Kitabı oku: «Jean Genet und der revolutionäre Diskurs in seinem historischen Kontext»
Sara Izzo
Jean Genet und der revolutionäre Diskurs in seinem historischen Kontext
Herausgegeben von Wolfgang Asholt (Osnabrück), Hans Manfred Bock (Kassel), Andreas Gelz (Freiburg), Christian Papilloud (Halle)
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen
[bad img format]
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek.
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Als Dissertation an der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn entstanden.
Umschlagabbildung: Jean Genet face à un policier, 1970. ©Fondation Gilles Caron/GAMMA RAPHO
© 2016 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen
www.francke.de • info@francke.de
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
E-Book-Produktion: pagina GmbH, Tübingen
ePub-ISBN 978-3-8233-0009-0
Inhalt
Danksagung
0 Einleitung
1 Grundlagen: Methode, Korpus, Forschungsstand1.1 Methodisches Konzept1.1.1 Der Diskursbegriff bei Foucault und Bourdieu1.1.2 Aussagenspezifische Bezugssysteme: Foucaults ‚champ de possibilités stratégiques‘ und Bourdieus ‚espace des possibles‘ im Vergleich1.1.3 Prämissen der methodischen Anwendung: Die feldspezifische Positionierung von Jean Genet und die Bedeutung des revolutionären Diskurses1.2 Korpus1.3 Forschungsstand
2 Genet und das intellektuelle Feld in Frankreich2.1 Jean Genet im Fokus der medialen Öffentlichkeit: Zwischen revolutionärer Emblematisierung und Anonymitätsgebot2.2 Intellektuelle Handlungsentwürfe2.2.1 Genet und Sartre: Der Poet und der Philosoph2.2.2 Genet und Foucault: Kooperation im ‹Groupe d’information sur les prisons›2.3 Kritik an der Rechtsstaatlichkeit aus Sicht Genets, Sartres und Foucaults2.3.1 Zwischen ‚tribunal populaire‘ und ‚contre-procès‘ – Sartres und Foucaults Kritik an der Institution des Gerichtes2.3.2 Vor Gericht: Zur Problematik der Zeugenaussage2.3.3 «La Sentence» – Genets Kritik an der Rechtsprechung2.3.4 Zur Bedeutung strafrechtlicher Kategorien: politische Gefangene oder Strafgefangene?2.3.5 «Le Langage de la muraille» – Genets Antwort auf «Surveiller et punir»2.3.6 Zum Begriff der Gewalt2.4 Zwischenbilanz
3 Genet und das gegenkulturelle Feld in den USA3.1 Genet, Ginsberg, Burroughs3.1.1 Genet als Inspirationsquelle für die Autoren der ‹Beat Generation›3.1.2 Genet, Ginsberg und Burroughs als Akteure der gegenkulturellen Öffentlichkeit in den USA3.1.3 Genets Selbstverständnis als ‚voyageur‘ und das poetische Konzept von Revolution im Vergleich zu Ginsbergs Perspektive des Reisenden3.2 Ereignis schreiben im Grenzbereich zwischen Journalismus und Literatur3.2.1 Varianten eines impressionistischen Journalismus: Genet und Burroughs als Reporter für «Esquire»3.2.2 Ereignisinspirierte Poesie: Ginsbergs Begriff der poetischen Reportage3.2.3 Exkurs: Genets journalistischer Pastiche des literarischen Realismus3.3 Antiamerikanische und antiwestliche Kritik aus der Sicht Genets, Ginsbergs und Burroughs’3.3.1 Der Vietnamkrieg als Symptom der amerikanischen Kultur3.3.2 Die Interpretation des Vietnamkrieges als sprachlicher Konflikt3.3.3 William S. Burroughs’ Cut-up-Methode und Genets Konzept der ‚écriture arachnéenne‘ als antiwestliche Schreibarten3.4 Zwischenbilanz
4 Zur Metaisierung des revolutionären Diskurses in «Un captif amoureux» 4.1 Der Einfluss der journalistischen Reportage auf «Un captif amoureux» am Beispiel von „Quatre Heures à Chatila“ und die ästhetischen Prinzipien der Zeugenschaft 4.2 Autoreflexive Kritik zur eigenen Funktion in der Öffentlichkeit: die Transkription des Interviews als dialogische Selbstbefragung in «Un captif amoureux» 4.3 Die Transposition des Selbstbildes als ‚voyageur‘ in eine makrokosmische Erzählperspektive 4.4 Zur Umdeutung des Kanons in «Un captif amoureux»: Von der revolutionären Kunstform zum kriegerisch-musikalischen Täuschungsmanöver 4.5 Die Interpretation der ‚écriture arachnéenne‘ als eine erinnerungsliterarische Gegenform zur westlichen Memoriakultur 4.6 Zwischenbilanz
5 Ergebnisse
LiteraturverzeichnisI. Schriften von Jean GenetII. Schriften von William S. BurroughsIII. Schriften von Michel FoucaultIV. Schriften von Allen GinsbergV. Schriften von Jean-Paul SartreVI. Weiterführende Literatur
Danksagung
Entstanden ist die vorliegende Arbeit als Dissertation an der Philosophischen Fakultät der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. In Dank für die Unterstützung während der gesamten Promotion möchte ich die Arbeit meinen Eltern, meinem Bruder Sergio und Olivier widmen. Meinen herzlichen Dank möchte ich insbesondere meiner Doktormutter Prof. Dr. Mechthild Albert für ihre Zuversicht in mein Projekt und die motivierende wissenschaftliche Betreuung aussprechen. Zu Dank verbunden bin ich darüber hinaus meinem Zweitbetreuer Prof. Dr. Paul Geyer, der Vorsitzenden meiner Prüfungskommission Prof. Dr. Daniela Pirazzini und Prof. Dr. Michael Bernsen. Mein aufrichtiger Dank gilt Albert Dichy für unser Gespräch zu Beginn der Promotion, welches für die thematische Entwicklung des Projektes von Bedeutung war, sowie für die durch ihn ermöglichten Recherchen im Fonds Jean Genet des IMEC. Für die anregenden Diskussionen und gewinnbringenden Anmerkungen möchte ich auch allen Teilnehmern des von Prof. Dr. Mechthild Albert geleiteten Doktorandenkolloquiums danken, die den Entstehungsprozess der Arbeit konstruktiv begleitet haben. Mein besonderer Dank gilt Dr. Ulrike Becker und Dr. Elmar Schmidt für die kollegiale Hilfe zu Beginn des Veröffentlichungsprozesses. Ich danke meinem Bruder Sergio darüber hinaus für die korrigierende Lektüre der Arbeit. Meinen Freundinnen Elena, Jenny und Roxana danke ich für die moralische Unterstützung, die fachlichen Ratschläge und das stets offene Ohr.
0 Einleitung
„J.G. cherche, ou recherche, ou voudrait découvrir, ne le jamais découvrir, le délicieux ennemi très désarmé, dont l’équilibre est instable, le profil incertain, la face inadmissible, […] je cherche l’ennemi déclaré.“1 Mit diesen Worten, die nicht nur in den sechsten und letzten Band seiner Werke, die politischen Reden und Texte, einleiten, sondern diesem auch seinen Titel geben, lässt sich Jean Genets Einsatz im politischen Zeitgeschehen metaphorisch als eine auf der politischen Bühne der Öffentlichkeit vorgenommene Suche nach dem erklärten Feind umschreiben. Ausgehend von den Ereignissen im Mai 1968 unterstützt er insbesondere die Black Panther Party in den USA und den palästinensischen Befreiungskampf, aber auch die Immigranten in Frankreich und die Rote Armee Fraktion. Er schreibt über den Vietnamkrieg und die Friedensdemonstrationen in den USA, die Willkür des französischen und amerikanischen Justizsystems und entwirft eine Kampagne gegen die Wahl von Giscard d’Estaing 1974. Seine Haltung der Konfrontation charakterisiert die gesamten zwischen 1968 und 1983 entstandenen politischen Schriften und Interventionen, die sich im Kontext eines historisch determinierten revolutionären Diskurses situieren lassen. Faszinierend und umstritten zugleich, formen sie das Substrat, auf dessen Basis sich sein ambivalentes politisches Profil nachzeichnen lässt. Gekennzeichnet durch seine Ablehnung jedweder seine schriftstellerische und gesellschaftskritische Haltung subsumierender Kategorien, lässt sich seine Sichtweise vor allem ex negativo bestimmen: nicht Intellektueller, sondern Poet, nicht Revolutionär, sondern Vagabund oder Reisender, nicht Beobachter der Gesellschaft, sondern ihr Kontrahent.
In dieser durch Abgrenzung bestimmten Selbstdefinition ist die vergleichende Grundstruktur der vorliegenden Untersuchung begründet. So kristallisiert sich Jean Genets öffentliche Position in bestimmten Personenkonstellationen besonders deutlich heraus. Seine politischen Aktivitäten in Frankreich lassen sich nicht ohne eine Kontrastierung mit Jean-Paul Sartre und Michel Foucault fassen, die dem intellektuellen Feld der sechziger und siebziger Jahre durch unterschiedliche Handlungsentwürfe seine Prägung geben. In den USA ist sein öffentliches Bild eng an die Autoren der Beat Generation gebunden, die als Bezugsgrößen im gegenkulturellen Feld agieren. Jean Genets politische Stellungnahmen sollen folglich als Elemente bestimmter Aussagensysteme und Korrelationsräume mit jeweils spezifischen diskursiven Gegenständen, Konzepten und Argumentationsmustern beleuchtet werden. Am Beispiel seiner zwischen 1968 und 1986 entstandenen Texte lässt sich auch ein Wandel des so ermittelten Diskurses nachzeichnen, der durch die Öffnung und den Verschluss des Möglichkeitshorizontes einer umfassenden gesellschaftlichen Veränderung bestimmt wird. Insbesondere in seinem letzten literarischen Werk Un captif amoureux von 1986 zieht Jean Genet eine Bilanz seines gesellschaftspolitischen Handelns, zu einem Zeitpunkt, als er die revolutionären Bewegungen in ihrer Endlichkeit erfasst. Mit der letzten Seite von Un captif amoureux, das kurz nach dem Tod seines Autors erscheint, schließt sich symbolisch auch ein Kapitel der Zeitgeschichte, deren Entwicklungen jedoch auf die Gegenwart ausstrahlen.
Es zeugt von Genets politischer Weitsicht, dass weiterhin jene Konfliktherde, auf die er in besonderem Maße sein Augenmerk richtete, ihren Platz in den aktuellen Schlagzeilen finden. Dazu zählen nicht nur der Nahostkonflikt, sondern auch die jüngst wieder aufkeimenden Rassenunruhen in den USA. „Amerika diskutiert wieder über Rassismus“2 – mit diesen Worten leitet beispielsweise der Historiker Manfred Berg in seinen Beitrag über die Proteste gegen die Polizeigewalt in Ferguson und Baltimore ein,3 in dem er einen direkten Vergleich mit den Unruhen in den sechziger Jahren anstellt.4 Man würde der politischen Schlagkraft von Genets Texten jedoch nicht gerecht, wenn man sich ihnen allein mit rationalen Erklärungsmodellen, wie etwa dem Bemessungskriterium der Weitsicht, des Scharfsinns, der Richtigkeit oder auch der Falschheit, nähern wollte. Denn was seine Haltung vor allem charakterisiert, ist die Radikalität seiner Position, welche auf dem Verständnis einer poetischen Negation basiert und in seinen Augen überhaupt erst eine neue Sichtweise eröffnen kann. Diese soll in der vorliegenden Arbeit mit dem methodischen Ansatz einer Verschränkung der Diskursanalyse nach Foucault und der Feldtheorie nach Bourdieu ergründet werden.
1 Grundlagen: Methode, Korpus, Forschungsstand
1.1 Methodisches Konzept
Der nachfolgende Vergleich des diskursanalytischen Ansatzes nach Michel Foucault und des feldtheoretischen Analyseansatzes nach Pierre Bourdieu zielt auf eine synthetische Verknüpfung beider Theoriemodelle ab. In zwei Stufen sollen Divergenzen und Berührungspunkte gegeneinander abgewogen werden. In einem ersten Schritt soll der in beiden Theorien grundsätzlich unterschiedlich konzipierte Diskursbegriff beleuchtet werden, um dann in einem zweiten Schritt die in Bourdieus Begriff des Möglichkeitsfeldes operationalisierbare Schnittmenge zu beschreiben.
1.1.1 Der Diskursbegriff bei Foucault und Bourdieu
„Il n’y a pas de science du discours considéré en lui-même et pour lui-même.“1 Mit dieser Aussage setzt sich der französische Soziologe Pierre Bourdieu eindeutig von den methodischen Ansätzen Michel Foucaults ab. Dessen zwischen 1966 und 1970 in unterschiedlichen Phasen entwickelte Theorie der Diskursanalyse will sich von traditionellen Geschichtsmodellen abheben, indem das für letztere typische Denken in großen Einheiten und Kontinuitäten (Epochen, Jahrhunderten, kollektiven Mentalitäten, Bewegungen, Schulen, Gruppierungen), die Suche nach den Ursprüngen sowie das Verständnis der Souveränität des Subjektes in Frage gestellt werden. Die bei Foucault bewusst unpräzise und variabel gehaltene Definition des Diskursbegriffs unterliegt innerhalb seines Gesamtwerks einem bedeutenden Wandel. Während Foucault den Diskursbegriff in seinem Frühwerk im Kontext unterschiedlicher Themenbereiche praktisch anwendet, definiert er ihn in L’archéologie du savoir2 in Hinblick auf die Entwicklung eines Instrumentariums für die Diskursanalyse und rückt ihn in L’ordre du discours3 als machtorientierte Instanz vorübergehend ins Zentrum seiner machttheoretischen Überlegungen.4 Wie er in seiner Einleitung zu L’archéologie du savoir darlegt, setzt er sich in diesem Werk zum Ziel, das methodologische Grundgerüst seiner Diskursanalyse auszuarbeiten, welche bereits in früheren Studien Anwendung gefunden hat:
Ce travail n’est pas la reprise et la description exacte de ce qu’on peut lire dans l’Histoire de la Folie, la Naissance de la Clinique, ou Les Mots et les Choses. […] Il comporte aussi pas mal de corrections et de critiques internes. […] [D]ans Les Mots et les Choses, l’absence de balisage méthodologique a pu faire croire à des analyses en termes de totalité culturelle.5
Foucault betont in L’archéologie du savoir die bewusste Polyvalenz seiner Diskursdefinition:
Enfin au lieu de resserrer peu à peu la signification si flottante du mot ‚discours‘, je crois bien en avoir multiplié les sens: tantôt domaine général de tous les énoncés, tantôt groupe individualisable d’énoncés, tantôt pratique réglée rendant compte d’un certain nombre d’énoncés; et ce même mot de discours qui aurait dû servir de limite et comme d’enveloppe au terme d’énoncé, ne l’ai-je pas fait varier à mesure que je déplaçais mon analyse ou son point d’application, à mesure que je perdais de vue l’énoncé lui-même?6
Denn wie er hier verdeutlicht, bezeichnet der Terminus ‚Diskurs‘ bei ihm gleichsam das allgemeine Aussagengebiet, eine individualisierbare Aussagengruppe sowie die regulierte Praxis, die von einer bestimmten Zahl von Aussagen Rechenschaft ablegt. Daraus ergeben sich die einzelnen Bestandteile seines analytischen Werkzeugs, mithilfe dessen er auf unterschiedlichen Diskursebenen operiert. Die kleinste Einheit, auch „atome du discours“7 genannt, ist dabei die Aussage in ihrer Beschaffenheit als Aussagenfunktion in einem bestimmten Koexistenz- und Korrelationsraum mit anderen Aussagen, der als „champ discursif“8, diskursives Feld, oder auch als „groupement discursif“9, diskursive Gruppierung, beschrieben wird. Anhand dieses terminologischen Instrumentariums entwickelt Foucault schrittweise eine konkrete Definition, wonach der Diskurs sich aus Aussagen mit bestimmten Existenzmodalitäten und einem bestimmten Verbreitungs- und Verteilungsprinzip – auch als diskursive Formation bezeichnet – konstituiert. Die Fixierung des Diskursbegriffs als „ensemble des énoncés qui relèvent d’un même système de formation“10 ermögliche daher erst die Existenz eines spezifischen Diskurses wie beispielsweise des klinischen, ökonomischen oder psychiatrischen Diskurses.
Die Prämisse der Diskursanalyse nach Foucault ist jedoch die Suspendierung aller unmittelbaren und traditionellen Kontinuitätsformen – Werk, Buch, Disziplin, Individuum bzw. Autor – und der Verzicht auf den damit verknüpften Rückbezug auf die hermeneutische Frage nach der Absicht eines sprechenden Subjektes. Foucault setzt sich hingegen zum Ziel, durch die Fokussierung von Aussagen als Ereignisse an sich, ihre Besonderheit, ihre Existenzbedingung, ihre Korrelation mit anderen Aussagen auf Basis gemeinsamer Aussagengegenstände, -typen und -konzepte zu bestimmen, um sie so entsprechend ihrer diskursiven Formation neu gruppieren zu können. Die so determinierte diskursive Einheit wird folglich nicht durch die Verbundenheit einer den Aussagen bzw. den Sprechern gemeinsamen Ideologie, Theorie oder Wissenschaft hergestellt, sondern durch das rein diskursimmanente Bezugssystem. Die einzelnen Korrelationskomponenten wie Aussagengegenstand, -typ und -konzept unterliegen wiederum bestimmten Existenzbedingungen, die beispielsweise auf historischer, funktionaler oder korrelativer Ebene liegen können. Foucaults minutiöse Deskription der Möglichkeiten diskursiver Regelmäßigkeiten und der Formationsregeln einzelner Aussagenfelder bleibt strikt auf der Ebene des Diskurses und verzichtet explizit auf die Rückkoppelung an jedwede psychologische Individualität oder an traditionelle Erklärungsprinzipien ideengeschichtlicher Theorien. Dennoch trägt er den kulturrelevanten Determinanten von Raum und Zeit Rechnung. So ist für Foucault die diskursive Praxis
un ensemble de règles anonymes, historiques, toujours déterminées dans le temps et l’espace qui ont défini à une époque donnée, et pour une aire sociale, économique, géographique ou linguistique donnée, les conditions d’exercice de la fonction énonciative.11
Der historisch und geographisch fundierte Diskurs repräsentiert dabei stets ein begrenztes, mithin defizitäres System von Präsenzen, da nie alles Mögliche gesagt werden kann. Das Auftauchen von Aussagen, ihre Positivität, untersteht bestimmten Realitätsbedingungen, die Foucault als historisches Apriori bezeichnet und von dem Begriff des Archivs abgrenzt.12 Er unterstreicht dabei die unkonventionelle Juxtaposition, welche seinen Terminus ‚historisches Apriori‘ kennzeichnet und die Stefan Rieger als „ungewohnte Koppelung des Transzendentalen und des Historischen“13 interpretiert: „Juxtaposés, ces deux mots font un effet un peu criant; j’entends désigner par là un a priori qui serait non pas condition de validité pour des jugements, mais condition de réalité pour des énoncés.“14 Das Apriori bezieht sich in diesem Verständnis auf die „histoire […] des choses effectivement dites“15, wodurch die Komponente der zeitlich bestimmten Transformierbarkeit von Aussagensystemen erfasst wird. Mithilfe des Archivbegriffs beschreibt Foucault wiederum das „système général de formation et de transformation des énoncés“16 als ein Gesetz von Aussagemöglichkeiten. Das Archiv reguliert den Fortbestand und die Modifikation von Aussagen in der größtmöglichen Dimension, sodass es nie in seiner Totalität erfassbar ist, aber je beschreibbarer wird, desto klarer die Trennung von der Aktualität vollzogen ist.
Die von Bourdieu diagnostizierte Inexistenz einer Wissenschaft des Diskurses impliziert die Kritik an Foucaults Diskursanalyse, um sich dem Diskursbegriff aus soziologisch-pragmatischer Perspektive zu nähern. Im Gegensatz zu Foucault verwehrt sich Bourdieu der terminologischen Verwendung traditioneller Analyseeinheiten nicht und postuliert die Rückbeziehung der Werke auf die Sprecher sowie ihre Einbettung in das soziale Gefüge der Gesellschaft:
[L]es propriétés formelles des œuvres ne livrent leur sens que si on les rapporte d’une part aux conditions sociales de leur production – c’est-à-dire aux positions qu’occupent leurs auteurs dans le champ de production – et d’autre part au marché pour lequel elles ont été produites (et qui peut n’être autre que le champ de production lui-même) et aussi, le cas échéant, aux marchés successifs sur lesquels elles ont été reçues.17
In Bourdieus Diskursverständnis sollen die spezifischen Eigenschaften eines Diskurses analog zur sozialen Position des Sprechers bzw. Akteurs gedeutet werden, so dass der Diskurs zum einen als ein sozial bedingtes Konstrukt aufgefasst wird und zum anderen aus sprachtheoretischer Perspektive hergeleitet wird. In Ce que parler veut dire entwickelt Bourdieu den Diskursbegriff maßgeblich in Abgrenzung zur strukturalistischen Sprachwissenschaft, indem er ‚Diskurs‘ als sozialabhängigen, stilistisch gekennzeichneten Idiolekt bezeichnet:
Ce qui circule sur le marché linguistique, ce n’est pas la langue, mais des discours stylistiquement caractérisés, à la fois du côté de la production, dans la mesure où chaque locuteur se fait un idiolecte avec la langue commune, et du côté de la réception, dans la mesure où chaque récepteur contribue à produire le message qu’il perçoit et apprécie en y important tout ce qui fait son expérience singulière et collective.18
Als sozialbedingt distinguierte Kommunikationsformen definiert, zirkulieren Diskurse nach Bourdieu innerhalb spezifischer Felder. Beispielsweise sind Diskurse einzelner politischer Gruppierungen dem politischen Feld zuzurechnen, während literarische Werke grundsätzlich im kulturellen bzw. intellektuellen Feld zirkulieren. Unabhängig von jedweder Spezifität nimmt das Feld in Bourdieus Verständnis die Funktion eines Kräftefeldes ein, innerhalb dessen unterschiedliche Akteure Stellung beziehen:
Le champ est un réseau de relations objectives (de domination ou de subordination, de complémentarité ou d’antagonisme, etc.) entre des positions […]. Chaque position est objectivement définie par sa relation objective aux autres positions, ou, en d’autres termes, par le système des propriétés pertinentes, c’est-à-dire efficientes, qui permettent de la situer par rapport à toutes les autres dans la structure de la distribution globale des propriétés.19
Diese Prämisse bedingt die Gliederung des Feldes in zwei zueinander homologe Bereiche, den Bereich der Stellungen (espace de positions) und den Bereich der Stellungnahmen (espace de prises de position), wodurch die Relationalität zwischen Diskurs und Akteur expliziert wird:
Toutes les positions dépendent, dans leur existence même, et dans les déterminations qu’elles imposent à leurs occupants, de leur situation actuelle et potentielle dans la structure du champ […]. Aux différentes positions […] correspondent des prises de position homologues, œuvres littéraires ou artistiques évidemment, mais aussi actes et discours politiques, manifestes et polémiques, etc.20
Letztlich determiniert das Konzept des Feldes maßgeblich die Kategorisierung von Diskursen, welche im Unterschied zum diskursanalytischen Ansatz nach Foucault nicht aus sich selbst heraus gedeutet werden, sondern in Rückbindung einerseits an den individuellen Sprecher und andererseits an das feldbedingte Sozialgefüge seiner Entstehung. Erst durch diese feldspezifische Homologiestellung von Stellungnahmen und Akteuren treten unterschiedliche diskursive Ausprägungen in Erscheinung. Die feldspezifische Lokalisierung und Klassifizierung von Diskursen intendiert ein Analysemodell, das unterschiedliche Ansätze berücksichtigt: den direkten Zusammenhang zwischen Individualbiographie und Werk, die immanente Werkinterpretation und die ein Ensemble von Werken in Beziehung setzende intertextuelle Analyse.21 Indem einzelne Positionsnahmen zueinander in Beziehung gesetzt werden, rücken bei Bourdieu der distinktive Antrieb bestimmter Diskurse eines Feldes sowie der Distinktionswert der entsprechenden Akteure in den Vordergrund, was Joch/Wolf zu Recht als besondere Errungenschaft des feldtheoretischen Ansatzes bezeichnen.22 Tatsächlich postuliert Bourdieu die Lektüre und Interpretation „à travers le système des écarts par lequel elle [une œuvre, S.I.] se situe dans l’espace des œuvres contemporaines“23, um der Singularität seiner Textualität in angemessenem Rahmen Rechnung zu tragen. Somit lässt sich der Diskurs nach Bourdieu als zweifach gefiltertes Produkt beschreiben: Als sowohl akteur- wie auch feldbezogenes Konzept24 spiegeln sich in ihm der spezifische Habitus des Sprechers sowie die für das jeweilige Feld epochenspezifischen Frage- bzw. Problemstellungen.
Die fundamentale Differenzierung zwischen einem Bereich der Stellungnahmen und einem Bereich der Stellungen im feldtheoretischen Ansatz indiziert innerhalb der methodischen Kontrastierung Bourdieus und Foucaults den essentiellen Unterschied beider Denkmodelle. Bourdieu postuliert damit die Integrität der von Foucault als zu suspendierende traditionelle Einheit bewerteten Subjektsouveränität und folglich in Hinblick auf die Literaturwissenschaft auch die Zusammengehörigkeit der Aussagen eines Autors zu einem Werk. Jene bei Foucault diskreditierten Entitäten wie Werk, Autor und Disziplin konstituieren bei Bourdieu die analytische Grundlage einer kultursoziologischen Interpretation. Dennoch existiert zwischen beiden Ansätzen eine Schnittmenge, die im Folgenden herausgearbeitet wird. Vorausgesetzt nämlich, dass man den von Bourdieu abgesteckten Bereich der Stellungnahmen in seiner epochenspezifischen Feldbezogenheit fokussiert, lässt sich eine gewinnbringende Kombination beider Theorien rechtfertigen. Es sollen daher nun die beiden Diskurskonzepte unter dem Blickwinkel dessen betrachtet werden, was Bourdieu zunächst als „kulturelles Unbewusstes“25 und schließlich als „Raum der Möglichkeiten“26 bezeichnet, um in einer daran anknüpfenden synthetischen Schlussfolgerung den besonderen Mehrwert dieser theoretischen Verknüpfung für die praktische Anwendung herauszustellen.
1.1.2 Aussagenspezifische Bezugssysteme: Foucaults ‚champ de possibilités stratégiques‘ und Bourdieus ‚espace des possibles‘ im Vergleich
Zunächst 1984 in einem Text zum literarischen Feld thematisiert1 und dann in einem kultursoziologischen Vortrag 1986 an der Princeton University wiederaufgegriffen,2 beschreibt Bourdieu den für die Analyse kultureller Produktionsfelder entscheidenden Raum der Möglichkeiten, den „espace des possibles“, der als Produkt der eigenen Geschichte des Feldes das „univers des problèmes, des références, des repères intellectuels (souvent constitués par des noms de personnages phares), des concepts en -ismes, bref, tout un système de coordonnées“3 festlegt. Bourdieu leitet jenes das jeweilige Feld konstituierende gemeinsame Bezugssystem mit den aus ihm resultierenden Frage- und Problemstellungen diachron her und beschreibt es darüber hinaus als ein netzartiges Konstrukt, das die Produzenten einer Epoche und eines Kulturraums zueinander in Beziehung setzt. Dieser gemeinsame Korrelationsraum wird von Bourdieu als gemeinsames System intellektueller Koordination, als „système de références communes, de repères communs“4 bezeichnet, wonach die einzelnen Positions- oder Stellungnahmen als Entscheidungen zwischen den im Feld gegebenen Möglichkeiten, nämlich als „les choix entre les possibles“5, figurieren. Wenn auch Bourdieu hier Stellungnahmen bzw. Diskurse in ihrer Subjektbezogenheit determiniert und damit Foucaults Diskursanalyse diametral gegenüberzustehen scheint, so leitet er doch das mithin intertextuell fundierte Koordinationssystem basierend auf den Interdependenzbeziehungen zwischen den Werken, welches der Bereich der Stellungnahmen darstellt, unter Rekurs auf Foucault her. Dabei bezieht sich Bourdieu auf eine Erklärung Foucaults für den Cercle d’épistémologie von 1968, in der er die theoretischen Grundannahmen seiner Diskursanalyse zu erhellen sucht.6 In abgeänderter Form wird diese von Bourdieu kommentierte Textpassage zum strategischen Möglichkeitsfeld ein Jahr später von Foucault in L’archéologie du savoir wiederaufgenommen.7 Als Kriterien zur Bestimmung einer diskursiven Einheit nennt Foucault das „système des points de choix qu’il [le discours, S.I.] laisse libre à partir d’un champ d’objets donnés, à partir d’une gamme énonciative déterminée, à partir d’un jeu de concepts définis dans leur contenu et dans leur usage“8. Dieses Verteilungsprinzip so genannter zur Auswahl stehender Entscheidungspunkte bezeichnet Foucault als „champ de possibilités stratégiques“9, als Feld strategischer Möglichkeiten, bzw. als „loi de formation et de dispersion de toutes les options possibles.“10 Es systematisiert die Streuung gegebener Diskursgegenstände, Diskurstypen und der diskursimmanenten Konzepte, anhand derer spezifische diskursive Einheiten messbar werden. Foucault betrachtet das Feld strategischer Möglichkeiten folglich als eine Komponente, welche die Neugruppierung von Aussagemengen zu diskursiven Formationen ermöglicht. Im Gegensatz jedoch zu Bourdieus Verständnis eines Raums der Möglichkeiten repräsentieren die im Feld der strategischen Möglichkeiten erfassten Entscheidungspunkte keine zur Auswahl stehenden Ideen oder Meinungen, wie Foucault in seinem Artikel anhand evolutionstheoretischer Positionierungen verdeutlicht: „On aurait donc tort sans doute de chercher dans ces faits d’opinion des principes d’individualisation d’un discours.“11 Foucaults Bestimmungskriterien dienen nicht so sehr der Interpretation eines kultur- und epochenspezifischen Aussageninhaltes, als vielmehr dem Erfassen diskursstrukturierender Charakteristika jenseits vorab bestimmter diskursiver Einheiten. Als Formations- und Streuungsgesetz aller möglichen Optionen setzt es weniger auf Einheitlichkeit und Konsens als auf Dispersion:
Ne seraient-ce pas les différentes possibilités qu’il [le discours, S.I.] ouvre de ranimer des thèmes déjà existants, de susciter des stratégies opposées, de faire place à des intérêts inconciliables, de permettre, avec un jeu de concepts déterminés, de jouer des parties différentes? Plutôt que de rechercher la permanence des thèmes, des images et des opinions à travers le temps, plutôt que de retracer la dialectique de leurs conflits pour individualiser des ensembles énonciatifs, ne pourrait-on pas repérer plutôt la dispersion des points de choix, et définir en deçà de toute option, de toute préférence thématique un champ de possibilités stratégiques?12
Das Feld der strategischen Möglichkeiten gehört folglich neben dem Objekt der Aussage, der Form und dem Typ der Verkettung von Aussagen und dem System der Streuung von Begriffen zu den insgesamt vier Konstanten einer diskursiven Formation.13 Diese legt so genannte „Populationen von Aussagen“14 unabhängig von sichtbaren Einheiten frei bzw. regruppiert sie und konstruiert somit ein neues Beziehungssystem vormals unsichtbarer Relationen. Die auf einem System geregelter Unterschiede und Streuungen konstituierte diskursive Formation postuliert auf rein diskursimmanenter Ebene jene von Bourdieu als „système des écarts“15 beschriebene Singularität unterschiedlicher feldspezifischer Positionen bzw. Stellungnahmen und ihre Beziehung zueinander.
