Kitabı oku: «Das Vermächtnis aus der Vergangenheit»
Sabine von der Wellen
Das Vermächtnis aus der Vergangenheit
Teil 4 Die Sucht
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Sehnsucht
Ein neuer Weg
Beziehungsunfähig
Die Sucht
Falsches Spiel
Eriks Kampf
Gefährliches Drogenmilieu
Ex-Horror
Impressum neobooks
Sehnsucht
Marcel und ich genießen den Nachmittag auf unserer Terrasse in der Sonne liegend. Ich soll mich von der anstrengenden Woche erholen, in der ich zwei ganze Nachmittage angeblich Ellen gepflegt hatte.
Ich bin wirklich völlig fertig. Aber nicht wegen Ellen, sondern wegen ihrem Bruder Erik. Er hatte sich vier Tage in seiner Panikwohnung mit einem Berg Drogen eingesperrt und stand schlimm zu, als er mich endlich zu sich ließ. Und ich war die einzige, die er bei sich haben wollte. Nicht mal Ellen oder Daniel wollte er sehen. Nur mich.
Und ich hatte ihm seine Wunden versorgt, die er sich im Drogenrausch zugezogen hatte, … und er hatte mich erneut in sein Bett gezogen.
Dass wir ein zweites Mal miteinander geschlafen haben, ist ein Umstand, der mich verwirrt. Denn bisher kam das in Eriks Leben so gut wie nie vor, dass er eine Frau nochmals zu sich mitnahm.
Erik will keine Gefühle und er will keine Beziehung. Das weiß jeder und er sagt es auch jedem. Er hatte das auch zu mir schon gesagt. Und dennoch wollte er mich ein zweites Mal und verlangte, dass ich heute noch einmal zu ihm kam und nach seinen Wunden sah. Und er hatte mir viel von sich erzählt und mir viel erklärt, als wäre ihm wichtig, dass ich sein konfuses Leben verstehe. Und er hatte mich nach Hause gefahren und ich hatte ihn zum Abschluss geküsst …
Marcel ahnt das alle nicht. Er glaubt, ich bin einfach nur von einer anstrengenden Woche geschafft und müde. Aber das ist nicht mein Problem. Mein Problem ist meine Beziehung und Liebe zu Marcel … und dass Erik in mir Gefühle auslöst, die falsch sind. Und obwohl ich das weiß, kann ich mich ihm nicht entziehen.
Marcel achtet an diesem Nachmittag strickt darauf, dass ich mich nicht zu viel aus dem Liegestuhl erhebe. Er holt Trinken, Essen, versorgt unser Katzenbaby Diego und deckt mich zum Abend hin zu, als es etwas kühler wird.
Ich schlafe fast die ganze Zeit und werde höchstens durch Diego geweckt, der mir auf den Bauch springt, um es sich dort gemütlich zu machen.
Es ist schon spät, als Marcel mich weckt und mich bittet, ins Haus zu kommen. Als ich ihm folge, von seiner Hand mitgezogen, erwartet mich ein Essen bei Kerzenschein und Wein. Er zieht mir den Stuhl zurück und grinst mich schelmisch an. „Jetzt noch ein gutes Essen, frisch vom Italiener geholt und du wirst für eine heiße Nacht gewappnet sein.“
Mir vergeht augenblicklich der Appetit, den ich eben noch hatte. Aber mir ist klar, dass ich mir das auf gar keinen Fall anmerken lassen darf. Ich werde mir diese schöne Nacht mit Marcel machen … irgendwie.
Erik würde es freuen, wenn er über meinen wirklichen Sex-Elan bei Marcel informiert wäre.
Marcels Handy meldet eine ankommende SMS, die er schnell ausdrückt.
„Schaust du nicht rein?“, frage ich ihn und drehe mir die Spagetti auf die Gabel.
„Kann nichts Wichtiges sein“, raunt er und isst weiter.
Nachdem wir die Flasche Wein ausgetrunken haben und Marcel mich ins Bett trägt, wird der Abend doch noch ganz schön. Er lässt sich Zeit und seine zärtlichen Berührungen und heißen Küsse verfehlen irgendwann auch nicht mehr ihre Wirkung. Da draußen langsam ein Gewitter aufzieht, legt sich eine schnelle Dämmerung über den Ort, die uns in eine seichte Dunkelheit hüllt und mich nur kurz den Atem anhalten lässt, als Marcel mein T-Shirt über meinen Kopf zieht.
Aber Eriks Mahnmale sind von Ellens Abdeckstift genügend verdeckt und in dem wenigen Licht nicht auszumachen und Marcel zeigt keine Reaktion. Ich gebe mich seinen Lippen auf meinem Körper hin.
In der Nacht schlüpfe ich erneut in mein T-Shirt und mir wird wieder bewusst, wie geschickt Erik sich mit seinen Küssen auf meinem Halsansatz, und den sichtbaren Beweis dafür, dass ich mich ihm nicht entziehen kann, immer wieder in mein Gedächtnis ruft.
Marcel zieht mich sofort wieder in seinen Arm und murrt nur verschlafen, als er den Stoff fühlt.
Ich kann nicht sofort einschlafen und frage mich, was Erik wohl gerade macht. Es ist Freitagnacht und er kann jede haben, die er will.
Am Samstag geht es mir etwas besser und ich mache mich daran, die Wohnung etwas auf Vordermann zu bringen, während Marcel mit seinem Auto zur Tankstelle fährt, um Öl zu kontrollieren und den Reifendruck zu messen. Zumindest hat er mir das gesagt und ich bat ihn, auch gleich einzukaufen. Da wir wenig zu Hause sind brauchen wir nicht viel. Das meiste ist für unseren Kater Diego.
Am Nachmittag fährt Marcel zum Training. Er hatte mich angefleht, ihn zu begleiten. Aber ich ließ mich nicht erweichen.
Ellen ruft mich an und versucht mich zu überreden, mit ihr am Abend durch die Stadt zu ziehen, weil Erik und Daniel geschäftlich unterwegs sein werden. Doch ich wimmele sie ab. Ich fühle mich schon wieder so, als hätte ich mein ganzes Pulver verschossen und möchte lieber einen ruhigen Abend daheim verbringen. Ob Marcel da sein wird, weiß ich nicht mal. Aber Diego wird es freuen, wenn jemand zu Hause bleibt.
Marcel kommt vom Training zurück und springt sofort unter die Dusche.
Ich habe einen Auflauf im Ofen und setze mich an meinen Laptop, um etwas für meine Hausaufgaben zu recherchieren, als mein Handy eine SMS meldet.
Mein Herz schlägt sofort einen anderen Rhythmus an, als ich Ellen2 lese.
„Mir geht es gut. Danke der nicht gestellten Nachfrage. Ich hoffe, der Elan hält sich in Grenzen. Sichere meine Nummer mit einem falschen Namen. Ist besser. E“
Ich muss sie zweimal lesen. Ist Erik sauer, weil ich mich heute nicht nach seinem werten Befinden erkundigt habe oder ist das erneut eines seiner Spielchen? Zumindest macht er sich Gedanken um die Probleme, die ich bekomme, wenn Marcel seine Nummer auf meinem Handy mit seinem Namen finden würde. Aber das habe ich schon längst im Griff. Erik hätte sich lieber so viele Gedanken um meine auftretenden Probleme machen sollen, als er mir die Knutschflecke verpasste.
Ich schreibe ihm schnell zurück: „Sicher geht es dir gut. Deine Nummer ist schon lange gesichert. Elan? Ich kuriere mich noch von der Woche aus und werde mir einen ruhigen Abend machen. Sei vorsichtig bei dem, was du heute vorhast.“
Dass er wieder mit Daniel seinen Geschäften nachgeht, macht mich nervös und ich versuche den Gedanken daran zu verdrängen. Erik ist noch auf Bewährung und ich denke, es geht um Drogen. Also muss ich damit rechnen, dass es auch mal schiefgehen kann. Etwas, was mich nicht kalt lässt.
Erneut meldet mein Handy eine SMS.
„Lese ich da Sorge? Wer macht sich schon Sorgen um den Teufel? Ich werde auf mich achtgeben.“
Ich tickere nur ein schnelles: „Danke!“, rein und lösche alles.
Das Handy in meine Hosentasche verstauend, lese ich den Artikel weiter, den ich gefunden habe und schreibe mir einige Daten heraus, als Marcel hinter mir erscheint und sein nasses Haar über mir ausschüttelt.
„Iiiih, Marcel nicht! Mein Laptop wird doch ganz nass“, quicke ich.
Er lacht nur und hält seine Nase genüsslich schnüffelnd in die Luft. „Das riecht hier aber lecker. Ich habe einen Bärenhunger!“
Ich stehe auf und stelle Teller auf den Tisch und lege Besteck dazu. „Dann komm, mein hungriger Bär.“
Wir essen und ich frage: „Bist du heute Abend zu Hause?“
„Ich habe nichts vor. Und du?“
„Ich bleibe auf alle Fälle hier. Es tut mir gut, wenn ich mich noch ein wenig ausruhe. Nächste Woche wir anstrengend. Wir haben lange Schule und Mama hat sich noch nicht gemeldet, wann sie zu Julian fahren wollen.“
„Oh Mann, willst du wirklich mitfahren?“
Ich nicke entschlossen. Durch Erik habe ich das Gefühl, ich muss Julian eine Chance geben. Wenn er auch so unter der Vergangenheit leidet wie Erik, dann muss ich mit ihm reden. Vielleicht ist dieser Alchimistenmist wirklich ausgestanden und er kann zurückkommen und alles wird wieder gut. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
„Wenn du meinst!“, brummt Marcel. „Aber schön, dass du heute Abend bei mir bleibst.“
Wie er das sagt, versetzt mir einen Stich. Er tut fast so, als würde ich ihn ständig allein lassen.
Am Sonntag fühle ich mich wirklich wieder fit. Der ruhige Samstagabend und der viele Schlaf füllten meine Kraftreserven auf. Nach dem Frühstück packt mich allerdings die Unruhe. Immer wieder schieben sich Bilder von wilden Bandenkriegen und aufmarschierenden Polizisten in meinen Kopf. Als in den Nachrichten auch noch von einem gesprengten Drogenring berichtet wird, ist es mit meiner sonntäglichen Ruhe ganz vorbei. Während Marcel mit Diego in den Garten geht, um eine Zigarette zu rauchen, schreibe ich eine SMS an Ellen2.
„Ist alles in Ordnung? Geht es euch gut?“
Ich schreibe es extra so, als beziehe ich meine Frage auch auf Daniel.
Fast augenblicklich kommt zurück: „Ja, alles in Ordnung. Ich rufe dich später an.“
Oh nein! Nicht anrufen!
Aber mir ist klar, wenn Erik mich anrufen will, tut er das auch.
„Klingel mich erst kurz an und ich suche mir einen ruhigen Platz“, schreibe ich zurück und hoffe, er versteht, was ich meine.
Ich schiebe das Handy in meine Hosentasche und gehe auch in den Garten. Als ich um die Hausecke biege, sehe ich Marcel auf den Treppenstufen der Terrasse sitzen, die Zigarette im Mundwinkel und etwas in sein Handy eintippen.
Marcel ist kein großer SMS Schreiber, was man an der umständlichen Eingabe der Buchstaben sieht. Es scheint ihn einige Mühe zu kosten und ich gehe zu ihm. „Nah, schreibst du einer deiner zahlreichen Verehrerinnen?“, witzele ich und Marcel fährt erschrocken zusammen. „Nein“, brummt er und steckt das Handy augenblicklich in seine Hosentasche.
Das verwirrt mich. Will er sein Geschriebenes nicht wenigstens verschicken? Ich sehe ihn misstrauisch an. Marcel hat sein Handy neuerdings viel bei sich. Genauso wie ich.
Er raucht seine Zigarette zu Ende und sagt: „Heute Nachmittag ist ein Spiel mit Werda Bremen. Schaust du dir das mit mir an?“
„Oh, ich weiß nicht. Ich muss noch Hausaufgaben machen.“
Er nickt nur und wirft mir einen seltsamen Blick zu, als hätte er auch nicht damit gerechnet.
„Vielleicht wollen deine Jungs herkommen und mitgucken?“, schlage ich vor.
„Ich frage sie mal“, antwortet Marcel nur und ich stehe auf, um ins Haus zurückzugehen. Ich möchte mir etwas zum Lesen holen.
„Soll ich dir etwas mit rausbringen?“, frage ich Marcel und er schüttelt den Kopf.
Ich gehe um die Hausecke und bleibe stehen. Irgendwie bin ich beunruhigt. Irgendetwas an Marcel beunruhigt mich.
Ich drehe mich um und schaue vorsichtig um die Hausecke und sehe ihn erneut sein Handy in die Hand nehmen und etwas schreiben.
Mit gerunzelter Stirn setze ich meinen Weg fort. Also ist da was im Busch. Marcel schreibt SMSen und ich soll das nicht mitbekommen.
Ich beschließe, etwas schrecklich Verwerfliches zu tun. Ich werde mal in seinem Handy etwas schnüffeln müssen.
Sofort spüre ich diesen Wurm in mir. Noch klein und schmierig und deshalb nur eben wahrzunehmen. Aber ich habe Angst davor, dass er zu einer Python wird, die mich erneut von innen heraus zerfetzen will.
Ich beeile mich, mir ein Buch zu greifen und laufe schnell wieder hinaus.
Marcel sitzt nur da und schaut Diego zu, der durch die Büsche streift und alles untersucht. „Der Kleine ist richtig groß geworden“, sagt er, stolz wie ein richtiger Papa.
„Ja, ist er“, sage ich und setze mich dicht neben ihn, lege meinen Arm um seinen Nacken und lehne mich an seine Schulter.
„Du siehst wieder ausgeruhter aus. Das Wochenende hat dir gutgetan“, raunt er und sieht mich zufrieden an.
Ich nicke nur.
Er legt seinen Finger unter mein Kinn und küsst mich. „Das war ein schönes Wochenende. Diese Woche wird anstrengend und wir werden uns nicht viel sehen können.“
„Ich weiß“, flüstere ich an seiner Schulter.
Er nimmt meinen Arm und zieht mich über sein Bein zwischen seine Beine, damit ich eine Stufe unter ihm zum Sitzen komme. Beide Arme um mich schlingend, haucht er in meine Haare: „Weißt du, dass ich dich liebe?“
Ich nicke, greife hinter mich und lege meine Hand auf seine Wange, während er mir einen Kuss auf meinen Hals drückt.
Warum rege ich mich auf, weil Marcel mal jemandem schreibt? Es ist nichts! Er liebt mich immer noch, also!
Wir sitzen lange zusammen und schauen Diego bei seinen Spielchen zu. Aber irgendwann muss ich reingehen und mich an meine Hausaufgaben machen.
Marcel bietet mir erneut an, mir zu helfen, wenn ich nicht klarkomme. Aber er bleibt noch draußen und ich sehe ihn wenig später in der Garage verschwinden.
Zum ersten Mal grübele ich darüber nach, was passiert, wenn wir uns trennen. Wenn er auf einmal eine andere hätte.
Ich verdränge den Gedanken daran. Es würde mir den Boden unter den Füßen wegziehen.
Am Nachmittag habe ich meine Hausaufgaben fertig, den Bericht geschrieben, der eigentlich erst nächste Woche dran ist, und meine Mappen geordnet und alle Blätter eingeheftet. Marcel ist immer noch draußen und putzt seinen Golf von innen. Diego hat er bei sich und lässt ihn durchs Auto toben. Mittlerweile haben wir keine Angst mehr, den Kater auch außerhalb des Zaunes laufen zu lassen, der sowieso kein Hindernis mehr für ihn darstellt. Marcel überlegt schon, ob wir ihm irgendwo eine Klappe einbauen können, damit er jederzeit raus und rein gehen kann.
Diego kommt zu mir ins Wohnzimmer gelaufen und Marcel folgt ihm, den Eimer und die schmutzigen Lappen in der Hand. „So, mein Auto blitzt und blinkt wieder“, sagt er und sieht zufrieden aus. „Außerdem muss der Mustang, den ich gestern gesehen habe, hier irgendwo aus unserer Nachbarschaft kommen“, meint er noch und geht ins Badezimmer, um die Lappen in die Waschmaschine zu werfen.
„Warum meinst du das?“, rufe ich ihm verunsichert hinterher.
Marcel kommt ins Wohnzimmer zurück. „Weil ich den erneut gesehen habe.“
„Wo?“, frage ich verwirrt.
„Auf unserer Straße. Der ist vor einer halben Stunde hier vorbeigefahren. Schickes Teil, sage ich dir. Wirklich ein Traum. Ich würde so was gerne mal fahren.“
Ich schlucke schwer. Erik ist hier durchgefahren? Warum?
„Glaube ich dir“, murmele ich nur und gehe zum Badezimmer. „Ich gehe eben auf Toilette“, erkläre ich und schließe die Tür hinter mir.
Mein Handy aus meiner Hosentasche ziehend, schreibe ich an Ellen2 eine SMS. „Dein Auto ist zu auffällig, als das du unauffällig hier durchfahren kannst. Wolltest du etwas Bestimmtes?“
Die Antwort lässt auf sich warten. Ich werde nervös. Schließlich kann ich nicht ewig auf dem Klo hocken bleiben. Dann klingelt mein Handy einmal und erstirbt wieder. Erik will mit mir telefonieren. Verdammt!
Ich verlasse das Badezimmer und schlüpfe in meine Schuhe. Marcel wirft sich gerade vor den Fernseher. „Vielleicht kommen Michael und Mike gleich noch. Magst du nicht doch mitschauen? Das Spiel fängt gleich an.“
Ach ja, das Fußballspiel.
„Ne, ich gehe lieber eben ein Stück um die Häuser. Vielleicht danach. Okay?“
Marcel sieht mich seltsam an und ich gehe zu ihm und gebe ihm einen Kuss. „Nur eine Runde die Füße vertreten - nach dem langen Sitzen. Und vielleicht sehe ich ja, wo dein Mustang wohnt und ich sage dir dann die Adresse.“
Seine Augen leuchten auf. „Au ja! Das wäre toll!“
Ich verlasse schnell das Haus und gehe durch die kleine Gartenpforte auf die Straße. Sofort blicke ich die Straße rauf und runter. Aber ich sehe keinen auffälligen Mustang. Ich muss die leichte Enttäuschung unterdrücken, die sich an die Oberfläche schleichen will. Spüre ich da so etwas wie eine seichte Sehnsucht? Ich schüttele energisch den Kopf und verdränge das Gefühl.
Ich gehe die Straße hinunter, an den Einfamilienhäusern mit ihren schön angelegten Gärten vorbei und komme zu der Straße, an der Erik und ich parkten und ich ihm den Abschiedskuss gab. Dort wechsele ich auf die andere Straßenseite und laufe weiter in die Stadt hinein. Ich nehme mein Handy und rufe Ellen2 an.
„Hi!“, meldet Erik sich sofort. „Hast du dich wegschleichen können?“
„Hallo Erik. Warum wegschleichen? Ich habe gesagt, dass ich ein Stück um die Häuser gehe und fertig. Marcel sperrt mich nicht ein.“
„… wie ich!“, raunt Erik, als wolle ich den Satz so vervollständigen.
„Das hast du gesagt“, antworte ich ihm und fühle ein seltsames Zittern durch mein Inneres toben. Schon mit Erik zu sprechen lässt alles in mir vibrieren. „Und, gestern alles gut gelaufen?“, versuche ich das Thema schnell zu wechseln.
„Ja, aber frag nicht weiter. Es ist besser, du weißt von all dem nichts“, höre ich Erik murmeln.
„Stimmt! Das ist wahrscheinlich wirklich besser. Zumal das etwas wäre, dass ich nicht tolerieren könnte, wenn wir mehr als nur Freunde wären.“ Ich kann dem Drang nicht wiederstehen, ihn erneut aus der Reserve zu locken. Mir wird klar, dass in meinem Inneren die Frage wütet, was er meint, was zwischen uns ist. Dass er mir die Freundschaft zu seiner Schwester lässt, ist mir mittlerweile klar. Aber was will er von mir? Einerseits lebt er sein Leben, als gäbe es nichts anderes, was ihn interessiert und anderseits sucht er den Kontakt zu mir.
Erik sagt nichts.
Nach einiger Zeit raunt er, das Thema wechselnd: „Du fragst nicht, wie es mir geht? Vergessen? Ich bin noch immer verletzt.“
„Ach Erik, Quatsch. Wenn du nachts durch dunkle Gassen und siffige Diskotheken gehen kannst, um Drogen zu verticken, dann kann es so schlimm nicht mehr sein“, knurre ich von der Enttäuschung getrieben, dass er sich nicht weiter auf das andere Thema einlassen will.
„Autsch, das war wie ein Schlag in den Magen. Wo bleibt denn deine hilfreiche und soziale Ader? Hast du die anderweitig ausgetobt?“, blafft er zurück.
Ich bin mir nicht sicher, was er damit meint und brumme: „Die steht nicht jedem zu und Daniel ist schließlich auch noch da. Er kann dir auch dein Händchen halten. So und nun raus mit der Sprache. Warum warst du heute in Bramsche?“
Ich höre ein Seufzen und es dauert bis er antworte: „Ich habe nur nach dem Rechten gesehen.“
„Was? Wie, nach dem Rechten gesehen?“, frage ich irritiert.
„Nah, ob das Haus noch steht oder du schon deine Sachen packst und gehen willst oder irgend sowas“, sagt er, als zähle er auf, was er zum Frühstück gegessen hat.
„Ich habe nichts, wo ich einfach so hingehen kann. Meine Eltern lieben Marcel mittlerweile wieder heiß und innig und würden mir die Hölle heiß machen, wenn ich ihn verlasse“, antworte ich, an meine Gedanken erinnert, die mich genau diesbezüglich schon bei den Hausaufgaben heimgesucht hatten.
Leise raunt Erik: „Das wäre kein Problem. Ich hätte sofort eine Wohnung für dich.“
„Die ich mir nicht leisten könnte“, antworte ich nur.
„Die würde dich nichts kosten. Sie ist bei Daniel im Haus“, sagt er schnell.
Ich bleibe verwirrt stehen. „Wie jetzt?“
„Ist doch egal. Wenn du wegwillst, hast du auf alle Fälle gleich eine Wohnung. Mehr brauchst du nicht zu wissen.“
Ich schüttele den Kopf und muss einen Schritt an die Seite gehen, um eine Frau mit Kinderwagen vorbeizulassen.
„Okay“, antworte ich nur. „Aber ich glaube, ich würde mir dann lieber selbst was suchen.“ Ich weiß nicht, was ich von all dem halten soll.
„Sicher! Aber erst mal hättest du eine Bleibe und Ellen hättest du auch gleich da“, murmelt er.
Will er mir die Wohnung schmackhaft machen? Ich finde das alles ausgesprochen seltsam und nehme mir vor, Ellen danach zu fragen. Jetzt halte ich es erst mal für besser, das Thema zu wechseln.
„Also jetzt ehrlich! Warum warst du eben da?“
„Ehrlich? Ich war in der Nähe und wollte einen kleinen Abstecher machen, um wirklich nur zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Und ich habe deinen Typen gesehen. Ich glaube, gestern auch schon. Der steht scheinbar auf Mustangs.“
Erik hört sich so an, als freue es ihn ungemein, dass er etwas hat, das Marcel auch haben möchte.
„Ich denke, wenn du ihn fragst, ob er auch mal fahren will, sagt er sofort ja“, antworte ich, seine Vermutung bestätigend.
„Ich kann ihn ja mal fragen, ob er mit mir tauscht. Er bekommt das Auto und ich seine Freundin.“ Erik lacht laut auf, um seine Worte als Witz zu kaschieren.
Ich muss auch lachen. So ein Spinner. „Nah, ich denke, er nimmt sofort das Auto“, antworte ich ihm.
„Hm, dann sollte ich ihm den Deal wirklich mal vorschlagen“, sagt Erik ernst.
„Untersteh dich“, rufe ich gespielt entrüstet aus und muss immer noch lachen. „Du bringst das wirklich und ich habe dann den Stress, weil Marcel wissen will, wie du auf so etwas kommst. Sowieso, dass ich den Mustangfahrer kenne, würde ihn aus allen Wolken fallen lassen. Also bitte halte dich zurück“, füge ich noch belustigt hinzu. Ich will diese Stimmung aufrechterhalten.
„Zurückhaltung? Hm, ich glaube, dass ich nicht gerade eine meiner Stärken“, murmelt Erik.
Ich muss schmunzeln. „Stimmt! Was ist deine Stärke?“
Erik scheint zu überlegen. „Ich weiß nicht? Ich kann nichts Besonderes. Vielleicht ist meine einzige Stärke meine Stärke.“ Er lacht auf, klingt aber eher resigniert.
„Ich bin mir sicher, du hast ganz viele“, versuche ich sofort mit einem seltsamen Gefühl im Bauch seine Laune wieder hochzutreiben.
„Ach ja? Nah, dann sage mir mal eine. Eine Einzige. Das wäre schon was“, raunt er und ich spüre erneut die Stimmung auf Talfahrt gehen.
„Ich weiß ganz viele“, sage ich aufgedreht. „Du bist stark nervig, stark verbissen, stark wehleidig, stark unberechenbar, stark ehrlich, stark im Bett.“ Das letzte lässt meinen Atem stocken. Vielleicht hätte ich das besser unerwähnt gelassen.
„Wow, das ist viel stark. Und über den letzten Punkt sollten wir uns noch mal ausführlicher unterhalten.“ Ich höre sein leises Lachen.
Ich sehe schon den Bahnhof vor mir und weiß, dass unser Gespräch zu Ende gehen muss. Ausgesprochen bedauerlich.
„Erik, ein anderes Mal. Ich bin gleich wieder zu Hause. Wir müssen Schluss machen.“
„Was? Schon? Okay …“, raunt er wenig erfreut.
