und so schob ich diesen Termin hinaus und weiter hinaus. In der 17. Schwangerschaftswoche spürte ich dann die ersten Kindsbewegungen. Das war genau am 5. Juni. Wir waren unterwegs zu einer Hochzeitsfeier. Es waren ganz feine Bewegungen, fast wie der Flügelschlag eines Schmetterlings. Jetzt wollte ich glauben, dass es gut gehen würde mit dieser Schwangerschaft.

Ich wurde jedoch weiterhin von Ängsten und Sorgen geplagt. Irgendetwas würde noch passieren, so sagte ich mir. Zudem hatte ich ständig das Gefühl, es würde bluten. Wie oft habe ich ein WC aufgesucht und nachgesehen, ob ich Blut entdecken würde. Zu Hause, bei Freunden, in der Stadt oder wo auch immer. Täglich!

Inzwischen war ich in der 22. Schwangerschaftswoche, und zusammen mit meinem Mann und den Buben waren wir beim Arzt. Bei der Ultraschalluntersuchung sahen wir das kleine Menschlein. Alles war in bester Ordnung. Doch vor dieser – und auch jeder anderen Untersuchung – hatte ich große Angst. Bereits auf dem Weg zum Arzt hatte ich weinen müssen und war ganz verkrampft und angespannt gewesen. Nach der Untersuchung – dem Baby ging es gut – war die Erleichterung so groß, dass ich wieder nur weinen konnte. Ich war nervlich sehr, sehr angespannt.

Im September überrollte mich dann das Ganze wie eine riesige Welle. Ich konnte meine Gedanken und Gefühle nicht mehr steuern und hatte mich selbst nicht mehr im Griff. Am Morgen konnte ich kaum mehr aufstehen und den Alltag bewältigen. Ich war müde und völlig erschöpft. So suchte ich am 14. September notgedrungen den Arzt auf, denn ich spürte, dass es so nicht mehr weitergehen konnte. Der Arzt begriff sofort, in welchem Zustand ich mich befand. Er kannte mich schließlich schon ziemlich gut. Er ließ mich sofort krankschreiben. Ich befände mich in einer Depression und sollte meine Ängste noch vor der Geburt in den Griff bekommen. Ansonsten wäre die Wahrscheinlichkeit groß, dass es nach der Geburt noch schlimmer würde und ich postnatale Depressionen bekäme. Ich war völlig niedergeschlagen. Bereits bei Levi, unserem zweiten Kind, hatte ich eine Schwangerschaftsdepression gehabt, und nun schon wieder? Das hatte ich nicht gewollt. Ich hatte mich bisher heftig dagegen gewehrt, sonst hätte ich die ersten Anzeichen viel früher ernst genommen (denn Anzeichen einer Depression waren schon lange vorhanden). Bei dieser außerordentlichen Untersuchung machte der Arzt zu meiner Beruhigung noch einen Ultraschall. Das Baby war wohlauf, schien zufrieden und munter.

Da ich nun ab sofort nicht mehr unterrichten musste, hatte ich Freiraum gewonnen und Zeit, mich meiner Depression voll und ganz zu stellen. Ich ging nun jede Woche zu einer speziell ausgebildeten Hebamme (wie bereits bei Levi) und versuchte, mit ihr das Ganze aufzuarbeiten. Sie hatte früher viele Jahre lang als Hebamme gearbeitet und betreute nun Frauen mit Problemen während und nach der Schwangerschaft. Diese Treffen waren immer sehr intensiv, oft schmerzlich und mit Tränen verbunden. Im Gespräch wurde viel aufgedeckt und ans Licht gebracht. So musste ich feststellen, dass ich mich aus Angst und Misstrauen noch kaum auf das Kind gefreut hatte. Dabei hatte ich mir eine weitere Schwangerschaft so schön vorgestellt. Ich wollte glücklich sein und mich freuen. Was hatte ich bloß aus dieser Schwangerschaft gemacht? Ich machte mir riesige Vorwürfe und hatte ein schlechtes Gewissen dem ungeborenen Kind gegenüber. Ich liebte es ja bereits aus vollem Herzen, doch wie musste sich dieses Kind bei meinen instabilen Gemütszuständen fühlen? Eine solche Mutter hatte es nun wirklich nicht verdient!

