Kitabı oku: «Friesentod»
Sandra Dünschede
Friesentod
Ein Fall für Thamsen & Co.

Zum Buch
Tödliche Zweifel Haie Ketelsen ist beunruhigt. Seit Tagen hat er seine Nachbarin Tatjana Lieberknecht nicht mehr gesehen. Auf sein Klingeln öffnet niemand die Tür und ihr Arbeitgeber weiß nicht, wo sich die junge Frau aufhält. Haie ist sich sicher, ihr muss etwas zugestoßen sein. Doch der Polizei sind die Hände gebunden. Da nichts auf ein Verbrechen hindeutet, kann nicht ermittelt werden. Erst als die Leiche von Tatjana Lieberknecht in einem leer stehenden Haus gefunden wird, beginnen Dirk Thamsen und seine Kollegen mit ihrer Arbeit. Ins Visier der Ermittlungen geraten schnell zwei Männer: Der eine ist Tatjanas Ex-Freund, er hat sie nach dem Ende ihrer Beziehung gestalkt. Der andere ist Tatjanas Ex-Kollege, er war neidisch auf ihren beruflichen Erfolg. Doch der Fall gerät ins Stocken, denn Dirk Thamsen fehlen entscheidende Hinweise. Als eine weitere junge Frau aus Risum-Lindholm spurlos verschwindet, wächst der Druck auf die Polizei. Können Thamsen und Haie die Vermisste rechtzeitig finden?
Sandra Dünschede, geboren 1972 in Niebüll/Nordfriesland und aufgewachsen in Risum-Lindholm, erlernte zunächst den Beruf der Bankkauffrau und arbeitete etliche Jahre in diesem Bereich. Im Jahr 2000 entschied sie sich zu einem Studium der Germanistik und Allgemeinen Sprachwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Kurz darauf begann sie mit dem Schreiben, vornehmlich von Kurzgeschichten und Kurzkrimis. 2006 erschien ihr erster Kriminalroman »Deichgrab«, der mit dem Medienpreis des Schleswig-Holsteinischen Heimatbundes als bester Kriminalroman in Schleswig-Holstein ausgezeichnet wurde. Seitdem arbeitet sie als freie Autorin und lebt seit 2011 wieder in Hamburg, wohin es sie als waschechtes Nordlicht zurückzog.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Immer informiert
Spannung pur – mit unserem Newsletter informieren wir Sie
regelmäßig über Wissenswertes aus unserer Bücherwelt.
Gefällt mir!

Facebook: @Gmeiner.Verlag
Instagram: @gmeinerverlag
Twitter: @GmeinerVerlag
Besuchen Sie uns im Internet:
www.gmeiner-verlag.de
© 2021 – Gmeiner-Verlag GmbH
Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch
Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0
info@gmeiner-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Sven Lang
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Timmitom / photocase.de
ISBN 978-3-8392-6744-8
Widmung
Für Bence
Deine Hand ist in meiner, solange du sie dort lässt.
Franz Kafka
Prolog
Wie die guckt.
Was guckt die denn so?
Die soll damit aufhören. Sofort soll die aufhören, so zu gucken. Was denkt die sich denn?
Ach, ich kann mir schon vorstellen, was die denkt. So wie die guckt.
Aber da hat die sich geschnitten. Gewaltig sogar. Das kann die sich abschminken. Komplett.
Jetzt wirft die auch noch ihr Haar so herum. Hält sich wohl für besonders raffiniert, als wenn ich nicht durchschauen würde, was die da versucht. Hält die mich für dumm? Ich glaube, die hält mich tatsächlich für blöd. Dabei ist sie die Doofe. Sieht doch jeder Blinde mit ’nem Krückstock, was die da treibt. Also wirklich. Tss. So was Peinliches.
Die glaubt wohl, ein bisschen Augenklimpern und Arschwackeln reicht, dass man ihr auf den Leim geht. Gleich fährt die sich bestimmt noch … Natürlich, hab ich es doch gewusst, schön die Lippen befeuchten. War ja klar. Wie billig. Echt.
Schon wieder dieser Blick. Die soll endlich damit aufhören. Verdammt noch mal. Wenn die nicht gleich damit aufhört, spring ich auf und klatsch die. Aber so richtig. Dann wird die schon aufhören mit ihrem Geglotze.
Ach nee, jetzt zippelt die auch noch an ihrem viel zu kurzen Rock herum. Der steht ihr ja überhaupt nicht. Wie die darin aussieht. Als wenn irgendjemand diese dicken Stampfer sehen will. Ist ja widerlich. Hat die keinen Spiegel? Das muss man doch sehen, dass man so nicht aus dem Haus gehen kann.
Die glaubt bestimmt, dass da irgendjemand drauf anspringt. Hauptsache, kurz. Was? Ha, das ist so ein alter Hut und hat so gar keinen Stil. Widerlich. Also wirklich.
Und dieser Blick – jetzt reicht es mir aber wirklich. Da kriege ich echt zu viel. Da schwillt mir der Hals zu. Was denkt die, wer die ist? Marilyn Monroe persönlich oder was? Nee, also echt. Dazu dieses alberne Gegrinse, mit diesen dicken, schwulstigen Lippen. Eklig. Es reicht. Der wird das Lachen vergehen. Und zwar jetzt.
1. Kapitel
»Was machst du denn da?« Tom Meissner schlurfte langsam in die Küche und steuerte direkt auf die Kaffeemaschine zu. Er goss sich eine Tasse ein und betrachtete dann seinen Freund, der halb auf der Fensterbank lag und sich die Nase an der Scheibe platt drückte.
»Das ist doch merkwürdig«, murmelte Haie. »Seit zwei Tagen hat sie die Jalousien nicht hochgezogen.«
»Welche Jalousien?« Tom ließ sich auf einen der Küchenstühle fallen und nahm einen Schluck Kaffee.
»Na, die von unserer Nachbarin. Hast du die in den letzten Tagen gesehen?« Haie wandte sich Tom zu.
»Wen, die Lieberknecht? Vielleicht ist sie verreist?«
»Aber dann hätte sie bestimmt den Schlüssel vorbeigebracht. Ich gieß doch immer die Blumen, wenn sie in den Urlaub fährt.« Haie verließ seinen Posten am Fenster und setzte sich zu Tom an den Tisch.
»Dann hat sie halt jemand anderen gebeten. Oder sie ist nicht so lange weg.«
»Hm.« Haie hatte Tatjana Lieberknecht seit Donnerstag nicht gesehen. Heute war Montag. Vielleicht machte sie einfach nur ein verlängertes Wochenende? Aber warum hatte sie dann die Jalousien nicht hochgezogen? Ihm ließ die Angelegenheit keine Ruhe. Zu der jungen Frau, die seit gut einem Jahr neben ihnen wohnte, hatte er zwar keinen engen Kontakt, dafür war der Altersunterschied zwischen ihnen zu groß, aber dennoch unterhielten sie so etwas, was Haie als gutes nachbarschaftliches Verhältnis bezeichnen würde. Man kümmerte sich umeinander. Übernahm Post- und Blumendienst, wobei Haie derjenige war, der diese Gefälligkeiten für Tatjana Lieberknecht übernahm, denn sie selbst fuhren so gut wie nie weg. Er schnackte ab und zu mit ihr über den Zaun hinweg, sie erzählten sich dies und das aus dem Dorf, und Niklas hatte schon so manches Mal eine Süßigkeit bei Tatjana abgestaubt. Dass Haie sie seit ein paar Tagen nicht gesehen hatte, machte ihn unruhig. Sie hätte es ihm gegenüber sicher erwähnt, wenn sie ein paar Tage verreist wäre.
»Das Auto steht auch auf der Einfahrt.«
»Dann hat sie vielleicht jemand mitgenommen. Oder sie ist mit der Bahn gefahren.«
»Und wie soll sie zum Bahnhof gekommen sein? Nee, irgendetwas stimmt da nicht. Ich gehe nachher mal rüber und klingle bei ihr.«
»Haie«, mahnte Tom den Freund. Hier im Dorf bekam ohnehin jeder so gut wie alles mit, und er fragte sich, ob man sich wirklich überall einmischen musste.
»Vielleicht ist sie krank oder braucht Hilfe«, rechtfertigte Haie sich und fing an, den Frühstückstisch abzuräumen.
Tom schnappte sich schnell noch eine Scheibe Brot, ehe Haie ihm den Korb entriss. Ihm war klar, er würde den Freund sowieso nicht aufhalten können. Hoffentlich kam er nicht noch auf die Idee, ihren Freund bei der Polizei damit zu belästigen. Wahrscheinlich wollte die Frau nebenan einfach nur mal ihre Ruhe haben.
»Oder soll ich Dirk anrufen?«, schlug Haie auch schon vor.
»Nee, wirklich nicht. Also weißt du, der hat nun wirklich weiß Gott andere Dinge zu tun, als sich um geschlossene Jalousien zu kümmern.«
Haie schob beleidigt die Unterlippe vor und räumte den Tisch weiter ab.
Tom erhob sich seufzend und ging ins Bad. Er wusste, Haie würde eh tun, was er für notwendig hielt. Denn er fühlte sich für das Dorf – insbesondere seine Bewohner – mehr als verantwortlich. Ein Stück weit konnte Tom das verstehen, immerhin war Haie hier geboren, aufgewachsen und – wie Tom oftmals scherzhaft anmerkte – »nicht weggekommen«. Risum war schlichtweg Haies Leben. Aber er war kein Polizist, wenngleich er schon so manches Mal geholfen hatte, ein Verbrechen aufzuklären. Ganz so friedlich, wie es auf den ersten Blick schien, war es in dem Dorf nämlich nicht. Und durch ihre Freundschaft zu Kommissar Thamsen bekamen sie mehr mit als manch anderer hier. Haie fühlte sich mittlerweile als Kriminalist und wurde von einigen Bewohnern Risums als eine Art Hilfssheriff angesehen. Und daher, das wusste Tom, würde Haie keine Ruhe geben, ehe er nicht herausgefunden hatte, wo Tatjana Lieberknecht steckte.
Dirk Thamsen kam heute später als gewöhnlich in die Dienststelle. Im Augenblick war es relativ ruhig, das Verbrechen machte Pause, daher hatte er sich die Zeit genommen, mit seiner Familie ausgiebig zu frühstücken. Anschließend hatte er Lotta in die Schule und Hanno in den Kindergarten gebracht. Dörte, seine Lebenspartnerin, war froh über jede Unterstützung, denn seit zwei Monaten hatte sie wieder angefangen zu arbeiten. Zwar nur stundenweise, aber Thamsen freute sich darüber, denn nun gab es wieder andere Gesprächsthemen außer den Kindern. Dörte war deutlich anzusehen, wie gut es ihr tat, wieder rauszukommen und etwas Eigenes zu haben. Daher versuchte er ihr so gut es ging im Haushalt und mit den Kindern zu helfen, was ihm allerdings nicht immer gelang. Als Dienststellenleiter hatte er einen stressigen Job. Hinzu kam, dass seine Mutter demenzkrank war und er sich um sie kümmern musste. Sie lebte mittlerweile in einem betreuten Wohnheim und so oft es ihm möglich war, besuchte er sie.
Er parkte den Wagen vor dem Gebäude der Polizei in der Gather Landstraße und stieg aus. Es wehte ein kalter Ostwind; daher ging er mit großen Schritten zum Eingang, um schnell ins Warme zu gelangen. Er grüßte einen Mitarbeiter, den er auf dem Weg zur Gemeinschaftsküche traf, holte sich einen Kaffee und betrat anschließend sein Büro. Gerade als er den Computer hochgefahren hatte, klingelte sein Telefon.
»Thamsen?«
»Dirk, gut, dass ich dich erreiche«, pustete Haie in den Hörer.
»Ist was passiert?« Der Freund war nicht mehr der Jüngste, Thamsen machte sich schon eine Weile Sorgen, wohingegen Haie diese stets als unbegründet abtat.