In dem Moment hubt jemand neben mir und Mike brüllt aus dem offenen Fenster von Michaels Audi: „Hallo Carolin!“
Sie rasen an mir vorbei, den Motor noch einmal aufheulen lassend und Michael winkt grinsend.
„Mann, Jungs!“, brumme ich erschrocken.
„Was ist da bei dir los?“, höre ich Erik fragen und er scheint schon auf dem Sprung zu sein, um mich vor irgendwelchen bösen Buben zu retten.
„Nichts! Das waren nur Marcels Jungs. Die fahren wohl zu uns, um Fußball zu schauen.“
„Hm, alles klar. Dann hast du eine volle Bude, oder?“ Er scheint zu überlegen. „Magst du nicht lieber mit mir ein wenig rausfahren?“ Es klingt wirklich wie eine Bitte und ich schlucke.
„Nein Erik. Ich kann nicht einfach verschwinden. Außerdem habe ich noch einiges zu tun.“
Murrend höre ich ihn sagen: „Du ziehst diese Bande mir also vor?“
„Natürlich!“, sage ich neckend.
Er scheint einen Moment sprachlos zu sein. „Auch das merke ich mir“, brummt er grollend.
„Was denn noch?“, frage ich und werde immer langsamer, um noch etwas Zeit zu schinden.
„Nah, dass mit dem Teufel. Du hast gesagt, ich wäre der Teufel.“
„Ach das“, sage ich und muss erneut lachen. „Und wofür merkst du dir das?“
„Für meine Rache“, sagt er genüsslich und ich frage keck nach: „So, für die Rache! Wie soll die aussehen?“
„Lass dich überraschen“, raunt er und mir wird heiß. Das heißt wohl, dass er immer noch nicht genug von mir hat.
„Mache ich“, erwidere ich und könnte das Spiel noch endlos weiterführen. Aber ich muss gehen. Die Jungs haben mich gesehen und warten bestimmt darauf, dass ich endlich erscheine.
„Okay Erik, ich muss Schluss machen.“
„Ich weiß. Wir sehen uns dann … zu meinem Racheakt.“ Ich höre ihn förmlich die Zähne fletschen.
„Wann?“, frage ich.
„Lass dich überraschen“, antwortet er nur. „Einen schönen Sonntag noch und vergiss mich nicht.“
„Mache ich nicht. Dir auch einen schönen Sonntag. Bis bald!“ Ich lege auf, als ich fast unser Haus erreiche. Michaels Audi steht neben Marcels Golf vor der Garage.
Ich habe eigentlich keine Lust hineinzugehen. Aber ich habe noch eine Mission, die mir vielleicht gut gelingt, wenn Marcel so abgelenkt ist. Ich möchte einen Blick in sein Handy werfen.
Als ich das Haus betrete, höre ich die Fußballfreaks schon im Wohnzimmer toben, was einen schlechten Spielverlauf anzeigt. Ich schaue ins Wohnzimmer und rufe ein „Hallo“, hinein.
„Hi, Carolin!“, rufen Michael und Mike wie aus einem Mund und Marcel wirft mir einen schnellen Blick zu.
Ich gehe zu ihm und gebe ihm einen Kuss, weil ich weiß, dass ihm das ganz wichtig vor seinen Kumpels ist.
„Kommst du jetzt auch ein bisschen zu uns?“, fragt er und ich sehe mich um. Sein Handy liegt auf dem Tisch vor dem Sofa.
„Gleich! Möchte jemand einen Kaffee oder etwas anderes?“
„Kaffee wäre toll“, sagt Michael und grinst mich an.
„Dreimal“, meint Marcel, als wäre ich eine Bedienung in einem Cafe.
„Okay“, raune ich und komme wenig später mit einem Tablett wieder, auf dem Milch, Zucker und drei Kaffeebecher mit Kaffee stehen. Wie ganz nebenbei, mache ich auf dem Tisch Platz und lege Marcels Handy auf das Tablett, während ich die Becher, die Milch und den Zucker auf den Tisch stelle. Die Fernsehzeitung lege ich auch auf das Tablett und schiebe die Kaffeebecher direkt vor die jeweiligen Kaffeetrinker.
Ich gehe in die Küche und atme auf. Das Handy greifend, flitze ich ins Badezimmer und schließe mich ein. Mit zittrigen Händen und einem unglaublich schlechten Gewissen drücke ich die Tastensperre aus. Im Telefonspeicher finde ich nur Anrufe von mir, seiner Schwester, seinen Eltern oder seinen Kumpels. Ich öffne die SMSen und finde tatsächlich drei von einer Sabrina, was augenblicklich einen Sturm durch mein Innerstes toben lässt.
Mit laut pochendem Herzen öffne ich die erste.
„Hallo Marcel. Du kennst mich wahrscheinlich nicht. Ich kenne dich aber. Ich bin bei jedem Fußballspiel dabei und ein absoluter Fußballfanatiker - wegen dir! Magst du dich mal mit mir treffen? Sabrina.“
Das haut mich fast um. Wie abgebrüht ist das denn?
Ich öffne die nächste.
„Schade! Aber was heißt das schon … eine Freundin. Vielleicht entgeht dir etwas, wenn du dich nur an eine klammerst. Überlege es dir. Man weiß nie, ob sie nicht auch in fremden Teichen fischt.“
Die lässt mich aufatmen. Marcel hat sie abgeblockt. Aber dennoch scheint das Mädel nicht locker lassen zu wollen und arbeitet sogar mit unlauteren Mitteln. Sie deutet an, dass ich untreu sein könnte. Allerhand!
Ich öffne die dritte.
„Das hört sich schon besser an. Ich melde mich noch. Warte darauf.“
Mir stockt erneut der Atem. Verdammt!
Ich gehe in die Gesendeten und lese Marcels letzte SMS.
„Vielleicht hast du recht. Das Leben ist zu kurz und undurchsichtig. Schickst du mir ein Bild von dir? Ich möchte gerne wissen, mit wem ich es zu tun habe.“
Ich starre auf die SMS von Marcel. Er lässt sich tatsächlich ein Bild zuschicken? Was soll das werden? Und dann ist er auch noch so blöd und löscht das Zeug nicht.
Tief durchatmend verlasse ich das Badezimmer und lege das Handy mit der Fernsehzeitung zusammen unauffällig auf meinen Schreibtisch, während die Männer völlig resigniert auf ihren Sitzen herumrutschen und den Blick nicht von dem Spiel wenden können.
Ich sehe Marcel an und kann es nicht fassen.
Sein Blick begegnet plötzlich meinem und er fragt erneut: „Kommst du jetzt? Die spielen ganz schlecht. Vielleicht hilft es, wenn du mitguckst?“
Die anderen lachen und ich gehe zwischen ihren langen Beinen hindurch und quetsche mich zwischen Marcel und Mike aufs Sofa. Marcel legt sofort den Arm um mich und zieht mich zu sich heran.
Tatsächlich hilft da nichts. Es bleibt null zu null. Marcel ist schrecklich enttäuscht. Da half auch nicht das Bier, das ich für alle holte und auch nicht das Popcorn, das ich in der Mikrowelle machte. Für Marcel ist das eine Katastrophe und ich weiß, ich muss ihn trösten und bin doch wie befangen. Ich kann es nicht nachvollziehen, dass er so leidet, weil sein Verein kein Tor geschossen hat. Diese Sabrina hat da bestimmt mehr Verständnis und der Gedanke macht mir Angst.
Ich schaffe es, noch am gleichen Abend erneut in sein Handy zu schauen. Aber es ist noch keine weitere SMS von diesem Mädchen eingegangen. Vielleicht ist sie zu hässlich, um ihm wirklich ein Bild von sich zu schicken.
Am Montagmorgen stehe ich wieder allein auf. Marcel lasse ich weiterschlafen, weil er erst mittags zur Arbeit muss.
Im Bus ruft mich Tim an und ist so unglaublich glücklich, dass wir uns noch diese Woche sehen werden, dass ich mich schon wieder überfordert fühle. Seine ganze Hoffnung ist in seiner Stimme zu hören, die er in diese kurze Zeit unseres Wiedersehens setzt.
Ich weiß nicht, wie ich diese Hoffnung dämpfen soll, ohne ihm wehzutun und ich weiß auch gar nicht, wie ich wirklich reagieren werde, wenn er vor mir steht. Ich kann mich nicht mehr einschätzen. Meine Gefühlswelt ist völlig auf den Kopf gestellt. Wer weiß da schon, wie ich bei Tim ticken werde?
Als ich aus dem Bus steige, immer noch das Handy an meinem Ohr und in Ellens Gesicht sehe, geht es mir besser. Sie grinst mich an und ich grinse zurück. „Okay Tim, ich muss jetzt Schluss machen und wünsche dir noch einen schönen Tag. Bis morgen!“
Ich beiße mir auf die Lippe. Der letzte Satz war mir so rausgerutscht.
Tim haucht noch einen Luftkuss ins Telefon und wir legen auf.
„Wie bis morgen? Weißt du schon, dass er morgen wieder anruft?“, brummt Ellen, ohne mir einen Guten Morgen zu wünschen.
„Naja …, sicher!“, sage ich ausweichend.
„Also ist er das immer morgens und nicht Marcel. Ich dachte mir das schon“, knurrt sie verbissen.
„Marcel ruft mich auch schon mal an … oder meine Eltern“, versuche ich mich zu verteidigen.
„Und wann kommt er?“
Stimmt, ich hatte Ellen gesagt, dass Tim diese Woche vorbeikommen wird.
„Mittwoch“, raune ich und weiß nicht, ob es gut ist, dass sie das weiß.
„Und was habt ihr vor?“
„Schauen wir mal. Vielleicht habt ihr Lust, was mit uns zu unternehmen?“, frage ich sie.
„Wen meinst du? Die Mädels? Daniel? Vielleicht Erik?“, brummt sie ungehalten.
Ich schüttele den Kopf. „Wenn du meinst, ich sollte besser nicht mit ihm allein sein, dann lass dir doch was einfallen. Da seid ihr Zeiss-Clarkson doch ganz groß drin“, brumme ich zurück.
Ellen grinst, aber ihre Augen blitzen ernst. „Warte, was passiert, wenn Erik erfährt, dass Tim erneut hier aufläuft.“
„Sag´s ihm einfach nicht“, antworte ich nur mürrisch. Mir ist bei dem Gedanken auch nicht wohl.
Wir sind bei der Schule und die anderen empfangen uns überdreht und erzählen von Samstagabend und ihrer Alandotour.
Ich sehe Ellen überrascht an. Sie hatte mir nicht erzählt, dass sie Samstag auf Tour waren.
„Du wolltest schließlich nicht mit. Die anderen aber schon“, sagt sie nur lachend.
Ich bin etwas traurig, dass sie mir nichts davon gesagt hatte. Fast kommt es mir so vor, als wollten sie mich gar nicht mithaben. Meine alte Angst, den Anschluss an meine Klassenkameraden zu verlieren, kriecht wieder in mir hoch. Das darf auf gar keinen Fall wieder passieren.
Als wir am Nachmittag aus der großen Eingangstür der Schule treten, machen mich Michaelas leuchtenden Augen auf die zwei an der Straße wartenden Autos aufmerksam.
Verdammt!
Ellen lacht. „Hey, was ist das denn heute?“ Sie geht schnurstracks auf den BMW zu und küsst Daniel, der lässig an seinem Auto lehnt und nur Augen für sie hat.
Unsere Mädels sehen sich den anderen Typen an, der mit verschränkten Armen am Mustang lehnt und nur Sabine und Michaela wissen, dass das Ellens Bruder ist.
Mein Herz droht bei Eriks Anblick auszusetzen. Er hat ein schwarzes T-Shirt an, das ungewöhnlich eng für seine Verhältnisse sitzt und seinen unglaublich gutgebauten Oberkörper betont. Seine verwaschene Jeans mit dem Riss auf dem Oberschenkel sieht verboten verwegen aus und ich weiß, was der Inhalt verspricht, hält er auch. Dazu glänzen seine blonden Locken in der Sonne.
Ich drehe mich um und denke mir, es ist besser ich gehe noch mal in die Schule zurück und tue so, als müsse ich noch mal auf Toilette oder etwas holen, das ich vergessen habe. Schon wegen Michaela möchte ich nicht, dass Erik mich anspricht oder sonst irgendetwas macht, das den Anschein erweckt, wir hätten mehr miteinander zu tun. Schließlich war sie auch schon eine von Eriks Betthupfern gewesen und leidet immer noch schwer an seiner anschließenden Abfuhr.
Ich höre Ellen meinen Namen rufen und laufe durch die Tür in den kühlen Flur der Schule zurück. Vielleicht gibt es auch einen Hinterausgang oder ich komme erst raus, wenn alle weg sind. Ich kann unmöglich vor allen in Eriks Auto steigen. Das überlebt die arme Michaela, und wer weiß wer sonst noch alles, nicht. Und ich auch nicht.
„Hey, wartest du wohl?“, höre ich plötzlich Eriks wütende Stimme durch den Flur schallen und laufe an den letzten Nachzüglern vorbei, die aus einem der Klassenzimmer kommen.
Erschrocken und resigniert verdrehe ich die Augen. Das kann doch jetzt nicht wahr sein? Wieso folgt er mir auch noch?
Ich will nicht wegrennen. Also muss ich ein normales Tempo beibehalten, damit es nicht so aussieht, als wäre ich auf der Flucht. Es soll schließlich so aussehen, als hätte ich noch irgendwas vergessen.
„Wartest du wohl?“, brummt es neben mir und ich werde am Arm festgehalten. Erik sieht mich verdrossen an. „Du kannst doch nicht einfach abhauen“, knurrt er aufgebracht.
„Was willst du hier?“, zische ich und gehe weiter.
Erik lacht auf und ich sehe ihn verdutzt an.
„Du bist so leicht zu durchschauen und so berechenbar. Es ist herrlich!“, sagt er belustigt.
Ich bleibe völlig verwirrt stehen.
„Vergessen? Meine kleine Rache. Ich habe lange überlegt, was dich wirklich trifft, ohne dich zu verletzen. Und dann fiel mir ein, was du bei deinem Typen nicht magst und dachte mir, dass kann ich auch.“
„Was?“, brumme ich noch irritierter.
„Und du schenkst mir die ganze Bandbreite mit deinem dummen Fluchtversuch“, raunt er grinsend.
Bevor ich etwas erwidern kann, packt er mich, wirft mich über seine Schulter, als wäre ich nur ein Zementsack, und greift mit der anderen Hand nach meiner Tasche, die ich erschrocken fallen ließ.
Ich versuche mich aus seinem Griff zu winden und er tut so, als wenn er mich hintenüberfallen lässt. „Gibst du jetzt Ruhe?“, brummt er dabei, als ich aufschreie.
Ich wage mich nicht mehr zu rühren und klammere mich kopfüber an seinem Gürtel fest. „Bitte, Erik. Ich gehe auch brav mit. Aber lass mich runter“, flehe ich ihn völlig verzweifelt an.
„Vergiss es. Das wird jetzt richtig peinlich für dich. Das ist meine kleine Rache. Du wirst nicht mehr einfach vor mir abhauen und mir auch nicht wiedersprechen“, meint er zufrieden.
Wir kommen durch die Tür, auf die jeder starrt, der Erik in Windeseile hineinschlüpfen gesehen hatte und sich wunderte, warum. Dass er jetzt wieder rauskommt und mich locker über seiner Schulter zum Auto trägt, verursacht bei vielen der um uns stehenden Gelächter. Ich möchte nicht Michaelas Gesicht sehen, die vielleicht eine Sekunde die Hoffnung hatte, dass er wegen ihr hier ist … oder andere Mädels, die dem gleichen Irrtum erlagen.
„Erik, ich hasse dich!“, fauche ich und er stellt mich bei seinem Auto auf die Füße.
Ellen und Daniel grinsen mich an, als ich aufgebracht meine Haare aus dem Gesicht streiche und ihnen einen wütenden Blick zuwerfe. Dann trifft mein Blick wieder Erik und ich fauche: „Verdammt, warum machst du das? Du bist doch wohl vollkommen übergeschnappt!“
„Steig ein“, raunt Erik nur und ignoriert mein Gezeter.
„Und wenn ich nicht will!“
„Glaub mir, dann wird es noch peinlicher für dich“, brummt er und seine Augen brennen sich in meine. „Aber mach ruhig. Ich freue mich darauf.“
Ich greife nach meiner Tasche, reiße sie ihm aus der Hand und gehe um den Mustang herum, um mich auf den Beifahrersitz zu werfen. „Was muss ich noch alles ertragen?“, murre ich dabei wütend.
Erik winkt Ellen und Daniel zu und steigt auch ein. Er lächelt mich an. „Du kannst auch ganz brav sein, sehe ich.“
Ihn keines Blickes würdigend, sehe ich aus dem Seitenfenster.
Wir fahren mit tief brummenden Motoren los und ich seufze auf. Wie soll ich meine Gefühlswelt in den Griff bekommen, wenn Erik mich jeden Tag auf die eine oder andere Weise belagert? Und dann dieser peinliche Auftritt! Der schafft es noch, dass ich mich nicht mal mehr in der Schule blicken lassen kann.
Wir fahren quer durch die Stadt. Bei den Ampeln kommt Daniels BMW oftmals auf unsere Höhe oder er überholt uns bei einem Kavalierstart und setzt sich vor uns. Es ist ein beständiges Spiel der beiden Autos und ihrer Fahrer. Ich kann mich nicht dagegen wehren, dass meine Laune sich bessert, als mir die ausgelassene Stimmung von Erik immer bewusster wird. Er ist wie ein Kind, das sein Lieblingsspiel spielen darf und wenn ich Daniel und Ellen sehe, die strahlend und verrückte Grimassen schneidend ihren Teil dazu beitragen, sobald wir auf eine Höhe kommen, so kann ich mich dem nicht entziehen.
Erik grinst mich immer wieder an, während gute Musik läuft und um uns herum das Auto bei jedem Anfahren seine unbändige Kraft zeigt.
Als wir auf der anderen Seite der Stadt in den Stadtteil Voxtrup einfahren, sehe ich Erik verständnislos an. „Wo fahren wir hin?“, frage ich ihn, weil mir dieser Teil der Stadt überhaupt nicht geläufig ist.
„Wir? Wir machen eine kleine Spritztour. Mein Racheakt ist noch nicht zu Ende. Lehn dich noch nicht zurück.“ Er grinst mich frech an.
Ich beschwere mich: „Hey, dass an der Schule war schon schlimm genug, dass es für die nächsten Jahre im Voraus reicht.“
Erik lacht auf. „So lange willst du es mit mir aushalten?“
„Will?“, antworte ich ihm aufgebracht: „Als wenn ich bei irgendwas eine Wahl habe.“
„Stimmt, die hast du auch schon verspielt“, sagt er gut gelaunt und zwinkert mir mit funkelnden Augen zu.
Daniel und Ellen ziehen an uns vorbei, als wir Voxtrup verlassen und eine breite Straße hinabfahren. Der BMW setzt sich erneut vor uns.
Ellen winkt und ich winke zurück.
„Was hast du vor?“, frage ich Erik und schaue dem BMW hinterher.
„Ich sagte doch, wir machen eine kleine Spritztour.“
„Und das soll eine Strafe sein?“, frage ich ungläubig.
„Wir sprechen uns in ein paar Minuten noch mal wieder“, raunt Erik und ich überlege angestrengt, was er machen könnte, was mir dann wirklich wie eine Strafe erscheint. Das hier ist einfach nur Spaß pur.
Wir fahren durch einen kleinen Ort, der sich auf seinem Eingangsschild als Bissendorf präsentiert und in dem der Mustang sofort Aufsehen erregt.
Das ist nichts, was ich wirklich mag und ich krame meine Schultasche vom Rücksitz und wühle in einer Seitentasche meine Sonnenbrille hervor, die ich nicht oft aufsetze.
„Versteckst du dich?“ Erik grinst spitzbübisch. „Du magst es überhaupt nicht, wenn du die Aufmerksamkeit auf dich ziehst und doch bist du wie ein Magnet, dass alle Energie an sich zieht.“
Ich sehe ihn verständnislos an und er erklärt nach einem Blick aus ernsten Augen: „Ist dir noch nicht aufgefallen, dass du immer die Aufmerksamkeit auf dich ziehst, wenn du irgendwo erscheinst? Wenn du in eine Disco gehst, sind immer welche da, die sich sofort von dir angezogen fühlen und wenn du durch die Stadt gehst, sind immer welche da, die dich ganz unverhohlen anstarren. Ich wette mit dir, es gibt viele Menschen, die gerne mit dir befreundet wären und viele Männer, die gerne mit dir zusammen wären.“
„Quatsch! Ich ziehe nicht mehr Aufmerksamkeit auf mich als alle anderen Menschen. Aber ich mag es wirklich nicht besonders, wenn ich bei irgendwas im Mittelpunkt stehe“, gebe ich zu, von seinen Worten seltsam berührt.
„Das weiß ich seit vorletztem Sonntag“, sagt Erik ernst. „Ich habe es fast körperlich gespürt, wie unangenehm dir das ganze theatralische Gehabe mit dieser Fußballmannschaft war und als dein Typ dich vor allen abschleckte.“
Ich fühle mich gezwungen ihm die Situation zu erklären. „Das war das zweite Spiel, zu dem ich mitgegangen bin und die halten mich für ihren Glücksbringer, weil sie noch nie so gut gespielt haben. Vor allem Marcel war noch nie so gut“, sage ich gerade mal so laut, dass die Musik es nicht ganz verschluckt und Erik dreht sie leiser. Er runzelt die Stirn und zieht in einem Kreisel in die nächste Seitenstraße ein, obwohl ich den BMW weiterfahren sehe. Ich will ihn darauf aufmerksam machen, aber an seinem Blick sehe ich, dass ihm das auch bewusst ist.
„Sein Glücksbringer …“, raunt er mehr zu sich selbst.
Mir wird die erdrückende Stimmung bewusst, die das Gespräch auslöst und ich lege meine Hand in seinen Nacken und schiebe sie in seinen Haaransatz. „Lass uns nicht davon sprechen. Sag mir lieber, warum wir woanders herfahren, als Daniel und Ellen.“
Erik nickt und legt den Kopf etwas schief und drückt seine Wange an meinen Arm. Dabei gibt er Gas, obwohl wir durch ein paar nicht ganz seichte Kurven ziehen.
„Du hast recht. Das ist geplant. Und du solltest besser deine Hand von meinem Körper nehmen, wenn du das, was jetzt kommt, überleben willst“, sagt er und ich ziehe meine Hand erschrocken zurück, auf die nächste Kurve starrend, die sich vor uns auftut.
Erik dreht die Musik lauter, als gerade ein Lied mit deutschem Text beginnt. Ich kenne die Gruppe von der letzten Klassenfahrt, wo dieses Lied mehrmals im Bus lief. SDP ist eine Berliner Duogruppe und der Text nimmt mich vom ersten Wort an gefangen. Von der Art her könnte das Erik sein und der Text könnte nicht besser auf mich und Erik zutreffen, wenn Erik in der Lage wäre, so zu fühlen wie der Sänger. Schon der Anfang irritiert mich. „Reißen wir uns gegenseitig raus oder reiten wir uns rein, hältst du mich lang genug aus oder bin ich bald wieder allein?“
Der Sänger schildert seine Liebe, wie sie von Erik zu mir sein könnte … und wie ich es mir tief in meinem Inneren von ihm wünsche. Das spüre ich in diesem Augenblick erschreckend heftig und bin verwirrt.
Der zweite Sänger singt davon, dass sein Kumpel niemals so ein Liebeslied singen wollte und er den Proleten vermisst, den sein Kumpel sonst verkörperte. Und als der erste Sänger für sein Mädel singt: „Du weißt, dass ich immer da bin, dir gehört mein Gentleman Charme, hängt dich an meinen Oberarm, versteck dich hinter mir, mach dein Herz auf, bevor ich dir etwas tue reiße ich mir meins raus“ …, schlucke ich schwer. Dann folgen weitere Liebeserklärungen in einer Gangstermanier, die mich hier und heute echt umhauen.
Ich werfe Erik einen schnellen Blick zu, der den schweren Wagen durch eine enge Straße mit tiefen Abgründen und Kurven einen Berg hinaufziehen lässt, dass es mir fast einen Herzimpfakt beschert. Aber nur fast, denn das Lied hält mich viel zu sehr in seinem Bann.
Es ist eine traumhaft schöne Landschaft und links von uns erscheint ein kleiner Ort, an dem wir vorbeirauschen, der Hauptstraße immer weiter folgend.
Mir müssten bei der mörderischen Fahrt alle meine Nerven brennen, aber ich lausche nur gebannt auf das Lied und die Gefühle, die es auslöst.
Eriks Laune steigt offensichtlich mit jeder Kurve und dem tiefen Brummen des starken Motors. Er grinst mich an und ich versuche die Coole zu spielen. Das gelingt mir nur, weil das Lied endlich zu Ende ist.
„Keine Angst?“, fragt er.
„Nein, ich vertraue dir vollkommen“, raune ich und spiele die Gelassene, aber mich erfüllt eine seichte Sehnsucht, dass er auch mal für mich so empfinden könnte, wie der Sänger für das Mädchen, für das er das Lied sang.
„Wow, du vertraust mir also auf einmal?“
Wie er das sagt, lässt mich ihn ansehen. Sein Gesicht ist ernst und seine braunen Augen blitzen auf.
„Ja, tue ich“, sage ich ehrlich. In diesem Augenblick tue ich das wirklich.
Wir kommen oben auf dem Berg an, auf dem ein Wendeplatz die verschiedenen Fahrmöglichkeiten freigibt. Erik lässt den Mustang an die Seite gleiten und den Motor ausgehen.
Ich werfe ihm einen beunruhigten Blick zu. Was hat er vor? Hätte ich ihm besser nicht sagen sollen, dass ich ihm vertraue? Geht ihm das zu weit?