Allmählich ging es mir besser. Ich kam wieder zu Kräften und spürte, wie ein Druck von mir wich. Ich versuchte, positiv zu denken und mich zu freuen. Das gelang mir mal mehr, mal weniger. Auch versuchte ich nun, mehr Kontakt mit dem Kind aufzunehmen. Bisher hatte ich sehr wenig mit ihm gesprochen, den Bauch selten gestreichelt. Ich wollte, dass es spürte, dass ich da war und mich freute! Dabei versuchte ich, die Buben mit einzubeziehen. Sie sangen dem Baby Lieder vor, redeten mit ihm und beteten. Solche Momente waren berührend und schön. Levi massierte mir zwischendurch sogar den Bauch.

Am 12. November 2004 kam dann unsere Tochter Mia Noeme zur Welt. Die Geburt verlief reibungslos und so gut wie noch nie. Mia ist ein gesundes, munteres und total süßes Kind. Sie ist pflegeleicht und macht uns viel Freude. Ich bin sehr glücklich und denke manchmal, dass mich Gott jetzt für viel Durchgestandenes belohnt. Ich bin ihm von Herzen dankbar und bin sicher, dass alles seinen Sinn hat! Ich weiß nicht, ob ich so denken würde, wenn ich nicht mehr schwanger geworden wäre. Vielleicht wäre ich jetzt verbittert. Ich schätze mich sehr glücklich und hoffe, dass viele Frauen mit einer Fehlgeburt ein ebenso glückliches Ende erfahren dürfen!

Andrea Berger, Burgdorf, CH

Gott sieht die Leere

Offene Fragen

Nach unserer Hochzeit 1996 stand es nie außer Frage, dass einmal Kinder zu unserer Familie gehören sollten. Nach allem Überdenken der beruflichen Konsequenzen erschien mir der Zeitpunkt, als ich Ende 1997 von einer beginnenden Schwangerschaft erfuhr, geradezu perfekt. Die Vorfreude auf das Baby war groß. Gelassen sah ich den kommenden Monaten entgegen, schließlich hatte ich, da es das erste Kind war, keine Ahnung, was da auf mich zukommen würde. Im Sommer 1998 war Philipp endlich da. Für unsere Familie begann nun eine spannende Zeit zu dritt, die uns aber oft auch sehr viel Geduld abverlangte. Es waren die wertvollsten Jahre meines Lebens. Viele schmerzvolle Erfahrungen aus meiner Kindheit und Jugend wurden in dieser Zeit geheilt. Die guten Erlebnisse mit Philipp stärkten den Wunsch nach einem weiteren Kind. Zeitliche Vorstellungen von der weiteren Familienplanung hatten mein Mann und ich jedoch nicht.

Im Februar 2001 habe ich das sichere Empfinden, dass mit meinem Körper etwas nicht in Ordnung ist. Nach der ersten ärztlichen Untersuchung werden lediglich Unregelmäßigkeiten im Zyklusverlauf festgestellt. Wenig getröstet gehe ich nach Hause. Die Wochen, die darauf folgen, sind erfüllt mit Sorge. Immer wieder leichte Blutungen und Beschwerden im Darmbereich. Ich dränge auf einen neuen Arzttermin. Die Untersuchung dauert nicht lange und endet mit der sofortigen Einweisung ins Krankenhaus – Diagnose: Eileiterschwangerschaft. Natürlich habe ich davon gehört, dass es so etwas gibt, aber dass es mich nun selbst betrifft, ist mir unbegreiflich.

Auf dem Weg zum Krankenhaus gehen mir viele Fragen durch den Kopf. Ich habe mich in den letzten Wochen doch gar nicht schwanger gefühlt! Was ist die Ursache einer Eileiterschwangerschaft? Warum wird sie erst so spät erkannt? Die Ärzte im Krankenhaus vertrösten mich mit der Beantwortung meiner Fragen. Es bleibt keine Zeit, ich werde sofort operiert. Auf dem Weg zum OP fällt mir mit Erschrecken ein: Ich habe mich nicht einmal von meinem Mann und meinem Sohn ordentlich verabschieden können. Es bleibt nur Zeit für ein Stoßgebet, und schon wirkt die Narkose.

Ich wache auf und habe entsetzliche Schmerzen. Aber wenigstens höre ich telefonisch die Stimmen meiner beiden »Männer« und habe das Gefühl, jetzt wird alles gut. Trotz nachlassender Schmerzen kommt es wenige Stunden später zu einem Kreislaufkollaps, und schon befinde ich mich mitten in der Nacht wieder im OP, da es zu einer inneren Blutung gekommen ist. Die Tage nach diesen sich überschlagenden Ereignissen erlebe ich wie in Trance und bin nur froh, dass ich überhaupt noch lebe. Eine Störung des Gleichgewichts durch den Blutverlust und die allgemeine Schwäche machen lieb gemeinte Besuche meiner Familie sehr anstrengend. Ich kann einfach nicht begreifen, wie ich als junger Mensch, der vor wenigen Tagen noch mit beiden Beinen im Leben stand, körperlich so schnell abbauen kann. Liebevoll kümmern sich die Frauen in meinem Zimmer (sie sind alle 30 bis 50 Jahre älter) um mich.