Trotz dieser Ähnlichkeiten in Hinblick auf die Relationalität von Aussagen bzw. Stellungnahmen beleuchten beide Theorien eine unterschiedliche Auffassung von diskursiven Korrelationsräumen, denen sie sich aus unterschiedlichen Perspektiven nähern. Dies zeigt sich unter anderem an Bourdieus Kritik an Foucaults diskursstrukturellem Erklärungsprinzip. Während Bourdieu Foucaults „Feld der strategischen Möglichkeiten“ analog zu seinem eigenen Verständnis eines „Raumes von Möglichkeiten“ in Form eines epochen- und kulturspezifischen intellektuellen Bezugssystems deutet, distanziert er sich jedoch ansonsten prinzipiell von dessen Grundsätzen.16 Anders als Bourdieu behauptet, ist das „Feld der strategischen Möglichkeiten“ bei Foucault jedoch noch keine épistème an sich, sondern eine Beschreibungs- und Identifikationskomponente einer diskursiven Formation:
Et lorsque, dans un groupe d’énoncés, on peut repérer et décrire un référentiel, un type d’écart énonciatif, un réseau théorique, un champ de possibilités stratégiques, alors on peut être sûr qu’ils appartiennent à ce qu’on pourrait appeler une formation discursive.17
Foucault beschreibt vielmehr „ce système à quatre niveaux, qui régit une formation discursive et doit rendre compte non de ses éléments communs mais du jeu de ses écarts, de ses interstices, de ses distances – en quelque sorte de ses blancs, plutôt que de ses surfaces pleines“18, basierend auf der oben beschriebenen Streuung von Diskursgegenständen, Diskurstypen und Diskurskonzepten, als jene Positivität, die er in L’archéologie du savoir dann als historisches Apriori konzeptualisiert.19 Die Systematisierung bestimmter Aussagenmengen zu diskursiven Formationen formt einen begrenzten Kommunikationsraum, einen
espace relativement restreint, puisqu’il est loin d’avoir l’ampleur d’une science prise dans tout son devenir historique, […] mais espace plus étendu cependant que le jeu des influences qui a pu s’exercer d’un auteur à l’autre, ou que le domaine des polémiques explicites.20
Die Kommunikation erfolgt Foucault zufolge über die Positivität der Aussagen, welche durch das Konzept des historischen Apriori beschreibbar wird. Die von Bourdieu evozierte épistème schlägt sich in ebendiesem von Foucault beschriebenen Positivitätsparadigma von Aussagen nieder, dem gegenüber die Aussagenproduzenten keinerlei Bewusstseinsvermögen haben, wie Foucault im Folgenden verdeutlicht:
Les œuvres différentes, les livres dispersés, toute cette masse de textes qui appartiennent à une même formation discursive, – et tant d’auteurs qui se connaissent et s’ignorent, se critiquent, s’invalident les uns les autres, se pillent, se retrouvent, sans le savoir et entrecroisent obstinément leurs discours singuliers en une trame dont ils ne sont point maîtres, dont ils n’aperçoivent pas le tout et dont ils mesurent mal la largeur – toutes ces figures et ces individualités diverses ne communiquent pas seulement par l’enchaînement logique des propositions qu’ils avancent, ni par la récurrence des thèmes, ni par l’entêtement d’une signification transmise, oubliée, redécouverte; ils communiquent par la forme de positivité de leurs discours. Ou plus exactement cette forme de positivité (et les conditions d’exercice de la fonction énonciative) définit un champ où peuvent éventuellement se déployer des identités formelles, des continuités thématiques, des translations de concepts, des jeux polémiques. Ainsi la positivité joue-t-elle le rôle de ce qu’on pourrait appeler un a priori historique.21
Das Feld strategischer Möglichkeiten dient der eigentlichen Analyse von Aussagen und der Konstituierbarkeit von Diskursen, wohingegen das historische Apriori auf die Realitätsbedingung von Aussagenpräsenzen abzuheben versucht. Innerhalb des Kommunikationsraums bleibt das historische Apriori für die in ihm befindlichen Aussagenproduzenten eine unreflektierbare Variable.
Bourdieu deutet Foucaults „champ de possibilités stratégiques“ insofern seinem eigenen Ansatz entsprechend, als darin kein Werk „en dehors des relations d’interdépendance qui l’unissent à d’autres œuvres“22 existiere, kritisiert aber an Foucaults Ansatz die absolut autonome Struktur jener von ihm als Möglichkeitsfeld gedeuteten épistème.23 Durch Foucaults Annahme der Autonomie und Transzendenz des Systems würden nämlich „les oppositions et les antagonismes qui s’enracinent dans les relations entre les producteurs et les utilisateurs des œuvres considérées“24 in den Ideenhimmel verlagert. Die von Foucault diagnostizierte Autoreferentialität des diskursiven Systems verwehre die Berücksichtigung möglicher Veränderungen, „à moins de lui accorder une propension immanente à se transformer, comme chez Hegel, par une forme mystérieuse de Selbstbewegung.“25 Bourdieu hingegen versteht den Raum der Möglichkeiten als ein für die Akteure eines Feldes verschiedene Problemstellungen und intellektuelle Orientierungspunkte bereithaltendes System, dessen Dynamik nicht alleine im Bereich der Stellungnahmen liegt, sondern der Positionierung der einzelnen Akteure zukommt. Bourdieu verknüpft folglich in seiner Feldtheorie verschiedene theoretische Methoden miteinander, wie er selbst erklärt:
C’est ainsi que l’on peut conserver tous les acquis et toutes les exigences des approches internalistes et externalistes, formalistes et sociologistes en mettant en relation l’espace des œuvres […] conçu comme un champ de prises de position qui ne peuvent être comprises que relationnellement, à la façon d’un système de phonèmes, c’est-à-dire comme système d’écarts différentiels, et l’espace des écoles ou des auteurs conçu comme système de positions différentielles dans le champ de production. […] Ainsi se trouvent d’emblée résolus plusieurs problèmes fondamentaux et en premier lieu le problème du changement.26
Triebfeder der Veränderung ist bei Bourdieu das Subjekt als Produzent von Diskursen, womit er sich bewusst von Foucault abgrenzt und sowohl der Pluralität und Konkurrenz von Ordnungsstrukturen zu einem gegebenen historischen Zeitpunkt, als auch der historisch bestimmten prozessualen Transformation derselben Rechnung trägt.27 Tatsächlich betrachtet Bourdieu die Akteure als aufeinander einwirkende Kräfte im Feld, wodurch sich eine konfliktive Grundsituation zwischen jenen die Feldstruktur stützenden einerseits und jenen sie destabilisierenden Elementen andererseits abzeichnet. Das durch den Raum der Möglichkeiten festgelegte Universum der Probleme, der Bezugnahmen, der intellektuellen Orientierungspunkte verbindet die Akteure einer Epoche, wobei Bourdieu jene epochenmarkierende Kategorie in einem frühen Text von 1966 vermittels des Konzeptes des kulturellen Unbewussten noch anders definiert.28 Bereits zu diesem frühen Zeitpunkt konstatiert er den Rekurs auf einen Kodex von Gemeinsamkeiten in Problemen, Tagesfragen, Denkstilen und Wahrnehmungsformen innerhalb eines Feldes in einer bestimmten Epoche, jedoch überwiegt hier die implizite kulturelle Basis einer stillschweigend vorausgesetzten Axiomatik der Verständigung und des Fühlens, welche die Grundlage der „intégration logique d’une société et d’une époque“29 instituiert. Bourdieu unterscheidet zwischen den stillschweigend vorausgesetzten und den ausdrücklich postulierten Credos, welche den Bodensatz epochenspezifischer Stellungnahmen konstituieren. In der Entwicklung seiner theoretischen Axiome invertiert er dann die Prädominanz beider die Epoche charakterisierenden Komponenten: Nicht mehr das kulturelle Unbewusste als Verinnerlichung geistiger Schemata, sondern die gemeinsame Problematik in Form der Gesamtheit der Stellungnahmen unifizieren eine Epoche: „Ce qui fait l’unité d’une époque, c’est moins une culture commune que la problématique commune qui n’est autre chose que l’ensemble des prises de position attachées à l’ensemble des positions marquées dans le champ.“30 Mit anderen Worten: Die Einheit einer Epoche wird durch den gemeinsamen Raum der Möglichkeiten konstituiert. Die in diesem Zitat postulierte Präponderanz der gemeinsamen Problematik gegenüber der Kultur zeigt, dass Bourdieu sich stärker auf die diskursiv manifeste Zirkulation des gemeinsamen Kodex einer Epoche, Gesellschaft oder Generation konzentriert als auf jene Bewusstseinskategorie, die man mit Assmann als identitätssichernde, mentale Disposition bezeichnen könnte, nämlich der
in gemeinsamer Sprache, gemeinsamem Wissen und gemeinsamer Erinnerung kodierte und artikulierte kulturelle Sinn, d.h. der Vorrat gemeinsamer Werte, Erfahrungen, Erwartungen und Deutungen, der die ‚symbolische Sinnwelt‘ bzw. das ‚Weltbild‘ einer Gesellschaft bildet.31
Bourdieu hierarchisiert hier den expliziten und den impliziten Referenzhorizont einer Epoche.
Die gemeinsame, im Interdependenzsystem des Feldes der Stellungnahmen manifeste und explizit fassbare Problematik einer Epoche unterliegt in Bourdieus Vorstellung einem konstanten Wandel, da sich der Raum der Stellungnahmen durch das Hinzutreten eines Akteurs modifiziert:
Concrètement, cela signifie que […] son existence ‚pose, comme on dit, des problèmes‘ aux occupants des autres positions, que les thèses qu’il affirme deviennent un enjeu de luttes, qu’elles fournissent l’un des termes des grandes oppositions autour desquelles s’organise la lutte et qui servent à penser cette lutte.32
Durch die strukturell angelegte Möglichkeit des Wandels existiert der Raum der Stellungnahmen selbst im Modus der Potentialität.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass sich Bourdieu bei der Definition seines feldspezifischen Möglichkeitsraums als „univers des problèmes, des références, des repères intellectuels“33 an Foucaults diskursstrukturierendem Formations- und Verteilungsgesetz möglicher zur Wahl stehender Punkte („points de choix“34) orientiert, dabei jedoch Foucaults Konzept des Feldes der strategischen Möglichkeiten mit der diesem übergeordneten Vorstellung einer diskursordnenden épistème vermischt. Die durch die Gesamtheit aller Stellungnahmen indizierten Konfliktbereiche eines Feldes determinieren die Zugehörigkeit zu einer Epoche, wobei sich das Feld der Stellungnahmen als netzartiger Korrelationsraum und Bezugssystem präsentiert. Wenn auch grundsätzlich vergleichbar mit Foucaults Vorstellung der Positivität von Aussagen innerhalb einer diskursiven Formation, wird bei Bourdieu allerdings nicht die Bedingung von Aussagen in Form eines historischen Apriori fokussiert, sondern vermittels der Aktivität und Dynamik der zugehörigen Akteure bzw. Autoren und deren feldspezifischer sowie gesellschaftlicher Positionierung. Kombiniert man das diskursanalytische Konzept Foucaults mit dem feldtheoretischen Bourdieus, kann man sagen, dass sich innerhalb des Feldes der Stellungnahmen diskursive Formationen eruieren lassen. Der sich dadurch konstituierende sowohl implizite als auch explizite Kommunikations- und Korrelationsraum determiniert die gemeinsame Zugehörigkeit der Akteure zu einer bestimmten Epoche. Die Stellungnahmen entfalten in ihrer Positivität eine Einheit durch die Zeit hindurch, welche mit Foucault als historisches Apriori bezeichnet werden kann. Obgleich sich die Gruppierung der Stellungnahmen bei beiden Theoretikern unterscheidet, soll in der nachfolgenden Analyse das Prinzip der feldspezifischen Eingrenzung und der diskursiven Formation miteinander verflochten werden. Berücksichtigt werden muss dabei die unterschiedliche Auffassung der Möglichkeitsdynamiken bestimmter Aussagenpositionen im Korrelationssystem, die sich in der praktischen Anwendung jedoch als durchaus vereinbar erweisen. Denn während Foucault unabhängig von den durch Subjekte, Werke, Disziplinen, etc. gegebenen Einheiten aus einem Gesamtdiskurs entsprechend der Korrelation gemeinsamer Diskursgegenstände, -typen und -konzepte diskursive Formationen herausarbeitet, nimmt Bourdieu eine feldspezifische Eingrenzung von Stellungnahmen vor, die homolog zu den zugehörigen Akteuren deutbar wird. Der Raum der Möglichkeiten wird bei Bourdieu daher durch die einzelnen Akteure selbst erweitert und steht daher im Modus der Potentialität, wohingegen bei Foucault der Aussagenpositivität durch ihr charakteristisches Merkmal als Ereignis ein Möglichkeitspotential zukommt. Was bei Bourdieu sozialpragmatisch als subjektbezogene Möglichkeit reguliert ist, muss bei Foucault transzendent als objektive Möglichkeit beschrieben werden.35 Foucaults Fokussierung (positiv) realisierter Aussagen impliziert gleichsam die Negativpositionen, nämlich jene nicht realisierten Aussagen, welche einen Bereich des Unsagbaren beschreiben. Die Trennung zwischen dem zu einem gegebenen Zeitpunkt Sagbaren und Unsagbaren lässt sich alleine durch die regulierende Instanz des Archivs in seiner Funktion als „loi de ce qui peut être dit“36, als „système qui régit l’apparition des énoncés comme événements singuliers“37, kurzum als System der Aussagbarkeit erklären. Als „repository of the historical a priori of a given period which conditions the practices of exclusion and inclusion that are ingredient in all social exchange“38, so Flynn, kommt dem Archiv eine rein strategische oder strukturelle Funktion zu. Es aktiviert keine Aussagenmöglichkeiten, sondern ermöglicht aus einer zeitlich von der diskursiven Realisierung abgehobenen Perspektive die Beschreibung von nicht mehr der Aktualität zugehörigen Diskursen. Dynamiken werden folglich nicht geschaffen, sondern anhand der Beschreibung von diskursiv realisierten Brüchen und Zäsuren sichtbar gemacht. Im Folgenden soll aufgezeigt werden, wie sich die beiden theoretischen Ansätze in der themenspezifischen praktischen Anwendung zusammenfügen und für die Analyse nutzbringend auswerten lassen.
1.1.3 Prämissen der methodischen Anwendung: Die feldspezifische Positionierung von Jean Genet und die Bedeutung des revolutionären Diskurses
Die beiden unterschiedlichen Konzepte des Möglichkeitsfeldes finden bei Foucault und Bourdieu in der Vorstellung eines aussagenspezifischen Korrelationsraums eine Schnittmenge, die den Ausgangspunkt für die sich anschließende Analyse formen soll. Die textuelle Grundlage bildet ein Korpus politischer, teils journalistischer, teils literarischer, Schriften Jean Genets, sodass sich die Untersuchung um eine Autorenpersönlichkeit innerhalb der gesellschaftspolitisch ereignisreichen Jahrzehnte der 1960er und 1970er Jahre zentriert.
Anhand seiner zwischen 1968 und 1983 entstandenen Texte soll ein historisch determiniertes Aussagensystem herausgearbeitet werden, das auf der Basis textueller Interdependenzbeziehungen in Erscheinung tritt. Trotz dieser Autorenzentrierung, welche den diskursanalytischen Prämissen entgegenläuft und daher einen flexiblen Umgang erfordert, können Foucaults Bestimmungskriterien nutzbar gemacht werden: Gemeinsame Diskursobjekte, -konzepte und -typen repräsentieren wichtige Marker einer diskursiven Einheit. Die historische Situierung von Genets Stellungnahmen erfolgt durch das Erfassen von Interdependenzverhältnissen sowohl auf der personalen, als auch auf der textuellen Ebene. Die interpersonalen Relationen ergeben sich aus dem zeithistorischen und biographischen Kontext und determinieren auch die textuellen Referenzen. So werden in einem ersten Schritt beispielsweise ausgewählte, in konkreten, zeitpolitischen Situationen entstandene Schriften Genets mit vor demselben historischen Hintergrund verfassten Texten Michel Foucaults und Jean-Paul Sartres einerseits sowie solchen Allen Ginsbergs und William S. Burroughs’ andererseits kontrastiert. Der so abgesteckte Kommunikationsraum zwischen den Autoren soll in Analogie zu Bourdieus Konzept feldspezifisch strukturiert werden. Genets politische Positionsnahmen werden daher in einem ersten Teil im intellektuellen Feld in Frankreich und in einem zweiten Teil im gegenkulturellen Feld in den USA situiert. Insbesondere jener Aspekt aus Bourdieus Feldanalyse, wonach stets der Einzelpersönlichkeit ein feldspezifischer Distinktionswert zuerkannt und der Bereich der Stellungnahmen in Homologie zu den Einzelpositionen betrachtet wird, erweist sich in Hinblick auf die so komplexe und schillernde Autorenpersönlichkeit eines Jean Genet als gewinnbringend. Wie die Analyse aufzeigt, kennzeichnet sich seine Positionierung in beiden Feldern tatsächlich durch eine ostentative und strategische Desertion.
Genet betritt die politische Bühne Frankreichs erstmals während der studentischen Unruhen im Mai 1968, erwehrt sich jedoch von Beginn an einer öffentlichen Funktionalisierung seiner Persönlichkeit für bestimmte politische Zielsetzungen. Obgleich er sich im Zuge der gesellschaftlichen Umwälzungen bewusst von seinem literarischen Werk distanziert, beansprucht er auch weiterhin die Denomination als Poet für sich, die ihm gegenüber Sartre und Foucault als Differenzierungsmodell dient. So berichtet Edmund White in seiner monumentalen Biographie, dass Genet die Publikation eines zeitkritischen Artikels mit den Worten verweigert:
I don’t want to publish anything about France. I don’t want to be an intellectual. If I publish something about France, I’ll strike a pose as intellectual. I am a poet. For me to defend the Panthers and the Palestinians fits in with my function as a poet. If I write about the French question I enter the political field in France – I don’t want that.1
Genets Sonderweg spiegelt sich entsprechend in seinen zwischen 1968 und 1983 publizierten, aber auch unveröffentlichten Texten und Werken wider, die von diesem essentiellen Spannungsverhältnis zwischen einem rein poetischen Anspruch und der politischen Intentionalität zeugen, wodurch die ohnehin komplizierte Verortung seines Werks erschwert wird. Innerhalb der Untersuchung seiner Position im intellektuellen Feld wird die offensive Abkehr von etablierten intellektuellen Modellen problematisiert, welche in seinem Verhältnis zu Sartre und Foucault erkennbar wird. So betont Sylvain Dreyer beispielsweise die bewusst auf Dissens angelegte Verteidigung der palästinensischen Zielsetzungen und das in ihr zum Ausdruck gebrachte problematische Verhältnis zu Sartres Persönlichkeit sowie zu seinem Konzept des Engagements: „La question palestinienne semble attirer l’écrivain d’abord par sa puissance de dissensus. Il est permis de penser qu’elle constitue notamment l’occasion de rompre avec son mentor Sartre, en soldant une relation complexe et ambivalente […].“2 Darüber hinaus muss auch dem Bedeutungswandel der gesellschaftlichen Funktion des Intellektuellen insgesamt Rechnung getragen werden. Die sich ab Mitte der 1960er Jahre abzeichnende Krise des französischen Universitätswesens manifestiert sich in einem allgemeinem Infragestellen etablierter Autoritäten, darunter der Lehrenden und der universitären Intellektuellen, erklärt aber die Eskalation der studentischen Protestbewegung im Mai 1968 nicht hinreichend.3 Das spontane Aufbegehren stellt den Kulminationspunkt eines unterschiedliche weltpolitische Geschehnisse umfassenden gesellschaftlichen Umbruchs dar. Die in ihrer Vehemenz überraschenden Proteste drängen die französischen Intellektuellen nicht nur zu einer Positionierung, sondern auch zu einer Beleuchtung ihrer eigenen Rolle und Funktion innerhalb der Protestbewegung. Die Intervention der Intellektuellen lässt sich daher mit Ory/Sirinelli über den soziokulturellen Wandel der französischen Gesellschaft deuten, der sich wiederum auf diskursiver Ebene in den Stellungnahmen einzelner Intellektueller niederschlägt.4 So beschreiben Ory/Sirinelli die veränderte Haltung der Intellektuellen am Beispiel Sartres,5 der 1970 die ‚Auflösung‘ des Intellektuellen als Verteidiger universeller Werte und die Hinwendung zum ‚konkreten Universellen‘, d.h. einer Überwindung des intellektuellen Separatismus, postuliert.6 Der Wandel des intellektuellen Feldes zeichnet sich aber auch insbesondere durch das Auftreten Michel Foucaults ab, der mit seinem Konzept des spezifischen Intellektuellen dem in der Figur Jean-Paul Sartres verkörperten moralischen Universalitätsanspruch das Prinzip des intellektuellen Expertentums entgegenstellt. Es lassen sich folglich unterschiedliche intellektuelle Handlungsentwürfe identifizieren, welche als feldspezifische Orientierungspunkte fungieren. Die Gegenüberstellung von Genet, Sartre und Foucault lässt sich auch durch die Solidarisierung dieser drei Akteure in gemeinsamen Projekten und Aktionen rechtfertigen. Ihre Interventionen beispielsweise im Rahmen unterschiedlicher Strafprozesse gegen politische Dissidenten beruhen auf der epochenspezifisch determinierten Kritik an der Rechtsstaatlichkeit und lassen sich wiederum zu einer diskursiven Formation gruppieren. Sie bedienen vor dem Hintergrund der Übertragung von strafrechtlichen Problemstellungen in den öffentlichen Diskussionsraum den fundamentalen Topos des intellektuellen Engagements, der in Frankreich bis zu Voltaires öffentlichen Stellungnahmen zu bestimmten Prozessen, wie etwa der Affäre Jean Calas im 18. Jahrhundert, zurückreicht und auch vor allem in der Dreyfus-Affäre als Geburtsstunde des Intellektuellen verankert ist.7
Jean Genets Verortung im gegenkulturellen Feld in den USA, das aus dem Anspruch erwächst, ein alternatives Wertesystem zu begründen, lässt sich als ambivalent beschreiben. Auf politischer Ebene kann seine Haltung durch eine grundsätzlich dissoziative Position charakterisiert werden, insofern er die politische Axiomatik seines öffentlichen Engagements für die Black Panthers negiert und eine Typisierung als Revolutionär zurückweist. Indem er aber seine poetische Entpflichtung unter Bezugnahme auf den Existenzentwurf des Vagabunden begründet, bedient er damit zugleich einen gegenkulturellen Topos, der seine Bezugsgrößen in den amerikanischen Autoren der Beat Generation hat. Wie jene wird Genet als Vordenker und Akteur der Gegenkultur wahrgenommen. Im Unterschied zu seinem dissensuellen Verhältnis zu den französischen Intellektuellen verbindet Genet und die amerikanischen Autoren Allen Ginsberg und William S. Burroughs das literarische Schaffen, wie auch Véronique Lane hervorhebt: „De tous les leaders de mouvements révolutionnaires qu’il [Genet, S.I.] ait connus (Fraction armée rouge, Black Panthers, Palestiniens), Burroughs et Ginsberg sont en effet, les seuls ‚littéraires‘.“8 Dieser kreative Berührungspunkt determiniert auch die gemeinsame Berichterstattung über den demokratischen Parteitag in Chicago im August 1968, welche prototypisch die besondere Problematik der poetischen Codierung innerhalb der dem Wesen nach der objektiven Sachlichkeit verschriebenen journalistischen Texte bei Genet abbildet. Im textuellen Bezugssystem zwischen Genet, Ginsberg und Burroughs kristallisiert sich maßgeblich eine antiamerikanische und antiwestliche Kritik heraus, die als diskursive Formation repräsentativ für das gegenkulturelle Feld ist, insofern sich dieses nämlich in Opposition zur normativen Kultur der amerikanischen Gesellschaft definiert. Gemeinsamer Diskursgegenstand ist dabei vor allem der Vietnamkrieg, der als Ausdruck der amerikanischen Gesellschaft verstanden wird und als Vehikel dient, um deren Ablehnung zu manifestieren.
Genets feldspezifische Positionierung wird folglich sowohl im Kontext der historischen Entwicklungen, als auch im Verhältnis zu anderen politisch aktiven Persönlichkeiten vorgenommen. Deren vor dem Hintergrund der weltweiten Proteste – gegen beispielsweise den Vietnamkrieg, den Imperialismus, den Kapitalismus, soziale Missstände und freiheitsunterdrückende Machtinstitutionen – hervorgebrachte Stellungnahmen bilden ein gemeinsames epochenspezifisches, textuelles Referenzsystem. Was hier als revolutionärer Diskurs bezeichnet werden soll, lässt sich folglich über die zeithistorisch bedingten Problemstellungen eines spezifischen Feldes der Stellungnahmen definieren und differenziert sich in unterschiedliche Teildiskurse mit charakteristischen Diskursgegenständen aus, wie etwa die Kritik an der Rechtsstaatlichkeit, die antiamerikanische Kritik oder die Diskussion einzelner Interventionsformen. Es muss jedoch betont werden, dass dieser revolutionäre Diskurs nicht mit einem Revolutionspostulat gleichgesetzt werden darf.
Hinsichtlich der Analyse der Texte soll grundsätzlich keine Abkoppelung vom jeweiligen Autor stattfinden. Einzelne Positionsnahmen können interreferentiell als positiv oder negativ rekurrierbare Problemstellungen fungieren. Berücksichtigt werden muss dabei auch die Transformierbarkeit des revolutionären Diskurses, der beispielsweise zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Genets Artikel über die Rote Armee Fraktion 1977 aus rezeptionskritischer Perspektive manifest wird. Es soll daran gezeigt werden, wie die für die in den frühen 1970er Jahren typische Argumentationsstruktur einer Kritik an den machtstaatlichen Institutionen unter Bezugnahme auf das Gewaltkonzept in den Bereich des Unsagbaren absinkt und somit eine gesellschaftliche Umkehr indiziert wird. Somit wird die Dynamik des diskursiven Wandels sowohl durch Bourdieus Prinzip einer subjektbezogenen Möglichkeit beschrieben, insofern sich der feldspezifisch abgegrenzte Kommunikationsraum als Möglichkeitsfeld durch die Stellungnahmen einzelner Akteure durchgliedert und transformiert, als auch durch Foucaults Konzept der objektiven Möglichkeit, welches die historischen Brüche und Diskontinuitäten epistemologisch aufzeigt.
In einem abschließenden Kapitel liegt der Schwerpunkt schließlich auf der Entwicklung einzelner diskursiver Konzepte, die in Genets letztem Werk Un captif amoureux von 1986 eine literarische Aufarbeitung erfahren und in einem metatextuellen Verweissystem transformiert werden. Es soll die These aufgestellt werden, dass seine im Kontext des revolutionären Diskurses entstandenen Interventionen innerhalb literarischer Rahmenbedingungen metaisiert werden. Voraussetzung ist dabei die zeitliche Distanz zu den eigenen politischen Aktivitäten, welche aus einer rückblickenden Perspektive bespiegelt werden. Durch werkexterne Verweise auf textuelle Interventionen werden Konzepte aus dem politischen Kontext kommentiert und umgeschrieben. Mit dieser literarischen Bilanz seines eigenen Engagements besiegelt Genet seinen Austritt aus der politischen Öffentlichkeitssphäre.
1.2 Korpus
Das Korpus der vorliegenden Untersuchung umfasst vornehmlich zwischen 1968 und 1986 redigierte, veröffentlichte sowie unveröffentlichte Schriften Jean Genets und konstituiert die analytische Grundlage für seine Situierung im intellektuellen sowie im gegenkulturellen Feld dieser Zeit. Dabei wird auch eine Vielzahl bislang kaum beachteter Texte und Manuskripte erschlossen. Daneben wird auf die inzwischen zum Kanon der politischen Untersuchungen zu Genet gehörenden Werke L’Ennemi déclaré1 und Un captif amoureux2 rekurriert. L’Ennemi déclaré wurde 1991 zum ersten Mal publiziert und versammelt als sechster Band der bei Gallimard erschienenen Werkausgabe Genets zwischen 1964 und 1985 entstandene politische, aber auch literaturkritische Artikel, Schriften und Interviews. Diese ist in jedem Fall der Vollständigkeit wegen der 2010 anlässlich des 100-jährigen Jubiläums bei Gallimard erschienenen Taschenbuchausgabe vorzuziehen.3 In einem Anhang enthält diese umfassende Ausgabe beispielsweise zwei wichtige, nur noch im Englischen existierende und daher ins Französische rückübersetzte Artikel Genets, die zusätzlich in der englischen Fassung betrachtet werden sollen. Die in L’Ennemi déclaré vereinten Texte unterscheiden sich nicht nur entsprechend ihrem politischen Entstehungskontext, sondern weisen auch stilistische Differenzen auf. Pragmatische Texte alternieren mit literarischen Texten, journalistischen Berichterstattungen und Interviews, die alle eine differenzierte Lektüre verlangen, da ihnen unterschiedliche Kommunikationssituationen und -strategien zugrunde liegen.
Der vermutlich Mitte der 1970er Jahre entstandene, erst 2010 unter dem Titel La Sentence4 bei Gallimard veröffentlichte Text repräsentiert eine weitere wichtige und noch kaum interpretierte Textquelle. Dieser ursprünglich titellose Text wird in einer Gegenüberstellung des Originalmanuskripts als Faksimile und seiner transkribierten Fassung illustriert. Es handelt sich bei La Sentence um einen fragmentierten Text, der bereits einige Textpassagen inkludiert, die Genet später in Un captif amoureux integriert. Er ist daher sehr aufschlussreich für die schriftstellerische Methode und Herangehensweise sowie für die im dritten Teil der Arbeit analysierte literarische Rekontextualisierung von politischen Diskursobjekten.
Weitere zu Genets Lebzeiten unveröffentlichte Artikel bzw. Briefe oder Essays befinden sich als Faksimiles in dem anlässlich des 20-jährigen Todestages von Jean Genet publizierten Ausstellungskatalog.5 Es handelt sich hier teilweise um politische, teilweise um kunst- bzw. literaturkritische Reflexionen, die ebenfalls Eingang in die nachstehende Analyse finden werden.6
Die vom IMEC publizierte Dokumentensammlung zum G.I.P., dem von Foucault initiierten Groupe d’information sur les prisons, in dem sich auch Genet für eine kurze Zeitspanne engagierte, hält drei weitere kaum rezipierte, teilweise zu Lebzeiten des Autors nicht veröffentlichte Schriften bereit.7 Diese erweisen sich gerade für die intertextuelle Aufarbeitung der komplexen Relation zwischen Genet und Foucault als äußerst gewinnbringend.