Er reißt seine Tür auf und steigt aus.
Ich sehe ihn um das Auto laufen und bei meiner Tür erscheinen. Er reißt auch die auf und hält mir mit durchdringendem Blick seine Hand hin. „Komm, steig aus“, raunt er mit rauer Stimme und zieht mich ungeduldig vom Sitz.
Ich sehe ihn nur irritiert und erschrocken an. Was ist plötzlich los?
Er wirft mit todernstem Blick die Tür zu, was mich zusammenschrecken lässt.
Sofort packt er meine Oberarme und schiebt mich an sein Auto. Er drängt sich an mich und küsst mich.
Ich bin völlig überrascht von seinem unvorhergesehenen Übergriff, sehe mich aber außer Stande, mich auch nur annähernd zu beschweren. Ich lasse meine Hände in seine Haare gleiten und erwidere seinen Kuss erleichtert, weil er mich immer noch will. Das setzt alle meine Gefühle frei, die ich eigentlich tief in mir verschlossen halten müsste. Aber ich bin viel zu glücklich, dass er meine Nähe braucht.
Wir drängen uns aneinander und er hebt mich hoch.
Ich schlinge meine Beine um seine Hüfte und unsere Küsse werden drängender. Wenig später spüre ich die Kühlerhaube unter meinem Rücken und seinen Körper auf meinem, während seine Küsse mir den Atem zu nehmen drohen.
Plötzlich lässt er von mir ab und schiebt meine Bluse hoch. Ich spüre jetzt erst die Hitze, die sich auf meinem Rücken ausbreitet.
„Das ist heiß!“, sage ich, als er meine Bluse aufknöpft und seine Lippen auf meinem Bauch versenkt.
„Ja!“, haucht er seufzend.
„Aua Erik, dein Auto ist heiß!“, rufe ich etwas lauter und er sieht auf.
„Oh!“ Er zieht mich schnell von der Kühlerhaube und lacht. „Sorry! Habe ich nicht bedacht.“
Er dreht mich um, streift mir die Bluse über die Arme und schaut sich meinen Rücken an. „Nichts passiert“, stellt er erleichtert fest und schlingt seine Arme von hinten um mich, um seine Lippen auf meinem Nacken zu versenken.
Mir wird bewusst, dass hier jederzeit ein Auto herfahren kann und ich raune: „Erik bitte, gib mir meine Bluse wieder. Ich kriege sonst noch eine Anzeige wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses.“
Er lacht erneut auf und lässt mich los.
Ich drehe mich um und halte ihm fordernd meine Hand hin.
Seine Augen wandern über meinen BH und sprühen vor Verlangen. Sein Gesichtsausdruck versetzt mir einen Stich in den Unterleib. Mein Kopf schreit „nein“ und mein Körper seufzt „ja“.
Ich mache einen Schritt auf ihn zu und schiebe meine Hand in seinen Nacken und ziehe ihn zu mir runter, um ihn zu küssen. Ich will ihn hier und jetzt. Ich kann mich dem nicht entziehen.
Erik drängt mich erneut an sein Auto und ich spüre seine Erektion, angefacht von dem Umstand, dass ich es bin, die ihn will.
Tatsächlich zieht ein alter klappriger Mercedes an uns vorbei und wir werden uns der Welt um uns herum wieder bewusst.
„Komm!“, raunt Erik und zieht mich hinter sich her eine Böschung hoch.
Ich folge ihm bereitwillig. Oben angelangt, sieht er sich kurz um und drängt mich auf ein weniger bewuchertes Fleckchen mit einigen Büschen, die die Böschung von dem angrenzenden Feld trennen. Er sieht sich zufrieden um und zieht mich in seine Arme. Seine Lippen treffen wieder meine und seine Zunge erobert mich wie im Fieber.
Ich sehe mich nicht mal um. Ich will ihn nur auf meinem Körper spüren und mir ist egal, wo und wie …
Wir steigen ins Auto ein und Erik raunt: „Gönnst du mir eine Zigarettenpause, bevor es weitergeht?“
„Natürlich!“, antworte ich und sehe ihn verunsichert an. Ich weiß nicht, was los ist und wie er jetzt drauf ist. War es jetzt das eine Mal, nach dem er keine Lust mehr auf mich hat? Vielleicht hatte ich nur einen etwas größeren Aufschub als alle anderen?
Diesmal war alles anders. Erik und ich hatten uns fast die Klamotten von Leib gerissen und er hatte mich zu Boden gezogen, wollte aber, dass ich oben blieb.
Das war mir recht, weil ich ihn so besser sehen kann und ich es liebe, ihn betrachten zu können. Allerdings rechnete ich damit, dass es erneut ein ewig dauerndes Liebesspiel werden würde und ließ mir Zeit, ihn immer wieder küssend und mich langsam auf ihm bewegend. Nur wenige Male setzte ich mich ganz auf und ließ mich heftiger auf ihm nieder, um ihn tief aufzunehmen und spannte die Bauchmuskulatur an. Ich war darin geübt genug und wusste, was mich anmacht und wie ich mich bewegen muss. Aber als ich mich wieder zu ihm hinunterbeugte, um ihm erneut meine Zunge zwischen die Lippen zu schieben, um mich schon mal in den Himmel zu befördern, und mein Unterleib eine Explosion durch meinen Körper schickte, die fast schon schmerzhaft war, bäumte er sich mit einem lauten Aufstöhnen unter mir auf. Er ließ meine Brüste los, um seine Hände um meine Hüfte zu legen und mich festzuhalten. „Verdammt Carolin, was machst du?“, hatte er dabei aufgebracht gezischt.
Was war passiert?
Ich sah ihn nur fragend an, von seinem wütenden Ausspruch erschrocken.
Er zog mich auf sich und schlang seine Arme um mich, um mich auf seiner Brust zu fixieren. Es war, als wolle er mich weder ansehen noch mir die Möglichkeit geben, ihn weiter anfassen zu können. Und er sagte nichts mehr.
Ich hatte ein ungutes Gefühl. Irgendetwas stimmte nicht. Zumindest ließen seine Worte das vermuten. Aber ich wusste nicht, was es war und hatte eine unbeschreibliche Angst, dass, wenn wir uns voreinander lösen, alles zwischen uns vorbei sein wird.
Als er seinen Griff lockerte, setzte ich mich verunsichert auf. „Alles klar?“, fragte ich ihn und sah in seine braunen Augen, die mich seltsam musterten. Antworten wollte er offensichtlich nicht darauf.
Dann standen wir auf, zogen uns an und kehrten zu seinem Auto zurück, in dem er mich gerade um die Zigarettenpause bat.
Wir zünden uns jeder eine Zigarette an und ich weiß nicht, was ich tun soll. Ist Erik sauer? War der Sex für ihn scheiße, weil es so schnell ging und er ist bedient? Ich war so auf mich fixiert gewesen, dass ich vielleicht etwas nicht mitbekommen habe, was ihn betraf.
Vielleicht war`s das jetzt wirklich? Vielleicht ist alles vorbei?
Der Gedanke daran versetzt mir einen Stich in die Magengrube. Mit leicht zittrigen Fingern rauche ich meine Zigarette und verfluche mich in Gedanken, weil ich scheinbar wirklich gedacht habe, dass ich für Erik mehr sein könnte.
Wir scheinen beide in unsere Gedanken gefangen zu sein und ich versuche ruhig zu bleiben. Aber mir wird schnell klar, dass mich das Glücksgefühl, Erik zu besitzen, jetzt in einer Talfahrt direkt in die Hölle schickt. Er hatte mich so böse zusammengestaucht und ich weiß einfach nicht warum.
Als er seine Zigarette aufgeraucht hat und sie in seinem Aschenbecher ausdrückt fragt er, mir einen ernsten Blick zuwerfend: „Bist du jetzt wieder wütend auf mich?“
Ich sehe ihn verdutzt an. „Nein, warum sollte ich? Ich dachte eher, du bist sauer auf mich.“
Erik schüttelt verwirrt den Kopf. „Warum meinst du das?“, fragt er mürrisch.
„Weil du mich so angefahren hast. Du hast wirklich böse geklungen“, murmele ich leise und kämpfe mit einer aufsteigenden Traurigkeit, die mich zu übermannen droht.
Erik schüttelt den Kopf und scheint mich nicht zu verstehen.
Ich erkläre unsicher: „Du hast geflucht … verdammt, was machst du? … oder so. Und es klang wirklich wütend.“
Ich spüre immer noch die Angst, die seine Worte in mir ausgelöst hatten und in mir das Gefühl aufkommen ließen, dass nun alles vorbei ist. Ich hoffe auf eine Erklärung, die mich beruhigt.
Erik lässt kopfschüttelnd den Motor des Mustangs aufheulen, als würde das eine Antwort unnötig machen.
Ich sehe ihn nur verwirrt an und mein Magen zieht sich weiter zusammen.
Er zieht den schweren Wagen auf eine Straße, die den Berg hinabführt und ich sehe die vor uns liegende Serpentine. Mir stockt der Atem.
„Ich war nicht wütend auf dich, sondern auf mich“, raunt er, dreht die Musik auf, die New Years Day von U2 anlaufen lässt und lenkt den schweren Wagen mit schwindelerregender Geschwindigkeit durch die Kurven, dass ich blass werde.
Ich frage nicht weiter nach, um ihn nicht abzulenken. Die Strecke ist mörderisch.
Geschmeidig zieht der Mustang die Straße hinunter und Erik grinst zufrieden. „Angst?“, ruft er mir durch die laute Musik zu und ich antworte ihm mit ernstem Blick, aber nicht laut genug, dass er es verstehen kann: „Nur, dass nun alles vorbei ist.“ Um meinen Magen lässt die Hand, die ihn zusammendrückt, etwas locker, jetzt wo ich meine Gedanken ausgesprochen habe.
Erik konnte mich nicht verstehen und grinst immer noch wie ein Kind bei seinem Lieblingsspiel.
Ich sehe aus dem Seitenfenster und mir ist zum Heulen.
Als der Berg überstanden ist, werden wir von einem langsam fahrenden Fiat ausgebremst. Erik macht ein verdrossenes Gesicht und schimpft.
Ich sehe weiter aus dem Seitenfenster und kämpfe immer noch mit der Niedergeschlagenheit, weil mir klar wird, dass ich es kaum ertrage, wenn Erik mich nicht mehr will.
„Carolin? Alles in Ordnung?“, fragt der plötzlich und macht die Musik leiser. „Ist dir nicht gut?“
Ich nicke nur und schlucke. Wie kann mich etwas so treffen, dass sowieso nicht sein soll und darf?
Erik fährt an den Straßenrand und umfasst mein Kinn, sich in seinem Sitz zu mir herüberbeugend. „Hey, ist dir schlecht?“, fragt er mit so sanfter Stimme, dass ich schlucken muss, um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken. Ich schüttele den Kopf.
„Was ist es dann?“, fragt Erik und sieht mich verunsichert an. „Ist es, weil wir wieder miteinander geschlafen haben?“
Ich nicke und er macht ein betroffenes Gesicht. Aber mir ist klar, dass ich etwas anderes meine als er. „Warum hast du mich beschimpft?“, frage ich leise. Ich habe Angst vor seiner Antwort.
Er lässt mein Kinn los und setzt sich zurück, mich ungläubig anstarrend. „Ich sagte doch, ich habe dich nicht beschimpft“, raunt er. Scheinbar sagt ihm mein Blick, dass ich das anders sehe und er sieht auf seine verletzte Hand, die er auf das Lenkrad des Mustangs legt.
„Tut mir leid. Ich meinte das nicht so“, murmelt er verlegen. „Ich war nur so irritiert …“
Da ich wohl immer noch so aussehe, als würde ich gleich aussteigen, setzt er nach, so leise, dass ich ihn nur schwer verstehen kann: „Das ist so anders!“ Er sieht aus dem Frontfenster und das Brummen des Motors überspielt fast die Musik. „Es ist immer so ein Kampf, wenn ich einen dieser One-Night-Stands eingehe. Bei dir ist alles so leicht. Du bringst mich sofort hoch und ich brauche nichts zu tun … es überkommt mich einfach. Das ist echt verwirrend.“
Ich bin mir nicht sicher, ob ich verstehe, was er da sagt. Aber es muss damit zu tun haben, dass es diesmal keinen langen Stand-by-Modus gab. Ich weiß nicht, ob das gut oder schlecht ist. So aufgebracht wie er war, wohl eher schlecht. Seine Worte jetzt lassen mich aber diesbezüglich unsicher werden.
Da ich nichts sage und ihn immer noch verunsichert ansehe, murmelt er: „Vielleicht, wenn ich das alles etwas analysiert habe, kann ich dir sagen, was los ist.“
Analysiert? Oh Mann. Sein Psychodenken. Dann soll er das mal analysieren.
Er zieht den Wagen erneut auf die Straße und dreht die Musik etwas lauter. Aber ich komme nicht aus dem Loch heraus, in das mich sein Wutanfall auf dem Berg geworfen hat. Und dass es mich so trifft, dass ich Erik nicht wirklich haben kann, das erschreckt mich zutiefst. Was ist mit mir und Marcel? Was mit meiner Liebe zu ihm?
Erik merkt das und strengt sich an, die lockere Stimmung wieder heraufzubeschwören. Er macht Witze und wirkt gar nicht so, als würde ihn etwas bedrücken. Aber warum soll ihn auch etwas bekümmern, was nicht viel Bedeutung für ihn hat?
Mich quält das Ganze aber, und noch mehr der Gedanke, dass ich nicht weiß, was nun wirklich los ist … mit mir … mit ihm … mit diesem seltsamen, unwirklichen, unerträglichen Arrangement.
Zu meiner Überraschung kommen wir an einem Gasthaus an, vor dem Daniels BMW steht.
Ich sehe Erik fragend an und er lächelt wissend. „Die sind schon da! Hoppla! Unser Abstecher ins Grüne hat mich meinen Sieg gekostet.“ Er lacht leise und steigt aus.
Ich steige auch aus. Ich bin froh, gleich Ellen zu sehen. Sie muss mich auf andere Gedanken bringen, sonst drehe ich noch durch.
Erik kommt zu mir und nimmt meine Hand. Mit einem seltsamen Blick zieht er mich hinter sich her. Ich kann den nicht deuten. Aber er lässt meine Hand nicht los, als wir durch den Gang in den Gastraum gehen und auf die Theke zusteuern, an der Daniel und Ellen uns grinsend entgegensehen.
Aus einer Gewohnheit heraus will ich meine Hand zurückziehen, aber Erik hält sie eisern fest. Ich sehe ihn verwirrt an.
Daniel und Ellen entgeht diese Geste der Zusammengehörigkeit nicht und Ellen zwinkert Daniel zu. Ich bin froh, dass sie keine anzügliche Bemerkung macht.
„Hey Alter, was war los? Ist dir dein Mustang unterwegs verreckt?“, fragt Daniel und lacht.
Erik lächelt zurückhaltend und schiebt mich auf einen Hocker neben Ellen. Er bestellt für uns beide einen Cappuccino. Daniel und Ellen haben ihre schon vor sich stehe.
Statt sich selbst auf einen Hocker zu setzen, bleibt er hinter mir stehen und lässt einen Arm um meine Hüfte gleiten. Wieder eine Geste, die mich verunsichert und Ellen und Daniel bestimmt nicht entgeht.
Ich bin einen Augenblick versucht, seinen Arm wegzuschieben, nur um den Anschein zu wahren, dass da nichts zwischen uns ist. Aber ich kann es nicht. Diese kleinen Gesten rühren mein Herz und beruhigen es. Es hat die letzten Minuten so gelitten, dass Eriks zur Schau gestellte Zuneigung es aus der Untiefe, in die es versunken war, langsam wieder ans Licht befördert.
Ich trinke meinen Cappuccino und versuche Ellen zuzuhören, die mir von der tollen Gegend erzählt, die sie gerade durchfahren haben und die nun vor uns liegt, wie ich erfahre. Scheinbar fahren Ellen und Daniel jetzt unsere Strecke zurück und wir ihre. Aber Eriks Arm um meinen Bauch zieht meine ganze Aufmerksamkeit auf sich und brennt an den Berührungspunkten wie heißes Eisen.
„Nah, viel Spaß“, raune ich nur, um etwas den Anschein zu geben, etwas von dem mitzubekommen, was geredet wird.
Erik verstärkt den Druck auf meine Hüfte und schiebt seine Hand auf meinen Oberschenkel, um sie dort liegen zu lassen. Dabei sagt er: „Oben auf dem Berg ist ein schönes Plätzchen. Lohnt sich anzuhalten.“ Er legt seine Hand erneut auf meinen Bauch und drückt mich kurz an sich und dabei schenkt er mir ein schelmisches Lächeln.
Ich kann nur hoffen, dass ich nicht rot werde.
„Du willst nur, dass du diesmal gewinnst“, antwortet Daniel und ich denke mir: „Hast du eine Ahnung.“
Mir wird klar, wie leichtfertig Erik seinen Sieg verschenkte und er scheint es nicht eine Sekunde zu bereuen.
Ich werde ruhiger und in mir steigt das Gefühl der Sicherheit hoch, dass alles zwischen uns doch noch in Ordnung ist.
Zwischen uns … aber nicht in meinem Leben. Was mache ich hier überhaupt?
Mir wird plötzlich klar, dass ich mich wirklich auf Erik mit all seinen Verrücktheiten, seiner durchgeknallten Art, seinem Kampf mit seiner Vergangenheit, seinen Drogengeschäften, seinem Drogenkonsum und seiner seltsamen Art der Zuneigung einlasse. Was ist mit Marcel? Was mit Tim? Was mit dem Fluch des Alchemisten? Erik passt noch weniger ins Bild als Marcel.
Ich beschließe, dass ich einige Zeit brauche, um mir über alles klar zu werden. Wenn ich Erik doch nur dazu bringen könnte, mir diese Zeit einmal zu lassen.
Als wir wieder in den Mustang steigen und Ellen mit Daniel davonfährt, sehe ich Erik an. Sofort spüre ich ein warmes Rauschen in meinem Körper und muss mir eingestehen, dass ich ihn wirklich süß finde und sein Anblick mich einfach in meinem Inneren trifft. Habe ich mich etwa in ihn verliebt?
Bitte nicht, flehe ich und weiß doch, dass die Traurigkeit, die mich auf der Fahrt vom Berg hierher überwältigt hatte, eigentlich alles sagt.
Ich brauche eine Auszeit, um meine Gefühle wieder in die richtige Richtung zu lenken und um mir klar zu werden, wie es weitergehen kann … in meinem völlig aus der Bahn geratenen Leben.
„Geht es wieder?“, fragt Erik und ich nicke. Aber ich würde ihm am liebsten bitten, mich nach Hause zu fahren und mich einfach für ein paar Tage in Ruhe zu lassen. Aber ich bringe nur hervor: „Ich muss aber auch mal nach Hause.“
„Warum?“, fragt Erik irritiert. „Dein Typ hat Spätschicht, hast du gesagt. Also hast du Zeit.“
Resigniert sehe ich aus dem Fenster. Erik passt schon auf, dass ich ihm nicht entgleite, solange er das nicht will. Diese Entscheidung ist scheinbar ihm allein vorbehalten. Zumindest hatte Ellen sich diesbezüglich so geäußert, dass er den Tritt in den Hintern gibt und nicht andersherum. Ich habe noch nie einen so hartnäckigen Menschen wie ihn getroffen, der so bestimmend ist.
Hätte Tim damals auch nur ein Quäntchen von ihm gehabt, dann wäre ich heute mit ihm statt Marcel zusammen.
Wir fahren eine andere Strecke und ich kann Ellen nur zustimmen. Es ist wirklich schön hier. Seichte Hügel ziehen sich durchs Land und mit guter Musik und dem dumpfen Brummen des Mustangs, sowie dem Sonnenschein, sollte doch alles in meinem Leben in Ordnung sein. Aber ich bin tief in meine Gedanken verstrickt, die mir klarzumachen versuchen, was ich mit meinem Leben angestellt habe.
Erik bemüht sich immer wieder, mich aufzumuntern. Eigentlich ist es schön, dass er aus seinem Tief herausgefunden hat. Es wäre schön, wenn ich das für mich auch behaupten könnte. Ich habe mich heute erst richtig hineinfallen lassen, als ich dachte, es wäre alles mit Erik vorbei. Zu erkennen, dass dies für mich unerträglich wäre, das verunsichert und überfordert mich. Wie konnte ich mich, trotz Marcel und meiner Liebe zu ihm, so auf Erik einlassen?
„Was ist los?“, höre ich ihn verunsichert fragen. Er ist so groß und stark … aber ich musste heute mehrmals feststellen, dass er schnell aus der Fassung gerät, wenn er glaubt, dass etwas mit mir nicht stimmt. Was beunruhigt ihn? Er hat doch alles, was er will.
Ich sehe mich nicht in der Lage, ihm gute Laune vorzuspielen und damit zu beruhigen, weil ich mich nicht mal selbst beruhigen kann.
Mein Telefon klingelt in meiner Tasche und ich ziehe sie auf meinen Schoß, um es herauszuholen. Damit entgehe ich einer Antwort auf Eriks Frage.
Ich sehe auf dem Display die Nummer meiner Eltern und melde mich. „Ja!“
„Hallo Carolin, Liebes. Wie geht es dir? Du hast dich am Wochenende gar nicht mehr gemeldet“, höre ich meine Mutter vorwurfsvoll sagen.
„Ja, sorry. Aber ich musste mich etwas auskurieren und hatte viel Schulsachen zu erledigen.“
„Warst du krank?“, fragt sie besorgt.
„Wohl ein kleiner Anflug einer Erkältung. Geht aber schon wieder.“
„Und wie läuft die Schule?“
„Ich habe schon meine zweite Eins“, sage ich und schaue Erik an, der mich kurz angrinst. Aber seine Augen fragen, wer da am Apparat ist.
Erklärend sage ich zu ihm: „Meine Mutter“, und er nickt.
„Ist Marcel bei dir? Seid ihr unterwegs?“
Mir ist klar, dass meine Mutter wohl nicht erkennt, dass das Motorgeräusch wohl kaum vom Golf kommt. „Nein, der ist arbeiten.“
„Oh, ach so. Und ist bei euch beiden alles in Ordnung?“
„Ja, Mama“, sage ich etwas genervt.
Erik sieht mich an. Er weiß, dass wir von Marcel sprechen.
„Ich wollte eigentlich auch nur sagen, dass wir Freitag zu Julian fahren. Wir würden dich gerne mitnehmen. Wir dachten, wir fahren zum späten Nachmittag. Da hast du doch bestimmt Zeit?“
Schwer schluckend streiche ich mir durchs Haar. Verdammt. Auch das noch.
„Carolin?“
„Ja, ist gut. Ruft mich Donnerstag einfach noch mal an, wann ihr genau loswollt“, raune ich mit belegter Stimme und fühle mich von allem völlig überfahren.
„Ist gut Schatz. Ich bin so froh, dass du mitfährst. Julian wird sich bestimmt freuen.“
Ich bin mir da nicht so sicher … und Marcel wird ausflippen … und Tim darf das erst gar nicht erfahren. Und Erik?
Ich werfe ihm einen Blick zu, den er sofort erwidert. Spürt er, dass ich erneut in ein Gefühlschaos abrutsche?
„Dann bis Donnerstag“, meint meine Mutter noch und ich lege auf.
„Was ist los?“, fragt Erik sofort. Für ihn scheint es absolut normal zu sein, dass ich alles vor ihm ausbreite.
Ich schüttele den Kopf. „Nichts!“ Dabei sehe ich wieder aus dem Fenster und lasse die schöne Landschaft an mir vorbeiziehen, ohne sie wirklich wahrzunehmen.
An einem kleinen Wäldchen lenkt Erik den Wagen von der Straße auf den Grünstreifen und macht den Motor aus.
Ich sehe ihn beunruhigt an.
„Komm, wir müssen uns wohl unterhalten“, raunt er und steigt aus.
Ich bleibe sitzen und schließe resigniert die Augen. Worüber unterhalten? Es gibt nichts, worüber ich jetzt sprechen kann. Ich brauche etwas Zeit, um mich selbst in meinen wirren Gefühlen zurechtzufinden.
Erik macht meine Tür auf und beugt sich ins Auto. „Komm, steig aus. Und dann erzählst du mir, was los ist.“
„Du verschenkst schon wieder deinen Sieg, wenn wir nicht weiterfahren“, versuche ich ihn umzustimmen.
Er macht nur eine wegwerfende Handbewegung und brummt: „Scheißegal.“
Ich steige aus und lehne mich neben ihn an den Mustang. Er zündet eine Zigarette an und steckt sie mir zwischen die Lippen, bevor er sich selbst eine nimmt. So stehen wir da und rauchen. Da ich nichts sage, setzt er erneut an.
„Was ist los? Das sollte ein schöner Nachmittag werden, auch wenn ich ihn als Racheakt kaschieren musste, um dich überhaupt mitnehmen zu können.“
Ich sehe ihn verwirrt an. „Um mich mitnehmen zu können? Ich habe nie das Gefühl, dass du auch nur einen Gedanken dran verschwendest, ob etwas richtig oder falsch ist“, raune ich und Erik sieht mich verdattert an. Leise brummt er: „Aber natürlich! Ich will dich doch zu nichts zwingen.“
Er hat schon eine seltsame Art, etwas zu tun und vor sich zu rechtfertigen. Bisher fühle ich mich bei allem, was wir miteinander machten, irgendwie von ihm gezwungen. Und jetzt kommt übermorgen auch noch Tim und Freitag fahre ich zu Julian … dazwischen steht Marcel, der sich vielleicht gerade mit einer Sabrina zu einem Treffen verabredet.
Kurz kommt mir der Gedanke, dass das vielleicht das Beste wäre, auch wenn es mich dann innerlich zerreißt.
