Kitabı oku: «Love Against The Rules»
Sarah Glicker
Love Against The Rules
Sammelband
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Epilog
Impressum neobooks
Kapitel 1
Love Against The Rules
Sarah Glicker
Sarah Weber
Alter Postweg 31a
48477 Hörstel
Copyright by Sarah Weber
Alle Rechte vorbehalten!
Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der offiziellen schriftlichen Genehmigung der Autorin!
„Endlich mal einen Abend ohne Männer und ihr ständiges Gerede über Sport.“ Lisa hakt sich gut gelaunt bei mir unter und strahlt dabei über das ganze Gesicht, während wir uns in der langen Schlange eingliedern, die sich vor dem Club befindet.
„Du meinst wohl einen Abend ohne deinen Mann“, korrigiere ich sie. „Ich bin Single.“
Lisa ist vor ein paar Monaten mit ihrem Freund zusammengekommen. Sie hat versucht mich mit ein paar seiner Freunde zu verkuppeln, doch ich bin Single geblieben. Allerdings hatte ich kein Interesse an auch nur einem von ihnen. Wahrscheinlich lag es mir daran, dass ich mich viel zu sehr in meine Arbeit versteift habe.
„Tim kann eine Klette sein, aber dabei ist er so süß, dass mich das nicht stört.“ Lisa zuckt mit den Schultern und gemeinsam fangen wir an zu lachen.
„Tim vergöttert dich. Er liest dir jeden Wunsch von den Augen ab“, erwidere ich.
Vor uns stehen mindestens noch zehn Leute. Und bis jetzt sind wir kaum ein Stück vorangekommen. Wenn das in diesem Tempo weitergeht, befinden wir uns erst morgen früh im Freeze.
Die nächsten Minuten gehen vorbei, ohne das wir auch nur einen einzigen Schritt nach vorne machen können. Aus diesem Grund kommt es mir so vor, als würden wir schon eine Ewigkeit in der Schlange stehen. Auch, wenn es noch nicht einmal eine halbe Stunde ist.
Gerade, als ich einen Schritt aus der Menge der Wartenden heraustrete lässt der Türsteher seinen Blick über die Gäste schweifen und fixiert mich. In der nächsten Sekunde winkt er mich bereits zu sich heran. Ohne darüber nachzudenken, setze ich mich schnell in Bewegung und ziehe Lisa am Arm hinter mir her.
Sobald wir vor ihm stehen, öffnet er das schwere rote Seil, welche den Außenbereich vom Eingang trennt. Mit einem Kopfnicken zeigt er in die Richtung der geschlossenen Tür, die sich hinter ihm befindet.
Kaum sind wir an ihm vorbeigegangen, fangen hinter uns alle an, lauthals ihren Protest zum Ausdruck zu bringen, aber das ist mir egal. Bevor wir durch die Tür treten, lächle ich dem Mann dankbar zu.
Kaum sind wir in das Innere getreten, schlägt uns die Musik entgegen. Sie ist so laut, dass man sein eigenes Wort kaum verstehen kann. Die bunten Lichter, die den Raum erhellen, geben mir das Gefühl, als würde ich schweben. Sie tanzen durch den Raum und zeigen immer nur für den Bruchteil einer Sekunde das Geschehen um mich herum, bevor sie wieder die Richtung wechseln. Langsam erkenne ich, dass überall bequeme Sitzgruppen mit kleinen und großen Tischen verteilt stehen.
Das Freeze hat erst vor kurzer Zeit aufgemacht. In dieser kurzen Zeit hat der Club es aber geschafft, einer der beliebtesten in Los Angeles zu werden.
Lisa schnappt sich meine Hand und gemeinsam suchen wir die Bar, wobei wir immer wieder jemandem ausweichen müssen.
„Es ist kein Wunder, das hier so viel los ist. Schließlich ist Jayden Drake der Besitzer. Die meisten Frauen sind hinter ihm her und wollen ihm über den Weg laufen“, ruft Lisa mir zu.
Als meine Freundin den Namen erwähnt, zucke ich automatisch zusammen.
Jayden Drake.
Dieser Mann ist der Inbegriff eines Traumtypen.
Er ist groß und kräftig. Seine etwas längeren Haare hat er immer auf eine Seite gelegt und sie dort mit zu viel Haarspray fixiert. Der Blick aus seinen dunklen Augen ist durchdringend, sogar auf Bildern. Und sein Lächeln ist wahnsinnig sexy. Der Drei-Tage-Bart, der zu einem Teil von ihm geworden ist, unterstreicht sein lockeres und sexy Auftreten noch. Dieser Mann lässt mit Leichtigkeit Frauenherzen mit nur einem Blick schmelzen.
In der Zeitung und im Internet gibt es immer wieder neue Bilder von ihm. Die Presse liebt den gutaussehenden Geschäftsmann aus Los Angeles, der immer wieder Wohltätigkeitsaktionen für Kinder und Menschen in Not veranstaltet. Ich glaube, es vergeht nicht eine einzige Woche, in der nicht irgendetwas von ihm berichtet wird.
Auf jedem Foto, das ich bis jetzt von ihm gesehen habe, erkennt man im Hintergrund, wie sämtliche Frauen ihn verehren und um seine Aufmerksamkeit buhlen. Die Art und Weise, wie sie ihre Brüste hervorheben und so seine Gunst für sich gewinnen wollen, habe ich sogar auf den Fotografien bemerkt.
Drake ist verdammt heiß, soviel steht fest.
Wenn ich die Aufnahmen von ihm ansehe, habe ich nicht nur einmal davon geträumt, die Frau an seiner Seite zu sein. Das muss ich zugeben. Ich weiß selber nicht, wieso ich das immer wieder mache. Aber dieser Mann hat etwas an sich, dem man sich einfach nicht entziehen kann. Und das gilt auch für mich.
Allerdings besitzt er noch eine ganz andere Seite. Eine Seite, die wohl auch jeder kennt. Zumindest die meisten. Vor der viele aber wahrscheinlich die Augen verschließen.
Sein Dad, sein Geschäftspartner und auch Jayden selbst werden mehrerer Straftaten beschuldigt. Zumindest, wenn man den Erzählungen meines Vaters glauben kann. Er ist der leitende FBI-Agent bei diesen Ermittlungen und hat es schon seit ein paar Jahren auf diese drei Männer abgesehen. Bis jetzt könnte er ihnen allerdings noch nichts nachweisen und das, obwohl er schon sehr viel Zeit und Energie in diese Ermittlungen gesteckt hat.
Deswegen kommt es mir eher ein wenig so vor, als hätte er in den letzten Jahren zu viele Verbrechen aufgeklärt und würde sie schon dort sehen, wo eigentlich gar keine sind. Ich weiß, dass er seinen Job gut macht. Aus diesem Grund hätte er eigentlich schon etwas finden müssen.
„Glaubst du das, was dein Vater immer berichtet?“ Lisa schaut mich fragend an, als sie sich kurz zu mir umdreht. Wieso sie ausgerechnet jetzt damit anfängt weiß ich nicht und eigentlich will ich darüber auch gerade nicht nachdenken. Genauso wenig, wie ich mich darüber unterhalten will. Doch das wird sie nicht gelten lassen.
„Nein“, antworte ich deswegen. „Wäre es wirklich so, dann hätte er schon längst etwas in der Hand.“ Mit diesen Worten spreche ich meinen Gedanken aus. Doch es ist die Wahrheit und ich hoffe, dass Lisa sich nicht weiter damit beschäftigt.
Ganz davon abgesehen kann ich mir nicht vorstellen, dass diese Männer ein Verbrechen begangen haben. Sie stehen in der Öffentlichkeit, jeder Schritt von ihnen wird genau beobachtet. Sie führen große internationale Firmen. Ich weiß, dass es keine Gewissheit gibt, ob da nicht doch etwas läuft. Doch für sie steht zu viel auf dem Spiel, das sie damit riskieren würden.
„Ich glaube aber, dass ich eigentlich überhaupt nicht hier sein sollte“, erkläre ich, nachdem wir uns einen Weg durch die Menge zur Bar gesucht haben. „Ich fühle mich hier nicht wohl.“
„Wieso? Doch wohl nicht etwa wegen deines Dads, oder?“ Lisa schaut mich fragend an, aber ich weiche ihrem Blick aus.
„Irgendwie schon“, druckse ich herum und sehe mich einmal um. „Ich glaube nicht, dass Jayen Drake sehr erfreut darüber sein wird, dass sich die Tochter des Mannes hier befindet, der ihm und seiner Familie seit Jahren das Leben schwer macht.“
„Und ich denke, dass ihm das sicherlich egal ist. Du bist nur mit deinem Vater verwandt, auch wenn ich das manchmal bezweifle. Aber du hast nichts mit den Ermittlungen zu tun. Seit wann machst du dir darüber Sorgen? Du hast doch sonst so ein gesundes Selbstbewusstsein.“ Meine Freundin zieht skeptisch die Augenbraue hoch.
Sie hat schon recht. Sonst halte ich mich aber auch nicht in einem Club auf, der zufälligerweise dem Mann gehört, den sich mein Vater als Gegner ausgesucht hat.
„Ich mache mir keine Sorgen“, gebe ich zurück, nachdem ich kurz darüber nachgedacht habe. Dabei straffe ich die Schultern. „Ich glaube kaum, dass er mir heute Abend über den Weg laufen wird. Es wird wahrscheinlich ganz woanders sein.“ Ich lächle sie an und hoffe, dass ich so meine Nervosität überspielen kann.
„Schon besser.“
Als wir endlich an der Reihe sind und unsere Bestellung aufgegeben haben, nehmen wir je ein Glas Champagner in Empfang und begeben uns anschließend auf die Suche nach einem freien Platz.
In der Nähe der Tanzfläche entdecke ich schließlich einen leeren Tisch.
„Was hast du in den letzten Tagen getrieben?“, beginnt meine Freundin ihr Verhör. Eigentlich ist das eine normale Frage unter Freundinnen. Aber sie weiß, dass ich in nur gearbeitet habe. Daher kann sie eigentlich nur ein bestimmtes Detail interessieren. Doch bevor ich fragen kann, fährt sie bereits fort. „Wurdest du mal wieder wegen zu schnellem Fahren verwarnt?“, stellt sie ihre eigentliche Frage. Dabei hat sich ein breites Grinsen auf ihrem Gesicht gebildet.
Es gibt ein paar Sachen, die im Laufe der Zeit für mich zur Gewohnheit geworden sind, wie zum Beispiel das schnelle Fahren. Anfänglich hat mein Dad es jedes Mal erfahren und mir eine Standpauke gehalten. Aber irgendwann hatte ich den Dreh raus und wusste, wie ich mich herausreden kann.
„Erwischt ja, verwarnt nein“, gebe ich kurz angebunden zurück und verkneife mir ein Grinsen. „Flirten wirkt bei manchen Verkehrspolizisten wahre Wunder.“
„Kaylee, was soll ich dazu noch sagen? Bei mir würden sie wahrscheinlich kein Auge zudrücken, sondern mich eher für bescheuert erklären. Ich kann einfach nicht Flirten.“
„Übung macht den Meister.“
Laut lacht sie und bedeutet mir dann, dass sie tanzen will. Gemeinsam betreten wir die Tanzfläche, wo ich verführerisch meine Hüften kreisen lasse.
Ich liebe das Tanzen. Damit angefangen habe ich, als mein Vater mir zu stressig wurde und es der einzige Weg war, meinen Frust loszuwerden. Dabei kann ich meinen Kopf ausschalten und mache mir keine Gedanken mehr darum, was er wohl sagen wird, wenn er erfährt, dass ich hier bin. Und es würde mich nicht wundern, wenn er das bereits weiß.
