Kitabı oku: «Das Erbe der Burgherrin»
Sabine Müller, 1973 im saarländischen Homburg geboren, ist Apothekerin und Mutter zweier Kinder. Nach »Das Mal der Burgherrin« ist »Das Erbe der Burgherrin« ihr zweiter Roman über die Grafen vom Homburger Schlossberg.
Sabine Müller
DAS ERBE
DER BURGHERRIN
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2014
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Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig
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www.engelsdorfer-verlag.de
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Teil 1: Die Rache der Loretta 1325
Teil 2: Die falsche Fährte
Teil 3: Ein Funke Hoffnung
Teil 4: Getrennte Wege
Teil 5: Ein Wiedersehen
Teil 6: Finale
Nachwort
Personenverzeichnis
Literatur
Danksagung
Teil 1:
Kapitel 1
Schwester Loretta wischte sich den Schweiß von der Stirn, als sie atemlos in der Klosterküche angelangte.
„Wo bleibst du denn?“
Amalie, die Köchin des kleinen Zisterzienserinnenklosters St. Thomas an der Kyll war eine kleine rundliche Frau mit wachsamen Augen. Vorwurfsvoll musterte sie die stämmige, ältere Laienschwester, deren linke Wange eine hässliche Narbe zierte.
„Hier, zieh dir die Schürze über.“
Sie hielt Loretta eine weiße Schürze entgegen.
„Eine Pilgergruppe ist gerade angekommen. Du weißt, was das bedeutet?“
Loretta wusste sehr wohl, was das hieß. Noch mehr Rübenschälen als sonst! Widerwillig nahm sie die Schürze und band sie sich über die Nonnentracht. Dann gesellte sie sich zu den anderen drei Schwestern, die bereits fleißig am Arbeiten waren. Loretta stellte einen Korb voller Rüben vor sich und begann mit einem rostigen Messer die dünne Schale von dem Gemüse abzuschaben.
Sie hasste diese Arbeit, genauso wie alles andere hier im Kloster. Wenn man doch nur die Zeit zurückdrehen könnte! Mit ihrem ersten Gemahl lebte sie als Gräfin auf der Burg Lichtenberg. Nach dessen Tod machte sie sich auf die Suche nach einem neuen Gatten, bevor die Kinder ihres Gemahls sie in ein Kloster stecken konnten. Auf der Homburg wurde sie fündig und heiratete den dortigen Burgherren, Graf Walther. Durch einen Unfall hatte dieser ein lahmes Bein, welches er hinter sich herzog. Es war leicht, ihn für sich zu gewinnen. Gemeinsam führten sie ein strenges Regiment. Genauso wie Walther fand auch Loretta schnell daran Gefallen, die Untertanen zu schikanieren. Walther hatte eine Leidenschaft für Ritterturniere und scharte viele raue Gesellen um sich. Um seine Ritter durchzufüttern und auszustatten, ließ er seine Untertanen und Hörigen hungern.
Als nach dem dritten kalten Winter in Folge die Nahrungsmittel knapp wurden, hatten sich die Bauern gegen ihn verschworen und baten die umliegenden Grafen um Hilfe. Diese fanden heraus, dass sich Walther den Grafentitel unrechtmäßig angeeignet hatte, und machten zusammen mit Walthers Tante Margareta den wahren Erben der Homburg ausfindig. Walther wurde hingerichtet und Loretta verbannte man in dieses düstere Kloster in der Eifel, wo sie von morgens bis abends arbeiten musste und niemand mehr da war, der sie bediente.
Sieben Jahre waren vergangen, doch noch immer sann sie nach Rache. Wenn sie nur einen Weg finden würde, wie sie Walthers Tod und ihre Verbannung rächen könnte! Wie gerne würde sie es Margareta und deren Sohn Konrad heimzahlen!
Irgendwann würde ihre Stunde schlagen, das wusste sie.
„Pass auf Loretta! Sonst schälst du die Rüben so sehr, dass nichts mehr von ihnen übrig bleibt!“, schalt Amalie.
Bald war das Gemüse geputzt und klein geschnitten. Die Köchin schürte das Feuer und hängte den großen Kessel über die Feuerstelle. Während der Eintopf vor sich hin köchelte und einen angenehmen Duft verbreitete, räumten sie die Küche auf, machten alles sauber und warfen den Abfall in die Latrine. Loretta ging mit den anderen zum Speisesaal der Nonnen und deckte den Tisch. Dann begaben sie sich ins Gästehaus und deckten auch dort ein.
Als die Glocke zur Sext läutete, kamen die Nonnen von ihrer Arbeit in den Speisesaal und beteten, bevor sie mit ihrem Mahl begannen. Loretta wurde damit betraut, sich im Gästehaus um die Pilger zu kümmern. Sie würde erst später essen. Zuerst hatte sie sich darüber geärgert, doch dann war sie froh über die Gelegenheit, mit den Fremden ein paar Worte wechseln zu können. Vielleicht hatten sie Interessantes zu berichten.
„Wo kommt ihr denn her?“, fragte sie, während sie eine Schüssel mit Eintopf auf den Tisch stellte und mit einer Kelle die Teller der müden und hungrigen Pilger füllte.
„Wir kommen aus Zweibrücken“, antwortete einer, der sogleich gierig anfing zu essen. Nicht überall bekam man als Pilger eine warme Mahlzeit.
„Das ist gar nicht so weit weg von meiner alten Heimat.“
Loretta strich sich die Schürze glatt, bevor sie mit dem Ausschenken fortfuhr.
„Und wo war das?“
Sie zögerte zuerst, antwortete aber trotzdem:
„Auf der Homburg.“
„Ah, dort war ich vor gar nicht all zu langer Zeit.“
„Was machen denn die Grafen dort?“
„Sie haben die Burg herausgeputzt und auch der Flecken im Tal wird immer größer.“
„Wie geht es Margareta?“
„Als ich dort war, hatte sie gerade Streit mit ihrer Schwiegertochter Mechthild, weil diese immer mit dem kleinen Arnold allein durch den Wald streift. Margareta wollte wohl, dass sie einen Ritter mitnimmt, damit kein Räuber ihnen etwas antun kann, aber Mechthild ist ein richtiger Sturkopf. Sie hat vor nichts und niemandem Angst. Sie ist ein sehr eigensinniges Geschöpf, aber Graf Konrad liebt sie über alles.“
Loretta hörte gespannt zu und begann zu überlegen. War das endlich die Gelegenheit, auf die sie so lange gewartet hatte? Mutter und Sohn allein im Wald, ohne Wachen? Da wäre es doch für ein paar Räuber ein leichtes Spiel, die beiden zu entführen! Was würde Margareta sagen, wenn ihr Enkelsohn verschwände? Ein Lächeln huschte über Lorettas Gesicht.
„Es reicht, es reicht“, rief der Pilger plötzlich, dessen Teller sie so reichlich füllte, dass er am Überlaufen war.
„Oh, verzeih mir, ich musste gerade an früher denken.“
Loretta wischte die verschüttete Suppe auf.
Nachdem die Pilger ihre Mahlzeit beendet hatten, räumte sie ab und trug das schmutzige Geschirr in den Küchenbau. Ihre Gedanken begannen um das gerade Gehörte zu kreisen. Wie könnte sie es nur anstellen, dass man die junge Gräfin mit ihrem Sohn entführte? Sie wusste, dass zwei von Walthers ehemaligen Rittern in der Nähe von St. Thomas weilten. Wie konnte sie nur die beiden von einer solchen Tat überzeugen? Geld hatte sie nicht, und ob deren Rachebedürfnis den Homburgern gegenüber genauso groß war wie ihr eigenes, wusste sie nicht.
Plötzlich kam ihr eine Idee. Man hatte im Kloster ein sehr wertvolles Gebetbuch angefertigt. Die Äbtissin war sehr stolz darauf. Vor ein paar Jahren war ein Goldschmied ins Kloster gekommen und hatte einen sehr filigranen Leben-Jesu-Rosenkranz eigens für die Gebete in diesem Buch angefertigt. Die Edelsteinperlen waren in pures Gold eingefasst. Seitdem gehörte dieser Rosenkranz zum Klosterschatz, der zusammen mit der Körperreliquie in einem Schrein in der Kapelle aufbewahrt wurde. Nur die Äbtissin hatte einen Schlüssel zu dem Schrein und bewahrte diesen in ihrem Schlafgemach auf. Loretta hatte ihren Plan gefasst.
Bei der Zubereitung des Abendmahls beklagte sie sich bei der Köchin und den anderen über Bauchschmerzen und gab vor, mehrmals das Latrinenhäuschen aufsuchen zu müssen. Als sich später alle beim Abendessen befanden, verzog sie schmerzhaft das Gesicht und ging hinaus. Sie drehte sich um und sah nach, ob ihr jemand folgte. Die Luft war rein. Geschwind rannte sie zur Unterkunft der Äbtissin. Abermals drehte sie sich um und vergewisserte sich, dass sie niemand sah. Im Schlafgemach suchte sie nach dem Schlüssel des Reliquienschreins. Als sie ihn gefunden hatte, überquerte sie schnell den Hof zur Kapelle und versuchte den Schrein zu öffnen. Zuerst klemmte der Schlüssel, doch schließlich gelang es ihr. Schnell nahm sie den Rosenkranz und ließ ihn in eine Tasche ihrer Kutte gleiten. Dann verschloss sie den Schrein wieder, brachte den Schlüssel zurück und ging zum Abendessen. Bis man den Verlust bemerkte, würden mehrere Wochen vergehen, da die Reliquien nur an den Feiertagen herausgeholt wurden. Keiner würde sie verdächtigen.
In der Nacht, als alle schliefen, schlich sich Loretta aus dem Dormitorium. Sie musste sich beeilen, wenn sie es in der kurzen Zeit, in der die Nonnen ruhten, bis nach Malberg schaffen wollte, wo Walthers ehemalige Ritter Hartmut und Wolfgang in den Dienst getreten waren. Sie huschte über den Klosterhof und verließ das Gelände durch eine kleine Pforte. Es war eine weite Strecke, die sie in der Nacht zurücklegen musste. Sie war dankbar, dass der Mond ihr den Weg leuchtete. Unterwegs erfrischte sie sich kurz an einer kleinen Quelle, bevor sie außer Atem die Burg erreichte.
Es gelang ihr, sich unbemerkt in die Vorburg zu schleichen, wo die Ritter untergebracht waren. Loretta klopfte leise an Hartmuts Tür. Als niemand reagierte, öffnete sie und trat ein. Der Ritter lag in den Armen einer Magd und schnarchte laut. Loretta trat an das Bett, vorsichtig darauf bedacht, nur Hartmut zu wecken. Dieser rieb sich erstaunt die Augen und wollte gerade hochfahren, als Loretta ihn besänftigte.
„Pst, sei leise, ich bin es, Loretta, deine alte Herrin.“
„Was wollt Ihr hier mitten in der Nacht?“, fragte Hartmut erstaunt, der eine Weile brauchte, um zu sich zu kommen.
„Rück ein wenig herüber, dein Liebchen braucht nichts mitzubekommen.“
Vorsichtig entwand sich der Ritter der Magd und ging mit Loretta in die andere Ecke der Kammer.
„Ich brauche deine Dienste und werde gut dafür bezahlen.“
„Dann lasst mal hören.“
„Ich habe von ein paar Pilgern erfahren, dass Mechthild, die neue Gräfin von Homburg, oft alleine mit ihrem Sohn Arnold im Homburger Wald unterwegs ist. Damals, als Walther hingerichtet wurde, habe ich Rache geschworen. Entführ diese Mechthild und ihren Sohn und ich werde dir dieses wertvolle Stück geben.“
Loretta zeigte Hartmut kurz den goldenen Rosenkranz, der im fahlen Mondlicht schwach glänzte.
„Und wenn du sie entführt hast, kannst du sie als Sklaven in ein Land verkaufen, wo sie niemand versteht und ihnen niemand helfen kann.“
Kapitel 2
„Gehen wir heute wieder zur Merburg?“, fragte der kleine Arnold seine Mutter erwartungsvoll.
„Ja, wenn du möchtest. Wir holen uns nur noch bei Emma in der Küche einen Kanten Brot und Speck. Dann können wir an der Ruine etwas essen.“
Mechthild liebte es, mit ihrem Sohn durch die Wälder zu streifen. Sie rückte ihre weiße Haube zurecht und strich ihr dunkelgrünes Kleid glatt. Dann nahm sie Arnold an der Hand und ging mit ihm zur Burgküche. Arnold hüpfte vergnügt auf und ab. Plötzlich entwand er sich seiner Mutter.
„Ich hole schnell mein Schwert, damit ich dich beschützen kann!“
„Ja, mach das. Wir treffen uns am Burgtor.“
Mechthild schaute Arnold lächelnd nach. Wie gut der Junge seinem Vater glich! Das gleiche dunkelblonde, krause Haar und die strahlend blauen Augen. Auch das kleine Mal in Form eines Lindenblattes, welches schon seine Großmutter Margareta zierte, hatte er geerbt. Mechthild strich unwillkürlich über ihren Bauch. Ihre letzte Blutung lag eine Weile zurück und heute Morgen war ihr zum ersten Mal speiübel gewesen. Ob sie wohl endlich ein neues Kind in sich trug? Bei dem Gedanken an Konrad und was für ein Gesicht er machen würde, wenn er davon erfuhr, begann sie zu lächeln und dieses Lächeln trug sie immer noch auf dem Antlitz, als sie bei Emma in der Küche angelangte.
„Was strahlt Ihr so, Herrin?“, fragte die junge, hagere Köchin erstaunt. Sie stand erst seit wenigen Monaten in den Diensten der Grafen von Homburg.
„Ich musste gerade an etwas Schönes denken. Packst du mir schnell einen Kanten Brot und ein Stück Speck ein, Emma? Ich gehe mit Arnold zur Merburg. Er freut sich schon so darauf.“
„Wollt Ihr nicht einen der Ritter bitten, Euch zu begleiten?“
„Nein, das ist nicht nötig. Wir sind den Weg schon hundertmal gegangen!“
„Aber Eure Schwiegermutter wird das nicht gutheißen, Herrin!“
„Sie muss es ja nicht erfahren.“
Mechthild schnappte sich den Beutel mit Essen, den Emma zusammengeschnürt hatte, und beeilte sich zum Burgtor zu gelangen. Emma sah ihr nach und schüttelte den Kopf. Hoffentlich passierte nicht doch noch etwas.
„Mama, Mama, wo bleibst du denn?“, empfing Arnold seine Mutter ungeduldig.
„Emma hat ein bisschen länger gebraucht. Aber jetzt können wir los!“
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg am Ritterübungsplatz vorbei, der kurz nach Mittag immer verlassen da lag. Mechthild hatte keine Lust von einem Ritter begleitet zu werden, der möglicherweise die ganze Zeit den Kopf darüber schüttelte, dass sie als Gräfin mit ihrem Sohn im Wald spielte und sang. Die Frühlingssonne wärmte die Luft angenehm und die ersten Vögel zwitscherten. Bald würden die Büsche und Bäume ergrünen. Mechthild sog begeistert die Luft ein. Überall roch es nach Frühling.
„Sieh, dort vorne sitzt ein Hase!“, flüsterte Arnold und schlich leise in die Richtung des Nagetiers. Der Hase richtete sich auf, schnupperte kurz und ergriff hakenschlagend die Flucht, als er die Witterung der beiden aufnahm.
„Schade! Der sah so putzig aus, als er Männchen gemacht hat.“
„Jetzt, wo das Wetter wärmer wird, werden wir noch oft Gelegenheit haben, einen Hasen zu beobachten.“
Sie wanderten über die Bergnase und der Wald wurde dichter.
„Hätte ich doch nur ein Messer mitgenommen, dann könnte ich mir einen Stock schnitzen!“
„Da hast du aber Glück, dass deine Mutter an alles gedacht hat!“
Mechthild löste den kleinen Dolch, den sie immer bei sich trug, von ihrem Gürtel und reichte ihn dem Jungen.
„Danke!“, rief dieser erfreut und suchte sich gleich einen geeigneten Zweig, den er mit dem Messer bearbeiten konnte. Mit angestrengtem Gesicht schabte er mit dem Dolch über das Holz, bis das Ende des Steckens ganz spitz geworden war. Dann ritzte er vorsichtig ein Zickzackmuster in die Längsseite.
„Siehst du, wie spitz er geworden ist? Man kann ihn nicht nur zum Abstützen, sondern auch als Speer für die Jagd benutzen! Den muss ich unbedingt Vater zeigen!“
Mechthild fuhr andächtig über die Spitze.
„Ja, der ist richtig gut geworden, aber bis du mal zur Jagd gehst, dauert es noch ein Weilchen.“
„Vater hat gesagt, ich dürfte nächstes Jahr schon mit und mit meiner Armbrust schießen!“
Graf Konrad hatte seinem Sohn eine kleine, kindgerechte Armbrust anfertigen lassen und der Junge übte voller Stolz damit. Er stellte sich genauso geschickt an wie sein Vater und Großvater vor ihm.
„Jetzt lass uns erst einmal weiter zur Merburg gehen.“
Es dauerte nicht lange, bis sie zu den Felsen oberhalb des Fischweihers vor der Ruine gelangten.
„Mit dem vielen Moos sehen diese Felsen ganz weich aus!“
Arnold setzte sich auf den größten der Felsen und ruhte sich kurz aus. Auch Mechthild nahm Platz.
„Wusstest du, dass hier, vor langer Zeit, dein Onkel Simon bei einer Jagd ums Leben gekommen ist?“
„Hier auf diesen Felsen?“
„Nein, dort unten. Aber auf diesen Felsen hat der Knecht von Simons Vetter gelegen und ihn mit einer Armbrust erschossen.“
„Aber das ist ja entsetzlich! Warum hat er das getan?“
„Simons Vetter Walther wollte Graf von Homburg werden und wurde es später auch, bis man hinter sein falsches Spiel gekommen ist und erkannt hat, dass dein Vater der wahre Graf ist.“
„Das hört sich spannend an. Erzählst du mir genau, wie das war?“
„Vielleicht später einmal. Komm, wir gehen weiter.“
Arnold sprang auf und rannte zum Weiher. Bevor Mechthild etwas sagen konnte, hatte er sich seiner Lederschuhe entledigt, die Beinlinge hochgezogen und watete durch das seichte Wasser.
„Aber Arnold! Es ist doch noch viel zu frisch!“
„Vielleicht kann ich mit meinem Speer einen Fisch fangen!“
Der Junge watete durch das Schilf am Ufer und spähte angestrengt ins Wasser. Als er einen kleinen Fisch entdeckte, blieb er ganz ruhig stehen, kniff die Augen zusammen und hielt die Luft an. Blitzschnell stach er mit dem Speer zu, doch der Fisch war noch schneller und verschwand.
„Schade, beinahe hätte ich ihn erwischt! Dann hätte Emma uns Fisch braten können!“
„Das hätte bestimmt für die ganze Burg gereicht“, scherzte Mechthild.
Auch seine nächsten Versuche scheiterten. Arnold stieg aus dem Wasser und rannte durch die Wiese, bis seine Füße wieder trocken waren. Als er endlich genug davon hatte, gingen sie hinüber zur Burgruine. Dort band Arnold sein Holzschwert ab und begann wild gegen unsichtbare Feinde zu kämpfen. Mechthild setzte sich auf die Mauerreste und sah ihm zu. Wie würde es sein, wenn das neue Kind erst da wäre? Hätte sie dann überhaupt noch Zeit für Arnold? Ihre Spaziergänge im Wald würden seltener werden. Auch ließe sie Margareta hochschwanger überhaupt nicht mehr alleine ziehen. Aber bis dahin war noch Zeit. Vielleicht sollte sie noch warten, bevor sie von ihrer Schwangerschaft berichtete. Dann könnte sie noch ein wenig ihre Freiheit genießen.
Mechthild packte das Brot und den Speck aus. Sie schnitt beides in Stücke und rief dann:
„Ist da vielleicht ein hungriger Ritter?“
„Ja, gewiss!“
Arnold kam angerannt und ließ sein Schwert auf den Boden fallen. Er setzte sich zu Mechthild auf die Mauer und ließ es sich schmecken.
„Hm! Draußen an der frischen Luft schmeckt es immer am besten!“
Arnold langte reichlich zu. Er biss immer abwechselnd von Brot und Speck ab und musste fest kauen.
„Aua! Oh, sieh mal - mein Zahn!“
Arnold hielt Mechthild überrascht den kleinen weißen Milchzahn entgegen.
„Tatsächlich! Der erste Wackelzahn ist draußen! Mein kleiner Junge wird groß!“, Mechthild lächelte und betrachtete anerkennend den Zahn.
„Das müssen wir unbedingt Vater erzählen! Jetzt muss er mich auf die nächste Jagd mitnehmen! Komm wir gehen gleich zurück!“
Arnold war zu aufgeregt, um noch weiter zu essen. Mechthild packte alles zusammen und dann traten sie den Rückweg an. Arnold hatte den Zahn behutsam in seinen Beutel verstaut und begann begeistert Jagdlieder zu singen. Auch Mechthild stimmte mit ein. Als sie den Ritterübungsplatz erreichten, wo die Grafen gerade mit den Rittern übten, schaute Konrad erstaunt auf und kam ihnen entgegen.
„Na, ihr seid aber gut gelaunt!“
„Vater, Vater!“, rief Arnold, „sieh, was ich hier habe!“
Der Junge zog ganz aufgeregt den kleinen Zahn aus seinem Beutel und hielt ihn dem Vater hin.
„Was ist denn das? Das ist ja ein Zahn! Komm lass dich ansehen! Zeig mir deine Zähne.“
Arnold öffnete mit einem breiten Grinsen den Mund und zeigte seinem Vater die Zahnlücke.
„Unser kleiner Junge wird zum Mann!“, rief Konrad erfreut.
„Jetzt übertreib nur nicht,“ Mechthild lächelte, „sonst will er gleich nach Kirkel und Page werden.“
„So lange dauert das auch nicht mehr.“
Wehmütig wurde Mechthild bewusst, dass Konrad damit recht hatte. In spätestens zwei Jahren würde Arnold Page sein! Sie durfte gar nicht daran denken! Umso wichtiger war es jetzt, dass sie so viel Zeit wie möglich mit ihm verbrachte.
„Vater, hier sieh meinen Speer! Ich habe ihn selbst geschnitzt. Er ist vorne ganz spitz. Beinahe hätte ich einen Fisch damit gefangen.“
Während Arnold bei Konrad blieb und seinem Vater vorführte, wie er mit dem Speer Fische fangen konnte, verabschiedete sich Mechthild und ging zum Burgbrunnen, um sich ein wenig zu erfrischen. Sie bat eine Magd, einen Eimer mit frischem Wasser hochzuziehen und wusch sich Hände und Gesicht mit dem kühlen Nass.
„Grüß dich Mechthild!“, ertönte eine Stimme vom Oberhof der Burg herunter. An den Zinnen, die den Oberhof begrenzten, stand Mechthilds Schwester Irmgard mit ihren Töchtern Jutta und Katharina und winkte herab.
