Kitabı oku: «Das Mal der Burgherrin»
Das Mal der Burgherrin
Sabine Müller, 1973 im saarländischen Homburg geboren, ist Apothekerin und Mutter zweier Kinder. „Das Mal der Burgherrin“, welches in ihrer Heimat spielt, ist ihr erster Roman.
Sabine Müller
DAS MAL DER BURGHERRIN
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2013
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Copyright (2013) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
ISBN 9783954882588
www.engelsdorfer-verlag.de
Für Karla.
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titelseite
Impressum
Teil 1: Die Homburg 1295 – 1296
Teil 2: Die Pilgerreise 1296
Teil 3: Zurück 1296 –1297
Teil 4: Kirkel 1297 – 1316
Teil 5: Konrad 1317/1318
Nachwort
Personenverzeichnis
Literatur
Dank
Teil 1:
Die Homburg 1295 – 1296
Kapitel 1
Die Tür flog auf. Walther, ein kräftiger junger Mann mit braunen Haaren, humpelte hastig in seine Kammer und schlug die schwere Tür aus Eichenholz hinter sich zu. Er warf den neu geschnitzten Gehstock, den er zum Abstützen benötigte, in eine Ecke. Sein Gesicht war wutverzerrt. Wieso ließ er sich immer von dem jungen Simon reizen?
Simon war sein vierzehnjähriger Vetter, den er, seit sein Bein besser geworden war, tagtäglich bei seinen Waffenübungen begleitete. Der Junge war groß und schlaksig und hatte dunkelblondes, krauses Haar. Das Training mit Armbrust, Langbogen, Lanze und Schwert hatte seinen Körper gestählt und die Sonne seine Haut gebräunt. In seiner kindlichen Arglosigkeit zog er Walther auf, und machte sich bisweilen über dessen Unbeholfenheit lustig. Walther war wegen seines verletzten Beines nicht so schnell wie Simon, ritt nicht so gut, konnte nicht kämpfen, nicht klettern und war zu langsam.
Er fühlte sich völlig unnütz, seit er vor drei Monaten zu seinem Onkel auf die Homburg gebracht worden war. Walther ließ sich auf der Bank in der Fensternische nieder und starrte wütend hinaus. Die Ereignisse, die zu seiner misslichen Lage geführt hatten, gingen ihm durch den Kopf.
Vor wenigen Monaten war alles anders. Sein Vater Dietrich, der Bruder des Grafen Philipp von Homburg, war Herr der Merburg, einer kleinen Burg auf dem Malafelsen im Homburger Wald, die früher die Straße nach Landstuhl bewacht hatte. Es war die Stammburg der Grafen von Homburg, doch nach der Errichtung der Burg auf dem Hohenberg hatte sie an Bedeutung verloren. Walther war vor ein paar Wochen zurück aus den Nordvogesen gekommen, wo er bei dem dortigen Grafen, der weitläufig mit ihnen verwandt war, das Ritterhandwerk erlernt hatte und vom Bischof zum Ritter geschlagen worden war. Sein Vater litt an einem Lungenleiden und er sollte schon bald dessen Stellung übernehmen und über die Ländereien der Merburg regieren. Diese waren zwar durch Erbteilungen mit dem Homburger Zweig der Familie nicht mehr so groß, hätten aber trotzdem ausgereicht, um ihm und seiner Sippe ein gutes Auskommen zu gewähren.
Doch dann kam die Nacht des Feuers, die alles in seinem Leben veränderte.
Walther lag in seinem Bett und träumte, es wäre ein glühend heißer Sommertag. Der Schweiß rann ihm vom Gesicht, bis er von dem beißenden Geruch des Feuers geweckt wurde, welches sich einen Weg durch die Holztür seiner Kammer suchte. Der einzige Ausweg, der ihm blieb, war das kleine Fenster. Er riss das Fell weg, welches die Kammer abgedunkelt hatte, zwängte sich durch die schmale Öffnung und kletterte auf das Fenstersims. Dort blickte er vorsichtig hinunter. Vor dem Wohnhaus war nur ein kleiner Absatz, bis es den steilen Felsen hinunter in den Burggraben ging.
Er zögerte, doch er hatte keine andere Wahl. Er wagte den Sprung in die Tiefe, kam auf dem Absatz nicht zum Stehen und schlitterte ein Stück den Felsen hinunter, bis er sich festhalten konnte. Sein Bein schlug dabei böse auf den harten Felsen auf. Mühsam und unter größten Schmerzen zog er sich den Hang hinauf zu dem Absatz und schleppte sich über die Berme zur Brücke. Irgendwie musste er es geschafft haben, über diese zu gelangen, bis er wenige Meter nach dem Graben bewusstlos zusammenbrach. Die Hörigen der kleinen Siedlung in der Nähe der Burg brachten ihn mit einem Ochsenkarren zum Kloster Wörschweiler, wo er zwei Tage später erwachte.
Sein Bein war gleich mehrfach gebrochen und schmerzte bei jeder Bewegung entsetzlich. Vom Infirmarius, dem Mönch, der für die Pflege der Kranken im Kloster zuständig war, erfuhr er, dass seine Eltern, die ein Stockwerk unter ihm geschlafen hatten, sowie sein kleiner Bruder Rainer und das gesamte Gesinde ums Leben gekommen waren.
Ein alter Knecht war kurz nach Mitternacht im Stall bei brennender Kerze eingenickt und hatte nicht bemerkt, dass diese ins trockene Stroh gekippt war. In Kürze brannte der ganze Stall lichterloh. Das Feuer griff rasch auf das Wohnhaus und den achteckigen Bergfried der Burganlage über. Die Burg brannte bis auf die Grundmauern ab. Walthers Reitknecht Jakob, der die Nacht in der nahe gelegenen Siedlung in den Armen einer Magd verbracht hatte, war der Einzige, der mit ihm überlebte.
Er blieb vier Wochen im Kloster, bis sein Bein es erlaubte, dass er zu seinem Onkel Philipp auf die Homburg gebracht werden konnte. Man hoffte, dass das Bein sich bald wieder erholen würde, doch sein Zustand besserte sich nicht. Das Bein würde für immer steif bleiben.
Leise fluchte er bei dem Gedanken, dass er ewig ein Krüppel bleiben würde, vor sich hin. Graf Philipp hatte zu Walthers Leidwesen beschlossen, ihn ins Kloster Wörschweiler zu schicken, wo er dem Orden der Zisterzienser beitreten sollte. Die Mönche waren für ihre strenge Lebensweise bekannt. Walther liebte das raue Ritterleben, den Kampf, die rauschenden Feste und war auch den Frauen nicht abgeneigt. Ein Leben voller Gebete, Schreib-, Garten- und Handarbeiten im Schutze der Klostermauern konnte er sich beim besten Willen nicht vorstellen, geschweige denn, nachts zum Gebet aufzustehen. Außerdem mochte er den dortigen Abt nicht, der nur darauf wartete, dass der Merburger Landbesitz ans Kloster fiele. Dafür hasste er seinen Onkel und dessen Frau Margareta, die diesen in seinen Bestrebungen bestärkte. Niemals würde er ins Kloster gehen! Wenn er doch nur an Simons Stelle wäre, der schon bald mit seiner Ritterlaufbahn beginnen würde und später als Graf von Homburg nicht nur über die Burg, sondern auch über den stolzen, sich im Aufschwung befindlichen Flecken am Fuße der Burg regieren würde. Da Philipp und Margareta keine weiteren Kinder hatten, hätte Walther sogar gute Chancen, an Simons Stelle zu rücken, falls dieser ein Unglück erleiden würde. Ein Funke Hoffnung regte sich in ihm.
Sein Blick wanderte über das Homburger Land. Dieses könnte alles ihm gehören. Die Wälder, Auen, Bäche, Teiche, Bauernhöfe und Siedlungen. Stattdessen sollte er sein Leben als Krüppel in einem Kloster fristen. Das konnte einfach nicht sein!
Plötzlich klopfte es an die Tür.
„Was ist?“, fragte Walther verärgert.
„Gestattet Ihr mir einzutreten, Herr?“, ertönte die Stimme seines Reitknechts Jakob.
„Komm rein.“
Jakob war nur wenige Jahre älter als Walther, von hagerer Gestalt und hatte einen leicht durchtriebenen Gesichtsausdruck. Er war Walthers einziger Vertrauter. Mit ihm konnte er über alles reden.
„Wollt Ihr nichts essen, Herr? Habt Ihr Euch wieder über Simon geärgert?“
„Der Junge bringt mich zur Weißglut! Wenn ich nur einen Weg finden könnte, um ihn los zu werden!“
„Lasst solche Worte nicht Euren Onkel hören, er würde Euch nicht nur ins Kloster stecken!“
„Willst du mir etwa drohen, Jakob?“
„Nein, nein mein Herr, Ihr versteht mich falsch. Ich meine nur, Ihr solltet Vorsicht walten lassen. Eure Tante Margareta scheint Euch nicht zugetan zu sein. Sie spürt, dass Ihr Simon nicht mögt. Sie hat Ritter Thomas gebeten, Euch im Auge zu behalten.“
„Gut, dass du mir das sagst. Diese Frau ist mir genauso zuwider wie Simon! Sie war es, die Philipp erst auf den Einfall mit dem Kloster gebracht hat. Ich muss mir etwas überlegen! Ich werde nicht ins Kloster gehen! Ich bin Ritter und kein Betbruder!“
„Beruhigt Euch wieder! In drei Tagen findet die große Drückjagd statt. Vielleicht könnte da etwas Unvorhersehbares geschehen.“
„Wie meinst du das?“
„Nun, wenn so viele Ritter mit der Armbrust unterwegs sind, wer weiß, vielleicht ein Pfeil, der versehentlich darneben geht?“
„Ich verstehe – lass uns runter zum Abendmahl gehen. Später treffen wir uns wieder und besprechen alles.“
Walther ging den Flur entlang und stieg die Treppen hinunter zum großen Rittersaal, wo die Gesellschaft immer tafelte. Jakob folgte ihm wenige Schritte hinterher. Im Eingangsbereich gab es ein Becken mit Wasser, wo sich die beiden die Hände wuschen.
Das Essen war schon in vollem Gange. In dem Saal, in dem bis zu fünfzig Personen Platz fanden, standen vier große Tische aus Eichenholz, der hintere an der Kopfseite war festlich gedeckt. Dort saßen der Graf und seine Familie, Bruder Hubertus, der die grauweiße Tunika der Zisterzienser trug und auf der Burg lebte sowie höhere Gäste des Hauses. Heute waren Verwandte aus Zweibrücken zu Besuch. An den drei vorderen Tischen saßen die Ritter, Edelfrauen, Knappen und das Gesinde, soweit es nicht an der Zubereitung und am Auftragen der Speisen beteiligt war. An den Wänden hingen mehrere prächtige Wandteppiche mit Jagdmotiven. Die kleine Empore gegenüber der Tafel des Grafen war leer.
Walther nahm am Tisch seines Onkels Platz zur linken Margaretas. Die Gräfin trug ein prächtiges blaues Gewand mit einer goldenen Schärpe und einem weißen Schal. Ihre blonden Haare glänzten im Schein der Kerzen und mit ihren strahlend blauen Augen sah sie Walther tadelnd an.
„Kannst du nicht einmal pünktlich sein? Simon war genauso lange draußen auf dem Übungsplatz und ist schon längst hier!“
Walther blickte seine Tante nur wütend an. Er nahm sich ein Stück des Bratens und begann nachdenklich zu essen. Mit seinen Gedanken war er immer noch bei dem Gespräch mit Jakob. Er konnte es kaum erwarten, seine Pläne mit ihm zu besprechen.
Graf Philipp von Homburg, ein Ritter von großer Gestalt mit leichtem Bauchansatz, schütterem, graubraunem Haar, der die vierzig bereits um einiges überschritten hatte, hob sein Glas: „Lasst uns auf Simon anstoßen! Er hat sich heute auf dem Übungsplatz wacker geschlagen. Wenn das so weiter geht, kann er bald zum Ritter geschlagen werden!“
„Auf Simon!“
„Auf Simon!“, rief auch Karl aus Zweibrücken.
„Wenn Simon zum Ritter geschlagen wird, gibt es ein Fest auf der Homburg, wie es die ganze Gegend noch nicht gesehen hat!“
Graf Philipp hatte bewirkt, dass Simon seine Pagenzeit auf der Homburg leisten durfte und nun, erst als Knappe in die Obhut eines anderen Adligen musste. Im Frühjahr würde er nach Zweibrücken gehen und dort in die Dienste des Grafen Walram treten, der Karls Lehnsherr war. Nun wurde er hier schon auf die Knappenzeit vorbereitet und durfte mit den Waffen und Pferden üben.
Philipp wandte sich an Walther, der immer noch in seinem Fleisch herumstocherte.
„Warum trinkst du nicht auf Simon? Gönnst ihm wohl seinen Erfolg nicht?“
Walther erhob leicht seinen Becher und murmelte einen Trinkspruch, um einer Auseinandersetzung zu entgehen.
Karl ergriff das Wort: „Ich freue mich schon auf die Zeit, wenn Simon am Hofe meines Herren sein wird. Aber was soll aus Walther werden? Sein Bein scheint nicht mehr richtig zu heilen!“
„Im Frühjahr wird er ins Kloster Wörschweiler gehen und dem Konvent beitreten. Wir haben mit dem Abt schon alles besprochen“, antwortete Margareta.
„Meint ihr, dass das wirklich gut für ihn ist? Er wurde doch schon zum Ritter geschlagen.“
„Aber er wird nie in der Lage sein, als Ritter zu kämpfen. Er hat weder eine Burg, noch sonstige Mittel und könnte mit seinem Bein nie ein Lehen unterhalten. Was soll er sonst machen? Im Kloster kann er wenigstens einer sinnvollen Tätigkeit nachgehen. Außerdem nimmt ihn der Abt des Klosters, der wie die erste Frau meines Vaters von den Grafen von Saarwerden abstammt, sehr gerne und die Merburger Ländereien wären dann auch nicht in fremden Händen. An die Umstellung vom Ritter zum Mönch wird er sich gewöhnen. Das haben andere auch geschafft, so mancher sogar freiwillig.“
Walthers Blick verfinsterte sich bei diesen Worten. Wenn sie doch nur mit diesem Kloster aufhören würden. Wenigstens wusste er nun, dass seine Schonfrist noch bis zum Frühjahr anhalten würde. Bis dahin konnte viel geschehen.
Das Gesinde begann, die Tische abzuräumen. Walther wartete auf einen geeigneten Augenblick, um sich unbemerkt zurückzuziehen.
Er stand schließlich auf und schritt durch den Saal. Am Tisch der Bediensteten sah er Jakob kurz an. Dieser nickte ihm zu. Walther machte sich auf den Weg zu seiner Kammer. Die kleinen Gemächer in dem länglichen Palas waren alle gleich eingeteilt. Gegenüber der Tür befand sich ein Fenster mit Glasscheibe und einer Sitznische mit einem kleinen Tisch. Durch das trübe Glas hatte man einen verschwommenen Blick auf das Gelände südlich der Burg. An der einen Wand stand ein Bett und an der anderen ein hölzerner Waschtisch mit zwei Schemeln, einem Gestell für die Kleider und einer Truhe aus Eichenholz. Die Wände waren weiß gekalkt und im Winter lagen Felle auf dem Boden.
Walther zündete eine Kerze an und wusch sich mit kaltem Wasser aus einem irdenen Krug Gesicht und Hände. Die Erfrischung tat ihm gut, obwohl es mittlerweile winterlich kalt war. Dann setzte er sich auf seinen Lieblingsplatz in der Fensternische und wartete auf Jakob.
Nach wenigen Minuten klopfte es leise an die Tür und der Knecht trat ein. Er hatte einen Krug Wein und zwei Trinkbecher aus Holz dabei.
„Hier lasst uns das Ganze bei einem Becher Wein besprechen, Herr.“
Er stellte die Becher auf den kleinen Tisch, schenkte ein und Walther forderte ihn auf, auf einem der Schemel Platz zu nehmen.
„Nun lass deinen Plan hören, Jakob. Die Gespräche bei Tisch haben mir gereicht. Wieder ging es nur um den geschickten Simon und meine Abschiebung ins Kloster.“
Walther nahm einen Schluck Wein und ließ ihn gierig die Kehle hinunter laufen.
„Wisst Ihr, wie lange Ihr hierbleiben werdet?“
„Sie wollen mich erst nach dem Winter wegschicken.“
„Gut, dann könnte mein Plan gelingen. Nächste Woche ist die große Drückjagd. Da werden einige Adelsmänner mit ihren Rittern aus der Umgebung hier sein. Die Jagd beginnt immer auf einer vorher festgelegten Route. Die Schützen stellen sich an bestimmten Punkten des Fernwechsels der Wildschweine auf und die Jäger treiben die Tiere mit den Hunden aus dem Unterholz. Diese rennen in Richtung Talaue. Ihr Weg ist kurz vor dem Weiher an der Merburg zu Ende. Bis dorthin müssen die Schützen so viele Tiere wie möglich erlegt haben. Ihr müsst Simon dazu überreden, dass er mit Euch noch vor den Jägern loszieht und ihn dann in Schussrichtung der Armbrustschützen positionieren.“
„Ich glaube, ich habe auch schon einen guten Einfall. Es ist seine allererste Jagd, an der er teilnehmen darf. Ich werde ihn dazu überreden, dass er aus der Waffenkammer einen Sauzahn entwendet. Dann soll er sich mit diesem Speer vor dem Weiher im Gebüsch verstecken. Wenn dann der Rest der Rotte angestürmt kommt, muss er probieren, ein Schwein von Hand zu erledigen.“
„Das ist wirklich ein ausgezeichneter Einfall! Er wird genau in der Ziellinie stehen und ich kann ihn von einem der großen Felsen am Weiher aus erwischen! “
„Aber wird Simon da mitspielen?“
„Ich denke schon. Sagt ihm einfach, was das für einen Ruhm für ihn bedeuten würde, wenn er bei seiner ersten Jagd ein Tier mit einem Sauzahn aus nächster Nähe erlegt, während die anderen sich nur mit Pfeil und Bogen trauen!“
„Da hast du recht! Aber was ist mit den Pfeilen? Diese werden doch für alle Teilnehmer mit unterschiedlichen Kerben und Farben gekennzeichnet, damit man den „König der Jagd“ mit den meisten Treffern ermitteln kann. Wird man uns so nicht als Täter entlarven?“
„Ich nehme mir heimlich von einem fremden Ritter drei Pfeile und benutze diese. Dann wird es so aussehen, als hätte dieser Simon getroffen.“
„Ich muss in den nächsten Tagen besonders nett zu ihm sein, damit er mir vertraut und auf mich hört.“
„Und wenn die ganze Sache vorbei ist, müsst Ihr Euch bei Eurer Tante einschmeicheln.“
„Das wird mir nicht leicht fallen, aber lasst uns morgen zuerst einmal die Jagdroute abgehen und zeige mir die Stelle, an der Simon warten soll. Du kannst dich nun zurückziehen, wenn ich erst einmal Graf von Homburg bin, zeige ich mich erkenntlich.“
Jakob verließ das Zimmer. Walther legte seine Gewänder ab und hängte sie über einen Ständer. Er zog sich ein wollenes Nachtgewand über, löschte die Kerze und legte sich nieder.
Obwohl es erst November war, war es schon bitterkalt. Wenn diese Sache endlich geregelt wäre, sollte Jakob ihm eine Magd aus dem Dorf besorgen, die ihm die Nächte versüßen sollte. Er hatte schon lange keine Frau mehr gehabt und eine Frau von der Burg konnte er sich nicht nehmen, weil weder Philipp noch Margareta das dulden würden. Aber die Zeit würde kommen, in der er keine Rücksicht mehr nehmen müsste!
Kapitel 2
Margareta erwachte in den frühen Morgenstunden. Draußen war es noch dunkel, doch sie konnte nicht mehr einschlafen. Vorsichtig schlich sie sich aus dem Bett, um ihren Gatten nicht aufzuwecken. Sie ging in das Ankleidezimmer, wo auf der Anrichte bereits frisches Wasser stand und wusch sich ein wenig ab. Die Gräfin betrachtete sich im Spiegel; trotz ihrer dreiunddreißig Jahre sah sie immer noch jung und frisch aus. Der einzige Makel war ein lindenblattförmiges, braunes Mal unter ihrem linken Schlüsselbein. Philipp sagte immer es wäre wie ein Siegel, an dem er sie jederzeit erkennen könnte. Schon ihre Mutter zierte ein solches Mal, ihr Sohn Simon hingegen hatte es nicht geerbt. Im Sommer trug sie immer einen dünnen Schal, der die Stelle verbarg. Sie rief nach ihrer Zofe. Eine junge Frau mit braunen Haaren, in das schlichte braungraue Gewand der Dienerschaft gekleidet, kam herbeigeeilt.
„Guten Morgen Herrin, habt Ihr gut geschlafen?“
Die Zofe half Margareta in ein dickes blaues Wollkleid.
„Nehmt Platz, ich mache Euch die Haare.“
Margareta setze sich auf einen Schemel und ließ sich die Haare kämmen und flechten.
„Hast du gesehen, Grete, ob die Herrschaften aus Zweibrücken schon aufgestanden sind? Sie wollten zeitig aufbrechen.“
„Der Herr und die Dame haben sich schon angekleidet und packen gerade ihre Sachen zusammen, Herrin.“
„Das ist gut, dann können wir uns bei der Morgenmahlzeit noch verabschieden.“
Die Zofe steckte die Zöpfe der Gräfin hoch und setzte ihr eine weiße Haube auf. Dann legte sie ihr einen weißen gestrickten Schal um den Hals.
„Heute Morgen kommt ein Tuchhändler hoch zur Burg. Er will mir seine Stoffe zeigen. Für den Winter können wir noch einiges gebrauchen, damit wir neue Kleidung stricken und nähen können. Simon hat einen ordentlichen Schuss gemacht, er braucht unbedingt noch ein paar neue Sachen.“
„Das werden sich die Edelfrauen bestimmt auch ansehen wollen.“
Mittlerweile war Philipp ebenfalls erwacht. Sein Kammerdiener half ihm beim Ankleiden, dann trat er auf Margareta zu und küsste sie. Er liebte seine Frau sehr. Margareta war Philipps zweite Gemahlin, seine erste Frau Cornelia war im Kindbett zusammen mit ihrer Tochter gestorben. Lange kam er nicht über diesen Verlust hinweg. Doch dann heiratete er vor fünfzehn Jahren die damals achtzehnjährige Margareta von Ochsenstein. Es dauerte eine Weile, bis er das Vertrauen der jungen Frau gewonnen hatte, doch mit den Jahren wurden sie ein wirklich glückliches Paar. Leider hatte Gott ihnen nur ein Kind geschenkt.
Sie begaben sich gemeinsam auf den Weg zu der kleinen sechseckigen Kapelle, die sich südlich des Palas auf der Unterburg befand. Der Innenraum war weiß gekalkt, das Fenster auf der Ostseite hatte hübsche bunte Glasscheiben und davor befand sich ein kleiner Altar mit einem goldenen Kreuz. An der Westwand stand ein Weihwasserbecken. Beim Eintreten bekreuzigten sie sich. Bruder Hubertus wartete bereits und begann gleich mit der Morgenandacht. Nach deren Beendigung gingen sie in den Rittersaal.
Das Auftragen der Morgenmahlzeit war bereits in vollem Gange. Auch die Zweibrücker kamen gerade herunter.
