Kitabı oku: «E-Mail an Georg Friedrich Händel»
Sabine Rydz
E-Mail an
Georg Friedrich Händel
Lebensstationen des Barock-Giganten in Deutschland und Italien
Engelsdorfer Verlag
2015
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Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag
Alle Rechte beim Autor
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
Literaturnachweis
Bildnachweis
1. Kapitel
Georg Friedrich Händel
Geboren: am 23. 2. 1685
in Halle an der Saale
Größe: 1,85 m
Augenfarbe: blau
Beruf: Komponist/Musiker
Gestorben: 14. April 1759 in London
Hallo, verehrter Georg Friedrich!
Heute endlich bin ich mutig genug, um dir eine E-Mail in den Musik-Himmel zu schicken, damit wir uns endlich kennenlernen und virtuell mit einander kommunizieren können, denn du musst wissen, das entspricht heute unserem Zeitgeist.
Oh Gott, na hoffentlich kannst du meine E-Mail auch verstehen, aber deine Bereitschaft und ein freundlicher Blick sind mir doch hoffentlich sicher?
Ja, aber diese E-Mail, mein Lieber, soll natürlich auch eine liebevolle multi-mediale Hommage an dich und deine wunderbaren Kompositionen sein, denn ich bin ein glühender Fan deiner coolen Opern-Werke, die sich hier auf der Erde größter Beliebtheit erfreuen, ja da staunst du? Aber ich will dir auch Informationen aus er heutigen Zeit übermitteln, gewissermaßen als Stimmungsaufheller, falls du mal in depressive Verstimmungen verfällst, denn im Himmel ist ja auch nicht immer alles Gold, was da so glänzend durch die Atmosphäre fliegt? Jetzt habe ich nur die Hoffnung, dass wir sofort intensiv in E-Mail Kontakt treten und so könnte moderne Literatur einmal das sein, was der Leser sich immer von ihr wünscht: interessant, authentisch, relevant und unterhaltsam.
Aber vielleicht ist es doch bloß eine Fiktion, aber auf jeden Fall eine unverhüllte Informations-Begierde, denn ohne Phantasien und mutige Aufbrüche in die Zukunft hättest auch du keine Opern schreiben können, mein Lieber, aber deine aufregende Biographie soll dennoch realistisch sein, und nicht durch den romantischen Dunst schweben, und schon gar nicht durch die rosarote Brille betrachtet werden, das kann ich dir jetzt hier und heute schon versprechen.
Aber für das spezielle innere Fan-Glühen gibt es auch in der Moderne noch keine Immunisierung. Gott sei Dank.
Dir zu schreiben fällt mir irgendwie nicht leicht, es ist für mich so abenteuerlich wie ein inspirierter Erstbesteigungsversuch des Mount Everest, der hoffentlich auch glücklich endet, denn wir sind heute süchtig nach Inspiration und Ermutigung, suchen ständig Orte der Kraft, du wirst es nicht glauben, aber wir lieben auch exotische Pflanzen und Gärten, wo wir unsere Batterien so richtig wieder aufladen können, aber vor allem brauchen wir ständig Musik, die berührend wirkt, und uns hinreißende Konzertabende beschert, wo wir von Glück erfüllt werden, also von deiner tollen Musik, vor allem die herrlich-melodiös klingenden Opern, jene ultimativen Helden, die auch in der Moderne unsterblich geworden sind: Rinaldo, Rodolinda, Poro, Almira, Ariodante, Xerxes, Giulio Cesare. All deine Werke sind mehr Wert als alle Aktien dieser Welt, das musste ich dir unbedingt mailen, egal wo du gerade in der Stratosphäre schwebst …
Aber wusstest du eigentlich mein Lieber, dass bei manchen Männern nur der Vorname genügt: Michelangelo, Leonardo, Elvis und natürlich Georg Friedrich, und man hat sofort ihr Bild, ihre Werke oder Kompositionen im Kopf.
Das bloße Erleben eurer Werke ist für uns heute ein unglaublicher Zauber, sowie ein herrliches Vergnügen, weil das Publikum damals wie heute unentrinnbar in den Bann genommen wird, damit werden auch tiefe Emotionen transportiert, vor allem aber ist eine einzigartige Sinnlichkeit in unser Leben inszeniert worden wie ein wundersames Serum, dass uns modernen Menschen Freude und Stützkraft gibt, verstehst du mein Lieber, das musste ich Dir unbedingt mitteilen, egal wie, manchmal muss Mann oder Frau eben neue Kommunikationswege finden, ist vielleicht genauso aufregend wie „Die Vermessung der Welt“?
Ihr seid für uns Helden, und es gab in eurem Leben keine arglistige Bemäntelung von Selbstbereicherung, keine Lügen, keinen Betrug, keinen Wucher, keine Vorurteile, aber die Entzauberung eines einseitigen Weltbildes, und natürlich die wirklich diebische Freude, etwas Einzigartiges geschaffen zu haben, das hat euch über die Jahrhunderte keiner nachgemacht, das kannst du mir wirklich glauben.
Nichts habt ihr bedauert in eurem Leben, denn ihr seid einer wie der andere zu einmaligen Trendsetter eurer Zeit geworden. Wunderkinder ist wohl ein strapazierter Begriff, aber bei euch Mega-Stars muss man dieses Wort sofort anwenden, denn Publikum und Kritiker empfanden euch alle gleichermaßen wie ein Mirakel, und der Erfolg war für euch nicht nur eine hochkarätige Glanzparade schlechthin, sondern das Salz auf eurer Haut, gewissermaßen das betörende Parfum eures Lebens mein Lieber oder wie würdest du das interpretieren?
Ja, aber wo soll man bei euch Genies, vor allem bei dir mit dem Schreiben beginnen, natürlich mit dem Anfang wie Brecht so richtig bemerkte.
Ja, also du Georg Friedrich wurdest genauso wie ich am romantischen Saale-Srand der sächsisch-anhaltinischen Stadt Halle geboren, da staunst du was, ja aber es stimmt, ich gebe zu, ich bin stolz darauf.
Ja, und rein biographisch gesehen, kommst du genauso wie ich, weder aus einem. Hinterhof noch aus der Hochfinanz, ganz zu schweigen vom Hochadel, und du warst auch kein Kleinbürgerkind, die immer das Billige bevorzugen, und permanent Turnschuhe mit dicken Sohlen tragen, denn: „Geiz ist ja jetzt geil“, aber immer geil sein macht impotent, sagen zumindest unsere modernen Sexualforscher, ja und die müssen es ja wissen.