„Seid gegrüßt, ihr drei!“
Mechthild machte sich lächelnd auf den Weg die Treppen hinauf. Irmgard war ein wenig fülliger als Mechthild, aber ansonsten glich sie ihrer Schwester wie aus dem Gesicht geschnitten, die gleichen haselnussbraunen Haare und dunklen Augen und die Grübchen in den Wangen, die sich beim Lächeln besonders abzeichneten. Ihre Tochter Jutta war fast ein Jahr älter als Arnold. Sie trug das lange glatte, blonde Haar ordentlich geflochten. Über ihr blaues Kleid hatte sie eine weiße, saubere Schürze gebunden. Wie so oft sahen ihre blauen Augen leicht tadelnd auf Mechthild herab, deren Garderobe bei ihrer Wanderung durch den Wald ein wenig gelitten hatte. Doch die kleine Katharina, die kaum fünf Jahre zählte, war ein richtiger Wildfang. Ihre braunen Locken ließen sich einfach nicht bändigen und ihr braunes Kleidchen wurde immer von ein paar Flecken geziert. Sie war das Gegenteil ihrer großen Schwester und strahlte Mechthild aus ihren grünen Augen an.
„Warst du wieder im Wald, Tante Mechthild?“
„Ja, ich habe einen Spaziergang mit Arnold gemacht. Wir waren drüben an der Merburg. Es war wunderschön! Wollt ihr nicht auch einmal mit uns kommen?“
„Oh, ja!“, frohlockte Katharina begeistert.
„Aber Tante, das ist doch viel zu gefährlich!“, rief Jutta entsetzt.
„Wenn wir alle zusammen gehen und vielleicht noch Ritter Hanricus mitnehmen, wird das schon gehen,“ mischte sich Irmgard ein.
„Können wir gleich morgen losziehen? Bitte, bitte!“, bettelte Katharina begeistert.
„Wenn Konrad und Friedrich nichts dagegen haben.“
„Lasst uns nun zum Rittersaal gehen. Die Abendmahlzeit wird bald aufgetragen.“
Die Frauen und Kinder machten sich auf den Weg und nahmen an dem großen Herrentisch Platz. Es dauerte nicht lange, bis sich der Saal füllte. Konrads Mutter, Margareta, setzte sich auf ihren Platz in der Mitte der großen Tafel. Mit ihren zweiundsechzig Jahren war sie immer noch eine stattliche und würdevolle Frau. Sie trug ein schlichtes braunes Gewand und eine Kette mit einem goldenen Kreuz. Ihre grauen Haare hatte sie unter einer weißen Haube versteckt und ihr Gesicht wurde von Lachfältchen geziert. Die Grafen Konrad und Friedrich trafen mit ihren Rittern, Knappen und Knechten hungrig von ihren Übungen ein. Der kleine Arnold war immer noch an der Seite seines Vaters und redete mit ihm über Waffen. Auch das Gesinde fand sich ein und die Pagen begannen damit, das Essen aufzutragen.
„Hab ich einen Hunger!“, rief Graf Friedrich, Konrads Vetter, als der deftige Fleischeintopf seinen Duft verbreitete. Friedrich war nur wenige Jahre älter als Konrad, sein dunkelblondes Haupthaar begann sich zu lichten, doch dafür wuchs sein Bart umso dichter und sein grünes Wams spannte sich über seinem Bauch. Genau wie Konrad trug er den Titel „Graf von Homburg“. Gemeinsam und gleichberechtigt regierten sie über die kleine Grafschaft im Westrich.
„Das Frühlingswetter macht wohl Appetit“, lächelte Irmgard über ihren Mann.
Die Pagen füllten die Holzschalen mit Eintopf und die irdenen Becher mit verdünntem Wein. Altgräfin Margareta, die viele Jahre als Äbtissin einem Kloster vorgestanden hatte, erhob sich und sprach einen Segensspruch. Dann langten alle zu. Vor wenigen Jahren hatte in der Gegend eine Hungersnot geherrscht, doch die mageren Jahre waren endlich vorüber und das Essen reichte für alle.
„Morgen wollen wir wieder eine Wanderung zur Ruine der Merburg machen und Irmgard und die Mädchen wollen uns begleiten. Wir nehmen Ritter Hanricus zum Schutz mit, wenn du ihn entbehren kannst“, wandte sich Mechthild an Konrad.
„Oh, das geht leider nicht, Mechthild. Morgen reite ich nach Kirkel und ich hätte gerne, dass du mich begleitest. Magdalena geht es nicht so gut.“ Magdalena, die von allen nur Leni genannt wurde, war Konrads Ziehmutter. Sie hatte ihn als Säugling im Wald gefunden, nachdem sein Vetter Walther veranlasst hatte, dass man ihn aussetzte und für tot erklären ließ.
„Oh, ich verstehe. Dann müssen wir unsere Wanderung verschieben.“ Jutta atmete erleichtert auf. Sie ging nicht gerne durch den Wald. Die Bäume jagten ihr immer ein wenig Angst ein. Katharina hingegen verzichtete nur ungern auf das kleine Abenteuer.
„Magdalena geht es schlecht?“, mischte sich Margareta ein.
„Ja, Thea hat einen Boten geschickt. Sie hat so starke Schmerzen und kann kaum noch aufstehen.“
„Das tut mir leid. Richtet ihr die besten Grüße und Wünsche von mir aus. Ich werde für sie beten.“
Kapitel 3
Nahe der Burg Malberg ritten zwei Männer durch den Wald. Sie saßen auf braunen Stuten und trugen schwarze Waffenröcke über ihren Kettenhemden und darunter dunkelbraune, enge Beinlinge. Der eine hatte krauses, dunkles Haar, der andere helles glattes. Gemeinsam waren ihnen ihre gekräuselten Bärte, die von grauen Strähnen durchzogen wurden. Auf einer Lichtung stießen die Ritter Hartmut und Wolfgang auf eine kleine Horde von Räubern.
„Wir dachten schon, ihr würdet gar nicht mehr kommen!“
Ein grobschlächtiger Kerl mit einer langen Narbe auf der rechten Gesichtshälfte, dunkelbraunen zotteligen Haaren und einem zerschlissenen braunen Wams trat den beiden Rittern entgegen.
„Aber Sveti! Wie kannst du so etwas von uns denken? Wir mussten nur dem Goldhändler noch gut zureden, damit er uns genug für den Rosenkranz gibt. Er wollte schon aufmucken.“
„Ich hoffe, es langt für unseren vereinbarten Anteil!“
„Ja, diesen Beutel bekommt ihr jetzt, den Rest später, wenn unsere Wege sich trennen.“ Hartmut hielt dem Räuberhauptmann einen prall gefüllten Lederbeutel entgegen. Dessen Augen begannen sogleich gierig zu funkeln. Schnell schnappte er sich das Gold mit seiner schmutzigen Hand und band sich den Beutel unters Wams.
„Lasst uns den Handel bei einem Fässchen Wein besiegeln. Wir haben heute gute Beute gemacht.“ Sveti zeigte auf einen Wagen, der mit Wein, Schinken, Käse und einem Berg Tuchballen gefüllt war.
„Ein Händler, der zum nächsten Markt unterwegs war, ist uns in die Falle gegangen.“
„Dann lasst uns heute feiern und morgen aufbrechen. Den Wagen können wir für unsere Gefangenen gut gebrauchen.“
„Das habe ich mir gedacht. Der Gaul macht einen guten Eindruck.“
Die Räuber zerrten das Weinfass vom Wagen und stießen es an. Sie füllten ihre Trinkhörner und prosteten sich zu. Auch von Schinken und Käse aßen sie reichlich. Sie hatten nicht jeden Tag das Glück, so reichhaltige Beute zu machen. Oft blieb ihnen nichts anderes übrig, als zu hungern. Die beiden Ritter hielten sich zurück. Sie wollten sich für den nächsten Morgen einen klaren Kopf bewahren.
Die Männer unterhielten sich über ihre bevorstehende Mission.
„Nehmen wir nur die Gräfin mit oder auch den Jungen?“
„Beide, auch der Junge wird uns einen guten Preis einbringen.“
„Und mit der Gräfin werden wir unseren Spaß haben!“ Ein besonders schmieriger Räuber rieb sich die Hände.
„Du lässt deine schmutzigen Finger von ihr, Smolek. Die bekomme ich!“, rief der Hauptmann.
„Aber du wirst uns doch wohl auch ein bisschen Spaß gönnen!“
„Denkt dran, wenn ihr sie verkaufen wollt, muss sie in gutem Zustand sein, wenn ihr die Schwarzmeerküste erreicht. Nehmt euch von dem Geld lieber eine Metze unterwegs!“, lenkte Hartmut ein.
„Jungfrau ist sie doch ohnehin nicht mehr!“
„Trotzdem solltet ihr vorsichtig mit ihr umgehen.“
„Die Frauen an der Schwarzmeerküste sind eh die Besten, sag ich euch. Da kommen die Weiber von hier nicht mit und so eine verwöhnte Gräfin erst recht nicht.“ Sveti schwelgte in Erinnerungen an seine Heimat.
„Aber bis wir dort sind, das dauert noch Monate! Du wirst uns doch nicht so lange mit einem Weib durch die Lande ziehen lassen, ohne uns mal ran zu lassen?“
„Ach, seid doch ruhig! Nehmt lieber noch einen Schluck Wein!“
Die Räuber tranken einen nach dem anderen und die Stimmung wurde immer ausgelassener.
„Ich bin mal gespannt, ob das Schwarze Meer wirklich so schön ist, wie du immer sagst.“
„Zweifelst du etwa an meinen Worten?“
Sveti wollte sich auf den großen, hageren Räuber mit den blonden, langen Haaren stürzen, der von allen nur „der Lange“ genannt wurde.
„Hört auf zu streiten und legt euch besser zum Schlafen nieder“, beschwichtigte Wolfgang. „Morgen wird ein anstrengender Tag.“
Als der letzte Räuber eingeschlafen war, senkte sich tiefe Nacht über das Lager. Am Morgen mussten die Ritter jeden einzeln wachrütteln.
„Ich hoffe, diese Männer reißen sich in den nächsten Wochen zusammen, sonst werden wir niemals unsere Mission erfüllen“, flüsterte Hartmut unbemerkt Wolfgang zu.
„Das Gold wird sie antreiben.“
„Es war eine gute Idee, ihnen zuerst nur die Hälfte zu geben und den Rest später. Ansonsten hätten sie uns wahrscheinlich erschlagen und wären mit ihrer Beute im Wald geblieben, ohne einen Finger dafür zu rühren.“
„Da hast du recht!“
Als alles zusammengeräumt war, gaben sie den Befehl zum Aufbruch. Die Räuber waren müde und verkatert und gingen noch grober miteinander um als am Abend zu vor. Sveti saß zusammen mit dem Langen auf der Pritsche des kleinen Gespanns, auf dessen Ladefläche noch die Reste der Vorräte und die Tuchballen lagen, und trieb die anderen zur Eile an.
„Warum müssen wir laufen und der da darf beim Hauptmann auf dem Wagen sitzen?“, fragte Smolek herausfordernd und zeigte auf den Langen.
„Einer muss halt den Wagen lenken.“
„Und wer sagt, dass ausgerechnet du das sein musst?“
„Kannst du etwa mit einem Wagen umgehen?“
„Schlechter als du bestimmt nicht!“
„Vielleicht können wir noch ein paar Gäule besorgen. Dann muss keiner laufen“, schlug Sveti vor.
„Wir sollten unterwegs möglichst wenig Aufsehen erregen, je näher wir der Homburg kommen“, lenkte Hartmut ein.
„Wie lange werden wir unterwegs sein?“, wollte Hagen, ein buckliger Räuber mit braunen Haaren, wissen.
„Wenn wir uns ranhalten, fünf oder sechs Tage.“
„Dann haben wir noch genügend Zeit, Beute zu machen.“
„Denkt daran, dass die Leute des Erzbischofs überall ihre Augen haben.“
„Im Hunsrück gibt es genug Stellen, wo man unbemerkt eine ganze Reisegruppe in einen Hinterhalt locken kann. Solange niemand entkommt, haben wir nichts zu befürchten.“
Wolfgang und Hartmut sahen sich an. Ihr Herr war weit und breit bekannt und sie konnten es sich nicht leisten, dass man sie erkannte und mit einer mordenden Räuberhorde in Verbindung brachte.
Sveti hatte die Blicke der Ritter bemerkt und wandte sich ihnen zu:
„Haltet im Wald Abstand und stoßt erst später wieder zu uns, wenn wir die Gäule haben.“
Hartmut nickte zustimmend. Die nächsten beiden Tage verliefen ohne Probleme. Sie überquerten die Mosel und Hartmut beglich für die ganze Gruppe den Brückenzoll. Als die dichten, grünen Wälder des Hunsrücks näher rückten, beschleunigten die beiden Ritter ihre Pferde und vergrößerten den Abstand zu der kleinen Räuberhorde.
„Wir sehen uns bald wieder!“, rief ihnen Sveti hinterher.
Als von den Räubern nichts mehr zu sehen und zu hören war, wandte sich Hartmut an Wolfgang:
„Hoffentlich geht das mit den Unholden gut. Ich habe keine Lust so zu enden wie Walther.“
„Sobald sie die Frau und den Jungen haben und auf der Donau sind, trennen wir uns von ihnen und reiten zurück. Dem Herrn von Malberg habe ich erzählt, ich müsste in einer dringenden Familienangelegenheit nach Koblenz und habe ihn gebeten, dich als Geleitschutz mitnehmen zu dürfen. Wir müssen nur darauf achten, dass wir auf dem Rückweg einen kleinen Umweg reiten, damit wir nicht aus der falschen Richtung kommen. Den Rosenkranz wird der Goldhändler schon am anderen Ende der Welt versetzt haben. Keiner wird Verdacht schöpfen.“
„Ich hoffe, du behältst recht.“
Die Ritter trieben ihre Pferde weiter an bis zum Abend und rasteten auf einer kleinen Lichtung.
„Schade, dass wir nichts vom Wein der Räuber haben!“
„Ja, hätten wir uns nur einen Schlauch voll abgefüllt.“
Wolfgang erlegte mit seiner Armbrust einen kleinen Hasen, während Hartmut ein Feuer entfachte. Sie brieten das Fleisch und genossen ihr Mahl.
Am nächsten Morgen packten sie ihre Sachen zusammen und ließen die Pferde gemächlich traben. Sie wollten den Abstand zur Räuberbande nicht zu groß werden lassen.
Ein kleiner Reisezug kam ihnen entgegen. Die Pferde hatten auffallend grüne Satteldecken.
„Seid gegrüßt, werte Ritter. Sagt, lässt sich der Wald gut passieren, oder wimmelt es von Räubern?“, wollte der Anführer des Zuges wissen.
„Wir sind niemandem begegnet, alles ganz ruhig“, erwiderte Hartmut.
Als der Reisezug außer Sicht war, blickte Wolfgang herüber:
„Es wird nicht mehr lange dauern, bis uns unsere Freunde wieder eingeholt haben.“
Am Nachmittag hörten sie Stimmen hinter sich.
„Da sind sie schon und wie immer machen sie einen Höllenlärm.“
Die Ritter warteten, bis die Räuber sie eingeholt hatten. Nur noch der Lange saß auf dem Wagen. Die anderen hatten schmucke Pferde mit grünen Satteldecken und grinsten über beide Ohren.
„Meint ihr nicht, dass diese Satteldecken ein wenig zu auffällig sind?“
„Wir werden sie dort drüben in die Büsche werfen und stattdessen von dem Stoff aus dem Wagen nehmen.“
Sie zügelten die Pferde und hielten an. Nach einer kleinen Brotzeit machten sie sich auf den Weg und ritten ihrem Ziel entgegen.
Kapitel 4
Konrad und Mechthild machten sich zusammen mit sechs Mannen auf den Weg nach Kirkel. Es war früh am Morgen und die Sonne wärmte nur schwach. Mechthild fröstelte und sie zog ihren Umhang enger um sich. Sie ritten über die große Geleitstraße, die durch das Bruch links und rechts der Blies führte, und überquerten bei Limbach den Fluss. Die Straße führte an wenigen Gehöften vorbei, bis sie den Weg hoch Richtung Burg einschlugen. Kurz vorm Burgtor trennten sich Konrad und Mechthild von ihren Männern und bogen in den Weg zum Wald ein, zur Hütte der Kräuterfrau.
„Wie lange war ich schon nicht mehr hier? Ich sollte Leni öfter besuchen.
In meinem Herzen ist sie immer noch meine Mutter“, meinte Konrad nachdenklich.
„Vielleicht solltest du sie bitten, zu uns auf die Homburg zu kommen. Ein Gemach könnten wir für sie herrichten und dann müsste sie sich um nichts mehr kümmern.“
„Das ist ein guter Einfall, doch ich denke, Leni wird sich nicht so leicht dazu überreden lassen. Sie hat fast ihr ganzes Leben in dieser Hütte verbracht.“
„Aber Thea kann sich auch nicht immer um sie sorgen. Sie hat als Kräuterfrau viel zu tun und muss sich ständig um die Kranken kümmern. Sie kann nicht den ganzen Tag bei Leni bleiben.“
„Da hast du recht. Wir werden mit ihr reden. Thea hilft uns bestimmt.“
Sie erreichten die Hütte im Wald und banden ihre Pferde an dem kleinen Stall an.
Konrad musterte den Kräutergarten. Es war zwar noch früh im Jahr, doch der Garten war sonst um diese Jahreszeit besser gepflegt. Früher hatte sich Konrad selbst um ihn gekümmert, als er noch bei Leni gewohnt hatte. Jeder Winkel war ihm vertraut. Thea schaffte es wohl nicht, sich um ihre kranke Vorgängerin zu kümmern, die Kranken von Kirkel und Homburg zu behandeln und dazu noch das kleine Anwesen in Ordnung zu halten. Am liebsten hätte er sich eine Harke genommen und angefangen, im Garten zu arbeiten. Stattdessen betrat er mit Mechthild die kleine Kate.
„Seid gegrüßt, ihr beiden. Na, Mutter wie geht es dir?“
Konrad trat an Magdalenas Bett. Er schob einen Schemel heran, setzte sich vor seine Ziehmutter und ergriff ihre Hand. Magdalena lächelte, als sie Konrad erblickte. Ihr Gesicht wirkte ledern und faltig, die grauen, langen Haare hatte sie nach hinten gekämmt. Sie sah alt und krank aus, nur ihre blauen Augen strahlten jung und frisch.
„Ach Konrad, schön dich zu sehen, aber du hättest nicht den weiten Weg nehmen müssen. Thea übertreibt mal wieder.“
Thea trat aus dem angrenzenden Arbeitsraum und begrüßte das Grafenpaar. Die Kräuterfrau war in den letzten Jahren ein wenig rundlich geworden. Im Haus hatte sie ihre braunen Haare locker zusammengebunden, ihre grünen Augen lächelten, als sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht wischte.
„Hört nicht auf Leni. Es geht ihr wirklich nicht gut. Sie kann kaum noch aufstehen. Ihre Gelenke schmerzen ständig.“
„Jetzt, wo es wärmer wird, wird es schon besser werden und bald grabe ich den Garten um!“
„Leni, es ist schon wärmer geworden und deine Gelenke sind nicht besser.“
Leni hatte nichts entgegen zu setzen.
„Mutter, Mechthild und ich wollten dir einen Vorschlag machen. Komm mit uns auf die Homburg. Die Mägde richten dir eine schöne Kammer mit Glasfenstern und einem weichen Bett her. Da wirst du es wärmer haben und musst dich um nichts mehr kümmern.“
„Das ist sehr nett von euch, doch ich kann Thea nicht allein lassen. Stell dir vor, wenn sie einmal meine Hilfe braucht.“
„Thea macht schon seit Jahren ihre Arbeit allein und zudem sehr gut. Außerdem bist du nicht aus der Welt.“
Leni wollte sich aufrichten, doch sie ließ sich gleich wieder mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Kissen sinken. Thea eilte herbei und legte ihr gemeinsam mit Konrad ein weiteres Kissen ins Kreuz.
„Danke, aber im Moment könnte ich wirklich nicht zur Homburg reiten.“
„Wir würden dich selbstverständlich auf einem Wagen mitnehmen.“
„Aber auf der Homburg wäre ich nicht so gut versorgt wie bei Thea.“
„Ein bisschen kenne ich mich auch noch mit den Heilkünsten aus. Du warst schließlich eine gute Lehrerin und wir könnten einen kleinen Kräutergarten auf der Burg anlegen.“
„Außerdem würde ich regelmäßig nach dir sehen und dir Kräuter gegen die Schmerzen bringen“, fügte Thea hinzu.
„Ich weiß einfach nicht, ob ich meine gute, alte Hütte so einfach verlassen kann. Mein ganzes Leben habe ich hier verbracht.“
„Gerade das ist doch ein Grund für eine Luftveränderung. Außerdem könnten wir es auch so machen, dass du jetzt, wo es dir so schlecht geht, mit uns kommst und später, wenn es dir wieder besser geht, kannst du wieder zurück.“
Leni starrte vor sich hin. Sie wusste, wenn sie jetzt ging, käme sie nie wieder zurück.
„Mutter, du musst auch an Thea denken. Für sie ist es eine große Belastung, wenn sie sich um dich, die Kranken und den Kräutergarten kümmern muss. Der Garten hat schon bessere Tage gesehen.“
Diese Worte bewegten Leni dazu, einzulenken.
„Also gut. Ihr habt recht. Ich werde mit euch kommen, doch es wird eine Weile dauern, bis Thea meine Sachen gepackt hat.“
„Lasst euch nur Zeit. Mechthild und ich gehen hinüber zur Burg und machen Johann und Sophie unsere Aufwartung. Am Nachmittag holen wir dich ab.“
Konrad und Mechthild nahmen ihre Pferde und ritten hinüber zur Kirkeler Burg.
„Gut sieht sie wirklich nicht aus“, meinte Mechthild, als sie das Anwesen hinter sich gelassen hatten.
„Da hast du recht. Sie tut mir so leid, wenn sie so erschöpft daliegt. Sie war immer so stark gewesen.“
Schweigend ritten sie weiter, bis sie das Burgtor passierten. Ein Knecht kam ihnen entgegen und kümmerte sich um die Pferde.
„Seid gegrüßt, ihr beiden“, ertönte die Stimme von Burgherrin Sophie. Sie war die Mutter von Konrads Jugendfreund Johann, mit dem er als Kind immer im Kirkeler Wald unterwegs gewesen war. Sie trug ein hübsches, blaues Kleid mit einem hellblauen Gürtel, welcher ihre schlanke Taille zur Geltung brachte. Die dunkelblonden Haare wurden von einer kleinen weißen Haube nur leidlich bedeckt. Mechthild beschloss, in Zukunft ihre schönen Haare auch nicht mehr ganz zu verstecken. Die drei umarmten sich zur Begrüßung.
„Eure Männer haben uns berichtet, warum ihr gekommen seid. Ich hoffe, ihr bleibt zum Mittagsmahl. Ich habe der Köchin bereits Bescheid gegeben.“
„Da bleibt uns wohl nichts anderes übrig“, meinte Konrad schmunzelnd, „aber wir wollten ohnehin zum Essen bleiben“, fügte er hinzu.
Da es schon fast Mittag war, begaben sie sich in den Rittersaal der Burg. Der Bau, der die große Halle beherbergte, war erst vor kurzer Zeit fertig geworden. Die Mauern waren frisch gekalkt und Fenster mit Glasscheiben sorgten für ausreichend Licht. Die Wände wurden von Jagdtrophäen und Teppichen geziert.
Nach und nach füllte sich der Saal. Die beiden Herren von Kirkel, Johann und Ludwig, sowie Ludwigs Gattin Irmgard begrüßten die Homburger erfreut. Genauso wie Homburg wurde die Reichsburg Kirkel von zwei Herren gemeinsam verwaltet. Die Brüder Johann und Ludwig glichen sich ausnehmend gut. Beide hatten einen leichten Bauchansatz, krauses, braungraues Haar und braune Augen. Sie trugen grüne Wamse und braune Beinlinge. Irmgard hingegen war ganz anders als Sophie. Sie hatte eine füllige Figur, trug ein braunes Kleid und eine strenge Haube, die ihre Haare vollständig verbarg. Auch wenn ihr Äußeres eher auf eine strenge Matrone schließen ließ, war sie ein herzensguter Mensch. Alle nannten sie Irmi.