„Guten Morgen. Ich hoffe, ihr habt gut geschlafen.“
„Ja, danke. Guten Morgen.“
„Es ist schade, dass ihr nicht noch ein paar Tage länger bleiben könnt. Die Jagd und das anschließende Festmahl hätten euch bestimmt gefallen.“
„Das tut uns auch leid, aber Karl muss zurück zu Graf Walram.“
Die Pagen hatten nur zwei Tische gedeckt. Das Gesinde speiste morgens in der Küche und im Gesindehaus und aß dort auch eine Kleinigkeit zu Mittag. Nur abends wurde ein gemeinsames Mahl im großen Rittersaal abgehalten. Sie stellten nun frischgebackenes Brot, Butter, Käse und Äpfel auf den Tisch und reichten dazu Milch und verdünnten Wein.
Nach dem Essen erhoben sich die Gäste und verabschiedeten sich von Margareta und Philipp.
„Richtet Simon noch Grüße von uns aus. Wir freuen uns auf ihn. Hoffentlich sehen wir uns bald wieder.“
„Das hoffen wir auch, kommt gut heim, auf Wiedersehen!“
Die Zweibrücker begaben sich zu ihren Gefolgsleuten und brachen auf.
Margareta nahm sich einen Apfel. Sie hatte gehofft Simon an der Tafel zu treffen, um ein paar Worte mit ihm zu wechseln, doch dieser schlief noch, genauso wie die anderen Ritter. Nachdem sie den Apfel gegessen hatte, wandte sie sich an Philipp: „Ich gebe Johanna noch ein paar Anweisungen, was sie alles im Tal besorgen soll. Gleich kommt der Tuchhändler mit seinen Stoffen.“
„Ich lass dem Fuhrmann sagen, dass er den Zweispänner für die Hauswirtschafterin richtet.“
„Danke, ich gebe ihr Bescheid.“
Sie erhob sich und verließ ebenfalls den Saal. Dann trat sie auf den Hof. Es dämmerte gerade und Margaretas Blick wanderte über die Burganlage, die immer mehr zum Leben erwachte. Sie bestand aus einer Oberburg, die auf einem Felsplateau errichtet worden war, und einer Unterburg, die sich ein Stück tiefer, um den Felsen herum gruppierte. Auf dem Plateau befand sich der schmale, lange Palas mit den Gemächern von Simon, Walther, Bruder Hubertus und den Rittern. Auch Gäste wurden dort untergebracht und es gab einen Baderaum. Knappen und Pagen schliefen im Dachgeschoss. An den Palas schloss sich im Westen ein breiterer Bau an, in dem sich im Erdgeschoss der Rittersaal und im Obergeschoss die Kemenate der Grafenfamilie sowie Margaretas privates Gemach befanden.
Ein weiteres Gemach stand leer. Es gehörte Philipps Halbbruder, Ludwig von Saarwerden. Dieser war der Sohn von Philipps Vater Friedrich II. und seiner ersten Frau, die kurz nach dessen Geburt verstarb. Ludwig kämpfte 1278 für König Rudolf von Habsburg in der Schlacht von Dürnkrut. Er war einer von sechzig Rittern, die in der Schlacht unter Führung von Ulrich von Kapellen auf dem Marchfeld die entscheidende Wendung brachten. Die Mannen Ottokars von Böhmen wurden in die Flucht geschlagen, obwohl diese zahlenmäßig überlegen waren, und König Rudolf konnte seinen Thron behaupten. Wie viele, die sich in der Schlacht besonders hervorgetan hatten, erhielt auch Ludwig eine Lehensburg in Österreich.
Nach der Schlacht zog er mit seiner Gemahlin Biella von Saarbrücken auf seine neue Burg. Er verzichtete auf alle Rechte an der Homburg.
Margareta überquerte den Oberhof, welcher durch eine Mauer mit Zinnen begrenzt wurde, und stieg die Treppe zur Unterburg hinunter. Dort befanden sich gleich an den Felsen angebaut Marstall und Küche. Gegenüber erhoben sich Gesindehaus und Schmiede, die an die nördliche Mauer angrenzten.
Östlich an das Felsplateau schloss der hohe Bergfried an, in dem sich das Turmgemach des Grafen befand und von dem aus man die ganze Gegend sowie die Via Regalis, die große Heerstraße, überblicken konnte. Auf der Turmspitze wehte eine Fahne mit dem Wappen der Grafen von Homburg – ein weißer Löwe auf blauem Grund – im Wind. An den Turm schlossen die Schildmauer und der tiefe Halsgraben an, welche die Bergnase nach Osten sicherten.
Im Süden vor der kleinen Kapelle befanden sich Keller und Waffenkammer. Im Westen lagen die Stallungen für die Hühner, Kühe und Schweine sowie ein Garten, in dem Gemüse und Kräuter angebaut wurden und ein paar Apfelbäume wuchsen. Dort war die Anlage nur von Palisaden begrenzt, da der anschließende Hang so steil war, dass man keine Mauer benötigte.
Auf dem Unterhof trotteten ein paar Jagdhunde. Nebel und Dunst stiegen von der Burg in Richtung Tal ab. Der Gestank nach Tieren, insbesondere Schweine, Mist und Rauch hing über dem Burghof.
Margareta schlang ihren Schal fester um sich und begab sich in die Küche, wo sie die Hauswirtschafterin Johanna antraf.
„Johanna, Fuhrmann Berthold fährt dich gleich hinunter ins Tal, damit du die Bestellungen für die Jagd aufgeben kannst.“
„Wie Ihr wünscht, Herrin.“
Johanna knickste und ging hinaus auf den Hof, wo bereits der Zweispänner wartete, und nahm auf dem kleinen Karren Platz. Die Pferde setzten sich in Bewegung. Sie fuhren durch das Burgtor, den Bergrücken entlang, bis sie zu dem steilen Weg gelangten, der den Berg hinunter Richtung Dorf führte. Berthold musste den Bremshebel ordentlich ziehen und die Pferde sehr langsam traben lassen, damit sie von dem Wagen nicht den Berg hinunter getrieben wurden. Auf dem Berghügel, der früher von einem Buchenmischwald umgeben war, wuchsen nur noch Gräser und Sträucher und ein paar vereinzelte Bäume. Die übrigen Bäume waren zahlreichen Rodungen zum Opfer gefallen.
Die kleine Siedlung erschien in ihrem Blickfeld. Um einen großen Platz, auf dem sich ein Brunnen befand, gruppierten sich mehrere Häuser. Nur das große Wirtshaus und das Haus des Steinmetzes waren aus Steinen gemauert. Schultheiß, Bäcker, Krämer und Wundarzt hatten strohgedeckte Fachwerkhäuser mit Steinsockel. Um diese besseren Häuser siedelten sich die einfachen Hütten der Burgmannen an, die, wenn sie nicht gerade für den Grafen arbeiteten, einfachen Handwerken, wie Drechseln, Weben, Töpfern oder Schuhe flicken nachgingen. Weiter unten, am Erbach, der munter dahin plätscherte, befand sich das Haus des Metzgers.
Drei Mägde standen an einem Brunnen und unterhielten sich. Neugierig blickten sie zu dem Zweispänner. Der Karren hielt schließlich vor dem Haus des Krämers. Berthold sprang herunter und half Johanna beim Absteigen. Diese klopfte sogleich an die Tür des Ladens und trat ein.
„Guten Morgen, Johanna.“
„Guten Morgen. Ich möchte ein paar Dinge für die Drückjagd bestellen. Die Sachen musst du für morgen richten. Berthold holt sie in der Frühe bei dir ab.“
„Dann sag mir, was ihr braucht.“
„Wir brauchen drei Krüge Honig, vier Fässer Wein, sechs Krüge Met und ein Fass Salzheringe.“
„Morgen früh steht alles bereit.“
Johanna verabschiedete sich von dem Krämer und fuhr mit Berthold weiter zu dem Bauernhof östlich des Ortes. Das Gebiet um die Homburg herum bestand hauptsächlich aus unfruchtbarem Bruch mit Schilfgräsern. Nur auf höher gelegenen Flächen war Ackerbau möglich.
Das Gehöft, welches schon von weitem zu sehen war, war ein Lehen der Burg und hieß Naunhof. Dort ließ sie ebenfalls Dinge für die Jagd richten, in erster Linie Gemüse wie Rüben, Karotten, Kohl, und Nüsse aber auch Schinken und ein Schwein zum Braten. Bei so vielen Gästen mussten zu den Lehnabgaben noch Dinge hinzugekauft werden.
Kurz vor Mittag kehrten Johanna und Berthold zurück.
In der Zwischenzeit war der Tuchhändler eingetroffen und Margareta und die Edelfrauen hatten sich die Stoffe angesehen.
Nach einigen Verhandlungen erwarben sie grünen, braunen, hellblauen, weißen und beigen Stoff und dazu noch Wolle und Garn. Nun würden die Frauen an den kalten Wintertagen eine Beschäftigung haben.
Margareta beschloss nach Simon zu sehen und machte sich auf den Weg zum Ritterübungsplatz, der sich östlich vor der Burg befand. Dort angekommen entdeckte sie ihn gleich. Simon war mit ein paar Rittern zu Gange. Auch Walther war dabei und machte eine scherzhafte Bemerkung zu seinem Vetter. Er wirkte nicht so verbittert wie sonst. Vielleicht würden die beiden doch noch Freunde werden. Aber ganz traute sie Walther nicht über den Weg. Er war so übellaunig und verschlossen. Man konnte es ihm nicht verdenken, bei allem, was er durchgemacht hatte. Trotzdem war sie froh, dass er nach dem Winter endlich ins Kloster gehen würde.
Als Simon sie erblickte, lächelte er kurz in ihre Richtung. Die Gräfin sah eine Weile bei den Übungen zu. Sie war sehr stolz, als sie sah, wie Simon so geschickt mit dem Schwert umgehen konnte.
Als sie zurück zur Burg ging, fragte sie in der Küche die Köchin, eine ältere, rundliche und gutmütige Frau namens Berta, wann das Essen fertig sei.
„Der Eintopf ist bald gar, werte Gräfin.“
Margareta stieg hinauf in den Bergfried zu Philipps Turmgemach, um ihn zum Essen abzuholen. Sie klopfte an und trat ein.
„Na, wie war dein Morgen?“
„Ganz gut. Habt ihr Stoffe herausgesucht?“
„Ja, ich kann Simon ganz neu einkleiden. Kommst du mit zum Essen?“
„Das ist ein guter Vorschlag.“
Im Rittersaal hatten sich Ritter und Knappen einschließlich Simon und Walther bereits eingefunden, als der Graf und die Gräfin eintraten. Das Training an der frischen Luft hatte sie hungrig gemacht. Sie unterhielten sich angeregt. Margareta nickte ihnen lächelnd zu. Sie nahmen am Kopfende der Tafel Platz und der Mönch sprach einen Segensspruch. Das Mahl wurde eröffnet. Die Pagen verteilten das Essen und schenkten Getränke aus. Die Ritter aßen begierig von dem warmen Eintopf und tranken verdünnten Wein dazu. Alle sprachen von der bevorstehenden Jagd und wie man es am besten anstellen sollte, „König der Jagd“ zu werden, denn dieser bekam nicht nur das beste Stück des Bratens, sondern auch noch ein Fass Wein. Auch Simon malte sich seine Chancen aus, was Philipp aber belächelte, weil er nicht glaubte, dass ein Vierzehnjähriger, der noch nicht einmal Knappe war, zu so etwas fähig sein sollte. Bei der Jagd waren sehr erfahrene Jäger zugegen.
Als das Mittagsmahl zu Ende war, beschloss Margareta sich mit den Edelfrauen der Burg in ihren privaten Gemächern zu treffen, um zu planen, was für die Jagd noch zu richten sei.
Sie gingen den ganzen Ablauf durch. Am Vortag der Jagd würden im Laufe des Nachmittags die Gäste eintreffen. Es kamen vier Grafen und höhere Herren zusammen mit ihren Gattinnen, Rittern und Gefolgsleuten. Abends würden sie dann gemeinsam speisen. Die Edelleute würden in den Gästekammern des Palas schlafen. Ritter und Gefolge müssten bei den Knappen auf dem Dachboden und im Gesindehaus untergebracht werden. Vielleicht müsste auch jemand im Wirtshaus übernachten. Das Mahl würde nicht zu lange dauern, da die Jagd vor Sonnenaufgang eröffnet werden sollte. Nach der Jagd würden die Tiere ausgenommen, Felle gehäutet und das Fleisch, welches für abends bestimmt war, gerichtet werden. Die Reste sollten zu Schinken, Wurst und Pökelfleisch verarbeitet werden. Einen Teil durften die Grafen mitnehmen, aber der größte Teil blieb auf der Homburg. Abends würde ein Festmahl abgehalten werden, auf dem der „König der Jagd“ gefeiert werden würde. Sie hatten sogar ein paar Gaukler bestellt, die für ausreichend Unterhaltung sorgen sollten. Am darauf folgenden Tag würde die Gesellschaft wieder aufbrechen.
Kapitel 3
Nach dem Essen ging Walther, auf seinen Stock gestützt, mit Jakob hinaus. Sie begaben sich auf den Weg in Richtung Burgtor. Kurz nach dem Tor kreuzte Ritter Thomas ihren Weg. „Wo wollt ihr denn hin?“
Walther und Jakob sahen sich kurz an und Walther antwortete: „Wir wollen nur in Richtung Naunhof gehen, dort soll eine Kräuterfrau sein, die vielleicht ein paar Kräuter gegen die Schmerzen in meinem Bein hat.“
„Ach so, und ich dachte schon, ihr wolltet euch die Jagdroute ansehen, weil ihr euch irgendwelche Hoffnungen macht!“
Thomas ging grinsend von dannen und Walther und Jakob nahmen den Weg über den Bergrücken und bogen dann in Richtung Südosten zum Wald ab.
„Zum Glück hat sich Thomas abschütteln lassen.“
„Ja, da hatten wir wirklich Glück! Heute Morgen hat auch alles hervorragend geklappt. Simon ist ganz verrückt danach, mit dem Sauzahn ein Tier zu erledigen. Ich habe ihn gefragt, ob er mit mir heimlich vorgehen wolle, damit wir uns an einer günstigen Stelle im Wald verstecken können, von der aus er ganz nah an die Wildschweine herankäme. Er war Feuer und Flamme und hat mich kein einziges Mal mehr „Krüppel“ genannt.“
Sie gingen ein gutes Stück des Weges in den dichten Buchenwald hinein, bis sie zu einer Schneise kamen.
„Hier versammelt sich die Jagdgesellschaft. Zuerst werden die Schützen losgeschickt, damit sie Position beziehen können. Dann machen sich die Treiber und die Hundeführer mit den Hunden auf den Weg. Sie treiben das Wild aus dem Unterholz von den Hängen ins Tal und dieses flüchtet über seinen Fernwechsel bis zu dem Teich im Wald. Unterwegs warten die Schützen und versuchen so viele Tiere wie möglich zu erwischen, aber es werden immer noch einige Tiere unten am Teich ankommen.“
Nach einer kurzen Pause, weil Walther mit seinem Bein nicht so gut laufen konnte, brachen sie auf, den Berg hinunter in Richtung Tal. Ein paar Hasen schreckten auf und flohen hakenschlagend.
„Die Hasen brauchen bei der Jagd keine Angst zu haben. Die Herren zielen nur auf Wildschweine, Rehe, Hirsche und Auerhähne.“
Sie durchquerten das Tal und der Wald wurde lichter.
„Dort vorne links sind die Felsen, auf denen ich warten werde, und Ihr müsst dort im Unterholz vor dem Hang mit Simon ausharren.“
„Die Pferde müssen wir hinter diesem Berg verstecken. Das müsste hoffentlich weit genug sein, dass sie nicht durchgehen, wenn die Treiber mit den Hunden kommen.“
„Lasst uns zurückgehen, Herr, nicht, dass uns Thomas noch vermisst.“
„Ich werde zum Übungsplatz gehen und mich um Simon kümmern.“
Sie machten sich auf den Rückweg. Bergauf war für Walther eine große Qual, Jakob stützte ihn ab, so gut er konnte. Zum Glück konnte er bei der Jagd ein Pferd benutzen.
Am Übungsplatz waren die Ritter und Knappen fleißig damit beschäftigt, mit Pfeil und Armbrust zu üben. Thomas kam zu ihnen herüber.
„Na, habt ihr eure Kräuter bekommen?“
„Leider nicht. Wir haben die Kräuterfrau nicht mehr angetroffen.“
Simon rief von Weitem: „Wo hast du nur gesteckt, hast wohl einen Mittagsschlaf gehalten? Komm und üb dich mit Pfeil und Bogen, damit du bei der Jagd auch einen Treffer landest! Jakob kann auch probieren!“
Walther und Jakob traten zu Simon und nahmen sich Pfeil und Armbrust. Knechte nahmen nicht an der Jagd teil, mussten sich aber trotzdem von Zeit zu Zeit an den Waffen üben, damit sie bei einem Angriff auch mithelfen konnten die Burg zu verteidigen.
Walther ließ Jakob den Vortritt. Dieser nahm die Armbrust und legte einen Pfeil ein. Er spannte die Sehne und zielte auf die Zielscheibe. Der Pfeil surrte los und traf genau ins Schwarze. Jakob war ein sehr guter Schütze. Die anderen sahen ihn bewundernd an.
„Das war großartig! Schade, dass du morgen bei der Jagd nicht schießen darfst! Du hättest gute Chancen, so manch einen Edelmann auszustechen.“
Als Nächster schoss Walther. Sein Pfeil verfehlte die Mitte um einige Fingerbreit.
„Du solltest lieber deinen Reitknecht schießen lassen“, erklang Simon. Jetzt bezog dieser Stellung und schoss in Richtung Ziel. Sein Pfeil verfehlte die Mitte um Daumenbreite.
„Das war zwar noch nicht perfekt, aber immerhin besser als bei Walther!“, lobte ein Ritter. Auch die anderen Ritter und Knappen schossen nun reih um, bis sich Philipp ihnen näherte.
„Na, lasst ihr euren Grafen auch mal für die Jagd üben, damit er nicht als Schlechtester abschneidet?“
Die Ritter ließen dem Grafen den Vortritt und sahen gespannt zu, wie dieser die Armbrust nahm und mit dem Pfeil die Sehne spannte. Er kniff die Augen zusammen, zielte und traf ebenfalls genau ins Schwarze.
„Da, seht her, hat das heute schon jemand von euch geschafft?“
„Ja, Walthers Knecht Jakob!“, antwortete Simon.
„Was, ein einfacher Knecht? Das müsst ihr mir erst einmal beweisen!“
Die Knappen schoben Jakob nach vorne und reichten ihm Pfeil und Armbrust. Dieser verzog leicht das Gesicht. Er setzte den Bogen an, zielte zuerst in die Mitte und zog dann die Armbrust unmerklich etwas zur Seite. Der Pfeil landete am äußeren Rand der Zielscheibe.
„Das dachte ich mir doch gleich, dass das ein Knecht nicht kann! Das war wohl ein Zufallstreffer gewesen!“
Jakob senkte die Armbrust und reichte sie einem Ritter. Er zog sich zurück. Walther schaute ihm nach. Philipp befahl den Knappen, die Waffen wieder in die Waffenkammer zu tragen und die Übungen somit zu beenden. Die Pagen, welche zugesehen hatten, sollten zur Küche gehen, um beim Auftragen des Abendmahls zu helfen.
Doch auf einmal erklang eine leise Musik und Geklapper, welches immer lauter wurde. Schnell eilten die Jungen und Männer dem Lärm entgegen.
Ein Page rief laut: “Die Gaukler kommen! Die Gaukler!“
Tatsächlich zog eine Gruppe von Gauklern den Weg hinauf. Die Musikanten und Sänger gingen zu Fuß und spielten Flöte und Laute und einer trommelte. Auf dem kleinen Wagen saßen ein paar Frauen, die in bunte, hübsche Gewänder gehüllt waren. Das klapprige Pferd wurde von einem großen, kräftigen Mann geführt, der nur ein Feuerschlucker sein konnte. Hinter dem Wagen trotteten ein paar Kinder, Ziegen und ein Hund.
Die Pagen und Burgkinder bildeten ein Spalier und der bunte Zug bewegte sich Richtung Burgtor, wo er zum Stehen kam.
„Wo ist der Herr dieser Burg?“, fragte der Feuerschlucker, welcher der Anführer zu sein schien.
Philipp trat hervor. „Seid gegrüßt, wir haben euch eigentlich erst morgen erwartet!“
„Wir sind einen Tag früher aufgebrochen, weil es sehr kalt zu werden schien. Wir hoffen, dass ihr uns schon heute Quartier gewähren könnt, werter Graf.“
Der Feuerschlucker senkte unterwürfig den Kopf.
„Ihr könnt eure Zelte hier neben dem Übungsplatz aufbauen. Ich werde in der Küche Bescheid geben lassen, dass man euch später etwas zu Essen bringt!“
„Vielen Dank, Herr!“
Die Gaukler führten ihren Wagen zur Seite und begannen gut gelaunt ihre Zelte aufzuschlagen. Sie hofften, dass sie auch nach der Jagd noch ein paar Tage hier verbringen konnten. Philipp schickte einen Pagen zur Köchin und brach mit den Rittern zum Essen auf. Im Saal saßen bereits Margareta, die Edelfrauen und Bruder Hubertus. Dieser segnete wie immer die Mahlzeit und alle langten eifrig zu.
„Könnten die Gaukler nach dem Essen nicht schon ein bisschen für Unterhaltung sorgen, wenn sie schon hier sind?“, fragte Margareta an Philipp gewandt.
„Warum nicht? Ich werde sie vom Haushofmeister rufen lassen, sie sollen aber nur musizieren und singen. Den Rest sollen sie sich für das große Fest aufheben.“
Philipp winkte Ulrich, den Haushofmeister, herbei und unterrichtete ihn.
Als das Essen abgeräumt wurde, betraten die Musikanten und Minnesänger die Empore. Bald schon ertönten abwechselnd lustige Volkslieder und traurige Balladen. Die Sänger erzählten in ihren Liedern von mutigen Rittern, hübschen Burgfräuleins, wilden Drachen und grausamen Herrschern. Margareta liebte die Musik, sie wiegte sich im Takt hin und her. Bald sang der ganze Saal mit.
Bruder Hubertus meinte später zu Philipp: „Lasst Eure Leute nicht zu lange feiern, Herr. Morgen wird ein anstrengender Tag für alle!“
Doch der Graf ließ sie noch eine Weile gewähren, bis er den Musikanten bedeutete aufzuhören. Ohne die musikalische Unterhaltung löste sich die Gesellschaft bald auf.
Kapitel 4
Am Vortag der Jagd musste vieles erledigt werden. Philipp schickte Fuhrmann Berthold zum Krämer und zum Bauer, um die bestellten Sachen abzuholen. Mit den Jägern hielt er eine kurze Besprechung ab.
Währenddessen traf sich Margareta in der Küche mit der Köchin und der Hauswirtschafterin.
„Als Erstes muss Brot gebacken werden, eine Magd soll im Hühnerstall Eier holen. Wenn Berthold mit den Sachen da ist, müssen diese in den Vorratsraum gebracht werden. Ich habe Honig und Nüsse bestellt. Äpfel sind noch genug da. Backt dann die Kuchen.“
„Was sollen wir für heute Abend vorbereiten, Herrin?“
„Für heute Abend braten wir das Schwein, welches wir vom Bauer bekommen. Die Knechte sollen ordentlich Holz herbeischaffen. Dann reichen wir Brot, Wein und Gemüse und Salzheringe für Bruder Hubertus.“
Bruder Hubertus hatte als Mönch ein Gelübde abgelegt, dass er kein Fleisch essen würde, das von Tieren stammte, die mehr als zwei Beine hatten.
