Kitabı oku: «Ein verhängnisvoller Wunsch»

Yazı tipi:

Sabine von der Wellen

Ein verhängnisvoller Wunsch

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Isabels verlorene Träume

Ein neuer Weg

Eine erschreckende Erkenntnis

Der Vergangenheit ausgeliefert

Die Maifeier

Die Ernüchterung

Keine Zeit für Träume

Eine ungewisse Zukunft

Cedrics Hoffnung

Die Geister, die sie rief

Des Schicksals langer Arm

Nicht immer gibt es ein Happy End

Epilog

Impressum neobooks

Isabels verlorene Träume

Weiches, trostspendendes Licht drang von der Straßenbeleuchtung in das halbdunkle Wohnzimmer. Von dem Lärm auf der Straße war kaum noch etwas zu hören. Manchmal fiel ein bunter Lichtschimmer auf die Wand gegenüber dem Fenster und fernklingendes, dumpfes Donnern rollte durch die kleine, gemütliche Wohnung.

Die Kerze auf dem kleinen Tisch war schon lange heruntergebrannt und die schön geschmückte und zum Essen angerichtete Tafel im Halbdunkel versenkt. Ein paar Luftschlangen hingen schlapp von der Lampe herunter und berührten fast den Hals der leeren Sektflasche.

Plötzlich durchbrach das nahe Kreischen eines der letzten Feuerwerkskörper dieser Silvesternacht die Stille und langsam kam Bewegung in die Gestalt vor dem kleinen Sofa.

„Verdammt!“

Leise und gehemmt drang dieser Laut aus dem rot angemalten Mund, dessen Farbe sich bis zum Wangenknochen verschmiert hatte.

„So eine verdammte Scheiße.“

Langsam schob Isabel sich von dem dunkelblauen Teppich hoch und hielt sich noch einen Moment an der Sofalehne fest, um sich dann stöhnend auf die Füße zu ziehen.

Leicht schwankend bemühte sie sich darum, einige Schritte vorwärtszutun. Doch die Koordination ihres Körpers wollte sich offenbar nicht ihrem Willen unterwerfen. Seufzend versuchte sie es erneut, als sich plötzlich etwas in ihrem Magen aufbäumte, als hätte sie ein Wildpferd verschluckt.

Eine Hand vor den Mund reißend, lief sie mit wankenden Schritten zur Toilette und schaffte es gerade noch rechtzeitig, sich über der Schüssel auf die Knie fallen zu lassen. Dort erbrach sie sich und suchte blind nach dem Papier, um sich den Mund abzuputzen. Ein bitterer Geschmack breitete sich auf ihrer Zunge aus und wieder schüttelte sich ihr Körper in Würgekrämpfen.

Der Geruch von Erbrochenem erfüllte den Raum und sie hob schwerfällig den Arm und drückte die Toilettenspülung. Glucksend verschwand die stinkende Flüssigkeit aus Alkohol und Gallensaft im Toilettenschlund.

Einige Zeit blieb sie noch benommen vor der Toilette hocken, bevor sie erneut versuchte, sich auf die Füße zu stemmen.

Ihr Blick fiel auf den kleinen Spiegel über dem Waschbecken. Dunkel verschmierte Augen und ein entsetzlich entstellter Mund sahen ihr Mitleid heischend entgegen. Sprenkel von Erbrochenem verdunkelte das schöne Blau ihres Kleides.

Der Mund öffnete sich und leise drangen aufgebrachte Worte daraus hervor. „Du kotzt mich an!“

Kurz starrten ihr die Augen noch dümmlich aus dem Spiegel entgegen, dann verändert sich deren Ausdruck und der Mund verzog sich breit. Glucksendes Lachen brach in einer Fontäne über das kleine Badezimmer herein.

„Du kotzt mich an! Hahaha! Du kotzt mich wirklich an. Ja, das hast du tatsächlich getan.“

Niveaulos und heruntergekommen. Und dann lachst du auch noch darüber. Ganz schön tief gesunken und sowas von erbärmlich.

Augenblicklich verzog sich ihr Mund und das Lachen wurde von einem Schluchzer abgelöst. Die verschmierten Augen fingen zu glänzen an. Tränen quollen aus ihnen hervor und der eben noch fröhlich gestimmte Gesichtsausdruck wurde zu einer weinerlichen Grimasse.

Isabel schlug die Hände vors Gesicht und wankte laut schluchzend ins Wohnzimmer zurück. Dunkelheit umschloss sie, die plötzlich jäh unterbrochen wurde.

Den Lichtschalter mit der Hand umschließend, sah sie sich verweint in dem Raum um.

Das Essen auf dem kleinen Tisch war nicht angerührt worden. Eine leere Sektflasche stand wie eine Trophäe mitten auf dem Tisch platziert, und eine lag vor dem Sofa auf dem Boden. Die Kerze auf dem Tisch war schon lange in ihrem Halter ausgebrannt und Kälte lag über allem.

Fröstelnd schlich sie zu ihrem Sofa und zog die Decke um ihre Schultern, als ein roter, leuchtender Punkt auf dem kleinen Beistelltisch ihre Aufmerksamkeit forderte.

Schnell warf sie die Decke zur Seite und lief, schwankend wie ein alter Kutter auf hoher See, um das Sofa herum zu dem kleinen Tischchen.

„Er hat doch noch angerufen! Bestimmt hatte er eine Panne oder einen Unfall … auf dem Weg zu mir,“ schoss es ihr dabei hoffnungsvoll durch den Kopf und sie drückte auf den Knopf des Anrufbeantworters, die letzten versiechten Tränen aus den verschmierten Augenwinkeln wischend. „Er hat mich nicht absichtlich sitzengelassen.“

Eine Stimme erklang.

„Isabell, ich kann heute nicht mehr kommen. Wir haben noch Besuch, und da kann ich mich unmöglich loseisen. Tut mir leid.“ Seine Worte waren geflüstert und nur heimlich an sie gerichtet. Dahinter Gelächter und Partystimmung.

Mit einem gequälten Aufschrei riss Isabel den Anrufbeantworter vom Tisch und ließ ihn zu Boden krachen. Dann richtete sie sich auf und stand unschlüssig da.

Eine dumpfe Wut machte sich in ihrem Inneren breit, dehnte sich bis in die letzten Poren aus und ließ sie erzittern. Diese Wut hatte sie fast den ganzen Abend begleitet, wenn sie nicht gerade von dem Elend abgelöst wurde, dass ihr immer wieder ihr trostloses Leben vor Augen gehalten hatte.

Langsam griff sie zum Telefonhörer und wählte eine Nummer. Schon als sie den Hörer an ihr Ohr hielt, überkamen sie die Zweifel.

Was machst du da? Du wusstest doch, dass er verheiratet ist. Er hat eine Familie, mit der er feiert. Das war dir doch klar!

„Berger.“

Das war seine Tochter Jasmin. Sie war einen Tag zuvor zwölf Jahre alt geworden und durfte Silvester das erste Mal mitfeiern.

„Falsch verbunden“, klang es müde und traurig durch den Raum. „Entschuldigung!“

Grüß deinen Vater, hätte sie am liebsten noch voller Boshaftigkeit gerufen. Doch ihr Gewissen verbat ihr das. Schnell schmiss sie den Hörer auf die Gabel, als wäre er glühend heiß. Das alles war so ungerecht, so grausam. Alle feierten diesen Tag, nur sie war allein Zuhause und hatte vergeblich auf einen Mann gewartet, der viel lieber mit seiner Familie feierte.

Alles umsonst. Das schöne Essen, sein Lieblingssekt, für den sie durch fünf Geschäfte gelaufen war, bis sie ihn endlich gefunden hatte und das schöne, blaue Kleid mit der blauen Spitzenunterwäsche und den Strapsen darunter. Sie hatte sich so herausgeputzt, um ihm und sich eine wunderschöne Silvesternacht zu bescheren und ihn seine angeblichen Probleme mit seiner Familie vergessen zu lassen. Schließlich mochte sie ihn wirklich, und hatte auch ein Anrecht auf etwas Glück.

Aber doch nicht mit einem verheirateten Mann!

Langsam ging Isabel in das angrenzende Schlafzimmer, drückte auf den Lichtschalter und sah sich in dem großen Spiegel ihres Schrankes an. Auch hier waren die Kerzen heruntergebrannt. Sie hatte Glück, dass ihre selbstvergessene Unachtsamkeit ihr nicht die Wohnung unter dem Hintern weggebrannt hatte.

Ein gequälter Ausdruck legte sich auf ihr Gesicht, als sich sofort die Erinnerung an den Brand in ihrer Kindheit in ihren Kopf schob. Sie sah sich und ihre Schwester Karin im Schlafanzug und unter einer Decke geschützt aus dem großen Dielentor eilen, von ihrem Vater vor sich hergetrieben. Er selbst war hinter ihnen keuchend zusammengebrochen. Ihre Mutter war zu ihm gerannt und hatte ihn am Arm weitergezogen, mit einem Aufschrei Isabel auffordernd, ihr zu helfen. Zusammen hatten sie ihren Vater weggezerrt, während das alte, schöne Haus ihrer Kindheit vor ihren Augen in hellen Flammen aufgegangen und zusammengefallen war. Und damit hatte ihre ganze schöne Kindheit geendet. Das war der Auftakt zu einem neuen Leben, dass allen Glückes beraubt war. So kam es Isabel zumindest in diesem Augenblick vor. All ihr Glück in ihrem Leben war damals in dieser einen Nacht verbrannt.

Sie wollte nicht mehr daran denken. Jetzt war sie eine erwachsene Frau, die ihr Leben im Griff hatte. Und ja, er ist verheiratet. Aber er hatte ihr gesagt, dass er sie wirklich toll findet und seine Familie kurz vor der Auflösung steht. Er sagte, seine Frau betrügt ihn. Er war so unglücklich … und er liebt seine Kinder doch so sehr! Kinder sind das Beste im Leben! Er hätte sogar einen ganzen Stall voll haben wollen, hatte er gesagt. Aber seine Frau wollte das nicht. Sie muss so ein böser Mensch sein.

Mach dir nichts vor. Er wird wegen dir nicht seine Familie aufgeben und eine neue gründen. Das kann er sich gar nicht leisten. Die Unterhaltszahlungen würden ihn bei seinem mickrigen Gehalt ruinieren.

Ihr Gewissen war mal wieder erbarmungslos. Es war ständig da, sagte ihr, was sie zu tun und zu lassen hatte und ließ sie keinen Moment mit Freude etwas Verdorbenes, Hinterlistiges oder Schlechtes tun. Sie hasste es und fühlte sich ihm doch unterworfen. Es wurde manchmal regelrecht zu ihrem Feind und in Augenblicken wie diesen lechzte sie danach, es zu töten.

Aber hatte es bisher nicht meistens recht gehabt? Wenn sie doch bloß mehr darauf gehört hätte. Nie wollte sie sich mit einem verheirateten Mann einlassen, sich nie einem Mann an den Hals werfen, der sie nicht wirklich und wahrhaftig liebte und frei für sie war. Doch was war daraus geworden? Sie hatte Silvester für einen verheirateten Mann geopfert, der sie dann sitzen gelassen hatte.

Geschieht dir ganz recht. Schließlich hast du mit ihm einen deiner streng behüteten Vorsätze gebrochen, nur um die Feiertage zu überstehen.

Nein, es ging um mehr! Sie dachte, dass er länger bleibt. Vielleicht sogar für immer.

Scheiß Kurzschlußpanik. Nie hätte sie gedacht, dass sie jemals so tief sinken könnte, dass sie sich deshalb jemandem an den Hals warf, der zwar gut aussieht, aber vergeben ist.

Aber er hatte ihr auf der Weihnachtsfeier gesagt, dass er seine Ehe satthat und seine Frau ihn betrügt. Er war so am Boden zerstört gewesen, dass sie ihn trösten musste.

Und dabei hast du völlig übersehen, dass du nicht die erste bist, mit der er das abzog.

Isabel starrte immer noch ihr Spiegelbild an und schüttelte unwirsch den Kopf. Auf solche beschissenen Gedanken konnte sie gut verzichten.

Ihr Blick fiel auf ihre schlanke Figur in dem schönen Kleid. Sie hatte sich so schön herausgeputzt und keiner hatte das zu Gesicht bekommen. Wäre sie doch nur auf eine Party gegangen oder mit ihren Freunden losgezogen. Sie hatte doch Freunde, oder? Doch wo waren alle in so einer Nacht? Irgendwo da draußen und feierten.

Du hast selbst alle abgewimmelt und jedem erzählt, dass du die Grippe hast. Selbst schuld!

Nun hatte sie die Nacht der Nächte einsam und allein zugebracht, weil ihr Herzallerliebster sie im Stich gelassen hatte.

Erniedrigend. Warum hängst du dich auch immer an irgendwelche dummen Kerle?

Ja, das war eine berechtigte Frage, die sie sich immer wieder stellen musste und die in ihrem derzeitigen Zustand wahre Krater in ihr Herz riss.

Langsam ließ sie sich auf das Bett sinken. Sollte sie das Kleid und die teure Unterwäsche ausziehen? Ach, egal. Sie würde so schlafen gehen.

Nein, das verknautscht doch alles!

„Ja, verdammt. Ich ziehe es doch schon aus. Verflucht noch mal …!“

Langsam quälte sie sich wieder aus dem Bett und ihr wurde schwindelig. Wieder starrte ihr das verschmierte Gesicht aus dem Spiegel entgegen. Ihr wurde erneut schrecklich übel.

Waschen …?

Diesmal war die Stimme in ihrem Inneren vorsichtiger mit ihren erbarmungslosen Ansprüchen. Manchmal ging das Ganze auch wirklich zu weit. Das war doch schon krank!

„Ach, halt doch den Mund!“, schrie sie ihr Spiegelbild aufgebracht an, dessen Mund aber stumm blieb. Doch sie musste es tun. Sie wollte jemanden verletzen oder einmal diese Stimme in ihrem Inneren niedertreten.

Ihr war plötzlich danach, etwas ganz Schlimmes zu tun. Etwas, was ihr Gewissen bestimmt schocken würde.

Tzzz. Hast du nicht mit dieser Beziehung zu Hardy schon all deine inneren Werte mit den Füßen getreten? Was willst du noch?

Er war es gewesen, der zu ihr ins Bett gekrochen war. Er wollte sie! Er wollte bei ihr sein! Er glaubte sogar, sich in sie zu verlieben!

Blödsinn.

„Doch!“, schluchzte sie auf. „Das war so!“

Außerdem, was hätte sie anderes tun können, als ihm hilfsbereit die Hand entgegenzustrecken, wo es ihm so schlecht ging?

Es war bei der Weihnachtsfeier vor vier Wochen gewesen. Er hatte ihr so traurige Dinge über seine gescheiterte Ehe erzählt und wie einsam er war, dass sie ihn einfach nicht ungetröstet ziehen lassen konnte. Dazu kam, dass seine Frau ihn angeblich an diesem Abend hinausgeworfen hatte und er buchstäblich auf der Straße stand. Isabel musste ihm einfach ein Dach über dem Kopf anbieten – so kurz vor Weihnachten, dem Fest der Liebe, dem sie sowieso schon mit erschreckend ungutem Gefühl entgegensah, und das für sie wieder zum Fest der beklemmenden Einsamkeit zu werden drohte.

Du brauchtest doch nur ein Opfer, dass dich die Einsamkeit vergessen ließ. Und Weihnachten verbrachte er trotzdem bei seiner Familie … und du hast dich auf Silvester vertrösten lassen. Und nun …?

Gott, sie war so dumm! Er war schließlich schon am Morgen nach der Weihnachtsfeier zu seiner Familie zurückgekehrt. Angeblich, weil seine Frau ihn angefleht hatte. Dabei hatte er überhaupt keinen Anruf an diesem Morgen bekommen. Aber sie hatte das anfangs gar nicht gecheckt. Und auch nicht, dass eine Frau, die ihren Mann betrügt, nicht diejenige sein kann, die ihren Mann aus der Wohnung wirft. Das Recht hätte sie gar nicht.

Wie immer hast du vor allem die Augen verschlossen, was du nicht sehen wolltest.

Seufzend starrte sie sich weiter in dem Spiegel an, in dem sich die verschmierten Augen schon wieder mit Tränen füllten. Dabei versuchte sie ihrem Gewissen entgegenzuhalten: „Aber er kam doch seit der Weihnachtsfeier immer wieder zu mir. Er wollte bei mir sein, weil er sich schwer in mich zu verlieben drohte. Ja, das waren seine Worte. Er drohte sich schwer in mich zu verlieben.“

Das hatte etwas in ihr freigesetzt. Eine Hoffnung. Eine dumme Hoffnung.

Zweimal fing er sie sogar in der Arbeit ab und zog sie ungestüm in das Lager und liebte sie auf dem kalten Plastik eines einfolierten Sofas. Nach Weihnachten stand er um Vergebung bettelnd vor ihrer Tür. Er hatte ihr zwar versprochen, Weihnachten bei ihr zu sein, aber das ging dann doch wegen der Kinder nicht. Aber er hatte für sie eine riesige Schachtel Pralinen mitgebracht und einen Arm voller Schwüre, dass Silvester ihr allein gehört, und dass sich im neuen Jahr alles für sie ändern wird. Und er zog sie erneut in ihr Bett und liebte sie mit mindestens zwei Kondomen übereinander.

Diesmal brauchte sie ihr schlechtes Gewissen nicht. Sie erkannte selbst, wie dumm sie war.

„Dumme Kuh!“, rief sie ihrem Spiegelbild entgegen. „Vergiss die Männer! Du brauchst sie nicht!“

Doch, sie brauchte sie. Sonst blieb sie allein und alles würde für sie zu spät sein.

Sie starrte ihr Spiegelbild wie einen Feind an. Diese andere Frau, die sie so erbärmlich um Mitleid heischend ansah und einfach nicht begriff, dass sie sich besser einen Hund anschaffen sollte.

Nein, nicht so ein dreckiges Fellvieh!

Isabel schüttelte den Kopf, als wenn sie erkannte, dass es keinen Zweck hatte. Sie würde nie verstehen – nie begreifen, was wirklich in ihrem Inneren tobte und warum es das tat. Wäre ein Hund nicht die Lösung? Könnte das nicht ein Ersatz sein?

Ihre Vorsätze für das neue Jahr fielen ihr ein. Sie hatte hunderte in ihrem Kopf heraufbeschworen, als sie die Sektflaschen geleert hatte. Jetzt wusste sie nur noch einen und ihr Gewissen rief applaudierend, weil es den wohl zu seinem Lieblingsvorsatz auserkoren hatte: Finger weg von allen Männern oder der ständigen Suche nach einem Vater für ein Kind.

„Und nie mehr nett sein, nie mehr auf dieses verdammte Gewissen hören und sich einen Hund anschaffen“, zischte sie wütend, um dieser Stimme endlich Einhalt zu gebieten. Dabei schlug sie gegen den Spiegel, der Frau mitten ins Gesicht, die noch nicht einmal ihre Miene verzog. Doch ein gewaltiger Sturm tobte durch Isabels Hand und mit Genugtuung stellte sie fest, dass die Frau ihr gegenüber nun doch das Gesicht verzog. Doch das schien nur Sekunden lang so zu sein. Denn ihre Gedanken wollten unbedingt bei der Sache mit dem Hund bleiben. Warum auch nicht? Sie wollte doch nur etwas, was sie bedingungslos lieben konnte und was sie genauso zurückliebte. Außerdem wollte sie etwas, um was sie sich kümmern konnte und dass sie nie verließ.

Hör auf, dich verrückt zu machen. Du hast gar keine Zeit für einen Hund und wirst bestimmt auch noch allergisch. Geh dich jetzt waschen und zieh den Fummel aus. Es ist gleich morgens und etwas schlaf wird dir guttun. Morgen sieht die Welt dann schon anders aus.

Immer noch drangen von draußen die dumpfen Böllerschüsse durch die Nacht und der kreischende Schrei eines Jaulers.

„Pah, ich höre nicht auf dich. Du kannst mich mal! Ich lege mich jetzt so schlafen“, rief sie sich aufmüpfig zu und machte eine wegwerfende Handbewegung zu der Frau im Spiegel, die sie mürrisch anstarrte. Dann schob sie sich schwerfällig von der Bettkante und setzte sich schlurfend in Bewegung. Einen Augenblick wusste sie nicht, was sie eigentlich tun wollte. Seltsam ruhelos trat sie ans Fenster. Die Straßenlaternen warfen müdes Licht auf die Häuserwände und die darunter geparkten Autos und die Straße war menschenleer. Nur hier und da erhoben sich noch buntschillernde Lichterpunkte in den dunklen Himmel über der Stadt. Dort wurde offenbar immer noch gefeiert.

Erneut drangen wie aus weiter Ferne Böllerschüsse an ihr Ohr. Aber nur noch sehr wenige. Die Silvestermeute war langsam des Feierns müde. Aber man konnte dennoch in den Häusern erleuchtete Fenster sehen. Eigentlich noch eine ganze Menge. Da drüben wurde auch noch kräftig gefeiert. Und da, gegenüber im Nachbarhaus, stand jemand am Fenster und sah genauso wie sie hinaus.

Sie griff nach dem Schalosienband und wollte die Schalosie gerade hinunterlassen, als sie ein Gedanke packte. Eigentlich löste ihr Gewissen diesen Gedanken aus, der sie schon brav ins Badezimmer wanken sah, um sich abzuschminken und sich das Kleid auszuziehen …

„Vergiss es“, lallte sie aufmüpfig und immer weniger ihrer Muttersprache mächtig. „Abschminken? Wozu? Ausziehen …, okay!“

Noch während sie die Worte zu sich sagte, schrie es in ihr auf. Nein, tue das bloß nicht!

Hämisch grinsend knöpfte sie ihr Kleid auf. Langsam, ganz langsam. Dabei starrte sie auf das Fenster im gegenüberliegenden Haus und spürte, wie etwas in ihr entsetzt erstarrte. Aber sie ignorierte diese plötzlich aufkeimende Angst vor dem, was sie vorhatte. Heute wollte sie nicht die brave, liebe Isabel sein.

Bewegung kam in die Gestalt im gegenüberliegenden Haus und plötzlich ging das Licht aus.

Etwas enttäuscht wollte Isabel sich abwenden, den Gedanken verwerfend, der sie gerade noch trug, als das Glimmen einer Zigarette ihr verriet, dass die Gestalt immer noch am Fenster stand.

Langsam drang die Tragweite ihres Handelns in ihre Gedankengänge, doch sie verdrängte sie mit aller Macht.

Einmal tun, was sie will. Einmal nicht prüde und brav sein.

Sie schwankte leicht und musste sich am Fensterbrett festhalten, als sie das Kleid sinken ließ. Langsam drehte sie sich einmal um sich selbst und strich sich durch ihr langes, dunkelbraunes Haar. Ein Seufzer drang aus ihrer Kehle, und erschrocken riss sie die Augen auf, die sie kurz geschlossen hatte.

Er war noch da. Er schien sie wirklich zu beobachten.

Genug jetzt, mach die Schalosie runter.

Sie stellte stattdessen ihren Fuß auf die Fensterbank, was ihr erst erhebliche Schwierigkeiten bereitete und sie schwanken ließ wie eine alte Fregatte.

Als sie endlich halt gefunden hatte und ihr Gleichgewicht mit der Situation zurechtkam, rollte sie langsam den Straps herunter. Dabei grinste sie hämisch und kam sich wunderbar verrucht vor.

Plötzlich musste sie aufstoßen und der eklige Geschmack von Sekt und Magensäure verursachte ihr wieder schreckliche Übelkeit.

Hör doch auf und geh ins Bett. Was du da machst ist echt lächerlich.

„Lächerlich?“ Sie griff nach dem Straps und winkte kurz damit. Dann strich sie sich genüsslich über das Bein und zog es wankend wieder von der Höhe auf den Boden. Sie nahm das andere Bein hoch, sich erneut mit einigen Schwierigkeiten ausbalancierend und schälte es aus dem zweiten Straps. Ein Zug bitterer Entschlossenheit lag auf ihrem Gesicht. Auch mit dem winkte sie zu der Gestalt hinüber. Doch diesmal musste sie schon mit beiden Händen nach dem Fensterrahmen greifen, um das Bein, ohne hinten über zu fallen, wieder auf den Boden zu bekommen.

Wie wäre es mal mit etwas Yoga im neuen Jahr?

Energisch zog sie ihren Slip herunter.

Macht nichts. Der Typ wird bestimmt nichts sehen können. Seine Wohnung lag zwar eine Etage höher als ihre, aber die Entfernung und die Fensterbank werden es schon verdecken.

Mit dem Slip schwenkte sie einmal über ihrem Kopf und ließ ihn zu Boden fallen. Einen Augenblick spürte sie etwas Hitze auf ihren Wangen, aber sie wollte sich nicht unterkriegen lassen und einmal wirklich verrucht sein.

Sie griff sich zwischen die Brüste und öffnete den BH. Langsam zog sie ihn aus und ließ ihn fallen.

Die Gestalt war immer noch da.

Sie legte ihre Hände auf ihre Brüste. Dabei wurde ihr bewusst, dass er das aber sehen konnte.

Wie eine alles mitreißende Flut überkam sie die Panik. Schnell griff sie zu dem Schalosienband und ließ die schwere Schalosie heruntergleiten.

„Ende der Vorstellung!“, lallte sie dabei und drehte sich leicht taumelnd um. Sie war so müde und so betrunken …

Langsam peilte sie ihr Bett an, kroch unter die Decke, machte das Licht aus und drehte sich auf die Seite. In ihrem Kopf wirbelten kleine Stürme. Doch es dauerte nur einen Augenblick, in dem sie das vor Entrüstung schreiende Etwas, das ihren Auftritt vor dem Fenster nicht fassen konnte, in sich zu ignorieren versuchte. Dann schlief sie ein.

Nur langsam drang das Schnarren des Telefons an Isabels Ohren und wurde von ihrem Gehirn registriert. Sie schlug die Augen auf und fast gleichzeitig schoss ein Schmerz in ihre Schläfen und ihr Magen schien sich seltsam zu verdrehen.

Stöhnend versuchte sie in die Wirklichkeit zu finden.

„Hardy …!“, schoss es ihr durch den Kopf und ihre Hand griff neben sich. Doch der Platz war kalt und leer.

Ach ja, er hatte sie sitzengelassen.

Wieder schnarrte das Telefon.

Isabel stand auf und wankte benommen in ihr Wohnzimmer. Sie nahm den Hörer ab und meldete sich mit rauer, dünner Stimme.

Sofort dröhnten ihr überlaute Worte ins Ohr, die sie den Hörer weit von sich halten ließen. „Ein wunderschönes neues Jahr, mein Schatz. Ich wünsche dir, dass in diesem Jahr endlich alle deine Wünsche in Erfüllung gehen.“

„Danke Mama.“

Ihre Stimme klang zu müde und niedergeschlagen und sie versuchte sich zusammenzureißen. Ihre Mutter sollte glauben, dass es ihr wirklich gut geht. Ansonsten konnte sie sich wieder die besserwisserischen Vermutungen von ihr anhören, warum es ihr schlecht ging und die Fragen beantworten, wieso sie nicht so war wie ihre jüngere Schwester Karin. Die hatte immer alles im Griff mit sich und ihren zwei Kindern und ihrem tollen Ehemann.

Ihre Mutter weiß nicht, dass Klaus, bevor er von ihre Schwester angeschlürt wurde und diese von Liebe auf den ersten Blick sprach, eine One-Night-Bekanntschaft von Isabel gewesen war. Natürlich konnte Isabel das niemandem sagen und Klaus hütete sich, dass von sich aus zur Sprache zu bringen. Also wusste niemand, dass Klaus seine Schwägerin von innen und außen kennt und ihre Mutter hätte Isabel geluncht, wenn sie erfahren hätte, dass sie Männerbekanntschaften für eine Nacht hegte. Das Klaus Isabel dann auch noch anbaggerte, als Karin mit Natalie schwanger war, konnte sie natürlich auch niemandem sagen. Er war betrunken gewesen und hatte Isabel gesagt, dass er Karin nur genommen hatte, weil Isabel ihn damals nicht wiedersehen wollte.

Natürlich hatte sie ihm das weder geglaubt noch ihn weiter erhört, weil sie das ihrer Schwester nicht antun konnte. Aber ab da wusste sie, dass er eigentlich ein Schwein ist, wie alle Männer.

Ihr Blick fiel auf den heruntergefallenen Anrufbeantworter. Mit dem Hörer in der Hand der Mutter lauschend, die ihr von ihrem Silvesterabend mit Karin, Klaus und den Kindern berichtete, stand sie von dem Sofa auf, auf das sie sich fallenlassen hatte und hob das Gerät auf. Kopfschüttelnd stellte sie es wieder hin. Sie konnte sich nicht erinnern wie das Gerät auf den Fußboden gekommen war.

„Es wäre schön, wenn du Karin auch mal wieder besuchst. Sie sagte, du schaust nie bei ihr rein.“

„Ja Mama. Mache ich.“

Isabel sah sich um.

Der Tisch war immer noch ordentlich gedeckt und das Essen stand in den Schüsseln angerichtet vertrocknet und unappetitlich auch noch da. Dazwischen prangte eine leere Sektflasche.

„Die Kinder sind so lebhaft. Du könnest ihr ein wenig mit ihnen helfen. Vielleicht regt das deine Mutterinstinkte endlich mal etwas an.“

Oh Mann. Ihre Mutter hatte überhaupt keine Ahnung, was sich wie in Isabel regt.

„Mama, ich arbeite den ganzen Tag. Und ich denke, Karin kriegt das mit den Kindern auch allein hin.“

Isabel fand beim Sofa die zweite leere Sektflasche.

Hardy, dieses Schwein! Erst erzählte er ihr, dass er unbedingt mit ihr ins neue Jahr reinfeiern will und dann kam er nicht.