Als Analysegrundlage fungiert ebenfalls eines der unveröffentlichten, im IMEC befindlichen Drehbücher mit dem Titel Le Langage de la muraille aus dem Jahre 1981. Dieses nicht publizierte Werk markiert einerseits Genets Distanzierung von einer literarisch-künstlerischen Werkproduktion in der Folge von Mai ’68, nimmt aber andererseits in Hinblick auf die Aufarbeitung des diskursiven Bezugssystems und der Positionierung im intellektuellen Feld eine Schlüsselstelle ein. Aufgrund der komplizierten Autorenrechte müssen Inhalte dieses Werks vor allem paraphrasiert werden.8
Bei der Auswertung des hier präsentierten Korpus muss zum einen die jeweilige Textgattung berücksichtigt werden. Zum anderen muss dem Anspruch Rechnung getragen werden, wonach auch die journalistischen Schriften Genets ein poetisches Potential besitzen. Diese stehen jedoch zugleich im Kontext bestimmter editorischer Zielsetzungen und erschließen einen spezifischen Leserkreis. So müssen beispielsweise die politischen Leitlinien der jeweiligen Zeitung, ihre Adressaten und der Entstehungskontext bei der Deutung bemessen werden. Die gesamten politisch intentionierten Publikationen lassen sich zudem als öffentliche Interventionen charakterisieren. Unabhängig von ihrer Funktion als Reportage, persönlicher Kommentar oder themenorientierter Essay liefern sie nicht einfach einen Beitrag zu bestimmten zeithistorischen Ereignissen oder Fragestellungen, sondern tragen vor allem zu ihrer diskursiven Konstruktion bzw. Dekonstruktion bei. Darunter thematisieren einige Artikel die spezifische Verknüpfung von Poesie und Politik und nehmen daher eine Schlüsselposition ein.
Neben den pragmatischen und journalistischen Interventionen finden auch die als literarisch zu klassifizierenden Texte Betrachtung. Grundsätzlich voneinander zu unterscheiden sind dabei Genets bewusst unveröffentlichtes Drehbuch und das kurz nach seinem Tod erschienene Werk Un captif amoureux. Während Le Langage de la muraille eine teilweise fiktionale, teilweise dokumentarische Bedeutung zukommt, ist das Genre seines letzten Werks hingegen nur schwer zu benennen. In seiner gattungsspezifischen Hybridität zwischen autobiographischem Roman über das Zusammenleben mit den Palästinensern, literarischer Reportage über die politischen Ereignisse und Ziele ausgewählter revolutionärer Gruppierungen, symbolischem Reisebericht in Form einer Odyssee durch das politische Zeitgeschehen und Liebesgedicht eines Barden der palästinensischen Revolution vermischen sich unterschiedliche Erzählhaltungen und -stile. Durch die retrospektive Erzählperspektive wird nicht nur auf Sujets und Fragestellungen einzelner journalistischer Texte rekurriert, sondern die politischen Stellungnahmen selbst werden zugleich implizit reflektiert. Diese metadiskursive Betrachtungsweise lässt sich als konstitutive Komponente dieses letzten Werks von Jean Genet beschreiben und greift ein Vorhaben auf, das der Autor hinsichtlich der Publikation ausgewählter politischer Schriften und Reden seiner letzten Lebensjahre 1984 bei Claude Gallimard vorbrachte und das in einem kurzen Vorwort in L’Ennemi déclaré erläutert wird:
Une fois rassemblés et redactylographiés la plupart de ces écrits ou de ces interventions orales, dont la publication s’était échelonnée sur une vingtaine d’années, son intention était d’opérer un choix et, en quelque sorte, de les refondre sans tenir compte de la chronologie, pour mettre en lumière les réflexions et convictions qui avaient orienté ses prises de position. Plutôt que le ralliement à une idéologie, référant à une morale politique, il évoquait plus volontiers le hasard et la curiosité. Jean Genet n’a jamais donné une forme définitive à ce projet. Mais d’y avoir songé l’a sans doute incité à chercher la composition originale d’une œuvre où viendraient s’inscrire, comme les pièces d’un puzzle, les notes prises durant ses voyages et ses longues périodes de solitude, inspirées de ses observations, de ses rencontres et de sa perception, lucide, d’un monde en mouvement; d’où son dernier ouvrage, Un captif amoureux […].9
Nicht nur die Idee einer strukturellen Vernetzung einzelner Textfragmente spielt jedoch eine entscheidende Rolle, sondern auch die rückblickende Betrachtung seiner politischen Interventionen. Der Faktor der zeitlichen Distanz repräsentiert dabei das Fundament eines autoreferentiellen und selbstkritischen Kommentars, anhand dessen der Wandel des revolutionären Diskurses fassbar wird.
1.3 Forschungsstand
Grundsätzlich handelt es sich bei der Aufarbeitung des politischen Engagements von Jean Genet um einen verhältnismäßig jungen Untersuchungsgegenstand, der sich mit Erscheinen der beiden Werke Un captif amoureux 1986 sowie L’Ennemi déclaré 1991 entwickelt.
Neben einigen frühen Untersuchungen zu essentiellen – stilistischen und motivischen – Leitgedanken der politischen Schriften1 kristallisiert sich vor allem die Frage nach der Situierung dieses letzten Werks von Jean Genet innerhalb seines Gesamtwerks heraus. Dabei liegt der Schwerpunkt zunächst vornehmlich auf der Relektüre des bereits etablierten Roman- und Dramenwerks, ausgehend von den noch wenig erforschten politischen Werken. In diesem Sinne sind die Studien zum Motiv der Revolution in Genets Werk bzw. vor allem in seinen Dramen2 und zu seiner Strategie des Betrugs zu lesen, die Fredette vermittels der vergleichenden Lektüre von Un captif amoureux und Pompes funèbres beschreibt.3 Auch die in einer Spezialausgabe des Esprit créateur vereinten Beiträge zur Tagung „Jean Genet, littérature et politique“ verfolgen diese Zielsetzung und wählen daher eine zwischen den politischen Texten und ausgewählten Dramen und Romanen vergleichende Perspektive, wie der Herausgeber Patrice Bougon betont:
It seems today, that such posthumous texts will allow us to reread Genet’s complete work under a different light. If the majority of the contributions in this issue concern Un captif amoureux and L’Ennemi déclaré, other texts are also called upon where their political and ethical dimensions are seen as dominant.4
Auch die Sonderausgabe der Yale French Studies zum Thema Genet: In the language of the Enemy verfolgt einen ähnlichen Ansatz, wobei jedoch hier der Stellenwert der politischen Schriften in einzelnen Beiträgen stärker untermauert wird.5 Mehr noch gilt dies für den im selben Jahr erschienenen Sammelband Flowers and Revolution, der zudem einige Reden, Interviews und einen Brief von Genet an Allen Ginsberg beinhaltet,6 sowie für die Untersuchung von Pascale Gaitet mit dem Titel Queens and Revolutionaries7. Obwohl sich eine allmähliche Ausdifferenzierung der literaturwissenschaftlichen Untersuchung des Spätwerks nachzeichnen lässt, repräsentiert auch die Annäherung zwischen Spätwerk und Dramen einerseits bzw. Romanen andererseits in Hinsicht auf die Politik weiterhin einen wichtigen Forschungsschwerpunkt.8 Grundsätzlich lässt sich das gesamte Werk Jean Genets in verschiedener Hinsicht als politisch einstufen, wobei jedoch für die vorliegende Untersuchung insbesondere jene Studien von Bedeutung sind, die den Fokus auf Genets Spätwerk legen. Dies schließt natürlich nicht die Rezeption prägnanter Studien zu Teilaspekten aus, die sich eher dem Frühwerk widmen, jedoch auch einen Gültigkeitsanspruch für das zu untersuchende Korpus haben. Exemplarisch zu nennen wäre hier das Werk des Foucault-Spezialisten Didier Eribon, das wichtige Hinweise für die Inbezugsetzung Foucaults und Genets offenbart.9
Hinsichtlich der politischen Schriften im engeren Sinne sind die nachfolgenden Untersuchungen hervorzuheben. Eine eigentümliche Verquickung biographischer, historiographischer und literaturwissenschaftlicher Gesichtspunkte prägt Hadrian Laroches zunächst 1997 unter Leitung Jacques Derridas geschriebene und veröffentlichte Dissertation, die 2010 in der Reihe Champs Biographie in einer überarbeiteten Fassung neu aufgelegt wurde.10 Laroche beschreibt Jean Genets politisches Engagement chronologisch innerhalb des historischen Kontextes unter Bezugnahme auf die politischen Grundsätze der revolutionären Bewegungen der Black Panthers in den USA und der Palästinenser, welche Genet unterstützte. Allerdings handelt es sich nicht um eine Biographie, sondern vielmehr um eine leitmotivische Aufarbeitung bestimmter, für Genets Engagement paradigmatischer Charakteristika. Somit trägt Laroche der Singularität des Werks Rechnung, ohne seine historische Bedingtheit zu ignorieren. In Hinblick auf eine Situierung Jean Genets im politischen Zeitgeschehen ist Hadrian Laroches Werk im Vergleich zu anderen Studien mit einem analogen Konzept herausragend. Eine wesentlich kürzere, kaum berücksichtigte Untersuchung von Gourgouris Stathis verfolgt einen ähnlichen Ansatz, wobei die historische Situierung stärker auf geschichtstheoretischen Grundlagen basiert und dadurch einen Perspektivwechsel eröffnet.11 Eine überzeugende Untersuchung einzelner politischer Texte in Hinblick auf das Motiv des Reisens realisiert Jérôme Neutres, obgleich seine sich auf Genets Gesamtwerk stützende Studie eine prozessuale Entwicklung seiner nationalen Entfremdung zum Ausgangspunkt nimmt.12 Neutres bezieht sich darin auch auf die unveröffentlichten Drehbücher und leistet damit einen wichtigen Beitrag in Hinblick auf die Analyse dieser schwer zugänglichen Texte. Negative Kritik an Genets politischen Schriften übt Éric Marty. Seine umstrittene Abhandlung über Genets vermeintlichen Antisemitismus13 gibt Anlass zu einer weiteren umfassenderen Studie, in der Marty Genet die Unmöglichkeit einer positiven politischen Haltung attestiert, die nicht mit dem traditionellen Nihilismus der Intellektuellen zu verwechseln sei.14 Marty kritisiert Genets Versuch, Ethik und Verantwortung durch die Poesie zu substituieren und kontrastiert seine Haltung mit der Sartres und Camus’.
Malgorns Einschätzung, „[l’]année du centenaire apporte peu de révélations“15, muss in Anbetracht der Vielzahl erschienener Publikationen und Veranstaltungen sicher relativiert werden. Zur publikationsnahen Rezeption von Un captif amoureux ist 2010 unter Leitung von Agnès Fontvieille-Cordani und Dominique Carlat die sehr hilfreiche Zusammenstellung einer Art Pressespiegel entstanden, der eine wichtige Auswahl kritischer Kommentare des Werks bereithält,16 und beispielsweise eine rezente Studie zur kaum untersuchten gattungstheoretischen Einordnung dieses Werks angeregt hat.17 Anzuführen ist vor allem auch Balcázar Moreno, der mit einer Fokussierung der Trauerarbeit und der Erinnerungspolitik in Genets Gesamtwerk eine originelle Annäherung an das Politische und das Poetische gelingt.18 Ihr Forschungsansatz richtet sich sowohl gegen eine Entpolitisierung von Genets Werk zugunsten einer rein ästhetischen Deutung, als auch gegen eine zu starke Gewichtung des politischen Engagements und versucht die Kategorie des Politischen als eine spezifische Form von Gemeinschaft umzudeuten. Diese Umdeutung des Politischen in einem spezifisch Genet’schen Sinne stellt, unabhängig von der Thematik des Todes und der Erinnerung, einen gewinnbringenden Anstoß dar. Auch die Initiative der Reevaluierung der politischen Schriften unter Rekurs auf die ästhetischen Schriften konstituiert einen innovativen Ansatz. Der Gedanke einer Zusammenführung von Politik und Poesie beherrscht auch das unter Leitung von Albert Dichy und Véronique Lane organisierte Symposium von 2010 mit dem Titel „Jean Genet politique, une éthique de l’imposture“, welches die sich auch auf rhetorisch-literarischer Ebene abzeichnende Strategie des Verrats und Betrugs zum Schlüsselmoment eines näheren Verständnisses des politischen Engagements erhebt. Die Vorträge kennzeichnen sich vornehmlich durch Reflexionen zur Problematik von Ethik und Politik. Betont werden muss, dass die Verquickung von Politik und Poesie keine grundsätzlich neue Erkenntnis darstellt,19 aber den gegenwärtigen Forschungstenor bestimmt. Davon zeugt auch der unter der Herausgeberschaft von Ralph Heyndels erschienene Sammelband, welcher die Bereiche der Ästhetik und Politik unter dem Leitgedanken der Passion zusammenführt und eine Vielzahl interessanter Untersuchungen zur übergeordneten Thematik einer Politik des Verlangens bei Genet vereint.20
Die anlässlich des Jahrestages 2010 veranstaltete Tagung „Jean Genet und Deutschland“ legt einen Schwerpunkt auf die rezeptionsgeschichtliche Aufarbeitung von Genets Werk in Deutschland.21 Insbesondere die Beiträge zu Genets Artikel über die Rote Armee Fraktion sowie zu seinem Interview mit Hubert Fichte 1975 werden in der vorliegenden Untersuchung an entsprechender Stelle berücksichtigt werden. Dies gilt auch für weitere sehr nutzbringende Artikel zu einzelnen für die Analyse relevanten Fragestellungen.22 Daneben sollen hier noch einige kürzlich publizierte Werke näher Betrachtung finden. Zum intellektuellen Engagement in Frankreich vor dem Hintergrund der Revolutionen in Kuba, Vietnam und Palästina liefert Sylvain Dreyer einen wichtigen Beitrag, obgleich er sich in seiner Untersuchung zur literarischen und filmischen Aufarbeitung dieser Revolutionen auf ein umfangreiches Korpus, bestehend aus einer Vielzahl von Werken unterschiedlicher Autoren und Regisseure, stützt.23 Genet wird bei ihm im Kontext des palästinensischen Freiheitskampfes im Lichte von Un captif amoureux rezipiert, wohingegen die übrigen politischen Schriften von Jean Genet nicht zum Korpus zählen. Innerhalb seiner Untersuchung kommt Un captif amoureux insofern ein bedeutender Stellenwert zu, als Dreyer das Werk als Endpunkt einer Entwicklung des literarischen Engagements in Frankreich bewertet, die sich in einer allmählichen Abkehr von Sartres Modell als selbstkritische Form des Engagements herausbildet. Seine Unterscheidung zwischen den in der Tradition Sartres benannten „œuvres engagées“ und dieser neuen Form der „œuvres engagées critiques“ wird in dem sich anschließenden analytischen Teil diskutiert.24 Genannt werden muss auch die Arbeit von Tang mit dem vielversprechenden Titel May 68 and French Literary Production: A Periodization of Modern Revolutionary Writing in the Works of Conrad Detrez, Monique Wittig, and Jean Genet25. Tang betont die Bedeutung von Mai ’68 im Werk dieser drei Persönlichkeiten, konzentriert sich bei Genet aber ebenfalls vornehmlich auf Un captif amoureux, das allerdings aus einer rückblickenden und distanzierten Haltung verfasst wird. Da Tang damit argumentiert, dass die revolutionären Schriften aus dem Zeitgeist von Mai ’68 erwachsen, sich in Un captif amoureux aber vielmehr ein Umschwung nachzeichnet, ist Dreyers Ansatz dahingehend kohärenter und kann daher für die nachfolgende Analyse besser nutzbar gemacht werden.
Erwähnenswert für die Forschung über Genet ist auch der kürzlich von Marie-Claude Hubert herausgebrachte Dictionnaire Jean Genet26. Die vielseitigen und facettenreichen Einträge behandeln beispielsweise auch einzelne politische Texte, die bislang kaum aufgearbeitet wurden, und bieten daher innerhalb der Analyse einige wichtige Impulse. Eine umfassende historisch determinierte und diskursspezifische Kontextualisierung gerade der politischen Texte und Reden von Jean Genet liegt bislang nicht vor. Die Tatsache, dass gerade in den jüngsten wissenschaftlichen Veröffentlichungen, wie beispielsweise von Mairéad Hanrahan und von Alex Lussier,27 zu spezifischen journalistischen Texten Einzelanalysen vorgenommen werden, zeigt die Notwendigkeit und Relevanz einer näheren Betrachtung dieses heterogenen Textkorpus. Dabei ist auch das gegenwärtige Forschungsdesiderat einer Annäherung von Poesie und Politik in Genets Spätwerk von Bedeutung, da sich innerhalb dieses Spannungsbereichs Genets politischer Sonderweg konturieren lässt. Die diskursive Einordnung des Spätwerks ausgehend von einer Gegenüberstellung von Genet und Michel Foucault sowie Jean-Paul Sartre einerseits und der amerikanischen Autoren Allen Ginsberg sowie William S. Burroughs andererseits soll aufzeigen, dass Genets politische Texte innerhalb eines bestimmten Möglichkeitsfeldes bzw. diskursiven Bezugssystems zu situieren sind. Diese Inbezugsetzung ist bislang weitestgehend unerforscht. Genets Rückschau auf die eigene Positionierung bzw. die metadiskursive Betrachtung seines eigenen politischen Diskurses in Un captif amoureux erweisen sich zudem auch in gattungsspezifischer Hinsicht als Erkenntnis bringend.
2 Genet und das intellektuelle Feld in Frankreich
Wie die Historikerin Ingrid Gilcher-Holtey in ihrer Studie zur Wirkungschance von Intellektuellen in Ereignis- und Handlungskonstellationen der deutschen und französischen Geschichte vom 18. bis zum 20. Jahrhundert unter Bezugnahme auf Max Weber und Pierre Bourdieus Feldtheorie herausstellt,
problematisieren die Konstellationsanalysen die Rolle des Intellektuellen als Vordenker und Vermittler von Deutungs-, Wahrnehmungs- und Klassifikationsschemata der sozialen Welt. Sie rekonstruieren politische Interventionsschemata sowie Distinktions- und Definitionskämpfe um das Mandat des Intellektuellen.1
Nach Bourdieu besteht eine Interdependenz zwischen der Autonomisierung des literarischen bzw. kulturellen Feldes im 19. Jahrhundert und der Genese des Intellektuellen, nämlich in Form des den Anschluss an soziale und politische Gesellschaftsproblematiken suchenden Schriftstellers oder Künstlers.2 So erklärt er, dass sich auch die Frage nach dem literarischen Engagement erst konkretisiert, nachdem sich die völlige Trennung zwischen Kunst bzw. Literatur und dem sozialen und politischen Bereich der Gesellschaft vollzogen und sich ein autonomes literarisches Feld ausgeprägt hat. Das gesellschaftspolitische Engagement konstituiert somit „eine Erweiterung eines spezifischen kulturellen Handlungsspektrums“3. In diesem Sinn bezeichnet Sartre die Intellektuellen als
une diversité d’hommes ayant acquis quelque notoriété par des travaux qui relèvent de l’intelligence (science exacte, science appliquée, médecine, littérature, etc.) et qui abusent de cette notoriété pour sortir de leur domaine et critiquer la société et les pouvoirs établis au nom d’une conception globale et dogmatique (vague ou précise, moraliste ou marxiste) de l’homme.4
Betrachtet man daran anlehnend den Intellektuellen, dessen Begriffsdefinition sich aufgrund seiner historisch, sozial und situativ determinierten Präsenz stets in einem prozessualen Wandel befindet, im vorliegenden Fall als einen Vertreter aus dem literarischen Bereich, der sich unter Berufung auf eine spezifische Auffassung des Menschen oder ein etabliertes Wertesystem als Gesellschaftskritiker engagiert, so erklärt sich, dass sich das literarische Phänomen des Engagements dennoch auf alle Epochen erstrecken kann und somit weiter zurückreicht als bis ins 19. Jahrhundert:
L’‚engagement‘ est le phénomène littéraire, présent à toutes les époques, par lequel les écrivains donnent des ‚gages‘ à un courant d’opinion, à un parti, ou de manière plus solitaire, s’impliquant par leurs écrits dans les enjeux sociaux et, notamment, politiques.5
Was hier im übertragenen Sinne als ‚Einsatz‘ bzw. ‚Pfand‘ beschrieben wird, bedeutet im Konkreten den Einsatz des in seiner Domäne erworbenen Prestiges. Eine vermittelnde Stellung zwischen dieser gegensätzlichen Auffassung einer historisch begrenzten und einer überzeitlichen Form des literarischen Engagements eröffnet Benoît Denis, indem er den Terminus der „littérature engagée“ dem für ihn mit der Dreyfus-Affäre einsetzenden 20. Jahrhundert vorbehält, wohingegen er die in jeder Epoche existente gesellschaftskritische und politisch intentionierte Literatur als „littérature d’engagement“ bezeichnet.6 Das literarische Engagement konstituiert insofern eine Sonderform, als der engagierte Schriftsteller das Medium der Literatur nicht unbedingt verlässt, um sich als Gesellschaftskritiker zu engagieren:
[I]l y a ‚intervention de l’intellectuel‘ lorsqu’un agent, utilisant et mettant en jeu le prestige et la compétence acquis dans un domaine d’activité spécifique et limité (littérature, philosophie, sciences, etc.), s’autorise de cette compétence qu’on lui reconnaît pour produire des avis à caractère général et intervenir dans le débat sociopolitique. La fonction intellectuelle tend dès lors à se superposer aux fonctions traditionnellement dévolues à l’écrivain et à l’écriture. Il s’opère une redistribution des rôles, au terme de laquelle la littérature voit paradoxalement son prestige renforcé (l’écrivain qui fait œuvre d’intellectuel reste un écrivain et c’est ce prestige-là qu’il met en jeu dans son intervention), alors même que sa distance à l’actualité politique et sociale s’accuse encore, puisque l’intellectuel accapare le champ de l’intervention sociopolitique.7
Auch bei Michel Winock gehören die bereits erworbene gesellschaftliche Anerkennung, die Positionierung in der Öffentlichkeit und die Erweiterung des kulturell spezifischen Handlungsbereichs, die von ihm als „transfert de notoriété“8 bezeichnet wird, zu den Hauptmerkmalen des Intellektuellen,
der eine Reputation erworben hat oder anerkannte Kompetenzen im kognitiven oder kreativen, wissenschaftlichen, literarischen oder künstlerischen Bereich besitzt und seinen Status benutzt, öffentlich zu Fragen Stellung zu nehmen, die nicht sein Spezialgebiet, sondern die gesamte politische Gemeinschaft betreffen, der er angehört.9
Winock begrenzt in seiner Definition das intellektuelle Engagement auf die öffentliche Stellungnahme zu gesellschaftspolitisch relevanten Fragen, wohingegen Sartre das Engagement als Form der Gesellschaftskritik auf der Basis einer philosophisch fundierten Auffassung vom Menschen beschreibt. Julliard/Winock konkretisieren das gesellschaftspolitische Engagement unter Berufung auf die Intentionalität des Engagements in einer weiteren Beschreibung des Intellektuellen als „un homme ou une femme qui, à travers cette activité, entend proposer à la société tout entière une analyse, une direction, une morale que ses travaux antérieurs le qualifient pour élaborer.“10 Orientiert an der Einbindung des intellektuellen Engagements in den gesellschaftspolitischen Kontext unterscheidet Winock in einer idealtypischen Klassifizierung zwischen drei möglichen Interventionsformen, repräsentiert durch den kritischen Intellektuellen, der die politische, rechtliche und religiöse Autorität in Frage stellt, den organischen Intellektuellen, der das etablierte Regime verteidigt, und den parteilichen Intellektuellen, der einem neuen Regime bzw. einer neuen Partei zum Aufstieg verhelfen will.11 Winocks Darstellung der intellektuellen Intervention als öffentliche Stellungnahme setzt zudem eine in der Öffentlichkeit diskutierte Fragestellung oder Thematik oder ein Ereignis voraus, das den Intellektuellen in einen Diskurs involviert, in dem er eine für die Gesellschaft richtungsweisende Perspektive vorzugeben anstrebt. Nach Franzmann handelt es sich um eine Krise des öffentlichen Konsenses, der sich der Intellektuelle mit seinem spezifischen „Krisendiskurs“12 zuwendet.
Die Interdependenz zwischen Intellektualität und Öffentlichkeit manifestiert sich vor dem Hintergrund öffentlicher Transformationsprozesse. Wie eingangs skizziert, löst Mai ’68 einen Funktionswandel der Intellektuellen aus und repräsentiert einen Bruch mit der Rolle, die sie bislang in der Gesellschaft wahrgenommen haben. Als spezifische Krise des französischen Universitätssystems und damit der französischen Intelligenz beschreiben Ory/Sirinelli das Aufbegehren der Studierenden als „surrection de la jeunesse intellectuelle contre ses pères les plus officiels, mais qui, portée par l’exemple de quelques maîtres bien précis, reçut le ralliement fasciné de plusieurs grands noms de la haute intelligentsia établie“13. Dazu zählen für die beiden Verfasser insbesondere Jean-Paul Sartre, „se situant une fois de plus au centre des tendances intellectuelles du temps“14, und in dessen Folge beispielsweise Michel Foucault, Maurice Clavel und Jean Genet, auch wenn durch diese undifferenzierte Inbezugsetzung zu Sartre deren Wechselbeziehungen und geistiger Austausch nur angedeutet werden:
Mais un tel raisonnement [celui de Sartre, S.I.], partagé dans les premières années qui suivirent Mai par un Maurice Clavel (1920–1978), un Michel Foucault ou un Jean Genet (1910–1986), pour ne citer que trois personnalités assez représentatives de trois différentes légitimités intellectuels – un ‚journaliste‘, un ‚philosophe‘, un ‚poète‘ – n’était pas sans influer à son tour sur l’œuvre même de ses personnages.15
Als Trias unterschiedlicher intellektueller Legitimitäten dargestellt, muss zum einen die damit verbundene Differenzierung deren Funktionen im öffentlichen Raum und zum anderen die jeweilige persönliche Entwicklung und Haltung gegenüber der Rolle des Intellektuellen berücksichtigt werden. So betreten Foucault und Genet im Gegensatz zu Sartre in den années 68 zum ersten Mal die politische Bühne, schaffen jedoch jeweils eine Rückbindung an ihr bis dahin veröffentlichtes Werk und theoretisieren ihr Engagement entsprechend ihrem spezifischen Interessenbereich.
Gilcher-Holtey betrachtet Mai 1968 als soziale Bewegung, deren kognitive Konstitution nicht allein durch eine Universitätskrise determiniert wird.16 In ihrem Verständnis beziehen die Trägergruppen einer Bewegung ihre kognitive Identität prozessual durch „die Herausbildung einer internen Kommunikationsstruktur, eines symbolischen Systems der Selbstverständigung und der Selbstgewissheit, die Handlungsrichtung und intersubjektive Handlungsbereitschaft bestimmen.“17 Diese Form des Austausches bezeichnet sie als „kognitive Praxis“, die „durch Ordnungsentwürfe von Intellektuellen und ihre Umsetzung in handlungsrelevante Zielvorstellungen“18 determiniert werde. Wenn auch die Rolle der etablierten Intelligenz im Mai 1968 als sekundär zu bezeichnen ist – weder Sartre noch Foucault oder Genet waren in der Bewegung –, so greift sie doch Teilelemente der Bewegung auf und führt sie weiter, wie beispielsweise die Schaffung des G.I.P. und des darin symbolisierten neuen Interventionsschemas zeigt. Im Lichte von Winocks Klassifizierung unterschiedlicher intellektueller Interventionsformen legen sie als Befürworter der sozialen Umbrüche und Proteste ihre eigene Funktion grundsätzlich entsprechend der des kritischen Intellektuellen aus, indem nämlich politische und vor allem rechtliche Autoritäten angezweifelt werden. Dabei zielen sie jedoch unter Einwirkung der öffentlichen Transformationsprozesse darauf ab, neue Handlungskonzepte zu entwerfen. Gilcher-Holteys Ausführungen in Eingreifendes Denken zufolge werden die Distinktions- und Positionskämpfe im intellektuellen Feld am Ende des 20. Jahrhunderts durch drei konkurrierende Typen des Intellektuellen determiniert, die den Diskurs maßgeblich prägen: der ‚allgemeine‘, der ‚revolutionäre‘ und der ‚spezifische‘ Intellektuelle.19 Diese intellektuellen Handlungsentwürfe entstehen in Reaktion auf die gesellschaftliche Situation des Umbruchs und vermitteln unterschiedliche Deutungs- und Wahrnehmungsformen der sozialen Welt. Im Gegensatz zu Sartres durch die Maiereignisse transformierter Rolle des ‚universellen‘ Intellektuellen und Foucaults Ideal des ‚spezifischen‘ Intellektuellen, welche auf theoretisch fundierten und hergeleiteten Konzepten des politischen Engagements basieren, bleibt Genets Reaktionsform nur schwer klassifizierbar, wie in der sich anschließenden vergleichenden Analyse ermittelt werden soll. Julliard und Winock widmen ihm einen Artikel im Dictionnaire des intellectuels français, in dem die Unabhängigkeit als Schlüssel seines politischen Engagements benannt wird: „L’indépendance est la clé de son parcours intellectuel. […] Il renouvelle le modèle sartrien de l’écrivain engagé en refusant de se substituer aux hommes politiques et en choisissant les causes qu’il défend pour des raisons intimes et personnelles.“20 Genets politisches Engagement muss an jenen Merkmalen ausgerichtet werden, die den Intellektuellen allgemein kennzeichnen, nämlich an seinem in einem anderen Bereich erworbenen Prestige und an dessen zielorientiertem Transfer in die politische Öffentlichkeit zugunsten einer gesellschafts- und handlungsrelevanten Richtungsweisung. Dabei müssen seine Haltung zum eigenen Prestige und zu dessen Wirkungskraft in der Öffentlichkeit ebenso beleuchtet werden wie seine Positionierung zur intellektuellen Interventionsform und ihren unterschiedlichen Ausprägungen.