»Ja, meine Nachbarin ist verschwunden.«
»Verschwunden?«
»Ich will eine Vermisstenanzeige aufgeben.«
»Nun mal langsam«, stoppte Dirk den Freund. »Was genau ist denn passiert?«
Haie berichtete von den heruntergelassenen Jalousien und davon, dass er Tatjana Lieberknecht seit Tagen nicht gesehen hatte.
»Vielleicht ist sie verreist? Oder einfach krank. Hast du mal bei ihr geklingelt?«
»Ja, aber da regt sich nichts im Haus. Und wenn sie in den Urlaub fährt, sagt sie mir eigentlich immer Bescheid.«
»Na ja, vielleicht ist etwas Ungeplantes passiert und sie konnte dich nicht informieren.« Thamsen schätzte Haies Aufmerksamkeit, denn in der Vergangenheit hatte der Freund ihn oftmals mit Informationen unterstützt, doch in diesem Fall hielt er Haies Aufregung für ein wenig übertrieben.
»Also, ich habe jetzt schon mal im Krankenhaus angerufen – da ist sie jedenfalls nicht.«
»Und wenn mit ihrer Familie etwas passiert ist? Es könnte einen Notfall gegeben haben.«
»Hm«, stutzte Haie, denn diesen Umstand schien er nicht berücksichtigt zu haben.
»Das ist natürlich möglich«, räumte er ein. »Aber kann ich nicht vorsorglich eine Vermisstenanzeige …«
»Haie, das geht nicht. Ich meine, deine Nachbarin ist eine erwachsene Frau. Solange es keinen Hinweis auf ein Verbrechen gibt … Oder ist sie suizidgefährdet?«
»Nicht dass ich wüsste, aber …«
»Dann müssen wir abwarten.«
2. Kapitel
Genau dieses Abwarten fiel Haie schwer – das war einfach nicht sein Ding. Rumsitzen und nichts tun, das war für ihn kaum auszuhalten, daher versuchte er sich mit Hausarbeit abzulenken.
Innerhalb von zwei Tagen hatte er das gesamte Haus geputzt, hatte den Frühjahrsputz einfach vorgezogen und alles auf den Kopf gestellt, bis nichts mehr da war, das es aufzuräumen oder zu putzen gab. Alles blinkte und blitzte. Sein Blick fiel wieder einmal zum Nachbarhaus. Er beschloss, dass es nicht schaden konnte, sich im Dorf ein wenig umzuhören. Der beste Ort dafür war natürlich der Sparladen, wo viele Dorfbewohner zusammenkamen und wo Helene, die Kaufmannsfrau, dadurch die Nachrichtenquelle schlechthin in der Gegend war. Er musste ohnehin ein paar Sachen einkaufen, rechtfertigte er seine eigenmächtigen Ermittlungen.
Nachdem Niklas das Haus verlassen hatte und zur Schule aufgebrochen war, zog Haie sich an und holte sein E-Bike aus dem Schuppen. Es war noch dunkel draußen zu dieser Jahreszeit und die nasskalte Luft machte Haie zu schaffen. Die Knochen schmerzten, er hatte nie gedacht, dass ihn das Wetter einmal so plagen würde. Aber wenigstens hatte sich der Ostwind gelegt.
In wenigen Minuten hatte er den Laden in der Dorfstraße erreicht. Die morgendliche Rushhour war beinahe vorbei, denn viele Leute aus dem Dorf hielten vor Arbeitsbeginn bei Helene, um schnell etwas einzukaufen. Er fragte sich, ob Tatjana das auch tat. Immerhin lag der Supermarkt auf ihrem Arbeitsweg.
Als er die Tür öffnete, strömte ihm ein Schwall warmer Luft entgegen, sodass augenblicklich seine Brille beschlug. Er schnappte sich einen Einkaufskorb und steuerte zunächst die Obst- und Gemüseauslage an.
»Bannig kold worn, was?« Meta Lorenz stand an der Waage und wog drei Bananen ab.
»Geiht«, entgegnete Haie.
»Na, ik wäre jetzt lieber irgendwo im Süden, aber in unserem Oller?« Meta Lorenz klebte das ausgedruckte Etikett auf die Bananen und verstaute sie im Einkaufswagen.
»Wat schall dat denn heißen?«
»Na, die jungen Lüüd jetsetten durch die Welt. Mal eben fürs Wochenende nach Mallorca – kein Problem. Aber unsereins?« Sie lächelte ihn an. »Dat ist nichts mehr für uns.«
Haie nickte. Er sah das ähnlich, wobei er auch in jungen Jahren selten verreist war – und schon gar nicht ins Ausland. Geträumt hatte er immer davon, getraut hatte er sich nicht. Fliegen, das war nichts für ihn. Der Mensch war keine Graugans, sagte er sich.
Tom hatte ihm bereits öfter angeboten, mit ihm und Niklas zusammen wegzufliegen, aber ehrlich gesagt, hatte Haie ein wenig Angst. Was da alles passieren konnte. Sah man doch ständig in den Nachrichten, abgestürzte Flugzeuge, Notlandungen. Nee, das mal schön ohne ihn. Da machte er bei gutem Wetter lieber eine anständige Fahrradtour.
Die jüngeren Leute sahen das anders, waren mit der Art der Fortbewegung groß geworden. Für sie, da hatte Meta Lorenz recht, war das etwas Selbstverständliches. Ob auch Tatjana Lieberknecht nur ein paar Tage in die Sonne geflogen war?
»Sag mal, hast du meine Nachbarin in den letzten Tagen gesehen?«
Statt Meta Lorenz antwortete plötzlich Helene, die sich lautlos angeschlichen hatte.
»Dat junge Ding, diese Tatjana?«
Haie blickte sich überrascht um und nickte wortlos.
»Nee, die war schon ein paar Tage nicht hier. Letzte Woche habe ich die das letzte Mal gesehen.«
»Hat sie erzählt, ob sie wegfahren wollte?«
»Wegfahren, nee. Die hatte sich nur ordentlich aufgebrezelt. Ich hatte erst vermutet, dass die einen neuen Kerl hat, aber dann hat die hier im Laden telefoniert und ich habe mitbekommen, dass sie abends wohl zur Disco wollte.«
»Hier bei Kalle?«
»Wo denn sonst.« Helene warf ihm einen verständnislosen Blick zu.
»Na ja, gibt ja auch noch andere Läden«, rechtfertigte Haie sich.
Helene stemmte die Hände in die Hüften und schüttelte leicht den Kopf. »Na, da hast du wohl einiges nicht mitbekommen.« Ihre Stimme hatte einen triumphalen Unterton angenommen, sie lächelte süffisant. »Die Disco in Niebüll ist doch dicht.«
»Aber das Töff gibt’s ja noch, außerdem fahren die jungen Lüüd ja auch noch weiter weg, beispielsweise nach Husum«, mischte sich nun ein älterer Herr in einem alten Bundeswehrparka ein.
»Ja, aber in ist nu gerade Kalles Disco.« Helene legte ihre Betonung auf das Wort ›in‹. »Habe genau gehört, wie sich Tatjana für den Abend bei Kalle verabredet hat.«
Haie konnte sich gut vorstellen, wie Helene das Telefongespräch belauscht hatte. Hier im Laden blieb der emsigen Kaufmannsfrau nahezu nichts verborgen – aber genau deswegen war er ja hier.
»Und weißt du mit wem?«
»Hä, bin ich Jesus? Die hat telefoniert, weiß ich doch nicht, wer am anderen Ende war. Oder kannst du hellsehen?«, empörte Helene sich, beleidigt, dass ihre Informationen nicht ausreichend gewürdigt wurden.
Beinahe hätte Haie sich erkundigt, warum sie denn nicht nachgefragt hatte, verkniff sich jedoch die Bemerkung.
»Ich habe nur gehört, dass die um zehn da hinwollte. So spät, und das mitten in der Woche. Kein Wunder, dass die jungen Leute nichts auf die Reihe kriegen, wenn die sich die Nächte um die Ohren schlagen.«
Meta Lorenz nickte zu Helenes Kommentar, obwohl Haie wusste, dass die beiden Frauen in ihrer Jugend auch nicht immer um zehn Uhr abends in ihren Betten gelegen hatten.
Die Dorfdisco bei Kalle, deren Betreiber inzwischen zwar einige Male gewechselt hatte, war eine jahrzehntelange Institution im Dorf und Haie aus seiner Jugendzeit bekannt.
Er überlegte, mit wem Tatjana sich verabredet haben könnte. Besuch bekam die junge Frau selten, soweit er das beobachtet hatte, aber natürlich war sie oft unterwegs. Dass sie zu Kalle ging, hatte sie nie erwähnt, was jedoch nichts heißen musste. Trotzdem erschien ihm Helenes Hinweis als durchaus relevant. Er könnte …
»Wann ist denn die Disco immer?«
»Immer donnerstags«, antwortete Helene grinsend und zwinkerte ihm zu.
3. Kapitel
»Wo willst du denn jetzt noch hin?« Tom beobachtete mit fragender Miene, wie Haie am nächsten Abend im Flur seine Jacke anzog.
»Ich, ähm, zu Elke.«
»Zu Elke?« Der Ton in Toms Stimme machte deutlich, dass er dem Freund nicht glaubte. Seit wann traf Haie sich wieder mit seiner Exfrau? Bisher hatte er stets betont, das Kapitel sei für ihn abgeschlossen. Diese Tatsache galt zwar nicht für Elke, die es gerne gesehen hätte, wenn Haie zu ihr zurückkehren würde. Das wusste Tom. Daher mied Haie, so gut es ging, den Kontakt zu ihr. Um keine unberechtigten Hoffnungen zu wecken. Warum also wollte er ausgerechnet jetzt zu ihr? Da war doch was faul. Er musterte ihn, während er auf eine Antwort wartete.
»Ach Mensch, nee, ich geh zu Kalle.« Haie wusste, es war zwecklos, weiter zu lügen.
»Kalle?« Auch dieser Name warf bei Tom Fragen auf. Er interessierte sich nicht sonderlich für die Gegebenheiten im Dorf. Daher wusste er auch nichts von der Disco in Risum, die er ohnehin nicht besuchen würde.
»Ja, da kann man so, na ja, tanzen. Wäre vielleicht auch was für Astrid und dich«, schlug Haie vor.
»Tanzen?« Toms Augenbrauen wanderten in schwindelerregende Höhen.
Seit einiger Zeit traf Tom sich mit einer Doktorandin vom Nordfriisk Instituut. Sie hatten Astrid Hansen im Zuge einiger Ermittlungen kennengelernt, die Haie vor nicht allzu langer Zeit in einem Mordfall betrieben hatte. Zunächst waren die beiden Männer beim Anblick der Frau erschrocken, denn Astrid ähnelte Marlene – Toms verstorbener Frau – so sehr, dass ihre Nähe am Anfang fast schmerzte. Bei genauerem Betrachten fielen ihnen jedoch einige Unterschiede auf. Und seit geraumer Zeit unternahmen Tom und Astrid gemeinsam etwas. Er hatte schnell festgestellt, wie gut ihm die Frau tat. Er mochte sie und sie ihn. Von einer Beziehung zu sprechen, war verfrüht, obwohl Tom spürte, dass er bald wieder dazu bereit sein würde. Ob Astrid Hansen die Richtige für eine neue Partnerschaft war, wollte er jedoch noch nicht sagen. Momentan verbrachten sie jedenfalls aufgrund ihrer gemeinsamen Interessen viel Zeit miteinander. Aber eine Dorfdisco gehörte nicht zu ihrer beiden Vorliebe, da war Tom sich sicher.
»Und das ist auch was für alte Leute?«
»Was heißt denn hier alt?« Haie schob demonstrativ die Unterlippe vor.
»Na ja, wenn du da hingehst? Kommt Elke denn mit?«
»Elke? Wie? Nee.«
»Du gehst also allein zum Tanzen?« Tom konnte sich denken, dass der Discobesuch irgendetwas mit dem Verschwinden der Nachbarin zu tun hatte. Zwar hatte Haie ihn nicht mehr darauf angesprochen, aber Tom wusste, dass er nicht aufgehört hatte, nach einer Erklärung für die Abwesenheit der Frau zu suchen. Nicht Haie.