„Ich muss mal für kleine Ladys. Kommst du mit?“, ruft Lisa mir über die laute Musik hinweg zu. Gleichzeitig zeigt sie in die Richtung, von der ich ausgehe, dass sich dort die Toiletten befinden.
Als Antwort schüttle ich den Kopf und bedeute ihr, dass ich hier auf sie warten werde. Nachdem sie gegangen ist, lasse ich meinen Blick über die Menge schweifen. Überall tanzen Paare oder Freundinnen miteinander. Es herrscht eine ausgelassene Partystimmung.
Ich lasse mich von der Menge mitreißen und tanze, ohne auf die anderen zu achten. Mit jedem Hüftschwung fällt etwas mehr die Anspannung der vergangenen Woche von mir ab.
Von einer Sekunde auf die andere fühle ich mich plötzlich beobachtet, kann aber niemanden entdecken, der mich nicht aus den Augen lässt. In meinem Magen beginnt es zu kribbeln. Es fühlt sich an, als würden tausend kleine Nadeln in meinen Bauch piksen, aber auf eine angenehme Art und Weise. Meine Nackenhaare stellen sich auf, allerdings weiß ich nicht, woher das kommt. In mir steigt ein Verlangen auf, dass ich nicht zuordnen kann. Es lässt mich freudig erschauern, löst aber auch ein ungutes Gefühl in mir aus.
Noch bevor ich genauer darüber nachdenken und mich sammeln kann, steht er plötzlich vor mir. In seiner vollen Größen und mit einem Ausdruck in den Augen, den ich nicht einordnen kann.
Jayden Drake.
Er strahlt eine Dominanz aus, die mir den Atem verschlägt. Aber da ist noch mehr. Er besitzt soviel Selbstbewusstsein, dass er beinahe arrogant wirkt. Seine Präsenz ist fast schon erdrückend. Allerdings geht von ihm auch eine ordentliche Ladung Gefahr aus.
Er steht nur zwei Schritte von mir entfernt und nimmt nicht den Blick von mir. Er betrachtet mich mit einem Ausdruck, der dafür sorgt, dass mein Herz schneller schlägt.
Was will er von mir?
Langsam setzt er sich in Bewegung und kommt auf mich zu, bis er schließlich seine Hände auf meine Hüften legt und mich dicht an sich heranzieht.
Der plötzliche Körperkontakt bringt mein Herz ins Stolpern. Ich weiß nicht, wie ich darauf reagieren soll. Ich weiß ja nicht einmal, was hier wirklich geschieht oder ob ich es nur träume.
Ich muss einfach träumen.
Ohne etwas zu sagen, fängt er an, sich im Takt der Musik zu bewegen. Seine sanfte Art, die er gerade ausstrahlt, lässt mich in seinen Armen dahinschmelzen, sodass ich nichts anderes mehr wahrnehme.
Es gibt nur noch ihn und mich.
Sein warmer Körper schmiegt sich an meinen. Es berauscht mich, ihm so nah zu sein. Er löst etwas in mir aus, was ich vorher noch nie gespürt habe.
Es fällt mir schwer, meinen Blick von ihm zu lösen, da es mir vorkommt, als wäre er gleich verschwunden, wenn ich wieder in seine Richtung schaue. Aber schließlich schaffe ich es und kann mich nach meiner Freundin umsehen. Es dauert nicht lange, bis ich Lisa unter den anderen Feiernden erkenne. Sie steht etwas abseits am Rand und hat ihre volle Aufmerksamkeit auf Jayden und mich gerichtet. Als sie bemerkt, dass ich zu ihr sehe, lächelt sie mir aufmunternd zu.
Ich war noch nie mit einer Situation überfordert, schon gar nicht wegen einem Mann. Jetzt bin ich es aber. Und zwar damit, dass ein fremder attraktiver Mann mich einfach an sich gezogen hat, um mit mir zu tanzen. Aber vor allem damit, dass dieser Fremde Jayden Drake ist.
Ja, schon vor diesem Abend habe ich für ihn geschwärmt. Das gebe ich zu. Doch ihn jetzt wirklich zu berühren und ihm so nahe zu sein sorgt dafür, dass ich ihm verfallen bin.
Dennoch bin ich mir bewusst, dass er Gefahr bedeutet, auf viele verschiedene Arten. Das ändert aber nichts daran, dass ich in seinen Armen eine gewisse Vertrautheit spüre. Es ist fast so, als würden wir uns schon seit einer Ewigkeit kennen. Doch ich bin mir auch darüber bewusst, dass es wahrscheinlich jeder Frau bei ihm so geht.
Immer wieder geht mir die Frage durch den Kopf, ob er weiß, wer mein Vater ist und wer ich bin. Wenn ja, könnte es für mich noch unangenehm werden. Das ist das erste Mal, dass ich wirklich Angst davor habe, dass jemand Kenntnis davon hat.
Bis jetzt war mir das immer egal. Entweder man mag mich, oder eben nicht. Bei ihm sieht das aber anders aus.
Ich bin so sehr in diesem Gedanken gefangen, dass ich erschrocken zusammenzucke, als er mir eine Strähne aus dem Gesicht streicht. Als Nächstes haucht er einen Kuss auf die gleiche Stelle.
„Danke für den Tanz“, flüstert Jayden mir leise ins Ohr und verschwindet in der Menge, nachdem das Lied geendet hat. Verblüfft und sprachlos schaue ich ihm nach.
Was war das?
Die Menschen um mich herum tanzen weiter, ich stehe aber immer noch da und bin nicht mehr in der Lage mich zu bewegen. Ich bin wie gelähmt, während ich die letzten Minuten verarbeite.
„War das etwa Jayden Drake?“ Lisa steht plötzlich neben mir und schaut mich neugierig an.
„Ja“, gebe ich nur zurück, da ich zu mehr nicht in der Lage bin. Ich bin ja schon froh, dass ich dieses kleine Wort heraus bekomme.
„Oh Mann, ich kann dir sagen, dass es extrem heiß war, wie ihr miteinander getanzt habt.“
Heiß ist der falsche Ausdruck für das, was hier gerade ablief. Aber ich glaube, dafür gibt es gar keine passende Umschreibung. Mir fällt zumindest keine ein.
„Ich brauche einen Drink“, rufe ich ihr über die dröhnende Musik hinweg zu und mache mich auf den Weg in Richtung Bar.
Dabei kann ich aber nicht verhindern, dass ich mich immer wieder umsehe, in der Hoffnung, ihn zu entdecken. Aber ich kann Jayden nirgends finden. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, als wäre er in der Nähe. Doch ich kann mich auch irren. So genau kann ich das nicht sagen.
Während ich einen großen Schluck von meinem Mai Tai nehme, sehe ich seine Augen vor mir und spüre seine Hände auf meiner Haut. Innerlich verfluche ich mich dafür, dass ich mich nicht besser im Griff habe.
„Und?“, erkundigt sich Lisa, nachdem wir uns an einen leeren Tisch gestellt haben.
„Und was?“
„Was hat er gesagt? Ich will alles wissen.“
„Danke für den Tanz“, gebe ich seine Worte originalgetreu wieder.
„Sonst nichts?“
Als Antwort schüttle ich nur den Kopf. Er hat zwar keinen weiteren Ton von sich gegeben, aber seine Berührungen haben mehr gesagt als tausend Worte.
Seine Berührungen.
Sie liegen erst wenige Minuten zurück, trotzdem sehe ich mich bereits wieder nach ihnen. Ich fühle mich einsam und mir ist kalt, obwohl es hier drin eigentlich viel zu heiß ist.
„Er beobachtet mich. Ich spüre seine Blicke auf mir“, erkläre ich mit fester Stimme.
„Was?“ Geschockt blickt Lisa mich an.
Während unseres gemeinsamen Tanzes habe ich mich immer mehr von ihm angezogen gefühlt. Und das Gefühl lässt auch jetzt nicht nach.
Allerdings sollte ich mir das ganz schnell aus dem Kopf schlagen. Er würde mich sicherlich nicht mehr sehen wollen, sobald er wüsste, wer mein Vater ist. Falls er das jetzt überhaupt will. Aber wer will schon mehr als nötig mit dem Mann zu tun haben, der einem das Leben schwer macht?
„Dürfen wir euch zwei Hübschen auf einen Drink einladen?“
Bei der Frage hebe ich meinen Kopf und schaue in die Augen eines Mannes, um den ich normalerweise einen großen Bogen machen würde. Seine Körperhaltung signalisiert mir nichts Gutes, genauso wenig wie sein Blick, der über meinen Körper wandert. Ich habe schon einige Männer in den letzten Jahren getroffen, die mich genauso betrachtet haben. Immer wieder hat sich herausgestellt, dass sie nur das eine von mir wollten. Und das gilt wohl auch für ihn.
Sein Kumpel, der neben ihm steht, sieht nicht besser aus. Er hat das gleiche hinterhältige Grinsen im Gesicht und starrt Lisa und mich an, als wären wir irgendein Sonderangebot im Kaufhaus.
„Nein, danke. Wir brauchen nichts“, antworte ich und starre ihn finster an.
„Süße, bist du sicher?“, lallt sein Kumpel und schaut dabei noch immer Lisa an, die selbstsicher den Kopf schüttelt.
„Ihr verpasst was.“ Der erste klingt zwar noch etwas klarer, aber trotzdem kann ich hören, dass auch er nicht mehr ganz nüchtern ist.
„Das wage ich zu bezweifeln“, gebe ich lächelnd von mir und stehe von meinem Stuhl auf, um mit Lisa zu verschwinden. Der Typ handelt allerdings schneller: Ohne, dass ich eine Chance habe zu reagieren, packt er mich am Handgelenk und zieht mich an seine Brust. Der beißende Geruch von Schweiß und Alkohol dringt in meine Nase. Diese Mischung sorgt dafür, dass sich mir der Magen umdreht, aber ich atme kontrolliert weiter und versuche, meine Übelkeit unter Kontrolle zu bringen.
„Wir wollen doch nur etwas Spaß haben.“
„Dann solltet ihr euch besser andere Frauen suchen“, kontere ich knapp und hoffe, dass er den Wink mit dem Zaunpfahl versteht.
„Sei doch nicht so verklemmt.“ Er grinst mich herausfordernd an.
„Lass mich bitte los.“ Noch nie bin ich in so eine Lage geraten. Mein Vater hat mir zwar gesagt, wie ich mich verhalten soll, aber das ist schon so lange her und ich weiß gerade nicht, wo mir der Kopf steht. Doch bevor ich noch einen Versuch unternehmen kann, ihnen zu entkommen, spüre ich wieder dieses Kribbeln in meinem Bauch. Ich brauche ihn nicht zu sehen, sondern weiß sofort, dass er in meiner Nähe ist. Mein Körper reagiert genauso auf ihn, wie es vorhin schon der Fall gewesen ist.
Dann erkenne ich aus dem Augenwinkel, wie sich eine große Gestalt aus dem Schatten der umher tanzenden Lichter löst und auf uns zukommt. Ich drehe meinen Kopf zu Jayden und sehe, dass er den Mann, der mich immer noch an sich gezogen festhält, wütend anblickt.
„Nimm deine Finger von ihr“, warnt er mit ruhiger, aber bedrohlicher Stimme. Trotz der Lautstärke im Club verfehlt sie ihre Wirkung nicht. Die Sanftheit, die auf der Tanzfläche noch vor ihm ausging, ist nun verschwunden.
„Wieso sollte ich das machen?“
„Sie gehört zu mir.“ Bei diesen Worten vermehren sich die Schmetterlinge in meinem Bauch. „Und sollte sie auch nur einen einzigen blauen Fleck bekommen, wird es für dich sehr unangenehm!“
Ich weiß, dass er das gesagt hat, um dem Typen klarzumachen, dass er mich in Ruhe lassen soll. Trotzdem haben diese Wörter eine Wirkung auf mich, die mich unruhig werden lässt. Ich erschauere am ganzen Körper und spüre, wie meine Brustwarzen sich beim Klang seiner gefährlichen Stimme aufrichten.