Endlich bleibt auch Zeit für die Antworten auf meine Fragen. Eine Ärztin erklärt mir, dass die Ursachen einer Eileiterschwangerschaft oft ungeklärt bleiben und die typischen Schwangerschaftssymptome häufig fehlen, weil sich der Embryo nicht in der Gebärmutter eingenistet hat. Oft wird eine Eileiterschwangerschaft erst erkannt, wenn der Embryo zu groß geworden ist und der Eileiter (fast) platzt. Eine Operation ist nun nicht mehr zu umgehen.

Ich werde sehr nachdenklich, da ich weiß: Der beschädigte Eileiter ist bei mir nicht entfernt worden. Es kann also jederzeit wieder passieren. Die Ärztin beruhigt mich. Immerhin habe ich ja schon ein Kind, der andere Eileiter scheint also zu funktionieren. Was soll ich mit dieser Aussage bloß anfangen?

Schon bald nach diesem Gespräch werde ich nach Hause entlassen. Körperlich bin ich so geschwächt, dass ich etwa ein Jahr nach den Operationen immer noch mit Folgebeschwerden zu kämpfen habe. Erst dann stellen sich dank meiner Familie wieder Lebensfreude und positive Gedanken an die Zukunft ein.

Oft funktioniere ich als Mutter oder Ehefrau nur. Alle meine Wünsche und Vorstellungen erscheinen mir auf einmal unrealistisch. Lange Zeit habe ich keine Gefühle über den Verlust des Babys. Ich habe ja das werdende Leben weder in meinem Körper gespürt noch erahnen können. In meiner Vorstellung war es Zellgewebe, das mir entfernt wurde. (Erst einige Jahre später habe ich erfahren, dass der Embryo im begrenzten Raum des Eileiters genauso heranwächst wie in der Gebärmutter.)

Den Gedanken an eine weitere Schwangerschaft schiebe ich erst einmal weit weg von mir. Eine neue berufliche Herausforderung bringt mir Abwechslung und Neuorientierung.

Hoffnung

Endlich habe ich Gewissheit! Eine ambulante Untersuchung der Eileiter bestätigt, dass eine Schwangerschaft nur noch über die intakte rechte Seite möglich ist. Ich bin ermutigt und freue mich im Dezember 2003 über ein neues heranwachsendes Kind in mir, das sich auch an der richtigen Stelle platziert hat. Doch kurz nach Weihnachten setzen leichte Blutungen ein. Noch versetzt mich dieser Umstand nicht in Panik. Als ich mit meinem Sohn schwanger war, habe ich etwa in der gleichen Schwangerschaftswoche Ähnliches erlebt. Die Schwangerschaft war intakt, und nach wenigen Wochen Ruhe verschwanden auch die Beschwerden. Noch bin ich voller Hoffnung, dass auch diesmal alles gut gehen wird.

Eine Vorstellung beim Arzt ist unumgänglich. Leider muss ich diesmal eine andere, mir nicht bekannte Ärztin konsultieren. Nie werde ich die Sekunden vergessen, in denen mir die Ärztin bei der Ultraschalluntersuchung eiskalt mitteilt, dass mein Kind nicht mehr lebt. Einfach so – keine Erklärung – nichts! Ich kann nicht einmal nach dem Warum fragen, schon halte ich die Überweisung ins Krankenhaus in den Händen. Und so finde ich mich morgens um 8.00 Uhr auf einem menschenleeren Marktplatz einer Kleinstadt wieder und bin fassungslos. Fast scheue ich mich, meinen Mann anzurufen, weil ich weiß, dass ihn die Nachricht genauso hart trifft wie mich. Im Krankenhaus finde ich ein Stück meiner Sicherheit durch das mir nun schon bekannte Stationspersonal wieder. Einfühlsam erklärt mir eine Ärztin, was nun weiter mit mir passiert. Schon eine Stunde nach meinem Eintreffen werde ich operiert. Völlig schmerzfrei wache ich auf, meine Gedanken sind noch sehr durcheinander. Eine Schwester schaut zur Tür herein, fragt nach meinem Befinden und ob ich Hunger habe. Natürlich habe ich Hunger. Sie hat zwar nur Zwieback für mich, aber diese kleine freundliche Geste der Schwester ist mir bis heute in guter Erinnerung geblieben. Der Nachmittag vergeht mit Besuch von meinem Mann und meinem Sohn. Es tut so gut, aber zugleich auch so weh. Wir wissen, auch ohne es auszusprechen, dass es schwer wird, diesen Verlust zu verstehen.