»Warum denn nicht? Ich bin schließlich ungebunden«, waren Haies letzte Worte, ehe er die Tür öffnete und das Haus verließ.
Draußen schlug ihm feuchtkalte Luft entgegen und kurz kam ihm der Gedanke, sein Vorhaben aufzugeben. Es wäre bei dem Wetter so viel gemütlicher, auf dem Sofa zu bleiben und ein Buch zu lesen. Sein Blick wanderte zum Nachbarhaus, während er zum Fahrradschuppen ging. Alles dunkel. Da musste etwas passiert sein und er würde herausfinden, was.
Energisch schwang er sich auf sein E-Bike und trat in die Pedale. Zum Glück war es nicht weit, trotzdem fühlte Haie sich wie ein Eisklotz, als er vor der Disco stoppte. Mit seinen steif gefrorenen Fingern brauchte er gefühlt eine Ewigkeit, um das Fahrrad abzuschließen. Warum hatte er auch keine Handschuhe angezogen?, fragte er sich, während er langsam auf den Eingang zuging, vor dem einige junge Leute standen und rauchten. Skeptisch beobachteten sie sein Näherkommen und als er durch die Tür trat, hörte er sie miteinander tuscheln.
Laute Musik empfing ihn, aber es war warm. Er zog den Reißverschluss seiner Jacke auf und betrat den Saal, in dem sich rechts eine Bar befand, an der etliche Leute standen. Alle hier waren jünger als er, da brauchte es keinen zweiten Blick. Und auch die Musik war so gar nicht sein Fall. Laute Beats, die einem in den Magen fuhren. Er fragte sich, ob er die richtige Entscheidung getroffen hatte, dann fielen ihm Tatjana und ihr dunkles Haus ein und er stellte sich an den Tresen.
»Ein Bier bitte.«
Von links hörte er Gekicher, doch der Mann an der Bar verzog keine Miene. Geschäft war Geschäft.
Haie zahlte und drehte sich um. In der Mitte des Saals, der als Tanzfläche diente, tummelten sich etliche Leute. Einige von ihnen erkannte er trotz der recht schummrigen Beleuchtung, die ab und an durch ein rhythmisches Aufblitzen durchbrochen wurde.
Er war jahrelang Hausmeister an der örtlichen Grundschule gewesen, daher waren ihm viele junge Leute im Dorf von Kindesbeinen an bekannt. Ihm wurde bewusst, wie viel Zeit vergangen war, als er die mittlerweile erwachsenen Jungen und Mädchen betrachtete. Wer von ihnen konnte etwas mit Tatjana zu tun gehabt haben? Wer kannte sie, war mit ihr befreundet? Sie war erst vor gut einem Jahr nach Risum gezogen, kam aber aus der Gegend. Gut möglich, dass sich unter den Tanzenden ehemalige Klassenkollegen befanden. Er inspizierte die Gäste, als er leicht rüpelhaft von der Seite angestoßen wurde. Etwas Bier schwappte aus seinem Glas.
»Sorry, Alter.« Ein junger Mann, vielleicht Ende zwanzig, grinste ihn blöde an. »Haben Sie sich verlaufen?«
»Mensch, Marius«, wies eine Frau den Rempler zurecht. »Entschuldigung.«
Haie nickte und musterte sie. War sie im gleichen Alter wie Tatjana? Heutzutage war das oftmals schwer zu sagen. Oder lag das an seinem Alter? Die jungen Mädchen brezelten sich derart auf, dass er sich manchmal im Alter vertat. Dennoch war es einen Versuch wert.
»Ich bin wegen Tatjana hier.«
»Tatjana?«
»Ja, Tatjana Lieberknecht.«
»Was willst du denn von der?«, mischte sich nun wieder der Rempler ein. Er hatte augenscheinlich schon reichlich Alkohol intus, aber immerhin schien er Haies Nachbarin zu kennen.
»Ich suche sie.«
»Wieso, bist du hinter ihr her?« Wieder grinste sein Gegenüber dümmlich. »Bist du ein Stalker oder was?«
»Nein, sie ist meine Nachbarin und seit ein paar Tagen verschwunden.«
»Echt, letzte Woche war sie noch hier«, entgegnete nun die nette junge Frau. »Ich habe sie zusammen mit Maike gesehen.«
»Maike?« Haie blickte sich suchend um. »Ist die hier?«
»Ja, ich habe sie vorhin auf dem Klo gesehen.«
»Und wo ist sie jetzt?«
Die Angesprochene blickte sich um, zuckte mit den Schultern. »Aber da ist Christian, der ist bestimmt mit ihr zusammen hier.« Sie wies auf einen Mann, der unrhythmisch auf der Tanzfläche herumzappelte.
Haie stellte sein Bier ab und drängte sich zwischen den Leuten zu dem Unbekannten. Oder war das gar der kleine Christian aus dem Herrenkoog? Der, der immer so eine dicke Brille getragen hatte, weswegen ihn die anderen Kinder gehänselt hatten? Konnte das sein? Haie tippte dem Mann auf die Schulter, der reagierte jedoch nicht, sondern tanzte wie in Trance zur Musik. Haie griff ihn am Arm.
»Mensch, was soll das?«, pöbelte Christian, stoppte dann plötzlich in der Bewegung. »Oh Herr Ketelsen, was machen Sie denn hier?«
»Ja, ich, ist deine Freundin hier?« Haie musste schreien, damit ihn der andere verstand.
»Freundin?«
»Maike, die Bekannte von Tatjana.«
»Ach so, ja, aber keine Ahnung, wo die steckt.«
»Und Tatjana?«
»Jana?«
Haie nickte, da ihm der Hals bereits schmerzte. Warum musste die Musik auch so laut sein? Das war ja nicht zum Aushalten.
»Was ist mit der?«
»Ist sie hier? Hast du sie gesehen?«
»Nee.«
Haie seufzte, aber das Geräusch ging in der Musik unter. Er fragte sich, was er hier eigentlich trieb. Er gehörte hier wirklich nicht her. Sein Kopf dröhnte und von den dumpfen Bassklängen schmerzte bereits sein Bauch. Er nickte Christian zu und schlängelte sich durch die Masse zum Ausgang. Als er die Tür öffnete, hörte er plötzlich eine Stimme hinter sich.
»Sie suchen Tatjana?« Die junge Frau, die hinter ihm stand, sah blass und sehr dünn aus.
Er nickte.
»Ich weiß auch nicht, was mit ihr los ist. Seit Tagen versuche ich sie anzurufen, aber es geht immer nur die Mailbox ran und auf Nachrichten reagiert sie nicht. Ich mache mir Sorgen.« Sie trat näher an Haie heran. Ihm fiel noch deutlicher auf, wie dürr sie war. Ihre Gesichtshaut wirkte beinahe durchsichtig, aber in ihrem Blick glaubte Haie zu erkennen, dass sie sich wirklich Sorgen um die Freundin machte.
»Ich bin ihr Nachbar und habe sie seit Tagen nicht gesehen. Ihr Haus wirkt verlassen. Ich habe mich gefragt, ob sie vielleicht wegfahren wollte.«
»In Urlaub, nein. Sie bearbeitet, soweit ich weiß, gerade ein sehr wichtiges Projekt. Da nimmt sie sich nicht frei. Ich fürchte, es ist etwas passiert.«
»Ich auch«, gestand Haie ein. »Wann hast du sie zuletzt gesehen?«
»Letzte Woche waren wir zusammen hier, seitdem habe ich nichts von ihr gehört.«
»Und hast du auf ihrer Arbeit angerufen?«
Die junge Frau schüttelte den Kopf.
»Wo arbeitet sie denn?«
»In dem Planungsbüro Niemann, in Leck.«
Haie überlegte, ob dem Arbeitgeber nichts aufgefallen war. Über das Fehlen einer Mitarbeiterin konnte man nicht einfach so hinweggehen, zumal sie anscheinend an einem wichtigen Projekt gearbeitet hatte. Aber auszuschließen war das nicht, denn so wenig wie die Leute sich heutzutage umeinander kümmerten, wunderte ihn so manches nicht. Sein Blick fiel auf sein Gegenüber und ihm wurde bewusst, dass solch eine Pauschalmeinung nicht haltbar war.
»Ich rufe da morgen mal an. Vielleicht gibt es eine einfache Erklärung. Bist du eigentlich Maike?«
Die junge Frau nickte und blickte ihn zweifelnd an. Verständlich, dachte Haie, aber was sollten sie tun? Thamsen hatte ihm deutlich zu verstehen gegeben, dass die Polizei in diesem Fall nicht zuständig war.
»Wir finden sie«, versicherte Haie und fasste Maike leicht an der Schulter. »Willst du mir deine Nummer geben? Dann kann ich mich bei dir melden, wenn ich etwas herausgefunden habe.«
»Eh, Alter, Pfoten weg!«, schallte es plötzlich aus Richtung Saal. »Junge Frauen anmachen und so an ihre Nummer kommen. Ganz, ganz billig.«
»Lass«, zischte Maike, während sie in ihrer Handtasche nach einem Stift kramte und etwas suchte, auf dem sie ihre Nummer notieren konnte.
»Du gibst dem doch nicht wirklich …?« Der junge Mann kam näher. »Was bist du denn für eine?«
»Lass mich in Ruhe«, sagte Maike in einem scharfen Ton, den man ihr aufgrund ihrer Erscheinung gar nicht zugetraut hätte. Sie reichte Haie den Zettel. »Melden Sie sich bei mir, wenn Sie etwas von Tatjana hören.«
4. Kapitel
Am nächsten Morgen saß Haie ziemlich zerknautscht am Frühstückstisch und blätterte im Telefonbuch.
»Na, wie war dein Discoabend?«, fragte Tom in lästerlichem Ton, als er die Küche betrat.
»Es gibt außer mir noch weitere Leute, die Tatjana vermissen.«
»Echt?« Tom ging ans Fenster und blickte zum Nachbarhaus hinüber.
»Alles unverändert«, sagte Haie. »Daher rufe ich heute mal ihren Arbeitgeber an.«
»Also, das kannst du doch nicht machen.«
»Und ob, die Frau ist letzte Woche zum letzten Mal gesehen worden. Da kann man ja wohl mal auf ihrer Arbeitsstelle nachfragen.«
»Solltest du das nicht lieber Dirk überlassen?«
»Der macht nichts, hat er gesagt. Das ist eine erwachsene Frau, die kann tun und lassen, was sie will, war seine Begründung.«
»Womit er nicht ganz unrecht hat.« Tom goss sich einen Kaffee ein. »Hast du mal geklingelt bei ihr?«
»Mehrmals, aber da tut sich nichts, und durch die Fenster kann man nicht reinblicken, da die Jalousien unten sind. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie zu Hause ist.«
»Vielleicht ist sie umgekippt und liegt jetzt da …« Tom schluckte. Er hatte bereits mehrere Artikel gelesen, in denen Menschen erst nach Wochen oder gar Monaten leblos in ihrer Wohnung aufgefunden wurden, ohne dass jemand ihren Tod bemerkt hatte.
»Hat sie denn Familie?«
Haie zuckte mit den Achseln. »Der Arbeitgeber ist auf jeden Fall jemand, der wissen sollte, wo seine Angestellte ist.« Er stand auf und ging ins Wohnzimmer, wo sich das Telefon befand. Langsam wählte er die Nummer, die er dem Telefonbuch entnahm.
»Planungsbüro Niemann, Werner am Apparat, was kann ich für Sie tun?«
Haie räusperte sich. »Ketelsen, ich möchte gerne Frau Tatjana Lieberknecht sprechen.« Es entstand eine kurze Pause, in der Haie glaubte, die Frau am anderen Ende Luft holen zu hören.
»Die ist nicht da. Kann ich weiterhelfen?«
»Nee, ich muss sie persönlich sprechen, wann ist sie denn wieder erreichbar?«
»Das kann ich Ihnen leider nicht sagen«, drang die leicht schnippische Stimme aus dem Hörer in sein Ohr.