Der Typ hält mich immer noch fest, lockert aber seinen Griff, sodass ich wenigstens keine Schmerzen mehr habe. Dabei lässt er Jayden nicht aus den Augen, bis der noch näher kommt. Schließlich lässt er mich doch los und tritt einen Schritt zurück. Hinter Jayden erscheint ein weiterer Mann, der die beiden Männer bestimmt in die Richtung des Ausgangs führt. Ich weiß nicht, wer er ist, doch ich bin ihm dankbar dafür.
„Ich bin gleich wieder da“, verkündet Lisa und verschwindet, nachdem es einige Sekunden ruhig zwischen uns war. Im Stillen danke ich ihr dafür, dass sie uns alleine lässt.
Ohne zu zögern kommt Jayden zu mir und legt seine Arme beschützend um mich. Erst jetzt merke ich, dass ich am ganzen Körper zittere. Beruhigend streicht er mir über den Rücken.
„Ist alles in Ordnung?“, fragt er mich nun wieder mit sanfter Stimme.
„Ja, es ist alles wieder in Ordnung.“
„Die beiden waren heute das letzte Mal in einem meiner Clubs. Männer, die Frauen belästigen, haben hier nichts zu suchen. Egal, ob sie betrunken sind oder nicht. So etwas dulde ich nicht.“
„Mir ist nichts passiert“, versuche ich, ihn nun zu beruhigen, da ich die Wut in seiner Stimme höre.
„In Zukunft werde ich wohl neben dir stehen müssen, damit die Männer dich in Ruhe lassen, Kaylee“, erklärt er mir und beugt sich zu mir hinunter. Sofort weiß ich, dass er mich küssen will.
Sobald seine Zungenspitze über meine Lippen streicht, verschwinden alle Gedanken und es gibt nur noch ihn. Ohne darüber nachzudenken, öffne ich meinen Mund und gewähre ihm damit Einlass.
Sein Kuss verführt mich.
Ich gehe in ihm auf, wie ich es noch nie erlebt habe. Leider beendet er ihn viel zu schnell. Als Jayden sich ein Stück von mir löst, spüre ich wieder diese Leere in mir aufsteigen, die ich vorher noch nie so gespürt habe.
„Wann kommt deine Freundin wieder?“
„Lisa wird mit Sicherheit erst dann wieder aufkreuzen, wenn sie sich sicher ist, dass sie nicht mehr stört“, antworte ich leise, da ich nicht genau weiß, ob ich ihm das so sagen kann oder nicht. Ich bin aber auch nicht in der Lage lauter zu sprechen.
Meine Gedanken sind immer noch bei unserem Kuss und mein Herz beruhigt sich einfach nicht. Diese Mischung sorgt dafür, dass ich nach Atem ringe.
Obwohl wir uns in einer lauten Disco befinden, versteht er mich offenbar, denn er nickt kurz.
Nur mühsam schaffe ich es, mich unter Kontrolle zu bekommen. Und jetzt fällt mir auch auf, dass er mich mit Namen angesprochen hat. Folglich weiß er auch, wer mein Vater ist. Ich horche in mich hinein. Es stört mich nicht so sehr, wie es vielleicht sollte. Schließlich hat er mir mit dem Kuss gezeigt, dass es ihm nichts ausmacht. Zumindest hoffe ich das.
„Komm mit. Hier ist es mir zu laut“, ruft er mir zu und zieht mich im nächsten Augenblick mit sich zu mehreren Türen, die sich in einem kleinen Nebengang befinden. Eine von ihnen öffnet er mit einer Schlüsselkarte. Bevor wir den Raum betreten, erkenne ich den Rausschmeißer, der die beiden Männer dem Club verwiesen hat. Er steht zwei Schritte von uns entfernt. Jayden sagt etwas zu ihm und schiebt mich einige Sekunden später in ein riesiges Büro, dass komplett mit schwarzen Möbel eingerichtet ist.
Bereits auf den ersten Blick erkennt man, dass es nicht sehr oft genutzt wird. Die Möbel sehen aus, als wären sie gerade geliefert worden. Die Arbeitsfläche des Schreibtisches beherbergt nur einen Block, einen Stift und einen Brieföffner. Das Sideboard, das dahinter steht, würde aus einem schwarzen und glänzend poliertem Holz gefertigt. Vor dem Ledersofa in der gegenüberliegenden Ecke steht ein kleiner Tisch, auf dem sich ein zierlicher Blumenstrauß befindet.
Jayden schließt hinter mir die Tür und fährt sich nervös durch die Haare
Was ist hier los?
Eigentlich hätte ich damit gerechnet, dass er mich rausschmeißt, sobald er weiß, wer ich bin. Dass ich jetzt hier stehe habe ich nicht gedacht.
Diesen Abend kann man nur als verrückt bezeichnen.
„Ich habe das alles nicht geplant“, flüstert er und wendet sich von mir ab.
Das ist der Zeitpunkt, an dem ich überhaupt nichts mehr verstehe. Am liebsten würde ich ihn fragen, was er mit seiner Aussage meint, traue mich aber nicht. Ein paar Sekunden steht er einfach so mit dem Rücken zu mir da. Zu gerne würde ich wissen, was in seinem Kopf vor sich geht.
„Ich habe das alles nicht geplant“, wiederholt er. Keiner rührt sich oder sagt etwas. Ich weiß nicht, ob Sekunden oder Minuten vergehen. Als er sich endlich zu mir umdreht, verschlägt es mir die Sprache.
In seinen Augen erkenne ich Unsicherheit und Sorge. Das sind Gefühle, die ich nicht mit ihm in Zusammenhang gebracht hätte. Dieser Mann, der überall so dargestellt wird, als würde es keine Situation geben, die ihn jemals zweifeln lassen würde, hat die Hände in den Hosentaschen vergraben, lässt die Schultern hängen und schaut mich mit einem Gesichtsausdruck an, der mir ein Stechen im Brustkorb beschert.
Am liebsten würde ich ihn in den Arm nehmen, aber da ich nicht weiß, wie er darauf reagieren würde, stehe ich nur da und betrachte ihn. Dabei stelle ich fest, dass er im echten Leben sogar noch besser aussieht, als auf den ganzen Bildern. Seine Ausstrahlung ist noch stärker und seine Erscheinung noch imposanter.
„Ich werde dir die Wahrheit sagen, weil ich finde, dass du es verdient hast.“
Neugierig ziehe ich die Augenbrauen nach oben.
„Ich habe dich heute nicht zum ersten Mal gesehen. Es gibt ein Bild von dir, dass ich stundenlang betrachtet habe.“
Verwirrt lasse ich meinen Blick auf ihm ruhen.
„Wovon sprichst du?“, frage ich ihn. Für mich ergeben seine Worte keinen Sinn.
Sein Blick trifft meinen. Ich weiß ganz genau, egal, was jetzt passiert, diesen Augenblick werde ich niemals vergessen.
„Triff dich morgen Abend mit mir zum Essen“, bittet er mich aus heiterem Himmel und kommt dabei ein paar Schritte auf mich zu.
Dieser Mann verwirrt mich. Erst redet er von einem Bild und plötzlich will er sich mit mir zum Essen treffen? Ich komme nicht mehr mit.
„Warum?“
„Ich möchte mehr Zeit mit dir verbringen und so die Chance haben, dich kennenzulernen. Wahrscheinlich hast du keine Ahnung, wovon ich rede, wenn ich dir sagen, dass in den letzten Wochen ziemlich viel Mist in meinem Leben passiert ist. Aber du bist so etwas wie ein Lichtschimmer für mich. Bitte“, fügt er leise hinzu und nimmt meine Hand in seine, als er meine Verwirrtheit bemerkt.
Diese, vor allem nach dem Kuss, oberflächliche Berührung sorgt dafür, dass mein Herz aussetzt. Ich kann nur nicken, aber das scheint ihm zu reichen. Auch wenn ich noch nicht sagen kann, ob es die richtige Entscheidung ist.
Die Unsicherheit verschwindet aus seinen Augen, als wäre sie nie dagewesen, und er nimmt mich glücklich in die Arme.
Jayden Drake hat von Anfang an etwas mit mir angestellt, dem ich mich nicht entziehen kann. Das Einzige, das ich tun kann, ist herausfinden, was genau das ist. Und dafür muss ich mich nun einmal mit ihm treffen.
Kapitel 2
Als ich an diesem Abend endlich in meinem Bett liege, denke ich wieder an die letzten Stunden. So viele Fragen schwirren durch meinen Kopf. Aber es gibt eine Sache, die mich nicht mehr in Ruhe lässt. Ich frage mich, ob Jayden Drake mich wirklich geküsst und auf ein Date eingeladen hat oder ich mir das nur eingebildet habe.
Ich erinnere mich an seine Berührungen. Auch jetzt kann ich seine Hände auf meiner Haut spüren. Dabei fangen die Schmetterlinge in meinem Bauch wieder an zu flattern. Seufzend drehe ich mich auf den Rücken und starre an die Decke.
Ich weiß nicht, was morgen passieren wird. Doch ich weiß, dass ich aufgeregt deswegen bin.
Aus diesem Grund dauert es eine halbe Ewigkeit, bis ich endlich in den Schlaf finde.
Als ich am nächsten Morgen die Augen aufschlage, fühle ich mich total gerädert, weil ich ständig von Jayden geträumt habe und dann wach geworden bin. Dabei tauchten auch die Fernsehberichte über ihn auf, die ich in den letzten Wochen und Monaten gesehen habe. Gleichzeitig konnte ich seine Hände auf meinem Körper spüren, seine sanfte Stimme hören und seinen unsicheren Blick sehen, als er mich um das Date gebeten hat. Vor allem aber konnte ich den Kuss nicht vergessen.
Der Kuss.
Alleine bei dem Gedanken an seine Lippen auf meinen fängt meine Haut an zu kribbeln und mir wird schwindelig.
Am liebsten würde ich den ganzen Tag im Bett verbringen und mich unter meiner Decke verkriechen. Aber das würde nur dafür sorgen, dass ich erneut über den gestrigen Abend nachdenke und das will ich nicht. Mich noch mehr damit auseinanderzusetzen würde mich wahrscheinlich verrückt machen. Deswegen klettere ich stöhnend aus dem Bett und stelle mich unter die Dusche.
Als das warme Wasser an meinem Körper hinunterfließt werden meine Muskeln zwar lockerer, aber erst dadurch spüre ich, wie angespannt ich eigentlich bin. Und das habe ich nur ihm zu verdanken.
Tief durchatmen, Kaylee, ermahne ich mich.
Heute Abend werde ich ihn wiedersehen und mit etwas Glück wird er mir ein paar Antworten geben. Auch wenn ich noch nicht weiß, wie die Fragen aussehen.
Um mich abzulenken putze ich den ganzen Tag meine Wohnung wie eine Wahnsinnige. Ich schiebe sogar mein Sofa ein Stück zur Seite, damit ich dahinter sauber machen kann. Und das ist etwas, was ich nur äußerst selten mache. Alle Oberflächen werden von mir geschrubbt, bis sie glänzen.
Allerdings nutze ich den Tag nicht nur, um meine Wohnung zu reinigen, sondern auch, um im Internet mehr über Jayden und auch die Ermittlungen zu erfahren. Ich würde ja meinen Vater anrufen, aber der würde mich wahrscheinlich fragen, woher das Interesse plötzlich kommt. Und das möchte und kann ich ihm nicht beantworten.
Mein Gefühl und mein Verstand sagen mir, dass Jayden in jeder Hinsicht ein gefährlicher Mann ist. Aber sicher keiner von denen, die zum Beispiel einen Versicherungsbetrug begehen, indem sie ein Lagerhaus anzünden, so, wie es letztes Jahr der Fall war. Mein Dad ist jedoch überzeugt, dass Jayden etwas damit zu tun hatte, es fehlen ihm aber nach wie vor handfeste Beweise.