„Isabel, du wirst nicht jünger. Wenn du selbst mal Kinder haben willst, wird es langsam Zeit. Ich glaube, in deinem Alter läuft die biologische Uhr schon recht schnell rückwärts. Hast du dich mal bei dem Arzt darüber erkundigt, den ich dir letztens empfohlen habe?“

„Ja Mama, habe ich. Es ist alles noch im grünen Bereich“, log sie und wusste, sie musste das Gespräch schleunigst beenden. „Dann grüß Papa schön von mir und nochmals ein schönes neues Jahr, falls ich das noch nicht erwähnt habe. Ich habe es etwas eilig. Ich habe gleich noch ein Neujahrsessen mit Freunden. Tschüs und bis bald!“ Isabel hörte noch ein perplexes: „Ähm … ja, okay, gut. Bis bald. Und komm mal …“ und legte schnell auf.

Sie atmete einmal tief durch, weil sich erneut Übelkeit in ihrem Bauch ausbreitete und ihre Magensäure immer höher Richtung Ausgang wanderte. Isabel schluckte schnell einige Male, um dem entgegenzuwirken.

Ihre Mutter nervte sie immer wieder damit, dass Isabel Karin nicht mit den Kindern half und selbst keinerlei Anstalt machte, welche zu bekommen. Sie wusste nichts von Isabels Leben. Sie wusste nicht, dass sie Karin so selten besuchte, weil es sie schmerzt, dass Karin zwei so tolle Kinder hat und sie nicht. Sie ertrug es kaum, die Kleinen um sich zu haben und war hinterher immer erschreckend deprimiert.

Ihre Mutter wusste auch nicht, dass Isabel diese Muttergefühle, die sie bei Kindern jedes Mal anfielen, fast ins Grab brachten, und dass sie sich absolut bewusst war, dass sie bald nicht mehr in der Lage sein würde, selbst welche zu bekommen.

Tränen quollen ihr aus den Augen, und Isabel versuchte sie mit aller Macht zu unterdrücken. Bloß nicht schon am frühen Morgen in Selbstmitleid zerfließen. Wo soll das sonst hinführen?

Trotz Gegenwehr machte sich Niedergeschlagenheit bei ihr breit. Sie musste sich erst einmal einen Kaffee kochen und eine Schmerztablette einwerfen, damit die rasenden Kopfschmerzen aufhörten, die mit der Übelkeit erneut eingesetzt hatten.

Langsam schlurfte sie in die Küche und stellte die Kaffeemaschine an. Dann griff sie in eine Schublade nach den immer dort parat liegenden Tabletten und schluckte eine mit etwas Wasser hinunter. Der nächste Gang führte sie in ihr Badezimmer. Der Blick in den Spiegel verhieß nichts Gutes. Soll das da etwa sie sein? Diese alte Frau mit der verschmierten Schminke im Gesicht.

Es fröstelte sie und ihr wurde langsam bewusst, dass sie nichts anhatte.

So läufst du in der Wohnung herum, und das am helllichten Tag, wo dich jeder sehen kann!

Ah, ihr Gewissen. Das war immer rege und wachsam. Selbst nach so einer Nacht.

Scheu sah sie durch die Tür des Badezimmers in den kleinen Flur und das angrenzende Wohnzimmer.

Tatsächlich! Es war hell - also die Schalosien offen. Ihr wurde mit Erschrecken klar, dass sie eben jeder sehen konnte, als sie aus dem Bett zum Telefon gewankt war.

Schamröte überzog ihr Gesicht und machte es mit der verschmierten Schminke noch unansehnlicher.

„Ach, es wird schon keiner am Fenster gestanden haben“, beruhigte sie sich schnell.

Fenster … Fenster … irgendwie drängte sich ein ungutes Gefühl im Zusammenhang mit Fenster an die Oberfläche.

Ach, egal! Sie musste erst mal duschen.

Sie stieg hinter den Vorhang und ließ das Wasser über ihren Körper laufen. Langsam verschwanden dabei ihre Kopfschmerzen und ihre Lebensgeister erwachten vollständig. Aber mit denen auch die Wut auf den missratenen Silvesterabend.

Sie trocknete sich ab und marschierte, von ihrem großen, geblümten Handtuch umschlungen, in ihr Schlafzimmer. Aus der Küche drang schon der würzige Kaffeegeruch zu ihr herüber, und mit einem dumpfen Hungergefühl im Magen fiel ihr Blick auf den Radiowecker auf ihrem Nachtschrank.

„Mein Gott, es ist ja schon fünf!“, entfuhr es ihr aufgebracht. Sie hatte doch tatsächlich bis zum Nachmittag geschlafen.

Schnell zog sie sich an und lief zum Fenster, zog die Schalosie hoch, scheinbar die einzige, die sie herunterzulassen geschaffte hatte, und öffnete das Fenster. Es regnete etwas und es war viel zu warm für diese Jahreszeit.

Ohne zu wissen, warum, glitt ihr Blick suchend über die gegenüberliegende Häuserreihe. Gerade als ihr das bewusst wurde und sie sich umdrehen wollte, weil sie nicht so recht wusste, was sie eigentlich sucht, fiel ihr Blick auf die blaue Spitzenunterwäsche und ihr teures Kleid zu ihren Füßen. Erschrocken sah sie wieder zu der Häuserreihe hinüber und ihr Blick blieb an einem bestimmten Fenster hängen.

Es war also kein Traum gewesen. Sie hatte das tatsächlich getan.

Schnell drehte sie sich vom Fenster weg und drückte sich an die Wand. Von der schnellen Bewegung wurde ihr schwindelig und sie fasste sich an den Kopf, um das Rotieren in ihren Schläfen zu besänftigen. Dabei versuchte sie sich zu beruhigen.

Das konnte doch nicht wahr sein! Das konnte sie doch unmöglich getan haben! Bitte, lass es nur ein Traum gewesen sein.

Sie bückte sich und lief in dieser Haltung unter dem Fenster her. Erst am anderen Ende stellte sie sich wieder hin und lugte noch einmal, durch die an dieser Seite des Fensters herabfallende Gardine, zu dem gegenüberliegenden Haus hinüber. Dort war aber niemand zu sehen.

Mein Gott, wie peinlich! Wer sie wohl letzte Nacht alles gesehen hatte?

Jedem Nachbarn aus der Straße wird sie ab jetzt nur noch mit Schamröte im Gesicht begegnen können, und die Frauen halten sie bestimmt für ein Flittchen. Wenn sich das herumspricht!

Sie sah sich niedergeschlagen um, einen Augenblick von dem Gefühl überwältigt, aus dieser schönen Wohnung unter diesen Umständen ausziehen zu müssen.

Dann dieser Kerl, von dem sie genau weiß, dass er sie beobachtet hatte. Hoffentlich sah er das nicht als Einladung an, um sich vor ihrer Tür einzufinden.

Sie sah sich schon einem alten Kerl mit Hosenträgern über dem Unterhemd und abgetragener Jogginghose gegenüber, der sie mit lüsternem Blick aus einer versoffenen Trinkervisage angrinste.

Jetzt wurde Isabel wieder bewusst, warum sie immer auf ihr Gewissen hören sollte. Es schützte sie vor so unliebsamen Erkenntnissen am nächsten Tag.

Unglücklich und niedergeschlagen schlurfte sie in die Küche und schüttete sich einen Kaffee ein. Im selben Moment klingelte es an der Tür.

Erschrocken über die noch eben in ihrem Kopf rotierenden schrecklichen Gedanken ging sie beunruhigt in den winzigen Flur. Sie sah durch den Türspäher und fand das kleine, kahle Treppenhaus leer. Es hatte also unten an der Haustür geschellt.

Sie drückte den Türöffner und öffnete beunruhigt die Wohnungstür. Wenn sie durch das Treppenhaus nach unten spähte, konnte sie vielleicht erkennen, wer da kam und die Gelegenheit nutzen, um die Tür wieder zuzuschmeißen und zu verriegeln.

Noch bevor sie die Tür ganz geöffnet hatte, prangte ihr ein Strauß roter Rosen von ihrer Fußmatte entgegen, und das Treppenhaus war von einem angenehmen Duft durchdrungen. Langsam nahm sie ihn hoch und sah sich nochmals um. Aber da war niemand.

Schnell ging sie in die Wohnung zurück und suchte in dem Strauß nach einer Karte.

„So schöne Rosen! Sind die wohl von Hardy? Will er sein schlechtes Gewissen damit beruhigen?“, fragte sie sich dabei und wollte ihm schon wieder alles verzeihen.

Sie fand nur eine nicht unterschriebene Karte von einer Blumenhandlung, mit einem Spruch. „Zwölf neue Monate, zwölf Mal Glück, Freude und Gesundheit“, und stellte die Rosen in eine Vase auf den Tisch. Es waren zwölf Stück. Wunderschön anzusehen. Ein netter Neujahrsgruß.

Eigentlich sollte sie sie sofort in den Müll werfen. Schließlich hatte Hardy sie tief verletzt und sie brauchte keinen Neujahrsgruß von ihm, der ihr wenig persönlich vorkam. Hätte er wenigstens eine Karte mit heißen Liebesschwüren drangemacht und sie darin angefleht, ihr zu verzeihen, dann hätte sie ihren Ärger herunterschlucken können. Aber er hatte nichts dergleichen getan.

Er ist verheiratet und hatte nie vor, dich mehr in sein Leben zu lassen. Er wollte nur ein wenig Spaß. Mehr nicht.

Die Rosen waren trotzdem zum Wegwerfen zu schade. Aber Isabel schwor sich, dass Hardy bei ihr nicht mehr antanzen musste. Die Feiertage waren vorbei. Nun kehrte wieder der Alltag ein und sie brauchte keinen Tröster mehr. Sie hatte diese schreckliche Zeit der trostlosen Einsamkeit, in der sie glaubte, das einzige, einsame Wesen auf der weiten Welt zu sein, überstanden. Auch ohne Hardy oder Charly oder Martin oder Jürgen … oder oder oder. Sie hatte es geschafft und konnte sich nun endlich wieder in die Arbeit stürzen. Sie brauchte niemanden mehr. Konnte sie nicht richtig stolz auf sich sein?

Nein, konnte sie nicht. Immer noch nagte die Einsamkeit an ihren Knochen und wie schon so oft las sie erneut in der alten Tageszeitung vom Vortag die Kontaktanzeigen durch.

Das ist alles erstunken und erlogen. Oder glaubst du wirklich, dass es irgendjemanden gibt, der lieb, nett und gutaussehend ist und trotzdem solo? Dass sind bestimmt alles Verbrecher, Schläger oder Mittellose, die eine reiche Frau suchen.

Jaja!

Ärgerlich knüllte Isabel die Zeitung zusammen und warf sie mit einem gekonnten Treffer in den Papierkorb.

Sie trank ihren Kaffee aus und knabberte an dem trockenen Zwieback, der ihr als erste Mahlzeit nach so einer Nacht als das Richtige erschien.

Doch ihr Magen bäumte sich dennoch auf und Isabel sprang vom Stuhl auf, rannte zur Toilette und übergab sich.

Der Kaffee, vermischt mit Magensäure und Bröckchen vom Zwieback, hinterließ ein Brennen im Hals. Erschöpft und elend setzte Isabel sich neben die Kloschüssel und lehnte ihren Kopf in ihre Hände.

Verdammt, wieso hatte sie nur so viel getrunken? Warum hatte Hardy ihr den Abend versaut … und wieso konnte er nicht wenigstens seine Blumen persönlich überbringen und sie dann tröstend in die Arme schließen?

Bist du verrückt? Der Kerl soll bloß bleiben, wo der Pfeffer wächst. Wie alle Kerle! Ich weise dich nicht gerne darauf hin, aber One-Night-Stands sind wirklich besser, wenn man in deiner Situation ist.

Was für eine Situation? Ihr wollte nicht richtig aufgehen, was diesen Gedanken ausgelöst hatte.

Isabel stemmte sich hoch und schlurfte in ihr Schlafzimmer zurück. Ohne sich dessen bewusst zu sein, fand sie sich plötzlich vor ihrem Fenster wieder und suchte erneut die Fenster im gegenüberliegenden Haus nach einer menschlichen Regung ab. Doch sie sah nicht nur in der Wohnung gegenüber niemanden, sondern in allen Wohnungen schienen die Menschen ausgeflogen zu sein.

Ihr Blick fiel auf die Straße, auf der im Nieselregen ein paar Kinder in den Überresten der Raketen wühlten, um sich noch etwas Brauchbares herauszupicken.

Isabel schlurfte zu ihrem Bett und setzte sich auf die Bettkante. Ihr Blick fiel auf den großen Spiegel. Ihre langen braunen Haare wirkten erschreckend kraftlos, ihre blauen Augen trüb und ihre schmalen, blassen Wangen regelrecht eingefallen. Selbst ihre vollen Lippen schienen heute die Mundwinkel nicht am freien Fall hindern zu können.

„Es ist keiner für dich da. Niemand!“, sagte sie leise zu ihrem Spiegelbild und ließ sich rücklings auf das Bett fallen. Langsam und mühevoll zog sie die Decke unter sich hervor und deckte sich zu. „Niemand!“

Sie musste noch etwas schlafen. Morgen sah dann hoffentlich alles besser aus. Dann konnte sie endlich wieder arbeiten gehen und gleichzeitig ein neues Jahr einläuten. Dann hatte sie drei Tage, bevor erneut ein Wochenende ihren Alltag zerstückelte.

Ach, was hasste sie die Wochenenden, Feiertage und Urlaube. Alles Tage der Einsamkeit, des Nichtstuns und des Unnütz seins. Wieso musste ausgerechnet nach diesem Silvester eine angebrochene Woche folgen? Sie hätte gerne 30 Tage am Stück draufgesetzt. Warum wurde sie nur so hart bestraft?

Isabel drehte sich um und schloss die Augen. Bloß nicht mehr daran denken.

Ihr musste etwas Nettes einfallen. Dann könnte sie bestimmt einschlafen.

Isabel wühlte in ihrem Gedächtnis. Sie sah sich am Schreibtisch in dem großen Büro sitzen, der erhellt von gleißendem Sonnenschein warm und gemütlich ihr Herz erwärmte. Die Tür ging auf und ihre Chefin kam herein. „Hallo Isabel! Ich hoffe du hattest erholsame Feiertage. Wir müssen aber noch unbedingt über die Sache sprechen, die dir da letzte Woche so dumm widerfahren ist.“

Isabel warf sich im Bett herum. Nein, bloß nicht daran denken.

Etwas anderes musste her. Es musste doch etwas Nettes zu denken geben!

Isabel sah sich vor dem Fenster stehen und nach draußen in die tiefe Nacht sehen. Plötzlich sah sie jemanden am gegenüberliegenden Fenster und sie fing an, sich auszuziehen …

„Nein!“ Isabel setzte sich auf. Das ist ja nicht auszuhalten. An ihren Auftritt vor dem perversen Lustmolch will sie nie wieder denken.

Sie stand auf und schlich mit ihrer Decke unter dem Arm ins Wohnzimmer. Dort ließ sie sich auf das Sofa fallen und drückte an der Fernbedienung den Fernseher an. Hier wollte sie sich einlullen lassen, bis sie einschlief. Das schien ihr die einzige Medizin gegen hemmungslos plagende Gedanken zu sein, auch wenn das hieß, die Nacht auf dem Sofa zu verbringen. Sie würde sie schon irgendwie überstehen und Morgen begann ein neuer Tag, ein neues Jahr und ein neues Leben. Sie musste sich nur überlegen, wie sie es ausfüllte.

Ihr fiel der Gedanke mit den One-Night-Stands ein, die ihre Situation bereinigen könnten. Und jetzt wurde ihr auch klar, was „die Situation“ ist, die sie damit bereinigen könnte. Sie hatte in den letzten Jahren immer wieder daran gedacht. Was wäre, wenn sie von so einem One-Night-Stand schwanger wurde? Ein Kind nur für sich.

Sie hatte sich das manchmal gewünscht, wenn der Typ nicht ganz so ein arrogantes Arschloch war und die Nacht nicht ganz so ätzend. Aber meistens gingen die One-Night-Stands erschreckend unbefriedigend aus. Irgendwie musste Isabel feststellen, dass sie so schnelle Nummern nicht mochte und ein Minimum an Gefühl für den Menschen, der einem die Klamotten vom Leib riss, schon vorhanden sein sollte. Aber sie hatte dennoch einige Male, wenn der Zeitpunkt passend war, genommen, was sich anbot. Dummerweise sind die Männer von heute nicht mehr so gutgläubig. Sie nehmen Kondome, auch wenn sie ihnen schwor, dass sie nicht nur regelmäßig ihre Pille nahm, sondern ihre Gebärmutter auch noch eine Mütze trug und sie gesundheitlich ein Unbedenklichkeitszertifikat aufweisen konnte. Sie hatte sogar schon mehrmals eine Allergie gegen Kondome ins Feld geführt, was aber keinen der Herren interessiert hatte.

Isabel versuchte weiter einzuschlafen und die Gedanken zu verdrängen. Aber sie konnte erneut den Erinnerungen über die vielen Desaster in ihrem Leben nicht entfliehen. Sie hatte nie Glück. Weder mit ihren Beziehungen noch mit den One-Night-Stands noch mit sonst etwas.

Während sie die Erinnerungen an ihre Verflossenen an sich vorbeiziehen ließ, wurde ihr klar, dass die letzten eigentlich nur noch einen Zweck erfüllen sollten. Und das erschreckte sie ein wenig. Sie hatte sich das noch nie eingestanden. Aber in den letzten Jahren verhütete sie nicht mehr und versuchte fast schon krampfhaft einen Mann dazu zu bringen, zum richtigen Zeitpunkt ohne Kondom mit ihr zu schlafen. Aber sie war nicht mehr ausnahmslos jung und schön und die Männer wirklich vorsichtig. Vielleicht war ihnen klar, dass sie eine von den Gebärfreudigen mit letzter Chance war.

Isabel warf sich auf dem kleinen Sofa erneut auf die andere Seite. Sie musste den Gedanken an ein Kind wirklich begraben oder sich künstlich befruchten lassen.

Oh mein Gott! stöhnte ihr Gewissen entsetzt auf. Auch dazu brauchst du einen Mann. Dann schaff dir doch besser ein Haustier an. Dafür brauchst du nichts weiter als dich selbst. Für dich ist der Zug echt abgefahren.

Isabel liefen Tränen auf ihr Sofakissen. Aber wenn sie in Selbstmitleid versank und herumheulte, dann ließ ihr Gewissen sie wenigstens in Ruhe, und auch die bösen Gedankenattacken. So kann sie vielleicht doch endlich einschlafen. Sie wollte doch nichts weiter als ein wenig Ruhe. Morgen begann ein neuer Tag in einem neuen Jahr. Ab Morgen würde dann alles anders werden.

Am nächsten Tag parkte Isabel ihren weißen Beetle auf dem großen Parkplatz vor dem imposanten Gebäude der Möbel Altwerna Werke. Sie arbeitete seit neun Jahren dort und würde ihre rechte Hand für diesen Betrieb geben.

Schon an der Tür wurde sie mit freundlichen Neujahrsgrüßen empfangen und erwiderte sie fröhlich. Sie hatte sich fest vorgenommen, dieses Jahr zu ihrem Jahr zu machen. Es reichte, dass sie den ganzen Neujahrstag in Selbstmitleid zerfließend und mit ihrem Schicksal hadernd vor sich hin sinniert hatte, bis sie endlich auf dem Sofa eingeschlafen war.

Als sie am Morgen erwacht war, hatte sie die Sinnlosigkeit ihres sich selbst zerfleischenden Selbstmitleids erkannt und sich überlegt, dass es so mit ihr nicht mehr weitergehen konnte. So hatte sie beim Frühstück beschlossen, ihrem Leben eine neue Wendung zu geben und sich nicht mehr so runterziehen zu lassen. Sie hatte schließlich einen tollen Job, verdiente gut, hatte eine schöne Wohnung und war gesund. Das wollte sie sich vor Augen halten und nichts anderes.

Außerdem beschloss sie, dass sie sich nicht mehr von ihrer biologischen Uhr und ihrer Familie bedrängen lassen durfte.

Als ihre Schwester Karin ihr erstes Kind bekam und ihr langsam bewusstwurde, dass sie selbst bald eine alte Schachtel war, begann sie mit Männern zu schlafen, um schwanger zu werden. Und dann, nach ihrem vierunddreißigsten Geburtstag, als ihr plötzlich nach einer Liebesnacht mit einem gutaussehenden jungen Mann auffiel, dass er nicht im geringsten Anstalt machte, sich ihr für weitere Treffen aufzudrängen, wurde ihr bewusst, dass sie ihre besten Jahre hinter sich hatte und es nicht leichter für sie wurde. Er hatte vor dem Sex ein ganzes Arsenal Kondome ausgepackt und sie war sich nicht sicher, ob er nicht sogar drei übereinander stülpte, weil es ewig dauerte, bis er endlich bereit war. Der Sex war zwar prickelnd gewesen, weil er göttlich gebaut war und so süß mit Grübchen lächelte, aber auch erschreckend kurz und nichts, um auch nur in die Nähe eines Orgasmus zu kommen. Danach war er aufgestanden, hatte noch einmal höflich gelächelt und war gegangen. Kein: „Können wir uns noch einmal treffen?“ Kein: „Ich glaube, ich habe mich in dich verliebt! Wollen wir zusammenbleiben?“ Gar nichts!

Nicht, dass sie darauf eingegangen wäre. Gott bewahre! Aber so gar keine Möglichkeit zu haben, dem Mann der letzten Nacht noch einen Tritt in den Allerwertesten zu geben, nachdem man gnädig lächelnd über seinen Anflug von romantischen Liebesbeteuerungen hinweggesehen hatte, war nicht leicht zu verkraften. Und einzusehen, dass er nicht der Vater des Wunschkindes werden würde, war bedrückend, aber erst noch kein Drama. Aber diese Fälle häuften sich und sie war bald so weit, von sich aus die Männer zu fragen, ob es vielleicht eine Zukunft geben könnte, nur um sie noch öfters ins Bett zu kriegen. Schleichend und fast unbemerkt war aus ihr das weinerliche, einsame Mäuschen geworden, das sich aufdrängte und die Männer um mehr anbettelte, nur um ihre biologische Uhr zu übertölpeln und der Einsamkeit ein Schnippchen zu schlagen. Aber die Männer waren nie um Ausreden verlegen.

Das war der Punkt, an dem sie wusste, dass alles zu spät war und sie es nur noch mit größter Mühe schaffen konnte, einen Mann für sich zu gewinnen, der zur rechten Zeit seinen Freund am rechten Ort platzierte. Von einem Mann für eine gemeinsamen Zukunft ganz zu schweigen. Mit reiner Überredungskunst war da nicht mehr viel zu gewinnen.

Gut, es gab Anwärter, die wollten sie und waren bestimmt zu allem bereit. Aber was sollte sie mit dem kahlen Nerd aus der Entwicklungsabteilung, der mit seinem Computerprogramm umgehen konnte, aber ansonsten offensichtlich weit entfernt von jeglicher Realität war. Isabels Gewissen mahnte beständig, dass der Vater ihres Kindes unbedingt ein Minimum an Intelligenz, Charakter und Schönheit mitbringen und vor allem Gefühle bei ihr auslösen sollte, um etwas zu haben, an dass man sich gerne erinnerte. Das war ihr wichtig. Sie wollte das Kind ansehen und sich daran erinnern, was sie mit dessen Vater verbunden hatte. In dem Punkt kam zumindest Isabels romantische Ader durch, die sich den Traumprinzen aber schon abgeschminkt hatte. Genauso wie den Traum von dem schönen, unglaublich süßen und lieben Kurztrip ins Glück, der wissentlich mit ihr ein Kind zeugte, weil er sie für die unglaublichste Frau in seinem Leben hielt und wert genug, um seine wertvollen Gene weiterzuverbreiten.

Aber vielleicht wollte ihr Körper kein Kind mit einem Unbekannten, der keine Gefühle in ihr auslöste. Vielleicht waren Gefühle der Erfolgsgarant für eine Schwangerschaft. Irgendwelche Gefühle. Es mussten schließlich nicht alles niederringende, große, romantische Gefühle sein. Sie wäre schon froh, wenigstens etwas zu fühlen. Aber auch das fiel ihr immer schwerer. Wahrscheinlich steuerten ihre Hormone allmählich schon die Talfahrt an und begannen den Wunsch nach zwischenmenschlichen Freuden zu reduzieren.

Das war ein erschreckender Gedanke, den Isabel lieber verdrängte. So versuchte sie sich auf das zu konzentrieren, was sie hatte: ihren Job. Und sie musste sich zusammenreißen und den wieder meistern, wie sie es all die Jahre gemacht hatte.

Leider war ihr dahingehend in den letzten Monaten etwas der Elan abhandengekommen. Sie hatte dummerweise einige Böcke geschossen, die sie nur durch die Gutmütigkeit ihrer Chefin überstanden hatte. Aber die wusste noch nicht den neusten Clou ihrer einst besten Mitarbeiterin, die sich auf den Bereichsleiter der Logistikabteilung namens Hardy Meiners eingelassen hatte. Cornelia wird ihr bestimmt nicht gerade hoch anrechnen, dass die sich mit einem verheirateten Mitarbeiter der Firma eingelassen hatte. Ihre Chefin mochte so etwas gar nicht.

Niemals, in all den vergangenen Jahren, hatte Isabel damit gerechnet, dass sie dermaßen in eine Kurzschlusspanik verfallen könnte und sich damit sogar geschäftsschädigend verhalten würde. Und Hardy und ihre missratene Beziehung mit ihm waren der Höhepunkt einer langen Reihe dummer Fehlentscheidungen.

Aber jetzt hatte sie beschlossen, das neue Jahr zu ihrem werden zu lassen. Mit dem Beginn des neuen Jahres, und ihren Vorsätzen, sah sie sich in der Lage, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen. Wer brauchte schon eine nervende Beziehung und eine Familie mit quengeligen Kindern, wo man doch einen tollen Job hatte, der einen hoffentlich genug stresste, um jeglichen Anfall von Trübsal blasen im Kein zu ersticken.

„Hallo, ja, Ihnen auch ein schönes, neues Jahr. Klar habe ich schön reingefeiert“, verkündete Isabel einige Male, bevor sie den Fahrstuhl erreichte. Dabei warf sie ihre langen, braunen Haare nach hinten und ging erhobenen Hauptes durch das riesige Gebäude.

Sie fuhr mit dem Lift nach oben und betrat das obere Stockwerk. Hier war zum größten Teil die Chefetage, und Isabel steuerte das große, helle Büro an. Ihr riesiger Schreibtisch mit Blick auf den kleinen See, der auch zu dem Grundstück gehörte, erwartete sie, und ihre neue Aussicht auf einen arbeitsreichen Beginn des neuen Jahres. Doch noch bevor sie ihren Schreibtisch erreichte, schwang die Tür hinter ihr auf und ihre Chefin trat ein.

„Guten Morgen und ein schönes neues Jahr wünsche ich dir!“, rief sie freudestrahlend und gutgelaunt.

Isabel legte ihre Tasche an die Seite und ließ sich von der blonden, schlanken Frau umarmen.

„Das wünsche ich dir auch, Cornelia.“

„Dann wollen wir das neue Jahr mal anlaufen lassen. Ich hoffe, es wird so erfolgreich wie das vergangene.“ Lächelnd lief sie zu einer weiteren Tür, die fast an Isabels Schreibtisch angrenzte. Sie stieß sie auf und verschwand dahinter, als im gleichen Moment auch schon das Telefon auf Isabels Schreibtisch läutete. Isabel hörte Cornelia noch rufen: „Ich bin noch nicht im Haus!“, bevor ihre Tür zuschlug und die andere Tür vom Flur her sich öffnete.

Isabel griff über ihren Schreibtisch hinweg zum Hörer und meldete sich. Während sie dem Anrufer lauschte, schaltete sie den Computer an.

„Nein, tut mir leid. Frau Albers ist noch nicht im Haus. Aber wenn sie Sie zurückrufen soll, dann werde ich ihr das ausrichten. Sie können mir aber auch sagen, worum es sich handelt.“

Isabel spürte heißen Atem an ihrer Schulter und sah auf.

Hardy stand lächelnd hinter ihr.

Sie sah ihn fassungslos an. Es war das erste Mal, dass er sich von seinem entfernten Stützpunkt in die Chefetage verirrte. Dabei versuchte sie zu erfassen, was der Telefonteilnehmer am anderen Ende ihr mitteilte.

„Hm, das ist in der Tat etwas seltsam. Ich werde das gleich überprüfen und Frau Albers ausrichten. Sie wird sie dann verlässlich zurückrufen. Und ich werde Ihnen die nötigen Unterlagen zusenden“, versuchte sie den Kunden zu beruhigen und fühlte sich schon am ersten Tag des neuen Jahres überfordert. Sie warf Hardy einen düsteren Blick zu und sah zu dem freien Schreibtisch hinüber, der noch auf seinen Einsatz wartete, und zu Cornelias Tür, die gottseidank verschlossen war.

„Das tut mir wirklich leid. Ich werde sehen, was da schiefgelaufen ist und wir melden uns dann bei Ihnen so schnell es geht. Auf Wiederhören!“

Isabel warf den Hörer auf das Telefon und fauchte Hardy an: „Was willst du hier? Dass du dich noch unter meine Augen traust!“

„Aber Mäuschen! Es tut mir schrecklich leid wegen Silvester. Ich wollte gerade zu dir, als meine Eltern überraschend vorbeikamen. Ich konnte ihnen doch nicht sagen, dass ich noch auf Silvester ausfahre, während meine Frau mit den Kindern Zuhause bleibt. Versteh doch! Meine Eltern sind in solchen Dingen echt spießig. Bitte verzeih mir. Ich mache alles wieder gut.“

Isabel war einen kurzen Moment versucht, ihm wirklich zu verzeihen. Doch dann hörte sie wieder das Gelächter und die laute Musik, die sie gehört hatte, als sie fast schon früh am Morgen bei ihm angerufen hatte. Sie glaubte ihm kein Wort.