Haie beschloss, dass es besser war, mit offenen Karten zu spielen. »Ich bin der Nachbar und mache mir Sorgen um Frau Lieberknecht, denn ich habe sie seit einigen Tagen nicht gesehen und das Haus ist verlassen. Da stimmt etwas nicht.«
»Also hier ist sie seit letztem Freitag nicht erschienen. Krank gemeldet hat sie sich auch nicht«, entgegnete Frau Werner und fügte flüsternd hinzu: »Sie können sich gar nicht vorstellen, was hier los ist. Der Chef tobt vor Wut.«
»Wegen des Projektes, das Tatjana betreut?«
Er hörte ein Rascheln und nahm an, dass Frau Werner nickte. »Haben Sie denn Kontaktdaten von der Familie oder von irgendjemandem, der wissen könnte, wo sie ist?«
»Was glauben Sie, was ich in den letzten Tagen alles versucht habe, um herauszufinden, wo sie steckt? Die schlechte Laune vom Chef kriege schließlich ich ab.«
»Und?«
»Nichts, niemand hat sie gesehen oder etwas von ihr gehört. Dabei verstehe ich das nicht. Tatjana ist sonst so zuverlässig. Das passt gar nicht zu ihr.« Frau Werner seufzte.
»Gut, ja, dann …« Da die Frau anscheinend keine weiteren Infos hatte, wollte Haie auflegen, doch Frau Werner stoppte ihn.
»Wenn Sie der Nachbar sind, dann können Sie doch mal nachschauen.«
»Habe ich schon, da macht keiner auf.«
»Und wenn Sie, nun ja, ich meine …«
»Einbrechen?«
»So habe ich das nicht gemeint, aber es könnte doch etwas passiert sein. Wie nennt die Polizei so etwas noch?«
»Gefahr im Verzug?«
»Genau«, bestätigte Frau Werner mit fester Stimme, »vielleicht ist Gefahr im Verzug.«
Nachdem Haie aufgelegt hatte, rief er Dirk an.
»Ich wollte mal hören, ob ihr etwas reinbekommen habt wegen meiner Nachbarin?«
»Ist die immer noch nicht aufgetaucht?«
»Nein.«
»Also, ich habe nichts gehört, aber wenn es dir so wichtig ist, dann strecke ich mal meine Fühler aus«, sagte Thamsen. Zwar konnte er offiziell nichts veranlassen, aber er war Haie mehr als einen Gefallen schuldig.
»Das wäre gut, denn so langsam kommt mir das wirklich spanisch vor.«
»Gut, aber du unternimmst nichts, verstanden?«
»Jaja.«
Thamsen legte auf und verspürte ein ungutes Gefühl in der Magengegend. Er kannte Haie nur zu gut und wusste, dass der Freund sich kaum zurückhalten ließ. Im Prinzip war es gut, dass er ein so wachsamer Nachbar war, denn nichts schützte so sehr wie ein aufmerksames Auge der Mitbewohner, Leute, die sich umeinander kümmerten. Doch oftmals schoss Haie über das Ziel hinaus. Und da war er bei Weitem nicht der Einzige. Gerade in Risum mischten sich die Leute in Dinge ein, die sie im Grunde genommen gar nichts angingen. Das hatte seine guten Seiten, brachte jedoch auch Probleme mit sich.
Er scrollte durch die Polizeinachrichten, aber da war keine Meldung zu finden, die eine junge Frau betraf. Eventuell war nicht alles erfasst. Dirk stand auf und ging zu den Kollegen von der Bereitschaft.
»Habt ihr in den letzten Tagen einen Fall gehabt, in den eine junge Frau involviert war?«
»Involviert?« Der große dunkelhaarige Mann blickte ihn fragend an.
»Ja, Unfall, Überfall oder Ähnliches.«
»Nee, nicht soweit ich weiß.«
»Gut, danke«, seufzte Dirk. Haie würde wahrscheinlich keine Ruhe geben, bis die Nachbarin wieder aufgetaucht war, und die Gefahr, dass er sich selbst dabei in Schwierigkeiten brachte, war groß. Es wäre nicht das erste Mal.
Er setzte sich zurück an den Schreibtisch und wählte die Nummer des Krankenhauses. »Ja, hier Kommissar Thamsen. Ich bin auf der Suche nach Tatjana Lieberknecht«, erklärte er ohne Umschweife. »Haben Sie in den letzten Tagen eine Patientin mit diesem Namen aufgenommen?« Thamsen hörte am anderen Ende der Leitung jemanden tippen.
»Nein«, kam kurz darauf die Antwort. »Hier ist niemand mit diesem Namen aufgenommen worden. Tut mir sehr leid.«
»Und eine andere junge Frau, vielleicht ohne Papiere?«
Wieder war das Tippen auf einer Tastatur zu hören. »Nein, da kann ich Ihnen leider nicht weiterhelfen.«
Thamsen bedankte sich. Das war’s. Mehr konnte er nicht tun, dachte er und machte sich daran, die Berichte der letzten Tage durchzugehen und abzuzeichnen. Immer wieder schweiften seine Gedanken dabei ab. Er wusste, Haie würde keine Ruhe geben. Und vielleicht hatte er recht. Dirk stand auf, nahm seine Jacke und ging hinüber in das Büro seines Mitarbeiters Rolfs.
»Bin kurz weg.«
»Soll ich mitkommen?«, fragte Ansgar Rolfs, doch Dirk schüttelte den Kopf. »Nee, das kläre ich besser alleine.«
Haie hatte die Küche aufgeräumt und dabei immer wieder aus dem Fenster hinüber zum Nachbarhaus geblickt. Wo war Tatjana? Wieso blieb sie einfach von der Arbeit fern? Das passte nicht zu ihr. Er war sich sicher, da stimmte etwas nicht.
»Gefahr im Verzug«, murmelte er, während er seine Jacke nahm und das Haus verließ.
Sich nach allen Seiten umblickend schlich er durch ein Loch in der Hecke auf das Nachbargrundstück und steuerte zunächst die Haustür an. Auf sein Klingeln hin blieb auch heute wieder alles still. Er ging ums Haus herum. Alles wirkte unverändert seit seinem letzten Besuch.
»Gefahr im Verzug«, murmelte er wieder und schaute sich suchend um, als er plötzlich seinen Namen hörte.
»Haie? Was machst du da?«
Erschrocken fuhr er herum. Auf der Auffahrt stand Dirk und blickte ihn an.
»Dachte, ich hätte vorhin etwas gehört, und da habe ich noch mal geklingelt.«
»Hinter dem Haus?«
»Na, da habe ich geschaut, ob …« Haie wankte von einem Fuß auf den anderen.
»Du wolltest dir nicht zufällig Zutritt verschaffen?« Dirk blickte dem Freund in die Augen, der daraufhin den Blick senkte.
»Nun ja, schon. Es kann ja sein, dass sie verletzt im Haus liegt.« Er nickte zum Eingang.
»Haie«, stöhnte Dirk auf, »das ist eine junge Frau, wahrscheinlich ist sie verreist, besucht Freunde, vielleicht hat sie auch jemanden kennengelernt.«
»Nee, Urlaub hat sie definitiv nicht.«
»Woher willst du das denn wissen?« Dirk ahnte, dass er die Antwort auf seine Frage eigentlich nicht hören wollte.
»Habe in dem Büro, in dem sie arbeitet, angerufen. Sie hat keinen Urlaub und krankgemeldet hat sie sich auch nicht. Da ist etwas passiert.«
Thamsen rollte mit den Augen, trat vor die Tür und drückte den Klingelknopf. Im Haus war nichts zu hören.
Durch das geriffelte Glas der Eingangstür war nichts zu erkennen. Er rüttelte an der Klinke. »Hm«, überlegte er. »Hat sie denn mal erzählt, ob sie Probleme hat?«
Haie schüttelte den Kopf. »So eng war unser Verhältnis nicht. Wir sind lediglich Nachbarn.«
»Und was für einen Eindruck hat die Frau sonst auf dich gemacht?«
»Normal. Was soll sie für einen Eindruck gemacht haben?«
»Na, vielleicht ist sie depressiv, also, wenn sie suizidgefährdet wäre …« Er warf Haie einen Blick über die Schulter zu.
»Ausschließen kann ich das natürlich nicht. Man kann den Leuten ja immer nur bis vor den Kopf schauen.« Haie griente leicht.
Thamsen nickte und überlegte. Seltsam war das Ganze schon. In der Vergangenheit hatte sein Freund oft recht gehabt mit seinen Vermutungen. Jedenfalls war nicht von der Hand zu weisen, dass das Verschwinden der Frau merkwürdig war.
»Gut.« Er holte sein Handy aus der Jackentasche. Unter argwöhnischen Blicken Haies wählte er Ansgars Nummer und bat ihn, einen Schlüsseldienst zu ordern. Rolfs versprach, sich gleich darum zu kümmern. »Brauchst du denn Unterstützung?«
»Habe ich schon.«
5. Kapitel
Etwa eine Stunde später fuhr der Wagen des Schlüsseldienstes auf die Auffahrt zu Tatjana Lieberknechts Haus. In der Zwischenzeit hatte Haie mit Dirk zu Hause einen Kaffee getrunken. Als er den Handwerker durch das Küchenfenster sah, sprang er auf.
»Los, komm«, trieb er Thamsen an.
Zum Glück fragte der Mann vom Schlüsseldienst nicht nach einem Beschluss, denn den hätte Thamsen ohnehin nicht bekommen. Wie er das Vorgehen gegenüber seinem Vorgesetzten rechtfertigen sollte, hatte er sich noch nicht überlegt. Schließlich war es gut möglich, dass gar nichts passiert war und Frau Lieberknecht sich über das Eindringen in ihr Haus beschweren, ihn gar anzeigen würde.
»Hier ist ja eindeutig Gefahr im Verzug«, hatte Haie als Entschuldigung vorgebracht, während sie zum Nachbarhaus hinübergegangen waren.
Mit nur wenigen Handgriffen und keine zwei Minuten später hatte der Mann vom Schlüsseldienst die Tür geöffnet. Thamsen unterschrieb die Quittung und der Mann verabschiedete sich.
Haie trat im Eingang bereits ungeduldig von einem Fuß auf den anderen, bis Dirk schließlich so weit war und die Tür ganz öffnete.
»Hallo?«, erkundigte er sich, trat jedoch relativ schnell ins Haus ein. Er wies Haie an, hinter ihm zu bleiben, und arbeitete sich zunächst durch den Flur, in dem ihm nichts ungewöhnlich erschien. An der Garderobe hingen Jacken und Taschen, darunter standen auf einer Matte drei Paar Schuhe. Im Gegensatz zu seinem Zuhause, wo in jedem Raum Sachen von den Kindern herumlagen, sah es hier erstaunlich aufgeräumt aus.
Vom Flur aus gelangte er direkt in die Küche. Haie folgte ihm. Auch hier fanden sie keinen Hinweis auf Tatjana Lieberknecht. Alles wirkte sauber und ordentlich. Lediglich das Obst, das in einer Schale auf dem Esstisch stand, war verdorben. Etliche Fruchtfliegen schwirrten um die Schüssel.
Haie blickte sich neugierig um, während Thamsen weiter durch das Haus lief. Im Wohnzimmer und Bad sowie im Schlafzimmer ergab sich ein ähnliches Bild. Alles wirkte sehr aufgeräumt. Von Tatjana Lieberknecht keine Spur.
»Wenn man verreist, lässt man doch das Obst nicht rumliegen. Ich habe eher den Eindruck, dass sie lediglich kurz fortgegangen ist und vorhatte, bald zurück zu sein«, versuchte Haie den vorgefundenen Zustand im Haus zu erklären.
Thamsen musste dem Freund recht geben. Nach einer längeren Abwesenheit sah es hier nicht aus. Aber wo steckte Tatjana Lieberknecht?
Niklas hatte sich mit seinem besten Freund Ole verabredet. Haie hatte ihm erlaubt, mit Ole direkt von der Schule nach Maasbüll zu fahren und bei seinem Freund zu Mittag zu essen.