Wie immer.
Ich habe schon früh gelernt, dass ich mich auf mein Gefühl verlassen kann. Und mein Bauch sagt mir nun einmal, dass Jayden so etwas gar nicht nötig hat. Egal, wie sehr ich es auch versuche, aber ich kann ihn mir nicht in der Rolle eines Schwerverbrechers vorstellen. Es hat nichts damit zu tun, dass er intensive Gefühle in mir wachruft. Ich kann nicht genau sagen, wo ich es hernehme, doch es ist da.
Im Internet steht nicht mehr, als auch in den Nachrichten einem mitgeteilt wird. Was ich aber herausgefunden habe, ist, dass Jaydens neuestes Wohltätigsprojekt anscheinend der Bau eines Jugendtreffs in Downtown L.A. ist. Die Organisationen, denen er Geld spendet, überschlagen sich im Internet förmlich mit Lob über ihn. Von ihnen sagt keiner etwas Schlechtes.
Jayden ist offenbar ein großartiger Geschäftsmann, der auch einige Erfolge in Übersee zu verbuchen hat. All diese Berichte zeigen mir, dass er sich mit den Dingen auskennt, mit denen er sein Geld verdient. Er weiß, was er macht und verlässt sich nicht auf sein Glück. Wobei das aber sicherlich auch eine große Rolle spielt. In einigen Fachzeitschriften, in denen es um die Wirtschaft geht, wird er sogar als Gastautor genannt.
Sein Fokus liegt auf dem Hotelwesen, wo er die meisten Firmen besitzt. Aber wenn ich die Beteiligungsstruktur vor mir richtig deute, ist er auch Aktionär in anderen großen Firmen und hat seine Finger auch in der Medienbranche.
Plötzlich kommt mir in Erinnerung, was er gestern gesagt hat: Ich habe das nicht geplant. Erneut frage ich mich, was er damit gemeint hat. Und auch, was er eigentlich geplant hat. Seufzend lasse ich mich in die dicken Kissen zurückfallen und betrachte die Zimmerdecke.
Ich gebe es auf, im Internet nach Informationen zu suchen. Es bringt nichts. Alles, was ich finde, bringt mich nicht weiter oder es wirft noch mehr Fragen auf.
Als es um sieben Uhr an meiner Tür klingelt, werfe ich noch einen Blick in den Spiegel. Da ich nicht weiß, was Jayden geplant hat, habe ich mich dazu entschieden, mein pinkfarbenes Lieblingskleid anzuziehen. Es passt zu den meisten Anlässen und sieht trotzdem sexy aus. Dazu trage ich High Heels in der gleichen Farbe. Außerdem habe ich mir meine Haare hochgesteckt.
Im Vorbeigehen schnappe ich mir meine Tasche vom Sofa und öffne die Tür. Ich erwarte, dass Jayden vor mir steht, doch das ist nicht der Fall. Der Mann, der sich mir gegenüber befindet, ist mindestens drei Köpfe größer als ich und so breit gebaut, dass er den Türrahmen auszufüllen scheint. Seine Haare sind so kurz, dass auf dem Kopf nur ein paar Stoppeln zu erkennen sind. Bei ihm handelt es sich um den gleichen Typen, der gestern die beiden betrunkenen Männer aus dem Club geworfen hat. Nun schaut er aber nicht mehr so verbissen, sondern lächelt mich freundlich an.
„Ms. Warren“, begrüßt er mich. „Mein Name ist Reylee. Mr. Drake hat mich beauftragt Sie abzuholen.“ In seiner schwarzen Kleidung, die aus einer Jeans, einem Shirt und einer Jacke besteht, würde er mir Angst einjagen, wenn ich ihm nachts über den Weg laufen würde. Er sieht ein wenig aggressiv aus. Da ich allerdings weiß, dass er wirklich für Jayden arbeitet, mache ich mir keine Sorgen.
„Freut mich“, antworte ich, wobei ich nicht für mich behalten kann, wie nervös ich bin. Gestern bin ich davon ausgegangen, dass er zum Team der Türsteher gehört. Nun schießt mir die Frage in den Kopf, ob Reylee der persönliche Bodyguard von Jayden ist, oder etwas in der Art.
Er macht einen Schritt zur Seite und bedeutet mir so, dass ich ihm folgen soll. Ohne ein weiteres Wort von mir zu geben, gehe ich hinter ihm her auf die Straße und dort auf den großen Geländewagen zu, der ein paar Meter weiter steht.
Er hält mir die Hintertür des schwarzen BMW X6 auf, sodass ich einsteigen kann. Mit offenem Mund sitze ich auf der Rückbank und lasse meinen Blick von rechts nach links wandern. Jedes noch so kleine Detail sauge ich in mir auf. Von innen ist das Auto komplett mit Leder ausgestattet, und vorne sieht alles so aus, als wäre es auf dem neusten Stand der Technik. Noch nie habe ich in so einem Wagen gesessen. Ich habe auch nicht damit gerechnet, dass ich eines dieser Luxus-Autos jemals von innen zu sehen bekomme. Umso geschockter bin ich jetzt.
Während der gesamten Fahrt sagt Reylee kein Wort, trotzdem sieht er mich immer wieder prüfend an. Wahrscheinlich überlegt er, was genau da zwischen seinem Chef und mir läuft. Und so gerne ich ihm eine Antwort darauf geben möchte, ich kann es nicht.
Nach einer halben Stunde bleibt er vor einem Hochhaus mitten in Beverly Hills stehen.
„Diesen Schlüssel werden Sie brauchen“, klärt Reylee mich auf, steigt aus und öffnet die Tür, sodass ich aussteigen kann. Dabei übergibt er ihn mir. Verwirrt nehme ich ihn entgegen.
Da ich nicht weiß, was er mir damit sagen will, hebe ich fragend eine Augenbraue. Doch er sagt nichts, sondern deutet lediglich auf den Eingang. Durch die gläserne Front kann ich den Aufzug erkennen, der sich auf der anderen Seite befindet. Ich nicke, verabschiede mich von ihm und mache mich auf den Weg in das Innere des Gebäudes.
„Ms. Warren“, werde ich von dem Portiert begrüßt. „Es freut mich Sie kennenzulernen.“ Freundlich lächelt er mich an und nimmt mir so ein wenig der Angst vor dem Ungewissen, auch wenn er wahrscheinlich gar nicht weiß, wie es mir geht. „Mr. Drake hat sie bereits angemeldet. Stecken Sie einfach den Schlüssel hier herein“, erklärt er mir.
„Danke“, murmle ich verlegen und stecke ihn in die dafür vorgesehene Vorrichtung, nachdem ich eingestiegen bin. Die Türen schließen sich sofort und der Aufzug setzt sich in Bewegung. Hibbelig schaue ich auf die Anzeige. Als ich endlich im 34. Stock anhalte, bin ich nur noch ein wandelnder Haufen Hormone.
Nach einer gefühlten Ewigkeit öffnen sich die Türen und geben den Blick auf den Innenraum eines atemberaubenden Penthouses frei. Da ich Jayden nicht entdecken kann, mache ich vorsichtig einen Schritt vorwärts und schaue mich um.
Ich weiß nicht, womit ich gerechnet habe. Die Einrichtung hier erinnert in keinster Weise an die in seinem Büro im Freeze.
Sofa, Wohnzimmertisch und die riesige Schrankwand, die sich auf der anderen Seite des Raumes befindet, bilden mit ihrem hellen Farbton einen wunderschönen Kontrast zu dem dunkelbraunen Holzfußboden. Ein Mauerwerk gibt es nicht, da alle Außenwände aus Glasscheiben bestehen, die vom Fußboden bis zur Decke reichen. Sie geben den Ausblick auf die Stadt frei, die mir nun zu Füßen liegt.
Schon oft habe ich Bilder aus dieser Perspektive gesehen. Doch es in der Realität begutachten zu können, ist etwas ganz anderes.
Ohne darüber nachzudenken, gehe ich auf die großen Fenster zu und schaue hinaus. Es ist atemberaubend und schöner, als ich es mir je vorgestellt hätte.
„Gefällt es dir?“
Erschrocken zucke ich zusammen. Ich war so in den Anblick vertieft, dass ich nicht gemerkt habe, wie Jayden hinter mir getreten ist. Schwungvoll drehe ich mich um und begutachte ihn. Dabei nicke ich, da ich gerade keinen Ton herausbekomme.
Er trägt eine weite Jeans, die sexy auf seiner Hüfte sitzt. Dazu hat er ein T-Shirt an, das seinen Oberkörper, und damit auch seine Muskeln, betont. Seine Haare hat er unter einer Basketballmütze versteckt.
Sein Anblick lässt mir das Wasser im Mund zusammen laufen und als er mich schief angrinst, möchte ich ihm am liebsten um den Hals fallen. Es erfordert meine ganze Selbstbeherrschung, genau das nicht zu tun.
Nach wie vor finde ich meine Stimme nicht und kann ihn nur stumm anhimmeln. Aber das ist mir schon peinlich genug, weil ich mich nicht besser im Griff habe.
„Komm“, fordert er mich auf, nimmt meine Hand in seine und führt mich eine breite Glastreppe hinauf.
Hier oben befinden sich auch noch mehrere Räume. Ihre Türen stehen auf, sodass ich sehen kann, dass auch ihre Außenwände aus Glas bestehen. Jayden führt mich durch einen langen Flur, ehe er vor einer Tür stehen bleibt.
„Ich habe eine Überraschung für dich und hoffe, dass sie die gefällt.“ Seine Stimme klingt verunsichert. So ein Verhalten bin ich von einem Mann nicht gewohnt. Und schon gar nicht, von einem wie Jayden. Auch wenn ich zugeben muss, dass mir so einer noch nicht über den Weg gelaufen ist.
Kommt es mir nur so vor, oder quält ihn wirklich die Befürchtung, dass es mir hier nicht gefällt?
Mir geht diese Frage zwar durch den Kopf, doch ich stelle sie ihm nicht. Soweit sind wir nicht. Er steht direkt vor mir und versperrt mir damit die Sicht auf das, was sich hinter der Tür befindet. Seine Geheimniskrämerei macht mich neugierig.
Wie von alleine hebt sich meine Hand, sodass ich ihm über die Wange streichen kann. Ich will es nicht, kann es jedoch auch nicht verhindern. Sein Blick ist liebevoll und voller Wärme. Einen Moment bleiben wir so stehen, ehe er die Tür öffnet und den Blick auf einen riesigen Blick freigibt. Er befindet sich in der Mitte einer überdimensionalen Terrasse. Überall sind Kerzen aufgestellt, sogar im Wasser schwimmen Teelichter. Scharf ziehe ich die Luft ein.
In der rechten Ecke kann ich einen kleinen Tisch erkennen, auf dem ebenfalls Kerzen stehen. Und in der Mitte befindet sich ein großer Blumenstrauß.
„Wow, das habe ich nicht erwartet“, flüstere ich.
„Ich habe gehofft, dass du das sagst.“ Jayden folgt mir, als ich hinausgehe. Dabei legt er seine Hand auf meinen unteren Rücken.
Ich bin überwältigt. Anders kann ich das Gefühl gerade nicht beschreiben, was sich in mir befindet.
Ob er mir sein Verhalten von gestern erklären wird?
Dieser Gedanke trifft mich völlig unvorbereitet. Schnell schiebe ich ihn wieder zur Seite, da ich in diesem Moment nicht darüber nachdenken möchte.
Unsere Finger verschränken sich miteinander, während er mich am Pool vorbei zum Tisch führt. Dort reicht er mir eine einzelne rote Rose, die neben der Vase liegt. Danach beugt er sich ein Stück zu mir herunter und küsst mich zärtlich.