„Morgen früh gibt es nur eine schnelle Vesper aus Brot, Butter, Käse und Eiern. Die Männer werden sich für den Mittag Brot und Schinken mitnehmen, für die Frauen bereitet ihr einen Eintopf.“
Die Köchin fuhr sich nervös mit der Hand an die Schläfe. Bei dem Gedanken an die viele Arbeit, die vor ihnen lag, schoss ihr die Röte ins Gesicht und das Herz schlug ihr bis zum Halse.
„Fehlt dir etwas?“, fragte Margareta.
„Nein, nein, ich wäre nur froh, wenn es schon morgen Abend wäre und wir alles hinter uns hätten. Ich habe so ein ungutes Gefühl, als ob irgendetwas schief gehen wird, Herrin.“
„Aber Berta, was soll denn schief gehen? Du hast doch schon so oft für so viele Leute gekocht! Trink mal einen Schluck Wasser, dann wird es dir gleich wieder besser gehen! Für abends nehmen übrigens die Männer zusammen mit dem Metzger das Wild aus. Ich hoffe, sie bringen es rechtzeitig, damit wir nicht zu spät essen. Dazu gibt es Gemüse, Brot, Äpfel in Honig mit Nüssen, Kuchen, Met und Wein. Hoffentlich schießen sie auch einen Vogel für Bruder Hubertus. Rufe die Mägde zusammen, Berta, damit ihr beginnen könnt.“
Margareta wandte sich der Hauswirtschafterin zu: „Johanna, du nimmst dir Grete, Bertram und ein paar Pagen und dann werdet ihr die Gästekammern im Palas für die Grafen herrichten. Anschließend seht nach, wie viele Personen ihr bei den Rittern und Bediensteten unterbringen könnt. Wir brauchen noch zwölf Plätze. Es wäre gut, wenn wir alle hier auf der Burg unterbringen könnten und niemand nach der Feier den steilen Weg hinunter zum Wirtshaus müsste.“
„Wenn alle ein wenig zusammenrücken, wird das schon gehen. Wir machen uns gleich an die Arbeit, Herrin“, entgegnete Johanna.
Margareta machte sich auf den Weg zum Rittersaal. Dort traf sie die Edelfrauen.
„Wir wollen den Saal schmücken, damit es noch festlicher wirkt, wenn die Gäste eintreffen.“
Die Frauen begaben sich an die Arbeit. Sie legten neue Tischdecken auf und verzierten die Tische mit bunten Blättern, Eicheln und Nüssen und stellten Kerzenhalter mit frischen Kerzen auf.
„Na, was haltet ihr von den Gauklern? Hat es euch gestern Abend gefallen?“
„Der Gesang war einfach vortrefflich! Es wäre schön, wenn sie über Winter bleiben könnten. Dann hätten wir jeden Tag Unterhaltung und der Winter würde schneller vorübergehen“, sagte Eleonore, die Frau des Ritters Theodorich.
„Die frechen Frauen würden unseren Männern ganz schön den Kopf verdrehen. Ich weiß nicht, ob ich das so gut finden würde, wenn mein Mann Rupert jeden Abend im Zelt dieser Dirnen verschwinden würde!“, entgegnete Mabilia, die mit ihren vierzig Jahren schon so manches mit ihrem Gatten erlebt hatte.
„Mal doch nicht den Teufel an die Wand! Die Gaukler werden ihre Frauen schon verteidigen.“
„Ich weiß nicht so recht, denen ist doch jedes Zubrot recht.“
„Ich denke, Philipp würde seine Ritter schon im Zaum halten, er weiß schließlich, was sich schickt“, beendete Margareta dieses Gespräch.
Als die Frauen mit ihrer Arbeit fertig waren, begab sich die Gräfin in ihre Gemächer, um dort noch ein paar Sachen zu erledigen.
Auf dem Burghof herrschte reges Treiben. Mägde liefen umher und trugen Dinge von einem Gebäude zum anderen. Knechte fegten den Hof. Das Schwein briet über dem Feuer und es roch nach frischgebackenem Brot. Die Hunde spürten die allgemeine Hektik und bellten aufgeregt.
Auf einmal rannte die Frau eines Gauklers wütend über den Burghof. Sie jagte einen Knecht vor sich her, der ihr nachgestellt hatte. So leicht waren die Gauklerfrauen also doch nicht zu haben. Der Haushofmeister gebot dem ganzen Einhalt: „Knecht, geh zurück zu deiner Arbeit und lass das Weib in Ruhe.“
Der junge Mann ging mit hochrotem Kopf zurück in die Stallungen und die Frau rückte sich erleichtert das Kleid zurecht und trottete von dannen.
Kurz nach Mittag trafen die Gäste ein. Graf Michael und Johann von Kirkel machten mit ihren Frauen Agatha und Sophie den Anfang. Man begrüßte sich herzlich. Die Fuhrwerke wurden bei den Pferdeställen abgestellt und die Bediensteten luden das Reisegepäck ab. Die Hauswirtschafterin und der Haushofmeister geleiteten sie in die Unterkünfte und zeigten ihnen, wo man sich frisch machen konnte. Dann kamen Graf Egbert und Gräfin Mathilde mit ihren Leuten. Als Letzter traf Graf Augustin ein. Seine Gattin war erkrankt und konnte daher leider nicht mitkommen. Der Burghof füllte sich mehr und mehr. Johanna hatte es geschafft, dass niemand hinunter ins Wirtshaus musste. Alle kamen auf der Burg unter.
Die Frauen begaben sich in die Gemächer der Gräfin. Die Grafen und Ritter beriefen zusammen mit den Jägern eine Jagdbesprechung im Rittersaal ein. Der Ablauf der Jagd wurde besprochen und der eine oder andere Becher Wein geleert. Schließlich kennzeichnete man die Pfeile aller Grafen und Ritter für die Ermittlung des „Königs der Jagd“. Achtzehn verschiedene Symbole und Farben waren notwendig. Bruder Hubertus trug diese in eine Liste ein und versah sie mit den zugehörigen Namen. Im Anschluss wurden Ausrüstungen und Pferde gerichtet.
Dann begab man sich zum Abendmahl, die Grafen nahmen mit ihren Frauen am Herrentisch Platz. Die Pagen servierten den Schweinebraten und alles lief so, wie es sich die Burgherrin vorgestellt hatte. Man erzählte, was man in der letzten Zeit erlebt hatte, genoss das Essen und hörte der Musik und dem Gesang der Gaukler zu, die wieder für eine ausgezeichnete Unterhaltung sorgten. Sophie, die junge Frau des Johann von Kirkel berichtete, dass sie ihr erstes Kind erwartete.
„Im Frühjahr wird es das Licht der Welt erblicken.“
„Das sind gute Nachrichten, Sophie! Ich freue mich für Euch. Philipp und ich wir hätten auch gerne noch ein Kind gehabt, aber es hat nicht sollen sein.“
„Ihr habt einen großen und prächtigen Jungen. Ihr könnt stolz darauf sein, einen Sohn wie Simon zu haben. Schon so manche Burg ist gewaltigen Erbstreitigkeiten zum Opfer gefallen, weil es keine männlichen Nachkommen gab.“
„Oder zu viele.“
„Das stimmt auch wieder. Bei Eurem Bruder ist es andersherum. Es gibt einen Erben, aber kein Erbe mehr“, sagte Graf Egbert und sah mitleidig zu Walther hinüber.
„Ja, das ist wirklich eine traurige Sache. Im Frühjahr wird Walther ins Kloster Wörschweiler gehen, dort wird er hoffentlich seinen Seelenfrieden finden.“
„Da wird es bei Euch richtig ruhig, wenn dann auch Simon nach Zweibrücken geht“, warf Mathilde ein.
„Oh ja, ich werde meinen Sohn sehr vermissen. Ich werde schon ganz wehmütig, wenn ich an den Abschied denke!“
Philipp fiel seiner Frau ins Wort: „Nicht jede Mutter hat das Glück ihr Kind so lange behalten zu dürfen, die meisten Pagen verlassen ihr Elternhaus schon mit sieben oder acht Jahren.“
„Du hast recht, aber es fällt mir trotzdem schwer.“
Als das Essen sich dem Ende zu neigte, steckte sich Jakob heimlich Brot und ein paar Bratenstücke unter seinen Kittel. Während noch alle feierten, schlich er sich unbemerkt hinaus. Auf dem Burghof sah er sich vorsichtig um, ein Knecht torkelte aus dem Rittersaal, er ging die Treppen hinunter und entleerte seine Blase. Dann schwankte er wieder zurück. Er hatte Jakob, der im Schatten des Bergfrieds stand, nicht bemerkt. Nachdem die Luft rein war, begab er sich zum Palas und stieg die Treppen hinauf bis zum Dachgeschoss. Er suchte nach der Bettstatt der Ritter des Grafen Egbert. Diese waren dafür berüchtigt sehr schnell zu reiten und immer bei den ersten und besten Jägern zu sein. An dem Wappen des Schildes, welches am Bettpfosten hing, erkannte er schließlich, dass er richtig war. Dann suchte er nach der Jagdausrüstung. Als er sie gefunden hatte, nahm er sich drei der Pfeile, die mit einem schwarzen Ring gekennzeichnet waren, und schlich sich wieder hinaus. Er begab sich ins Gesindehaus, richtete seine Sachen, füllte ein Trinkhorn mit Wasser und legte sich nieder. Morgen musste er als Erster aufbrechen, damit ihn niemand sah.
Jakob war nicht der Einzige, der das Mahl vorzeitig verließ. Auch Simon verabschiedete sich, kaum dass er mit dem Essen fertig war. Er gab vor, müde zu sein.
Simon schlich sich die Treppen von der Oberburg zur Unterburg hinunter und ging um das bebaute Felsplateau herum zum südlichen Hof, wo er zur Tür der Waffenkammer gelangte. Walther hatte ihm heimlich den Schlüssel besorgt. Er sperrte die Tür auf und trat ein. Im Innern zündete er eine Kerze an und sah sich um. An den Wänden hingen Langbögen, Armbrüste, Köcher mit Pfeilen, Schwerter, Lanzen, Speere, Streitäxte, Rüstungen, Helme und Kettenhemde. Simons Blick blieb an einem langen Speer hängen, der aus einem Holzstiel und einem etwa eine Elle langen, spitz zulaufenden Teil aus Eisen bestand, welches innen hohl war. Er nahm es von der Wand, holte ein Tuch unter seinem Umhang hervor und wickelte den Sauzahn darin ein. Dann löschte er die Kerze und machte sich mit vor Vorfreude leuchtenden Augen auf den Weg in seine Kammer, wo er die Waffe unter dem Bett versteckte und sich zur Ruhe legte, aber vor Aufregung kaum schlafen konnte.
Kapitel 5
Auch Jakob konnte kaum Schlaf finden. Aus Angst, dass er verschlafen könnte, sah er dauernd aus dem Fenster, um am Stand des Mondes abzuschätzen, wie spät es war. Schließlich stand er leise auf. Er zog einen Mantel über und wickelte sein Bündel, welches aus den Essensresten, dem Trinkhorn und den Pfeilen bestand, in zwei warme Decken und schnürte sich das Ganze auf den Rücken. Dann holte er seine Armbrust, die er neben seiner Lagerstatt versteckt hielt, und hängte sie sich an einem Band über die Schulter.
Jakob verließ auf Zehenspitzen das Gesindehaus. Er konnte die Burg nicht durch das Haupttor verlassen, weil ihn die Wachen sonst bemerkt hätten. Deshalb schlich er hinter den Ställen, wo zum Glück noch alles ruhig war, zu einer kleinen Pforte zwischen den Palisaden, die im Belagerungsfall als Fluchtweg dienen konnte. Es ging von dort aus steil bergab und er schlitterte fast hinunter. Um auf den Weg zum Wald zu gelangen, musste er sich in östliche Richtung seitlich an der Bergnase entlang hoch bewegen, bis er nach dem Burggraben wieder auf den Bergrücken klettern konnte.
Er blieb im Schatten eines Busches stehen und blickte vorsichtig hoch. Der Weg lag in Blickrichtung der Wachen. Diese liefen von Zeit zu Zeit über den gewaltigen Wehrgang, um sicherzustellen, dass sich keine ungebetenen Gäste näherten. Als er gerade los wollte, entdeckte er einen der Männer und musste in seiner Position verharren. Der Wachposten ging langsam bis zum äußersten Ende der Anlage und spähte über den Übungsplatz in Richtung Wald. Er blieb eine Weile stehen, bis er seinen Gang fortsetzte.
Als Jakob sich gerade erheben wollte, drehte sich der Wachmann noch einmal um. Jakob hielt die Luft an und blieb wie erstarrt stehen, doch der Wachmann sah ihn nicht und wandte sich wieder um. Jakob wartete einen Moment, dann rannte er schnell los.
Nach kurzer Zeit erreichte er den Wald. Er kletterte durchs Unterholz, wo er nur langsam vorankam. Dornen stachen ihm durch die Kleidung ins Fleisch. Er riss sich seine Hosen leicht auf. Die Strecke bis zu den Felsen kam ihm in der Dunkelheit sehr lange vor. Hoffentlich hatte er sich nicht verlaufen. Er musste sich näher am Weg halten. Zum Glück schien der Mond, sodass er die Wege daran erkennen konnte, dass er ein dumpfes Licht sah, wenn er zum Himmel aufblickte.
Als er den Weg gefunden hatte, beschloss er auf diesem zu bleiben. Es dauerte nicht mehr lange, bis er den großen Felsen erreichte. Vorsichtig, damit er nicht abrutschte, kletterte er hinauf. Oben angekommen legte er eine Decke auf den Boden und machte es sich darauf bequem. Mit der zweiten Decke, die er mit Blättern tarnte, deckte er sich selbst zu. Pfeil und Bogen legte er in Position. So musste er nun warten, bis die Jagdgesellschaft eintraf. Falls er einschlafen würde, würde er sicher von dem Bellen der Hunde und den Rufen der Jäger rechtzeitig geweckt werden.
Zur gleichen Zeit, als Jakob noch durch den Wald irrte, wurde Simon von Walther geweckt.
„Wach auf Simon! Guten Morgen!“
Er rüttelte Simon an den Schultern. Dieser kam nur langsam zu sich.
„Was ist denn los Walther, müssen wir wirklich schon aufstehen?“
„Komm schon, du weißt doch, warum wir so früh raus müssen und mach nicht einen solchen Lärm. Es muss keiner mitkriegen, was wir vorhaben!“
Simon schlüpfte aus dem Bett und zog schnell seine Jagdkleidung über. Er packte den Sauzahn, den er, wie Walther ihm geraten hatte, unter seiner Schlafstatt versteckt hatte. Die beiden gingen über den Hof zu den Pferdeställen und sattelten zwei Pferde. Simon nahm sich seinen schwarzen Hengst und Walther nahm mit einer älteren gemächlichen Stute vorlieb, die er öfters zum Ausreiten benutzte. Die Stute würde ihn gewiss nicht abwerfen und ließ sich bei der Jagd sicher gut im Wald verstecken.
Sie warteten, bis die Wache sich auf den Weg zum Bergfried machte, um die ganze Gegend zu überblicken. Dann führten sie die Pferde zum Burgtor, öffneten es vorsichtig und brachten die Tiere zu dem großen Busch auf dem Übungsplatz, banden sie an und befestigten ihre Waffen an den Satteltaschen.
„Lasst uns zum Morgenmahl gehen, damit niemand etwas merkt.“
„Ich bin gespannt, ob ich es wirklich schaffen kann, ein Tier mit dem Sauzahn zu erledigen! Das war wirklich ein guter Plan, Walther. Ich hätte dir so etwas gar nicht zu getraut. Danke, dass du mich mitnimmst, obwohl ich in letzter Zeit nicht gerade nett zu dir war.“
„Ist schon gut, Simon! Außer dir wäre wohl niemand so verrückt, mir zu folgen!“
Walther lachte innerlich schallend, wenn Simon nur wüsste, wie das Ganze enden würde!
Er stützte sich auf seinen Gehstock und so gingen die beiden zurück in die Burg und begaben sich zum Rittersaal. Langsam erwachte der Burghof. Ritter, Jäger und Grafen ließen sich blicken, Knechte, Mägde und Pagen eilten herum und trafen Vorbereitungen für die kleine Morgenmahlzeit und die Jagd.
Im Rittersaal waren Walther und Simon die Ersten.
„Lass uns schnell etwas essen und dann verschwinden. Wir nehmen uns noch Proviant mit.“
Graf Philipp erschien ebenfalls.
„Guten Morgen Simon, du bist wohl schon ganz in Jagdstimmung und ich dachte schon, du würdest verschlafen.“
„Guten Morgen, Vater, ich muss noch ein paar Vorbereitungen treffen, Walther hilft mir dabei. Wir müssen leider schon aufbrechen, bestell Mutter liebe Grüße von mir.“
Simon und Walther erhoben sich; bevor Philipp noch etwas entgegnen konnte, trat Graf Augustin zu ihm und verwickelte ihn in ein Gespräch. So konnte er den beiden nur erstaunt nachsehen. Was die wohl jetzt noch erledigen mussten? Es waren doch schon alle Vorbereitungen getroffen.
Die beiden Vettern indes gingen wieder durch das Tor und winkten der Wache munter zu. Niemand konnte sie noch aufhalten. Sie nahmen ihre Pferde und ritten gemächlich den Weg zum Wald und folgten der Jagdroute. Da sie von Anfang an den breiten Weg benutzten, hatten sie nicht solche Probleme wie Jakob. Sie kamen gut voran und umrundeten schließlich den großen Felsen. Kurz darauf erreichten sie das Gebüsch, wo sie warten würden.
„Ich steige hier ab. Du führst die Pferde über den Hang dort drüben und bindest sie an. Dann kommst du wieder zu mir, es wird nicht mehr lange dauern, bis die Jäger kommen“, sagte Walther.
„Ich werde mich beeilen“, entgegnete Simon und brachte die beiden Pferde weg. Walther spähte zum Felsen hinüber, er kniff die Augen zusammen, doch er konnte nichts erkennen. Hoffentlich war Jakob da. Nervös kaute Walther auf seiner Unterlippe. Es dauerte eine Weile, bis Simon zurückkam.
Dieser kauerte sich gespannt neben Walther.
„Ich hoffe, es geht gleich los und es klappt, damit sich der ganze Aufwand auch gelohnt hat. Ich bin auf Vaters Blick gespannt, wenn er sieht, wie mutig ich bin!“
Gemeinsam warteten sie auf die Jäger.
Währenddessen hatte sich im Burghof die Jagdgesellschaft versammelt. Die Ritter, Grafen und Knappen saßen mit Pfeil und Armbrust bewaffnet auf ihren Pferden, die Taschen voll Proviant. Die Jäger trugen Lanzen und standen mit ihren Hunden bereit. Margareta sah durch die Reihen der Männer und versuchte Simon ausfindig zu machen, doch sie sah ihn nirgends. Sie wollte ihm noch Glück wünschen. Auch Philipp hielt nach ihm Ausschau. Wo mochte Simon nur bleiben? Sie konnten nicht länger warten, gleich würde es dämmern.
„Lasst uns losziehen bis zur Schneise!“, befahl Philipp und der Zug aus Edelmännern, Jägern und Hunden setzte sich in Bewegung. Die Hunde waren noch angeleint und zerrten ihre Herren aufgeregt hinter sich her. Sie versuchten, mit der Nase dicht am Boden die Witterung der Tiere aufzunehmen. Von Zeit zu Zeit war ein aufgeregtes Winseln zu hören. Die Reiter trabten mit ein wenig Abstand hinter den Jägern her. Als sie den Wald erreichten, dauerte es nicht mehr lange, bis sie zu der Schneise kamen, wo sie sich um Philipp versammelten.
Bruder Hubertus, der neben dem Grafen stand, sprach seinen Segen für die Jagd aus.
Dann ergriff Philipp das Wort: „Grafen, Ritter, Knappen und Jäger! Hiermit eröffne ich die Jagd! Möge derjenige mit den meisten Treffern gewinnen! Jäger los und Weidmannsheil!“
„Weidmannsdank!“, antworteten die Männer und bliesen in die Jagdhörner. Im gleichen Moment begann es zu dämmern und die Schützen machten sich auf den Weg zu ihren Positionen entlang des Fernwechsels.
Die Treiber und Hundeführer gingen langsam mit den laut bellenden Hunden los. Es dauerte nicht lange, bis die Hunde die ersten Tiere aufspürten. Von Kleintieren wie Hasen und Kaninchen wurden sie gleich wieder weggezerrt. Die Edelleute waren hinter Schwarzwild her. Ein Auerhahn wäre auch annehmbar.
Die Hunde nahmen die Fährte einer Wildschweinrotte auf und trieben die Tiere aus ihrem Einstand im Unterholz. Die Rotte, die aus fast zwanzig Tieren bestand, machte sich wütend auf den Weg durch den Wald. Die laut bellenden Hunde und lärmenden Jäger trieben die Wildschweine immer weiter. Ein Hund verbiss sich sogar im Fell eines Keilers und dieser rannte mit dem Hund im Schlepptau mit großer Geschwindigkeit weg. Die Schützen warteten bereits. Es war an der Zeit, dass man die Hunde bremste, damit sie nicht von den Pfeilen der Schützen getroffen wurden. Aus diesem Grund hatten früher die Grafen von Homburg mit einem Sauzahn gejagt, doch da dies sehr riskant für die Jäger war und so mancher einem wilden Keiler zum Opfer gefallen war, hatte man sich dazu entschlossen, lieber mit der Armbrust zu jagen.
Derweil lag Jakob in seine Decken gehüllt auf dem Felsen. Es fror ihn und die Knochen taten ihm weh. Er hatte von dem Brot und dem Braten gegessen und einen Schluck aus seinem Trinkhorn genommen. Da es nun hell war, konnte er bis zu den Büschen sehen, wo Walther und Simon warteten. Er hatte Simons Rücken genau im Visier. Von Zeit zu Zeit nahm er seinen Bogen und zielte auf Simon. Wenn nur schon alles vorbei wäre und er endlich seine unbequeme Stellung aufgeben könnte. Er hatte mehrere Äste so drapiert, dass ihn von der Jagdgesellschaft niemand sehen konnte, sogar dann nicht, wenn er sich ein wenig aufrichten würde, um besser mit zielen zu können. Sein Arm begann zu kribbeln, er machte sich Sorgen, dass die drei Pfeile, die er dabei hatte, nicht reichen würden. Hoffentlich ging kein Schuss daneben. Er musste seinem Herrn unbedingt diesen Gefallen tun, denn was würde aus ihm werden, wenn Walther ins Kloster müsste? An Walthers Seite, mit ihm als zukünftigem Grafen von Homburg, müsste er sich nie mehr um seine Zukunft Sorgen machen. Er wäre engster Vertrauter eines Grafen und könnte tun und lassen, was er wollte.
Jakob drehte den Kopf. Er hörte die Jäger näher kommen und bezog Position mit eingelegtem und gespanntem Pfeil und nahm Simon ins Visier.
Walther und Simon hielten sich ebenfalls bereit und duckten sich in den Büschen, damit die Jäger sie nicht sahen. Nun kamen die ersten Wildschweine um den Felsen geschossen. Hunde und Jäger hetzten hinter ihnen her. Sie stürzten ins Tal und Simon nahm den Sauzahn in die rechte Hand hob ihn hoch und stürmte los. Vor dem Teich wurde die Flucht der Tiere, die noch übrig waren, jäh gebremst.