»Aber ihr macht Hausaufgaben«, hatte Haie gefordert. Niklas hatte artig genickt. Er hätte allem zugestimmt, was Haie gefordert hätte; wusste er doch, dass Oles Mutter kochte, was bei ihnen zu Hause selten oder gar nicht auf den Tisch kam. Haie achtete sehr auf die Ernährung des Jungen und kochte viel Gemüse. Niklas hingegen liebte – wie viele Kinder in seinem Alter – Pommes, Pizza und Chicken Nuggets. Lauter Sachen, die Haie geradezu verteufelte.
Nach dem Fast-Food-Mittagessen machten sich die Jungen natürlich nicht an die Hausaufgaben, sondern spielten zunächst einmal mit der Playstation.
Oles Mutter steckte den Kopf ins Zimmer, warf einen Blick auf den Bildschirm, auf dem lediglich ein altes Dorf zu sehen war, und nickte. »Schaltet ruhig erst einmal ein wenig ab«, sagte sie.
Niklas und Ole grinsten und widmeten sich dem Spiel, in dem es darum ging, ein Dorf von der Herrschaft eines bösen Königs zu befreien und anschließend neu zu besiedeln. Niklas’ Figur kontrollierte gerade ein altes Haus, als Ole plötzlich sagte: »Hier in der Nähe gibt es auch so ein verlassenes Haus.«
»Echt?«, fragte Niklas, ohne den Blick vom Bildschirm zu wenden.
»Ja, da hat wohl ein alter Mann drin gewohnt, und nun will das Haus keiner kaufen, weil er angeblich darin herumgeistert.«
Niklas hielt inne und überlegte. »Das ist doch Quatsch«, gab er zurück.
»Nee, ich habe selbst gehört, wie mein Vater darüber mit Harry Ingwers gesprochen hat. Ich glaube, die dachten, ich kriege das nicht mit. Hab ich aber doch.« Ole griente Niklas an.
»Vielleicht haben die das aber auch nur erzählt, weil du dabei warst. Wollten dir bestimmt Angst machen.«
»Ha, ich lass mir keine Angst machen.«
»Warst du denn schon mal da?«
Ole nickte.
»Und?«
Ole musste eingestehen, dass er zwar zu dem Haus gefahren war, sich jedoch nicht hineingetraut hatte.
»Wieso nicht?«
Ole zuckte mit den Schultern.
»Du hast dich also nicht getraut. Hattest wohl doch Schiss.« Nun war es Niklas, der grinste.
»Nee, aber …«
»Aber was?« Niklas blickte Ole herausfordernd an. »Lass uns jetzt hinfahren und wir gehen da rein.«
Kurz wies der Freund auf das Computerspiel, aber Niklas hatte schon die Pause-Taste gedrückt.
»Bestimmt darf man das nicht«, versuchte Ole noch einen Rückzieher zu machen.
»Aber wer soll das denn merken, wenn da keiner wohnt?« Niklas sprang auf und wartete auf den Freund, der sich nur langsam in Bewegung setzte.
»Wir gehen ein wenig Fahrradfahren«, erklärte Ole seiner Mutter, die zustimmend nickte.
»Zieht euch aber warm an, es ist kalt draußen.«
Niklas lief schnell zu seinem Fahrrad. Er wartete, bis Ole sein Rad aus dem Schuppen geholt hatte und vorfuhr. Der Weg führte an der Wehle vorbei Richtung Bahndamm. Hier standen nur wenige Häuser und das alte verlassene Reetdachhaus wirkte seltsam in der Landschaft. Niklas fröstelte, als sie die Räder stoppten und zunächst vom Weg aus zum Haus hinübersahen.
»Das ist es«, sagte Ole, obwohl es offensichtlich war, dass das besagte Haus sich vor ihnen befand.
»Dann komm«, forderte Niklas den Freund auf. Er spürte eine Aufregung in sich, die ihn schwitzen ließ. Ungeduldig blickte er auf Ole.
»Ich weiß nicht, lass uns lieber nach Hause fahren. Mir ist kalt und Hausaufgaben müssen wir auch noch machen.«
Niklas traute seinen Ohren nicht. Was konnte aufregender sein als ein Haus, in dem ein Geist sein Unwesen trieb? Matheaufgaben ganz sicher nicht. Spukgeschichten übten auf ihn einen enormen Reiz aus. Er fand solche Geschichten zwar ein wenig angsteinflößend, aber dennoch zu spannend. Außerdem war helllichter Tag – Geister kamen doch erst in der Nacht, beruhigte er sich und schob das Rad die Auffahrt hinauf. Ole folgte ihm zögernd.
Niklas lehnte sein Rad an die Wand neben der Haustür und blickte sich um. Alles wirkte ruhig. Hier war niemand. Trotzdem klopfte er gegen die Eingangstür, die leicht nachgab, da sie nicht verschlossen war. Niklas holte tief Luft und gab Ole ein Zeichen, ihm zu folgen.
Der Freund legte sein Fahrrad in den Sand auf dem Vorplatz und ging zum Eingang, doch als er die Tür erreichte, war Niklas schon im Haus verschwunden.
»Nik?«, rief er von der Schwelle her. Als er keine Antwort erhielt, betrat er den schummrigen Flur. Es roch muffig und nach irgendetwas, das Ole nicht kannte. Ihm fröstelte.
»Nik?«
Weiter hinten im Haus hörte er ein Knirschen. Langsam, Schritt für Schritt, traute er sich weiter in den Flur. Rechter Hand ging eine Küche ab. Die Einrichtung war alt, verdreckt und größtenteils kaputt.
Ole fragte sich, wer hier wohl gewohnt haben mochte. Er erinnerte sich nicht. Ob es wirklich dieser Mann gewesen war, dessen Geist hier herumspukte? Er ging weiter und wollte gerade durch die Tür treten, die sich am Ende des schummrigen Ganges befand, als er mit Niklas zusammenstieß. Ein erschrockenes »Ah« löste sich aus seiner Kehle, das Niklas zusammenzucken ließ. Er war leichenblass und an seinen Augen erkannte Ole sofort, dass hier etwas nicht stimmte. Er nahm automatisch Niklas’ Hand und rannte los Richtung Haustür. Draußen blieb er keuchend stehen und blickte zu seinem Freund.
»Was ist los? Was hast du gesehen?«
Niklas würgte das Mittagessen auf den Vorplatz, ansonsten war nichts aus ihm herauszubekommen.
6. Kapitel
Im gesamten Haus hatte es keinen Hinweis auf Tatjana Lieberknechts Verbleib gegeben. Haie hatte in einigen Ordnern gewühlt, aber nicht wirklich herausgefunden, ob es weitere Verwandte gab. Auch hatte er keine Fotos gefunden, die darauf hindeuteten.
»Da müsste ich mich im Dorf mal umhören. Helene weiß vielleicht, wer die Eltern sind«, sagte er, nachdem Thamsen die Tür versiegelt hatte. Anschließend waren sie zurück zum Haus des Freundes gegangen, wo sie nun in der Küche den restlichen Kaffee tranken.
Im Grunde genommen waren Thamsen Leute, die anderen viele Fragen stellten, zuwider. Aber in diesem Fall wäre wenigstens einer sehr nützlich, musste er sich eingestehen. Schon so manches Mal waren sie durch Informationen von Dorfbewohnern – insbesondere der klatschfreudigen Kaufmannsfrau – in ihren Ermittlungen vorangekommen; nur von Ermittlungen konnte man in diesem Fall nicht sprechen. Und von Fall eigentlich auch nicht. Denn es lag bisher kein Hinweis auf ein Verbrechen vor. Er hatte dem Freund lediglich einen Gefallen getan und sich dabei eigentlich schon zu weit aus dem Fenster gelehnt. Wie er seinem Chef die aufgebrochene Tür und die Rechnung vom Schlüsseldienst erklären sollte, wusste er jedenfalls noch nicht. Am besten, er übernahm selbst die Kosten.
»Kannst du ja mal machen, vielleicht weiß die was oder …« Thamsens Handy klingelte und unterbrach die beiden. »Ansgar, was gibt’s?«, nahm er das Gespräch an. »Waaaas?«
Haie konnte genau sehen, wie Dirk sämtliche Farbe aus dem Gesicht wich. Er fragte sich, was passiert sein mochte. Ob etwas mit Dörte …?
»Und wer hat sie … Oh, mein Gott. Ja, gut, ich komme.« Er beendete das Gespräch und blickte zu Haie, der sich beinahe sicher war, dass Dirks Lebensgefährtin etwas zugestoßen war. Oder den Kindern?
»Was ist los?«
»Also, ja, nun, es ist … Niklas hat …«
»Was ist mit Niklas?« Haie sprang von seinem Stuhl auf. Wenn es um seinen Patensohn ging, kannte er kein Halten. Der Junge bedeutete ihm alles. In dem Kind lebte für ihn ein Teil seiner Freundin weiter, die er auf so dramatische Art und Weise verloren hatte.
»Nichts, es geht ihm gut«, bemühte sich Dirk, ihn zu beruhigen. »Er hat nur … also, die Kinder haben wohl deine Nachbarin gefunden.«
»Was, wo denn?«
»Ich muss jetzt los.« Dirk stand ebenfalls auf, Haie eilte in den Flur. Es war zwecklos, ihn aufzuhalten. Daher unternahm Thamsen auch nichts. Gemeinsam verließen sie das Haus und fuhren nach Maasbüll.
Als sie in Deezbülleck vom Deich abbogen, sah Dirk schon Ansgars Auto und einen Rettungswagen. »Oh mein Gott«, entfuhr es Haie, der bisher entgegen seiner Art die Fahrt über geschwiegen hatte. Thamsen hatte noch nicht gestoppt, da riss der Freund bereits die Tür auf und sprang aus dem Auto, eilte auf den Eingang des Hauses zu.
»Haie, warte!«
An der Tür stand Ansgar und hielt Haie auf.
»Wo ist Niklas?«, schrie er mit schriller Stimme und versuchte sich an dem Polizisten vorbeizudrängen.
Rolfs warf Thamsen einen Blick zu, dann bemühte er sich, Haie zu beruhigen. »Er ist nicht mehr hier. Die Mutter von Ole kümmert sich um die Jungs. Sie hat uns angerufen.«
»Aber warum denn? Was ist passiert?« Haie war völlig kopflos.
Thamsen trat nun neben den Freund und schob ihn ein Stück zur Seite. »Du wartest hier«, sagte er in einem Ton, der Haie tatsächlich verstummen ließ.
Ob er sich daran halten würde, wusste Dirk nicht, doch er hatte zunächst anderes zu tun. Er verschwand im Haus und folgte den Stimmen, die aus einem der hinteren Räume zu hören waren. Als er durch die Tür in das ehemalige Wohnzimmer trat, sah er, wie der Notarzt gerade seinen Koffer anhob.
»Da ist nichts mehr zu machen«, sagte er recht trocken und zuckte mit den Schultern.
Thamsens Blick fiel auf den leblosen Körper der jungen Frau, der in der Ecke unter dem Fenster lag. Die Augen starrten ins Leere, die Haut wirkte wächsern. Über den Leichnam krabbelte Getier und ein stetiges Summen war zu hören.
»Oh mein Gott«, entfuhr es ihm. Er kniete sich neben die Frau, die im Gesicht einige Hämatome aufwies. »Was ist … Wie ist sie …?«, stotterte er.
Der Arzt zuckte nochmals mit den Schultern. »Nach einem natürlichen Tod sieht es nicht aus, aber Näheres muss ein Rechtsmediziner herausfinden.« Sein Job war erledigt, er verließ den Raum.
»Ich habe die Kollegen von der Spusi informiert.« Ansgar war hinter seinen Chef getreten und blickte nun ebenfalls auf den Leichnam.