Also Georg Friedrich, du entstammtest wie wir heute modern sagen aus der „Bürgerlichen Mitte“, das ist heute der neue und passende Ausdruck für diese besondere Schicht des gehobenen Bürgertums, ja da staunst du mein Lieber, diese Definition hättest du nicht erwartet? Oder?
Aber die Herkunft ist sekundär bei Genies. Fakt ist, dass du mein Lieber weder Techno-Freak gewesen bist, und auch keine Elektronik-Musik gehört hast, es war einfach nicht deine Zeit, aber das spielt keine Rolle für dein Leben, denn du hast ja ununterbrochen richtig coole Musik selbst komponiert, phasenweise hat sie dich in totale Ekstase und völlige Erschöpfung gebracht, aber ja, das hast du dir selber zuzuschreiben, man kann es auch übertreiben mit der Musik.
Eigentlich wolltest du es nicht anders, du warst ja gewissermaßen damals schon ein richtiger Workoholic, da blieb nicht viel Zeit für romantische Sinnlichkeit mit jungen attraktiven Damen im Mondenschein.
Aber uns gehen heute wie damals deine herrlichen musikalischen Werke, dein spezieller Sound total unter die Haut, aber vor allem in die Ohren, das ist einfach der Hammer wie junge Leute heute sagen, wenn sie von etwas total begeistert sind, aber ich sage das natürlich auch, weil ich will ja auch noch jung sein und mitreden.
Wir Händel-Fans wie wir uns heutzutage liebevoll nennen, bekommen schwingende Herzen und Schultern, und möchten eigentlich die Hüften bei deiner Musik bewegen, aber ich gestehe, ich getraue mich das nicht in der Oper oder beim Konzert.
Ja, aber dass ist eben das Tolle, das Gigantomanische, uns elektrisieren deine Arien, Kantaten, Capricci, und Chöre, wir fühlen uns wie mit Einstein im Fahrstuhl, weil du ein globales Musik-Laboratorium in deinem Gehirn entwickelt hast, das fabelhafte Kreationen zaubern konnte, wie Monumental-Bauten oder die Halleluja-Berge in den Alpen, und deine fetzigen Oratorien, gar nicht zu reden von den zahlreichen sorgfältig ausgearbeiteten Arien und Instrumental-Passagen mit Oboe und Flöte, einfach zum dahin schmelzen.
Wenn wir deine Vokalisen, deine stahlharten Rhythmen und sieghaften Märsche in den Opern hören, lächelt uns deine Virtuosität an, und so fühlen wir uns sofort glücklich, weil Serotonin ins Gehirn befördert wird, das ist quasi das ultimative Mittel gegen Gehirn- und Musikverfall, Mann oder Frau wollen immer deine herrlichen Opern hören, zu jeder Zeit und Stunde, all over the world, auch ohne Armani-Anzug oder Versace-Ball-Kleid mit Tüllgardine vor dem Gesicht oder auf dem Kopf, verstehst du mein Lieber, wir sind süchtig nach deiner coolen Musik.
Ja, und ich erinnere mich noch genau an eine Weihnachtsfeierbeim Fernsehen der DDR, Bereich Dramatische Kunst, wo ich vor der Wende jahrelang gearbeitet habe.
Der Großinquisitor und sozialistischer Chef-Ideologie Karl-Eduard von Schnitzler spielte inbrünstig einige Takte aus deiner „Feuerwerksmusik“ auf dem Klavier, das sich auf einem kleinen Podest befand, richtig feierlich wurde es plötzlich in unserer tristen Kantine in Berlin-Adlershof, aber nicht etwa wegen Karl-Eduard von Schnitzler, nein natürlich nicht, sondern wegen deiner einzigartigen traumhaften Musik.
Deine Musik hat mich damals schwer beeindruckt, richtig majestätisch hörten sich die Klänge an, und mir war sofort bewusst, Georg Friedrich, du musstest ein wunderbarer Musiker gewesen sein.
Aber man stelle sich vor, die Kultur-Administration unserer ehemaligen DDR hatte deine „Feuerwerksmusik“ nicht als Dissidenten-Sound oder Spießervariante der Klassischen Musik eingestuft, sondern als ikonographische Populärmusik, die für „Würde“ und „Feierlichkeit“ stand, und sicherlich jetzt aktuell nach neuesten Erkenntnissen auch in der islamischen Welt anerkannt ist, Gott sein Dank, du wirst jetzt die ganzen Zusammenhänge sicherlich nicht verstehen, aber das erkläre ich dir später, versprochen.
Ein gewisser Stolz erfüllt mich schon, dass ich genauso wie du, der berühmte Maestro in Halle an der Saale geboren wurde.
Wenn ich bloß an dich denke, werden meine Knie weich, ich beginne wie wild zu träumen, zu fantasieren, Georg Friedrich, du muss ja auch ein unheimlich attraktiver Mann gewesen sein, nicht nur eben genial und mit musikhistorischer Relevanz, sondern ein irrerschräger Typ mit langer Mähne, wie unsere coolen 68-Männer, und du hattest schon in jungen Jahren dieses beeindruckende Charisma, sowie einschmeichelnde Grandezza, eben Sex-Appeal, dem sich keine Frau oder Mann entziehen konnte.
Ja, verehrter Georg Friedrich, du wurdest seinerzeit eigentlich nur von Signore Casanova getoppt, aber nicht als Musiker, sondern natürlich als Kavalier oder warst du vielleicht heimlich bei Nacht und Nebel in den venezianischen Gassen und schwer reichen Residenzen als Womanizer unterwegs, und hast diesbezüglich bei den vornehmen aufgebrezelten Damen des Adels so richtig mit melancholischen Augenaufschlägen Händchen gehalten haben?
Nein bitte nicht, das kann ich mir zumindest nicht vorstellen, und vor allem nicht glauben, das würde mich schwer enttäuschen, du bist ja schließlich nicht Richard Gere, und auch „Kein Mann für gewisse Stunden“, sondern für äußerst feierliche musikalische Abende und Nächte, vielleicht aber gingst du manchmal undercover versteht sich in die Senke von Promi-Talk-Shows, wo über assyrische Löwen stundenlang sinnlos getalkt wurde, aber egal, das könnten wir dir doch lässig verzeihen, mein lieber Georg Friedrich.