„Schnell, Simon versuch eins zu treffen! Beeil dich!“, feuerte Walther seinen Vetter an und bewegte sich selbst gleichzeitig weiter nach links Richtung Hang, wo er hinkend im Unterholz verschwand. Simon hetzte mit angespanntem Blick auf einen Keiler zu und ließ den Sauzahn auf das Tier nieder krachen, als gerade die ersten Ritter um den Berg kamen, um die letzten Tiere zu erlegen. Doch da traf Simon ein Pfeil und durchbohrte die linke Seite seines Rückens. Simon zuckte zusammen und sank mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Boden.
Es dauerte einen Moment, bis die Männer die Situation richtig erfassten und sahen, dass einer der ihren niedergeschossen worden war und mit einem Pfeil im Rücken auf der Erde lag.
Graf Augustin zügelte sein Pferd und stieg ab. Er beugte sich zu dem Mann hinunter und drehte ihn zur Seite. Mit Entsetzen erkannte er den Sohn des Grafen. Er berührte seinen Hals, um zu fühlen, ob sein Herz noch schlug.
„Oh Gott, Simon ist tot! Der Sohn des Grafen wurde von einem Jagdpfeil getroffen!“
Die Neuigkeit ging wie ein Lauffeuer durch die Reihen der Männer, die bestürzt innehielten und keinen Gedanken mehr an das Wild verschwendeten.
Graf Philipp näherte sich bestürzt der Stelle, an der sein Sohn lag. Er konnte einfach nicht glauben, was er da sah. Sein einziger Sohn lag am Boden mit einem Pfeil im Rücken! Sein Blut tränkte den Waldboden und alles Leben war aus ihm gewichen. Philipp wurde ganz blass; er sah von einem Augenblick zum anderen um Jahre gealtert aus.
„Brecht die Jagd ab!“, befahl Philipp niedergeschlagen. Er stieg vom Pferd und beugte sich zu Simon hinunter. Er zog den Pfeil aus seinem Rücken und drehte ihn herum. Eine Träne lief ihm über die Wange und er schloss die Augen seines Sohnes. Philipp sah sich um und entdeckte wenige Meter weiter den Keiler mit dem Sauzahn und konnte eins und eins zusammenzählen. Mithilfe Augustins lud er Simon auf sein Pferd. Er steckte den Pfeil in die Satteltasche und nahm die Zügel des Pferdes, um seinen Sohn nach Hause zu geleiten. Die Edelleute stiegen ebenfalls von ihren Pferden ab und schlossen sich mit ernsten und traurigen Mienen dem Grafen an. Den Jägern gab man den Befehl mithilfe des Fuhrmanns die bereits erlegten Tiere einzusammeln und zur Burg zu bringen.
Als der Zug der Edelleute mit Philipp an der Spitze in der Burg ankam, hielten die zurückgebliebenen erstaunt inne. Margareta, die gerade mit Sophie und Agatha auf dem Weg zum Rittersaal war, sah erstaunt hinüber. Was machten die Jäger schon hier? Warum ritten sie nicht und warum sagte keiner ein Wort? Von einer bösen Vorahnung erfasst rannte Margareta über den Burghof und sah, dass einer der Männer über Philipps Pferd lag. Sie trat näher und erkannte entsetzt die Kleidung ihres Sohnes.
„Was ist passiert? Ist er etwa tot?“, fragte sie fassungslos. Sie sah nur Philipps sprachlosen Blick und sein kreideweißes Antlitz und stürzte sich auf Simon. Sie schlang ihre Arme um ihren Sohn und begann laut zu schluchzen.
„Was ist nur passiert?“
Philipp trat zu Margareta und zog sie von dem Leichnam weg. Er drückte sie an sich.
„Es war wohl ein Unfall. Simon wurde bei der Jagd von einem Pfeil in den Rücken getroffen.“
Die Edelleute verharrten in betretenem Schweigen.
Kapitel 6
Es war ein grauer, trister und kalter Novembertag, als sich der Trauerzug langsam den Berg hoch zum Kloster Wörschweiler bewegte. Er wurde vom Abt des Klosters angeführt, der die Trauergesellschaft zusammen mit seinen Mönchen am Fuße des Klosterberges in Empfang genommen hatte. Hinter ihm folgte der Chor der Mönche, der Psalme und Responsorien erklingen ließ. Sie führten Prozessionskreuze und Fahnen mit sich und schwenkten Weihrauchgefäße und Rauchpfannen. Dann folgten die Sargträger, welche zu sechst die Totenbahre mit dem Sohn des Grafen trugen. Philipp und Margareta führten die Trauergäste an, die zahlreich zur Beerdigung ihres Sohnes erschienen waren.
Margareta ging wie in Trance auf Philipp gestützt und nahm die Welt durch ihren Schleier aus Tränen kaum war. Als vor wenigen Tagen Philipp mit ihrem toten Sohn nach Hause kam, war für sie eine Welt zusammengebrochen. Ihr einziges Kind, der Erbe der Burg – tot! Sie konnte es immer noch nicht fassen.
Nach dem Unfall hatte man Simons Leichnam in seine Kammer gebracht und aufs Bett gelegt. Grete und Johanna zogen ihm die schmutzige Jagduniform aus, wuschen ihn und legten ihm ein Leinenhemd an.
Bruder Hubertus betete für die Seele des Toten. Da dieser ohne Letzte Ölung und ohne den Segen des Herrn gegangen war, waren besonders viele Gebete notwendig, damit seine Seele in das Himmelreich aufsteigen konnte.
Philipp ließ einen Boten zum Kloster Wörschweiler schicken, damit man Abt Stephanus verständigte, denn er wollte, dass dieser seinen Sohn in der Klosterkirche beerdigte.
Da Gräfin Margareta von ihrer Trauer wie gelähmt war, regelten Haushofmeister Ulrich und Johanna alles Weitere.
Man meldete den Vorfall dem Schultheiß, der noch am gleichen Tage auf die Burg kam. Philipp schilderte ihm den Vorgang und reichte ihm den Pfeil, den Simon getroffen hatte. Mithilfe der Liste von Bruder Hubertus ermittelten sie, dass der Pfeil, welcher mit einem schwarzen Ring gekennzeichnet war, von Ritter Gerald, einem Gefolgsmann des Grafen Egbert stammte. Die Grafen konnten bezeugen, dass Gerald bei denen war, die auf die letzten Tiere kurz vorm Teich geschossen hatten. Gerald wurde vor den Schultheiß zitiert.
„Ritter Gerald, Euer Pfeil hat den jungen Herrn getroffen, ist das richtig?“
„Ja, Schultheiß, es scheint so.“
„Als Ihr geschossen habt, habt Ihr da nicht gesehen, dass ein Mann in Schussrichtung gestanden hat?“
„Nein, ich habe nur auf die Wildschweine geachtet und habe gar niemanden gesehen. Es ist mir ein Rätsel, wie ich Simon treffen konnte.“
„Aber du musst doch irgendetwas bemerkt haben?“, meldete sich der Graf.
„Nein, ich habe geschossen und plötzlich lag Simon da. Ich weiß gar nicht, ob es auch genau die Richtung war, in die ich gezielt habe.“
„Willst du etwa abstreiten, dass dein Pfeil Simon getroffen hat?“
„Nein, ich kann es nur nicht begreifen!“
Man befragte die anderen, doch niemand hatte genau gesehen, wie es sich zu getragen hatte.
Graf Philipp ließ nach Walther rufen.
„Wo bist du so früh mit Simon vor der Jagd hin und wo wart ihr, als es losging? Ich habe euch gar nicht mehr gesehen.“
„Simon hatte sich in den Kopf gesetzt, dass er unbedingt ein Wildschwein mit dem Sauzahn erledigen wollte, weil er bei seiner ersten Jagd als Held dastehen wollte. Ich habe versucht ihn davon zu überzeugen, dass das viel zu gefährlich sei, aber es war unmöglich. Er hat sich einfach nicht davon abhalten lassen und deshalb sind wir schon vor euch aufgebrochen und haben am Weiher gewartet.“
„Warum hast du mich nicht verständigt? Ich hätte ihn gezwungen es nicht zu tun!“, brauste Philipp auf.
„Ich wollte ihn nicht verärgern, weil wir gerade erst Freunde geworden waren“, erklärte Walther und senkte den Kopf.
„Aber warum bist du überhaupt mit ihm gegangen?“
„Ich dachte, wenn ich dabei wäre, könnte ich ein wenig auf ihn achtgeben.“
„Mit deinem Bein?“
„Manchmal vergesse ich, dass es nicht mehr so geht wie früher.“
„Warum warst du dann nicht neben Simon, als er getroffen wurde? Man hat von dir nichts gesehen.“
„Als ich gemerkt habe, dass ich Simon nicht zur Vernunft bringen kann, habe ich mich zurückgezogen, um rechtzeitig aus der Laufrichtung des Wildes zukommen.“
„Du hättest ihm wenigstens Deckung geben können!“
Philipp, der immer auf Simons Heldenmut stolz gewesen war, glaubte nun zu wissen, wie sich alles ereignet hatte. Er besprach sich mit dem Schultheiß. Auch wenn Ritter Gerald nicht vorsätzlich gehandelt hatte, sollte er trotzdem eine Strafe für die Tötung des Grafensohnes bekommen. Der Schultheiß verurteilte Ritter Gerald zu einer Bußzahlung von zwanzig Schilling.
Gerald musste schlucken. Da musste ihm wohl Graf Egbert unter die Arme greifen, damit er diese Summe aufbringen konnte.
Philipp beendete das Verhör und zog sich zurück. Hätte Walther ihm doch nur Bescheid gesagt! Wenn er gewusst hätte, dass am Weiher jemand wartet, hätte er die Jäger davon abgehalten, dort unten zu schießen! Aber jetzt war alles zu spät und er konnte Walther nicht dafür bestrafen.
In der Nacht wurde die Totenwache gehalten und am nächsten Morgen traf Abt Stephanus ein. Er sprach Philipp und Margareta sein Beileid aus und bedauerte den Vorfall sehr. Der Abt sah nach dem Toten und segnete ihn aus, dann begab er sich auf den Rückweg, um die Beisetzung im Kloster vorzubereiten. Der Tote sollte, wie schon andere Grafen von Homburg, im Querhaus der Klosterkirche bestattet werden. Der Totengräber hatte bereits begonnen eine Öffnung vorzubereiten. Ein Steinmetz wurde beauftragt, die Grabplatte herzustellen, die das Grab später abdecken sollte.
Der Trauerzug, begleitet von den Gesängen des Chores und den Segnungen des Abtes, passierte das Klostertor und die Glocken begannen zu läuten, als sie in die Klosterkirche Einzug hielten. Der Leichnam wurde im Kirchenschiff aufgebahrt und der Sakristan zündete vier große Kerzen an. Der Abt hielt die Totenmesse und Simon wurde zu dem offenen Grab getragen und unter Besprenkeln mit Weihwasser und Beräuchern mit Weihrauch in seine letzte Ruhestätte gelegt. Der Abt bedeckte den Toten mit etwas Erde. Wieder wurde eine Messe gelesen.
Margareta verließen alle Kräfte. Sie sackte zusammen und Philipp konnte sie gerade noch auffangen. Margareta hatte seit dem letzten Morgen, an dem sie vom Tode ihres Sohnes erfahren hatte, fast nichts mehr gegessen. Johanna und Grete führten die Burgherrin zu einem Wagen. Die Gesellschaft verabschiedete sich vom Kloster und brach auf Richtung Homburg. Dort brachte man Margareta in die Kemenate, während sich die Trauernden zur Totenfeier in den Rittersaal begaben.
Im großen Saal nahmen die Gäste Platz. Außer den Grafen, die zur Jagd gekommen waren, kamen auch noch andere, um von Simon Abschied zu nehmen, auch viele Leute aus dem Dorf waren gekommen und nahmen an den niederen Tischen Platz.
Karl aus Zweibrücken war mit seiner Gattin angereist. Er wandte sich an Philipp: „Es tut mir so leid, was mit Simon geschehen ist. Vor nur wenigen Tagen waren wir hier und haben mit ihm gelacht und Pläne für seine Zeit in Zweibrücken geschmiedet und jetzt ist alles vorbei!“
„Ich kann es auch kaum glauben und Margareta geht es gar nicht gut. Ich hoffe, dass sie sich bald wieder fängt“, entgegnete Philipp.
Karls Frau Marlene erhob sich: „Ich werde mal nach Margareta sehen. Sie tut mir so leid.“
Als Marlene gegangen war, kam Walther herein und setzte sich an die Tafel des Grafen. Er machte ein ernstes und trauriges Gesicht.
Abt Stephanus, der ebenfalls mit zur Homburg gekommen war und nicht weit entfernt von ihm saß, begrüßte ihn und fragte: „Na, Walther, wirst du im Frühjahr endlich zu uns kommen?“
Noch bevor Walther antworten konnte, schaltete sich Philipp ein: „Abt Stephanus, verzeiht uns bitte, dass wir unsere Pläne noch einmal überdenken müssen. In der jetzigen Lage werden wir Walther wohl auf der Burg brauchen, wo unser einziger Sohn und Erbe verstorben ist. Walther ist immerhin der Sohn meines Bruders.“
„Ich verstehe“, entgegnete der Abt, „doch ihr müsst auch an uns denken. Wir haben schon fest mit den Merburger Ländereien gerechnet. Eigentlich können wir nicht ohne Entschädigung darauf verzichten.“
Philipp runzelte die Stirn. Mit einer solchen Habgier und Unverfrorenheit der Klosterbrüder hatte er nicht gerechnet. Doch der Verlust seines Sohnes hatte seinen Kampfesgeist gebrochen, sodass er nur resignierend erklärte: „Ihr sollt die Merburger Ländereien trotzdem bekommen, aber dafür schuldet ihr uns einen Gefallen und haltet immer einen Platz für Walther frei.“
„Wir wissen Eure Großzügigkeit sehr zu schätzen, werter Graf“, erwiderte Stephanus und senkte ehrerbietend den Kopf.
Walther, der das Gespräch mit angehört hatte, atmete erleichtert auf. Der Plan war aufgegangen! Als ihn der Graf mit dem Schultheiß verhört hatte, dachte er schon, dass Philipp so wütend auf ihn wäre, dass er ihn von der Burg jagen würde, weil er Simon begleitet hatte. Doch nun sah doch alles ganz anders aus! Umso mehr musste er sich zusammennehmen und den Schein wahren. Was seine Freude ein wenig trübte, war die Tatsache, dass das Land seines Vaters trotzdem ans Kloster fiele, doch ein großer Teil der ursprünglichen Merburger Besitztümer gehörten ohnehin schon zur Homburg, was den Verlust wieder schmälerte.
Indes Walther sich über seine neue Zukunft heimlich freute, war Marlene bei Margareta angekommen. Diese lag in ihrem Bett und blickte abwesend an die Decke. Marlene ließ sich neben dem Bett der Gräfin auf einem Schemel nieder und umschloss ihre Hand.
„Margareta, es tut mir so leid, was würde ich nur dafür geben, um dir deinen Schmerz ein wenig zu erleichtern!“
Marlene begann leise zu schluchzen und verbarg ihr Gesicht in der Bettdecke.
„Keine Mutter sollte je ihr Kind verlieren!“
Margareta strich Marlene leicht über den Kopf und die beiden Frauen verharrten in ihrer Trauer, bis Grete eintrat und einen Krug mit frischem Wasser hereinbrachte.
„Herrin, wenn ich irgendetwas für Euch tun kann, sagt mir Bescheid. Ich bin immer für Euch da.“
„Ist schon gut Grete, du kannst gehen“, murmelte Margareta schwach. Grete verließ leise das Zimmer. Ihre Herrin tat ihr unendlich leid. Sie war zwar erst seit wenigen Jahren auf der Burg, doch sie hatte die Grafenfamilie lieb gewonnen. Sie waren nicht so überheblich, wie andere hohe Herren, die sie kennengelernt hatte. Außerdem waren sie zu ihrem Gesinde immer gerecht und stellten keine unmöglichen Forderungen. Vielleicht würde Margareta doch noch einmal schwanger werden. Noch war sie nicht zu alt dafür.
Am Abend traf sich Walther mit Jakob auf seinem Zimmer.
„Siehst du Jakob, unser Plan ist aufgegangen! Der lästige Simon ist aus dem Weg geschafft und Philipp hat dem Abt gesagt, dass ich doch nicht ins Kloster komme. Der gierige Hund hat gleich darauf bestanden, dass er die Merburger Ländereien trotzdem bekommt und Philipp hat ihm, ohne etwas entgegen zusetzen, nachgegeben. Aber was kümmert mich das, es bleibt noch genug!“
„Lasst uns das bei einem Becher Wein feiern, Herr! Doch vergesst nicht, vorsichtig zu sein! Niemand darf je auf den Gedanken kommen, dass wir etwas mit dem Unfall zu tun hatten. Ich bin nur froh, dass uns niemand gesehen hat und dass sich der Schultheiß so leicht täuschen ließ.“
Jakob schenkte zwei Becher Wein aus und die beiden prosteten sich zu.
„Ich glaube, Philipp wird mich als Erben hinnehmen. Nur Margareta müssen wir jetzt noch auf unsere Seite kriegen. Ich glaube, bei ihr wird es schwieriger, aber das werden wir auch noch hin bekommen! Prost Jakob! Auf unseren gelungenen Plan!“
Wieder prosteten sich die beiden zu. So ging es eine Weile weiter, bis Jakob betrunken ins Gesindehaus torkelte und Walther sich auf sein Bett fallen ließ und einschlief.
Kapitel 7
Einige Wochen, nachdem Simon zu Grabe getragen worden war, zog wieder Alltag in die Burg ein. Der Winter hatte sich des Landes bemächtigt und überall lag hoher Schnee. Die Fenster der Burg waren fest verschlossen und mit dicken Tüchern verhangen. Nur am Morgen ließ man frische Luft ein. Auf dem Burghof lag hoch Schnee und zwischen den einzelnen Gebäuden hatte man Wege freigeschaufelt. Die Tiere waren in den Ställen, wohin sich auch die Gaukler zurückgezogen hatten, als der Schneefall Anfang Dezember einsetzte. Eigentlich war nicht geplant, dass das fahrende Volk über den Winter bleiben sollte, doch nach den Ereignissen auf der Jagd hatten Philipp und Margareta nicht die Kraft sie einfach wegzuschicken. So mussten diese nun auch durchgefüttert werden. Im Gegenzug unterhielten sie die Tafel am Abend mit traurigen Weisen. Lustige Lieder, oder Trinklieder und Tänze duldete Margareta nicht. Dafür betrübte sie der Tod ihres Sohnes zu sehr.
Nach der Morgenmahlzeit traf sich Margareta mit den Edelfrauen in ihrem Gemach. Sie wollten ihre Näharbeiten fortsetzen. Nach langer Überwindung hatte sie sich dazu entschlossen, aus den Stoffen, die eigentlich für Simon bestimmt waren, ein neues Wams für Philipp zu nähen, sowie Wams und Hosen für Walther. Der hatte bei dem Brand vor einem halben Jahr alles verloren und trug die alten Sachen von Simon auf, die ihm nicht so gut passten.
Mittlerweile hatte sie sich zwar an Walther gewöhnt, konnte ihn aber einfach nicht in ihr Herz schließen, etwas an seiner Art, vor allem wie er manchmal das Gesinde umherhetzte, missfiel ihr.
Margareta hängte die Tücher von den Fenstern ihres Gemachs ab, damit genug Licht für die Näharbeiten hereinkam. Sie sah, dass es wieder zu schneien begonnen hatte. Die weißen Schneeflocken tanzten über den Dächern der Burg.
„Heute werde ich mit dem grünen Stoff beginnen. Ich glaube, es bleibt noch ein großes Stück übrig. Möchte jemand von diesem Stoff?“, fragte Margareta die vier Edelfrauen.
Hannelore, die Frau von Ritter Thomas meldete sich als Erste: „Das ist wirklich ein sehr schöner Stoff, Herrin. Thomas hat etwas zugenommen, seine Hose ist an einer Naht aufgeplatzt, als er sich gebückt hatte, um seine Schuhe an zuziehen. Ich habe sie wieder gestopft, aber weiter ist die Hose trotzdem nicht.“
„Das heißt, sie kann jederzeit wieder platzen und das könnte leicht peinlich werden, wenn er vor dem Grafen stehen würde“, machte sich Mabilia über Thomas lustig. „Eigentlich hätte mir der Stoff für Rupert auch gut gefallen, aber ich glaube, dein Mann hat die neuen Hosen wirklich nötiger.“
„Mir ist auch schon aufgefallen, dass Thomas ganz schön zugenommen hat! Er schlägt abends auch ordentlich zu, immer hat er den Teller vollgeladen. Vielleicht solltest du in die Hosen Abnäher einfügen, damit er sie weiterstellen kann, falls er noch mehr zunimmt“, merkte Eleonore an.
„Ach, im Frühjahr, wenn er wieder mehr Bewegung hat, wird das schon wieder“, entgegnete Hannelore.
Margareta, die ihren eigenen Gedanken nach gehangen hatte, drehte sich zu den Frauen.
“Ach, was würde ich nur darum geben, wenn ich bis zum Frühjahr deutlich zugenommen hätte.“
„Ihr wünscht Euch wohl unbedingt ein Kind, Margareta, aber das kann man nicht herzaubern. Wenn es Gottes Wille ist, werdet Ihr noch eins bekommen, aber wenn nicht, müsst Ihr Euch mit Walther abfinden“, erklärte Mabilia.
„Ich habe mal gehört, dass die Kräuterfrau, die hier öfters durch die Gegend kommt, ein Mittel hätte, welches einem erleichtern würde schwanger zu werden“, sagte Hannelore und legte ihre Näharbeit kurz nieder. Sie beugte sich vor zu den Edelfrauen und flüsterte ihnen zu: “Ich habe sogar gehört, dass Gräfin Lieselotte, die viele Jahre auf ihr erstes Kind warten musste, nur mit ihrer Hilfe schwanger wurde.“
Margaretas Augen begannen hoffnungsvoll zu leuchten.
„Jemand soll mir diese Frau herschaffen! Wisst ihr, wo sie zu finden ist?“
„Sie wohnt, glaube ich, in einer Hütte im Kirkeler Wald, nahe der dortigen Burg und heißt Magdalena, wird aber von allen nur Leni genannt“, antwortete Hannelore.
„Hoffentlich hört es auf zu schneien, damit morgen gleich jemand dorthin kann. Ich werde Rudolf, Bertas Mann, hinschicken. Er stammt aus der Gegend und kennt sich gut im Kirkeler Wald aus.“
Margareta lächelte zum ersten Mal seit Wochen. Die Edelfrauen sahen sich erleichtert an. Mabilia betete in Gedanken, dass die Kräuterfrau erfolgreich sein würde und Margareta, die seit vierzehn Jahren nicht mehr schwanger geworden war, endlich noch einmal guter Hoffnung wäre. Die Trauer, die die Gräfin befallen hatte, bedrückte den ganzen Hof. Es wurde Zeit, dass wieder etwas Freude in die Homburg einkehren würde.
Am nächsten Morgen machte sich Rudolf auf den Weg Richtung Kirkel. Der Schnee war hart gefroren, sodass er gut vorwärtskam, ohne in der weißen Masse zu versinken.
Er trug zwei Mäntel übereinander, einen wollenen Gugel und dicke Fäustlinge. Damit er besser durch den Schnee kam, hatte er sich ovale Bretter an die Füße gebunden. Zudem stützte er sich mit zwei großen Stöcken ab. Auf der einen Seite war er froh, dass er die Gräfin wieder lächeln gesehen hatte, aber auf der anderen Seite fluchte er, weil sie ihn bei diesem Wetter in die Kälte geschickt hatte.
