Kitabı oku: «Westwind»

Yazı tipi:

Samantha Harvey

Westwind

Roman

Aus dem Englischen von Steffen Jacobs


© Atrium Verlag AG, Zürich, 2020

Alle Rechte vorbehalten

Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel The Western Wind bei Jonathan Cape, an imprint of Vintage Publishing, London.

© Samantha Harvey 2018

Aus dem Englischen von Steffen Jacobs

Lektorat: Claudia Jürgens

Covergestaltung: Hauptmann & Kompanie Werbeagentur, Zürich

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.

ISBN 978-3-03792-155-5

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Tag 4

Fastnachtsdienstag, auch Pfannkuchendienstag genannt

17. Februar 1491

Rohrkolben

Bin ich auch Staub und Asche, so schlafe ich doch den Schlaf der Engel. Nichts weckt mich nachts auf, nicht, ehe ich bereit bin. Aber in jener Nacht war mein Schlaf unruhig und morgens wurde er von angstvollen Rufen zerschnitten. Eine zischelnde, drängende Stimme durch das Sprechgitter: »Pater, sind Sie da drin?«

»Carter?« Selbst halb im Schlaf erkannte ich seine Stimme: »Um was geht’s?«

»Ein Mann ist im Fluss ertrunken. Drüben bei West Fields. Ich – ich war da wegen eines Baums, der in den Fluss gestürzt ist. Da lag ein Mann im Wasser, der hing wie ein Stofffetzen unter dem Stamm fest, Pater.«

»Ist er tot?«

»So tot, wie man nur sein kann.«

Ich hatte auf dem niedrigen Schemel im Beichtstuhl geschlafen, die Wange gegen das Eichenholz gelehnt. Mein Schlaf war unruhig gewesen, überhaupt nicht den Engeln nah. Jetzt stand ich auf und glättete, so gut es ging, meine Soutane. Draußen war es dunkel; es hätte Nacht sein können oder früher Morgen. Meine Hände und Füße waren steif vor Kälte. Ich schob die Trennwand gerade weit genug zur Seite, um den Beichtstuhl verlassen zu können – der im Grunde kein Beichtstuhl ist, sondern ein Provisorium aus Balken und Vorhängen –, und sah im Kerzenschein das gerötete, besorgte Gesicht von Herry Carter.

»Ich habe Sie erst im Pfarrhaus gesucht, aber da waren Sie nicht«, stotterte er. »Da habe ich mich gefragt, ob Sie vielleicht hier sind.«

Ich hätte ihm gern gesagt, dass ich normalerweise nicht sitzend im Beichtstuhl schlief, dass ich selbst nicht wusste, was mich in dieser Nacht dazu gebracht hatte. Aber Carter sah nicht aus, als ob ihn das interessieren würde. Er wollte bloß zurück zum Fluss.

»Vielleicht kann er noch die Letzte Ölung bekommen«, sagte er mit dünnen, missmutig verzogenen Lippen.

»Du sagtest, er sei tot.«

»Aber wenn wir ihm ein bisschen Messwein einflößen könnten …«

Eine tote Kehle ist nicht empfänglich für Messwein, dachte ich, aber ich schwieg.

»Wenn uns wenigstens das gelingt«, sagte Carter, »kann er vielleicht einen halbwegs anständigen Tod sterben. Sonst …«

Sonst läge ein garstiges Schicksal vor ihm, und die Zeit, in der er wie ein Stofffetzen unter einem umgestürzten Baum festgehangen hatte, würde ihm wie die Erinnerung an eine rosige Vergangenheit erscheinen. Herry Carter tat recht daran, dem Toten Besseres zu wünschen. Also verließen wir die Kirche und liefen los.

Als Erstes bemerkte ich, wie heftig und bitterkalt der Ostwind war. Die Dämmerung hatte gerade erst eingesetzt und am Himmel zeigte sich nur eine schwache Ahnung von Tageslicht. Wir liefen den Pfad nach West Fields entlang, das beinahe eine Meile entfernt liegt, größtenteils schräg gegenüber auf der anderen Seite des Flusses. Der Fluss schlängelt sich windungsreich dahin und braucht fast zwei Meilen, um dieselbe Strecke zurückzulegen. Ich eilte atemlos weiter, mein Gewand flatterte wie ein Segel im Wind, der Messwein schwappte in meiner rechten Hand in der Flasche, das Weihöl in meiner linken und meine Oberschenkel brannten. Wie ein Reh, hatte mein Vater immer gesagt und dabei gezwinkert, weil er gern Rehe schoss. Carter war jung, klein gewachsen, flink auf den Beinen. Mit seinen blonden windzerzausten Haaren und den schlammverkrusteten Knien verkörperte er die schlichte, flaumige Unschuld der Jugend. Mit rhythmischen Armbewegungen lief er voran.

Das Weideland in den Flussbiegungen war überflutet, aber nicht mehr so sehr wie zuvor; es war, als hätte der Wind das Wasser zurück in den Fluss geschoben. Über uns wölbte sich ein hoher, bewegter Himmel, der nach Sonnenaufgang blau sein würde, und alles außer dem Wind war nass – der Pfad, das Gras, die Erde, unsere Füße und Knöchel, die Baumstämme, die Nester mitsamt den Küken darin. Meine Zehen waren wie Frösche in einem Sumpf. Als wir an den Rand des saftigen Weidelands bei West Fields kamen, wurde die Welt noch nasser – durchweichte Schafe mit zitternden Lämmern; Kühe, die auf der Suche nach trockenerem Boden durch das Gras planschten, um fressen zu können, ohne gleichzeitig saufen zu müssen. Townshends Pferde hatten einander die Schnauzen auf die durchnässten Flanken gelegt und bildeten ein Viereck im Sumpf. Nur der Wind selbst war trocken, trocken und kalt, und blies die langen Regentage fort.

»Dort«, sagte Carter und zeigte auf eine Stelle des Flusses, die siebzig oder achtzig Schritte vor uns lag. »Ich habe es mit meiner Axt markiert.«

Keine gute Markierung. Mit der in die Uferböschung gerammten Klinge ragte die Axt keine zehn Zoll aus dem Boden. Man hätte eine Markierung gebraucht, um sie zu finden. Aber Herry Carter hatte die scharfen Augen der Jugend, und seine Gedanken waren auf nichts anderes als diese Axt und die Stelle des Flusses gerichtet, der einen alten, toten Stofffetzen von einem Mann angespült hatte. Mit dem Wind im Rücken beschleunigte er seine Schritte. Jetzt war er schon bei der Axt, schritt unruhig am Ufer auf und ab und stand knöcheltief im Wasser, als ich ihn endlich eingeholt hatte.

»Sie ist fort«, sagte er. Er klang verzweifelt, seine Stimme war kratzig. »Die Leiche. Dort war sie.« Dort bezeichnete den umgestürzten Baum in der Biegung eines Seitenarms. Der Fluss toste wild durch diesen Seitenarm; nichts hätte dort an Ort und Stelle bleiben können, gar nichts. Nicht die Leiche eines Menschen, nicht einmal die Leiche einer Kuh. Wie hatte Carter das glauben können? Andererseits, was hätte er tun sollen? Allein hatte er den Mann nicht bergen können.

»Wo ist er hin?«, fragte Carter wieder und wieder. Er hastete hin und her wie ein Hirtenhund. Dann blieb er stehen, sah geradewegs auf das Wasser hinaus und sagte mit flacher Stimme: »Wo ist die Leiche hin? Sie war genau dort.«

Mein weißes Messhemd war durchnässt und schlammverschmiert bis zu den Knien. Ich verspürte eine gewisse Niedergeschlagenheit, denn nun musste ich Carter Fragen stellen, und das wollte ich nicht. Ich wollte selbst herausfinden, was geschehen war. Die Worte blieben mir im Hals stecken, und wie sehr ich mich auch räusperte, sie wollten nicht herauskommen. Ich hätte überallhin geschaut, nur um mir den Anblick dieses kläglichen, ziellosen Herumlaufens zu ersparen. Überallhin: aufwärts, abwärts. Aufwärts zu den Sternen, die jetzt bei Tagesanbruch verblassten.

Als ich mich wieder nach Carter umsah, stand er links von mir, ungefähr dreißig Ellen flussabwärts, knietief und völlig entgeistert im Wasser, nah bei einem dichten Röhricht. Die Rohrkolben bogen sich im Wind. Erst als ich näher kam, sah ich, dass er etwas Hellgrünes in der Hand hatte, ein Stück Stoff, das er kraftlos in die Höhe hielt. Ein Hemd.

»Ich habe es dort gefunden«, sagte er und deutete kurz auf das Röhricht. »Es hing einfach da.«

Ich musste also gar keine Fragen stellen, die ich nicht stellen wollte, denn das Hemd zeigte unmissverständlich, wer der Ertrunkene war. Wir wussten beide, wem es gehörte; selbst in diesem schwachen Licht war klar, dass ein solches Hemd nur einem einzigen Mann im Dorf gehören konnte. Alle anderen trugen beigefarbene, braune oder graue Hemden, aus einer Wolle gemacht, die ihre schäfische Herkunft nie ganz verleugnen konnte. Kein anderer besaß eines aus gutem Leinen, das einst so grün wie der im Wind wogende Flachs gewesen war, aus dem es gewebt wurde. Jetzt war es verblasst, aber es war immer noch ein schönes Holländerhemd. Schon ehe Carter das Hemd gefunden hatte, musste er beim Anblick der Leiche sofort gewusst haben, dass es sich um Newman handelte. Wie viele andere aufgeschwemmte Leichen sollten in diesem Fluss treiben? Wie viele andere Männer waren drei Tage zuvor verschwunden?

Aber es liegt in unserer Natur, das zu verleugnen, was uns ängstigt, und daran ist nichts Boshaftes und Stumpfsinniges. Existiert nicht immer ein heiterer Teil in uns, der hofft, dass das, was wir wissen, nicht wahr ist? Carter versuchte das Hemd zu einem ordentlichen, pietätvollen Geviert zu falten – wenn sein Tod auch unordentlich war, hatte Newman doch ein ordentliches Leben geführt. Das Hemd war zu nass, um die Form zu behalten, und das Bündel wurde unter Carters Händen lose und unförmig. Murmelnd befahl er seinen linkischen Fingern, das Hemd erneut zu falten, und wieder löste es sich. Dann stopfte er es in den Bund seiner Hose, lief an der Böschung entlang flussabwärts, stieß dabei heulend Newmans Namen aus und platschte durch das aufspritzende Wasser, das sich im ersten Sonnenlicht rosa färbte.

Ach, dass ich den Messwein und das Öl in den Fluss schütten musste! Schlimm genug, dass der Mann keine letzte Beichte hatte ablegen können, aber welche Hoffnung bestand für ihn, wenn ich ihm nicht den kleinsten Tropfen Wein einflößen konnte? Carter hatte recht, es hätte vielleicht ausgereicht, seinen Mund, seine Lippen damit zu benetzen. Mit dem Öl ein Kreuz auf seine Stirn zu malen. Und jetzt lief Carter, wie von Dämonen besessen, am Ufer auf und ab, der Wind wehte unablässig, unsere Beinkleider waren durchnässt und der Tag hatte eine verzweifelte Stimmung angenommen.

Kurz darauf kam Carter wutschnaubend zurück und ging in die Hocke.

»Er ist fort«, sagte er wieder, »der Leichnam ist fort.«

»Er wird jetzt schon auf halbem Weg zum Meer sein«, entgegnete ich – auch wenn wir beide wussten, dass das unmöglich war, lief es aufs Gleiche hinaus. Nach fünf Biegungen und zwei weit geschwungenen Schleifen hinter dem Dorf verbreitert und beschleunigt sich der dann in gerader Linie verlaufende Fluss. Nach mehreren Regentagen floss er so schnell wie ein bergab rumpelnder Karren und scherte sich wenig um das, was ihm in den Weg kam. Carter nickte und sackte in sich zusammen.

Im Grunde noch ein Junge, und ein guter obendrein. Dieser Morgen hatte ihn stark mitgenommen. Newman war ihm ein Freund und ein Ersatzvater gewesen, und in den drei Tagen, seit er ertrunken war, hatte Carter sich wider alle Vernunft mit dem Gedanken getröstet, dass sein väterlicher Freund vielleicht noch lebte. Immerhin hatte man noch keine Leiche gefunden. Wenn eine Leiche verschwindet, dann verschwindet auch der Tod, schien Carter gedacht zu haben, und mich hatte seine Zuversicht berührt, obwohl sie aus schiefem Gebälk gezimmert war.

Der Fluss war durchtrieben und launisch – er hatte sich auf einen Toten gestürzt, sodass wir uns nicht in Würde von ihm verabschieden konnten. Schon zum zweiten Mal war ich an sein Ufer gerannt, um Newmans Leiche zu suchen, und schon zum zweiten Mal war es mir nicht gelungen. Ich finde, wenn die Natur zweimal das gleiche Unterfangen vereitelt, sollte man sich fragen, ob noch etwas anderes als bloßes Missgeschick dahintersteckt – aber das sagte ich meinem Freund nicht. »Du musst jetzt stark sein, Herry«, sagte ich ihm stattdessen, und die Zuneigung lenkte meine Hand zu seinem Kopf. So standen wir eine Weile da, stemmten uns mit dem Rücken gegen den Wind, und trotz des Schlamms und der Nässe fuhr der Wind unter mein Messhemd und bauschte es vor mir auf. Die Rohrkolben bogen sich summend im Wind. Trotz meiner Verzweiflung gefiel mir das.

Wir gingen über die Felder zurück. Jetzt bauschte sich meine Robe wie ein Brautkleid hinter mir, während die Soutane darunter gegen mein Schienbein klatschte – ich bitte um Verzeihung, dass ich so viel über meine Unterschenkel spreche, aber das würde wohl jeder, dessen Gewand schwer wie zwei volle Wassereimer ist und sich wie etwas Lebendiges verhält. Ich schämte mich dafür, dass ich durch ein Fieber im Vormonat schwach und kurzatmig und zittrig auf den Beinen war. Ich wusste, wie mein Haar in diesem Wind aussah – ein Wust aus dunklen wilden Locken rund um meine Tonsur. Ich war es, der jetzt wie ein Besessener aussah, aber das war Carter natürlich egal. Genau wie ich stemmte er sich mit voller Wucht gegen den Wind, der sich uns entgegenwarf.

Sein Gesicht wirkte versteinert und er verweigerte jede Unterhaltung. Er sah mich nicht einmal an. Es war heller geworden, und als wir langsamer gingen, sah ich den Schnitt an seinem rechten Ohr, den er sich einige Tage zuvor zugezogen hatte: Er war bei der Reparatur des Kirchenvordachs ausgerutscht und das Ohr hatte sich an einer Schieferschindel verfangen. Die Schnittwunde war tief und halbfingerlang, und ihre Röte und Tiefe gefielen mir so wenig wie der grünliche Ausfluss und die kastaniengroße Schwellung.

Wir kehrten dort auf den Pfad zurück, wo er sich nach links zur Brücke und nach rechts zum Dorf gabelte. Wir bogen rechts ab. Ein Paar Hände schob mich nach vorn, fort von der halb fertigen Brücke, wo Newman, wie wir glaubten, ertrunken war, und als ich in diese Richtung sah, ähnelten die Wolken dicken alten Grobianen, während sie vor uns nur vereinzelt am hohen Himmel standen und sich bereits lichteten.

Dann die Sonne: ein Gesang aus Bronze, der sich ungesehen hinter Oak Hill erhob, dem langen, bewaldeten Bergkamm, der bei uns »der faule Hund« genannt wird (manchmal auch nur »der Hund«, wenn wir faul sind). Der Kamm verläuft entlang der nordöstlichen Grenze von Oakham, sodass die aufgehende Sonne vom Dorf aus niemals sichtbar ist. Aber sie taucht alle Bäume auf dem Kamm in ihr Licht. So war es auch jetzt: ein rötlicher, anfangs schwacher Schein, der dann weit ausgreift, kühl und rosig. Ich muss dann immer denken, dass gleich auf der anderen Seite das Meer liegt. Weiter weg vom Fluss blies der Wind mit weniger Ingrimm, und wir gingen schweigend nebeneinanderher. Carter griff von Zeit zu Zeit hinter sich, um sich zu vergewissern, dass das Hemd noch in seinem Hosenbund steckte. Ich hätte ihn gern getröstet, aber wie sollte ich das ohne Gebete und Bibelgleichnisse tun? Sie waren alles, was ich hatte. Es war offenkundig, dass Carter der Sinn nicht danach stand. Die Trauer hatte ihn zornig und ungeduldig gemacht.

»Dieser Schnitt an deinem Ohr«, sagte ich, »der sieht nicht so aus, als ob er heilen würde.«

»Er heilt«, sagte er.

»Ich finde, er ist schlimmer geworden.«

»Er ist besser als gestern.«

»Das finde ich nicht.« Er stürmte weiter voran, mit wenig Geduld und langen Schritten. Ich sagte: »Ich finde, der sieht gar nicht gut aus.«

»Dann sehen Sie woandershin.«

Und dort, an der Wegbiegung, bei den mit vormals leuchtenden Stofffetzen geschmückten Birken, kniete er nieder. Im hochgewachsenen Gras lag ein toter Hund. Carter drehte sich zu mir um, dann wieder zurück zu dem Hund. »War der auf dem Hinweg auch schon hier?«

»Gesehen habe ich ihn nicht«, sagte ich, »aber er war bestimmt da. Wir sind ja schnell gelaufen, da konnten wir ihn nicht bemerken.«

Es war die Zeit des Sonnenaufgangs, und ich musste Morgengebete sprechen und Beichten abnehmen und hatte keine Zeit, mich mit einem Hund aufzuhalten. Aber Carter legte eine Hand auf den Brustkorb des Hundes. »Kalt wie Lehm«, murmelte er. Trotzdem hatte das schwarze Fell des Tieres einen so gesunden Schimmer, als ob er jederzeit aufspringen und fortlaufen könnte, und genau das hätten wir auch erwartet, wenn ihm nicht die Zunge zum Hals herausgehangen und der Körper leblos dagelegen hätte. Wenn man einen toten Hund sieht – oder überhaupt einen Leichnam –, dann kann man meistens davon ausgehen, dass er verhungert ist oder erschlagen wurde oder von einem galoppierenden Pferd überrannt oder von Alter oder Mutlosigkeit niedergestreckt. Dieser Hund sah zwar dünn, aber nicht verhungert aus, auch nicht erschlagen, verletzt oder alt. Eigentlich sah er aus, als ob er recht guter Dinge wäre. Er lag einfach da, als wäre er vom Himmel gefallen.

»Hätten wir ihn nicht bemerkt?«, fragte Carter. Seine Hand lag flach auf der Flanke des Tieres.

»Es war noch dunkel.«

»Und wir sind gerannt.«

»Wir hatten es eilig.«

Einige Augenblicke standen wir einfach da, und meine Hand schloss sich fest um die Fläschchen mit Weihöl und Messwein. Eben waren wir noch wegen Newman erschüttert gewesen, und jetzt standen wir wie Sheriffs auf Streife neben einem toten Hund, als ob der etwas ganz Ungewöhnliches und Unheimliches wäre.

»Er könnte …«, setzte Carter an, »ich könnte …« Er legte seine Hand auf Newmans Hemd und zerrte daran herum. »Vielleicht hatte ich unrecht mit dem, was ich vorhin im Fluss sah.«

»Nein«, sagte ich. »Nein.«

»Vielleicht war es keine Leiche, die sich in dem Baum verfangen hatte, vielleicht war es nur ein Schatten – bestimmt werden die Leute sagen, dass es nur ein Schatten war.«

»Und das Hemd?«, fragte ich. »Ist das auch nur ein Schatten?«

»Aber Sie haben es doch selbst gesagt – es war noch dunkel. Wenn wir einen toten Hund übersehen haben, der wirklich da war, vielleicht habe ich dann einen Mann gesehen, der nicht da war?«

Ich wollte Carter nicht durcheinanderbringen, aber ich musste doch auf die Tatsachen hinweisen. »Herry, am Samstagmorgen wurde ein Mann gesehen, der den Fluss hinabtrieb«, sagte ich so freundlich und klar, wie ich konnte. »Robert Tunley bekam ihn kurz zu Gesicht und sagte, es hätte durchaus Newman sein können. Seitdem wurde Newman nicht mehr gesehen, und er ist der Einzige, der im Dorf vermisst wird. Es ist unwahrscheinlich, dass ein Fremder ertrunken ist. Wir haben weiß Gott nicht viele Besucher hier.«

Es gab keine Fremden, weil der Fluss uns von der Welt abschnitt. Aber dies war nicht der richtige Zeitpunkt, um über unsere eingestürzte Brücke zu jammern, so sehr es mich auch dazu drängte.