„Ich war damit beschäftigt, alles vorzubereiten, dass ich keine Zeit mehr hatte, mich umzuziehen“, entschuldigt er sich, nachdem er einen Blick auf mein Klein geworfen hat.
„Das ist nicht schlimm. Du gefällst mir so.“ Mit diesen Worten streife ich mir meine Schuhe von den Füßen und löse die Klammern, sodass meine Haare mir in leichten Wellen über die Schultern fallen.
Normalerweise würde ich so was nicht tun. Und ich weiß auch nicht, wieso ich es jetzt mache. Doch ich fühle mich wohl in seiner Gegenwart.
Jayden macht einen Schritt auf den Tisch zu und zieht den Stuhl zurecht. Während ich mich setze, erscheint eine Frau auf der Bildfläche, die ungefähr in dem gleichen Alter wie Reylee ist und gießt uns Champagner ein. Dabei lächelt sie mich freundlich an und kurz meine ich sogar, ein Glitzern in ihren Augen zu erkennen.
Sie hat blonde Haare, die sie zu einem Dutt hochgesteckt hat. Auf mich macht sie einen mütterlichen Eindruck. Nachdenklich schaue ich ihr nach, als sie wieder verschwindet.
„Das ist meine Haushälterin Julie. Ich glaube, sie und Reylee haben eine Wette abgeschlossen“, erklärt er mir. Dabei scheint er sich jedoch nicht sicher zu sein, ob das gut ist oder nicht.
„Eine Wette?“, frage ich ihn belustigt.
„Wie lange ich brauche, um das hier zu versauen.“
„Wieso solltest du das machen? Bis jetzt ist es doch perfekt.“
Ein glückliches Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus, trotzdem zögert er mit seiner Antwort. „Ich werde es noch schaffen. Um ehrlich zu sein habe ich sogar damit gerechnet, dass ich es in den Sand setze, noch bevor du überhaupt hier erscheinst.“
Solange er mich nicht verhören will, um rauszubekommen, was mein Vater gegen ihn in der Hand hat, kann er nicht sehr viel falsch machen.
Mein aufmerksamer Blick ist noch immer auf ihn gerichtet, als er fortfährt: „Ich gebe zu, dass ich mich gefragt habe, ob du vielleicht absagst.“
Sein Geständnis überrascht mich. Und das behalte ich auch nicht für mich, als ich ihn mit hochgezogenen Augenbrauen ansehe.
„Wieso hätte ich das machen sollen?“, frage ich ihn, als er sonst nichts mehr dazu sagt.
„Dein Vater führt Ermittlungen gegen meine Familie und auch gegen mich.“ Seine schlichte Antwort verschlägt mir die Sprache, sodass ich für ein paar Sekunden nicht weiß, was ich sagen soll. Gestern hat er dieses schwierige Thema nicht angesprochen. Deswegen war ich wohl auch nicht darauf vorbereitet, dass er es jetzt tut. Auch wenn ich mir gedacht habe, dass es irgendwann auf den Tisch kommt.
„Man könnte sagen, dass ich die Rebellin in meiner Familie bin. Das war ich schon immer. Mich hat noch nie interessiert, was mein Dad sagt. Deswegen sind wir schon unzählige Male aneinander geraten. Ich war zwar etwas unsicher, ob ich in deinen Club kommen soll, aber ich habe mir noch nie etwas von meinen Eltern vorschreiben lassen“, erkläre ich ihm schließlich. „Beziehungsweise, es ist schon einige Jahre her.“
„Ich habe das alles so nicht geplant.“ Ich sehe ihm an, dass es ihm nicht leicht fällt, diese Worte auszusprechen. Und wieder frage ich mich, was hier eigentlich los ist.
Jayden sitzt mir gegenüber und schaut mich wie ein kleines Kind an, das Ärger bekommen hat. Er sieht verloren aus, auch wenn ich keinen Grund weiß, wieso er das sein sollte.
Ich löse nicht eine Sekunde den Blick von ihm. Jede Reaktion will ich mitbekommen. Auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass ich so mehr erfahre.
Über den Tisch hinweg greift er nach meiner Hand und sofort spüre ich wieder das Feuer in meinem Körper aufflammen. Als ich jedoch Schritte hinter mir höre, drehe ich mich um und sehe, dass Julie uns zwei Teller bringt.
Pizza!
Belustigt wende ich mich wieder Jayden zu, der mit den Achseln zuckt.
„Ich dachte mir, Pizza mag jeder“, erklärt er.
Schöner könnte dieser Abend gar nicht sein. Wir unterhalten uns über unsere Kindheit, unsere Schulzeit, machen Scherze und irgendwann fällt auch das Thema auf unsere Verflossenen. Als ich ihm von John, dem Kollegen meines Vaters, erzähle, schaut er mich unverwandt an.
„Wie lange seit ihr zusammen gewesen?“, erkundigt er sich. Dabei bekomme ich den Eindruck, dass es ihm nicht leicht fällt, darüber zu sprechen. Doch auch für mich ist das nicht einfach.
„Nur ein paar Monate.“ Ich kann es nachvollziehen, dass Jayden hellhörig geworden ist und deswegen mehr über meine Beziehung zu John wissen will. Schließlich ermittelt er auch gegen ihn.
„So wie ich deinen Vater einschätze, hat er sich sicherlich darüber gefreut.“
„Das hat er. Ich bin mir sogar sicher, dass er heimlich schon unsere Hochzeit geplant hat. Allerdings habe ich schnell gemerkt, dass so ein Mann nichts für mich ist. Er war immer freundlich und gut zu mir, aber leider auch in jeder erdenklichen Hinsicht wie mein Vater. Und das gefällt mir nicht.“
„Du standest an zweites Stelle.“ Es ist nur ein Satz. Doch damit zeigt er mir, wie gut er mich kennt.
„Wahrscheinlich kann man es so nennen“, antworte ich, nachdem ich kurz darüber nachgedacht habe. Doch es stimmt.
Mann kann es verrückt nennen, dass ich mich überhaupt mit ihm darüber unterhalte. Aber John war für drei Monate ein Teil meines Lebens. Auch wenn wir uns nicht sehr oft gesehen haben, da er immer Überstunden gemacht hat. Aber für mich gibt es keinen Grund, wieso ich es verheimlichen sollte. Auch, wenn ich ehrlich gesagt nicht sehr stolz darauf bin.
Ich genieße das Zusammensein mit Jayden. Jedes Mal, wenn er mich anlächelt, macht mein Herz einen Salto. Seine Anwesenheit trägt zu meinem Wohlbefinden bei.
Nach einer Weile kommt ein frischer Wind auf, sodass es kühler wird. Als Jayden mitbekommt, dass ich zittere, steht er auf, nimmt meine Hand und führt mich wieder in das Innere der Wohnung, wo wir das große Wohnzimmer betreten. Dort setze ich mich auf das riesige Sofa, während er verschwindet. Ich nehme an, dass er in der Küche ist, denn nach wenigen Sekunden kommt er wieder und hält zwei Gläser Wein in den Händen.
Noch nie habe ich mich in der Gegenwart eines Mannes, den ich noch nicht lange kenne, so wohlgefühlt. Wir teilen die gleichen Interessen, mögen dieselben Filme und Musik. Beinahe ist es so, als würden wir hier jeden Tag gemeinsam sitzen.
„Ich habe den Abend mit dir sehr genossen“, flüstert er, als ich mich mitten in der Nacht von ihm verabschiede. Am liebsten würde ich bei ihm bleiben, mich an ihn kuscheln und so einschlafen. Aber diesen Wunsch verscheuche ich schnell.
Er führt mich zum Aufzug. Sobald wir vor ihm stehen, legen sich seine Hände auf meine Hüften. Er steht so dicht vor mir, dass ich kaum noch einen klaren Gedanken fassen kann.
Darf ich so etwas überhaupt beim ersten Date fühlen? Sollten sich Gefühle nicht langsam entwickeln?
„Er ging leider viel zu schnell vorbei“, gebe ich zurück und schaue ihm dabei in die Augen.
Jayden beugt sich herunter und küsst mich zärtlich. Doch dieser Kuss wird schnell leidenschaftlicher und sorgt dafür, dass ich außer Atem bin, als er sich schließlich von mir löst. Sein Blick ist dunkler geworden, doch er macht keine weiteren Annäherungsversuche.
„Sehen wir uns in den nächsten Tagen?“, fragt er mich. Zur Antwort nicke ich nur. Gerne würde ich diesen Abend wiederholen und noch mehr Zeit mit ihm verbringen.
Jayden verschränkt seine Finger mit meinen und führt mich in den Aufzug, wo bereits Reylee auf mich wartet. Ich drehe mich noch mal zu Jayden um und gebe ihm einen sanften Kuss auf die Wange. Er entfernt sich ein paar Schritte von mir. Als die Türen sich schließen lächle ich noch einmal.
Kapitel 3
Dieses Date war anders, als alle, die ich in der Vergangenheit hatte. Das kann ich nicht von der Hand weisen.
Im Guten anders.
Jayden hat mich von der ersten Sekunde an tief berührt. Das hatte er schon im Club geschafft. Doch an diesem Abend war es noch ein wenig anders. Alleine, wie die Terrasse geschmückt war, hat mir gezeigt, dass er einen weichen Kern hat. Einen weichen Kern, denn wahrscheinlich nicht viele zu Gesicht bekommen. Trotzdem haben mein Bauch und mein Kopf mir geraten, vorsichtig zu sein. Schließlich läuft gegen ihn ein Strafverfahren.
Dieser Punkt stört mich allerdings nicht so sehr wie die Tatsache, dass es mein Vater ist, der gegen ihn ermittelt. Und nicht nur gegen Jayden, sondern auch gegen seinen Vater und seinen Geschäftspartner. Und ich kann ehrlich gesagt nicht einschätzen, wie mein Vater reagieren wird, wenn er davon erfährt, dass ich mich mit ihm getroffen habe.
Aber bei Jayden kann ich nicht vorsichtig sein. Mein Herz hat dafür keinen Grund gesehen und den finde ich auch jetzt noch nicht.
Ich seufze, während ich meinen Kopf auf den Küchentisch sinken lasse. Den ganzen Tag denke ich nun schon darüber nach und versuche eine Lösung zu finden. Aber ich habe das Gefühl, dass die Verzweiflung nicht besser wird.
Die letzte Nacht habe ich nicht viel geschlafen, weil ich immer wieder an den gestrigen Abend denken musste.
Ich bin froh darüber, dass Jayden mich nichts zu den Ermittlungen gefragt hat. Aber selbst wenn er dies getan hätte, ich wüsste darauf keine Antworten. Schließlich rede ich mit meinem Vater nicht darüber. Ich unterhalte mich eh nur selten mit ihm, aber darüber überhaupt nicht. Alles was ich weiß, weiß ich entweder aus der Zeitung oder von meiner Schwester Lynn. Sie wäre da die bessere Wahl gewesen.
Bei dem Gedanken, dass meine Schwester diesen Abend mit Jayden hätte verbringen können, werde ich sofort eifersüchtig. Sie ist all das, was ich nicht bin. Früher hat es mich gestört, dass sie immer bevorzugt wurde, aber mittlerweile interessiert es mich nicht mehr. Irgendwie finde ich es sogar gut, da meine Eltern so ihre Erwartungen an mich heruntergeschraubt haben. Ich brauche nicht mehr so zu tun, als würde ich mich für den Job meines Vaters interessieren und als würde ich das gleiche Leben wie meine Mutter führen wollen. Nein, das übernimmt jetzt meine Schwester. Sie möchte später all die Aufgaben übernehmen, die jetzt unsere Mutter macht. Dabei muss sie nur immer einen Schritt hinter ihrem Mann stehen und freundlich lächeln.