2.1 Jean Genet im Fokus der medialen Öffentlichkeit: Zwischen revolutionärer Emblematisierung und Anonymitätsgebot
Die gesellschaftlichen Veränderungen, welche sich in den Protestbewegungen der 1960er und 1970er widerspiegeln und durch diese vorangetrieben werden, zwingen die Intellektuellen zu einer Redefinition ihrer eigenen Funktion. Ein Widerspruch der sich auflehnenden Generation ist die offensive Ablehnung jedweder Autoritäten und Idole einerseits und der Prozess der Emblematisierung einzelner Persönlichkeiten zu Ikonen und Leitbildern der Protestbewegungen andererseits. Es wird ein grundsätzlicher Verzicht auf Idole und theoretische Ideengeber postuliert, die als Produkte der Konsumgesellschaft wahrgenommen werden. Dieses eigentümliche Paradox des Oszillierens zwischen der Ablehnung des Personenkultes und der Ikonisierung politischer und lebensweltlicher Vorbilder wird auch in Genets frühen politischen Reflexionen thematisiert und kennzeichnet somit seinen Eintritt in die gesellschaftspolitische Öffentlichkeit im Mai 1968. Die Unterstützung verschiedener revolutionärer Bewegungen mittels seines als Autor erworbenen Prestiges, wie sie unter anderem bei Benoît Denis als typisches Merkmal der intellektuellen Intervention beschrieben wird,1 bedingt die Furcht vor einer Instrumentalisierung seiner Person zu politisch-ideologischen Zwecken sowie vor der Defiguration seines Namens. Diese Problematik ist Gegenstand eines frühen journalistischen Kommentars über Genets Haltung zur Studentenrevolte von Mai 1968, der ein Interview mit Jean Genet im Rahmen seiner Einladung durch das comité d’agitation culturelle der Sorbonne beinhaltet.2 Das Aktionskomitee wurde am 13. Mai 1968 mit dem Ziel der Schaffung einer neuen Kultur gegründet und fordert von allen Kunstschaffenden die „auto-élimination“.3 Der Autor des in der Zeitung Combat erschienenen Artikels, Jean Lebouleux, betont in einem lobenden Kommentar, dass Genet sich des Versuchs der Instrumentalisierung seiner Person zu einem Idol der Studentenbewegung mit den Worten „[j]e ne veux pas être une idole, je suis un homme comme tout le monde“4 erwehrt. Genets Zurückhaltung während der Studentenunruhen wird sehr positiv aufgenommen, wie auch folgender Vergleich eines anwesenden Studenten mit Sartre belegt, der sich am 20. Mai im Auditorium der Sorbonne den Studierenden zum Dialog zur Verfügung gestellt hatte:5 „Sartre était un opportuniste, Genet est un poète.“6 Lebouleux kritisiert das Phänomen der Emblematisierung als einen der Konsumgesellschaft inhärenten Prozess:
L’idole est un des produits de la société de consommation remise en question par les événements actuels. Il était donc normal que la révolution, si révolution il y a, supprime ce mythe. Or la conduite du comité d’agitation culturelle de la Sorbonne ou du moins de l’un de ses membres apparemment influent, hier, envers Jean Genet, est une véritable tentative de récupération. On veut montrer l’idole aux peuples, une idole de la liberté sans doute, mais un personnage mythique que chacun voulait approcher.7
Der Versuch einer Instrumentalisierung Genets zum enragé geht jedoch auch von der Zeitschrift Combat selbst aus, die ihm während der Demonstrationen im Mai mehrere Artikel widmet, so dass Lebouleux’ Artikel als Kulminationspunkt dieser Problematik betrachtet werden kann. Die Zeitung beansprucht für sich eine singuläre und wegbereitende Positionierung innerhalb der 68er Bewegung, wie aus folgendem Leseraufruf ersichtlich wird:
Seul de tous les journaux parisiens, Combat a compris, a expliqué, a soutenu le grand mouvement contre lequel le pouvoir a jeté ses matraques. […] Nous sommes contre tous les Springer, contre ceux de l’Argent et du Dogme, nous sommes devenus nous aussi une ‚poignée d’enragés‘.8
Das Attribut des enragé, welches sich die Zeitung als autoreferentielles Merkmal selbst zuschreibt und in der Berichterstattung des Monats Mai auch vor allem die Opfer polizeilicher Übergriffe bezeichnet,9 wird in einem Artikel mit dem Titel „Saint-Genet, l’enragé“ auch Genet zuteil. Darin ergeht ein expliziter Appell an den Autor, zu einer symbolischen Figur der Barrikadenkämpfe zu avancieren: „Je demande à Genet d’être notre Courbet.“10 Der Artikel präsentiert Bruchstücke verschiedener Äußerungen Genets, die seine Teilnahme an den studentischen Demonstrationen belegen. Dabei lässt der Verfasser des Artikels Genets Zitate mit deskriptiven Einschüben über den Gesang eines „jeune terroriste [qui] chante, tel Néron, les flammes qui réjouissent la Ville“11 alternieren. Neben der metaphorischen Verankerung Genets in der Revolutionsgeschichte durch den Vergleich mit der historischen Persönlichkeit Courbets erfolgt seine Instrumentalisierung somit über die Selektion und Verknüpfung ausgewählter Aussagen, welche als Aufruf zur Demolierung der Stadt Paris inszeniert werden. Das sich in diesem Mechanismus widerspiegelnde diffuse, assoziative Wissen über dessen Persönlichkeit transformiert ihn zu einer Projektionsfläche revolutionärer Zielsetzungen. Das Emblem des enragé lehnt Genet jedoch ab, wie aus der am darauffolgenden Tag publizierten Rektifikation des Journalisten hervorgeht:
[J’]ai publié, hier, sous le titre de „St. Genet l’Enragé“ [sic!] des bribes de phrases contre lesquelles Genêt [sic!] a protesté. Parce qu’il ne veut pas désavouer le rôle joué par «Combat» dans cette Révolution, et parce qu’il ne veut pas de la ‚niche‘ que je lui faisais à travers ces quelques phrases, Jean Genet a refusé le rôle de terroriste inquiétant et solitaire. Parce que je comprends le sens de sa démarche, parce que la probité intellectuelle l’exige et parce que, surtout, je suis militant de notre lutte, je me désavoue moi-même.12
Genets Verzicht auf eine Sonder- bzw. Nischenstellung innerhalb der Protestbewegung wird als Wunsch nach intellektueller Rechtschaffenheit gedeutet. In seinem Artikel über Genets Besuch in der Sorbonne am 30. Mai 1968 stellt Jean Lebouleux bezeichnenderweise den Aspekt des Personenkultes in den Vordergrund seines Berichtes. So zitiert er in verkürzter Form, was Genet als Essenz der Revolution präsentiert, nämlich das Ausmerzen der sozialen Phänomene des Geldes und des Namens:
J’ai compris le sens plus profond de ce qui n’était qu’une révolte et devenait le sens même de la révolution c’est à dire [sic!] la remise en question de toutes les formes sociales dans lesquelles nous vivons. Mon avis? Je crois qu’il faut supprimer deux éléments importants: l’argent et le nom.13
Vermittels der in diesem Artikel bereits angerissenen Problematik des Namens reflektiert Genet seine eigene Rolle und Funktion in der gesellschaftspolitischen Öffentlichkeit. Das Geld und der Name als Symbole des Prestiges und der öffentlichen Anerkennung werden hier im Kontext der Kritik an der einengenden Charakteristik von Symbolen und Emblemen problematisiert: „Le fait d’avoir un nom même peu célèbre m’opprime. Hélas, je ne sais pas comment changer cela. Quant à l’emblème, il ferme, il clot [sic!], même s’il exalte.“14 In einem Interview mit José Monleón der spanischen Zeitschrift Triunfo von 1969 anlässlich einer Inszenierung seines Theaterstücks Les Bonnes durch Victor Garcia und die spanische Theatergruppe Nuria Espert im Théâtre de la Cité Internationale konkretisiert Genet diesen Zusammenhang:
El problema que me plantea mi nueva situación es terrible. ¿Qué hacer para deshacerme de todo el dinero que recibo? ¿Qué hacer para deshacerme de un nombre que resulta cada vez más abrumador? Ese es mi gran problema actual. Yo creo que para un hombre existen dificultades que proceden del dinero. Cuando lo tiene en cantidad se convierte en dominador. Si, además, posee un nombre repetido a menudo en todas partes, ese nombre se hace tiránico.15
Genet beschreibt die negativen Auswirkungen des Geldes und der Berühmtheit auf die Persönlichkeit, welche einen sozialbedingten Transformationsprozess des Individuums auslösen: Es wird zum Herrscher und zum Tyrann. Die Tyrannei des Namens betrachtet er auch als Grundlage seines eigenen Interviews: „Un ejemplo podría ser lo que está pasando aquí ahora; se yo no me llamase Jean Genet, ustedes no estarían conmigo. ‚Ejerzo, pues, sobre ustedes, una especie de tiranía debido a mi nombre. Y eso necesito destruirlo‘.“16 Die Funktion des Eigennamens wird von Genet einerseits in Bezug auf seine Rolle als öffentliche Autorität problematisiert, andererseits aber auch in Hinblick auf den Autor-Werk-Konnex im spezifisch literarischen Bereich, obwohl er zu diesem Zeitpunkt bereits bewusst von der Publikation literarischer Texte absah. So erweitert er diese Problematik auf das Konzept des literarischen Eigentums in einem Brief, der laut dem Ausstellungskatalog aus Tours zunächst an die Société des auteurs adressiert war,17 welche im Mai 1968 aus der Société des gens de lettres mit Standort im Hôtel Massa hervorgegangen ist. Das Konzept des literarischen Eigentums vereint das Zusammenspiel von gesellschaftlicher Anerkennung und Besitzverhältnissen, welches Genet bereits in seiner frühen Kritik unter den Schlagwörtern des Geldes und des Namens resümiert hat. Malgorn kontextualisiert diesen auch bei ihm abgedruckten Brief im Zusammenhang zweier Theaterinszenierungen und stellt ihm einen Brief an den mit Genet befreundeten Regisseur Antoine Bourseiller voran:
Victor Garcia vient me voir. Afin de lui faciliter les moyens d’obtenir de l’argent pour jouer Le Balcon à Paris, il me demande, et je lui donne mon accord, selon les règles que nous récusons, je le fais et ce n’est qu’un tour de passe-passe, et je vous préviens, parce qu’autour de vous, tout va tenter de maintenir la fiction d’une pseudo propriété artistique ou théâtrale, protégée par le nom de l’auteur, par la signature de l’auteur. Il est donc possible que je galvaude encore cette signature de ‚l’œuvre‘. Pour vous, pour Garcia et pour moi, la seule réalité de nos rapports est là, dans ce texte que j’ai signé avec vous et votre troupe le 19 février 1969.18
Der Brief an die Société des auteurs steht folglich im Kontext der Inszenierung des Stückes Le Balcon durch Antoine Bourseiller in Marseille 1969 und stellt den Begriff des literarischen Eigentums in Frage, welches in der Signatur und nominalen Zuschreibung eines Werks zum Ausdruck kommt. Unklar bleibt jedoch, warum Genets und Bourseillers Text sich an die Société des auteurs richtet. Genets kritisches Verhältnis zu dieser Gesellschaft manifestiert sich in seinem ironischen Kommentar zur Besetzung der Vorgängerinstitution durch einige bekannte Autoren: „[À] quoi bon occuper un cimetière? À moins de remplacer de vieux morts par de jeunes morts.“19 Wie Christian Charrière in ebenso scharfzüngigem Tonfall berichtet, besetzen unter anderem Michel Butor und Nathalie Sarraute das Hôtel Massa, „réalisant enfin le vieux rêve des intellectuels de marier l’action et la pensée […] pour manifester leur solidarité avec les étudiants et les ouvriers.“20 Ziel dieser neu gegründeten Autorengemeinschaft sollte die Verbindung der Literatur mit den als revolutionärer Prozess wahrgenommenen Bewegungen sein. So zitiert Charrière das Credo der Société des auteurs: „Ouverte à tous ceux qui considèrent la littérature comme une pratique indissociable du procès révolutionnaire actuel [c]ette Union sera un centre permanent de contestation de l’ordre littéraire établi.“21
In seinem Brief problematisiert Genet die von ihm als feudales System beschriebene Beziehung zwischen dem Autor und seinem Werk, welche auf der Unterschrift bzw. dem Namen des Autors basiert und dessen Substitution er anstrebt: „C’est par une voie plus subtile que celle qui s’établit à partir d’une prétendue propriété littéraire – ou dramatique, ou artistique – que nous allons essayer d’instaurer entre un très aléatoire auteur et notre troupe, un accord différent.“22 Die Tyrannei des Namens scheint für Genet aus einer semiotischen Geschlossenheit des Eigennamens zu resultieren, den er metaphorisch als „une sorte de repaire, un silo à grain, un sanctuaire chinois, où personne d’autre que le signataire ne pourrait tirer avantages“23 charakterisiert. Die von Genet als gefährlich geschilderte, sich proportional zum Erfolg verhaltende ‚Aufladung‘ des Eigennamens wird in diesem Text in Bezug auf das Konzept des literarischen Eigentums bewertet, das er als unzeitgemäß beschreibt: „De plus en plus, elle [la propriété littéraire, S.I.] se rattache à un nom (le nom de l’auteur) alors que le nom recouvre de moins en moins une œuvre originale, si l’on accepte qu’‚un esprit de l’époque‘ soit à l’origine de toute œuvre originale.“24 Denn obwohl die Vorstellung eines gemeinsamen Geistes der Epoche die Originalität von Individualwerken grundsätzlich widerlege, würden einzelne Werke stärker denn je mit Autorennamen in Verbindung gebracht. Genets Kritik kann unter diesem Gesichtspunkt in Bezug zu Barthes’ in dessen gleichnamigem Artikel beschriebenem Postulat der „mort de l’auteur“25 gesetzt werden, in dem er die durch die kapitalistische Ideologie fundierte tyrannische Zentrierung der Literatur um den Autor kritisiert. Ähnlich wie auch Barthes, für den im Tod des Autors die Geburt des Lesers liegt,26 kritisiert Genet, dass der mandarinale Respekt vor dem Eigennamen des Schriftstellers die Qualitäten und Mängel seines Werks für den Leser verberge. Stattdessen plädiert Genet für die künstlerische Anonymität, welche die Sensibilität des Publikums schärfe:
[Q]u’en face d’accords nouveaux, et d’une œuvre non signée, le public y gagnera en sensibilité, nous le savons bien, nous […] qui avons visité des musées Chinois et Japonais et qui après les plus beaux tableaux nous avons cherché la signature et n’avons découvert que cette mention „anonyme“ du XVIᵉ siècle, et que notre émotion en était augmentée.27
Genets Vision einer neuen (literarischen) Übereinkunft, die nicht mehr auf der Autorität des Unterzeichnenden beruht, sondern auf einer Steigerung der Bedeutung des Betrachters, muss als Synthese seiner im Mai ’68 einsetzenden Reflexion über die oppressive Macht des Namens und des Prestiges verstanden werden und weist, wie gezeigt werden soll, Analogien zu Foucaults Vorstellung des Autors auf. Das Gebot der Anonymität versteht Genet als Grundlage jener neuen Beziehung, die er im ersten Satz des Briefes als „accord différent“ zwischen jenem „très aléatoire auteur et notre troupe“28 ankündigt. Die Konzepte der Anonymität und der Zufälligkeit, die hier von Genet als Substitute der Individualität und Authentizität des Autors postuliert werden, lassen einen bewussten Pakt zwischen Autor und Leser gar nicht erst zu, wobei die Vorstellung eines Paktes sich grundsätzlich Genets ästhetischen und moralischen Grundsätzen widersetzt, wie der nur in Malgorns Transkription erscheinende, abschließende Satz untermauert:
Tous les accords que j’ai pu signer jusqu’à aujourd’hui doivent être considérés comme nuls et non avenus: en accordant sa propre liberté à ce que j’ai pu écrire (pièces de théâtre), je reprends ma liberté à l’égard d’une société dont je dénoncerai tous les pactes.29
In seiner Essenz behandelt der Brief weniger kunstästhetische Aspekte als die Funktion und Bedeutung des Autors und seines Namens. Diese Thematik steht auch im Zentrum von Foucaults Text „Qu’est-ce qu’un auteur?“ von 1969, in dem die Indifferenz gegenüber der Identität des Autors als ethisches Prinzip behandelt wird.30 Foucault diskutiert die Teilaspekte des Namens („le nom d’auteur“), der Aneignung des Werks durch den Autor („le rapport d’appropriation“), der Zuweisung des Gesagten zu einem Werk („le rapport d’attribution“) und der Position des Autors in einem Diskurstyp oder einem diskursiven Feld („la position de l’auteur“).31 Hinsichtlich des Namens konstatiert Foucault, dass er weder eine reine Bedeutung habe noch das Äquivalent einer Beschreibung sei, sondern „entre ces deux pôles de la description et de la désignation“32 zu situieren sei, wobei sich jedoch der Autorenname vom Eigennamen durch seinen besonderen Status unterscheide. Über den Status der Autorität hinaus, kommt dem Autorennamen innerhalb eines Diskurses eine ordnende Funktion zu, insofern er nämlich die Gruppierung, Eingrenzung und Gegenüberstellung von Texten erlaubt. Der Name des Autors charakterisiert einen bestimmten Diskurstyp und fundiert die Bedeutung dieses Diskurses innerhalb der Gesellschaft, der ihn von jenem alltäglichen, flüchtigen und konsumierbaren Diskurs differenziert. Diesen Zusammenhang wird Foucault ein Jahr später in L’ordre du discours im Kontext der die Ereignishaftigkeit und Zufälligkeit des Diskurses bändigenden internen Prozeduren weiter ausführen, wonach der Autor als Prinzip der Gruppierung von Diskursen verstanden und als solches abgelehnt wird.33 Eng mit der Bedeutung des Eigennamens verknüpft ist auch für Foucault die Frage nach dem literarischen Eigentum bzw. der Verflechtung von Autor und Werk, welches sich in Foucaults Verständnis als Paradigma einer sich im 17. und 18. Jahrhundert abzeichnenden Wende des Literaturverständnisses herauskristallisiert.34 Während zuvor der Autorenname eine geringere Rolle für die Rezeption bestimmter Texte spielte, avancierte die literarische Anonymität dann zu einem nicht länger akzeptierbaren Faktum. Das Verständnis des Namens als Marker der Individualität und Identität charakterisiert über das Verhältnis des Autors zu seinem als Einheit konzipierten Werk hinaus den literarischen Diskurs und dessen Bedeutung. Die von Foucault aus diskurshistorischer Perspektive beschriebene Autoren-Funktion gleicht aufgrund der historischen Transformationsprozesse keinem Fixum, sondern räumt der Anonymität, jenem „anonymat du murmure“35, stets eine Möglichkeitsexistenz ein. Foucault diagnostiziert vielmehr – ähnlich wie auch Barthes – einen mit Mallarmé einsetzenden Prozess des Verschwindens jener durch die Autoreninstanz gesicherten Charakteristika, nämlich der Individualisierung des schreibenden Subjektes, wodurch ein neues ethisches Prinzip in der Literatur hervortrete.
Während Foucault die Entwicklung der Funktion des Autors und des literarischen Eigentums diskursanalytisch determiniert, tritt in Genets Stellungnahme stärker die Charakteristik der Forderung nach der Auflösung der Autoreninstanz in Hinblick auf seine persönliche Stellung in der Öffentlichkeit in den Vordergrund. Der Autorenname hat eine autoritäre Funktion und indiziert die Bedeutung des Werks für die Gesellschaft vermittels seiner beschreibenden Charakteristik, so Foucault:
Quand on dit ‚Aristote‘, on emploie un mot qui est l’équivalent d’une description ou d’une série de descriptions définies, du genre de: ‚l’auteur des Analytiques‘, ou: ‚le fondateur de l’ontologie‘, etc. Mais on ne peut pas s’en tenir là; un nom propre n’a pas purement et simplement une signification; quand on découvre que Rimbaud n’a pas écrit La Chasse spirituelle, on ne peut pas prétendre que ce nom propre ou ce nom d’auteur ait changé de sens.36
Der Name als Äquivalent einer Zuschreibung einschlägiger, aus dem Leben oder dem literarischen Werk des Autors geschöpfter Merkmale, birgt die Gefahr der Deformation in sich und gleicht zudem für Genet einem die künstlerische Bedeutung einschränkenden Qualitätssiegel. Im Vordergrund seiner Reflexionen steht der Verzicht auf die dem Namen des Autors eingeschriebene Autorität, welcher er durch die Distanzierung von seinem literarischen Werk Rechnung trägt.
Die Autorität resultiert stets aus einer gesellschaftlich erworbenen Anerkennung, welche auch zu jenen Grundmerkmalen gehört, die eine intellektuelle Intervention ermöglichen. Problematisch erscheint daher die Ablehnung der durch den Namen gesicherten Autorität in Hinblick auf Genets Eintreten in das intellektuelle Feld und seine öffentliche Funktion als Sprachrohr bestimmter revolutionärer Gruppierungen wie beispielsweise der Black Panthers oder der palästinensischen Freiheitsbewegung. Denn sein Einsatz in der Öffentlichkeit lässt die Möglichkeit eines Verzichtes auf den Gebrauch der eigenen Reputation fraglich erscheinen. Sein Misstrauen gegenüber der medialen Öffentlichkeit und ihrer Prozesse der Instrumentalisierung zeichnet sich somit bereits in seinen frühesten politischen Stellungnahmen ab. Tatsächlich repräsentiert auch Genets erster politischer Artikel jenen medienkritischen Standpunkt, wobei die Kritik an den Deformationsmechanismen der Öffentlichkeit in diesem Text nicht autoreferentiell, sondern in Hinblick auf Daniel Cohn-Bendits medial konstruiertes Image geäußert wird.37 Durch die Einschreibung des eigenen Namens in den medialen Diskurs wird der Name mit Bedeutung und Autorität aufgeladen, wodurch es zu seiner Verselbständigung und Deformation kommt, ein Prozess, der an Barthes’ Konzept des Mythos erinnert.38 In einem unveröffentlichten Text von 1976 mit dem programmatischen Titel „J’ai peur de mon nom“ zeigt sich, dass diese Thematik der medialen Defiguration auch weiterhin von Genet reflektiert wird.39 Die sich in Genets Kritik an der Einschreibung des Eigennamens in den medialen Diskurs abzeichnende Reflexion über die eigene Position in der Öffentlichkeit kann grundsätzlich als für das intellektuelle Feld der 1960er und 1970er Jahre symptomatisch eingestuft werden, in dem die Intellektuellen aufgrund der sozialen Umwälzungen zu einem kritischen Überdenken ihrer eigenen Autorität und Funktion in der medialen Öffentlichkeit sowie ihres Verhältnisses zu den revolutionären Gruppierungen veranlasst wurden.
2.2 Intellektuelle Handlungsentwürfe
Genets Verortung im intellektuellen Feld orientiert sich an jenen beiden Persönlichkeiten, die dieses Feld in den 1960er und 1970er Jahren in Frankreich maßgeblich bestimmt haben und zu denen Genet in einem ambiguen Verhältnis stand: Jean-Paul Sartre und Michel Foucault. Daher soll bei der Analyse die Interdependenz zwischen Genet, Foucault und Sartre im Vordergrund stehen. Genets Verhältnis zu den beiden Philosophen kann als unstet und problematisch bezeichnet werden. Während Genets Beziehung zu Sartre auf die Anfänge seiner eigenen literarischen Schaffensphase zurückführt, beschränkt sich seine Beziehung zu Foucault auf jene kurze Zusammenarbeit in dem von Foucault gegründeten Groupe d’information sur les prisons in den frühen 1970er Jahren sowie im Rahmen anderer politischer Aktionen für die Rechte der Immigranten in Frankreich, an denen auch Sartre beteiligt war. Trotz der offenen Distanzierung von den beiden Philosophen müssen sie als Bezugsgrößen betrachtet werden und sollen nicht einfach als Negativfolie zur Bestimmung der Stellung Genets im intellektuellen Feld dienen. Aufgrund der Solidarität in gemeinsamen militanten Aktionen sowie der Erfahrung derselben historischen Ereignisse und Begebenheiten einerseits und der impliziten, teilweise auch expliziten Bezugnahme zueinander andererseits lassen sich thematische und motivische Parallelen herausfiltern. Unter Berücksichtigung der interpersonalen sowie intertextuellen Dialogizität werden thematische Schwerpunkte untersucht, die sich als besonders relevant auszeichnen und welche die Basis jenes gemeinsamen diskursiven Bezugssystems bilden, das nicht auf Konsens abzielt, sondern Freiraum für jenen offenen Dissens lässt, den Sylvain Dreyer als prototypisch für Genets politische Positionierung herausstellt.1 Ursprung dieses Dissenses ist allerdings, wie Dreyer in seinem Beitrag behauptet, nicht alleine Genets Engagement für die Befreiung der palästinensischen Gebiete, wodurch er sich bewusst von Sartres pro-israelischer Haltung distanziert, sondern tatsächlich vor allem die grundsätzliche Poetisierung des Politikverständnisses, welche Genet beispielsweise im palästinensischen Kampf realisiert glaubt. Die Bedeutung und Funktion des Intellektuellen in der Öffentlichkeit, die damit verbundenen Handlungsmuster sowie die Kritik am Rechtssystem bilden die drei thematischen Hauptachsen. Die Herausbildung einer gemeinsamen diskursiven Formation der Kritik an der Rechtsstaatlichkeit kennzeichnet sich durch spezifische Diskursobjekte und -konzepte, die in einem weiteren Schritt näher beleuchtet werden.
2.2.1 Genet und Sartre: Der Poet und der Philosoph
Gemäß Edmund Whites biographischer Rekonstruktion traf Genet im Mai 1944 Sartre zum ersten Mal im Café Flore und war dem Philosophen als letzte Entdeckung Jean Cocteaus bekannt.1 Gemeinsam mit Cocteau, durch dessen Beziehungen Genet bereits einmal einer lebenslangen Gefängnisstrafe entgangen war, richtete Sartre 1948 ein Gesuch an den französischen Präsidenten, um eine erneute Inhaftierung aufgrund einer noch nicht abgesessenen Strafe abzuwenden.2 Sartre beschreibt seine Beziehung zu Genet stets in Abgrenzung zu Cocteau: „[N]os rapports à l’égard de Genet étaient très différents; moi je l’encourageais à être seul, comme j’étais, seul; je ne veux pas dire abandonné de tous, mais ne cherchant aucun parrain pour entrer dans la littérature, alors que Cocteau l’aurait volontiers parrainé.“3 Die Beziehung zwischen Genet und Sartre ist durch einen gegenseitigen geistigen Austausch über Literatur und Kunst geprägt, wie White betont: „They shared an interest in all literary forms (theatre, cinema, fiction), although Sartre was no poet and Genet no biographer.“4 Von diesem offenen Dialog zeugen beispielsweise auch die gegenseitigen Textwidmungen sowie der Schriftwechsel über die Konzeption der Homosexualität, eine Frage, die Sartre in besonderem Maße faszinierte.5 Der intensive Austausch zwischen Sartre und Genet ist in jener historischen Phase zwischen 1945 und 1956 zu situieren, die mit Annie Cohen-Solal als die „années Sartre“ zu bezeichnen sind, in welcher der Philosoph sein Konzept des literarischen Engagements ausarbeitet.6 Er kulminiert in Sartres monumentaler, existentialistisch-psychoanalytischer Biographie Saint Genet, comédien et martyr7, die von Sartres Interesse an Genets Leben und Persönlichkeit Zeugnis ablegt und für die weitere Beziehung ein richtungsweisendes Fundament darstellt. Sartre erinnert sich, dass Genet selbst ihn um ein Vorwort zur in Planung befindlichen Gesamtausgabe seiner Werke bei Gallimard bat.8 Ursprünglich als Vorwort gedacht, bildet sie schließlich den ersten Band der Gesamtausgabe und übersteigt mit ihren rund 600 Seiten die Leseerwartungen eines Vorwortes. Sartre interpretiert Genets negative Reaktion auf das Werk als Effekt eines Spiegels, der ihn auf sich selbst zurückgeworfen habe:
[Q]uand j’ai eu fini, je lui ai donné le manuscrit, il l’a lu, et une nuit, il s’est levé, il est allé jusqu’à une cheminée et il a pensé le jeter au feu. Je crois même qu’il a jeté des feuilles et qu’il les a reprises. Ça le dégoûtait parce qu’il se sentait bien tel que je l’avais décrit.9
Sartres Biographie, „objet bâtard, obèse, énorme, monstrueux“10, wie Cohen-Solal affirmiert, beschließt eine Kanonisierung des Werks und erhebt Genet zum Protagonisten seiner existentialistischen Philosophie: „Et Jean Genet sera enfermé, entre ces pages, dans le rôle du plus sartrien des personnages sartriens, du héros sartrien par excellence.“11 Genet selbst betont die sterilisierende Wirkung des Werks in einem 1964 entstandenen Interview mit Madelaine Gobeil:12 „[J’]ai mis un certain temps à m’en remettre. J’ai été presque incapable de continuer d’écrire. […] Le livre de Sartre a créé un vide qui a permis une espèce de détérioration psychologique.“13 Tatsächlich erkalten die Beziehungen zwischen Sartre und Genet im Folgenden. Zu einem späteren Zeitpunkt bestreitet Genet, das Buch jemals bis zum Ende gelesen zu haben, da es ihn langweile.14 Auch Genets Wertschätzung für den Philosophen bleibt zwiespältig, wie sich bereits im Interview von 1964 zeigt: „Sartre se répète. Il a eu quelques grandes idées et les a exploitées sous diverses formes. En le lisant, je vais souvent plus vite que lui.“15 Hier jedoch zollt er Sartre eine gewisse Sympathie und Anerkennung, indem er betont: „J’aime Sartre parce qu’il est drôle, amusant, et qu’il comprend tout.“16 Das hier nur implizit zu Tage tretende Konkurrenzverhältnis erstarkt in den Jahren des politischen Engagements und insbesondere durch den Dissens in Hinblick auf den Nahost-Konflikt, welcher, wie Winock herausstellt, das linke Lager mehr als jede andere Krise in Frankreich spaltete.17 So erinnert sich auch Edward Said, dass nicht so sehr Sartres monumentale Biographie Unfrieden gestiftet habe, die Genet mit den ironischen Worten kommentiert habe: „If the guy wanted to make a saint of me, that’s fine.“18 Vielmehr sei es aufgrund der pro-israelischen Haltung Sartres zu einem Zerwürfnis zwischen den beiden gekommen, wie die Wiedergabe des nachfolgenden Zitates von Genet belegen soll: „He’s [Sartre, S.I.] a bit of a coward for fear that his friends in Paris might accuse him of anti-Semitism if he ever said anything in support of Palestinian rights.“19 Möglicherweise ist das Spannungsverhältnis auch darauf zurückzuführen, dass Genet, so White, seinen politischen Aktivismus an Sartres Modell ausrichtete: „Although he [Genet, S.I.] did not turn actively to politics until the late 1960s, he certainly modelled his political activism on Sartre’s.“20 Dabei erscheint vor allem Genets Negation seines eigenen Status als Intellektueller bemerkenswert und es muss hinterfragt werden, inwieweit sich diese gegen Sartres Modell richtet. Die Distinktion zwischen der Rolle des Poeten und des Philosophen beschäftigt Genet bereits zum Zeitpunkt der Publikation von Saint Genet, comédien et martyr, wie Sartre in seinen Erinnerungen evoziert: „Il [Genet, S.I.] se prenait pour le poète et me prenait pour le philosophe et il a beaucoup usé de cette distinction qui n’était pas dite, mais on la sentait; il disait des choses sur le poète, il disait des choses sur le philosophe […].“21 Während der Phase seines politischen Aktivismus beansprucht Genet dann den Status des Poeten in Abgrenzung zur Funktion des Intellektuellen.