Ich legte ihm meine Hand auf die Schulter. »Und jetzt wird flussabwärts eine Leiche angespült …«

»Nicht weit genug flussabwärts«, widersprach Carter. Er stieß mit dem Fuß den Bauch des Hundes an und schob meine Hand fort. »Sie haben doch gesehen, wie schnell das Wasser fließt – in drei Tagen wäre eine Leiche viel weiter fortgeschwemmt worden.«

»Und du hast gesehen, wie lang die Strecke ist, die sie zurücklegen muss, durch die eine Flussbiegung bei Odd Mill, die andere bei Burn Wood. Eine Leiche kann dort überall unterwegs stecken bleiben, sich in abgefallenen Ästen verfangen, an einer Böschung auflaufen …«

Carter wandte sich mir zu. »Die Leute werden mir nicht glauben, wenn ich sage, dass ich die Leiche von Tom Newman gesehen habe. Sie werden sich über mich lustig machen.«

»Du hast sein Hemd gefunden«, sagte ich. »Hier ist es. Was sollen die Leute dagegen sagen?«

Wir standen wortlos in der Kälte. Seine Schultern hingen so tief herab, dass ich ihn am liebsten aufgerichtet und in die Arme genommen hätte. Lass die Leute doch reden, wollte ich sagen. Du weißt, was du gesehen hast – andere zählen nicht. Ich hielt die Flaschen umklammert, der Wind fuhr in den raschelnden Birkenhain. Auf einmal überkam mich eine große Traurigkeit, und ich fragte mich, woher die Bäume die Zuversicht zum Weiterwachsen nahmen, wenn Wind, Regen und Schnee sie den ganzen Winter auf diese Weise schikanierten.

In wortlosem Einverständnis setzten Carter und ich uns in Bewegung, angelockt vielleicht durch den Geruch nach Bratfett, der uns schwach erreichte. Er drang nur einmal und auch nur einen Moment lang zu uns, sodass man ihn fast für Einbildung halten konnte, aber plötzlich dachte ich nur noch an Eier und an Brot, das in das warme Speckfett vom Vortag getunkt wird. So flüchtig der Duft auch war, ich entwickelte einen gewaltigen Appetit. Vielleicht war auch Carter hungrig, denn er beschleunigte seine Schritte und ging so schnell, dass ich in meinen schweren, nassen Messgewändern nicht mitkam. Als wir das Dorf erreichten, lag ich rund dreißig Schritte zurück.

Carter eilte zu seinem Haus, einen Steinwurf von der Kirche entfernt. Er wollte bestimmt seiner Frau das Hemd zeigen, damit sie es waschen und er es behalten konnte – als trauriges Andenken an eine große Liebe, die ihm genommen worden war, fortgetragen wie ein Zweig im Schnabel einer Krähe.

»Carter!« Ich wollte zumindest anbieten, das Hemd zu weihen, auch wenn es eine kühne Idee war, ein Stück altes Leinen zu weihen. »Herry! Herry Carter!« Aber Carter antwortete nicht. Er hielt sich das Hemd über den Kopf und wedelte damit herum, als ob er Zuschauer hätte.

Dann geh hin und leide, dachte ich – aber nicht auf herzlose Art. Menschen klammern sich an ihr Recht zu leiden, und manchmal ist es besser, wenn man sie eine Weile lässt. Ich würde Newman in der Messe erwähnen und dafür sorgen, dass der Baum aus dem Fluss entfernt würde. Natürlich nicht an diesem Tag; heute würden die Stunden im Flug vergehen. Ich brauchte eine halbe Stunde Schlaf. Versuche, nicht davon zu träumen, wie der Leichnam flussabwärts gerissen wird, versuche, nicht unglücklich über die Grausamkeit des Todes zu sein. Denke nur an das rosafarbene Licht in den Rohrkolben an der Stelle, wo das Hemd lag, und denke daran, wie gut es ist, dass das Hemd dort gefunden wurde, genau dort, in der sanften Heiligkeit der Rohrkolben. Das ist das beste aller denkbaren Zeichen, und selbst wenn dieser Mann eines grausamen und ungeklärten Todes sterben musste, ehe er so plötzlich verschwand, als hätte ihn ein Wal verschluckt, so blieb doch etwas von ihm in jenem Röhricht hängen – gefangen, gehalten, geborgen, gerettet –, wie ein Mann, der in die Arme seines Volkes zurücksinkt.

War das Licht auf den Binsen überhaupt rosafarben? Vielleicht nicht, aber in meinem Herzen eben doch, und so würde es immer bleiben. Dort, in meinen Gedanken, auf dem Weg nach Hause, war auch die kluge und sanfte Stimme meiner Schwester: Die Sprache des Menschen verstummt vor den Wundern des Herrn. Warum ich das hörte, weiß ich nicht, außer dass ich müde, traurig, zornig und getröstet zugleich war. Als ich die Kirchentür öffnete, weinte ich um Thomas Newman und war überrascht, wie lange es dauerte, ehe die Tränen versiegten.

Aberglaube

Ein Priester ist zugleich auch Richter und Sheriff, ob er will oder nicht.«

»Das ist richtig«, sagte ich, ohne überrascht zu sein, denn ich hatte mich daran gewöhnt, dass der Dekan vor mir in der Kirche war und dort müßig auf mich wartete. Diesmal lehnte er an einem Pfeiler neben dem Eingang zur Sakristei und ließ den Ersatzrosenkranz, der dort immer an einem Nagel neben der Tür hängt, durch seine Kinderhände gleiten.

»Wie ich höre, ist die Leiche von Newman wieder aufgetaucht. Oder – war aufgetaucht«, sagte er, »ehe sie wieder verschwand.«

»Das hat sich aber schnell herumgesprochen.«

Mein Abschied von Carter lag erst zehn Minuten zurück. Ich hatte die Kirche betreten und war in die Sakristei gegangen, um etwas Trockenes zum Anziehen zu finden. Ich hatte meine Tränen mit der Stola getrocknet, die dort an einem Haken hängt, bis die weiße Seide große graue Flecken hatte. Als ich herauskam, war der Dekan schon da; er hatte ein untrügliches Gespür für alles Scheußliche. Da stand ich also vor ihm. In den Armen hielt ich einen schweren Wäschestapel, das frische Messhemd lag gefaltet auf der frischen Soutane, und beide warteten nur darauf, dass ich sie nach Hause mitnahm und anzog. Am traurigen Zustand meiner Schuhe konnte ich nichts ändern.

»Ich sah Sie und Carter von irgendwoher zurückkehren«, sagte er, »und ich war, nun ja, neugierig. Also fragte ich Carter, wo Sie gewesen sind.«

»Offenbar sind Sie der bessere Richter und Sheriff.«

Er sah mich an. Klein und penibel wie eine Feldmaus, die aufgeregt hin und her flitzt, von Korn und Gras gestriegelt. Deren winziges Herz in einer kleinen, mutlosen Brust pocht. Ich hingegen war groß und unsicher, meine Augen tränenrot. Die Robe schlammverschmiert und obendrein auf das Schändlichste mit Gänseschmalz befleckt.

»Heute ist der letzte Tag«, sagte er und entnahm seiner Börse eine kleine Papierrolle, die er öffnete. Es war der Ablass, der seit Samstag an die Kirchentür geschlagen war. »Ihnen ist doch klar, dass ein Mann wie Newman nicht einfach ohne Erklärung sterben darf?«

Ich wollte sprechen, aber er ließ es nicht zu. »Und Sie werden sagen, dass es eine Erklärung gibt – der Fluss steht hoch, es hat stark geregnet, Menschen sind keine Fische. Sie fallen hinein, sie ertrinken.«

»Das ist richtig.«

»Aber Newman war nicht die Sorte Mensch, die einfach in einen Fluss fällt.«

Ich ging zum Altar, um die schweren Gewänder dort abzulegen. Ich war nass, und mir war kalt. Ich fragte erschöpft: »Gibt es eine Sorte Mensch, die in Flüsse fällt?«

»Heute ist der letzte Tag«, wiederholte er, und ich sah zu unserem Ostfenster hoch, das in weitem Bogen dünnes, silbriges Morgenlicht hereinließ. Er schwenkte die Papierrolle, als ob ich sie nie zuvor gesehen hätte, als ob sie nicht drei Tage an meine Kirchentür geschlagen gewesen wäre. »Dieser Ablass ist die beste Möglichkeit, den Mörder zu einem Geständnis zu bewegen …«

»Es gibt keinen Mörder.«

»Das glauben wir nur so lange, bis einer gesteht. Wie ich sagte, ist dieser Ablass die beste Möglichkeit, den Mörder zu einem Geständnis zu bewegen, und er verfällt mit dem heutigen Tag. Morgen ist es zu spät. Ein guter Ablass, Reve – mehr können weder Sie noch ich anbieten, mehr wird niemand in dieser traurigen Gemeinde jemals bekommen. Es gibt hier viele Menschen, die ihn brauchen, mit oder ohne Mord. Dies ist kein Dorf, das den Himmel bevölkern wird. Wussten Sie, dass das Purgatorium einen Warteraum hat? Er heißt Oakham.«

Als Junge hatte ich immer geglaubt, dass der Zorn in großen Menschen wohne: Mein Vater war ein hochgewachsener Mann. Es erschien mir immer noch seltsam, wenn Menschen wie der Dekan, blasse und nichtssagende Menschen mit schmalen Gesichtern, so viel Wut in sich trugen. Sie verbarg sich unter einer kühlen Haut, in blau geäderten Händen, die so leise zitterten, dass es kaum auffiel. Aber mir fiel es auf. Der Ablass bebte in seiner Hand wie ein Weidenkätzchen.

»Wenn Sie Oakham so hassen, könnten Sie doch einfach gehen«, sagte ich. »Vielen gefällt es sowieso nicht, dass Sie sich in Newmans Haus niedergelassen haben.«

Er runzelte die Stirn, wedelte mit dem Ablass herum und sagte mit einer Stimme, die tiefer sein sollte als seine normale Tonlage: »Schon vergessen? Ich muss in einem Todesfall ermitteln.«

»Ach ja.«

»Wenn ich jetzt fortgehe, am letzten Beichttag vor der Fastenzeit, am letzten Tag, wo ein großzügiger Ablass gewährt wird, nach all der harten Arbeit …« Er hielt inne, und ich fragte mich, welche harte Arbeit er seiner Meinung nach geleistet hatte. »Ich will nicht, dass jemand anders die Früchte erntet, die ich gesät habe.«

Du willst nicht gehen, ehe jemand an den Schandpfahl gefesselt wurde, dachte ich. Du willst nicht ausgerechnet an diesem Tag gehen, diesem Festtag, falls das Dorf in wilden Aufruhr ausbricht, animalisch, wie wir sind.

»Oh, ich verstehe Sie gut«, sagte ich. Ich beugte mich vor, um ein fingerlanges Stück Hartriegel aufzuheben, das von dem Wandleuchter an der Altarsäule herabgefallen sein musste, wo es zusammen mit Hexenhasel und Winterblüte langsam verdorrte – es waren die Hochzeitsblumen meiner Schwester, die da verwelkten. Dann wusste ich nicht, was ich mit dem Zweiglein tun sollte, also hielt ich es müßig in der Hand. Ich wollte ihn spüren lassen, dass ich es interessanter fände als ihn, aber ich glaube nicht, dass er das bemerkte.

Im westlichen Teil der Kirche, an der Nordwand gegenüber dem Eingang, ist bei uns ein Wandgemälde des heiligen Christophorus zu sehen, wie er das Jesuskind über den Fluss trägt – eine enorme Gestalt, fast ein Riese, der den Knaben, klein wie ein einwöchiges Lamm, in der Armbeuge hält. Die gekreuzten Füßchen des Kindes ruhen in der Hand des Heiligen. Das Bild nimmt die gesamte Wand ein, von den Dachsparren bis zum Türsturz. Viel Rosa, Rot und Gelb. Es heißt, wenn man es innerhalb eines Tages vor dem Tod sieht, ersetzt es die Letzte Ölung. Wenn der Tod überraschend oder in Abgeschiedenheit eintritt und die Letzte Ölung nicht möglich war, dann kann einen der Anblick des heiligen Christophorus immer noch vor der Hölle retten. Wenn Newman ihn an dem Freitag, ehe er ertrunken war, gesehen hatte, war seine Seele jetzt auf sicherer Überfahrt ins Jenseits. Hatte er ihn gesehen? Niemand außer Newman konnte das wissen. Ich hatte mein Gedächtnis wieder und wieder befragt, aber keine Antwort gefunden. Nichts. Ich nahm den Stapel Gewänder wieder auf, ging zu dem Gemälde und kniete nieder.

Der Dekan sah zu mir, wandte sich verdrossen ab, sah wieder zu mir, seufzte und hantierte mit dem Kelch, den er geistesabwesend vom Altar genommen hatte, drehte dessen Stiel zwischen seinen Fingern. Der Rosenkranz war immer noch um seine Knöchel geschlungen. Ich sollte unser Rosenkranz sagen, der von Oakham. Ein Geschenk von Robert Tunley. Der Dekan stellte den Kelch mit plötzlicher Ungeduld zurück, ging zur Altarsäule, kratzte mit dem Fingernagel am Stein, drehte sich auf dem Absatz herum, schielte über die gesamte Länge der Kirche hin zum Beichtstuhl. Ich hörte nicht mit dem Beten auf, aber ich wusste, was er tat, denn ich weiß, wie man sieht, ohne zu schauen, während er nur wusste, wie man schaut, ohne zu sehen. Ich wusste, dass er drauf und dran war, die Geduld zu verlieren, und gleich auf mich zutrippeln würde.

»Reve«, sagte er schließlich und klapperte mit kurzen, schnellen Schritten durch das Hauptschiff. Er wackelte mit den Fingern, um mich zum Aufstehen zu bewegen. »Es reicht, Reve. Wenn ich morgen nicht mit neuen Informationen über Newmans Tod zum Erzdiakon gehen kann, dann leiden wir alle darunter. Sie haben während der letzten zwei Tage ununterbrochen Beichten abgenommen – jetzt bleibt Ihnen noch ein Tag, um etwas herauszufinden. Wollen Sie das tun?«

Ich unterbrach mein Gebet und hob den Kopf. »Haben wir heute Morgen nicht schon etwas gefunden?«

»Eine verschwundene Leiche und ein lausiges Hemd?«

»Thomas Newmans Hemd. Und wo haben wir dieses Hemd gefunden? In den Rohrkolben. Wie Sie wissen, stehen sie für die Arme Gottes – sie bedeuten, dass Newman ihm sicher übergeben wurde. Wie kam das Hemd dorthin? Wir wissen es nicht, aber es war da, und was mich betrifft, so freue ich mich über jedes Zeichen Gottes. Es ist ja nicht so, dass wir viele erhalten würden.«

Der Dekan öffnete den Mund zum Widerspruch, schloss ihn aber wieder. Aus seiner Körperhaltung wich die Anspannung, seine Lippen formten ein schwaches Lächeln, und etwas Freundliches zeigte sich in seinem Gesichtsausdruck – vielleicht der Junge, den seine Mutter einst liebte. Ich fragte mich, was ihn besänftigt hatte. Einen Augenblick lang sah ich ihn, wie ich ihn am Samstag gesehen hatte, als er auf seiner traurigen, seelenvollen Stute in Oakham angekommen war. Wie unbegreiflich Menschen doch sind, voller Winkel und Nischen. Manchmal alt und gemein, dann wieder jung und freundlich. Aber letztlich ist das alles vergebens, dachte ich, denn er war nie für lange Zeit freundlich.

Und tatsächlich sah er jetzt in die Höhe und hob die Arme. »Ein Hemd in den Rohrkolben, halleluja!« Dann ließ er die Arme sinken. »Das reicht leider nicht, Reve. Finden Sie mehr heraus.«

Ich stand da mit dem Arm voller Kleidungsstücke, das Stückchen Hartriegel immer noch in der Hand, und wusste nicht, was ich sagen sollte.

»Das Hemd hat Carter mir übrigens gegeben …« Er heuchelte Freude über einen guten, klaren Einfall, schlug die Hände zusammen, hob eine Augenbraue. »Ich denke, ich werde es an den Maibaum beim Old Cross hängen, damit es uns alle an die Kürze unseres lieb gewonnenen, kleinen Erdenlebens erinnert. Was meinen Sie?«

Ich verbeugte mich, einzig deshalb, weil er der Dekan war und ich bloß ein Priester. »Entschuldigen Sie mich«, sagte ich.

Ich ging nach Hause, aß ein Stück altes Brot, schlief kurz, zog mich um, kehrte zurück. Die Glocke hatte längst schon zehn Uhr geschlagen. Im Dorf spielten die Kinder Fangen und Dreibeinlauf und bauten Burgen aus Schlamm. Janet Grant, die Kirchendienerin, teilte mir mit, dass sie ihre morgendliche Runde gedreht und an die Türen geklopft habe, um sich zu vergewissern, dass niemand verschlafen hatte oder krank geworden oder gestorben war. Glücklicherweise hatte sich Tür um Tür geöffnet. Ich war erleichtert, dass auch die von Sarah Spenser dazu zählte; so, wie es ihr am Vorabend gegangen war, hatte ich mich gefragt, ob sie die Nacht überleben würde. Auf Townshends Feldern standen Männer in gebeugter Haltung und traktierten die Erde mit Spaten, Rechen und Eggen, um den schlammigen Grund auf die Aussaat vorzubereiten. Ackerboden konnte man sie nicht mehr nennen, unsere Erde, diesen unpflügbaren Matsch, in dem der Rechen versinkt wie die Gabel in ausgelassenem Fett.

Ich kniete im Altarraum nieder, und das Licht von Osten schien blass und matt auf meine Hände. Heile Carters Wunde, betete ich, lass Sarah Spenser gesund werden. Verbessere unseren Ackerboden, lass unsere Samen gedeihen. Nimm mein Gebet zur Terz an, auch wenn ich mich verspätet habe, und zur Sext, für die ich zu früh dran bin. Verzeih, dass ich Mette und Laudes ganz versäumt habe.

Der Wind zerstreute die elf Schläge der Glocke. Danach ging Janet Grant mit der Beichtglocke hinaus, damit die Arbeiter ihre Werkzeuge niederlegten und zur Beichte kämen. Ich erhob mich und ließ mich in dem kleinen Abteil nieder, das eigentlich nur eine dreieckige Nische und kein richtiger Beichtstuhl ist, eine Kiste ohne Dach, schnell und notdürftig zusammengezimmert. Abteil, Kiste – alles Wörter, die der Sache eine Struktur zusprechen, die sie nicht besitzt. Ich saß hinter einer Trennwand aus Eichenholz, an der drei Rosenkränze hingen, um anzuzeigen, dass ich anwesend war und die Beichte abnahm. Das geschah im Tagesverlauf dreimal, und jedes Mal entfernte ich danach einen Rosenkranz. Das verleiht der Sache eine gewisse Dringlichkeit, etwas Dramatisches – so hatte man es mir in meiner Ausbildung beigebracht. Etwas Dramatisches! Als ob wir davon noch mehr brauchten. Ich setzte mich auf den niedrigen Schemel, zog mir das Schultertuch über den Kopf und starrte auf die Wand.