Thamsen nickte. »Hast du den Bestatter …?«
»Ja.«
Es war nicht die erste Leiche, die die beiden vor sich hatten. Sie verstanden sich blind, wussten, was zu tun war. Und nach einem Verbrechen sah das hier für ihn auf den ersten Blick aus. Obwohl außer den Hämatomen im Gesicht keine sichtbaren Verletzungen zu erkennen waren. Das musste nichts heißen, die Frau konnte vergiftet oder erstickt worden sein, oder aber sie war schlichtweg verdurstet, denn so wie es aussah, hatte sie hier irgendjemand gefangen gehalten. Sie war mit Kabelbinder an das Heizungsrohr gefesselt. Den Mund hatte man ihr mit Isolierband verklebt, welches der Notarzt bereits entfernt hatte. Die Lippen wirkten spröde und rissig. Neben dem Leichnam lag eine leere Wasserflasche. Verdursten als Todesursache erschien ihm als Laien am wahrscheinlichsten, aber ob das stimmte, war Aufgabe des Rechtsmediziners.
»Gut, du bleibst hier, bis die Kollegen von der Spurensicherung eintreffen. Ich muss jetzt erst einmal mit Haie zu der Mutter und Niklas abholen.« Thamsen stemmte sich aus der Hocke hoch.
Ansgar nickte. »Geht klar. Soll ich die Kollegen in Husum anrufen?«
Das Informieren der Kripo war Chefsache. Gerne hätte er die Aufgabe abgegeben, aber das ging nicht. »Das erledige ich später«, entgegnete er, ehe er einen letzten Blick auf die Tote warf, sich kopfschüttelnd umdrehte und zum Eingang zurückging. Dort stand Haie und trat von einem Fuß auf den anderen.
»Was ist denn los?«
»Es scheint so, als hättest du recht gehabt. Deine Nachbarin liegt tot in diesem Haus.«
Haies Augen weiteten sich. »Was? Hier? Wie?«
Thamsen zuckte mit den Schultern. »Das kann man noch nicht sagen.«
»Aber dann … Ich meine, das Haus steht seit Jahren leer, soweit ich weiß.«
»Wer ist denn der Eigentümer?«
»Keine Ahnung, wahrscheinlich die Kinder von Fiete Sönksen. Erinnerst du dich nicht an den Fall?«
Thamsen fuhr sich durch das blonde kurze Haar. Ganz dunkel konnte er sich an eine Tragödie erinnern, die sich vor einigen Jahren in der Gegend abgespielt hatte. »Ist dies das Haus, wo es den erweiterten Suizid gab?«
Haie nickte. »Genau, ist zwar schon etliche Jahre her, aber Fiete Sönksen hat damals erst seine Frau und dann sich selbst erschossen.«
»Stimmt.« Langsam kehrten Details zum Fall in Thamsens Erinnerung zurück. Er war damals noch Oberkommissar gewesen und sein Chef hatte die Ermittlungen geführt. Er war nur am Rande einbezogen gewesen, wusste aber, dass es ein schreckliches Familiendrama gewesen war.
»Weißt du noch, warum er das getan hat?«
»Helene hat mal erzählt, dass Fiete Sönksen wohl total überschuldet gewesen ist. Ob das stimmt, weiß ich nicht. Kennst ja Helene.«
»Und seitdem steht das Haus leer?« Thamsen betrachtete das verfallene Reetdachhaus. Wenn es wirklich mehrere Jahre unbewohnt war, dann war es natürlich ein ideales Versteck für eine Leiche oder ein Entführungsopfer. Vielleicht hatte der oder die Täterin Tatjana gar nicht ermorden wollen, sondern ihr Tod war versehentlich eingetreten. Er versuchte sich zu erinnern, ob er im Haus der Toten irgendwelche Arzneimittel gesehen hatte.
»Litt deine Nachbarin unter einer Krankheit?«
»Wie?« Haie konnte Dirks Gedankengang nicht folgen.
»War sie chronisch krank oder hatte Herzprobleme, nahm sie regelmäßig Medikamente?«
»Woher soll ich das wissen?«
»Na, man unterhält sich doch auch mal über Krankheiten.«
»Doch nicht in dem Alter.«
»Wieso, wie alt war Tatjana?«
Haie hob abschätzend die Hand. »So Ende zwanzig?«
»War nur so eine Idee«, murmelte Thamsen und sah eine Menge Arbeit auf sich zukommen. Selbst wenn er die Kripo über den Fall informierte, würde er sicher keine Unterstützung erhalten. Niemand aus Husum würde sich hier blicken lassen – zumindest nicht, um ihn bei den Ermittlungen zu unterstützen. Das war in den letzten Fällen so. Das würde sich auch jetzt nicht ändern. Die Kollegen in Husum hatten angeblich immer Dringenderes zu erledigen. Da konnte er den Anruf auch noch etwas hinausschieben.
»Komm«, sagte er daher zu Haie, »wir holen jetzt erst einmal Niklas ab und dann bringe ich euch nach Hause.«
7. Kapitel
Niklas wirkte reichlich blass um die Nase, als Thamsen und Haie wenige Minuten später bei dessen Freund eintrafen. Und auch Ole sah mitgenommen aus, obwohl er die Leiche nicht gesehen hatte, wie er aussagte. Aber Niklas’ derzeitiger Zustand und allein die Vorstellung eines toten Menschen setzten ihm zu.
Oles Mutter hatte die Jungs zu beruhigen versucht und ihnen Kakao gekocht, den die beiden jedoch nicht angerührt hatten.
»Vielleicht fahren Sie mit Niklas besser zu einem Arzt«, riet sie, als Thamsen den Jungen auf den Arm nahm und dieser sich an ihn klammerte.
Er nickte, wusste aber, dass das Beste für Niklas wahrscheinlich erst einmal sein gewohntes Umfeld und Haies liebevolle Fürsorge sein würden. Daher trug er den Jungen ins Auto und fuhr die beiden nach Hause.
»Ruf an, falls was ist«, sagte er zu Haie, als er das Haus des Freundes verließ. Sie hatten Niklas auf sein Bett gelegt und zugedeckt, da der Junge am ganzen Körper gezittert hatte. Haie hatte sofort einen Tee gekocht. Da aus Niklas kein Wort herauszubekommen war, hatte Thamsen beschlossen, ihn erst einmal zur Ruhe kommen zu lassen, und war aufgebrochen. Im Auto musste er sich einen Moment sammeln, dann rief er Ansgar an.
»Ich könnte zu den Angehörigen fahren, haben wir da Kontaktdaten?«
»Oh«, gab Rolfs zu, »das habe ich bisher nicht ermittelt. Es dauert hier doch länger als erwartet«, entschuldigte er sich.
»Gut, dann fahre ich selbst in die Dienststelle und schaue, was ich herausfinden kann. Haben die Kollegen denn schon was?«
»Na ja, ein paar Fußabdrücke, aber die können im Grunde genommen von jedem stammen, wer weiß, wie lange das Haus schon unbewohnt ist und wie viele Leute hier vielleicht durchgestromert sind.«
»Das Haus steht sicher schon einige Jahre leer.«
»Siehst du. Da hat sich bestimmt der eine oder andere mal im Haus umgesehen. Die Kinder sind das beste Beispiel.«
»Trotzdem müssten ja Abdrücke vom Täter dabei sein«, beharrte Thamsen. Sie brauchten einen Ermittlungsansatz, und das möglichst schnell.
»Die Kollegen arbeiten dran«, entgegnete Ansgar und legte auf.
Zurück im Büro überlegte Thamsen zunächst, was er zuerst erledigen sollte. Vor ihm lag eine Menge Arbeit, daher entschied er sich dafür, seine neue Mitarbeiterin hinzuzuziehen. Schließlich hatte man Bianca Neumann zu seiner Unterstützung eingestellt. Lange hatte Dirk für eine Sekretärin gekämpft.
Die junge Frau saß an ihrem Schreibtisch und starrte auf den Bildschirm ihres Computers. Er sah, dass sie schnell etwas wegklickte, als er näher trat. Wahrscheinlich surfte sie im Internet, war vermutlich nicht ausgelastet. Das konnte er schnell ändern.
»Wir haben einen Leichenfund.«
»Ahm.« Mit großen Augen blickte Bianca Neumann ihn an.
»Können Sie mir bitte alle relevanten Informationen zu Tatjana Lieberknecht heraussuchen? Als Erstes brauche ich den Namen und Wohnort der Familienangehörigen, die müssen über den Tod der Frau informiert werden.«
»Und das soll ich machen?« Biancas Stimme klang schrill.
»Nein, das ist Chefsache. Ich brauche nur die Adressen.« Thamsen wurde klar, dass er sich stärker um die Einarbeitung der Mitarbeiterin kümmern musste. Bisher hatte er sich wenig mit ihr beschäftigt.
»Okay, mache ich«, entgegnete Bianca Neumann und blickte ihn an. Er nickte und ging zurück in sein Büro.
Während sie die Informationen raussuchte, konnte er in Husum anrufen, beschloss er. Ewig durfte er das schließlich nicht herauszögern. Er wählte die Nummer der Kripo in Husum und kurz darauf stellte ihm Lorenz Meister die altbekannte Frage in derlei Fällen: »Seid ihr euch sicher, dass es sich um einen Mord handelt?«
Thamsen musste seine Wut herunterwürgen, dann erklärte er, was sie bisher wussten. »Das Haus steht schon eine Weile leer und so wie es aussieht, ist das Opfer dort festgehalten worden.«
»Aha.«
»Sie wurde schon seit ein paar Tagen vermisst.«
»Vermisst?«, horchte Meister auf. »Gab es eine Anzeige?«
»Nicht direkt.«
»Was heißt das?«
»Nun, einem Nachbarn ist aufgefallen, dass ihr Haus unbewohnt wirkte, und auf der Arbeit ist sie auch nicht erschienen.«
»Hm, ist es möglich, dass sie sich in dem Haus versteckt gehalten hat?«
»Na ja, es sieht nicht …«
»Gut«, fiel Meister ihm ins Wort, »untersucht das erst mal gründlich und dann schauen wir weiter.« Ohne eine Verabschiedung legte Lorenz Meister auf.
»Das ist ja wohl …«, schimpfte Thamsen und knallte den Hörer auf, als Bianca Neumann in sein Büro trat und ihn erschrocken anblickte.
»Störe ich?«
»Nein«, seufzte Dirk und winkte sie zu sich an den Schreibtisch. Er hatte im Prinzip bereits vor dem Anruf geahnt, dass die Arbeit an ihnen hängen bleiben würde. Lohnte es sich überhaupt, sich aufzuregen?
»Was haben Sie denn herausgefunden?«
»Nicht viel«, gab Bianca zu. »Es gibt eine Familie Lieberknecht in Bredstedt. Das scheinen die Eltern zu sein.« Sie schob ihm einen Zettel mit der Adresse über den Schreibtisch zu.
Trauerbotschaften zu überbringen, gehörte nicht gerade zu Thamsens Lieblingsaufgaben, und so gerne er diesen unliebsamen Besuch auch jemand anderem überlassen hätte, es führte kein Weg daran vorbei. Die Angehörigen mussten informiert werden, und oftmals ergaben sich bei diesen Besuchen erste Ermittlungsansätze.
Er erhob sich stöhnend und griff nach dem Zettel mit den Daten. »Ich bin dann mal weg«, sagte er und verließ das Büro.
»Schau mal, ich habe dir einen Kakao gemacht«, sagte Haie, als er Niklas’ Zimmer betrat. Niklas lag nach wie vor apathisch auf seinem Bett und starrte an die Decke. Er setzte sich auf die Bettkante, stellte den dampfenden Becher auf dem Nachttisch ab und strich Niklas vorsichtig über den Kopf. Daraufhin drehte er sich zu ihm.
»Die Frau war tot«, flüsterte der Junge.
»Ich weiß.«
Haie wusste, was Niklas gerade durchmachte. Er kannte das Gefühl, das man empfand, wenn man zum ersten Mal eine Leiche gesehen hatte. Die Bilder von Haies erstem Toten hatten ihn tage- und nächtelang verfolgt. Wie konnte er Niklas bloß helfen?