In dieser Nacht schlafe ich schlecht. Ich nehme mir ein Buch zur Hand, um mich abzulenken. Tatsächlich begreife ich gar nichts von dem, was ich lese. Die Nachtschwester ist überrascht, dass ich wach bin, und fragt nach meinem Befinden. Was soll ich ihr sagen? Alle Ärzte und Schwestern sind so um mich bemüht, aber können sie erahnen, was mich wirklich bewegt? Stehen sie nicht selbst auch ein Stück hilflos und nach Worten ringend menschlichen Schicksalen gegenüber? Mein Aufenthalt im Krankenhaus währt nicht lange. Schon am nächsten Tag werde ich entlassen. Es ist Silvester. Ich wünsche mir, dass das neue Jahr schönere Momente für mich bereithält.

Wüstenzeit

Es ist gut, dass in Wüstenzeiten des Lebens manchmal eine Oase am Horizont zu erkennen ist. Eine solche Oase erlebe ich im Frühsommer 2004, nachdem mir nach Beantragung einer Mutter-Kind-Kur diese auch innerhalb kürzester Zeit genehmigt wird. Ich genieße diese Wochen der Erholung und des Loslassens der Alltagsprobleme. Hoch motiviert und energiegeladen kehre ich in den Alltag und den Beruf zurück.

Zwei Wochen, nachdem ich meine Arbeit wieder aufgenommen habe, bemerke ich eine ungewöhnliche Zwischenblutung. Schnell nehme ich ein medizinisches Fachbuch zur Hand und bin einigermaßen beruhigt, dort zu lesen, dass Zwischenblutungen häufig völlig harmlos sind. Ein unbestimmtes, ungutes Gefühl drängt mich jedoch dazu, einen Arzttermin zu vereinbaren. Schon sitze ich wieder einmal voller Ungewissheit im Wartezimmer der Arztpraxis. Wenige Zeit später steht die ernüchternde Diagnose fest. Wie haben sich doch vor Jahren die Ärzte getäuscht, ich habe wieder eine Eileiterschwangerschaft. Und diesmal ohne die geringste Vorwarnung meines Körpers.

Wie schon mehrmals erlebt, begebe ich mich ohne eine Verabschiedung von meinen Lieben in die Hände der operierenden Ärzte und hoffe nur, dass alles gut geht. Es geht alles gut, die Schmerzen danach sind auszuhalten. In diesen Stunden frage ich mich: Haben wir als Familie, aber auch jeder für sich – mein Mann, Philipp oder auch ich – überhaupt noch eine Chance, dass diese inneren Wunden irgendwann einmal heilen werden?

In den folgenden Tagen meines Krankenhausaufenthaltes werde ich täglich einer harten Prüfung unterzogen. Eine mir gegenüberliegende ganz junge Patientin, mit der ich mich auf Anhieb gut verstehe, ist wegen Komplikationen im sechsten Monat der Schwangerschaft eingeliefert worden. Zur Kontrolle werden nun jeden Vormittag die Herztöne ihres Babys am CTG-Gerät überprüft. Eine halbe Stunde lang hört das ganze Patientenzimmer die munteren Herztöne des Babys. Welche Ironie des Schicksals, dort schlägt das Herz eines Kindes im Bauch seiner Mutter, mein Kind ist vor wenigen Tagen »entfernt« worden. Gerne möchte ich aufstehen, um das fröhliche Klopfen nicht hören zu müssen, aber noch fehlt mir die körperliche Kraft dazu. Ich muss lernen: Das ist der Krankenhausalltag. Da ist kein Platz für die Gefühle jedes einzelnen Patienten.

Dankbar möchte ich trotz allem an dieser Stelle sagen, dass nach meinen Erfahrungen während der Krankenhausaufenthalte seitens der Ärzte und Schwestern in aller Hektik ihrer Arbeit immer Zeit für aufmunternde Worte und ein freundliches Lächeln blieb.