Erik tritt dicht an mich heran, legt seine Hand unter mein Kinn und drückt es hoch, damit ich ihn ansehen muss „Was ist los? Immer wenn wir miteinander schlafen stimmt hinterher etwas nicht. Seit wir auf dem Berg waren ist es wieder so.“ Seine Augen funkeln mich entrüstet an und sein Gesicht zeigt erneut diesen harten, angespannten Ausdruck, der mich bisher durchaus verängstigen konnte.
„Ich glaube, ich komme langsam mit dem Ganzen hier nicht mehr klar“, antworte ich resigniert und drücke seine Hand weg. Heute spüre ich keine Angst, nur Ausweglosigkeit.
Erik starrt mich verunsichert an. Es dauert einige Zeit, bis er fragt: „Wie, du kommst nicht mehr klar? Mit was genau kommst du nicht mehr klar?“
Ich überlege, was ich ihm sagen kann. Was ich ihm sagen soll … sagen muss!
„Erik, ich bin mit Marcel zusammen und schlafe mit dir. Ich liebe Marcel wahrscheinlich nicht ganz so, wie ich immer dachte, sonst könnte ich das doch nicht so einfach tun.“ Meine Stimme klingt gequält und so fühle ich mich auch.
Vor mir auf den Boden schauend, flüstere ich fast unhörbar: „Aber es zerreißt mich trotzdem, wenn ich mir vorstelle, ich könnte ihn verlieren. Ich brauche ihn. Er ist mein Halt. Und meine Eltern wollen, dass ich mit ihnen meinen Bruder im Gefängnis besuche und in zwei Wochen hat er seine Verhandlung und wenn er rauskommt weiß ich nicht mal, ob er mir nicht wieder an den Kragen will.“
Wie unter einem Zwang lasse ich meine Hand über die Narbe in meinem Nacken gleiten. „Und dieses ganze Gefühlschaos! Ich packe das einfach nicht mehr.“ Ich muss schlucken und blinzeln, um meine aufsteigenden Tränen zu kontrollieren.
Erik lässt seine Hand sinken, die er um mich legen wollte.
„Ich muss jetzt nach Hause und ich möchte, dass wir uns diese Woche nicht mehr sehen. Ich brauche etwas Abstand von dir, um mich und meine Gefühlswelt in den Griff zu bekommen. Und du … du kannst in Ruhe deine analysieren.“
Ich werfe Erik einen schnellen Blick zu, der mich aber schon wieder in meinen Grundfesten zu erschüttern droht. Schnell sehe ich zur Seite und schlucke krampfhaft.
Erik wirft seine Zigarette weg und starrt mich nur an. Ich nehme das aus dem Augenwinkel wahr und spüre, wie sein Körper sich erneut anspannt und zur bedrohlichen Größe wächst, wie es bei dem alten Erik bisher immer der Fall war.
„Wenn du meinst!“, brummt er und versucht offenbar die aufkeimende Wut zu unterdrücken.
Kurz macht er mir wieder Angst und ich sehe auf. Aber seine Augen wirken nur traurig, und das löst ein neues Chaos in mir aus.
Es reicht. Ich nicke betroffen, drehe mich um, reiße die Wagentür auf und steige ein.
Erik geht um den Wagen herum und ich lasse die Tür zuknallen. Das Geräusch erschreckt mich. Meine Nerven liegen blank.
Er steigt auch ein, lässt den Motor aufheulen und zieht auf die Straße.
Ich schnalle mich an, wage aber nicht, ihn zurechtzuweisen, weil er es nicht tut. Ich sehe aus dem Seitenfenster und fühle mich plötzlich innerlich wie tot. Es ist alles gesagt und ich möchte nur noch nach Hause. Ich halte dieses hin und her sonst nicht mehr aus.
In Osnabrück, durch das wir fahren, ohne auch nur noch ein Wort miteinander zu wechseln, bitte ich ihn, mich zum Bahnhof zu bringen. Kurz will er etwas dagegen sagen, besinnt sich aber und nickt. Kurz darauf hält der Mustang auf einen der Taxiparkplätze, direkt vor dem Eingang des Bahnhofs. Wir fallen auf … mit dem dicken Zuhälterauto.
Ich steige schnell aus, bevor Erik mich zu fassen kriegt. Die Bewegung dazu nahm ich hinter mir wahr. Aber sie verlief ins Leere. Ich beuge mich etwas runter, um ihn ansehen zu können. „Bitte sperre dich nicht wieder ein. Ich kann dich diese Woche nicht retten“, raune ich.
Er sieht mich nur an und seine Hand sinkt ganz auf meinen leeren Sitz.
„Mach´s gut und danke für den Nachmittag“, murmele ich noch und werfe die Autotür zu. Ich gehe über den Platz zu der riesigen Bahnhofstür und sehe mich noch einmal um. Erik sitzt in seinem Auto, dessen Motor einmütig brummelt und sieht mich nur an, scheinbar unfähig wegzufahren.
Ich sage mir, dass er stark ist und mich vorher auch nicht brauchte. Er kommt schon klar … und trete durch die große Bahnhofstür in das Innere des Gebäudes und somit aus seinem Blickfeld.
Im Zug versuche ich nicht daran zu denken, wie zufrieden Erik den Nachmittag über war und wie ich ihm zu guter Letzt von Marcel vorgeschwärmt habe - dass ich ihn brauche und es nicht ertragen könnte, ihn zu verlieren.
Mir wird klar, dass ich Erik vielleicht damit verletzt habe. Er hatte mir gestanden, dass die One-Night-Stands eher eine Qual für ihn sind … und er hatte vor Ellen und Daniel ganz klar zu mir Stellung bezogen und sogar in der Schule, als er mir hinterhergelaufen war und mich in sein Auto trug. Das war für mich zwar peinlich, aber das eine oder andere Mädel hätte sich das gewünscht. Für jeden muss nach diesem Auftritt klar sein, dass er zu mir ein anderes Verhältnis hat als zu jeder anderen bisher. Aber ich wollte ihn nur noch loswerden und habe ihm sogar gesagt, dass ich die ganze Woche nichts mehr von ihm sehen oder hören will.
Jetzt tut es mir schon wieder leid und zu meinem Entsetzen spüre ich, dass ich es gar keine Woche ohne ihn aushalte.
Als ich in Bramsche aussteige, klingelt mein Handy. Ich ziehe es aus meiner Tasche und sehe, dass es Ellen ist. Ich nehme ab.
„Carolin, alle klar bei dir?“ Sie klingt besorgt.
„Ja“, raune ich nur.
„Erik ist allein bei Daniel aufgelaufen und er ist gar nicht mehr gut drauf. Habt ihr euch gestritten? War er blöd zu dir, dann kann der was erleben!“
„Nein, Ellen. Erik kann nichts dafür. Er war wirklich unglaublich lieb und süß. Es liegt an mir.“
Oh Mann. Das war fast schon sowas wie eine Liebeserklärung. Aber jetzt, wo er so weit weg von mir ist, fühle ich es so.
Einen Moment ist es still und ich frage mich schon, was Ellen wohl darüber denkt, dass ich ihren Bruder lieb und süß finde, als sie leise sagt: „Und warum bist du dann nicht mehr mit ihm mitgekommen? Er zeigt es nicht, aber der Erik von heute Nachmittag und der jetzt, das sind zwei völlig verschiedene Menschen. Er tut mir fast schon leid. Ich glaube, er hat sich vielleicht verliebt.“
Mir bleibt das Herz fast stehen. Dass Ellen nun ausspricht, was ich in meinem tiefsten Inneren hören will und doch auch wieder nicht, das entsetzt mich doch. Ich bin mit Marcel zusammen und liebe ihn …
Mehr zu meinem Schutz, raune ich: „Erik kann sich nicht verlieben. Schon vergessen? Und er kann sich nicht vorstellen, mit jemand viel Zeit zu verbringen und schon gar nicht zusammenzuleben oder morgens zusammen aufzuwachen. Erik ist nicht für so etwas geschaffen.“
Abermals ist es einige Zeit still in der Leitung und als Ellen mir antwortet, weiß ich, dass sie eine stille Hoffnung treibt. „Was ist aber, wenn sich das jetzt doch geändert hat?“
Ich stoße die Pforte zu unserem Garten auf und gehe durch den kleinen Vorgarten zum Haus. Leise raune ich: „Dann wird er schon die Richtige finden, die das alles mit ihm ausleben kann.“
Schon als ich den Satz sage, bleibt mir die Spuke im Hals stecken. Verdammt, ich könnte das noch nicht einmal ertragen.
In mir kriecht erneut eine Ahnung hoch, die ich mit aller Gewalt wegschieben will. Ich habe mich in Erik ernsthaft verliebt, in seine Art mich zu belagern, seine Geschichte und seine Art mich zu lieben.
Als Ellen nicht antwortet, sage ich nur: „Pass bitte auf ihn auf. Ich muss erst mal für mich sehen, wie ich mein Leben in den Griff bekomme. Freitag muss ich mit meinen Eltern zu meinem Bruder fahren … ich weiß nicht mal, wie ich das überstehen soll. Bitte Ellen, lass mich diese Woche irgendwie überstehen und es wird wieder besser werden. Ich kann einfach nicht mehr.“ Ich kann meine Tränen nicht länger zurückhalten, die sich nun endlich einen Weg suchen und nach außen drängen. Ich schluchze auf und öffne die Haustür. Gut, dass Marcel nicht zu Hause ist.
„Carolin, ist doch schon gut! Fang doch jetzt bitte nicht an zu heulen“, jammert Ellen betroffen. „Ich verstehe dich. Oh Mann, wie können die dich dort hinschleppen? Die wissen doch, was er gemacht hat. Ich würde den nie wiedersehen wollen.“ Ellen klingt völlig außer sich.
„In zwei Wochen ist seine Verhandlung … und wenn er dann … rauskommt …“, stottere ich unter Tränen und sacke auf unser Sofa, aus dem Diego mich ansieht.
Ich ziehe den Kater auf meinen Schoß und trockne meine Tränen an seinem Fell.
„Wir verstecken dich! Du kommst zu uns, ja?“, ruft Ellen aufgebracht ins Handy.
Von Schluchzern geschüttelt, antworte ich ihr mit jämmerlicher Stimme: „Nein, das geht nicht. Ich muss das mit Julian … selbst klären. Vielleicht … hat er sich … verändert?“
„Aber wenn nicht, kommst du zu uns“, sagt Ellen mit Bestimmtheit. „Erik wird dich einfach mit in sein Panikreich nehmen und du bist sicher.“
Mein Gott, ihre Worte rühren mich noch mehr. Ich muss aufhören zu telefonieren, bevor ich mich ganz auflöse.
„Ellen ich muss Schluss machen. Wir sehen uns morgen … in der Schule. Sag Erik, es liegt nicht an ihm.“
Schon das Erwähnen seines Namens lässt mich noch mehr heulen.
„Mache ich. Bitte denk nicht so viel nach. Das macht einen nur fertig. Morgen reden wir weiter, okay? Und ich bin immer für dich da.“
„Danke“, piepse ich. „Bis morgen.“
Ich lege auf, weil ich mich nicht mehr in der Lage sehe, noch mehr Rührseliges zu hören. Das Handy lasse ich zu Boden sinken und rolle mich auf dem Sofa zusammen, dabei Diego in meinen Arm ziehend. Der fängt laut zu schnurren an.
Er ist wirklich ein wenig Trost in dieser Zeit, in der ich nicht weiß, wie alles weitergehen soll.
Marcel weckt mich. Er kniet vor dem Sofa und streicht mir durch die Haare. „Carolin? Was ist los?“
Ich muss schrecklich aussehen, weil ich mich in den Schlaf geweint habe. Jetzt, wo ich Marcels grauen Augen vor mir sehe, die mich völlig verstört mustern, kann ich ihn nur an mich ziehen. Es tut mir alles so leid. Alles was ich ihm angetan habe … alles was ich Erik antue und Tim. Meine Tränenflut hatte alles aus mir herausgespült. Ich habe keinen der drei verdient und jetzt, wo Julian vielleicht bald nach Hause kommt, fühle ich mich auch noch verletzlich wie noch nie.
Marcel schiebt mich hoch und setzt sich neben mich auf das Sofa, mich in seine Arme ziehend. Sein Blick drückt eine Verunsicherung aus, die mir trotz meines maroden Zustands auffällt. In seiner Stimme ist eine zittrige Unsicherheit zu hören, die sie kippen lässt. „Was ist? Ist etwas passiert?“, fragt er leise.
Das verstärkt mein schlechtes Gewissen noch. Spürt Marcel, dass ich nicht mehr zu ihm gehöre?
„Ich fahre Freitag zu Julian“, sage ich, als würde das alles erklären.
„Warum tust du dir das an?“, brummt Marcel, scheint aber seltsamerweise erleichtert zu sein, dass es um Julian geht. „Keiner kann dich dazu zwingen.“
„Ich weiß, aber wenn er vielleicht in zwei Wochen rauskommt, möchte ich vorher wissen, wie er drauf ist.“
Einen Moment lang sagt niemand von uns ein Wort. Dann raunt Marcel plötzlich mürrisch: „Ich kann mir nicht denken, dass sie dich zu ihm lassen. Ist das nicht so etwas wie Beeinflussung von Zeugen? Mich wundert, dass sie dich nicht als Zeuge vorladen … und Tim auch nicht. Bist du dir sicher, dass er schon in zwei Wochen seine Verhandlung hat?“
Ich sehe ihn verunsichert an. „Meine Mutter hat das gesagt.“
„Hm, ich weiß nicht. Schon komisch. Ich meine, du und Tim, ihr könnt von eurem Zeugnisverweigerungsrecht gebraucht machen - weil ihr seine Geschwister seid. Aber dennoch müsst ihr vor Gericht erscheinen. Du hast wirklich noch nichts dafür bekommen?“
Ich schüttele den Kopf und frage verwirrt: „Woher weißt du das alles?“
Marcel sieht mich verlegen an. „Ich war heute Vormittag bei meinem Großonkel und habe mit ihm über alles gesprochen. Naja, eigentlich ging es um ein paar Sachen wegen dem Haus. Aber er hat dann auch nach dir und Julian gefragt, und so haben wir über die anstehende Verhandlung und alles gesprochen“, sagt er ausweichend, als wolle er andere Themen, die sie besprachen, nicht preisgeben.
Verunsichert frage ich: „Und er meint, ich muss auch vor Gericht … und Tim auch?“
„Und ich eigentlich auch … und die Polizisten, die dich mit rausholten. Aber ich habe auch noch nichts bekommen und frage mich, warum nicht? Mein Großonkel ist sich sicher, dass du deinen Bruder gar nicht besuchen kannst.“
Ich atme auf. „Aber warum sagt das niemand meinen Eltern?“
„Wahrscheinlich haben sie dich gar nicht mit angemeldet und denken, sie können mit dir dort so reinmarschieren. Fahr ruhig mit ihnen mit. Sie werden es dann schon sehen.“
Eine unglaubliche Erleichterung packt mich, dass eine Hoffnung besteht, dass ich so tun kann, als wolle ich Julian besuchen und ihn trotzdem nicht treffen muss. Aber andererseits bin ich dann auch nicht schlauer. Ich muss wissen, was in Julian vor sich geht.
Ich lege meine Arme um Marcels Nacken und stütze meinen Kopf an seine Schulter. Das ist mein Marcel. Er bringt meine Welt schnell wieder in Ordnung.
„Ich muss duschen und bin müde“, raunt er und löst meine Arme von seinem Nacken.
Ich setze mich auf. „Okay!“ Er hat immerhin schon den ganzen Tag gearbeitet und scheint auch ziemlich müde zu sein. „Ich gehe dann schon mal ins Bett.“
Nicht mal Hausaufgaben habe ich machen können. Was für ein Tag.
Erik rückt in dieser Welt in weite Ferne.
Als ich am nächsten Morgen von meinem Wecker geweckt werde, wird mir klar, dass ich am vergangenen Abend umgefallen sein muss, wie ein Baum. Ich hatte nicht mal mitbekommen, wann Marcel ins Bett gekommen war.
Es geht mir an diesem Morgen trotzdem nicht besser als gestern. Ich fühle mich immer noch überfordert und weiß nicht, wie ich mit allem umgehen soll. Aber es nützt nichts. Ich muss mich der wirren Welt da draußen stellen. Ihr und meinem Berg Problemen.
Ich dusche und ziehe mich an, als ich Marcels Arbeitssachen im Badezimmer liegen sehe. Die Beule in der Hosentasche lässt mich vermuten, dass er sein Handy in der Tasche gelassen hat.
Ich nehme es heraus und schalte die Tastensperre aus. Eigentlich weiß ich, dass ich das besser nicht tun sollte. Aber irgendetwas treibt mich dazu … wie eine unbändige Kraft, die mich zerstören will. Dass es das tun wird, wenn ich etwas finden sollte, steht außer Frage.
Ich finde erneut SMSen von dieser Sabrina. Die drei alten sind auch noch drinnen. Ich öffne die vierte, in der ich das Bild vermute. Tatsächlich schreibt sie: „Du willst wissen, mit wem du es hier zu tun hast? Ein Bild sagt nicht viel. Wann können wir uns treffen?“
Ein ausgesprochen gutaussehendes Mädchen mit langen blonden Haaren in einem Fußballtrikot lacht mir entgegen und mein Herz setzt aus.
Meine Hände zittern, als ich die nächste öffne: „Gut! Ich bin mir sicher, wir passen sehr gut zusammen. Wann und wo?“
Ist das noch zu fassen!
Ich gehe in seine Antworten und lese als Reaktion auf ihr Bild: „Wow, super süß! Natürlich können wir uns treffen.“
Mir wird heiß und mein Magen krampft sich zusammen.
Seine nächste SMS lautet: „Ich habe heute bis eins zeit. Wo finde ich dich? Ruf mich einfach an, wenn du mich treffen kannst.“
Ich gehe in den Telefonspeicher und finde keinen Anruf von ihr. Aber im Ausgang einen Anruf bei ihr von Marcel vom vergangenen Abend, den er gleich nach der Arbeit gemacht hatte.
Ich mache erschüttert das Handy aus und stecke es in seine Hose zurück. Ich weiß nicht, ob die beiden sich getroffen haben. Aber Marcel hatte sie zumindest nach der Arbeit angerufen.
Okay. Es reicht also schon, dass ihm so ein Katjaverschnitt eine SMS schreibt und er springt voll drauf an. In meinem Kopf baut sich die Vorstellung auf, dass die beiden sich vormittags trafen und abends sofort wieder miteinander telefonierten.
Die Python, die durch meinen Bauch schlängelt, nimmt mir die letzte Kraft und die Möglichkeit, die Situation anders zu deuten.
Aufgebracht kämme ich mir die nassen Haare eilig durch, greife meine Schultasche, steige in meine Schuhe und verlasse das Haus, den miauenden Kater ignorierend. Ich will nur noch weg.
Zum Bahnhof laufend, fühle ich mich wie auf der Flucht. Ich fliehe vor mir, meinen Gefühlen und allem, was mir wehtut. Ich will nichts mehr … keinen Marcel, keinen Tim und keinen Erik. Warum habe ich damals nicht auf mich gehört, als ich mich mit keinem männlichen Wesen mehr einlassen wollte?
Ich bin viel zu früh und muss auf den Bus warten. Die Sonne kommt nur quälend langsam zum Vorscheinen und mir ist kalt. Ich bin froh, als der Bus endlich kommt und steige ein. Aber als mir klar wird, dass ich gleich Ellen gegenübertreten muss, da weiß ich, dass ich heute auch das nicht durchstehe.
So muss Erik sich fühlen, wenn er das Gefühl hat, nicht weitermachen zu können, wie Ellen es so schön ausdrückte. Er schließt dann seine Paniktür hinter sich und zieht sich irgendwelche Drogen rein.
In Wallenhorst, einem Ort vor Osnabrück, steige ich aus dem Bus wieder aus. Mein Handy ausschaltend beschließe ich, mich heute niemandem zu stellen außer mir selbst. Ich muss überlegen, wie ich weitermachen soll. Morgen kommt auch noch Tim und will mich sehen.
Ich laufe einfach drauf los. Wohin weiß ich nicht. Ich kenne ein Stück des Ortes durch die Busfahrt … mehr nicht. Während ich einen Schritt vor den anderen setze, laufen Marcels SMSen und die von dieser Sabrina durch meinen Kopf und ich werde unglaublich wütend. Ich sehe wieder vor mir, wie Marcel am vergangenen Abend meine Arme um seinen Nacken gelöst hatte, und das damit begründete, duschen zu wollen. Außerdem war er schon sooo müde! Und dann kam er ins Bett und hat mich nicht wie sonst geweckt, um mir eine gute Nacht zu wünschen.
Die Python in meinem Inneren erreicht einen Moment lang ein Ausmaß, als hätte sie auch noch eine Kuh verschluckt. Und dann platzt sie. Mit der Wut in meinem Bauch wird es zu eng und sie muss weichen. Ich will das alles nicht mehr. Dieses ganze Gefühlschaos. Es muss endlich Schluss sein.
Irgendwann komme ich an einem Gehöft vorbei und mir fällt auf, dass ich längst die Stadt hinter mir gelassen habe. Mein Kopf ist leer vom vielen Denken und in meinem Körper fühlt sich alles wund und verletzt an. Ich habe alle Gedanken ausgedacht, die Marcel betreffen, Erik, Tim und mein völlig verpfuschtes Leben und schaue auf die Uhr. Es ist fast Mittag. Ich bin somit den ganzen Vormittag gelaufen.
Aber ich fühle mich etwas besser. Mein Entschluss steht fest. Ich bin erneut da, wo ich vor sechs Wochen auch schon stand … am Nullpunkt. Mein Leben muss jetzt endlich eine Wendung nehmen, in der ich das Chaos bekämpfe und mir wieder die Möglichkeit zum Atmen gebe.
Ich finde eine Wiese mit einer dicken Eiche mitten drinnen und steuere darauf zu. Ich lasse mich an dem Stamm hinuntersinken und heiße das weiche Gras willkommen.
Ich brauche eine neue Perspektive und überlege, wie die aussehen kann. Tim ist noch bis Dezember weg, was gut ist. Ich nehme mir felsenfest vor, ihm nur meine Freundschaft bis dahin zu bieten. Erik …, mit ihm ist es am Schwierigsten. Bei ihm habe ich nicht das Gefühl, ihm irgendetwas vorschreiben zu können. Aber ich habe die Hoffnung, dass er mich versteht und unser Verhältnis nur noch auf einer emotionslosen Freundschaftsbasis sehen kann. Das sollte doch eigentlich ganz in seinem Sinne sein. Wir können mit Ellen und Daniel zusammen eine Spritztour machen oder mal auf ein Bier gehen und fertig … und Ellen muss akzeptieren, dass ich öfters mit den anderen Mädels losziehe - auch ohne sie. Sie hatte das am Samstag auch getan. Ansonsten muss sie mich mein Leben leben lassen und aufhören, mit ihrem Bruder gegen mich gemeinsame Sache zu machen. Und Marcel? Der soll sich endlich eine dieser Schlampen nehmen und mich in Ruhe lassen. Er wird sich nie ändern und wie Erik schon sagte, er kann sie alle haben. Er braucht mich nicht und ich … ich will ihn nicht mehr. Und wenn Julian wirklich aus dem Gefängnis kommt, werde ich mich ihm stellen.
Diesmal ist niemand da, der mir hilft, aber auch niemand, um den ich mich sorgen muss.
Mir fällt der Traum ein, in dem Julian und Kurt Gräbler Marcel lebendig begraben wollten … und der, als Tim mich aus seinem Bett retten wollte, in dem Marcel mit seiner Katja herumknutschte und Julian mit Kurt Gräbler zusammen mich umbringen wollte.
Ich spüre die Angst immer noch, die diese Träume in meinem tiefsten Inneren auslösten und mir wird klar, warum ich mich an Erik hänge. Er ist der Einzige, der niemals von meiner Vergangenheit bedroht war.
Wie auch immer. Hier unter dieser dicken Eiche sitzend, schwöre ich mir, mein Leben ohne die alle weiterzuführen und der Liebe und allen Gefühlen abzuschwören, bis ich weiß, wie meine Zukunft wirklich aussehen wird.
Das Leben kann nur besser werden, wenn man nicht in einem Strudel aus Beziehungen gefangen ist. So kann Liebe wirklich nicht sein. Mein Weg muss ein anderer werden.
Ein neuer Weg
Ich schiebe mich schwerfällig aus dem hohen Gras unter der alten Eiche und schultere meine tonnenschwere Schultasche.
Marcel muss gleich zur Arbeit … und da er nicht ahnt, dass ich von seiner neuen Flamme Sabrina weiß, wird er sich in Sicherheit wiegen.
Ein Blick in sein Handy hatte mir gezeigt, dass Marcel sich erneut nur zu leicht auf ein Spielchen mit einem anderen Mädchen einlässt.
Für mich heißt das, dass zwischen uns alles vorbei ist.
Ich beschließe, als nächsten Schritt eine Bushaltestelle zu suchen und zu seiner Wohnung zurückzukehren. Dort werde ich mir das Nötigste holen und nach Hause fahren. Diese Nacht werde ich in meinem Bett bei meinen Eltern verbringen.
Ich bin vom stundenlangen Laufen müde und muss mir einen neuen Weg suchen, der mich zu einer Bushaltestelle bringt. Es dauert noch mehr als eine Stunde, als ich wieder auf eine Bushaltestelle treffe, von der aus ich nach Bramsche zurückfahren kann.
Es ist kurz vor zwei, als ich völlig fertig bei dem Haus von Marcels Großonkel ankomme, in dem er die Einliegerwohnung bewohnt.
Der Golf ist weg, wie ich erleichtert feststelle. Doch unser kleiner Kater Diego sitzt draußen vor der Eingangstür und putzt sich zufrieden.