„Verschwinde! Ich möchte nicht mehr, dass wir uns treffen. Hast du verstanden?“ Sie wollte ihrer Stimme etwas mehr Nachdruck und einen bösen Unterton verleihen, aber sein verletzter Gesichtsausdruck ließ ihre Stimme nur traurig und niedergeschlagen klingen. So setzte er auch gleich an, es noch einmal zu versuchen. Doch Isabel winkte ab: „Vergiss es. Es ist mir wirklich ernst. Ich brauche keinen von euch Trotteln. Ihr seid es doch alle nicht wert, sich mit euch einzulassen.“

Puh, das klang gar nicht nett. War sie in der letzten Nacht etwa zu einer emanzipierten Frau herangereift, die wirklich meinte, was sie sagt?

Irgend so ein hirnloses Männchen in ihrem Inneren schrie: „Vergib ihm! Sonst bist du wieder völlig allein und deine vielleicht letzte Chance ist vertan.“

Nur mit Mühe konnte sie diese Stimme überhören. Die Sache mit der starken Frau gefiel ihr.

Geschlagen drehte Hardy sich um und ging langsam zur Tür. Bevor er sie hinter sich zuschlagen ließ, drehte er sich noch einmal um. Sein Blick war herzerweichend.

„Trotzdem Danke für die schönen Rosen. Aber es ist besser so“, rief sie ihm hinterher und setzte sich an den Schreibtisch.

Über sein Gesicht schob sich einen kurzen Moment lang ein überraschter Ausdruck. „Welche Rosen?“ Doch als Isabel schnell abwinkte, ging er.

Also waren die Rosen nicht von ihm.

Wieder wurde die Tür aufgerissen und Tanja kam im Eilschritt herein. „Hallo. Ein frohes Neues wünsche ich dir! Ich hatte doch glatt einen Platten … und das im neuen Jahr. Das fängt ja gut an.“

Sie hing ihre Jacke auf und setzte sich an den Schreibtisch, um den Computer hochzufahren.

„Was wollte dieser Kerl denn hier drinnen?“ Sie wies mit dem Kinn auf die Tür, hinter der Hardy kurz vorher verschwunden war. „Du hast doch nichts mit dem, oder?“

Isabel schüttelte den Kopf und erwiderte aufgebracht: „Wie kommst du denn darauf? Der ist doch verheiratet!“

„Ich meine nur. Was ich von dem schon alles gehört habe. Naja, ist auch egal. Ist die Chefin schon drinnen?“

„Ja, aber wir sollen noch keine Gespräche durchstellen. Aber … was … was hast du denn von dem gehört?“ Isabels Hand wedelte in Richtung Tür, hinter der Hardy verschwunden war, als wäre das eigentlich gar nicht von Belang. Aber ihr Herz begann unruhig zu schlagen.

Tanja sah noch einmal prüfend in einen Spiegel, den sie in ihrer untersten Schreibtischschublade immer bereitliegen hatte, und strich sich das kurze, blonde Haar zurecht. Dann sah sie ihre Tischnachbarin an. Sie machte eine wegwerfende Handbewegung und packte den Spiegel zu den anderen Schminkutensilien. „Ach, das ist so ein Weiberheld. Trotz Frau und Kinder. Der kriegt jede! Das behauptet er zumindest, der Spinner. Der ist sowas von eingebildet, hält sich für den Größten und Schönsten und ist dabei ein völliges Arschloch. Und er macht einen beschissenen Job, habe ich gehört. Wenn er Pech hat, ist er bald seinen Posten als Logistikleiter los, weil er ständig irgendeinen Scheiß fabriziert.“

„Ach so“, schaffte Isabel nur zu erwidern und starrte auf die vielen Zahlen und Adressen, die der Computer ausspuckte, ohne wirklich etwas zu sehen. Sie wusste nur zu gut, wie es um seinen Einsatz für die Firma stand. Sie selbst hatte den einen oder anderen Fehler von ihm in den letzten vier Wochen ausgebügelt. Aber damit war jetzt Schluss. Und wenn er auch nur einem verriet, dass sie sich von ihm erweichen lassen hatte, dann wird sie sogar selbst dafür sorgen, dass er nicht mehr länger in dieser Firma tätig ist.

Sie sah in Tanjas blaue Augen, die sie herausfordernd musterten, als sie nichts weiter dazu sagte. Wahrscheinlich wusste sie sowieso schon Bescheid. Wahrscheinlich wussten alle Bescheid!

Am liebsten würde Isabel sich verkriechen. Warum machte sie sich in den letzten Jahren nur immer wieder zum Gespött der Menschen? Was war nur los? Konnte sie denn wirklich nicht mehr Gut von Böse unterscheiden? War sie nicht mehr in der Lage, vernünftig zu denken? Nah, das wird sich jetzt ein für alle Male ändern.

Eine blecherne Stimme meldete sich. „Isabel, es können jetzt Gespräche durchgestellte werden. Gab es heute Morgen schon etwas Wichtiges?“

„Ja, ein Herr Sachser von der Firma Mellcopp fragte nach, warum die letzte Lieferung ausgeblieben ist und wieso noch kein Katalog für dieses Jahr zugesandt wurde. Ich habe ihn erst einmal vertröstet und suche jetzt die Unterlagen heraus. Ich bringe sie dir dann rein.“

Cornelia bedankte sich nachdenklich und die Verbindung wurde beendet.

„Weißt du etwas darüber, dass die Firma Mellcopp die letzte Lieferung nicht bekommen hat und warum an die Firma keine neuen Kataloge geschickt wurden? Die haben wir doch schon Anfang Dezember verteilt. Da muss etwas schiefgelaufen sein.“ Isabel sah Tanja fragend an, die aber nur unwissend die Schultern hochzog.

Ein ungutes Gefühl beschlich sie. Hatte sie die Sache vielleicht verbockt?

„Mellcopp, Mellcopp …“ Ihr wollte nichts so recht zu dem Namen einfallen. Doch sie war sich darüber im Klaren, dass es durchaus möglich sein konnte, dass sie die Firma irgendwie aus dem Computer gekickt hatte. Auch jetzt fand sie nichts in ihren Listen und sie ging zu dem großen Aktenschrank, um in den alten Karteikarten nachzusehen.

„Tatsächlich. Da ist sie!“ Isabel wurde blas. Das war eine Firma aus ihrem Ressort. Sie ging mit der Karte in der Hand zu ihrem Schreibtisch zurück und gab die Daten neu ein. Der Computer zeigte ihr an, dass diese Firma in einer anderen Rubrik abgespeichert war. Isabel sah nach und fand sie bei den Importeuren wieder.

Das konnte doch nicht sein! In welchem seltsamen Wahn hatte sie denn das verbockt?

„Hast du etwas gefunden?“, fragte Tanja, während sie ihre Finger über die Tastatur jagte, um die Inventur für das vergangene Jahr abzuschließen. Sie musste das bis zehn Uhr dem Chef vorlegen.

Es war Isabel etwas peinlich. Sie war seit fast zehn Jahren hier und solche Fehler durften ihr eigentlich nicht passieren. Dazu kam, dass sie in den letzten Monaten öfters falsche Eingaben gemacht hatte. Das hatte zum Teil verheerende Auswirkungen gehabt. Dazu kamen noch andere Patzer.

„Ich glaube schon. Ich meine, ich weiß es. Es ist wohl mein Fehler. Ich habe das verbockt.“ Isabel seufzte betroffen und fing sich einen beunruhigten Blick von Tanja ein. Sie wusste, dass Isabel im letzten Jahr einige Fehler gemacht hatte, die nicht alle im Verborgenen gehalten werden konnten.

Das kommt nur wegen der Männer. Du läufst schon seit Monaten mit einem Brett vor dem Kopf durch die Welt und hast wirklich lange gebraucht, endlich etwas zu begreifen.

„Jaja!“

„Was sagst du?“, rief Tanja mit einem seltsamen Blick.

„Ach nichts!“ Isabel winkte schnell ab.

Das Telefon läutete und sie nahm den Hörer in die Hand, der tonnenschwer war, und meldete sich. Nach einem kurzen Gespräch stellte sie zu ihrer Chefin durch.

Für sie stand fest, dass sie Cornelia noch am selben Vormittag ihren Patzer beichten musste. Sie schluckte schwer. Diese Fehler kamen in letzter Zeit einfach zu häufig vor. Sie wusste schon, was dann kommen wird …

„Ich glaube, du hast ganz dringend einen längeren Urlaub nötig. Seit vier Jahren lässt du dir das meiste davon ausbezahlen, ohne wirklich mal länger auszuspannen. Das kann doch nicht gut gehen. Sieh das doch mal ein!“

Isabel hasste das Wort Urlaub. Das hieß morgens aufstehen, nichts mit seinem Tag anfangen zu können, herumzulungern, traurig, überflüssig und nutzlos zu sein.

Sie brauchte diese Firma. Sie brauchte die Menschen hier und die Arbeit. Zuhause war sie nur einsam. Sie hasste diese Einsamkeit, diesen Frust. Es reichte ihr schon, dass sie am Samstagnachmittag oft früh nach Hause gehen konnte und sonntags frei hatte. Sie traf sich dann zwar mal mit Freunden oder ging abends zu einer Geburtstagsparty. Aber ihr Bekanntenkreis bestand immer mehr aus Ehepaaren, die zum Teil schon Kinder hatten, Pärchen, die schon ewig zusammen waren oder den wenigen Singles, bei denen sich das, wie bei ihr, nie ändern wird. Manchmal beneidete sie diese verheirateten, verlobten, verliebten. Doch wie oft wurde sie schon Zeuge von Tragödien. Es hatte schon bitterböse Scheidungen gegeben und Zänkereien. Sie mochte diese Traurigkeit bei anderen nicht, weil sie dann immer mitlitt.

Liebe ist doch nur etwas für Schwachköpfe. Nur ein Mittel, um sich zu Quälen.

Isabel musste erneut an Silvester denken und die vielen Tränen, die sie geweint hatte. Es war auch wirklich zu dumm, dass man nicht in der Lage war, Gefühle aus dem Spiel zu lassen. Eine Beziehung ohne Liebe und Gefühle … nur blanker, wilder Sex …

Schön wärs, wenn das ihr Ding wäre. Aber der bloße Gedanke daran trieb ihr die Schamröte ins Gesicht. Außerdem musste sie feststellen, dass solche Begegnungen meist ziemlich unbefriedigend verliefen. Es musste schon mehr sein. Sie musste wenigstens das Gefühl haben, dass sie ihrem Bettgefährten auch wirklich echte und aufrichtige Gefühle entgegenbrachte … oder ihn zumindest irgendwie mochte. Meistens entpuppte sich das zwar sehr schnell als Fehlfunktion einer ihrer Gehirnregionen, aber der Sex wurde damit zumindest angenehmer.

„Isabel, es klingelt. Soll ich abnehmen?“

Isabel griff schnell zum Hörer und meldete sich. Tanja sollte nicht merken, dass sie mit ihren Gedanken wieder einmal weit weg gewesen war.

Auch das zweite Telefon läutete und Tanja übernahm. Langsam wurde es rege. So liebte Isabel das. Dann wurde sie zumindest von ihren Gedanken abgelenkt. Außerdem gewann sie so Zeit, um sich eine plausible Erklärung für die erneut aufgetretenen Missstände auszudenken, die sie ihrer Chefin noch beichten musste.

Aber ewig konnte sie das nicht hinausschieben und was dann geschah würde sich zeigen.

Erschöpft und unzufrieden fuhr Isabel am Abend in die Garage, die sie vor zwei Monaten endlich mieten konnte. Damit war ihr heißgeliebter Beetle nicht mehr schutzlos dem Wetter ausgesetzt.

Sie nahm die Tüte mit dem gebratenen Huhn in süßsaurer Soße vom Beifahrersitz und ging über den Hinterhof, um das Haus herum, zur Eingangstür. Noch bevor sie ihren Schlüssel aus der Handtasche geklaubt hatte, wurde die Tür von innen aufgezogen und ein Mann sprang ihr eilig entgegen.

Isabel stolperte erschrocken zur Seite und umklammerte ihr Huhn in Soße.

„Guten Abend!“, meinte sie gehörte zu haben und sah dem Davoneilenden hinterher. Doch ihr Blick erhaschte nur noch die dunkelblonden, welligen Haare und die große, schlanke Gestalt in einem ziemlich konservativen Anzug.

Schnell schlüpfte sie durch die Tür ins Haus und ließ sie kopfschüttelnd zuschlagen. Sie hatte diesen Typ hier noch nie gesehen. War das ein neuer Nachbar?

„Ist doch egal“, ermahnte sie sich aufgebracht, weil ihr Innerstes schon wieder zu lechzen begann, wie ein Hund nach einem fleischigen Knochen in erreichbarer Höhe.

Schnell ging sie die Treppe zu ihrer Wohnung hinauf, wo ihre Atemwege immer noch einen aufregenden, männlichen Aftershaveduft wahrnahmen. Sie reagierte schon immer besonders auf Aftershaves und dieses war extrem angenehm.

Als wolle ihr Gewissen sie an andere Aftershaveerlebnisse erinnern, kam ihr Carsten in den Sinn. Der hatte sich immer so viel eines furchtbar süßen Duftes ins Gesicht, und auch sonst wohin, geschmiert, dass ihr davon regelmäßig schlecht wurde. Als sie ihm das sagte, meinte er nur, dass sie ihn nicht wirklich lieben würde, wenn sie seinen Duft nicht ertrug, - und ging.

An ihrer Wohnungstür angekommen, wurde ihr bewusst, dass immer noch dieser Duft in der Luft lag. Isabel sah sich um. War dieser Mann vielleicht hier oben vor ihrer Tür gewesen? Nichts deutete darauf hin und sie verwarf den Gedanken. Mehr als ihren Namen auf dem Klingelknopf gab es hier auch nicht zu sehen. Wahrscheinlich war er in einer der unteren Wohnungen gewesen und der Duft war bis hier heraufgezogen.

Sie schloss aber dennoch beunruhigt die Tür auf und betrat vorsichtig die Wohnung. Doch hier war dieser Geruch definitiv nicht vorhanden.

Schnell schloss sie die Tür wieder zu, um ihn gar nicht erst in ihre Wohnung ziehen zu lassen. Dort hatte Männerduft nichts zu suchen … vor allem nicht, wenn der dazugehörige Mann ausblieb.

Sie warf ihre Jacke über den Küchenstuhl und setzte ihr Tütenhuhn auf den Tisch. Im Wohnzimmer drückte sie den Anrufbeantworter an, der zwei Anrufe anzeigte und hörte sich kurz das Band an. Das erste war ihre Mutter, die sie für Sonntag zum Essen einlud. Das zweite war von Susanne, die ihr mitteilte, bei wem sich diese Woche der Handarbeitsclub traf.

Isabel holte einen Teller und Besteck und setzte sich seufzend an den Küchentisch. Sie aß ohne viel Appetit das Huhn. Vielleicht sollte sie sich diese Woche einmal aufraffen und ihre gehäkelte Spitze einpacken und wieder einmal hingehen. Sie hatte es in dem letzten halben Jahr auf ganze zehn Zentimeter Spitze gebracht und würde das Ding wohl in hundert Jahren nicht fertigbekommen. Sie muss an geistiger Umnachtung gelitten haben, als sie sich dazu überreden ließ, dort mitzumachen.

Sei nicht albern. Ein Treffen mit ein paar Frauen wird dir ganz guttun. Wo es keine Männer gibt, gibt es auch keine Probleme.

Blödsinn! Bei diesen Frauentreffen wurden doch Probleme erst zu welchen gemacht. Fühlte man sich vorher kerngesund, wurde man dort über alle möglichen Erkrankungen, und vor allem bevorzugt „Krebsleiden“, aufgeklärt. Wer hinterher nicht die eine oder andere Krankheit an sich entdeckte, muss schwer von Begriff sein.

Wer Kinder hat, stellte bald fest, dass bei der Prahlerei der anderen über ihren Nachwuchs man selbst nur einfältige Kreaturen auf die Welt gebracht hat. Unfähige Lehrer und Kindergärtnerinnen gaben einen weiteren Lieblingsgesprächsstoff ab. War dann auch dieses Thema erschöpft, hatte bestimmt die eine oder andere noch etwas über seltsame Todesfälle im Ort oder wenigstens über eine Affäre eines Nachbarn oder einer Nachbarin zu berichten. Dabei kam es nicht selten vor, dass so manch eine das wichtige Häkeln oder Stricken ganz vergaß.

Isabel schob den Rest des Huhns weit von sich und streckte ihre Beine erschöpft unter dem Tisch aus. Irgendwie fühlte sie sich diesen Frauensitzungen im Moment gar nicht gewachsen. Sie hatte schließlich auch nichts zu bieten. Keine Kinder und deren Lehrer, keine Krankheiten und keine nennenswerten Beziehungen oder gar einen fremdgehenden Ehemann. Nein, sie hatte nur ihre Arbeit und die interessierte niemanden.

Mit Schrecken fielen Isabel die Vorkommnisse dieses Tages ein. Das war ein ausgesprochener Scheißtag gewesen. Dass ihr das mit der Firma Mellcopp passiert war, erweckte in ihrem Magen das Huhn in süßsauer Soße wieder zum Leben. Jetzt wusste sie den Namen und würde ihn bestimmt so schnell nicht wieder vergessen. Außerdem waren ihr noch weitere Patzer passiert. Sie hatte einige Rechnungen angemahnt, obwohl diese schon beglichen waren, eine falsche Warenliste an ihre Chefin weitergereicht, die den Kunden deshalb etwas anpries, was er gar nicht haben wollte, und zwei Bestelllisten vertauscht, woraufhin zwei Firmen beinahe mit falscher Ware beliefert wurden. Letzteres wurde allerdings durch die Achtsamkeit des Logistikleiters Hardy Meiners verhindert.

Ironie des Schicksals. Aber er war ihr diese Kleinigkeit sowieso schuldig.

Naja. Dann kam, was kommen musste. Cornelia hatte ihre „langjährige rechte Hand“ vor ihrem Nachhausegang nochmals an die Seite genommen und sie lange angesehen. Dann hatte sie mit sorgenvoller Miene gefragt: „Was ist nur in letzter Zeit mit dir los? Du bist so zerstreut und unkonzentriert, dass ich versucht bin, dir einen Zwangsurlaub zu verpassen. Vielleicht sollte ich dich in eine Kur schicken?“ Cornelia hatte dabei beide Hände auf Isabels Schultern gelegt.

Sie war für Isabel nie wie eine Chefin gewesen, sondern immer wie eine große, in letzter Zeit sehr besorgte Schwester.

„Nein, bitte nicht! Ich werde mich jetzt auch zusammenreißen und verspreche dir, dass so etwas nicht mehr vorkommen wird.“

Isabel waren dabei Tränen in die Augen getreten und sie hatte sich so unglaublich niedergeschlagen gefühlt. Was sie jetzt auf keinen Fall gebrauchen konnte war Urlaub!

„Macht dir denn dein Beruf gar keinen Spaß mehr? Du bist so zerstreut und wirkst unzufrieden.“

„Doch! Ich liebe meinen Job!“, hatte Isabel gerufen.

Cornelia nickte daraufhin nur und sah sie unschlüssig an. „Ich werde mit meinem Mann sprechen. Mal sahen, was der sagt.“

Für Isabel hatte das wie eine Drohung geklungen. Sie kannte den Chef gut. Er war ein netter Mann und schätzte sie als langjährige Mitarbeiterin. Doch seine Firma stand für ihn immer im Vordergrund und er würde nicht zögern, sie sogar zu kündigen, wenn sie untragbar wurde. Nur von Cornelia konnte sie etwas Nachsicht erwarten.

So saß sie nun an ihrem Küchentisch vor dem halb aufgegessenen Huhn von ihrem Lieblingschinesen und stützte frustriert ihren Kopf in den Händen ab.

Was, wenn die jetzt ernst machen? Entlassen werden sie sie wohl nicht gleich, aber vielleicht wird ihr Chef sie erbarmungslos beurlauben. Was sollte sie dann machen?

Wieder schossen ihr Tränen der Verzweiflung in die Augen. Unwillig schüttelte sie den Kopf. Sie war so schrecklich deprimiert und weinerlich in letzter Zeit, dass es schon zum Fürchten war. Vielleicht wurde sie langsam geisteskrank wie ihre Tante Ingeborg? Oder es lag einfach an der Jahreszeit und am Vitamin D Mangel. Schon immer schlugen ihr die dunklen Wintertage etwas aufs Gemüt. Doch niemals so stark wie dieses Jahr. Und sie war doch erst sechsunddreißig Jahre alt, also noch kein Alter für die Wechseljahre. Oder?

Das Wort ließ das Huhn in ihrem Magen auch noch Samba tanzen. Wechseljahre hieß Schluss mit allem. Damit war der letzte Zug unwiderruflich abgefahren. In drei Monaten wurde sie schon siebenunddreißig. Wo war nur die Zeit geblieben? Was war aus ihren Träumen geworden?

Es war schon seltsam. Früher hatte sie noch an die große Liebe geglaubt, wollte heiraten, Kinder kriegen und alles tun, um den Mann an ihrer Seite glücklich zu machen.

Der Mann an ihrer Seite …

Isabel verdrängte die aufkommenden Gedanken daran. Eigentlich hatte es in ihrem Leben nur einen Mann gegeben, den sie sogar heiraten wollte.

Nicht diese Geschichte! Du wusstest in dem Alter noch gar nicht, was heiraten eigentlich heißt.

Doch! Sie glaubte damals, dass er der Richtige für immer und ewig war. Lange war sie ihm hinterhergelaufen und lange hatte er ihr ganzes Sein und Handeln bestimmt. Aber er wollte sie nicht!

Das war ein dunkles Kapitel in ihrem Leben, dass sie besser unangetastet ließ.

Da warst du jung und dumm! Sehr jung und dumm, und nicht mal volljährig. Also vergiss das endlich.

Isabell seufzte auf. Dieses Kapitel aus ihrer Jugendzeit zu vergessen war aussichtslos. Immer wieder hatte sich in den vergangenen zwanzig Jahren diese tiefe, aber nicht erwiderte Liebe an die Oberfläche gespült. Und wie immer folgen auch diesmal die anderen zwischenmenschlichen Missgeschicke ihres Lebens auf dem Fuße. Denn niemand von ihnen hatte je wieder die Gefühle in ihr wecken können wie Cedric. Er war immer ihr goldener Ritter auf dem schneeweißen Pferd geblieben, der alles verkörperte, was sie sich wünschte.

Das lag einzig und allein daran, dass er dich von Anfang an links liegen gelassen hatte. Er war immer unnahbar gewesen und deshalb konnte daraus auch keine missratene Beziehung werden.

Isabel wollte daran nicht denken. Dass Cedrik und sie nie eine Chance hatten, lag an dem damaligen schlimmen Schicksalsschlag und an nichts anderem. Sie wollte weiterhin daran glauben, dass er es sonst für sie gewesen wäre.

Ihr Gewissen reagierte mit einem grummelnden Abwerten dieses Gedankenganges, das ihr ein flaues Gefühl in der Magengegend bescherte. Deshalb dachte sie schon fast panisch an die anderen Männer in ihrem Leben, um da ja nichts nachkommen zu lassen. Und da hatte es einige gegeben. Aber keiner war so gewesen, wie sie ihn sich gewünscht hatte. Sie wollte einen Freund, einen Gesprächspartner, einen Seelenklempner, einen Schmeichler, einen Liebeshungrigen, der aber jederzeit ein Nein akzeptierte und einen, der immer mit ihr durch dick und dünn ging. Er sollte immer zu ihr halten, sie unglaublich und bedingungslos lieben und vor der Welt beschützen und sie doch niemals einengen. Außerdem musste sie ihn auch lieben und immerwährende tiefe Gefühle sollten sie verbinden. So sollte ihr Traummann sein. Dazu kam natürlich noch, dass er ausgesprochen kinderlieb, absolut treu und ein leidenschaftlicher Hausmann sein sollte - und ihr bedingungslos ergeben.

Bedingungslos ergeben …?

Erneut schüttelte etwas ihr Gewissen wach und Isabel kämpfte energisch darum, die aufkeimenden Gedanken nicht an die Oberfläche dringen zu lassen. Aber erfolglos.

Es hatte ihn gegeben. Den bedingungslos Ergebenen. Cedrics jüngerer Bruder Till. Er und seine beiden älteren Geschwister lebten in dem großen Gut neben ihrem Zuhause aus Kinderzeiten. Und Till war es, dem sie wissentlich mehrmals das Herz gebrochen hatte. Ihre ganze Kindheit lang hatte er es ihr immer wieder zu Füßen gelegt. Erst hatte sie es genossen, seine ständige Aufmerksamkeit zu haben. Aber später wollte sie das nicht mehr und machte ihm das erbarmungslos klar, völlig davon überzeugt, dass sie eine Berechtigung dazu hatte, weil sie einen anderen liebte.

Du warst noch ein Kind!

Mit dieser Ausrede tröstete Isabel sich lange, wenn sie die Erinnerungen an ihre Kindheit überfielen und ihr Gewissen und ihr Selbstbewusstsein marterten. Ihr Gewissen litt bei den alten Geschichten, weil Isabel wusste, dass sie Till immer wieder wehgetan hatte, obwohl er ihr bester Freund gewesen war. Und ihr Selbstbewusstsein, weil sie sich selbst verletzt und ungeliebt gefühlt hatte, weil Cedric sie ignoriert hatte. Schließlich wollte sie nur ihn, doch der hatte sie nie auf seinem Radar.

Manchmal kam es ihr so vor, als hätte sie, bevor sie volljährig war, schon all ihr Pensum an Liebe verschossen, das dieses Leben für sie vorgesehen hatte.

Sie musste an ihr damaliges Zuhause denken, dass ihre Familie bewohnt hatte. Es war ein altes Heuerhaus, das im Schatten des riesigen Guts der Familie Schneider stand. Es war ein uraltes, wunderschönes Fachwerkgebäude gewesen, mit einer riesigen Diele und einem urigen Dielentor, kleinen Butzenfenstern und einem eigenen Brunnen, der ihre Fantasie immer besonders beflügelt hatte. Der Holzdeckel auf der etwa einen Meter hohen, gemauerten Einfassung verschloss die Untiefen einer anderen Welt vor ihrer und ließ weder die Monster aus der Unterwelt heraus noch die Frösche zum Küssen.

Sie hatte dieses Haus geliebt, aber es wurde ihr fast zum Verhängnis. Eines Tages brannte es lichterloh und ihr Vater hatte sie und ihre Schwester gerade noch rechtzeitig retten können. Deshalb waren sie damals weggezogen und sie musste ihrer schönen Kindheit Lebewohl sagen - und ihrer Liebe.

Nein, an Cedric wollte sie nicht mehr denken. Jeder Gedanke an ihn schmerzte seltsamerweise immer noch. Wahrscheinlich wird es das auch noch auf ewig tun. Er war der Mann, den sie für sich und ihr Leben auserkoren hatte, der sie sogar lange in ihren Träumen verfolgte und der sie niemals wollte. Vielleicht gab es keinen Märchenprinzen für sie, weil sie Cedric nicht bekommen hatte.

Hör auf mit dem Scheiß. Was hättest du bei ihm gehabt? Er ist nie auch nur im Ansatz ein Märchenprinz gewesen.

Für Isabel damals schon. Auch wenn er ein seltsamer, komplizierter Junge war, den sie nie ganz verstand und der ihr durchaus auch mal Angst machen konnte. Sie hatte erlebt, wie er seinen kleinen Bruder vor ihren Augen misshandelt und quält hatte. Er war eigentlich kein netter Mensch. Überhaupt nicht. Dennoch hatten ihre Gefühle sich auf ihn ausgerichtet. Sie mochte seine braunen Haare, seine braunen Augen und seine süße Nase. Er war nicht besonders groß, aber durchaus gut gebaut. Und wenn er sich ihr gegenüber mal ein wenig netter gab als bei allen anderen, dann konnte sie das richtig glücklich machen. Dann hatte sie das Gefühl, etwas Besonderes zu sein.

Was dich an ihm hängen ließ war dein gottverdammtes Helfersyndrom. Du glaubtest ständig ihm helfen zu müssen.

„Er hatte es auch nicht leicht. Sein Vater war früh bei einem Treckerunfall ums Leben gekommen und Cedric musste das Gut führen, als er nicht mal fünfzehn war“, verteidigte Isabel sich und ihn in Gedanken.

Aber er wollte deine Hilfe nicht. Er wollte nichts von dir und hat dir das auch gezeigt, wo er konnte. Du hast das bloß nicht geschnallt!

Doch, das hatte sie. Aber sie konnte das nicht glauben. Sie war damals der Meinung, wenn sie sich in jemanden verliebt, so richtig, mit Herz und Verstand, dann wird er das auch erwidern.

Du warst schon immer dumm und naiv. Wieso glaubst du, dass dich überhaupt jemand will!

Erbarmungslos drängen sich ihre Reinfälle mit dem anderen Geschlecht an die Oberfläche als würden sie ihr etwas klarmachen wollen. Dabei war sie in den letzten Jahren mit ihren Ansprüchen schon ganz schön in den Keller gegangen. War sie nicht sogar schon dazu übergegangen, jeden für in Ordnung zu befinden, der sich nicht ganz so dämlich anstellte und ihr netterweise das eine oder andere Getränk spendierte, was ein gewisses Maß an Interesse an ihr zeigte? Wenn sie nun so darüber nachdachte, musste sie sich eingestehen, dass ihre letzten Liebhaber sowieso nur noch einem Minimum dessen entsprachen, was ihr eigentlich so vorschwebte. Manchmal nicht mal mehr das.

Wieder marterte sie ihr Selbstwertgefühl und versuchte ihr klarzumachen, dass ihre Chancen längst verspielt waren. Das brachte ihr Selbstmitleid auf den Plan, das heiße Tränen über ihre Wangen rollen ließ.

Isabel starrte mit verschwommenem Blick auf das Gemisch gelber Soße, aus dem noch hier und da ein weißes Fleischstück herausragte, sowie ein paar Morcheln und Bambussprossen. Ein Häufchen Reis schien die gelbe Flüssigkeit magisch anzuziehen.

Sie schob energisch den Teller noch weiter von sich weg.

„Wo bist du nur geblieben, Traumprinz? Wo nur?“ Ihr Blick lief wie zufällig zu dem kleinen Eckregal mit den Rosen in der weißen Vase.