Rudolf zog den Gugel fester um den Hals. Der weiße Hauch seines Atems war in der kalten Luft zu sehen. Im Gegensatz zu gestern schneite es heute nicht. Er ging über den Bergrücken und bog dann nach Norden Richtung Dorf ab. In dem Flecken war alles ruhig. Aus den Kaminen der Häuser sah man den Rauch der Feuer aufsteigen. Die Fenster und Türen waren fest verschlossen und die Leute hatten ihre Schweine mit ins Haus genommen, damit diese nicht frieren mussten und mithalfen, die Räume aufzuwärmen. Zwischen den einzelnen Häusern hatte man Wege freigeschaufelt.
Rudolf verließ die Ortschaft und begab sich auf den Weg in Richtung Südwesten. Sogar die Sonne ließ sich blicken. Es war ein schöner Wintertag und je länger er unterwegs war, desto besser wurde seine Laune.
Vielleicht würde ihm die Wanderung durch die gefrorene Sumpflandschaft, die sich zwischen der Homburg und dem Kirkeler Wald erstreckte, auch gut tun.
Er wanderte über die flache Ebene, die sobald im Frühjahr das Tauwetter einsetzen würde, überflutet wäre. Zur Linken erstreckte sich der Ort Beeden mit der Kirche und rechts sah er Limbach liegen, wo gleich die Mühle folgte, in der die Bauern der Gegend ihr Getreide mahlen ließen. Sein Weg führte ihn noch ein gutes Stück über die Ebene, bis er endlich zum Wald kam. Der Wald gehörte zum Vierherrenwald, der diesen Namen trug, weil hier vier Grafen Rechte und Besitze hatten. Das waren die Grafen von Homburg, Saarwerden, Kirkel und Blieskastel, wobei der Graf von Homburg das Sagen hatte. Rudolf schlug einen Weg ein, der durch ein Tal führte. Links und rechts von ihm erhoben sich gewaltige Bäume. Irgendwann musste er steil bergauf gehen, was bei dem Schnee nicht so einfach war. Er rammte die Holzränder seiner Schuhbretter in den Schnee, damit er nicht abrutschte. Als er endlich den Gipfel erreicht hatte, war er schweißgebadet. Er machte eine kurze Pause und trank von dem Wasser aus seinem Trinkhorn, welches er sich mitgenommen hatte. Nur weil er sich das Horn unter den Mänteln direkt auf den Körper gebunden hatte, war das Wasser nicht gefroren. Er nahm mehrere Bissen Brot und begab sich dann frisch gestärkt den steilen Weg bergab. Das war fast noch schwieriger als bergauf, weil er mit seinen Brettern dauernd rutschte und aufpassen musste, dass er nicht hinfiel.
Kurz vor Mittag erreichte er endlich die Hütte der Kräuterfrau und klopfte an die hölzerne Tür.
„Leni, hier ist Rudolf. Ich habe mal in Kirkel gewohnt, meine Eltern waren Zeitler hier. Ich komme im Auftrag der Gräfin Margareta von Homburg. Öffne bitte die Tür!“
Im Haus hörte man, wie jemand die Riegel zur Seite schob. Eine Frau, die die vierzig noch nicht überschritten hatte, mit einem freundlichen, aber blassen Gesicht blickte ihm entgegen. Eine rotbraune Strähne guckte unter ihrem Kopftuch hervor. Sie trug ein braunes, wollenes Gewand.
„Was willst du hier mitten im Winter? Ist deine Gräfin etwa krank? Ihr habt doch in eurem Tal selbst einen Doktor oder hat der Mal wieder zu tief in den Krug geguckt?“
„Die Gräfin hat doch ihren fast erwachsenen Sohn verloren und ist jetzt ganz verzweifelt. Sie wünscht sich ein neues Kind, einen Erben. Eine der Edelfrauen hat ihr erzählt, dass du ein Mittel hättest, welches ihr helfen könnte, genau wie bei Gräfin Lieselotte.“
„Gräfin Lieselotte war kinderlos, weil sie eine Entzündung im Unterleib hatte. Nachdem diese Entzündung abgeheilt war, konnte sie ein Kind empfangen. Aber wenn nicht irgendwelche körperlichen Beschwerden an der Kinderlosigkeit schuld sind, kann nur Gott helfen.“
„Das kannst du der Gräfin selbst sagen, sie erwartet dich bis spätestens heute Abend.“
„So etwas ist doch kein Notfall, kann das nicht warten, bis es wieder etwas wärmer ist? Will sie eine arme Frau wie mich bei diesem Wetter wirklich durch die Gegend hetzen?“
„Es wird dir nichts anderes übrig bleiben, als mit zukommen. Das ganze Gesinde auf der Burg ist schon ganz verzweifelt, weil die Gräfin so unglücklich ist. Die Aussicht auf eine neue Schwangerschaft hat ihr wieder Hoffnung gegeben. Außerdem wartet eine große Belohnung auf dich.“
„Also gut, ich werde mich fertig machen, aber lass uns zuerst zu Mittag essen, damit wir gestärkt durch die Kälte gehen können. Der Eintopf kocht schon.“
„Das ist eine gute Idee. Ich kann ohnehin etwas Warmes gebrauchen!“
Rudolf setzte sich an den Tisch und Magdalena schenkte Gemüseeintopf aus, in dem ein paar Fleischreste schwammen. Rudolf löffelte begierig die warme Suppe. Die Bewegung an der frischen Luft hatte ihn hungrig gemacht. Als sie fertig waren, räumte Magdalena das Geschirr weg und packte ihre Sachen. Sie zog einen zwar warmen und pelzbesetzten, aber leicht abgenutzten Mantel über. Sie hatte ihn einmal von einem Grafen geschenkt bekommen, zum Dank dafür, dass sie seiner Frau das Leben gerettet hatte. Dann hängte sie sich ihren Beutel um, in dem sie verschiedene getrocknete Heilkräuter, Salben, Seife, Stoffläppchen, Tücher, eine Kerze, sowie ein kleines sauberes Messer und eine Pinzette aufbewahrte. Sie legte eine Brotkruste hinein und füllte ihr Trinkhorn. Über ihr Kopftuch zog sie eine wollene Mütze und dann nahm sie sich Handschuhe, Schal und zwei Stöcke zum Abstützen. Auch sie befestigte an ihren Schuhen ein Paar ovale Bretter.
Nun begaben sich die beiden auf den Weg zur Homburg. Der Rückweg kam Rudolf kürzer vor, wahrscheinlich, weil er nun jemanden zum Unterhalten hatte. Magdalena erzählte ihm Geschichten aus seiner alten Heimat. Es machte ihn glücklich von längst vergessenen Leuten aus seiner Kindheit zu hören.
„Seit wann bist du nicht mehr in Kirkel?“
„Seit fünfzehn Jahren, so lange kenne ich meine Berta schon.“
„Übst du im Homburger Wald auch das Zeitlerhandwerk aus?“
„Nein, ich bestelle den Garten auf der Burg und kümmere mich um die Hühner, Kühe und Schweine. In den ganzen Jahren, die ich schon dort bin, konnte ich mich nie über meine Herrschaften beschweren und auch der junge Simon war mir ans Herz gewachsen. Sein Tod hat mich sehr getroffen.“
„Das kann ich mir vorstellen. Wer würde denn Herr der Homburg werden, wenn der Graf keinen Sohn mehr bekäme?“
„Wahrscheinlich dieser Walther von der Merburg. Ich habe gehört, dass sein Vater Dietrich ein ganz schön strenges Regiment geführt hat und das Gesinde oft auspeitschen ließ. Walther scheint mir auch nicht besser zu sein. Da könnten wir uns auf etwas gefasst machen!“
Es begann zu dämmern, als Rudolf und Magdalena auf der Homburg ankamen. Im Rittersaal wartete die Gräfin bereits ungeduldig. Sie kam den beiden entgegen.
„Na, da seid ihr ja endlich, ich dachte schon euch wäre auf dem Weg etwas zugestoßen! Vielen Dank, Rudolf, dass du Magdalena hergebracht hast. Du kannst jetzt gehen und dich ausruhen. Berta hat sich schon Sorgen gemacht.“
Magdalena knickste vor der Gräfin und trat näher.
„Rudolf hat mir von Eurem Problem erzählt, werte Gräfin. Ich weiß aber nicht, ob ich Euch wirklich helfen kann.“
„Lass uns erst einmal in die Kemenate gehen. Dort können wir das Ganze in Ruhe bereden.“
Magdalena folgte Margareta durch das Treppenhaus. Die Gräfin wies Magdalena an, an einem kleinen Tisch Platz zu nehmen und bat Grete etwas zu trinken zu bringen.
„Ich habe gehört, dass du Gräfin Lieselotte nach langer Kinderlosigkeit zu Nachwuchs verholfen hast.“
„Das ist zwar richtig, aber Lieselotte litt an einer starken Entzündung im Unterleib, die ich mit verschiedenen Kräutern heilen konnte und danach konnte sie Kinder empfangen.
Kommt Eure monatliche Blutung regelmäßig und wie lange dauert sie ungefähr an, Herrin?“
„Meine Blutungen kommen regelmäßig und sind so stark, wie bei jeder anderen auch, denke ich.“
„Leidet Ihr unter Schmerzen im Unterleib?“
„Eigentlich nicht.“
„Ich werde Euch untersuchen, aber ich bezweifle, dass ich Euch unter diesen Umständen helfen kann. Lasst mir von Eurer Zofe eine Schüssel mit frischem Wasser bringen und ein paar saubere Tücher.“
Margareta rief Grete und ließ sie die Sachen bringen. Die Kräuterfrau legte ein Tuch auf das Bett und wusch sich die Hände gut mit Seife aus ihrem Beutel. Dann bat sie die Gräfin, sich hinzulegen. Sie schob die Röcke beiseite und tastete den Unterleib ab.
„Ich kann nichts Ungewöhnliches entdecken. So wie es aussieht, seid Ihr vollkommen gesund. Ich kann keinen Grund erkennen, warum Ihr nicht noch ein Kind gebären solltet. Verkehrt Euer Mann noch regelmäßig mit Euch?“
„In den letzten Jahren ist es etwas seltener geworden, aber ich kann mich nicht beklagen.“
„Achtet darauf, dass er vor allem knapp zwei Wochen nach dem Beginn Eurer Blutung mit Euch verkehrt. Ich gebe Euch eine Teemischung. Von der sollt Ihr täglich drei Becher trinken. Ansonsten kann nur Gott Euch helfen.“
Magdalena gab der Gräfin einen Beutel mit einer Mischung aus Frauenmantelkraut und Schafgarbe, die sie öfters bei Frauenleiden empfahl. Margareta sah ein kleinwenig enttäuscht aus. Sie hatte so gehofft, dass die Kräuterfrau ihr helfen könnte. Aber sie würde die Ratschläge auf jeden Fall befolgen, vielleicht hatte sie doch Glück.
„Vielen Dank für deine Hilfe.“
Margareta reichte Magdalena einen kleinen Beutel mit Münzen.
„Lasst uns nun hinuntergehen zum Essen. Du kannst heute Nacht hier schlafen. Johanna zeigt dir eine Kammer und morgen früh wird Rudolf dich wieder heimgeleiten, nicht, dass dir unterwegs noch etwas passiert.“
Kapitel 8
Am Weihnachtstag machten sich die Burgbewohner fertig, um nach Beeden zu ziehen, um dem Krippenspiel vor der Pfarrkirche beizuwohnen.
Nachdem sich alle im Badehaus gesäubert hatten, zogen sie ihre besten Winterkleider an. Margareta wählte ein Kleid mit einem dicken dunkelroten Rock, roten Ärmeln und einem dunkelgrünen Leibteil, welcher mit Goldfäden durchsetzt war. Grete war ihr mit den Haaren behilflich und setze ihr die Haube auf. Sie hängte sich einen grünen, pelzbesetzten Mantel über und zog braune Pelzhandschuhe an. Philipp nahm mit seinem neuen grünen Wams und den neuen braunen Hosen vorlieb, die Margareta ihm genäht hatte. Auch er trug einen warmen Mantel und einen pelzbesetzten Hut.
Als alle fertig waren, begab man sich zu den Ställen. Margareta, die Edelfrauen und der korpulente, wenig bewegliche Bruder Hubertus verteilten sich auf zwei Wagen. Philipp, die Ritter, Knappen und Walther stiegen auf ihre Pferde und das Gesinde machte sich zu Fuß auf den Weg über den Bergrücken ins Dorf hinunter, wo sich ihnen auch die Dorfbewohner anschlossen. Dann ging es über die Auen nach Beeden, einem kleinen Ort, der auf einer leichten Anhebung lag und sich um eine Kirche gruppierte. Diese war die Pfarrkirche der Gemeinde, ein schon etwas älterer, schlichter zweischiffiger Bau mit seitlichem Turm. Sie war dem heiligen Remigius geweiht.
Es gab einen Platz, wo die Wagen und Pferde abgestellt werden konnten. Der Pfarrer, sowie andere Leute, die in der Gegend wohnten, hatten den Grafen und sein Gefolge bereits erwartet. Sie begaben sich zur Bühne vor der Kirche. Man hatte für die höheren Gäste Bänke zum Sitzen aufgestellt. Eine Gruppe von Musikanten begann, Weihnachtslieder zu spielen. Den Leuten wurde ganz warm ums Herz bei den wunderschönen, feierlichen Melodien. Dann begannen die Dorfkinder damit, die Weihnachtsgeschichte nachzuspielen. Man hatte einen Stall aufgebaut und Maria und Josef erschienen in ihren Gewändern auf der Bühne. Sie ließen sich in dem Stall nieder und Maria zauberte das Jesuskind hervor. Die Engel begannen zu singen und die Hirten kamen um den Stall herum und verneigten sich vor dem heiligen Kind und dem heiligen Paar. Sie jubelten und beteten. Margareta musste bei diesem Schauspiel gleich wieder darüber nachgrübeln, wie gerne sie noch ein Kind gehabt hätte. Laut der Kräuterfrau würden nun ihre fruchtbarsten Tage beginnen. Es musste einfach klappen. Sie betete zu Gott, dass sie ein Kind empfangen möge.
Nach der Vorführung folgte eine Prozession zur Kirche, wo die Christmette stattfand. Margareta und Philipp nahmen in der ersten Reihe Platz. Auch Philipp, der Margaretas Wünsche kannte, betete um einen Erben. Doch er bat Gott auch darum, dass Margareta, die nun keine zwanzig mehr war, die Geburt überleben würde. Er musste an seine erste Frau Cornelia denken. Mittlerweile konnte er mit dem Gedanken leben, dass sein Neffe Walther in seine Fußstapfen treten würde. Dieser war ihm in letzter Zeit oft bei seinen Geschäften behilflich gewesen und stellte sich gar nicht so schlecht an.
Nachdem die heilige Messe vorüber war, verteilten die Leute des Grafen Brote und Kuchen an die Dorfbewohner. Dann machte man sich wieder auf den Weg zur Burg, wo es ein Festessen gab.
Im Rittersaal war alles weihnachtlich geschmückt. Misteln, Tannen- und Eibenzweigen zierten Tische und Wände. Die Gesellschaft verteilte sich im Saal und nahm an den Tischen Platz.
„Ach, gerade heute fehlt mir Simon so. Er hatte Weihnachten immer so geliebt“, seufzte Margareta traurig.
„Ich musste heute auch an ihn denken. In zwei, drei Monaten wäre er nach Zweibrücken gegangen,“ entgegnete Philipp.
Die Pagen begannen, das Essen hereinzutragen. Es gab Fisch, Bohnen, Linsen, Gänsebraten, Spitzkohl und eingelegte Äpfel und Brot. Alle langten kräftig zu. Auch Met und Wein flossen reichlich. Die Gaukler spielten und sangen Weihnachtslieder. Sie waren froh, dass es heute mal wieder fröhlicher zu ging. Auch die Ritter und das Gesinde trauten sich, wieder zu lachen und zu singen.
Margareta wurde müde und gähnte. Aber sie wollte unbedingt auf Philipp warten. Sie sah ihn sanft lächelnd an. Ihre Blicke trafen sich. Margareta berührte Philipps Hand und flüsterte ihm leise zu: “Na, wie lange gedenkst du noch zu bleiben?“
„Warum fragst du?“
„Ich hätte heute noch etwas Besseres vor, als Feiern und Trinken, wenn du möchtest, kannst du mir ja folgen!“
Die Gräfin blickte Philipp lächelnd in die Augen. Dann stand sie auf und wünschte den anderen am Tisch eine gute Nacht und machte sich auf den Weg in die Kemenate. Dort zog sie ihre Kleider aus, hängte sie über einen Stuhl und legte sich nackt ins Bett. Margareta musste nicht lange warten, bis sie Schritte auf dem Flur vernahm und Philipp den Raum betrat.
„Na, Liebling, schläfst du schon?“
„Nein, natürlich nicht, ich habe bloß das kalte Bett schon vorgewärmt.“
Philipp entledigte sich ebenfalls seiner Kleider und kroch zu Margareta unter die Bettdecke. Sie schmiegten sich eng aneinander und begannen sich zu küssen.
Zur gleichen Zeit war das Weihnachtsfest noch in vollem Gange.
„Margareta und Philipp haben sich früh verabschiedet“, sagte Mabilia zu Eleonore.
„Ich glaube, Margareta will die Gunst der Stunde nutzen. Sie hofft so darauf, noch ein Kind zu bekommen, deshalb ist ihr Philipp wohl bereitwillig gefolgt.“
„Heute wirkte sie zum ersten Mal wieder fröhlich, beten wir, dass sich ihr Wunsch erfüllt!“
Die Gaukler, die gesehen hatten, dass sich Philipp und Margareta zurückgezogen hatten, begannen nun lustige Trinklieder zu spielen und die ganze Gesellschaft feierte ausgelassener, seit das trauernde Paar den Saal verlassen hatte. Walther, der schon ziemlich betrunken war, begab sich zum Tisch des Gesindes, wo sein Reitknecht Jakob, zusammen mit zwei Mägden aus dem Dorf saß. Die beiden Mägde waren Schwestern und hießen Helga und Louise. Sie hatten beide blaue Augen und ihre langen blonden Haare unter einer Haube hochgesteckt. Helga war die ältere und größere der beiden und trug ein dunkelblaues Gewand mit einem weißen Schultertuch. Louise war in ein braunes Kleid mit einem beigefarbenen Schultertuch gekleidet. Beide hatten eine wohlgeformte Figur. Jakob hatte sie im Wirtshaus im Dorf kennengelernt, wo die beiden in der Küche arbeiteten. Für ein paar Heller waren sie gerne bereit, ihm ein paar süße Stunden zu bereiten.
Jakob gefiel Helga, die erfahrener war und deren Rundungen etwas stärker ausgeprägt waren, besser als die jüngere, schlankere Louise. Deshalb war er gerne dazu bereit gewesen, Louise an seinen Herrn Walther abzutreten. So kam es dazu, dass die beiden Mägde heimlich so manche Nacht in der Burg verbrachten. Heute am Weihnachtstag hatte sich Walther dazu entschlossen, die beiden nach der Christmette offiziell einzuladen. Er wollte ihnen eine Stelle in der Küche besorgen. Zum Gesinde der Burg, welches voll und ganz hinter dem Grafen und der Gräfin stand, hatte er nur wenig Vertrauen. Er brauchte unbedingt Leute in der Burg, auf die er sich verlassen konnte. Margaretas Kinderwunsch machte ihm ein klein wenig Angst, wenn er auch nicht wirklich daran glaubte, dass sie nach so langer Zeit schwanger werden würde.
Die beiden Mägde dachten, sie hätten den großen Wurf gelandet. Nach der anstrengenden Arbeit im Wirtshaus nun in der Burgküche bei der Köchin Berta zu arbeiten, die für ihre Gutmütigkeit bekannt war, und dann noch als Geliebte vom zukünftigen Herrn und seinem Knecht! Sie hatten schon weit schwerere Zeiten durchgemacht. Sie waren noch halbe Kinder gewesen, als sie im Wirtshaus angefangen hatten. Morgens früh musste das Haus geschrubbt werden. Dann war man fast den ganzen Tag mit Gemüse putzen und Kochen beschäftigt. Abends musste man Essen und zig Krüge mit Wein, Bier und Met auftragen und bis spät in die Nacht Geschirr waschen. Immer wieder mussten sie die Anzüglichkeiten der betrunkenen Gäste hinnehmen. Manchmal waren sie zwar gewillt darauf einzugehen, um ihr schlechtes Gehalt aufzubessern, aber um so manchen ungepflegten, stinkenden, rohen Kerl hätten sie doch lieber einen großen Bogen gemacht.
„Na, Louise, du wirst nun mit mir kommen“, sagte Walther, der sich kaum noch auf den Beinen halten konnte. Er legte den Arm um die Magd und streifte mit der anderen Hand kurz ihre Brust, als er sich auf dem Tisch abstützte. Seine Augen funkelten gierig. Louise, die nicht wusste, ob man das gutheißen würde und die ihre neue Stelle nicht aufs Spiel setzen wollte, sah sich vorsichtig um und stellte erleichtert fest, dass die, die noch anwesend waren, alle schon so betrunken waren, dass sie am nächsten Morgen nichts mehr davon wissen würden.
Louise stand auf und Walther hängte sich regelrecht an die Magd. Sie musste aufpassen, dass sie nicht das Gleichgewicht verlor, und schleppte den schweren Walther mit Müh und Not aus dem Rittersaal hinaus. Wie sollte sie ihn nur die Treppen hochbekommen? Walther klammerte sich an sie und versuchte ihr Schultertuch zu lösen. In diesem Moment trat glücklicherweise Jakob auf den Flur und half Louise, Walther hoch in seine Kammer zu schleppen. Sie legten ihn aufs Bett. Als Jakob den Raum verlassen hatte, war Walther schon eingeschlafen. Louise war sich nicht ganz sicher, was sie tun sollte. Sie beschloss, sich zu Walther ins Bett zu legen und morgen früh würde sie gleich Helga suchen und mit ihr zurück ins Dorf gehen. Noch hatten sie keine Kammer in der Burg, aber das würde Walther bald ändern.
Kapitel 9
Margareta starrte traurig von dem Fenster ihres Gemachs auf die weiße Winterlandschaft. Zwei Wochen nach dem Weihnachtsfest hatte ihre Blutung eingesetzt und somit all ihre Hoffnungen auf ein Kind zerschlagen. Was sollte sie nur tun? Wäre Simon doch noch da! Dann wäre alles in Ordnung. Es klopfte an die Tür und Frau Eleonore trat ein.
„Da seid Ihr ja, Herrin, ich habe Euch schon gesucht.“ Eleonore sah die Tränen in den Augen der Gräfin.
„Was habt Ihr denn, Margareta?“
„Ach Eleonore, heute hat meine Blutung eingesetzt. Ich hatte so gehofft, dass ich schwanger wäre!“
„Ihr werdet es schon noch schaffen, Gräfin. Ihr trinkt doch erst seit drei Wochen von dem Tee der Kräuterfrau. Ihr müsst ihn bestimmt noch eine ganze Weile weiter nehmen, bis er richtig wirken kann. Ich habe mal gehört, dass solche Sachen eine Zeit brauchen.“
„Ich hoffe, du behältst recht. Vielleicht sollte ich wirklich noch ein bisschen abwarten und weiter hoffen.“
„Warum ich eigentlich nach Euch gesucht habe, ist, dass Johanna nach Euch gefragt hat. Ich glaube, es geht um zwei Mägde, die auf Geheiß Eures Neffen bei Berta in der Küche arbeiten sollen.“
„So? Seit wann mischt sich denn Walther in solche Dinge ein?“
Margareta wischte sich die Tränen aus den Augen und begab sich mit Eleonore zu den Wirtschaftsräumen, wo Johanna auf sie wartete.