»Was habt ihr denn in dem Haus gesucht?«
Niklas zuckte mit den Schultern. »Ole hat gesagt, dass es dort spukt. Aber Geister gibt es doch nicht, oder?«
Haie schüttelte den Kopf. »Nein, das ist nur so ein Gerede der Leute.«
»Ja, aber was passiert denn mit einem, wenn man stirbt?«
Das war eine Frage, auf die Haie grundsätzlich auch keine Antwort wusste. Er hatte dem Jungen immer erzählt, dass seine Mutter im Himmel wohnte. Aber ob das stimmte? War das nicht nur eine Wunschvorstellung? Mit der man sich trösten konnte, weil es den geliebten Menschen nicht mehr gab? Weil er weg war. Für immer. Wer wusste das schon?
»Tatjana ist jetzt bestimmt im Himmel.«
Niklas nickte. »Aber warum?«
Noch so eine Frage, dachte Haie. Wobei, im Grunde genommen musste die Antwort lauten, dass jemand Tatjana umgebracht hatte, aber das konnte er Niklas nicht sagen. Und an Gott glaubten sie nicht wirklich. Jedenfalls waren weder er noch Tom besonders religiös, und daher war auch Niklas nicht in dieser Weise aufgezogen. Was also sollte er sagen?
»Ich weiß es nicht«, gab er zu. »Aber Onkel Dirk wird das herausfinden.«
»Bestimmt?« Niklas schaute ihn mit großen Augen an.
»Bestimmt«, nickte Haie. »Und ich helfe ihm dabei.«
8. Kapitel
Thamsen hatte noch keinen Anhaltspunkt, warum Tatjana Lieberknecht tot in diesem Haus gelegen hatte. Wer hatte die Frau dort hingebracht? Oder war sie freiwillig zu dem Haus gekommen? Hatte jemand sie hingelockt?
Er ging davon aus, dass sie ermordet worden war, und erwartete diesbezüglich keine Überraschung durch die Obduktion, wohl aber neue Erkenntnisse.
Die Husumer würden sich in die Ermittlungen – Kapitalverbrechen hin oder her – nicht sonderlich einbringen, daher brauchte er Hinweise, um den Fall aufzuklären. Er wollte keinen ungeklärten Mordfall in seinem Bereich. Er wollte die Welt ein Stück weit sicherer machen, deshalb war er Polizist geworden.
Oftmals kam der Täter aus dem näheren Umfeld des Opfers, daher war die Benachrichtigung der Angehörigen enorm wichtig, um sich einen Eindruck über die Verhältnisse des Opfers zu machen. Erschwerend in diesem Fall kam jedoch hinzu, dass Tatjana Lieberknecht erwachsen war und nicht mehr zu Hause wohnte. Hatten die Eltern ihre Tochter öfter in Niebüll besucht? Kannten sie ihr Umfeld, ihre Freunde? Was wussten die Eltern von der Tochter? Das galt es nun herauszufinden. Er hoffte, dass sie ihm mehr Informationen liefern konnten als Haie. Obwohl dieser Tür an Tür mit der Frau gewohnt hatte und seine Nase stets in fremde Angelegenheiten steckte, konnte er ihm kaum Nützliches liefern.
Thamsen fuhr auf der B 5 Richtung Bredstedt und fühlte sich plötzlich unendlich müde. Wobei müde nicht direkt den Zustand traf, in dem er sich befand. Es war eher so etwas wie Hilflosigkeit und ein Erschrecken darüber, dass in seiner Heimatstadt schon wieder ein Verbrechen passiert war, dass in solch einer friedlichen Gegend jemand einen grausamen Tod gefunden hatte. Wie der Schein trügen konnte. Die weite Landschaft, die so idyllisch wirkte, der hohe Himmel, der endlos schien, die friedlich grasenden Schafe, im Hintergrund die stetig rotierenden Windräder – all das konnte ihn in diesem Moment nicht von dem Gedanken ablenken, dass ein Mensch einem anderen das Leben genommen hatte. Und zwar nicht irgendwo in New York oder Kapstadt, sondern nur wenige Kilometer entfernt von dem Ort, an dem er mit seiner Familie lebte.
Er hielt vor einem kleinen Einfamilienhaus am Rande der nordfriesischen Kleinstadt und starrte zur Eingangstür hinüber. Was sollte er sagen? Worte zu finden für solch eine grausame Nachricht, fiel sicherlich jedem schwer, aber ihm ganz besonders. Er war einfach nicht gut in solchen Dingen – noch nie gewesen – und doch wusste er, wie enorm wichtig dieser Besuch war. Für alle Beteiligten.
Er stieg aus und ging langsam auf den Eingang zu. Das Haus wirkte sehr gepflegt, obwohl es der Bauart nach zu urteilen aus den Fünfziger-, vielleicht Sechzigerjahren stammte. Er mochte diese Art von Häusern, war selbst in einem ähnlichen groß geworden. Seine Mutter hatte, bis sie vor Kurzem in eine betreute Wohnanlage gezogen war, noch in seinem Elternhaus gewohnt. Er hatte es nicht übers Herz gebracht, das Haus zu verkaufen, obwohl klar war, dass sie nicht zurückziehen würde können. Und für Dörte, ihn und die Kinder war es zu klein, zu beengt. Trotzdem hatte er es zunächst vermietet, bis er sich eines Tages davon würde ganz lösen können.
Thamsen holte tief Luft, ehe er den Klingelknopf neben dem Namensschild mit dem Schriftzug »Lieberknecht« drückte.
Zunächst tat sich nichts, dann hörte er Schritte und kurz darauf öffnete eine ältere Frau mit zerzausten Haaren die Tür.
»Frau Lieberknecht?«, erkundigte er sich zunächst.
»Ja?« Sie blinzelte ihn aus schmalen Augen an.
»Mein Name ist Dirk Thamsen von der Polizei Niebüll.«
»Polizei?« Augenblicklich huschte ein Schatten über ihr Gesicht.
»Frau Lieberknecht, ich habe Ihnen eine traurige Nachricht zu überbringen. Ihre Tochter wurde heute …«
»Oh nein«, schluchzte sie auf und geriet ins Wanken. Thamsen trat schnell neben die Frau und stützte sie. Er bemerkte, wie sie zu zittern begann.
»Kommen Sie«, sagte er und führte sie am Arm ins Haus.
Im Flur verschaffte er sich kurz einen Überblick. Das Haus war ähnlich angelegt wie sein Elternhaus. Er führte Frau Lieberknecht in die Küche, wo er sie auf einen Stuhl bugsierte. Aus einem Küchenschrank nahm er ein Glas und füllte Wasser hinein.
»Trinken Sie einen Schluck«, forderte er sie mit einem Kopfnicken auf.
Frau Lieberknecht klammerte sich an das Glas, während sie gierig trank, als könne sie die schlechte Botschaft so hinunterspülen. Dirk beobachtete die Frau, die sich langsam etwas beruhigte.
»Sind Sie allein zu Hause?«
»Ja.« Ihre Antwort war nur ein Flüstern.
»Soll ich jemanden anrufen für Sie? Kann jemand kommen?«
»Meinen Sohn vielleicht? Seine Nummer steht in dem kleinen roten Buch, das neben dem Telefon im Flur liegt.«
Er warf ihr einen letzten Blick zu, ehe er sich umdrehte und zum Telefon ging. Schnell hatte er in dem abgegriffenen Notizheft die Nummer gefunden. Der Vorwahl nach lebte der Sohn in Flensburg. Er tippte die Nummer auf seinem Handy ein.
»Hallo?«, meldete sich wenig später ein Mann.
»Thamsen, guten Tag, spreche ich mit Herrn Lieberknecht?«
»Ja, wieso?«
»Ich bin hier bei Ihrer Mutter, und es wäre gut, wenn Sie zu ihr kommen könnten. Ist das möglich?«
»Ist was passiert? Geht es ihr gut?«
»Nun«, druckste Thamsen herum. Am Telefon fiel es ihm noch schwerer, die Trauerbotschaft zu überbringen. »Es geht, also, wir haben Ihre Schwester heute tot aufgefunden.«
»Was, aber wie …« Die Stimme am anderen Ende der Leitung brach ab.
»Wir ermitteln natürlich, aber momentan sieht es so aus, dass wir es im Fall Ihrer Schwester mit einem Kapitalverbrechen zu tun haben.«
»Mord?«
Thamsen nickte, obwohl ihm bewusst war, dass sein Gesprächspartner ihn nicht sehen konnte. »Haben Sie eine Vermutung, wer Ihrer Schwester das angetan haben könnte?«
»Tatjana? Nein, wer sollte ihr etwas antun wollen? Sie ist überall sehr beliebt, jeder mag sie.«
»Wie eng ist denn Ihr Kontakt?« Thamsen wusste, dass ein gutes Geschwisterverhältnis nicht selbstverständlich war.
»Wir verstehen uns gut – klar, wir sehen uns nicht oft, aber wir telefonieren regelmäßig.«
Dirk überlegte. So regelmäßig konnten die Telefonate nicht stattgefunden haben. Tatjana war über mehrere Tage nicht erreichbar gewesen. War dem Bruder das nicht aufgefallen?
»Können Sie denn zu Ihrer Mutter kommen? Es wäre gut, wenn sie jetzt nicht alleine wäre.«
»Selbstverständlich, aber es dauert einen Moment. Vielleicht kann eine Nachbarin so lange …?«
Besonders eilig hatte es der Sohn also nicht. Die Fahrt von Flensburg hierher dauerte keine Stunde. »Ich höre mich um«, entgegnete Thamsen und legte auf.
9. Kapitel
»Das ist schrecklich«, ließ eine schrille Frauenstimme vernehmen, als Haie am frühen Abend den Supermarkt im Dorf betrat.
Natürlich hatte sich der Leichenfund im Dorf inzwischen herumgesprochen. Das war nicht verwunderlich. Und natürlich waren die Leute erschrocken über die Geschehnisse, was sie allerdings nicht davon abhielt, sich haarsträubende Erklärungen auszudenken.
Beim Obststand wurde Haie Zeuge, wie ein Mann Meta Lorenz tatsächlich weismachen wollte, dass der Geist aus dem verlassenen Haus in Deezbüll Tatjana Lieberknecht umgebracht hatte. Haie hätte laut auflachen können, wenn die Angelegenheit nicht so ernst gewesen wäre.
Interessanter fand er da schon die Unterhaltung an der Wursttheke, denn da arbeitete eine relativ junge Frau, die zumindest vom Alter her Tatjana nahegestanden haben könnte. Aber auch sie schien nicht wirklich etwas zu wissen.
»Ich glaube, die hat sich oft mit irgendwelchen Kerlen eingelassen. Dann muss man sich nicht wundern, wenn das eines Tages so kommt.«
Haie hasste solche Phrasen. Zum einen stimmte es nicht, dass Tatjana ständig irgendwelche Kerle angeschleppt hatte – das hätte er mitbekommen –, und zum anderen: Warum sollte man sich nicht wundern, dass jemand umgebracht wurde, weil er oder sie wechselnde Partnerschaften pflegte?
Trotzdem lächelte er die junge Verkäuferin an und fragte sie, ob sie regelmäßig in die Dorfdisco gehe und vielleicht etwas beobachtet habe. Denn so wie es schien, war Tatjana dort das letzte Mal lebend gesehen worden.
Doch die junge Frau zog nur die Augenbrauen in die Höhe. »Sehe ich so aus, als wenn ich zu so ’ner Deppendisco gehe?«
Mehrere Köpfe schnellten herum und auch Helene warf der Mitarbeiterin einen bösen Blick zu. Es war eines, so etwas zu denken, wenn man nicht von hier kam, aber das laut vor den Leuten – vor der Kundschaft – auszusprechen, ging gar nicht. Daher drängte sich die Kaufmannsfrau hinter den Fleischtresen und schubste die junge Frau zur Seite. »Mach mal Pause.«
Natürlich war die Intervention von Helene nicht ganz uneigennützig, das wusste Haie, denn vor allem von ihm, dem Nachbarn der Toten und dem Freund des ermittelnden Kommissars, erhoffte sie sich sicher exklusive Informationen für ihren Dorfklatsch.
»Ich habe gehört, dass Niklas die Tatjana gefunden hat. Wie geht es ihm denn?«, fragte sie.