„Geht es Leni wirklich so schlecht?“, wollte sie wissen.
„Ja, sie hat starke Schmerzen und kann kaum noch aufstehen.“
„Das tut mir sehr leid für sie. So viele Jahre hat sie sich rührend um uns alle gekümmert und war immer für alle da, sobald einem mal der Schuh drückte.“
„Wir wollen sie mit nach Homburg nehmen. Dann braucht sie sich um nichts mehr sorgen und Thea hat wieder mehr Zeit für die Kranken.“
„Vielleicht ist das wirklich das Beste für sie.“
Die Pagen füllten die Holzteller mit deftigem Eintopf und schenkten Wein aus, dessen Trauben an den Hängen der Kirkeler Burg wuchsen. Konrad prostete Johann zu.
„Hört ihr noch ab und zu von Eurem Sohn Johann?“
„Ja, natürlich, er hat selbst zwei Kinder, Else und seinen Sohn, ihn hat er wohl nach seinem alten Freund Konrad benannt.“
„Oh, tatsächlich? Das freut mich.“
Konrad war erleichtert, dass sein alter Jugendfreund ihm verziehen hatte, dass er Mechthild geheiratet hatte, in die dieser ebenfalls verliebt gewesen war. Lange Zeit hatte er geglaubt, dass der Freund ihm deshalb grollte.
„Er will uns bald besuchen kommen. König Ludwig stellt ihn für die Reise frei und er bringt seine ganze Familie mit nach Kirkel.“
„Ich freue mich darauf, endlich unsere Enkelkinder zu sehen!“, rief Sophie mit strahlendem Gesicht.
Mechthild musste unwillkürlich an das Kind denken, das gerade in ihr zu wachsen begonnen hatte. Sollte sie Konrad nicht doch schon einweihen? Aber nein, sie würde warten. Vielleicht würde sie es Leni sagen, aber erst in Homburg. Mit einer Kräuterfrau an ihrer Seite würde sie während der Schwangerschaft keine Probleme haben.
„Was macht euer Arnold zu Hause? Freut er sich darauf, als Page zu uns zu kommen?“
„Ja, er kann es kaum erwarten. Am liebsten würde er den ganzen Tag Ritter spielen, kämpfen und mit der Armbrust schießen.“
„Das hat er wohl von seinem Vater geerbt“, meinte Johann und dachte an den Jungen der Kräuterfrau, der der beste Armbrustschütze weit und breit gewesen war und unbedingt Ritter werden wollte.
Das Mahl neigte sich dem Ende zu und Konrad und Mechthild verabschiedeten sich von den Herren von Kirkel. Sie sammelten ihre Männer und machten sich auf den Weg in den Wald zu Lenis Hütte, die nun Theas Hütte sein würde. Johann und Ludwig hatten ihnen ein Fuhrwerk und einen Wagenknecht zur Verfügung gestellt, um Leni nach Homburg zu bringen. Sie polsterten die Fläche des Wagens mit Fellen und Decken aus und luden die alte Kräuterfrau vorsichtig samt ihrem Bündel auf. Leni blickte wehmütig auf ihr kleines Anwesen und verabschiedete sich herzlich von Thea. Als sich der Wagen in Bewegung setzte, traten ihr Tränen in die Augen. Auch Thea stand am Gartenzaun und winkte weinend dem Zug hinterher.
„Ich komme bald und bringe dir Kräuter und Samen mit!“, rief sie Leni hinterher.
Kapitel 5
Als die Kräuterfrau am Morgen erwachte, wusste sie zuerst nicht, wo sie war. Das weiche Bett und die wohlige Wärme erfüllten sie mit Wohlbehagen. War sie etwa im Himmel? Aber nein! Sie war bei Konrad auf der Homburg! Johanna, die Hauswirtschafterin, hatte ihr eine schöne, gemütliche Kammer hergerichtet, die sogar mit einem kleinen Kachelofen ausgestattet war. Sie reckte und streckte sich. Sogleich machten sich ihre Schmerzen wieder bemerkbar. Trotzdem schlug sie langsam die Decke auf und erhob sich. Sie setzte vorsichtig einen Fuß neben den anderen und ging mühsam zu dem Schemel, der vor dem Waschtisch stand. Sie wusch sich Gesicht und Hände und kämmte sich die Haare, als es an der Tür leise klopfte.
„Herein“, rief sie.
Agnes, Mechthilds Zofe, trat ein.
„Guten Morgen, Magdalena. Ich hoffe, Ihr habt gut geschlafen.“
„Ja, sehr gut. Guten Morgen, Agnes.“
„Ich werde Euch beim Ankleiden helfen. Meint Ihr, Ihr könnt hinunter zum Morgenmahl gehen, oder soll ich Euch etwas zum Essen in Eure Kammer bringen?“
„Wenn du mich ein wenig abstützt, schaffe ich es nach unten. Ich würde gerne bei den anderen speisen.“
Agnes zog der Kräuterfrau ein Überkleid an und versteckte die grauen Haare unter einer Haube. Dann führte sie sie vorsichtig die Treppen hinunter zum Rittersaal, wo sie gleich von Konrad in Empfang genommen wurde.
„Guten Morgen, Mutter.“ Der Graf küsste seine Ziehmutter auf die Stirn und führte sie zum Herrentisch. Mechthild machte einen Platz zu ihrer Linken frei.
„Na, hast du dich schon eingewöhnt? Oder vermisst du die harte Pritsche in deiner Hütte?“
„Ich habe einfach wunderbar geschlafen und heute Morgen dachte ich schon, ich wäre im Himmel, bis mir wieder bewusst wurde, wo ich mich befand.“
„Siehst du? Und gestern wolltest du zuerst nicht mit.“
„Wie wäre es, wenn wir heute gleich nachsehen, wo wir einen kleinen Kräutergarten anlegen können? Die Sonne scheint so schön,“ meinte Mechthild.
„Ihr wollt einen Kräutergarten anlegen?“, mischte sich Margareta ein, die zur Rechten Konrads saß. „Da kann ich mithelfen. Im Kloster hatten wir auch einen schönen Heilkräutergarten.“
So kam es, dass sich Margareta, Leni, Mechthild und Konrad nach dem Morgenmahl auf den Weg in den Garten machten, um ein Stück Land auszusuchen, welches in einen kleinen Heilkräutergarten verwandelt werden sollte. Konrad und Mechthild hakten Leni unter und halfen ihr.
„Was haltet ihr von der Stelle dort drüben?“ Konrad zeigte auf einen freien Platz zwischen Gemüsebeet und Stallung. „Dort ist es geschützt.“
Leni begutachtete das Gelände kritisch.
„Ich glaube, du hast recht. Das ist der beste Platz.“
Konrad rief nach dem Gärtner, der sogleich erschien.
„Bernhard, würdest du hier das Stück umgraben? Wir wollen einen Kräutergarten anlegen für Magdalena, meine Ziehmutter.“
„Ich hole gleich einen Spaten, Herr.“
Der Gärtner machte sich auf den Weg und kam kurze Zeit später mit dem Werkzeug zurück. Er legte gleich los.
„Was willst du alles in dem Garten anpflanzen?“
„Auf jeden Fall Mohn, Mädesüß und Beinwell gegen meine Schmerzen.
Aber wir können auch für andere Beschwerden etwas da haben. Kamille, Johanniskraut, Salbei, Eibisch und Frauenmantel, aber auch Melisse, Pfefferminze, Thymian, Fingerkraut, Ringelblume und Löwenzahn lassen sich sehr leicht kultivieren und man braucht sie oft.“
„Das ist ein guter Einfall. Dann können wir alle Burgbewohner versorgen.“
„Ich hoffe, Thea kommt bald und bringt die Samen.“
„Der Boden kann ruhig ein paar Tage ruhen, bevor Bernhard mit der Einsaat beginnt.“
„Dann kannst du dir noch eine Kammer einrichten, wo du deine Salben und Tinkturen herstellst.“
„Und ich dachte, hier wäre mein Altersruhesitz!“, lächelte Leni glücklich.
„Konrad, lässt du uns eine Bank bringen? Dann können Leni und ich uns ein wenig in die Sonne setzen und von unserem Garten träumen“, schlug Margareta vor. Konrad rief nach zwei Knechten, die sogleich eine schwere Holzbank herbeischafften. Margareta und Leni ließen sich dankbar nieder.
Arnold, der Mechthild gesucht hatte, kam zu der kleinen Gruppe.
„Da bist du ja, Mutter. Ich habe dich schon überall gesucht. Spielst du mit mir? Jutta und Katharina wollen nur mit ihren Puppen spielen, darauf habe ich keine Lust.“
„Ich komme gleich, mein Junge. Hast du schon gesehen, dass Bernhard einen Heilkräutergarten für Großmutter Leni anlegt? Wenn er den Samen einsät, kannst du ihm helfen. Leni erklärt dir dann, gegen was die Kräuter helfen.“
„Oh, da freue ich mich schon darauf. Aber jetzt würde ich gerne das kleine Fohlen füttern.“
Mechthild und Arnold verabschiedeten sich und gingen zu den Ställen.
Auch Konrad machte sich auf den Weg zu seinen Geschäften.
„Ach, Margareta, es ist so schön, wie ihr euch alle um mich kümmert. Aber manchmal bezweifle ich, ob das mit dem Heilkräutergarten wirklich notwendig ist. Ich wollte nichts sagen, solange Konrad noch dabei war. Aber ich fühle mich oft so schwach, dass ich kaum Hoffnung habe, dass ich noch in den Genuss der neu gepflanzten Kräuter kommen werde.“
„Ach, Leni, du wirst dich bei uns so gut erholen, dass du noch viele Jahre von deinen Kräutern profitieren kannst.“
„Hoffen wir es. Ich habe gar nicht gewusst, dass der kleine Arnold so an seiner Mutter hängt. Mechthild verbringt wohl viel Zeit mit ihm.“
„Ja, sie unternimmt ständig mit ihm Wanderungen durch den Wald, spielt mit ihm Ritter und zeigt ihm die Gegend. Manchmal denkt man, Mechthild wäre selbst noch ein Kind. Sie ist so übermütig.“
„Du magst wohl nicht, dass sie so viel Zeit mit ihrem Kind verbringt?“
„Das ist es nicht. Sie verhält sich nur nicht wie eine Gräfin und kümmert sich nur sehr selten um den Haushalt. Außerdem zieht sie mit dem Jungen meilenweit alleine durch den Wald. Das ist doch gefährlich. So oft hört man von Überfällen. Wenn sie nur einen Ritter mitnehmen würde. Aber sie weigert sich immer strikt, wenn ich ihr diesen Vorschlag mache. Ich habe Angst um den Kleinen - und um Mechthild.“
„Vielleicht siehst du die Dinge zu schlecht. Ich war früher auch oft alleine unterwegs zu meinen Patienten. Mit der Zeit lernt man, auf verdächtige Geräusche zu achten und sich bei Gefahr zu verstecken.“
„Aber denkst du wirklich, die beiden würden auf das Knacken der Äste achten, wenn sie laut singend durch den Wald ziehen?“
„Da hast du recht. Ich hatte mir einen Hund zugelegt, der mich beschützte und Angreifer in die Flucht schlug. Über Jahre waren mir Jaschko und später Bodo treue Begleiter.“ Leni schmunzelte bei dem Gedanken an die beiden Hunde.
„Das ist gar kein schlechter Einfall. Konrad könnte Arnold einen Hund schenken. Der würde Alarm schlagen, so bald ein Fremder sich nähert.“
„Später beim Essen machen wir Konrad gleich diesen Vorschlag. Er wird froh sein, wenn er dieses Problem endlich lösen kann.“
Die beiden Frauen genossen die Sonne. Leni sah in Gedanken ihre Kräuter wachsen.
Derweil empfingen Konrad und Friedrich im Rittersaal einen Reisenden, der vollkommen abgehetzt und aufgeregt zur Burg hinauf gerannt kam.
„Eine Räuberbande hat mir im Vierherrenwald aufgelauert und mich ausgeraubt! Beinahe hätten sie mir noch die Kleider vom Leibe gerissen! Ich bin gerannt und gerannt und konnte nur mit Müh und Not entkommen. Und das am helllichten Tage! Ihr müsst was dagegen unternehmen! Das geht so nicht weiter!“
„Ihr habt recht. Wir müssen etwas tun, sonst kommen die noch ins Dorf und überfallen unsere Hörigen!“, stimmte Friedrich zu.
„Wir werden eine Versammlung einberufen. Die Ritter sollen kommen.
Dann werden wir beratschlagen, was zu tun ist“, schlug Konrad vor.
Zwei Pagen gingen los und kehrten nur kurze Zeit später mit den Homburger Rittern, Waffenknechten und Knappen zurück. Konrad eröffnete die Versammlung.
„Gerade wurde ein Reisender in unserem Wald überfallen. Immer wieder hört man von solchen Übergriffen. Wir müssen etwas tun. Kannst du uns die Männer beschreiben, die dich überfallen haben?“
„Sie waren zu sechst. Eine ganze Horde. Zwei Kerle waren dabei, die waren so groß und so stark wie Bären und hatten zottelige, braune Bärte. Sie glichen sich wie ein Ei dem anderen. Der Rest des Haufens wirkte eher ausgehungert, verlaust und zerlumpt. Einer hatte blondes struppiges Haar und stechend blaue Augen.“
„Von nun an sollen immer zwei schwer bewaffnete Ritter zusammen mit einem Trupp Knechte und Knappen durch den Wald patrouillieren. Zu zehnt dürften sie die Räuber von einem Überfall abschrecken“, schlug Friedrich vor.
„Niemand soll mehr allein durch den Wald gehen. Alle Besorgungen sollen nur noch in Gruppen gemacht werden.“
„Hanricus und Wilher werden sich einen Trupp zusammenstellen und als Erste durch den Wald ziehen.“ Die beiden bestimmten sogleich ihre Begleiter und verließen den Rittersaal.
Beim Abendmahl berichteten die Grafen den Damen von den Ereignissen.
„Mechthild, du gehst nicht mehr allein in den Wald! Ein Ritter wird dich immer begleiten! Es ist zu gefährlich, auch für unseren Sohn.“
„In diesem Fall hast du recht, Konrad. Du musst dir keine Sorgen machen. Ich werde mich daran halten.“ Mechthild lächelte Konrad beruhigend an.
„Leni und ich wollten euch vorschlagen, dass ihr euch einen Hund besorgt. Ein Hund wäre für Arnold bestimmt ein schönes Geschenk und er würde den einen oder anderen Räuber gewiss abschrecken“, warf Margareta ein.
„Ich soll einen Hund haben?“, fragte Arnold begeistert. „Ich wollte schon immer einen Hund. Bitte Vater, sag ja.“
„Also von mir aus. Wir werden uns morgen gleich nach einem geeigneten Hund umsehen. Aber der Ritter geht trotzdem mit.“
Kapitel 6
Engela, die Tochter von Ritter Wilher und seiner Gemahlin Klara, saß auf einem Findling am Rande des Ritterübungsplatzes und sah den Rittern bei ihren Übungen zu. Die Sonne erwärmte ihren Körper. Sie warf ihre blonden Locken kokett nach hinten und zog den Ausschnitt ihres braunroten Kleides zurecht, sodass ihr jugendlicher Busen besser zur Geltung kam. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt Graf Konrad. Wie geschickt er das Schwert führte und mit welcher Kraft und Leichtigkeit er die jungen Knappen in ihre Schranken wies!
Wenn er doch nur zu ihr rüber sehen würde, wenn er sie doch endlich beachten und nicht mehr als Kind ansehen würde! Sie konnte nur noch an ihn denken. Jede Nacht träumte sie davon, dass er sie in seine starken Arme nehmen und ganz fest an sich drücken würde.
Konrad war mit seinen Übungen fertig und zog den Helm aus. Ein Knappe reichte ihm ein Tuch, mit dem er sich den Schweiß von der Stirn wischte. Engela überlegte, wie sie seine Aufmerksamkeit auf sich richten könnte, doch Konrad wandte sich in die entgegengesetzte Richtung und hob die Hand zum Gruße. Engelas Blick fiel auf die Gräfin, die zusammen mit ihrem Sohn auf der anderen Seite des Übungsplatzes gestanden hatte. Voll Bedauern sah sie zu, wie der Graf seine Gattin herzlich küsste und kurz an sich drückte und dann den Sohn begrüßte. Nachdem Konrad seine Rüstung abgelegt hatte, ging er mit seiner Familie von dannen. Engela blickte ihnen bedauernd nach. Warum musste er nur verheiratet sein? Was hatte diese Mechthild, dass ihr Mann sie so liebte? Wie konnte sie nur zwischen den beiden Zwietracht sähen? Sie musste Konrad haben!
Indes sich Engela grämte, begaben sich Mechthild, Konrad und Arnold vergnügt hinunter zum Flecken, um Arnolds Hund abzuholen.
„Ich freue mich so! Ich habe auch schon einen Namen für ihn. Ratet mal, wie er heißen soll!“
„Lenis erster Hund hieß Jaschko und ihr zweiter Bodo. Soll er vielleicht so heißen?“
„Nein. Ben soll er heißen!“
„Oh, Ben ist ein schöner Name!“
Die drei gelangten an das Haus des Steinmetzes, dessen Hündin vor über einem halben Jahr vier Welpen auf die Welt gebracht hatte. Zwei der Jungen waren bei ihrer Mutter geblieben. Diese begrüßten die Neuankömmlinge aufgeregt. Die Frau des Steinmetzes trat auf den Hof. Sie wischte sich die Hände an der braunen Schürze ab, die sie über ihr Überkleid gebunden hatte, und empfing ehrfürchtig das Grafenpaar. Eine graue Strähne spitzte unter ihrer weißen Haube hervor.
„Der Junge kann sich ruhig einen der beiden aussuchen. Sie sind tadellos.“
Arnold kniete sich zu den jungen Hunden, die ihm um die Beine sprangen, und streichelte einen nach dem anderen. Einer war schwarz-weiß-braun gescheckt und der Zweite hatte ein schwarzes Fell. Die samtigen Ohren hingen herab und die Schnauze war schmal und weich. Die Hündin versuchte, ihre Jungen von den Fremden wegzudrängen. Doch der Schwarze ließ sich nicht von Arnold abhalten. Er versuchte, an ihm hochzuspringen und ihm das Gesicht abzulecken.
„Ich möchte den Schwarzen!“, rief Arnold schließlich. „Er sieht so aus, als könnte er mich am besten beschützen.“
„Der Hund ist zwar nicht so groß, dass er einen Angreifer in die Flucht schlagen würde, aber die Witterung wird er auf jeden Fall aufnehmen, wenn sich ein Fremder nähert und Alarm schlagen“, meinte Konrad lächelnd. Auch er beugte sich zu dem Hund hinunter und kraulte ihn.
„Dann wäre das entschieden. Du bist nun der kleine Ben.“ Auch Mechthild tätschelte den Hund.
Konrad überreichte der Frau des Steinmetzes einen kleinen Beutel mit Münzen und legte dem Hund ein Lederhalsband um, an dem er einen Strick befestigte.
Die drei machten sich auf den Rückweg und Arnold sprach ohne Unterlass mit seinem neuen Freund. Er erklärte ihm genau, woran sie vorbeikamen, und kraulte ihn ständig. Mechthild und Konrad gingen Hand in Hand hinter dem Jungen her und lächelten sich an.
„Ich weiß noch genau, wie sehr ich als Kind an Lenis Jaschko hing. Obwohl der in meiner Erinnerung immer riesengroß gewesen war, aber er ließ einfach alles mit sich machen. Abends habe ich oft vorm Herdfeuer neben ihm gelegen und mich an ihm gewärmt.“
„Ich hatte eine kleine Katze, mit der ich immer gespielt habe. Irmgard und ich, wir hatten oft Streit darum, auf wessen Schoß sie liegen sollte.“
Sie passierten den Ritterübungsplatz, wo Arnold den Rittern Stolz seinen Hund präsentierte.
„Der ist wirklich schön, Arnold“, meinte ein Knappe zwinkernd.
„Ich muss Ben unbedingt den Mädchen zeigen! Die werden Augen machen!“ Arnold zerrte den Hund, der erstaunt über so viel Ungestüm winselte, zum Burghof, und rief nach Katharina und Jutta.
„Arnold, mach langsam! Der Hund ist keine Puppe!“, rief Konrad seinem Sohn nach, der sogleich sein Tempo verringerte und den Hund beruhigend kraulte.
„Hoffentlich weiß er, dass Hunde auch beißen können“, bemerkte Ritter Landolf kopfschüttelnd, der das Ganze beobachtet hatte.
Arnold indes wurde von seinen Basen auf dem Burghof empfangen.
„Ist das dein Hund, Arnold? Der ist wunderbar! Darf ich auch mal die Leine nehmen?“, fragte Katharina begeistert und Jutta meinte: „Einen wirklich schönen Hund hast du. Wie heißt er denn?“
„Er heißt Ben“, sagte Arnold voller Stolz und reichte Katharina die Leine. Diese streichelte Ben kurz und wollte ihn über den Hof führen, doch Ben schnupperte lieber alles ab.
Arnold nahm wieder die Leine und versuchte sein Glück, doch Ben hatte seinen eigenen Kopf und blieb überall stehen, um neugierig zu schnuppern.
„Da musst du wohl noch ein wenig üben“, meinte Jutta und lachte, als Arnold verzweifelt versuchte Ben davon abzuhalten, schnurstracks zu den Hühnern am anderen Ende des Hofes zu rennen.
„Aus, Ben! Aus!“, rief er, doch der Hund dachte nicht daran, auf seinen neuen Herrn zu hören.
„Halte mir nur den Hund von meinen Hühnern fern, junger Herr!“, rief Emma, die Köchin, die gerade auf den Hof trat.
„Ich weiß nicht, wie ich ihn halten soll! Aber er macht ihnen bestimmt nichts. Er ist doch nur ein wenig größer als die Hühner!“
„Trotzdem würde ich es nicht darauf ankommen lassen.“
Arnold traute sich nicht die Leine zu stramm zu halten, er wollte Ben nicht wehtun.
„Warte, ich zeige dir, wie du mit deinem Hund umgehen musst!“
Emma nahm Arnold die Leine aus der Hand und führte den Hund energisch von den Hühnern weg.
„Siehst du? So musst du das machen. Du musst ihm zeigen, wer der Herr ist.“
„Aber Emma, seit wann bist du denn ein Herr?“, rief Katharina lachend.
„Ihr wisst genau, was ich meine. Hier, Arnold, nimm du jetzt die Leine.
Nimm sie ganz kurz, damit er direkt neben deinen Füßen gehen muss.“
„So, Emma?“
„Ja, genau so und nun geh mit ihm eine Runde über den Hof.“
Arnold und Ben zogen ihre Runde, und immer, wenn der Hund neugierig stehen bleiben wollte, um an etwas zu schnuppern oder doch eine andere Richtung einschlagen wollte, zog Arnold die Leine stärker an.
„Das machst du sehr gut. Jetzt musst du ihn zur Belohnung kraulen und ihm gut zu reden.“
„Hast du nicht einen Knochen übrig, den ich ihm geben könnte?“
„Ja, du kannst mit mir in die Küche kommen.“
Arnold und Ben folgten der Köchin und auch die beiden Mädchen schlossen sich ihnen an.