Ich saß in der südwestlichen Ecke der Kirche, nahe dem Eingang. Schwaches Licht sickerte von oben herab und verendete zu meinen Füßen. Am frühen Morgen zeigte das weiß gekalkte Gemäuer ein dunkles Graubraun; wenn der Morgen fortschritt, hellte es zu einem matten Wollweiß auf, so wie jetzt. Ich hatte viele Stunden auf diese Steine gestarrt, bis sie zu einem Gewebe geworden waren, das vor meinen Augen gesponnen wurde. An sonnigen Tagen fiel irgendwann ein Lichtstreif darauf und veränderte die Beschaffenheit. Jetzt im Februar fiel dieser Lichtstreif ungefähr um zwei Uhr schräg auf die Mauer und schmückte sie wie eine Seidenstola. Bei wolkenlosem Himmel konnte ich anhand seiner Breite und seines Winkels auf zehn oder zwanzig Minuten genau die Uhrzeit bestimmen.

Ich hockte mit ungelenk angezogenen Beinen an einem Platz, der beinahe zur Gänze aus Winkeln bestand, zu spitz, um Bequemlichkeit zu bieten. Mein Rücken war in einen dieser Winkel gequetscht, meine Knie in einen anderen, ein Becher Bier stand neben meinem rechten Fuß. Ich stellte mir das Bild vor: Der Priester auf der Hühnerstange. Eines Tages würde ich vielleicht die Unbequemlichkeit dieser simplen Kiste hinter mir lassen, würde einen richtigen Beichtstuhl von geschickten Handwerkern mit richtigem Werkzeug anfertigen oder einen aus Italien kommen lassen (was die Mittel dieser Gemeinde weit übersteigen würde, wenn das, was ich über Italien weiß, stimmt).

Trotz der Abenteuer des heutigen Morgens, trotz Newmans Tod und Carters Trauer überkam mich ein Gefühl lauteren, gottgeweihten Wartens. Vielleicht war das Gefühl wegen meiner morgendlichen Abenteuer sogar besonders stark. Wieder einmal neigte sich ein Jahr dem Frühling zu, und in wenigen Stunden begann die Fastenzeit. Als ich acht Jahre alt war und das Tauchen lernte, holte ich vorher immer noch tief und gierig Luft, sodass mein Kopf anzuschwellen schien und in der Sekunde, ehe ich ins Wasser tauchte, alle Farben und Formen besonders kräftig wirkten. So war es jetzt auch. Vor uns lag eine Zeit der Entbehrungen, lagen vierzig Tagen des Hungrigseins. Während der viertägigen Fastnachtszeit holten wir tief Luft, wir rochen, schmeckten, spürten, aßen, tanzten, beichteten. Nun ja, zumindest die anderen aßen und tanzten und beichteten. Ich spürte bloß, wie sich eine dunkle Ahnung und etwas Erwartungsvolles in mir regte – ein heftiger Missklang meiner Sinne.

Ich schloss die Augen. Dort zeichneten sich in der Uferböschung und im wadentiefen Schlamm feuchte Hufabdrücke ab und dort einige längere, schmalere, flachere Spuren, die – konnte das sein? – vielleicht der ausrutschende Fuß eines Mannes hinterlassen hatte, der bei der Brücke das Flussufer zu erreichen versucht hatte – wohl um besser erkennen zu können, warum die Brücke kürzlich eingestürzt war. Die schmalen Spuren beunruhigten mich; sie zeigten mir, wie schwach Newman gewesen sein musste. Selbst drei Tage später war es schwierig, dieses unbeholfene Ende mit einem so beherrschten Menschen wie Thomas Newman in Verbindung zu bringen – und doch hätte es bei den starken Regenfällen der letzten Zeit jeden, der zu nah am Ufer des tosenden, wirbelnden Flusses stand, schwindeln können. Gebannt wie durch einen Fluch. Der beherrschteste Mensch der Welt konnte ins Rutschen kommen, wenn er mit abgelaufenen Schuhsohlen auf den regennassen Schlick geriet.

Finden Sie etwas, hatte der Dekan gesagt und damit gemeint: Finden Sie den Mörder für mich. Ich hatte es ihm zugesichert. Was ich ihm zu sagen versäumt hatte: Der Mörder ist ein anderer, als Sie glauben. Wer ist es, der stets das Leben nimmt? Der Tod natürlich. Der Tod selbst ist der Mörder, und die Geburt ist seine Komplizin. Menschen sterben, weil sie zum Sterben geboren sind. Durch Ertrinken, durch Krankheit, durch Missgeschick, die Meuchelmörder des Herrn. Wie sollten wir daran etwas ändern können?

Während ich schweigend wartete, spürte ich, wie mich das Universum in zeitlosen Zyklen umschloss. Ich hörte das Rollen der Planeten und das Knospen des Weißdorns. Die Mauern der Kirche rochen wie ein großer tiefer See, die Trennwand aus Eichenholz wie ein Herbstwald und der Schmerz in meinen lädierten Knien durchflutete mich mit der Süße eines harten Lebens.

»Benedicite«, sagte sie.

Und ich: »Dominus.«

Und sie, jung und erschöpft: »Confiteor.« Eine bebende Pause, flatternder Atem und unzufriedenes, gereiztes Herumrutschen. Zwischen uns befand sich eine Trennwand, aber meine Sehkraft war nicht mehr auf das angewiesen, was meine Augen sahen. Sie hustete kurz.

Ich wollte sie gerade auffordern, das Glaubensbekenntnis zu beten, da sagte sie: »Pater, ein Mann ist tot.«

Ich fragte ruhig: »Welcher Mann?«, aber der Muskel an der Innenseite meines linken Fußes zuckte, und die Zehen zogen sich krampfhaft zusammen.

»Ich weiß es nicht, aber er ist ertrunken, genau wie der andere«, flüsterte sie durch das Gitter, und unter dem Stoff, der mein Ohr verhüllte, konnte ich sie kaum verstehen. Ich beugte mich vor. »Die Neuigkeit verbreitet sich schneller als der Wind.«

»Von wem hast du sie erfahren?«

»Oh, von anderen, allen. Ich war auf dem Weg hierher und ich habe davon gehört …«

»Durch den Wind.«

»Aber es ist wahr, Pater, man sagt, dass es wahr sei.«

Wie unwahrscheinlich das Leben manchmal auch wirkt, so gibt es doch Dinge, die völlig unmöglich erscheinen – zwei Ertrunkene an einem Morgen zum Beispiel. Also dachte ich: Bestimmt meint sie Newman. Gleichzeitig dachte ich, dieser neue Ertrunkene müsse Herry sein. Ich hatte keine Ahnung, wie diese beiden gegensätzlichen Instinkte so leicht nebeneinander existieren konnten, aber da es nun einmal so war, sah ich Herry vor mir, wie er sich in seinem Kummer in den Fluss stürzte, während ich mit einem Stück Barchent über dem Kopf tief und fest schlummerte.

Ich streckte in der Dunkelheit meine Hand aus, nach meinem Bierkrug, nach etwas, woran ich mich festhalten konnte, und da erinnerte ich mich an die kleine Eisenkiste, die ich am Vortag unter den Schemel geschoben hatte. Ich tastete ängstlich herum, um mich zu vergewissern, dass sie noch da war. Meine Finger erspürten sie, umfassten sie der Länge nach und schoben sie zurück. Als Nächstes tastete ich nach dem Bier, ließ es aber schließlich dort auf dem Boden stehen, da meine Hände vor dem kalten Zinnbecher zurückschreckten. Doch schon der Geruch war wärmend, der Geruch nach Hopfen und Honig, wie der Höhepunkt eines Sommernachmittags.

»Aber du weißt nicht, wer der Tote ist?«, fragte ich so gleichmütig wie möglich, denn dies war die Frau von Lewys, ein kleines, nervöses Ding, siebzehn Jahre alt, immer auf der Hut.

»Ich hatte gehofft, dass Sie das vielleicht wüssten.« Ihre Finger zupften nervös am Gitter. »Es ist nur ein Hemd von ihm übrig geblieben – zerrissene Fetzen eines Hemdes, sagt man, voller Blut …«

»Ein Hemd?«

»Herry Carter fand es am Fluss.«

»Herry Carter? Hast du ihn auf deinem Weg hierher gesehen?«

»Ja, ich sah ihn. Er hat mit seiner Frau Cat Wasser vor die Tür gefegt; in letzter Zeit ist es so nass, dass wir alle im Schlaf schwimmen.«

»War das Hemd grün?«

»Woher wissen Sie das?« Ihre Stimme war dünn und ungläubig.

»Hast du es selbst gesehen?«

»Nein, Pater. Man sagt so.«

Sie klang aufgewühlt, als würde sie gleich zu weinen beginnen. Meine Finger berührten ihre, um sie zu beschwichtigen. »Bitte, beruhige dich. Es ist nicht so schlimm.«

»Schon der zweite Mensch ist in unserem Fluss ertrunken«, sagte sie, und jetzt flüsterte sie nicht mehr, sondern sprach leise, aber deutlich durch das Gitter, mit angstvoller Ruhe. »Lange Zeit gab es keine Toten, und jetzt sind es gleich zwei in wenigen Tagen. Ich habe Angst: dieser ganze Regen, und der Fluss ist schmutzig und zornig – als ob Gott die Brücke, die wir bauen, nicht haben will. Er ist nicht zimperlich mit seinen Zeichen.«

Es ist nicht Gott, der sie nicht haben will, hätte ich sagen können. Gott beklagt sich nicht über Brücken. Nein, der Groll kommt von den zornigen kleinen Flussteufeln. Wenn das, was sie sagte, doch nur wahr wäre; wenn Gott doch nur etwas deutlichere Zeichen senden würde. Immer war es mein vergeblicher Lebenswunsch gewesen, eine eindeutige Anweisung von ihm zu erhalten, nur ein einziges Mal. Ich legte meine Hand zurück in den Schoß.

»Wenn Gott ein solches Zeichen geschickt hat, dann weiß ich nichts davon«, sagte ich.

Auch ihre Hand zog sich zurück und verschwand in der Dunkelheit. »Sehen Sie es denn nicht? Er will, dass wir die Reste der Brücke abreißen. Er will nicht, dass wir auf Kosten von Menschen, die vielleicht arm sind, Gewinn machen, er will nicht, dass Männer bei ihrem Bau sterben. Wie die beiden Männer im letzten Sommer.« Sie hielt einen Augenblick inne, ehe sie weitersprach, und ich wusste nicht, ob sie wollte, dass ich etwas über die beiden anderen Männer sagte. »Diese beiden Männer und dann Thomas Newman, der Geld für die Brücke spendete – sehen Sie sich die jetzt an. Fort und tot und vergessen, als ob es sie nie gegeben hätte. Und der Mann, der heute gefunden wurde. Ich weiß nicht, wer er ist, aber ich wette, dass er einer von denen ist, die dabei geholfen haben, sie zu bauen oder zu bezahlen.«

»Die Männer, die letzten Sommer starben, sind nicht ertrunken, sondern dem Fieber erlegen.«

»Aber nur, weil sie das Flusswasser tranken. Tom Newman hat Geld für den Bau der Brücke gegeben«, sagte sie erneut, als ob diese Tatsache sie in Gefahr brächte. »Und auch mein eigener Mann hat beim Brückenbau geholfen. Er könnte der Nächste sein, Pater.«

Ich konnte hören, wie steif ihr Kiefer beim Sprechen war, und das kalte, unverwandte Blau ihrer Augen sehen. Ich setzte mich auf. »Die Leiche, die heute gefunden wurde, war nicht die eines zweiten Mannes«, sagte ich, »es war die desselben Mannes – Newman. Es war Thomas Newman. Es hat drei Tage gedauert, bis ihn der Fluss eine Meile stromabwärts angespült hat. Es gibt keinen zweiten Mann. Es gibt kein Zeichen Gottes. Besser gesagt, es gibt ein Zeichen Gottes, aber ein anderes, als du glaubst. Das Hemd wurde in einem Röhricht gefunden, an einem heiligen Ort. Er ist sicher in Gottes Armen angelangt.«

Sie schwieg, und dann schluchzte sie.

»Es ist abergläubisch zu denken, dass Gott uns bestraft. Glaubst du, er hasst Brücken? Hast du schon einmal von den großen Brücken in Rom gehört? Und in … Wade? Da haben sie auch eine Brücke gebaut, die Stadt ist wie neu.« Ich hielt inne, denn mir fielen keine weiteren Beispiele ein.

Ich erinnerte mich an die Stille, die ich unter Wasser gehört hatte. Eine Stille, welche die Ohren überwältigte. Zwischen mir und dieser jungen Frau befand sich ein handbreites Stück Eichenholz, aber wie ihr loses Haar über ihre Wangen streifte, hörte ich so laut wie den Besen auf dem Platz.

»Er ist sicher in Gottes Armen angelangt«, flüsterte sie. Dann, schärfer und lauter flüsternd: »Sind wir sicher, Pater?«

»Ja.«

»Wirklich?«

»Hast du Angst vor Gott?«

Sie antwortete nicht.

»Du solltest Angst nur vor dem haben, was nicht Gott ist«, sagte ich.

Ein Schniefen. »Es ist heute kein zweiter Mann ertrunken?«

»Nein.«

Sie atmete tief aus. Ich hätte sie jetzt eigentlich auffordern müssen, Glaubensbekenntnis, Vaterunser und Ave-Maria zu sprechen, aber ich wusste, dass sie diese kannte, und ohnehin würde sich bald eine Schlange im Kirchenschiff bilden.

»Hast du etwas zu beichten?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich war ja erst gestern da«, sagte sie. Ja, sie war da gewesen und hatte gebeichtet, dass sie den letzten Löffel Honig gegessen hatte, ohne ihn mit ihrem Mann zu teilen, was ich ihr schnell und ordnungsgemäß vergeben hatte.

»Du sagtest, du seist bereits auf dem Weg gewesen, als du von dem Ertrunkenen gehört hast …«

»Aber ich hatte nichts zu beichten, Pater. Ich habe bloß … die letzten Tage waren verstörend. Ich brauchte bloß Ihren Trost. Ich fühle mich wie auf dem Meer, seekrank. Vielleicht liegt es daran.«

Ich nahm an, dass sie mit ihrer kleinen blassen Hand über ihre Körpermitte strich.

»Bist du jetzt getröstet?«, fragte ich.

»Ja. Danke, Pater.«

»Das wäre dann also alles?«

»Ich denke schon.«

Aus dem Augenwinkel sah ich, wie die kleine Hand schnell und flüchtig das Kreuz schlug. Dann ging sie, langsam und seufzend, und die große Kugel ihres schwangeren Bauches füllte das vergitterte Fenster, als ob ein Planet schwerfällig über den Himmel zöge.

Verlangen

Der Tag schritt fort, Augenblick um Augenblick. Mein Herz schlug, und es schlug erneut, und ich dachte: Eines Tages wird es schlagen – und nicht erneut schlagen. Was wartet dann auf mich? Und das Licht brach auf, konturierte die Körnung des Mauerwerks mit seinem stumpfen, verschwommenen Gelbgrau, eine Struktur wie Stoff, bevor man ihn walkt. Ich hatte zu essen versäumt und war hungrig.

Wissen Sie, meine Schäfchen sind abergläubisch, und das war schon immer so. Sie leben in Angst vor den Launen und Strafen Gottes und betrachten alles als eine Warnung. Sie zittern zu oft vor seinem Willen. Sie glauben, dass er den Fluss zornig gemacht hat. Er ist dem Soundso in die Parade gefahren, weil der dies und das getan hat. Er schickt Wolfsmenschen aus dem Wald im Norden, die unsere Kinder fressen, und er vermehrt die grotesken Geschöpfe, die in riesigen Ozeanen schwimmen, welche nur eine Küste haben.

Ich sage ihnen: Nein, das ist es nicht, was wir fürchten müssen, für solchen Aberglauben sind wir zu weit fortgeschritten. Wir wissen, dass es keine Wolfsmenschen und Seeungeheuer gibt; nur Kinder glauben an solche Fabelwesen. Es gibt freilich Geister – boshafte Geister, die wie wir auf Gottes Erde leben, aber nicht Gottes Geschöpfe sind. Das ist kein Geheimnis, und weit scharfsinnigere Menschen als ich haben es bewiesen. Die Geister sind hier auf Erden, um uns zu prüfen und zu stärken; wenn etwas stirbt und verwest, dann stößt die faulende Substanz, die keinen Platz in Gottes Himmel hat, eine stinkende Wolke kleiner geisterhafter Materie aus, die alle möglichen Krankheiten verbreitet: solche des Körpers und solche des Schicksals. Sie sind klein, leuchtend und kaum sichtbar, diese Geister, Flecken und Sprenkel, die in der Luft oder im Wasser schweben, und wenn unsere Hände sie fangen und unsere Augen sie sehen könnten, dann würde sich zeigen, dass sie schwarz, schnell, glatt und geschmeidig sind und nur durch ihre große Zahl schädlich.

Sie leben mitten unter den Geschöpfen Gottes, so wie unsere Schatten mitten unter uns leben. Sie bescheren jene Sorte Glück und Unglück, die auf Zufall beruht – und beides hat nichts mit Gott zu tun, der seine Entscheidungen mit Gewissheit und Vernunft trifft und dessen Wille unumstößlich ist; wenn wir geboren werden, sind wir ihm schon unterworfen. Doch die Geister können wir uns unterwerfen. Sie sind unser Kampffeld. Mag sein, dass der Fluss uns Unglück bringt, aber Lewys’ Frau irrt, wenn sie glaubt, dass das Schicksal ihres Mannes vorbestimmt sei. Der Fluss beherbergt diese Geister, sie haben dort ihre Heimat gefunden, weil weiß der Himmel was im Wasser des Stroms vor sich hin fault. Menschen, Kühe, Schafe, Fleischabfälle, Gedärme, Dung. Die enttäuschten Hoffnungen, die wir in unsere zusammengestürzte Brücke setzten. Wenn die beiden Toten des letzten Sommers diese Geister tranken und starben und wenn Newman von ihnen in die Tiefe gezogen wurde und starb, was sollen wir dann tun? Uns ducken? Beten? Sie anbeten und um Gnade bitten, als ob sie die Macht hätten, Gnade zu gewähren?

Ich habe gebetet, aber nicht zu ihnen, sondern zu unserem Herrn. Zwei Gebete, von denen zumindest eines erhört wurde. Am Samstag, als der Leichnam zum ersten Mal im Strom gesehen wurde und Newman nicht nach Hause kam, betete ich um ein Zeichen, ob er in den Himmel gekommen sei. Ein Hemd in den Rohrkolben mag für unseren gottlosen Dekan bedeutungslos sein, aber mir bedeutete es viel, und so sandte ich meinen Dank zum Himmel.

Ich betete auch, dass der Wind von Westen kommen und diese Zusammenballung von Geistern nach Osten, in Richtung Gottes, wehen möge. Der Wind kam über Nacht, doch er kam von Osten, und er war scharf und winterkalt. Vielleicht hatte der Herr nicht das ganze Gebet gehört, beschäftigt, wie er ist; und vielleicht war ich nicht deutlich genug gewesen. Oder vielleicht war ich überdeutlich gewesen und hatte zu viel verlangt. Trotzdem tröste ich meine Gemeinde: Durch seine Gnade stirbt der Aberglaube, und alle Bedürfnisse, alles Verlangen werden von ihm, durch mich, gestillt. Außerdem blieb heute noch genug Zeit, dass der Wind seine Richtung änderte.

Pater, sagten die Stimmen durch das Gitter. Ich habe gesündigt, vergib mir, Pater. Mein linkes Ohr hörte zu. Durch das viele Zuhören war es mit der Zeit schärfer geworden, so wie eine Schulter beim Hacken stark wird. Der Tag hellte Zoll um Zoll auf, und meine Gemeinde kam in immer größerer Zahl, weil es sie nach dem Ablass verlangte, den ich angeboten hatte. Benedicite, Dominus, Confiteor. Möge ich gesegnet sein, möge ich beichten.

Benedicite, Dominus, Confiteor.