Aber interessieren würde mich und sicherlich auch Donna Leon und auch alle anderen Fans, welches Rasierwasser unser Georg Friedrich heute bevorzugen würde, und ob er Anzüge von Hugo Boss oder doch lieber Armani getragen hätte, vielleicht würden formschöne Designer-Möbel in seinem Haus in der Brook Street stehen oder doch lieber teure Antiquitäten, aber für die Boulevard-Presse wäre sicher wichtig, ob es Trend-Affären gab? Vor allem wann, und mit wem?
Und überhaupt wollen wir alles über dein Privatleben wissen, teuerster Georg Friedrich, denn, das muss ich dir schon gestehen, ich bin im Zweitberuf Paparazza, überall würde ich dich fotografieren, hoch geknipst hätte ich dich, verstehst du, daraus hätte ich mir einen Sport gemacht, mein Lieber, und bei seriösen Nachrichtensendungen von ARD und ZDF hätten deine Bilder die Einschaltquoten super geputscht.
Aber leider alles umsonst, wir können all unsere Fragen an den Maestro stellen, aber du wirst sie mir sicherlich nicht beantworten, weil du nicht darüber sprechen möchtest, schon gar nicht in der Öffentlichkeit, und zu Fernseh-Interviews bist du auch nicht bereit, und schon gar nicht, würdest du live zu einer Publicity-Show gehen, aber ich kann das eigentlich nicht verstehen, du bist doch so ein kommunikativer Typ, das erwarten die Fans einfach, versteh doch mal, das gehört zum Musik-Business dazu, das wird dir jeder Manager sagen, ach so ja, du hattest ja gar keinen Manager angestellt für die PR-Arbeit, du hast ja alles selber organisiert.
Na ja, ist schon gut, ich verstehe dich, aber eigentlich sehr schade, wenn ich das noch bemerken dürfte, weil du bist für uns wie der Sonnenkönig, da interessiert uns eben alles über dein Leben.
Aber egal, Fakt ist, dass du unser Georg Friedrich tatsächlich schon als virtuoser Jüngling auf die Orgel und das Cembalo so eingehämmert hast, dass die Tasten und Pedalen nur so tanzten und hüpften, du hast sicherlich mit Klangfarben und Rhythmen experimentiert, sicherlich auch wie wild und verrückt gegroovt, und brachtest die Orgel so zum Stöhnen, Heulen, Wimmern, Ächzen, dass den hohen Fürsten nicht nur der Atem stockte, heute wären deine Auftritte vielleicht zu vergleichen mit dem höchst smarten Violin-Virtuosen David Garrett, wo die Damen auch nach dem Konzert nicht nur Champagner trinken, sondern ohnmächtig die Taschentücher fallen lassen, um sehnsuchtsvoll von einem Blind-Date mit dem jungen Shooting-Star zu träumen, ja da hat sich über die Jahrhunderte in der weiblichen Entwicklungs-Psychologie nichts geändert, ja da staunst du mein Lieber, das hättest du von der modernen Musikwelt nicht erwartet?
Aber komisch, schöne und geniale Musiker werden von den Rating-Agenturen immer ganz hoch gehandelt, für Schönheit und Genialität gibt es kein Verfallsdatum oder Paradigmenwechsel, liegt das nun an der Schönheit oder an Genialität?
Keine Ahnung, wahrscheinlich aber an der Schönheit, denn sie ist heute die höchste Göttergabe, nicht nur bei jeder Art von Promis und Kamera-Künstlern.
Aber Georg Friedrich, du brauchtest weder eine Rating-Agentur noch einen Manager, denn du besaßt ja jede Menge Verstand, weil du das, was du über die Sinne erfahren hast auch mit deinem Verstand begreifen konntest, du hattest eben ein emotionales Raster im Langzeitgedächtnis.
Du konntest also je nach Sachlage ein passendes Selbstbild von dir abrufen, du warst also ein so genannter Neurodidaktiker und außerdem besaßt du schon damals in der Barock-Zeit die ultimative Hollywood-Silhouette, ja da staunst mein lieber Georg Friedrich, was die moderne Psychologie so alles von uns Menschen herausgefunden hat, vor allem außerordentliche Talente, Hochbegabungen wie bei dir.
Jetzt will ich aber mit dem kategorischen Imperativ á la Kant sagen, dass du, unser Georg Friedrich tele- und natürlich auch fotogen bis in die Haarspitzen warst, die modernen Kameras würden dich heute lieben und pausenlos umgarnen. Du konntest dich eben schon als Teenager glamourös selbst inszenieren, das hat dir keiner nachgemacht in all den Jahrhunderten, du warst unbestritten der Favorit an den Königshöfen, dein Schick und Charme frappierte Damen wie Herren des Adels gleichermaßen, da sind unsere heutigen Stars und Mimoplastiker billige Amateure in ihrem taktischen Bemühen, geradezu guerillamäßig versuchen sie sich in die Bresche in Feindesland zu schlagen, um immer wieder auf sich aufmerksam zu machen, und wenn sie als echte Proleten mit der Tür ins Haus stürzen, möchte man ihnen mitleidig zu rufen: „Ein Bett im Kornfeld, das ist immer frei …“
Aber unser Georg Friedrich war richtig Weltniveau, ein wahrer Gentleman, ein Kulturereignis an sich, heute wäre er der Hype und ein absoluter Exportschlager, wie in der ehemaligen DDR solche künstlerischen Ausnahmeleistungen schlagkräftig tituliert wurden bei kulturrevolutionären Auseinandersetzungen im Politbüro, da können auch die beliebten und wohlschmeckenden Halloren-Kugeln nicht ganz mithalten, obwohl sie zur gleichen Zeit in Halle an der Saale kreiert wurden wie unser Wunderkind Georg Friedrich Händel.
Aber was dich wirklich einzigartig machte, du avanciertest bereits in jungen Jahren in Halle zu einer urbanen bürgerlichen Musik-Größe, mit Festanstellung und nicht nur Zeitvertrag, meine Herren Arbeitgebet, Qualität rentiert sich immer, nicht nur in der Konjunktur-Phase, das wusste Karl Marx bereits schon vor 200 Jahren.
Er kam eben in London auch auf ganz revolutionäre Gedanken, das muss an der Stadt liegen, dass die Leute da alle so kreativ werden? Oder?