„Gräfin, ist es denn rechtens, dass Walther zwei neue Mägde einstellt, zumal es sich um Schankmägde aus dem Wirtshaus handelt?“, fragte die Hauswirtschafterin aufgebracht.
Schankmägde waren für ihre mangelnde Moral bekannt.
„Normalerweise regeln das schon noch der Graf und ich“, antwortete Margareta, „aber hatte sich Berta nicht unlängst darüber beschwert, dass sie zu wenig Hilfe hätte, zumal zwei Mägde das Bett hüten müssen, weil sie so stark erkältet sind? Im Winter ist es immer schwer, neue Leute zubekommen. Ich denke, wir sollten es mit den beiden versuchen. Schankmägde sollen gut mit anpacken können. Wenn sie sich etwas zuschulden kommen lassen, können wir sie immer noch wegschicken.“
„Also gut, Herrin. Ich werde ihnen die kleine Kammer im Gesindehaus zuweisen, die gerade leer steht. Die können sie sich teilen.“
„Wo sind die beiden?“
„Sie warten bei Berta in der Küche.“
Margareta ging zur Küche, um sich die beiden neuen Mägde anzusehen.
„Ihr beiden seid also die neuen Mägde?“
„Ja, Herrin“, sagten Helga und Louise fast gleichzeitig und taten einen tiefen Knicks vor der Gräfin.
„Seid ihr Geschwister? Ihr gleicht euch.“
„Ja, Herrin wir sind Schwestern. Ich heiße Helga und das ist meine jüngere Schwester Louise.“
„Ihr werdet nun für Berta in der Küche arbeiten. Ich hoffe, dass ihr euch an ihre Anweisungen haltet und dass mir keine Klagen kommen und das meine ich in jeder Hinsicht. Der Wirt aus dem Dorf wird wohl nicht gerade begeistert sein, wenn er gleichzeitig zwei Kräfte verliert.“
„Im Winter sind ohnehin nicht so viele Gäste da und bis zum Frühjahr wird er jemand Neues gefunden haben.“
Die Gräfin begab sich schnellen Schrittes auf den Weg, um Walther zu suchen. Was bildete der sich ein! Er verhielt sich gerade, als wäre er der Graf persönlich. Da musste er sich schon noch ein paar Jährchen gedulden, wenn das überhaupt einmal der Fall sein würde. Sie fand ihn bei den Knappen im Rittersaal.
„Ich möchte gerne mit dir reden, allein.“
Die Knappen verließen eilig den Saal.
„Walther, ich möchte dich nur darauf hinweisen, dass die Einstellung von Mägden nicht zu deinen Aufgaben gehört. Die beiden können zwar bleiben, weil wir wirklich jemanden brauchen, aber das nächste Mal überlässt du diese Dinge Philipp und mir. Ich hoffe, du hast die beiden aus purer Menschenliebe eingestellt und nicht aus dem Grund, den ich vermute. Ich möchte keine Beschwerden hören.“
„Aber werte Tante, Ihr könnt Euch darauf verlassen, dass ich sie nur eingestellt habe, weil sie mir im Gasthaus so leid getan haben. Das nächste Mal werde ich Euch vorher fragen. Darauf könnt Ihr Euch verlassen“, entgegnete Walther und verneigte sich vor der Gräfin. Er hatte gewusst, dass dieser Schritt nicht leicht sein würde, aber innerlich kochte er vor Wut über die Rüge. Als Margareta gegangen war, hieb er wütend gegen die Wand, was er sogleich bereute, denn zu seinem lahmen Bein konnte er keine schmerzende Hand gebrauchen.
Margareta wusste nicht so recht, was sie nun tun sollte. Sie beschloss, hinauf in den Bergfried zu gehen. Dort saß sie gerne und betrachtete die Landschaft, wenn sie traurig war. Sie setzte sich ans Fenster und schaute über die Burgmauer auf den verschneiten Weg und hing ihren Gedanken nach. Auf einmal erblickte sie eine Gestalt am Horizont. Wer mochte sich mitten im Winter alleine auf den Weg zur Burg machen? Sie schaute genauer hin und erkannte bei seinem Näherkommen einen groß gewachsenen Mann mit einem langen Bart, der sich auf einen großen Stab stützte, an welchem ein Beutel hing. Der Mann trug einen braunen zerschlissenen Mantel mit Kapuze, der fast bis zum Boden reichte. Über der Kapuze hatte er einen braunen Hut, an dem etwas Helles befestigt war. In Kürze würde er bei den Wachen um Einlass bitten. Sollte sie hinunter gehen, um zu sehen, was der Fremde wollte oder sollte sie lieber abwarten, bis man sie rief. Margareta spürte ein Kribbeln im Bauch. Die Neugier trieb sie die Treppen hinunter. Der Fremde hatte bereits um Einlass gebeten und passierte das Burgtor.
„Guten Tag Fremder, was wollt Ihr hier?“, fragte Margareta.
„Seid gegrüßt, Burgherrin! Ich bin ein Pilger und komme aus Santiago di Compostela und bin auf dem Heimweg nach Mainz. Ich wollte fragen, ob man mir für die Nacht Unterkunft gewährt.“
Margareta erkannte nun, dass es sich bei dem Hellen, was seinen Hut zierte, um eine weiße Muschel handelte. Sie hatte schon davon gehört, dass diese Muscheln das Zeichen derer waren, die sich auf den Weg zu den Gebeinen des Heiligen Jakobus gemacht hatten.
„Seid gegrüßt Pilger, ich heiße Euch herzlich auf unserer Burg willkommen.“
Zu einem Knecht gewandt, der den Fremden neugierig betrachtete, sagte Margareta: „Rufe Bertram her, er soll dem Pilger eine Kammer zuweisen und ihm zeigen, wo er sich frisch machen kann. Wie heißt Ihr, Fremder?“
„Mein Name ist Cornelius von Stein und Ihr seid wohl Margareta von Homburg, nehme ich an. Es ist mir eine Ehre Euch kennenzulernen.“
Der Pilger verneigte sich tief vor Margareta.
„Heute Abend, beim Essen werdet Ihr uns hoffentlich viele spannende Geschichten über Eure Reise erzählen! Da werdet Ihr auch meinen Mann, Graf Philipp, kennenlernen. Ich freue mich darauf.“
Margareta ging frohen Mutes von dannen. Von den Pilgerreisen erzählte man sich viele abenteuerliche Geschichten. Der Pilger würde heute Abend für genügend Zerstreuung sorgen, sodass sie nicht wieder über ihre Probleme nachgrübeln musste. Zuerst ging sie zu Philipp und bereitete ihn auf den Gast vor. Dann begab sie sich in die Küche und trug Berta auf, einen besonderen Braten zuzubereiten.
Als endlich die Zeit des Abendmahls gekommen war, war Margareta fast die Erste, die den Rittersaal betrat und am Herrentisch Platz nahm. Nach und nach füllte sich der Saal. Als der Pilger erschien, winkte sie ihn herbei.
„Nehmt hier bei uns Platz, damit wir Euren Erzählungen lauschen können.“
Walther, der von allem, was mit Kirche zu tun hatte, nichts wissen wollte, bog noch rechtzeitig ab, als er den Pilger bei Margareta erblickte und nahm bei den Knappen Platz.
Cornelius von Stein begrüßte Philipp und die anderen Anwesenden und verbeugte sich vor ihnen, bevor er Platz nahm. Er hatte gebadet und wirkte nicht mehr so staubig.
„Ihr kommt also gerade aus Santiago di Compostela?“, fragte Bruder Hubertus neugierig, während er gierig in einen Hahnenschlegel biss.
„Ja, ich bin dort vor drei Monaten aufgebrochen, nachdem ich an dem Grab des heiligen Jakobus betete und erhört wurde.“
„Um was habt Ihr denn bei dem Heiligen vorgesprochen?“, wollte Philipp wissen.
„Ich litt monatelang unter schrecklichen Schmerzen am Bein. Die Schmerzen fingen im großen Zeh an und zogen durch den Fuß, bis ich mein ganzes Bein vor Schmerzen kaum noch bewegen konnte. Ich konnte nur noch an Krücken gehen. Kein Bader und kein Doktor konnten meine Beschwerden lindern. Deshalb beschloss ich, mich auf diese Pilgerreise zu begeben und hoffte, dass Gott mir helfen würde, wie er schon viele vor mir mit den unterschiedlichsten Gebrechen geheilt hatte. Ich schloss mich einem Pilgerzug an, wo ich anfangs hinten auf einem Wagen aufsitzen konnte. Die Reise war sehr beschwerlich und mein Bein schmerzte, doch als ich in Santiago di Compostela ankam, konnte ich schon fast ohne Krücken zu dem Grab pilgern. Als ich meine Bitten und Gebete gesprochen und meine Opfergaben dargebracht hatte, spürte ich keine Schmerzen mehr! Ich konnte mein Bein bewegen, als wäre nie etwas gewesen! Nie werde ich diesen Moment vergessen!“
„Das ist ja unfassbar!“, rief Margareta aus.
„Für den Laien mag das unfassbar klingen, ist es aber nicht“, entgegnete Bruder Hubertus. „Solche Wunder geschehen immer wieder bei den Pilgerreisenden. Ein Mönch aus Reichenau zum Beispiel, erlangte in Santiago di Compostela sogar sein Augenlicht wieder und ich habe schon von vielen gehört, die dort von ihren Gebrechen durch Gotteshilfe geheilt wurden. Sogar ein Aussätziger wurde vom Aussatz befreit. Doch Gott heilt nicht nur Krankheiten, er hilft auch denen, die andere Hilfe benötigen. So wurden manche ihre Geldsorgen los, als sie von der Pilgerreise zurückkamen, weil ihr Land wieder fruchtbar geworden war und eine Mutter fand ihr lang vermisstes Kind wieder, das man schon für tot gehalten hatte.“
Margareta hörte diesen Erzählungen mit voller Begeisterung zu. Wenn Gott das alles bewirken konnte, konnte er auch dafür sorgen, dass sie noch ein Kind bekäme! So begann sie gleich, Cornelius einige Fragen zu stellen.
„Welches ist denn die beste Zeit für eine solche Pilgerreise?“
„Am besten bricht man auf, wenn der Schnee geschmolzen ist und das ganze Tauwasser schon weggeflossen ist. Also im Monat April.“
„Wie lange ist man dann unterwegs?“
„Es kommt darauf an, ob man zu Fuß oder mit dem Pferd reist, oder ob man ein Gespann dabei hat. Zu Fuß kann man je nach Konstitution zwei bis vier Meilen am Tag zurücklegen. Auf dem Rückweg war ich nur zu Fuß unterwegs, habe aber selten über drei Meilen am Tag geschafft. Eine Reise dieser Länge zehrt an den Kräften und man braucht öfters eine längere Ruhepause. In den Sommermonaten ist es für uns dort unvorstellbar heiß. Man reist dann am besten in den frühen Morgenstunden und am Abend, wenn die Sonne tiefer steht. Tagsüber, vor allem in der Mittagshitze, rastet man besser an einer schattigen Stelle. Eine solche Reise kann zwischen drei und zwölf Monaten dauern.“
„Ist man als Pilger überall willkommen und gibt es auch Gefahren, mit denen man rechnen muss?“
„Man ist zwar überall willkommen, muss aber in vielen Gasthäusern auch aufpassen, dass man nicht übers Ohr gehauen oder sogar im Schlaf ausgeraubt wird. Ich hatte sogar von jemandem gehört, der vom Betreiber eines Gasthauses selbst ausgeraubt wurde!“
„Wirklich? Das ist ja unerhört! Da denkt man, als Pilger hätte man einen besonderen Stand und dann muss man sich noch vor solchen Halunken in acht nehmen!“, warf Bruder Hubertus empört ein.
„Am besten kommt man in den Klöstern am Wegesrand unter. Dort ist man vor solchen Spitzbuben sicher. Reisen sollte man immer in einer größeren Gruppe. Dann kann nachts einer Wache halten und Räuber werden abgeschreckt. Diese gibt es nämlich unterwegs zu genüge. So mancher Pilger ist nie an seinem Ziel angekommen. Vor allem in den Bergen muss man besonders vorsichtig sein. Dort gibt es viele unübersichtliche Stellen und Hinterhalte.“
„Eine solche Reise birgt wohl viele Gefahren!“, warf Philipp ein, der Margaretas Absichten erraten hatte.
Doch Cornelius milderte das Gesagte gleich wieder ab. „Ihr müsst aber auch bedenken, wie viele Tausende zu Pilgerreisen aufbrechen und gesund wieder heimkommen. Es ist wirklich nur ein ganz kleiner Teil, bei dem etwas schief geht. Deshalb sage ich, dass sich eine Pilgerreise in jedem Fall lohnt und ich würde es jederzeit wieder tun.“
Cornelius hob sein Glas und leerte es in einem Zug. Er hatte nun genug geredet und war müde. Er war schließlich auch am heutigen Tag einige Meilen unterwegs gewesen. Cornelius verabschiedete sich und zog sich zurück. Morgen früh wollte er gleich wieder weiterziehen. Er konnte es kaum erwarten, seine Heimat wieder zu sehen.
Kapitel 10
Philipp ging ungeduldig in seinem Turmgemach auf und ab. Nachdem der Pilger vor ein paar Wochen die Homburg mit seinem Besuch beehrte, hatte er sich tatsächlich von Margareta zu einer Pilgerreise nach Santiago di Compostela überreden lassen. Seine Frau war wie besessen von dem Gedanken, dass diese Reise ihr das erhoffte Kind bescheren würde. Wenn es nach ihm ginge, würde er lieber den Sommer auf der Burg verbringen. Er war schließlich auch nicht mehr der Jüngste. Doch so waren nun viele Dinge vorzubereiten. Sie hatten entschieden, wer alles mitkommen sollte und dass Rupert, Philipps ältester Ritter, die Rolle des Kastellans übernehmen würde. Walther sollte Rupert so gut es ging unter die Arme greifen. Philipp hatte seinem Neffen bereits alles gezeigt, was er hierfür wissen musste. Es bestand schließlich immer noch die Möglichkeit, dass Walther eines Tages Graf der Homburg werden würde.
Die Ritter Thomas und Theodorich, sowie drei Knappen würden sie begleiten. Vom Gesinde kamen die Zofe Grete, eine Magd namens Elvira und Fuhrmann Berthold mit.
Eleonore würde als Margaretas Gesellschafterin mitreisen.
Philipp wartete ungeduldig auf den Mönch, den Abt Stephanus vom Kloster Wörschweiler ihnen für die Reise zur Verfügung stellen wollte. Dieser war schon einmal in Santiago di Compostela gewesen und sprach im Gegensatz zu Philipp und Margareta sehr gut Spanisch und Französisch. Bruder Hubertus wäre zwar auch gerne mitgekommen, aber weil er kein Spanisch sprach, entschied man sich ihn lieber für die geistlichen Belange der Burgbewohner zu Hause zu lassen.
Auf einmal hörte der Graf, wie der Wachmann das Eintreffen des Mönchs meldete. Erleichtert öffnete er die Tür, als es klopfte.
„Tretet ein und seid gegrüßt.“
Der Mönch betrat das Turmgemach und verneigte sich kurz vor dem Grafen.
„Seid gegrüßt, Graf Philipp. Mein Name ist Bruder Frederikus. Ihr habt mich wohl schon erwartet, um mit mir über die Pilgerfahrt zu sprechen.“
„Das ist richtig Bruder. Habt ihr die Karten dabei?“
„Ja, ich breite sie hier auf dem Tisch aus.“
Während der Mönch mehrere Landkarten, die im Besitz des Klosters Wörschweiler waren, auf dem großen runden Tisch ausbreitete, rief Philipp nach seinem Diener Bertram.
„Schicke bitte Thomas und Theodorich her. Sie sollen auch bei der Besprechung dabei sein und bring uns bitte etwas zu trinken.“
Kaum war der Mönch fertig, kamen auch schon die Ritter herbei geeilt, für die diese Reise ein großes Abenteuer war. Man versammelte sich um den großen Tisch und sah sich die Karten an, als es an der Tür klopfte und Margareta um Einlass bat.
„Erlaubt Ihr mir, bei der Besprechung dabei zu sein? Ich fahre schließlich auch mit und möchte gerne wissen, was auf mich zu kommt.“
Bruder Frederikus, der es nicht gewohnt war, dass sich eine Frau um solche Dinge kümmerte, musterte Margareta nur erstaunt, räusperte sich und ergriff dann das Wort: „Der offizielle Pilgerweg aus dem „Liber Sancti Jacobi“ beginnt in Vézelay, ein gutes Stück südwestlich von Paris. Wenn wir dort angekommen sind, geht es über eine festgelegte Pilgerroute, die durch Bourges, Limoges, Périgueux, Roncevalles, Pamplona, Santo Domingo de la Calzada, Léon und schließlich nach Santiago di Compostela führt.“
Der Mönch zeigte mit einem Stab die Städte auf der Karte.
„Auf dieser Route ist man auf Pilger eingestellt und meistens freundlich gesinnt. Es gibt viele Unterkünfte, die man benutzen kann. Nur in den Bergen muss man mit Überfällen rechnen, was aber bei einer Gruppe unserer Größe auch schon fast auszuschließen ist. Im April und Mai kann es noch öfters regen, aber ab Juni wird es dort viel heißer und trockener, als es bei uns im Sommer ist.“
„Wie kommen wir aber am sichersten nach Vézelay? Bis dorthin ist es auch noch ein gutes Stück.“
„Am besten reisen wir über Gemünd nach Puttelange und von dort weiter über Nancy und Neufchâteau, wo wir bald die Grenze zwischen Lothringen und Frankreich passieren werden. Obwohl Pilger eigentlich keine Zölle bezahlen müssen, gibt es an manchen Übergängen und auch Flüssen Zöllner, die sich trotzdem und sogar mit Gewalt ihren Zoll erstreiten wollen. Aber als große Gruppe haben wir das Glück, das wir uns gut durchsetzen können.“
“Die sollen nur mal versuchen irgendwelche krummen Geschäfte zu machen! Dann kriegen sie es mit mir zu tun!“, ereiferte sich Thomas.
„Wie geht es dann nach der Grenze weiter?“
„In Burgund gelangen wir nach Chaumont, Châteauvillain und Châtillon, bis wir Vézelay erreichen.“
„Das wäre also im Großen und Ganzen die Strecke. Die Flüsse fahren wir dann wohl nicht hinunter?“
„Nein, das ist nicht notwendig. Wir müssen zwar hin und wieder einen Fluss überqueren, und kurz vor Vézelay auch ein Stück den Fluss Armancon entlang fahren, aber längere Passagen sind nicht zu empfehlen, das würde mit dem Wagen und den vielen Pferden zu teuer werden.“
„Wie sieht es mit der Ausrüstung aus?“
„Wir brauchen auf jeden Fall Zelte, weil wir nicht überall Unterkunft bekommen werden. An Kleidung brauchen wir für die erste Zeit dicht gewebte Sachen, die den Regen nicht durchlassen und später für die Hitze am besten dünne, helle Kleidung, die vor Sonne schützt. Dort unten gibt es Hüte, mit weiten Krempen, die die Sonne abhalten. Diese können wir uns vor Ort besorgen.“
„Kochgeschirr werden wir auch brauchen“, warf Thomas ein.
„Ja, auf jeden Fall. Aber um diese Dinge, sowie um die Essensvorräte und die Wasserschläuche wird sich die Magd Elvira unter Bertas Anleitung kümmern“, erklärte Margareta.
„Aber Graf, ich hoffe, wir nehmen für die lange Reise nicht nur Wasser mit!“
„Ein paar edlere Tropfen werden wir schon noch einpacken. Aber vergiss nicht, dass wir eine Pilgerfahrt machen und da werden Entbehrungen schon auf dich zukommen.“
„Gewiss, Herr Graf!“, rief Thomas.
Bruder Frederikus fuhr in seiner Planung fort: „Unser Infirmarius richtet mir noch ein paar Kräuter und Salben, die wir vielleicht bei bestimmten gesundheitlichen Beschwerden benötigen. Was noch ganz wichtig ist, ist, dass Ihr den größten Teil Eures Geldes, welches Ihr mitnehmt, an verschiedenen Stellen in Eure Kleidung einnähen lasst und nur einen kleinen Teil im Geldbeutel aufbewahrt. Dann kann Euch bei einem Überfall oder wenn ein Taschendieb im Gedränge zu dicht an Euch herankommt, nie alles gestohlen werden.“
„Das werden die Edelfrauen gerne erledigen“, warf Margareta ein.
„Wann werden wir aufbrechen, Graf?“
„Wir werden das Osterfest abwarten und am nächsten Tag früh morgens aufbrechen. Bis dahin werden die Böden anfangen zu trocknen und wir werden gut vorwärtskommen. Hat noch jemand Fragen?“
„Ich denke, vorerst ist alles geklärt“, antworteten die Ritter einstimmig.
„Gut, dann lasst uns zum Essen gehen, dort werden sie schon auf uns warten.“
Bruder Frederikus räumte die Karten zusammen und dann begaben sie sich gemeinsam zum Rittersaal, wo man mit dem Auftragen des Essens schon begonnen hatte.
Bruder Hubertus erwartete sie schon sehnsüchtig. Auch wenn er selbst nicht mitkam, interessierte er sich sehr für die Pilgerreise, außerdem freute er sich auf Bruder Frederikus, den er schon lange nicht mehr gesehen hatte.
„Sei gegrüßt, Bruder Frederikus! Ich hoffe es geht dir gut.“
„Sei gegrüßt, Bruder Hubertus. Mir geht es gut. Und dir hoffentlich ebenso.“
„Seid ihr mit eurer Besprechung fertig geworden?“
„Ja. Wir wissen nun genau, wo es lang geht und was wir alles benötigen. Nach dem Osterfest werden wir aufbrechen.“
„Das ist gar nicht mehr so lange. Man hat schon eifrig mit den Vorbereitungen begonnen.“
Frederikus und Hubertus redeten über die Pilgerfahrt, bis sie schließlich das Thema wechselten und sich über ihr gemeinsames Leben im Kloster Wörschweiler unterhielten und noch ein paar neue Begebenheiten austauschten.
Kapitel 11
Das Osterfest stand vor der Tür. Die Natur lockte mit den ersten warmen Sonnenstrahlen und der Himmel war herrlich blau. Die ersten Frühlingsblumen spitzten hervor und die Menschen spürten, dass die Last des Winters endgültig von ihnen fiel. Es roch nach Frühling. Überall zwitscherten die Vögel und sangen ihr Lied vom Neubeginn des Lebens. Die Knechte fegten den Burghof und stimmten pfeifend in das Lied der Vögel ein. So gut gelaunt ließ sich ihre Arbeit gleich viel schneller erledigen und sie hatten noch Zeit hinter den Mägden herzupfeifen und ihnen schöne Augen zu machen.
Haushofmeister Ulrich warf ihnen einen tadelnden Blick zu, verzichtete aber wegen des schönen Frühlingswetters auf eine Rüge. Als er gerade seiner eigenen Arbeit weiter nachgehen wollte, sah er, dass ein Fremder durch das Burgtor geritten kam. Der Reiter trug unter seinem weiten Mantel die Kleidung eines Ritters, aber ohne Rüstung. Er hatte längere braune Haare und wirkte noch sehr jung.