Benedicite,

Dominus,

Confiteor.

Pater, ich habe vergessen, zur Messe zu kommen, ich habe vergessen, mein Gebet zu sprechen, ich habe vergessen, mein Schwein zu füttern, ich war grob zu meinem Kind, mir war übel vom Trinken, ich habe auf den Friedhof gepisst, ich bin zornig erwacht, ich habe die Hoffnung verloren, ich war zu stolz, ich war zu schwach, eine Stimme hat mir befohlen, meine verfaulten Zähne zu ziehen, ist es die Stimme eines Dämons oder Gottes? Ich habe masturbiert, aber ich dachte dabei an Gott, ich dachte an Maria Magdalena, ich dachte an Johannes den Täufer, vergib mir.

Irgendwann schlief ich ein, mit einem Kopf, der wie eine reife Frucht von einem spindeldürren Zweig hing. Ich wachte auf und hörte eine Stimme, die von Masturbation sprach, und darüber Lautenmusik, die wie ein Frühlingsschauer in den Altarraum perlte und aus dem Nichts zu kommen schien. Ich setzte mich kerzengerade hin, damit der Schlaf wich. »Versuche, nicht zu masturbieren«, sagte ich, »oder deine Hände verkümmern und fallen ab. Versuche zumindest, nicht an Johannes den Täufer zu denken.« Eine Laute? Newman war der Einzige in der Gemeinde, der die Laute spielte, so, wie er auch der Einzige war, der vor den Heiligenschreinen in Compostela und Jerusalem gebetet und einen Mann gesehen hatte, der Eisenerz aus seinem Kleidersaum schlug. Der Einzige, der in Spanien eine Orange vom Zweig gepflückt und eine Olive gegessen hatte – beide sauer, wie er sagte. Er hatte öfter versucht, mir das Lautenspiel beizubringen, aber meine Finger waren immer klamm, und ich zupfte steif herum. Während andere zum Spielen einen Federkiel benutzten, zupfte Newman mit den Fingern, und zwar mit allen. Deine Finger müssen wie Federn sein, sagte er, aber seine Finger waren keine Federn, sie waren so stark und gelenkig wie kleine Lebewesen. Sie erzeugten einen Klang, der andere mit seiner Weichheit verwirrte; auf einmal schien es ganz leicht zu sein, inmitten all des verstreuten Plunders zu sitzen, der sich Leben nennt – zu leicht.

Aber wie ich dort saß, wurde mir klar, dass gar keine Laute zu hören war und dass der Klang, den ich hörte, mir aus einem Traum gefolgt sein musste – einem Traum von Thomas Newman? Ich erinnerte mich an nichts, und eigentlich hätte ein so kurzer Zipfel verstohlenen Schlafes für einen Traum gar nicht ausgereicht, aber er hatte ausgereicht, um ein starkes Gefühl der Vorahnung in mir zu wecken, ein Gefühl, dass ich etwas tun müsse. Zum Dekan laufen, ihm noch einmal von dem wundersamen Auftauchen von Newmans Hemd erzählen, seinen Verdacht auf Mord zerstreuen. Denn andernfalls wartete etwas Widriges, Unwiderrufliches nur darauf, über uns zu kommen.

Doch plötzlich wurde der Schlitz im Vorhang erneut geöffnet und geschlossen, und jemand kniete auf der anderen Seite der Trennwand nieder. Jemand, der sich leichtfüßig und lässig bewegte, dessen Geruch scharf wie ein Speer war und meiner Nase zusetzte. Ein Junge oder ein junger Mann mit der Aura eines Wolfes.

»Hab Verlangen nach einer Frau gehabt«, sagte er nach einem halbherzigen Glaubensbekenntnis.

»Irgendeiner Frau oder einer bestimmten?«

»Einer bestimmten Frau.«

»Einer verheirateten Frau?«

»Einer frisch verheirateten Frau.«

»Dann weißt du, dass du mit dem Verlangen aufhören musst.«

»Das kann ich nicht einfach so.«

Sein Kopf befand sich am unteren Ende des Gitters, was zweierlei bedeuten konnte: Er war klein oder er kniete nur unwillig. Oder beides.

»Was hast du getan, um es zu schwächen?«

»Was zu schwächen?«

»Das Verlangen.«

»Alles, was man machen soll. Wenn ich mich in die Hand nahm, habe ich sie mir als alte, tote Frau vorgestellt, aus der die Würmer kriechen und der das Fleisch vom Gesicht fault.«

»Hat es geholfen?«

»Ich habe mich dann auch nach ihren Würmern gesehnt.«

»Es wäre besser, wenn du dich nicht in die Hand nehmen würdest.« Sonst verkümmern deine Hände und fallen ab.

»Ich kann nicht anders, Pater. Es drängt mich danach, meine Schenkel auf ihre Schenkel zu legen und mit der Hand über ihren schönen Rücken zu fahren, und das ganze Sehnen und Begehren hält mich von meiner Arbeit ab …«

»Ich sagte schon, denke an etwas anderes.«

»Und jetzt ist sie mit einem schlaffen, alten Knacker von außerhalb verheiratet.«

Normalerweise weiß ich, wer auf der anderen Seite der Trennwand sitzt, aber je mehr er sprach, desto weniger war ich mir sicher. Er gehörte zu den Burschen, die drüben bei den Scheunen Mist schaufeln und die Gräben reinigen, aber von denen gab es viele, und die kamen nicht oft zur Beichte. Ohne ihn zu sehen, konnte ich nicht sagen, wer er war.

»Diese Frau«, sagte ich, »wer ist sie?«

Er zögerte lange und – wenn ich mir das nicht eingebildet habe – betreten. »Niemand von hier«, sagte er.

»Wann hattest du die Gelegenheit, jemanden kennenzulernen, der nicht von hier ist?«

Er rutschte auf dem Kissen herum und rülpste. Eine kräftige Bierfahne wehte zu mir herüber.

»Woher kommt sie, wenn nicht von hier?«

»Aus …« – eine atemlose Pause – »Bourne.«

»Bourne? Mindestens fünfzehn Meilen weit weg – da bist du kürzlich gewesen?«

»Nein, nein.«

»Sie unternimmt also gern ausgedehnte Spaziergänge, diese Frau, ja?«

»Ja«, sagte er, »ja.«

»Ist es das, was du so an ihr liebst?«

»Ich sagte Ihnen doch, ich liebe ihr Haar und ihre Schenkel und diesen Teil hier, wo es so macht.«

Es kümmerte ihn nicht, dass ich nicht sehen konnte, auf welchen Körperteil er gerade zeigte, und seine Vorstellung von diesem Körperteil – welcher es auch sein mochte – nahm ihn ganz gefangen, denn er versank in Tagträumereien, und sein Atem ging schnell und leise.

»Es gibt einen Unterschied zwischen Liebe und Verlockung«, sagte ich.

»Ich spüre keinen.«

»Trotzdem gibt es ihn.«

»Dann erlebe ich beides.«

Dieser dumpfe Schmerz in meinem Kreuz – wenn ich doch nur genug Platz zum Stehen gehabt hätte oder um mich zur Seite zu neigen. Ich knetete den Muskel mit der Faust. »Wie alt ist sie?«

»Ich weiß es nicht«, sagte er, fügte aber unvermittelt hinzu: »Kein Kind. Eine richtige Frau.«

»Hattest du jemals körperlichen Kontakt mit ihr?«

»Anfassen? Nein, Pater.« Er schniefte. Ich habe genug Schniefen gehört, um zu wissen, dass es ein Zeichen für eine Lüge oder eine unvollständige Wahrheit ist. Wenigstens korrigierte er sich schnell. »Oder … ja, Pater. Aber nur ganz leicht, ich glaube, sie hat es nicht einmal bemerkt.«

»Wann war das?«

»Vor vielen Monaten, im letzten Sommer, beim Tanzen.«

»Ein Tanzfest in Bourne?«

Eine Pause. »Ja, Pater.«

Er war ein schlechter Lügner. Die Oakhamer gingen nicht zum Tanzen nach Bourne, und die Bourner hatten wahrscheinlich keine Tanzfeste, wegen Serle, ihrem verkniffenen Priester.

Ich fragte: »War es eine zufällige Berührung?«

»Ich weiß nicht, was Sie ›zufällig‹ nennen – ich hatte es nicht geplant, sah bloß ihre Brust, und meine Hand flog dorthin, ehe ich wusste, was ich tat, und in diesem Augenblick drehte sie sich um – ich glaube nicht, um mir auszuweichen, nur um der Drehung willen –, und meine Hand berührte ihre Brustwarze …« – ein kurzes Innehalten – »wie ein Blatt, das eine Knospe auf einem Zweig kitzelt.«

»Ein Blatt, das eine Knospe auf einem Zweig kitzelt?«

»Ja, Pater.«

»Von wem hat du denn diesen damenhaften Ausdruck?«

»Der ist mir selbst eingefallen, Pater.«

»Du wolltest sie – packen?«

»Nicht packen, bloß greifen.«

»Was macht das für einen Unterschied?«

Er beugte sich vor und hielt seine Hand nah an das Gitter, sodass ich sie sehen konnte, und schloss sie fest um das Haselholz. »Packen«, sagte er. Dann ließ er los und hielt die Hand in der Schwebe, und die andere ergriff und umklammerte sie eine Weile, ehe sie sie fallen ließ. »Greifen.«

»Du willst sagen, dass das Packen länger dauert?«

»Richtig, Pater. Ich wollte sie nämlich nicht einfangen und entführen.«

»Nur ihre Brust anfassen?«

»Aber sie ist in eine andere Ecke gewirbelt.«

»Und die Frau? Hat sie sich dir jemals genähert?«

»In meinen Träumen immer, jede Nacht, würde ich sagen, und sie ist dann ziemlich freizügig und bereitwillig. Dann sind da noch meine Tagträume, aber in denen ist sie ruhiger und hat mehr Kleider an.«

»Du musst mit den Tagträumen aufhören.«

Er seufzte und klang ungeduldig, enttäuscht.

Unvermittelt fragte ich ihn wieder: »Bist du sicher, dass es keine Frau von hier ist?«

»Ganz sicher.« Er wirkte jetzt sehr selbstbewusst, denn er hatte angefangen, seine eigene Lügengeschichte zu glauben. Wie leicht uns Menschen das fällt. Irgendetwas haben Lügen an sich, dass ich nichts auf sie zu sagen weiß. So saßen wir eine Weile schweigend da.

»Glaubst du an Vater, Sohn und Heiligen Geist?«, fragte ich schließlich; die Frage kam unvermittelt, und ich glaube, er war überrascht, doch seine Antwort klang nachdrücklich.

»Ja.«

»Die Menschwerdung Gottes?«

»Ja.«

»Die Auferstehung?«

»Ja.«

»Das Jüngste Gericht?«

»Ja.«

»Hast du deinen Vater und deine Mutter geehrt?«

»Ja.«

»Warst du übermäßig stolz auf deinen Verstand?«

»Nein.«

»Wiederhole dein Glaubensbekenntnis noch einmal.«

»Ich glaube an Gott, den mächtigen Vater, und an Jesus …«

»Den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde, und an Jesus Christus …«

Er übernahm wieder und holperte bis ans Ende. Wenn er das schaffte und sich in Disziplin und Gottesfurcht übte, wäre alles andere ohne Belang, sein Verlangen sowieso. Daran konnte man nichts ändern – für das Verlangen eines jungen Mannes gibt es kein anderes Heilmittel als das Altern, und selbst dieses Heilmittel wirkt nicht immer.

Als er seinen chaotischen Vortrag beendet hatte, atmete ich tief aus, beugte mich vor und stützte die Ellbogen auf den Knien ab. »Du musst das Glaubensbekenntnis lernen«, sagte ich. »Wort für Wort, und wenn das Verlangen dich überkommt, dann kannst du seine Worte verwenden, um den Bann des Verlangens zu brechen. Lerne, nach der Schönheit Christi zu verlangen. Wiederhole das Glaubensbekenntnis und das Ave fünfmal am Tag, einen Monat lang, außerdem jedes Mal, wenn das Verlangen besonders stark ist. Du musst deine nächtlichen Träume bezähmen und die Tagträume auch. Wenn du die nächtlichen Träume nicht bändigen kannst, musst du wenigstens die Tagträume bändigen, mithilfe des Glaubensbekenntnisses. Hast du das verstanden?«

»Ja.«

»Und denk nicht, dass deine Hand ein Blatt sei, das eine Knospe streift. Deine Hand ist deine Hand, sie steht im Dienst deines Herzens.« Und anderer Teile, dachte ich. »Sie ist kein unschuldiges Blatt.«

»Ich werde nie wieder in dieser Weise an sie denken.«

»Und meide diese Frau um jeden Preis. Die Strafe dafür, eine verheiratete Frau zu begehren, ist weit höher als bei einer unverheirateten.«

Er murmelte ein halbherziges »Ja«.

»Dafür, dass du ihre Brust berührt hast, musst du zwei Wochen lang täglich herkommen, eine Kerze unter dem Vesperbild – unserem Vesperbild – anzünden und ein Ave sprechen.«

Unser Vesperbild war nicht wie das von Newman, das kühn und leuchtend wie ein Eisvogel über Newmans eigenem Altar hing. Dem Jungen würde das nicht gefallen, diese Stallburschen hatten mit Kerzen und Vesperbildern genauso wenig am Hut, wie sie in den Refrain von »Ich künde von einer Magd« einstimmten. Das war Frauenkram.

»Und du kannst etwas für mich tun – bring Sarah Spenser Holz, Brot, Milch und Eier, es geht ihr nicht gut. Möglichst auch Schinkenspeck. Und nimm Kerzen aus der Sakristei mit. Bring ihr auch saubere Bettwäsche und sieh zu, dass das Feuer bei ihr brennt. Wenn sich Wasser auf dem Boden gesammelt hat, fege es hinaus.« Ich dachte voller Unbehagen an das Erbrochene, das ich am Vortag hinausgefegt hatte. »Mach da sauber. Sieh zu, dass es ihr nicht an Wasser fehlt. Janet Grant wird später für alles bezahlen.«

»Ja, Pater.«

»Dir wird ein Sündenerlass von vierzig Tagen gewährt, weil du vor der Fastenzeit zur Beichte gekommen bist. Du hast recht daran getan zu beichten. Komm wieder, falls das Verlangen stärker wird.«

Ich erwartete nicht, aus seinem »Danke, Pater« tatsächlich Dankbarkeit herauszuhören. Er gehörte nicht zu denen, die öfter als unbedingt nötig zur Beichte gehen, und es war unwahrscheinlich, dass er zurückkommen würde, wenn ihn das schlechte Gewissen ereilte. Aber als er mir dankte, klang doch eine gewisse Erleichterung über diese Möglichkeit an. Er näherte sein Gesicht dem Gitter, um mich zu sehen oder mir in die Augen zu blicken. Ja, ein wölfisches Gesicht, hager, dunkel und scharfäugig. Ralf Drake. Als er aufstand und den Vorhang zurückzog, zögerte er seltsamerweise. Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, ich hätte vermutet, dass ihm eine Offenbarung oder ein Moment der Verzückung zuteilgeworden war, so wie es Menschen vor einem Marienbild oder einem Heiligenbild widerfährt. Dann stieß er ein seltsames kurzes Lachen aus und ging.

Warum hatte er gezögert, warum hatte er gelacht? Weil er peinlich berührt war, dessen bin ich mir sicher – und zwar deshalb, weil die verheiratete Frau, die er liebte, meine Schwester war. Er wollte, dass ich es wusste, sie war die Einzige im Dorf, die kürzlich – am Freitag – einen schlaffen alten Knacker von außerhalb geheiratet hatte. (Und an dieser Einschätzung gab es einiges, mit dem ich übereinstimmte.) Sie lebte jetzt in Bourne mit ihrem Mann, John Endall, dessen Nachname mir ihr künftiges Schicksal zu beschreiben schien und dem dort zwanzig Joch Grasland gehörten. Unser kleiner Landarbeiter würde sie wohl nie mehr wiedersehen, es sei denn im Vorübergehen, wenn sie zu Besuch kam. Er würde nie wieder mit ihr tanzen.

Wie ist das, wenn man eine Frau liebt? Geht es nur darum, ihr Haar, ihre Schenkel, ihr dieser Teil hier zu lieben? Oder sie übermäßig zu verehren – ihren Kamm, ihren Fußabdruck, ihren Löffel, ihren Geruch, ihren Schatten, das Wasser, mit dem sie sich wäscht? Wenn ein Regentropfen ihren Hals berührt, ist es dann Liebe, nicht nur ihren Hals, sondern auch den Regentropfen zu verehren? Ist es ein Bann, ein Trick, ist es schiere, gebündelte Lust? Ist es Liebe, wenn es einen zur Tat treibt, oder ist es Liebe, wenn man der Tat widersteht? Bei meiner Priesterweihe hieß es, dass die Liebe mal eine Prüfung sein könne, die sich wie ein Geschenk anfühlt, und mal ein Geschenk, das sich wie eine Prüfung anfühlt, und dass nur ein Priester den Unterschied wissen könne. Aber was wusste ich? Vielleicht wird die Hand in der Liebe zu einem Blatt und die Brust meiner Schwester für diese besessene Hand zu einer Knospe. Vielleicht hatte ich von Ralf Drake verlangt, sich von den Täuschungen der Lust zu befreien, während er in Wahrheit die transformative Kraft der Liebe erlebte. Vielleicht hatten sich seine schmutzigen Hände in ihrer Gegenwart in ein Blatt verwandelt. Ja, das Herz kann Transformationen bewirken. Ich hätte Ralf Drake gern zurückgerufen und ihm eine Frage gestellt: Ist Liebe Seligkeit oder Hexenwerk? Denn ich weiß es nicht.

Kleine dunkle Kiste

Robert Tunley. Niemand füllte den schmalen Spalt zwischen Trennwand und Vorhang so massig aus, bei keinem entwich der Atem so laut, wenn er sich niederließ. Die Glocke schlug eins. Ich bemühte mich, Klänge von draußen zu hören – vielleicht eine Citole, Trommeln, John Greens durchdringenden Dudelsack, mit dem er Tote zum Leben erwecken konnte, das fröhliche Zwitschern der Fiedel, das an eine betrunkene Singdrossel erinnert, dazu die Geräusche schneller Tanzschritte. Aber außer dem einzelnen halb verwehten Glockenschlag hörte ich nichts.

»Was ist draußen los?«, fragte ich, ehe Tunley mit seiner Beichte beginnen konnte. »Wird schon gefeiert?«

»So eröffnen Sie neuerdings die Beichte, Pater?«

»Ich wusste gar nicht, dass Konventionen dir so wichtig sind.«

»Sie sind der erste Priester, der zugibt, dass er etwas nicht weiß.«

Ich musste lächeln. Tunley lachte, doch mit geschlossenem Mund – was schade war, denn sein Lachen war normalerweise so derb und warm wie eine Pferdedecke. »Um Ihre Frage zu beantworten: Ja, ich denke, es wird gefeiert«, sagte er. »Oben in New Cross. Jedenfalls wird getrunken, und man schreit sinnlos die Spatzen an. Wenn Sie das mit Feiern meinen.«

»Ich weiß nicht, wie man Spatzen sinnvoll anschreien sollte.«

»Dann gibt es heute schon zwei Dinge, die Sie nicht wissen.«

Tunley stieß etwas zwischen einem Gähnen und einem Seufzer aus. Ich wusste, wie er sich hinkniete: mit rundem Rücken, die Hände zwischen den Schenkeln und dem Bauch gefaltet. Die Augen tanzten in seinem fülligen, blassen Gesicht.

»Wirst du auch nach New Cross gehen und feiern?«, fragte ich.