„Hey Kleiner, was machst du denn hier draußen?“, frage ich verwirrt, als er sich stolz umdreht und ins Haus verschwindet. Ich starre auf die wippende Katzenklappe, die die weniger schöne alte Haustür schmückt. Jetzt fallen mir auch die Holzspänne auf, die vom Einbau noch hier und da zurückgeblieben sind.
Also war Marcel gestern deswegen bei seinem Großonkel gewesen. Da hatte er ein volles Programm - diese Sabrina treffen und seinen Großonkel wegen der Katzenklappe fragen, und heute hat er sogar schon eine gekauft und eingebaut. Ich sollte eigentlich stolz auf ihn sein, bei dem, was er so alles neben seiner Arbeit meistert.
Diego schiebt sich wieder durch die Klappe, irritiert, wo ich denn bleibe.
Ich schließe auf und lasse die Tür hinter mir ins Schloss fallen. Meine Tasche abstellend, gehe ich zum Sofa und lasse mich auf das weiche Polster fallen. Ich bin viel zu müde und niedergeschlagen zu irgendwas und schließe die Augen, während der Kater zu mir auf das Sofa springt.
„Kleiner, ich kann nicht bei dir bleiben. Wir ruhen uns jetzt ein bisschen aus und dann gehe ich.“ Meine Worte zu dem schnurrenden Fellknäul und der Gedanke daran, dass ich wirklich für immer gehen werde, drücken schon wieder auf meine Tränendrüse. Ich schließe die Augen und versuche mich zu beruhigen.
Ich habe ein bisschen Zeit, um mich auszuruhen. Dann erst werde ich mich mit der Umstrukturierung meines Lebens beschäftigen.
Es ist halb vier, als ich wach werde. Mein Herz klopft mir bis zum Hals, obwohl ich nicht weiß, warum.
Ich stehe auf und überlege, was ich alles mitnehmen möchte. Aber ich habe schon viel zu viel, was ich mitschleppen müsste. Wäre doch Tim heute schon da. Er könnte mich und meine Sachen nach Hause bringen. Aber er hat erst ab morgen zwei Tage frei. Es ist nur eine kleine Verschnaufpause von seiner Musicaltournee, die noch einige Wochen geht und für die er durch ganz Deutschland tingelt. Ihm wurde in dem Orchester der Pianopart anvertraut, obwohl er erst neunzehn ist.
Mir wird klar, dass ich meinen Plan ändern muss. Ich nehme nur meine Schulsachen, mein Geld und meinen Hausschlüssel für zu Hause mit. Für Marcel lasse ich es so aussehen, als gäbe es den Entschluss zu gehen noch gar nicht.
Ich streichele den Kater und sofort wollen mich die Tränen wieder übermannen. Schnell verlasse ich das Haus und schließe ab. Ich fahre besser erst mal nach Hause.
Am Bahnhof muss ich noch einige Zeit auf einen Bus warten. Der Zug würde mich nach Bersenbrück bringen, und das wäre zu weit zum Laufen.
Mein Handy aus der Tasche kramend, stelle ich es an und gebe den Pin ein. Ich muss Ellen schreiben, die sich bestimmt Sorgen macht und Marcel, dass ich heute bei meinen Eltern bleibe.
Eine Flut von Anrufversuchen und SMSen rauscht über mich hinweg, angefangen mit Tim, der nicht verstehen kann, warum er mich ausgerechnet einen Tag, bevor er kommen will, nicht erreicht. Dann die von Ellen, die mich vergebens an der Bushaltestelle erwartet hatte und in jeder Pause versuchte, mich zu erreichen. Ihre SMSen, die zusätzlich mein Handy überfluten, werden von morgendlichen Wutanfällen bis hin zu nachmittäglichem Flehen, mich doch endlich zu melden, immer länger. Während sie morgens nur wütend schrieb: „Wo bist du? Kannst du dich nicht abmelden, wenn du nicht zur Schule kommen willst?“, schreibt sie nachmittags ganze Texte von wegen, ich könne mit allem zu ihr kommen und sie wäre doch immer für mich da.
Tim schrieb mittags erneut, ob alles in Ordnung ist und ich solle mich unbedingt melden.
Ich schreibe ihm zurück, dass er mich morgen anrufen soll, wenn er da ist und dass wir uns dann treffen.
Ellen schreibe ich, dass sie sich keine Sorgen machen soll und ich mich später noch bei ihr melde.
Marcel schreibe ich besser erst später. Er soll nicht genug Zeit zum Nachdenken haben.
Mein Bus kommt und ich steige ein, eine SMS von Erik ignorierend, die auch noch wartet, als mein Handy in meiner Hand vibriert. Ich lasse es fast fallen, weil ich mich so erschrecke.
Mich auf den nächstbesten Sitz werfend, sehe ich auf das Display. Es ist Ellen2. Also ein Anruf von Erik.
Fast panisch drücke ich das Handy aus. Den kann ich jetzt nicht verkraften. Außerdem ist er der Einzige, der es immer wieder schafft, mich dahin zu bringen, wo ich gar nicht hinwill. Bestimmt hat Ellen ihm gesagt, dass ich nicht in der Schule war und auch, dass sie mich den ganzen Tag nicht erreichen konnte.
Ich sehe seinen Blick vor mir, als ich ihn in seinem Mustang vor dem Bahnhof zurückließ. Er wirkte tatsächlich so, als mache ihm mein schneller Abgang etwas aus. Das ist nicht der alte Erik. Mir ist lieber, er ist wütend auf mich. Das passt besser zu ihm.
Als ich an meiner Bushaltestelle aussteige, habe ich erneut einen langen Weg vor mir. Aber als mich das ländliche Idyll umfängt, atme ich auf. Hier finden mich zumindest die Geister aus meiner Osnabrücker Welt nicht. Weder Ellen noch Erik wissen, wo ich hier zu finden bin. Das ist mein kleiner Ort der Zuflucht.
Als ich endlich bei unserem Haus ankomme, bin ich völlig verschwitzt und müde. Ich schließe die Haustür auf und werde von der Kühle des Hauses empfangen. Sofort gehe ich in mein Zimmer hoch, betrete mein mir so vertrautes Reich und schließe die Tür zur Außenwelt. Ein wenig kann ich nachvollziehen, wie es Erik geht, wenn er seine Paniktür hinter sich schließen kann.
Das hier ist mein Panikraum. Leider habe ich keine Paniktür, die nur ich wieder öffnen kann.
Ich lasse mich auf mein Sofa fallen. Wenn ich bei Marcel ausziehen möchte, muss ich hier wieder einziehen. Das behagt mir gar nicht.
Aber wird Marcel mich überhaupt gehen lassen?
Bestimmt, jetzt wo er diese Sabrina hat.
Es tut weh, den Gedanken an eine Trennung unabänderlich ins Auge zu fassen. Aber es bleibt mir nichts anderes übrig, jetzt, wo er sich sowieso schon einen Ersatz gesucht hat.
Ich komme gar nicht drüber weg, dass ihn so eine Tussi wirklich nur mit einer SMS rumkriegt. Außerdem muss ich zugeben, dass es auch bei mir nicht so weitergehen kann. Ich darf bei Marcel nicht bleiben, weil das falsch wäre.
Mittlerweile habe ich dreimal mit Erik geschlafen und es lässt sich da gar nichts mehr schönreden. Ich gehe fremd. Massiv fremd. Und das heißt doch nur, dass da etwas nicht stimmt. Aber warum hänge ich dann noch so an Marcel?
Erneut laufen mir Tränen über das Gesicht und ich weiß, wenn ich jetzt nicht aufhöre zu heulen, dann werden meine Eltern später sofort sehen, dass etwas nicht stimmt und ich darf mir unnötig viele dumme Fragen anhören. Was werden sie überhaupt sagen, dass schon wieder Schluss ist?
Mein Vater wird unendlich enttäuscht sein. Aber er kann ja trotzdem mit Marcel zum Fußball gehen … und Sabrina wird das neue Maskottchen.
So sehr ich es hasste, wenn Marcel durch die Ränge lief, um mich vor allen zu küssen, so sehr hasse ich den Gedanken, dass er das mit einer anderen tut.
Ich hieve mich vom Sofa und beschließe erst mal zu duschen. Vielleicht sehe ich dann auch nicht mehr so fertig und verweint aus.
Als ich aus dem Badezimmer komme und geduscht, gut duftend und mit geföhnten Haaren mich wieder wie ein Mensch fühle, steht meine Mutter in der Tür.
„Carolin!“, ruft sie erschrocken. „Du hast mich erschreckt! Ich dachte schon, wir hätten Einbrecher im Haus.“
„Ich wollte mit euch über Freitag sprechen und schauen, ob Post für mich gekommen ist. Außerdem dachte ich mir, ich schlafe heute Nacht hier.“
„Okay“, raunt meine Mutter mit unsicherem Blick. „Ist was mit dir und Marcel?“
„Ne, passt schon“, antworte ich wage. Ich will das erst mit Marcel klären, bevor ich meinen Eltern wieder unter den Rock krieche.
Ich helfe meiner Mutter beim Essen machen und frage sie wie nebenbei, ob es überhaupt möglich ist, dass ich Julian besuche und ob ich auch zu der Verhandlung muss.
Meine Mutter druckst herum und sagt dann entschieden, dass ich auf alle Fälle Julian besuchen kann und meine schriftliche Aussage vor Gericht reicht.
Ich bin verwirrt und verunsichert. Also werde ich es Freitag tatsächlich darauf ankommen lassen müssen.
Mein Vater ist auch vollkommen überrascht, mich zu Hause vorzufinden und fragt auch sofort, ob zwischen mir und Marcel alles in Ordnung ist.
„Sicher, Papa“, raune ich nur und schiebe meine Hausaufgaben vor, um mich zurückziehen zu können.
In meinem Zimmer werfe ich mich auf mein Sofa und mache mir leise Musik an. Ich nehme mein Handy und schalte es ein. Sofort laufen mehrere SMSen ein.
Tim hat zurückgeschrieben: „Alles klar! Ich freue mich auf morgen und melde mich dann bei dir.“
Ellen schrieb: „Ich mache mir aber Sorgen. Was ist los? Was ist passiert?“
Ich schreibe ihr zurück: „Es geht mir gut. Ich bin nur ein wenig angeschlagen und schlafe heute Nacht bei meinen Eltern. Ich komme morgen nicht zur Schule. Sag bitte im Sekretariat Bescheid. Danke. Ich melde mich morgen noch mal.“
Die mittlerweile angehäuften SMSen von Erik beunruhigen mich. Ich will sie nicht öffnen. Aber natürlich tue ich es doch.
„Ruf mich bitte an.“
„Carolin, warum drückst du mich weg? Was ist los?“
Die dritte klingt aufgebracht.
„Verdammt, melde dich jetzt gefälligst. Ich drehe sonst durch!“
Ich schreibe Erik mit zittrigen Händen zurück.
„Es geht mir gut. Mach dir keine Sorgen. Ich brauche nur eine Auszeit … von allem.“
Das muss für Erik reichen.
Außerdem muss ich Marcel noch schreiben, werde aber panisch, weil ich weiß, dass Erik mich gleich bestimmt erneut anzurufen versucht, jetzt, wo er weiß, dass ich mein Handy anhabe.
Ich schalte das Handy lieber schnell wieder aus.
Es klopft an der Tür und meine Mutter schaut herein. „Ist wirklich alles in Ordnung? Du kannst mit mir reden, wenn du Probleme hast“, sagt sie und lächelt verlegen.
Ich kann mit ihr Probleme besprechen? Das ist mir neu.
„Ich will nur meine Ruhe haben. Mehr nicht“, antworte ich ihr und sie sieht mich traurig an und geht wieder. Ich habe jeglichen Bezug zu meinen Eltern verloren. Außerdem habe ich Angst vor ihrer Reaktion, wenn sie erfahren, dass zwischen mir und Marcel wieder Schluss ist.
Ich mache die Musik aus und den Fernseher an. Ich versuche durch die Probleme anderer, wie es die Serien offerieren, meine zu vergessen. Aber das gelingt nicht. Auf meinem Sofa sitzend, ziehe ich die Beine dicht an meinen Körper und schlinge die Arme darum, um dann über mein verpfuschtes Dasein nachzudenken. Irgendwann lasse ich mich zur Seite fallen und ziehe die Decke über meinen kalten Körper.
Ich werde wach, als meine Mutter in mein Zimmer kommt. „Carolin? Willst du nicht ins Bett gehen?“
Es ist dunkel draußen und im Fernseher läuft ein Krimi. Ich schaue verschlafen auf die Uhr und schrecke hoch. Es ist gleich halb elf. Marcel ist bestimmt schon zu Hause. Verdammt!
Ich nicke meiner Mutter zu und wünsche ihr eine gute Nacht. Dann zücke ich mein Handy und schalte es ein. Wieder SMSen. Ich ignoriere alle, bis auf die von Marcel. „Schatz, wo bist du? Hast du den Zug verpasst? Soll ich dich holen kommen?“
Oh, mein Gott! Mein Herz zieht sich zusammen. Was soll ich nur tun? Ihm schreiben? Ihn anrufen?
Ich wähle seine Nummer und warte bis er abnimmt. Ein verunsichertes: „Carolin?“, dringt an mein Ohr. Seine Stimme versetzt mir einen Stich und eine Sekunde denke ich, dass ich ihm das nicht antun kann. Nur der Gedanke an seine schnelle Reaktion auf eine SMS von einem fremden Mädel lässt es mich doch durchziehen.
„Marcel, ich bin bei meinen Eltern. Ich habe noch ein bisschen mit ihnen gequatscht und werde heute Nacht hierbleiben.“
Es ist einige Zeit still in der Leitung und dann folgt etwas völlig Unerwartetes. Marcel brummt aufgebracht: „Du bist bei deinen Eltern?“
„Ja.“
„Und das soll ich dir glauben? Bei wem bist du wirklich?“
Ich bin wie vor den Kopf gestoßen. „Ich bin wirklich bei meinen Eltern.“
Keine Sekunde hatte ich damit gerechnet, dass er das in Frage stellen könnte.
Wut flackert in seiner Stimme auf, als er brummt: „Und wo warst du den ganzen Tag? Auch bei deinen Eltern?“ Er versucht seiner Stimme ein Stück Ironie beizumischen, was seine Worte nur noch bissiger klingen lässt.
Ich weiß nicht, was die Frage soll. Marcel kann unmöglich wissen, dass ich nicht in der Schule war.
Da ich nicht antworte, knurrt er: „Deine Ellen hat mir heute Mittag eine SMS geschickt, dass sie dich nicht erreichen kann und sich Sorgen macht. Also, wo warst du? Und erzähl mir keinen Scheiß!“ Seine Worte klingen wütend und kalt.
Ich bin entsetzt. Ellen hatte ihm geschrieben? Woher hat sie seine Nummer? Als sie ihn an dem Drogensamstag anrief, da hatte sie das von meinem Handy aus gemacht und ich habe ihr niemals seine Nummer gegeben. Extra nicht.
„Ich war nirgends“, antworte ich leise und versuche noch den richtigen Weg zu finden. Aber es gibt nur einen.
„Carolin!“, raunt Marcel mit dumpfer, wütender Stimme. „Du sagst mir sofort, wo du warst … und bei wem!“
Ich atme tief durch und antworte, meine Hand auf meinen Magen drückend: „Ich bin heute Morgen in Wallenhorst wieder ausgestiegen und bin einfach nur gelaufen. Ich musste darüber nachdenken, wie ich damit umgehen soll, dass du bei einer SMS von irgendeiner Tussi gleich anspringst und dich mit ihr triffst“, raune ich. „Wow! Super süß! Natürlich können wir uns treffen …, fällt dir dazu etwas ein?“
Ich spüre regelrecht wie Marcel erstarrt. Damit hatte er keine Sekunde gerechnet.
Als er wieder fähig zum Sprechen ist, stammelt er: „Süße, das war nicht so, wie du denkst!“
„Es ist ja nie wie ich denke“, raune ich nur resigniert. „Aber ich glaube, langsam kapiere ich es auch mal. Also erzähl mir nichts und lass mich einfach in Ruhe. Ich muss wirklich erst mal einiges analysieren.“
Eriks Spruch. Es versetzt mir einen Stich.
„Carolin bitte! Das ist nicht so …“
„Marcel!“, fahre ich ihn an. „Lass es einfach. Wir reden morgen. Und lass dir nicht einfallen, hier aufzukreuzen.“ Damit lege ich auf. Ich kann nicht mehr. Es fühlt sich alles falsch an. Vor allem mein Moralapostelgehabe.
Ich schalte das Handy wieder aus, gehe zu meinem Bett und lasse mich in meine weiche Matratze fallen. Ich spüre Marcels Entsetzen und Traurigkeit, als wäre er bei mir und ich würde es live sehen. Aber vielleicht ist das der einzige Weg für ihn, es auch ertragen zu können. Wenn er erfahren würde, was ich mit Tim gemacht habe und vor allem mit Erik … wäre das nicht viel schlimmer für ihn?
Ich rede mir das ein, weil es für mich so erträglicher ist. Wahrscheinlich wird mir mein schlechtes Gewissen deshalb eine unruhige Nacht bescheren.
Aber ich schlafe dann doch besser, als ich dachte.
Meinen Eltern tische ich am nächsten Morgen auf, dass ich erst zur dritten Stunde Schule habe und sie glauben es mir, ohne das weiter zu Hinterfragen. Das ist für sie schließlich auch ein erklärlicher Grund, warum ich überhaupt bei ihnen schlafen konnte. Damit fahren sie dann auch beruhigt zur Arbeit.
Ich fahre allerdings nicht zur Schule. Tim schreibe ich kurz vor Mittag, dass er mich bei meinen Eltern treffen soll. Eine Stunde später rollt der schwarze Mercedes auf den Hof und er springt gut gelaunt und fröhlich aus dem Auto.
Ich sehe das, weil ich schon eine gefühlte Ewigkeit am Fenster stehe. Langsam gehe ich die Treppe hinunter zur Tür, an der er schon sturmklingelt. Als ich die Tür öffne, steht er grinsend davor.
„Hi, Tim“, raune ich.
„Carolin!“ Er zieht mich in seine Arme und mir schießen augenblicklich die Tränen in die Augen …
Wenig später sitzen wir auf der Terrasse in der Sonne und Tim hört mir einfach nur zu.
Ich erzähle ihm von den Fußballspielen, die ich nicht mag, von meinen Osnabrücker Ausflügen, die Marcel nicht mag, von meinen Osnabrücker Freunden, die Tim ja auch schon kennengelernt hat und die Marcel auch nicht mag und von den SMSen von dieser Sabrina. Alles erzähle ich ihm. Außer das von Erik und mir. Ich stelle Erik nur als Ellens Bruder hin, der es nicht gut findet, dass Marcel den Umgang mit ihnen nicht gerne duldet.
Tim lässt sich daraufhin noch mal die Geschichte von meinem Drogensamstag erzählen und wie ich an Diego und den Verlobungsring kam. Ich erzähle ihm auch, wie Marcel mit mir und Diego zu meinen Eltern gefahren ist und dafür plädiert hat, dass ich zu ihm ziehen darf.
Die Erinnerung zerreißt mich fast. Ich weiß oft nicht, ob ich es ohne Marcel überhaupt schaffen kann.
Tim sagt nicht viel. Er kam hier so glücklich an und hat erneut ein Wrack vor sich sitzen, das um Marcel und die zerstörte Liebe zu ihm trauert. Er weiß nicht, dass ich vor allen damit nicht fertig werde, dass ich es bin, die Marcel betrogen hat. Wenn er ahnt, dass irgendwas aus der Richtung mit meinem momentanen Gefühlsinferno zu tun hat, dann glaubt er höchstens, ich bin wieder dem Fluch, und somit ihm verfallen.
Davon fühle ich nicht viel. Was da in meinem Bauch rumort ist eher die Python, die sich an meiner Trauer, Wut und meinem Gefühlschaos dick frisst. Ich habe mir alles selbst zerstört. Marcel war sich gestern Abend sogar sicher gewesen, dass ich mich mit jemand anderem treffe. Das hatte er mir ganz klar zu verstehen gegeben. Dass ich ihn mit dieser Sabrina ausstechen konnte, ahnte er da ja noch nicht.
„Und was hast du jetzt vor?“, fragt Tim und nimmt meine Hand. Er küsst meine Fingerspitzen. „Kann ich irgendetwas für dich tun?“
Ich weiß, was er für mich tun kann.
„Können wir später meine Sachen aus Marcels Wohnung holen?“
„Natürlich! Und wo willst du hin? Ziehst du wieder hier ein?“
Ich sehe mich um, als sähe ich das hier zum ersten Mal. „Muss ich wohl.“
Tim lässt meine Hand los und steht auf. „Ich hole meine Zigaretten eben aus dem Auto“, raunt er und geht.
Ich sehe ihm überrascht hinterher. Mich in dem Stuhl zurücklehnend, bin ich erstaunt, wie ruhig er ist und wie geduldig er sich alles angehört hat. Er hatte sich bestimmt etwas anderes für seine freien Tage gewünscht.
Als er wieder um die Ecke kommt, sieht er mich mit leuchtenden Augen an, setzt sich und nimmt eine Zigarette aus der Schachtel, zündet sie an und gibt sie mir. Dann zündet er sich selbst eine an, inhaliert den Rauch und sagt: „Ich habe vielleicht eine Lösung, für den Fall, dass du nicht bei deinen Eltern unterkriechen möchtest.“
Mein Blick läuft fragend in sein Gesicht.
Tim hält mir seine geschlossene Hand hin. „Ich denke, dass ist Vorsehung, dass ich heute hierhergekommen bin“, raunt er.
Ich halte ihm meine geöffnete Hand hin, unsicher was er meint und er legt mir etwas hinein.
Ich starre auf den Schlüssel in meiner Hand.
„Mein Wohnungsschlüssel. Ich rufe nachher den Vermieter an und sage Bescheid, dass meine Schwester da einzieht, bis ich im Dezember wiederkomme. Ihm wird es recht sein und die Miete wird eh bezahlt, ob ich nun da bin oder nicht.“
Ich kann es nicht fassen. Ich kann in Tims Wohnung ziehen, die weder Marcel noch sonst jemand kennt.
Plötzlich sehe ich Licht am Horizont. Das wird meine Panikwohnung.
Aus dem Stuhl springend, falle ich Tim um den Hals, der seine Zigarette fallen lässt und mich mit beiden Armen umschlingt. Er zieht mich auf seinen Schoß und bevor ich auch nur reagieren kann, legen sich seine Lippen auf meine und er küsst mich ungestüm.
Völlig überwältigt von meinem neuen Wohnsitz erwidere ich seinen Kuss. Ich bin jetzt ein freier Mensch und kann tun und lassen, was ich will.
Meine Gefühle ignoriere ich, und mein Gewissen, das kurz den Zeigfinger hebt, um auf sich aufmerksam zu machen.
Freiheit! So fühlt sie sich an. Mit einer eigenen Wohnung. Und ich kann küssen, wen ich will.
Aber der Kuss hinterlässt nur einen bitteren Nachgeschmack und ich knurre in mich hinein: Nur noch One-Night-Stands und keine Liebe mehr. Ich bin frei und will frei bleiben und wenn ich mich dazu zwingen muss.
„Danke Tim. Wenn ich dich nicht hätte“, flüstere ich und sehe in seine schwarzen Augen. Ich schiebe mich von seinem Schoß. „Lass uns meine Sachen holen.“
Wir schaffen meine Schultasche und alles, was ich mitnehmen möchte, aus meinem Zimmer in sein Auto. Meinen Fernseher lasse ich da, weil Tim alles noch in seiner Wohnung hat, wie er mir erklärt.
Tim dreht die Musik auf und lässt das Verdeck aufklappen, als wir nach Bramsche fahren.
Ich bin so überwältigt von dem Gefühl, eine eigene Bleibe zu haben und mein Leben plötzlich wieder in eine ertragbare Richtung laufen zu sehen, dass ich fast schon gute Laune bekomme. Niemals hätte ich gedacht, dass mich der Umstand, dass ich mit Tims Wohnung mir ein Stück Freiheit erkaufe, so aufbaut. Vielleicht hat mich Marcel mit seiner Heimchen-Nummer doch überfordert?
Gut, wäre die Wohnung in Osnabrück, wäre ich noch glücklicher. Aber hier draußen kann mich keiner finden, wenn ich es nicht will. Und ich will es definitiv nicht.
Nur noch One-Night-Stands und keine Liebe mehr. Das soll mein neuer Lebensstil sein.
Marcel ist, wie ich erwartete, nicht da. Er muss arbeiten und geht wohl davon aus, dass ich in der Schule bin. Oder interessiert ihn das vielleicht auch gar nicht mehr, weil er seine Sabrina hat? Vielleicht geht es ihm wie mir und er ist eigentlich froh, wieder frei zu sein.
Diego springt uns entgegen und ich werde doch wieder traurig. Ich nehme den Kater auf den Arm und drücke ihn an mich. „Unser Scheidungskind“, murmele ich, gebe ihm einen Kuss in sein haariges Gesicht und setze ihn auf den Boden zurück.
Er läuft sofort in die Küche und ich folge ihm, um ihm Futter zu geben. Es ist das letzte Mal und ich möchte ihm noch etwas Gutes tun, egal ob er schon zu fressen hatte oder nicht.
„Das war Marcels Absicht“, murrt Tim.
„Was?“, frage ich und sehe ihn im Türrahmen stehen, die Arme vor der Brust verschränkt.
„Das mit dem Kater. Er dachte, du gehst dann auf keinen Fall.“
„Er hat sich geirrt“, raune ich nur und versuche nicht daran zu denken, was ich hier eigentlich gerade tue.
Ich gehe alle Räume ab und suche meine Sachen zusammen. Das meiste stopfe ich einfach in einen großen Müllsack.
„Mein Fernseh- und Internetanschluss läuft noch. Ich hatte ihn vergessen abzumelden. Jetzt brauchen wir ihn wieder. Wozu Vergesslichkeit alles gut sein kann.“ Tim grinst mich aufmunternd an.