Noch in diesen Tagen kurz nach der OP komme ich zu einer Erkenntnis, die mich bis heute zutiefst berührt. Ich bitte eine gute Freundin, mir aus ihrem Arbeitsbereich Fachliteratur zu Fehlgeburt, Eileiterschwangerschaft u. Ä. zu besorgen. Für mich ist es einfach wichtig, Zusammenhänge des menschlichen Körpers zu verstehen. Nach der ersten Eileiterschwangerschaft war ich der Annahme, dass der Embryo im Eileiter gar keine Chance hat, sich zu entwickeln. Die Fachliteratur meiner Freundin zeigt jedoch schön illustriert, dass der Embryo im Eileiter in den ersten Wochen die gleichen Entwicklungsphasen wie bei einem Sitz in der Gebärmutter durchläuft. Es ist ein Schock für mich!

Nach medizinischen Angaben schlägt das Herz eines Kindes bereits ab der fünften Schwangerschaftswoche. Ich weiß, dass ich mich zum Zeitpunkt der Operationen schon mindestens in der achten oder neunten Schwangerschaftswoche befunden habe. Ist es möglich, dass in diesem so beengten Raum des Eileiters schon ein kleines Herz zu schlagen begonnen hatte? Es ist eine Gnade, dass ich mit meinem Verstand nicht alles ergründen und begreifen kann.

Wieder zu Hause, beginnt für mich die in meinen Augen wohl schwerste Zeit nach solchen früh beendeten Schwangerschaften. Die hormonelle Situation pegelt sich wieder ein. Es ist eine Zeit, in der die Gefühle Purzelbäume schlagen. Gerade in diesen schwierigen Moment fällt unser Sommerurlaub. Eigentlich sollte es wohl einer der schönsten Augenblicke für eine Familie im Laufe eines Jahres sein. Ich glaube, für meinen Mann und meinen Sohn war ich in diesen Urlaubstagen eher eine Belastung als eine Bereicherung. Da ist diese Erinnerung an das verlorene Kind noch nicht ansatzweise verarbeitet, da muss ich als Mutter und Ehefrau natürlich schon längst wieder »funktionieren«. Und möglichst noch gute Urlaubslaune verbreiten. Dabei habe ich ganz andere Probleme. Wie wird die Zukunft unserer Familie aussehen? Aus der Traum von einem zweiten Kind?

Ein Bibelwort begegnet mir in den folgenden Wochen sehr häufig: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig (2. Korinther 12, 9). Ich treffe beim Lesen eines Buches auf diesen Spruch, höre ihn im Gottesdienst, bekomme eine Postkarte mit dieser Zusage. Die guten Worte verfolgen mich regelrecht. Dankbar blicke ich auf mein Leben und kann an vielen kleinen und großen Dingen Gottes Gnade feststellen: Ein fester Arbeitsplatz, eine gesunde Familie, ein fröhliches Kind, alles das sind Geschenke Gottes. So will ich auch die Zeiten der Schwachheit annehmen, denn er hat versprochen, mich auch dort hindurchzuführen.

Eine Frage beschäftigt mich nun noch sehr. Werde ich meine drei ungeborenen Kinder im Himmel einmal wieder sehen? Ein Gespräch mit einer Frau, die ich auf einer Veranstaltung zum Thema »Heilung« kennen lerne, bringt endlich Gewissheit. Diese Kinder werden schon jetzt bei Gott einen besonderen Platz haben. Ein interessanter Gedanke schießt mir nach dem Gespräch durch den Kopf. Meine Schwester hat immer großen Anteil an meinen Enttäuschungen der letzten Jahre genommen. Sie selbst hat vier Kinder. Eines Tages werde ich ihr in nichts nachstehen. Bei Gott werde ich einmal mindestens vier Kinder haben, drei sind schon jetzt bei ihm, eines hat er mir in diesem Leben anvertraut.

Hannahs Loblied

In der Bibel steht, Gott hat einen Plan für mein Leben. Ich darf aber auch Dinge, die mir am Herzen liegen, im Gebet vor ihn bringen. Ab sofort befinde ich mich auf einer regelrechten Gratwanderung. Oft bete ich: »Jesus, zeige mir den Weg, den du mit mir vorhast. Sei es im Beruf oder in der Familie. Ich möchte lernen, meine Lebensumstände so hinzunehmen, wie du sie gemeint hast.« Ein nächstes Mal bete ich: »Jesus, du siehst den Wunsch nach einem zweiten Kind. Ich weiß, dass die Chancen nach menschlichem Ermessen nicht gut stehen, aber bei dir ist nichts unmöglich.«

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23 aralık 2023
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211 s. 2 illüstrasyon
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9783865066527
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