Ich weiß, dass er sich nicht mit ihr, sondern mit mir getroffen hat. Aber das Gefühl der Eifersucht lässt sich nicht ausschalten.
„Ich will alles wissen“, eröffnet mir Lisa, als sie nachmittags vor meiner Tür steht.
Ich verdrehe die Augen, grinse dabei jedoch. Gleichzeitig mache ich einen Schritt zur Seite, um sie in meine Wohnung zu lassen. Als Nächstes setze ich mich neben sie auf das Sofa. Lisa beobachtet jede meiner Bewegungen, als würde sie hoffen, dass sie auf diesem Weg Antworten bekommen kann.
„Was soll ich denn berichten? Wir haben gegessen, Wein getrunken und uns unterhalten.“
„Das ist alles? Du hast dich mit Jayden Drake getroffen!“, ruft sie vorwurfsvoll aus, aber ich kann das Funkeln in ihren Augen erkennen. Schließlich erzähle ich ihr alles haargenau und lasse nichts aus. Lisa sieht dabei so verträumt aus, dass sie sich gerade wahrscheinlich nur fragt, wieso sie in einer festen Beziehung steckt. Aber ich weiß, dass sie glücklich ist, deswegen gehe ich nicht näher darauf ein.
„Ist er wirklich so kriminell, wie dein Vater meint?“, fragt sie mich schließlich.
„Woher soll ich das wissen?“
„Na ja, du hast einen ganzen Abend mit ihm verbracht“, wendet sie ein und zuckt dabei mit den Schultern.
„Ich habe vergessen zu fragen, ob an den Vorwürfen etwas dran ist“, gebe ich ironisch zurück, obwohl mich diese Frage selber beschäftigt. „Und selbst wenn es so wäre, hätte es bestimmt nicht das Ausmaß, von dem mein Vater ausgeht. Das passt einfach nicht zu ihm. Er ist ein ganz normaler Mann.“
Lisa begutachtet mich genau. Unruhig winde ich mich unter ihrem Blick.
Mein Vater hat ihn als einen Frauenhelden hingestellt, der nur auf Sex aus ist, aber ich kann nun mit Sicherheit sagen, dass das nicht stimmt. Er mag zwar ein Mann sein, der sich bei jeder Gelegenheit mit einer anderen Frau an seiner Seite in der Öffentlichkeit zeigt, aber es dreht sich bei ihm nicht alles darum, die nächste Frau in sein Bett zu bekommen. Dieser Mann ist ein Gentleman.
„Er verdient mehr, als ein Durchschnittsamerikaner im Jahr“, wirft sie ein.
„Und trotzdem ist er total normal.“
„An Männern wie Jayden Drake ist nichts normal“, gibt Lisa lachend zurück und schaut mich dabei eindringlich an.
„Den ganzen Abend war er schüchtern und zurückhaltend. Er wusste nicht, was er machen oder wie er sich verhalten soll.“ Diese Worte kommen mir nur zögerlich über die Lippen. Jayden hat sich von der ersten Sekunde an einen Platz in meinem Herzen gesucht. Für Lisa ist er aber der Mann, der immer alles im Griff hat.
„Habt ihr euch über deinen Vater unterhalten?“
„Nur kurz, ich habe ihm außerdem von John erzählt.“
„Ehrlich?“ Lisa scheint meine Offenheit Jayden gegenüber zu überraschen. „Ich hätte nicht gedacht, dass du ihm so etwas beim ersten Date erzählst.“
„Vorher hätte ich das auch nicht gedacht. Aber wir haben uns von Anfang an so gut verstanden, dass es mir vorkam, als würde ich ihm etwas verschweigen, wenn ich es nicht mache. Außerdem weiß ich durch die Medien ja auch über seine Ex-Freundinnen Bescheid.“
„Tu mir nur einen Gefallen und sei vorsichtig.“ Lisa sieht nicht mehr belustigt aus, sondern besorgt.
„Versprochen.“
Ein paar Sekunden schaut sie mich an. Ich weiß nicht, was gerade in ihrem Kopf vor sich geht. Lisa verzieht keine Miene. „Erst wurdest du von Jayden Drake gerettet und dann hattest du auch noch ein Date mit ihm“, ruft sie dann ungläubig aus und schüttelt den Kopf.
„Bitte, Lisa. Sei mir nicht sauer, aber können wir über etwas anderes sprechen?“ Kurz sieht sie mich an, als hätte ich ihr gerade eröffnet, dass ich mich mit meinen Eltern vertragen habe. Dann aber nickt sie, sodass wir uns über ungefährlichere Themen unterhalten können.
Ich erzähle ihr von den neusten Büchern, die der Verlag, für den ich arbeite, demnächst herausbringen will, und sie berichtet mir davon, dass ihre Eltern ihren Urlaub verlängert haben und noch eine Woche in Europa bleiben wollen.
„Ich werde jetzt nach Hause fahren und schauen, ob Tim von seinem Wochenenddienst wieder da ist.“ Ich bewundere Tim dafür, denn ich weiß nicht, ob ich das könnte. Ich weiß, dass er als Arzt einen wichtigen Job macht. Aber ich hätte Probleme damit, jeden Tag Kinder zu sehen, die teilweise noch nicht einmal in den Kindergarten oder zur Schule gehen und stattdessen um ihr Leben kämpfen müssen.
Nachdem Lisa gegangen ist, lasse ich mich erneut auf mein Sofa fallen und starre an die Wand. Mein Blick wandert zum Laptop und ehe ich mich versehe, habe ich ihn hochgefahren und das Schreibprogramm gestartet. Wieso ich das ausgerechnet jetzt mache weiß ich nicht, aber trotzdem mache ich es: Ich fange an zu schreiben.
Ich beginne, all meine Gefühle in Worte zu fassen, beziehungsweise ich versuche es. Dabei geht es aber nicht um meine Begegnung mit Jayden, sondern um die dreiundzwanzig Jahre meines Lebens davor. Ich schreibe über alles, was ich erlebt und gefühlt habe.
So etwas habe ich noch nie gemacht und habe auch nie darüber nachgedacht. Nicht einmal als Kind habe ich Tagebuch geschrieben. Der Abend mit Jayden hat aber irgendetwas in mir wach gerufen. Es ist fast so, als hätte das Gespräch mit ihm mir geholfen, dass ich mich endlich traue, diesen Schritt zu gehen, um mit allem wirklich abzuschließen.
Als ich schließlich meinen Computer wieder ausschalte, ist es bereits ein Uhr nachts, doch ich bin noch lange nicht fertig.
Der nächste Tag verläuft ereignislos, beinahe schon ruhig im Gegensatz zu dem Wochenende. Ich erledige meine Büroarbeit im Verlag und meine Einkäufe, während ich jede einzelne Nachricht von Lisa, in der sie mich ausfragt, wann ich Jayden wiedersehen werde, ignoriere. Kurz habe ich sogar überlegt, ob ich nicht mein Handy ausschalten soll, aber in diesem Fall würde ich auch nicht sehen, wenn Jayden sich meldet. Und ich hoffe, dass ich bald etwas von ihm höre. Auch wenn mir bewusst ist, dass es ein Fehler ist, wenn ich mich noch weiter mit ihm treffe.
Das Warten hat mich aber sogar mehr von der Arbeit abgelenkt als Lisas Nachrichten. Immer wieder habe ich auf mein Telefon geschaut, nur um beim Anblick des leeren Displays enttäuscht zu werden. Dabei ist es ja nicht einmal sicher, dass er sich überhaupt meldet.
In der Mittagspause überlege ich, ob ich Jayden selber anrufen soll. Aber was hätte ich ihm sagen sollen? Außerdem will ich nicht, dass er denkt, ich wäre ein Klammeraffe. Und genauso geht es in den nächsten zwei Tagen weiter. Ich höre nichts von ihm.
Ich versuche mich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass er wahrscheinlich den ganzen Tag viel zu tun hat, aber das gelingt mir nicht. Meine Gedanken schweifen immer wieder ab und abends bin ich so fertig mit den Nerven, dass ich mich frage, ob ihm der gemeinsame Abend wirklich gefallen hat.
Kapitel 4
„Ms. Warren, haben Sie die neuen Autorenverträge fertig?“ Mein Chef, Mr. Turner, betritt mit großen Schritten mein Büro und reißt mich aus meinen Gedanken, sodass ich erschrocken zusammenzucke.
Es ist bereits Donnerstag. Außer mit Lisa habe ich in den letzten Tagen mit niemandem telefoniert. Meine Laune ist gestern Abend so tief gesunken, dass ich sogar den Anruf meiner Mutter ignoriert habe. Natürlich hat sie daraufhin meine Schwester vorgeschickt, aber auch diesen Anruf habe ich nicht angenommen.
„Ich muss sie nur noch ausdrucken, danach können sie zur Unterschrift an die Autoren geschickt werden.“
„Machen Sie das bitte heute“, weist er mich an und verschwindet dann wieder.
Schnell drucke ich sie aus und lege sie auf den Haufen mit der Post, die heute rausgehen soll. Dann arbeite ich weiter. Als mein Handy eine eingegangene WhatsApp-Nachricht anzeigt, ist es bereits fünf Uhr.
Ich würde den Abend gerne wiederholen.
Erschrocken hole ich Luft und lese seine Worte noch einmal. Die Nachricht stammt wirklich von Jayden. Mit einer einzigen Nachricht hat er es geschafft, dass ich nicht mehr weiß, wo oben und unten ist. Es dauert ein paar Sekunden, bis ich es schaffe, meine Gedanken zu ordnen und ihm zu antworten.
Das würde ich auch gerne.
Während ich auf seine Antwort warte, fange ich an, meinen Schreibtisch aufzuräumen, damit ich endlich Feierabend machen kann. Dabei zittere ich am ganzen Körper und mein Herz schlägt wie verrückt.
Wie schafft er es, dass ich so nervös werde, wenn es um ihn geht?
Ich kenne die Antwort darauf nicht. Aber sie wird mir auch nicht einleuchten, wenn ich mir noch weiter darüber den Kopf zerbreche.
Deswegen greife ich nach meinem Autoschlüssel, der vor dem Computerbildschirm liegt. Als ich ihn in die Hand nehme, klingelt mein Handy und zeigt erneut eine neue Nachricht an.
Ich warte draußen auf dich.
Ist das sein Ernst?, frage ich mich mit weit aufgerissenen Augen und lese sie dabei zum zweiten Mal.
Ungläubig starre ich ein paar Sekunden auf das Display meines Handys. Erst dann kommen die Worte langsam in meinem Kopf an.
Eilig stecke ich das Telefon in meine Tasche und laufe aus meinem Büro. Als ich durch die riesige Eingangstür des Verlages trete, kann ich ihn sofort entdecken. Seine Statur und seine lässige Art sorgen dafür, dass er aus der Menge heraussticht. Ich würde ihn wahrscheinlich sogar in einem völlig überfüllten Stadion finden.
Langsam mache ich einen Schritt auf ihn zu. Als Jayden mich ansieht, setzt er ein schiefes Grinsen auf, während er sich vom Wagen abstößt und auf mich zukommt. Es erscheint mir so, als würden Minuten vergehen, bis er endlich bei mir ist. Doch als er schließlich vor mir steht umschließt er mein Gesicht mit beiden Händen und küsst mich zärtlich. In diesem Moment kommt es mir vor, als würden wir uns schon seit einer Ewigkeit kennen. Deswegen muss ich mir wieder in Erinnerung rufen, dass genau das nicht der Fall ist.
„Hi“, raunt er und schaut mir dabei tief in die Augen, sodass ich ihm nicht ausweichen kann.
„Hi.“
„Überrascht?“
„Ehrlich gesagt, dich habe ich hier nicht erwartet.“
„In dem Fall ist mein Plan wenigstens gelungen.“ Sein Strahlen ist ansteckend, sodass auch ich anfange, über das ganze Gesicht zu grinsen.