„Ich bezahle dir das alles. Nächste Woche suche ich mir einen Job. Ich habe ein Cafe gesehen, das Aushilfen sucht“, sage ich und spreche aus, was mir schon länger im Kopf herumschwirrt.
Tim nimmt mir den Sack mit der Wäsche ab und stellt ihn auf den Boden. Vor mich tretend, raunt er, eine Hand in meinen Nacken schiebend. „Ich nehme kein Geld von dir. Mir reicht, wenn du mich beherbergst, wenn ich mal in der Nähe bin.“ Seine dunklen Augen leuchten erwartungsvoll auf und ich weiß, was er damit sagen will.
„Das ist deine Wohnung und du kannst da schlafen, wann immer du willst“, raune ich und mir ist klar, was das eigentlich für mich heißt. Aber er nimmt halt kein Geld von mir.
Meine Zuhälter. Einer sieht wie einer aus - mit seiner Karre, und der andere lässt mich auf die Art bezahlen. Heute und hier macht mir das nichts. Das ist mir meine Freiheit wert - und meine Unabhängigkeit, die ich haben werde, sobald Tim wieder weg ist. Und da ich keine Gefühle mehr dulde, ist es okay, wenn alles nur noch Geschäft ist. Ich fühle mich irgendwie erwachsen, eiskalt und berechnend. Genau das, was ich in nächster Zeit nur noch fühlen will.
„Komm, lass uns weitermachen. Ich will hier schnell weg“, sage ich, weil mir Erik einfällt, und dass er hier jederzeit auflaufen könnte, genauso wie Marcel, wenn er sich erneut krankmeldet.
Tim nickt und lässt mich los. Er will auch nur noch weg … und mich in seiner Wohnung unterbringen. Mir entgeht sein zufriedener Gesichtsausdruck nicht.
Als wir alles in seinem Auto verstaut haben, überkommt mich erneut die Traurigkeit. Ich nehme einen Zettel von meinem Schreibtisch und schreibe: „Marcel, es ist besser, wir trennen uns erst mal eine Zeit lang, bis jeder weiß, was er wirklich will. Such mich nicht. Mach dir keine Sorgen um mich. Und sag meinen Eltern nichts. Die flippen aus, wenn sie erfahren, dass ich wieder wegen einem Mädel gehen musste.“
Ich wähle den letzten Satz mit bedacht, weil meine Eltern von meiner neuen Freiheit nichts wissen dürfen. Schließlich bin ich noch nicht volljährig. Auch wenn es nun für Marcel so aussehen muss, als wäre das mit dem Mädel der einzige Grund für mich zu gehen. Ich weiß, es gibt auch noch andere.
Diego sehe ich nicht und beschließe, ihn auch nicht zu suchen. Das würde mir nur unnötig das Herz schwermachen.
Ich lasse die Tür ins Schloss fallen und werfe mit Schwung den Haustürschlüssel durch die Katzenklappe in den Flur. Weder gestern noch heute Mittag hätte ich gedacht, dass ich so konsequent mit meinem alten Leben abschließe.
Als wir im Auto sitzen und Tim den Mercedes auf die Straße lenkt, sagt er: „Es gibt eine Bedingung, was die Wohnung angeht.“
Ich sehe ihn an, verunsichert darauf wartend, was nun folgen wird. „Ja?“, frage ich nach, als er seinen Satz nicht sofort beendet.
„Keine Männerbesuche“, sagt er und sieht mich herausfordernd an.
Ich grinse. „Außer dir, nehme ich an.“
„Außer mir natürlich“, meint er und sein Gesichtsausdruck wirkt ernst und entschlossen.
Ich schlucke. „Kein Problem. Ich habe nicht vor, mich in nächster Zeit in irgendein Abenteuer zu stürzen. Ich habe die Schnauze gestrichen voll“, murmele ich.
Tim sieht mich nur an. Als er nickt, weiß ich nicht, ob er sich miteingeschlossen fühlt.
Keine zehn Minuten später fährt er den Mercedes in seine Garage und wir steigen aus. Ich klemme mir unter den Arm, was ich tragen kann und Tim nimmt den Rest.
Als wir die Haustür aufschließen, müssen wir noch eine Treppe bewältigen. Die nächste Tür führt in mein neues Reich. Ich erkenne alles sofort wieder.
„Wir müssen lüften und später noch einiges einkaufen“, meint Tim und bringt den Sack mit meiner Wäsche in das Schlafzimmer. „Der Schrank steht dir fast komplett zur Verfügung. Ich habe kaum noch Sachen von mir hier.“
Tim macht alle Fenster auf und geht in die Küche, um den Kühlschrank anzustellen.
„So, der läuft auch schon mal. Dann las uns schauen, ob auch die Musikanlage noch funktioniert und der Fernseher.“
Tim probiert alles aus, lässt aber nur die Musik laufen.
Ich sehe ihn durch die Wohnung eilen und sich um alles kümmern und die Freude, dass er mir sein Reich überlässt und sich so sehr um alles bemüht, wird übermächtig. Hier werde ich das erste Mal machen können, was ich will und Marcel und Erik müssen dafür Geschichte werden. Keiner der beiden darf jemals wieder mein Leben bestimmen und alle Gefühle für sie muss ich abtöten. Für immer. Und ich weiß schon wie. Ich fühle für Tim nichts weiter außer Dankbarkeit. Um alle anderen Gefühle in mir niederzudrücken, möchte ich sie mit dem wenigen, was ich für ihn fühle, überdecken. Eiskalt und berechnend.
Der dumpfe Schmerz in meinem Inneren lässt überraschender Weise etwas nach.
Als Tim an mir vorbeirauscht, um im Badezimmer nach dem Rechten zu sehen, greife ich nach seinem Arm.
Er bleibt stehen und sieht mich an.
Ich packe ihn mit beiden Händen am Kragen seines Hemdes und ziehe ihn langsam hinter mir her ins Schlafzimmer.
Er hält den Atem an und sein Blick wirkt verunsichert. Als ich das Bett hinter mir weiß, bleibe ich stehen und ziehe ihn an mich. Ich lege meine Hände um sein Gesicht und ziehe ihn zu mir runter, um ihn zu küssen.
Sofort schlingt er seine Arme um mich und drängt mich weiter.
Ich falle in sein Bett und er lässt sich auf mich fallen. Beide Hände neben meinem Kopf abstützend, fragt er: „Was wird das?“, und seine schwarzen Augen sehen mich herausfordernd an.
„Mietvorschuss“, erkläre ich grinsend.
Den Schmerz in meinem Herzen, der wie ein Feuer auflodert und gleichzeitig wie Eis meine Gefühle erstarren lässt, verdränge ich. Erik drängt sich in meinen Kopf und ich muss ihn wieder loswerden … und auch die Sehnsucht nach seinem Körper, die mich plötzlich überfällt wie ein hungriger Löwe.
Vorbei.
Ich verdränge den Gedanken an ihn. Es gibt nur noch One-Night-Stands und keine Liebe und Gefühle mehr.
Ich schließe die Augen und versuche die Erinnerung an das, was Erik in mir auslöste, wegzudrängen. Aber sofort schiebt sich Marcel in meine Gedanken.
Ich schüttele unwillig den Kopf und verdränge auch ihn daraus … und aus meinem Herzen.
Auch vorbei.
Tim ist einen Moment irritiert und sieht mir skeptisch in die Augen. Doch dann scheint ihm egal zu sein, wie ich das hier nennen will und er küsst mich gierig, seinen Körper auf meinen pressend.
Ich erwidere seinen Kuss und lege meine Arme um ihn. Es ist nicht wie vor zwei Wochen, als er das letzte Mal da war. Es ist gar nichts da, außer diesem Schmerz, der mich niederdrücken will.
Aber der Aspekt, dass ich meine Freiheit bezahle und mir das alles als einziger Weg erscheint, um alle Gefühle abzutöten und ich kein schlechtes Gewissen mehr haben muss, reicht, um es mir erträglich zu machen. Ich denke, vielleicht werde ich auch noch ein Freund von One-Night-Stands. Etwas anderes wird es für mich auf jeden Fall nicht mehr geben. Das schwöre ich mir in diesem Augenblick. Und wer weiß? Vielleicht gefällt es mir auch irgendwann.
Es ist schon nach fünf, als Tim den Mercedes aus der Garage fährt. Er besteht darauf, dass wir einen Großeinkauf machen, weil er mich einfach für die nächste Zeit versorgt wissen will. Er ist so angetan von der Situation, dass er mir am liebsten die Welt zu Füßen legen möchte.
Ich füge mich dem, mir klar darüber, dass ich auch das wieder irgendwie abzahlen muss.
Eine Stunde später tragen wir Getränke und tütenweise Essen ins Haus. Tim kennt sich mit Schnellkost aus. Wir haben Dosen mit Ravioli, Nasigoreng, Eintöpfe, Gulaschsuppe und dergleichen gekauft. Der Kühlschrank ist voll mit Aufschnitt, Paprika, Gurken und Tomaten, sowie verschiedene Marmeladesorten. Das kleine Gefrierfach füllen wir bis zum Bersten mit Pizzen, Brot und Buttergemüse.
Tim zieht mich in seinen Arm. „So, nun bin ich beruhigter. Du bist schon dünn genug. Wenn ich nach der Tour wieder da bin, werde ich dafür sorgen, dass du etwas auf die Rippen bekommst.“
Wenn er nach der Tour wieder da ist?
Mit meinem Einzug in seine Wohnung geht Tim davon aus, dass er mich fest für sich hat. Ich lasse ihn in dem Glauben, beruhigt darüber, dass er bald wieder gehen muss.
Tim beschließt, abends mit mir Essen zu gehen. Er möchte mich unbedingt ausführen und ich räume meine Kleidung in den Schrank ein, gehe duschen und mache mich schick. Als ich ausgehfertig im Schlafzimmer erscheine, wo er auf dem Bett liegend sich eine Fernsehsendung anschaut und auf mich wartet, kann er sich ein zufriedenes: „Wow, hast du dich für mich so aufgebrezelt?“, nicht verkneifen.
„Escortdamen machen das so“, erwidere ich und grinse ihn an.
Er runzelt die Stirn, während er sich aus dem Bett hievt. „Als was wolltest du dein Geld verdienen?“, fragt er verunsichert. „Ich hoffe, dass mit dem Cafe stimmt.“
Ich lache, vor allem über seinen ernsten Gesichtsausdruck. „Natürlich! Ich habe nicht vor auch an andere meinen Körper zu verkaufen.“
Tim zieht hörbar die Luft ein und baut sich vor mir auf. „Was soll das? Du tust so, als wäre das zwischen uns nur gekaufte Liebe“, knurrt er mit aufsteigender Wut.
Ich halte es für besser, ihn zu beruhigen, auch wenn mir das Ganze durchaus diesen Eindruck macht. Sex ohne Liebe. Denn frage ich mein Herz, für wen es schlägt, dann ist das nicht Tim. Das wurde mir klar, als ich mit ihm schlief.
„Ich mache doch nur Spaß. Komm, sei froh, dass ich nicht wieder so durchhänge wie letztes Mal. Vergiss nicht, ich habe mich erneut von Marcel getrennt“, raune ich.
Er nickt. „Weiß ich. Aber deine Reaktion diesmal beruhigt mich auch nicht gerade. Zumal ich nicht da sein werde, um ein Auge auf dich zu haben.“
Ich schenke ihm ein beruhigendes Lächeln. „Ich habe in den letzten Wochen viel gelernt und auch viele Erfahrungen gesammelt und sehe mich durchaus in der Lage, mein Leben zu meistern. Und das wieder dank dir.“ Ich schiebe mich an ihn heran und schlinge meine Arme um seine Hüfte. „Und ich schlafe mit niemandem, mit dem ich nicht schlafen will.“
Tims Blick zeugt nicht gerade von Vertrauen in die Sache. Aber er sagt nichts, auch wenn ihm offenbar klar wird, dass ich wirklich nicht mehr dieselbe wie vor zwei Monaten bin. Und er sieht nicht so aus, als würde ihn das irgendwie beruhigen.
Ich lasse ihn los und gehe durch die Küche in den Flur, nicht abwartend, ob er mir folgt. Er wird schon kommen.
An der Wohnungstür ist er dann hinter mir und wir verlassen die Wohnung. Mich überfällt erneut ein Anflug von Traurigkeit und Angst, dass ich meinem Gefühlschaos doch nicht so leicht entkommen kann, wie ich vorgebe.
Wir fahren nach Osnabrück und im Auto kann ich meine Gedanken nicht im Zaum halten. Als wir an Bramsche vorbeifahren, packen mich erneut die Zweifel. Kann ich überhaupt ohne Marcel klarkommen? Er fehlt mir.
Leise schleicht sich die Angst durch meine Eingeweide, weil ich beschlossen habe, mein Leben ohne ihn zu leben. Das erscheint mir fast unmöglich. Und was wird er tun, wenn er heute Abend meinen Zettel findet und sieht, dass ich alle meine Sachen aus der Wohnung geholt habe?
„Nah, so schweigsam“, raunt Tim und hantiert an seinem Autoradio. „Möchtest du zu einem bestimmten Lokal oder kann ich aussuchen?“
„Du kannst aussuchen. Aber bitte nichts, wo ich Ellen und so treffe.“
Ellen wäre erträglich …. Erik nicht. Der Gedanke an ihn reißt mich noch tiefer in einen Abgrund als der an Marcel.
Tim wirft mir einen schnellen Blick zu. „Das habe ich auch nicht vor, obwohl die kleine Stammkneipe von euch ja ganz schön ist. Aber ich möchte essen gehen und dich heute mal für mich allein haben.“
Ich denke nur: Das hast du ja schließlich auch bezahlt.
Mein Nuttendenken verwirrt mich. Wahrscheinlich sind das meine überdrehten Nerven und der verzweifelte Versuch, mein Handeln irgendwie vor mir selbst zu rechtfertigen.
Plötzlich kommt mir alles falsch vor und die Angst schleicht sich in meinen Kopf, dass ich mich selbst am meisten mit diesem Handeln verletze.
Als wir durch Osnabrück fahren, klaube ich mir eine Sonnenbrille von Tim von der Ablage und setze sie mir auf.
„Blendet es dich?“, fragt Tim besorgt.
„Meine Augen sind heute etwas empfindlich“, antworte ich. Aber mir geht es in erster Linie darum, dass ich keinem begegnen möchte, der mich kennt. Vor allem keinen dunkelgrünen BMW oder schwarzen Mustang.
Wir fahren durch die Stadt hindurch, auf die andere Stadtseite, die ich vom Durchfahren mit Erik kenne. Dort lenkt Tim den Mercedes auf den Parkplatz eines griechischen Restaurants.
„Hier war ich mal mit meinem Vater und seiner Familie. Da kann man wirklich gut essen.“
Wir steigen aus und ich lasse mich von ihm an der Hand ins Lokal führen. Aber mir ist nicht nach Essen. Mir ist nach nichts.
Ich sehe Tim an, der vor mir geht. Morgen reist er wieder ab und ich werde allein sein. Auch nichts, was mich im Moment beruhigt.
Statt meine Gefühle im Griff zu haben, schlagen sie immer größere Kapriolen und ich bin froh, dass Tim den ganzen Abend nicht mehr über Gefühle oder uns spricht, sondern von seiner Tour erzählt.
Ich schaffe es tatsächlich, zumindest so zu tun, als interessiere mich sein Leben. Er wirkt glücklich und zufrieden und ich spüre auch dahingehend etwas Genugtuung, ihm dieses Gefühl zu vermitteln und meine eigenen Gefühle unter Kontrolle zu halten. Wenn er wieder weg sein wird, werde ich sie mit aller Macht bekämpfen.
Tim ist neben mir eingeschlafen. Ich schiebe mich aus seinem Arm und lege mich auf den Rücken. Erneut mit Tim zu schlafen, zeigte mir, dass ich bei ihm einfach nichts fühle. Ich rede mir ein, dass es an der Situation liegt. Alles andere macht mir zu viel Angst. Was ist, wenn mein Körper einfach nicht mehr will? Vielleicht habe ich etwas in ihm zerstört? Dass er zu lieben fähig ist, hatte er mir doch zu genüge bei Erik gezeigt. Und auch meistens bei Marcel. Warum klappt es bei Tim nicht?
Er ist zu schnell, zu hektisch und ab einem bestimmten Punkt nur noch auf sich fixiert. Das wird sich wohl nie ändern. Aber ist das nicht auch besser so? Schließlich wäre es ernsthaft erschreckend, wenn ich nach den letzten zwei Tagen auch noch mit Tim ins Bett springen würde und alles wäre bestens.
Aber zumindest kann ich stolz verkünden, dass ich eine gute schauspielerische Leistung hingelegt habe. Ich weiß, wie es sich bei Erik angefühlt hat und es fiel mir nicht schwer, das einigermaßen wiederzugeben. Dennoch reißt mich genau dieser Aspekt in ein Tief. Ich sehne mich nach den Gefühlen, die ich in den letzten zwei Wochen so geballt erfahren durfte.
Tim ist glücklich und zufrieden sofort eingeschlafen. Ich bin unglaublich froh darüber. Er hat sich verändert. Er kann neben mir schlafen – ein Umstand, den er bei unserem ersten Zusammensein überhaupt nicht im Griff hatte. Ich atme deswegen erleichtert auf. In meinem Kopf hatte sich schon die Angst breitgemacht, dass Tim die ganze Nacht über mich herfallen will, erneut von dieser erschreckenden Unruhe geplagt. Aber scheinbar hat er sich etwas mehr im Griff oder er ist sich meiner jetzt wirklich sicher.
Morgenmittag fährt er wieder. Er muss diesmal zu einem neuen Auftritt nach Stuttgart und fährt einige Stunden. Wir haben beschlossen, dass ich noch einen Tag die Schule schwänze.
Einen Augenblick überlege ich, ob ich aufstehen soll, um mein Handy anzuschalten. Aber ich habe Angst davor. Angst vor der Welt, die da draußen wahrscheinlich wütend herumtobt, weil ich mich den ganzen Tag bei niemandem gemeldet habe.
So beschließe ich, es nicht zu tun. Wenn Tim morgen weg ist, werde ich mich der Welt wieder stellen.
Ein dumpfer Schmerz beginnt sich in mir auszubreiten und ich muss mit aller Kraft die Sehnsucht unterdrücken, die mich immer wieder packt, wenn ich nicht von Tim abgelenkt werde. In mir baut sich eine schleichende Angst auf, was mit mir passiert, wenn er nicht mehr da ist und ich auf mich allein gestellt sein werde.
Ich will lieber nicht darüber nachdenken.
Am Morgen werde ich von Tims meinen Körper erkundenden Händen und Lippen geweckt. „Guten Morgen, meine Sonne“, flüstert er und ich weiß erst gar nicht, was los ist. Ich sehe erst Tim verwirrt an und dann das Zimmer, in dem ich liege.
Mir fällt ein, dass ich gestern mein Leben geändert habe. Und zwar von Grund auf.
Fassungslos schließe ich die Augen.
Marcel fehlt mir plötzlich so unglaublich, dass mir die Luft wegbleibt. Ich muss mir ins Gedächtnis rufen, dass er nun seine Sabrina hat und ich ihn sowieso ständig nur betrogen habe. Also nichts, was eine weitere Zukunft möglich macht. Und bei dem Gedanken an Betrügen baut sich Erik vor mir auf und ich spüre die gleiche Sehnsucht in mir hochkriechen und muss mir vor Augen halten, dass er ein Leben in trauter Zweisamkeit nicht will.
„Hey, alles klar?“, fragt Tim und schiebt sich dichter an mich heran. „Du wirkst verwirrt und so unglaublich erotisch. Schenkst du mir noch einen Augenblick, bevor wir uns ein schönes Frühstück gönnen?“
Er wartet gar nicht erst eine Antwort ab und schiebt sich auf mich. Sein heißer Körper auf meinem und seine Küsse lassen mich nicht völlig kalt. Für mich ist es ein Weg, noch einige Zeit der unvermeidlichen Gedankenflut zu entkommen, die mich schon wieder zu erdrücken droht.
Ich lege meine Arme um ihn und lasse meine Fingerspitzen über seinen Rücken laufen. Meine Beine um seine Hüfte schlingend, gebe ich ihm nur die Möglichkeit, sich zu bewegen, wenn ich es will und ich flehe meinen Körper an, mir zu zeigen, dass er mit der neuen Situation einverstanden ist.
Seine Küsse werden drängender und als ich ihm wieder Bewegungsfreiheit lasse, schwört er mir ewige Liebe und das mir alles gehört, was ihm gehört.
Ich denke mir verdutzt … so leicht ist das? Was hat man für eine Macht! Ich war mir dessen nie bewusst und nun habe ich eine mietfreie Wohnung mit allem Drum und Dran.
Trotz dem schalen Nachgeschmack, den Tim hinterlässt, als er sich keuchend von mir runterwälzt, versuche ich wenigstens darin einen Wert zu sehen. Aber unweigerlich drängt sich mir ein Satz auf - Sex ist nichts ohne Liebe.
Ich lege mich auf die Seite, streiche Tim durchs Gesicht und schenke ihm ein Lächeln, das ihm zeigen soll, dass ich ihn mag. Irgendwo regen sich zumindest dahingehend einige kleinere Gefühlsregungen, die mich aufatmen lassen.
Ich bin innerlich noch nicht so tot, wie ich befürchtete.
Beim Frühstück erzählt Tim erneut von seiner Tour und natürlich auch, dass er es nicht abwarten kann, das nächste Mal zu mir zu kommen.
„Ich bin so froh, dass ich die Wohnung behalten habe. Wenn du irgendetwas brauchst, rufst du mich an. Ich kann dir auch dein Handy schicken. Ich habe es immer noch. Oder willst du einen Festnetzanschluss? Den kann ich dir einrichten lassen. Du könntest auch mit dem Führerschein anfangen. Dann hast du ihn bald. Dann kaufen wir dir einen kleinen Wagen und du brauchst nicht mehr mit dem Bus fahren.“
Ich sehe ihn fassungslos an. „Tim, bitte! Es reicht, dass ich die nächsten zwei Monate ein Dach über dem Kopf habe und um alles andere kümmere ich mich schon. Ich brauche keinen Festnetzanschluss. Ich habe mein Handy und du weißt, wann du mich erreichen kannst. Ansonsten schreib mir eine SMS, wann ich dich anrufen soll oder du mich anrufen willst. Und meinen Führerschein mache ich, wenn ich das Geld dafür zusammen habe. Jetzt mache ich erst mal die Schule weiter und fertig. Bitte mach dir um mich keine Gedanken.“
Er sieht mich bestürzt an. „Lass mich dir doch helfen. Ich verdiene genug!“
Meinen Kopf schief legend, sehe ich ihn verächtlich an. „Und wann soll ich das alles abarbeiten?“
Das rutschte mir einfach über die Lippen und war eher zur Belustigung gedacht.
Tims Augen verdunkeln sich und er brummt: „Rede nicht so daher. Das mache ich nicht, um dich ins Bett zu kriegen.“
Das: „Ach, nein?“, liegt mir auf der Zunge.
„Carolin, du weißt, dass du alles für mich bist. Ich will einfach nur, dass es dir gut geht.“
„Es geht mir gut. Ich habe eine Wohnung, in der mich keiner findet und meine Freiheit wieder, die ich jetzt endlich genießen will.“
Sein Blick sagt mir, dass die Sache mit der Freiheit und deren Genuss ihn etwas verwirrt. „Freiheit? Frei von was?“, fragt er.
Ich weiß sofort die Antwort. Aber soll ich sie aussprechen? Ich entschließe mich dazu, es zu tun. „Ich brauche keinem mehr Rede und Antwort stehen, mich bei keinem ab oder anmelden. Ich kann machen, was ich will, gehen, wohin ich will und wann ich will und ich kann endlich ein richtiges Sololeben führen.“
„Ein Sololeben ist dir wichtig?“, fragt Tim ungläubig.
Ich kann ihn verstehen. Ich hatte mit Marcel gleich das komplette Gegenteil gefahren, dass man mir nicht zutraut, eigentlich etwas ganz anderes zu wollen.
Ich nicke. „Ja, ich will einfach meine Freiheit genießen.“
Tim steht auf und holt uns noch einen Kaffee. Als er sich wieder setzt, sieht er mich herausfordernd an. „Gut, die Solonummer ist okay. Aber verspreche mir bitte, wenn ich wieder da bin gibst du dein Sololeben auf.“
„Zu meiner Freiheit gehört auch, dass ich niemandem etwas versprechen muss“, erwidere ich und grinse ihn frech an, obwohl mir in meinem tiefsten Inneren nicht danach zumute ist. „Ich weiß nicht, was in zwei Monaten sein wird. Ich will jetzt einfach nur Abstand zu allen Männern halten“, sage ich ernst.
Tim greift nach seinen Zigaretten. Er steckt sich eine zwischen die Lippen und zündet sie sich an. „Abstand zu allen Männern halten! Das hört sich in meinen Ohren wirklich vernünftig an.“ Er hält mir die Schachtel hin.
Ich ziehe eine Zigarette heraus und stecke sie mir zwischen die Lippen. „Stimmt, finde ich auch. Und schließt dich das nicht auch mit ein?“, frage ich ein wenig zu bissig.
„Nein, ich habe Sonderrechte“, knurrt er und seine schwarzen Augen funkeln aufgebracht.
„Sonderrechte? Die gibt es nicht“, murmele ich und ziehe lasziv an meiner Zigarette.
Einen Moment sieht er mich verunsichert an. Doch dann wird sein Blick noch dunkler und er raunt: „Gut! Keine Sonderrechte also?“
Ich schüttele den Kopf.