„Da riecht´s aber gut, Emma!“
„Heute gibt es Apfelkuchen, den habe ich gerade erst aus dem Ofen herausgeholt.“
„Meinst du, wir könnten ein Stückchen davon haben?“ Katharina schnupperte mit ihrer kleinen Nase und blickte die Köchin aus großen, grünen Augen bittend an.
„Wer könnte bei diesem Blick schon „nein“ sagen?“, lachte Emma und schnitt von dem Kuchen ein Stück ab, welches sie unter den Kindern verteilte. Diese stopften sich begeistert den warmen Kuchen in den Mund.
„Warm schmeckt er immer am besten“, meinte Arnold mit vollem Mund und wischte sich mit dem Ärmel die Krümel aus dem Gesicht.
„Aber Arnold, das macht man doch nicht mit dem Ärmel!“, schalt ihn Jutta, die sich immer herausnahm, Arnold und Katharina Benehmen beizubringen.
Nachdem Ben versucht hatte, möglichst viele Kuchenkrümel zu ergattern, hatte er sich in der Küche neugierig umgesehen und beschlossen, dass auf dem Tisch wohl etwas Interessantes liegen musste. Mit großer Mühe versuchte der kleine Kerl, auf den Eichentisch zu springen.
„He, Ben! Lass das!“, rief Arnold und nahm ihn auf den Arm.
„Er weiß wohl, dass ihr eigentlich in die Küche gekommen seid, um ihm etwas zu fressen zu holen und nicht um euch selbst die Bäuche voll zu stopfen“, scherzte Emma und holte einen alten Knochen aus der Kammer hervor.
„Hier nimm und dann raus mit euch.“
Die drei Kinder nahmen den Knochen und kehrten mit Ben zurück auf den Hof.
„Hier, mein guter Junge“, sprach Arnold zu dem Tier und hielt ihm den Knochen, an dem noch ein paar Fleischreste hafteten, entgegen. Ben wedelte mit dem Schwanz und begann sogleich gierig daran zu nagen.
„Oh, sieht das süß aus!“, rief Katharina begeistert und sah dem Hund beim Fressen zu.
„Ich hole ihm eine Schale mit Wasser“, bot sich Jutta an und ging zurück zur Küche.
Die drei Kinder verbrachten den Rest des Tages begeistert damit, mit dem Hund zu spielen. Am Abend schlief dieser müde und erschöpft zu Konrads Füßen ein.
Kapitel 7
Hartmut, Wolfgang und die Räuber umritten den Höcherberg und legten eine Rast in der Nähe des Dorfes Bexbach ein.
„Wir werden uns dort mit Vorräten eindecken. Heute Abend erreichen wir den Homburger Wald, wo wir uns auf die Lauer legen.“
„Der Lange soll mit dem Wagen in den Ort fahren und sich als Händler ausgeben. Er kann von dem Tuch verkaufen und im Gegenzug Brot, Speck, Rüben und Wein erwerben“, schlug Sveti vor.
„Das ist ein guter Einfall. Er soll noch Seifenpulver mitbringen. Wolfgang und ich, wir rasieren uns die Bärte ab, damit uns niemand erkennt. Jetzt wo wir so nahe an der Homburg sind, müssen wir aufpassen. Es ist zwar schon ein paar Jahre her, seit wir das letzte Mal hier gewesen sind, aber wie der Zufall will, läuft uns doch noch einer über den Weg, der uns kennt.“
„Da haben wir aber Glück, dass wir noch nie hier waren, sonst müssten wir uns auch noch die Bärte stutzen. Könnt ihr euch Smolek ohne Bart vorstellen?“
„Nie und nimmer! Passt auf, heute Nacht, wenn er schläft, rasieren wir ihm alle Haare aus dem Gesicht!“
„Untersteht euch! Wenn ihr das macht, schlitze ich euch eigenhändig mit dem Rasiermesser die Kehle auf!“, drohte Smolek und erhob wütend die Faust.
„Reg dich wieder ab!“, das war doch nur ein Scherz, beruhigte Sveti ihn. In der Zwischenzeit war der Lange aufgebrochen und lenkte das Fuhrwerk in den kleinen Ort.
„Gutes Tuch! Feines Tuch für die Damen!“, rief er. Ein paar Bewohner traten auf die Gassen und sahen neugierig, was der vermeintliche Händler zu bieten hatte.
„Was willst du für fünf Ellen von dem grünen Stoff?“, fragte eine Bäuerin und ließ den weichen Stoff durch ihre Finger gleiten. Der Lange nannte einen Preis.
„Was? Das ist doch viel zu viel! Für die Hälfte würde ich ihn nehmen.“
„Für die Hälfte, Weib, kannst du mir den Buckel runterrutschen!“
Die Bäuerin erhöhte ihr Angebot und der Lange schlug ein. Er wurde noch ein paar Ellen des Stoffes los.
„Sag mir, wo bekomme ich hier etwas zu essen?“
„Du kannst mit mir kommen“, forderte ihn die Bäuerin auf. Er lenkte das Fuhrwerk Richtung Bauernhof und erwarb Schinken, Käse, Brot, Rüben, Äpfel, Wein und Seife. Dann fuhr er zurück zu der kleinen Lichtung am Bexbach, wo ihn seine Kumpanen schon erwarteten.
„Na, hast du uns etwas mitgebracht?“
„Ja, die Bauern haben mir einiges von dem Tuch abgekauft, sodass ich uns einen großen Vorrat an Essen besorgen konnte.“
Sveti und die anderen blickten anerkennend auf die Vorräte.
„Was man mit ehrlicher Arbeit alles erreichen kann!“, wunderte sich Smolek.
„Ganz ehrlich war das nicht! Oder woher stammte der Stoff?“, fragte Hartmut.
„Lasst uns etwas essen, bis sich die Herren Ritter rasiert haben.“
Die Räuber aßen Brot mit Käse. Beim Wein hielten sie sich zurück. Als sich Hartmut und Wolfgang gegenseitig das letzte Haar aus dem Gesicht geschabt hatten, brachen sie auf.
„Euch erkennt niemand mehr. Das mit dem Bart war eine gute Idee“, begutachtete Sveti die Ritter. Sie ritten durch den Wald, bis sie schon von Weitem den hohen Berg mit der Homburg erblickten.
„Wir müssen einen Umweg durch den Wald machen, damit man uns auf der freien Ebene vom Bergfried aus nicht sieht.“
„Wir sehen doch aus wie ganz gewöhnliche Reisende.“
„Trotzdem soll sich niemand an uns erinnern. Fremde sind immer verdächtig, wenn ein Verbrechen geschieht!“
„Das stimmt.“
Sie lenkten das Fuhrwerk und ihre Pferde durch den dicht gewachsenen Wald und hatten Glück, dass ihnen niemand begegnete.
„Dort vorne müssen wir über die Bergnase und dann schlagen wir unser Lager am Lambsbach auf.“
„Wie kriegen wir heraus, wann die Gräfin alleine unterwegs ist?“
„Einer von uns sollte hoch zur Burg und auskundschaften, was die Dame so treibt.“
„Das macht am besten der Lange, der ist schon einmal als Händler durchgegangen und sieht am harmlosesten aus.“
Als sie einen gut versteckten Rastplatz gefunden hatten, stiegen sie von ihren Pferden und richteten ihr Nachtlager her.
„Zum Glück hat der Lange so gut für uns eingekauft. Jetzt können wir kräftig zuschlagen.“
„Aber lasst noch etwas für die nächsten Tage übrig. Wir wissen nicht, wann wir wieder etwas besorgen können.“
Die Räuber aßen Brot, Käse und Speck und sprachen reichlich dem Wein zu, bis Wolfgang sie ermahnte:
„Macht nicht einen solchen Lärm, oder wollt ihr, dass man euch bis zur Burg hört?“
„Schon gut, schon gut! Der Smolek kann den Rest im Krug haben, dann legen wir uns nieder.“ Hagen reichte Smolek, der kaum noch stehen konnte, den Krug und sah zu, wie dieser gierig den Rest hinunterkippte.
„Das tut gut, was?“
„Ja“, sagte Smolek von einem lauten Rülpsen begleitet und ließ sich auf sein Nachtlager sinken.
„Schnell Sveti, den kriegen wir jetzt dran!“, rief Hagen spitzbubenhaft.
Der Räuberhauptmann holte Seifenpulver, Wasser und ein scharfes Messer hervor. Mit einem diebischen Grinsen bereiteten Sveti und Hagen Rasierschaum und strichen ihn auf Smoleks Bart.
„Morgen früh wirst du Augen machen“, grinsten sie und rasierten die schmutzig verfilzten Haare aus dem Gesicht. Noch lange lachend legten sie sich nieder.
Der Morgen dämmerte, als plötzlich ein Schrei durch den Wald erschallte.
„Wer von euch Mistkerlen hat das gemacht? Wer war das? Wartet, bis ich euch in die Finger kriege!“, schrie Smolek wütend. Der Wein hatte ihm einen Brummschädel beschert, den er in dem kühlen Wasser des Baches abkühlen wollte. Als er an dem Gewässer angelangt war, erblickte er sein bartloses Antlitz auf der glatten Wasseroberfläche. Er traute seinen Augen kaum und rannte schnellen Schrittes zum Lager zurück.
„Wer war das? Ich schlag euch krumm und bucklig!“
„Ich war´s!“, rief Hagen, der Bucklige. „Da brauchst du nicht mehr zu schlagen. Bucklig bin ich schon!“
„Warte nur!“ Smolek stürzte auf Hagen, der ihm geschickt auswich.
„Bist wohl zu langsam? Was?“, neckte Hagen und ließ sich mehrmals durchs Lager jagen, bis Sveti schließlich dem ganzen Einhalt gebot:
„Schluss! Es reicht jetzt! Wenn ihr so weiter macht, wird wirklich noch die ganze Burg auf euch aufmerksam! Die paar Haare wachsen schneller nach, als du sehen kannst und so bist du wenigstens deine Filzläuse los.“
Smolek, der ganz außer Puste war, ließ sich besänftigen.
„Der Lange soll aufbrechen“, befahl Sveti. Dieser richtete die Stoffe auf dem Fuhrwerk, spannte die Pferde ein und brach auf. Als er oben am Burgtor angelangt war, bat er beim Torwächter um Einlass:
„Ich möchte den Herrschaften meine schönen Stoffe feilbieten. Sie werden bestimmt ein paar Ellen gebrauchen können.“
Der Wächter besah sich die Ladung und winkte den Langen durch.
„Stoffe, schöne Stoffe, fein gewebt!“, rief er auf dem Unterhof. Neugierig begutachteten die Mägde die Ladung des Fremden. Johanna, die Hauswirtschafterin, trat aus dem Gesindehaus und begrüßte den Händler.
„Schöne Stoffe hast du. Ich werde den Edelfrauen und Gräfinnen Bescheid sagen, dann können sie auch einen Blick auf deine Waren werfen.“
„Gerne“, der Lange war vom Wagen gestiegen und verneigte sich. Es dauerte nicht lange, bis Mechthild, Irmgard und die anderen Damen auf den Hof traten.
„Oh, welch schöner Stoff!“, rief Irmgard. „Da könnte ich ein schönes Kleid davon nähen.“ Sie ließ einen blauen, feinen Stoff durch ihre Finger gleiten.
„Ja, der hat etwas, aber der Rote ist auch schön.“
„Ich glaube du wirst heute gute Geschäfte machen, Tuchhändler“, meinte Mechthild.
„Ich hoffe es, werte Gräfin!“
Die Damen erwarben einige Ellen Tuch und schickten den Langen in die Küche, um sich etwas zu essen geben zu lassen. Emma reichte ihm Brot, Schinken und Wein.
„Vielen Dank. Zu euch kommen wohl nicht oft Händler?“
„Nein, nur hin und wieder verirrt sich einer hierher.“
„Ich habe gehört, ihr habt hier zwei Grafen.“
„Ja, Konrad und Friedrich.“
„Und die beiden Damen auf dem Hof sind ihre Gattinnen?“
„Ja, Mechthild und Irmgard.“
„Die Jüngere ist die hübscheste Gräfin, die ich je gesehen habe.“
„Ja, wir sind sehr stolz auf unsere Mechthild, obwohl sie auch ein ganz schöner Sturkopf sein kann.“
„Wie meinst du das?“
„Sie lässt sich von niemandem etwas sagen. Ich bin nur froh, dass sie jetzt doch ein wenig auf Konrad hört. Sie ging immer so gerne alleine mit ihrem Sohn in den Wald, doch nun hat sie versprochen, nur noch in Begleitung eines Ritters loszuziehen. Es gibt einfach zu viele Räuber.“
„Da habt ihr recht. Ich bin auf meinen Reisen auch schon vielen Leuten begegnet, die überfallen wurden. Geht sie weit von der Burg weg?“
„Meistens nur Richtung Merburg, aber das reicht schon.“
„Ja, man kann nie vorsichtig genug sein! Ich muss nun sehen, dass ich weiterkomme, vielen Dank für das Mahl.“ Der Lange trank noch einen Schluck Wein, wischte sich mit dem Ärmel den Mund ab und verließ die Küche. Zufrieden stieg er auf den Wagen und lenkte ihn zurück zum Räuberlager.
Kapitel 8
Mechthild streckte und reckte sich. Die ersten Sonnenstrahlen hatten sie geweckt. Es versprach ein herrlicher Tag zu werden. Ihr Blick fiel auf Konrad, der noch tief und fest schlief. Mit einem Lächeln kuschelte sie sich an ihn und dachte an den Abend zuvor, als sie sich geliebt hatten. Vorsichtig strich sie über seine Wange und hauchte einen zarten Kuss auf seinen Mund, ohne ihn zu wecken. Dann rollte sie sich auf die andere Seite, schlug die Decke auf und erhob sich. Sie huschte ins Ankleidezimmer und machte sich frisch. Mechthild strich mit ihren Händen über ihren Bauch. Eine kleine Wölbung war bereits zu erkennen, auch ihr Busen hatte deutlich zugenommen. Heute Abend würde sie es ihm sagen. Sie hatte es schon viel zu lange vor sich hergeschoben. Konrad sollte endlich erfahren, dass er wieder Vater wurde. Es klopfte leise an die Tür. Ihre Zofe Agnes trat ein und half ihr beim Ankleiden.
„Heute wird es ein schöner Tag werden, Herrin.“
„Ja, die Sonne scheint bereits. Arnold möchte bestimmt einen Ausflug machen. Ich werde gleich nach dem Morgenmahl Ritter Hanricus bitten, uns zu begleiten.“
„Das ist eine gute Idee, Herrin. Dass der kleine Ben einen Räuber in die Flucht schlägt, wage ich zu bezweifeln.“
„Ja, Arnold ist so stolz auf ihn. Man könnte meinen, es wäre ein Bär, wenn er von ihm erzählt.“
Agnes band Mechthilds Haare zusammen, machte einen Knicks und zog sich zurück. Mechthild entschied, dass Konrad nun lange genug geschlafen hatte, und weckte ihn.
„Es ist Zeit aufzustehen, Liebster, sonst verschläfst du noch den ganzen Sonnenschein.“ Sie trat ans Bett und küsste ihn.
„Schade, ich dachte schon, du würdest noch einmal zu mir kommen.“
„Hättest du das früher gesagt, bevor ich mich angekleidet habe!“, lächelte Mechthild. „Ich gehe und wecke Arnold. Wir sehen uns beim Morgenmahl.“ Sie warf ihrem Gatten eine Kusshand zu und verließ die Kemenate. Konrad sah ihr bedauernd nach. Als er sich angekleidet hatte, begab er sich zum Rittersaal. Es dauerte nicht lange, bis sich die ganze Familie am Herrentisch eingefunden hatte. Sogar Leni wurde von Agnes hereingeführt.
„Na, hast du gut geschlafen?“, wollte Konrad von ihr wissen.
„Ja, mein Junge“, erwiderte sie. Die Schmerzen in ihren Knochen waren zwar besser geworden, seit sie hier auf der Homburg war, doch manchmal waren sie trotzdem so schlimm, dass sie kaum laufen konnte. Besonders am Morgen fiel es ihr schwer, doch sie wollte Konrad nicht damit belasten. Er war so zuversichtlich gewesen, dass sie hier auf der Burg von allen ihren Gebrechen geheilt wurde. Heute Mittag würde sie ein wenig Mohnsaft trinken, dann würde es erträglicher werden.
Am anderen Ende des Tisches saß Arnold bei den Mädchen und zeigte ihnen, was für Kunststücke Ben schon gelernt hatte. Er hielt ihm ein Stück Schinken hin und ließ ihn Männchen machen.
„Aber Arnold, du sollst ihn nicht hier bei Tisch füttern“, schalt ihn Margareta.
„Das macht doch nichts, Großmutter, er isst doch sowieso immer mit mir.“
„Irgendwann springt er noch auf den Tisch und klaut uns den Schweinebraten.“
„Davon halte ich ihn schon ab, da musst du keine Angst haben.“
Ben bellte kurz auf und wedelte mit dem Schwanz, als wollte er Margareta von seinem guten Benehmen überzeugen.
„Mutter, hättest du Lust, heute mit mir und Ben einen Ausflug zu machen?
Das Wetter ist so schön!“, wandte sich der Junge Mechthild zu.
„Das habe ich mir fast gedacht! Deshalb habe ich schon Ritter Hanricus gefragt, ob er uns begleitet, nur für den Fall, dass Ben nicht alle Räuber in die Flucht schlägt“, meinte diese mit einem Zwinkern.
„Dann können wir nach dem Morgenmahl gleich los?“
„Ja, natürlich, es sei denn, dein Vater hätte etwas dagegen.“
„Geht nur, solange Hanricus mitgeht, ist es in Ordnung. Aber fertig essen könnt ihr schon noch.“
„Willst du nicht auch mitkommen, Katharina?“
„Ja gerne! Als wir zuletzt mit euch an der Merburg waren, das war großartig! Mutter, darf ich?“
„Das geht leider nicht. Wir wollen heute Maß nehmen, damit ich dir von dem Stoff, den ich gestern erstanden habe, ein schönes Kleid nähen kann.“
„Muss das unbedingt heute sein?“
„Aber Katharina! Zur Merburg könnt ihr jeden Tag.“
„Dann musst du mir aber versprechen, dass ich morgen mitdarf.“
„Ja, ich verspreche es dir,“ beschwichtigte Irmgard ihre Tochter.
Arnold löffelte begierig seinen Gerstenbrei und trank einen großen Schluck Wasser. Dann wischte er sich mit dem Ärmel über den Mund, was ihm wieder einen tadelnden Blick von Jutta eintrug und sprang auf.
„So Mutter, lass uns gehen.“
„Geh du nur schon mal mit Ben auf den Hof. Ich hole uns in der Küche Proviant und Hanricus muss zur Waffenkammer, um sein Schwert zu holen. Wir treffen uns am Tor.“
Arnold rannte hinaus und Mechthild aß fertig.
„Der Junge ist ein richtiger Wildfang. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, lässt er sich nicht mehr bremsen. Von wem er das nur hat?“, fragte Irmgard scherzend.
„Keine Ahnung, Schwester - ich sage Hanricus Bescheid, dass er sich fertigmachen soll. Wir sehen uns heute Nachmittag wieder.“ Mechthild gab Konrad einen Abschiedskuss und verließ den Rittersaal.
Nachdem sie ein paar Sachen erledigt hatte, traf sie sich mit Arnold, Ben und Hanricus am Burgtor. Hanricus war ein großer und kräftiger Ritter. Er hatte dunkle, lockige Haare und trug den Bart kurz. Die Rüstung, die er angelegt hatte, war leicht, sodass sie ihn zwar schützte, aber trotzdem noch genügend Bewegungsfreiheit bot. Der Ritter stellte sich auf einen angenehmen Tag ohne große Aufregung ein. Er glaubte nicht, dass sie hier, so nah an der Homburg, jemand überfallen würde.
Sie passierten den Ritterübungsplatz und schlugen den Weg in den Wald ein, der sie zur Merburg führte. Die Sonne schien herrlich und am Wegesrand blühten die ersten Blumen. Überall war Vogelgezwitscher zu hören. Ben schnupperte an jeder Ecke und hob an jedem zweiten Baumstumpf sein Bein, um ihn zu markieren.
„Stell dir vor Mutter, wir würden das auch so machen. Da kämen wir gar nicht vorwärts.“
„Das wäre ja schrecklich! Da können wir froh sein, dass wir keine Hunde sind!“, scherzte Mechthild. Das Frühlingswetter weckte in ihr den Wunsch laut zu singen, doch weil der Ritter dabei war, summte sie nur leise vor sich hin.
Als sie endlich die Ruine der Merburg erreichten, ließen sie sich auf den Mauerresten nieder und Mechthild packte den Proviant aus. Sie schnitt mit ihrem Dolch Brot und Schinken auf und reichte Hanricus davon.
„Siehst du, wie ruhig es hier ist? Nur Vogelgezwitscher ist zu hören und keiner Menschenseele sind wir begegnet.“
„Das stimmt, Herrin, aber trotzdem kann man nie sicher sein, dass nicht doch ein Räuber unterwegs ist.“
Hanricus legte sich entspannt zurück und biss genüsslich von dem Schinken ab. Arnold und Ben sprangen in der Ruine herum. Der Junge ließ den Hund überall schnuppern und erklärte ihm, was das früher einmal gewesen war. Dann führte er ihn an den Weiher. Ben rannte begeistert auf das Ufer zu. Vorsichtig trat er ans Wasser und stillte seinen Durst. Er wedelte mit dem Schwanz. Als eine Ente über das Wasser schwamm, konnte Arnold den Hund kaum davon abhalten, dieser hinterher zu schwimmen.
„He, Ben! Bleib da! Das Wasser ist tief!“, rief er, doch auf einmal schien Ben eine andere Witterung aufgenommen zu haben. Er stellte die Ohren und hielt den Schwanz ganz ruhig. Aus seiner Kehle war ein Knurren zu hören und er starrte wie gebannt auf die Büsche am Uferrand.
„Was ist nur los, Ben? Ist dort jemand?“
Der Hund riss sich los und war kurze Zeit später im Gestrüpp verschwunden. Arnold rannte ihm hinterher.
An der Ruine blickte Hanricus auf. Wohin waren die beiden so plötzlich verschwunden? Er erhob sich, trat an den Weiher und starrte angestrengt zu den Büschen.
„Wo sind die beiden hin?“, fragte Mechthild besorgt und erhob sich ebenfalls. Die Sonne blendete sie, sodass sie die Hand über die Augen halten musste, als sie sich langsam in Hanricus Richtung bewegte. Sie erkannte gerade noch, dass der Ritter sein Schwert aus der Scheide ziehen wollte, als er, von einem Pfeil getroffen, niedersackte.
„Hanricus!“, schrie Mechthild entsetzt. Sie eilte auf ihn zu, doch in nur wenigen Augenblicken war sie von einem Haufen übler Gesellen umringt und alles ging so schnell, dass sie später Mühe hatte, sich an den genauen Ablauf zu erinnern. Jemand gab Hanricus einen Hieb, sodass dieser wohl nicht mehr aufwachen würde, dann stürzten sich zwei der Kerle auf Mechthild, die wie am Spieß nach Arnold schrie. Sie fesselten sie an Händen und Füßen und einer steckte ihr einen Stoffstreifen in den Mund, den er mit einem weiteren Streifen fixierte. Dann trugen sie die Gräfin, die sich immer noch aus Leibeskräften wehrte, zu einem Fuhrwerk, welches nur wenige Schritte entfernt im Gebüsch wartete. Sie legten sie auf die Ladefläche, zwischen mehrere Ballen Stoff, wo bereits Arnold, genauso gefesselt, lag. Ben sprang um die Räuber herum, knurrte und bellte, doch diese ließen sich von dem kleinen Kerl nur wenig beeindrucken. Smolek versetzte ihm einen kräftigen Tritt, der ihn aufjaulen ließ. Geschwind machten sie sich auf den Weg.