»Nein«, sagte er. »Mein Bein schmerzt. Ich werde zu Hause sitzen und den Herrn verfluchen, weil wir wieder die Fastenzeit durchstehen müssen.«

Er spulte routiniert sein Ave ab. Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes, Jesus. Schon der Klang trieb mich tief in mein Inneres, an einen Ort, der zugleich dunkel und licht war – mit seiner Stimme hätte Tunley eigentlich für die Kirche arbeiten müssen. Dann, ohne sich auch nur zu räuspern, sagte er: »Sie kennen den Hund von Mary Grant, den schwarzen. Ich habe ihn gestern Abend getötet.«

Selbst das klang melodiös, wie aus einem Lied, und die Wörter kamen aus seinem enormen Bauch. Niemand wusste, wie er es schaffte, so dick zu sein. Beneide den Mann, der im Herbst fett ist, und misstraue dem, der es im Frühling ist – so sagt man bei uns. Tunley jedoch war das ganze Jahr über dick, und er wurde das ganze Jahr über beneidet und misstrauisch beäugt.

»Mary Grants Hund?«, lautete meine unnütze Frage, denn genau das hatte er ja schon gesagt.

»Richtig, Pater, Mary Grants Hund.«

Das war natürlich der Hund, den Carter und ich am Morgen neben dem Weg gesehen hatten. Oder? Wenn ich es recht bedachte, wusste ich nicht, was für einen Hund Mary Grant hatte – oder gehabt hatte. Ich hatte ihn schon seit Jahren nicht mehr gesehen. Es war überraschend genug, dass ich wusste, wie Mary selbst aussah, so selten, wie sie zur Messe kam. Wahrscheinlich ähnelte sie ihrer Tochter, die ich jeden Tag sehe. Allerdings sieht Janet Grant hübscher aus, so viel weiß ich dann doch.

»Wie hast du ihn getötet?«, fragte ich. Man fängt mit der leichten Frage an, dadurch ist es einfacher, die schwierigere Frage zu stellen: die nach dem Warum, dem Weshalb.

»Etwas Eisenhut in seinem Futter.«

»Eisenhut?« Dann murmelte ich: »Das ist kein schöner Tod.«

»Ich habe noch keine wirklich schöne Todesart gefunden.«

Der arme Hund. Ich stellte mir seine letzten Minuten vor, würgend und mit gekrümmtem Rücken, der Brustkorb, der sich hob und senkte wie die Flügel eines sterbenden Schmetterlings.

»Du weißt, dass der Hund Mary Grants einziger Gefährte war?«

»Jetzt nicht mehr.«

»Sag mir, warum du es getan hast.«

»Er hat gebellt und gejault, und ich konnte nie richtig schlafen.«

»Es liegt in der Natur eines Hundes zu bellen und zu jaulen …«

»Es liegt in der Natur eines Menschen zu schlafen.«

Ich sah zu den Dachsparren hoch, wie immer, wenn ich entmutigt war, und sagte: »Man kann ein Geschöpf nicht dafür töten, dass es tut, was in seiner Natur liegt.«

Der Hund, wie er dalag, die Zunge wie ein vertrocknetes rosafarbenes Blütenblatt aus dem Maul hängend. Mary war eine alte Frau. Ohne Freunde und ohne Gesellschaft, wenn man von ihrer Tochter absah, die mehr aus Pflicht als aus Liebe zu ihr ging.

»Ich will Ihnen sagen, was nicht in der Natur eines Hundes liegt«, entgegnete Tunley lebhaft. »Bei jedem Wetter draußen angebunden zu sein, ohne jede Freiheit, und Tag und Nacht wie eine blutrünstige Bestie jaulen zu müssen, während sein Herr – oder in diesem Fall seine Herrin – auf ihrem knochigen Arsch sitzt und jammert. Während ihr einziger Nachbar – ihr guter Nachbar, der ihr Brennholz bringt und ihr das Feuer anzündet und ihr Dach flickt – angespannt wie ein Dreschflegel ist und im Kopf selbst schon zu jaulen beginnt und fast verrückt wird vor Schlafmangel. Es ist eine Erlösung, dass der Hund jetzt tot ist. Für uns alle. Wenn ich nicht den Hund getötet hätte, dann Mary selbst. Ich bin also nicht gekommen, weil ich um Vergebung bitten will, sondern um Dank.«

»Du musst verrückt sein, wenn du zur Beichte gehst und Dank erwartest.«

»Verrückt bin ich, Pater – das sagen alle Frauen.«

»Und grausam. Du hast eine alte Frau in Verzweiflung gestürzt.«

»Diese dreiste Ziege war sowieso schon verzweifelt.«

Typisch Tunley; für ihn ging es bei der Beichte nicht um Vergebung, sondern darum, der Notwendigkeit von Vergebung zu entkommen. Man sagt es, und dann ist es raus, aus und vorbei. Er ist ein groß gewachsener Mann, und er sagt, dass der Teufel sich gut in ihm verstecken könne. Deshalb bringt er seine Untaten ans Tageslicht, ehe der Teufel sie findet. Aus diesem Grund weiß ich mehr über ihn, als mir lieb ist: von seinen Reisen nach Bourne, um die ganze Nacht mit zwei Frauen Unzucht zu treiben, die er dort beeindruckt zu haben scheint – eine verheiratet und eine verwitwet. Kein anderer Mann im Dorf hat solchen Erfolg bei Frauen wie er. Liegt es an seiner musikalischen Stimme, den Liedern, die er ihnen vorsingt, den langen, innigen Küssen auf den Hals? (Er beschreibt mir diese Küsse so detailliert, dass ich mich fühle, als ob ich selbst von ihm geküsst worden wäre.) Daran, dass er zwischen den Beinen so großzügig ausgestattet ist? (Auch da hat er meiner Vorstellungskraft ausgeholfen.) Ich habe einmal meine Schwester gefragt, ob sie wisse, was Tunley so reizvoll macht, ob es Frauen gefällt, wenn ein Mann das Fett für zwei mit sich herumträgt – ob sich das wie ein besonders günstiges Angebot anfühlt. Sie wusste nichts dazu zu sagen, sie lächelte nur.

»Gift ist besser als ein Messer«, sagte Tunley, als ob er sich jetzt doch verteidigen wollte. »Ich bin nicht gut im Zustechen, und es hätte mir wehgetan, dem Tier dabei in die Augen zu sehen.«

Mir fiel plötzlich ein, dass ich den Hund in seinen ersten Lebensstunden gesehen hatte, ein kleines nasses Ding, das nach Malz roch und die Augen kaum geöffnet hatte. Man hatte es in meine Handflächen gelegt, ein atmendes Bündel Fleisch.

Ich wollte Tunley davon erzählen. »Als Mary Grant den Hund oben auf dem Weg nach Oak Hill fand, brachte sie ihn zu mir. Er war keinen Tag alt und der einzige Überlebende aus seinem Wurf. Sie fragte mich, ob ich ihn segnen und dann ersticken könne. Ich überredete sie, ihn zu behalten – das muss vor sechs oder sieben Jahren gewesen sein.«

»Und seitdem hat er nicht aufgehört mit seinem Geheule.«

»Und jetzt ist damit Schluss.«

»Und dafür danken wir dem Herrn«, sagte er.

Unwillkürlich fragte ich ihn: »Starb er dort, wo er gefressen hat?«

»Sie streunen dann noch ein bisschen herum.« Seine Stimme signalisierte ausgeprägtes Desinteresse und eine Spur Ungeduld, nun, da er gesagt hatte, was er hatte sagen wollen. »Ich habe ihn dort vergiftet, wo er angeleint war, und dann habe ich ihn losgebunden, damit er sich einen Platz zum Sterben suchen konnte.«

»Weißt du, wo das war?«

»Ich habe keine Ahnung.«

»Kann es sein, dass er es bis zum Birkenhain unten am Weg nach West Fields geschafft hat?«

»Kann sein – es dauert ein paar Stunden, ehe man an Eisenhut gestorben ist. Und es musste sieben Jahre Gefangenschaft gutmachen, das arme Tier. Wahrscheinlich waren es die besten Stunden seines Lebens.«

»Unten im Hain liegt jedenfalls ein toter Hund.«

»Dann muss man nicht besonders gut im Kopfrechnen sein, um eins und eins zusammenzuzählen.«

Wenn ich ihm gesagt hätte, dass ich in der vorangegangenen Nacht gesehen hatte, wie etwas oder jemand die Straße hinuntergerannt war, hätte das wenig gebracht. Tunley brauchte davon nichts zu wissen, und es wäre ihm auch gleichgültig gewesen. Aber bis zu diesem Augenblick hatte ich nicht an das schwarze Etwas gedacht, das durch den nächtlichen Nebel an mir vorbeigehetzt war. Ich hatte es mit der Angst zu tun bekommen, hatte es für einen Geist gehalten und war fortgerannt. Dabei war es vielleicht nur Mary Grants Hund mit einer Dosis Eisenhut in den Eingeweiden.

»Sie sind so schweigsam, Pater, sind Sie tot?«

»Wenn es so wäre«, sagte ich, »dann sähe der Tod sehr nach Leben aus.« Er lachte, und ich sagte: »Von deinem Haus draußen am Bach bis zu dem Hain ist es ein weiter Weg.«

»Wem sagen Sie das. Vom Bach aus ist der Weg überallhin weit.«

Ein langer Weg und ein nasser Weg, denn der Bach tritt bei Regen über die Ufer, und die Bewohner der beiden einzigen Häuser auf der anderen Seite, Robert Tunley und Mary Grant, müssen durch das Wasser waten. Tunley macht das trotz seines kaputten Beins, aber Mary Grant bekommen wir oft wochenlang nicht zu Gesicht. Tunley hält sie bestimmt auf Trab, sagen die Leute mit einem Zwinkern, aber allein die Vorstellung seiner üppigen Lippen auf ihren knochigen Rippen lässt die meisten ihre Anspielung sofort bereuen.

»Dann gehe ich mal wieder«, sagte er. »Ich habe heute viel zu tun, Pater, so gern ich mich auch weiter über den Tod eines Hundes unterhalten würde.«

Er sagt dem Priester an Fastnacht, dass er viel zu tun hat. Das Bemerkenswerte an Tunley ist seine grenzenlose Selbstverliebtheit. Ich hatte auch zu tun. Die Absolution ist nichts, was man nebenbei erteilt, bloß weil jemand dahergelaufen kommt. Dazu bedarf es der Genauigkeit. Seine Buße war haarklein nach seinen Absichten zu bemessen – ob er den Hund vor allem umgebracht hat, um sich von seinem eigenen Elend zu befreien, und nur ein wenig, um das Tier von dessen Elend zu befreien – oder umgekehrt. Und ob und wie viel er damit Mary Grant bestrafen wollte, und wenn ja, wie lange diese Absicht sich schon in ihm zusammengebraut hatte. Wie durchdacht, wie boshaft sie war, nach welchen Gesichtspunkten er das Gift gewählt hatte – ob es dabei um den schnell eintretenden Tod oder den dramatischen Effekt ging. All das musste ich ihm entlocken, mit der gleichen Präzision, wie ein Bogenschütze Pfeil und Bogen präpariert. Aber Tunley war schon schnaufend aufgestanden und hatte den Vorhang geöffnet. Er hatte nicht einmal auf die Vergebung gewartet; wieder einmal dachte ich, dass er mich wie einen Abort benutzte – sich setzte, seiner Last entledigte und ging.

»Gestehe Mary Grant deine Tat und entschuldige dich bei ihr«, sagte ich. »Hacke den Rest des Jahres das Holz für sie. Begrabe den Hund und sprich drei Ave-Maria an der Stelle, wo er starb.«

Ich sagte es nur zu meinem eigenen Nutz und Frommen. Tunley war schon fort.

Ich starrte eine daumengroße abgeplatzte Stelle in der Wand vor mir an, die wie das aufgerichtete Geschlechtsteil eines Mannes aussah. Ich hatte einmal daran herumgekratzt, um sie wie den Höcker eines Kamels aussehen zu lassen. Das Kamel verkörpert Besonnenheit, aber ich hatte noch nie eins gesehen, und so war meine Nachbildung nicht besser als die eines Kindes und konnte die obszöne Form nicht verbergen.

Ich musste noch einmal in den Hain. Zumindest, um mich zu vergewissern, dass der Hund fortgetragen und beerdigt und nicht den Falken oder Habichten zum Fraß überlassen worden war. Ich stand auf und trat gegen die Wand, um meine eingeschlafenen Füße zu wecken, aber dann hörte ich Stimmen, irgendeine Aufregung im Kirchenschiff und schlurfende Schritte, die sich mir eilig näherten.

»Reve.«

Ich setzte mich. Herr, sagte ich lautlos. Du hast diesen Menschen erschaffen; hilf mir, mit ihm umzugehen.

Und da war er, auf der anderen Seite des Gitters, unser lauter Flüsterer aus der Ferne, unser fahrender Schwarzmaler, unser durchreisender Kleinigkeitskrämer. Unser kleiner Landdekan, der seine Sheriffpflichten erfüllte, der Streife durch Oakham lief. Ohne Eile nahm ich das Schultertuch vom Kopf und schob die Trennwand beiseite.

»Auf ein Wort, Reve.« Er lächelte, als er das sagte, und deutete eine höfliche Verbeugung an. »Wenn ich Sie nicht störe.«

»Nein, nein«, sagte ich und sah auf die länger werdende Warteschlange im Kirchenschiff. »Ich habe überhaupt nichts zu tun.«

Mein Drang, zu ihm zu eilen und mit ihm zu sprechen, war jetzt, wo er da war, wie weggeblasen. Ganz im Gegenteil: Jetzt wünschte ich, dass ich schon mit ihm fertig wäre, dass ich ihn auf seiner Stute davonreiten sähe, auf Nimmerwiedersehen. Er huschte durch das Mittelschiff zum Nordtor der Kirche. Die Wartenden wandten ihren Blick von mir ab und ihm zu. Ich hoffte, sie wussten, wem meine Treue galt – nicht ihm, der sich hinterhältig in unsere Angelegenheiten einmischte, sondern ihnen, unserer Gemeinde, zu der auch ich zählte. Als wir ins Freie traten, peitschte uns der Wind mit der ganzen Feindseligkeit des Spätwinters, ein letztes Niedersausen seines Schweifs. Aus der Richtung von New Cross wehte Musik herüber, und Rauchwolken stiegen von dem Haus auf, wo Robert Guy, unser mürrischer Vogt, wohnte: tänzerisch verschlungene Rauchwolken, die den Geruch nach Hammelfett und Schinkenspeck mit sich trugen.

Der Dekan ging einige Schritte voraus und war in einen leichten Trab verfallen. Ich hatte noch nie einen erwachsenen Menschen so gehen sehen. Hatte er körperliche Schwierigkeiten, wurde sein Fahrgestell durch irgendetwas beeinträchtigt? Wenn nicht, dann blieb nur die Möglichkeit, dass er Gelassenheit vortäuschen wollte, Ungezwungenheit trotz der unangenehmen Neuigkeiten, die er mir zweifellos unterbreiten wollte. Ich versuchte gar nicht erst, mit ihm Schritt zu halten, ich verlangsamte sogar absichtlich meinen Gang, und schließlich blieb er stehen und wartete.

»Ich habe auf ein Vieraugengespräch gehofft«, sagte er.

»Nur die Kirchenmauern können uns hören.«

Er sah an den frischen, weichen, gelblichen Mauern hoch, als ob er nach einer Bestätigung suchte, die er aber, seinem Stirnrunzeln nach zu urteilen, nicht bekam. »Es waren schwere Tage für Ihre Gemeinde, John«, flüsterte er verschwörerisch. John! Bis eben hatte er mich noch mit »Reve« angeredet – Menschen werden immer dann besonders freundlich, wenn sie etwas von einem wollen und nicht wissen, ob sie es bekommen werden. Sein kleines, scharf geschnittenes Gesicht lebte auf vor lauter Tücke. »Wie läuft die Beichte heute?«

»Ein Heiterkeitsausbruch nach dem anderen«, sagte ich.

»Ich sah einen dieser Stallburschen. Was hatte der zu sagen?«

»Dass er verliebt ist.«

»Ach ja? Wer ist die Glückliche?«

»Das ist kaum von Belang.«

»Liebe ist immer von Belang, wenn es um ungeklärte Todesfälle geht. Liebe ist immer« – er hielt kurz inne – »eine Komplizin.«

Ich schnaubte. Manchmal glaubte ich, wenn ich etwas nur unvermittelt genug tat – ein Geräusch von mir gab, eine Bewegung machte –, dass der Albtraum enden und der Dekan verschwinden könnte.

»Es war Annie, meine Schwester. Der Junge heißt Ralf Drake. Nur eine vorübergehende Schwärmerei.«

Er gab ein kurzes Pff von sich. Was sollte das bedeuten? Ich hätte ihm am liebsten gar nichts erzählt, mit keinem Wort angedeutet, was Ralf mir während der Beichte anvertraut hatte. Aber das war nun nicht mehr zu ändern, wir hatten es so ausgemacht, als ich ihm noch vertraut und geglaubt hatte, er wolle uns wirklich helfen.

Der Dekan war in einen qualvoll langsamen Schlenderschritt verfallen und sah mich mit einem intensiven, hilfesuchenden Ausdruck an. Er ergriff mein Handgelenk. »Ein Wort der Warnung«, sagte er. »Sie wissen, dass die, die wirklich etwas zu verbergen haben, Ihnen wunderschöne Lügengeschichten auftischen werden. Deswegen müssen Sie klug und gewieft vorgehen und heraushören, was sie Ihnen verschweigen.« Er neigte sein Haupt, und es war, als ob selbst die Luft schrill vor ihm zurückschreckte. »Und – hat Oliver Townshend schon gebeichtet?«

Er hielt mein Handgelenk, so wie ich vorhin den Hartriegel in der Hand gehalten hatte – ohne wirklich zu wissen, was er damit sollte, aber doch in dem Versuch, die Geste jetzt, wo er es schon einmal hielt, bedeutungsvoll aussehen zu lassen. Ich antwortete: »Nein, Townshend habe ich nicht gesehen.«

»Ist denn irgendetwas Mörderisches ans Licht gekommen?«

Ich löste mein Handgelenk aus seinem Griff und ging weiter. »Robert Tunley hat einen Hund getötet.«

»Oh.« Er streckte die Hände aus. »Hat er sich auf ihn gesetzt?« Ein seltener Anflug von Humor bei unserem Dekan.

»Er hat ihn vergiftet.«

Das Wort »Gift« hob erkennbar seine Stimmung – ein kurzes Verlangsamen des Schrittes, ein kleines triumphierendes Lächeln in den Mundwinkeln. »Womit hat er ihn vergiftet?«

»Eisenhut.«

»Eisenhut? Verstehe. Eisenhut also. Aber da muss ich doch fragen: Woher hat er ihn?« Er bewunderte seine Frage, als wäre sie eine Goldmünze, die er zutage gefördert hatte. »Eisenhut wächst in den letzten Sommertagen, wir haben Februar.«

»Er blüht in den letzten Sommertagen. Ich denke, seine Wurzeln wachsen das ganze Jahr über.«

Der Dekan fragte mit verkniffenem Gesicht: »Woher wusste er, wo er ihn finden konnte?«

»Er wächst einige Felder weit entfernt von dem Bach, an dem Tunley und Mary Grant leben. Unten am Fuß des Bergkamms, da ist es feucht und schattig. Jeder im Dorf weiß das. Wir haben viele Schafe verloren, als wir sie dort noch weiden ließen.«

Ich war verärgert und machte mir nicht die Mühe, es zu verbergen. Was wusste er schon über unser Dorf? Er stellte die falschen Fragen. Es war kein Geheimnis, wie man einen Hund mit Eisenhut zu jeder beliebigen Jahreszeit töten konnte, ein Wurzelstück, groß wie der Fingernagel eines Kindes, bringt selbst einen ausgewachsenen Mann um. Man musste bloß ein Fitzelchen Wurzel abschneiden und es, als würde man einen Samen säen, in die Pampe aus Innereien fallen lassen, die der Hund zu fressen bekam. Seine Fragen waren anzüglich wie der Klatsch eines alten Weibes; ihm war nicht einmal in den Sinn gekommen zu fragen, wem der Hund gehörte oder warum Tunley ihn umbringen wollte. Er hatte bloß das Wort »Gift« gehört, und die Schlange in ihm hatte sich aufgerichtet.