„Hm, dann muss ich doch eine Mietzahlung fordern. Eine wöchentliche. Zu zahlen, wenn ich wieder freihabe. Und die Wochen dazwischen stunde ich dir nur … mit einem 100%tigen Zinsaufschlag und wenn du die Zahlung verweigerst, kommen sofort 100% Zinsen dazu.“ Er grinst mich auf seine alte Art an, die ich schon fast bei ihm vermisst habe.
„Wow, dann ist das aber eine teure Wohnung“, brumme ich und muss doch schmunzeln, weil ich glaube, er macht nur Spaß.
„Pass auf, dass ich nicht noch die Nebenkosten in Rechnung stelle“, sagt er und lacht.
Ich lache auch auf. „Das kann ich dann nicht mal in einem ganzen Leben abarbeiten.“
Tim wird ernst. „Das ist gut. Der Gedanke gefällt mir. So sollten wir es machen.“
Ich schüttele nur den Kopf. „Vergiss nicht, warum ich hier bin. Sololeben! Freiheit! Vor niemandem Rechenschaft ablegen zu müssen! Ich glaube, da laufen unsere Wünsche gerade völlig aneinander vorbei.“
„Sind sie das nicht immer schon irgendwie?“, raunt er und sein Blick versetzt mir einen Stich. Aber natürlich hat er recht.
Um zwei am Nachmittag schafft Tim es endlich, sich von mir loszueisen und wir gehen zu seinem Auto. Ihm fiel noch so viel ein, was er für mich noch alles tun wollte, nachdem er mich erneut in sein Bett gezerrt hatte.
Ich versuchte ihn zu beruhigen und ihm klarzumachen, dass ich schon zurechtkomme. Aber er war trotzdem nervös und fahrig und zog mich immer wieder an sich, um sich regelrecht an mich zu klammern.
Nun brennen seine sehnsuchtsvollen Küsse immer noch auf meiner Haut, als wir endlich durch die Haustür auf den Hof treten.
Vor seinem Auto zieht er mich ein letztes Mal in seine Arme und küsst mich.
Ich bin sogar etwas traurig, dass er fahren muss. Wenn mich seine Liebe auch oft erdrückt, so ist er zumindest immer bedingungslos für mich da und seine Anwesenheit hatte mir ein wenig meines Kummers genommen, der nun schon übermächtig auf mich lauert.
„Ich rufe dich an, wenn ich angekommen bin. Bitte mach dein Handy an. Außerdem schicke ich dir auf alle Fälle das andere zu. Falls du Marcel wieder abblocken musst.“
„Mach das“, raune ich nur.
Er steigt in sein Auto und fährt aus der Garage in den Sonnenschein hinaus.
Ich winke ihm nach.
Als sein schwarzer Mercedes um die nächste Straßenecke biegt, überfällt mich sofort das komische Gefühl der Einsamkeit. Ein ungewohntes Gefühl.
Langsam gehe ich in die Wohnung zurück und schließe die Tür hinter mir ab.
Ich will erst mal duschen und die Wohnung für mich wohnlich einrichten. Aber als erstes stelle ich meinen Laptop an, um mir Musik anzumachen. Tim hatte mir das Kabel für die Musikanlage und das Internetkabel angeschlossen.
Im Internet finde ich einige Musikzusammenstellungen, die mit den dazugehörigen Videos laufen. Ich schiebe den Küchentisch an die Wand zum Schlafzimmer, um keinen Kabelsalat mitten durch den Raum zu haben und setze mich mit dem Stuhl davor. Die ungeahnten Möglichkeiten an Musik faszinieren mich und nun habe ich endlich mal Zeit, diese ganz genau zu studieren.
Mein Freiheitsgefühl überwältigt mich wieder und verdrängt das stetig anklopfende Gefühl der Einsamkeit und Traurigkeit.
Die Musik laut aufdrehend, gehe ich ins Badezimmer und dusche. Ich spüle die letzten Reste eines Mannes von mir runter. Mein Leben soll sich nun nur noch um mich drehen und wenn ich einen Menschen in mein Leben lasse, dann nur kurz. Höchstens zwei-drei Stunden. Mehr will ich keinen ertragen.
Ich stehe traurig lächelnd unter der Dusche. Erik hat mir viel in kürzester Zeit beigebracht.
Mich abtrocknend und von oben bis unten eincremend wird mir klar, dass ich Zeit schinde. Mein Haar föhne ich mir mit ganz viel Geduld trocken. Ein Blick in den Spiegel sagt mir, dass ich immer noch ziemlich mitgenommen wirke. Vielleicht wird es besser, wenn ich mich endlich der Welt da draußen gestellt habe.
Ich hole mein Handy und setze mich auf das Sofa. Doch bevor ich es anstelle, stehe ich wieder auf und hole mir eine Zigarette. Tim hatte mir drei Schachteln dagelassen. Ich soll schließlich keinen Notstand erleiden.
Mit der Zigarette zwischen den Lippen wage ich es endlich das Handy anzuschalten. Aber ich lasse es sofort neben mir aufs Sofa fallen. Es springt mir fast vom Polster.
Endlich reißt die Flut von SMSen ab.
Mein Anrufspeicher ist voll, mein Anrufbeantworter glüht und die SMSen kann ich gar nicht alle auf meinem Display erfassen. Mir wird übel. Wie soll ich damit umgehen?
Ich nehme mir als erstes Ellens SMSen vor. Sie ist alles … wütend, traurig, verängstigt, erschüttert, entsetzt und was man sonst noch so sein kann. Aber sie hat auch den Hauptteil an Anrufen und SMSen und ich beschließe, ihr sofort zurückzuschreiben.
„Es geht mir wieder gut. Ich bin bei Marcel ausgezogen und beginne nun ein neues Leben. Morgen komme ich wieder in die Schule. Dann erzähle ich dir mehr. Bitte gib mir noch diesen Nachmittag für mich und beruhige bitte alle, die beruhigt werden müssen.“ Ich denke dabei an Erik.
Die nächsten Berge an SMSen und Anrufen stammt von Marcel und von Erik. Ich lese erst die von Marcel. Er ist verzweifelt und hätte nie gedacht, dass ich einfach ausziehe. Er fleht mich an, mit ihm zu reden. Es wäre nicht so, wie ich denke und ich könne doch nicht einfach alles hinwerfen. Die letzte SMS heute Mittag klingt dann nur noch wütend. Er weiß nicht, wo ich bin. Niemand weiß das. Wenn ich mich nicht bald melde, ruft er meine Eltern an oder die Polizei.
Ich schreibe auch ihm eine SMS.
„Hallo Marcel. Ich kann das alles nicht noch mal ertragen. Lass mir doch einfach etwas Zeit für mich. Mir passiert nichts. Ich melde mich Samstag bei dir. Versprochen.“
Mir ist klar, dass ich bis dahin schon weiß, was ich wirklich will und ich kann mir so ein kleines Fenster offenhalten, falls ich es gar nicht ohne ihn aushalte. Dieses kleine Fenster beruhigt mich ein wenig.
Als nächstes muss ich Eriks SMS-Flut in Angriff nehmen. Mich ihm zu widmen fällt mir am schwersten, weil ich bei ihm Angst habe, dass er mich erneut irgendwie manipuliert. Dabei hatte ich ihm doch gesagt, dass ich ihn diese Woche nicht mehr sehen will. Hätte ich Anrufe und SMSen hinzufügen müssen?
Seine SMSen verwirren mich, aber anders als erwartet. Er schreibt, er weiß, wie sich das anfühlt, wenn man gerade nicht weiß, wo einem der Kopf steht. Er fragt in einer SMS, ob er mich retten soll, wie ich ihn gerettet habe. In einer anderen bietet er mir wieder die Wohnung an. Er bittet mich, mich wenigstens einmal bei ihm zu melden. Er droht sogar einmal, zu Marcel zu fahren. Aber ansonsten lese ich kein böses Wort von ihm. Aber viele nette. Und das nach meinem Abgang am Montag.
Ich bin seltsam davon berührt, denke mir aber, meine Mitteilung an Ellen reicht für ihn. Als ich auch die letzten von ihm lesen will, klingelt mein Handy und ich erschrecke. Es ist mein Vater und ich nehme ab.
„Carolin? Ich rufe wegen morgen an.“
Oh Mann, der Besuch bei Julian.
„Weißt du, deine Mutter wollte es mit der Brechstange versuchen, wie immer. Aber es bringt nichts, wenn du mitfährst. Sie werden dich nicht zu ihm lassen. Er ist Täter und du das Opfer. Da gibt es klare Vorgaben. Ich weiß nicht mal, ob sie einen Brief von ihm an dich gestatten würden. Aber du kennst ja deine Mutter.“
Ich bin wie vor den Kopf gestoßen.
„Also fahrt ihr morgen alleine?“, frage ich verwirrt.
„Ja, außer du möchtest trotzdem mit.“
„Nicht, wenn ich sowieso nicht zu Julian gelassen werde.“
„Nein, das werden sie nicht zulassen. Unser Anwalt sagte das schon. Und den Termin zur Verhandlung haben sie auf den fünfzehnten Oktober verschoben. Heute ist eine Vorladung für dich gekommen. Deine Mutter weiß noch nichts davon. Sie wird heute Abend aus allen Wolken fallen.“
„Eine Vorladung?“, frage ich entsetzt.
„Ja, was das noch genau für dich heißt, werden wir mit dem Anwalt noch klären.“
Marcel hatte mich gewarnt und doch trifft es mich siedend heiß. Ich bitte meinen Vater darum, dass er sich noch einmal meldet, wenn er Genaueres erfährt und wir verabschieden uns.
Ich brauche zwar nicht zu Julian, aber die Vorladung beunruhigt mich. Aber es gibt zumindest einen Aufschub von vier Wochen. Ob Marcel und Tim auch eine Vorladung bekommen haben?
Auf einmal möchte ich wieder bei Marcel unterkriechen und mich bei ihm verstecken.
Doch dann schüttele ich den Kopf. Nein, ich werde ihm auf keinen Fall hinterherkriechen.
Ich hole mir ein Alster aus dem Kühlschrank und setze mich vor meinen Laptop. Im Internet forste ich nach neuer Musik und finde Blueneck mit dem Lied Lilitu und das Video dazu. Mich zurücksetzend, starre ich auf den Bildschirm und lasse die Musik über mich hinwegrieseln, in die Gedanken verstrickt, die dieses Video aufleben lässt.
Erik und seine Welt …
Als das Lied zu Ende ist, höre ich mir noch einige andere Lieder von Blueneck an und finde die Musik wieder, die Erik an dem Nachmittag laufen hatte, an dem er mich zu sich ließ, während allen anderen der Eingang verwehrt blieb.
Ich lasse die Musik weiterspielen und beginne das Bett neu zu beziehen, die Waschmaschine zu befüllen, Staub zu putzen, das Badezimmer zu schruppen und die Fußböden zu wischen. Ich muss einfach etwas tun - und mir mein eigenes Reich herzurichten beruhigt mich. Das hier ist meine Zufluchtsstätte für die nächste Zeit. Eine Zufluchtsstätte, die keiner kennt.
Es ist erst neun, als ich ins Bett krieche. Ich kann aber nicht einschlafen und fühle mich einsam. Abermals kommen mir Bedenken, ob ich das Richtige getan habe und nehme mir mein Handy vor. Ich will noch einmal die SMSen lesen.
Wie unter Zwang öffne ich nicht die von Marcel, sondern die von Erik.
„Carolin, dich nicht erreichen zu können macht uns ganz fertig. Aber ich weiß wie es sich anfühlt, wenn man den Boden unter den Füßen verliert, wenn man nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht oder wie es weitergehen kann und man sich nur noch verkriechen will. Ich kenne das Gefühl. Wenn du uns brauchst, dann melde dich bei uns. Erik.“
Mir steigen Tränen in die Augen und ich öffne die nächste, in der er mich bittet, mich retten zu dürfen.
Ich putze mir die Tränen von der Wange und öffne die letzte, die ich am Nachmittag noch gelesen hatte, bevor mein Vater mich anrief.
„Ich habe eine Wohnung für dich, in die du einziehen kannst. Sie kostet dich nichts und ich werde dich auch in Ruhe lassen. Bitte sag mir nur wo du bist und ich sage Daniel, er soll dich holen. Bitte!“
Erik klingt verzweifelt und würde mich sogar in Ruhe lassen, nur damit ich wieder in ihre Obhut komme.
Jetzt tut mir leid, dass ich ihm am Nachmittag nicht geschrieben habe. Aber da hatte ich diese SMSen von ihm weniger emotional gesehen.
Ich öffne die SMSen, die ich noch nicht gelesen habe.
„Was machst du bloß? Wo bist du hin? Wir sind alle wirklich besorgt. Aber ich verstehe, wenn du dich ausklingst, um deinen Weg zu finden. Ich musste das auch schon oft, aber es gelang mir nicht immer. Wenn du einen Wegbereiter brauchst, bin ich da.“
Ich schüttele nur den Kopf. Das ist doch nicht der Erik, wie ihn alle kennen …, der Erik, der jemanden krankenhausreif schlug und als Drogendealer mit den wildesten Typen der Stadt zu tun hat.
Ich verdränge das Gefühl, das mir durch die Adern schleicht und die Sehnsucht nach ihm. Es wird keinen Erik mehr in meinem Leben geben, keinen Marcel und keinen Tim. Ich muss allein klarkommen.
Die letzte SMS muss er heute Morgen geschrieben haben.
„Ich habe keine gute Nacht gehabt. Wenn man eine Freundschaft eingeht, sollte man bedenken, dass man jemanden in sein Leben lässt, der Freud und Leid mit einem teilen will und sich sorgt. Du hast mich in dein Leben gelassen. Vergiss das nicht.“
Ich mache das Handy aus und ziehe mir den Bezug der Decke bis zu den Augen, um meine Tränen abwischen zu können, die sich schon wieder über meine Wangen stehlen. Eriks SMSen machen mich fertig.
Ich rolle mich zusammen und weine mich in den Schlaf.
Irgendwann wache ich auf, quäle ich mich aus dem Bett und mache mich für den Tag fertig.
Ich muss ein gutes Stück laufen, um an die Bushaltestelle zu kommen und finde auf meinem Handy eine SMS von Tim, in der er mir letzte Nacht noch mitgeteilt hatte, dass er gut angekommen war und mich über alles lieben würde. Ich will sie gerade beantworten, als es klingelt und er am Apparat ist. „Hey, meine Sonne. Geht es dir gut? Hast du gut geschlafen?“ Er klingt besorgt.
Ich seufze auf und erkläre ihm, dass ich am vergangenen Abend sofort eingeschlafen war und deshalb seine SMS nicht gesehen habe.
Der Bus kommt und ich steige ein.
„Tim, ich bin im Bus. Es ist wirklich alles in Ordnung und mir geht es, dank dir, gut. Mach dir keine Sorgen. Ich komme jetzt gut klar“, versichere ich ihm.
Tim scheint beruhigt zu sein und erzählt mir von seinem tollen Hotel mit Blick auf das Theater, wo sie ihre Aufführung haben werden. Er muss schnell frühstücken gehen und zu den Proben aufbrechen und hat daher nicht viel Zeit.
Ich wünsche ihm einen schönen Tag und einen gelungenen Auftritt. Ich will wirklich, dass es ihm gut geht … weit weg von mir.
Als ich an der Bushaltestelle in Osnabrück aus dem Bus steige, fällt Ellen mir um den Hals. „Carolin, du Verrückte! Wie kannst du einfach ein paar Tage verschwinden?“, ruft sie aufgebracht.
„Es musste sein“, raune ich nur und bin gerührt, dass sie sich so freut, mich wiederzusehen.
Der Bus fährt weg und Ellen schaut zur anderen Straßenseite und winkt kurz.
Ich drehe mich um und sehe den Mustang langsam wegfahren. Erik?
Auf meinen fragenden Blick antwortet sie nur: „Der wollte nur schauen, ob du auch wirklich auftauchst. Der hat sich halt auch Sorgen gemacht. Und Daniel auch. Die beiden waren ganz komisch, als ich ihnen sagte, dass du bei Marcel ausgezogen bist. Aber nun erzähl. Was war denn los?“
Wir schlagen den Weg zur Schule ein.
„Ach“, seufze ich. „Ich kam einfach nicht mehr klar.“
„Mit was?“ Ellen schaut mich groß an.
„Mit allem. So eine Tussi schreibt Marcel und der springt sofort darauf an und trifft sich mit ihr … während ich mit deinem Bruder … Ach Ellen, das taugt halt alles nicht mehr. Und dann auch noch Tim dazwischen. Das war mir halt alles zu viel. Langsam glaube ich, ich habe mit Erik mehr gemein, als du dir vorstellen kannst.“
Ellen raunt betroffen: „Wie? Was meinst du damit?“
„Beziehungsunfähig. Dabei liebe ich Marcel eigentlich! Zumindest war ich mir da immer sicher … mehr oder weniger. Aber dann hätte das mit deinem Bruder nicht passieren dürfen. Und mit Tim.“
„Wie … mit Tim? War der denn jetzt da?“
Ich nicke. „Er hat mir geholfen, meine Sachen aus Marcels Wohnung zu holen. Erneut entpuppte er sich als mein Retter in der Not. Aber das ist auch nicht gut. Nicht für mich und schon gar nicht für ihn.“
Wir kommen an der Schule an und Ellen zieht mich an die Seite, bevor wir den Schulhof betreten, um sich mit mir noch etwas ungestört unterhalten zu können.
„Ihr seid doch nicht … du bist doch jetzt nicht mit ihm zusammen, oder?“
„Nein, er weiß, wie ich über alles denke und was mein fester Entschluss ist.“
„Dein fester Entschluss?“ Ellen wirkt langsam ungehalten.
„Ich werde es in Zukunft wie Erik halten. Keine Beziehung! Keine Liebe! Am besten gar keine Männer mehr. Höchstens mal für eine Nacht und Tschüss.“
Ellen greift in ihre Tasche und zieht eine Zigarettenpackung hervor. Sie gibt mir eine und nimmt sich auch eine. „Poor, Carolin!“, sagt sie dabei. „Langsam machst du mich fertig! Woher willst du wissen, dass es bei Erik immer noch so ist?“
Ich sehe sie verwirrt an. „Ellen, es geht nicht um Erik! Wenn er sich jetzt entschließt, doch mit irgendeiner Tussi eine Beziehung eingehen zu wollen, dann soll er das in Gottes Namen tun. Ich rede hier von mir! Die letzten zwei Tage habe ich nur damit verbracht, mir mein neues Leben aufzubauen. Ich brauche niemanden.“
Ellen brummt: „So, du brauchst niemanden! Und bei deinen Eltern unterzukriechen bringt´s, oder was? Erik sagte mir, er hätte dir die Wohnung bei Daniel angeboten.“
Also kennt Ellen die Wohnung.
„Ich brauche die nicht. Für die nächsten Monate habe ich ein Dach über dem Kopf und das ist nicht das meiner Eltern.“
Ellen lässt fast die Zigarette fallen. „Wie? Du wohnst nicht bei deinen Eltern? Wo denn?“
„Ich habe mir meinen eigenen Panikraum geschaffen und niemand weiß, wo der ist. Ich werde es auch niemandem sagen“, verkünde ich, um das sofort unmissverständlich klarzustellen.
Ellen schüttelt den Kopf, dass ihre Locken wirbeln. Sie tritt ihre Zigarette aus. „Mein Gott, Erik hat echt abgefärbt. Und wo ist die Wohnung?“
Ich sehe Ellen fassungslos an. „Hörst du mir gar nicht zu? Ich werde niemandem sagen, wo die ist.“
Ellen grinst. „Niemandem - außer mir.“
Ich schüttele nur den Kopf und ihr Gesichtsausdruck schwenkt von überheblich zu schrecklich beleidigt um, als es klingelt.
„Komm, ich muss noch mit unserer Klassenlehrerin sprechen“, raune ich und gehe einfach los. Ellen wird mir schon folgen.
Aber sie würdigt mich keines Blickes, als unsere Wege sich trennen.
Ich finde meine Klassenlehrerin im Lehrerzimmer und bitte sie um ein Gespräch. Ich erkläre ihr, dass ich mich von meinem Freund getrennt habe und mich deshalb nicht in der Lage sah, die letzten drei Tage die Schule zu besuchen. Natürlich spiele ich die völlig am Boden Zerstörte und denke mir, wenn die wüsste. Aber das bringt zumindest, dass sie mein Fehlen entschuldigt und ich sogar das Gefühl habe, dass sie es gut findet, dass ich mit ihr so ehrlich darüber gesprochen habe.
Sie kommt direkt mit mir in die Klasse und alle sehen uns verwirrt an. Keiner weiß, was los ist und Ellen scheint nur Schmollen zu wollen.
Mich auf meinen Platz werfend, danke ich Tim für die Idee, mich meiner Lehrerin anzuvertrauen. Er hatte mir das vorgeschlagen und sein Vorschlag hat auch wirklich gut funktioniert. Ich bin froh darüber, weil ich so einem Verweis entgehe.
Als es zur ersten Pause klingelt, bleibe ich erst sitzen, unsicher, ob Ellen nun wieder mit mir sprechen will. Doch sie bleibt hart und unerbittlich.
So stehe ich irgendwann auf und gehe auf die Toilette. Ich bin verunsichert. Dass Ellen so wütend ist, weil ich ihr nicht sagen will, wo sich mein neues Domizil befindet, damit habe ich nicht gerechnet. Aber ich kann auch herumzicken. Da ich sowieso schon mit allem gebrochen habe, was mir bisher etwas bedeutete, so kann ich es auch mit ihr tun.
Als ich wieder ins Klassenzimmer komme, ist sie allerdings weichgekocht. Während ich mich neben sie auf meinen Stuhl setze, raunt sie: „Nah gut, wenn du es im Moment nicht sagen willst, dann akzeptiere ich das. Aber irgendwann …“
Ich sehe sie nur grinsend an und bin erleichtert: „Danke! Du weißt, was du weißt, wissen auch gleich alle anderen.“
Ellen setzt sich auf und brummt: „Wie - alle anderen? Ich würde doch nie …“
Ich lächele sie beruhigen an und mache eine wegwerfende Handbewegung. „Ist doch egal.“
„Nein, ist es nicht“, brummt sie und ist wieder gekränkt.
Ich erkläre ihr meine Unterstellung damit: „Du hast Marcel auch geschrieben, dass ich nicht in der Schule war.“
„Ich habe mir Sorgen gemacht“, verteidigt sie sich.
„Und die Nummer? Woher hattest du die? Von mir nicht.“
Ellen sieht mich nachdenklich an und brummt: „Die hat Erik mir gegeben. Er hat sich halt auch Sorgen gemacht.“
Ich starre sie an.
„Woher hat Erik die Nummer von Marcel?“, frage ich verdattert.
„Frag ihn selbst! Das weiß ich doch nicht.“
Da unsere Lehrerin den Raum betritt, ist das Gespräch beendet.
Ich beschließe nach zwei Stunden, in denen ich mich kaum auf den Unterricht konzentrieren konnte, Erik nicht zu fragen. Wie auch immer er an die Nummer gekommen ist, es ist egal. Seine Stalkerneigungen sind mir schließlich hinreichend bekannt. Und da ich nicht mehr mit Marcel zusammen bin, und Erik auch nicht wiedersehen werde, hake ich das Thema ab. Mein Entschluss, mich wenigstens die nächsten zwei Monate allein durchzuschlagen und meine Freiheit zu genießen, ist in meinem Kopf verankert.
Aber mein Herz spielt nicht mit. Von ihm geht der Wunsch nach Sicherheit und Geborgenheit aus, und es schreit nach Marcel.
Wenn es das gerade nicht tut, dann will es tiefe Gefühle und Leidenschaft, und schreit nach Erik.
Ich spreche meinem Herzen alles Mitspracherecht ab.
In der nächsten Pause gehen Ellen und ich wieder gemeinsam nach draußen und sie fragt vorsichtig: „Und was machst du am Wochenende? Es ist das letzte Wochenende, wo meine Eltern nicht zu Hause sind. Komm doch einfach heute mit zu uns und bleib, solange du willst. Wir können das ganze Wochenende Party machen und du das mit Marcel vergessen.“
Ich schüttele den Kopf. „Danke, das ist lieb. Aber zu meinen guten Vorsätzen für die nächste Zeit zählt auch, deinem Bruder aus dem Weg zu gehen.“
„Warum?“ Ellen ist erschüttert.
„Keine Männer mehr!“, erinnere ich sie an meinen Vorsatz.
„Und deshalb kommst du nicht mit zu mir?“
„Genau! Ich werde euer Haus nicht mehr betreten und ihn sein Leben leben lassen.“
Ellen lacht auf. „Und du glaubst, dass Erik damit einverstanden ist?“ Sie schüttelt den Kopf, als könne sie meine Naivität nicht verstehen.
„Das wird er wohl müssen“, brumme ich nur.
Nach Schulende sieht es allerdings anders aus. Als wir aus dem Schulgebäude treten, steht der Mustang an der Straße und ich frage mich, woher Erik weiß, wann wir Schulschluss haben. Es fällt die letzte Stunde aus, weil eine Lehrerin krank ist und dennoch steht er passend da und wartet.
Ich werfe Ellen einen bösen Blick zu, die den geflissentlich ignoriert.
Da ich weiß, was Erik tun wird, wenn ich die Flucht ergreife, setze ich auf Angriff. Das half bisher bei ihm immer am besten. Ich gehe zu ihm und sehe, wie er aus dem Wagen steigt.
„Hallo Erik!“, murre ich, als ich bei ihm ankomme und tue so, als wäre ich jetzt schon genervt. Aber ein Blick in sein Gesicht und ich drohe schon einzubrechen.
„Hey, alles wieder in Ordnung?“, fragt er mit viel zu weicher Stimme und bringt mich damit noch mehr aus der Fassung. Ich hasse es, dass er das immer wieder schafft.