Mit einer lässigen Handbewegung zieht er sich die Krawatte über den Kopf und streift seine Jacke über die Schulter. Nun trägt er nur noch sein schwarzes Hemd, was ihm gut steht.
Aus dem Augenwinkel erkenne ich, dass es auch den anderen Frauen nicht entgangen ist und ihre Augen immer größer werden.
„Ich komme gerade von einem Geschäftstermin mit meinem Vater und als ich hier vorbeigefahren bin, dachte ich mir, ich kann dich auch von der Arbeit entführen.“
„Wohin willst du mich denn entführen?“, frage ich ihn und kann nicht verhindern, dass ich ihn dabei hoffnungsvoll anschaue. Der Gedanke, von ihm an einen Ort gebracht zu werden, wo es nur uns zwei gibt, erregt mich sogar. Ich weiß, ich sollte eigentlich vorsichtig sein, zumal ich es Lisa versprochen habe. Aber wenn es um Jayden geht, dann ich einfach nicht anders.
Ich verbringe gerne Zeit mit ihm alleine und ich will noch mal solche wundervollen Stunden erleben wie am Wochenende.
„Komm mit, dann zeige ich es dir.“ Jayden zwinkert mir kurz zu.
„Ich habe meinen Wagen dahinten stehen.“
„Gib mir deinen Schlüssel. Ich fahre“, fordert er mich auf. Zögernd reiche ich sie ihm und führe ihn zu meinem Auto. „Irgendwie habe ich mir gedacht, dass du so ein Fahrzeug fährst“, erklärt er gut gelaunt, nachdem er meinen weißen VW Golf begutachtet hat.
„Wieso?“ Ich bin sichtlich irritiert.
„Ich meine das nicht böse, er passt zu dir. Klein und süß.“
Ich bin wegen seiner Antwort noch immer perplex, als ich auf der Beifahrerseite einsteige. Ungeduldig warte ich darauf, dass er es mir nachtut. „Solltest du nicht Reylee Bescheid sagen?“
„Er weiß, wo es hingeht. Und auch wenn er es nicht wüsste, würde er uns folgen.“
Während der Fahrt schaue ich immer wieder aus dem Fenster. Ich habe es schnell aufgegeben, Jayden dazu überreden zu wollen, dass es mir sagt, wo die Fahrt hingeht. Er fährt aus der Stadt heraus, in die Berge. Jayden schien mir immer jemand zu sein, der sich in der Stadt wohler fühlt, als in der Natur. Deswegen überrascht es mich ein wenig.
Nach einer Stunde hält er schließlich vor einem Haus, das am Ende einer langen Einfahrt steht. Es ist groß und hell und hat die Form eines Landhauses. Ringsherum ist es von riesigen Bäumen umgeben, sodass man die Nachbarn nicht mehr sehen kann. In dieser Gegend wohnen zwar nicht mehr viele, aber in einiger Entfernung stehen noch ein paar Häuser auf großen Grundstücken. Sogar ein Springbrunnen befindet sich am Ende der Zufahrt zu dem Haus, auf das Jayden zusteuert.
„Wem gehört das Anwesen?“
„Meinen Eltern. Aber ich komme oft her. Vor allem, wenn ich mal etwas Ruhe haben will“, erklärt er mir.
„Sie haben auf jeden Fall einen guten Geschmack.“
„Mein Vater hat das Haus gekauft, als meine Eltern erfahren haben, dass ich unterwegs bin. Als ich drei Jahre alt war, hat er es umbauen lassen. Als ich klein war, waren wir jedes Wochenende hier.“
„Ein zweites Zuhause“, stelle ich fest.
„So kann man es wohl nennen“, bestätigt er. „Das letzte Mal war ich hier, als ich ...“, fängt er an, bricht jedoch mitten im Satz ab.
„Als was?“
„Nicht wichtig“, entgegnet Jayden und zieht mich hinter sich her auf die Eingangstür zu, nachdem er mir aus dem Wagen geholfen hat.
Als ich das Haus betrete, werde ich schnell von seinem seltsamen Verhalten abgelenkt. Staunend stehe ich im Eingangsbereich und lasse meinen Blick über den offenen Raum gleiten.
Drei Stufen führen hinunter, sodass man direkt ins Wohnzimmer gelangt. Es ist gemütlich eingerichtet, überall stehen Sofas und Sessel, die mit dicken Kissen beladen sind. Vor dem Kamin liegt ein flauschiger schwarzer Teppich. Mich überkommt das Bedürfnis, mich mit Jayden auf diesen Teppich zu legen, mich an ihn zu kuscheln und nie wieder aufzustehen.
Um mich auf andere Gedanken zu bringen, schaue ich zu den Wänden. Überall hängen Bilder. Auf den meisten ist eine Familie zu sehen, sodass ich davon ausgehe, dass dies Jayden und seine Eltern sind, als er noch klein war. Dazwischen befinden sich im ganzen Raum verteilt Wandlampen, die perfekt zu dem riesigen Kronleuchter an der Decke passen.
Jayden öffnet die Terrassentür und bedeutet mir, dass ich hindurchgehen soll. Er Anblick, der mich dort erwartet, lässt mir den Mund aufklappen.
Da wir uns mitten in den Bergen befinden, die Los Angeles umrahmen, befindet sich auf der anderen Seite des Geländers ein Abgrund. Aber das interessiert mich nicht, denn der Ausblick ist das, was mich fesselt. Von hier oben kann ich die ganze Stadt sehen. Aber nicht nur das, sondern ich kann auch soweit auf das Meer hinausschauen, dass ich den Eindruck bekomme, es würde gar keinen Horizont besitzen. Hier ist es sogar noch schöner, als in seinem Penthouse.
Langsam gehe ich auf das Geländer zu und fahre mit meinen Fingern darüber. Ich spüre, dass sich Jayden hinter mir befindet, noch bevor er seine Hände auf meine Schultern legt.
Gemeinsam stehen wir da und genießen die Aussicht, bis ich mich zu ihm umdrehe und ihm die Arme um den Hals schlinge. Unsere Augen lassen den anderen nicht los. Dieser Punkt sollte mir wahrscheinlich Angst machen, zumal wir uns noch nicht so lange kennen und dies erst unser zweites Treffen ist. Aber das tut er nicht. Nicht einmal die Tatsache, dass mein Vater gegen ihn ermittelt, beunruhigt mich. Das ändert aber nicht daran, dass ich durchaus weiß, dass es nicht einfach ist.
Ich lasse meine Arme ein Stück sinken, bis ich meine Hände auf seine Arme legen kann. Dann sinkt meine Stirn gegen seine Brust und ich seufze leise.
„Ich weiß“, beruhigt er meine aufgebrachten Nerven, als würde er ganz genau wissen, was mir durch den Kopf geht. Wundern würde es mich aber nicht, wenn er gerade das Gleiche denkt, wie ich auch.
„Wir sollten etwas essen.“
Ohne abzuwarten nimmt er meine Hand und führt mich in eine Küche, die mindestens so groß ist wie das Wohnzimmer. Sie ist komplett mit weißen Möbeln eingerichtet, nur bunte Bilder bringen Leben in diesen Raum.
Schweigend geht Jayden zum Kühlschrank, holt Remoulade, Käse, Wurst und Salat heraus und beginnt, Sandwiches zu machen.
„Ich gebe zu, dass es eher eine spontane Idee war, hierherzukommen, und dass ich als Koch eine Niete bin. Deswegen kann ich dir leider nichts anderes anbieten. Bis ein Lieferdienst hier ist, sind wir wahrscheinlich verhungert. Aber meine Eltern bringen hier auch mal Geschäftspartner unter, sodass der Kühlschrank immer voll ist“, entschuldigt er sich bei mir, als er mir einen Teller reicht.
„Das sieht lecker aus. Ich brauche kein Fünf-Gänge-Menü, um glücklich zu sein“, erwidere ich und bekomme dafür ein Strahlen von ihm geschenkt.
„Eine Frau nach meinem Geschmack.“ Er fängt an zu lachen und setzt sich dabei neben mich an die Kücheninsel.
Kurz schaue ich ihn an, wende dann aber meinen Blick ab, da mir keine passende Antwort einfallen will.
Nach dem Essen wäscht er die Teller schnell ab und stellt sie zum Trocknen in den Geschirrhalter, der neben der Spüle steht. Er sieht dabei so häuslich aus, dass ich mir ein Lachen nicht verkneifen kann. Irritiert schaut er zu mir, aber ich schüttle den Kopf, weil ich ihm ungern beichten möchte, was ich gerade gedacht habe.
Als Jayden wieder dicht vor mir steht, greift er nach meinen Hüften und zieht mich so vom Hocker in seine Arme.
Als seine heißen Lippen sich auf meine senken, kann ich nicht mehr atmen. Seine Berührung berauscht mich und sorgt dafür, dass mein Körper in diesem Moment nichts anderes braucht. Zärtlich neckt er mich mit der Zunge, bis ich meinen Mund öffne. Unser Kuss wird leidenschaftlicher und ich spüre, wie sich ein angenehmes Kribbeln in meinem Bauch ausbreitet.
Ich hatte schon One-Night-Stands und auch feste Beziehungen, obwohl sie nie wirklich ernst waren. Aber ich weiß, wie sich Männer in beiden Situationen verhalten. Das Benehmen von Jayden hingegen stellt mich vor ein Rätsel.
Unser beider Atem kommt nun stoßweise, als er sich von mir löst und mich mit seinen dunklen Augen anschaut. Er sieht aus, als wäre er auf der Jagd und ich seine Beute. Ich will ihn genauso, aber eine Stimme in mir sagt mir, dass es dafür zu früh ist. Bei Jayden will ich nicht überstürzen. Ich will es langsam angehen lassen.
Als ich meinen Blick an ihm herunter wandern lasse, erkenne ich die eindeutige Wölbung in seiner Hose. Für den Bruchteil einer Sekunde überlege ich, ob ich meinen Vorsatz nicht über Bord werfen soll. Doch tue so, als hätte ich nichts gesehen, und schaue ihm wieder in die Augen.
Jayden streicht mir mit der Hand über die Wange und fährt meine Lippen nach.
„Für mich gibt es nichts Schöneres, als mit dir zusammen zu sein.“ Seine Worte verschlagen mir die Sprache. Mit großen Augen starre ich ihn an und versuche, sie zu verarbeiten. Anstatt etwas zu erwidern, lege ich meine Hand in seinen Nacken und ziehe ihn zu mir herunter, sodass ich meine Lippen abermals auf seine pressen kann. Seine Zunge spielt mit meiner, sodass mir immer heißer wird. Seine Hand, die auf meinem unteren Rücken liegt, drückt mich noch fester an ihn. Meine Brüste sind an seine Brust gedrückt und meine Hüften streifen seine. Schließlich löse ich mich von ihm, zwar möchte ich das nicht, aber ich bin so außer Atem, dass ich ein paar Sekunden brauche.
Zusammen betreten wir erneut die Terrasse. Es ist bereits so spät, dass am Himmel schon die Sonne untergeht.
„Komm her.“ Er lässt sich auf einem übergroßen Liegestuhl nieder, man kann ihn eher mit einem Bett vergleichen, und zeigt auf den leeren Platz neben sich. Ohne darüber nachzudenken, lege ich mich neben ihn, mit dem Kopf auf seiner Brust. Ich spüre, wie sein Herz schlägt und sein Körper mich wärmt. Sein Atem streift meine Haare, als er mir einen Kuss auf den Kopf gibt. In diesem Augenblick wird mir klar, dass hier der schönste Ort auf der Welt ist.