Engela musste für ihre Mutter Klara eine Besorgung auf dem Naunhof machen. Normalerweise hätte dies eine Magd erledigt, doch da man heute einen Ochsen geschlachtet hatte, waren alle Mägde bei Emma in der Küche unabkömmlich. Das Burgfräulein ritt auf einer braunen Stute des Weges und hing ihren Gedanken nach, die wie immer Graf Konrad galten. Plötzlich vernahm sie Hufgetrappel. Sie erblickte kurz vor einer Kreuzung eine merkwürdige Gruppe, die aus mehreren Männern zu Pferd und einem Fuhrwerk bestand. Ihr Gefühl sagte ihr, dass es besser wäre, wenn diese sie nicht zu Gesicht bekämen. Sie lenkte ihr Pferd abseits des Weges und wartete hinter einem großen Busch, bis die Männer vorbei waren. Bis auf zwei sahen sie ziemlich verwahrlost aus. Auf dem Fuhrwerk lag ein riesiger Haufen Stoff. Doch was war das? Hatte sich da nicht etwas bewegt? Sah da nicht ein Fuß heraus? Die Männer schlugen den Weg nach Osten ein und trieben ihre Pferde zu großer Eile an.
Kapitel 9
Am Nachmittag übten Grafen, Ritter und Knappen auf dem Ritterübungsplatz vor der Burg. Sie kämpften mit dem Schwert und schossen mit der Armbrust. Der Himmel hatte sich ein wenig zugezogen. Es sah nach einem Gewitter aus. Trotzdem brachten sie alle Höchstleistungen. Friedrich sah anerkennend zu, wie Konrads Pfeil genau ins Schwarze traf.
„Du bist immer noch der Beste, Vetter!“
„Dein Schuss war aber auch nicht schlecht.“
„Aber knapp daneben ist auch vorbei!“
Konrad wischte sich mit einem Tuch den Schweiß von der Stirn, als ein Winseln zu hören war. Er drehte sich um und entdeckte Ben, der gleich aufgeregt zu bellen anfing.
„Na, was hast du denn mein Kleiner? Wo ist denn dein Herrchen?“
Konrad blickte auf den Weg, sah aber weder von Arnold noch Mechthild eine Spur.
„Ist der Hund allein zurückgekehrt?“, fragte Friedrich.
„Es scheint so, aber das sieht Arnold gar nicht ähnlich. Er geht doch nirgends mehr hin ohne Ben.“
„Schau mal, in seinem Fell! Ist das Blut?“
Konrad besah sich den Hund genauer.
„Du hast recht, das gefällt mir gar nicht!“
Ben begann an Konrads Beinlingen zu ziehen, als wollte er ihn wegführen. Dann rannte er auf den Weg.
„Lass uns dem Hund folgen!“
„Warte, wir nehmen die Schwerter mit. Wilher und Lampert sollen uns begleiten!“
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg. Der kleine Hund führte sie über die Bergnase zum Wald, er rannte mit seinen kleinen Beinchen, bis er ganz außer Atem stehen blieb. Die Zunge hing ihm fast bis auf den Boden.
„Er rennt den geraden Weg zur Merburg. Ich glaube, ich nehme ihn auf den Arm und trage ihn dort hin, sonst verlieren wir zu viel Zeit.“
„Ja, da hast du recht. Wenn wir die falsche Richtung einschlagen, wehrt er sich bestimmt.“
Als sie an dem Weiher angelangten, hatte sich der Himmel verfinstert und ein entferntes Donnergrollen war zu hören. Konrad setzte den Hund auf die Erde. Dieser schnupperte und führte sie zum Gebüsch auf der anderen Seite des Teiches. Die Männer folgten ihm ins Unterholz, wo viele Äste abgeknickt waren, als hätte man jemand über den Boden geschleift. Winselnd blieb Ben stehen und versuchte an etwas zu zerren.
„Oh, Gott, Hanricus! Ist er tot?“, rief Friedrich entsetzt. Sie beugten sich über den Ritter, aus dessen Brust ein Pfeil herausragte, und überzeugten sich von seinem Tod.
„Das Blut ist schon eingetrocknet. Er könnte schon seit der Mittagszeit hier liegen.“
Ein paar Regentropfen begannen vom Himmel zu tropfen und der Donner wurde lauter. Konrad fuhr hoch und rief entsetzt:
„Mechthild! Arnold! Mechthild!“, doch niemand antwortete.
„Was ist hier nur geschehen? Hanricus hat man wohl am Weiher erschossen und hier ins Gebüsch gezerrt. Aber wo sind Mechthild und Arnold?
Man sieht keine Spur von ihnen.“
Die vier Männer suchten das Gelände ab. Sie hoben jeden Zweig im Unterholz hoch und sahen am Weiher nach. Lampert suchte sich einen langen Stock, mit dem er vom Ufer in das Wasser stach, und Wilher untersuchte auf der Ruine jeden Winkel. Auf der Mauer lagen Mechthilds Beutel, ihr Dolch und ein paar Essensreste, doch ansonsten fanden sie von den beiden keine Spur.
„Lasst uns noch einmal dort nachsehen, wo Hanricus Leichnam liegt“, schlug Konrad vor.
Sie sahen sich den Platz genau an und zogen immer größere Kreise. Der Regen wurde stärker.
„Seht her! Hier sind Hufabdrücke und dort vorne sind Radspuren! Da hat wohl ein Fuhrwerk gestanden.“
Die Männer folgten den Spuren bis zum Weg.
„Hier sind zu viele Spuren, man kann kaum noch erkennen, wohin der Wagen gefahren ist.“
An der Kreuzung verloren sie die Spur ganz.
„Hier ist vor kurzer Zeit ein Wagen gefahren, dort aber auch. Die Spuren unterscheiden sich kaum voneinander und Pferdehufe sieht man ohnehin überall.“
Es begann, in Strömen zu regnen.
„Vielleicht wurden sie entführt und die Entführer fordern ein Lösegeld.
Wir sollten zurück zur Burg reiten und abwarten. Der Regen verwischt alles. Wir können hier nichts mehr ausrichten.“
„Ich glaube, du hast recht, Friedrich. Wir müssen Hanricus Leichnam mitnehmen, damit er bestattet werden kann und nicht von wilden Tieren aufgefressen wird.“
„Ich werde ihn auf mein Pferd laden“, bot sich Ritter Wilher an, an dessen Gesicht das Regenwasser herablief. Er begab sich zurück zu der Stelle, wo er sogleich Hanricus mit Lamperts Hilfe quer über sein Pferd legte. Die vier ritten schweigend und mit ernsten Gesichtern zur Homburg, wo sie schnell den Leichnam ins Trockene brachten und den anderen von der traurigen Tat berichteten. Alle waren fassungslos.
„Aber wie konnte das nur passieren? Wir müssen es Gyselburgis sagen! Weiß jemand, wo sie ist?“, fragte Margareta.
„Ich glaube, sie ist oben in den Gemächern. Ich sehe nach,“ erbot sich Johanna, die Hauswirtschafterin, und eilte los.
Es dauerte nur wenige Augenblicke bis Hanricus Gattin voller Entsetzten auf den Hof trat.
„Wo ist er? Ich will ihn sehen!“, rief sie. Die Ritter hatten Hanricus Leichnam in ein leer stehendes Schlafgemach im Palas gebracht. Konrad führte die Witwe zu ihrem Gatten.
„Wer hat das nur getan? Mein lieber Hanricus!“, weinte sie und vergrub ihr Gesicht im Wams des Leichnams. Die anderen Edelfrauen, Klara und Viola, versuchten Gyselburgis zu trösten.
Nachdem Engela völlig durchnässt vom Naunhof zurückkam, stellte sie ihr Pferd unter und zog sich in ihrer Kammer frische Kleidung an. Unten im Rittersaal bemerkte sie die bedrückte Stimmung und fragte ihre Mutter, was denn geschehen sei. Als Klara ihr alles berichtete, musste sie nicht lange überlegen. Die lumpigen Kerle zu Pferd und der Wagen, der mit großer Geschwindigkeit über den Weg gefahren war und der Fuß, der aus den Stoffen hervorgelugt hatte. Das waren die Entführer mit Mechthild und Arnold! War das nicht ihre Gelegenheit? Wenn Mechthild nicht mehr zurückkommen würde, hätte sie die besten Chancen bei Konrad. Früher oder später würde er sich nach einer neuen Frau umsehen und das würde sie sein!
Zur Abendmahlzeit hatte der Regen nachgelassen. Alle waren betroffen. Gyselburgis blieb bei Hanricus und betete für ihn. Am nächsten Morgen würde er bestattet werden. Konrad und Friedrich machten Pläne, wie sie am nächsten Tag vorgehen sollten.
„Wir müssen noch einmal zur Kreuzung und genau nachsehen, ob wir nicht doch noch eine Spur finden.“
„Wenn nicht, teilen wir uns in drei Gruppen und reiten in jede Richtung und fragen bei den nächsten Siedlungen, ob jemand einen Wagen und Reiter gesehen hat.“
Nun meldete sich Engela zu Wort: „Was sagt ihr? Reiter und einen Wagen?“
„Ja, warum? Hast du etwas gesehen?“
„Heute Mittag war ich für meine Mutter am Naunhof und unterwegs sind ein paar üble Gestalten mit hoher Geschwindigkeit über die große Kreuzung im Wald geritten. Einen Wagen hatten sie auch dabei.“
„Was? Wo sind sie hin?“
„Ich glaube sie ritten Richtung Wörschweiler“, meinte Engela mit einem unschuldigen Augenaufschlag und senkte gleich den Blick. Sollten sie ruhig in der falschen Richtung suchen, das würde die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass sie Mechthild nicht mehr finden würden.
„Nach Wörschweiler? Also nach Südwesten! Morgen werden wir gleich nachreiten. Wie sahen die Kerle aus?“
„Bis auf zwei waren sie ziemlich zerlumpt. Es waren vielleicht sechs oder sieben zu Pferd und einer auf dem Wagen.“
„Das müssen sie gewesen sein! Gott sei Dank! Wir haben eine Spur! Dann werden wir sie auch finden!“
„Der Wagen sah so ähnlich aus, wie der des Tuchhändlers, der gestern hier war.“
„Der Tuchhändler? Ob der etwas damit zu tun hat? Besonders fein hat der wirklich nicht ausgesehen,“ meinte Friedrich.
In Konrad wuchs die Hoffnung, dass er bald wieder seine Familie in den Armen halten würde. Zum ersten Mal, seit sie Hanricus gefunden hatten, atmete er tief durch.
„Wir müssen so früh wie möglich aufbrechen!“
Unruhig stocherte er in seinem Essen herum. Am liebsten wäre er sofort aufgesprungen und losgeritten. Wie sollte er es nur bis zum nächsten Tag aushalten?
„Ihr entschuldigt mich. Ich kann hier nicht untätig herumsitzen.“ Der Graf erhob sich und ging zur Küche.
„Emma, richte bitte Trinkschläuche und Proviant für die Ritter, Friedrich und mich. Wir werden morgen noch vor den ersten Sonnenstrahlen aufbrechen“, verkündete er der Köchin.
„Habt Ihr denn schon eine Spur?“
„Engela hat sie wahrscheinlich gesehen. Sie ritten gen Süden und der Tuchhändler war dabei!“
„Der Tuchhändler? Der war gestern noch bei mir in der Küche und hat etwas gegessen. Jetzt fällt es mir erst auf! Der hat mich richtig ausgehorcht, wo Mechthild immer hingeht!“
„Was, Emma? Was hast du ihm denn erzählt?“
„Oh Gott! Ich habe ihm gesagt, dass Mechthild oft mit Arnold zur Merburg zieht! Dann bin ich an allem Schuld!“, schluchzte die Köchin lauthals und schlug die Hände vors Gesicht.
„Du musst dir keine Vorwürfe machen! Früher oder später hätten sie es doch herausgefunden.“
Als sich Emma beruhigt hatte, begab sich Konrad in die Kemenate und legte sich nieder. Viele Gedanken gingen ihm durch den Kopf. Er warf sich von einer Seite zur anderen und versuchte ein wenig Schlaf zu finden, doch es gelang ihm nicht.
Immer wieder dachte er an Mechthild. Was sollte er nur machen ohne seine Gemahlin? Sie bedeutete einfach alles für ihn. Warum war das nur geschehen? Wer hatte sich so etwas ausgedacht?
Als die ersten Sonnenstrahlen das Burgplateau erhellten, sprang Konrad aus dem Bett, zog sich seine Kleider über und weckte die anderen.
Teil 2:
Kapitel 1
Mechthild lag gefesselt auf dem Wagen. Angst, Schrecken und Verzweiflung machten sich in ihr breit. Sie lag unbequem auf dem Bauch, die Hände auf dem Rücken gefesselt. Handgelenke und Schultern schmerzten. Durch den Knebel im Mund bekam sie kaum Luft. Von Zeit zu Zeit musste sie würgen. Die Schicht Stoff, die über ihr hing, verbesserte ihre Lage kaum. Als sie sich ein wenig nach links bewegte, merkte sie, dass sich Arnold neben ihr befand. Wie gerne würde sie ihn tröstend in die Arme nehmen und ihm gut zureden!
Wie konnten sie nur in eine solche Lage geraten? So oft waren sie allein im Wald unterwegs gewesen – und heute, wo Hanricus und der Hund dabei waren, musste so etwas passieren! Was wollten die Kerle nur von ihnen? Einfache Räuber hätten sie ausgeraubt und erschlagen, aber diese hatten wohl zumindest mit ihr und Arnold mehr vor.
Mit hoher Geschwindigkeit holperte der Wagen über den unebenen Boden. Ihr Zeitgefühl hatte sie verlassen. Sie wusste nicht, wie lange das schon so ging, als es leise anfing zu donnern. Es dauerte nicht lange bis das Donnergrollen immer lauter wurde. Der Regen prasselte herab, als der Wagen endlich anhielt.
„Hier können wir uns unterstellen bis der Regen vorüber ist. Wir sind schon weit genug von der Homburg entfernt“, schlug Wolfgang vor.
Die Männer stellten das Fuhrwerk vor einem verlassenen Stall ab und stiegen von den Pferden.
„Bringt die beiden hinein und legt die Lederplane über den Wagen, damit die Ladung nicht nass wird!“, befahl Sveti seinen Männern. Der Lange und Smolek trugen Mechthild und Arnold in den Stall und setzten sie in eine dunkle Ecke. Arnold lehnte sich leicht an Mechthild und begann merklich zu schluchzen. Mechthild versuchte sich bemerkbar zu machen, indem sie nach vorne rutschte. Trotz Knebel probierte sie, einen Ton herauszubekommen.
„Na, Püppchen? Was willst du von uns?“, fragte Smolek grinsend und trat auf sie zu.
„Wir sollten ihnen den Knebel aus dem Mund nehmen und etwas zu trinken geben“, schlug Hartmut vor. „Hier können sie schreien, soviel sie wollen, da hört sie ohnehin niemand.“
Smolek nahm sein Messer, hielt es Mechthild an den Hals und entfernte mit der anderen Hand den Knebel.
„Wenn du schreist, schneide ich dir die Kehle durch, Weib!“, drohte er und drückte ihr demonstrativ das Messer auf die blanke Haut. Mechthilds Augen weiteten sich vor Angst.
„Bitte tut uns nichts! Ich mache auch, was ihr wollt!“
„Das ist ein Angebot, Püppchen!“, freute sich Smolek und rieb sich die Hände.
„Ich habe euch schon mal gesagt, ihr sollt die Finger von ihr lassen. Wenn wir sie verkaufen wollen, müssen sie in gutem Zustand sein“, ermahnte ihn Wolfgang.
Mechthild horchte auf. Verkauft sollten sie werden! Vielleicht hätten sie dann noch eine Chance!
„Können wir etwas zu trinken bekommen? Mein Hals ist ganz trocken.“
Hartmut füllte einen Becher mit Wein und hielt ihn Mechthild und Arnold, der mittlerweile auch von seinem Knebel befreit war, an die Lippen. Die beiden tranken begierig.
„Warum habt ihr uns entführt, was wollt ihr von uns?“, fragte die Gräfin, als sie sich ein wenig gesammelt hatte.
„Das würdest du wohl gerne wissen!“
„Lasst wenigstens den Jungen frei! Ich flehe euch an!“
„Das kommt überhaupt nicht infrage, er wird uns einen guten Preis bringen auf dem Sklavenmarkt. Er ist gesund und kräftig.“
„Aber er ist doch noch ein kleines Kind!“
„Das ändert sich schnell.“
„Bitte lasst ihn frei!“
„Wir haben unseren Auftrag und an den halten wir uns!“
„Wer ist euer Auftraggeber?“
„Den kennst du ohnehin nicht. Manchmal müssen die Erben für alte Rechnungen aufkommen. Schweig jetzt Weib!“
Mechthild ließ sich zurücksinken. Was hatte das zu bedeuten? Es war also kein Zufall, dass man ausgerechnet sie entführt hatte. Für wessen alte Rechnungen mussten sie bezahlen?
Arnold blickte traurig zu seiner Mutter:
„Mir ist kalt, Mutter. Wie lange müssen wir hier sitzen? Es ist so unbequem“, sagte er leise.
„Du musst keine Angst haben, mein Junge, Vater wird uns finden“, flüsterte Mechthild und rückte näher an ihn heran. Arnold lehnte sich an seine Mutter.
Nachdem es ein letztes Mal laut gedonnert hatte, verzog sich das Gewitter und der Regen ließ nach.
„Wir reiten weiter. Nicht, dass sie schon nach uns suchen.“
Die Räuber packten ihre Sachen zusammen, knebelten Mechthild und Arnold, luden sie auf den Wagen und ritten los. Die Wege waren matschig, sodass sie nur langsam vorwärtskamen. Als die Dunkelheit angebrochen war, hielten sie auf einer Lichtung an und schlugen ihr Lager auf.
„Leg dort hinten eine Decke für die beiden hin!“, befahl Hartmut dem Langen. Dieser tat wie ihm geheißen. Dann luden sie die Gefangenen ab und entfernten die Knebel.
„Ich müsste mal dringend Wasser lassen“, sagte Mechthild und auch Arnold quälte ein dringendes Bedürfnis.
„Also gut. Wir binden ihnen einen Strick um den Bauch, den wir an der Eiche festmachen. Dann können wir die Fesseln abnehmen und sie können ihre Notdurft hinter dem Baum verrichten“, schlug Wolfgang vor.
„Ich kann doch die Gräfin abhalten“, erbot sich Smolek mit vor Gier funkelnden Augen.
„Du sollst die Finger von ihr lassen! Wie oft soll ich dir das noch sagen?“ Hartmut warf einen Holzbecher nach dem Räuber.
„Schon gut, schon gut! Ich wollte doch nur hilfsbereit sein.“
„Du und hilfsbereit? Das ist das Erste, was ich höre!“
Nachdem Mechthild und Arnold fertig waren, durften sie sich ohne Handund Fußfesseln auf die Decke setzen. Hartmut reichte ihnen einen Kanten Brot und ein Stück Käse und sagte an die Räuber gewandt:
„Noch bis zur Donau werden wir euch begleiten, dann kehren wir um.“
„Da müsst ihr uns vorher den Rest der Belohnung geben!“
„Das werden wir, nur keine Angst! In Ulm werdet ihr den Rest kriegen, und wenn ihr eure Gefangenen gut behandelt, werdet ihr für sie noch einmal einen großen Batzen in Warna bekommen.“
„Wenn wir nur schon in Warna wären! Die beiden werden uns unterwegs noch Ärger machen.“
„Besorgt euch in Ulm bei einem Apotheker Mohntinktur. Die wird sie ruhigstellen, dann braucht ihr nichts zu befürchten.“
Mechthild hörte mit Entsetzen zu. Hoffentlich würde sie Konrad rechtzeitig finden! Wenn diese beiden Ritter nicht mehr dabei wären, hätten die Räuber freie Hand mit ihnen und diese machten nicht den Eindruck, als ob sie wochenlang friedlich neben einer Frau schliefen, ohne sie anzurühren.
„Heute Nacht hält einer Wache und passt auf, dass die beiden nicht versuchen zu fliehen. Hagen, du übernimmst die erste Hälfte!“, befahl Sveti.
Die Räuber genossen ihren Wein und brauchten nicht lange, bis sie eingeschlafen waren. Hagen hielt das Feuer am Brennen und setzte sich so, dass er Mechthild und Arnold im Blick hatte. Auch die beiden schliefen bald. Arnold zuckte mehrmals im Schlaf zusammen und weckte dabei Mechthild. Diese legte jedes Mal tröstend den Arm um ihn.
Am nächsten Morgen erwachte die Gräfin als Erste. Sie brauchte eine Weile, um sich daran zu erinnern, wo sie war und was geschehen war. Alle Knochen taten ihr weh, als sie sich vorsichtig streckte und aufsetzte. Ihr Bauch schmerzte, bis sie sich des engen Strickes gewahr wurde, der ihre Leibesmitte umschloss. Doch da war nicht nur der Strick, der drückte. Sie wurde von einer Welle aus Übelkeit geschüttelt. Schnell erhob sie sich und schaffte es gerade noch hinter die Eiche, um sich zu übergeben. Sie stützte sich mit der rechten Hand an dem starken Baumstamm ab und wischte sich mit der anderen Hand über die Stirn. Die Übelkeit war verflogen.
„He, was machst du da, Weib?“, ertönte Smoleks Stimme.
„Mir war es nicht so gut.“
„Hat die sich erbrochen? Die wird uns doch jetzt nicht krank werden!“, rief der Lange.
„Du hast wohl keine Bälger? Wenn es Frauen morgens schlecht wird, kann das nur eins bedeuten. Ein neues Balg ist unterwegs!“
„Du meinst, sie ist schwanger?“
„Ja, verstehst du es nun endlich?“
„Stimmt es, du bist schwanger?“, wandte sich Hartmut an die Gräfin.
„Ja, es sieht so aus.“
„Wann wird das Kind kommen?“
„Ich schätze, kurz vorm nächsten Winter.“
„Wenn es noch so lange dauert, wird sie uns bis Warna kaum Probleme bereiten“, meinte Wolfgang.
„Aber was wird sie uns schwanger bringen?“, wollte Hagen wissen.
„Wenn jemand eine Amme sucht, sogar sehr viel. Mehr als anders. Dann ist es aber umso wichtiger, dass ihr behutsam mit ihr umgeht und das Kind nicht gefährdet. Haben wir uns verstanden?“, fragte Wolfgang die Räuber.
„Ja, natürlich. Smolek behalten wir im Auge, damit er keine Dummheiten macht.“
„Was heißt im Auge behalten? Greift euch mal besser an eure eigenen Nasen, Bartschneider!“
„Jedenfalls wird Lorettas Rache dann noch größer sein“, sagte Wolfgang hämisch grinsend zu Hartmut. „Lasst uns was essen und dann gleich aufbrechen, wir wissen nicht, ob uns jemand in der Nähe der Burg gesehen hat.“
Die Räuber beeilten sich und machten sich auf den Weg.
Kapitel 2
Den ganzen Tag waren sie durchgeritten. Kurz nach Blieskastel hatte ihnen ein Bauer berichtet, dass am Tag zuvor ein Wagen mit mehreren Reitern vorbeigeritten war. Das mussten sie gewesen sein! Konrad war sich ganz sicher. In Gemünd hatten am frühen Morgen Wagen und Reiter die Stadt nach Süden verlassen. Nun folgten sie dieser Spur.