Aber du Georg Friedrich warst ja bereits oh Wunder schon höchst kreativ mit 17 Jahren. Als Organist warst du ja bereits im Teenager-Alter an der hiesigen Domkirche in Halle an der Saale engagiert, ja der Gute hat auch bescheiden angefangen, aber später konnte er leger in der musikalischen Champions League mitspielen, und einzigartige hypnotische Signale aus der Orgel herausholen, da gab es kein Entrinnen, da sind die weiblichen Fans fast zu Täterinnen und auch gleichzeitig zu Opfern geworden, ja so aufregend war Halle an der Saale in der Barock-Zeit, da staunt der Fachmann und der Laie wundert sich, wie man in der Ex-DDR in solchen Situationen immer süffisant bemerkte.
Ja, wenn ich heute Georg Friedrichs majestätische Musik höre, empfinde ich sie wie eine persönliche Botschaft, so quasi die heimliche Offenbarung des Maestros an eine Hallenserin, so aus alter Verbundenheit versteht sich, das bringt mich fast um den Verstand, aber vor allem aus meinem labilen Gleichgewicht, denn seine Werke haben es mir emotional schwer angetan, es geht mir fast so wie der berühmten Schriftstellerin Donna Leon, nur das ich nicht für jedes Konzert halb ohnmächtig und auf stolzen Beinen nach New York düsen kann, aber dafür bin ich auch in Halle wie der Maestro geboren, Signora Leon, verstehen sie, ich habe den gleichen Lebensrhythmus wie Georg Friedrich, und auch diese erfrischende Subversivität von Revolutionären und Dissidenten, aber es ist schon beachtlich, dass zwei Frauen gleichzeitig von Venedig und von dir Georg Friedrich schwärmen, wir sind richtig seelenverwandt. Vielleicht sollten wir mal gemeinsam etwas über Georg Friedrich schreiben, Signore Leon?
Wenn ich als Hallenserin Georg Friedrichs Musik höre, dann fühle ich, als würde sich ein Stromschlag durch meinen Körper bohren, eben wie Paris am 14. Juli oder Berlin am 9. November, dieses revolutionäre Gefühl das in einem Frontstadt-Bewohner nie verglühen wird, und während seiner Konzerte beginnen meine Nerven urplötzlich zu flattern, der Pulsschlag erhöht sich rasant schnell, Herz und Seele fliegen hoch hinaus, und an diesen musikalischen Abenden habe ich das untrügliche Gefühl, dass das Tollhaus des Lebens nicht nur Stress und Nervenkitzel bedeutet, sondern auch ergreifende Glückseligkeit, ob das Signora Donna Leon auch so empfindet, das würde mich jetzt wirklich mal interessieren?
Ja, aber wie soll ich dieses coole Lebensgefühl beschreiben, irgendwie bizarr, aber der Konzertmeister meines Lebens hat mich eben in der gleichen Stadt wie der geniale Hofkomponist: Georg Friedrich Händel in Halle an der Saale zur Welt kommen lassen. Aber natürlich nicht zur gleichen Zeit und Stunde, versteht sich, sondern fast 300 Jahre später, aber die ganze Sache mutet doch wie eine kosmische Vision an oder eine schicksalhafte Fügung auf hohem Niveau, die mir noch atemberaubende Herausforderungen bescheren wird, bzw. schon hat, denn an Dramatik in meinem Leben kann ich mich auch nicht beschweren, da stehe ich dem verehrten Maestro in keiner Weise nach, das wollen wir mal festhalten, denn eigentlich waren Georg Friedrich und ich ja auch Nachbarskinder, er war meine Buddelkasten-Liebe, unsere Eltern waren befreundet, im Sommer wurde immer im Garten zusammen gegrillt wie das so in der Bürgerlichen Mitte üblich war und jetzt wieder ist, stundenlang wurden scherzhafte mitternächtliche Reden auf Geburtstags-Partys gehalten, König Alkohol floss nur so in Strömen in Halle an der Saale zu allen Zeiten, vor allem natürlich in der ehemaligen DDR, weil es ja die einzige Droge war, die wir frei konsumieren durften, quasi der Soundtrack eines Terrorstaates …
Ja mein lieber Georg Friedrich mit der ehemaligen DDR ist dir und deiner Familie der blanke Psycho-Terror erspart geblieben, dass kannst du mir wirklich glauben, deine Musik hätten die Machthaber möglicherweise jahrelang verboten, musikalische Schweigepflicht und politische Prozesse hätten auf dich gewartet oder vielleicht ein Arbeitslager im Kohlebergbau wären auch möglich gewesen, und verdrängte Traumata hätten dich immer wieder eingeholt, aber davon vielleicht später mehr. Nein lieber nicht, das deprimiert so!!!
Ja, so oder so ähnlich hat sich das bei uns früher in Halle abgespielt, aber eben vielleicht doch nicht mit der Familie Dr. Georg Händel, aber ich kann mich einfach an die Namen und Details in unserer unmittelbaren Nachbarschaft nicht mehr erinnern.
Leider haben nach der Wende diese Stasi-Spitzel auch immer so primitiv argumentiert, dass sie sich an nichts erinnern können, ja das ist eben eine traurige Geschichte, die mich einfach nicht loslässt, die uns auch nicht loslassen darf.
Wir dürfen diesbezüglich im Umgang mit unserer DDR-Geschichte nicht Alzheimer bekommen, niemals, verstehst du? Nein, das kannst du nicht verstehen, wer das nicht erlebt hat, kann es nicht nachvollziehen, es existiert leider kein griechischtragisches Wort dafür?
Aber ich schwöre, dass unsere Geburtshäuser in Halle an der Saale nur wenige Straßen voneinander entfernt liegen, und irgendwo sind wir uns natürlich auch begegnet oder eben an einander vorbei gelaufen. Du könntest ja heute unter uns leben, aber wir würden dich ja gar nicht erkennen, ist ja auch kein Wunder, bei dem Verkehr, bei der Hektik und gefühlsmäßigen Kälte, die jetzt auch nach der Wende in Halle herrscht, ja mein Lieber, da würdest du dich wundern, anders als zu DDR-Zeiten und erst recht zu deiner geliebten Barockzeit, aber Long time Ego.
Komm doch mal aus dem Olymp zurück nach Halle an der Saale, wir würden uns alle sehr freuen mein Lieber, dein Geburtshaus würdest du nicht wieder erkennen – es ist so wunderschön geworden, ein Kleinod der Architektur, wie ein Lampion der in der Nacht leuchtet und von deiner Genialität kündet.