„Seid gegrüßt“, sagte dieser zu ihm und stieg von seinem Pferd ab. „Ich habe gehört, dass der Graf und die Gräfin der Homburg nach Ostern zu einer Pilgerfahrt nach Santiago di Compostela aufbrechen wollen. Ich würde mich gerne ihrem Pilgerzug anschließen.“
„Wartet einen Augenblick. Ich werde dem Grafen Bescheid sagen“, sagte Ulrich und verschwand in Richtung Bergfried, wo der Graf im Turmgemach tätig war. Kurze Zeit später erschien Philipp und begrüßte den Fremden.
„Du willst dich also unserem Zug anschließen?“
„Ja, mein Name ist Markus und ich bin ein Ritter aus Frankfurt. Ich bin auf dem Weg nach Santiago di Compostela und habe von Graf Egbert, von dem ich Euch recht herzlich grüßen soll, erfahren, dass Ihr mit einem größeren Pilgerzug ebenfalls nach Compostela aufbrechen wollt. Da es sich gemeinsam sicherer Reisen lässt, wollte ich Euch fragen, ob ich mich Euch anschließen darf.“
Philipp musterte den jungen Ritter samt Pferd und entschied, dass dieser sie bei ihrer Reise wohl kaum behindern würde. Er erteilte ihm die Erlaubnis, mitzukommen.
„Bring dein Pferd in den Stall und Ulrich wird dir zeigen, wo du bis zu unserer Abreise unterkommen kannst.“
„Vielen Dank, Herr Graf, es ist mir eine Ehre.“
Ulrich brachte den Ritter mit seinem Pferd zu den Ställen und führte ihn anschließend zu den Gästekammern im Palas.
Walther hatte diese Szene vom anderen Ende des Burghofes aus beobachtet. Da kam noch einer, der an diesen Unsinn mit dem Pilgern glaubte. Walther hatte dafür kein Verständnis. Louise wollte ihn auch schon dazu überreden, mitzureisen, damit sein Bein geheilt würde, aber er glaubte nicht an diesen Hokuspokus. Dafür freute er sich darüber, dass er in der Abwesenheit des Grafen seine Stellung auf der Burg ausbauen konnte. Den alten Rupert würde er von seinen Fähigkeiten überzeugen können, und wenn der Graf zurückkäme, würde er immer mehr in dessen Fußstapfen treten. Philipp war nicht mehr der Jüngste und würde nicht ewig leben und Walther glaubte nicht, dass Margareta noch ein Kind empfangen würde. Es lief alles bestens für ihn. Nur noch ein paar Tage und sie waren weg.
Walther humpelte auf seinen Stock gestützt über den Hof zum Bergfried. Mühevoll schaffte er sich die Treppen zu Philipps Turmgemach hoch, weil dieser ihm ein paar Dinge erklären wollte, um die er sich während seiner Abwesenheit kümmern sollte.
„Gut, dass du gekommen bist, Walther. Gleich nach dem Osterfest sollst du in den Ort gehen und den Steinmetz beauftragen an der Burgmauer ein paar Stellen auszubessern. Er wird dazu ein paar Leute einstellen müssen. Du musst ihm einen Vorschuss zahlen, damit er das Material besorgen kann. Hier in diesem Beutel habe ich das Geld, welches für die Arbeiten ausreichen müsste.“
Philipp hatte ein Schubfach unter seinem Tisch geöffnet und zeigte Walther einen Lederbeutel mit Münzen.
„Hier ist auch noch ein zweiter Beutel, aus dem ihr alle anderen anfallenden Kosten decken müsst. Geht sparsam damit um. Nur Rupert und Bruder Hubertus haben noch Zugang zu dem Geld. Bruder Hubertus trägt alle Ausgaben in die Bücher ein. Ich habe volles Vertrauen zu dir, dass du nichts ungefragt und ohne die Zustimmung des Kastellans ausgibst.“
Der Graf legte die Beutel wieder zurück in das Schubfach und verschloss dieses mit einem Schlüssel.
“Den Schlüssel werde ich Bruder Hubertus geben. Ich habe ihm gesagt, dass er dir jederzeit Zugang zu dem Geld gewähren soll.“
„Vielen Dank, Graf Philipp, dass Ihr mir ein solch großes Vertrauen entgegen bringt. Ich werde Euch gewiss nicht enttäuschen.“
Gegen Abend machten sich die Burgbewohner gemeinsam auf den Weg nach Beeden, um in der Kirche während des Gründonnerstagsgottesdienstes das Abendmahl zu empfangen. Nach der feierlichen Zeremonie ging es wieder zurück zur Burg. Man traf sich im Rittersaal und aß den fleischlosen Gemüseeintopf, den es immer an diesem Tag gab. Ritter Markus saß an der Tafel des Grafen und erzählte von den Beweggründen für seine Pilgerreise.
„Ich hatte mich in das hübscheste Mädchen aus ganz Frankfurt verliebt. Doch unsere Eltern waren zerstritten und gegen eine Heirat. Es war aussichtslos. Wir waren ganz verzweifelt und ich schwor bei Gott, dass ich, wenn wir je zusammenkommen sollten, eine Pilgerreise nach Santiago di Compostela machen würde.“
„Dann habt ihr wohl zusammengefunden?“, fragte Ruperts Tochter Katharina gerührt.
„Ja, beim Dreikönigsfest ging ein Hengst durch und verwandelte sich in eine rasende Bestie. Er stürmte auf eine Gruppe von Leuten zu, zu denen Annabellas Vater gehörte. Ich machte mich sofort auf, um ihm zu helfen und erwischte die Zügel des Hengstes und konnte ihn mit aller Gewalt herumreißen, sodass Annabellas Vater verschont blieb. Danach hat sich alles zum Guten gewendet und unsere Eltern haben uns die Erlaubnis zur Heirat gegeben. Sobald ich von der Pilgerfahrt zurückkehre, werden wir heiraten!“
„Ach, wie romantisch und was für einen schönen Namen Eure Verlobte hat!“
Katharina war ganz hin und weg von der Geschichte des jungen Ritters. Wie gerne wäre sie an Annabellas Stelle gewesen! Aber das sagte sie natürlich nicht.
„Wir hoffen für dich, dass die Pilgerreise nicht so lange dauert und dass du schnell wieder nach Hause in die Arme deiner Geliebten kommst“, sagte Eleonore, die auch für sich selbst hoffte, dass sie nicht zu lange unterwegs sein würden.
Der nächste Morgen begann mit dem Karfreitagsgottesdienst, ebenfalls in der Pfarrkirche. Danach machte man sich trotz des Feiertags an die weiteren Vorbereitungen. Zelte und Kleider wurden gerichtet und bereitgelegt. Die Frauen hatten viele kleine Gefächer in die Kleidung eingenäht, damit das benötigte Geld sicher versteckt werden konnte. Berthold überprüfte zum letzten Mal den Wagen, der eigens für die Pilgerreise umgebaut worden war. Man hatte über der Ladefläche, auf der sich auf beiden Seiten eine Sitzbank befand, ein Holzgestell angebracht, über welches man eine Plane aus gegerbtem Leder gezogen hatte. So würden die Frauen und das Gepäck vor Regen und Sturm geschützt sein. Berta ging zusammen mit Elvira durch, was an Kochgeschirr und Proviant eingepackt werden musste. Die Pferde bekamen die Tage besonders gutes Futter, damit sie die lange Reise gut überstehen würden. Die lange Strecke würde sehr anstrengend für die Tiere werden. Man würde nur die Besten mitnehmen.
Als der Ostersonntag gekommen war, begaben sich die Burgbewohner wieder in die Kirche und feierten die Auferstehung Jesu Christi. Philipp dachte, wie schon so oft an solchen Feierlichkeiten, wie praktisch es wäre, wenn der Flecken am Fuße der Homburg eine eigene Kirche hätte und man nicht immer nach Beeden ziehen müsste. Die Kapelle auf dem Südhof der Burg war einfach zu klein.
Die Fastenzeit war endlich vorbei. Die Edelfrauen, die nicht an den Reisevorbereitungen beteiligt waren, hatten hart gekochte Eier bunt gefärbt und verteilten sie nach dem Gottesdienst an die Dorfbewohner. Es waren auch noch genug Ostereier für die Reise übrig. Die Burgbewohner zogen wieder hoch zur Homburg, um ihr reichhaltiges Ostermahl zu genießen. Es gab Lamm, wie es an Ostern Tradition war.
Bruder Frederikus vom Kloster Wörschweiler war pünktlich zum Essen eingetroffen. Er hatte seinen Reisebeutel mitgebracht. Da er kein eigenes Pferd besaß, würde er eines aus Philipps Ställen bekommen.
„Seid Ihr mit den Reisevorbereitungen fertig geworden?“, fragte er den Grafen.
„Ja, wir haben alles vorbereitet. Der Rest muss noch auf den Wagen geladen werden und dann kann es losgehen.“
„Wie viele Leute werden wir sein?“
„Wir werden zu dreizehnt reisen. Ein Ritter aus Frankfurt hat sich unserem Zug angeschlossen. Er ist ebenfalls ein Pilger.“
„Das ist wirklich sehr gut. Bei einer so großen Gruppe werden wir keiner Gefahr ausgesetzt sein.“
„Ich denke, wir werden auch recht zügig vorankommen. Die Frauen sitzen in dem Wagen und ansonsten sind wir alle mit guten Pferden ausgestattet.“
„Bei meiner letzten Pilgerreise waren wir zu Fuß unterwegs und hatten auch Kranke dabei. Das hat sehr lange gedauert. Da wird diese Reise ein richtiges Vergnügen werden.“
Am nächsten Morgen wurde ein letzter Gottesdienst gefeiert. Die Pilger legten die Beichte ab und knieten vor dem Altar nieder. Dann sang der Priester Bußpsalme und Litaneien und betete für sie. Er segnete die Pilger und überreichte ihnen symbolisch Pilgerstab und Tasche. Auch er wäre gerne nach Santiago di Compostela gepilgert, aber er hatte auch eine Verantwortung gegenüber seiner Gemeinde.
Am Nachmittag begab sich Margareta zu Philipp.
„Können wir uns Morgen, wenn wir am Kloster Wörschweiler vorbeikommen, noch von Simon verabschieden?“
„Ja, daran dachte ich auch schon. Es wird uns nicht lange aufhalten.“
Margareta traf sich mit den Edelfrauen in ihrem Gemach.
„Morgen werden wir aufbrechen. Ich hoffe, dass ihr mich hier gut vertreten werdet.“
„Darauf könnt Ihr Euch verlassen, Gräfin!“, sagte Hannelore.
Eine kleine Träne lief ihr die Wange hinunter. Margareta nahm sie in den Arm. Auch die anderen Frauen umarmten nacheinander Margareta und Eleonore.
„Es ist mir zwar eine große Ehre Euch zu begleiten, aber ich wäre froh, wenn wir schon wieder wohlbehalten zurück wären“, sagte Eleonore. „Ich habe noch nie in meinem Leben eine solch lange Reise gemacht.“
„Ich war auch noch nie solange von zu Hause weg, aber ich bin mir ganz sicher, dass alles gut gehen wird. Außerdem spüre ich, dass die Pilgerfahrt auch ihren Zweck erfüllen wird. Es muss einfach so sein.“
„Wir wünschen Euch alle viel Glück und Gottes Segen, dass Euer Wunsch in Erfüllung gehen wird“, sagte Katharina.
Indes waren auch die Gaukler am Zusammenpacken. Auch sie hatten das Osterfest abgewartet, um aufzubrechen. Bei dem milden Wetter packte sie das Fernweh und nichts konnte sie mehr halten. Auf den Märkten würden sie jetzt wieder ihr Geld verdienen können. Philipp hatte ihnen für die Abendunterhaltung einen Beutel mit Münzen überreicht, obwohl sie schon Kost und Unterkunft über den ganzen Winter freigehabt hatten. Am nächsten Morgen würden sie gemeinsam mit dem Pilgerzug die Burg verlassen.
Für die Pilger wurde der Wagen fertig gepackt. Zelte, Kochgeschirr, Kleidung zum Wechseln, insbesondere auch Sommerkleidung, wurden eingeladen. Das frischgebackene Brot musste noch abkühlen. Die Trinkschläuche wurden gefüllt. Schinken, Eier, Honig, Gemüse und Äpfel wurden verstaut. Man machte alles für die Reise fertig, sodass am nächsten Morgen gleich aufgebrochen werden konnte.
Berta, die zusammen mit Johanna die Nahrungsmittel einlud, klammerte sich plötzlich an den Arm der Hauswirtschafterin.
„Johanna weißt du noch, wie ich vor der Jagd so ein ungutes Gefühl hatte?“, fragte die Köchin mit zitternder Stimme.
„Ja, ich erinnere mich.“
„Genau das gleiche Gefühl habe ich jetzt auch. Oh Gott, ich habe solche Angst, dass bei dieser Reise etwas passieren könnte!“
„Aber Berta! Male den Teufel doch nicht an die Wand! Damals hattest du viel Arbeit und heute auch. Das wird es wohl sein. Wir sind gleich fertig, dann kannst du dich ausruhen. Mach bloß der Gräfin nicht unnötig Angst. Du kannst sie ohnehin nicht aufhalten.“
Berta wusste nicht genau, was sie jetzt tun sollte. Sollte sie nicht doch Margareta warnen? Aber wahrscheinlich hatte Johanna recht und sie war nur ein wenig müde von der Arbeit. Berta beschloss, sich gleich ein wenig auszuruhen. Dann würde die Welt wieder ganz anders aussehen.
Teil 2:
Die Pilgerreise 1296
Kapitel 1
Endlich war es so weit! Der erste Reisetag war gekommen. Man hatte die restlichen Dinge auf dem überdachten Wagen verstaut und sich von allen verabschiedet. Der Zug der Gaukler und Pilger bewegte sich den Bergrücken hinunter und durch das Dorf. Das Wetter war auf ihrer Seite. Obwohl die Sonne gerade erst aufgegangen war, waren am blauen Himmel nur ein paar vereinzelte weiße Wolken zu sehen.
Margareta musste blinzeln, als sie aus dem Wagen heraus sah. Trotz der Frühe standen schon einige Bewohner auf den Straßen und winkten dem Grafen und der Gräfin zum Abschied zu. Margareta winkte glücklich zurück. Sie war so froh, dass sie endlich unterwegs waren. Bald würde sich alles zum Guten wenden!
Auch die anderen freuten sich über die guten Wünsche der Dorfbewohner.
„Ob sie uns wirklich vermissen werden?“
„Ich denke schon, dass sie froh sein werden, wenn der Graf, der ihnen Schutz und Recht gewährt, wieder da sein wird.“
Kurz nach dem Dorf trennte sich der Weg der Pilger und der Gaukler. Die Gaukler zogen weiter über Kirkel gen Saarbrücken.
Die Pilger hingegen zogen südsüdwestlich durch das Beedener Woog, bis sie den seichten Lambsbach durchqueren mussten, was weder für die Pferde, noch für den Wagen ein Problem darstellte. Dann ging es westlich über eine Brücke über den Erbach. Der Erbach plätscherte munter dahin, bis er unmittelbar nach der Brücke in die Blies mündete. Kurz darauf erreichten sie den Klosterberg.
Die Männer zügelten die Pferde und Margareta und Philipp stiegen gemeinsam den steilen Fußweg zum Kloster hinauf.
„Gott zum Gruße, Pilger!“, begrüßte sie der Abt an der Pforte. „Nun geht es also los. Ich wünsche Euch alles Gute und gebe Euch meinen Segen mit auf die Reise.“
„Vielen Dank, Abt Stephanus. Wir wollen noch von Simon Abschied nehmen, wenn Ihr uns zur Klosterkirche begleiten wollt.“
„Das ist doch selbstverständlich. In spätestens zwei Wochen werdet Ihr zu einer Zisterzienserabtei namens Fontenay gelangen. Bestellt dem Abt viele Grüße von mir, er ist ein alter Freund. Ihr werdet dort eine gute Unterkunft vorfinden. Hier habt Ihr noch einen Geleitbrief vom Kloster, der Euch als Pilger ausweist. Dann müsst Ihr keine Zölle bezahlen und man gewährt Euch in den Klöstern freie Unterkunft.“
In der Kirche kniete Margareta vor Simons Grab und Philipp legte tröstend die rechte Hand auf ihre linke Schulter. Sie sprachen ein stummes Gebet für ihren geliebten Sohn und nahmen Abschied.
„Ach, wäre Simon doch bloß noch am Leben“, klagte Margareta.
„Da hast du recht. Dann müssten wir diese Strapazen nicht auf uns nehmen.“
„Wohl wahr.“
Schweigend stiegen sie den Berg hinunter. Margareta nahm wieder auf dem Wagen Platz und Philipp stieg auf sein Pferd.
Sie ritten weiter durch die Auen und durchquerten den Ort Bierbach, wo ihnen ein paar Mägde neugierig nachblickten. Es ging weiter nach Süden durch ein schmales Tal, welches links und rechts von Bäumen gesäumt wurde. In der Bliesaue lag die kleine Siedlung Webenheim, nach der sie sich westlich hielten, bis sie zu einer Brücke kamen, wo sie von einem Zöllner angehalten wurden.
„Seid gegrüßt! Wenn ihr diese Brücke überqueren wollt, müsst ihr den Brückenzoll entrichten!“
Als Philipp auf den Zöllner zuritt, erkannte dieser den Grafen.
„Oh, Herr Graf! Ihr dürft selbstverständlich passieren. Ich habe gehört, dass Ihr eine Pilgerreise macht. Ich wünsche Euch alles Gute auf Eurer Reise.“
Der Zöllner verneigte sich kurz vor dem Grafen und trat zur Seite, sodass der Zug die Brücke überqueren konnte. Sie ritten an Blieskastel, Alschbach und Biesingen vorbei und rasteten am Fuße des Hölschbergs, wo ein kleiner Fluss, der Mandelbach entsprang.
Die Männer stiegen von den Pferden und ließen diese trinken und weiden. Die Frauen kletterten aus dem Wagen und vertraten sich die Beine.
„Wie schön es hier ist!“, seufzte Margareta. Sie trat durch das grüne Moos und ging zu der Quelle, um die sich ein paar Bäume gruppierten. Margareta kniete nieder, streifte ihre Ärmel hoch, tauchte ihre Hände und Arme in das kalte, klare Wasser und wusch sich das Gesicht.
„Ach, tut das gut! Kommt rüber und erfrischt euch!“, rief sie den anderen zu. Diese folgten ihrem Beispiel.
„Hier ist wirklich ein schöner Flecken“, sagte Eleonore.
Sie setzte sich zusammen mit Margareta auf einen Baumstumpf und schloss die Augen.
„Los, wir machen einen kleinen Spaziergang!“
Margareta erhob sich. Zusammen mit Eleonore ging sie ein paar Schritte auf den Berg zu.
„Siehst du die schönen Blumen, die hier blühen? Wenn ich zu Hause wäre, würde ich einen Strauß pflücken und sie in eine Vase stellen.“
Die beiden bewunderten Gänseblümchen, Löwenzahn und Wiesenschaumkraut. Als sie wieder bei den anderen ankamen, hatten Elvira und Grete bereits eine Vesper vorbereitet. Es gab Brot, Schinken und gefärbte Eier. Sie ließen es sich schmecken und tranken reichlich Wasser aus der Quelle, welches sie mit hölzernen Krügen herausgeschöpft hatten.
Nach der Mahlzeit ruhten sie sich in der Sonne aus. Dann spannten sie die Pferde wieder ein und brachen auf.
Eleonore lehnte sich zurück.
„Bis jetzt gefällt mir unsere Pilgerreise. Dabei hatte ich solche Angst davor.“
„So wunderschön wie heute wird es aber leider nicht jeden Tag sein.“
„Da habt Ihr wohl Recht.“
Die Reise ging weiter gen Süden direkt durch das malerische Tal des kleinen Mandelbachs. Das Flüsschen plätscherte dahin durch die grünen Wiesen, die mit Frühlingsblumen übersät waren. Schilf und kleine Büsche säumten seinen Weg.
Sie durchquerten Erfweiler, Wittersheim, Bebelsheim, Habkirchen und Mandelbach, wo der Mandelbach schließlich in die Blies mündete.
„Nun sind wir wieder an unserer Blies“, bemerkte Philipp.
„Jetzt müssen wir den Fluss wohl überqueren“, sagte Ritter Thomas.
„Dort hinten ist eine Brücke.“
Sie passierten die Brücke und Philipp zeigte auf eine Burg auf einer Anhöhe.
„Seht ihr diese Burg dort oben? Es ist die Burg Frauenberg. Von dort kann man sehr gut den Wasserweg kontrollieren.“
„Das ist wirklich ein guter Standpunkt. Kennt Ihr den Burgherren?“
„Nein, ich glaube aber, dass er mit den Bliesgaugrafen verwandt ist.“
Der Weg ging weiter nach Südwesten und die Pferde wurden allmählich müde.
„Wie lange werden wir heute noch reisen, Herr?“, fragte Fuhrmann Berthold den Grafen.
„Gleich kommen wir nach Gemünd, wo die Blies in die Saar mündet. Dort werden wir übernachten.“
Schließlich erblickten die Pilger das Städtchen, welches von einer Schutzmauer umrahmt wurde. Auf einer Anhöhe überragte das Schloss, das im Besitz der Herzöge von Lothringen war, das Saartal.
Margareta lehnte sich aus dem Wagen.
„Werden wir in der Stadt übernachten, Philipp?“
„Ja, in Gemünd gibt es ein Gasthaus, in dem wir schlafen können. Das ist besser als im Zelt.“
Am Stadttor baten sie um Einlass und zeigten ihre Dokumente vor. Dann machten sie sich auf die Suche nach einer Unterkunft.
„Dort drüben am Marktplatz scheint etwas zu sein. Dort ist auch ein Brunnen, wo wir die Pferde tränken können“, rief Theodorich. „Ich werde uns ankündigen.“
Theodorich stieg vom Pferd und begab sich ins Gasthaus.
„Seid gegrüßt. Der Graf und die Gräfin von Homburg bitten mit ihren Mannen um Quartier. Sie sind auf Pilgerreise und möchten eine Nacht bleiben.“
„Wie viele seid ihr?“
„Wir sind dreizehn Personen. Der Graf und die Gräfin, drei Ritter, eine Edelfrau, ein Mönch und ansonsten drei Knappen und drei Bedienstete.“
Der Wirt überlegte kurz. Da das kein Pilgerweg war, würden sie nicht erwarten, dass sie umsonst übernachten könnten.
„Ich kann euch drei Kammern zur Verfügung stellen. Der Rest muss in den Ställen bei den Pferden schlafen. Diese sind übrigens gleich links vom Gasthof.“
„Können wir dort auch unseren Wagen abstellen?“
„Ja, dort ist genug Platz.“
Theodorich begab sich wieder zu den anderen und teilte ihnen mit, was der Wirt gesagt hatte.
Als Berthold den Wagen abgestellt hatte, nahmen Elvira und Grete die Dinge heraus, die sie für die Nacht benötigten. Dann begaben sie sich in den großen Saal des Gasthofes und der Wirt zeigte ihnen ihre Kammern.
Nachdem sich alle etwas frisch gemacht hatten, ging man gemeinsam in den Speisesaal und nahm an den Tischen Platz.
Die Wirtsfrau brachte das Essen herein. Es gab einen deftigen Eintopf, der den Reisenden nach der vielen frischen Luft besonders gut schmeckte. Dazu schenkte man ihnen verdünnten Wein ein.
„Na, Margareta, bist du jetzt zufrieden?“, fragte Philipp seine Gemahlin.
„Ach, Philipp, der Tag ist heute so gut gelaufen! Ich denke, dass das ein gutes Zeichen ist. Gott ist auf unserer Seite.“
„Das denke ich auch. Wenn der erste Reisetag gut läuft, wird auch der Rest klappen“, bekräftigte Ritter Thomas die Gräfin.