„Es ist schon spät, Konrad. Bald sieht man die Hand vor Augen nicht mehr. Lasst uns hier unser Nachtlager aufschlagen“, schlug Friedrich vor und zog die Zügel seines Pferdes an. Wilher, Lampert und die drei Knappen waren erleichtert über diesen Vorschlag. Der lange Ritt mit großer Geschwindigkeit hatte sie geschafft. Außerdem waren sie hungrig und durstig. Konrad zügelte ebenfalls sein Pferd, doch seinem Gesichtsausdruck war anzumerken, dass er am liebsten die Nacht durchgeritten wäre, damit er möglichst schnell Mechthild und Arnold wieder in den Armen halten konnte.
„Also gut, lasst uns hier auf der Lichtung das Lager errichten.“
Sie stiegen von den Pferden. Die Knappen sammelten Feuerholz und entzündeten ein kleines Feuer, um welches sie ihre Decken ausbreiteten. Wilher, ein ältere Ritter mit einem grauen Bart, packte den Beutel mit Brot und Speck aus und schnitt mit seinem Messer für jeden davon ab. Dazu tranken sie Wasser aus ihren Trinkschläuchen.
„Die Entführer können höchstens einen halben Tag vor uns sein. Bestimmt haben sie schon viel früher gerastet und mit dem Fuhrwerk kommen sie nicht so schnell vorwärts. Spätestens morgen Abend müssten wir sie eingeholt haben.“
„Ich hoffe, unsere Richtung stimmt.“
„Gewiss. Ich vermute, dass sie Richtung Nancy reiten.“
„Aber wie kommst du darauf? Sie könnten auch nach Metz.“
„Ja, aber mein Gefühl sagt mir einfach, dass sie Richtung Nancy unterwegs sind. Sonst hätten sie Gemünd auf der anderen Straße verlassen.“
„Da kannst du recht haben.“
„Ich verstehe immer noch nicht, warum sie die beiden entführt und nicht einfach ausgeraubt haben.“
„Hanricus haben sie zwar erschlagen, aber nicht ausgeraubt. Seinen Geldbeutel hat er noch gehabt“, mischte sich der junge Ritter Lampert ein, der sich nachdenklich über die braunen Bartstoppeln, die sein Kinn zierten, rieb.
„Das stimmt. Es ist ihnen also nicht um Geld oder Schmuck gegangen.“
„Aber was wollten sie nur? Wenn es ihnen um eine Frau gegangen wäre, hätten sie Arnold nicht mitnehmen müssen.“
„Daran habe ich auch schon gedacht“, meinte Konrad und verzog wütend das Gesicht bei dem Gedanken, was diese Kerle wohl mit seiner Mechthild anstellen würden.
„Lasst uns schlafen. Wir müssen bei Morgengrauen so schnell wie möglich aufbrechen.“
Die Männer legten sich nieder. Konrad konnte die ganze Nacht nicht schlafen. Nur aus Rücksicht auf seine Männer blieb er liegen und schwang sich nicht schon in der Nacht aufs Pferd.
Am Morgen ließ er zu, dass sie sich stärkten, doch dann trieb er sie zur Eile an. Sie ritten über grüne Auen, durch lichte Wälder und vorbei an kleinen Bächen. Konrad ritt allen voran und trieb sein Pferd immer schneller an. Gegen Mittag legten sie eine kurze Rast ein.
„Lange werden die Pferde diese Geschwindigkeit nicht mehr durchhalten“, meinte Friedrich.
„Bis zum Abend wird es noch gehen und bis dorthin werden wir sie haben.“
Als sie weiterritten, begegneten sie einem Bauern, der einen Ochsen mit einem Pflug im Schlepptau über ein Feld führte.
„Guter Mann, habt ihr einen Wagen mit Reitern vorbeikommen sehen?“
„Ja, heute Morgen habe ich welche gesehen. Sie sind nach Süden geritten.
Besonders schnell waren sie nicht. Ihr holt sie bestimmt bald ein.“
„Das ist eine gute Nachricht!“, rief Konrad und warf dem Bauern einen Heller entgegen, der ihn geschickt auffing.
„Los, weiter geht’s! Ihr habt gehört, was er gesagt hat. Bald haben wir sie!“
Konrad trieb sein Pferd an und der Bauer sah den Fremden erstaunt nach. Zu gerne hätte er gewusst, was die Männer von dem Wagen, der unter der Flagge des Herzogs Friedrich von Lothringen reiste, wollten. Er steckte den Heller in seinen Beutel, wischte sich über die Stirn und lenkte den Ochsen über das Feld.
Die Homburger folgten weiter ihrer Spur. Sie ritten vorbei an schier endlosen braunen Äckern, aus denen bald die Saat sprießen würde. In der Ferne sahen sie sanfte grüne Hügel und dichte Wälder. Der Nachmittag neigte sich dem Ende, als sie vor sich endlich Wagen und Reiter erblickten. Konrad trieb sein Pferd an, sodass weißer Schweiß von ihm troff. Die anderen hatten Schwierigkeiten, das Tempo mitzuhalten. Als er den Trupp fast eingeholt hatte, zog er sein Schwert aus der Scheide und schrie:
„Haltet sofort an!“
Die Reiter sahen sich erstaunt um und verlangsamten ihre Geschwindigkeit. Als sie sahen, dass der Verfolger sein Schwert gezogen hatte, nahmen auch sie die Waffen aus den Scheiden.
„Was wollt ihr von uns?“
Friedrich und die anderen hatten mittlerweile aufgeschlossen und ebenfalls ihre Waffen gezogen. Sie erkannten, dass es sich bei den Verfolgten um Ritter handelte, deren Brust das Wappen des Herzogs von Lothringen zierte. Auf dem Wagen befand sich eine große Holztruhe. Keine Spur war von dem Tuchhändler oder gar von Mechthild und Arnold zu sehen.
„Konrad, halt ein, ich befürchte, wir sind einer falschen Fährte gefolgt“, versuchte Friedrich seinen Vetter zurückzuhalten.
„Sagt endlich, was ihr von uns wollt?“, forderte einer der lothringischen Ritter.
Auch Konrad hatte erkannt, dass das wohl nicht die Entführer sein konnten, und ließ sein Schwert sinken.
„Das kann doch nicht sein! Wir sind geritten und geritten, immer der Spur eines Wagens mit Reitern hinterher. Aber ihr seid wohl nicht die Richtigen! Meine Frau und mein Sohn wurden entführt. Das war die einzige Spur, die wir hatten.“
Die Ritter sahen erstaunt zu ihnen herüber.
„Und wir dachten schon, ihr wolltet uns ausrauben. Einem anderen Wagen sind wir seit Gemünd in dieser Richtung nicht mehr begegnet.“
„Dann war das wahrscheinlich nur eine Finte. Bestimmt haben sie uns auf den Weg Richtung Süden gesetzt und sind dann in eine ganz andere Richtung davon.“
„Dann werden wir sie wohl niemals finden. Schon als wir aufgebrochen sind, waren alle Spuren vom Regen verwischt.“ Konrads Gesicht war die bittere Enttäuschung anzusehen.
„Es tut uns leid, dass wir euch nicht helfen können, aber wir müssen weiter nach Nancy zu unserem Herrn, dem Herzog von Lothringen. Sonst denken sie noch, wir wären überfallen worden.“
Die Ritter verabschiedeten sich und wünschten Konrad viel Glück auf seiner Suche.
„Was sollen wir nun tun?“
„Wir machen uns auf den Heimweg. Vielleicht haben die Entführer schon eine Lösegeldforderung gestellt.“
Die sieben Reiter kehrten um und ritten betrübt zurück. Als die Dämmerung eintrat, schlugen sie ihr Lager auf. Konrad konnte auch in dieser Nacht kaum Schlaf finden. Immer wieder fragte er sich, wo Mechthild und Arnold waren. Warum hatte man ausgerechnet sie entführt? Was wollten die Kerle von ihnen? Hoffentlich ging es ihnen gut und hoffentlich waren sie noch am Leben. Am Morgen packten sie ihre Sachen zusammen. Da die Pferde vom strammen Ritt der letzten beiden Tage müde waren, trabten sie langsam durch die Auen. Sie kamen an kleinen Dörfern und Gehöften vorbei und fragten überall nach einem Wagen mit Reitern. Diesmal hielten sie sich in ihrer Beschreibung genau an den Tuchhändler, doch niemand konnte ihnen einen nützlichen Hinweis geben.
„Ich glaube, wir sind ganz in der falschen Richtung unterwegs gewesen. So ein Fuhrwerk kann nicht unbemerkt bleiben“, meinte Wilher.
„Zuhause werden wir mehr erfahren.“
Sie ritten schweigend weiter und mussten noch ein weiteres Mal ihr Nachtlager errichten. Am Vormittag des nächsten Tages erreichten sie die Homburg.
Ritter Landolf hatte sie schon von Weitem aus dem Bergfried erblickt und kam ihnen entgegen.
„Habt ihr sie gefunden?“, fragte der groß gewachsene Ritter mit den ebenen Gesichtszügen, der die dunkelbraunen Haare kurz geschnitten und den Bart glatt rasiert trug.
„Nein, leider nicht. Wir sind einer falschen Fährte gefolgt. Wir haben gehofft, dass ihr hier Neues gehört habt.“
„Leider nein. Die Entführer haben sich nicht gemeldet.“
Konrad verzog enttäuscht sein Gesicht. Was sollten sie nur tun?
„Lasst uns erst einmal die Pferde in den Stall bringen. Sag den Männern, dass sie alle in den Bergfried kommen sollen. Wir werden besprechen, wie wir weiter vorgehen werden“, schlug Friedrich vor.
Als sich alle Ritter im Bergfried eingefunden hatten, überlegten sie gemeinsam, was zu tun sei.
„Wir müssen die Wege Richtung Bechhofen und Käshofen absuchen. Vielleicht haben sie ja eine ganz andere Richtung eingeschlagen. Auch müssen wir einen Boten nach Larochette schicken. Mechthilds Eltern sollten davon erfahren.“
„Das ist eine gute Idee. Einer der Knappen kann heute Nachmittag gleich losreiten.“
„Falls wir nichts finden, können wir nur abwarten und hoffen, dass doch noch eine Lösegeldforderung kommt.“
Konrad schickte ein Stoßgebet zum Himmel, dass sie bald etwas von den beiden hören würden.
„Lasst uns zum Mittagsmahl gehen“, schlug Friedrich vor und schob Konrad, der blass und verzweifelt aussah, aus dem Bergfried. „Komm Vetter, du kannst im Moment nichts für die beiden tun.“
Kapitel 3
Mechthild lag unbequem auf dem Wagen. Sie konnte nicht sagen, ob sie schon drei, vier oder fünf Tage unterwegs waren. Jeder Tag verlief gleich. Sie wurden auf das Fuhrwerk geladen und fuhren meilenweit, bis sie abends auf einer abgelegenen Lichtung ihr Lager errichteten. Warum hatte Konrad sie noch nicht gefunden? Manchmal überkamen sie Zweifel, ob er überhaupt nach ihnen suchte. Wer war nur diese Loretta, von der die Räuber gesprochen hatten? Sie hatte versucht, es aus ihnen herauszubekommen, doch niemand war auf sie eingegangen. Irgendwie kam ihr der Name bekannt vor, doch sie konnte sich nicht daran erinnern, wo sie ihn gehört hatte.
Plötzlich ließ das Ruckeln des Wagens, der sich seit einiger Zeit durch eine hügelige Gegend bewegte, nach. Der Lange lenkte ihn an eine versteckte Stelle und hielt an. So neigte sich auch dieser Tag dem Ende entgegen.
„Schlagt hier das Lager auf. Das ist ein guter Platz“, befahl Hartmut. Die Räuber stiegen von ihren Pferden und banden diese fest. Dann luden sie die Gefangenen ab und lockerten Fessel und Knebel. Auch heute band man ihnen einen langen Strick um den Bauch, den sie an einem Baum befestigten. Zum hundertsten Mal fluchte Mechthild leise, weil sie ihren Dolch auf der Mauer an der Merburg liegen gelassen hatte. Von ihrem Lagerplatz hatten sie einen Blick in die Talmulde. Dort lag eine kleine Stadt, am Zusammenfluss zweier Flüsse, die von einer Stadtmauer umschlossen wurde. Mechthild wünschte sich dorthin, um Hilfe holen zu können.
Zwei der Räuber sammelten Feuerholz und schichteten es in der Mitte des Lagers auf. Es dauerte nicht lange, bis die Flammen munter an den Ästen flackerten und einen rauchigen, warmen Dunst verbreiteten. Arnold warf kleine Stöckchen ins Feuer, die sogleich zu brennen anfingen.
„Geh nicht zu nah ran“, ermahnte ihn Mechthild.
„Keine Angst, Mutter, näher kann ich nicht! Der Strick hält mich davon ab, in die Flammen zu fallen.“
„Siehst du, Weib? Euer Strick hat auch Vorteile!“, mischte sich Smolek ein.
„Trotzdem wäre ich lieber ohne.“
„Wenn du heute Nacht unter mir schläfst, binde ich dir den Strick ab“, flüsterte ihr Smolek, der ganz nah an sie herangetreten war, ins Ohr.
„Da ist mir der Strick tausend Mal lieber“, sagte Mechthild verächtlich und versuchte den schmutzigen Räuber, dessen Gesicht dunkle Bartstoppeln zierten, auf Abstand zu bekommen.
„Smolek! Lass sie in Ruhe!“, schaltete sich Wolfgang ein.
„Ihr gönnt mir überhaupt keinen Spaß!“
„Nimm dir was zu essen und zu trinken und sei ruhig.“
Der Lange reichte auch Arnold und Mechthild Wasser, Brot und Käse.
„Wie lange fahren wir noch mit dem Wagen?“, wollte Arnold wissen.
„Noch drei oder vier Tage. Dann sind wir an der Donau und es geht auf einem Floß weiter“, antwortete ihm Hartmut, dem der kleine Junge ein wenig leid tat.
„Ist die Donau ein Fluss?“
„Ja, ein ganz großer und langer.“
„Wohin fließt die Donau?“
„Die fließt durch viele Länder, bis sie schließlich ins Schwarze Meer mündet.“
„Aber so weit werden wir doch nicht mit einem Floß fahren, oder?“
„Nein, aber fast. Das letzte Stück zum Schwarzen Meer müssen wir wieder über Land.“
„Warum heißt das Schwarze Meer so? Ist das Wasser dort schwarz?“, fragte der Junge neugierig.
„Ich habe keine Ahnung, aber ihr werdet es bald sehen.“
„Du nicht?“
„Nein, Ritter Wolfgang und ich reiten zurück in unsere Heimat.“
Sveti schaltete sich ein: „Das Schwarze Meer heißt so, weil früher viele Schiffe aus Griechenland im Winter darin versunken sind. Deshalb haben die Griechen es böses oder schwarzes Meer genannt.“
Mechthild hatte bei Hartmuts Worten aufgehorcht. So bald schon würden die beiden Ritter sie alleine mit den Räubern lassen.
„Wann verlasst ihr uns?“
„Sobald ihr auf der Donau seid.“
„Und wohin reitet ihr dann?“
„Dorthin, wo wir herkommen. Mehr brauchst du nicht zu wissen.“
Die Gräfin starrte vor sich hin. Noch drei oder vier Tage würde es dauern, bis sie an der Donau wären. Bis dorthin mussten sie fliehen. Sie konnten unmöglich alleine mit diesen widerlichen Räubern reisen.
Es wurde dunkel, nur das Lagerfeuer sorgte für Licht. Die meisten Räuber saßen auf ihren Decken und erweckten den Eindruck, dass sie bald schlafen würden. Mechthild sah zu der Stelle, wo der Lange das Essen ausgepackt hatte. Der Dolch lag noch dort. Würde ihr Strick bis dorthin reichen? Sie musste es versuchen. Mechthild drehte sich zu Arnold und flüsterte ihm ins Ohr:
„Versuche, wach zu bleiben, aber sei leise!“
Mechthild wartete, bis alle, außer Hagen, der die erste Wache übernommen hatte, eingeschlafen waren. Hagen saß am Feuer, er hatte eine Decke um sich geschlungen und starrte in die Glut. Es dauerte nicht lange, bis er sich erhob, weil ihn ein dringendes Bedürfnis quälte. Er blickte zu den Gefangenen herüber, die scheinbar friedlich schlafend auf der Decke lagen, trat an den Rand des Lagers und nestelte seine Bruche auf.
Mechthild erhob sich leise und bewegte sich vorsichtig auf den Dolch zu, bis der Strick mit einem Ruck an ihrem Bauch zog. Sie lehnte sich vor, doch es fehlten noch wenige fingerbreit. An der Seite sah sie einen Stock liegen, sie griff danach und zog mit dessen Hilfe den Dolch näher zu sich heran, sodass sie ihn erhaschen konnte. Schnell legte sie sich wieder auf die Decke, bevor Hagen seine Bruche festband und zu seinem Platz zurückkehrte. Mechthild zitterte. Sie hatte es geschafft! Sie spürte den kalten Griff des Messers in ihrer Hand und begann vorsichtig, damit den Strick durchzuschneiden. Es dauerte, bis sie das dicke Hanfgeflecht durchtrennt hatte. Nachdem sie es geschafft hatte, drehte sie sich zu Arnold herum und machte sich auch an dessen Strick zu schaffen. Arnold war doch eingeschlafen und sah nun erstaunt auf. Als er begriff, was seine Mutter tat, begannen seine Augen, trotz Dunkelheit zu leuchten. Schnell war auch Arnolds Strick durchtrennt. Mechthild konnte nur mit Mühe verhindern, dass der Junge gleich aufsprang und davonrannte.
„Warte, Hagen sieht herüber“, flüsterte sie ihm zu. Die beiden starrten zu ihrem Wächter und warteten, bis dieser gerade am Einnicken war.
„Jetzt“, gab Mechthild den Befehl.
Die zwei sprangen auf und rannten los, doch Hagen hörte das Geräusch und war direkt hellwach.
„Verdammt! Sie rennen weg! Wacht sofort auf! Wir müssen sie aufhalten!“
Hagen rannte in die Richtung, in der die beiden Gefangenen geflohen waren und auch die anderen Räuber sprangen auf. Sveti entzündete an der Glut eine Fackel und folgte ihnen hinterher.
Mechthild und Arnold stürzten Hand in Hand den Hügel hinunter. Es war dunkel und sie sahen nicht, wo sie hintraten, doch das war egal, solange sie nur Abstand zwischen sich und den Räubern schafften. Mechthilds Kleid blieb an einem Brombeerbusch hängen. Sie zog so fest daran, dass es zerriss. Schnell rannten sie weiter. Sie hörten die Ritter hinter sich, die den Räubern Befehle zuriefen. Die Gräfin betete, dass sie es schaffen würden, und zog Arnold hinter sich her. Sie rutschten ein Stück den Hang hinunter und befanden sich plötzlich auf einem Hohlweg. Sollten sie wirklich auf diesem Weg bleiben? Wenn die Räuber ebenfalls auf diesen Weg gelangten, hätten sie keine Fluchtmöglichkeit, denn links und rechts ging es steil hoch. Doch sie hatten keine Zeit, wieder hinauf zu klettern. Sie waren direkt hinter ihnen. Mechthild hoffte, dass sie bald an eine Kreuzung kommen würden, die sie aus dieser Falle hinaus führte.
„Renn Arnold! Komm, so schnell wie du kannst mein Junge!“, rief sie Arnold zu, der langsamer wurde. Arnold bemühte sich, so schnell er konnte, seiner Mutter zu folgen, doch sie hörten schon die Räuber, die nun ebenfalls auf den Hohlweg gelangt waren und sie erspäht hatten.
„Dort vorne sind sie! Beeilt Euch! Gleich haben wir sie!“, rief Hartmut erleichtert, der die Führung bei den Verfolgern übernommen hatte.
Mechthild und Arnold rannten und rannten. Die Gräfin hielt das zerrissene Kleid mit den Händen hoch, sodass sie nicht darüber stolperte. Sie waren ganz außer Atem, der Schweiß rann an ihnen herab. Schließlich stolperte Arnold über einen Stein und fiel der Länge nach hin. Ihre Hände lösten sich und Mechthild tat noch drei Schritte, bis sie merkte, dass Arnold ihr nicht mehr folgte. Sie wendete sich um und bückte sich nach ihrem Sohn, der schnaufend auf dem Boden lag.
„Arnold steh auf, komm! Wir können es noch schaffen!“
Mit letzter Kraft zerrte Mechthild ihn auf die Beine und zwang ihn, weiter zu laufen. Arnold humpelte, der Fuß tat ihm weh. Der Weg machte eine Biegung und wurde breiter. Dichtes Gebüsch säumte seinen Rand. Die Gräfin schob den Jungen in die Büsche und sie kauerten sich ganz klein zusammen und hielten die Luft an. Die Schritte der lärmenden und schimpfenden Räuber kamen immer näher, bis sie sie keine drei Ellen neben sich vernahmen. Mechthild schickte mehrere Stoßgebete zum Himmel.
„Lieber Gott, bitte lass sie weitergehen! Bitte!“, formten ihre Lippen lautlos. Sie traute sich keinen Atemzug zu machen und hoffte, dass Arnold ebenfalls stillhielt. Doch der Junge duckte sich nur und kniff die Augen ganz fest zu, als würde er denken, wenn er nichts sähe, würden die Räuber auch nichts sehen. Die Schritte und Verfluchungen der Räuber entfernten sich und es wurde ganz still.
„Komm Arnold, sie haben uns nicht gesehen. Wir müssen schnell den Hang hoch, damit wir uns im Wald verstecken können.“
Müde schleppten sie sich weiter, bis Mechthild endlich davon überzeugt war, dass sie weit genug von den Räubern entfernt waren. Zwischen ein paar Sträuchern legten sie sich erschöpft nieder.
Kapitel 4
Die Sonne schien hell und klar, als Mechthild erwachte. Zuerst wusste sie nicht, wo sie sich befand, doch dann fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. Sie waren den Räubern entkommen! Das Gefühl der Erleichterung war so groß, dass es ihre Übelkeit verdrängte. Sie spürte Arnold neben sich, der sie im Schlaf fest umklammert hielt. Sanft weckte sie ihn.
„Wir müssen weiter. Noch haben sie uns nicht gefunden, aber es kann sein, dass sie die Gegend durchsuchen. Wir müssen vorsichtig sein.“
Der Junge rieb sich die Augen und bewegte vorsichtig seinen Fuß. Er verzog das Gesicht.
„Mein Fuß tut weh. Hoffentlich kann ich schnell genug laufen! Ich bin so froh, dass wir die Räuber abgeschüttelt haben! Ich will wieder nach Hause zu Ben und Vater!“
„Zeig mal deinen Fuß her.“
Mechthild begutachtete den Fuß des Jungen. Er war geschwollen, doch er konnte ihn bewegen.
„Er ist nicht gebrochen, nur verstaucht. Wir müssen uns einen Unterschlupf suchen, wo wir ein paar Tage bleiben können, bis du wieder normal laufen kannst.“
Mechthild half Arnold auf die Beine und stütze ihn ab. Sie gingen durch den Wald in Richtung Tal und blieben von Zeit zu Zeit stehen, um zu verschnaufen und um zu lauschen, ob von den Räubern etwas zu hören war. Doch sie hatten Glück und begegneten keiner Menschenseele, bis sie in der Nähe eines kleinen Flusses einen alten Holzunterstand fanden, der verlassen aussah. Die Tür fehlte und auf dem Boden lag altes Stroh. Es roch muffig.
„Ich glaube hier können wir bleiben“, stellte Mechthild erleichtert fest.