Jeder Besucher kann sich mit Intensität in euer damaliges Leben hineinversetzen, ein Zustand, der den ganzen Tag anhält, und auch keine Sekunde schwindet, das kannst du mir wirklich glauben, mein Lieber. Wenn ich entspannt durch euer tolles Wohnhaus gehe, überwuchert mich eine Fülle von glücklichen Empfindungen, Hoffnungen, so dass ich mich intensiv in deine Musik hineinfühlen kann, aber vor allem beflügelt mich, dass du mir unentwegt jene Kraft ins Ohr flüsterst, die meine Nervosität und phasenweise Mutlosigkeit kraftvoll besiegen kann, ich spüre sogar deine physische Anwesenheit, es breitet sich dann über meinem Leben ein magischer Zauber aus, der von unseren gemeinsamen Seelen ausgeht, dass muss jetzt sofort gefeiert werden …
2. Kapitel
Georg Friedrich trieb die Lust auf Abenteuer
von Halle schon in jungen Jahren nach Weißenfels
Ja mein Lieber, nach dem Besuch in eurem tollen rekonstruierten Haus, jetzt aber wieder zu dir und deiner frühkindlichen musikalischen Entwicklung.
Du warst schon als 10-jähriger von Kopf bis Fuß auf Musik eingestellt, als eine besondere narzisstische Art könnte man dieses Verhalten auch nennen?
Aber du wolltest einfach nur musizieren, dich durch die Tonleitern grooven, egal wie und wo, vielleicht wäre ein Psychologe in dieser Vorpubertären-Phase für dich mein lieber Georg Friedrich nützlich gewesen oder ein Therapeut, nein natürlich nicht, das ist alles Quatsch, entschuldige bitte.
Du wolltest eben sehr früh, wie das bei Wunderkindern üblich ist, deine Talente entfalten, und mit einem Spaßfaktor deine Musik kreieren, erleben, geheimnisvolle neu Melodien spielen, als menschliches Bedürfnis nach Spiel, eine wunderbare Herausforderung war es für dich, und deinen Vater wolltest du ärgern, ich kann das gut verstehen, mein Lieber.
Ja, das aktiv Musikalische hat dich nicht wie andere Kinder gelangweilt, sondern unendlich fasziniert, es hat dich buchstäblich verhext, der Reiz der eigenen musikalischen Kreation verzauberte dich, und du, unser kleiner Georg Friedrich, hast ja als kleines Kind auch schon intensiv auf den Dachboden Clavichord gespielt, das angeblich eine Tante ins Haus gebracht hatte, so konntest du das Musikverbot deines Vaters elegant durchbrechen.
Schön, dass damals schon konspirativ im Hause Händel gearbeitet wurde, dass gefällt mir, es hat ja auch prima funktioniert, und du, lieber verehrter kleiner Georg Friedrich hast des nachts, wenn alle im Hause unten schliefen, oben auf dem Dachboden, auf dem Clavichord eifrig die Tasten bewegt, und schon echt cool musiziert, da wäre ich gerne Mäuschen gewesen, hätte gerne zugehört wie du in deinem kleinen Köpfchen vielleicht die Urform der „Wassermusik“ hast entstehen lassen?
Dein alter Herr muss aber irgendwann davon Wind bekommen haben, und mitten in der Nacht tobend mit der Rute in der Hand auf den Dachboden gesprungen sein, und dir dein geliebtes Clavichord entrissen haben?
Nein, ich glaube ganz so brutal ist es nicht zugegangen, aber Stress muss es diesbezüglich gegeben haben?
Kannst du dich eigentlich noch daran erinnern?
Bloß gut, dass du von dieser Kindheits-Story nicht traumatisiert wurdest. Nein, du hast dich einfach nicht traumatisieren lassen, unbeeinträchtigt von den Zwängen der elterlichen Erziehung hast du weiter musiziert wie wir das von Wunderkindern wünschen, um nicht zu sagen erwarten, denn du wolltest ja unbedingt eine Musiker-Karriere starten, nein, du wolltest die erste Geige spielen, wie David Garrett, nein, die erste Orgel wolltest du spielen, und erster Organist wolltest du schon im Teenageralter werden, ein frühes Credo war das bereits, aber vor allem wegen des Verbotes deines Vaters, musstest du protestieren, damit setztest du dich ja auch letztlich, man höre und staune, durch. Respekt mein Lieber, du warst eben damals schon richtig cool unterwegs.
Von Kopf bis Fuß warst du als Kind auf Musik eingestellt, aber das war ja erst die zaghafte Ouvertüre, der Anfang deiner polyphonen Üppigkeit und eindringlichen Rhythmik, und wie du später von den Konzert-Hörnern Besitz ergriffen hast, das war wirklich ein Markenkennzeichen deiner musikalischen Kunst, und niemand, kein anderer Komponist, konnte das je besser arrangieren als du, dass muss ich dir einfach mailen, sonst könnte ich nicht mehr schlafen.
Zunächst aber wolltest du ja dein musikalisches Können öffentlich zur Schau stellen, aber dieses wiederum konnte man seinerzeit nur bei den vornehmen Abendgesellschaften an den Adelshöfen, deshalb musstest du auch mit deinem Vater ungedingt zu seinem Arbeitgeber mitreisen, denn dein Vater fuhr ständig von Halle nach Weißenfels, um dort dem Herzog neue medizinische Dimensionen zu eröffnen. Der Herzog war nämlich mit Kurpfuschern „Fremdgegangen“, deshalb war Dr. Händel später so quasi im Dauer-Notdienst-Einsatz bei dero Gnaden tätig.
Ja, aber dieser Umstand war deine ultimative Chance, und du bist doch tatsächlich einmal bei strömenden Regen der Kutsche deines Vaters eilig hinterher gelaufen, und konntest sie sogar hechelnd wie ein moderner Marathon-Läufer einholen. Selbstbewusst und richtig standhaft sagtest du zu deinem verdutzten Vater: „Ich will ungedingt nach Weißenfels mitfahren, um dem Herzog in der Residenz vorzuspielen!“ Warst du damals eigentlich schon obrigkeits- und -promigeil oder nur scharf auf öffentliche musikalische Auftritte bei Hofe?
Diese Frage musst du mir aber jetzt schon beantworten, denn es ist eine Kernfrage, sonst bin ich sauer, verstehst du.