In Genets Verständnis bedeutet ‚Poet‘, wie Alexandre Romanès betont, neben der religiös-ethischen Figur des Heiligen, des saint, die höchste Auszeichnung, welche Genet wenigen Auserwählten – beispielsweise Albert Einstein – zuteilwerden ließ.22 Etymologisch aus dem Griechischen stammend bezeichnet poïétès den Schöpfer bzw. Erfinder. Bei Aristoteles wird seine Aufgabe von der des Geschichtsschreibers unterschieden, insofern letzterer in seinem in Prosa verfassten Geschichtswerk das wirklich Geschehene mitteilt, wohingegen der Dichter in Versform kommuniziert, was geschehen könnte.23 Darüber hinaus grenzt er mit seinen Werken zur Poetik und Rhetorik die Dichtkunst und die Redekunst gegeneinander ab und wendet sich mit seiner Poetik gegen Platons Verurteilung der Dichtung, wie dieser sie insbesondere im zehnten Buch seiner Ausführungen über den Staat verlautbart.24 Über gattungsspezifische Kontrastierungen hinaus begründet Platon seine Vorstellung einer traditionellen Feindschaft zwischen Philosophie bzw. Wissenschaft und Poesie, jenes „alte[n] Streit[s] zwischen Philosophie und Dichtung“25 unter Rekurs auf die ästhetischen und gesellschaftspolitischen Ansprüche beider Disziplinen. Während der Philosoph die Wahrheit sucht und Ideenkonzepte bildet, schafft der Poet entsprechend der platonischen Ideenlehre nur Illusionen und Trugbilder, indem er nämlich stets nur das Abbild eines Abbildes hervorbringt. Auf dieser Logik wird eine dichotome Struktur begründet, innerhalb welcher sich Wahrheit und Imagination bzw. Täuschung, Vernunft und Emotion, Wesenhaftigkeit und Abbilder einander gegenüberstehen. Platon fundiert in Ion und Politeia seine Vorstellung des Dichters als „inspiré des dieux, et donc en tant que tel, porteur d’images incontrôlables, sources des mouvements passionnels violents“26 und „fauteurs de désordre potentiels“27, den es aus seinem Idealstaat zu vertreiben oder zumindest durch die Philosophen zu kontrollieren gilt. Genets bewusste Anknüpfung an die Funktion des Poeten und nicht des Philosophen oder Intellektuellen entpflichtet ihn von jener gesellschaftspolitischen Verantwortung, die mit dieser Rolle traditionell verbunden ist, und distanziert ihn von Sartres Modell des literarischen Engagements. Bereits zum Zeitpunkt der Entwicklung jenes Konzeptes in Qu’est-ce que la littérature?28 zeichnet sich ab, dass Sartre sein Verständnis von Kommunikation als sprachlich realisierte Beziehung zum Anderen durch den gattungsspezifischen Kontrast zwischen Prosa und Poesie kennzeichnet. Die Möglichkeit eines poetischen Engagements schließt er aus.29 Ziel des engagierten Autors nach Sartre ist die Enthüllung der Welt und des Menschen, um den Prozess der Bewusstwerdung und die Übernahme der Verantwortung des Individuums in der Gesellschaft voranzutreiben: „[L’]écrivain a choisi de dévoiler le monde et singulièrement l’homme aux autres hommes pour que ceux-ci prennent en face de l’objet ainsi mis à nu leur entière responsabilité.“30 Dieser enthüllenden Funktion von Literatur und Sprache stellt er die autoreferentiellen Literatur- und Kunstformen gegenüber, zu denen für ihn die Poesie zählt. Sartre klassifiziert die Poesie als negative Kunstform, insofern sie niemals Teil einer Aktion sei, sondern sich selbst genüge. Daraus resultiert seine Kritik an der gesellschaftlichen Abgeschiedenheit und Einsamkeit des Dichters, welche durch jene negativen Charakteristika der Nichtmitteilung und des Narzissmus determiniert werden, die Sartre der Lyrik auch noch Mitte der 1960er Jahre attestiert.31 Nur die Prosa werde durch ihre Öffnung zur Gesellschaft hin jenem ethischen Imperativ gerecht, den Sartre in seiner Kongruenz zu dem von ihm erhobenen ästhetischen bzw. prosaischen Imperativ als Grundlage des literarischen Engagements versteht. Benoît Denis definiert den engagierten Autor in diesem Verständnis zu Recht als „celui qui a pris, explicitement, une série d’engagements par rapport à la collectivité, qui s’est en quelque sorte lié à elle par une promesse et qui joue dans cette partie sa crédibilité et sa réputation.“32 Die kontextuelle Unmittelbarkeit des literarischen Engagements schafft eine historisch fundierte Interaktion zwischen dem Autor und seinen Zeitgenossen, wobei der Autor die Funktion eines Mediators einnimmt: „L’écrivain est médiateur par excellence et son engagement c’est la médiation.“33 Im Unterschied zu Roland Barthes unterscheidet Sartre daher auch nicht zwischen „Écrivains et écrivants“34, also zwischen Schriftsteller und Schreibendem, als welchen Barthes den Intellektuellen bezeichnet, sondern untermauert die Kongruenz jener beiden Standpunkte des Schriftstellers und des Schreibenden bzw. des Intellektuellen aufgrund der identischen Funktion als gesellschaftlicher Mediator vermittels eines ethischen Gebrauchs von Sprache.35 Für Sartre repräsentiert der Schriftsteller die Funktion des Intellektuellen „par essence“36.
Die Mediatorenfunktion kennzeichnet folglich auch Sartres Konzept des universellen Intellektuellen, dessen funktionellen Wandel er bereits 1965 konstatiert, der dann jedoch mit Mai ’68 seine vorläufige Vollendung findet.37 Sartres Definition des Intellektuellen basiert auf der Unterscheidung zwischen Experten und Intellektuellen, wobei er jedoch jeden so genannten „technicien du pouvoir pratique“ als potentiellen Intellektuellen betrachtet, insofern er nämlich seinen Kompetenzbereich überschreitet.38 Eigentümlich sei daher für den Intellektuellen das ständige Spannungsverhältnis zwischen spezifischem und universellem Wissen, wobei jedoch für Sartre der Intellektuelle seine Funktion erst als „technicien de l’universel“ erfüllt.39 Wenn auch Sartre die Inkarnation jenes ‚universellen Intellektuellen‘ repräsentiert, so lässt sich im Nach-Mai gerade auch ein Transformationsprozess seiner Vision des intellektuellen Engagements konstatieren, welcher sich in seinem Bestreben äußert, „[de] nier le moment intellectuel pour tenter de trouver un nouveau statut populaire.“40 Er postuliert die Auflösung des klassischen universellen Intellektuellen durch die Hinwendung zu dem, was er in seiner Einleitung zum Plädoyer für den Intellektuellen als „compagnon radicalisé des forces populaires“41 und in einem Interview von 1970 als universelles Konkretes, als „universel concret“42, bezeichnen wird:
Il faut d’abord qu’il [l’intellectuel, S.I.] se supprime en tant qu’intellectuel. Ce que j’appelle intellectuel donc c’est la mauvaise conscience. Il faut qu’il mette ce qu’il a pu retirer des disciplines qui lui ont appris la technique de l’universel directement au service des masses. Il faut que les intellectuels apprennent à comprendre l’universel qui est désiré par les masses, dans la réalité, dans le moment, dans l’immédiat.43
Sartre argumentiert, dass der klassische bzw. universelle Intellektuelle sich als Theoretiker des praktischen Wissens stets in einem Spannungsverhältnis zwischen dem Universellen und dem Spezifischen befand44 und dass sein Universalitätsanspruch nur noch durch seine Verbindung zur universellen Gesellschaft, nämlich den Massen, gesichert werden könne:45
[I]l faut que ceux d’entre eux [les intellectuels, S.I.] qui ont vraiment changé se rendent compte qu’il n’y a plus d’autre possibilité d’avoir une fin universelle que de se mettre en liaison directe avec ceux qui réclament une société universelle, c’est-à-dire avec les masses. Mais ça ne veut pas dire qu’ils doivent, comme les intellectuels classiques, ‚parler‘ au prolétariat, bref faire de la théorie, soutenue par les masses dans l’action.46
Sein Verständnis des Intellektuellen basiert folglich auf einer Kooperation des Intellektuellen mit den Massen, die jedoch dessen Rolle als Sprachrohr bestimmter Gruppierungen überschreitet. So lehnt Sartre auch die Ansprache an die Arbeiterschaft ab und befürwortet stattdessen den kommunikativen Austausch. Diesen sieht er in La cause du peuple, dem Presseorgan der maoistischen Gauche prolétarienne (GP), dessen Herausgabe er 1970 auf Anfrage Pierre Victors nach der Inhaftierung der Herausgeber Le Dantec und Le Bris wegen Verbrechen gegen die Staatssicherheit nominell übernimmt, durch die journalistische Zusammenarbeit der Intellektuellen mit der breiten Masse realisiert.47 Sartre beschreibt seine veränderte Wahrnehmung und Vorstellung der gesellschaftlichen Funktion des Intellektuellen als einen seiner Zusammenarbeit mit den Maoisten entspringenden inhärenten Prozess:
Les premiers temps, je ne faisais pas grand-chose au journal, mais si j’avais voulu y écrire, ils m’auraient ouvert les pages. On a travaillé davantage ensemble, et petit à petit, je me suis gauchi, en ce sens que le travail avec eux m’obligeait – sans qu’ils fassent la moindre pression sur moi – à me contester comme intellectuel. L’intellectuel en partie bourgeois, que le P.C. acceptait sans le changer comme compagnon de route-potiche, ne pouvait pas travailler avec les maos sans découvrir ses contradictions et sans vouloir en sortir. Il ne fallait pas que l’intellectuel se prît pour un conducteur du peuple, mais qu’il regagne au plus vite, la place qui l’attendait dans le peuple.48
Dennoch betrachtet er sein fortgeschrittenes Alter als Hindernis für die Vollendung des Transformationsprozesses des Intellektuellenmodells, wonach der Intellektuelle in der Masse aufgehen soll. Denn als „victime de la division du travail“, so die marxistische Auslegung der Maoisten, müsse der Intellektuelle zusätzlich eine handwerkliche Arbeit verrichten.49 Für Sartre koexistieren daher beide Modelle, das des klassischen Intellektuellen und das jenes neuen, „polyvalenten“ Intellektuellen in ihm:
Ma contradiction profonde en tant que j’écris L’Idiot de la famille, c’est que celui qui écrit est un intellectuel classique qui se casse les os de la tête pour vous suivre et qui, déjà, sur certains plans, quand il va chez Renault caché dans un camion, ou qu’il fait irruption dans l’immeuble des Câbles de Lyon, se rapproche un peu de l’intellectuel polyvalent que vous imaginez […]. Les deux types d’intellectuel coexistent chez moi, et, d’une certaine façon, ils se contredisent et, en même temps s’appuient l’un sur l’autre.50
Während Sartre in Reaktion auf die zeitpolitischen Ereignisse seine Funktion in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit zu redefinieren versucht, hält Genet trotz seiner Distanzierung vom literarischen Feld an seiner Denomination als Poet fest. Dabei postuliert er jedoch niemals die Aktionsform eines Engagements, das durch die literarische Gattung der Poesie vermittelt würde. Genets Verständnis von Poesie umfasst vielmehr eine über die Gattungsspezifizität hinausgreifende Form der öffentlichen Kommunikation und Positionierung, die an die tradierte Vorstellung der gesellschaftlichen Ungebundenheit anknüpft und sich dadurch von Sartres Konzept der littérature engagée distanziert. Wie sich auch in Genets Misstrauen gegenüber einer medialen Vereinnahmung seines Namens und damit seines im literarischen Bereich erworbenen gesellschaftlichen Prestiges widerspiegelt, macht Genet durch das Festhalten an seiner Rolle als Poet jenen von Winock als „transfert de notoriété“51 bezeichneten Überschreitungsprozess vom literarischen zum intellektuellen Feld unkenntlich. Trotz dieser offenkundigen Distanzierung vom intellektuellen Feld weist Genets Interventionsform in der Praxis Analogien zu Sartres Verständnis des Engagements auf, die im Anschluss analysiert werden sollen.
2.2.1.1 Genet und die Funktion des intellektuellen Mediators
Genets Relation zum intellektuellen Engagement kommt besonders ausgeprägt in einem scheinbar unverfänglichen Artikel von 1974 über zeitgenössische maghrebinische Autoren zum Ausdruck.1 Darin legitimiert er seine eigene Intervention durch die mangelnde Präsenz der Intellektuellen und grenzt sich virulent von Sartre ab, den er in insgesamt vier Textpassagen offensiv kritisiert:
Il faut donc que je parle, et je reparlerai de ces voix plus lucides que plaintives puisque nos intellectuels, ceux qu’on appelle encore bêtement nos maîtres à penser, se dérobent, ceux qu’on supposait les meilleurs se taisent, l’un des plus généreux, Jean-Paul Sartre, semble avoir fait faillite, se complaire dans sa faillite. Il n’ose pas prononcer un mot, un nom qui pourrait aider ces voix de Tahar Ben Jelloun et d’Ahmed. Il avait pourtant si admirablement commenté le livre de Fanon. Il semble refuser de dire les paroles non d’apaisement mais celles qui apporteraient une aide réelle. Il refuse de parler d’eux, comme s’il avait peur, ma parole, d’en avoir les mains sales! Mais Sartre n’est déjà plus le maître à penser de personne sauf d’une très pittoresque bande déjà débandée.2
Genets hier geäußerter Vorwurf, dass Sartre seiner Funktion als Intellektueller nicht nachkomme und sich in Hinblick auf die Probleme der Immigranten in Stillschweigen hülle, mündet in einer Entthronung des Intellektuellen schlechthin. Mit der impliziten Anspielung auf den Begriff der mauvaise foi und Sartres Theaterstück Les mains sales, „comme s’il avait peur […] d’en avoir les mains sales“3, in dem der Konflikt zwischen politischem Pragmatismus und revolutionärer Ideologie behandelt wird, unterstellt er Sartre mit ironischem Unterton ein inkonsequentes und in Sartres Verständnis inauthentisches Verhalten. Genet bewertet das fehlende Engagement der Intellektuellen als Zustimmung zur Situation der Unterdrückung, in welcher die Immigranten in Frankreich lebten, und betont die Ersetzbarkeit der Intellektuellen:
Évidemment, les intellectuels aussi ont un rôle dans une situation semblable, mais en refusant de hurler avec les opprimés, ils hurlent avec les loups. Mais puisque aucun écho, aucune résonance ne vient d’eux pour porter les voix, les faire entendre à ceux qui ont presque la même vie, les mêmes misères, il faut bien qu’on s’adresse directement au public: Sartre ne compte plus. Qu’il ne parle pas, que d’autres esthètes du silence ne parlent pas: on se passera d’eux.4
Genet stellt in Aussicht, dass die gesellschaftliche Funktion Sartres bzw. des Intellektuellen substituiert werden müsse und eine direkte Kommunikation mit der Arbeiterschicht jenseits einer intellektuellen Transferinstanz stattfinden solle, wie durch die Aussage „il faut bien qu’on s’adresse directement au public“5 untermauert wird. Die durch den Doppelpunkt eingeleitete Satzfolge „Sartre ne compte plus“6 verzichtet bewusst auf einen konjunktional gesicherten, kausalen Sinnzusammenhang, demzufolge man sich direkt an die Öffentlichkeit wenden müsse, weil Sartre seine Bedeutung verloren habe. So kann man die Feststellung, dass Sartre nicht mehr zähle, auch als eigentliche Botschaft für die Öffentlichkeit bewerten, wodurch dessen Bedeutungsverlust gleichsam zur Hauptaussage des Textes avanciert. Genets Ansprache ist explizit an die Arbeiter adressiert, die das Schicksal der Immigranten teilen und hat eine appellierende Funktion. Tatsächlich fordert Genet dazu auf, den Stimmen der Immigranten eine Zuhörerschaft zu bieten: „Ces voix qui brûlent avec des phrases presque en lambeaux, si les intellectuels refusent de les entendre, je demande aux ouvriers de les écouter.“7 Die offene und vehemente Kritik an den Intellektuellen verschleiert dabei, dass Genet selbst in seiner Ansprache das intellektuelle Interventionsschema bedient. Dieser Eindruck wird durch seine Ankündigung, „on se passera d’eux [des intellectuels, S.I.]“8, verstärkt. Durch die Verwendung des unpersönlichen Personalpronomens ‚on‘ bleibt unklar, wo Genet sich selbst situiert. Der zusätzliche Gebrauch der futurischen Zeitform des reflexiven Verbs ‚se passer de‘ dient dazu, das, was man in diesem Diskurs als Genets persönliche politische Intervention klassifizieren könnte, hinter einer auf grammatikalischer Ebene unpersönlichen Zukunftsprojektion zu verschleiern. Seine eigene öffentliche Funktion bleibt dadurch unkenntlich.
Albert Dichy bemerkt in seinem Kommentar zu diesem Text, dass die Polemik gegen Sartre nicht alleine aus den Divergenzen im israelisch-palästinensischen Konflikt resultieren könne, da sie zu vehement und frontal gegen den Philosophen gerichtet sei.9 Er betont, „que, par un curieux paradoxe, l’aventure politique de Genet dont on peut penser qu’elle ne serait pas tracée de la même façon sans le modèle sartrien, se sera fait contre lui.“10 Die hier geäußerte Vermutung eines paradoxen Zusammenspiels aus Modell und Gegenmodell, an dem Genet seine gesellschaftliche Positionierung ausrichte, erklärt die Unmöglichkeit der Zuschreibung eines festen Handlungsmodells und -konzepts. Genet postuliert die Substitution Sartres, ohne jedoch dessen gesellschaftliche Funktion als Sprachrohr unterdrückter Bevölkerungsgruppen tatsächlich ausfüllen zu wollen.
Insbesondere sein Engagement für die Black Panthers zeigt jedoch, dass Genet durchaus jene Mediatorenfunktion ausübt, die für Sartre eine bedeutende Komponente des intellektuellen und literarischen Engagements konstituiert. Wie sich in seinem frühen Text über den Rassismus in den USA mit dem Titel „Lettre aux intellectuels américains“11 manifestiert, versucht er als Mediator zwischen jenen Gruppierungen, deren politische Ziele er unterstützt, und den Intellektuellen zu fungieren. Der Titel indiziert die Intellektuellen als Adressaten des Textes und richtet sich de facto an ein anonymes, lediglich als „les Blancs“ determiniertes „nous“, dem sich Genet in diesem Text selbst zuzurechnen scheint. Genet nimmt eine vermittelnde Rolle zwischen den ‚weißen‘ Intellektuellen und den Black Panthers ein, indem er auf die nicht tolerierbare Situation der afroamerikanischen Bevölkerung in den USA sowie exemplarisch auf die Verhaftung des Vorsitzenden der Black Panthers Bobby Seale aufmerksam macht. Stärker als in seinem späteren Text von 1974 steht 1970 das Moment der Solidarität mit den Intellektuellen im Zentrum, was sich in Hinblick auf die gemeinsamen Aktionen in diesem Zeitraum erklären lässt. So etwa mobilisierte Genet zu diesem Zeitpunkt auch andere Intellektuelle für die Bildung eines Aktionskomitees für George Jackson und organisierte ein Petitionsschreiben, für das er etwa Derrida, Barthes, Duras oder Sollers gewinnen wollte.12 Auch in seiner „May Day Speech“ 1970 appelliert er unter Anwendung eines Analogieschlusses mit der Dreyfus-Affäre in Frankreich an die amerikanischen Intellektuellen:
Naturellement, ce parallèle avec l’affaire Dreyfus ne peut pas se poursuivre point par point. Et je dois reconnaître qu’en Amérique, jusqu’à présent, il n’y a aucun Clemenceau, aucun Jaurès, ni surtout, parmi les intellectuels, aucun Zola pour écrire ‚J’accuse‘. Un ‚J’accuse‘ qui porterait condamnation contre la magistrature de votre pays et contre la majorité des Blancs restés racistes.13
Seine Rede zum Ersten Mai rechtfertigt er durch seine Mittlerfunktion, welche die Kommunikation zwischen den Black Panthers und den amerikanischen Intellektuellen unterstützt: „L’entreprise du Black Panther Party ne cesse de s’étendre, le public est de plus en plus nombreux à les comprendre et les intellectuels blancs vont peut-être les soutenir: c’est pourquoi je suis parmi vous aujourd’hui.“14 Wie auch bereits der Text von 1974 demonstriert, positioniert sich Genet jedoch stets in einem nicht definierten Zwischenraum zwischen, in diesem Fall, der revolutionären Gruppierung der Black Panthers und jenem Publikum, um dessen Aufmerksamkeit er wirbt.
Dennoch kennzeichnen jene um 1970 entstandenen Texte Genet als vermittelnde, öffentliche Instanz und sind ihrer Bestimmung nach vornehmlich als pragmatisch zu charakterisieren, da Genet hier meist auf die finanzielle Unterstützung und das Engagement der Adressaten für die Black Panthers abzielt – nämlich „populariser le mouvement et ramasser de l’argent“15, wie er selbst in einem Interview mit Michèle Manceaux unterstreicht. Es scheint kaum überraschend, dass Éric Marty, der die Verstrickung von Poesie und Politik in Genets Werk mit dem Vorwurf der Amoralität grundsätzlich kritisiert, die Unterstützung der Black Panthers als kohärentestes politisches Engagement bezeichnet, welches in Konkurrenz zu Jean-Paul Sartre stehe.16
Der Einsatz seines Namens, der Transfer seines literarischen Prestiges in den gesellschaftspolitischen Bereich und vor allem die handlungsorientierte und gesellschaftsrelevante Ausrichtung seiner Reden und Texte formen eine bedeutende Schnittmenge mit der intellektuellen Interventionsform. Genet selbst verlautbart in seiner „May Day Speech“, „dans mes interventions, aucune irréalité ne doit se glisser, car elle serait préjudiciable au Black Panther Party, et à Bobby Seale, qui est bel et bien dans une prison réelle, de pierre, de ciment et d’acier“17, und distanziert sich von einer auf dem Prinzip der Irrealität basierenden Aktionsform, die sich nachteilig für die Black Panthers auswirken könnte. Dieses Phänomen zeigt sich auch in der Modifikation des sprachlichen Codes, den er an die Handlungsziele seiner Reden für die Black Panthers anpasst, wie auch aus Jacques Derridas Anmerkung hervorgeht:
I don’t mean to say he was without irony, but it wasn’t at all the same code. I remember seeing him address a meeting in Paris, during which he asked for money […] and then he expressed himself truly with a great passion and anger and even a certain hostility toward the people from whom he was demanding money – but then he wasn’t playing.18
Dieses paradoxe Verhältnis zwischen einer pragmatischen und fiktiven Verhandlung der realen Zustände in seinen Interventionen resultiert aus der bewussten Opazität der öffentlichen Positionierung und erschwert darüber hinaus auch die Klassifizierung der intervenierenden Texte, deren Affinität zur militanten Literatur Jerôme Neutres betont: „[L]es textes qui accompagnent cette période d’action n’échappent pas toujours aux écueils de la littérature militante.“19 Dennoch erscheint Neutres eine Klassifizierung jener „textes contemporains de son action, les dits et écrits qui cherchent à être performatifs, à provoquer une action“20 unproblematischer, als die des posthum erschienenen Werks Un captif amoureux, da erstere sich nicht als Literatur präsentierten.21
Zum einen muss jedoch angemerkt werden, dass auch die in L’Ennemi déclaré versammelten politisch-pragmatischen Texte, anders als Jérôme Neutres hier behauptet, kein homogenes Korpus darstellen, wie sich besonders prägnant am Beispiel seiner im Kontext der gegenkulturellen Proteste in Chicago entstandenen journalistischen Beiträge im dritten Kapitel zeigen wird. Denn während Genet in den Texten um 1970 im Rahmen des G.I.P. und des Kampfes für die Black Panthers eine zwischen Intellektuellen und Revolutionären vermittelnde Position ausfüllt und damit selbst zumindest aus strategischen Gründen das Interventionsschema einer zwischengeschalteten intellektuellen Transferinstanz übernimmt, bleibt er in anderen Texten, wie beispielsweise den hier genannten journalistischen Artikeln, auch auf stilistischer Ebene stärker seiner Rolle als Poet verpflichtet. Zum anderen verwundert es, dass sich Neutres dann insbesondere auf Un captif amoureux bezieht, um Genets Interventionsform mit Sartres Engagement zu vergleichen.
Zwar eröffnet Neutres’ Ansatz eine interessante Gegenstimme zu jenen zahlreichen Untersuchungen, denen zufolge sich Genets gesamtes Werk durch eine eigentümliche Verschränkung des Literarischen und des Politischen auszeichne und unabhängig vom Entstehungszeitpunkt nicht zwischen politischen und literarischen Werken unterschieden werden müsse.22 So nämlich untermauert Neutres zu Recht den Zusammenhang zwischen den politischen Interventionen und Un captif amoureux, dessen Genese sich nicht ohne diese beschreiben lasse, und betont dabei, dass sich Un captif amoureux durch seinen literarischen Status radikal von den politischen Interventionen unterscheide.23 Doch Genets politische Aktivitäten grenzt Neutres dann gerade in Bezug auf Un captif amoureux von Sartres Konzept des literarischen Engagements ab und er orientiert sich dabei an Goytisolos Vorstellung einer „littérature compromise“:
Pour Goytisolo, comme pour Genet et avant eux, Marx et Trotski, la littérature engagée, l’écriture mise au service d’une cause politique concrète, d’une organisation ou d’un mouvement n’a jamais donné le jour à une œuvre de valeur. Les livres engagés se révèlent illisibles dès l’oubli ou la disparition des circonstances qui les ont motivés. L’écriture compromise se distingue de la littérature engagée par un investissement radical de l’écrivain dans uns réalité politique. N’est plus engagée seulement une facette de l’écrivain – son opinion politique sur telle ou telle cause – mais tout son être.24
Diese Form des literarischen Engagements geht über die Positionsergreifung in einem spezifischen politischen Kontext hinaus und manifestiert sich in einer absoluten politischen Verpflichtung des Schriftstellers, in der auch sein Werk aufgehe. Jene hier angedeutete Verflechtung von Politik und Ästhetik bei Genet konstatiert auch Moreno, ohne jedoch dabei zwischen Genets Früh- und Spätwerk zu unterscheiden: „Le politique n’est pas un aspect extérieur à l’œuvre, il est inséparable de sa recherche esthétique: il fait partie de sa littérarité.“25 Gerade jene Studien, in denen keinerlei Differenzierung zwischen dem Status des literarischen Frühwerks, den Interventionen und dem aus diesen hervorgegangenen letzten Werk vorgenommen wird, können Genets politisches Engagement nur unvollständig erschließen, da die Beleuchtung des Status der intervenierenden Texte nicht nur Aufschluss über Genets öffentliche Position liefert, sondern auch über die Klassifizierung von Un captif amoureux. Neben Neutres konstatiert auch Sylvain Dreyer in seiner Untersuchung zu engagierten Texten und Filmen aus den 1960er und 1970er Jahren den Einfluss Sartres als „contre-modèle“26 auf die in dieser Zeit aktiven Autoren und Regisseure, darunter Genet, bezieht sich jedoch in seinem Fall ausschließlich auf Un captif amoureux. Letzteren Text wählt er in seiner exzellenten Studie über die Entwicklung einer an Sartres Modell ausgerichteten Form des selbstkritischen literarischen und filmischen Engagements als Endpunkt der Ausdifferenzierung jener von ihm als „œuvres engagées critiques“27 bezeichneten Werke. Dreyer blendet dabei die Bedeutung aus, die der werkimmanenten Evolution von Genets politischen Texten hin zu Un captif amoureux zukommt. So ist nämlich fraglich, inwieweit Genet diesen überhaupt noch als Intervention konzipiert und ob dieser nicht vielmehr sein politisches Detachement bestätigt, wie im vierten Kapitel näher beleuchtet wird. Genets ablehnender Rekurs auf Sartres Interventionsmodell prägt sich stärker in seinen pragmatischen Texten aus, wie sich nachfolgend beispielsweise auch anhand seiner Vorworte aufzeigen lässt.
2.2.1.2 Genet als Verfasser von Vorworten
Die Textgattung des Vorwortes, derer sich Genet während seines politischen Aktivismus mehrfach bedient, konstituiert aufgrund ihrer liminalen Stellung einen Sonderstatus in Hinblick auf das Spannungsverhältnis zwischen Pragmatik und Literarizität. Genet orientiert seine Rolle als préfacier an Sartres Modell.1 In seinem Text über zeitgenössische maghrebinische Autoren mit dem Titel „Sur deux ou trois livres dont personne n’a jamais parlé“ (1974) zeichnet sich seine Wertschätzung für Sartres Vorwort zu Frantz Fanons Les damnés de la terre2 ab, wobei er jedoch bemängelt, dass jener nichts dergleichen für Tahar Ben Jelloun oder Ahmed in der Aktualität unternehme: „Il [Sartre, S.I.] n’ose pas prononcer un mot, un nom qui pourrait aider ces voix de Tahar Ben Jelloun et d’Ahmed. Il avait pourtant si admirablement commenté le livre de Frantz Fanon.“3
Sartres Vorwort muss in Hinblick auf Genets eigene Funktion als préfacier bewertet werden. So verfasste Genet das Vorwort zu den Gefängnisbriefen von George Jackson4, zur vierten Broschüre des Groupe d’information sur les prisons über George Jacksons Tod im Gefängnis von Saint Quentin5 und zu den Gefängnisbriefen der Roten Armee Fraktion6.
Als literarische Kategorie repräsentiert das Vorwort auf textueller Ebene die vermittelnde Scharnierstellung, welche Genet zwischen den Black Panthers und den Intellektuellen bzw. der interessierten Öffentlichkeit einnimmt. Wie Jacques Derrida herausstellt, gehört es durch seinen Status der Vorrede bzw. des ‚avant-dire‘ „à la fois au dedans et au dehors du concept“7, welches im Werk selbst veranschaulicht wird. Diese Wechselbeziehung aus Werkinteriorität und -exteriorität kennzeichnet jene als „liminaire“ designierte Textsorte,8 wobei sich das der Textsorte inhärente Spannungsverhältnis zwischen Innen und Außen auch in Genets Mittlerfunktion widerspiegelt. Darüber hinaus repräsentiert der préfacier nach Genette nicht nur einen „‚parrain‘ littéraire ou idéologique“9, der unter Berufung auf seine Bekanntheit das Werk implizit empfiehlt, sondern er interveniert zudem auf gesellschaftspolitischer Ebene als porte-parole für ein bestimmtes politisches Ziel.10 Die gesellschaftspolitische Referentialität und Kontextualisierung des Vorwortes begründet auch die umstandsbedingte Notwendigkeit, welche das Erscheinen dieses Paratextes charakterisiert: „Les préfaces […] se multiplient d’édition en édition et tiennent compte d’une historicité plus empirique; elles répondent à une nécessité de circonstance.“11 Die Verankerung des Vorwortes in der politischen Aktualität sowie die auf den Haupttext vorausschauende Perspektive fundieren die Zeitform einer manifesten Gegenwärtigkeit, einer „présence manifeste“12.
In Sartres Vorwort zu Les damnés de la terre von 1961 wird die liminale Stellung dieser Textsorte anhand der Problematik der Adressateninstanz thematisiert. Während sich nämlich Fanons Text an die algerische Bevölkerung richtet und zur Befreiung von der französischen Kolonialmacht aufruft, schreibt Sartre sein Vorwort explizit für die Europäer, wie die zahlreichen Appelle unterstreichen, so beispielsweise „nous, les Européens, nous pouvons l’entendre [Frantz Fanon, S.I.]: la preuve en est que vous tenez ce livre entre vos mains“13 oder „Européens, ouvrez ce livre, entrez-y“14. Sartre rechtfertigt seine adressatenorientierte Vorrede, indem er auf die – gerade für die okzidentale Gesellschaft bedeutsame – informative und auch bewusstseinsverändernde Charakteristik des Textes verweist: „Fanon révèle à ses camarades […] la solidarité des ‚métropolitains‘ et de leurs agents coloniaux. Ayez le courage de le lire: par cette première raison qu’il vous fera honte et que la honte, comme a dit Marx, est un sentiment révolutionnaire.“15 Sartre positioniert sich somit explizit als Vermittlerinstanz zwischen Fanons Text und dem okzidentalen Leser und beschreibt diese Mission mit Bezug auf die marxistische Dialektik als komplementären Bestandteil eines revolutionären Prozesses:
Ce livre n’avait nul besoin d’une préface. D’autant moins qu’il ne s’adresse pas à nous. J’en ai fait une, cependant, pour mener jusqu’au bout la dialectique: nous aussi, gens de l’Europe, on nous décolonise: cela veut dire qu’on extirpe par une opération sanglante le colon qui est en chacun de nous.16
Während Fanon den Bewusstseinsprozess der algerischen Bevölkerung vorantreiben möchte, zielt Sartres Vorwort darauf ab, den Leserkreis um die europäischen Leser zu erweitern. Der Philosoph nimmt die Funktion eines Fürsprechers an, der darüber hinaus die theoretischen Grundgedanken des Werks erklärt und interpretiert, was sich vor allem durch seine Kommentierung des Gewaltkonzeptes in Fanons erstem Kapitel offenbart.