„Ich habe Durst.“
„Dann lass uns zum Fluss gehen. Zu trinken gibt es da genug.“
Mechthild führte ihren Sohn an das Ufer des kleinen Baches, wo sie sogleich ihre Hände mit Wasser füllten und reichlich tranken. Sie wuschen sich Gesicht und Arme.
„Zeig noch einmal deinen Fuß“, bat die Gräfin. Sie wusch ihn mit kaltem Wasser und riss von ihrem Kleid einen Streifen Stoff ab. Diesen tauchte sie ins kühle Nass und band ihn um das geschwollene Fußgelenk.
„Dein Vater wüsste, aus welchen Kräutern wir einen Umschlag bereiten könnten, damit es schneller heilt. Jetzt muss es auch ohne Medizin gehen.“ Als sie zurück im Unterstand waren, merkte Mechthild, dass sie Hunger hatte. Wo sollten sie nur etwas zu essen herbekommen? In dem Fluss schwammen bestimmt Fische, doch sie hatten nichts dabei, um Feuer zu machen. Das Stroh in dem Unterstand war zu feucht, als dass sie es hätte zum Brennen bringen können. Beeren gab es noch keine, dazu war es zu früh. Ihr blieb nichts anderes übrig, als Kräuter zu sammeln.
„Ich gehe mal nachsehen, ob ich etwas zu essen für uns finde.“
„Das ist eine gute Idee. Mir knurrt auch schon der Magen.“
„Ich bleibe immer in deiner Nähe, falls die Räuber doch noch den Weg hierher finden.“
Mechthild zog los und hielt mit dem Unterstand Blickkontakt. Sie fand tatsächlich Löwenzahn auf der grünen Wiese und auf den schattigen Plätzen im Unterholz des Waldes wuchs Bärlauch. Aufgeregtes Vogelgezwitscher ließ sie aufhorchen. Zwei Vögel versuchten verzweifelt ihre Aufmerksamkeit von einer hohen Hecke abzulenken. Das machte Mechthild neugierig und sie suchte so lange, bis sie das Nest gefunden hatte. Die Vögel schimpften und schimpften. Doch sie ließ sich nicht beirren und nahm sich vier der frisch gelegten, kleinen Eier. Die Vögel taten ihr leid, doch sie wusste nicht, ob sie in den nächsten Tagen etwas anderes zu essen bekommen würden. Mit ihrer Beute kehrte sie zu Arnold zurück.
„Sieh, was ich gefunden habe!“
„Oh, das sind ja Vogeleier.“
Die beiden teilten sich alles, doch ihr Hunger wurde nur ein wenig gestillt.
„Ich muss unbedingt sehen, ob ich noch mehr zu essen bekomme. Wenn wir wenigstens Feuer machen könnten.“
„Mutter, wenn du mir ein paar kleine trockene Zweige, ein Stück Rinde und einen Stock suchst, bekomme ich vielleicht ein Feuer in Gang. Ich habe den Rittern schon oft zugesehen, wie sie unterwegs ein Feuer entfachten. Da wir sonst nichts tun können, ist es nicht schlimm, wenn wir den halben Tag dazu brauchen ein Feuer zu machen.“
„Da hast du recht. Nur ein Tier zum Braten brauchen wir trotzdem. Ich könnte aus meinem Kleid einen langen Faden trennen und versuchen, ob ich mit einem Wurm einen Fisch fangen kann.“
„Das ist eine gute Idee! Dann werde ich Feuer machen und du kannst angeln.“
Mechthild suchte Arnold alles zusammen, was er für das Feuer benötigte und baute sich selbst eine Angel. Sie setzte sich an den kleinen Fluss und winkte Arnold zu. Hoffentlich wurde sein Fuß bald besser, damit sie aufbrechen konnten. Sie blickte gedankenversunken auf das Wasser und sah den Fischen zu, die immer nur in die Nähe des Wurmes kamen und dann gleich wieder abdrehten. Auf einmal hörte sie, wie sich Arnold mit jemandem unterhielt. Erschrocken drehte sie sich um. Ein Junge von etwa fünfzehn Jahren stand vor dem Unterstand und redete auf Arnold ein. Er hatte braune, glatte Haare und ein rundes Gesicht. Über seinen beigen Beinlingen trug er einen braunen Kittel, den das eine oder andere Loch zierte.
„Mutter, das ist Rainer. Er kann uns helfen“, rief Arnold und winkte sie herbei.
„Sei gegrüßt, Rainer.“
Mechthild war an die beiden Jungen herangetreten.
„Seid gegrüßt, werte Dame. Arnold hat mir schon alles erzählt. Ich habe die Kerle gesehen, die euch suchen. Sie fragen überall nach euch und bieten fünf Schilling für eure Ergreifung. Sie sagen, ihr seid eurem Gatten weggelaufen und sie wollen euch wieder nach Hause bringen. Ich kann verstehen, wenn man von zu Hause wegläuft. Mein Vater lässt mich von morgens bis abends schuften, und wenn er getrunken hat, schlägt er mich und meine kleineren Geschwister. Er hat schon Pläne geschmiedet, was er mit dem Geld macht, wenn er euch findet. Ihr müsst aber keine Angst haben. Ich verrate euch nicht.“
„Das ist sehr lieb von dir.“
Mechthild tat der Junge leid. Gleichzeitig überkam sie ein ungutes Gefühl. Wenn die Räuber eine Belohnung auf sie ausgesetzt hatten, mussten sie besonders vorsichtig sein. Sie müssten so schnell wie möglich von hier weg und durften keinem Menschen begegnen. Wie sollten sie das nur schaffen? Sie spürte, dass sie dem Jungen vertrauen konnte.
„Rainer, falls uns diese Männer doch schnappen, musst du unbedingt in den Westrich wandern. Frage nach der Homburg und nach Graf Konrad. Dies ist mein Gemahl und er wird dir eine große Belohnung zahlen und dich in seine Dienste aufnehmen. Das verspreche ich dir. Sag ihm, dass die Räuber uns ans Schwarze Meer nach Warna bringen wollen, um uns als Sklaven zu verkaufen. Hier in dem Unterstand verstecke ich meine Kette. Die kannst du dir nehmen, falls wir erwischt werden. Verkaufe sie, dann hast du genug Geld für die Reise, aber behalte den Anhänger und gebe ihn Konrad, dann weiß er, dass deine Botschaft wahr ist.“
„Aber Herrin, ihr müsst keine Angst haben, ich werde jeden von hier weglocken.“
„Kannst du uns Zunder besorgen, Rainer? Und meiner Mutter helfen, einen Fisch zu fangen?“, schaltete sich Arnold ein.
„Ja, selbstverständlich. Ich gehe gleich los und bringe auch ein Netz mit.
Mit dem geht es einfacher. Mein Vater ist auf den Markt gegangen, um Schuhe zu flicken. Es dauert bis zum Abend, bis er heimkehrt.“
Der Junge machte sich auf den Weg und es dauerte nicht lange, bis er zurückkehrte. Er war gerannt und ganz außer Atem.
„Hier habe ich alles und ich habe euch sogar einen Kanten Brot mitgebracht.“
Stolz bereitete er die Sachen vor den beiden aus.
„Rainer und ich kümmern uns um die Fische und Arnold kann Feuer machen“, schlug Mechthild vor.
Der Nachmittag neigte sich dem Ende, als sie endlich ihre Fische essen konnten. So gut hatte ihnen gegrillter Fisch noch nie geschmeckt.
„Wir haben sogar noch etwas für morgen übrig.“
„Ja, das ist gut“, meinte Konrad und wischte sich mit dem Ärmel den Mund ab.
„Ich muss jetzt gehen, sonst kommt mein Vater heim und ich bin noch nicht da. Morgen früh werde ich euch besuchen. Mein Vater schickt mich den Acker umzugraben, da werde ich allein sein und niemand wird bemerken, dass ich eine kurze Zeit weg bin. Ich bringe euch wieder ein Stück Brot mit.“
„Das ist sehr nett von dir. Bis morgen!“
Mechthild und Arnold sahen dem Jungen nach, wie er hinter den Büschen verschwand.
„Mutter, meinst du, sie werden uns finden?“
„Ich hoffe nicht, mein Junge. Aber wenn, wird Rainer Vater Bescheid sagen. Da bin ich mir ganz sicher.“
„Ja, ich denke auf ihn kann man sich verlassen.“
„Wir müssen das Feuer ausgehen lassen. Wenn es dunkel wird, kann man es schon von Weitem sehen und ich werde ein Versteck für meine Kette suchen“, erklärte Mechthild und sah sich in dem Unterstand um. Sie schob in einer Ecke das Stroh zur Seite und grub mit einem Stück Holz ein kleines Loch. Darin versteckte sie ihren Schmuck. Dann deckte sie das Stroh wieder darüber, sodass man fast keinen Unterschied sah.
„Wenn sie uns doch nicht entdecken, bis dein Fuß geheilt ist, können wir die Kette wieder mitnehmen. Wir brauchen sie für die Rückreise, wenn wir nicht betteln wollen.“
Als es dunkel wurde, legten sich die beiden nieder. Mechthild hatte Schwierigkeiten einzuschlafen. Bei jedem Geräusch schreckte sie hoch. Als sie doch eingeschlafen war, träumte sie von Smolek, der sie in ihrem Versteck fand und sich hämisch grinsend über sie beugte.
Kapitel 5
Hartmut, Wolfgang und die Räuber hatten fast die ganze Nacht nach Mechthild und dem Jungen gesucht, doch ohne Erfolg.
„Kommt, wir gehen zurück zum Lager. Bei Tageslicht haben wir bestimmt mehr Glück“, beendete Hartmut die Suche.
Doch auch am nächsten Morgen fehlte von den beiden Ausreißern jede Spur.
„Wir müssen sie finden. Dort vorne ist eine Hütte. Ich werde nachhören, ob jemand etwas gesehen hat.“
Wolfgang ritt mit Sveti zu der kleinen Behausung. An die Holzhütte war ein kleiner Verschlag angebaut und daneben hatte man einen kleinen Garten angelegt, der von einem niedrigen Zaun umgeben war. Wolfgang klopfte an die Tür. Von drinnen war eine dunkle Stimme neben Kindergeplapper zu vernehmen:
„Falls ihr betteln wollt, wir haben nichts, geht weiter.“
„Wir sind keine Bettler. Wir wollen nur wissen, ob ihr vielleicht eine Frau mit einem kleinen Jungen gesehen habt.“
„Warum fragt ihr?“
„Die Frau ist die Gattin unseres Herrn und ist von ihm weggelaufen und hat sein einziges Kind mitgenommen. Er zahlt eine saftige Belohnung, wenn er sie wieder hat.“
Die Tür öffnete sich und ein Mann mit einem aufgedunsenen Gesicht, in eine schmutzig braune Tunika gekleidet, trat heraus.
„Wie viel lässt denn euer Herr springen?“, wollte er wissen.
„Fünf Schillinge für denjenigen, der sie fängt.“
„Das ist schon ein bisschen was. Die Dame muss was Besonderes sein. Wie sieht sie denn aus?“
„Sie hat haselnussbraunes, langes, lockiges Haar. Ihr blaues Kleid dürfte mittlerweile nicht mehr das beste sein. Der Junge ist sechs oder sieben Jahre alt und hat dunkelblonde Locken.“
„Ich werde meine Augen offen halten“, verkündete der Mann und rieb sich die Hände. Das wäre schnell verdientes Geld! Als Flickschuster musste er für einen solchen Betrag schon viele Schuhe flicken, und was für einen guten Wein er sich davon leisten könnte! Das Wasser lief ihm im Munde zusammen.
„He, Sepp, wer ist denn da?“, ertönte eine Frauenstimme aus dem Innern der Hütte.
„Nur Reiter, die zwei Vermisste suchen.“
Sepp blickte den Reitern nach und ging zurück in die Hütte, wo Frau und vier Kinder unterschiedlichen Alters am Tisch saßen. Rainer war der Älteste, der nächst jüngere war elf und die beiden Mädchen zählten sieben und vier Jahre. Ihre Haare wirkten struppig und sie kratzten hungrig den kargen Hirsebrei mit ihren schmutzigen Händen aus den Schüsseln.
„Ich geh nach dem Essen in die Stadt und sehe, ob ich ein paar Schuhe flicken kann“, verkündete der Vater. Er hoffte, auf dem Weg dorthin eine Spur der beiden zu finden. Er hielt die Augen offen, doch auch er konnte nichts Verdächtiges entdecken. Als er am Abend mit einem Krug Wein zurückkehrte, war er enttäuscht, dass er sie nicht gefunden hatte. Er leerte beim Abendessen einen Becher nach dem anderen und funkelte seine Frau und seine Kinder böse an. Sein Verstand war noch so klar, dass er bemerkte, dass Rainer einen Kanten Brot unter seinem Kittel versteckte. Wollte der etwa abhauen, um sich vor der Arbeit zu drücken? Gerade wollte er mit seinem Arm ausholen und ihm die Flausen aus dem Kopf schlagen, als ihm eine Idee gekommen war. Was, wenn der Junge die Geflohenen gefunden hatte und sie durchfüttern wollte? Er verschloss den Weinkrug und beschloss, den Rest des Abends nichts mehr zu trinken. Er wollte mitbekommen, falls der Junge in der Nacht oder am Morgen in das Versteck der beiden ging. Dann würde er sie schnappen und die Belohnung einstreichen. Sepp murmelte, dass er müde sei, und legte sich schlafen. Rainer sah seine Mutter erstaunt an. Sie hatten befürchtet noch einige Schläge abzubekommen, bevor der Vater so viel getrunken hatte, dass er einschlief.
Die Mutter räumte auf und auch die Kinder legten sich in der Ecke des Raumes nieder, der als Schlafstatt galt.
Am nächsten Morgen waren sie zeitig wach. Der Vater saß bereits am Tisch, als Frau und Kinder aufstanden und das Morgenmahl zubereiteten. Es gab trockenes Brot und Milch, die bereits säuerlich schmeckte. Rainer aß von seinem Stück Brot nur die Hälfte, den Rest versteckte er unter seinem Kittel. Sepp hatte ihn beobachtet, tat aber so, als hätte er nichts bemerkt. Die Mutter räumte schließlich den Tisch ab.
„Du gehst heute zum Acker und hackst ihn durch und ich werde in die Stadt gehen. Ich muss noch ein Paar Schuhe hinbringen, die ich geflickt habe. Ein Händler hat mir einen größeren Auftrag versprochen, es kann also länger dauern, bis ich zurückkehre. Heute Abend will ich sehen, dass du mit dem Acker fertig bist. Sonst kannst du in Zukunft für deine Mahlzeiten selbst sorgen“, bedeutete der Vater seinem Ältesten.
Der Vater erhob sich, nahm seinen Umhang und ein Bündel und verließ die Hütte.
„Ich geh zum Acker, damit Vater zufrieden ist, wenn er wieder kommt“, sagte Rainer und erhob sich ebenfalls.
Sepp, der Flickschuster, bestellte als Tagelöhner einen Acker, der einer Witwe gehörte. Doch die Wirklichkeit sah anders aus. Er ging nur in die Stadt Schuhe flicken und dem Wein frönen und sein Sohn musste die Feldarbeit erledigen, während die Frau sich um Kinder, Hütte und Garten kümmerte.
Der Junge grämte sich oft darüber, doch heute machte er sich gut gelaunt auf den Weg und bog Richtung Bach ab.
Alles hatte gut geklappt. Er hatte ein wenig Brot und der Vater würde den ganzen Tag wegbleiben. Er hätte also genug Zeit, um die Gräfin und ihren Jungen zu besuchen. Als er bei dem Unterstand angelangt war, saßen sie schon davor und Mechthild frischte Arnolds Verband auf.
„Guten Morgen, ihr beiden“, begrüßte er sie.
„Guten Morgen, Rainer. Schön dich zusehen.“
„Ich habe euch ein wenig Brot mitgebracht, es ist zwar schon trocken, aber ihr könnt es im Wasser aufweichen.“
„Vielen Dank. Das ist sehr nett von dir.“
Mechthild und Rainer stützten Arnold ab, gingen mit ihm an den Fluss und setzten sich ans Ufer. Sie tranken Wasser und aßen von dem Brot.
Dann erfrischten sie sich Arme und Gesicht.
„Tut dein Fuß noch sehr weh?“, wollte Rainer von Arnold wissen.
„Es ist schon besser, aber vor morgen werden wir nicht aufbrechen können.“
„So wie der Fuß aussieht, wohl eher nicht vor übermorgen“, verbesserte Mechthild ihn.
„Ich werde euch helfen, solange ihr hier seid. Ich kann dir einen Stock schnitzen, auf den du dich die erste Zeit abstützen kannst.“
„Das wäre sehr nett von dir.“
„Ich werde gleich nach einem geeigneten Ast suchen“, verkündete Rainer, erhob sich und schritt auf das nahe Wäldchen zu. Plötzlich knackte es im Unterholz und Rainer ging in Deckung. War da jemand? Doch gleich darauf flogen zwei Vögel auf. Rainer atmete erleichtert auf und machte sich auf die Suche. Es dauerte nicht lange, bis er einen Ast gefunden hatte, der sich am Ende gabelte, sodass Arnold ihn unter die Schulter klemmen konnte. Er brach ihn auf die richtige Länge zurecht und bearbeitete die Enden.
„Hier Arnold, probier ihn gleich aus“, hielt er ihm stolz die Stütze hin.
Dieser klemmte sie unter den Arm und versuchte, ein paar Schritte zu machen.
„Das klappt schon ganz gut. Vielen Dank, Rainer!“
„Ich muss mich jetzt um meinen Acker kümmern, sonst schlägt mich mein Vater grün und blau, wenn er nach Hause kommt. Später komme ich wieder zu euch“, verabschiedete sich Rainer von den beiden und machte sich auf den Weg. Er musste sich sputen.
Als er endlich das ganze Feld bearbeitet hatte und sich mit einem Lappen den Schweiß von der Stirn gewischt hatte, trat plötzlich sein Vater hinter ein paar Büschen hervor. Er hielt einen Lederriemen in der Hand und begann auf Rainer einzuschlagen, der sich erschrocken duckte.
„Du wolltest wohl die Belohnung für die beiden allein einstreichen und dich davon machen? Das könnte dir so passen!“
Immer wieder hieb er auf den Jungen ein, der sich ganz zusammenkauerte.
Schließlich trat er zu ihm und fesselte seine Hände auf den Rücken.
„Du gehst jetzt erst einmal nach Hause.“
Er trieb den Jungen mit der Peitsche vor sich her, bis sie an der Hütte angelangt waren. Die Kinder beobachteten mit Entsetzen, wie der Vater Rainer in den kleinen Verschlag schupste und die Tür mit einem großen Schlüssel abschloss, den er sich um den Hals hängte. Sepp rieb sich zufrieden die Hände und machte sich auf den Weg zum Lager der Männer, die bereit waren, eine hohe Belohnung zu zahlen.
„Seid gegrüßt! Ich habe eine gute Nachricht für euch. Ich kann euch zu euren Ausreißern führen.“
„Was sagst du? Wo sind sie?“, fragte Hartmut erleichtert.
„Erst gebt ihr mir die Belohnung.“
„Also gut, aber du wirst uns selbst hinführen und wehe, sie sind nicht dort!“
Hartmut zählte Sepp fünf Schilling in die schmutzige Hand und dessen Augen blitzten gierig auf. Schnell verstaute er die Münzen in seinem Beutel und schob ihn unter seine Tunika.
„Folgt mir“, bedeutete er den Männern, die schnell ihre Pferde nahmen und langsam hinter dem Mann herritten. Als sie in Sichtweite des Unterstands waren und Mechthild und Arnold schon von Weitem sahen, zügelten sie die Pferde und stellten sie in dem kleinen Wald ab.
Sepp beobachtete, wie die Männer sich vorsichtig an den Unterstand heranschlichen. Als sie nur wenige Schritte entfernt waren, wurden sie von Mechthild entdeckt, die zu schreien begann. Sie zerrte Arnold auf und versuchte mit ihm zu fliehen, doch sie kamen nur wenige Schritte, bis die Räuber sie erreichten.
„Ihr habt wohl gedacht, ihr könnt uns entwischen!“
Mechthild zog den Dolch heraus, den sie eingesteckt hatte, und wollte auf Hartmut losgehen. Doch Wolfgang, der nun auch bei ihnen angelangt war, trat gegen ihre Hand, sodass das Messer mehrere Fuß weit über den Boden flog. Schnell warf er Mechthild nieder.
„Das war knapp!“, bedankte sich Hartmut bei seinem Freund.
„Fesselt sie! Wir bringen sie zu den Pferden!“
Sie luden die beiden auf die Pferde, als sich Sepp noch einmal bemerkbar machte:
„Könnt ihr nicht noch einen Jungen gebrauchen, der für euch arbeitet?“
Hartmut wollte gerade verneinen, als Sveti sich einschaltete: „Warum eigentlich nicht? Er könnte helfen das Floß zu staken.“
In Gedanken fügte er hinzu: „Und in Warna verkaufen wir ihn als Sklaven!“
„Es ist ein fleißiger, kräftiger Junge, der gut anpacken kann. Ihr müsstet mir schon ein paar Schilling für ihn geben, schließlich fällt er bei mir als Arbeitskraft weg.“
„Warum willst du ihn denn hergeben?“
„Ich habe vier Kinder, die mir die Haare vom Kopf fressen. Mein Zweiter ist alt genug, um Rainers Arbeit zu machen, deshalb könnt ihr ihn haben.“
„Also gut, du bekommst fünf Schilling für ihn.“
„Fünf Schilling? Das ist ein Hohn! Fünfzehn ist das mindeste!“, rief Sepp empört. Sie einigten sich schließlich auf zehn Schilling und besiegelten den Handel per Handschlag.
„Ich bringe ihn morgen in aller Frühe zu euch.“
Sepp entfernte sich von den Männern, die mit den Flüchtlingen zum Lager zurückkehrten.
„In Zukunft werden wir sie wieder an Armen und Beinen gefesselt lassen. Die entwischen uns nicht noch einmal!“, beschloss Sveti.
Kapitel 6
Am nächsten Morgen wurde Mechthild von einer Welle aus Übelkeit geweckt. Sie versuchte sich schnell aufzurichten, doch sie war so fest gefesselt, dass sie nicht hochkam. Verzweifelt drehte sie den Kopf zur Seite und übergab sich ins Gras. Die Räuber schliefen noch tief und fest.
„Mutter, was ist mit dir?“, fragte Arnold besorgt.
„Ich musste mich übergeben. Es geht schon wieder.“
„Warum ist dir morgens immer schlecht? Liegt das an der Entführung?“
„Nein, mein Junge. Du wirst einen kleinen Bruder oder eine Schwester bekommen. Wenn Frauen ein Kind erwarten, müssen sie sich oft in der ersten Zeit übergeben. Das ist normal und vergeht nach einer Weile.“
„Ich werde einen kleinen Bruder bekommen? Das ist ja großartig!“, rief er begeistert, doch im gleichen Moment machte er ein trauriges Gesicht. „Aber was wird aus uns und dem Kind, wenn wir bis dorthin noch immer in den Händen der Räuber sind? Dann kann ich ihm nicht den Wald und die Merburg zeigen und Vater wird er gar nicht erst kennenlernen!“
„Du musst keine Angst haben, Arnold. Vater wird uns finden. Bestimmt sucht er überall nach uns und früher oder später entdeckt er die richtige Spur. Außerdem dauert es noch eine Weile, bis das Kind kommt.“
Mechthild stieg der Geruch ihres eigenen Erbrochenen in die Nase, sodass ihr noch einmal schlecht wurde. Doch sie wollte die Räuber nicht wecken, die ihr bestimmt noch grollten, weil sie versucht hatte zu fliehen. So musste sie noch eine ganze Weile so liegen bleiben, bis endlich einer der Ritter erwachte. Wolfgang setzte sie auf und band ihnen ihre Handfesseln auf. Er reichte ihnen etwas zu trinken und zu essen und ließ sie kurz austreten, wobei er den Strick recht kurz hielt. Dann fesselte er sie erneut.