Die roten Rosen! Wenn sie nicht von Hardy waren, von wem dann?

Sie zählte in Gedanken ihre Verflossenen auf, die ihr vielleicht so noch einmal einen netten Gruß zum neuen Jahr senden wollten. Aber Isabel konnte sich nicht denken, warum sie die Rosen vor die Tür gelegte hatten und nicht hereingekommen waren?

Vielleicht hatte derjenige nur Angst, dass du dich ihm voller Verzweiflung an den Hals wirfst und ihn mit Selbstmord drohst, wenn er dich nicht in den nächsten fünf Minuten zu einem Traualtar schleppt und mit dir ein Kind zeugt.

Das war gemein. So verzweifelt war sie gar nicht. Und sie wollte doch gar nicht heiraten. Ein Mann für immer - daran glaubte sie sowieso nicht mehr. Wenn sie darüber nachdachte, fiel ihr auch niemand ein, mit dem sie wirklich jeden Tag zusammenhocken wollte, dem sie die Wäsche waschen und den sie bekochen und bemuttern wollte. Nein, dazu war sie wahrscheinlich schon zu lange Single, um damit noch zurecht zu kommen.

Aber ein Kind …!

Isabel seufzte auf und unterdrückte die erneut aufsteigenden Tränen.

Warum gab es keine Automatik, die bei einer Frau den Kinderwunsch nur einschaltete, wenn sie den passenden Mann dazu hatte? Ansonsten blieb man von jeglichem Gedanken an so ein kleines Wesen verschont. Und warum war es so schwer, einen passenden Mann zu finden?

In den letzten Jahren hatten alle bei ihr eine faire Chance gehabt, außer … na gut, Michael hatte sie mit vielen bösen Worten rausgeschmissen, nachdem sie ihn mit einer anderen Frau auf ihrem Sofa erwischt hatte. Dieses Schwein!

Sie schüttelte mit zusammengekniffenen Augen den Kopf. Der bloße Gedanke an ihn ließ ihren Magen noch mehr rebellieren. Dabei hatte sie ihm einen Job besorgt und ihn bei sich wohnen lassen, weil er angeblich eine schlimme Zeit hinter sich hatte.

Der hatte ihr bestimmt keinen netten Neujahrsgruß gesendet. Sie hatte die Frau nackt vor die Tür gejagt und ihm ein blaues Auge verpasst.

Aber auch sonst fiel ihr keiner ein. Detlef war ihr erster fester Freund mit Beziehungsstatus gewesen. Aber das hielt nicht, weil er nach England ging, um zu studieren. Charly folgte und machte Schluss, nachdem ihn endlich die Frau erhört hatte, die er eigentlich liebte. Dann folgte Ronny, der mit ihrem Wesen nicht klarkam. Er wollte eine Frau, die genauso gerne jede Party mitnahm wie er und die abends gerne bei einem Joint entspannte und der freien Liebe frönte. Es folgten etliche No-Name-Nummern, bis sie Carsten traf, mit dem sie das Geruchsproblem hatte. Danach kam Michael, den sie von der Straße aufgabelt hatte und bei sich wohnen ließ. Aber der gabelte auch mit Vorliebe Menschen von der Straße auf, während sie arbeitete. Und zwar vornehmlich weibliche. Nach ihm begann sie sich darauf zu konzentrieren, einen Mann für gewisse Stunden zu finden, um einfach nur schwanger zu werden. Aber das bescherte ihr mehr Desaster, als ihr lieb war und brachte nichts. Und dann die Sache mit Hardy auf der Weihnachtsfeier, was wohl eine völlige Kurzschlussreaktion gewesen war.

Eigentlich sollte ihr mittlerweile klar sein, dass dieses Leben nicht dafür gedacht war, es mit einem Mann glücklich und in trauter Zweisamkeit zu verbringen. Das sah ihr Seelenplan wohl nicht vor … oder sie war irgendwann falsch abgebogen.

Der Gedanke machte sie noch trauriger.

Verdammt, was soll das? Hatten wir nicht gerade erst eine klare Vereinbarung getroffen? Warum hängst du jetzt schon wieder hier rum und denkst an nichts anderes als an das, an das du nicht mehr denken wolltest?

Isabel ignorierte ihr Gewissen. Der Gedanke mit dem falschen Weg hatte sie schon oft befallen. Aber sie wusste nicht, wann sie einen anderen Weg hätte einschlagen können oder wann ihr Leben nicht mehr dem Plan gefolgt war? Vielleicht schon in ihrer Kindheit, als alles so schrecklich konfus war und sie schon viele falsche Entscheidungen getroffen hatte, an die sie aber nicht mehr denken will. Außerdem gab es damals nicht die Möglichkeit, etwas anders laufen zu lassen, weil ihre Gefühle nicht mitgespielt hatten, oder derjenige ihre Gefühle nicht erhörte, dem sie ihre für immer schenken wollte.

Sind wir wieder an dem Punkt, den Schuldigen zu benennen? Der, dem du deine Gefühle ein Leben lang vor die Füße kippen wolltest und der sie mit den Selbigen trat, bis sie nur noch Mus waren.

Oh Mann, bloß nicht! Cedric war tiefste Vergangenheit. Ein Kindheitstraum. Er konnte sie nur noch in ihren Träumen erreichen, die ihn aber immer mal wieder heraufbeschworen, als könne etwas in ihr ihn einfach nicht loslassen.

Isabel stand auf und schlurfte ins Wohnzimmer. Sie warf sich auf das kleine, geblümte Sofa und schaltete den Fernseher ein, um alte Erinnerungen nicht wieder hochquellen zu lassen. Sie hatte viele Jahre gebraucht, um sich von ihnen zu lösen und den Plan, mit Cedric das Leben zu leben, nicht mehr als ihre Bestimmung anzusehen. Sie hatte lange nicht verstanden, warum Cedric ihr gegenüber all die Jahre so unnahbar geblieben war, obwohl sie damals davon überzeugt war, dass er sie lieben muss oder dies irgendwann tun wird. Schließlich wollte sie mit ihm alles durchstehen, ihm bei allem helfen und hätte für ihn vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung auf dem Gut geschuftet.

Sie hatte sich lange damit getröstet, dass es nur der Hausbrand gewesen war, der diesen Traum zerstört hatte.

Isabel verdrängte mit aller Kraft die alte Geschichte. Es liefen die Nachrichten des Tages und sie konzentrierte sich auf die. Aber auch da war alles was sie sah: Das Leben ist nun mal beschissen, gewöhn dich daran.

Vielleicht sollte sie mal wieder bei ihrer alten Schulfreundin Kerstin anrufen? Sie könnte sie fragen, wie es ihr so geht und was sie so macht und ihr nachträglich ein gutes, neues Jahr wünschen.

Kerstin hatte es tatsächlich geschafft in ihrem hohen Alter von sechsunddreißig Jahren noch einen Kerl abzubekommen, der sie sogar vor kurzem geheiratet hatte. Unglaublich!

Natürlich war Peter kein Mann, den Isabel genommen hätte. Aber Kerstin meinte, dass er wirklich lieb und toll ist, sie liebt und man die Witwenrente als verheiratete nicht außeracht lassen darf, wenn er den Löffel abgibt. Doch Isabel hatte keine Lust sich den Bericht der tollen Hochzeitsreise anzuhören, der dann anstehen würde.

Ihr fiel ihre andere Schulfreundin ihres damaligen Dreiergespanns ein. „Na gut, dann rufe ich halt Britta an.“

Britta hatte sie seit mehr als einem Jahr nicht mehr gesprochen. Das lag daran, dass die wenig Zeit hatte, seit sie den Buben zur Welt gebracht hatte. Außerdem herrschte dort wieder ungetrübte Familienidylle, seit der Zuwachs die Zweisamkeit mit ihrem Mann wieder gefestigt hatte. Davor sah es kurz so aus, als würden sie sich scheiden lassen.

Isabell wählte deren Nummer und drückte den Hörer ans Ohr, obwohl sie alles wollte, nur nicht telefonieren.

„Rittler!“

„Hallo, Britta. Ich bin es, Isabel!“

„Oh, Isabel! Das ist wirklich nett, dass du mal anrufst. Aber …“ Ein kurzes Stöhnen war zu hören. „Ich kann jetzt leider nicht! Nils holt gerade den Wagen aus der Garage. Wir bekommen unser zweites Baby!“ Halb weinend, halb lachend drangen ihre Worte an Isabels Ohr.

„Mein Gott, das ist ja …!“ Isabel wusste nicht, wie sie das finden sollte. „Okay, ich wünsche dir alles Gute! Meldet euch, wenn es da ist.“

„Machen wir! Ich muss jetzt!“ Brittas gepresste Stimme wurde undeutlich und machte dem Besetztzeichen Platz.

Isabel saß wie betäubt vor dem Telefon und hielt den Hörer immer noch an ihr Ohr. Sie beneidete ihre Freundin. Sie hatte alles. Einen mittlerweile wieder netten Mann, ein Haus und bekam gerade das zweite Kind. Gerade jetzt, in diesem Augenblick.

Isabel legte langsam den Hörer auf und schüttelte über sich selbst den Kopf. Sie wusste, sie wollte nichts mehr von Britta und ihrem neuen Baby hören. Das riss sie nur noch tiefer in eine Depression.

Eigentlich hattest du doch immer dein Leben vor allen als Perfekt hingestellt, und die Frauen als bemitleidenswert bedauert, die sich abhängig von ihren Männern machten, indem sie sich durch ein Kind an den Haushalt banden.

Das war alles nur Show. Isabel konnte sich vielleicht nicht mehr vorstellen einen Mann fest in ihr Leben zu integrieren. Aber sie wollte auch nicht für immer allein sein. Sie sah ihr Leben als in eine Sackkasse gefahren an, wenn es so blieb, wie es war. Sie brauchte endlich einen anderen Einfluss in ihrem Leben, der es aufwertete. Und sie wusste genau, was das sein konnte. Sie wollte ein Kind. Aber woher nehmen, wenn nicht stehlen?

Wenn du mit einem Mann ins Bett gehst, bloß um ein Kind zu bekommen, ist das auch eine Form von stehlen.

Quatsch. Das ist etwas ganz anderes. Außerdem würde sie es nur darauf anlegen, wenn Gefühle mit im Spiel waren. Oder zumindest Achtung voreinander, gepaart mit der Bereitschaft, dem Schicksal eine Chance zu geben.

Isabel seufzte tief auf. Ja, ein Kind wäre ihr Traum. Aber der Gedanke daran brachte auch ein gewisses Maß an Unbehagen mit sich, wenn sie sich die letzten Zusammentreffen mit Männern vor Augen hielt. Sie konnte sich eigentlich nicht vorstellen, ein Kind anzusehen und sich nur an dessen Vater als versoffenen Willigen auf einer Party zu erinnern, der nur hirnlos einen wegstecken wollte.

Ach so? Komisch, ich kann mich an den einen oder anderen besoffenen Willigen ohne nennenswerten Gefühlsparameter erinnern, der nur vögeln wollte.

Isabel schüttelte unwillig den Kopf und ging zum Sofa zurück, um sich darauf zusammenzurollen.

Das war dumm und nur eine Kurzschlussreaktion. Mehrere Kurzschlussreaktionen. Oh Mann! Was soll sie nur tun?

Sie war verzweifelt und sah für sich keinen Ausweg.

Um ihre Gedanken zu übertönen, machte sie den Fernseher lauter. Sie musste sich auf das konzentrieren, was dort ablief. Und das war mittlerweile ein Film, in dem eine Frau darüber sinnierte, ob sie den richtigen Mann am nächsten Tag heiraten würde, oder ob sie doch besser den Jugendfreund nahm, den sie als Trauzeugen eingeladen hatte und der sie mit heißer Sehnsucht in den Augen die ganze Zeit anstarrte.

Isabel drehte sich vom Fernseher weg und schloss die Augen.

Du musst dir eine Perspektive suchen, einen neuen Weg, irgendetwas, was dich aus dieser Ausweglosigkeit befreit.

Ihr Verstand suchte nach einem Ziel, das sie sich setzen konnte und das sie ausfüllen würde. Sie brauchte unbedingt endlich etwas, das sie glücklich machen würde und ihr die Einsamkeit nahm. Es musste doch irgendetwas für sie geben!

Aber ihr wollte einfach nichts einfallen.

Doch so reichte ihr das Leben nicht mehr. Sie brauchte mehr! Vielleicht sollte sie sich doch einen Hund anschaffen? Aber der würde ihr viel Arbeit machen und herumbellen. Außerdem waren keine Tiere in den Wohnungen erlaubt.

Ein Goldfisch, mit dem sie reden konnte, der ihr nie widersprechen würde und wenn sie ihn nicht zu oft fütterte, sich sogar freuen würde, wenn er sie sah und sie ihm etwas in sein kleines Glas warf. Das wäre noch eine Möglichkeit.

Wenn sie ihn aber zu oft vergaß? Sie war in letzter Zeit sehr vergesslich. Ob der das wohl ein paar Tage aushielt? Er würde sich noch nicht einmal durch Rufen bemerkbar machen können.

Nein, der würde bei ihr bestimmt einen qualvollen Tod sterben. Sie war also weiter dazu verdammt, allein und einsam zu leben … und vielleicht sogar bald beurlaubt.

Erschöpft und traurig ließ sie sich nur zu gerne in den Schlaf fallen, der sie immer mehr übermannen wollte. Schlafen hieß vergessen und vergessen hieß, dass alles erträglicher erschien. Zumindest für eine Weile.

Ein neuer Weg

Etwas riss Isabel erbarmungslos aus dem wundervollsten aller Träume. „Nein, nicht aufwachen …!“

Lautes Getöse, quietschende Reifen, Gebrüll und jede Menge Schüsse prasselten auf sie ein und ließen sie sich erschrocken aufsetzen. Einige Augenblicke starrte sie noch auf das Szenario auf dem Bildschirm, dann drückte sie mit der Fernbedienung den Fernseher aus. Sofort folgte Stille und seichte Dunkelheit.

Fassungslos ließ sie sich auf das Sofa zurückfallen und versuchte den unglaublich schönen Traum wieder heraufzubeschwören, den der Kugelhagel im Fernsehen gnadenlos beendet hatte. Oder war es ihr Herz gewesen, das sich aufgebäumt und sie damit in die Gegenwart gerissen hatte?

Ein tiefer Seufzer drang aus ihrem Inneren empor und ließ alles in ihr wohlig und zugleich aufgebracht vibrieren, während sie dem Traum nachsinnierte.

Sie sah sich erneut die Straße vor ihrer Wohnung hinunterlaufen, seltsam verängstigt und verstört, als wäre sie vor etwas auf der Flucht. Plötzlich, wie aus heiterem Himmel, war Cedric vor ihr aufgetaucht. Sie hatte ihn die Straße hochkommen gesehen … beschwingt, jugendlich, schön. Seine braunen, welligen Haare fielen auf seine Schultern und seine braunen Augen leuchteten ihr entgegen. Sein Lächeln ließ ihr Herz höherschlagen und seine Schritte wurde schneller, als er sie erkannte. Ja, so war es in ihrem Traum gewesen. Ganz genau so. Er freute sich darüber, sie zu sehen. Es war, als hätte er sie gesucht und endlich wiedergefunden. Als er sie erreicht hatte, nahm er sogar ihre Hand fest in seine, dass es Isabels Herz fast sprengte - und er zog sie mit sich mit, als wolle er sie nie wieder verlieren. Sein Blick war dabei voller Freude auf ihr Gesicht geheftet und er hatte leise aber bestimmt zu ihr gesagt: „Komm Isabel. Ich nehme dich mit zu mir.“

Und sie hatte seine Zuneigung zu ihr regelrecht spüren können, hatte in seinen Augen gesehen, dass er sie wollte und alles in ihr hatte glücklich zu strahlen begonnen. Denn sie wollte nichts anderes als ihn und seine Zuneigung. In dem Moment war sie die glücklichste Frau auf der Welt.

Ein Traum mit Cedric. Sie hatte schon lange keinen mehr geträumt, und daher barg dieser eine gewaltige Kraft, die ihr Innerstes erwärmen konnte.

Nein, lass es nicht wieder zu. Das ist Kinderkram. Cedric ist Kinderkram. Du bist jetzt eine gestandene Frau Mitte dreißig und darfst dich nicht mehr von einem Traum mit Cedric, und nur durch ein Lächeln und Händchen halten, einlullen lassen. Das ist falsch! Alles an den Träumen mit Cedric ist falsch. Du weißt das!

Isabel wusste das tatsächlich. Aber ihn zu sehen und zu fühlen war so unsagbar tröstlich gewesen. Und es weckte die alte Sehnsucht zu ihm, wie jedes Mal, wenn sie in den letzten Jahren von ihm geträumt hatte.

Nein, mach das nicht. Du hast nur verdrängt, was damals wirklich war … wie er wirklich war.

Isabel wollte das schöne Gefühl und die Vertrautheit und Geborgenheit, die sie in ihrem Traum kurz gespürt hatte, nicht verlieren. Auch wenn ihr klar war, dass es nur wieder ein dummer Traum war. Cedric hatte ihr in Wirklichkeit nie auch nur im Ansatz diese Gefühle entgegengebracht. Aber sie hatte viele Jahre ihrer Jugend damit verbracht, sich das zu wünschen und immer wieder auszumalen.

Nun ließen sich die Gedanken nicht mehr zurückhalten. Nun war das Tor zu ihren Erinnerungen aufgerissen und sie ließen sich nicht mehr stoppen.

Isabel schloss betroffen die Augen und ließ sie hochquellen.

Cedric war damals nicht wie in ihren Träumen. Er lächelte fast nie, er schien nicht mal zu Gefühlen fähig zu sein und neigte eher dazu, schnell durchzudrehen. Er erschien vielen damals als seltsam verschlossen und einige Leute hielten ihn sogar für verrückt. Aber Isabel wollte nichts davon wissen. Sie glaubte, dass es die Umstände waren, die ihn zu dem gemacht hatten, was er war. Und sie wollte ihm beistehen. Es schien ihr, als wäre es ihre Aufgabe, ihm, wobei auch immer, zu helfen.

Aber Cedric wollte diese Hilfe nie. Da war eine Kluft zwischen ihnen gewesen, die sie nicht zu überbrücken geschafft hatte. Und Cedric wollte diese Kluft auch nicht überbrücken, obwohl er bestimmt wusste, was sie für ihn empfand. Während sie alles tat, um ihm nahe zu sein, hielt er sich immer möglichst von ihr fern.

Cedric war damals fast zwanzig und dennoch hatte er sie nie geküsst oder auch nur angefasst. Sie selbst war damals fünfzehn und zu allem bereit.

Als sie sich einmal auf einer Party trafen, was schon unglaublich selten vorkam, tat sie so, als wäre sie angetrunken und setzte sich auf seinen Schoß.

Erst war er etwas pikiert darüber, dann scheuchte er sie schnell auf einen Stuhl neben sich, als würde er sich sonst an ihr verbrennen. Als sie einen erneuten Versuch startete, ließ er sie wenigstens auf seinem Schoß sitzen und sie war einen Augenblick glücklich. Aber er blieb kalt und zurückhaltend und als sie sich in seinen Arm kuscheln wollte, von ihrem Erfolg beseelt, stieß er sie zu Boden.

Es schien immer so, als könne er mit ihrer Nähe nicht umgehen. Dann wurde er nervös und fast ein wenig panisch.

Aber sie war so unglaublich auf ihn fixiert gewesen. Da halfen nicht mal die Sprüche über Cedric, in denen er als durchgeknallt deklariert wurde. Isabel glaubte an das Gute in ihm und nichts konnte die Liebe zu ihm zerstören, bis eines nachts ihr Haus zu brennen begann und ihre Familie gerade noch rechtzeitig daraus fliehen konnte. Es hieß damals, dass Cedric das getan hatte.

Aber sie glaubte das keinen Augenblick. Cedric hätte ihr so etwas niemals angetan.

Sie zogen erst in die nahe Stadt zu ihrem Onkel und dann dort in eine Wohnung, wofür Isabel die Schule wechseln musste. Ihre Eltern wollten nicht in das Haus zurückkehren, obwohl es wieder aufgebaut und erneut vermietet wurde. Isabel erklärten sie nie, warum. Und für Isabel begann ein neues Leben und sie ging bald darauf weit weg in eine Lehre und lernte Detlef kennen.

Mit diesem Brand hatte für sie die erzwungene Abnabelung von Cedric begonnen. Das alles war wie das Bekämpfen einer Sucht gewesen, die sie erst in den Griff bekam, als sie sich auf andere einließ.

Seitdem folgten viele Männer und dennoch träumte sie nur von ihm so unglaublich mitreißend. Dabei hatte sie nie etwas Vergleichbares mit ihm erlebt. Denn den Cedric aus ihren Träumen gab es nicht und seine Ablehnung von damals steckte ihr bis heute in den Knochen. Dabei glaubte sie, dass er sie eigentlich mochte. Sie glaubte es sogar so fest, dass sich dies wohl in ihre Träume hinübergerettet hatte und sie bis heute immer noch bestimmte. Aber was wirklich damals alles geschehen war, hatte sich irgendwie aus ihrem Inneren herausgespült. Sie konnte sich kaum noch an etwas, außer ihren Gefühlen zu Cedric, erinnern, die von ihren Träumen aufrechterhalten wurden. Nur an den Schmerz, als sie gehen musste, konnte sie sich erinnern, auch wenn er heute nur ein Abklatsch dessen war, was sie damals wirklich gefühlt haben musste. Diese Zeit war irgendwie wie mit einem dunklen Tuch überdeckt, dass das wirkliche Ausmaß bestimmt nur übertünchte.

Hatte das eine Bedeutung? Wollte ihr Schicksal ihr damit etwas sagen? Hatten die Träume eigentlich einen tieferen Sinn, den sie nicht erkannte? Sollten sie ihr zeigen, dass er es immer noch für sie war?

Ein Gedanke schoss ihr plötzlich durch den Kopf, den sie gar nicht so schnell greifen konnte, wie er von ihrem Inneren wieder als unmöglich verworfen wurde.

Isabel setzte sich auf und starrte mit großen Augen in die seichte Dunkelheit ihres Wohnzimmers. In ihrem Inneren fing ein Orkan zu toben an.

Vergiss es! VERGISS ES!

Aber dieser Gedanke ließ sich nicht mehr vertreiben. Er schien irgendwo schon festzusitzen und ihr Körper reagierte einen Augenblick mit Panik. Doch da war auch Hoffnung und ein warmer Hauch eines unglaublichen Glückgefühls, das sie verspürte. Genauso wie in ihrem Traum.

Isabel versuchte den Gedanken, der dieses Getöse ausgelöst hatte, zu fassen und hatte Angst, dass er verschwand, wie dieser Traum und ihre Erinnerungen an damals. Darum versuchte sie ihn festzuhalten, aus dem Schleier zu reißen, der ihn in das Vergessen ziehen wollte, und ihn wieder ins Licht zu zerren.

Cedric ist offenbar der Einzige in deinem Leben, zu dem deine Liebe niemals gestorben ist.

Dieser Gedanke drängte sich aber eher resigniert an die Oberfläche. Aber er musste stimmen, sonst würde sie nicht von ihm so träumen. Wenn er sie damals gewollt hätte … sie hätte alles mit ihm durchgestanden. Sie liebte ihn. Aber das war nun alles kalter Kaffee und mehr als zwanzig Jahre her.

Damals war sie noch voller Begeisterung für ein Leben auf einem Gut gewesen, wollte den ganzen Tag Tiere versorgen, Rasen mähen, aus Beeten Unkraut jäten und einen Mann versorgen.

Nein, du wolltest nicht irgendeinen Mann, du wolltest Cedric und du wolltest ihm bei der schwierigen Aufgabe, dieses riesige Gut zu bewirtschaften, helfen. Du hattest das Gefühl, er brauchte diese Hilfe und du wolltest sie ihm geben. Dafür hättest du dich sogar mit Haut und Haaren verkauft.

Isabel schüttelte den Kopf, als ihr klar wurde, was sie damals wirklich alles für ihn getan hätte. Sie hatte diesen Umstand in ihrem Leben völlig verdrängt. Sie war damals zu allem bereit gewesen, wenn er ihr dafür seine Zuneigung geschenkt hätte. Völlig verrückt. Aber das brennende Haus hatte sie davor bewahrt, sich noch tiefer in diese Liebe zu verstricken, die kaum verständlich und nur in ihrer kindlichen Fantasie begründet gewesen sein musste.

Etwas in ihr begehrte dagegen auf. Sie wollte ihre Gefühle für ihn nicht so herablassend sehen. Nicht nach diesem Traum, der sie immer noch in ihrem Inneren tief berührte.

Aber Cedric war mittlerweile auch schon über vierzig. Heute wäre ein Leben mit ihm undenkbar. Sie brauchte die Anerkennung anderer Mitarbeiter, einer Chefin und die Herausforderungen in einer großen Firma. Sie wollte, dass viele Leute sagen: „Die Isabel Iding, die ist wirklich klasse und so schlau!“

Sie fand den Gedanken sogar abschreckend, wieder aufs Land zu ziehen und sich mit Schmutz und Tierdung abzugeben. Früher war sie gerne auf dem Gut gewesen. Heute würden sie keine zehn Pferde dort hinbekommen, um dort zu leben, mal ganz zu schweigen von heiraten und sich abhängig machen.

Aber Cedric schien auch keine Frau an seiner Seite haben zu wollen. Soweit sie wusste, hatte er nie geheiratet. Und auch damals gab es keine Freundin oder andere Frauen in seinem Leben als seine Mutter und seine Schwester. Sie hätte das ändern wollen.

Du warst keine Frau, sondern eine dumme, naive Göre. Was sollte er mit dir?

Er war meistens anderen Menschen gegenüber unnahbar. Auch wenn er manchmal etwas aufzutauen schien, schaffte sie es nie, ihn aus der Reserve zu locken. Nur in ihren Träumen schenkte er ihr Beachtung.

Isabel erstarrte.

Dort hatte sie eine Bedeutung für ihn und dort wollte er sie.

Isabel horchte benommen in sich hinein. Aber ihr Gewissen schien dazu keinen Kommentar abgeben zu wollen. Seltsam!

Aufgewühlt zog sie aus einem kleinen Zigarettenetui eine Zigarette. Mit dem Kerzenanzünder zündete sie sie an und inhalierte den Rauch. Ihr Magen drehte sich augenblicklich und sie musste husten. Es war Wochen her, als sie die letzte Zigarette geraucht hatte. Das Zigarettenetui war eigentlich nur noch für Besucher gedacht, die sich besonders wohl fühlen sollten.

Lüg dich nicht selbst an. Du hast das für Hardy gekauft, damit er immer etwas zu Qualmen hat.

Isabel wartete, doch ihr Gewissen machte keine Bemerkung über die Zigarette in ihrem Mundwinkel.

Sie lehnte sich zurück.

Cedric …!

Isabel konnte nicht fassen, dass ein Traum von ihm sie so niederdrückte und gleichzeitig in den Himmel hob.

Das ist sentimentaler Quatsch. Du bist nur durcheinander. Überlege doch mal, wie nervtötend eure Zusammentreffen früher schon waren. Er wollte dich damals schon nicht!

Offenbar war ihr Gewissen nun doch wieder ganz wach.

Nein, nein, nein! Das stimmte nicht. Irgendwie wollte er sie damals vielleicht doch. Doch er wusste das nur nicht. Damals …!

Isabel strich sich die Haare zurück. Sie schloss die Augen und sah ihn plötzlich wieder vor sich. Er stand vor ihr wie ein leuchtender Gott, lächelte sie an und reichte ihr seine Hand. „Komm Isabel!“ Und sofort spürte sie wieder diese Wärme wie in ihrem Traum.

So ist er nicht. So war er nie! Außerdem ist er nun zwanzig Jahre älter.

Das Gefühl aus dem Traum schmolz in sich zusammen.

Und er wollte sie tatsächlich damals nicht.

Isabel starrte betroffen zum Fenster, hinter dem sich die dunkle Nacht spiegelte, und langsam schlug noch eine letzte Welle des Gefühls in ihr hoch, das der Traum in ihr hinterlassen hatte. Und plötzlich überkam sie sowas wie ein sehnsuchtsvoller Wunsch, Cedric einmal wiederzusehen. Wie er jetzt wohl aussah und ob er immer noch ihr Herz berühren würde, wenn sie ihm noch einmal begegnete?

Betrink dich, nimm eine Schlaftablette oder spring aus dem Fenster. Aber hör auf damit!

Nur einmal! Ich möchte doch nur wissen, ob ich noch immer etwas für ihn empfinde.

Erst langsam wurde ihr klar, was sie sich da gerade wünschte. Einen Moment nahm ihr dieser Gedanke den Atem. Ihr war noch nie in den Sinn gekommen, sich noch einmal Cedric und ihrer Vergangenheit zu stellen. Der Gedanke, ihn wirklich wiederzusehen, ihm gegenüberzustehen und sich mit ihren alten Gefühlen auseinanderzusetzen ließ es in ihrem Bauch seltsam eng werden.

Das kannst du nicht wirklich wollen.

Doch!

Dieser neue Gedanke begann Isabel aufzurühren. Er war erregend und abschreckend zugleich und alles in ihr wollte ihn eigentlich verwerfen. Außerdem, wie sollte sie das auf die Reihe bekommen? Sie hatte ihn seit ihrem 15 Lebensjahr nicht mehr gesehen und konnte doch nicht einfach zu ihm gehen und sagen: „Hallo, da bin ich. Ich dachte mir, ich schau mal, wie du es so hast und ob du mit mir eine Nacht verbringen willst.“

Isabel nahm dieser Gedanke einen Moment lang die Luft.

Plötzlich schien ihr alles so glasklar. Fast war es so, als wäre alles in ihrem Leben nur auf diesen Punkt hinausgelaufen. Sie wollte Cedric wiedersehen, diesen Traum mit ihm endlich verwirklichen und weiter ausbauen, um ihn für ihr restliches Leben als Erinnerung in sich zu tragen … und vielleicht sogar dabei ein Kind mit ihm zeugen.