„Morgen früh werden wir zeitig aufbrechen. Wir sollten uns bald zurückziehen.“
So begaben sie sich nur wenig später in ihre Kammern.
„Ich denke wir sollten ausnutzen, dass wir eine Kammer für uns allein haben“, sagte Margareta zu Philipp.
Dieser trat auf sie zu und begann ihr langsam die Reisekleider auszuziehen. Er hängte sie über einen Stuhl und streifte auch seine Kleidung ab. Dann zog er Margareta ganz dicht an sich heran und begann sie zu küssen. Sie sanken auf das Bett nieder und liebten sich innig, bis sie erschöpft von der langen Reise einschliefen.
Kapitel 2
Am nächsten Morgen standen sie früh auf und trafen sich im Speisesaal.
„Guten Morgen, habt ihr gut geschlafen?“, fragte Eleonore, die mit Theodorich bereits am Tisch saß.
„Ja, wenn man den ganzen Tag unterwegs ist, schläft man wie ein Stein“, antwortete Margareta.
Thomas kam herunter und schnupperte.
„Hab ich Hunger! Es duftet im ganzen Hause schon nach frischgebackenem Brot.“
Er setzte sich an den Tisch und langte reichlich zu. Auch die anderen genossen die Stärkung. Nach dem Mahl reichte Philipp dem Wirt die geforderten Heller und verabschiedete sich. Berthold spannte die Pferde an und der zweite Tagesritt begann.
Auch an diesem Tag lachte die Sonne auf die Pilger herab.
Sie überquerten an einer Furt die Saar und hielten sich immer südwestlich, bis sie am späten Vormittag den Ort Puttelange erreichten, in dem ein Freund Philipps eine Burg besaß.
„Auch wenn die Mittagszeit noch nicht ganz gekommen ist, möchte ich hier rasten und meinem alten Freund Heinrich von Salm einen Besuch abstatten“, verkündete der Graf. Sie ritten zum Burgtor und baten um Einlass. Kaum waren sie auf dem Hof und hatten die Pferde untergestellt, kam ihnen schon der Burgherr entgegen. Er breitete die Arme aus und trat auf Philipp zu und umarmte diesen.
„Na, Philipp, lass dich ansehen. Wie geht es dir und was führt dich hierher?“
Er begrüßte auch Margareta.
„Sei gegrüßt, Heinrich, das ist eine lange Geschichte. Wir sind auf Pilgerreise und möchten nur heute Mittag hier rasten.“
„Schade, ich hatte schon gehofft, ihr würdet länger bleiben und wir könnten über die guten alten Zeiten plaudern. Ich werde dem Koch Bescheid geben. Im Palas könnt ihr euch ein wenig frisch machen und kommt dann in den Rittersaal. Die Knechte sollen eure Pferde versorgen.“ Heinrich verschwand in der Burg.
Nachdem sie sich erfrischt hatten, nahmen sie im Rittersaal an Heinrichs Tafel Platz.
„Jetzt lasst hören, was euch zu einer Pilgerreise veranlasst hat.“
Philipp und Margareta sahen sich betrübt an. Dann ergriff Philipp das Wort und erzählte von dem Jagdunfall und ihrem Wunsch nach einem neuen Erben.
„Oh, das tut mir sehr leid. Es ist nie leicht, wenn man sein Kind verliert.“
„Simon war schon so weit mit seinen vierzehn Jahren. Er wäre bestimmt ein guter Ritter und Burgherr geworden.“
Es entstand eine kurze Pause.
„Was macht eigentlich dein Bruder Ludwig?“
„Wir haben schon seit Jahren nichts mehr von ihm gehört. Er ging damals mit seiner Frau nach Österreich, aber wir wissen noch nicht einmal, ob er Kinder hat.“
„Und dein anderer Bruder, Dietrich?“
„Das ist auch ein Problem. Dietrich kam im Herbst mit seiner Frau bei einem Brand auf der Merburg ums Leben. Die Einzigen, die überlebten, waren sein Sohn Walther und dessen Knecht, doch Walther hatte sich schwer verletzt, als er bei dem Brand aus dem Fenster sprang. Sein Bein bleibt für immer lahm. Er wohnt nun bei uns auf der Homburg. Die Merburg ist fast ganz abgebrannt. Eigentlich sollte er ins Kloster eintreten, aber jetzt, wo Simon tot ist, werden wir ihn vielleicht auf unserer Burg brauchen.“
„Ich komme mit Walther nicht zurecht, er ist so mürrisch und macht immer den Eindruck, als ob er etwas im Schilde führen würde“, fügte Margareta hinzu.
„Da habt ihr aber wirklich viel durchgemacht. Lasst uns auf den Erfolg eurer Reise und eine bessere Zukunft trinken!“
Heinrich erhob seinen Becher und die anderen taten es ihm nach.
Die Pagen trugen das Essen auf und man begann mit dem Mahl. Margareta musste sich zwingen, nach diesem Gespräch überhaupt etwas zu essen. Die ganze schwere Last stürzte wieder auf sie ein. Sie stocherte nur im Essen herum.
„Wir werden aufbrechen“, verkündete Philipp nach dem Mahl. „Vielen Dank für deine Gastfreundschaft, Heinrich. Wenn du einmal in unserer Gegend bist, hoffen wir, dass du uns einen Besuch abstattest.“
„Jetzt macht erst mal eure Reise, vielleicht sehen wir uns schon auf dem Rückweg wieder.“
„Das wäre möglich.“
Sie brachen auf gen Südwesten. Ein paar Wolken zogen auf. Margareta und Philipp waren immer noch betrübt. Beide hingen ihren Gedanken nach. Am Abend erreichten sie eine von Bäumen geschützte Wiese in der Nähe eines kleinen Baches. Sie hielten an und spannten die Pferde aus. Dann schlugen sie ihr Nachtlager auf.
Die Männer bauten schnell und geschickt die Zelte auf. In der Mitte des Platzes wurde Holz für ein Feuer aufgetürmt. Berthold entfachte die Flammen und Elvira begann über dem Feuer einen Eintopf aus den Vorräten, die sie mitgebracht hatten, zuzubereiten.
Die Reisenden versammelten sich ums Feuer und warteten, bis das Essen fertig war. Schließlich genossen sie ihr warmes Mahl.
Als sie fertig waren, stimmten Grete und Elvira ein Lied an. Das prasselnde warme Lagerfeuer, der Geruch des Rauches, der angenehm gefüllte Bauch und die schönen Gesänge der Mägde ließen Margareta ihre Sorgen wieder vergessen. Sie lehnte sich entspannt an Philipp und blickte in die Flammen. Philipp legte den Arm um sie und zog sie näher. Auch ihm ging es wieder besser.
Am nächsten Morgen taten den Frauen alle Knochen weh. Im Gegensatz zu den Männern, die auf Feldzügen so manches unbequeme Lager kennengelernt hatten, waren sie es nicht gewohnt, auf der Erde zu schlafen. Margareta und Eleonore reckten und streckten sich.
„Ihr habt wohl nicht so gut geschlafen?“, fragte Ritter Theodorich.
„Das kannst du laut sagen. Ich habe kaum ein Auge zu gemacht. Hoffentlich können wir in der nächsten Nacht wieder im Wirtshaus oder in einer Burg übernachten!“, klagte Eleonore.
„Unseren Frauen zuliebe sollten wir etwas langsamer von dannen ziehen, damit wir heute Abend in Chastel Sallin, der „Salzburg“, übernachten können“, meinte Theodorich.
„Das ist eine gute Idee. Ich habe auch nicht so gut geschlafen“, gab Philipp zu.
So wurde es dann auch gemacht. Man ließ die Pferde gemächlich traben und machte mittags eine längere Pause. So konnten die Tiere ein wenig Kraft tanken. Am späten Nachmittag erreichte man die Burg und nahm dort Quartier.
Gegen Ende des vierten Tages erreichten sie Nancy, die Hauptstadt von Lothringen. Die Stadt lag in einem Talkessel zwischen bewaldeten grünen Hügelketten und war von einer Stadtmauer umgeben. Die Reisenden mussten zuerst die Meurthe überqueren, bevor sie in die Stadt gelangten.
Sie sahen sich um. In der Nähe der Stadtmauer standen einfache Hütten aus Holz. Je weiter sie Richtung Stadtmitte gingen, desto solider und prächtiger wurden die Bauten.
„Das ist etwas anderes als unser Flecken!“, staunte Thomas.
„Irgendwann wird Homburg auch noch wachsen.“
„Nancy lebt von den Erzen, die man hier gefunden hat. Bei uns gibt es leider keine Bodenschätze.“
Philipp begann über die schlechte finanzielle Situation der Homburg nachzudenken. Wenn wir doch wenigstens das Geleitrecht für die große Straße hätten! Dann wären unsere Truhen auch besser gefüllt und unser Flecken würde sich besser entwickeln, dachte er. Zu Zeiten seines Vaters hatten sie noch einen Camerarius gehabt, der sich um die Finanzen kümmerte. Er konnte sich noch gut an ihn erinnern. Er hieß Udo de Mora. Heute konnte er selbst die Finanzen und Güter zusammen mit Bruder Hubertus verwalten.
„Dort vorne in der Straße stehen mehrere Gasthäuser!“, meldete Ritter Thomas. „Das Rechte macht den besten Eindruck.“
„Dann lasst uns dort um Quartier bitten.“
Sie begaben sich zu dem Haus, welches vollständig aus Stein gemauert war. Tonziegel deckten das Dach und eine breite Treppe führte zur Eingangstür des dreigeschossigen Gebäudes. Die Holzklappläden waren geöffnet und an der Seite hing ein Schild, auf dem ein weißer Hengst abgebildet war. Neben dem Gebäude befand sich ein Stall. Bruder Frederikus stieg vom Pferd und trat ein. Kurze Zeit später kehrte er zurück.
„Wir können die Pferde und den Wagen in den Stall bringen. Hier werden wir alle im Haus untergebracht.“
In dem großen Speisesaal standen mehrere Tische und es herrschte ein reges Treiben. Leute aßen und tranken, Mägde trugen Essen und Getränke auf und räumten wieder ab. Der Wirt trat zu ihnen und führte sie nach oben zu den Zimmern, wo sie ihre Sachen ablegen konnten. Die Bediensteten übernachteten in einem großen Schlafsaal. Die anderen bekamen kleine Kammern.
Sie gingen hinunter zum Essen. Man brachte ihnen Eintopf und Wein. Ritter Markus saß neben einem Mann in mittleren Jahren, dessen fast kahlen Kopf ein braungrauer Haarkranz säumte. Seine Kleider waren einfach, aber ordentlich und sauber. Der Fremde richtete das Wort an Markus.
„Was führt euch hier her? Ihr seid wohl gerade erst angekommen.“
„Wir machen eine Pilgerreise nach Santiago di Compostela und reisen Morgen auch gleich wieder weiter.“
„Nach Santiago? Dort wollte ich schon immer mal hin! Was ist der Grund für eure Reise?“
„Ich habe Gott versprochen nach Santiago zu pilgern, wenn er den Vater meiner Geliebten gnädig stimmt, damit er mich als seinen zukünftigen Schwiegersohn anerkennt. Auf der Homburg schloss ich mich dann dem Grafen und seinem Gefolge an, weil es sich in einem großen Zug sicherer Reisen lässt als allein.“
„Und warum macht euer Graf diese Reise?“
Markus senkte die Stimme und drehte sich mit vorgehaltener Hand zu dem Fremden, sodass sonst niemand seine Antwort hörte, und erzählte ihm von Philipps Beweggründen.
„Sprich nur nicht darüber, sonst machen gleich alle wieder betrübte Gesichter!“
„Ach ja, das ist schon traurig. Wenn ich nach Santiago reisen würde, würde ich Gott darum bitten, dass er mir eine zweite Chance im Leben gibt.“
„Wie meinst du das?“
„Ich hatte eine gute Frau und zwei Kinder und habe mit Wolle gehandelt. Die Geschäfte liefen gut. Doch dann bin ich jeden Abend ins Wirtshaus gegangen und habe meine ganzen Pfennige in Wein umgesetzt. Morgens verschlief ich den Tag und die Geschäfte. Bis wir nichts mehr hatten. Meine Frau hat mich mit den Kindern verlassen und ich bin eines Morgens in der Gosse aufgewacht. Erst das hat mich wachgerüttelt. Ich habe probiert, meine alten Geschäfte wieder aufzunehmen, aber das ist gar nicht so einfach. Keiner hat mehr Vertrauen zu mir. Deshalb habe ich so lange gespart, bis ich mir ein Pferd leisten konnte. Dann machte ich mich auf den Weg nach Nancy, fern meiner Heimat, um hier mein Glück zu versuchen.“
„Vielleicht solltest du wirklich mit uns kommen, damit Gott wieder auf deiner Seite ist.“
„Das muss ich überschlafen. Ich ziehe mich jetzt zurück. Vielleicht sehen wir uns morgen früh! Ansonsten wünsche ich euch alles Gute“, sagte der Fremde und erhob sich.
Die Reisegruppe folgte auch bald seinem Beispiel.
Kapitel 3
Am nächsten Morgen, gerade als sie aufsitzen wollten, erklang ein Ruf:
„Halt, wartet, ich habe es mir überlegt! Ich möchte euch begleiten!“
Ein Fremder kam aus dem Gebäude geeilt.
Philipp und Margareta sahen sich um. Wer war das nur? Hatte dieser Mann nicht am Abend zuvor neben Ritter Markus gesessen?
„Ich will auch nach Santiago di Compostela! Ich möchte Gott um Vergebung bitten und um eine zweite Chance in meinem Leben!“
„Wer bist du?“, fragte Philipp.
„Mein Name ist Gilbert. Ich bin ein Kaufmann aus Metz. Ich habe im Leben alles verloren, was ich besaß. Ich bitte Euch darum, dass Ihr mir erlaubt, mich Euch anzuschließen. Ich werde Euch nicht zur Last fallen. Mein Pferd ist in einem guten Zustand und zur Verpflegung kann ich meinen Teil beitragen.“
„Dann sei es so, Gilbert aus Metz. Du kannst mit uns kommen.“
Gilbert packte schnell sein Bündel, sattelte sein Pferd und auf ging es. Nun waren sie also vierzehn, die sich auf den Weg machten.
Am fünften Tage kamen sie recht schnell voran, mussten aber wieder in der freien Natur übernachten. Am sechsten Tag durchquerten sie eine herrliche Landschaft. Bewaldete, felsige Hügel säumten ein Tal mit grünen Wiesen, in denen sich ein Bächlein dahin schlängelte.
Sie erreichten kurz nach Mittag die Stadt Neufchâteau. Auf einem Hügel thronten ein Schloss der Herzöge von Lothringen und eine prächtige Kirche. Talwärts war die Stadt angesiedelt. In ihrer Silhouette konnte man noch so manchen Kirchturm entdecken.
„Wir werden heute hier übernachten, auch wenn es noch nicht so spät ist“, beschloss der Graf.
„Das ist sehr gut. Dann können wir uns noch die Kirchen ansehen. Ich habe schon viel über Neufchâteau gelesen. Bei meiner letzten Pilgerreise konnten wir uns hier leider nicht länger aufhalten“, meinte Bruder Frederikus erfreut.
Sie begaben sich in die Stadt und suchten ein Gasthaus. Als sie eins gefunden hatten, stellten sie ihre Pferde unter und bezogen Quartier.
Bruder Frederikus schlug dem Grafen und der Gräfin vor, einen Rundgang durch die Stadt zu machen. Eleonore und Theodorich schlossen sich ihnen an. Sie durchquerten die Straßen mit den Stein- und Fachwerkhäusern. Überall herrschte ein reges Treiben. Sie mussten zur Seite springen, als ein Gespann mit großer Geschwindigkeit angebraust kam. Eleonore hätte es fast nicht geschafft, wenn Theodorich sie nicht auf die Seite gezogen hätte.
„Das war knapp!“, rief sie erschrocken. „Man kann doch nicht so schnell durch die Stadt fahren!“
„Das war wirklich ein Rüpel!“, meinte auch Margareta.
Sie gingen weiter und kamen an eine schöne Kirche aus grauen Steinen mit Spitzbogenfenstern.
„Diese Kirche ist dem heiligen Christopherus gewidmet. Lasst uns kurz hineingehen und ein Gebet sprechen“, schlug Bruder Frederikus vor. Sie betraten das Gotteshaus, bekreuzigten sich beim Eintreten und knieten vor den Bänken.
In der Kirche war es durch die vielen Fenster überraschend hell. Kreuze und Altarbilder waren zu sehen.
Margareta betete für Simon und für den Erfolg ihrer Reise. Bis jetzt ging alles verhältnismäßig gut. Dafür bedankte sie sich bei Gott.
Sie verließen die Kirche und gingen weiter durch die Stadt. Mägde eilten durch die Straßen und trugen Krüge mit Wasser. Hühner scharrten nach Halmen und Körnern. Am Morgen war Markt gewesen und auf dem Platz lagen noch alle möglichen Reste, wie Kohlblätter und Stroh. In der Mitte stand ein reich verzierter Brunnen. Die Fünf erfrischten sich an dem kühlen Wasser. Bruder Frederikus führte sie den Weg hoch, welcher zum Schloss und zur Kirche des heiligen Nikolaus führte. Die Kirche war an den Hügel gebaut. Der Grundriss hatte die Form eines Kreuzes, Krypta und Querschiff lagen im Westen und passten sich so der Form des Hanges an. Auch hier traten sie ein, um ein Gebet zu sprechen. Als sie wieder draußen waren, zeigte Bruder Frederikus auf eine Kapelle, etwas weiter weg.
„Seht ihr diese Kapelle dort? Sie ist dem heiligen Elophus gewidmet. Er war ein Märtyrer. Ein römischer Kaiser ließ ihn enthaupten, weil er römische Götzenbilder zerbrochen hatte. Man sagt, dass er mit seinem Kopf unter dem Arm den Hügel bis zu dem Dorf hochging, wo er begraben wurde.“
„Das ist aber eine schreckliche Vorstellung!“
„Gott half Elophus, weil er sich für das Christentum einsetzte und die römischen Götzen bekämpfte. Er konnte dadurch dem Kaiser seine Macht demonstrieren.“
„Lasst uns wieder zum Wirtshaus gehen. Es ist Zeit für das Abendmahl. Die anderen werden uns schon vermissen“, beendete Philipp den kleinen Stadtrundgang.
Sie begaben sich hinunter zu dem Gasthaus. Es war gar nicht so einfach bei den vielen kleinen Gässchen den richtigen Weg zu finden.
„Wäre ich allein gewesen, ich glaube, ich hätte mich verirrt“, sagte Eleonore, als sie ihr Ziel erreicht hatten.
Sie gingen in den Saal, in dem das Essen aufgetragen wurde. Ein paar Tische waren bereits besetzt. Der Rest der Reisegruppe war schon anwesend.
„Na, habt ihr euch die Stadt angesehen?“, fragte Ritter Thomas. „Wir haben inzwischen Bekanntschaft mit einem Handelszug gemacht, der auch im Gasthaus übernachtet.“
„Ziehen sie in unsere Richtung?“
„Nein, sie waren in Nordafrika und sind auf dem Rückweg nach Flandern.“
„Oh, da sind sie aber weit gereist!“, rief Margareta aus.
„Ja, und sie haben die feinsten Sachen dabei. Süßen Wein, Gewürze, Kräuter, eingelegte Früchte, goldene Kelche und Schmuck und noch vieles mehr! Seht es euch selbst an.“
Margareta und Eleonore waren gleich Feuer und Flamme und folgten Ritter Thomas. Philipps Begeisterung hielt sich in Grenzen, denn er wusste, dass diese Dinge, die von so weit herkamen, auch ihren Preis hatten.
Die beiden Frauen aber ließen sich begeistert die Waren der Fremden zeigen. Die Ritter hatten ein paar Kleinigkeiten erstanden. Ritter Thomas hatte eine kleine goldene Fibel, die er Hannelore mitbringen wollte, und einen Krug Wein gekauft. Auch Ritter Markus hatte für seine Annabella ein kleines Schmuckstück erworben. Gilbert sah sich die Dinge an, aber er besaß nicht so viele Heller, als dass er diese für Dinge, die er nicht unbedingt benötigte, ausgeben konnte. Außerdem hatte er dem Wein abgeschworen.
Eleonore und Margareta überredeten ihre Männer, ihnen auch ein kleines Schmuckstück zuzugestehen. Margareta wählte ein Armband und Eleonore eine Fibel.
„Aber diese Früchte würde ich auch gerne einmal probieren. Wie heißen sie denn?“, wollte Margareta wissen. „Sie sehen irgendwie merkwürdig aus.“
„Das sind getrocknete Feigen. Sie schmecken ganz süß“, sagte der Händler.
Margareta probierte ein kleines Stückchen.
„Die sind wirklich sehr fein. Von denen könnten wir morgen unterwegs ein paar essen.“
„Also gut dann nehmen wir hiervon auch ein wenig“, ließ sich Philipp überreden.
Der Händler packte ihnen eine Portion ein und Philipp reichte ihm die geforderten Münzen. Nachdem die Dinge verstaut waren, begaben sie sich in den Saal zum Essen. Einer der Händler nahm an Philipps Tisch Platz.
„Welchen Weg habt ihr genommen?“, wollte Philipp von diesem wissen.
„Wir sind in Algier an Bord eines großen Schiffes gestiegen und dann in Marseille wieder an Land gegangen. Dann machten wir uns auf den Weg über Avignon, Vienne und Besancon bis hier her.“
„Dann seid ihr leider nicht über die Strecke gekommen, die wir noch vor uns haben. Sonst hättet ihr uns berichten können, wie sicher unser Weg ist.“
„Wo wollt ihr denn hin?“
„Wir sind auf Pilgerreise und wollen nach Santiago di Compostela.“
„Oh, dann reist ihr gewiss über Vézelay, Bourges und Limoges. Unterwegs haben wir auch Reisende aus diesen Orten getroffen, aber nichts Besonderes gehört. In den Bergen muss man halt immer aufpassen, dass man nicht in einen Hinterhalt gerät.“
„Ja, das haben wir schon gehört.“
„Aber ihr seid auch eine große Gruppe. Da ist die Gefahr ohnehin geringer. Brecht ihr gleich morgen früh wieder auf?“
„Ja, wir wollen möglichst schnell vorankommen. Heute hatten wir uns und unseren Pferden einen halben Tag Ruhe gegönnt, aber morgen geht es wieder weiter.“
„Wir bleiben auch nur diese Nacht, damit unsere Ware schnell nach Flandern kommt. Ein Teil wird sogar weiter nach England verschifft.“
Gilbert, der das Gespräch mit angehört hatte, horchte auf.
„Nach England bringt ihr eure Ware? Da war ich auch schon. Dort gibt es gute Wolle.“
„Von der bringen wir dann auf dem Rückweg wieder mit“, antwortete der Händler.
„Ich habe mal mit Wolle und Tuch gehandelt. Ich hatte sogar ein sehr gutes Geschäft.“
„Wirklich?“
„Ja, ich hatte bei einem Kaufmann in Metz gelernt und bin viel herumgekommen.“
„Warum habt ihr das aufgegeben?“
„Der Wein und das Wirtshaus wurden meine besten Gesellen. Aber mittlerweile habe ich beiden abgeschworen. Nach der Pilgerreise will ich meine Geschäfte wieder aufnehmen.“
„Wenn ihr keine andere Anstellung findet, seid in einem Jahr in Marseille, dann könnt ihr mit uns ziehen. Wir könnten noch einen guten Mann gebrauchen.“
„Das wäre wirklich schön!“
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