„Tut mir leid, aber das habt ihr euch selbst eingebrockt.“
Als die anderen Räuber erwachten, sahen sie zuerst zu den Gefangenen und waren erleichtert, dass sie noch da waren.
„Was machen wir jetzt mit ihnen? Wir können sie keinen Augenblick mehr aus den Augen lassen“, sprach Sveti besorgt.
„Einer muss in die Stadt gehen und bei einem Apotheker einen Schlafsaft besorgen. Dann werden sie für die nächsten Tage ruhig gestellt.“
„Wer soll gehen?“
„Ich glaube ich übernehme das“, sagte Wolfgang und machte sich fertig. Er stieg auf sein Pferd und ritt den Hügel hinunter, bis er zu dem Hohlweg kam, auf welchem ihnen die beiden entwischt waren. Der Weg führte ihn zu der kleinen, befestigten Stadt, die Bretten genannt wurde. Am Stadttor bat er um Einlass. Er gab vor, dass er dringend für einen Kameraden Arznei brauche und wurde sogleich eingelassen. Es war Markttag und viele Leute waren unterwegs in der Stadt. Manche zu Fuß, manche zu Pferd und andere auf einem Fuhrwerk. Die Hauptstraße zum Marktplatz war so, wie dieser, gepflastert, sodass überall Hufgetrappel zu hören war. Um den Platz herum waren wenige zweistöckige Häuser aus Stein, deren obere Etage aus Fachwerk bestand. Am Rande standen primitivere Hütten aus Holz. Eine kleine Kirche und ein Brunnen zierten den Marktplatz. Überall waren Stände aufgebaut und die Händler und Marktfrauen boten ihre Waren feil. Hühner gackerten, Schweine grunzten und Hunde bellten. Auf dem Boden lagen Stroh, Kohlblätter und Gänsefedern. Wolfgang sah sich genau um. Bei den Marktständen erkannte er weder Apotheker noch Kräuterfrauen. Er trat auf den Stand eines Gewürzhändlers zu.
„Gibt es hier einen Apotheker?“
„Dort drüben müsst Ihr der Gasse ein kurzes Stück folgen und dann stoßt ihr auf den Laden des Apothekers“, erklärte ihm der Händler und wies ihm die Richtung.
„Danke für die Auskunft“, Wolfgang reichte dem Händler eine kleine Münze und dieser verneigte sich vor ihm. Wolfgang folgte der Beschreibung des Mannes und befand sich nur kurze Zeit später vor dem Haus des Apothekers. Es handelte sich um ein einstöckiges Steinhaus, zu dessen Tür eine Sandsteintreppe führte. Die Klappläden aus Holz waren geöffnet und das Haus machte einen gepflegten Eindruck. Wolfgang stieg die Treppe hoch und klopfte an die Tür.
„Kommt nur herein!“, ertönte eine dunkle Stimme.
Der Ritter folgte der Aufforderung und trat auf den Flur. Auf der linken Seite stand eine Tür offen, die in die kleine Offizin führte. Auf der rechten Seite befanden sich die privaten Gemächer des Apothekers.
„Seid gegrüßt, werter Ritter. Womit kann ich Euch dienen?“
„Mein Kamerad hatte eine schwere Verletzung. Die Wunde ist zwar geheilt, doch er hat immer noch starke Schmerzen und kann kaum schlafen. Ich glaube der Knochen ist noch nicht richtig zusammengewachsen.“
Der Apotheker überlegte kurz, ging dann zu seinem Vorratsschrank und entnahm eine Amphore, welche er auf einem großen Tisch abstellte. Die Aufschrift „Tinctura Opii“ zierte das Gefäß. Auf dem Tisch lagen verschiedene Gerätschaften, die Wolfgang alle fremd vorkamen. Eine Waage stand dort, mehrere Reibschalen und eine Destillierapparatur. Der Apotheker nahm eine kleine Flasche und füllte aus dem großen Vorratsgefäß davon hinein.
„Ich gebe Euch diese Phiole mit Mohntinktur. Von der könnt ihr ihm ein paar Tropfen geben, sobald er starke Schmerzen verspürt und auch bevor er schlafen geht. Aber dosiert es vorsichtig. Zuviel ist nicht gut und er soll es auch nicht zu lange nehmen, sonst gewöhnt er sich daran und wird unwirsch, sobald es leer ist.“
„Ich verstehe. Ich werde ihm immer nur ein klein wenig davon geben. Was bin ich Euch schuldig?“
Der Apotheker wog die Flasche ab und berechnete den Preis. Wolfgang gab ihm die geforderten Münzen und verabschiedete sich. Er nahm sein Pferd und machte sich auf den Rückweg. Viele Menschen waren unterwegs und verließen nach einem Marktbesuch ebenfalls die kleine Stadt. Der Ritter musste einen Umweg reiten, damit er nicht ein paar Reiter direkt zum Lager der Räuber führte. Auch Rainer war schon eingetroffen. Sein Vater hatte ihn vorbeigebracht und den Räubern geraten, ihn die erste Zeit anzubinden, damit er nicht wegliefe. Diese hatten ihm sogleich einen Strick um das Fußgelenk gebunden, sodass es ihm nicht viel besser als Mechthild und Arnold erging.
„Na, hast du von dem Schlafsaft bekommen?“, wollte Sveti wissen, der Wolfgang als Erster erblickte.
„Ja, hier habe ich ein Flasche davon. Wir müssen sehr sparsam damit umgehen. Gibt ihnen immer nur ein paar Tropfen in ihre Becher. Das reicht, um sie ruhig zu stellen.“
„Hoffentlich. Ich will nicht noch einmal mitten in der Nacht durch den Wald jagen müssen.“
„Lasst uns gleich ausprobieren, ob der Saft hilft“, schlug Hagen vor. Der Lange nahm einen Becher, füllte ihn mit Wasser und tropfte von der Opiumtinktur hinein. Dann ließ er zuerst Mechthild und dann Arnold davon trinken. Mechthild hatte von der Wirkung der Mohntinktur schon gehört und trank nur zögerlich. Eigentlich wollte sie bei vollem Bewusstsein bleiben, damit sie die nächste Möglichkeit zur Flucht nutzen konnte. Doch der holprige Weg, der vor ihnen lag und die Knochen, die ihr am Abend immer schmerzten, ließen sie sich eines Besseren besinnen und doch über die Hälfte des Bechers leeren. Außerdem wollte sie nicht, dass Arnold zu viel davon trinken musste, denn bei ihm würde der Saft noch stärker wirken.
„Siehst du? So ist es gut. Gleich denkt ihr, ihr wärt auf Wolle gebettet“, sagte Hartmut zu den beiden und grinste.
Sie luden die Gefangenen auf den Wagen und setzten sich in Bewegung.
„Heute erreichen wir Stuttgart. Das ist größer als Bretten. Dort müssen wir uns ein paar Vorräte besorgen.“
„Willst du die wirklich kaufen? Können wir nicht in den Wäldern einen Händler überfallen?“
„Hier sind zu viele Leute unterwegs. Man würde es bemerken und Jagd auf uns machen. Die Männer des Herzogs würden uns sofort am nächsten Baum aufhängen.“
„Dann werden wir hier aber nicht zu viele Vorräte kaufen und warten, bis wir wieder auf Raubzug gehen können.“
Sie ritten ohne große Zwischenfälle den Tag durch. Hin und wieder begegneten sie anderen Reisenden, Händlern, Pilgern und Rittern. Niemand schöpfte Verdacht, dass unter den Stoffballen auf dem Wagen etwas anderes gelagert war, als feines Tuch.
Am Abend schlugen sie ihr Lager auf einer Lichtung auf und luden die Gefangenen ab.
„Na, habt ihr den Tag voller Ruhe genossen?“
Mechthild sah müde aus. Auch wenn der Mohnsaft nun nicht mehr richtig wirkte, fühlte sie sich immer noch benommen. Arnold ging es nicht besser. Sie bekamen etwas zu essen und zu trinken und durften austreten. Mechthild tat es leid, dass Rainer nun auch in Gefangenschaft war, sie sah zu ihm herüber und er zwinkerte ihr zu. Er schien nicht darunter zu leiden, dass er nicht mehr in sein Elternhaus musste.
Der Lange füllte ein paar Tropfen der Tinktur des Apothekers in einen Becher und gab Wasser hinzu.
„Hier trinkt, damit ihr gut schlaft.“
Arnold und Mechthild taten wie ihnen geheißen und legten sich müde nieder.
Mechthild lag lange in einem Dämmerzustand, halb wach, halb träumend. Sie spürte immer noch das Holpern des Wagens, obwohl sie fest auf der Erde lagen. Viele Bilder gingen ihr durch den Kopf. Sie sah Konrads Gesicht und wollte nach ihm greifen, doch sobald sie versuchte die Hand zu heben, war es verschwunden. Dann erschien Margaretas Antlitz vor ihr. Die Altgräfin versuchte ihr etwas zu sagen, doch sie konnte sie nicht verstehen. Dann sah sie, wie sich Margareta mit einer älteren Frau unterhielt. Der Kleidung nach war es eine Bedienstete. Doch wer war sie? War das nicht die alte Köchin Berta, die gestorben war? Ja, sie war es und ihre Lippen formten einen Namen. Ganz deutlich. Auf einmal konnte Mechthild den Namen sogar verstehen. „Loretta“, sagte sie und wiederholte ihn immer wieder. Doch, was war mit dieser Loretta? Wer war sie? Hatten die Ritter nicht von einer Loretta erzählt? Wieder sah sie Bertas Gesicht. Diesmal sagte sie:
„Walthers Witwe, Loretta!“
Mechthild warf sich von einer Seite zur anderen. „Walther, Walther? Der Mörder von Vetter Simon? Der, der Konrad im Wald ausgesetzt hatte und Loretta, seine Witwe, die Rache geschworen hatte?“ Im Dämmerzustand wurden Mechthild die Zusammenhänge klar. Sie wusste, warum ihr der Name so bekannt vorgekommen war. Loretta hatte sie entführen lassen, um Walthers Tod zu rächen!
Kapitel 7
Nachdem sie Stuttgart und Göppingen passiert hatten, lag endlich Ulm vor ihnen. Die Donau floss durchs Tal und davor bauten sich die Mauern der Stadt auf, an deren Seite sich ein Hügel erhob. Auf dessen Spitze reckte sich eine Kirche dem Himmel entgegen. Schiffe und Flöße durchquerten den Fluss. Mehrere Anlegestellen waren zu erkennen.
„Endlich haben wir es geschafft. Jetzt müssen wir uns nur noch ein Floß besorgen und dann kann es los gehen“, bemerkte Sveti erleichtert.
„Aber allein können wir nicht durch den Fluss staken. Es gibt Strudel, Felsen und flache Stellen, wo man auflaufen kann.“ Der Lange hatte schon viele Geschichten von Leuten gehört, die in der Donau ertranken.
„Wir müssen einen Fährmann anheuern, der uns durch den Fluss manövriert.“
„Aber der wird einiges für sein Schweigen verlangen.“
„Versprechen können wir ihm, was er will, wir müssen ihn ja nicht damit verschwinden lassen“, grinste Sveti hämisch.
„Ich verstehe, was du meinst.“
„Lasst uns dort drüben in dem kleinen Wäldchen rasten. Sveti und ich werden in die Stadt gehen. Ich kenne dort jemanden, der den Wagen und die Pferde abkaufen wird. Dann können wir uns mit dem Geld Floß, einen Fährmann und Proviant besorgen. Ich hoffe, wir schaffen das bis morgen, damit ihr in der Frühe aufbrechen könnt. Wolfgang und ich werden wieder nach Malberg reiten, sodass uns unser Herr nicht zu lange vermisst“, sprach Hartmut.
Die Männer errichteten auf einer kleinen Lichtung ihr Lager und luden die Gefangenen ab.
„Morgen früh bekommen sie keinen Mohnsaft mehr. Sie müssen zum Fluss laufen können. Es würde zu sehr auffallen, wenn wir sie tragen würden“, meinte Sveti.
„Und wie willst du sie ruhig halten?“
„Ich werde den Jungen auf meinem Rücken aufsitzen lassen, und wenn die Mutter flieht, wird er meinen Dolch spüren.“
„Das ist eine gute Idee.“
Arnold und Mechthild saßen auf ihrer Decke im Gras und kamen langsam zu sich. Jetzt war es also so weit. Die Ritter würden sie verlassen. Mechthild hielt Arnolds Arm umklammert und sah ihn nachdenklich an.
„Fahren wir bald mit dem Floß?“, fragte der Junge leise.
„Ja, es scheint so. Morgen sehen wir die Donau.“
Der Lange trug Rainer auf, den Gefangenen Essen und Trinken zu reichen. Nachdem sich Hartmut und Sveti ebenfalls gestärkt hatten, brachen sie auf und ritten auf die Stadt zu. Am Stadttor gaben sie vor, jemanden besuchen zu wollen und wurden eingelassen.
„Wir reiten zu meinem alten Freund Kurt. Der handelt mit allem, was er kriegen kann.“
Hartmut führte Sveti durch die verwinkelten Gassen, bis sie in ein schäbig wirkendes Stadtviertel gelangten, wo ihnen der Geruch der Ehgräben besonders stark entgegen schlug. Die Häuser wichen einfachen Holzhütten, deren Dächer nachlässig mit Stroh gedeckt waren.
„Dort hinten ist es. Ich hoffe er ist nicht umgezogen.“
Hartmut hielt auf eine Hütte am Ende der Gasse zu, stieg vom Pferd, band es an einem Holzpfosten fest und forderte Sveti auf, es ihm nachzutun.
Dann klopfte er an die Tür.
„Wer will was von mir?“, ertönte eine Stimme aus dem Innern.
„Sei gegrüßt, Kurt! Hier ist Ritter Hartmut aus Malberg.“
„Sei gegrüßt, Hartmut. Was führt dich hier her? Du warst schon Jahre nicht mehr in der Gegend.“ Ein gebeugter alter Mann mit einem grauen Haarkranz, der ein braunes, schmutziges Wams trug, erschien an der Tür.
„Ja, das letzte Mal habe ich noch beim Ulmer Ritterturnier teilgenommen, aber diese Zeiten sind vorbei.“
„Bist wohl nicht mehr der Jüngste?“
„Aber auch nicht der Älteste!“
„Komm herein und sag schon, was du hier willst.“
Hartmut und Sveti traten in die dunkle Hütte. An den Wänden standen mehrere Regale, auf denen die unterschiedlichsten Gegenstände gelagert wurden. In der Mitte standen Tisch und Schemel, in der Ecke war eine Schlafstatt und an der Seite befand sich ein Kamin, in dem noch ein wenig Glut glomm. Es roch nach Rauch und abgestandener Luft.
„Mein Freund hier und seine Männer waren mit einem Wagen und sechs Pferden unterwegs. Sie wollen nun mit einem Floß die Donau hinab fahren und müssen deshalb die Pferde und das Gespann verkaufen.“
„Habt ihr den Wagen hier?“
„Nein, er ist noch in dem kleinen Wald vor der Stadt.“
„Ich muss mal überlegen, ob ich jemanden weiß, der einen Wagen braucht.“ Kurt rieb sich nachdenklich über die Stirn.
„Ein Kaufmann stellt gerade einen Handelszug zusammen. Der könnte dafür Verwendung haben. Ich werde gleich morgen mit ihm reden.“
„Geht das nicht schon früher? Meine Freunde brauchen ein Floß und einen Fährmann und wollen morgen aufbrechen.“
„Also gut. Ich werde mich gleich darum kümmern.“
Kurt wischte sich die Hände an seinem Wams ab und forderte die beiden auf, Platz zu nehmen.
„Hier habt ihr einen Krug Wein. Ich kann euch leider nur einen trockenen Kanten Brot dazu anbieten. Wartet hier.“
Er stellte Brot, Krug und Becher vor die beiden und verließ den Raum durch die Vordertür.
„Lasst uns auf unsere Mission trinken“, sagte Hartmut und hob seinen Becher.
Sveti prostete ihm zu:„Dann reitet ihr morgen zurück?“
„Ja, unser Herr wird uns schon vermissen.“
„Ich hoffe, wir bekommen unsere Gefangenen gut nach Warna.“
„Auf dem Fluss ist außer dem Fährmann niemand Fremdes dabei, und wenn euch ein Schiff oder ein anderes Floß zu nahe kommt, soll sich einer den Jungen schnappen, dann gibt das Weib schon Ruhe“, schlug Hartmut vor.
Die beiden Männer saßen eine Weile schweigend zusammen, bis die Tür aufgestoßen wurde und Kurt wieder hereinkam.
„Ich habe eure Waren so gut wie verkauft. Ein Mann des Kaufmanns kommt gleich vorbei und dann werden wir mit euch kommen. Er wird sich die Pferde ansehen und kaufen, wenn sie in Ordnung sind.“
„Das ist gut“, atmete Sveti erleichtert auf.
Als es endlich an der Tür klopfte, machten sich die Drei zusammen mit dem Kaufmannsgesellen auf den Weg.
Kurz vor dem kleinen Wäldchen wandte sich Sveti an die anderen: „Ich reite vor und kündige uns an. Nicht dass sie uns für Räuber halten.“
Er erhöhte sein Tempo und war gleich darauf im Wald verschwunden.
„Wir wurden unterwegs mehrmals von Räubern überfallen“, erklärte Hartmut. „Deshalb sind die Männer sehr vorsichtig geworden.“
Der Kaufmannsgeselle nickte: „Ja, man kann nirgends mehr hinreisen, ohne einen ganzen Trupp Bewaffneter dabei zu haben.“
Im Lager kündete Sveti den Besuch an und man beeilte sich, Mechthild und Arnold zu fesseln und zu knebeln und in einem dichten Gebüsch zu verstecken. Man war gerade fertig, als Hartmut mit den Besuchern ankam.
„Dort drüben steht der Wagen und dort sind die Pferde. Seht es euch genau an“, forderte er Kurt und den Kaufmannsgesellen auf. Diese befolgten die Anweisung.
„Ich denke, es ist alles in Ordnung. Die Pferde sehen gesund und kräftig aus und auch der Wagen wird noch einige Meilen zurücklegen können. Was wollt ihr dafür haben?“
Hartmut nannte eine Summe. Der Kaufmannsgeselle spuckte aus.
„Das ist viel zu viel. Wir wollen erst in zwei Wochen aufbrechen und müssen so lange die Pferde durchfüttern.“
Hartmut kam dem anderen ein gutes Stück entgegen. Er hatte von vornherein einen viel höheren Betrag genannt, als er erwartet hatte.
„Also gut. Das hört sich schon besser an. Lasst uns den Handel besiegeln.“
Sie reichten sich die Hände.
„Ich reite zurück und hole das Geld und ein paar Männer, dann kommen wir und nehmen die Pferde und den Wagen mit.“
„Beeilt Euch, es wird schon bald dunkel!“, rief Sveti.
Kurt verabschiedete sich von Hartmut und ritt mit dem Kaufmannsgesellen davon. Er würde vom Kaufmann für die Vermittlung eine gute Provision erhalten.
„Jetzt brauchen wir noch ein Floß“, meinte Sveti.
„Das denkst du! Der Lange war am Anlegesteg und hat ein Floß und einen Fährmann organisiert!“, verkündete Hagen.
„Was sagst du da?“
„Ja, ich war vorne am Ufer und hab mich bei den Fährmännern erkundigt, wer dazu bereit wäre, für gutes Geld die Donau runter zu fahren.“
„Aber hast du auch aufgepasst, dass es niemand ist, der gleich zum Vogt rennt und uns verpfeift?“, wollte Sveti wissen.
„Ja, ja. Ich habe alles geklärt. Der Bursche scheint für Geld alles zu machen. Ich habe ihm gesagt, dass wir einem bulgarischen Kaufmann seine Gattin und seinen Sohn zurückbringen und ihm erklärt, dass das Weib mit einem deutschen Söldner durchbrennen wollte. Er war ganz entsetzt und hat versprochen, uns so schnell wie möglich nach Bulgarien zu bringen, damit der Kaufmann nicht zu lange auf seine Familie warten muss.“
„Das war eine gute Idee! Wie viel müssen wir bezahlen?“
„Nur einen kleinen Teil von dem, was wir für Wagen und Pferde bekommen haben.“
„Dann können wir noch reichlich Proviant kaufen und jeder erhält einen ganzen Batzen“, freute sich Sveti.
Die Räuber machten sich daran, ihr Hab und Gut zusammenzuschnüren. Auf ihrem weiteren Weg hatten sie weder Satteltaschen noch Wagen. Es begann gerade zu dämmern, als der Kaufmannsgeselle mit seinen Leuten eintraf. Der Handel wurde abgewickelt und die Räuber waren wieder allein. Mechthild und Arnold bekamen eine letzte Dosis Mohnsaft und schliefen fest bis zum nächsten Morgen.
Mechthild reckte und streckte sich und sah zu den anderen hinüber. Die Ritter waren schon wach und aßen Brot. Die Gräfin wandte sich zu ihnen:
„Wir sind bestimmt schon zehn Tage unterwegs, ob wir uns am Fluss ein wenig waschen könnten?“
Hartmut überlegte kurz.
„Warum eigentlich nicht? Wir gehen hinunter ans Ufer, dann nehme ich den Jungen und du kannst dich waschen, und wenn du eine Dummheit machst, ist er weg! Am besten gehen wir gleich, solange die anderen noch schlafen.“
Die beiden Ritter verständigten Sveti und führten die Gefangenen mit zum Fluss. Diese betrachteten erstaunt den großen Strom. So einen großen Fluss hatten sie noch nie gesehen. Schilf und Büsche gaben ihnen ein wenig Schutz. Mechthild trat hinter eine Hecke, entkleidete sich und begann sich in dem kalten Wasser zu waschen. Auch wenn sie keine Seife hatte, fühlte sie sich gleich besser. Sie wusch sich auch die Haare, rieb sich mit einem Tuch, welches sie mitgenommen hatte, trocken und zog ihre Kleider wieder an. Dann kehrte sie zurück zu den Rittern.
„Da bist du ja, ich dachte schon, du wärst weggeschwommen.“
„Keine Angst, meinen Jungen lasse ich nicht im Stich. Arnold, geh bitte und wasch dich gut, wir werden so schnell keine Gelegenheit mehr dazu bekommen.“
Arnold begab sich ans Ufer, sein Fuß tat immer noch weh, doch es war schon viel besser geworden. Die Ruhe auf dem Wagen hatte ihm gutgetan.
Als er fertig war, kehrten sie zum Räuberlager zurück.
„Endlich seid ihr wieder da. Der Lange ist in die Stadt gegangen, um Vorräte zu besorgen. Wir treffen ihn vorne am Anlegesteg. Der Fährmann wartet bereits mit dem Floß“, sagte Sveti.
„Dann klappt ja alles besser als erwartet. Lasst uns aufbrechen“, schlug Hagen vor.
Sie schnappten ihre Bündel und gingen zum Fluss. Als der Lange mit den Vorräten eingetroffen war, reichte Hartmut Sveti einen prall gefüllten Beutel mit Münzen. Die Ritter verabschiedeten sich von den Räubern und sahen dem Floß nach, als es ablegte.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.