„Ja, ist es. Und nur damit du Bescheid weißt … ich habe mich von Marcel getrennt und habe beschlossen, mich auch von allem anderen aus meiner Vergangenheit zu trennen. Dich eingeschlossen.“ Den letzten Satz schleudere ich ihm regelrecht entgegen.
Erik müsste zufrieden sein, dass ich jetzt nicht voller Erwartung vor ihm stehe und von ihm fordere, was er sowieso nie geben wollte.
Der lacht aber nur auf. „Gut, wenn du meinst. Aber zu so einer Entscheidung gehören bekanntlich zwei.“ Damit macht er einen Schritt auf mich zu und baut sich vor mir auf.
Ich kann seinen Zedernholzduft riechen und alles von mir drängt in seine Richtung. Ich brauche nur die Hände ausstrecken …
Ich reiße mich zusammen und sehe nur kurz auf.
Sein Blick durchdringt mich. Das ist nicht die Reaktion, die ich von ihm erwartet habe. Sollte ich ihm nicht völlig egal sein? Bisher waren ihm das alle anderen auch … wenn er sie erst mal in seinem Bett hatte.
Ich muss das hier beenden.
„In dem Fall reicht meine Entscheidung“, brumme ich nur, drehe mich schnell von ihm weg und gehe. Mein Weg führt mich direkt zur Bushaltestelle, an der die Busse in die Stadt fahren.
Ellen ist auf einmal neben mir. „Hey, was ist los? Wo willst du hin?“
„Ich fahre in die Stadt“, sage ich.
„Und warum kann Erik uns nicht mitnehmen? Ich bin gleich mit Daniel verabredet, und er wollte mich da absetzen.“
„Er kann dich doch mitnehmen. Ich fahre mit dem Bus.“
Ellen bleibt stehen.
Ich ignoriere das und gehe weiter zur Bushaltestelle. Zu meinem Glück kommt sofort ein Bus und ich springe hinein, mich aufatmend in einen Sitz werfend. Dass ich es tatsächlich bis in den Bus geschafft habe, ohne dass Erik mich einfach packte und in sein Auto zerrte, kann ich fast nicht glauben. Ich hatte damit gerechnet, dass Ellen ihn auf mich hetzt, wie einen Kampfhund. Schließlich hassen die beiden es, wenn es nicht nach ihrer Nase geht und ich hatte mich doch schon drei Tage aus ihrem Zugriffsbereich gestohlen. Aber ich sitze im Bus und kann es nicht fassen. Und in meinem tiefsten Inneren wütet etwas, das enttäuscht schmerzt. Das wars dann wohl mit Erik.
„Carolin!“, höre ich Sabine rufen und sehe sie bei den anderen aus meiner Klasse sitzen. Sie waren wohl hinten in den Bus eingestiegen, während ich vorne reingesprungen war.
Ich stehe auf und gehe in den hinteren Teil des Busses, wo mich Sabine, Michaela, Susanne und Andrea empfangen. Sie werden mich hoffentlich von diesen Gefühlen ablenken, die mich niederzudrücken versuchen.
Ich werfe mich zu Sabine in den Sitz.
„Geht es dir wieder besser? Ellen sagte, du hättest die Grippe.“
Ach echt?
„Naja, ich war halt etwas angeschlagen“, antworte ich wage.
„Und, mit deiner kleinen Familie alles in Ordnung? Hat Marcel wenigstes einen brauchbaren Krankenpfleger abgegeben?“, fragt Andrea, deren braune Rehaugen mich aus ihrem runden Gesicht anstrahlen. Sie wartet erneut auf eine romantische Geschichte mit Blümchen und Herzchen und so.
Kurz überlege ich, was ich sagen soll. Ich entschließe mich für einen Teil der Wahrheit. „Nicht wirklich. Er trifft sich lieber mit irgendwelchen Tussis und ich habe vorgestern meine Sachen gepackt und mir eine eigene Bleibe gesucht.“
Allen fällt die Kinnlade runter. Andrea sieht ihren romantischen Liebeshimmel schon wieder völlig zerstört. „Aber ihr seid doch das Traumpaar!“
„Blödsinn! Siehste doch. Wir waren alles andere als ein Traumpaar“, knurre ich aufgebracht. Doch meine aufgewühlten Gefühle gelten nicht Marcel und seiner Neuen, sondern Erik, der mich mit seinem Auftauchen wieder ins Chaos gestürzt hatte. Warum kann er mich nicht in Ruhe lassen … und vor allem weit weg von mir bleiben?
„Und nun?“, fragt Michaela und ich höre eine unausgesprochene Frage in ihrer Stimme. Sie fragt sich bestimmt, was es mit Eriks Auftritt am Montag auf sich hatte, als er mich aus der Schule trug.
„Ich habe beschlossen, wenigstens zwei Monate solo zu bleiben.“
Susanne raunt nur ungläubig: „Das möchte ich sehen. Hattest du nicht so etwas auch behauptet, als die Schule anfing?“
Die anderen Stimmen ihr zu.
„Das war etwas anderes. Diesmal weiß ich, dass ich das durchziehen muss. Fragt mich aber bitte nicht, warum. Ich möchte über den ganzen Scheiß nicht reden. Ich bin fürs erste fertig mit Männern.“
Michaela kann es sich einfach nicht verkneifen. „Was war Montag mit Ellens Bruder? Warum bist du abgehauen und wieso hat er dich ins Auto getragen?“
Ich muss schnell schalten, weil keiner etwas davon wissen soll, was zwischen mir und Erik bisher alles gelaufen war. „Ach, die wollten auf eine Rennstrecke und ich hatte vorher eine große Klappe gehabt und wollte dann doch nicht mehr mit. Aber es war halt so abgemacht, dass Ellen bei Daniel mitfährt und ich bei Erik. Das war alles.“ Ich versuche das Ganze völlig harmlos klingen zu lassen.
Sabine grinst: „Oh Mann! Mit der Karre auf einer Rennstrecke? Da wäre ich auch geflüchtet.“
„Ich nicht!“, seufzt Michaela sehnsuchtsvoll und ich weiß, sie würde alles dafür geben, mit Erik noch einmal Zeit verbringen zu dürfen. Aber nachdem sie sein Schlafzimmer verlassen hatte, wollte er von ihr nichts mehr wissen. Wie bei allen anderen zuvor.
Wir kommen am Neumarkt an und steigen aus.
„Was machst du heute Abend?“, fragt Susanne.
Ich hebe nur unwissend die Schultern. „Keine Ahnung. Mal sehen. Vielleicht gehe ich mal wieder in den Hyde Park.“
„Oh ne, in den Schuppen kriegen mich keine zehn Pferde“, raunt Sabine, und Michaela und Andrea sagen lieber nichts. Ich hatte damit gerechnet und es auch ein wenig geplant. Ich muss mich erst erholen, bevor ich wieder losziehe.
„Ich schau mal. Vielleicht bleibe ich auch zu Hause.“
„Wenn du bei Marcel ausgezogen bist, wo wohnst du denn dann jetzt?“, fragt Michaela.
Was soll ich ihnen antworten? Ich will keine langen Erklärungen abgeben.
„In Tims Wohnung. Er hat sie mir überblassen.“ Da keiner weiß, wo die ist, besteht auch nicht die Gefahr, dass sie mein Domizil verraten.
Michaela und Sabine sehen sich grinsend an. „Ach, in Tims Wohnung! Sieh an.“ Sabine lacht. „So viel zu - keine Männer mehr.“
„Ich wohne nur in seiner Wohnung. Mehr nicht.“
Andrea raunt: „Tim? Nicht dein Ex, oder?“
„Oh doch!“, säuselt Sabine. „Der ist noch schwer hinter ihr her. Ihr hättet an Ellens Geburtstag dabei sein sollen. Was für eine Show! Und dann die Story von dem Fluch!“
„So Mädels, ich muss weiter“, sage ich schnell. Ich will nicht, dass die Geschichte jetzt auf den Plan kommt.
„Wohin willst du denn?“, fragt Susanne.
„Ich gehe mir jetzt einen Job suchen“, antworte ich nur und eile in die Unterführung, die mich zur Fußgängerzone bringt. Die anderen sehen mir perplex hinterher.
Froh, ihnen entronnen zu sein, gehe ich durch die Fußgängerzone und überlege, was ich jetzt machen soll.
Als erstes kaufe ich mir eine Kugel Pfefferminzeis. Das ist für meine angeschlagene Psyche. Dann schlendere ich weiter, schaue mir ganz in Ruhe die Schaufenster an und genieße, dass ich tun und lassen kann, was ich will. Es gibt weder eine Ellen, die mich von A nach B zerrt, noch einen Marcel, der erwartet, dass ich pünktlich zu Hause bin.
Wow! Ungewohnt! Aber durchaus angenehm. Noch nie konnte ich mir so ausgiebig und in Ruhe die Auslagen der unzähligen Geschäfte anschauen.
Ich beschließe, die ganze Fußgängerzone hinaufzuschlendern, bis ich an das kleine Cafe komme, dass einen Zettel im Fenster hängen hat, dass dort Aushilfen gesucht werden.
Erst habe ich Schwierigkeiten, es wiederzufinden. Es ist in einer kleinen Nebenstraße in der Altstadt und ich hatte es nur durch Zufall gesehen, als wir an Ellens Geburtstag zu einer der Kneipe gegangen waren.
Ich bin ziemlich nervös, als ich das Cafe betrete. Aber ich möchte es wenigstens versuchen.
Eine Frau mittleren Alters, mit langen schwarzen Haaren, braunen Augen und braun gebrannter Haut, sieht mir freundlich entgegen und bringt zwei Männern, die an einem der vielen Tische sitzen, Kaffee.
Ich stelle mich an den Tresen und warte bis sie zurückkommt.
„Guten Tag!“, grüßt sie und ich antworte ihr: „Hallo, mein Name ist Carolin Maddisheim und ich wollte fragen, ob sie noch eine Aushilfe suchen.“
Die Frau wirkt überrascht und sieht mich von oben bis unten an. Dann lächelt sie und antwortet: „Ja, schon. Hast du denn so etwas schon mal gemacht?“
Ich schüttele verlegen den Kopf.
„Was für Arbeitszeiten stellst du dir denn vor?“
„Ich kann jeden Tag ab fünfzehn Uhr“, antworte ich schnell und Hoffnung steigt in mir auf.
„Oh, jeden Tag. Das hört sich gut an. Die meisten können nur bestimmte Tage oder zu Zeiten, wo ich niemanden gebrauche.“
„Ich arbeite, wenn ich gebraucht werde. Aber bis halb drei habe ich immer Schule.“
„Schule? Auf welche Schule gehst du denn?“
„In die Hauswirtschaftsschule in Haste.“
Die Frau lacht. „Das ist gut. Da war meine Tochter auch.“
Da noch keine weiteren Gäste da sind, unterhalten wir uns über die Lehrer und wie das jetzt in der Schule läuft. Ich fühle mich sofort wohl und scheinbar mag mich die Frau, die sich als Alessia vorstellte. Ihr gehört das Cafe, dass sie eigentlich allein betreibt. Aber da sie auch Oma ist und für ihre Enkel etwas mehr Zeit haben will, sucht sie jemanden, die ihr hilft.
Als erneut Gäste kommen, schiebt sie mich hinter den Tresen und zeigt mir alles. Sie geht zu den zwei Pärchen und fragt, was sie wünschen und gibt ihnen die Karte.
Ich schaue mir in der Zwischenzeit die Kühltheke mit den verschiedenen Kuchen an. Natürlich erkenne ich viele, weil wir einige davon in der Schule schon selbst gebacken haben. Und auch die Kaffeesorten kann ich benennen und weiß, wie sie hergestellt werden. Hier macht das allerdings eine Maschine, die auf Knopfdruck alles liefert.
Alessia kommt zur Theke zurück und zeigt mir, wie sie die Kuchen auf die Teller stellt, Kuchengabeln gekonnt in die Kuchenstücke steckt, dass sie halb auf dem Teller liegen, aber trotzdem nicht durch die Gegend purzeln. Dann stellt sie die Unterteller und Kaffeetassen auf kleine Tabletts, legt Zucker und Milch dazu und stellt an jede Tasse ein Glas kaltes Leitungswasser. Dann zeigt sie mir die Bedienung der Kaffeemaschine.
Die Gäste möchten zwei Cafe latte Macchiato und zwei Cappuccino. Ich sehe Alessia zu, wie sie alles zubereitet und zu dem Tisch bringt. Dann geht sie zu den anderen Gästen, die bezahlen wollen. Als sie wieder an den Tresen kommt und ich dem Pärchen zusehe, wie es sich von den Stühlen erhebt und er ihr in die Jacke hilft und sogar die Tür aufhält und uns ein freundliches: „Bis bald!“, zuruft, lächele ich Alessia an. „Die sind aber nett.“
Sie schmunzelt und um ihre braunen Augen ziehen sich unzählige kleine Fältchen. „Die kommen jeden Nachmittag.“
Ich gehe zu dem kleinen Tisch und hole die zwei Kaffeetassen an die Theke. Alessia putzt den Tisch ab.
„Meinst du, du hättest Lust hier zu arbeiten?“, fragt sie mich nach meinem ersten Eindruck und ich nicke.
„Magst du heute schon hierbleiben und weiter zuschauen?“
„Ja, gerne“, sage ich begeistert.
So vergeht der Nachmittag wie im Flug. Ich darf schon einige Café Macchiato caldo, Café Latte Macchiato und Cappuccino mit Milchschaumverzierungen machen, und alle Kuchensorten kann ich bald aus dem FF.
Alessia freut sich über meine Wissbegierde und hält mich für ein Coffeemaker-Talent. Außerdem gefällt ihr, wie ich mit den Gästen umgehe, die mir alle sehr freundlich begegnen. Sie sagt, dass nicht jeder die Ausstrahlung hat und den Leuten ein Lächeln auf die Gesichter zaubert. Dann erzählt sie mir von ihrer Heimat Italien und den sonnigen Gemütern dort.
Als wir um halb acht alles sauber haben und sie hinter uns die Tür abschließt, freue ich mich schon auf den nächsten Nachmittag, an dem ich kommen darf.
„Wie ist es mit Montag?“, fragt sie.
„Ich komme gerne“, freue ich mich über meinen Job und bin richtig glücklich.
„Dann bis Montag.“
Sie geht und ich bleibe unschlüssig stehen und weiß erst nicht, was ich als Nächstes machen möchte. Am liebsten würde ich jemanden anrufen und von meinem neuen Job erzählen. Aber wen? Meine Eltern wage ich nicht anzurufen, weil sie bei Julian waren und bei ihnen die Stimmung bestimmt wieder voll am Boden ist. Marcel fällt auch aus. Tim ist bestimmt mitten in seinen Auftrittsvorbereitungen und Ellen soll noch gar nichts davon wissen. Also gibt es niemanden.
Ich schlendere erneut durch die Fußgängerzone und überlege, ob ich mir ein Hähnchen vom Kochlöffel gönnen soll. Alessia hatte mir zwanzig Euro in die Hand gedrückt, obwohl ich nichts haben wollte. Ab Montag bekomme ich acht Euro die Stunde. Ich freue mich riesig darüber und nehme mir schon mal vor, mich bis dahin noch über alle Kaffeesorten und Kuchen ausführlich schlau zu machen. Ich möchte unseren Gästen etwas bieten.
Ich nehme mir die andere Seite der Geschäfte vor und bestaune die Auslage … und träume auch schon davon, mir mal was kaufen zu können.
Beim Kochlöffel suche ich mir im oberen Stockwerk einen Platz und esse ein halbes Hähnchen. Ich esse es sogar ganz auf. Tim wäre stolz auf mich.
Als ich den Imbiss wieder verlasse, ist es kurz nach acht und ich beschließe nach Hause zu fahren. Auf halbem Weg zum Bahnhof klingelt mein Handy. Es ist Ellen und ich nehme ab. „Hallo Ellen.“
„Hey, wo steckst du? Hast du Lust mit uns heute noch irgendwohin zu gehen? Du darfst auch aussuchen.“ Sie klingt gut gelaunt und in Partystimmung.
Ich würde schon gerne. Aber ich weiß, dass Erik auch da sein wird … oder zumindest durch Ellen erfahren wird, wo er uns findet.
Ich möchte ihn nicht sehen. Schon der Gedanke an ihn lässt mein Herz wehleidig aufseufzen. Sein Lachen und sein Blick hatten mich heute schon genügend verunsichert und ich weiß, sie können mich in meinen Grundfesten erschüttern.
„Ne, lass mal. Ich fahre jetzt nach Hause.“
Einen Augenblick ist es still in der Leitung. Die Ruhe vor dem Sturm.
„Du bist noch in der Stadt? Dann fährst du auf keinen Fall nach Hause. Komm, ich gehe heute auch mit dir ganz allein los. Keiner kommt mit. Nur du und ich. Bitte!“
Wer es glaubt.
„Ellen, dass klappt eh nicht. Das weißt du. Daniel und Erik sind immer überall aufgetaucht, wo wir waren.“
Sie brummt: „Nah und! So schlimm ist das doch nicht. Ich kann denen doch nicht verbieten, auf Partys zu gehen.“
„Das brauchst du auch nicht. Ich fahre jetzt nach Hause und wünsche euch viel Spaß.“
Abermals ist es einige Zeit still in der Leitung, weil Ellen sich bestimmt weitere Argumente einfallen lässt. Doch sie brummt nur: „Wenn du meinst. Aber dann morgen! Morgen bestehe ich drauf, dass du mir wieder etwas von deiner Zeit schenkst.“
„Ich schau mal. Wir telen dann noch. Ich muss mich morgen noch mit Marcel treffen. Ich habe es ihm versprochen. Mal sehen, wie ich dann drauf bin.“
„Aha! Wozu müsst ihr euch treffen?“
„Er will mit mir noch mal über alles reden.“
„Und dich erneut um den Finger wickeln?“, giftet sie.
„Ich glaube nicht, dass ich mich noch von irgendjemandem um den Finger wickeln lasse“, antworte ich nur.
„Okay“, sagt sie und lässt das Thema lieber fallen. „Du lässt dich also nicht erweichen und kommst mit mir mit?“
„Nein“, sage ich nur kurz angebunden, weil etwas in mir mit meiner Antwort nicht zufrieden ist.
„Dann ruf mich bitte morgen an. Oder ich rufe dich besser an. Du machst das eh wieder nicht. Mittlerweile kenne ich dich, wenn du so drauf bist. Also bis morgen. Und solltest du doch noch Lust haben mitzukommen, dann ruf einfach an. Wir holen dich dann ab, egal woher.“
„Danke. Rechnet da aber nicht mit“, sage ich und muss schmunzeln. Ellen kann so schlecht lockerlassen, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat. Wie ihr Bruder.
„Schönen Abend noch“, raune ich und werde doch etwas wehmütig. Etwas drängt mich zuzusagen und ich weiß genau, was es ist. Deshalb gebe ich nicht nach.
„Dir auch, Carolin“, sagt sie und ihre Stimme klingt gar nicht mehr unternehmungslustig und in Partystimmung. Sie denkt sich bestimmt, dass ich jetzt traurig nach Hause schleiche und wegen Marcel und allem Drumherum unglücklich bin. Sie hat natürlich nicht ganz unrecht. Marcel fehlt mir. Und Erik auch.
Ich lege auf, den Bahnhof schon vor mir sehend. Hoffentlich erreiche ich noch den Bus um halb neun.
Ich laufe los und schaffe es gerade noch zum Busbahnhof, als mein Bus vor der Haltestelle hält. Es ist der letzte Bus, der abends noch fährt und mit dem ich bis nach Alfhausen komme. Ich kann dorthin nicht mit dem Zug fahren, wie nach Bramsche. In Alfhausen hält kein Zug.
Ich springe hinein und zeige meine Busfahrkarte.
Der Busfahrer registriert das, schenkt mir aber nicht mal ein Lächeln.
Ich setze mich in den zweiten Sitz und lehne mich zurück. Von Alfhausen komme ich abends auch nicht mehr weg. Ohne Auto ist man da genauso aufgeschmissen, wie bei meinen Eltern zu Hause.
Endlich fährt der Bus los und ich bin froh, dass ich es mir jetzt nicht noch einmal überlegen kann. Das Gefühl, doch lieber in der Stadt bleiben zu wollen, schleicht immer noch durch meine Adern, aber ich versuche das zu ignorieren. Heute nicht mehr … und fertig.
In Alfhausen muss ich noch einige Zeit laufen, bis ich zu dem Haus komme, in dem nun mein neues Wohndomizil liegt. Heute scheinen die anderen Nachbarn auch zu Hause zu sein. Sie haben einen separaten Eingang auf der anderen Hausseite.
Ich schließe die Haustür auf und gehe die Treppe hoch. Als ich die Wohnungstür aufschließe, empfängt mich nichts als leise Einsamkeit.
Ich gehe sofort zu meinem Laptop und fahre ihn noch, um wenigstens das Leise schnell abzustellen.
Als Musik die Wohnung erfüllt und in jedem Zimmer Licht brennt, geht es besser. Mein nächster Weg führt unter die Dusche und danach setze ich mich in mein Handtuch gewickelt wieder vor den Laptop. Im Internet finde ich alles über Kaffee, Kaffeesorten, und auch über die Kuchen und Torten, die in dem Cafe angeboten werden. Zu allem gibt es auch eine Entstehungsgeschichte. Einiges schreibe ich mir heraus und merke gar nicht, wie die Zeit vergeht. Damit ich die Nachbarn nicht störe, höre ich meine Musik über kleine Kopfhörer, die Tim mir aus seinem Auto gegeben hatte … mit dem dazugehörigen MP3 Player, den er für mich gekauft hatte und auf dem noch immer das Lied „Three Words“ ist. Ich war überrascht, was für einen Klang ich mit den kleinen Hörern habe und forsche nun weiter nach allem, was ich in dem kleinen Cafe an Wissen gebrauchen kann.
Es ist nach zwölf, als ich müde die Ohrhörer abnehme und mir aus dem Kühlschrank einen Saft hole. Ich verdünne ihn mit Wasser und will mich gerade wieder an meinen Laptop setzen, als mein Handy von irgendwoher erstickt brummt.
Ich gehe in den kleinen Flur und finde meine Tasche achtlos neben die Tür geworfen. Da meine Jacke auch noch obenauf liegt, klingt das Handy eher als läge es im Sterben.
Ich hebe meine Jacke auf und werfe sie auf einen der Küchenstühle. Meine Schultasche stelle ich auf einen der anderen Stühle und wühle zwischen den Schulbüchern nach dem Handy, das ich nach Ellens Anruf nur achtlos in die Tasche geworfen hatte, um schnell den Bus zu erreichen.
Es hat aufgehört zu klingeln, als ich es herausziehe. Mit Erstaunen sehe ich, dass das nicht der einzige Anruf war und dass auch mehrere SMSen im Laufe des Abends eingegangen sind. Zwei sind von Marcel. Die öffne ich, nachdem ich mich wieder auf den Stuhl warf und die Kopfhörer in die Ohren schob.
„Du fehlst mir. Die Wohnung ist so schrecklich einsam ohne dich und Diego ist unendlich traurig … wie ich“, lese ich die erste.
Oh Mann, mein armer Marcel. Mir schießen Tränen in die Augen.
Die zweite ist noch gar nicht lange her.
„Noch eine Nacht ohne dich. Nicht auszuhalten. Du hast mir versprochen, dass wir uns morgen sehen. Bitte schreib mir oder ruf mich an, wann.“
Mir ist noch mehr zum Heulen. Zumal auch so ein schnulziges Lied läuft, dessen Text ich zwar nicht verstehe, dass aber schrecklich wehmütig klingt.
Ich reiße die Kopfhörer aus den Ohren und schreibe ihm eine SMS zurück. „Hallo Marcel! Du hast morgen Nachmittag Training, nicht vergessen. Ich komme vormittags eben nach Bramsche und melde mich dann bei dir.“
Leider muss ich mich noch den drei anderen SMSen widmen, die ich lieber ignorieren würde, jetzt wo ich Marcels gelesen habe. Seine reichen eigentlich schon für ein mittleres Gefühlschaos. Aber bevor ich sie öffne, klingelt mein Handy wieder. Ich erschrecke fürchterlich, als der Klingelton durch die Wohnung schrillt und sehe auf das Display.
Ellen2.
Es hört nicht auf zu klingeln und ich hebe ab. „Ja!“, brumme ich ins Telefon und kann nicht fassen, dass mein Herz seine Taktzahl erhöht.
„Ich bins, Erik“, höre ich Erik knurren.
„Weiß ich“, antworte ich nur, nicht weniger bissig.
„Sorry, ist mir eigentlich klar. Ich war nur etwas verwirrt, dass du auf einmal rangehst. Ich versuche es schon den ganzen Abend. Hast du meine SMSen nicht gelesen?“ Er klingt wütend.
„Nein, ich habe gerade erst das Handy aus der Tasche geholt, weil Marcel mir geschrieben hat.“
„Ach, den hörst du?“, brummt Erik ungehalten.
„Das war Zufall, weil ich meine Kopfhörer kurz abgesetzt habe.“
Erik fragt leiser und sich scheinbar zur Ruhe zwingend: „Kopfhörer?“
„Ja, damit ich niemanden mitten in der Nacht mit meiner Musik störe.“ Ich wundere mich, dass ich schon wieder so mitteilsam bin. Erik schaltet bei mir scheinbar irgendeinen Knopf an und ich funktioniere, wie er das will.
„Wen kannst du stören? Wohnt noch jemand da, wo du bist?“ Er klingt ein wenig lauernd, obwohl er sich mittlerweile um eine neutrale Stimmlage bemüht.
„Nein, aber ich habe Nachbarn und weiß nicht, wie hellhörig das hier ist.“
„Sagst du mir wenigstens den Ort, in dem du jetzt wohnst?“ Er klingt ein wenig ungehalten, obwohl er auch das zu kaschieren versucht. Scheinbar hat Ellen ihm schon gesagt, dass ich keinem meine neue Adresse geben werde.
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