Aber diese tiefe innere Kraft, ist ja etwas grundlegend Gutartiges, und es muss etwas mit deinem späteren Charakter, sowie deiner Persönlichkeitsstruktur zu tun gehabt haben, da bin ich mir sicher – auch ohne Psychologie studiert zu haben.
Naja, du wolltest eben mal raus aus Halle, das kann verstehen, ist akzeptiert, mein Lieber.
Aber diese vernehme Hofgesellschaft, speziell seine herzögliche Gnaden hatte damals schon ein „Herz für begabte Kinder“, wohlgemerkt für begabte Kinder, vor allem als du dem Herzog August von Sachsen-Weißenfels vorgespielt hast, fiel ihm dein sensationelles musikalisches Talent auf.
Ja, du unser Wunderkind hattest auch kein Lampenfieber, keine zitternden Knie, kein rasendes Herz, und auch keine Xenophobie. Schon in frühester Jugend konntest du dich ohne Stress inszenieren, sogar ohne deine Eltern oder Kommunikations-Coach, ja das war oder ist eben wahre Lebens-Kunst, die man weder lernen oder studieren kann, eben wie vom anderen Stern, deshalb sind sicher jetzt auch deine Konzerte im Himmel, im Olymp ausgebucht.
Georg Friedrich konnte das Fremde sofort in sich aufnehmen, es unterstreicht seine Genialität als sagenhaften Kinderstar.
Vehement, und mit leidenschaftlichem Temperament, fast wie ein begeisterter Italiener, musste der Herzog auf Händels Vater eingeredet haben, und so lenkte Vater Händel in den Musik-Deal des Sohnes ein, ob er wollte oder nicht. Dein Vater, Dr. Händel, sollte ab jetzt ohne wenn und aber, so quasi als kategorischen Imperativ, seinem Sprössling eine musikalische Ausbildung angedeihen lassen, er wäre sonst in Ungnade beim gnädigen Herzog August gefallen, na ja und das wollte der berühmte „Arzt des Volkes“, wie man in der Ex-DDR zu erfolgreichen Ärzten offiziell sagte, nicht riskieren, auf keinen Fall, das wäre ja Harakiri gewesen.
Und glücklich fuhr der junge Georg Friedrich nun in der nächsten Zeit pausenlos zum Weißenfelser Hof, er war quasi vom Dachboden on the Stage des Herzogs avanciert, natürlich um dem adligen Publikum begeistert Vorzuspielen, ja so schnell kann’s gehen. Vielleicht ist er sich da wie ein Anarchist im Wunderland vorgekommen, aber auf jeden Fall ist er zum Nachtschwärmer geworden. Diese abendlichen Auftritte waren doch eine tolle Melange für ihn aus Musik-Darbietung, Schauspiel und Nervenkitzel, die ihn erregten und Emotionen transportierten. Er konnte dann kaum noch zu Bett gehen, er bedauerte das natürlich nicht, es war wie eine Liebesgeschichte mit lang-lang-anhaltender psychologischer Wirkung.
Aber später bekam er ja auch einen richtig guten Musiklehrer, den Maestro Friedrich Wilhelm Zachow, der ein solider Organist an der Marktkirche in Halle war, und fortan den jungen Georg Friedrich intensiv unterrichtete, um ihn das Rüstzeug für seine musikalische Laufbahn zu geben. So konnte Georg Friedrich später mühelos öffentliche Auftritte mit vokaler Kirchenmusik und Kantaten-Aufführungen bestreiten, es wurden seine musikalischen Laufstege, sein ultimativer Catwork, das offizielle Musizieren wurde zur Droge des jungen Musikgenies. Schade nur, dass wir nicht wissen, wie sich der junge Musicus damals modisch präsentierte. Ob er tatsächlich in sportlicher Eleganz auftrat oder in vornehmen Kniehosen und Rüschen-Hemden mit hohem Kragen? Ja das wäre der ultimative Schick, dein Look, dein Style gewesen, ja und so hat er dann mit glühenden Blick begeistert in die Orgel- Tasten gegriffen. In dieser Pose konnte er sich überzeugend mit eigener Kirchenmusik präsentieren, seine Auftritte waren keine musikalischen Dressur-Akte, sondern gaben ihm mächtig Auftrieb, steigerten enorm sein Selbstbewusstsein. Keiner kam je leichfüßiger daher, um zu musizieren, für ihn waren eben die Sterne strahlender als strahlend, er hatte eben eine intensivere Betrachtungs- und Verarbeitungsweise als andere. Es war sein Lebensgefühl, als würde er mit einem Maserati durch Neapel düsen, vielleicht war es auch sein ultimatives Lebens-Elexier, wer, der Maserati?
Nein natürlich die Musik, denn seine Lust auf Selbstdarstellung zeigte er bereits so dominant in frühester Jugend, da besaß er auch schon ein sensibles Feeling, wusste was ankam, wenn er so in die hungrigen Augen seiner frühen Fans beim Spielen sah, da beschlich ihn plötzlich eine unbändige Reiselust. Er wollte sofort hinaus in die weite Welt, nur das konnte all seine Wünsche, Träume und Fantasien befriedigen, aber nicht nur das, verehrter Georg Friedrich.
Aber um auf internationale Tournee zu gehen, musste er doch noch einige musiktheoretische- und praktische Grundlagen trainieren oder erlernen, um seine Musikpassionen formvollendet darbieten zu können.
Und wie schon bemerkt nahm er Unterricht bei seinem geschätzten Lehrer Zachow, zweifellos lernte er in Halle in der Marktkirche rasant schnell die Grundsätze der Harmonie, außerdem versteht sich das von selbst, jeder gute Musiker muss die hohe Kunst des Kontrapunktes beherrschen, und die Fähigkeiten der freien Improvisation wurden aus ihm herauskristallisiert, aber nicht nur auf seinen geliebten Tastinstrumenten, sondern auch auf der Oboe, sowie Violine, eigentlich auf allen Instrumenten. So begabt war der junge Georg Friedrich, dass er schon als Teenager fast auf allen Instrumenten spielen konnte. Unglaublich aber wahr, das konnte bis heute nicht getoppt werden, schon gar nicht von der Generation Relax. Oder?
Traurig, ja richtig traurig eigentlich, dass ich so unbegabt bin, obwohl ich auch in Halle an der Saale geboren wurde, früher dachte ich immer deine Genialität hat etwas mit der Saale zu tun?