Dieser Gedanke nahm ihr ganz die Luft. Ein Kind von Cedric! Mit der Erinnerung an ihren Traum gepaart, entstand etwas in ihr, dass sich wie die unsagbare Vorfreude aller Weihnachten und Geburtstage in ihrem Leben anfühlte.

Sie wollte ihn wiedersehen, und vielleicht eine Nacht mit ihm verbringen … nur eine Nacht. Sie wollte ihren Traum einmal Wirklichkeit werden lassen. Mehr nicht.

Dieser Gedanke machte sie ganz schwindelig, weil er auch gleich einen anderen aufkeimen ließ. Vielleicht hätte das Schicksal sogar ein Einsehen und würde ihr wirklich aus nur einer Liebesnacht ein Kind schenken. Fast erschien es ihr so, als könne das nur eine Vorsehung sein, die schon seit immer in den Arsenalen der Welt geschrieben stand und nur auf die Erfüllung wartete. Daher die Träume von ihm. Das Schicksal hatte ihr diese Wegweiser geschickt.

Der Gedanke elektrisierte sie immer mehr.

Überwältigt setzte Isabel sich auf. In ihrem Kopf überschlug sich alles.

Ja natürlich. Wieso sollte sie auf ein Kind verzichten, bloß weil sich kein Hammel finden ließ, der es mit ihr großzog? Sie brauchte niemanden, außer einen Erzeuger. Und den hatte sie schon immer gehabt. Cedric! Er war es früher für sie gewesen und wahrscheinlich schon ihr Leben lang. Wenn er der Vater ihres Kindes werden würde, dann hätte sie alles, was sie sich je gewünscht hat. Dann hätte sie ein Kind - aus Liebe gezeugt und etwas, dass sie für immer mit jemanden verband, dem sie schon vor langer Zeit ihr Herz geschenkt hatte. Auf Ewig.

Isabel griff nach dem Kissen und zog es sich in die Arme. Langsam stand sie auf und schob sich an dem Tisch vorbei.

Außerdem würde sie ihn weiterhin in ihren Träumen haben und es würde darin endlich ein vielzugestaltendes Happy End geben. Und sie würde dieses eine Mal auskosten, es bis ins Unendliche genießen. Denn es würde das letzte Mal in ihrem Leben sein.

So ein hysterischer Quatsch. Du bist doch wohl nicht ganz bei Trost. Das macht der doch nie mit. Oder meinst du, du brauchst dich nur vor ihm zu räkeln und er reißt sich gleich die Klamotten vom Leib? Der wollte dich doch damals schon nicht!

Isabel drückte das Kissen fester an sich. Langsam begann sie sich tanzend zu drehen.

Das schaffe ich schon. Ich muss es irgendwie schaffen! Ich bin kein Kind mehr, dass darauf wartet, dass er den ersten Schritt macht. Ich werde es tun. Ich bin stark und weiß, was ich will.

Ja, das war eine Perspektive. Dies war ein Gedanke, den man ausbauen konnte. Das war ein unglaubliches Ziel für das neue Jahr.

Beschwingt durch diesen Gedanken, der einen aufregenden Gefühlsturm durch ihren Körper jagte, ging sie ins Schlafzimmer. Etwas in ihrem Inneren schien noch nicht daran glauben zu wollen, dass ihr etwas Derartiges gelingen konnte. Doch Isabel wollte daran glauben. Mehr als an alles andere. Es erfüllte ihr Herz mit Liebe und Zuversicht … und Spannung! Einer unbändigen Spannung und Unternehmungslust … und Lust auf das Leben.

„Dort in die Ecke stelle ich das kleine Bettchen oder vielleicht auch eine schöne Wiege mit Spitzenhimmel … und dort passt noch der Wickeltisch hin. Das wird so genial.“

Isabel drehte sich ein paar Mal um sich selbst und tanzte, das Kissen wiegend, durch den Raum. Vor dem großen Spiegel blieb sie stehen. Sie streckte den Bauch aus und strich sich darüber.

„Ich werde immer für dich da sein und die Jagd nach einem Mann fürs Leben wäre mit Cedric im Herzen für immer beendet. Genauso, wie er schon immer in meinen Träumen erschien, würde er auch weiterhin in mir bestand haben. Durch dich!“

Wieder tanzte sie durch den Raum zum Fenster.

Gerade, als sie nach dem Schalosienband greifen wollte, fiel ihr Blick auf das dunkle Fenster gegenüber. Die Glut einer Zigarette wurde sichtbar und verglomm im nächsten Moment wieder. Nur wie ein Schatten war eine Gestalt zu erkennen.

„Ach du Scheiße …“, entfuhr es ihr. „Dieser Spanner!“

Sie ließ schnell die Schalosie herunter und trat vom Fenster weg.

Ob der wohl auf eine Fortsetzung von neulich wartete? Der denkt bestimmt, dass sie öfters so etwas macht.

Sie spürte die Hitze auf ihren Wangen. Hoffentlich begegnet sie ihm nie auf der Straße. Sie würde vor Scham versinken.

Isabel sah wieder in den Spiegel und bemerkte die Röte auf ihren Wangen. Egal! Sie würde sich schon Ende des Jahres keine Sorgen mehr um Männer machen. Für sie gab es nur noch den einen, und sie sah ihn lachend auf sich zukommen, ihre Hand greifen und sie mit sich mitziehen und sie hörte sich fragen: „Cedric, was hast du vor?“

Seine braunen Augen blitzten auf und er flüsterte leise: „Dasselbe wie du.“

Isabels Gewissen murrte aufgebracht: Du bist doch vollkommen verrückt!

Ja! Und es ist so schön, verrückt zu sein.

Doch plötzlich erstarrte sie in ihren Bewegungen. Was ist, wenn Cedric bereits eine Frau hat? Sie hatte nie etwas davon gehört und er galt lange als Junggeselle. Aber das konnte sich durchaus inzwischen geändert haben.

Sie sah sich im Spiegel an und raunte, nun nicht mehr voller Glückseligkeit, sondern eher kampfbereit: „Das finde ich schon heraus.“ Aber etwas in ihr war sich sicher, dass das Schicksal ihren vorgesehenen Plan wieder aufgenommen hatte und es diesmal der richtige Weg war.

Mit diesem neuen Plan im Kopf bekam Isabels Leben einen neuen Aspekt, der sie mit Elan und Vorfreude den Januar überstehen ließ. Dazu hatte sie ihrer Schwester Karin sogar den längst fälligen Besuch abgestattet. Da die mit ihrer Familie in einem Nachbarort und ihre Schwiegereltern sogar im gleichen Ort wie Cedric lebten, hatte Isabel so gehofft an referenztaugliche Informationen zu gelangen. Aber Karin hatte anderes im Sinn. Sie klagte ihrer Schwester ihr Leid wegen ihrer Ehe, und dass Klaus sie betrogen hatte, wahrscheinlich sogar mehrmals, viel auf dubiose Geschäftsreisen fuhr und Karin mit allem allein ließ. Nur auf Umwegen und über einige Hindernisse hinweg konnte Isabel in Erfahrung bringen, dass das Gut der Schneiders immer noch von Cedric allein geführt wurde. Aber mehr wollte Karin über dieses für sie völlig unwichtige Thema nicht sprechen. Schließlich hatte für sie das, was auf dem Nachbarsgut aus Kindertagen stattfand, keinerlei Bedeutung. Sie erwähnte nur herablassend, dass Cedric immer noch der alte zu sein schien und keiner ihn wirklich mochte. Außerdem galt das Gut nicht gerade als Vorzeigeobjekt.

Isabel reichte das. Cedric war allein, höchstens noch unterstützt von seiner Mutter, die aber schon in einem biblischen Alter sein musste. Und die Vorstellung, dass Cedric immer noch sein Leben allein meisterte und von den Einheimischen immer noch abgestempelt wurde, machte sie traurig. Aber für sie hieß das auch, dass sie eine Chance haben würde, ihren Plan in die Tat umzusetzen.

Karin hatte auch zu Cedrics Geschwistern Till und Stefanie nichts gesagt. Sowieso war alles, was sie wollte, ihrer großen Schwester ihr Leid über ihren Ehemann zu klagen und Isabel wollte sich über ihn nicht äußern. Alles, was sie hätte sagen können wäre: „Meine liebe Schwester … nur zu deiner Information: Klaus schmiss sich schon immer auf Gedeih und Verderb an alles Weibliche heran. Ich weiß das, weil ich auch schon eine Nacht mit ihm verbracht habe, ohne ihn länger als drei Drings gekannt zu haben. Außerdem hat er mich damals angebaggert, als du mit Natalie schwanger warst. Aber ich dachte mir, ich erwähne das alles besser nicht …“

Nein, Isabel schwieg. Und raten konnte sie ihrer Schwester auch nichts. Karin hatte diesen Kerl nun mal geheiratet, Kinder mit ihm bekommen und ein Haus gekauft. Das hieß: Alles schlucken.

Isabel konnte und wollte ihr nicht helfen. Sie hatte genug mit sich selbst zu tun.

Mit der Gewissheit, dass Cedric immer noch Junggeselle war, reifte ihr Plan immer mehr heran. Einige Male war sie drauf und dran gewesen, den Weg in ihr altes Heimatdorf anzutreten, um ein wenig zu spionieren. Aber Isabel tat es nicht, weil sie eine seltsame Furcht davon abhielt. Etwas in ihr befürchtete, dass dann etwas passieren könnte, dass sie alles abbrechen ließ. Was das sein könnte, wollte ihr nicht bewusstwerden. Aber ihr war es lieber, alles nur auf die eine Karte zu setzen und somit alle Bedenken erst gar nicht hochkochen zu lassen. Sie würde sich Urlaub nehmen, den in ihrer alten Heimat verbringen und dort Cedric neu kennenlernen. Das war ihr Plan, den sie sich täglich schöner ausmalte und der damit enden würde, dass sie schwanger und mit Cedric im Herzen ein neues Zeitalter antreten konnte.

Aber bis dahin musste sie den Winter überstehen, in ihrem Job alles wieder in die richtigen Bahnen lenken, zeigen, dass sie unentbehrlich war und die Frühjahrskollektion an den Mann bringen.

Dieser Zeitaufschub war ihr mehr als recht. Denn nichts war schöner, als zu träumen und sich alles immer wieder in den schillerndsten Farben auszumalen. Die wirkliche Umsetzung schob sie immer wieder hinaus, bis dann doch Ende März ihr Urlaub beantragt und das Zimmer in dem Gasthaus ihres ehemaligen Heimatortes gebucht war. Sie hatte gerade ihren siebenunddreißigsten Geburtstag hinter sich und fühlte sich dennoch nicht annähernd so niedergeschlagen, wie all die Jahre zuvor. Vielleicht lag das an den Pillen, die sie sich seit Januar jeden Morgen einwarf. F 35 plus - Das Nahrungsergänzungsmittel für die Frau ab 35 mit Kinderwunsch.

Isabel hatte nach ihrem Entschluss, mit Cedric ein Kind zu zeugen, ihre erschreckend geringe Chance für einen guten Ausgang dieses Wunsches erkannt und sich darüber schlau gemacht, was man tun konnte. Unerwarteter Weise war sie auf dieses Mittel gestoßen, dass sogar von einer führenden Kinderwunschklinik angepriesen wurde und so hatte sie sich eine Dreimonatspackung bestellt. Seitdem nahm sie jeden Morgen eine Pille und hoffte darauf, dass ihr Körper für den großen Showdown gewappnet war, der im nächsten Monat anlaufen sollte.

Aber sie war überrascht, wer alles in diesem Jahr zu ihrem Geburtstag aufgetaucht war. Sie hatte wohl in den vergangenen Monaten eine positive Energie ausgestrahlt, die sich zwar niemand erklären konnte, aber die Isabel zu einem erträglichen Menschen gemacht hatte. Selbst ihre Schwester Karin war mit den Kindern vorbeigekommen, obwohl die beiden sich immer noch nicht oft sahen. Isabel wusste, dass war nicht nett ihrer kleinen Schwester gegenüber, deren Ehe wohl nicht das Gelbe vom Ei war. Aber sie sah sich außer Stande, ihr damit zu helfen und hatte keine Lust in Karins Tief gerissen zu werden. Außerdem befürchtete Isabel, dass Karin doch noch hinter ihren Plan kommen könnte und dann hätte Isabel nichts mehr zu lachen. Schon der Umstand, dass sie mit ihrem Lebenswandel ein Kind haben wollte, hätte Karin erschüttert. Aber auch noch Mutter werden zu wollen, ohne einen Vater dazu haben zu wollen, hätte die ganze Familie gegen sie aufgebracht. Und dass der Erzeuger des Kindes Cedric sein sollte, hätte Isabel eine Einweisung ins Irrenhaus beschert. Deshalb hatte Isabel nervös ihr Schlafzimmer abgeschlossen, als der Besuch anstand. Dort stapelten sich schon einige Zufallsschnäppchen. Wenn sie nun abends in ihr Schlafzimmer kam, besah sie voller Freude die kleine Wiege, die sie in einem Warenhaus günstig erstanden hatte. Die Sonntage verbrachte sie entweder damit, Pläne zu schmieden, oder die kleinen Hosen und Pullover, Strümpfchen und Wickelhemdchen nochmals zu bügeln und zusammenzulegen. Irgendwie waren ihr diese Sachen in den Kaufhäusern, die sie neuerdings Samstagnachmittags unsicher machte, in die Finger geraten. Mittlerweile hingen auch unzählige Spieluhren an der Wand und sie drehte gerne eine nach der anderen auf. Hätte jemand davon etwas mitbekommen, hätte Isabel das erklären müssen. Und sie wollte niemandem etwas erklären.

Isabel fürchtete sich davor, dass ihr jemand ihren Traum zerstörte, bevor sie ihn umsetzen konnte. Denn in ihrem Inneren rumorten oft genug Zweifel, die ihr immer wieder gnadenlos zu verstehen gaben, dass sie einen Plan verfolgte, der nur in ihrem Kopf rosarot war.

Sie ignorierte das geflissentlich und hielt sich vor Augen, dass alles in Gang gesetzt war. Im April wird sie sechs Wochen Urlaub haben, in denen sie in ihre alte Heimat zurückkehren will, um sich ihrer Vergangenheit und dem Mann darin zu stellen. Und bis dahin bekämpfte sie alle Zweifel und Ängste, die immer wieder in ihr hochkrochen und sich nicht immer durch schöne Tagträume ausmerzen ließen.

Dazu gab es in letzter Zeit auch noch etwas anderes, was sie beunruhigte. Isabel bekam in den letzten Wochen oft Telefonanrufe, bei denen sich entweder keiner meldete, jemand schnell auflegte oder jemand sich als falsch Verbunden ausgab. Erst dachte Isabel sich nichts dabei, bis ihr eines Tages der Verdacht kam, dass der Mann, der diesmal falsch verbunden war, der gleiche vom letzten und vorletzten Mal war. Das beunruhigte Isabel dann doch etwas. Dazu kam, dass sie nie jemanden sah, der sich ihr auffällig näherte oder dem sie diese Telefonanrufe zuordnen konnte. Sie glaubte fast, dass dieser Kerl so ein Spinner sein muss, der sich eine Nummer aus dem Telefonbuch sucht und dann eine Zeitlang seine Spielchen damit trieb. Sie machte sich daher keine weiteren Gedanken darüber und vergaß über die Tage des Geburtstagsfeierns ganz, dass es diesen Typ überhaupt gab, als ihr Telefon an diesem Abend erneut klingelte.

Isabel war gerade dabei, die Gläser der Besucher vom Vorabend abzuwaschen und legte das Handtuch zur Seite. Sie ging zu dem kleinen Tisch und nahm den Hörer auf, ein müdes: „Isabel Iding!“, raunend.

Es antwortete niemand. Es war noch nicht einmal ein Atemzug zu hören.

Ach, der wieder! schoss es Isabel durch den Kopf und sie wollte gerade genervt auflegen, als eine Männerstimme bat: „Hallo! Bitte legen Sie nicht auf!“

Isabel wusste sofort, dass es der Mann war, der sich sonst als falsch Verbunden gemeldet hatte.

„Sie kennen mich nicht. Aber ich möchte Ihnen trotzdem alles Gute zu ihrem Geburtstag wünschen.”

Isabel war einen Moment sprachlos und schon im Begriff aufzulegen, als ihr Gewissen sich einschaltete.

Immer höflich bleiben, Isabel.

„Danke …“, raunte sie deshalb, konnte aber den aufsteigenden Unmut nicht unterdrücken „Aber woher wissen Sie, dass ich Geburtstag hatte?“

Die Leitung schien erst tot zu sein. Doch dann räusperte sich der Mann und sagte, ohne auf ihre Frage einzugehen: „Es tut mir leid. Ich wollte Sie nicht stören.“

Isabel wollte ihn anfahren, dass er seine blöden Anrufe endlich lassen soll. Aber sie brachte es nicht über sich. Diese Stimme hatte etwas Verletzliches und klang zu nett, als dass sie sie wütend machte, und er hatte bisher nichts Blödes oder Perverses gesagt.

„Sie haben mir noch nicht gesagt, woher Sie wissen, dass ich Geburtstag hatte.“

Sie meinte, ein Seufzen zu hören. Dann antwortete der Anrufer als Erklärung: „Sie hatten in den letzten Tagen viel Besuch und man brachte Ihnen Geschenke mit.“

Isabel versuchte zu erfassen, woher der Typ das alles wissen konnte, als er plötzlich fragte: „Wenn ich Ihnen ein Geschenk machen möchte, würden Sie es annehmen?“

Isabel wusste wirklich nicht, was sie darauf antworten sollte. Darum fragte sie zurückhaltend: „Warum wollen Sie mir etwas schenken? Ich kenne Sie doch gar nicht und Sie mich nicht.“

Lass dich nicht auf so einen Scheiß ein! Solche Leute sind verrückt und wer weiß, was der wirklich im Schilde führt. Nachher bekommst du eine Briefbombe oder dergleichen frei Haus.

Fast schon entrüstet, rief der Mann in den Hörer: „Das stimmt nicht! Ich habe Sie schon oft gesehen und glaube, sie schon gut zu kennen. Und wenn ich das sagen darf: Ich halte Sie für eine sehr schöne Frau, die ihr Leben sehr gut im Griff hat. Ich mag selbstständige Frauen, die ihre Unabhängigkeit behalten. Und …!“ Er stockte verlegen, bevor er leiser raunte: „Und ich hoffe, dass Sie unabhängig und … frei sind. Ich hoffe das sehr.“

Isabel verstand nichts. Was wollte der Typ? Wollte er wirklich bei ihr anbändeln? Und was heißt, er findet sie schön und emanzipiert und frei? Um das zu wissen, müsste er sie beobachtet haben.

Langsam wurde sie nervös. Ihr gefiel nicht, was ihr alles im Kopf herumzuspuken begann.

„Was verstehen Sie unter frei?“, brummte sie.

Die wohltönende tiefe Stimme antwortete: „Nicht vergeben. In keiner Beziehung. Ich habe in den letzten drei Monaten niemanden gesehen, der ihnen etwas zu bedeuten scheint.“

In Isabels Kopf überschlug sich alles. „In den letzten drei Monaten?“

Einen Moment schien ihr Gegenüber zu überlegen, was er noch preisgeben sollte. Doch dann raunte er: „Ich bin vor drei Monaten hergezogen. Aber ich bin viel geschäftlich unterwegs. Daher kann es natürlich sein, dass ich mich irre. Dann täte es mir leid, dass ich Sie belästigt habe.“

Der Typ stalkte sie schon seit drei Monaten? Isabel war völlig sprachlos.

„Bitte, ich möchte nichts weiter, als Sie einmal zum Essen ausführen. Zu ihrem Geburtstag … als Nachbarschaftsgeste.“

„Machen Sie das bei allen Nachbarn?“, fragte sie, weil sie nicht wusste, wie sie auf seine Einladung reagieren sollte. Der Typ klang einfach zu nett und höflich, als dass sie ihn als perversen Stalker abtun konnte, dennoch schrie alles in ihr nach Vorsicht.

Sie hörte ein leises Lachen. Dann antwortete er: „Naja. Ich dachte mir, ich beginne mal mit Ihnen!“

Dieses Lachen und seine etwas lapidar hingeworfenen Worte gaben dem Gespräch einen vertrauenerweckenden Charakter.

„… bevor Sie sich durch die anderen Stockwerke arbeiten“, beendete Isabel seinen Satz und konnte nicht verhindern, dass auch sie etwas belustigt klang.

Wieder hörte sie das leise Lachen. „Vielleicht kann ich ja bei Ihnen beginnen, mit Ihnen weitermachen und bei Ihnen aufhören?“, erwiderte der Anrufer.

Was sollte Isabel darauf antworten? Offensichtlich ging es ihm ausschließlich um sie und das rührte etwas in ihr. Aber das machte sie auch schrecklich nervös und sie sah sich gezwungen, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken.

„Ich habe wirklich wenig Zeit. Ich plane einen längeren Urlaub“, warf sie erklärend ein und dachte sich im selben Moment, dass dies unklug war. Vielleicht räumte er ihr die Wohnung aus, wenn sie ihm steckte, dass sie länger nicht da sein würde?

Es dauerte, bis er darauf erwiderte: „Schade! Und es gibt keine Chance zu einem kleinen Rendezvous, bevor Sie diesen Urlaub antreten?“

In Isabel wollte etwas ihm einen Abend einräumen, nur um den Typ zu der netten Stimme und dem unglaublich sympathischen Lachen zu sehen. Aber sie wusste, dass das keine gute Idee war, nun, wo sie vorhatte ihre Vergangenheit aufzusuchen.

„Leider nicht. Ich muss erst einiges in meinem Urlaub hinter mich bringen. Deshalb habe ich für nichts anderes im Moment den Kopf frei.“ Das klang dramatisch und Isabel fragte sich erneut, warum sie ihm das steckte.

„Das ist schade. Aber vielleicht erlauben Sie mir, dass ich mich bei Ihnen noch einmal melden darf. Vielleicht ändern sie doch noch ihre Meinung.“

Der war wirklich hartnäckig. Aber Isabel mochte das. Das gab ihr das Gefühl, dass er sie wirklich kennenlernen wollte. In ihrem Kopf schwirrte schon der Gedanke, ihm ihre Handynummer zu geben. Doch den Gedanken verwarf sie. Sie musste erst die Sache mit Cedric überstehen. Da durfte sie nichts von abbringen.

„Schauen wir mal“, sagte sie nur zurückhaltend.

Etwas traurig hörte sie ihn sagen: „Okay, schauen wir mal. Dann bis hoffentlich bald. Es war schön, einmal mit Ihnen zu sprechen.“

Ja, das fand Isabel eigentlich auch.

„Ich fands auch nett“, gestand sie. „Bis Irgendwann!“ rief sie mit pochendem Herzen und legte schnell auf.

Sie wusste, es war falsch, ihm irgendwelche Hoffnung zu machen. Wie er so schön gesagte hatte: Sie war emanzipiert und stand ihr Leben allein durch … und daran sollte sich nun auch nichts mehr ändern. Und schon gar nicht durch so einen Typen, der sie heimlich beobachtete.

Sie sprang auf und ging zu jedem Fenster in ihrer Wohnung und zog die Schalosien herunter. Doch statt endlich beruhigt zu sein, fühlte sie sich nun wieder allein. Er klang so nett und sympathisch und wollte mit ihr Essen gehen.

Nein, sie würde sich jetzt nicht von so einem Kerl durcheinanderbringen lassen.

Aber er klang wirklich nett und kennt hier niemanden!

Isabel seufzte auf. Offenbar war er genauso einsam wie sie. Aber bei ihr wird sich das bald ändern. Ihre Vergangenheit wartete auf sie und sie konnte es kaum mehr abwarten, endlich ihren Urlaub anzutreten.

Am nächsten Morgen stand sie ausgeruht auf. Die Sache mit dem Anruf dieses seltsamen Mannes regte sie nicht mehr so auf. Alles hatte während der Nacht an Bedeutung verloren. Nach einem guten Schlaf werden Probleme nur noch nichtssagend. Alles erscheint dann wieder im richtigen Licht. So auch dieser Anruf. Sie hatte sich ein Ziel gesetzt und wird es sich erfüllen. Soll der Kerl ruhig die anderen Nachbarn zu umgarnen versuchen.

Aber er will dich!

Irgendwie hoffte sie zwar, dass sie ihn doch bald kennenlernte, doch sie räumte ihm keinerlei Chancen ein. Da konnte er noch so einschmeichelnd und nett klingen. Außerdem war sie sich mittlerweile sicher, dass die ganze Sache einen Haken haben musste. Entweder der Kerl war verrückt oder erschreckend hässlich.

So musste es sein, dachte sie sich. Sonst wäre er nicht mehr allein.

Isabel frühstückte, warf ihre F 35 Plus für den Kinderwunsch ein, und machte ihr Bett. Jetzt war es am Morgen nicht mehr dunkel und sie liebte es, die Schalosien hochzuziehen und die Fenster weit zu öffnen. Die frische Luft am frühen Morgen ließ den Tatendrang in ihr bis ins Unermessliche steigen. Doch sie musste sich an diesem Morgen eingestehen, dass sie aus jedem Fenster mit besonders wachsamem Blick schaute. Er galt nicht, wie sonst, dem neuen Tag, sondern den gegenüberliegenden Wohnungen. Doch sie konnte nirgends auch nur eine Menschenseele entdecken.

Das beruhigte sie. Das Bild von einem ständig auf sie lauernden Spanner verflüchtigte sich.

Beschwingt griff sie nach ihrer Jacke und der kleinen, schwarzen Ledertasche. Schnell schlüpfte sie durch die Tür, als ihr Fuß gegen etwas stieß und es an die gegenüberliegende Wand schleuderte. Isabel sah sich erschrocken um. Aber außer einem lädierten Strauß gelber Tulpen war nichts Ungewöhnliches auszumachen.

Sie ging langsam darauf zu, als könne es sich um eine Bombe handeln und hob sie auf.

Einige Köpfe segelten zu Boden und drei Blätter rutschten kraftlos über ihre Hand. Aber sie gaben einen Zettel frei und Isabel starrte gespannt darauf. Ihr Herz fing wild zu schlagen an. Die können nur von diesem Anrufer sein.

Sie sah sich schnell noch einmal um, hob die heruntergefallen Blüten auf und huschte in die Wohnung zurück.

Schnell ging sie in die Küche und schnappte sich eine Schere, um das Band zu öffnen, das den Strauß und den Zettel zusammenhielt. Sie war aufgeregt wie bei einem ersten Liebesbrief. Sie zweifelte keinen Augenblick mehr, dass er von diesem Mann kam. Schnell faltete sie den Zettel auseinander und ließ die Tulpen achtlos auf den Tisch sinken.

„Unser Gespräch hat mir Mut gemacht. Ich werde versuchen mich in Geduld zu üben. M. Zikowski.“

Isabels Herzschlag erhöhte sich noch mehr.

Langsam und verunsichert, wie sie das Ganze finden sollte, legte sie den Zettel an die Seite und nahm die Tulpen zusammen. Sie stellte sie in eine Vase und brachte sie auf den kleinen Tisch, auf den sie damals die Rosen gestellt hatte. So lange ist das her, dass ihr jemand Blumen geschenkt hatte. Das letzte Mal war es an Neujahr und es waren die Rosen eines Unbekannten. Das war jetzt drei Monate her.

Drei Monate!

„Ich bin vor drei Monaten hergezogen …“

Isabel wandte sich wieder dem Tisch zu, auf dem der Zettel lag. Die Schrift war sauber und leicht verschnörkelt. Sie las die Zeilen noch einmal. Das war wirklich süß geschrieben und zeigte ihr, dass er nicht aufgeben wollte. Irgendwie freute sie das. Er schien wirklich um ihre Gunst kämpfen zu wollen. Aber leider passte das im Moment überhaupt nicht. Ihre Pläne sahen einen um ihr Herz kämpfenden nicht vor. Außerdem konnte sie sich immer noch nicht denken, dass er ein annehmbares Exemplar Mann sein konnte. Solche Männer waren doch alle vergeben oder hatten es nicht nötig einer Frau hinterherzurennen.

Aber vielleicht war er auch nur hoffnungslos romantisch und glaubte an die große Liebe?

Tja, dann stimmt aber hundertprozentig etwas mit ihm nicht.

Isabel musste mit Wehmut an das Musical denken, das sie damals so sehr in ihren Bann gezogen hatte. Sie hatte es im Stella in Hamburg gesehen und sofort drang die Musik wieder in ihr Gedächtnis. Da ging es auch um eine unglückliche Liebe - die Liebe eines verunstalteten Mannes zu einem Mädchen.

Isabel hatte die Schuld für ihr anhaltendes Helfersyndrom bei Männern oft auf dieses Musical geschoben. Zumindest hatte das offensichtlich einiges bei ihr verstärkt.

Ihr Blick fiel auf die Küchenuhr.

Schnell steckte sie den Zettel in die oberste Küchenschublade und griff wieder nach der Tasche und rannte zu Tür. Laut ein Lied aus Phantom der Oper pfeifend, lief sie die Treppe hinunter, verließ das Haus und bog in den Hof ein, wo ihr Auto in der Garage parkte. Erst dort wurde ihr bewusst, dass sie laut pfiff und stellte das sofort ein.

Was sollen denn die Nachbarn denken, wenn du hier so herumkrakelst?

Schnell stieg sie ein und fuhr durch die Stadt Richtung Industriegebiet. Im Auto sang sie leise das Lied noch einmal und spürte wieder den längst vergessenen Flair, den diese Musik und die Geschichte damals bei ihr heraufbeschworen hatte. War sie nicht sogar regelmäßig in Tränen ausgebrochen, wenn sie sich hinterher die CD von dem Stück angehörte hatte. Wie sehr hatte sie immer mit den drei Protagonisten mitgelitten, die in ihrer Liebe verstrickt waren und wie sehr trauerte sie am Ende um die verlorene Liebe des verunstalteten Phantoms, der nichts wollte, als die Liebe dieses Mädchens und das sie ihm die Einsamkeit nahm.