»Wir wissen also, dass Tunley zum Zeitpunkt von Thomas Newmans Tod über Gift verfügte«, sagte er, und ich erwiderte: »Wir alle können über Gift verfügen, wann immer wir wollen. Es wächst überall.«

Eisenhut, Bilsenkraut, Belladonna, Nieswurz, ganz zu schweigen von den Pilzen, deren warzige Hüte und perlweiße Milch einen erst berauschen und dann töten können. Jeder, der hier aufgewachsen ist und Land bewirtschaftet hat, jeder, der auch nur eine Erdkrume unter den Fingernägeln gehabt hat, weiß, dass es um uns herum viele trügerische Dinge gibt, die töten können und mit denen man töten kann. Jeder – ob Mann, Frau oder Kind. Das gehört bei uns zum gesunden Menschenverstand, etwas, das dem Dekan völlig abging.

Widerwillig sah er ein, dass das Thema sich erschöpft hatte, und sagte: »Ich hatte gehofft, Sie könnten mir etwas über den Mord an einem Menschen berichten, nicht an einem Hund.« Und er verstummte.

Es hätte durchaus Gründe gegeben, Tunley zu verdächtigen, immerhin war er es gewesen, der am Samstagmorgen als Erster berichtet hate, einen Toten im Fluss gesehen zu haben, und er war den ganzen Freitagabend fort gewesen, ohne dass jemand hätte sagen können, was er getan hatte. Aber Tunley war ein Mann, der über solche Vorwürfe erhaben war; ich fand es bemerkenswert, dass selbst der Dekan das erkannt hatte. Ein so freimütiger und argloser Mensch, dass ihn kein Verdacht treffen konnte. Oder auch ein so streitlustiger Mensch, dass man ihn lieber nicht beschuldigte.

Während wir die Kirche umrundeten, stand mein ruheloser Schritt in ständigem Widerstreit mit dem nervösen Schlurfen des Dekans. Ich spürte immer noch den inneren Drang, nach dem toten Hund zu sehen, er strömte förmlich durch meine Beine und Arme. Wieder einmal fiel mir auf, wie unsympathisch das Gesicht meines Begleiters wirkte. Ich hatte versucht, es zu mögen, aber mit seiner gräulichen Farbe, ausgezehrt und mit verdrießlich herabgezogenen Mundwinkeln widerstand es all meinen Bemühungen.

»Wussten Sie«, fragte er, »dass letztes Jahr an Fastnachtsdienstag in Italien ein Mann gestorben ist, weil er bei einem sogenannten ›Karneval‹ mit Orangen beworfen wurde? Man hat ihn auf der Straße überrannt und totgetrampelt, und als die Feiernden sich nachts zerstreuten, kamen die Wölfe, angelockt von der Süße der Orangen, und rissen seine Leiche in Stücke. Nur seine Augen blieben auf dem Pflaster zurück.«

Der Wind schlug uns entgegen, als wir um die Ecke zur Ostseite der Kirche bogen. »Mögen Wölfe keine Augen?«

Er sah mich an, dann reckte er sein Kinn in die Höhe, um seine unsinnige Geschichte besser fortsetzen zu können. »Und was die Franzosen an Mardi Gras tun – da wendet selbst Gott sich schaudernd ab.« Passend zu diesem Stichwort wandte er sich ab, eine kleine, dramatische Geste. »Es ist wichtig«, sagte er, »dass wir uns hier, in unserem gemäßigteren Land, an unsere eigenen Gebräuche und die ernste Frömmigkeit erinnern, die bei diesem Ereignis angebracht sind. Natürlich dürfen wir uns vergnügen. Aber wir dürfen uns nicht wie sittenlose Wilde aufführen.«

Wusste der Dekan überhaupt, was Sittenlosigkeit war? Sittenlosigkeit ist, wenn man am Todestag eines Mannes in dessen Haus einzieht, sich mit seiner Seife wäscht, sich mit seiner Klinge rasiert und es sich auf seiner Daunenmatratze bequem macht.

»Als ich im Dorf war, fiel mir auf, dass die Feierlichkeiten in New Cross schon recht ausgelassen sind. Viele Betrunkene. Zu viel vom Muntermacher, was? So nennt man das hier doch, nicht wahr? Engelstrank, Drachenmilch. Und wir haben gerade erst Mittag.« Schnellpisser, dachte ich; so nennt man das bei uns, aber das geht dich gar nichts an. Er sah zu mir hoch, sein Gesichtsausdruck sollte wohl Sympathie und Komplizenschaft signalisieren. »Ja, John, es waren schwierige Tage für Ihre Gemeinde, aber das entschuldigt kein Fehlverhalten.«

Er hatte keine Frage gestellt, also schwieg ich.

»Ich verlasse mich darauf, dass Ihre Gemeinde sich nicht wie die Italiener aufführt, von denen ich sprach. Oder, schlimmer noch, wie die Franzosen.«

Wir hatten das Südtor erreicht, und ich blieb davor stehen. »Ich denke, das wird uns erspart bleiben, die meisten hier haben noch nie eine Orange gesehen«, sagte ich.

Ich umfasste seine Hände und drückte sie sanft, dann ließ ich sie los. Er betrachtete mich beunruhigt: Ich hatte offenbar nicht getan oder gesagt, was ich seiner Meinung nach hätte tun oder sagen sollen. Dann umfasste er mein Gesicht mit den Händen, je eine Hand umschloss liebevoll eine Wange, und sagte: »Jetzt sieh sich einer diese breiten Wangenknochen an, diese erhabene Nase, diese Augen, graubraun wie ein Folterkäfig, rauchig wie ein Scheiterhaufen. Ich würde sagen, in Ihnen steckt auch etwas von einem Franzosen. Darauf müssen wir achtgeben.«

Sein Blick kündete von zaghafter Boshaftigkeit: der Blick eines Menschen, dem die Bösartigkeit der Macht neu ist und der sich ihrer noch nicht mit Gewissheit bedient. Ich blieb stumm, und er presste seine Daumen in die hohlen Stellen hinter meinem Kiefer. Fast an meinem Hals, aber nicht ganz. Weiche Stellen, die selbst ich nie mit den Daumen erspürt hatte. Es war eine Geste von halbherziger Brutalität, und dann sanken seine Arme herab.

»Ich vermute, ich neige zu sehr zum Grübeln, Reve«, sagte er und massierte die Stelle zwischen seinen Augen, wie um die Last all dieser Grübelei zu veranschaulichen. »Einige meiner Überlegungen kann man übergehen, andere nicht, und bei wieder anderen bin ich mir nicht sicher. Wenn zum Beispiel Newmans Leiche drei Tage nach seinem Ertrinken bei West Fields an einem umgestürzten Baum gefunden wird und sein Hemd ein Stück weiter in einem Röhricht, warum ist das Hemd weiter getrieben als der Mann? Wie hat das Hemd sich überhaupt von ihm gelöst? Erreichte es die Stelle zur selben Zeit wie die Leiche, war es mit dem Körper verbunden? Oder ist es einen Tag, zwei Tage, drei Tage vorher dort angekommen? In diesem Fall wäre es ein seltsamer Zufall, dass beide nur einen Steinwurf voneinander entfernt angespült wurden. Obwohl solche Zufälle natürlich vorkommen.«

Er bewegte sich von mir fort, die Hände hielt er dabei hinter dem Rücken verschränkt, sie schlugen sanft gegen sein Hinterteil in der engen Robe. Er hatte den Dolch seines Argwohns gezückt und wieder in die Scheide zurückgesteckt.

»Newman hat Townshends Land aufgekauft, nicht wahr?«, fragte er und drehte sich wieder zu mir um.

»Wenn ich mich recht erinnere, haben wir darüber schon mehrmals gesprochen, und die Antwort ist Ihnen bekannt.«

»Ich weiß, ich weiß. Ich strapaziere Ihre Geduld. Aber je öfter wir darüber sprechen, desto weniger geht es mir aus dem Kopf. Newman hat … wie viel? … zwei Drittel von Townshends Land gekauft? Newman wurde reicher, Townshend wurde ärmer. Townshend hatte allen Grund, ihm den Tod zu wünschen.«

Er zuckte die Schultern und sah einen Moment beiseite, dann drehte er sich um und schlurfte, in seine zu enge Robe eingewickelt, davon, wobei er mit wedelnden Armen wütend eine Krähe verscheuchte, die ihm nicht einmal im Weg war.

Der Dekan ist ein Mensch, dessen Schuhe zu klein geworden sind und den deshalb die Füße zwacken. Wir haben zurzeit keinen Bischof, der Erzdiakon ist mit anderen Dingen beschäftigt, und so steht er verblüffenderweise an der Spitze des Haufens.

Vor allem haben die Mönche des Klosters in Bruton ihre gierigen Blicke auf Oakham geworfen. Der Dekan hat mich gewarnt, und er ist besorgt. Je mehr es werden, desto mehr Land brauchen sie. Also halten sie Ausschau, aber alles, was sie zu sehen bekommen, sind Schafweiden und kein Ackerland weit und breit. Dann verharrt ihr Blick bei uns, mit Tausenden schafloser, urbarer Furlongs (mehr als jeder andere Ort im Umkreis von hundert Meilen), und sie sehen, dass unsere Gemeinde an ihre grenzt und sie ein gutes Auskommen hätten, wenn sie uns übernähmen und Oakham zu ihrem Gehöft machten.

Hinzu kommt, dass der Bischof im Gefängnis sitzt, weil er versucht hat, einem Prätendenten zur Krone zu verhelfen. Der Dekan meint, dass er es nicht mehr lange machen wird. Der Erzdiakon ist vollauf mit seinen Sorgen beschäftigt und mit all der Arbeit, die der Bischof verrichten würde, wenn er nicht im Gefängnis säße. Wer gibt in diesem Chaos auf uns acht, die wir hier in unserer kleinen Gemeinde zwischen Wald und Fluss leben, mit unserer unbedeutenden Kirche, unseren hundert kleinen Leben und ihren Freuden und Tücken, mit unseren Schweinen, Kühen, Hühnern, unserer Gerste und unserem Holz? Unserer unvollendeten Brücke? Wer hält uns die Mönche vom Hals und die sprichwörtlichen Wölfe? Die Antwort lautet: niemand – niemand außer dem Dekan. Und wie viel Anteil nimmt der? Er muss erst einmal seine eigene Haut retten. Er rennt herum, um dem Erzdiakon Gefälligkeiten zu erweisen, weil er sich davon … ja, was erhofft er sich eigentlich davon? Gunst? Macht? Er verzehrt sich danach, dem Erzdiakon einen Mörder vor die Füße zu legen, wie eine Katze – zitternd vor Stolz – ihrem Herrn einen Vogel bringt.

Zwei Jahre zuvor hatte ich eine Unterhaltung mit Newman. Er erzählte mir damals, dass man in Rom große Kästen eigens zum Beichten baut – Beichtstühle. Man kniet nicht im Dämmerlicht des Kirchenschiffs vor dem Priester nieder, sondern betritt einen zweigeteilten Schrank, mit dem Beichtkind auf der einen und dem Priester auf der anderen Seite. Eine kleine dunkle Kiste. Diese Vorstellung hatte für mich etwas Schönes und Geheimnisvolles. Die Kiste erschien mir wie eine Miniaturkirche, eine Kirche in der Kirche – die Seite des Priesters war der Altarraum, die des Beichtkindes das Kirchenschiff, und die Abschirmung dazwischen trennte die beiden weniger voneinander, als dass sie sie vereinte und miteinander ins Gespräch brachte. Der normale Mensch, durch die Trennwand geschützt, berichtet dem Priester von den Dingen, die er auf der Seele hat, auf dass der Priester sie Gott berichte und ihn dem Himmel näher bringe. Die Trennwand ist kein Hindernis, sondern eine Fläche, auf der sich das heilige Mysterium abspielt.

Eigentlich hätte für uns keine Hoffnung auf eine solche Kiste bestanden. Wäre unser Bischof nicht für den Versuch bestraft worden, die Thronfolge zu ändern, wäre unser Erzdiakon nicht so überaus beschäftigt gewesen, wäre unser Dekan nicht verantwortlich gewesen oder hätte er eine andere Persönlichkeit gehabt – nein, dann gäbe es diese Kiste nicht. Als er, der Dekan, uns vor über einem Jahr zu Winterbeginn besuchte, versuchte ich ihm die Idee schmackhaft zu machen. Die Kirche in der Kirche, die Abschirmung, die nicht trennt, sondern vereint, das Spiel des heiligen Mysteriums et cetera. Er war bestenfalls desinteressiert, schlimmstenfalls wütend. Er murmelte etwas über Italiener und hing wie eine dunkle Regenwolke über meinen Hoffnungen.

Aber der Winter schritt voran. Winter können grausam und gewalttätig sein. Wir haben in jenem Winter viel verloren – Saat an die Flut, Tiere an den Schnee, Männer, Frauen und Kinder an Krankheit und Hunger. Ich tat mein Bestes, so wie alle anderen auch, aber wenn die Zeiten verzweifelt sind, handeln auch die Menschen verzweifelt: Sie stehlen, sie lügen, sie betrügen, sie resignieren, sie gehen nicht zur Messe, sie suchen Zuflucht in fremden Betten.

Wenn die Zeiten verzweifelt sind, begehen Menschen Taten der Verzweiflung, von denen sie ihrem Priester, der auch ihr Nachbar ist, lieber nichts sagen. Vielleicht ist es ja das Brot des Priesters, das sie stehlen. Vielleicht ist es die Frau eines Freundes des Priesters, mit der sie ins Bett gehen. Vielleicht ist es sogar die Schwester des Priesters. Damals kam nur das halbe Dorf in den Tagen vor der Fastenzeit zur Beichte. Ich sagte es ihnen täglich in der Messe: Ihr müsst beichten, ihr könnt die Hostie nicht ohne Beichte nehmen. Sie kamen trotzdem nicht. Dann bemerkte ich ein großes Kommen und Gehen bei Four Ways, wo die Straße sich in vier Richtungen gabelt – nach Oak Hill, Bourne, Bruton und Fox Hole –, und als ich jemandem folgte (ganz beiläufig, als ob ich einen Spaziergang machen würde), bestätigte sich mein Verdacht: dass meine Pfarrbewohner sich eine Meile vor dem Dorf mit einem Wandermönch trafen, der ihnen am Straßenrand, mit tief über den Kopf gezogener Kapuze, die Beichte abnahm. Er konnte sie sehen, aber er kannte sie nicht, und sie mussten ihm nicht in die Augen schauen, nicht einmal wenn sie die Münzen in seinen Geldbeutel steckten.

Ich berichtete davon dem Dekan: dass das Geld, das für Zehntabgaben und Spenden im Dorf verbleiben sollte, in den Geldbeutel eines Mönchs wanderte, damit die Beichte unerkannt abgelegt werden konnte. Wir sind ein kleines Dorf mit einem Fluss, der genauso gut eine Mauer sein könnte, denn er hält die Außenwelt von uns fern. Wir wären ruiniert, wenn dieses Bezahlen von Wandermönchen zur Gewohnheit würde – das sagte ich ihm, und es war die Wahrheit. Geld ist ein Konzept, das der Dekan versteht, nicht weil er durchtrieben oder besonders opportunistisch wäre, sondern weil er, je mehr Zeit vergeht, desto verzweifelter wird. Die Gemeinden, die ihm unterstellt sind, litten in jenem Winter, und wem waren diese Leiden zuzuschreiben, wenn nicht – wenigstens zum Teil – ihm? Wenn sich nicht genug Menschen um Land und Vieh kümmern, wenn die Hälfte der Tiere stirbt, dann hungert das Dorf, und wenn das Dorf hungert, dann richten die Leute den Blick auf mich, und ich richte den Blick auf den Dekan, und er richtet den Blick auf den Erzdiakon und dieser auf den Bischof, nur um festzustellen, dass da keiner ist. Und die Menschen verlieren ihren Glauben, weil ihre Beschützer sie nicht beschützt haben, und Gott verliert seinen Glauben an die Beschützer, die er berufen hat, damit sie den Glauben an ihn in den Herzen der Menschen wachhalten. Und sobald der Herr dir nicht mehr vertraut, bist du wie ein einbeiniger Schwimmer, der gegen die Strömung schwimmt.

Da waren wir also – zwei Männer, die wenig füreinander übrighatten und von denen einer das Glück hatte, zufällig auf den absonderlichsten Hass des anderen gestoßen zu sein: Für den Dekan waren Wandermönche allenfalls Händler oder Trödler, mit genauso wenig geistlicher Befugnis. Oder sie waren Diebe und Strolche. Es habe da einen gegeben, sagte er, der halb Mensch, halb Tier gewesen sei und den Körper eines Bären gehabt habe. Wir setzten uns ans Feuer, ich tischte dem Dekan ein Ale und Lammbraten auf – es war kurz nach Ostern – und hörte mir seine Ansichten an. Als ich seiner seltsam leidenschaftslosen Hasstirade lauschte, fühlte es sich an, als ob mir kaltes Wasser auf die Füße tropfen würde. Danach schüttelten wir uns halbherzig die Hände und machten unsere Zugeständnisse – er stimmte zu, dass wir eine Zeit lang einen Beichtstuhl erprobten, und ich, dass ich diesen ohne zusätzliche Kosten beschaffen würde.

Im letzten Winter wurde die breite Eichentür am Nordeingang gegen eine neue ausgetauscht; wir lehnten die alte Tür an die Südwestecke der Kirche und bildeten damit einen dreieckigen Raum, in dem ich sitzen konnte. Philip, der drüben in Old Cross lebt, sägte ein Loch hinein, und seine Frau Avvy flocht ein ganz ordentliches Gitter aus Haselholz, durch das man seine Sünden beichten kann. Ein Vorhang auf der anderen Seite schirmt das Beichtkind ab, das zwischen Vorhang und Tür kniet. Die ganze Vorrichtung ist unausgereift und eigentlich kindisch. Ich weiß nicht, was ein Italiener davon halten würde. Für ihn würde es wohl eher wie der Bau eines Tieres aussehen oder wie ein Ort, an dem Darm und Blase ihr Werk tun – nicht wie ein Ort, an dem Gott sein Werk tut.

Oakham, das kleine und unbedeutende Oakham, das eingezwängt zwischen Fluss und Bergkamm liegt, verfügt über den einzigen Beichtstuhl Englands – zumindest soweit wir wissen. Vielleicht existieren andere Oakhams. Wir haben nie von ihnen gehört. Jeder Bischof in diesem Land würde anordnen, das Ding herauszureißen – jeder Bischof außer dem einen, der im Gefängnis sitzt und seit Jahren nicht mehr an etwas anderes als sich selbst gedacht hat und daran, wie er seine Haut retten kann.

Es kann von Vorteil sein, wenn einen die Welt vergessen hat. Der Beichtstuhl führte dazu, dass wir uns als Gemeinde nach innen gewandt haben, zu uns selbst – wie Primeln, die in dichten Büscheln beieinanderstehen. Die Kirche platzt vor Spenden aus allen Nähten: zwei neue Abendmahlkelche zusätzlich zu den beiden, die wir vorher schon hatten; drei neue Garnituren Messgewänder und Soutanen; ein neues Vortragekreuz; ein dunkelpurpurner Fastenschleier; ein Weihwassertopf; vier große vielarmige Kerzenleuchter und ungezählte der schlichteren Sorte, Weihrauch, eine schöne geschnitzte Holzabdeckung für den Taufstein; bestickte Banner; ein zusätzlicher Rosenkranz für das Kirchenportal; ein Kissen zum Niederknien im Beichtstuhl; eine Laterne; Gemälde von der heiligen Katharina, dem heiligen Erasmus und der heiligen Barbara (um den Tod abzuwehren); ein ungelenk bebilderter Psalter und jedes erdenkliche Marienbild oder Gebet an die Heilige Jungfrau: eine Kopie des Obsecro te, des schönsten Mariengebets, das es gibt, und von dem Lied »Ich künde von einer Magd«; außerdem ein Kupferstich der Mutter der Barmherzigkeit, ein Holzstich der Mutter der Barmherzigkeit, ein laienhaftes Wandbild der Mutter der Barmherzigkeit, ein Elfenbeinfigürchen der Mutter der Barmherzigkeit; wir haben ein Vesperbild, auf dem die Augen der Gottesmutter verschleiert sind und tieftraurig dreinschauen und der Christus auf ihrem Schoß bereits totenstarr ist. Dann haben wir noch das seltsame und fragwürdige Vesperbild über Newmans Altar, bei dem die Augen der Jungfrau fragend auf uns gerichtet sind und der verwundete Christus mit schockierend gespreizten Beinen daliegt, zart wie frisches Fleisch. Das Gemälde glüht förmlich von Farben, wie sie nur die Italiener herzustellen wissen. Und dort am Triumphbogen hängt eine Schnitzerei der Mater Dolorosa, die sie in erschütternder Trauer am Fuß des Kreuzes zeigt. Und für jedes gestiftete Bild oder Gebet besitzen wir genug Kerzen, um die Muttergottes für Monate oder sogar Jahre zu beleuchten.