Auch Genets erstes Vorwort zu George Jacksons Gefängnisbriefen wird durch jene Scharnierstellung determiniert, welche die Vorrede zwischen Haupttext und Leserkreis einnimmt. Wenn sich Sartre selbst jedoch jenem „nous“ zurechnet, mithilfe dessen er die potentiellen europäischen Leser adressiert, vermittelt Genet zwischen zwei Lagern, ohne jedoch sich selbst mit dem „vous“ zu identifizieren, das er auf diejenigen Leser anwendet, welche den Erfahrungshorizont Jacksons nicht teilen. Jene Haltung der offenen Distanzierung vom Leser knüpft an die narrative Struktur seiner frühen Romane an, in denen er gleichsam unter Rekurs auf die Personal- und Possessivpronomen „vous“ bzw. „votre“ eine Demarkation zur normierten Welt außerhalb von Kriminalität und Gefängnis markiert. Genet erhebt die im Gefängnis oder in der Reklusion entstandenen Texte, denen auch Jacksons Buch angehört, zu einer eigenen literarischen Kategorie, deren verbindendes Merkmal sich in einer Gleichgesinntheit zeige:
Si une même complicité noue les œuvres écrites en prison ou dans les asiles (Sade et Artaud se rejoignent dans la même nécessité de trouver en eux-mêmes ce qui, pense-t-on, doit les conduire à la gloire, c’est-à-dire, malgré les murs, les fossés, les geôliers et la magistrature, dans la lumière, dans des consciences non asservies), ces œuvres ne se rencontrent pas dans ce qu’on nomme encore la déchéance: se cherchant elles-mêmes à partir de cette déchéance exigée par la répression sociale, elles se découvrent des points communs dans l’audace de leur entreprise, dans la vigueur et la justesse de leurs idées et de leurs visions.17
Wie in diesem Zitat deutlich wird, präsentiert sich Genets Vorwort als Literaturkritik, und er selbst figuriert als „‚parrain‘ littéraire ou idéologique“18 im Sinne Genettes, eine Rolle, zu der ihn seine eigene Gefängniserfahrung prädestiniert. Das Identifikationsmoment liegt für Genet folglich hier weniger im Programm der Black Panthers oder in der Problematik des Rassismus als in der literarischen Aufarbeitung jenes Momentes der Reklusion, welche an eine ganze literarische Tradition anknüpft, die auch durch sein eigenes Frühwerk repräsentiert wird. Es scheint daher kaum verwunderlich, dass auch seine beiden anderen Vorworte in den Kontext des Gefängnisses zu rücken sind. Damit unterscheidet sich Genets Initiative als préfacier maßgeblich von jener Sartres, wie sie in seinem Vorwort zu Les damnés de la terre manifest wird. Sartre rechtfertigt seine mithilfe des Vorwortes operierende Vermittlung, indem er auf einen ethisch intendierten Bewusstwerdungsprozess der europäischen Bevölkerung abzielt, wohingegen Genet sein Vorwort auf Basis seiner Affinität zur Thematik des Gefängnisses als Literaturkritik verfasst. Dadurch nimmt Genet eine ambigue Position ein, insofern in seinem Vorwort Jacksons politische Forderungen und dessen poetisches Konzept gleichgewichtet behandelt werden, denn, wie Genet betont, „Jackson est poète, mais il encourt la peine de mort.“19 Über die Darstellung der gesellschaftspolitischen Situation der Afroamerikaner in den USA hinaus erläutert Genet den für ein im Gefängnis entstandenes literarisches Werk eigentümlichen Stil und hält für jene „lecteurs non réprouvés, qui jamais n’ont été et n’iront en prison“20 einen Lektüreschlüssel bereit. Par excellence wird in diesem Text die Verquickung von Poesie und Politik inszeniert, durch welche auch Genet sein eigenes politisches Engagement legitimiert.21 So beschreibt er den „génie poétique“ als Quelle jeder revolutionären Unternehmung:
Si l’on accepte cette idée, que l’entreprise révolutionnaire d’un homme ou d’un peuple a sa source en leur génie poétique, ou, plus justement, que cette entreprise est la conclusion inévitable du génie poétique, il ne faut rien rejeter de ce qui permit l’exaltation poétique.22
Die unwissende Leserschaft warnt Genet vor, dass ihr der Inhalt von Jacksons Werk unmoralisch erscheinen könne, und er begründet dies mit den Worten, „c’est parce que l’œuvre tout entière refuse votre morale“23. Im Unterschied zu Sartre identifiziert sich Genet in seiner Vermittlerrolle nicht mit den Adressaten, sondern mit dem Autor, dessen Werk er nicht mit dem erklärenden Anspruch einer moralischen Instanz, sondern aufgrund seiner persönlichen Erfahrung kommentiert. Die Situation dieser Mediation zwischen Autor und Leserschaft durch die Gitterstäbe der Gefängniszelle hindurch, denn „c’est donc derrière une grille, seule acceptée par eux, que ses lecteurs […] devineront l’infamie“24, soll im Nachfolgenden vor dem Hintergrund des von Foucault gegründeten Groupe d’information sur les prisons und dem darin operationalisierten Konzept des Gegen-Diskurses näher beleuchtet werden. Zusammenfassend muss Genets offene Konkurrenz zu Sartre betont werden, auf dessen Interventionsmodell er stets negierend rekurriert. Als Mediator agiert er zwar strategisch für die politischen Zielsetzungen der Black Panthers, verortet sich selbst dabei jedoch nie eindeutig in deren oder etwa im intellektuellen Lager. Im textuellen Zwischenraum des Vorwortes für George Jackson positioniert er sich insbesondere durch die gemeinsame Gefängniserfahrung auf der Seite des Autors.
2.2.2 Genet und Foucault: Kooperation im ‹Groupe d’information sur les prisons›
Genet und Foucault verbindet eine ähnlich konfliktreiche Beziehung, wie Didier Eribon in seiner Biographie über Michel Foucault berichtet.1 Die Kontaktaufnahme zwischen Genet und Foucault in Hinblick auf die gemeinsame Publikation einer Broschüre des Groupe d’information sur les prisons (G.I.P.) zur Ermordung George Jacksons im Gefängnis von San Quentin im Sommer 1971 erfolgt durch die Vermittlung von Catherine von Bülow, die zu diesem Zeitpunkt bei Gallimard angestellt ist. Neben dieser kurzzeitigen Kooperation im Rahmen des G.I.P. sind beide – neben unter anderem Sartre – Mitbegründer des Komitees Djellali, an dessen antirassistischen Aktionen von Bülow erinnert.2 Eribon betont die Anerkennung, welche Foucault Genets Werk und seiner Persönlichkeit zollt.3 Zeugnis seines frühen Interesses an dessen Werk ist beispielsweise die Lehrveranstaltung an der Universität Uppsala zur Thematik der Liebe in der französischen Literatur von Sade bis Genet,4 deren Unterlagen jedoch dort nicht mehr auffindbar sind.5 Auch in den Jahren der Zusammenarbeit bringt Foucault seine frühe Wertschätzung für Genet zum Ausdruck: „Je suis comme tout le monde. J’ai lu Jean Genet quand j’étais jeune, et j’ai été, comme beaucoup de gens, extraordinairement bouleversé. Le Journal du voleur est à coup sûr l’un des très grands textes.“6 Foucault bewundert nicht nur Genets schriftstellerische Leistung, sondern betont auch seine Qualitäten als Mensch und als Revolutionär:
Il s’est trouvé que j’ai connu Genet, personnellement, dans des conditions tout à fait autres, et hors du contexte, justement, écrivain, écriture. C’était à propos des Black Panthers, à propos des trucs politiques, et on s’est pas mal liés. On se voit très souvent, enfin, quand il est à Paris, on se voit tous les deux ou trois jours. On bavarde, on se promène. C’est un homme dont je ne peux pas dire qu’il m’impressionne. Si je l’avais connu à l’intérieur de l’institution littéraire, il m’aurait sans doute profondément intimidé. Mais la simplicité avec laquelle il s’est mis à travailler sur des choses politiques et, en même temps, son sens politique très profond – cet homme est profondément révolutionnaire, dans tous les instants de sa vie, dans le moindre de ses choix – sont évidemment impressionnants et donnent à ses réactions une justesse profonde, quand bien même elles ne sont pas formulées directement.7
Die von Foucault hier geschilderte Verbundenheit bleibt jedoch ein kurzes Intermezzo, wie Eribon herausstellt:
Les liens entre Genet et Foucault se distendront bien vite et ils ne se verront plus après ces quelques épisodes militants: Genet, en fait, ne se privait pas, selon plusieurs témoignages, de tenir des propos assez sarcastiques sur Foucault, à cette époque où il leur arrivait de se côtoyer, et, de son côté, Foucault ne conservera pas l’admiration qu’il avait éprouvée dans sa jeunesse pour l’auteur du Journal du voleur.8
Diese offenbare plötzliche Missstimmung zwischen Genet und Foucault ließe sich ähnlich wie in der Beziehung zwischen Genet und Sartre auf die Divergenzen im palästinensisch-israelischen Konflikt zurückführen, muss jedoch auch relativiert werden. So berichtet Tahar Ben Jelloun, zu dem Genet nach Erscheinen von dessen erstem Roman Harrouda 1973 Kontakt aufnimmt, dass Genets paradoxes Verhältnis gegenüber Foucault vielmehr aus einem Spannungsverhältnis zwischen Anerkennung und Argwohn resultiere: „Quand je parlais de Barthes à Genet, il m’écoutait mais ne disait rien. Quand j’évoquais Michel Foucault, c’était différent, il le connaissait, l’estimait et le redoutait à la fois. […] Genet n’était pas à l’aise avec Foucault.“9
Im Unterschied zu Genet ist ähnlich wie bei Sartre auch bei Foucault eine grundsätzliche Revision der intellektuellen Funktionszuschreibung zu beobachten. Was sich bei Sartre als Versuch einer Überwindung des intellektuellen Separatismus ausdrückt, konkretisiert sich bei Foucault als bewusste Zurücknahme der intellektuellen Vormundstellung. Mit dem maßgeblich auf Foucaults Initiative gegründeten Groupe d’information sur les prisons (G.I.P.) und seiner innovativen Form des politischen Engagements gelingt Foucault, wie Gilcher-Holtey zu Recht konstatiert, durch seine Redefinition des Mandates des Intellektuellen eine Abgrenzung im intellektuellen Feld.10 Die Gründung des Groupe d’information sur les prisons, die auch von Jean Genet unterstützt wurde, geht aus einer Verbindung „entre le mouvement issu de Mai et l’univers clos des prisons“ hervor, die eine „épisode charnière dans l’histoire de l’après-Mai“ konstituiert, nämlich „l’instant où s’esquisse une transformation de l’intelligence politique“.11 Die problematische Situation in den Gefängnissen gelangt erst durch die Inhaftierung politischer Aktivisten und Demonstranten in den Fokus des Interesses jener sich transformierenden Intelligenz. Foucaults Konzept des ‚spezifischen Intellektuellen‘, welches sich in der Aktionsform des G.I.P. herauskristallisiert, muss als Reaktion auf das in der Nachkriegszeit insbesondere von Sartre verkörperte und bis dato vorherrschende Modell des universellen Intellektuellen gedeutet werden. Foucault versteht sich nicht mehr als Vermittler von universellen Werten oder von Bewusstsein, sondern beruft sich auf die Experten-Funktion innerhalb eingrenzbarer, umstandsbedingter Kämpfe, wodurch eine tiefgreifende Veränderung für das intellektuelle Selbstverständnis markiert wird. Foucault löst Sartre als intellektuellen Bezugspunkt ab.12 In einem Beitrag zur politischen Funktion des Intellektuellen aus dem Jahre 1976 präzisiert Foucault diesen Wendepunkt für den Linksintellektualismus:
Un nouveau mode de ‚liaison entre la théorie et la pratique‘ s’est établi. Les intellectuels ont pris l’habitude de travailler non pas dans ‚l’universel‘, ‚l’exemplaire‘, le ‚juste-et-le-vrai pour tous‘, mais dans des secteurs déterminés, en des points précis où les situaient soit leurs conditions professionnelles de travail, soit leurs conditions de vie (le logement, l’hôpital, l’asile, le laboratoire, l’université, les rapports familiaux ou sexuels). Ils y ont gagné à coup sûr une conscience beaucoup plus concrète et immédiate des luttes. Et ils ont rencontré là des problèmes qui étaient spécifiques, ‚non universels‘, différents souvent de ceux du prolétariat et des masses.13
Die Gegenüberstellung der beiden Formen intellektuellen Engagements leitet Foucault zudem historisch her. Im Ursprung sei der ‚universelle Intellektuelle‘ mit dem „homme de justice, […] homme de loi“ verwandt, „celui qui, au pouvoir, au despotisme, aux abus, à l’arrogance de la richesse oppose l’universalité de la justice et l’équité d’une loi idéale.“14
Die Funktion des politisch aktiven Intellektuellen nach Foucault charakterisiert sich durch ihre Verflechtung mit einem redefinierten Machtbegriff, wonach Macht in einer netzartigen Struktur das gesamte Gesellschaftssystem zusammenhält. Während der traditionelle Intellektuelle sich für Foucault mittels zweier Kriterien in der Öffentlichkeit behauptet, nämlich „sa position d’intellectuel dans la société bourgeoise, dans le système de la production capitaliste“15 sowie „son propre discours en tant qu’il révélait une certaine vérité, qu’il découvrait des rapports politiques là où l’on n’en percevait pas“16, positioniert sich der Intellektuelle in Reaktion auf Mai ’68 neu:
Or ce que les intellectuels ont découvert depuis la poussée récente, c’est que les masses n’ont pas besoin d’eux pour savoir. Pouvoir qui n’est pas seulement dans les instances supérieures de la censure, mais qui s’enfonce très profondément, très subtilement dans tout le réseau de la société. Eux-mêmes, intellectuels, font partie de ce système de pouvoir, l’idée qu’ils sont les agents de la ‚conscience‘, et du discours fait elle-même partie de ce système. Le rôle de l’intellectuel n’est plus de se placer ‚un peu en avant ou un peu à côté‘ pour dire la vérité muette de tous; c’est plutôt de lutter contre les formes de pouvoir là où il en est à la fois l’objet et l’instrument: dans l’ordre du ‚savoir‘, de la ‚vérité‘, de la ‚conscience‘, du ‚discours‘.17
Das Modell des ‚spezifischen Intellektuellen‘ grenzt sich insofern vom Modell des ‚universellen Intellektuellen‘ ab, als er nicht mehr das Wort für diejenigen ergreift, die dessen nicht mächtig sind, sondern deren Diskursproduktion vielmehr stimuliert. In Foucaults Verständnis obliegt dem Intellektuellen ein Eingreifen in lokale gesellschaftliche Machtkämpfe, und sein politisches Engagement konzentriert sich in erster Linie auf den als Machtzentrum gekennzeichneten Untersuchungsgegenstand des Gefängnisses, womit er an seinen bereits in den Publikationen zum Wahnsinn angelegten Forschungsschwerpunkt der Ausschlussprinzipien normativer Gesellschaftsordnungen anknüpft. In der Handlungsstrategie des G.I.P. werden die daraus resultierenden neuen Zielsetzungen des Intellektuellen konturiert und ein neuer Typ des Engagements geschaffen. Im Nachfolgenden soll aufgezeigt werden, inwieweit Genet sich durch seine Kooperation mit dem G.I.P. dieser intellektuellen Aktionsform nähert.
2.2.2.1 ‚Philosophe-journaliste‘ und ‚poète-journaliste‘?
Wie die erste Broschüre des G.I.P. belegt, intendiert der G.I.P. im Modus einer Diagnostik des nicht Tolerierbaren innerhalb ausgewählter Machtinstanzen verfahrend – „[s]ont intolérables: les tribunaux, les flics, les hôpitaux, les asiles, l’école, le service militaire, la presse, la télé, l’État“1 – die Befreiung des Wortes jener sozial und gesellschaftlich ausgeschlossenen Individuen wie beispielsweise der Gefangenen:
Le GIP (Groupe Information Prison) ne se propose pas de parler pour les détenus des différentes prisons: il se propose au contraire de leur donner la possibilité de parler eux-mêmes, et de dire ce qui se passe dans les prisons. Le but du GIP n’est pas réformiste, nous ne rêvons pas d’une prison idéale: nous souhaitons que les prisonniers puissent dire ce qui est intolérable dans le système de la répression pénale. Nous devons répandre le plus vite possible et le plus largement possible ces révélations faites par les prisonniers mêmes. Seul moyen pour unifier dans une même lutte l’intérieur et l’extérieur de la prison, le combat politique et le combat judiciaire.2
Es lassen sich hier zwei repräsentative Kriterien benennen, anhand welcher sich der Richtungswechsel des Intellektuellen bei Foucault abzeichnet: die Erteilung des Wortes an jene, die davon bislang ausgeschlossen waren, sowie die Informationsproduktion und -vermittlung ausgehend von empirischen Untersuchungen statt auf Basis eines vorgefertigten theoretischen Gerüsts. Durch das Produzieren eines neuen Wissensdiskurses, ausgehend von den Gefangenen selbst, dezentriert der G.I.P. die Funktion seiner Organisatoren, deren Handlungsspielraum dennoch nicht unterschätzt werden darf. Betrachtet man nämlich Aufbau und Struktur jener Fragebögen, die im Rahmen der ersten Untersuchung in den Gefängnissen konzipiert wurden,3 drängt sich der Begriff der Wissenssteuerung auf. Dahinter steht die Taktik, die Informationsverbreitung in eine Kampfstrategie zu transformieren und dadurch eine Gegenstimme zum institutionalisierten Diskurs des Justizapparates und der Medien zu schaffen. Vor diesem Hintergrund zielt Foucault auf den Zugriff auf das Informationssystem ab4 und versteht seine Rolle als Intellektueller mithin als die eines „philosophe-journaliste“5. Wie das Forschungsteam um Philippe Artières eindrücklich schildert, manifestiert sich der G.I.P. durch sein Interesse an der Produktion und Verwaltung eines innovativen politischen Wissens als eine eigene Presseagentur: „Cette attention, qui prend d’abord la forme du questionnaire, fait très vite du GIP une sorte d’agence de presse relative aux conditions d’emprisonnement et à la vie quotidienne en détention.“6 Zeugnis davon legt auch beispielsweise der programmatische Titel eines Artikels von Daniel Defert ab, „Quand l’information est une lutte“7, worin der Autor nicht nur den Mechanismus der Befragungen durch den G.I.P. erläutert, sondern auch jene allgemeine Pressestimme kritisiert, die eine einseitig institutionell ausgerichtete Berichterstattung liefert. Unter diesem Gesichtspunkt lässt sich die Arbeit des G.I.P. in den Kanon des historisch fundierbaren Projektes einbinden, nämlich „de construire un système de contre-information“8, das Pascal Ory und Jean-François Sirinelli als emblematisch für die Intellektuellen der Zeit zwischen 1968 und 1975 herausstellen. Die Gewichtung der Informationsverbreitung spiegelt sich auch im Sigel des G.I.P. wider. Wie Daniel Defert sich erinnert, evozierte es für Foucault die maoistische Gauche prolétarienne (GP) und damit den Ursprung der Gruppierung,9 jedoch „avec ce iota de différence que se devaient d’introduire les intellectuels.“10
Jean Genets Partizipation im G.I.P. wurde in der bisherigen Forschung weitestgehend ausgeblendet,11 was dadurch begründet werden kann, dass Genets Interesse im Aktionszeitraum von 1970 bis 1972 vornehmlich den Black Panthers in den USA gilt. Interferenzen zwischen seinem Engagement im G.I.P. und seiner Unterstützung der Black Panther Party in den USA resultieren aus den gemeinsamen historischen Rahmenbedingungen. Die in den frühen 1970er Jahren erstarkende staatliche Repression widerständiger Protestgruppen und -bewegungen mittels juristischer Direktiven determiniert nämlich einen politischen Wirkungskreis, in dem sich zeitpolitische mit juristischen Diskursen überlagern. Ebendieses Phänomen ist auch in Genets politischen Schriften zu beobachten, wobei jene für den G.I.P. verfassten Texte und weitere darüber hinaus entstandene mit analoger diskursiver Thematik voneinander zu differenzieren sind. Genet nimmt in gewisser Weise eine Mittlerrolle zwischen den Aktionen des G.I.P. und dem Kampf der Black Panthers in den USA ein, wovon die beiden im Kontext des G.I.P. entstandenen Texte zeugen, nämlich jener zur Revolte der Inhaftierten im US-amerikanischen Gefängnis von Attica12 sowie das bereits erwähnte Vorwort13 zur dritten der insgesamt vier vom G.I.P. herausgegebenen Broschüren mit dem Titel L’Assassinat de George Jackson vom 10. November 1971.
Es ist kein Zufall, dass allein sein Text zu der für die Gründung des G.I.P. grundlegenden Fragestellung einer Trennung von politischen und gewöhnlichen Strafgefangenen unveröffentlicht bleibt.14 Wie Edmund White berichtet, lehnte Genet die Publikation mit der Begründung ab:
I don’t want to publish anything about France. I don’t want to be an intellectual. If I publish something about France I’ll strike a pose as an intellectual. I am a poet. For me to defend the Panthers and the Palestinians fits in with my function as a poet. If I write about the French question I enter the political field in France – I don’t want that.15
Genet verdeutlicht hier, dass sein Engagement für die Black Panthers und die Palästinenser seiner Funktion als Poet entspricht, wohingegen jegliche Publikation über Frankreich dem Funktionsbereich des Intellektuellen zufällt. Obwohl er damit eine Positionierung als Intellektueller eindeutig zurückweist, lassen sich Affinitäten zu Foucaults Aktionsform feststellen, die ihm nicht nur eine Plattform bietet, um auf den latenten und manifesten Rassismus der amerikanischen Gesellschaft und die Probleme der Black Panthers aufmerksam zu machen, sondern ihn in ein spezifisches Konzept des Engagements und des Informationsflusses integriert. Auch wenn Neutres grundsätzlich zu Recht konstatiert, dass Genet „[à] la différence du projet intellectuel de Foucault, […] ne s’est jamais envisagé, dans sa littérature comme un philosophe-journaliste“16, wirft seine Feststellung insofern Widersprüche auf, als er zwischen literarischen und politischen Texten differenziert. Seine Aussage, dass Genet in seinen literarischen Texten nicht den Anspruch eines radikalen Journalismus vertritt, erscheint somit hinfällig. In Analogie zu Foucaults Autodenomination als „philosophe-journaliste“17 könnte Genet als ‚poète-journaliste‘ bezeichnet werden, dessen journalistisches Konzept jedoch nicht aus einem philosophisch-theoretischen Postulat der Wissensproduktion heraus entsteht, sondern aus einer poetischen Vision. Die Hinwendung zur Aktualität sowie die Kritik an den Institutionen verbindet beide, doch setzen sie dabei unterschiedliche Akzente, wie die nachfolgende Gegenüberstellung zeigen soll.
Wie bereits herausgestellt, kennzeichnen sich Jean Genets pragmatische Texte aus der Zeit um 1970 durch ihre Sachbezogenheit. Seine Reden und Texte für die Black Panthers dienen der Mobilisierung und regen zu zukunftsorientierten Handlungen („actes pleins“, „actes réels“) an, welche von symbolischen und idealistischen Gesten („gestes creux“, „gestes symboliques“) abgegrenzt werden.18 Das Konzept der realen Handlung selbst weist im Gegensatz zur Symbolik eine futurische Zeitform auf: „Les symboles renvoient à une action qui a eu lieu, non à une action qui sera.“19 Diese futurische Ausrichtung nimmt im Fall der revolutionären Handlung den Charakter eines Neubeginns der Welt an: „Aussi tous les actes révolutionnaires ont une fraîcheur du commencement du monde.“20 Insbesondere die frühen Reden Genets für die Black Panthers, so die Rede zum Ersten Mai, der Brief an die amerikanischen Intellektuellen oder die Ansprache im Massachusetts Institute of Technology, betonen die Verankerung im Hier und Jetzt. Die darin praktizierte, repetitive Verwendung der Adverbialpronomen der zeitlichen und örtlichen Bestimmung „ici“, „maintenant“ und „aujourd’hui“ indiziert die Vordringlichkeit der Problematik und des Handelns.
Auch für Foucault ist gerade die Prävalenz der Aktualität ein maßgebliches Kriterium zur Definition seines Konzeptes des radikalen Journalismus: „Je me considère comme un journaliste dans la mesure où ce qui m’intéresse, c’est l’actualité, ce qui se passe autour de nous, ce que nous sommes, ce qui arrive dans le monde.“21 Die mit Nietzsche einsetzende Hinwendung der Philosophie zur gesellschaftspolitischen Aktualität basiere auf der Vorstellung einer offenen Zukunft, wie Foucault erläutert: „Le futur est la manière dont nous réagissons à ce qui se passe, c’est la manière dont nous transformons en vérité un mouvement, un doute. Si nous voulons être maîtres de notre futur, nous devons poser fondamentalement la question de l’aujourd’hui.“22 Diese transzendentalphilosophisch anklingende Vorstellung der Transformierbarkeit von Zukunft muss jedoch vor dem Hintergrund des im Gründungsmanifest des G.I.P. geäußerten Projektes der Aufklärung und unmittelbaren Information über kritikwürdige, reale Zustände verstanden werden, worin die Quintessenz seines Konzeptes des radikalen Journalismus liegt: „Nous voulons seulement faire connaître la réalité. Et la faire connaître immédiatement, presque au jour le jour; car le temps presse. Il s’agit d’alerter l’opinion et de la tenir en alerte. Nous essaierons d’utiliser tous les moyens d’information […].“23 Foucaults radikaler Journalismus zielt auf die Produktion einer gesellschaftskritischen Gegeninformation ab, die in der unmittelbaren Gegenwart verankert ist. Die Radikalität beruht auf einem Bestreben, die nicht tolerierbaren Zustände an der Wurzel anzugreifen und die Probleme somit nachhaltig zu lösen. So postulieren Foucault und Genet die Vordringlichkeit des Handelns, um eine Sensibilisierung für die Problematik und eine gesellschaftliche Veränderung zu bewirken. Foucaults Verständnis von Politik manifestiert sich jedoch nicht in der Idee einer Revolution, sondern im Prinzip der Eruption einer unbekannten Kraft, wie es Artières/Potte-Bonneville als symptomatisch für Foucaults Rolle als Intellektueller beschreiben: „[…] Foucault se défait de l’idée de révolution au profit de la notion d’émergence ou d’éruption de forces.“24 Anzumerken ist auch, dass Foucault seine Vision einer eruptiven, aufspringenden Kraft besonders eindrücklich in Hinblick auf George Jacksons Erfahrung im Gefängnis schildert. Das Gefängnis, von dem Jackson Zeugnis ablegt, wird als „un lieu où naissent et se manifestent des forces, un lieu où se forme de l’histoire, et d’où le temps surgit“25 beschrieben. Er bewertet den Raum der gesellschaftlichen Exklusion als Motor der Geschichte, ohne dabei jedoch auf das Prinzip der Revolution bzw. der gesamtgesellschaftlichen Umwälzung zu rekurrieren. Hinter dem abstrakten Begriff der eruptiven Kraft verbirgt sich Foucaults Konzept des Gegen-Diskurses, welcher sich aus den Gefängnissen heraus gegen den Diskurs der Macht konstituiert und in der Folge näher beleuchtet wird. Der Begriff der Macht ist in dieser Epoche für Foucault institutionell besetzt.
Anders als Foucault sympathisiert Genet in seinen Texten und Reden um 1970 mit der Idee einer Revolution, insofern sie jedoch auf dem Prinzip einer poetischen Vision und Negation der Gesellschaft beruht:
Si je suis sincère, je dois dire que ce qui m’a touché d’abord, ce n’est pas leur souci [des Panthères Noires, S.I.] de recréer le monde. Bien sûr, ça viendra et je n’y suis pas insensible, mais ce qui m’a fait me sentir proche d’eux immédiatement, c’est la haine qu’ils portent au monde blanc, c’est leur souci de détruire une société, de la casser.26
Während Foucault die Produktion einer insbesondere vom Gefängnis ausgehenden eruptiven Kraft ansteuert, um die gesellschaftliche Ordnung aufzubrechen, identifiziert sich Genet mit einer destruktiven, gegen die Gesellschaft gerichteten Energie. Diese Negation nimmt vor allem im Appendix seiner „May Day Speech“, welcher der Publikation des Artikels im City Lights Verlag beigefügt wurde, eine auf jene die Gesellschaft regulierenden Institutionen projizierte Form der Gesellschaftskritik an und richtet sich im Konkreten gegen die Presse, die Kirche, die Wohltätigkeitsverbände, die Gewerkschaften, die Universitäten, die Werbeunternehmen und die Polizei. In Genets Auflistung dieser Machtzentren im Foucault’schen Sinne steht jedoch der bewertende Begriff der institutionell fundierten Missachtung im Vordergrund, welche die bereits im Zerfall befindliche amerikanische Gesellschaft determiniere:
Ce que l’on nomme la civilisation américaine disparaîtra. Elle est déjà morte car elle est fondée sur le mépris. Par exemple, le mépris des riches pour les pauvres, le mépris des Blancs pour les Noirs, etc. Toute civilisation fondée sur le mépris doit nécessairement disparaître.27
Die hier nach Heyndels als für Genets Vision von Amerika symptomatisch beschriebene, bipolare und dichotome Struktur28 äußert sich nicht in einer moralischen Missachtung, sondern funktional und institutionell, so Genet: „Et je ne parle pas du mépris en termes de morale, mais en termes de fonction: je veux dire que le mépris, comme institution, contient son propre dissolvant, et le dissolvant de ce qu’il engendre.“29 Die einzelnen Institutionen werden als von den Weißen monopolisierte Repressionsinstanzen dargestellt, die eine klare gesellschaftliche Trennung instaurieren und Ausdruck eines auf der Missachtung basierenden und daher zu zerschlagenden Systems sind.