»Och«, Haie zuckte mit den Schultern, »war schon ein Schock für ihn.«
»Das kann ich mir vorstellen. War sie denn arg entstellt?«
Es war klar, dass es ihr nicht um Niklas ging. Sie brauchte Details, damit sie neuen Klatsch verbreiten konnte. Voyeurismus war weit verbreitet und Helene tat ihr Bestes, um die Bedürfnisse ihrer Kundschaft auch in diesem Punkt zu befriedigen.
»Niklas sagt nichts. Muss der Schock sein«, redete Haie sich raus.
»Und die Polizei?«
»Ermittelt wohl, aber da muss man ja erst die Ergebnisse der Untersuchungen abwarten. Ohne Obduktion und so kann man eh nicht viel sagen.« Haie gab sich fachmännisch. Helene hingegen unbeeindruckt. Sie startete einen letzten Versuch.
»Habe gehört, dass du in der Disco warst. Hast du denn Tatjana da getroffen?«
Haie schoss das Blut in die Wangen, zumal sich gerade in diesem Moment seine Exfrau Elke neben ihn an die Fleischtheke stellte. Dass sich in diesem Dorf aber auch immer alles so schnell herumsprechen musste. Nichts blieb unentdeckt. Er schüttelte lediglich den Kopf und wies mit dem Finger auf die Theke. »Zweihundert Gramm von der Gesichterwurst.«
»Ist Niklas nicht bald ein bisschen zu alt für solch einen Kinderkram?«, fragte Elke und lächelte Haie von der Seite an.
Dem wurde es im Laden nun langsam zu eng. Er tat, als hätte er Elkes Frage überhört, schnappte sich die Tüte mit der Wurst und eilte weiter. Nach und nach legte er die restlichen Dinge, die auf seiner Liste standen, in den Einkaufswagen und ging zur Kasse.
Dort traf er natürlich wieder auf Helene. Doch diese hatte nun erkannt, dass aus Haie nichts weiter von Belang herauszubekommen war. Sie kassierte ab, und noch während Haie die Einkäufe in seiner Tüte verstaute, wandte sie sich Meta Lorenz zu.
»Na, hest all hört?«
Die kleine, gebückte Frau nickte. »Wer so was wohl nur macht?«
»Tja, das wird sich bestimmt bald rausstellen. Heutzutage hat die Polizei ja eine Menge Möglichkeiten. Speicheltest und so«, prahlte Helene mit ihrem nicht vorhandenen Fachwissen.
»Wieso, ist die Frau denn …?«, fragte auch sogleich die Kundin, die hinter Meta Lorenz in der Schlange stand.
Helene nickte, was Haie aus dem Augenwinkel sah. Oje, dachte er, der Fall heizte ganz schön die Gerüchteküche an. Schon immer hatte Helene Gefallen am Tratsch gefunden, und wenn sie mal etwas nicht wusste, weil es aus niemandem herauszuquetschen war, dachte sie sich einfach etwas aus.
Dirk hatte eine Nachbarin gebeten, bei Tatjana Lieberknechts Mutter zu bleiben, bis der Sohn eintraf. Die Mutter war zu geschockt über den Tod ihrer Tochter. Eine Befragung wäre momentan sinnlos, daher wollte er zurück in die Dienststelle fahren und die Familie später noch einmal aufsuchen.
»Der Sohn soll sich bei mir melden, wenn er ankommt«, trug er der Nachbarin auf, reichte ihr seine Visitenkarte und verließ das Haus.
Auf dem Weg zurück nach Niebüll gingen Dirk eine Menge Gedanken durch den Kopf: Hatte jemand Tatjana Lieberknecht entführt und sie in dem verlassenen Haus festgehalten? Und wie war sie gestorben? War sie wirklich verdurstet?
Es musste jemand aus der Gegend gewesen sein, das stand für ihn fest. Wer sonst konnte wissen, dass das Haus leer stand, dass so gut wie nie jemand dort hinkam? Oder hatte der oder die Täterin es darauf angelegt, dass man Tatjana Lieberknecht fand? Aber warum? Das ergab keinen Sinn.
Sein Handy klingelte und er nahm das Gespräch in der Hoffnung auf neue Ergebnisse an.
»Dirk, wo bleibst du?« Es war Dörte.
»Wieso?«
»Jetzt sag bloß nicht, du hast den Termin vergessen.« Siedend heiß fiel Thamsen ein, dass er Dörte versprochen hatte, zu einer Aufführung von Lottas Ballettgruppe mitzugehen, die heute stattfand.
»Oh, Schatz, ja, also …«
»Komm mir jetzt nicht mit ›ihr habt einen Leichenfund‹«, entgegnete Dörte spitz.
Thamsen schluckte. »Doch.«
»Was? Das ist ein Scherz«, schnaubte Dörte.
Dirk konnte ihren Ärger verstehen, aber seine Arbeit ging in diesem Fall nun einmal vor. Leid tat ihm Lotta, die sicherlich enttäuscht sein würde, aber er konnte schließlich nichts dafür. Er versprach, es Lotta später selbst zu erklären, und legte auf, als er auf dem Parkplatz der Dienststelle in Niebüll angekommen war. Er seufzte und stieg aus.
Ansgar war mittlerweile vom Fundort zurück im Büro.
»Und, haben die Kollegen etwas gefunden, was uns weiterbringt?«, fragte Thamsen sofort.
»Wir müssen abwarten. Es gab eine Menge Spuren, aber das wird dauern, die auszuwerten. Außerdem ist fraglich, was uns dann zu dem Täter führen kann. Denn wie es aussieht, waren mehrere Leute in dem Haus, nicht nur die beiden Jungs«, stöhnte Ansgar, der wie Thamsen wusste, wie wichtig jetzt Ermittlungsansätze waren. »Und bei dir?«
Dirk berichtete von seinem Besuch bei den Angehörigen. »Die Mutter ist nicht ansprechbar. Steht unter Schock. Ich habe den Bruder der Toten verständigt, der kommt aus Flensburg.«
»Gut«, nickte Rolfs und schaute Thamsen nach wie vor erwartungsvoll an. Doch das war alles, was Thamsen beisteuern konnte, auch wenn er gern mehr Ergebnisse liefern würde.
»Ich denke, uns bleibt vorläufig nichts Weiteres übrig, als abzuwarten«, entgegnete Dirk daher. »Lass uns für neun Uhr morgen ein Meeting ansetzen, dann haben wir vielleicht die Ergebnisse der Obduktion.«
Nachdem Haie den Sparmarkt geradezu fluchtartig verlassen hatte, war er nach Lindholm geradelt. Er wollte noch Brot kaufen, und das von der Bäckerpost schmeckte ihm nun einmal am besten. Als er sein Fahrrad abstellte und in den kleinen Laden gehen wollte, traf er auf Maike. Sie wirkte noch blasser als bei ihrer ersten Begegnung.
»Sie haben sie gefunden«, stellte sie mit zittriger Stimme fest.
Haie wusste nicht so recht, was er erwidern sollte. Der Schrecken darüber, dass Tatjana tot aufgefunden worden war, steckte ihm in den Gliedern, machte ihn sprachlos. Er nickte lediglich und sah, wie Tränen in Maikes Augen aufstiegen.
»Es ist so schrecklich«, flüsterte sie.
Haie spürte einen dicken Kloß im Hals und räusperte sich. »Hast du eine Ahnung, zu wem sie alles Kontakt hatte? Gab es vielleicht eine neue Bekanntschaft?«
Maike zuckte mit den Schultern und wurde durch einen Schluchzer geschüttelt. »Wer macht denn nur so etwas? Sie hat doch niemandem etwas getan.«
Das sah er ähnlich, nur gab es jemanden, der anderer Meinung gewesen war. Und diesen Jemand galt es zu finden. Er oder sie durfte nicht ungeschoren davonkommen, das musste Thamsen unbedingt vermeiden. Und vielleicht auch mit ein bisschen Hilfe von ihm. »Oft kommt der Täter aus dem näheren Umfeld des Opfers. Gibt es da jemanden, der dir einfällt? Hatte sie einen neuen Freund, eine Bekanntschaft? Hat sie mit dir darüber gesprochen?« Er wusste nicht, wie eng die Freundschaft zwischen den beiden jungen Frauen gewesen war, aber er hoffte, dass Tatjana Maike irgendetwas erzählt hatte.
Die junge Frau vor ihm wirkte, als würde sie überlegen, aber gleich darauf schüttelte sie den Kopf. »Also, mir fällt da partout nichts ein«, schluchzte sie.
»Schon gut«, versuchte Haie sie zu beruhigen. »Aber wenn dir etwas einfällt, dann melde dich bei mir oder am besten bei der Polizei.«
Bei dem Wort »Polizei« riss Maike die Augen weit auf. »Mache ich«, sagte sie leise, verabschiedete sich mit einem leichten Kopfnicken und ging zu ihrem Wagen.
Haie sah ihr nach. Er verstand nur zu gut, wie sie sich fühlte. Er wusste genau, wie es sich anfühlte, wenn eine gute Freundin gewaltsam aus dem gemeinsamen Leben gerissen wurde. Vor einigen Jahren hatte er das selbst durchgemacht und noch heute kämpfte er mit der Erinnerung an das Geschehene. Zwar sagte einem der Verstand, dass der geliebte Mensch nicht mehr da war, aber begreifen konnte man das, wenn überhaupt, erst wesentlich später. Er holte tief Luft und betrat den kleinen Bäckerladen, in dem es wie immer herrlich nach frischem Brot roch. Die Bäckerfrau hinter dem Tresen schaute ihn aufmerksam an, sicherlich hatte sie gesehen, dass er sich mit Maike unterhalten hatte, und bestimmt hatte auch sie schon von dem Leichenfund gehört. Beides bestätigte sich sogleich.
»Und, ermittelst du wieder?«
Eigentlich war Haie stolz auf seinen Ruf als Hilfssheriff, aber in diesem Fall fühlte er sich irgendwie überfordert, der Fall ging ihm sehr nahe. Er hatte Tatjana gekannt. Sie war eine so nette und angenehme Nachbarin gewesen. Dass sie nun tot war – ja, sogar ermordet worden war –, erschreckte ihn nicht nur, sondern ließ ihn eine Hilflosigkeit empfinden, die ihn lähmte.
»Na ja, das gestaltet sich schwierig«, versuchte er der Frage auszuweichen. Im Gegensatz zu Helene ließ die Bäckerfrau diesen Umstand auf sich beruhen und hakte von sich aus nicht weiter nach.
»Kanntest du denn Tatjana Lieberknecht?«, fragte Haie schließlich. Er konnte und wollte die Angelegenheit nicht einfach auf sich beruhen lassen.
»Nur vom Sehen. Sie hat hier manchmal auf ihrem Heimweg fürs Abendbrot Brötchen gekauft.«
»Und hat sie mal etwas erzählt?«
»Was soll sie erzählt haben?« Die Frau blickte ihn fragend an.
»Weiß auch nicht«, musste Haie eingestehen. Er wusste im Prinzip nichts von dem Fall und auch sehr wenig über seine Nachbarin. Wer hatte sie nur in dieses Haus verschleppt und umgebracht? Und warum? In den Augen des Mörders gab es sicherlich einen Grund für das Verbrechen. Auch wenn jemand anderes die Motivation nur schwer oder kaum nachvollziehen konnte. Nicht jeder Mörder war zwangsläufig krank oder irre, wie so gerne angenommen wurde. Aber er hatte eine Sichtweise auf eine Situation, befand sich in einem Konflikt, dessen einzige Lösung für den Täter lautete: Die Person musste aus dem Weg geräumt werden. Von außen betrachtet, gab es natürlich Hunderte andere Möglichkeiten, den Konflikt zu lösen – nicht aber für den Täter.
»Ich nehme ein Vollkornbrot«, sagte Haie und zeigte auf das Regal hinter der Verkäuferin.
Sie griff nach dem Brot und packte es in eine Papiertüte. »Sonst noch einen Wunsch?«
Gerne hätte er gesagt, dass er sich Frieden und den Mörder von Tatjana Lieberknecht hinter Gittern wünschte, aber er schüttelte lediglich den Kopf. »Das ist für heute alles.«
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.