Der Dekan war immer skeptisch; er meint, dass ein Beichtstuhl die Leute nicht davon abhalten werde, zu einem schurkenhaften reisenden Ordensbruder zurückzukehren. Denn ich wisse ja bei den meisten Pfarrbewohnern trotz der Trennwand, wer sie sind, und die meisten wüssten das, und ich wiederum wisse, dass sie das wüssten. Was für eine Art von Diskretion solle das sein? Ich finde, dass der Dekan mit dieser Einschätzung eigentlich nur zeigt, wie fremd ihm Feinheiten sind. Es geht nicht darum, dass ich sie nicht sehe, sondern dass sie mich nicht sehen – versteht er das nicht? Ich habe meine schrecklichsten Bürden zu Füßen Gottes abgelegt, weil ich ihn nicht sehen kann. Warum sonst würde jemand, der so groß ist, unsichtbar bleiben? Wenn ich dem Herrn in die Augen hätte sehen können, hätte ich vielleicht ein oder zwei gebeichtet und die schlimmsten für mich behalten. Mein Herz hätte sich verschlossen, um sich selbst zu schützen. Anders gesagt: Selbst ein friedlicher Hund knurrt und stellt das Fell auf, wenn man ihm direkt in die Augen schaut. Nein, unsere Seelen offenbaren wir am besten blind, und wenn man den Dekan davon überzeugen muss, dann soll er doch selbst zur Beichte kommen und mir, dem Unsichtbaren, seine dunkelsten und schlimmsten Sünden bekennen.

Der Dekan hat niemanden, dem er seine Sorgen anvertrauen kann. Ich sah, dass er sich Sorgen über Oakham machte, dass er befürchtete, wir könnten aufsässig werden und uns schlechte Angewohnheiten zulegen, wie etwa das Trinken zur Mittagsstunde und das Ertrinken durch fremde Einwirkung – und dass der Priester in seiner kleinen dunklen Kiste selbst ein Rebell war, der die Befehle Gottes zu kühn und lax auslegen könnte. Ich wusste, dass er sich vorstellte, wie ein Heer von Mönchen zu uns vorrückte, um unser Land in Besitz zu nehmen, das unter seiner Obhut stand. Er war in Newmans Haus eingezogen, als wir noch damit beschäftigt waren, den Boden mit blassen, getrockneten Veilchen zu bestreuen. Wir verstreuten die Veilchen für den Fall, dass Newmans Leiche gefunden und zu Hause aufgebahrt würde; nun mussten wir sie um die Füße des Dekans herum verstreuen.

Von dort aus beobachtete er uns. Ein schrecklicher Unfall habe Thomas Newman ereilt, hatte er gesagt; ein Unfall, der die Zukunft unseres Dorfes bedrohe. Er sagte, dass er uns beschützen werde. Aber er ist ein schwacher Mensch, und schwache Menschen lieben es, dort Macht auszuüben, wo nur wenig Widerstand existiert. Er sah eine Gemeinde in Trauer und Unruhe und beschloss, diese Schäfchen in seinen Pferch zu scheuchen. Vielleicht nur deshalb, weil es leicht war, weil er uns unvorbereitet erwischt hatte. Jetzt trug er uns plötzlich auf sanfte, sorgenvolle Art seine Vorstellungen von einem Mord an, damit er den Mörder finden und hängen lassen konnte. So wollte er den Kreislauf aus Schuld und Sühne schließen, der Ordnung in diese dunkle, rätselhafte Welt bringt, und sich als jemand ausweisen, der seine Gemeinden fest im Griff hat. Er fürchtete, dass unser Schiff sinken könnte. Ich mache ihm deshalb keinen Vorwurf; diese Furcht erfasst jeden, der plötzlich feststellt, dass man ihm irrtümlich das Steuerrad anvertraut hat, obwohl er weder Steuermann noch Kapitän ist. Nicht einmal Seemann.

Essen müssen wir

Ja, das müssen wir, und meine nächste Mahlzeit war überfällig. Aber ich ging zurück in die Kirche und nahm noch eine weitere Stunde lang die Beichte ab, weil ich nicht wollte, dass meine Gemeinde dachte, der Dekan habe mich gegen sie eingenommen – dass ich, während sie Schlange standen, um zu beichten, verstohlen um ihre Häuser schlich und ihnen etwas anhängen wollte.

Irgendwann, da war drei Uhr schon vorbei, verrichtete ich mein Nachmittagsgebet und nahm einen Rosenkranz von dem Nagel in der Wand, um anzuzeigen, dass die erste Beichte beendet war. Die zweite und dritte würden weniger Zeit in Anspruch nehmen, denn es gab andere Möglichkeiten der Zerstreuung: Nach Einbruch der Dämmerung waren Bier und Gesang und Techtelmechtel im Dunkeln meine Rivalen, und denen war ich nicht gewachsen.

Ich befreite die Wandleuchter von Annies Hochzeitsblumen, die ohnehin welkten. Die kleinen Rüschen der Hexenhasel waren verdorrt und einige waren zu Boden gefallen. Morgen begann die Fastenzeit, da musste die Kirche den Wechsel von der Braut zur Witwe vollziehen. Ich holte die violetten Altardecken für die Bußzeit aus der Sakristei, außerdem das schlichte Kreuz, das ich an seinem Platz aufstellte. Ich nahm die dunkelste Decke – sie hatte die tiefsatte Farbe von Brombeersaft – und verhüllte damit das Kreuz.

Als Nächstes kamen die Geschenke und der Hochzeitsschmuck an die Reihe – ein dürftig geflochtener Bogen aus Stroh, zwei bemalte Steine, die wohl Braut und Bräutigam repräsentieren sollten, ein dritter Stein, durch den eine dünne Zinnader verlief, und ein quadratisches Stück grüner Samt, das mit den roten Initialen A & J bestickt war. Etwas abseits lag eine Kinderpuppe aus Holz, die nur von Newman stammen konnte – eine Bitte um gesunde Kinder. Ich schlug alles in ein altes Altartuch ein und brachte es in die Sakristei.

Ich ging hinaus; es war so hell, dass man sich fast geblendet fühlte. Ganz klar, neu, kalt und frisch war das Licht. Ich verstreute die Hochzeitsblumen rund um die Kirche. Townshends Felder waren jetzt leer – die drei hinter der Kirche, die drei, die zum Herrenhaus anstiegen, die beiden nördlich von New Cross. Niemand arbeitete. Diese Felder und das Weideland bei West Fields waren alles, was Townshend geblieben war – gewiss, es waren die besten, aber viele waren es nicht. Alles andere gehörte Newman. Die urbaren Felder erstreckten sich über Hunderte von Furlongs; dann kamen die wilden Wiesen, die bis an den Horizont reichten, bis zu der drei Meilen entfernten Gemeindegrenze. Joch um Joch, Jahr für Jahr hatte Newman das Land von Townshend aufgekauft; andernfalls hätten Townshend und seine Frau das Herrenhaus verlassen müssen. Sie hingen daran. In dem leeren weißen Licht wirkten ihre kleinen Felder wie Boote auf der windstillen See.

Einige Burschen kletterten auf der Eiche im Kirchhof herum. Ich schlenderte zum Friedhofstor, von wo aus ich die Straße übersehen konnte, die Spiele und Prozessionen im Dorf. Ein Gefühl der Andersartigkeit stellte sich ein: Die Sonne beraubte die Landschaft ihrer Farben, der Wind beraubte sie ihrer Geräusche. Ich glaubte, einhundert außerirdische Wesen nach Bällen treten zu sehen. Dann drang der Geruch von Gebratenem zu mir herüber – Eier, Fleisch, alter Winterkohl und in Öl gebackenes Brot. Der Geruch von gewürztem Bier. Tassen mit Gewürzmet, welche die Süße von Honig verströmen. Die dampfende Üppigkeit von Pfannkuchen.

Und dann kamen die Geräusche: das Geklingel der Tamburine, ein Dudelsack, Getrommel auf Ziegenhaut, Klatschen, Singen, Schreie, Jubel, Rufe des Ansporns, das hektische Kreischen der Kampfhähne. Die Farben kehrten in die Dinge zurück. Ich sah gerade noch die Menschenmenge hinter der Straßenbiegung nach New Cross verschwinden. Die Hauptfeierlichkeiten fanden immer in New Cross statt, das mit Girlanden aus Winterefeu geschmückt wurde. Sie pflückten Glockenblumen, wenn diese noch in den Wäldern blühten, oder den Stern von Bethlehem oder andere frisch aus dem Boden gesprossene Frühlingsblumen, und sie flochten auch einen Kranz für Jesus. Sie banden einen Holzblock unter seine Füße, damit er etwas hatte, worauf er sich abstützen konnte, und sie wickelten ihm einen Wollschal um die Schultern, um ihn zu wärmen und ihm Mut zuzusprechen. Rauch stieg auf: Die Gemeinde machte immer ein Feuer, auf dem Pfannkuchen gebacken wurden.

Die vier Burschen, die sich bei der jungen Eiche auf dem Kirchhof herumtrieben, lachten sich über irgendetwas scheckig. Zuerst dachte ich, sie würden auf den Baum klettern oder zumindest klettern wollen, aber sie wandten ihm den Rücken zu – sie kletterten gar nicht, sondern lungerten nur herum. Einer von ihnen, dessen war ich mir sicher, war Ralf Drake. Draußen auf der Straße vor der Kirche wurde Campball gespielt, und die Mannschaften wogten stoßweise auf und ab. Dies war der einzige gepflasterte Straßenabschnitt, und die Winternässe hatte ihn mit einer Schleimschicht überzogen, weshalb man dort wie auf Eis ging. Alle jungen Männer der Gemeinde waren draußen, dazu einige der Älteren und auch ein paar Mädchen, die mit ihren kleinen Füßen versuchten, den leblosen, unwilligen Beutel von Schweinsblase vom Fleck zu bewegen, der als Ball diente. Mir war schleierhaft, wie die Blase überhaupt irgendwohin bewegt werden konnte. Das schafften nur die Arbeiter, vor allem die Pflüger, die den ganzen Tag lang nichts anderes taten, als schwere, durchfeuchtete Erde zu bewegen. Als ich durch die Menge der Spieler auf die andere Straßenseite ging, sah ich den Dekan, der dort aus kurzer Entfernung die Burschen bei der Eiche beobachtete – vor allem wohl Ralf Drake.

Die Spieler stießen die prallvolle Blase in meine Richtung, sie pfiffen und flachsten herum. Ich versuchte, sie zurückzutreten, doch sie verfing sich unter meinen Gewändern, und es war an dem kleinen Sal Prye, flink und beherzt wie immer, sie wieder zu befreien. Er war vielleicht ein wenig zu beherzt, denn er langte gleich zu, ohne erst lange zu fragen.

Von dort, und ohne den Dekan zu beachten, der mich ebenfalls ignorierte, machte ich mich auf den Weg nach Old Cross, wo es freilich gar kein Kreuz gab. Newmans erstes Geschenk an die Gemeinde war ein neues Steinkreuz für die nördliche Dorfgrenze gewesen, und seitdem war das alte aus Holz zu einem Stumpf verwittert. Jetzt ragte dort nur noch der Maibaum schräg aus der ausgefahrenen Straße.

Ich sah niemanden außer Piers Kemp, den Müller, der mit seinen Schuhen voller Steine schmerzerfüllt von Newmans Haus herübergehumpelt kam. Es bereitete mir meist keine Freude zu sehen, wie meine Oakhamer ihre Buße taten, und zu wissen, dass die Steine sich auf meine Anweisung in ihren Schuhen befanden. Zu wissen, dass sie auf meinen Wunsch humpelten. Barmherzigkeit kam mir seltsam vor, wenn sie nach außen hin solche unbarmherzigen Formen annahm. Trotzdem hob er die Hand, um mich fröhlich zu grüßen, und sagte, er habe gerade dem Dekan Brot geliefert.

Und da war er, der Maibaum, an dessen Spitze Newmans Hemd hing. Man hatte es mit dem Ärmel festgebunden. In der frischen Brise war es beinahe getrocknet und flatterte lustlos im Wind. Es bauschte und blähte sich, als würde ein Mann darin stecken, der sich in Krämpfen wand. Falls die Dorfbewohner es gesehen hatten, ließen sie es sich nicht anmerken. Mir erschien es als unnötige Grausamkeit, Newmans zerrissenes Hemd zu hissen wie eine Flagge. Der lose Ärmel streckte sich immer wieder aus, als wollte er nach Westen zeigen, auf alles, was böse, glück- und gottlos war. Als ob er uns bedeuten wollte, dass Newman dorthin gegangen sei.

Ein allzu forsches, hastig zusammengestottertes Gebet: Herr, lass den Wind von Westen wehen. Ich weiß, diese Bitte steht mir nicht zu. Aber ich äußere sie trotzdem. Lass den Ärmel ostwärts weisen, auf alles, was gut, glückreich und göttlich ist. Lass den Wind in ihn hineinfahren, ihn öffnen und füllen und ihn (wie ein Herz voller Liebe, wie eine Blume, die sich dem Licht zuwendet), Herr, in deine Richtung weisen.

Ein warmer Sommertag, vier Jahre zuvor. Newman und ich spazierten am Fluss entlang, als ein Mann und zwei Frauen, die neben einem schiefen Karren hergingen, das andere Ufer passierten – Gegenüberlinge nannten wir solche Reisende –, und der Mann zu uns herüberrief: »Wie heißt dieser Ort?«

Newman rief zurück: »Oakham!« Er fügte hinzu: »Wohin geht die Reise?«

»Zuerst Rom, danach Santiago de Compostela, dann, auf dem Heimweg, reisen wir durch Frankreich.«

»Ein langer Weg.«

»Er wäre kürzer, wenn’s in Ihrem Ort eine Brücke gäbe.«

Bald waren sie flussaufwärts hinter den Eichen verschwunden, nach denen unser Dorf benannt ist, und alles, was von ihnen blieb, war eine Spur aus niedergetretenem Gras, das sich bald wieder aufrichtete. Newman bückte sich, um einen schweren alten Eibenast vom Ufer aufzuheben, den er in den Fluss schleuderte. Ich sah zu, wie der Ast flussabwärts schwamm, an den seichten Stellen etwas zögerlich, aber dennoch unaufhaltsam, und ich sprach einen Gedanken aus, der von alten Überlegungen und Gesprächen herrührte, vielleicht auch von unserer trägen Stimmung an jenem heißen Tag und dem Anblick der Reisenden, die so schnell verschwanden, wie sie gekommen waren.

»Das Holz kehrt nicht zurück«, sagte ich.

Newman stand da, eine Hand in die Seite gestemmt, einen Fuß vorgestellt, und kniff die Augen zusammen.

»Aber die Jahreszeiten kehren wieder, oder?«, fügte ich hinzu. »Sie kehren jedes Jahr wieder. Wir werden überflutet, wir trocknen aus, wir sind durstig, wir haben genug, wir haben nichts, es ist erst Winter, dann Frühling, es kommen Fastenzeit und Karwoche, die Freudenfeuer im Sommer, die Bitttage, Quatember, Fronleichnam. Die Sonne steht hoch, die Sonne steht niedrig, der Weizen ist grün, dann golden, dann weg. Und kein Jahr ist müder als das vorangegangene – hast du das bemerkt? Kein Jahr ist alt oder müde.«

Er sah erst mich an, dann den Fluss, die Wolken, dann wieder mich. »Nein«, sagte er, »das stimmt. Kein Jahr ist alt oder müde.«

»Der Fluss der Zeit – so nennt man das doch, oder?«, sagte ich. »Aber die Zeit ist kein Fluss. Sie kehrt immer wieder zu sich selbst zurück. Der Eibenast im Fluss kommt nie mehr wieder.«

Newman stand so aufrecht und unverrückbar wie eine Birke am Ufer und sah versonnen auf das Wasser des Flusses hinaus. »Die Zeit ist eher ein Kreislauf als ein Fluss«, bemerkte er, wobei ich nicht zu sagen wusste, ob er diese Einsicht gerade erst gewonnen hatte oder schon seit Jahren besaß.

»Ja – ja.«

Und es stimmte. Diese endlose Wassermühle vergehender Tage, diese immer gleiche Abfolge von Jahreszeiten, erschien mir so deutlich erkennbar, als ob die Welt selbst – der Fluss, das Weideland, der Wald, der Himmel – sanft und mütterlich gerundet wäre und als ob wir alle dank dieses endlosen Kreislaufs der Zeit rund und gesund wären.

Damals kam mir der Gedanke, zu ihm zu sagen: Wenn die Zeit eher einem Kreislauf als einem Fluss gleicht, was hält sie dann davon ab, rückwärts zu fließen? Können Räder sich denn nicht vorwärts und rückwärts drehen? Ich sagte nichts dergleichen, weil ich seine Antwort kannte, auf die wiederum ich keine Antwort wusste: Wenn Zeit sich vorwärts und rückwärts bewegen kann, warum brachte Gott dann nicht Newmans Frau und Kind ins Leben zurück? Und ich wollte nichts sagen oder tun, das bei Newman das Gefühl des Verlusts erneut aufbrechen ließ. Es hatte etwas mit der Art und Weise zu tun, wie er jenen Pilgern ein einziges Wort über den Fluss zugerufen hatte, so überzeugt und treu: Oakham! Etwas in diesem Wort ließ ihn mir plötzlich, mit wildem Nachdruck, wie einen Bruder erscheinen: er und ich gemeinsam, die Wächter und Verteidiger dieses Dorfes.

Die Mittagsstunde nahte, und wir standen immer noch da, in nachdenkliches Schweigen versunken, sodass ich versuchte, ihn aus seiner Gedankenverlorenheit herauszuholen und seinen Appetit anzuregen (denn er war ein Mensch, der essen als lästige Notwendigkeit betrachtete, ein Mensch, der, wenn ihm ein dampfender Eintopf serviert wurde, »Essen müssen wir« seufzte und der zwar mit Dankbarkeit, aber ohne Begeisterung aß). »Gehen wir«, sagte ich. »Annie bereitet das Mittagessen für uns.« Brot und Buttermilch, Quark, Honig, Quitten, vielleicht die ersten reifen Feigen.

Aber Newman rührte sich nicht und betrachtete den Fluss so eingehend, als ob es dort ein Spektakel zu sehen gäbe, und so schaute auch ich auf die Szenerie, die seine Vorstellungskraft so stark anregte. Ich wusste sofort, was er sah, da ich in jenem Moment mit seinen Augen schaute. Er beugte sich erneut vor, und diesmal hob er einen Stein auf, den er mit einer ausholenden Bewegung weit über das andere Ufer hinaus schleuderte, wo er sich durch die obersten Blätter einer Eiche fraß und außerhalb unserer Sichtweite zur Erde fiel.