Die Kritik an den Institutionen des Gerichts oder des Gefängnisses, welche in Genets Anhang nicht aufgeführt werden, manifestiert sich dann im Kontext des Prozesses gegen George Jackson besonders virulent und bringt ihn schließlich auch dem G.I.P. näher. In diesem Zusammenhang verfasst Genet das Vorwort der dritten Broschüre des G.I.P., die der Ermordung George Jacksons gewidmet ist.30 Dem G.I.P. ging es in dieser Broschüre nicht um die detektivische Aufklärung des Verbrechens, welches als „assassinat politique“31 beschrieben wird, sondern um die Beantwortung zweier Fragen, nämlich nach der Persönlichkeit George Jacksons und den Gründen für dessen Ermordung einerseits sowie nach dem Verdecken des Mordes andererseits:
1 Quel était donc ce vivant qu’on a voulu tuer? Quelle menace portait-il, lui qui ne portait que des chaînes?
2 Et pourquoi a-t-on voulu tuer cette mort, l’étouffer sous les mensonges? Que pouvait-on encore redouter d’elle?32
Anders als in den ersten beiden Broschüren zur „Enquête dans 20 prisons“ und zur „Enquête dans une prison modèle: Fleury-Mérogis“ liegt der Interessenschwerpunkt hier weniger auf dem Gefängnis als sozialem Mikrokosmos, denn auf der tatsächlichen politischen Bedeutung und Funktion des Gefängnisses als mögliches soziales Repressionsmittel und der mithin revolutionären Bedeutung der Aufstände und Revolten in den Gefängnissen, wie auch die Auswahl der Artikel zeigt:
Pour répondre à la première question, nous avons choisi de présenter quelques-unes des interviews les plus récentes dans lesquelles Jackson analyse la fonction révolutionnaire du mouvement dans les prisons. Pour répondre à la seconde, nous avons fait l’analyse d’un certain nombre d’informations et de documents publiés aussitôt après la mort de Jackson.33
Genets Vorwort ist in Antwort auf die erste Fragestellung der Broschüre als exemplarisches Porträt zu verstehen, das sich entsprechend einzelnen Etappen strukturiert, die Jacksons Vita und darüber hinaus die Situation der Unterdrückung der Schwarzen in den USA allgemein charakterisieren: „Un Noir de dix-huit ans emprisonné pendant onze ans pour complicité de vol“, „Auteur d’un livre révolutionnaire“, „Frère de son frère Jonathan“ und „Le martyr décidé et assassiné par les Blancs“.34 Genet verhandelt in seinem Vorwort beide programmatischen Fragen, die der G.I.P. dieser Broschüre voranstellt, indem er nämlich ausgehend von Jacksons Persönlichkeit Mutmaßungen über die Beweggründe für dessen Tötung und ihrer Verschleierung anstellt. Bemerkenswert an diesem Text ist aber vor allem die Priorität, welche den Zitaten aus George Jacksons Gefängnisbriefen selbst zukommt. Unter der Rubrik „Auteur d’un livre révolutionnaire“ führt Genet über zwei Seiten ausgewählte Zitate an, die den halben Artikel ausmachen und an Foucaults Konzept der Produktion eines Gegen-Diskurses durch die Betroffenen selbst anknüpft. Vorwort und Broschüre stehen emblematisch für den Austausch zwischen Genet und Foucault.
Zuvor hatte Genet bereits einen ursprünglich in den USA veröffentlichten Artikel mit dem Titel „Attica-U.S.A.“35 über die Revolten im US-amerikanischen Gefängnis von Attica verfasst, der im September 1971 auszugsweise in La cause du peuple publiziert wurde. Unter der Rubrik „Jackson, Attica, USA“ wird in La cause du peuple dessen auf einer Anfrage der New York Times beruhende Genese beschrieben: „Extraits d’une lettre ouverte au New York Times, journal qui avait demandé à Jean Genet quelles réformes il proposait pour les prisons américaines. C’est aux journaux des Panthères Noires et à la Cause du peuple que J. Genet envoie sa réponse.“36 Diesen Entstehungskontext evoziert Genet gleichsam in einer Fußnote, jedoch lediglich, um seine Ablehnung gegenüber der Institution des Gefängnisses zu untermauern: „La solution du problème noir, celle de l’entassement criminel des noirs dans les prisons, ne seront pas apportées par moi, comme me le demande le directeur du New-York-Times.“37 Genet hinterfragt folglich nicht die Möglichkeit einer Reform des Gefängnisses, wie die New York Times es wünscht, sondern beschreibt zum einen das amerikanische Justizsystem als ausführendes Organ eines genozidären Massakers an den Afroamerikanern: „De toutes [sic!] façon c’est le terme génocide qui doit être retenu si le mot génocide veut dire l’anéantissement d’un peuple par un autre.“38 Zum anderen legt er den Schwerpunkt auf die Politisierung der afroamerikanischen Gefangenen, welche als von der Black Panther Party initiierter Transformationsprozess beschrieben wird: „[L]e message des Panthères s’adressait aussi aux prisonniers noirs qui eurent, grâce à eux, le moyen de transformer leur détresse individuelle en réflexion politique.“39 Die Verwendung des Wortes ‚Genozid‘ im Sinne eines „anéantissement d’un peuple par un autre“40 bewirkt dabei eine medienstrategische und öffentlichkeitswirksame Skandalisierung der Vorkommnisse, durch welche nach Peter Imbusch „eine Bedrohungs- und Bedeutungsspirale in Gang [ge]setzt [wird], die entschlossenes Handeln erzwingt.“41
Genets Interventionen für den G.I.P. stehen im Kontext der Internationalisierung der Gefängnisrevolten und beleuchten einen institutionell verankerten Rassismus, der durch das Justizsystem kanalisiert wird. Durch ihre Verknüpfung mit dem G.I.P. sind diese Artikel dem Konzept des radikalen Journalismus nach Foucault zuzuordnen, bereichern es jedoch nicht nur durch die inhaltliche Komponente der Internationalität und der Detektion eines rassistischen Justizapparates, sondern geben dem Konzept der Radikalität auch durch die kompromisslose Tonalität der Texte eine neue Form. Sie verfolgen die Zielsetzung einer gesellschaftlichen Gegen-Information, in der auch Foucaults Konzept eines Gegen-Diskurses aufgeht, dessen Charakteristika im Folgenden analysiert werden sollen.
2.2.2.2 Der G.I.P. und das Konzept des ‚contre-discours‘ nach Foucault
Innerhalb der Werkgenese Foucaults lässt sich die Gründung des G.I.P. als Intermezzo zwischen zwei Grundpfeilern des theoretischen Werks situieren, nämlich seiner Antrittsvorlesung am Collège de France vom 2. Dezember 1970 mit dem Titel L’ordre du discours1 und der Veröffentlichung von Surveiller et punir2 im Jahre 1975. Die im Kontext des G.I.P. entstandenen Kurztexte journalistischer und essayistischer Natur sowie die zahlreichen Interviews auf nationaler und internationaler Bühne sind jenem – um es mit Polats Formulierung zu halten – „zweiten Werk“3 des Philosophen zuzurechnen, welches das umfassende Korpus zusätzlicher sekundärer Texte konstituiert. Der Begriff des Gegen-Diskurses wird aus einer Verknüpfung von Diskurs- und Machttheorie generiert, wie sie im Spielfeld des G.I.P. taktisch praktiziert wird.
Der in L’ordre du discours theoretisierte Diskursbegriff ist durch seine Abhängigkeit von einer rein negativ konnotierten Auffassung von Macht charakterisiert, die sich schließlich in Surveiller et punir aufzulösen beginnt.4 Unter der Prämisse, dass in der Gesellschaft die Produktion des Diskurses durch gewisse Prozeduren kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird,5 determiniert Foucault drei Kategorien von Kontrollmechanismen: externe Prozeduren der Ausschließung, interne Prozeduren zur Selbstkontrolle des Diskurses und die Verknappung des Diskurses durch das sprechende Subjekt bzw. den Autor. Insbesondere die Reflexion der externen Ausschließungsmechanismen fließt in das theoretische Fundament des G.I.P. maßgeblich mit ein. Foucault benennt an erster Stelle die zensierenden Formen der Ausschließung, das Verbot und die Tabuisierung, die sich vornehmlich in den Bereichen der Sexualität und der Politik manifestieren; an zweiter Stelle figuriert das Prinzip der Grenzziehung und der Verwerfung, das in der Entgegensetzung von Vernunft und Wahnsinn Ausdruck findet; im Gegensatz zum dritten Prinzip, dem der Unterscheidung zwischen Wahrem und Falschem, bezeichnet Foucault diese ersten Formen der Ausschließung als „arbitraires […] ou […] s’organis[a]nt autour de contingences historiques“6, also als willkürlich und der geschichtlichen Zufälligkeit entsprungen, wohingegen der Wille zur Wahrheit, welcher die Diskurse durchdringt, am Ursprung des westlichen Gesellschaftssystems steht und alle übrigen Ausschlussprinzipien zusammenhält. Alle drei Ausschlussmechanismen betrachtet Foucault als institutionell fundiert und gesichert, so dass man – um an die eingangs formulierte Prämisse anzuschließen – folgern kann, dass jenseits dieses diskursiven Filters keine Diskursbildung möglich ist. Wie Foucault unter Rückbezug auf seine eigene Antrittsrede quasi metadiskursiv verlautbart, liegt es in der Funktion und im Anspruch der Institution, darüber zu wachen, dass der Diskurs „dans l’ordre des lois“7 liegt, um damit die ursprüngliche Kraft des Wortes zu entmachten.
Konnex zwischen der theoretischen Grundlage in L’ordre du discours und dem praktischen Experiment des G.I.P. ist dabei die institutionell gesteuerte diskursive Filterung, die mittels der Worterteilung an die Gefangenen unterlaufen werden soll. Die Charakteristika jenes Diskurses der Gefangenen, den er in einem Interview mit Gilles Deleuze als „contre-discours“8, nämlich als „discours contre le pouvoir“9, bezeichnet, kann man in L’ordre du discours bereits ex negativo bestimmen. Analog zur Praxis des G.I.P. – obwohl Foucault darauf insistiert, dass der G.I.P. von jeder seiner vorgängig publizierten theoretischen Abhandlungen zu distanzieren ist10 – richtet er sein Interesse auf den Kampf gegen die Ausschließungsprinzipien der Macht. Innerhalb jenes umfassenden externen Mechanismus der Exklusion, der Grenzziehung zwischen dem Wahren und dem Falschen, könnte in Anlehnung an die Trennung zwischen Vernunft und Wahnsinn eine zusätzliche ausschließende Kategorie gesetzt werden: die Opposition von Gesetzlichkeit und Kriminalität bzw. von Legalität und Illegalität. So zentriert Foucault 1971 in einem Interview sein Interesse auf ebendiese Fragestellung, also „celui du système pénal, de la manière dont une société définit le bien et le mal, le permis et le pas permis, le légal et l’illégal, la manière dont elle exprime toutes les infractions et toutes les transgressions faites à sa loi.“11 Das Phänomen der Transgression des Gesetzes im Zusammenspiel mit dem der Repression von Illegalität durch das Justizsystem eröffnet einerseits eine zeithistorisch bedingte Reflexion über die juristische Grenzziehung zwischen Verbot und Erlaubnis und durchdringt andererseits die Thematik der Diskursformation. Denn den Begriff der Transgression erstreckt er durch das Konzept des Gegen-Diskurses gleichsam auf den Gegenstand der Diskursivität, insofern er nämlich dadurch die Grenze zwischen Sagbarkeit und Unsagbarkeit reflektiert:
Dans Les Mots et les Choses, j’ai surtout étudié des nappes, des ensembles de discours. Dans L’Archéologie du savoir aussi. Maintenant, nouveau mouvement du pendule: je suis intéressé par les institutions et les pratiques, par ces choses en quelque sorte en dessous du dicible.12
Es geht Foucault folglich auch um die Aktivierung des Unsagbaren, das vom regulierenden Diskurs abfällt und auch nicht von diesem angeeignet werden kann.
An dieser Stelle bedarf es allerdings einer Differenzierung: Während Foucault in L’ordre du discours noch die Möglichkeit des grundsätzlich Gesagten in Dependenz zum diskursiven Regelwerk stellt, jenseits dessen keine Wissensverbreitung denkbar ist, zersetzt er unter Einfluss seines Engagements im G.I.P. diese nomische Enklave kurz darauf. Die Transgression des Sagbaren scheint Foucault offenbar in der Wortergreifung durch die Gefangenen realisiert. Jedoch muss hier zum einen kritisch eingewendet werden, dass die Gefangenen dazu mobilisiert wurden und eine Initiative höchstens von den politischen Gefangenen, d.h. also dem ohnehin sensibilisierten Teil der Insassen, ausging; und zum anderen muss das Verhältnis zwischen Sagbarem und Unsagbarem hinterfragt werden. In L’ordre du discours kristallisiert sich die Problematik dieser Relationalität in folgender Textpassage heraus: „Il se peut toujours qu’on dise le vrai dans l’espace d’une extériorité sauvage, mais on n’est dans le vrai qu’en obéissant aux règles d’une ‚police‘ discursive qu’on doit réactiver en chacun de ses discours.“13 Was Foucault an dieser Stelle undifferenziert als ‚wildes Außen‘ bezeichnet, wirft Fragen auf, die Christian Kupke überzeugend diskutiert.14 Wenn Kupke auch die Unmöglichkeit eines reinen Außen konstatiert, so spielt er doch verschiedene mögliche Grenzziehungen zwischen einem Diesseits und einem Jenseits des Diskurses durch. So gibt es also die Variante eines diskursiven Außen als quasi privilegierte Position, von der aus der nomische Diskurs überblickt werden kann, und die dazu invertierte Variante einer aus dem Inneren des Diskurses entspringenden spaltenden Perspektivierung. Beide Varianten werfen die Frage auf, inwieweit es überhaupt zu einer Transgression des Sagbaren kommen kann. Fasst man den Diskurs nämlich als zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt ausschließlich Sagbares auf, bleibt offen, wie jenes Unsagbare, ob als Außen oder als Innen des ordnenden Diskurses, im selben historischen Rahmen Ausdruck finden kann. Kupke eröffnet einen neuen Denkansatz, indem er
zwischen der reinen Möglichkeit, alles oder nur Unbestimmtes zu sagen, und der von dieser Möglichkeit durchdrungenen, sie implementierenden Wirklichkeit, nur etwas Bestimmtes zu sagen, das entweder der Gesamtheit aller Regeln folgt und sie heteronom reproduziert oder aber ihnen widerspricht und neue Regeln setzt15,
unterscheidet. Jenseits der Perspektivierung eines Innen oder eines Außen des Diskurses, reflektiert Kupke hier die Kategorie des ‚reinen Möglichen‘, wodurch grundsätzlich alles stets sagbar ist, jedoch durch den diskursiven Filter eines aktivierten Regelwerks als Unsagbares erscheint. Foucaults ‚wildes Außen‘ könnte vor diesem Hintergrund als jenes zur Immanenz des im Gesellschaftskörper implementierten Diskurses mögliches transzendentes Feld des Unsagbaren aufgefasst werden. Vergleichbar ist Kupkes Ansatz mit Jägers Opposition eines ‚konkreten‘ und eines ‚abstrakten Apriori‘, wobei das konkrete Apriori die historischen und sozialen Möglichkeitsbedingungen umfasst – Foucault verwendet hierfür den Begriff des Epistems – und das abstrakte Apriori als eine Möglichkeitsbedingung jenseits der tatsächlich historisch realisierten zu verstehen ist.16 Jedoch behandelt Jäger die beiden Apriori als Gegensätzlichkeit, während Kupke eine Verknüpfung gelingt. Denn erst durch die Anerkennung der der symbolischen Ordnung inhärenten Negation erklärt sich die Grenzverschiebung bzw. -überschreitung der erfahrbaren Ordnung.17 Durch Kupkes Schwerpunktsetzung auf die Dynamis sind auch die historischen Rahmenbedingungen des ordnenden Diskurses mit denen dessen, was Foucault als Gegen-Diskurs bezeichnet, zu vereinbaren. Betrachtet man das Unsagbare als immer potentiell Sagbares, so muss sich das historische Apriori als interferentielle Schnittstelle beider Diskursordnungen, der möglich-werdenden und der tatsächlichen, manifestieren.
Daraus erklären sich auch die Eigenschaften des Gegen-Diskurses, wie sie in L’ordre du discours als Negativum zu jenem regulierenden Diskurs vorliegen. Man findet hier vornehmlich folgende Charakteristika: die Ereignishaftigkeit sowie die Virulenz und Militanz. Durch die Kontrollmechanismen, die in Bezug auf den Diskurs das Ziel verfolgen „d’en conjurer les pouvoirs et les dangers, d’en maîtriser l’événement aléatoire“18, werden aber ebendiese Eigenschaften unschädlich gemacht. Ihre Wirkung sei entwaffnend19 und sie entsprängen einer
profonde logophobie, une sorte de crainte sourde contre ces événements, contre cette masse de choses dites, contre le surgissement de tous ces énoncés, contre tout ce qu’il peut y avoir là de violent, de discontinu, de batailleur, de désordre aussi et de périlleux20.
An der Bruchstelle des ordnenden Diskurses tritt eine all jene Eigenschaften vereinende Diskursform hervor, die durch die Ausschlussmechanismen gebändigt werden soll.
Vor der Folie der theoretischen Vorgaben in L’ordre du discours ist das Engagement des G.I.P. als Versuch einer Durchbrechung des institutionalisierten Diskurses im Bereich des Justizsystems zu bewerten. Durch die Produktion eines neuen Wissensdiskurses durch jenen als ‚Gegen-Diskurs‘ bezeichneten Diskurs gegen die Macht wird die Grenzziehung zwischen Sagbarem und Unsagbarem experimentiert. Das grundsätzlich mögliche Unsagbare wird durch die Worterteilung an die Gefangenen aktiviert, so dass es für Foucault zur Sichtbarmachung jener eruptiven Kraft kommt, die den konzeptuellen Kern seines radikalen Journalismus konstituiert. Wie anhand des Vorwortes der Broschüre zur Ermordung George Jacksons deutlich wird, unterstützt Genet im Grundsatz die Idee der Produktion eines eruptiven Gegen-Diskurses ausgehend von den Betroffenen selbst, jedoch zeigt sich gerade in Hinblick auf George Jacksons Gefängnisbriefe, dass Genet mit deren Bewertung als „livre révolutionnaire“21 zusätzlich an ein anderes politisches Konzept anknüpft. Tatsächlich stehen bei ihm Poesie und Revolution in einem eigentümlich interdependenten Verhältnis, wodurch eine Verquickung von Ethik und Ästhetik stattfindet, die auch in seinem Projekt der Korruption von Sprache erkennbar wird und im Anschluss analysiert werden soll. Über die Tatsache hinaus, dass ein Gegen-Diskurs produziert wird, hinterfragt er insbesondere die Modalitäten dessen Verbalisierung. Genets Postulat einer neuen Ausdrucksform wird zum ersten Mal als Appell in seinem Brief an die amerikanischen Intellektuellen formuliert: „Je crois que le temps est venu d’user d’un vocabulaire également neuf et d’une syntaxe capable de rendre chacun attentif au double combat, poétique et révolutionnaire, des mouvements qui sont chez les Blancs comparables à ceux des Black Panthers.“22 Diese Sprachreflexivität bringt die Vorstellung einer Anpassung der Sprache an die sozialen Umwälzungen zum Ausdruck. So bemerkt Genet in demselben Text, dass sich aus der poetischen Vision der afroamerikanischen Bevölkerung ein politischer Gedanke entwickelt habe. Und dieser müsse vermittels einer neuen Sprache verbalisiert werden. Solange müssten einige Worte in Verwendung bleiben, bis diese dann in einer neuen Sprache aufgehen könnten: „Il est bien évident que je n’écrirais pas cela si la révolution planétaire avait eu lieu: certains mots, maintenant doivent être repris, d’autres supprimés plus tard obligeant à un langage nouveau.“23 Hier zeigt sich, dass Genet 1971 von einer Situation des Übergangs in eine Revolution und somit des akuten Kampfes ausgeht, die sich in einer spezifischen Ausdrucksform äußert, welche er als poetisch klassifiziert.
2.2.2.3 Jean Genet und die poetische Strategie der ‚corruption du langage‘
In seinem Interview mit Michèle Manceaux am 10. Mai 1970, das der Popularisierung der Black Panthers und des kurz zuvor in Paris für sie gegründeten Aktionskomitees dienen sollte, synthetisiert Genet die Hauptaspekte seines politischen Engagements. Auf die Frage, was ihn mit der Bewegung der Black Panthers verbindet, antwortet Genet:
Si je suis sincère, je dois dire que ce qui m’a touché d’abord, ce n’est pas leur souci de recréer le monde. Bien sûr, ça viendra et je n’y suis pas insensible, mais ce qui m’a fait me sentir proche d’eux immédiatement, c’est la haine qu’ils portent au monde blanc, c’est leur souci de détruire une société, de la casser. Souci qui était le mien très jeune mais je ne pouvais pas changer le monde tout seul. Je ne pouvais que le pervertir, le corrompre un peu. Ce que j’ai tenté de faire par une corruption du langage, c’est-à-dire à l’intérieur de cette langue française qui a l’air d’être si noble, qui l’est peut-être d’ailleurs, on ne sait jamais.1
Er unterscheidet hier zwischen jener pessimistischen und negativen Phase des Hasses und des Wunsches nach der Zerstörung der Gesellschaft und jener konsekutiven, positiven und zukunftsorientierten Phase der Schaffung einer neuen Welt, welche im Zusammenspiel implizit das Konzept der Revolution wiedergeben. Das bindende Element zwischen ihm und den Black Panthers wird dabei durch erstere Phase der Negativität repräsentiert, die Genet mit seinem eigenen frühen literarischen Werk in Verbindung setzt. Das negative Ziel der Zerstörung der Gesellschaft tritt in seinem poetischen Projekt der Perversion und Korruption von Sprache zutage.
Diesen Mechanismus der Perversion und Korruption von Sprache kommentiert Foucault in einem Gespräch mit japanischen Moderatoren über die vermeintlich subversive Kraft von Literatur im Dezember 1970. Einer seiner Gesprächspartner zitiert aus dem Gedächtnis eine öffentliche Stellungnahme Jean Genets, die sinngemäß Ähnlichkeiten mit der gegenüber Michèle Manceaux geäußerten Vision einer Korruption der Sprache aufweist. Statt der Perversion und Korruption der Sprache ist hier die Rede von einer Fäulnis und Zersetzung der Sprache, „pourrir le français“2. Foucault bietet zwei Interpretationsmöglichkeiten für diese Formulierung an. Im ersten Fall bezieht er den Mechanismus auf den literarischen Einsatz eines sozial bedingten Idiolektes, des Argots: „S’il s’agit d’introduire dans la langue française, dans le langage littéraire des tournures qui n’ont pas encore acquis droit de cité, alors il [Genet, S.I.] ne fait que poursuivre le même travail que Céline, pour prendre un exemple du passé.“3 Wie auch Eribon betont, distanziert sich Foucault von einer solchen literarischen Vision und spricht ihr jegliches revolutionäres Ausmaß ab,4 bietet jedoch eine zweite Deutung an:
Mais si la formule ‚pourrir le français‘ signifie que le système de notre langage – à savoir comment les mots fonctionnent dans la société, comment les textes sont évalués et accueillis et comment ils sont dotés d’une efficacité politique – doit être repensé et réformé alors, bien sûr, le ‚pourrissement du langage‘ peut avoir une valeur révolutionnaire.5
Genets politische Strategie der inneren Zersetzung von Sprache hat für Foucault insofern eine revolutionäre Wertigkeit, als ein systemisches Umdenken der gesellschaftlichen und politischen Funktion von Sprache und Texten angestrebt wird, wie er selbst es in anderer Form im Gegen-Diskurs experimentiert. Wie Genet bewertet auch Foucault tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen als Prämisse für einen grundlegenden sprachlichen Wandel, der sich letztlich als Wirkung und Konsequenz eines zunächst auf politischer Ebene besiegelten Umbruchs manifestiert:
Mais […] la situation globale du langage et des différentes modalités que je viens d’évoquer ne peut être réformée que par une révolution sociale. En d’autres termes, ce n’est pas par un pourrissement interne du langage que la réorganisation globale, la redistribution globale des modalités et des valeurs du langage peuvent être opérées. Mais c’est par une reforme en dehors du langage.6
Foucault und Genet sind sich somit beide der dezidierten Wirkungschancen einer rein auf sprachlicher Ebene realisierten Umwertung des Systems bewusst und betonen die Notwendigkeit außersprachlicher Umbrüche. Dabei unterscheidet jedoch Genet stärker zwischen poetischer Negation7 und politischer Affirmation. Auch wenn erst eine gesellschaftliche Revolution einen umfassenden sprachlichen Wandel bewirken kann, spiegelt sich doch für Genet das revolutionäre Potential einzelner Bewegungen in deren poetischer Vision wider, die als gesellschaftliche Kommunikationsform zum Ausdruck kommt. So bezeichnet er die Black Panthers als poetische Bevölkerungsgruppe mit einem natürlichen Sinn für Poesie:
They [the Black Panthers, S.I.] are a poetic people. Black people in America seem to have a natural poetic sense, and the discoveries they’ve made about how to struggle politically lean curiously on a poetic sentiment about the world. Maybe I’m wrong, but I think those things are linked, politics and poetry. I think political reflection is integral to poetic comprehension and vice versa. It’s something about the world black people live in; their political perspicacity comes out of looking at their world poetically.8
Einen Schlüsseltext in diesem Zusammenhang konstituiert sein Vorwort zu den Gefängnisbriefen George Jacksons, welches Genet wenige Monate nach seinem Interview mit Michèle Manceaux im Juli 1970 redigierte und das bereits unter dem Aspekt seiner Rolle als préfacier beleuchtet wurde. Als literaturkritischer Kommentar konzipiert, legt es einen Schwerpunkt auf die sprachlich-stilistische Gestaltung der Briefsammlung, welche Genet gattungsspezifisch als „sorte d’essai et de poème confondus“9 einordnet und damit auf sein eigenes Ideal einer Mischung der traditionellen stilistischen und poetologischen Differenzierung von politischer Rhetorik und Poesie rekurriert. Genet präzisiert hier in Bezug auf Jacksons Briefe den Mechanismus einer Korrumpierung jener Sprache, die er als Sprache des Feindes bezeichnet: „Ici encore, le prisonnier doit se servir du langage même, des mots, de la syntaxe de son ennemi alors qu’il sent le besoin d’une langue séparée qui n’appartiendrait qu’à sa nation.“10 In Ermangelung einer eigenen Sprache, die nicht von der „juridiction de grammairien“11 reguliert wird, sind Akzeptanz und Korrumpierung der normativen Sprache für Genet die einzige Lösung: „Il [le Noir, S.I.] n’a donc qu’une ressource: accepter cette langue mais la corrompre si habilement que les Blancs s’y laisseront prendre.“12 Genet konstatiert selbst, dass die Lösung in dieser Form des inneren Widerstandes dem revolutionären Projekt entgegenzulaufen scheint: „Et c’est un travail qui semble être contredit par celui du révolutionnaire.“13 Das revolutionäre Ziel hat jedoch für Genet einen poetischen Ursprung, der im Moment des Hasses und der Ablehnung der ‚weißen‘ Gesellschaft mit ihrem moralischen Wertesystem und sprachlichen Regelwerk verankert ist und aus dem erst die langsame Substitution des sprachlichen Begriffssystems resultieren könne:
L’entreprise révolutionnaire du Noir américain, semble-t-il, ne peut naître que dans le ressentiment et la haine, c’est-à-dire en refusant avec dégoût, avec rage, mais radicalement, les valeurs vénérées par les Blancs, cependant que cette entreprise ne peut se continuer qu’à partir d’un langage commun, d’abord refusé, enfin accepté où les mots ne serviront plus les notions enseignées par les Blancs, mais des notions nouvelles.14
Der Mechanismus der Korrumpierung der Sprache beschreibt folglich das Phänomen einer Umwertung des bereits existierenden und allgemeingültigen Sprachsystems, welches von innen heraus zerbrochen wird. Solange die Revolution des Sprachsystems nicht vollzogen ist, muss die Positionierung vermittels der einheitlichen und feindlich besetzten Sprache darüber hinaus in Form einer „démarche oblique“15 erfolgen. Diese Metapher des schrägen Gangs, mit welchem sich George Jacksons im Gefängnis verfasstes Buch dem Leser nähert, beschreibt die Suspension eines Vokabulars des Hasses sowie den daraus resultierenden, verzerrten Darstellungsmodus. Vermieden wird so die Verwendung der „mots interdits, maudits, […] ensanglantés, […] crachés avec la bave, déchargés avec le sperme, […] calomniés, réprouvés, […] non écrits […], dangereux, cadenassés, […] qui n’appartiennent pas au vocabulaire“16. Die Virulenz und Vehemenz jener Worte, welche die Realität im Gefängnis aus einer frontal gegen den Leser gerichteten Perspektive wiedergeben könnten, werden durch die Verwendung eines zugelassenen Vokabulars eingedämmt, welches die kommunikativen Grundlagen für den Leser sicherstellt: „C’est donc derrière une grille, seule acceptée par eux, que ses lecteurs, s’ils l’osent, devineront l’infamie d’une situation qu’un vocabulaire honnête ne sait restituer, mais derrière les mots admis, discernez les autres!“17 Genets sprachreflexive Vision zeugt von einer Janusköpfigkeit der Sprache, die sich stets sowohl an Adressaten richtet, welche die Erfahrungen des Autors teilen, und solche, die jenseits dieses Erfahrungshorizontes situiert bleiben. Letzteren kann sich der Autor niemals frontal und direkt zuwenden, sondern nur schräg bzw. diagonal, wie auch Tahar Ben Jelloun, den Genet in den frühen 1970er Jahren kennenlernte, in seinen Erinnerungen als eigentümliches literarisches Merkmal Genets herausstellt:
J’ai appris avec lui [Genet, S.I.], comme avec Roland Barthes dont je suivais le cours, qu’il fallait observer la société de manière oblique, jamais frontale, directe, ni parallèle. Ce que Barthes appelle ‚le détour‘, Genet l’appelle plutôt ‚diagonale‘, une diagonale qui traverse le monde.18
Tahar Ben Jelloun vergleicht hier Genets Vorstellung einer schrägen, diagonalen Herangehensweise an die Gesellschaft mit Barthes’ Konzept des Umweges, des „détour“, und macht von einer ähnlichen Deskription Gebrauch wie Genet selbst in seinem letzten Interview mit Nigel Williams zur Visualisierung seiner eigenen kunstästhetischen Demarche: „[…] ma démarche à la société est oblique. Elle n’est pas directe. Elle n’est pas non plus parallèle, puisqu’elle le traverse, elle traverse le monde, elle le voit. Elle est oblique. Je l’ai vu en diagonale, le monde, et je le vois encore en diagonale.“19 In Anlehnung an dieses Verständnis kann die Kommunikation der Black Panthers mit der dominierenden Gesellschaftsschicht nur über einen Diskurs „mutilé, élagué de ses ornements trop tumultueux“20 funktionieren, der jedoch die Spuren des „passage orgiaque et haineux“21 in sich trägt. Es handelt sich um einen Diskurs durch die Gitterstäbe des Gefängnisses hindurch, den Genet aber – über Foucaults Konzept des Gegen-Diskurses hinaus – nicht nur als Freisetzung des eingeschlossenen Wortes thematisiert, sondern dessen poetische Funktionsweise er reflektiert. Implizit kontrastiert Genet dabei zwei Formen der Kommunikation, nämlich die emotional-affektive Verbalisierung des Hasses und die rational fundierte Sprache des Grammatikers, welche das syntaktische Gerüst liefert. In einem Interview mit Hubert Fichte 1975 beschreibt Genet rückblickend sehr exakt diese Antithese:
Il semble qu’il y ait au moins deux sortes de communication: une communication rationnelle, réfléchie. […] Et puis, il y a alors une communication qui est moins certaine, pourtant évidente, je vais vous demander si vous êtes d’accord, le vers de Baudelaire: ‚Cheveux bleus, pavillon de ténèbres tendues‘, est-ce que vous trouvez que c’est beau?