Isabel schwor sich am Abend wieder einmal die CD herauszusuchen und sich damit einen herzerweichenden Abend zu gestalten. Das würde ihre momentane Gefühlslage noch mehr unterstreichen. So fuhr sie durch die Stadt und hoffte, die letzten zwei Wochen bis zu ihrem Urlaub werden schnell vergehen.

Als sie einige Tage später ihre Post aus dem Briefkasten nahm und müde die Treppe erklomm, sah sie sich wie jeden Abend vor ihrer Tür um. Aber der seltsame Anrufer schien wirklich keinerlei Anstalt mehr zu machen, sie umgarnen zu wollen. Zumindest gab es erneut keine Blumen vor ihrer Tür. Nicht das Isabel sich von dem etwas erhoffte. Gott bewahre! Aber dass er so ganz vom Erdboden verschluckt zu sein schien …

Sie zog ihre Jacke aus, streifte die Schuhe von den Füßen und ließ sich auf einen Küchenstuhl sinken. Dort sah sie die Post durch. Das meiste war Werbung und sie fand noch drei Rechnungen. Nur einen Brief konnte sie nicht zuordnen, weil der aus dem Ausland zugestellt worden war.

Sie riss ihn ungeduldig auf und fand ein zusammengefaltetes Blatt Papier. Als sie ihn auseinanderfaltete, fiel ihr eine getrocknete rote Rose entgegen. Sie legte sie nach genauer Betrachtung auf den Tisch und las den Brief.

Blume in der Nachbarschaft

Seit ich sie erblühen sah,

dicht an meine eigenen Wurzeln reichend,

zu entfernt und doch so nah,

Erinnerung nicht aus meinem Herzen weichend,

möchte ich niemals vergehen

niemals an einem anderen Ort stehen

immer umgeben von der gleichen Luft

immer durchdrungen von dem gleichen Duft

Wurzel an Wurzel,

Blatt an Blatt

Zusammengehörigkeit, die nie ein Ende hat.

Schenken Sie mir einen Augenblick. Gehen Sie mit mir Essen.

Ich werde Mittwoch aus Frankreich zurückkehren und erwarte Sie an diesem Abend um zwanzig Uhr im Steak House in unserer Straße.

Hochachtungsvoll, M. Zikowski.”

Isabel starrte auf die Zeilen. Was für ein schönes Gedicht und was für ein netter Brief. Und er erwartet sie!

In ihrem Inneren rumorte es aufgeregt und verängstigt zugleich. Der Mann will sie treffen. Er will mit ihr Essen gehen. Unbedingt. Und er hatte ihr ein Gedicht geschickt, dass schon sehr persönlich klang … und nach dem Wunsch auf mehr.

Isabels Herz begann unruhig einen neuen Takt vorzugeben und ihr Magen wurde seltsam schwer. Einerseits, weil er so unverfroren ihr ein Treffen aufdrängte und andererseits, weil er so ein nettes Gedicht an sie geschickt hatte, dass von wirklich viel Gefühl sprach.

Wurzel an Wurzel … Blatt an Blatt … Zusammengehörigkeit, die nie ein Ende hat.

Puh! Entweder, der Typ war hoffnungslos romantisch oder erbarmungslos berechnend. Auf alle Fälle schaffte er es, in ihr einigen Tumult auszulösen. Und nun wollte er sie sogar ernsthaft daten.

Wann?

Isabel riss erneut den Brief hoch, den sie völlig hingerissen auf den Tisch sinken lassen hatte und suchte nach dem Datum. Meinte er vielleicht schon letzten Mittwoch?

Aber sie stellte beruhigt fest, dass er wirklich Übermorgen meinte.

„Um Gotteswillen!“ Isabel sank in sich zusammen. Er will mit ihr am Mittwoch essen gehen!

Soll sie sich wirklich mit ihm treffen? Soll sie das wirklich tun?

Das kann nur ein Psychopath sein, der dich als sein neues Opfer fixiert hat. Warum sollte er sich sonst solche Mühe wegen dir machen?

Isabel seufzte verunsichert auf.

Er wusste eine Menge von ihr, sie aber nichts von ihm. Was er wohl arbeitete, dass er sogar ins Ausland reiste? Also ein Dummkopf war er wohl nicht. Außerdem konnte sie wohl den Gedanken verwerfen, dass er ein Entflohener aus einer Anstalt war. Die reisen für gewöhnlich nicht für eine Firma ins Ausland und schreiben so schöne Gedichte. Aber vielleicht war das ja gar nicht von ihm? Vielleicht hatte er das nur geklaut, um sie um den kleinen Finger zu wickeln.

Fragen über Fragen, die Isabel und ihre Gefühlswelt immer mehr durcheinanderbrachten.

Und dann die rote Rose, die ziemlich unzerstörbar erschien. So ein Brief hatte schließlich einige Hürden zu überstehen, bevor er sein Ziel erreichte. Sie schien so unzerstörbar wie seine gewünschte Zusammengehörigkeit, die nie ein Ende haben soll.

Isabel machte dieser Brief wirklich zu schaffen. Er war zu schön und er hatte sich die Mühe gemacht, ihn aus Frankreich zu schicken. Offenbar war er nicht der Typ für Mails oder SMSen.

Er hat nur deine Adresse und deinen Namen. Also interpretier mal nicht so viel Romantik in das Ganze. Ihm blieb nichts anderes übrig. Und vielleicht ist ihm lieber, es von weit weg von dir zu tun. Vielleicht schrieb er ihn noch mit dreckigen, erdbesudelten Händen, während die Erde über der letzten Leiche noch nicht mal angetrocknet war.

Isabel schüttelte unwirsch über diese Gedanken den Kopf. Er hatte zumindest an sie gedacht und ihr diesen netten Brief geschrieben. Er hätte sie in Frankreich auch einfach vergessen können.

In Frankreich! Er dachte sogar dort an sie!

Isabel konnte das alles gar nicht fassen und in ihrem Inneren begann alles langsam immer mehr Amok zu laufen.

Okay, ruhig bleiben. Du weißt nichts von ihm. Du weißt nicht mal, wo er wohnt. Du weißt nur seinen Namen: Zikowski.

Das klang fremdländisch. Aber er hatte keinen Akzent.

Isabel sah sich unschlüssig um, ging zum Fenster und zog die Schalosien herunter. So fühlte sie sich nicht mehr beobachtet. Sie wollte ihre Ruhe haben, sich in die Badewanne legen, danach eine Kleinigkeit essen und ins Bett gehen.

Nach dem Bad und einem Tomatenbrot fühlte Isabel sich wieder besser. Nur wenige Tage noch, und Isabel wird ihren Urlaub antreten und ihren Plan umsetzen.

Für Isabel war es eine neue Zeitrechnung und diese Woche würde sie mit den letzten Vorbereitungen überbrücken. Sie wollte noch zum Friseur, zur Maniküre und zur Körperhaarentfernung. Damit wäre sie körperlich schon einmal gerüstet. Ihre Wäsche lag sauber, gebügelt und zusammengelegt auch schon zum Einpacken bereit. Alles andere wird sich dann schon finden.

Ihre Gedanken huschten wieder, wie so oft, zu dem Ort, in dem sie ihr großes Glück finden wollte. Der Mann am Telefon des kleinen Gasthauses, in dem sie das Zimmer gemietet hatte, hatte recht nett geklungen. Aber war da nicht auch eine Spur von Skepsis, als sie ihm die Anzahl der Wochen mitgeteilt hatte, die sie in seinem Haus verbringen will?

Nun ja. Sie hatte seinen Argwohn mit der Geschichte besänftigt, die sie sich zurechtgelegt hatte. Sie hatte sich bei ihm über den Großstadtlärm beklagt, und dass sie in den sechs Wochen die Ruhe ihre alte Heimat genießen möchte.

Großstadtlärm! Das hier war wirklich keine Großstadt. Sie liebte diese nette, kleine Stadt mit ihrer kleinen Einkaufspassage, in der sie alles bekam, aber nicht von den Massen der Angebote erdrückte wurde. Auch gehörte ihre Wohnung zu einem Wohnpark recht weit am Ende der westlichen Stadtgrenze, hinter der sich schon die ersten Felder und Wiesen der angrenzenden Bauernschaften erstreckten. Das Industriegebiet lag im Süden und da es dort nur Werkstätten, Reifenhändler, und andere kleine Firmen neben den Möbel Altwerna Werken gab, wurde ihre Luft nicht unmittelbar durch irgendwelche luftverpestenden Fabriken vergiftet. Es tat ihr ein wenig leid, ihre Wahlheimat in den Dreck gezogen zu haben. Aber so war für den Gasthausbesitzer eher klar, warum es Isabel für so lange in seine eher trostlose Gegend verschlagen sollte.

Isabel dachte mit wachsender Spannung an ihren Trip und jedes Mal traf sie der Gedanke, Cedric dort wirklich wiederzusehen, wie ein Messerstich.

Ja, sie will ihm wiederbegegnen und sich von ihm in einen Strudel der Leidenschaft reißen lassen, wie sie ihn, so glaubte sie fest, noch nie erlebt hatte. Einen anderen Gedanken ließ sie gar nicht erst zu. Sie wollte fest daran glauben, dass es ihr nun gelingen wird, dieses Spiel für sich zu entscheiden. Außerdem war sie bereit, alles dafür zu tun.

Isabels Aufregung war mittlerweile grenzenlos. Aber sie wusste nicht, wie sie die Woche noch überstehen sollte, bis es endlich losging. Und sie nahm sich vor, ihren Gedichte-Kavalier besser nicht mehr vorher zu treffen. Irgendwie hatte sie Angst, er könne ihre Planung sonst ins Wanken bringen.

Dennoch musste sie sich eingestehen, dass sie neugierig war, wer hinter diesem „M. Zikowski“ stand.

Vergiss den Kerl ganz schnell. Mit dem kann etwas nicht stimmen, wenn er dir so den Hof macht.

Danke!

Aber Isabel beschloss, es doch dabei zu belassen. All ihr Denken und Handeln sollte nur noch Cedric und ihrem Plan gehören.

Doch am Mittwochabend, als sie gerade ziemlich gestresst die Wohnungstür hinter sich zufallen ließ, klingelte es an der Haustür.

Sie ließ genervt den Türöffner schnarren und öffnete ihre Wohnungstür, um hinauszuschauen. Kurz darauf sah sie einen Kurier mit einem Strauß gelber Rosen die Treppe hochhechten.

Isabel musste sich eingestehen, dass sie eigentlich drauf gewartet hatte, erneut von diesem Unbekannten zu hören. Nicht, dass sie das vor sich selbst zugeben würde. Aber die Freude, als nun der Kurier vor ihrer Tür stand, zeigte das nur zu deutlich. Es war einfach zu schön und romantisch und solange sie noch zuhause war, wollte sie sich gerne noch ein wenig mit dem aufregenden Gedanken an diesen Typen beschäftigen, der ihre Angst und Verunsicherung, was ihren Plan betraf, etwas relativierte. Und dass ihr immer mehr der Arsch auf Grundeis ging, konnte sie nicht leugnen. Mittlerweile meldeten sich, neben Magenschmerzen und Übelkeit, auch vermehrt Kopfschmerzen, was sie für Verspannungsprobleme hielt. Alles in ihr war dermaßen auf Spannung, dass sie sich langsam sogar krank fühlte.

In ihrer Küche nahm sie den Strauß aus der Folie und zog einen Umschlag zwischen den gelben, schönen Blüten hervor.

Beunruhigt stellte sie fest, dass sie nervös wie ein Schulmädchen war. Es war fast nicht zu glauben, dass nur so ein dämlicher Brief von einem Unbekannten sie so aus der Fassung bringen konnte, wo für sie in zwei Tagen doch eigentlich eine neue Zeitrechnung anbrechen sollte.

Nervös und mit einem flauen Gefühl im Magen öffnete sie den Briefumschlag.

Vorsichtig, als könne er eine ätzende Pulvermischung in ihre Augen verstreuen, entfaltete sie das Blatt Papier und warf einen Blick darauf. Wovor fürchtete sie sich nur so?

Blume in der Nachbarschaft, las sie. Wenn Sie diese Zeilen erhalten, sitze ich endlich im Flieger, der mich zurückbringt. Bitte machen Sie mich glücklich und kommen Sie zu unserer Verabredung. So viele Zufälle ließen in letzter Zeit einfach keine Begegnung zu, dass ich langsam Angst bekomme, ein anderer könne in ihr Leben treten, bevor ich Ihnen meins zu Füßen legen kann. Ich glaube, nachdem ich den Mut fand, Ihnen meine Gefühle und mein Herz auszuschütten, habe ich endlich auch den Mut, Ihnen zu zeigen, dass Sie diejenige sind, die mein Leben auf wundervolle Weise bereichern kann. Bitte schenken Sie mir diesen Abend. Ihr erwartungsvoller M. Zikowski.

Isabel legte die Zeilen aufgebracht zur Seite und starrte lange unschlüssig auf das gelbe Blütenmeer auf ihrem Tisch.

Wie in Trance stand sie auf und tauschte die langstielig gewordenen Tulpen gegen die Rosen aus. Dabei rieselten die Tulpenblätter zu Boden und Isabel holte wie ferngesteuert den Besen und kehrte sie auf.

Heute Abend treffen … Heute Abend treffen …

Isabel konnte nichts anderes denken und suchte verzweifelt nach einem Ausweg. Wo sein erster Brief noch keine Panik in ihr ausgelöst hatte, weil sie sich dachte, dass sie schließlich nicht zu dem Treffen hingehen musste, wurde ihr nun bewusst, dass er fest mit ihr rechnete. Mit diesem Brief wurde seine Einladung nun erschreckend konkret und ließ sich nicht mehr so einfach ignorieren. Was sollte sie also tun?

Unruhig lief sie in der kleinen Küche auf und ab. Dieser Mensch setzte so viel Hoffnung in diese Begegnung, dass sie fast mehr Angst davor hatte, seinen Vorstellungen nicht zu entsprechen, als dass er ihre nicht erfüllte. Außerdem war da etwas, was sie an diesem Menschen ängstigte. Sie war sich nicht klar darüber, ob es seine Art war, die sie auf diesem Planeten für ausgestorben hielt oder die Hingabe, mit der er sie als das Wesen auserkoren hatte, das sein Schicksal mit ihm teilen sollte. Vielleicht war es auch nur seine Art, sich mit viel Gefühl in ihr Leben zu drängen, ohne sich vorher einmal gezeigt zu haben oder auch nur seinen vollen Namen zu nennen.

Vielleicht verbarg er seinen Vornamen, weil sie auf keinen Fall mehr über ihn erfahren sollte?

M könnte für Marcel, Martin, Magnus oder Michael stehen.

Trotz ihres Misstrauens konnte Isabel nichts dagegen tun, dass sich in ihrem Inneren eine seltsame Wärme ausbreitete, je länger sie über den Typ nachdachte. Kurz sah sie sich von einem schönen dunkelhaarigen Mann in die Arme geschlossen, der sie herzlich anlächelte und dann leidenschaftlich küsste.

Bist du wahnsinnig, dir jetzt noch so einen Floh ins Ohr zu setzen! Du wirst in zwei Tagen in deine Heimat reisen und dort deinen vom Schicksal Auserkorenen treffen, schnell ein Kind mit ihm zeugen und wieder verschwinden. Dann wirst du all deine Liebe diesem kleinen Geschöpf widmen und es wird endlich keine Männer mehr geben müssen, die dein Leben aufmischen. Was werden dann für geruhsame Zeiten anbrechen!

Genau! So und nicht anders. Sie setzte sich energisch an den Küchentisch und dachte darüber nach, was sie tun sollte.

Am besten, sie ging hin und erklärte ihm, dass sie nicht mehr von ihm belästigt werden wollte. Ja, der Gedanke war gut.

Nein, das ist gar nicht gut!

Isabel spürte bei der Vorstellung eine unsagbare Angst durch ihr Innerstes kriechen. Es war nicht so, dass sie sich von dem Menschen körperlich bedroht fühlte. Nein, es war anders. Sie fürchtete sich vor ihren Gefühlen. Es ängstigte sie der Gedanke, dass dieser Mann nicht hässlich und unsympathisch war und sie sich wirklich zu ihm hingezogen fühlen könnte. Wenn sie ehrlich war, dann war das jetzt schon der Fall. Dieser Mensch schien wirklich nett und höflich zu sein. Dabei war er auch noch charmant und offensichtlich romantisch veranlagt. Dazu setzte er alles daran, sie für sich zu gewinnen. Eigentlich war er genau so, wie sie sich einen Verehrer immer vorgestellt hatte.

Er eroberte sie immer mehr ohne dass sie es sich eingestehen wollte und Isabel fürchtete sich davor, dass er ihren Plan zerstörte, der die letzten Monate ihr Leben lebenswert gemachte hatte. Außerdem konnte sie das Gefühl in ihrem Inneren nicht ignorieren, das ihr immer wieder sagte, dass es so etwas wie diesen Mann nicht wirklich geben konnte. Ihr vom Minderwertigkeitskomplex gemartertes Gefühlsleben wollte nicht glauben, dass sich jemand wirklich in sie verliebt haben könnte - außer es war ein Psychopath, Frauenmörder, Vergewaltiger oder ein Schreckgespenst.

Sie durfte ihn auf gar keinen Fall treffen.

Von der Anrichte holte sie sich einen Stift und aus dem Drucker ein Blatt Papier. Eilig schrieb sie ein paar Zeilen, faltete das Blatt zusammen und suchte sich einen Umschlag aus einem der Schubladen der Anrichte. Schnell schrieb sie den Namen des Mannes, der den Brief erhalten sollte, auf den Umschlag. Dann warf sie sich ihren Mantel über und verließ eilig die Wohnung. Sie bemühte sich, keinen Gedanken an ihr Gekritzel zu verschwenden, damit sie nicht doch noch die Zweifel packten.

Sie lief die Straße im Halbdunkeln zu dem Steakhaus an der Ecke hinunter. Es war schon spät und sie musste sich beeilen, wenn sie nicht Gefahr laufen wollte, diesem Kerl doch noch zu begegnen.

Im Restaurant traf sie auf einen jungen Kellner und nahm ihn zur Seite. Mit wenigen Worten gab sie ihm zu verstehen, dass ein Mann in der nächsten halben Stunde hier eintreffen und sie erwarten würde. Sie erklärte schnell, dass sie diesen Mann nicht beschreiben könne, aber seinen Nachnamen auf das Kuvert geschrieben hatte, und bat den Kellner dafür zu sorgen, dass der richtige Gast ihn erhielt. Dazu reichte sie ihm zwanzig Euro.

„Kein Problem“, erklärte der grinsend und nahm den Geldschein entgegen. „Sie können sich auf mich verlassen!“

Isabel bedankte sich schnell und lief wieder zum Ausgang. Sie konnte nicht umhin, noch einen neugierigen Blick zu den Tischen zu werfen. Vielleicht war er schon da und sie konnte ihn kurz sehen?

Und wenn er dich sieht?

Panisch riss sie die Tür auf und prallte mit einem Mann zusammen. Isabel sah sich einem weißen Hemd mit blauer Krawatte gefährlich nahe, dass unter dem offenen schwarzen Mantel hervorblitzte. Er hatte die Arme hochgerissen, um sie notfalls zu halten und vor einem Sturz zu bewahren.

Sie sah kurz hoch, aber außer einem Dreitagebart war sie nicht in der Lage mehr zu registrieren, weil alles in ihr dem Fluchtmodus folgte.

„Tschuldigung!“, murmelte Isabel schnell und rannte an ihm vorbei hinaus. Sie lief in die entgegengesetzte Richtung, um dem M. Zikowski nicht auf der Straße in die Arme zu laufen und sah auf die Uhr. Es war erst zwanzig Minuten vor acht.

Keine Panik! Du hast es geschafft und nun machst du einen schönen, kleinen Spaziergang nach Hause und fertig. Die Sache ist erledigt und du widmest dich nur noch deinem Plan.

Ob der Kellner die Mitteilung überbringen wird? Sie hoffte es. Sie wollte diesen Menschen nicht verletzen und hatte ihm deswegen diese Zeilen geschrieben. Er musste das verstehen.

Der Kellner war weniger das Problem. Das Problem war sie! Immer noch zitterten ihre Hände und ihre Nerven beruhigten sich nur langsam. Sie schämte sich etwas, weil sie so kopflos das Lokal verlassen hatte. Dabei war sie diesem armen Kerl an der Tür voll in den Bauch gelaufen.

Isabel atmete tief ein und legte den Schlendergang ein.

Ihr Blick fiel auf die Uhr. Nun war es acht Uhr. Jetzt wird dieser M Zikowski den Brief bestimmt gleich bekommen.

Nun gab es kein Zurück mehr.

Als sie wieder auf der Straße war, die zu ihrem Wohnblock führte, wurde sie wieder nervös. Was sollte diesen Mann daran hindern bei ihr zu klingeln, wenn er sie im Restaurant nicht antraf.

Sie sah sich erschrocken um, und als sie endlich vor ihrer Haustür ankam, schloss sie eilig auf und ließ sie schnell hinter sich ins Schloss fallen.

Blume in der Nachbarschaft!

Isabel fiel mit erschrecken ein, dass sie immer glaubte, er wohne in einem anderen Haus. Aber das musste nicht so sein.

Sie sprintet die Treppe hoch und schloss schnell ihre Wohnungstür auf, um sie hinter sich zuzuknallen. Mit einem Griff zur Türglocke schaltete sie sie schnell aus. Erst dann atmete sie auf.

Du kannst ihm nicht immer aus dem Weg gehen.

Isabel riss sich die Jacke aus und hing sie schnell auf. Mit wenigen, eiligen Schritten war sie bei ihrem Telefon und wählte eine Nummer.

„Hallo, hier ist Isabel“, rief sie kurz darauf in den Hörer. „Cornelia, ich glaube, ich bekomme eine Erkältung. Meinst du, ich kann schon die kommenden zwei Tage freinehmen?“

Das Beste wäre, wenn sie ganz schnell von hier verschwand und nichts mehr dem Zufall überließ.

Ein Gefühl der Beklemmung beschlich sie. Die letzten Wochen mit ihrem Traum, das Telefongespräch und die Briefe von diesem Mann und dass sie nun eine Zeit ansteuerte, die alles entscheiden würde, machten sie plötzlich schrecklich nervös und ängstlich. Wieso wusste man nie, wann man etwas Richtiges tat!

Isabel lauschte der Stimme am anderen Ende der Leitung. Nach einem überraschten Moment gab ihre Chefin ihr frei und wünschte ihr schöne, erholsame Wochen. Dann legten sie auf und Isabel warf sich beruhigt auf das kleine Sofa. Sie hasste es zu lügen, aber nur so konnte sie alldem entfliehen, was sie beunruhigte. Doch ihr wurde im selben Moment klar, dass sie noch nicht außer Gefahr war.

Sie sprang auf, ging die Wohnung ab und ließ überall die Schalosien herunter. Sie lief auch in den kleinen Flur und schaute nach, ob die Klingel auch wirklich ausgeschaltet war. Außerdem legte sie den Telefonhörer neben die Gabel. Dann holte sie ihren Koffer und packte alles zusammen, was sie sich schon seit Wochen zusammengelegt hatte. Ihr Entschluss stand fest. Sie wollte am nächsten Morgen alles ins Auto werfen und schnell verschwinden. Ihre Nachbarin aus der Wohnung unter ihr würde ihren Postkasten die nächsten sechs Wochen entleeren und die Blumen gießen. So hatte sie es mit ihr letzte Woche vereinbart. Ihr hatte sie auch die Adresse des Gasthauses gegeben, in dem sie die nächsten Wochen verbringen wollte, falls etwas mit der Wohnung war.

Da sie ihr Zimmer aber erst ab Samstag gebucht hat, beschloss sie die nächsten zwei Tage zu ihrer Schwester zu fahren und ihr einen unangemeldeten Besuch abzustatten. Von dort konnte sie dann am Samstag in ihr Heimatdorf aus Kindertagen fahren. Sie wollte so schnell wie möglich weg. Sie wollte lieber keinen Aufschub mehr und keine Unsicherheit aufkommen lassen. Sie wollte endlich ihren Traum verwirklichen.

Im Bett wälzte sie sich lange unruhig hin und her. Immer musste sie an ihren Brief denken und an den Mann, der vergeblich auf sie gewartet hatte. Sie hatte ihn damit bestimmt unglücklich gemacht. So würde er es zumindest ausdrücken. Wie hatte er wohl auf ihren Brief reagiert?

Isabel überdachte ihre geschriebenen Worte noch einmal und fand sie gewagt. Sie stellte sich vor, wie sie selbst auf so einen Brief reagieren würde.

Sie hatte ihm höflich für die Blumen gedankt und sich für ihr Nichterscheinen entschuldigt. Dann hatte sie ihm kurz zu erklären versucht, was in ihr in den letzten Wochen vorgegangen war und dass sie keineswegs eine glücklich alleinstehende Frau war und das nun ändern wolle. Sie schrieb nicht, wie sie das ändern will, erwähnte aber, dass sie sich erst selbst finden müsse und dazu einen Trip in die Vergangenheit machen würde, um sich eine neue Zukunft aufbauen zu können. Letztendlich hatte sie ihn gebeten, sie zu vergessen.

Sie wäre über so einen Brief todtraurig und … beunruhigt. Wieso hatte sie ihm nicht einfach geschrieben, dass sie keine Dates einging? Warum verfiel sie in solche Gefühlsduseleien wie er?

Naja, jetzt war es zu spät. Er hatte den Brief bekommen und wusste wenigstens, woran er war.

Jetzt, wo sie dieses Ziel vor Augen hatte, in dem alle Männer bis auf einen aus ihrem Leben ausgeschlossen wurden, durfte sie sich keine anderen Flausen mehr erlauben. Und ab Morgen würde dann alles vergessen sein und sie würde nur noch für einen guten Ausgang ihrer Pläne leben.

Endlich!

Eine erschreckende Erkenntnis

Die Tage bei Isabels Schwester Karin vergingen schleppend. Doch sie waren erträglicher, als Isabell befürchtet hatte. Karin gab sich wesentlich zufriedener mit ihrem Leben als noch im Januar. Isabel fragte nicht, ob mit ihr und Klaus wieder alles im Reinen war. Und Karin ließ sich nur über Nachbarn, ihre Kinder und deren Lehrer oder durchgeknallte Mitschüler aus, die bestimmt irgendwann ein Dasein als Kriminelle fristen werden. Ein anderes Thema waren die Zukunftsaussichten der neuen Generationen, die Karin mit Feuereifer immer wieder als niederschmetternd hinstellte. Fast schien es, als wenn sie ihre ganze Energie auf ihre Kinder gerichtet hielt.

Isabel war froh darüber. Sie wollte nichts von zerrütteten Ehen oder gewissenlosen Männern hören. Dass sie ihrem Ziel so nahe war, machte sie immer nervöser und ließ langsam sogar Bedenken aufkommen. Aber sie wollte Cedric schließlich nicht als Mann fürs Leben gewinnen. Irgendetwas in ihr sagte ihr, dass dies auch keine gute Idee wäre. Etwas mahnte sie regelrecht zur Vorsicht, je näher sie dem Tag X kam und sie hatte alle Mühe, dieses Gefühl zu verdrängen.

Isabel glaubte, dass es die überdrehte Stimmung bei ihrer Schwester war, die das verstärkte, und dass die Kinder erkältet und daher unerträglich waren, ließ ihre zwei Tage bei ihnen manchmal etwas zäh werden. Zu ihrem Glück war Klaus auf einer Geschäftsreise und Isabel blieb zumindest seine immerwährende Stichelei und hintergründige Anmache erspart. Sie war sich auch nicht sicher, ob Klaus noch viel daran gelegen war, dass niemand von ihrer gemeinsamen Vergangenheit, die eine Nacht gewährt hatte, erfuhr. So war sie froh, als es endlich Samstag war und sie abreisen konnte, bevor er wieder auftauchte. Und Karin ahnte nichts davon, dass Isabel sechs Wochen Urlaub vor sich hatte und den im nahen Ort ihrer Kindheit verbringen würde. Wahrscheinlich hätte Karin ihre große Schwester für vollkommen verrückt gehalten, wenn sie davon wüsste.

Isabel ließ sie in dem Glauben, dass sie wieder nach Hause fuhr und am Montag einer normalen Arbeitswoche entgegensah.

Am Samstagmorgen verabschiedete Isabel sich nach dem Frühstück von Karin und den Kindern und stieg in ihr Auto. Innerlich vibrierte sie bei dem Gedanken an das, was nun vor ihr lag und sie ermahnte sich immer wieder, ruhig zu bleiben. Aber das war ein hoffnungsloses Unterfangen.

So drehte Isabel ihre Musik laut auf und versuchte dadurch gute Laune aufkommen zu lassen, während sie den Beetle aus dem kleinen Ort lenkte. Dabei sagte sie sich immer wieder, dass dieser Urlaub ihr ganzes Leben verändern wird.

Nach einer zehnminütigen Fahrt durch sehr ländliches Gebiet mit vielen Wäldern, Feldern und Wiesen fuhr sie die Straße hinab, die ihr ein wunderschönes Panorama über die bewaldete Hügellandschaft bot. Isabel war einen Moment versucht, einfach anzuhalten und diesen Anblick zu genießen. Doch hinter ihr wurde ungeduldiges Hupen laut und sie sah einen riesigen LKW dicht hinter sich die Heckscheibe verdunkeln. So fuhr sie schnell weiter.

Als sie durch den kleinen Ort kam, konnte sie ihr Erstaunen kaum verbergen. Es hatte sich so viel verändert, dass sie fast glaubte, falsch sein zu müssen. Doch dann kam sie direkt an dem alten Wartehäuschen vorbei, in dem sie fast ein Jahrzehnt auf den Bus gewartete hatte, um sich zur Schule bringen zu lassen. Es war wie ein Blick in die Vergangenheit.

Ein warmer Schauer lief ihr über den Rücken und sie fuhr langsam weiter. Sie wollte diese Wiederkehr genießen. Hier hatte sie so viele schöne Jahre verbracht.

Nicht nur schöne, wenn ich dich erinnern darf.