»Dieser Stein ist weiter gereist als die meisten Bewohner unseres Dorfes«, sagte er, und in diesem Zustand brüderlicher Nähe wandte er sich zu mir um und fragte genau das, was ich ihn hatte fragen wollen. »Meinst du, John, dass diese Reisenden mit dem, was sie über eine Brücke sagten, recht hatten?«

»Ich denke schon …«

»Wir könnten eine bauen.«

»Über diesen Fluss.«

»Über genau diesen Fluss.«

»Warum nicht – es ist höchste Zeit.«

»Allerhöchste Zeit.«

»Ja, warum eigentlich nicht.«

Drinnen war es kälter und dunkler als draußen und es roch intensiv nach gebratener Gans. In der Feuerstelle hatte sich ein Haufen kalter Asche gesammelt. Mit Gänsefett bespritzt. Die Leute finden es komisch, dass Annie und ich jede Nacht vor dem Schlafengehen Wasser auf das Feuer schütten, aber ich finde es eher komisch, dass sie es offenbar vorziehen, in ihren Betten zu verbrennen. Wenn die eigene Mutter in den Flammen umgekommen ist, lässt man nie mehr unbefangen das Feuer brennen und geht zu Bett.

Ich zündete zwei Kerzen auf dem Tisch an, zur Aufheiterung und auch, um nach meinen Vorräten zu sehen. Ich hatte zuletzt am vorangegangenen Abend gegessen, als ich die Reste der Gans verzehrt hatte. Neunzehn Stunden ohne Essen und jetzt ein Heißhunger, der wegen der gestrigen Völlerei umso größer war – die höchste Flut bringt stets die tiefste Ebbe, wie man sagt. Meine Knochen fühlten sich geradezu ausgehöhlt an. Es gab noch ein Stück Brot, einen letzten Apfel, ein wenig Milch – ich aß und trank alles, auch ein Ei, das ich in den Bodensatz der Milch aufschlug und roh herunterschlang. Keine Mahlzeit, die mich begeisterte, das muss ich zugeben. Wenn man bedenkt, was man mit dem Ei alles hätte machen können. Ich hätte es, mit der Milch, etwas Mehl und einigen Apfelstücken verrührt, in Schmalz frittieren oder als Spiegelei mit Brot und Fett essen können – ein schlichter Festschmaus. Oder ich hätte einen Pfannkuchen backen und gebratenen Apfel mit Honig daraufgeben können. Oder ich hätte ein luftiges Rührei mit Butter und Schinkenspeck zubereiten können, zu dem ich die aufgewärmte Milch getrunken hätte. Traurige, flüchtige Fantasien. Es fehlte mir die Zeit, ein Feuer anzuzünden. Außerdem gab es keinen Schinkenspeck, und selbst wenn welcher da gewesen wäre, hatte doch die Fastenzeit für mich an diesem Morgen mit dem Verzicht auf Fleisch begonnen – und essen müssen wir.

Es blieb mir jetzt auch keine Zeit mehr, zum Birkenhain zu gehen und nach Mary Grants Hund zu schauen. Ich wusste ohnehin nicht, was ich mit ihm anfangen sollte. Aber dieses Wäldchen war für uns Oakhamer schon immer ein unheimlicher Ort gewesen. Der Wind flüsterte in den Bäumen, und die Schatten waren dort besonders flink und flüchtig. Im Sommer behängten wir die Birkenzweige mit Büscheln aus Pferdeschwänzen und bunten Girlanden – gefärbte und geflochtene Bänder aus Hanf und Leinen, einige Verschnittstücke von Cecily Townshends ringelblumenfarbenem Samtkleid. Die Girlanden sollten die Geister vertreiben, aber ich zweifelte an der Wirksamkeit dieser Art von Magie, und nun hatte ich Mitleid mit Mary Grants unglücklichem Hund und hätte ihn gern an einem harmloseren Ort begraben.

Wenn meine Schwester noch da gewesen wäre, hätte ich sie gefragt: Was sollen wir mit dem Hund anfangen? Und sie hätte ohne Zögern gesagt: Tu dies und tu das. Es fühlte sich seltsam an, dass sie nicht mehr da war und ich sie nicht mehr um Rat fragen oder mich ihr anvertrauen konnte. Dass ich all die Aufgaben übernehmen musste, die sie sonst erledigt hatte. Meine schmutzige Soutane in der Ecke schien nur darauf zu warten, dass meine Schwester sich ihrer mit kundiger Hand und warmem Wasser annahm. Der Topf wartete darauf, dass unsere beiden Löffel sich freundschaftlich um den Eintopf stritten: Scharmützel um ein Stück Äsche oder Häsling, beherztere Kämpfe um einen kostbaren Bissen Forelle. Wie konnte es sein, dass Newman und sie noch vier Tage zuvor bei mir gewesen waren und dass mir nun keiner der beiden geblieben war? Ich spürte, wie die Trauer wuchs und sich in meinem Brustkorb ausbreitete. Annie: meine Schwester und einzige Blutsverwandte. Ihr neuer Mann nannte sie »Anne«, und auch wenn sie es nie aussprach, vermute ich doch, dass sie ihn deshalb geheiratet hatte (keiner wusste einen anderen Grund). Sie kam sich dadurch wohl fraulich vor, nicht mehr wie ein Kind.

Ich wischte die Krümel auf und wollte eben die zerbrochene Eierschale wegwerfen, als ein Prasseln an der Tür mich so sehr erschreckte, dass ich sie in meiner Hand zerdrückte. Als ich die Tür öffnete, lagen mehrere Steine auf der Türschwelle und fünf oder sechs Jungs rannten zu dem Weg, der in westlicher Richtung aus dem Dorf hinausführt. Einer von ihnen blieb stehen und drehte sich um und er sah mich einen Moment lang an, als ob er seine Gruppe verlassen und zu mir zurückkommen wollte.

Es war schon wieder Ralf Drake. Groß und stark und von eckiger, hagerer Gestalt. Seine Körperhaltung erinnerte mich daran, dass ich ihn auf der Hochzeit meiner Schwester gesehen hatte; er hatte genauso dagestanden, aufmerksam schauend, und Annie beim Tanzen beobachtet. Ich schloss die Tür und blieb dahinter stehen und hatte das Gefühl, dass er mich immer noch beobachtete.

Fastnachtsstreiche. Sogar mein Vater hatte als Kind am Fastnachtsdienstag Steine und Matsch und Topfscherben gegen Türen geworfen – nichts ändert sich. Eierschieben, Schlammwerfen, Kleidertausch – ein Mann im Kittel seiner Frau, eine Frau mit dem Gürtel und den Stiefeln ihres Mannes. Sollen sie doch ein bisschen unschuldigen Spaß haben – ich kann mir nicht vorstellen, dass es ihnen ein einziger Engel im Himmel missgönnt. Wir tragen so viele Bürden mit uns herum, und der Winter ist die schlimmste Zeit von allen. Er lässt uns zu viel Zeit für düstere Gedanken.

Ehe ich ging, spülte ich die Milchtasse in dem Bottich draußen vor der Tür aus und räumte die Steine weg. In der Nähe der Tür gab es ein warmes, windstilles Fleckchen und einen Streifen Sonnenlicht, der mehr Wärme erwarten ließ, als wir in diesem Jahr bislang gehabt hatten. Meine Füße pochten vor Freude. Im Haus stellte ich die Tasse auf den Tisch, neben Messer und Löffel, die aufrecht in einer Spalte im Holz steckten, durch achtloses Sägen entstanden.

Mein Vater hatte mich einmal bei Regen hinausgeschickt, weil ich ein Messer und einen Löffel so angeordnet hatte, als ob sie Braut und Bräutigam vor dem Altar wären. Menschen müssen Menschen sein, sagte er, man darf sie nicht mit Messern und Löffeln zu Spielfiguren machen. Außerdem hatten wir genug mit Pflügen, Säen, Düngen, Mergeln und Ernten zu tun. Schafe mussten ablammen, Schweine geschlachtet werden. Ich musste bis zum Abend draußen bleiben, dann holte meine Mutter mich zurück ins Haus. Am nächsten Tag sang ich vor dem Frühstück, und auch das war eine schändliche Alberei und brachte obendrein Unglück. An diesem Abend holte mich niemand ins Haus, stattdessen übernachtete ich in der Scheune. Doch ich konnte meine Neigungen nicht unterdrücken, und so verbrachte ich als Kind mindestens drei Dutzend Nächte in der Scheune. In der Dunkelheit glitten Dämonen über meine Haut und flüsterten mir mit verzerrter Stimme Geschichten vom Tod ins Ohr. Meine Haut fühlte sich danach wund an, und wenn ich morgens aufwachte, war sie so rot, als ob ich auf einem Feuer, das nicht von dieser Welt war, gekocht worden wäre.

Ich spie in die ausgespülte Tasse. Der Schmerzensmann: gesegnetes Bildnis Christi, das auf dem Schemel neben meinem Bett stand. Ich küsste das Holz, in das es geschnitzt war, und ich schmeckte sein Blut. Ich hielt es an meine Brust und drückte seine verschleierten Augen und dunklen Lider an mich, bis ich seine Haare, seine Lippen, seine geschwollenen Adern so deutlich spüren konnte, als ob mein Leben in seine herabhängenden Hände (die übervoll und leer zugleich waren) gelegt worden wäre und sie es für klein und unzulänglich befunden hätten.

Seit Annie fort war, musste ich immer daran denken, dass ich vielleicht nie recht gewusst hatte, was in ihrem Kopf vor sich ging – hinter ihrer hohen, breiten Stirn, zwischen ihren kleinen Ohren. Vielleicht hatte sie Zuneigung für den jungen Mann empfunden, der nach Gülle roch. Ihre Kammer stand leer, und ich hätte seit ihrem Weggang gut darin übernachten können, aber ich konnte mich nicht dazu durchringen, dort mein Schlafzimmer einzurichten. Ihre zerkratzte und verbeulte Schüssel stand noch auf dem Tisch und ihr Flakon mit Ambra auf dem Regal.

Die Tür war im Regen aufgequollen, sodass ich sie nicht schließen, sondern nur fest zuziehen konnte, doch sie blieb trotzdem einen Spaltbreit offen. Wildes Trommeln und Rufen übertönten den Wind – ein Trinklied –, und auch das Campballspiel auf der Straße vor meiner Tür hatte neue Mitspieler gewonnen und war lauter und rabiater geworden als zuvor. Die Männer wälzten sich am Boden und kämpften um die Schweinsblase. Ich kannte nichts Widersinnigeres als dieses Spiel, das sich in Richtung Westen ausgebreitet hatte, bis dorthin, wo die Straße in den großen westlichen Fahrweg mündet. Fünfzig oder sechzig Männer spielten jetzt mit, und es ging hoch her: Da wurde geschlagen, getreten und gegrunzt, dass einem angst und bange werden konnte. Und dann erst die Musik! Schrill und misstönend, weil die Dudelsäcke und Trommeln inzwischen vom Regen verzogen waren. Plötzlich sah ich Tunley auf der anderen Seite der Menschenmenge, wie er eilig die Straße zur Kirche überquerte. Er ging in Richtung New Cross, und über seinen Schultern lag – wie ein sehr schwerer Pelzkragen – der Hund. Die Beine des Hundes hingen herab und pendelten hin und der, sein Körper war flach wie der eines toten Aals. Etwas so Lebloses hatte ich noch nie gesehen, lebloser selbst als etwas, das nie gelebt hatte.

War es eine optische Täuschung oder eine Vorahnung (ein Vorwärtsschlingern auf dem Rad der Zeit), dass ich mit der Plötzlichkeit eines Blitzschlags den Eindruck gewann, es sei Townshend – ein schwerer und lebloser Townshend –, der tot auf Tunleys Schultern lag? Unwillkürlich sah ich mich nach dem Dekan um, der mittlerweile auf seine hartnäckige, verbitterte Art allgegenwärtig zu sein schien – mörderisch in seiner Entschlossenheit, einen Mörder zu finden. Wenn Townshend hingerichtet wird, ging es mir durch den Kopf, dann ist Oakham am Ende, und angesichts der Tragweite dieses Gedankens verklangen alle Geräusche und aller Elan war dahin. Die Luft fühlte sich kalt wie Eisen an. Aber der Dekan war nirgendwo zu sehen, und als mein Blick erneut auf Tunley fiel, lag nichts als ein toter Hund auf seinen Schultern, und er suchte bestimmt nur eine Wiese, um das Tier dort zu begraben.

Als ich durch das Friedhofstor trat und sah, dass die Burschen, die bei der Eiche herumgelungert hatten, jetzt fort waren, da begriff ich etwas, das nur lose mit Tunley und dem Hund zusammenhing, aber in meiner Besorgnis doch damit verbunden war – ich begriff, womit die Jungs dort bei der alten Eiche beschäftigt gewesen waren. Sie hatten nicht versucht, auf den Baum zu klettern, sondern so getan, als wären sie Newman, hatten sich so hinzustellen versucht, dass es aussah wie sein Leichnam, der sich in dem umgestürzten Baum verfangen hatte. Sie spielten seinen zweiten Tod nach.

Stille.

»Bitte sprich.«

»Sie zuerst, Pater.«

»Weißt du nicht, was du beichten willst?«

»Ich kenne die Zehn Gebote auswendig und die sieben Werke der Barmherzigkeit. Wollen Sie mich nicht abfragen?«

»Wenn du sie kennst, muss ich sie nicht abfragen.«

»Sollten Sie uns nicht prüfen, Pater?«

Ich klemmte mir das Schultertuch hinter das linke Ohr. Ich hörte an ihrer Stimme, dass sie einen Schmollmund machte, dass sie die Stirn runzelte und dass ein Muskel in ihrer Wange beleidigt zuckte. Das Dienstmädchen aus dem Herrenhaus der Townshends. Marjory Smith heißt sie, aber im Dorf wird sie nur »Mippy« genannt. Sie ist zwölf oder dreizehn Jahre alt, und in einem Jahr wird sie vermutlich verheiratet sein.

»Nicht prüfen, nein. Aber du kannst mir sagen, welche der sieben Werke der Barmherzigkeit du in letzter Zeit vollbracht hast.«

»Keins«, sagte sie.

»Das ist schlimmer, als ich befürchtet hatte.«

»Deshalb brauche ich Ihre Vergebung«, flüsterte sie durch das Gitter, »denn ich kann schon mit dem nächsten Atemzug sterben.« Sie stieß ein schwaches Lachen aus – ich war seltsam dankbar dafür. Dann war ihr nächster Atemzug zu hören, und sie hatte den Moment der Schwäche hinter sich gebracht. »Der Herr könnte mich zu sich holen.«

»Das ist richtig – aber nur, wenn es an der Zeit ist.«

»Ah«, sagte sie mit heiserer Stimme. Ihre Eltern waren am Schweißfieber gestorben, als sie noch ein Säugling war.

»Und das ist nicht meine einzige Sünde, Pater. Ich habe auch gestohlen. Die Käser haben sich in ihrer Kammer gezankt, und auf dem Holzblock in der Küche lag ein Vorderschinken. Da habe ich zugelangt.«

»Du solltest sie bei ihrem richtigen Namen nennen.«

»Lord und Lady Käser«, sagte sie.

»Townshend.«

Sie gab ein Geräusch von sich. Es klang wie Hna oder so ähnlich. Sie war kindisch, schelmisch, derb, wurde wohl auch geliebt – sogar von ihren Käsern, die sie auf Newmans Drängen hin eingestellt hatten und mit ihr, wie ich erfahren hatte, durch einen Kontrakt verbunden waren. Die Lady mochte keine Dienstmädchen, überhaupt keine weiblichen Angestellten, aus offensichtlichen Gründen. Dennoch schienen die Townshends eine gewisse Liebe für das Mädchen zu empfinden. Ein Kind, das ihnen ihre ehrgeizigen vier Kinder ersetzte, die Oakham schon vor langer Zeit den Rücken gekehrt hatten.

»Wie viel Schinken hast du gestohlen?«

»Eine Menge. Aber ich habe ihn von verschiedenen Stellen der Keule genommen, damit es nicht so auffällt.«

»Wie viel ist ›eine Menge‹?«

»Ich habe mir den Kittel damit vollgestopft.«

»Warum hast du das getan?«

»Ich habe den Schinken auf meinem Zimmer versteckt, um ihn später zu essen. Ich aß ihn dann im Dunkeln im Bett und habe gekaut wie ein Lämmchen. Ich hätte ihn aber genauso laut in der Küche mampfen können, lange und laut genug gestritten haben sie.«

»Weißt du, worüber sie sich gestritten haben?«

»Die Türen sind ziemlich dick.«

»Du hast also nichts gehört?«

»Sie haben ungefähr so gestritten«, sagte sie und begann, in einem schnellen, stichelnden Flüsterton zu haspeln, aus dem gelegentlich eine erkennbare Wendung oder Floskel hervorstach. Gut beritten. Übrig geblieben. Schafe und Kühe. Montag. Schon wieder Wild.

»Daraus können wir nicht viel schließen«, meinte ich.

»Und wenn Sie es versuchten, würde Sie das zu einem Lauscher machen, Pater.«

»Aha«, sagte ich.

Sie war ein kleiner Wildfang, hoppelte immer herum wie ein Hase. Aber nach allem, was ich gehört hatte, standen die Heiratsanwärter bei ihr Schlange, obwohl sie eine Waise war. Vielleicht lag es daran, dass sie so überraschend rundlich und temperamentvoll war – als ob sie in privilegierten Verhältnissen aufgewachsen wäre, nicht in der harten, elternlosen Schäbigkeit, die ihre Kindheit gewesen war.

»Er fesselt seine Frau – Mr Townshend. Er fesselt sie ans Bett und lässt sie stundenlang allein dort liegen. Sie ruft mich um Hilfe.« Wieder war ihr Mund ganz nah am Gitter, ihre Lippen bildeten ein kleines keuchendes O und stießen die Wörter aus wie der Löwenzahn seine Samen.

Ich senkte den Kopf. »Und – hilfst du ihr?«

»Dafür würde ich ausgepeitscht.«

Dieses schäbige Leben, das Menschen innerhalb ihrer eigenen vier Wände führen. Geld macht es nicht besser. Aber Mr Townshend hat sowieso noch nie jemandem über den Weg getraut – schon wegen seiner seltsamen Begeisterung für Käse, die jede Vernunft übersteigt und manchmal jede Vorstellungskraft.

Ich schloss die Augen. Ich dachte an ihren Mund am Gitter, ihre blutvollen Lippen und die wohlgeformten Klänge, die sie erzeugten; und ich dachte an Cecily Townshend, die jetzt alt und müde vom Kinderkriegen war, aber voller Würde und um die Augen immer noch schön. An ein Bett gefesselt, so wie Mary Grant ihren heulenden Hund an einen Pfosten gebunden hatte. Das hätte ich ihrem Mann nicht zugetraut, der auf mich immer den Eindruck eines einigermaßen gefestigten Menschen gemacht hatte – auch wenn er in geschäftlichen Dingen ein Trottel war. Also fragte ich das Mädchen, obwohl ich wusste, dass dies die falsche Frage war: »Warum tut er das? Warum fesselt er sie? Kennst du den Grund?«

»Wenn ein Mann ein Tier ist, dann wird er immer versuchen, auch seine Frau zu einem Tier zu machen, Pater.«

Du bist ganz schön klug für dein Alter. Ich dachte es nur, ich sagte es nicht. Und ich sagte es nicht, weil sie vielleicht nicht alt war, aber doch schon einiges erlebt hatte. All das Leid, den Verlust ihrer Eltern. Das kann einem eine ganz eigene Reife geben. Ich stieß einen Seufzer aus, von dessen Entstehen ich gar nichts geahnt hatte, und fühlte mich plötzlich unaussprechlich niedergeschlagen. Ich wusste nichts mehr zu sagen.

Zum ersten Mal wurde ihre Stimme leiser und reumütig. »Das hätte ich nicht sagen sollen«, meinte sie. »Es war undankbar gegenüber den Menschen, die mir ein Dach über dem Kopf und Essen geben. Und ihren Schinken hätte ich auch nicht stehlen sollen.«

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Litres'teki yayın tarihi:
30 temmuz 2024
Hacim:
380 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9783037921555
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