[…] Et nous communiquons. Bon, il y a donc au moins deux sortes de communication, un mode qui est reconnaissable, contrôlable et puis un mode incontrôlable. L’action des Panthers relevait de la communication incontrôlable. […] C’était une révolution qui était de l’ordre affectif et émotionnel; alors, ça n’a pas de rapport … ça a peut-être des rapports mais très discrets avec des révolutions qui sont tentées ailleurs par d’autres voies.22
Die Kommunikationsform der Black Panthers, welche hier als irrational und unkontrolliert charakterisiert wird, vergleicht Genet mit dem poetischen Prinzip von Kommunikation, wie das Zitat Baudelaires suggeriert. Damit steht Genets Konzept der gesellschaftspolitischen Kommunikation diametral derjenigen Sartres gegenüber, demzufolge die Poesie als selbstreferentielle Form der Kommunikation keine Reziprozität zum Gegenüber herstellen könne und per se ein Desengagement vermittle.23 Moreno begründet ihre Ansicht, dass Genets politische Texte bewusst nichts aussagten, auf Basis ebendieser Axiomatik Sartres:
L’‚engagement‘ de Genet serait alors d’ordre poétique et politique. Contrairement à l’engagement sartrien, pour lequel la fin du langage est de communiquer, sauf dans la poésie, l’écrivain laisse sa prose être contaminée par la poésie. Il refuse ainsi de voir le langage comme un instrument qui permettrait de provoquer l’indignation, l’enthousiasme, ou bien de s’expliquer clairement. Il écrit pour ne rien dire même dans ses textes explicitement politiques.24
Diese These ist kritikwürdig, da Moreno hier weder die Existenz und Ausdrucksform von Genets pragmatischen Texten berücksichtigt, noch sein spezifisches Konzept eines poetisch-politischen Engagements entschlüsselt. Während Sartre die Möglichkeit einer Öffnung zum Adressaten hin in der Poesie leugnet, basiert Genets Vorstellung von Kommunikation auf dem Phänomen der Polysemie. Dieses liegt in der Unzulänglichkeit der normativen Sprache, der Sprache des Feindes, begründet, die zwar als Kommunikationsmittel verwendet werden muss, aber ihre Bedeutung adressatenorientiert entfaltet und damit von einer inhärenten Mehrdeutigkeit bzw. Unkontrollierbarkeit geprägt wird. Die umstrittene Studie Éric Martys thematisiert die Bedeutung der Mehrdeutigkeit am Beispiel der Homonymie in Genets politischen Texten, welche als semantische Transgression bezeichnet wird.25 Genets Verwendung von Homonymen greife die politische Ordnung selbst an, insofern bei Genet die referentielle Sprachebene betroffen sei:
La remise en cause de la langue a donc ici pour point d’appui le Réel, soit ce qui obscurcit et disperse, ou encore ce qui abolit tout lien, le lien du signifiant (du symbolique), celui de la possibilité du discernement (de l’autre), et le lien du signifié (de l’imaginaire), celui de la possibilité de l’identité du (même).26
Marty verweist in diesem Kontext auf das seit Aristoteles bestehende Gebot der Eindeutigkeit politischer Reden, welches von Genet unterlaufen werde. Im dritten Buch seiner Rhetorik kontrastiert Aristoteles den poetischen und den rhetorischen Stil, welcher sich durch Klarheit und Angemessenheit in der Wortwahl auszeichnet und jegliche Irrtumsmöglichkeiten ausschließt.27 Bei Genet verweben sich diese traditionell differenzierten Stile bewusst, wie sich auch in der gattungsspezifischen Bezeichnung der Gefängnisbriefe als Mischform aus Essay und Liebesgedicht andeutet.28 Marty stützt seine These der Homonymie mittels des wenig überzeugend exemplifizierten Faschismus-Begriffs, den Genet sowohl zur Stigmatisierung der weißen Gesellschaft in den USA verwende, als auch als revolutionäre Strategie, so dass ‚Faschismus‘ einerseits die Repression durch die normative Gesellschaft beschreibe und andererseits den radikalisierten Befreiungskampf der unterdrückten afroamerikanischen Bevölkerung.29 Der Begriff des Faschismus als zeithistorisch bedingtes Schlagwort „demeure prise dans l’époque“30, wie Hadrien Laroche zu Recht konstatiert, wird jedoch von Genet auch in seinem etymologischen Bedeutungsursprung eines Faszinosums gebraucht, wodurch überhaupt erst dessen Polysemie erkennbar wird. Deutlicher wird Genets Sprachkritik anhand eines lexikalischen Phänomens, dessen kulturspezifisch bedingte Mehrdeutigkeit Genet im Kontext der Black Panthers wiederholt zitiert, nämlich das des Baumes, der je nach Perspektive als Symbol des Lebens oder des Todes figuriert: „Si un arbre pour nous, c’est une fête du feuillage, des oiseaux et des fruits, pour un Noir de l’Alabama c’est d’abord la potence où des générations de Noirs ont été lynchées.“31 Auch in seinem Vorwort zu George Jacksons Gefängnisbriefen wird dieses Motiv in einem sehr dichten Satz als Zeichen des Hasses evoziert:
Mais j’ai trop longtemps vécu en prison pour n’avoir pas reconnu, dès qu’on m’en eût traduit à San Francisco les premières pages, l’odeur et le grain très particuliers de ce qui fut écrit dans un cachot, derrière des murs, des gardes, empoisonné par la haine, car, ce que je ne savais pas encore avec une telle intensité, c’est la haine de l’Américain blanc pour le Noir au point que je me demande si tout homme blanc de ce pays, quand il plante un arbre, ne voit pas à ses branches des Nègres pendus.32
Als abstrakte Potenz verweist der Begriff des Baumes je nach Sprecher auf eine andere außersprachliche Wirklichkeit und ist damit auch Träger unterschiedlicher symbolischer Systeme, die jedoch stets in Dependenz zum dominanten Sprachsystem bzw. zur Sprache des Feindes stehen. In seinem Interview mit Antoine Bourseiller 1981 entschlüsselt Genet den Ursprung dieses Motivs, bei dem es sich um die Begründung David Hilliards von den Black Panthers handelt, warum er Genet nicht in die im Wald gelegene Stony-Brook Universität bei New York begleite: „Non, il y a encore trop d’arbres.“33 Genet kategorisiert seine Antwort als „réponse que seul un Noir américain pouvait faire“34 und decodiert die Bedeutung des Baumes ähnlich wie in den anderen beiden Textbeispielen als Zeichen der amerikanischen Lynchjustiz, das jedoch allein für die afroamerikanische Bevölkerung eine Gefahrenquelle designiert, während die Aussage für die weiße Bevölkerung ohne eine nähere Erläuterung unverständlich bleiben muss. In diesem Beispiel spiegelt sich die poetische Vision der Welt wider, welche Genet den Black Panthers attestiert. Denn die Poesie entfaltet sich für Genet aus der Situation der gesellschaftlichen Ausgeschlossenheit, die in der Eingeschlossenheit im Gefängnis versinnbildlicht ist. Aus dieser poetischen Vision wird überhaupt erst ein revolutionäres Potential freigesetzt.
2.3 Kritik an der Rechtsstaatlichkeit aus Sicht Genets, Sartres und Foucaults
Die in Frankreich im Mai ’68 kulminierende soziokulturelle und politische Protestbewegung, deren Zielsetzung mit Karl-Heinz Bohrer als „radikale Transzendenz des Bestehenden“1 bezeichnet werden kann, findet im Nach-Mai in der Person des französischen Innenministers Raymond Marcellin einen Widersacher. Marcellins legislative Maßnahmen, wie die Einrichtung von Ausnahmegerichten (Cour de sûreté de l’État) und die Erweiterung des Strafgesetzbuches um den Paragraphen 314, der unter dem Namen der ‚loi anti-casseur‘ die Organisatoren illegaler Demonstrationen und anderer öffentlicher Aktionen anvisiert, fördern die Sanktionierung und Kriminalisierung der neuen Protestgruppen und -formen, die somit in den Bereich der Illegalität verwiesen werden.2 Die zahlenmäßige Häufung von Gerichtsverfahren gegen oppositionelle Gruppen, deren Zielsetzung die Aufrechterhaltung des im Mai 1968 manifest gewordenen, revolutionären Potentials war, stellt jedoch kein innerfranzösisches Phänomen dar, sondern betrifft die westlichen Industrienationen allgemein, wie Sandra Kraft am Beispiel Deutschlands und der USA ermittelt.3 Diese Konfrontation einzelner Protestgruppen mit Staat und Justiz löst unterschiedliche Debatten im intellektuellen Feld aus. Neben der Kritik an der Rechtsstaatlichkeit und dem als repressiv wahrgenommenen Justizapparat wird die gesellschaftskritische Diskussion darüber hinaus von der Frage nach der Legitimierbarkeit des Einsatzes von revolutionärer Gegengewalt bestimmt. Dieser von Gilcher-Holtey als „Kampf um die Grenzen zwischen Legalität und Illegalität“4 bezeichnete Konflikt äußert sich folglich auf diskursiver Ebene durch eine grundsätzlich dichotome Rhetorik: Rechts- und Staatskritik und die Motivation von politischer Gewalt durchdringen einander. Im Nachfolgenden soll der diskursive Gegenstand der Kritik an Staat und Justizsystem mit seinen untergeordneten Debatten zum Status politischer Gefangener, zur Bedeutung des Gefängnisses und zur Legitimierung von revolutionärer Gewalt aus der teilweise interdependenten Perspektive Genets, Foucaults und Sartres beleuchtet werden.
2.3.1 Zwischen ‚tribunal populaire‘ und ‚contre-procès‘ – Sartres und Foucaults Kritik an der Institution des Gerichtes
Das von Sartre in Anlehnung an das Tribunal Russell elaborierte Konzept einer Justiz des Volkes, das mit Artières als „projet de recours à une justice ‚populaire‘ comme moyen de lutte face à une justice d’État jugée trop partiale“1 determiniert werden kann, ist Ausgangspunkt der zwischen 1970 und 1975 währenden Debatte über die Bildung einer möglichen außerstaatlichen, alternativen Rechtsinstanz. Das Minenunglück im nordfranzösischen Lens, bei dem am 4. Februar 1970 sechzehn Bergarbeiter ums Leben kommen, konstituiert dabei einen Markstein. Parallel zum Prozess gegen eine Gruppe von Militanten der Gauche prolétarienne, die ihren Missmut über die schlechten Arbeitsbedingungen der Minenarbeiter durch den Beschuss des Bergwerks mit Molotowcocktails zum Ausdruck gebracht hatten und sich deswegen vor Gericht verantworten mussten,2 initiierte die in Reaktion auf den Erlass des Paragraphen 314 gegründete Organisation Secours Rouge unter der Schirmherrschaft Jean-Paul Sartres das so genannte tribunal populaire de Lens. Ziel des Volkstribunals war die Aufklärung der Ursachen, die zu jenem Unglück geführt hatten, das nicht länger als unvermeidbarer Unfall oder Fatalitätsprodukt betrachtet werden sollte, sondern aufgrund der fehlenden Sicherheitsmaßnahmen als Tötungsdelikt. Sartres Anklagerede richtet sich gegen den offiziellen Bericht, demzufolge das die Explosion verursachende Grubengas durch eine gelöste Verankerung ausgetreten sei und somit auf einen zufälligen, technischen Schaden zurückgeführt werden könne.3 In Kontrast dazu benennt Sartre hingegen die Verantwortlichen und Mitwisser, nämlich die Direktion des Bergwerks, die Ingenieure und die Ärzte, zeigt deren Fehlverhalten auf und beschuldigt sie nach dem Prinzip eines klaren Täter-Opfer-Verhältnisses der vorsätzlichen Tötung: „Les ouvriers sont les victimes, les porions […] et surtout les ingénieurs, les médecins et les directeurs sont des assassins.“4 Das Verdikt wird als „loi du peuple“5 bezeichnet und nimmt die Funktion einer Gegenklage zum Prozess gegen die der Brandstiftung angeklagten Militanten vor der Cour de sûreté de l’État ein, im Laufe dessen es verlesen werden sollte. Die darin zum Vorschein kommende Idee von Prozess und Gegen-Prozess, welcher den Staat und sein Justizsystem selbst zum Angeklagten erhebt, schreibt sich in das von Sartre in einer Debatte mit den Maoisten formulierte Ziel der „illégalité absolue, ou contestation du système par la légitimité de la démocratie directe“6 ein. Im Laufe der Diskussion mit den Maoisten beschreibt Sartre das Volkstribunal von Lens als eine von außen auf das Justizsystem einwirkende Aktion, die dieses Ideal der absoluten Illegalität und der Legitimität einer direkten Demokratie verkörpere:
Les seuls qui étaient vraiment sur le plan de l’illégalité complète – puisqu’ils refusaient même les droits que leur conférait le système – c’étaient les maos. Bien entendu, ils tentaient quelquefois une action sur la Justice légale. Mais il fallait qu’elle agisse du dehors: par exemple, le tribunal populaire de Lens. […] Par cette raison, je me suis rapproché du groupe mao; l’ennui c’est que, vers 70–71, il a pris un tournant légaliste, c’est-à-dire qu’il a constitué des Comités Vérité et Justice qui contestent la légalité du dedans au nom de la légalité, et non du dehors: au nom de la légitimité.7
In ihrer Vorgehensweise und Zielsetzung orientiert sich die Aktion in Lens an dem zwischen 1966 und 1967 an unterschiedlichen internationalen Standorten8 organisierten und unter dem Namen seines Ideengebers, des englischen Philosophen Bertrand Russell, bekannt gewordenen Tribunal Russell, an dem auch Sartre neben weiteren intellektuellen Repräsentanten unterschiedlicher Länder partizipierte. Seinem Selbstverständnis nach der Zielsetzung der Nürnberger Prozesse nachempfunden, beabsichtigte das Tribunal Russell, über das Verhalten der US-amerikanischen Streitkräfte in Vietnam aufzuklären und zu beurteilen, inwieweit die amerikanische Politik als Kriegsverbrechen eingestuft werden kann. Die emotionalisierte Kritik am amerikanischen Imperialismus steht dabei der rechtlichen Klärung des kriegerischen Vorgehens nach, wie Sartre in einem Interview betont: „Quand on crie dans un meeting: ‚La guerre du Viêt-nam est un crime‘, on est dans le domaine du passionnel. Cette guerre est certainement contraire aux intérêts de l’immense majorité des hommes mais est-elle juridiquement criminelle?“9 Wie auch in Lens basieren die Recherchen zum Vietnamkrieg auf Zeugenaussagen sowie Dokumenten, vermittels derer eine umfassende Aufklärungs- und Informationsarbeit betrieben werden soll. Das Tribunal Russell kennzeichnet auch den Ausgangspunkt für die dann in den frühen 1970er Jahren offene Konfrontation zwischen der sich als legitim verstehenden, revolutionären Aktion und dem staatlich gesteuerten Justizsystem, wie in Sartres letztem für das Tribunal Russell publizierten Text „De Nuremberg à Stockholm“ von 1967 erkennbar wird:
Le Tribunal Russell est tenu pour illégal par l’ensemble des gouvernements occidentaux. Et le général de Gaulle en lui refusant l’autorisation de siéger en France a résumé l’opinion générale des ‚pouvoirs‘ par ces mots: ‚Toute justice n’appartient qu’à l’État.‘ Pourtant cet organisme – qui s’est créé sur l’initiative d’un seul homme, philosophe célèbre mais simple citoyen dépourvu de charges publiques – après sa session de Stockholm et ses premières conclusions n’a plus besoin de prouver sa légitimité.10
Die hier typographisch hervorgehobenen Konzepte der Illegalität und Legitimität nehmen eine für das Volkstribunal von Lens und die maoistische Handlungsinitiative programmatische Bedeutung ein. Der von Sartre benannte Vorwurf der Illegalität des Tribunal Russell steht in der Folge seines Briefwechsels mit dem damaligen Präsidenten Charles de Gaulle, der die staatliche Verankerung des Justizsystems reklamiert und jegliche Form einer Parallel- oder Gegenjustiz in den Bereich der Illegalität verweist.11 Sartres Kritik an der Abhängigkeit von Staat und Justiz äußert sich in der Gegenüberstellung einer vom Staate und einer vom Volke ausgehenden Macht, mit der seine Inauguralrede zum Tribunal Russell inhaltlich beginnt:
Il y a deux sources de pouvoir, en effet. La première, c’est l’État avec ses institutions. […] L’autre source, c’est le peuple, en période révolutionnaire, quand il change ses institutions. Mais, bien que la lutte demeure implacable, par quel moyen les masses, compartimentées par des frontières, parviendraient-elles à s’unir et à imposer aux différents gouvernements une institution qui serait une véritable magistrature populaire?12
Jene vom Volke ausgehende Macht beschreibt Sartre als in der Revolutionszeit zu Tage tretendes Phänomen, das mit einem gesellschaftlichen Macht- und Institutionswechsel verbunden ist und dem Ziele nach folglich eine gegnerische Institution konstituiert. Sartres Ideal einer jenseits von Ländergrenzen bestehenden „magistrature populaire“13 nimmt seiner eigenen Interpretation zufolge im Tribunal Russell selbst Gestalt an, welches er an anderer Stelle mithin als revolutionäres Gericht definiert:
Nous avons jugé – nous, hommes de la masse – pour la masse et, sans aucun doute, avant son accord. Mais notre jugement n’a pas encore sa vérité: il nous faut à présent le présenter aux peuples, avec ses motifs et ses attendus. S’ils le ratifient, il deviendra le leur et prendra d’eux toute son objectivité. Nous saurons alors que notre légitimation est entière et que les masses, en donnant leur accord, dévoilent une exigence plus profonde: c’est qu’un véritable tribunal soit créé contre les criminels de guerre. Un tribunal qui émane d’elles et qui donne à leurs exigences éthiques une dimension juridique. Un tribunal révolutionnaire.14
Das Tribunal Russell als Gegengericht sowie vor allem dessen Verdikt, so Sartre hier, müsse erst vom Volke seine Legitimierung erfahren, um so dessen ethischen Ansprüchen kraft eines legislativen Stützwerks gerecht zu werden. In seiner Funktion einer revolutionären Gegeninstanz, die sich der staatlichen Institution des Gerichtes widersetzt und in seiner Funktion doppelt, bildet das Tribunal Russell einen Wegweiser nicht nur für das Volkstribunal von Lens, sondern auch für die Handlungsstrategie der Maoisten. So entbrannte nämlich im Juni 1971 eine Debatte über die mögliche Instauration eines Volkstribunals zur Verurteilung polizeilicher Übergriffe, ein Projekt, das bereits im Anschluss an die Pariser Mai-Unruhen und in Analogie zum Tribunal Russell von Daniel Cohn-Bendit lanciert wurde.15 In diesem Kontext interveniert auch Michel Foucault und diskutiert mit Mitgliedern der zu diesem Zeitpunkt bereits verbotenen maoistischen Gauche prolétarienne.16 Foucault lehnt die Idee eines Volkstribunals grundsätzlich ab und kritisiert implizit Sartre sowie dessen intellektuellen Handlungsentwurf einer unabhängigen, übergeordneten moralischen Instanz:
Ça renforce l’idée, pour qu’une justice soit juste, il faut qu’elle soit rendue par quelqu’un qui est hors du coup, par un intellectuel, un spécialiste de l’idéalité. Quand, par-dessus le marché, ce tribunal populaire est présidé ou organisé par des intellectuels qui viennent écouter ce que disent, d’une part les ouvriers, de l’autre, le patronat, et dire: ‚L’un est innocent et l’autre est coupable‘, tu as tout un idéalisme qui est drainé à travers tout ça.17
Jedoch richtet sich Foucaults Kritik nicht alleine gegen die Rolle des Intellektuellen, der nach seinem Verständnis im Projekt des Volkstribunals eine richtende Funktion einnimmt, sondern insbesondere gegen die Reproduktion und die Repetition der Gerichtsinstanz selbst. Indem nämlich das Gericht grundsätzlich als Modell übernommen werde, könne die gesellschaftliche Ordnung nicht überwunden werden, so Foucault, der als Basis der Revolution vielmehr die Auflösung des gesamten Justizsystems fordert: „[T]out ce qui peut rappeler l’appareil pénal, tout ce qui peut en rappeler l’idéologie et permettre à cette idéologie de s’insinuer subrepticement dans les pratiques populaires doit être banni.“18 Für ihn besteht eine grundsätzliche Unvereinbarkeit zwischen dem Wunsch nach einem radikalen gesellschaftlichen Umbruch und der Aufrechterhaltung der im Entwurf des Gerichts repetierten Ordnung einer vermeintlich neutralen Instanz „entre le peuple et ses ennemis, et susceptible d’établir le partage entre le vrai et le faux, le coupable et l’innocent, le juste et l’injuste“19. Jenes Prinzip einer Trennung zwischen Wahrem und Falschem, zwischen Schuld und Unschuld, zwischen Recht und Unrecht, auf dem nach Foucault das Justizsystem basiert, konsolidiert die diskursive Ordnung, welche seinem Verständnis zufolge im Modus bestimmter Ausschlussprinzipen funktioniert.20 Das Gericht ist damit nicht einfach eine legislative Instanz, sondern auch ein symbolischer Repräsentant des gesellschaftlichen Wertesystems. Anhand der räumlichen Disposition des Gerichtes erläutert Foucault die klare Trennung zwischen den einzelnen, an einem Prozess beteiligten Personen und deren Funktionszuweisung:
Une table; derrière cette table, qui les met à distance des deux plaideurs, des tiers qui sont les juges; leur position indique premièrement qu’ils sont neutres par rapport à l’un et à l’autre; deuxièmement cela implique que leur jugement n’est pas déterminé par avance, qu’il va s’établir après enquête par audition des deux parties, en fonction d’une certaine norme de vérité et d’un certain nombre d’idées sur le juste et l’injuste, et, troisièmement, que leur décision aura force d’autorité.21
Die übergeordnete Stellung des Richters, dessen Urteil sich in einen normativen Wahrheitsdiskurs einschreibt und den Anspruch der Absolutheit vertritt, wird hier von Foucault in ihrer Gültigkeit hinterfragt. In L’ordre du discours kennzeichnet Foucault die Grenzziehung zwischen dem Wahren und dem Falschen als „volonté de vérité“, als Willen zur Wahrheit, der seit Jahrhunderten den Diskurs durchdringt und institutionell verankert ist: „Enfin je crois que cette volonté de vérité ainsi appuyée sur un support et une distribution institutionnelle, tend à exercer sur les autres discours – je parle toujours de notre société – une sorte de pression et comme un pouvoir de contrainte.“22 Dieser Wille zur Wahrheit beherrscht seinem Verständnis nach auch das System der Strafjustiz, „comme si la parole même de la loi ne pouvait plus être autorisée, dans notre société, que par un discours de vérité.“23 Foucaults eigener Entwurf einer Gegeninstanz zur etablierten Institution des Gerichts steht unter der Prämisse, dass die Ordnung des Gerichts mit der darin kolportierten „norme de vérité“24 gänzlich aufgelöst werden müsse und damit folglich auch die Funktion eines Substitutes für das Gericht verliere. Dabei unterscheidet Foucault zwischen dem, was er als „guérilla antijudiciaire“25 bezeichnet, und dem eigentlich angestrebten „contre-procès“26. Während sich nämlich hinter dem Schlagwort des antigerichtlichen Guerillakampfes punktuelle, teilweise spontane Aktionen gegen Polizei und Justiz verbergen, die von einer Anklage gegen die Polizei über eine Flucht vor der Polizei bis hin zur Verhöhnung des Gerichtes und einer persönlichen Gegenüberstellung mit einem Richter reichen können,27 wird das Konzept des Gegenprozesses von der Negation und der Subversion der bestehenden Ordnung getragen. Foucault definiert den Gegenprozess in Opposition zu Sartres Volkstribunal:
Je dirai pour conclure que la réutilisation d’une forme comme celle du tribunal, avec tout ce qu’elle implique – position tierce du juge, référence à un droit ou une équité, sentence décisive – doit aussi être filtrée par une critique très sévère; et je n’en vois, pour ma part, l’emploi valable que dans le cas où l’on peut, parallèlement à un procès bourgeois, faire un contre-procès qui fasse apparaître comme mensonge la vérité de l’autre et comme abus de pouvoir, ses décisions.28
Ziel des Gegenprozesses ist in Foucaults Sinne die Entlarvung der bestehenden Wahrheitsnorm als Lüge und der rechtlichen Entscheidungen als Machtmissbrauch. Die durch die Instanz des Gerichtes vermittelte Trennung zwischen Wahrheit und Lüge, zwischen Schuld und Unschuld, zwischen Recht und Unrecht, auf der die gesellschaftliche Ordnung fundiert ist, soll mithilfe des Gegenprozesses eine Subversion erfahren. Im Unterschied zu Sartres Kritik an der Interdependenz von Staat und Justiz, basiert Foucaults Kritik am Justizsystem vielmehr auf dem Infragestellen einer gesamten diskursiven Ordnung, die in den gerichtlichen Instanzen und Prozessen zum Ausdruck kommt. Foucaults Forderung nach einer Auflösung dichotom strukturierender Kategorien begründet auch die Schaffung des Groupe d’information sur les prisons, wie Foucault mit Bezug auf eine Stellungnahme Jean Genets herausstellt:
Je pense que les actions ponctuelles et locales peuvent aller assez loi. Regardez l’action du G.I.P. durant l’année écoulée. Ses interventions ne se proposaient pas comme but ultime que les visites aux prisonniers puissent durer trente minutes ou qu’il y ait des chasses d’eau dans les cellules. Mais d’arriver à ce que le partage social et moral entre innocents et coupables soit lui-même mis en question. […] Notre action, au contraire, ne cherche pas l’âme ou l’homme derrière le condamné, mais à effacer cette frontière profonde entre l’innocence et la culpabilité. C’est la question que posait Genet à propos de la mort du juge de Soledad ou de cet avion détourné par les Palestiniens en Jordanie; les journaux pleuraient sur le juge et sur ces malheureux touristes séquestrés en plein désert sans raison apparente; Genet, lui, disait: ‚Un juge serait-il innocent, et une dame américaine qui a assez d’argent pour faire du tourisme de cette manière-là?‘29
Unter Rekurs auf Genet untermauert Foucault hier seine Kritik an einem manichäischen Gesellschaftsbild und verdeutlicht emblematisch, dass die klare Trennung zwischen Schuld und Unschuld hinterfragt werden muss. In Foucaults Verständnis kann ein Prozess stets nur den institutionell verankerten Wahrheitsdiskurs hervorbringen. Seine Vision eines Gegenprozesses basiert folglich auf der Implementierung einer Gegenwahrheit, welche die Unterscheidung zwischen Opfer und Täter entsprechend der von Genet geäußerten Vorstellung ins Wanken bringt.
Anders als Sartre erhebt Foucault somit nicht den Staat zum absoluten Gegner, sondern er versteht die staatlichen und legislativen Institutionen vielmehr als Basis, um den vorherrschenden Diskurs der Wahrheit zu kontinuieren. Sein Ziel formuliert er als Angriff auf die Institution „jusqu’au point où elle culmine et s’incarne dans une idéologie simple et fondamentale comme les notions de bien, de mal, d’innocence, de culpabilité.“30 Diese ordnenden Kategorien von Gut und Böse, Schuld und Unschuld bezeichnet er auch als „expressions d’un dualisme constitutif de la conscience occidentale.“31 Foucault distanziert sich von dem von ihm als humanistisch bezeichneten Ansatz, der alleine den Bewusstseinswandel der Individuen anstrebt, nicht aber die Institutionen abschaffen will, ebenso wie von dem reformistischen Prinzip, wonach die Institutionen unter Beibehalt des in ihnen verkörperten ideologischen Systems verändert werden sollen. In Abgrenzung zu den von ihm als Humanismus und Reformismus umschriebenen Prinzipien beansprucht er für seinen eigenen, gegen die bestehenden Machtverhältnisse gerichteten Kampf, welcher die Destabilisierung sowohl des Bewusstseins als auch der Institution voraussetzt, den Status einer revolutionären Aktion:
Pour simplifier, l’humanisme consiste à vouloir changer le système idéologique sans toucher à l’institution; le réformiste, à changer l’institution sans toucher le système idéologique. L’action révolutionnaire se définit au contraire comme un ébranlement simultané de la conscience et de l’institution; ce qui suppose qu’on s’attaque aux rapports de pouvoir dont elles sont l’instrument, l’armature, l’armure.32
Das Echo auf Foucaults kritisch-theoretische Äußerungen findet sich in Sartres 1972 veröffentlichtem Konferenzbeitrag mit dem programmatischen Titel „Justice et État“33. Darin diskutiert er zwar unter Rückbezug auf das Tribunal Russell auch weiterhin die Problematik des Abhängigkeitsverhältnisses zwischen Staat und Justiz, jedoch findet die Forderung nach einer revolutionären, vom Volke ausgehenden Justiz ihre Legitimierung in Auseinandersetzung mit Foucaults Entwurf. Tatsächlich beschreibt Sartre die Volksjustiz mit Bezug auf Foucault als nach dem Prinzip von Schlag und Gegenschlag verfahrendes Modell: „Foucault […] dit que la justice populaire ne se réclame d’aucun principe absolu: on lui fait un dommage et elle riposte.“34 Diese Interpretation unterzieht Sartre jedoch einer marxistischen Lesart. So erhalten die Begriffe „dommage“ und „riposte“ durch ihre Gleichsetzung mit den dem dialektischen Materialismus entlehnten Gegensatzpaaren der „exploitation“35 und des „ensemble des activités qui veulent mettre fin, en ce lieu, en ce temps, en cette conjoncture aux pratiques de l’exploitation“36 eine marxistische Konnotation. Dieser marxistischen Tonart wird in der weiteren Argumentation Rechnung getragen, indem zwischen zwei Arten von Justiz unterschieden wird, nämlich der als „codifiée et permanente“37 beschriebenen bürgerlichen Justiz, die aufgrund ihrer staatlichen Verankerung die Ausbeutung perpetuiert, und der als „intermittente et sauvage“38 bezeichneten Volksjustiz. Erneut erläutert Sartre unter Rekurs auf Foucault die ausbeuterische Eigenschaft der bürgerlichen Justiz:
Comme le dit encore Foucault, son rôle depuis le XVIIIe siècle a été d’opposer l’une à l’autre deux catégories des masses: les hommes qui sont forcés d’accepter un travail à très bas salaire, et qui ne sont pas condamnables, dans la mesure même où ils acceptent parce qu’ils ne peuvent faire autrement, et qui constitueront le prolétariat, et ceux qui refusent ces conditions de vie et sont par là même condamnables pour délit de vagabondage.39
Dabei scheint sich Sartre auf eine in der Debatte mit den Maoisten hervorgebrachte Stellungnahme Foucaults zu beziehen, mit welcher Foucault seinerseits jedoch die notwendige Abschaffung des Justizsystems begründet:
Dans les sociétés comme la nôtre […] l’appareil de justice a été un appareil d’État extrêmement important, dont l’histoire a toujours été masquée. […] Le système pénal a eu pour fonction d’introduire un certain nombre de contradictions au sein des masses et une contradiction majeure qui est celle-ci; opposer les uns aux autres les plébéiens prolétarisés et les plébéiens non prolétarisés. […] Voilà pourquoi la révolution ne peut que passer par l’élimination radicale de l’appareil de justice, et tout ce qui peut rappeler l’appareil pénal […].40
Sartre bedient sich der Argumentation Foucaults, um schließlich die Notwendigkeit der von ihm selbst als Volksjustiz bezeichneten und der zum staatlichen Justizsystem alternativ geltenden Form des Rechtswesens zu untermauern. Beide Justizformen stehen in einem Wechselverhältnis zueinander: „[S]i l’on choisit l’une, on sera condamnable par l’autre.“41 Trotz Sartres marxistischer Filterung und der daraus resultierenden Umdeutung von Foucaults Stellungnahmen und seines Konzeptes einer Gegenjustiz verbindet beide Philosophen eine Bereitschaft zur Grenzverschiebung zwischen Legalität und Illegalität.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.