Isabel wollte keine unangenehmen Gedanken aufkommen lassen. Die hatte sie die letzten Monate doch auch erfolgreich in der Versenkung lassen können. Jetzt konnte sie sie erst recht nicht gebrauchen.

Bald schon sah sie das Haus mit den bunten Lettern am Giebel. Hier würde sie die nächsten Wochen verbringen. Als kleines Mädchen war sie oft in dieses Haus gegangen und hatte dort Brot und Butter in dem kleinen Tante-Emma-Laden gekauft, der damals noch den Menschen hier die Möglichkeit bot, schnell kleinere Besorgungen zu machen. Die alte Ladenbesitzerin hatte später alles verkauft und es wurde eine Kneipe daraus mit vielen Besitzern, die ihr Glück hier versucht hatten. Nun gab es hier sogar drei Fremdenzimmer.

Isabel folgte dem Parkhinweisschild auf den leeren Platz hinter dem Haus. Scheinbar war sie um diese Zeit der einzige Gast.

Sie ließ ihr Gepäck im Auto und ging um das Haus herum zur Eingangstür. Die fand sie verschlossen und ein Hinweisschild beschrieb die Öffnungszeiten.

Isabel sah auf ihre Armbanduhr. Sie hatte noch eine gute Stunde Zeit, bis sie hier Einlass fand. Darum beschloss sie, die frühlingshaften Sonnenstrahlen zu nutzen und einen Spaziergang zu machen. Der April zeigte sich immerhin von einer sehr angenehmen Seite, die sie genießen wollte.

Entschlossen ging sie zum Wagen zurück, nahm ihre Jacke heraus und verschloss ihr Auto. Sie strich ihr langes Haar aus dem Nacken und sah sich unschlüssig um. Doch sie musste nicht lange überlegen, welchen Weg sie einschlagen wollte.

Der Straße folgend, die aus dem Ort führte, kam sie bald an einem Wald vorbei, in dem sich der Schützenplatz befand. Dort hatten immer die Schützenfeste und Maifeiern stattgefunden, die in ihrer Kindheit die High Lights gewesen waren.

Als sich die letzten Grundstücke mit ihren großen Häusern und Gärten zu ihrer linken schlossen und einem großen Rapsfeld Platz machten, bog sie auf eine Querstraße ein, der sie durch eine neu aufgeforstete Tannenschonung folgte.

Sie wusste noch von früher, dass dort jedes Jahr vor Weihnachten der Markt boomte. Hier konnte man sich seine Bäume selbst aussuchen und frisch schlagen. Auch sie war mit ihrem Vater oft in solchen Schonungen gewesen und sie hatten sich dort ihren ganz persönlichen Weihnachtsbaum herausgesucht.

Fast einen Kilometer lief sie auf der geraden Straße der Sonne entgegen und die Erinnerungen prasseln auf sie ein. Sie sah den großen Wald zu ihrer rechten, in dem sie damals Buden gebaut und Räuber und Gendarme gespielt hatte.

Fast jeder Baum und jeder Stein barg hier eine Erinnerung. So kam es Isabel zumindest plötzlich vor. Sie wusste noch, wie schwer ihr der Abschied von dieser Gegend gefallen war und von einer Kindheit, die doch eigentlich schön gewesen war.

Nein, das war sie nicht und du weißt das.

Isabel möchte keine unliebsamen Erinnerungen an die Oberfläche dringen lassen. Doch hier, direkt mit ihrer Vergangenheit konfrontiert, fiel ihr das plötzlich sehr schwer.

Ob sie wohl jemand erkennen würde, wenn sie auf einen ihrer alten Schulfreude treffen würde?

Nein, das war unwahrscheinlich. Außerdem glaubte sie nicht, dass noch jemand nach so vielen Jahren hier in diesem Dorf geblieben war. Wenn das allerdings doch der Fall sein sollte, dann waren sie bestimmt glücklich verheiratet und hatten ihr eigenes Leben - ihre Spielkameraden von damals.

Etwas Wehmut machte sich in ihr breit bei den Gedanken an ihre Zeit mit ihnen. Aber sie wollte nur glückliche Gedanken aufkommen lassen. Unbedingt.

Isabel schlug den Schlackeweg ein, der zum Wald führte. Der Weg war von Feldern gesäumt, auf denen schon das erste junge Grün spross. Sie sah dem Wald entgegen, den sie als Kind geliebt und manchmal auch gefürchtet hatte. Wie viele unzählige Stunden hatte sie darin verbracht?

Ein unbeschreibliches Gefühl von nach Hause kommen schlich sich in ihr Herz, aber auch eine seltsame Beklemmung, als sie endlich auf dem Hügel ankam und die Bäume des Waldes hoch vor ihr aufragten.

Sie sah auf die Felder und die kleinen und größeren Waldgruppen hinab, die sich bis zum Horizont erstreckten. Das Ganze war atemberaubend schön.

Ihr Blick wanderte unschlüssig zu der alten, maroden Bank, die hier schon seit Ewig stand und blieb an einer bestimmten Stelle an der Rückenlehne hängen.

Ganz eben, fast schon vollkommen verwittert, sah sie das eingravierte C + I.

Isabel hatte es damals selbst dort hineingeritzt. Es war eins von vielen. Jeder ritzte damals etwas hinein. So gab es auch ein völlig verwittertes T + I, dass Till damals hineingeritzt hatten und ein Herz mit nur einem I, dessen Ursprung Isabel nie herausgefunden hatte. Aber das C + I war das einzige von ihr. Alle anderen hatte niemals eine Bedeutung für sie gehabt.

Mit einem Seufzer ließ Isabel sich auf die Bank fallen und richtete ihren Blick wieder auf die Landschaft, wo in der Ferne die großen Dächer der Gebäude zu erkennen waren, die ihre ganze Hoffnung bargen.

Sie war sich nun sicher, seit langem endlich einmal einen richtigen Entschluss gefasst zu haben. Sie wollte von hier als letzte Erinnerung ein neues Leben mitnehmen und vielleicht in fünfzehn Jahren wiederkommen und diesem Kind das Land seiner Entstehung zeigen und ihm ihre Geschichte erzählen. Vielleicht genau an dieser Stelle hier.

Isabel traten vor Rührung Tränen in die Augen und sie lehnte sich zurück und gab sich diesem Gefühlsausbruch hin. Dabei ließ sie wieder die vielen Erinnerungen auf sich einwirken.

Es war so schön, sich hier an all das zu erinnern, dem man die letzten zwanzig Jahren kaum Beachtung geschenkt hatte.

Sie sah sich mit langen, dunklen Zöpfen und kurzer Lederhose durch die Felder streifen, immer ihre Spielkameraden an ihrer Seite. Hier war damals alles ein großer Spielplatz. Es gab keine Begrenzungen und keine Tabuzonen. Das Einzige, was sie damals aufhalten konnte, waren sie selbst.

Sie sah sich auf dem Feld vor dieser Bank stehen und in den dunklen Wald starren. Wie sie waren auch die Jungen neben ihr mit Stöckern und Steinen bewaffnet gewesen. Neben ihr war einer von ihnen niedergekniet und alles hatte in ängstlicher Erwartung verharrt.

„Vorsicht, ein Bär!“

Niemand hatte daran gezweifelt, dass sie die Spuren eines gefährlichen Bären gefunden hatten.

„Wer geht in den Wald hinein, wer traut sich?“

Isabel erinnerte sich noch gut daran, mit wie bangem Herzen sie Fuß vor Fuß gesetzt hatte. Doch sie musste es tun. In der Riege der Jungen musste sie stets als Mutigste, Schnellste und Beste gelten.

Nur langsam war ihr der eine oder andere gefolgt. Doch sie allein hatte den Mut aufgebracht den Wald zu betreten, den Bären zum Kampf herauszufordern, und dann schnell wieder auf den hellen sonnendurchfluteten Acker zu laufen.

Man einigte sich daraufhin, etwas anderes zu spielen. Denn sonst hätten die Jungen ihren Mut beweisen müssen und in solchen Fällen wurden die sich immer besonders schnell über ein neues Spiel einig.

Isabel musste innerlich lachen. Ja, heute weiß sie, dass die vermeintliche Bärentatze die Hufspur eines Pferdes gewesen sein musste. Es gab hier keine Bären.

Wie oft hatte sie später mit ihren Freundinnen hier oben gesessen, als sie die Jungenriege gegen die beiden Mädchen eingetauscht hatte. Sie war in dem Alter, dass Jungen einen anderen Sinn in ihrem Leben hatten, und sie nicht mehr ungezwungen mit ihnen herumtollen konnte. Aber der Erhalt der Freundschaft zu den Mädchen war ihr immer schwergefallen, nachdem sie ihr Leben nur mit den Jungen und ihren derben Spielen verbracht hatte. Aber die Zeit mit ihren männlichen Mitstreitern hatte auch tiefe Wunden gerissen, denn irgendwann war die Bewunderung der Jungen umgeschwenkt. Die Spiele waren nicht mehr so ungezwungen verlaufen, und auch untereinander war immer wieder ein Konkurrenzkampf entbrannt, der Isabel damals oft erschreckt hatte.

Nun muss sie darüber schmunzeln, dass fast jeder dieser Freunde aus der Grundschulzeit in den darauffolgenden Jahren ihr ihre Liebe gestanden hatte.

Gott, was war ihr das immer peinlich gewesen. Sie hatte gar nicht mit diesen oft ziemlich ungestümen Liebesbeteuerungen umgehen können. Außerdem begannen sich damals ihre Gefühle schon auf den viel älteren Cedric auszurichten.

Später, als ihr Leben immer wieder aus dem Ruder gelaufen war, hatte sie oft an ihre Abweisungen den Jungen gegenüber denken müssen. Sie hatte sich oft gefragt, ob ihr damaliges Verhalten schuld daran war, dass sie so viel Pech mit Männern hatte. Vor allem bei Till, Cedrics jüngerem Bruder, hatte ihre Ablehnung tiefe Wunden gerissen. So manches Mal in den vergangenen Jahren glaubte sie fast schon daran, dass es diese gesäte Traurigkeit bei ihm gewesen war, die ihr Leben umklammerte und sich böse rächte.

Das war ein grausamer Gedanke, der ihr auch jetzt ein ungutes Gefühl in die Magengegend trieb, und sie schüttelte unwillig den Kopf.

Hatte sie damals nicht selbst in einem Bann gestanden, der kein anderes Handeln zuließ?

Es war schon seltsam, dass sie nach all den Jahren unerfüllter Beziehungen, vielleicht durch ihr damaliges Handeln ausgelöst, wieder zu dem zurückkehren wollte, der alles verursacht hatte. Nur wegen Cedric hatte sie bei keinem anderen Jungen Gefühle zugelassen und auch später keine Beziehung aufrechterhalten können. Er allein war daran schuld gewesen.

Plötzlich überkam sie die Frage, ob sie wirklich richtig handelte. Doch dann überwog der Gedanke, dass es das Schicksal sein musste, dass ihr diesen Weg schon seit ihrer Kindheit vorschrieb.

Etliche Erinnerungen prasselten weiter auf sie ein, die ihr das zu bestätigen schienen und sie wurde ruhiger.

Isabel wurde bewusst, dass sie an diesen Ort so viele Erinnerungen hatte, dass sie, um ihr Ziel klardenkend angehen zu können, sich nicht zu oft in deren Strudel reißen lassen durfte. Sie musste vergessen, dass sie damals alle verletzt hatte, um bei dem einen zu sein, der sie doch nie wollte.

Du warst damals schon zu dumm, um zu erkennen, wer dich wirklich liebt und zu dir passt.

Mein Gott, was für ein Gedanke, der sich da so unsanft durch ihre Gehirnzellen fraß. Isabel unterdrückte ihn sofort, bevor er eine Lawine lostrat, die all ihre Hoffnungen erbarmungslos unter sich begrub. Meldete sich jetzt etwa ihr Unterbewusstsein, das meinte, sie mache mit Cedric einen Fehler und hätte vielleicht doch diesem M. Zikowski eine Chance geben sollen?

Isabel schüttelte den Kopf und warf ihn in den Nacken. Ihr langes Haar wallte dabei über die Rückenlehne der Bank.

Nein, sie wollte an ihn nicht mehr denken. Das war unfair, unnötig und unpassend, dass es plötzlich jemand in ihrem Leben gab, der sie mochte. Warum passierte das gerade zu einem Zeitpunkt, als sie ihren Weg gefunden zu haben glaubte?

Sie schüttelte energisch den Kopf. Jetzt war sie hier und würde den ihr vorgeschriebenen Weg gehen.

Seufzend sah sie auf das kleine Dorf ihrer Kindheit hinab und ließ sich von den Frühlingsstrahlen wärmen. Isabel sah hinauf in den blaugrauen Himmel. Sie wühlte in ihrem Kopf und fand was sie suchte. Glückliche Stunden! Ihre Kindheit war doch eigentlich schön gewesen. Sie liebte diese Gegend und die Menschen hier. Es gab doch tausend nette Erinnerungen!

Nette Erinnerungen!? Erinnere dich doch mal daran, was hier wirklich alles geschehen war.

Isabel wurde erneut flau im Magen, als ihr eine unliebsame Erinnerung plötzlich ins Gedächtnis stach. Es war wie verhext. Sie versuchte sie wegzudrängen und dennoch ließ sie sich nun nicht mehr abschütteln. Es schien ihr, als wollte plötzlich all das ans Tageslicht kriechen, was sie jahrelang verdrängt hatte.

Sie sah erschrocken auf, als hätte sie Angst, dass der Grund für diese Erinnerung in der Nähe war und sie deshalb daran erinnert wurde. Doch sie war allein und sie versuchte den Gedanken daran weiter zu entkommen.

„Oh Scheiße!“, entfuhr es ihr frustriert, weil sich immer mehr Erinnerungen nach oben kämpften, als würde dieser Ort langsam seine Hölle auftun und ihr sein Innerstes präsentieren.

Schnell sah sie sich um, ob nicht doch ein Störenfried sich ihr näherte und ihre Kraftausdrücke belauschte. Doch sie war hier oben völlig allein. Allein mit sich und den aufkeimenden Erinnerungen, die sie fest in eine Abteilung verschlossen hatte, in der Erinnerungen gebunkert wurden, die sich nicht streichen ließen, aber auch nie wieder an die Oberfläche geschwemmt werden sollten. Doch da waren sie nun und verschafften sich mit aller Macht Gehör.

Isabel war damals noch sehr jung, vielleicht zwölf, höchstens dreizehn. Es war Hochsommer und kurz vor der Erntezeit gewesen. Auf dem Nachbargut ging es hektisch zu und damit Cedric nicht alles allein meistern musste, hatten sie einen erfahrenen Erntehelfer engagiert.

Isabel war zu der Zeit auch oft dort, weil sie sich um den jungen Hund kümmerte, den Cedric an einer kurzen Kette hielt. Und er ließ sie mit dem Hund spielen, solange sie ihn nicht losband.

Dieser Erntehelfer, ihr fiel plötzlich auch sein Name wieder ein … dieser Jonas sprach sie immer wieder an, und ihm konnte sie ihr Leid klagen, dass sie wegen dem armen Hund immer wieder überfallen hatte. Sie unterhielt sich gerne mit ihm, weil er ihr seine Aufmerksamkeit schenkte und sie verstand. Und Isabel erfüllte es mit Stolz, dass ein fast dreißigjähriger Mann gerne mit ihr die Zeit verbrachte. Er war sehr nett und schaffte es, ihr Dinge zu entlocken, die sonst nur ihre Freundinnen von ihr erfuhren. Er war zu ihr wie der große Bruder, den sie sich immer gewünscht hatte. Sie vertraute ihm völlig und er gab ihr das Gefühl, schon erwachsen und interessant zu sein. Außerdem wäre ihr nie in den Sinn gekommen, dass ein Mann dieses Alters etwas Niederträchtiges vorhaben könnte. So erzählte sie ihm auch, dass sie sich nachts oft aus dem Haus schlich, wenn ihre Eltern schliefen, um spazieren zu gehen.

Eigentlich trieb es sie nachts nur hinaus, weil sie von dem nächtlichen Treiben um sie herum fasziniert war. Und vor allem Cedrics nächtliches Treiben hatte sie neugierig gemacht. Damals war er ein friedloser Geist, den sie oft im Dunkeln über das Gut geistern gesehen hatte. Sie glaubte damals zu fühlen, wie einsam und ruhelos er war und sie glaubte das gleiche zu fühlen, wie er. Wahrscheinlich begann sie sich da schon in ihn zu verlieben. Zumindest glaubte sie eine Traurigkeit und Zerrissenheit an ihm zu spüren, die ihr naheging.

Isabel war sich nicht mehr sicher, wie alles gekommen war. Auf jeden Fall überredete dieser Jonas sie, sich eines nachts mit ihm zu treffen, um sich Sternenkonstellationen anzusehen. Das war ein Thema, dass sie gemeinsam interessierte.

Sie hatte sich daraufhin eines nachts aus dem Haus geschlichen und war mit ihm im Mondschein hier heraufgelaufen. Er war die ganze Zeit nett gewesen, bis er sie auf der Bank küssen wollte. Erst war sie mehr überrascht als ängstlich gewesen. Doch die Angst folgte auf dem Fuße, als er seine Hände unter ihren Pullover schob und sie überall berühren wollte.

Sie bat ihn, sie nach Hause gehen zu lassen. Doch er zog sie damit auf, dass sie Angst hätte, und er lachte sie aus.

Das war nichts, womit Isabel umgehen konnte. Sie hasste es, wenn jemand sie für ängstlich hielt, und das brachte sie oft dazu, Dinge zu tun, die sie sonst gelassen hätte. Darum blieb sie.

Daraufhin hatte Jonas sie auf seinen Schoß gezogen und erneut zu küssen versucht.

Sie wusste, dass sie schlechte Karten hatte, wenn sie ihn nicht stoppen konnte. Darum rief sie: „Du bist zwar größer und älter … ich aber schneller als du.“

Lachend, als wäre das alles ein großer Spaß, hatte sie sich aus seinem Griff gewunden und war losgelaufen. Doch er versuchte sie wieder einzufangen, was sie nur verhindern konnte, indem sie sich in ein Maisfeld flüchtete.

Er folgte ihr und rief sie immer wieder. Dabei tat er so, als wäre doch alles nur ein Missverständnis und er würde ihr nichts tun. Er stellte es so hin, als wäre er tief betroffen, dass sie etwas Schlechtes denken könnte. Das hatte sie verunsichert und ihr schlechtes Gewissen geschürt. Deshalb hatte sie beim Tor zum Gut auf ihn gewartet. Sie war überzeugt gewesen, dass damit keine Gefahr mehr für sie bestand.

Sie gingen zusammen auf das Gut zurück und Isabel war sich sicher, dass Jonas sie nicht noch einmal anfassen würde.

Doch als sie am Dielentor ankamen, an dem der junge Hund schon vor Freude verrücktspielte, griff er erneut nach ihr, drängte sie an die Mauer und rieb seinen Körper an ihrem. Er war so viel größer und stärker als sie und nahm ihr jede Möglichkeit der Gegenwehr. Seine Hände hatten sich über ihren Körper geschoben und sein lautes Keuchen sich unlöschbar in ihre Erinnerung gefressen.

Er hatte sie, nachdem er mit nasser Hose von ihr abgerückt war und etwas davon gestammelt hatte, wie schön sie sei und wie sehr er sie mochte, gehen gelassen und sie war vollkommen durcheinander in ihr Zimmer zurückgekehrt. Es war ihr alles so unglaublich schäbig und schlimm vorgekommen und sie hatte sich schrecklich geschämt. Das hatte sie lange Zeit vom Gut ferngehalten, obwohl dieser Jonas schon wenige Tage nach diesem Vorfall entlassen worden war. Wie sie später erfuhr, hatte er sich mit Cedric angelegt und war von ihm hinausgeworfen worden.

Sie verdrängte diese unliebsame Erinnerung, die sie bis zu diesem Tag erfolgreich in ihren inneren Tiefen versenkt gehalten hatte. Eine unliebsame Erinnerung, wie viele andere auch. Nun wollen sie wieder in ihren Verstand dringen, als wollen sie sie ermahnen.

Energisch stand Isabel auf. Sie wollte nicht mehr in der Vergangenheit leben, sondern nur noch in der Zukunft. Sie wollte sich an die schönen Eindrücke und glücklichen Tage erinnern, um mit dem richtigen Gefühl im Herzen Cedric begegnen zu können. Daher schlug sie den Weg über die Feldwege ein, bis sie wieder hinunter ins Dorf kam. Sie wollte erst einmal das Zimmer in Beschlag nehmen, zu Mittag essen und dann weitersehen. Außerdem musste sie sich überlegen, wie sie Cedric das erste Mal treffen konnte.

Bei dem Gedanken wurde ihr wieder flau im Magen. Doch sie wollte keine schlechten Gedanken mehr zulassen. Sie hatte nur diese sechs Wochen und würde sie nutzen müssen.

Das Essen in der kleinen Gaststätte war gut. Aber sie speiste ganz allein. Es gab keinen anderen Gast.

Die füllige Wirtin mit den locker aufgesteckten blonden Haaren und dem runden Gesicht, in dem kleine blaue Augen fast versanken, hatte ihr das Essen serviert. Dabei hatte sie etwas aufgedreht wegen dieses einen Zimmergastes gewirkt. Aber sie war auch ausgesprochen nett und hilfsbereit und erzählte Isabel, was hier angeblich immer so los sei.

Isabel hatte nur höflich bei den Ausführungen genickt, die von der Frau gestenreich vorgetragen worden waren, wohl um zu verheimlichen, dass hier rein gar nichts los war. Außer dem Maitanz, der in drei Wochen stattfinden würde, standen keine größeren Veranstaltungen in Isabels Urlaubswochen an.

Aber die gute Frau wusste schließlich nicht, weshalb Isabel wirklich hier war. Es ging ihr nicht um Partys und zu feiernde Feste, sondern um die Eroberung eines Mannes. Eines bestimmten Mannes. Und der war früher schon kein Partylöwe gewesen. Deshalb hatte Isabel bei der Wirtin nachgefragt, ob auch Einheimische in ihrer Gaststätte verkehrten.

Sofort war das Lächeln im Gesicht der rundlichen Frau einem betretenen Blick gewichen. „Ja, ein paar Männer kommen abends auf ein Bierchen her. Aber die werden sie bestimmt nicht stören, auch wenn es hier manchmal etwas laut wird. Ich habe ihnen ein ruhiges Zimmer gegeben.“ Händeringend hatte die Wirtin hinzugefügt: „Wissen Sie, hier draußen ist man auf diese Leute angewiesen.“

Isabel hatte nur abgewunken und beteuert, dass sie das nicht im Geringsten störe. Das schien die Wirtin zu beruhigen.

Nach dem Essen ging Isabel in ihr Zimmer hinauf und setzte sich an das Fenster. Ihr Zimmer lag zu Straßenseite, wie alle Fremdenzimmer, und sie saß lange auf dem grün bezogenen Stuhl und sah auf die wenig befahrene Hauptstraße hinunter. Dabei überlegte sie, was sie nun tun soll. Ihr machten seit ihrem Spaziergang leichte Kopfschmerzen und ein Kratzen im Hals zu schaffen und sie konnte nur hoffen, dass sie sich nicht bei ihren Nichten angesteckt hatte.

Ihr kam in den Sinn, dass sie ihrer Chefin gegenüber eine aufkommende Erkältung als Erklärung für ihre vorgezogenen Urlaubstage genannt hatte. Vielleicht war dies die Revenge für ihre Lüge. Sie war schon immer etwas abergläubisch gewesen und musste auch immer wieder feststellen, dass sie schnell Gedanken in diese Richtung heimsuchten, die oftmals nicht unbegründet waren.

Dass sie nun aber wirklich krank werden könnte, machte sie schrecklich nervös. Das konnte sie gar nicht gebrauchen. Vor allen so weit weg von ihrer Wohnung, die sie langsam schon zu vermissen begann.

Wie so oft in den letzten Tagen drängte sich der Mann in ihre Gedanken, der sie nun nicht mehr in ihrer Wohnung antreffen würde und dessen Bitte um ein Rendezvous sie nur mit einem Brief beantwortet hatte.

Wie er wohl auf ihre Abfuhr reagiert hatte? Wenn er nur so ein Halodri war, dann wird er sie schnell wieder vergessen. Aber wenn er es wirklich ernst meint?

Ist doch Quatsch! Vergiss den ganz schnell und sieh zu, dass du die Sache hier gebacken kriegst, damit wir wieder nach Hause können.

Offenbar war da noch mehr in ihr der Meinung, schnell wieder nach Hause zu wollen.

„Am besten lege ich mich eine Stunde hin“, sagte Isabel zu sich selbst und erschrak über ihre laute Stimme. Hoffentlich hallte nicht alles so laut in diesem Haus wider.

Sie zog sich die Schuhe und die Jeans aus und legte sich in das frisch duftende Bett. Das Buch, das sie beim Auspacken gleich auf dem kleinen Nachtschrank deponiert hatte, sollte sie von zu viel unliebsamen Gedanken abhalten.

Sie nahm es erschöpft zur Hand und las ein paar Seiten, bis sie es zur Seite legte und sich müde und ausgelaugt ein wenig Schlaf gönnte.

Es war später Nachmittag, als Isabel benommen aufstand. Der Stress der letzten Wochen und die Anspannung wegen ihres Vorhabens schienen nun ihren Tribut zu fordern. Isabel sah erschrocken, dass es schon halb sechs am Abend war.

Sie beruhigte sich damit, dass sie eigentlich alle Zeit der Welt hatte. Bei sechs Wochen musste sie nicht gleich am ersten Tag in Panik ausbrechen, weil sie sich einmal richtig ausschlief.

Sie stieg in die enge Dusche und ließ lange das heiße Wasser über ihren Körper laufen. In ihrem Hals fühlte sich mittlerweile alles wund an und die Kopfschmerzen kehrten wieder. So leicht wollte sich die Erkältung wohl nicht wegschlafen lassen. Isabel fühlte sich immer noch wie benebelt und schlapp.

Eine Stunde später ging sie hinunter und suchte sich einen Tisch in einer dunklen Nische. Sie zündete sich mit einem Feuerzeug, dass sie in einem gläsernen Aschenbecher fand, die Kerze an und wartete.

Es waren tatsächlich zwei Tische mit Gästen von Außerhalb besetzt, die hier essen wollten.

Isabel konnte von ihrem Platz aus zwar gut zur Theke und zu deren Tischen hinübersehen, aber der Rest der gastlichen Stube blieb vor ihr verborgen. Aber sie hoffte, dass die Einheimischen sich eher an die Theke setzten oder an den großen Stammtisch neben der Theke und sie somit alle sehen konnte.

Bei der freundlich lächelnden Wirtin bestellte sie sich ein Glas Rotwein und eine Käseplatte. Den Wein brachte der Wirt ihr sofort, die Käseplatte mit selbstgebackenem Brot zehn Minuten später.

Die ersten Thekengäste kamen herein. Ein junges Pärchen und ein alter Mann, der sich weit weg von den beiden auf einen einsamen Hocker setzte. Alle bestellten sich ein Bier und der Wirt hielt ein Schwätzchen mit ihnen, als wären sie ihm gut bekannt.

Isabel aß ihr Brot und beobachtet das Geschehen um sich herum.

Das Mädchen an der Theke trank nicht so schnell wie ihr Begleiter und so bestellte er sich in der Zeit, in der sie ein Bier trank, zwei.

Die dicke Wirtin trat an Isabels Tisch und fragte lächelnd, ob das Essen für sie so in Ordnung war, während sie nach dem leeren Teller und dem Holzbrett griff.

Isabel bedankte sich und lobte das leckere Brot. Dabei schenkte sie der dicklichen Frau ein Lächeln. Sie wollte sich mit ihr gutstellen. Schließlich würde sie sechs Wochen bei ihnen verbringen. Dann bestellte sie sich ein zweites Glas Wein, dass ihr wenig später der Wirt an den Tisch brachte.

„Möchten Sie vielleicht einige Zeitschriften durchblättern?“, fragte er, als wäre seine oberste Priorität, ihr ihren Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen.

Isabel überlegte kurz und nickte, woraufhin der Wirt ihr einige Zeitschriften brachte.

Es fühlte sich für Isabel komisch an, hier herumzusitzen und nichts weiter tun zu können, als in den Zeitschriften zu schmökern. Aber sie konnte auf diese Weise und ohne aufzufallen den Gastraum im Auge behalten.

Im Laufe der nächsten zwei Stunden kamen noch einige Gäste zum Essen und auch die Theke füllt sich mit vorwiegend Männern. Doch Isabel konnte kein bekanntes Gesicht ausmachen. Um zehn Uhr ging sie in ihr Zimmer hinauf und legte sich wieder ins Bett. Sie fühlte sich immer noch nicht besser und haderte etwas mit ihrem Schicksal, ausgerechnet jetzt krank zu werden. Eigentlich war sie nie krank oder konnte bisher das Übel mit Medikamenten eindämmen. Aber sie hatte keine Medikamente mitgenommen und im Ort gab es keine Apotheke.

Ein Zittern ging durch ihren Körper und Isabel fror unter der sich nur langsam erwärmenden Decke. Zuhause hätte sie sich einfach ein Körnerkissen mit ins Bett genommen.

Sie musste auf den Schlaf warten, der sie von allem Übel befreien sollte und auch von den schon wieder sie überfallenden Gedanken, die ihr plötzlich eintrichterten, dass sechs Wochen niemals ausreichen werden.

Aber sie müssen ausreichen. Sie musste ihr Vorhaben in die Tat umsetzen, sonst war alles umsonst. Zumindest fühlte es sich so an, als wäre das ihre letzte Chance, ihr Leben in die richtige Richtung zu lenken.

Isabel wachte mitten in der Nacht mit grässlichen Halsschmerzen auf. Sie stieg aus dem Bett und ging ins Badezimmer. Aus dem Wasserhahn trank sie einige Schlucke eiskaltes Wasser, doch die Halsschmerzen ließen nicht nach.

Sie kletterte wieder in ihr Bett und rollte sich unter der Decke zitternd zusammen. Ehe sie noch recht über ihre Lage nachdenken konnte, zog sie der Schlaf wieder in seine Welt.