Ja, sicherlich bei dir Georg Friedrich, aber leider nicht bei mir, dabei ist Wasser mein Lebens-Elexier, schließlich war ich mal Leistungsschwimmerin in der ehemaligen DDR, mein Lieber, außerdem ist es ja unser Urelement, na ja aber Talent kann man eben nicht erschwimmen und schon gar nicht erzwingen, ob nun mit Wasser oder ohne.
Aber immerhin durfte ich Gitarre spielen lernen, schließlich gehörte ich ja zur Beat-Generation, dass wäre für den jungen Georg Friedrich sicherlich auch der Hype gewesen auf einer Gitarre seiner Kreativität freien Lauf zu lassen, leider 300 Jahre zu spät, mein Lieber, wir wollen ja auch mal unseren musikalischen Spaß haben.
Aber du bist ja schon vor den Beatles zum Weltstar avanciert, und das in England, in London, im Mekka dieser hyper ventilierenden Musik-Stadt, ein Wahnsinn, unglaublich, das kommt alles nie wieder, dass irgend jemand aus Halle an der Saale fortgerissen vom Kontinent und in England so berühmt wird, geliebt und bedrängt wird von Männern und Frauen, und sogar als Bürgerlicher mit dem König und der Königin auf du und du steht und nicht mal politische Differenzen hat. Gute Reise weiterhin mein lieber Georg Friedrich, wir spielen fleißig deine Musik, sie hat Drang zum emotionalen Drama, zu einem blendendem Image hat sie vielen verholfen, und sie wirkt auf uns empathisch, einfach vital, mal adagio oder auch passionato, mal will man verführen und dann wieder erobern, fast wie Rivalen im Morgengrauen …
3. Kapitel
Georg Friedrichs Familie und seine frühen
musikalischen Aktivitäten und Träume
„Wie lange soll ich bloß noch hier in Halle an Saale ausharren“, das wirst du dich pausenlos als talentierter junger Mann gefragt haben, denn unser schönes Halle war ja in der Barock-Zeit nicht gerade die ultimative Musik-Hochburg, und auch nicht das Dissidenten-Zentrum der ehemaligen DDR.
Ja, du wolltest einfach mehr, nicht das Meer, aber eben hinaus in die Welt, endlich Freiheit spüren, du hattest keine Angst oder Skepsis gegenüber fremden Ländern, ganz im Gegenteil, du wolltest endlich Reisen, Aufbruch um jeden Preis, um die euphorischen Ankunft in einer neuen Welt zu erleben.
Dieser Wunsch hatte sich ganz fest in dein aufnahmebereites Gehirn eingebrannt, sonst hättest du sicherlich auch Neurosen bekommen, ein Schreckensbild der Normalität, nicht nur bei Hochbegabten und Genies.
Ein junger Mann deines Schlages verwandelt doch in der Fremde den Wind in Stürme, und wer sächsisch kann, ist überall in der Welt zu Hause, vor allem natürlich als genialer junger Musiker und Avantgard-Künstler, da spielt auch misstönender Gesang, ob Ost oder West keine Rolle, weil in der Kunst oder Musik geht es nicht nur um Geld, sondern um Provokation gepaart mit Durchsetzung von Talent, Kreativität. Oder? Was hast du für eine Position über Musik und Kreativität, würde mich sehr interessieren, kannst du nicht mal aus dem Olymp eine Mail schicken?
Interessant wäre noch, ob unser Georg Friedrich zu diesem Zeitpunkt in Halle an der Saale lange blonde Haare trug, als er als junger zorniger Mann unterwegs war, aber keiner kann es genau sagen, oh pardon, er war ja nicht zornig, und mit Polizisten war er auch nicht in Straßenschlachten verwickelt, und schon gar nicht hat er die Hymne der amerikanischen Antikriegs- und Bürgerrechtsbewegung gesungen. „The Anser ist blowing in the wind …“ von Bob Dylan.
Vielleicht doch? Mayby, sometimes?
Ja, aber unser Georg Friedrich und Bob Dylan, sie wären gemeinsam der musikalische Hype zu allen Zeiten gewesen, wenn sie sich 1987 in Berlin zur 750 Jahrfeier kennen gelernt hätten. Zwei, die sich von assyrischen Gipslöwen und vom antiimperialistischen Kulturgut befreit haben und zwar schon in ihrer Jugend, und sie hätten sich auch mit Erfolg von der „Ensemble Musik“ strikt distanziert, wie sich das linientreue musikalische Treiben in der ehemaligen DDR nannte, und in Berlin im „Haus der Jungen Talente“, kurz Hdj T live abspielte.
Aber plötzlich passiert etwas Unerwartetes im Leben von Georg Friedrich, ein starkes Rütteln aus dem Nichts. Es gibt eine kryptische Durchsage in seinem Gehirn, die da lautet: Ich will reisen, reisen, reisen und unterwegs sein, es ist das ultimative Lebensmotiv aller Sachsen, unsere DNA gewissermaßen, ich bin genauso reisewahnsinnig.
Aber nicht nur Georg Friedrichs Reise- und Lebenslust kennzeichnete seinen Charakter, sondern vor allem sein lebendiges Bedürfnis zu musizieren und zu komponieren, erzählt von menschlichen Gefühlen. Er beschwört geradezu die Notwendigkeit von Schönheit und Kreativität, aber nicht nur im stillen Kämmerlein, nein du brauchtest jetzt unbedingt einen fähigen Musiklehrer, denn dein unstillbares Bedürfnis Musik zu schaffen, musste sofort befriedigt werden, in diesen Momenten hattest du ungeheure Kraft, die umgewandelt werden musste in musikalische Taten, da gab es keinen Weg zurück. Dabei kamst du, wie bereits bemerkt, gar nicht aus einer musikalischen Familie, die riesige Stammbäume von erfolgreichen Musikern aufweisen konnte. Nein ganz im Gegenteil, deine Mutter war Pastorentocher durch viele Generationen hindurch, evangelisch versteht sich im Kern-Lutherland, und dein gestrenger Herr Papa war erfolgreich als Barbier und Arzt pausenlos unterwegs, und Zeit seines Lebens auch als Retter überall im Ausland tätig.