Am nächsten Morgen fühlte sie sich immer noch nicht besser. Der Hals schmerzte immer noch und ihre Bronchien rasselten wie eine wütende Klapperschlange.

Isabel überlegte, ob sie besser einen Arzt aufsuchen sollte. Doch sonntags war das nicht so leicht, und der Wirtin wollte sie nichts sagen. Es war ihr peinlich, hierherzukommen und völlig krank durchzuhängen. Darum beschloss sie, erst ein - zwei Tage abzuwarten, bevor sie jemandem von ihrem Zustand erzählte. Die Zeit musste sie sich einfach gönnen und alles würde wahrscheinlich im Null Komma Nichts vergessen sein.

Du hast doch Urlaub. Bleib einfach einmal einen Tag im Bett und gönn dir etwas Ruhe. Es ist doch erst Tag Zwei!

Sie hatte nun mal ein gestörtes Verhältnis zum Nichtstun, zum Urlaub machen und zum Krank sein sogar dreimal. Aber nun hatte sie gottseidank sechs Wochen vor sich. Das war eine sehr lange Zeit und deswegen durfte sie wegen ein paar verlorenen Tagen keine Panik schieben.

Sie zog sich die Decke über das Kinn und schloss die Augen. Sie musste erst wieder bei Kräften sein, sonst brachte das hier alles nichts. Schließlich hatte sie sich ein Ziel gesetzt, dass sie in den nächsten Wochen erreichen wollte … erreichen musste!

Jetzt, wo sie krank war, schien auch ihre Psyche zu spinnen. Sie sagte ihr, dass Isabel es nicht schaffen konnte, sogar nie eine Chance hatte, es zu schaffen, und das ließ sie unruhig und innerlich rastlos werden. Alles in ihr vibrierte aufgebracht und Isabel konnte sich nur damit beruhigen, dass sie sich immer wieder vor Augen hielt, dass ihre sechs Wochen doch gerade erst angefangen hatten. Sie musste versuchen, ruhig zu bleiben. Aber das war schwerer getan als gesagt.

Isabels Grippe dauerte nun schon ganze drei Tage an, in denen sie fast nur das Bett hüten konnte.

Am Montag war die mollige Wirtin Marianne zu ihr nach oben gekommen und hatte an ihre Tür geklopft, als sie nicht zum Frühstücken und Mittagessen erschienen war. Als Isabel nur ein klägliches „Herein!“ zustande gebracht hatte, war die Wirtin regelrecht ins Zimmer gestürmt und hatte aufgeregt gerufen: „Kindchen! Was ist denn mit Ihnen? Geht es Ihnen nicht gut?“

Isabel hatte ihr mit dünner Stimme erklärt, dass sie eine Erkältung habe, was in Marianne offenbar sämtliche Muttergefühle freigekratzt hatte. Aber sie stellte sich auch als gute Krankenpflegerin heraus und umsorgte sie wirklich gut. Für Isabel war sie die Rettung in der Not.

Nun stob sie, wie immer breit lächelnd, erneut in Isabels Zimmer.

„Hier Isabel, ich habe dir eine heiße Brühe gemacht.“

Wie zu jeder Mahlzeit kam sie mit leichter Kost und sorgte dafür, dass sie auch gegessen wurde. Außerdem waren sie mittlerweile zum Du übergegangen.

„Mir geht es heute schon etwas besser“, beruhigte Isabel sie. „Ich glaube, ich kann heute schon etwas aufstehen.“

„Nein, nein. Das lass mal schön bleiben. Morgen kannst du von mir aus gerne einmal ums Haus gehen. Aber heute bleibst du noch im Bett.“

Marianne lächelte ihr gutmütiges Lächeln, schob die volle Teekanne und die Tasse auf dem Nachttischchen zurecht und nahm die leere Suppentasse wieder mit.

Isabel legte sich zurück und nahm ihr Buch zur Hand. Doch die Unruhe in ihr ließ sie keinen Satz zusammenhängend verstehen. Immer wieder musste sie daran denken, dass von ihrer kostbaren Zeit schon eine halbe Woche vertan war. Sie packte erneut die Angst, dass die Zeit nicht ausreichen könnte. Sie musste morgen wenigstens einen Spaziergang wagen, sonst wurde sie hier noch verrückt. Dazu kam, dass sie viele seltsame Träume, wohl vom Fieber ausgelöst, tief verunsicherten. Und der von letzter Nacht machte sie besonders betroffen.

Sie hatte darin Cedric oben am Wald bei der alten Bank getroffen. Er war zielstrebig auf sie zugehinkt, hatte einen dicken Bauch und kaum noch Haare auf dem Kopf. Aber sie wusste dennoch sofort, dass er es war.

Ohne ein nettes Hallo oder sonst was hatte er nach ihr gegriffen und sie an sich gezogen. Seine Finger hatten sich in ihre Harre verfangen und ihren Kopf in den Nacken gezogen. Dann hatte er sie brutal geküsst.

Sie war in diesem Traum entsetzt zurückgewichen und in ein Maisfeld geflüchtet. Doch wohin sie sich auch wandte, er war immer wieder vor ihr und schrie wütend: „Das ist mein Labyrinth und ich kenne mich hier aus. Du nicht! Wenn ich es nicht will, findest du hier nie mehr heraus.“

Sie war ängstlich vor ihm geflüchtet. Doch sein lauter Atem war ständig hinter ihr zu hören gewesen. Als das alte Eisentor seines Guts sie stoppte, wusste sie, dass ihr etwas passieren würde. Als etwas nach ihr griff, war sie schreiend aufgewacht.

Mit diesem Aufschrei und durch ihr ängstlich pochendes Herz alarmiert, hatte sie die Augen aufgerissen und festgestellt, dass alles nur ein Traum gewesen war.

Nein, so würde das mit Cedric nicht sein. Sie wollte ihn so sehen, wie er in ihren anderen Träumen war, und das Gefühl erfahren, dass er dort immer wieder in ihr entfacht hatte. Er würde liebevoll zu ihr sein und ihr eine wundervolle Nacht schenken … und ein Baby!

Doch der Traum sagte etwas anderes und das weckte etwas in ihr, das sie verdrängen wollte … verdrängen musste.

Sie hatte doch von ihm immer nur als liebevollen Mann geträumt, der sie in seine Arme gezogen und ihr das Gefühl von Liebe und Geborgenheit gegeben hatte. Das hatte sie dann immer völlig gefangen genommen und sie hatte keinen anderen Gedanken an ihn zugelassen, der dieses Gefühl gemindert oder in Frage gestellt hätte.

Nun begann aber etwas in ihr aufzubrechen, dass ihren Traumcedric in ein anderes Licht gerückt sehen wollte. Bedenken begannen ihren Kopf zu dominieren. Vielleicht hatte sie immer nur glücklich gemacht, dass sie Cedric in diesen Träumen in ein Licht gerückt sah, in dem sie ihn sehen wollte?

Ihr erschien ihr letzter Traum plötzlich immer mehr wie eine Warnung und sie hatte das erschreckende Gefühl, dass er sie an etwas erinnern wollte. Etwas, was sie nicht länger in sich verschlossen halten durfte, weil es gefährlich war.

Aber Isabel wollte davon nichts wissen. Dennoch schien seit diesen Fieberträumen etwas anders zu sein, und sie konnte nicht umhin, sich dem zu stellen. Zumal sie immer noch ans Bett gefesselt Zeit hatte, sich den aufkommenden Erinnerungen hinzugeben, die sie hier, in ihrer alten Heimat, schon die ganze Zeit erbarmungslos überfallen wollen. In ihr quoll ein Gefühl hoch, dass das, was sie in ihrer Kindheit mit Cedric verbunden hatte, nicht nur Liebe gewesen war.

Sich entsetzt unter ihre Decke verkriechend, konnte sie den hochdrängenden Bildern nicht entfliehen. Sie sah sich als kleines Mädchen zitternd Cedric anstarren, weil er wieder etwas Schreckliches tat. Meistens traf es Till. Der hatte oft unter Cedrics Wutanfällen zu leiden.

Nur gegen Stefanie, die ältere Schwester, hatte Isabel Cedric nie seine Wut rauskehren gesehen.

Sie war ein eigenbrötlerisches Mädchen, die damals eine höhere Schule in der Stadt besucht hatte. Sie war zwei Jahre älter als Cedric und interessierte sich für das kleine Nachbarsmädchen Isabel keinen Deut. Das änderte sich erst sehr viel später, als Isabel schon fünfzehn war. Da gab es eine kurze Zeit, in der Stefanie permanent zuhause war und Isabel nicht ignorierte, wenn die hinter Cedric herschlich, um etwas seiner Nähe zu erhaschen.

Isabel fragte sich plötzlich, ob Cedric sein Leben auf dem Gut auch gewählt hätte, wenn er eine andere Chance bekommen hätte. Aber er hatte nach dem frühen Tod des Vaters keine Wahlmöglichkeit gehabt.

Vielleicht hatte Till deshalb immer schrecklich unter ihm zu leiden gehabt. Cedric muss klar gewesen sein, dass Till alles offenstand, wenn er älter war und dass er das bekam, was Cedric nicht mal im Traum fordern konnte. Er musste auf dem Gut arbeiten, durfte keine höhere Schule besuchen, wie Stefanie und Till und war jeglicher Freiheiten beraubt.

Damals brodelte beständig die Gerüchteküche. Auch Isabels Eltern sprachen oft von Cedric … und das eher abwertend.

Isabel hasste es, dass keiner sah, was er leistete und wie er sich tagtäglich abmühte. Aber mit dem Gefühl für Cedric und ihrem Kampf, ihn in ein anderes Licht zu rücken, traf sie seine Zurückhaltung und Ablehnung umso stärker. Und sie wollte seine Aufmerksamkeit.

Wahrscheinlich hatte sie sich zu der Zeit, als so viele ihn für verrückt und unerträglich hielten, richtig in ihn verliebt. Aber er ging stets einen Schritt zurück, wenn sie einen auf ihn zu tat. Und wenn sie ihm Zuneigung zeigte, bedachte er sie mit herablassender Missachtung oder jagte sie nach Hause.

Seit Isabel wieder hier war und ihre Vergangenheit sich langsam wie ein Buch öffnete, drangen viele der alten, verdrängten Gefühle nach oben. Und sie waren verworren und entwirrten sich nur langsam. Im Moment schob sich die seltsame Unruhe und Angst in ihr hoch, die er so manches Mal in ihr ausgelöst hatte, wenn er in ihrer Nähe war. Das war wohl durch den Traum ausgelöst worden, in dem Cedric sie durch sein Maisfeld gejagt hatte.

Schnell schloss sie die Augen und verdrängte diesen Gedanken und das ungute Gefühl. Sie war damals so jung und verstand nicht, wie sie mit Cedric, Till, und dem, was damals alles passiert war, klarkommen sollte. Sie wollte so viel und schaffte doch nichts davon.

Es konnte nur ihre kindliche Haltung gewesen sein, und ihre naive Vorstellung von allem, die ihr im Weg gestanden hatte. Und natürlich Tills Liebe zu ihr, die er ihr immer wieder vor die Füße gekippt hatte und von der Cedric bestimmt wusste. Till war so sehr davon überzeugt, dass Isabel zu ihm gehört, wie sie überzeugt war, zu Cedric zu gehören. Aber der konnte sich nicht auch noch um eine dumme Göre kümmern, die ihn kindisch anhimmelte und ihm bestimmt eher Stress machte, als ihm zu helfen.

Nun war sie eine erwachsene Frau, die wusste, was sie wollte.

Sie wollte ihn umgarnen, ins Bett zerren und schwanger von ihm werden, um dann wieder aus seinem Leben zu verschwinden. Sie wollte nur ein wenig Gefühl für ihre Erinnerungen und sie wollte sie wie in ihren Träumen. Mehr nicht. Dann konnte sie gehen und hatte alles, was sie glaubte, haben zu müssen, um ihr Leben weiter meistern zu können. Und dann konnte sie mit ihrer Vergangenheit für immer abzuschließen. Da war sie sich sicher. Also gab es für sie kein zurück.

Seit zwei Tagen lief Isabel unschlüssig im Ort herum oder machte Spaziergänge durch die Felder und die angrenzenden Waldstücke. Sie wollte wenigstens ein wenig so tun, als wäre sie eine normale Touristin.

Ihre Erkältung war weitgehendst überstanden und sie fühlte sich wieder einigermaßen fit. Doch die Zeit schien ihr davonzulaufen und sie hatte Cedrik noch nicht einmal gesehen. Sie war schon zwei Mal an seinem Grundstück vorbeigeschlendert und hatte vergeblich nach ihm Ausschau gehalten. Sie hoffte, wenn sie ihn sah, würden sich die unguten Gefühle in ihre Schranken weisen lassen, die sie immer wieder überfielen. Und ohne ihn wenigstens einmal gesehen zu haben, konnte sie nicht gehen. Das ging einfach nicht.

Sie hatte seinen Trecker laufen gehört, seine Schweine quieken, seine Kühe muhen, seine Hühner gackern und seinen Hund bellen. Doch von ihm sah sie nichts. Sie hatte auch schon mit dem Gedanken gespielt, einfach zu ihm zu gehen und seine Mutter zu besuchen. Schließlich war sie früher bei ihnen ein- und ausgegangen und Frau Schneider war für sie fast wie eine zweite Mutter gewesen.

Doch sie scheute vor diesem Schritt zurück. Sie wollte Cedric lieber erst außerhalb seines Herrschaftsbereichs begegnen, um sich langsam mit seinem nun zwanzig Jahre älteren Aussehen und Auftreten anzufreunden. Nur nichts überstürzen!

Du hast ja Angst! Glaub mir, dass ist auch gut so.

Ihr Gewissen war wie immer gnadenlos und unverkennbar nicht mehr auf ihrer Seite, seit sie die Fieberträume heimgesucht hatten.

Geh doch einfach wieder und vergiss das Ganze. Er ist wahrscheinlich sowieso nicht so, wie du denkst. Bestimmt magst du diesen alten, runzligen, fetten Cedric gar nicht.

Isabel musste sich eingestehen, dass der Traum und ihre Erinnerungen sie tief erschüttert hatten und die Zweifel an ihrem Unternehmen geschürt waren. Zweifel, die sie bisher erfolgreich bekämpft hatte. Und es gab sie. Immer schon. Sie hatte sie nur nie zugelassen, wenn sie über Cedrics Verhalten, über seine Zuneigung ihr gegenüber, sowie seine sanfte Art in ihren Träumen eigentlich erstaunt gewesen war.

Dazu kam, dass sie wirklich nicht wusste, ob der Cedric von heute ihr überhaupt gefiel.

Aber sie wollte nicht gehen, bevor sie ihr Hiersein zumindest dafür nutzen konnte, für sich etwas herauszufinden. Cedric beherrschte immer noch ihre Träume und sie wollte den wirklichen Cedric unbedingt treffen. Aber der Gedanke, dass ihr Traum von diesem gemeinsamen Kind damit eventuell starb und vielleicht damit sogar der Kinderwunsch allgemein für sie, erschien ihr auch keine Option zu sein. Sie wollte dieses Kind. Dieser Wunsch hatte sich seit seinem Entstehen in ihr festgesetzt und sie wollte ihn immer noch umsetzen.

Nun war schon wieder Samstag und Isabel saß beim Abendbrot in ihrer Nische im Schankraum.

Marianne hatte sich erst einige Zeit zu ihr gesellt und mit ihr etwas geplaudert. Nun war sie in ihre Küche zurückgekehrt, um den neu angekommenen Gästen ihr bestelltes Essen zu kochen.

Bernd, ihr Mann, polierte hinter der Theke die Gläser und stellte sie in das Regal.

Isabel aß ihr Abendessen und trank dazu ihren Rotwein. Dazu blätterte sie in einer Zeitschrift. Nie hatte sie geahnt, dass Zeitschriften tatsächlich interessant sein könnten. Sie selbst hatte sich nie welche gekauft, weil sie doch nie die Zeit hatte, sie zu lesen. Außerdem bevorzugte sie bisher immer ein gutes Buch.

Gerade, als sie den letzten Bissen Schnitzel in den Mund schob, warf sie einen Blick zur Theke. Sie erstarrte in ihrer Haltung und ihr Herz setzte für einen Augenblick aus. Die Zeitschrift rutschte vom Tisch zu Boden.

Bernd reicht seinem neu angekommenen Gast gerade ein Bier und Isabel sah wie dunkle, wellige Haare in den Nacken fielen, als der Mann an der Theke das Glas ansetzte und es in einem Zug leerte.

Bernd kannte das wohl und stellte sofort ein neues hin, bevor er um die Theke herum zu einem mit einem Pärchen besetzten Tisch ging, um ihnen ihre Getränke zu bringen.

Isabel starrte den Mann an der Theke an und konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen. Ihre Hand schmerzte und sie legte die Gabel auf den Teller zurück. Ihr ganzer Körper schien sich verkrampft zu haben und Isabel rutschte auf dem Stuhl herum, um die Verkrampfung zu lösen. Dabei starrte sie auf die breiten Schultern in dem grauen Pullover, auf dessen Kragen seine etwas zu langen braunen Haare fielen.

Was sollte sie nun tun? Sie musste diesen Mann von vorne sehen. Unbedingt!

Doch dieser Gedanke löste plötzlich Panik in ihr aus und ein anderes Gefühl peitschte in ihr hoch.

Lauf weg …!

Verdammt, was sollte das jetzt? Wenn das wirklich Cedric war, dann war das ihre Chance!

Ihre innerliche Anspannung verstärkte sich bei dem Gedanken, sich ihm zu nähern.

Das muss schließlich nicht heute sein. Du kannst besser ein anderes Mal …

Das aufpeitschende Unbehagen ließ Isabel zum Glas greifen und einen großen Schluck trinken. Aber auch das half nicht. Sie sah sich außer Stande, aufzustehen und an die Theke zu gehen. In ihrem Kopf rotierte immer noch eine Ausrede nach der anderen.

Das war doch echt zu albern! Sie musste doch nur an die Theke gehen und Bernd bitten, ihr das leere Rotweinglas zu füllen. Dabei konnte sie dann einen Blick in das Gesicht des Mannes werfen, der mittlerweile auch sein zweites Glas Bier schon fast geleert hatte.

Ihr Herz klopfte bei dem Gedanken, diesen Plan umzusetzen, wild in ihrer Brust und vor Aufregung kämpfte ihr Magen mit Mühe gegen das trotzige Schnitzel an. Sie spürte vor Aufregung immer mehr die Übelkeit aufsteigen.

Sich durch das Gesicht streichend, sah sie einen Moment auf die Kerze, die auf ihrem Tisch brannte. Dann lief ihr Blick wieder zur Theke und sie raffte allen Mut zusammen. Sie musste doch nur einmal zur Theke gehen und etwas nachfragen. Dann konnte sie sofort wieder gehen.

„Aber was?“ Isabel fühlte sich wie damals, als sie mit fünfzehn auch nicht wusste, wie sie Cedric begegnen sollte, aber alles sie in seine Nähe zog.

Nein, sie wollte ihn erst etwas beobachten, ihn belauschen und jeden Millimeter seines Körpers mit den Augen erforschen. Sie wollte ihn erst kennen, bevor sie sich ihm zeigte. Vielleicht ging er ihr sofort wieder aus dem Weg, wenn er erst erkannte, wer sie war.

Genau! Gut, dass dir wieder einfällt, dass er dir immer irgendwie aus dem Weg gegangen ist. Du hast das schließlich lange genug verdrängt.

Verdammt! Das wusste sie selbst. Sie hatte damals geglaubt, dass er nur schüchtern sei. Sie hatte nie verstanden, warum er sie nicht behandelte, wie andere es doch auch taten. Sie wollte damals seine Zuneigung, doch er war immer nur erschreckend zurückhaltend gewesen. Bis auf die wenigen Ausnahmen, die sie dann geradewegs in den Himmel … oder in die Hölle schickten, wenn nichts so war, wie sie es sich gewünscht hatte. Aber egal was er damals auch tat, sie fühlte sich zu ihm hingezogen. Auch jetzt, wo sie auf diese dunklen Haare starrte, schlug ihr Herz bis in den Hals. Aber sie musste das Ganze geschickt einfädeln. Sie war kein Kind mehr und wollte diesmal ein bestimmtes Ziel erreichen. Dazu musste sie sich aber auch geschickter anstellen, als sie das üblicherweise tat.

Geschickt! Das ich nicht lache. Deine Hände zittern wie Espenlaub und kein klarer Gedanke hält sich länger als eine zehntel Sekunde.

Isabel fiel ihr letzter Traum ein und sie verwarf ihn schnell wieder. Sie musste sich mit aller Macht Mut machen. Sie hatte nur noch fünf Wochen, um ihn dazu zu bringen, sie mit in sein Bett zu nehmen und dieses Kind zu zeugen.

Schon der bloße Gedanke daran, dass sie das wirklich in die Tat umsetzen wollte und sich damit ihre Träume erfüllen sollten, machten sie ganz schwindelig.

Cedric hätte dich damals schon haben können und wollte dich nicht. Warum sollte er sich jetzt wie ein Tier auf dich stürzen? Du bist nicht mehr taufrisch und auch nicht immer gut zu ertragen.

Oh Mann! Warum machte sie sich schon bei dem bloßen Gedanken in die Hose, ihn überhaupt erst mal ganz unverbindlich zu begrüßen? Er wusste schließlich nicht, warum sie hier war. Und er konnte ihr nichts antun, weil sie kein kleines Mädchen mehr war.

Ihr nichts mehr antun?

Sie versuchte mit aller Macht sich gegen das Gefühl zu sperren, dass Cedric nie so war, wie in ihren Träumen. Während sie sich ihm in ihren Tagträumen völlig verliebt und zärtlich hingegeben hatte, waren ihre reellen Zusammentreffen eigentlich anders gewesen. Da musste sie sich schon darüber freuen, wenn er sie einfach nur ignorierte, wenn sie in seiner Nähe herumschlich. Er konnte auch ganz anders sein.

Isabel musste sich fassungslos eingestehen, dass sie sich an dem wenigen Netten von Cedric festgeklammert hatte und die Träume von ihm sie deshalb so mitnahmen, weil er sich darin ihr gegenüber präsentierte, wie sie ihn nie erlebt hatte. Darum hatten sie so eine Macht über sie. Deshalb machten sie sie so unglaublich glücklich. Alles andere hatte sie verdrängt.

Doch nun, mit dem Blick auf diesen Mann, den sie für Cedric hielt, kochte etwas in ihr hoch, dass sie erschütterte und ihren Plan vollkommen unrealistisch aussehen ließ. Warum glaubte sie überhaupt, dass sie ihn nun herumkriegen konnte, wo es damals schon unmöglich war?

Hier an diesem Tisch hockend und auf den Rücken in dem grauen Pullover starrend, spürte sie wieder die Resignation, die sie als junges, verliebtes Mädchen immer wieder überfallen hatte. Sie wollte damals seine Liebe, seine Umarmung und seine Küsse, aber er gab ihr nichts davon. Niemals!

Ihr war natürlich klar, dass sie nicht mehr dieses kleine, verunsicherte Mädchen von damals war. Sie brauchte sich jetzt nicht mehr vor ihm zu fürchten. Das Einzige, was sie fürchten musste, war seine Ablehnung.

Jetzt drehte der Mann an der Theke den Kopf etwas zur Seite, als spüre er den Blick in seinem Nacken und Isabel erstarrte von Neuem. Sie war sich plötzlich sicher, dass Cedric dort an der Theke saß.

Heiß und kalt lief es ihr den Rücken hinunter. Sie hatte einen Augenblick seine kurze, gerade Stupsnase gesehen und seinen dunklen kurzgehaltenen Bart. Offenbar hatte er sich nicht viel verändert.

Früher hatte er lange Zeit nur einen Bart über der Oberlippe getragen, später hatte er sich mehr Bart wachsen lassen, der sie immer fasziniert hatte. Er war so schön geformt und gab ihm etwas Cooles. Und sie hatte seine braunen, welligen Haare geliebt. Dazu hatte er diese dunklen Augenbrauen, hellbraune Augen mit langen Wimpern und diese schöne gerade Nase, die fast zu feminin für einen Mann war.

Isabel erbebte bei dem Gefühl, dass ihr durch die Venen schoss und ihr fassungslos die Einsicht brachte: Und ich liebe ihn immer noch!

Sie trank ihr Glas leer und stand auf.

Laut und durchdringend rief sie sich in Gedanken zu: „Ich bin nicht mehr dumm und unbeholfen. Ich bin eine erwachsene Frau, die weiß, was sie will!“

Morgen … oder Übermorgen vielleicht. Aber heute überstürz nichts!

Doch als sie sich an der Theke auf einen Hocker schob, keine zwei Meter von Cedric entfernt und einen Hocker zwischen sich und ihm freilassend, wurde ihr klar, was sie da eigentlich gerade tat. Hatte sie nicht eben noch gedacht, dass es besser wäre, nichts zu überstürzen?

Aber sie wollte sein Gesicht von vorne sehen.

„Kann ich noch ein Glas Rotwein haben?“, wandte sie sich an Bernd, der ihr ein Lächeln schenkte und nach der Weinflasche griff.

Bei ihren an Bernd gerichteten Worten sah Cedric langsam auf. Wie in Zeitlupe drehte er ihr das Gesicht zu und sah sie entgeistert an.

Isabel erschrak auch. Sie hatte erwartet, dass er sie nicht wiedererkennen würde oder sie vielleicht erkannte und sich irgendwie freute, sie zu sehen. Aber er wurde eher etwas blass und sein Gesichtsausdruck wirkte erschrocken.

Isabel griff schnell nach dem Glas, das Bernd ihr aufgefüllt hatte und trank einen Schluck.

Cedric starrte sie immer noch an, sagte aber kein Wort. Tiefe Furchen zogen sich von seinen Nasenflügeln zu seinen Mundwinkeln und brachten dort seinen Bartstayle in Unordnung. Seine Stirn zierten tiefe Denkerfalten.

Isabels Innerstes reagierte auf sein Aussehen immer noch mit dem gleichen hingerissen sein wie früher. Er war immer noch ihr Cedric. Seine braunen Augen hatten sich nicht verändert und das gebräunte Gesicht zeugte von der vielen Arbeit an der frischen Luft. Sein welliges, dunkles Haar war immer noch so dicht wie früher und hatte noch kein Grau angesetzt. Sein Körper wirkte keineswegs alt und fett, und sie hielt ihn immer noch für wirklich gutaussehend.

Ihr Herz schlug ihr so laut in der Brust, dass sie benommen nichts anderes mehr wahrnahm als den Mann vor sich. Doch dann musste sie Bernd ansehen, weil der etwas zu ihr sagte und lächelte ihm sogar zu, obwohl sie gar nicht wusste, was er eigentlich meinte. Alles in ihrem Kopf schien nur noch diesen Moment mit Cedric wahrnehmen zu wollen. Wie entrückt drehte sie den Kopf wieder Cedric zu, der sie immer noch anstarrte und sie stellte das Glas ab, das sie zitternd zu heben versuchte hatte.

„Hallo Cedric“, sagte sie mit belegter Stimme, um die unerträgliche Stille zwischen ihnen zu unterbrechen.

„Hallo!“, hörte sie seine tiefe Stimme raunen. Langsam änderte sich sein Blick. Ein schwerer Vorhang schien zwischen ihnen herabzufallen, wie eine unüberwindbare Wand, und Cedric wandte sich seinem Bier zu, als wäre sie nicht da.

Isabel fühlte sich wie damals. Seine abweisende Haltung nahm ihr den Atem und machte sie fassungslos. Dass es wieder wie früher zwischen ihnen war, wollte sie nicht zulassen. Sie wollte seine Aufmerksamkeit und sie wollte, dass er sich mit ihr auseinandersetzte.

Plötzlich brach in ihr etwas auf. Es war wie eine tief eingegrabene Wut. Alles in ihr wollte diesem Mann ein Gefühl für sich entlocken. Er sollte sich endlich zu ihr hingezogen fühlen und sie wollte ihn bezwingen.

So. Sind wir nun da, wo wir eigentlich immer schon hinwollten?

Isabel war ein wenig geschockt über ihre alles überrollenden Gefühle, die aus ihr hervorbrachen und etwas zu Tage förderten, dass sie so noch nie in sich ahnte. Plötzlich hatte sie das Gefühl, dass sie nur hier war, um diesen Mann, der sie immer gedemütigt und verachtete hatte, nun in die Knie zu zwingen.

Ja, Wut ist besser als Angst. Er ist schuld an deinem Männerdilemma. Er ist sogar an deinem kaputten Leben schuld.

Und sie wird ihn nicht mehr von der Leine lassen. Sie wird nicht zu ihrem Tisch zurückkehren und sich geschlagen geben. Auf gar keinen Fall!

„Kennst du mich noch?“ Ihre Stimme klang herausfordernd und etwas nach der Wut, die in ihr schwelte.

So eine dümmliche Kleinkinderfrage. Fiel ihr nichts Intelligenteres ein?

Cedric sah von seinem Glas nicht auf, nickte aber. Seine dunklen Augenwimpern schienen fast seine Wangen zu berühren, als hätte er die Augen geschlossen.

„Wie geht es dir?“ Isabels Stimme klang nun weich und nach Aufmerksamkeit heischend über den Tresen.

Das alte Spiel! Umso weniger er ihr zu geben bereit war, umso mehr wollte sie von ihm und je abweisender er ihr gegenüber wurde, umso mehr wollte sie sich aufgeben und das werden, was ihn interessierte.

Auch damals war er immer so unaussprechlich zurückhaltend gewesen. Wie oft hatte er sie mit dieser Zurückhaltung zu unüberlegten Handlungen getrieben? In manchen Momenten war sie schon damals bereit gewesen, sich vor seine Füße zu werfen und heute spürte sie es wieder. Schlimmer noch als damals. Sie wollte alles tun, um ihn diesmal aus der Reserve zu locken. Nur einmal … und das im richtigen Augenblick. Das schien ihr plötzlich wichtiger als alles andere. Fast überlebenswichtig!

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