Als er dann zum zweiten Mal heiratete, war er zwanzig Jahre älter als seine blutjunge Frau, deine Mutter, mit der er noch vier Kinder bekam. Alle Achtung, eigentlich hattet ihr eine ganz moderne, interessante Familienkonstellation, wie sie heute fast normal ist, zumindest in der Bürgerlichen Mitte wie wir heute gerne die mittlere Schicht der Bourgeoisie nennen.
Ja, da staunst du, Patch-Work-Familien sind heute nicht nur Lebens- und Trainings-Trends, sondern sogar Life-Style, mein Lieber, nicht nur in London, nein auch in Halle an der Saale.
Ja, und was ich auch für die damalige Zeit verblüffend finde, dass dein Vater ununterbrochen als engagierter Barbier und Wundarzt arbeitete, was zu jener Zeit ein echter Knochenjob war, und eine Art Dienstleistung darstellte, und kein privilegiertes Leben versprach, unglaublich.
Aber dein Herr Papa ist in Europa viel herumgekommen, und über Arbeitsmangel konnte er sich im Dreißigjährigen Krieg nicht gerade beklagen. Jahre später arbeitete er als Feldarzt im sächsischen Regiment, danach avancierte er doch tatsächlich zum höhergestellten Schiffsbarbier und Arzt und war pausenlos in Hamburg und Lübeck unterwegs. Später segelte er bis nach Portugal, man könnte sagen, er war also schon damals so eine spezielle Art oder der Vorläufer von „Ärzte ohne Grenzen“, irgendwie bewundernswert, dass muss ich neidlos anerkennen.
Interessant zu bemerken an dieser Stelle, dass der Vater des Maestro auch schon diese typische sächsische Lebenseinstellung praktizierte: Immer auf Reisen, immer unterwegs, um sich permanent im Transitzustand zu befinden, eine Abfahrt mit stets offenen Ausgang, Risiko spüren, aber ohne abgetrennte Zonen für Business-Reisende. Ja, das war und ist wohl das Motto, Lebensprogramm aller Sachsen, auch mein Vater war mit dem Sport der ehemaligen DDR lebenslang im Ausland unterwegs, aber er konnte schon vor den Flügen Drinks, Snacks und Speisen zu sich nehmen, und im Flugzeug hinter getönten Fensterscheiben las er intensiv Zeitungen. Ein lesender Sportfunktionär war er und in Sachen Olympische Spiele oder Weltmeisterschaften auch ganz ohne Grenzen unterwegs, dabei kam er aus einem kleinen Land, dass eine einzige unmenschliche Grenze darstellte, wo ihre Bewohner, eigentlich Gefangene waren und pausenlos indoktriniert wurden, Tag und Nacht, Sommer wie Winter, eben immer, irgendwie bizarr, aber auch grausam, für die, die eben nicht reisen durften, konnten, sollten – wie eben auch ich und Millionen andere.
Ja unsere Väter waren immer auf Achse, und permanent hektisch mit dem Koffer in der Hand unterwegs, und so groovten sie sich durch Europa, manchmal sind im Trubel der Heiterkeiten Koffer abhanden gekommen, leider mit unseren Souvenirs, na ja das konnte dir später auf deinen Reisen natürlich nicht passieren, denn du hattest ja eine Entourage, die alles für dich organisierte, denn du mein guter Georg Friedrich bist ja für die damalige Zeit recht komfortabel gereist, aber nicht so komfortabel wie mein Vater. Dafür wohntest und lebtest du in „Bella Italia“ luxuriöser, als mancher Fürst in Deutschland, und als jeder Sportfunktionär aus der ehemaligen DDR auf jeden Fall, aber gerade das finde ich bizarr, und ist auch die gerechte Belohnung, weil du so coole Musik komponieren konntest, und dass wussten und wissen die Italiener eben zu schätzen.
Für sie war deine Musik wie aus einem Zaubergarten, du Georg Friedrich konntest eben wie kein Zweiter die Kunst, nein die Gunst der Stunde nutzen, und wenn du erst nach England kommst. dann fliegen dir die Royals und Celebrities nur so zu, da erlebst du ein heißes Blitzlichtgewitter ohne Ende, eine Öffentlichkeit vom Feinsten, da wirst du tatsächlich zu Everybody’s Darling gekürt, vor allem wäre Georg Friedrich heute mit William and Harry befreundet, in stilvoller Country-Fashion könnte man sich locker bei der Queen auf dem Lande zur Tea-Party eingeladen, sie wäre very emused. Du solltest, müsstest natürlich nach dem Small Talk auch ein bisschen Orgel spielen, später würde dich Prinz Charles und Camilla zu Opern-Premieren, Dinner-Partys und zu Frühlingsfahrten für Gourmets einladen, aber das wäre für dich natürlich eine Herzenssache. Oder?
Natürlich, du lechzt ja geradezu danach mit den Royals in die Shakespeare-Stadt, Stratford on Avon, Oxford oder Bath zu reisen, das kann ich ja auch alles verstehen. Du möchtest nicht nur ihre Schafherden bewundern, sondern mit ihnen auch das königliche Landleben pur genießen. Good Luck, mein Lieber.
Aber jetzt nicht vorgreifen, sondern noch mal Back to the Roods. Der erste Tatort unseres kleinen Georg Friedrich in Halle an der Saale war der elterliche Dachboden.
Dort oben konntest du des nachts ungestört wie wild und verrückt auf dem Clavichord klimpern, bis dein nächtliches musikalisches Treiben entdeckt wurde, dein Vater war richtig wütend, und verbot dir jegliche Aktivitäten diesbezüglich, denn er wollte auf keinen Fall, dass du, sein Sohn Musiker wird.
Er hatte wie schon erwähnt die höhere Beamten-Karriere für dich fest im Visier. Du solltest verständlicherweise Rechtswissenschaft studieren, um als Anwalt erfolgreich die Quadratur der Prozesse zu gewinnen. Sofort solltest du zum Bürger 1. Klasse avancieren, mit Ferienhaus auf den Kykladen-Inseln, der nicht darum buhlt anerkannt zu werden, sondern der einfach anerkannt ist, also um jeden Preis wollte dein Vater eine Musikerkarriere verhindern, weil Musiker zu jener Zeit eben nur bessere Dienstboten waren, man kann ja deinen den Vater im Grunde verstehen, alle verantwortungsvollen Eltern wollen nur das Beste für ihre Kinder, aber oftmals ist es eben nicht das Beste, was Eltern dafür halten. Ja, so war das eben auch bei dir.
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