„Hoffentlich warst du nicht zu überrumpelt davon, dass ich dich abgeholt habe. Du hast die Aussicht von meinem Penthouse so genossen, dass ich dir das hier einfach zeigen musste. Am liebsten hätte ich das schon viel eher gemacht, doch ich war die letzten Tage bis tief in der Nacht in der Firma.“ Seine Stimme klingt glücklich und zufrieden. Sie hört sich genauso an, wie ich mich fühle.
„Ich war zwar überrascht, aber im positiven Sinn. Ich habe mich gefreut. Und noch mehr freue ich mich, dass du mich hergebracht hast“, antworte ich ihm ehrlich und schaue dabei auf die Stadt hinaus. Ich stand zwar schon vor dem Hollywood Schriftzug, von dem man ebenfalls auf die Stadt sehen kann, aber hier ist es noch um einiges schöner.
„An diesem Ort kann man gut den Kopf freibekommen und auch mal an etwas anderes denken.“
Ich weiß nicht, wie lange wir hier liegen, aber irgendwann ist die Sonne komplett verschwunden. Jayden zieht eine Decke unter dem Liegestuhl hervor und legt sie über uns. Ich kuschle mich noch näher an ihn heran und atme seinen Geruch tief ein.
Wir schweigen noch immer, schauen auf die beleuchtete Stadt hinaus und genießen die Nähe des anderen.
„Ich glaube, wir sollten fahren“, flüstere ich schließlich.
„Schlaf.“
„Ich muss morgen arbeiten und du hast sicherlich auch wichtige Termine. Schließlich musst du eine Firma führen.“
„Wir fahren früh genug, damit du dich zu Hause umziehen kannst“, erklärt er mir und streicht dabei über meinen Rücken. Genüsslich schließe ich meine Augen. Noch nie habe ich unter freiem Himmel geschlafen. Aber gerade möchte ich nirgendwo anders sein.
Als ich wach werde, liege ich auf der Seite. Jayden hat sich von hinten an mich gekuschelt und umschlingt mich, wobei er mich fest an sich drückt. So gut habe ich schon lange nicht mehr geschlafen. Ich brauche nicht darüber nachzudenken, um zu wissen, dass das an dem Mann liegt, der sich hinter mir befindet.
Jayden gibt ein leises Grummeln von sich und sein Arm legt sich noch enger um mich. Vorsichtig drehe ich mich zu ihm um.
„Guten Morgen.“
„Guten Morgen“, gibt er zurück, während sich ein Strahlen in seinen Augen ausbreitet. Anscheinend hat er genauso gut geschlafen wie ich, was meine Zufriedenheit vergrößert. Es ist so früh, dass die Sonne gerade erst aufgeht. Der zarte Lichtschein, der auf Jaydens Gesicht fällt, lässt seine Gesichtszüge noch markanter erscheinen.
„Glaubst du mir, dass ich das hier nie geplant habe?“, fragt er mich und zeigt dabei mit dem Zeigefinger erst auf sich selber und dann auf mich.
„Ich glaube dir“, gebe ich zurück. Er erinnert mich wieder an einen kleinen, ängstlichen Jungen, der nicht weiß, was er machen soll.
Jayden zieht mich an sich und drückt mir einen Kuss auf die Haare. Eng umschlungen liegen wir so zusammen und schauen uns den Sonnenaufgang an. Hier mit Jayden zu liegen und das zu erleben lässt ein wohliges Gefühl in mir aufsteigen.
„Ich glaube, wir sollten uns langsam auf den Weg machen“, bemerke ich schließlich.
„Hmmm“, brummt Jayden, sodass ich lachen muss. Anscheinend will er mir damit sagen, dass er nicht aufstehen will, und mir geht es genauso, aber ich muss zur Arbeit.
Widerwillig löst er sich von mir und steht auf, nur um mich direkt wieder an sich zu ziehen.
„Du frierst“, stellt er fest. Sein Griff wird noch etwas fester und ich schlinge meine Arme um seine Hüften.
„Ein wenig.“
Jayden hüllt mich in die Decke und führt mich zurück ins Haus.
Als ich in meiner Wohnung unter der heißen Dusche stehe, frage ich mich immer wieder, was das zwischen uns ist. Auch den restlichen Tag über hält die gute Laune an, sodass ich von meinen Kollegen schon komisch angesehen werde, aber das ist mir egal. Ich bin endlich glücklich. Und das habe ich nur Jayden zu verdanken.
Kapitel 5
„Moment, ich komme schon.“ Niemand, den ich kenne, klingelt an einem Samstagmorgen um sieben Uhr an meiner Tür. Und schon gar nicht ohne Unterbrechung.
Schnell streife ich mir einen Pullover über und renne zur Wohnungstür. Wer auch immer auf der anderen Seite wartet, er hat es anscheinend eilig, denn schon wieder schellt er Sturm.
„Ms. Warren?“ Vor mir steht ein Teenager, der nicht älter als neunzehn oder zwanzig sein kann. Er trägt die Uniform eines Paketdienstes. Anscheinend ist er genauso begeistert davon wie ich, dass er so früh bei mir eine Lieferung abgeben muss.
„Das bin ich.“
„Dieses Paket ist für Sie.“ Er reicht mir einen länglichen Karton. Schwer ist er nicht, dafür aber groß.
„Wer ist der Absender?“, erkundige ich mich erstaunt.
Der Kurier zuckt mit den Schultern und reicht mir seinen kleinen Computer, damit ich den Empfang bestätigen kann. Nachdem er wieder gegangen ist, stehe ich immer noch an der gleichen Stelle und starre das Paket in meinen Händen an.
Wer schickt mir etwas?
„Guten Morgen, Kaylee. So früh schon wach?“ Mrs. Banks, meine 60-jährige Nachbarin, kommt aus ihrer Wohnung und reißt mich aus meinen Gedanken. Erschrocken zucke ich zusammen und schaue in ihre Richtung, obwohl es mir schwerfällt, den Blick von dem Karton zu lösen. Entschuldigend blickt sie mich an.
„Sie wollen schon mit dem Hund raus?“, lenke ich ab.
„Manchmal denke ich mir, dass eine Katze vielleicht einfacher gewesen wäre. Aber die täglichen Spaziergänge tun mir gut und halten mich fit“, erklärt sie mir lachend.
„Wenn das so ist, wünsche ich Ihnen noch einen schönen Tag.“
„Ihnen auch, Liebes. Der Mann, der ihre Augen so zum Strahlen bringt, sollte einen Orden bekommen.“
Mit diesen Worten geht sie den Flur hinunter und verschwindet durch die Haustür nach draußen. Schnell schließe ich meine Tür wieder, bevor mir noch mehr Nachbarn über den Weg laufen. Ich lege das Paket auf den Wohnzimmertisch und öffne es.
„Was …?“ Fassungslos werfe ich einen Blick in den Karton. In ihm befinden sich mindestens zwei Dutzend roter Rosen.
Jayden, geht es mir durch den Kopf. Diese wunderschönen Blumen können nur von ihm sein.
Die Stiele werden von einem dicken, roten Satinband zusammengehalten. Vorsichtig nehme ich den Strauß heraus und trage ihn in die Küche, wo ich Wasser in eine Vase fülle und sie reinstelle. Ich stelle mich davor und betrachte sie ausführlich. Die Farben der Blüten leuchten in einem kräftigen Rot. Stolz tragen sie ihre Köpfe nach oben. So schönes Rosen habe ich in den letzten Jahren selten gesehen.
Wir kennen uns erst eine Woche, rufe ich mir in Erinnerung. Aber in dieser Zeit hat er etwas in mir berührt, von dem ich nicht wusste, dass es da ist.
Während ich mir einen Tee mache, huscht mein Blick zu meinem Handy. Ohne darüber nachzudenken, ob es richtig ist oder nicht, mache ich schnell ein Bild von den Blumen und führe es in eine Nachricht ein.
Danke!
Mit Tee und Handy in der einen Hand und Blumenvase in der anderen gehe ich zurück ins Wohnzimmer und sehe mich um. Die Pflanzen brauchen einen Ehrenplatz. Irgendwo, wo ich sie immer sehen kann. Ich lasse meinen Blick durch das Zimmer gleiten und entscheide mich für den Esstisch, der gegenüber der Wohnungstür steht. So habe ich immer gute Laune, wenn ich nach Hause komme.
Kaum habe ich sie hingestellt, dringt das Klingeln des Handys an mein Ohr.
Es freut mich, dass sie dir gefallen. Was machst du heute?
Ich treffe mich nachher mit Lisa zum Mittag. Für heute Abend habe ich noch nichts geplant.
Hast du was dagegen, wenn ich vorbeikomme?
Mein Herz würde am liebsten schreiben und ihm sagen, dass er jederzeit vorbeikommen darf und er nicht fragen braucht.
Gerne, du kennst ja meine Adresse.
Wie könnte ich die vergessen? ;)
Die Vorfreude auf den gemeinsamen Abend mit Jayden wächst von Sekunde zu Sekunde.
„Da bist du ja endlich. Ich dachte schon, du hättest unser Essen vergessen.“ Lisa zieht einen Schmollmund, als ich zu ihr an den Tisch trete.
„Ich habe ewig gebraucht, bis ich einen Parkplatz gefunden habe. Das ist doch wirklich unnormal“, erwidere ich genervt.
„Das ist Los Angeles an einem Samstag. Es gibt Dinge, die werden sich nie ändern.“
„Hast du schon bestellt?“
„Für mich und auch für dich. Pizza, sonst dauert das ja noch ewig, bis ich endlich essen kann.“ Sie zwinkert mir zu und ich muss anfangen zu lachen.
„Danke.“ Mühsam unterdrücke ich ein Gähnen. So schön ich die Blumen von Jayden auch finde, kam die Lieferung eindeutig zu früh für mich.
„Müde?“
„Sieht man das nicht?“
„Hat Jayden dich in der letzten Nacht nicht schlafen lassen?“
„Ich habe die letzte Nacht alleine verbracht. Er hat mir Rosen geschickt und den Laden angewiesen, dass sie früh geliefert werden sollen. Vielleicht hatte er Angst, dass ich sonst nicht zu Hause bin.“
„Er hat was?“
„Ihn angewiesen ...“
„Nein, das meine ich nicht“, unterbricht sie mich aufgeregt. „Der Traum jeder Frau hat dir Rosen geschickt?“
„Schrei es nicht so raus“, weise ich sie zurecht, nicke aber mit dem Kopf.
„Oh mein Gott, der Kerl ist total verrückt nach dir.“
„Ich antworte nicht darauf, weil ich nicht weiß, was ich dazu sagen soll. Stattdessen erzähle ich ihr von unserer Nacht unter den Sternen. Aufmerksam hört sie mir zu.
„Das ist so romantisch. Ich hätte nie gedacht, dass er so sein kann. Schließlich wird er in den Medien immer so hingestellt, als wäre er gefühlskalt. Aber bei dir scheint er anders zu sein.“
Ich bekomme große Augen.
„Unter den Sternen zu schlafen, war wirklich romantisch.“ Kurz kommt das Gefühl wieder hoch, dass ich schon gespürt hatte, als ich in seinen Armen lag.
„Kann schon sein“, gebe ich vorsichtig zurück.
„Kann schon sein? Dieser Mann liegt dir zu Füßen!“
„Das tut er nicht. Wir kennen uns erst seit einer Woche und haben uns nur dreimal gesehen. Ich glaube kaum, dass man so etwas behaupten kann. Außerdem, warst du nicht diejenige, die meinte, ich solle vorsichtig sein?“
„Und der Meinung bin ich noch immer. Vielleicht sollten wir uns mal mit unseren beiden Jungs zum Abendessen treffen. Tim besitzt eine gute Menschenkenntnis“, überlegt sie laut.
„Stellt du meine Menschenkenntnis etwas infrage?“
Ich erwidere nichts, denn sie hat recht.
„Können wir das Thema wechseln? Ich bin eh schon nervös genug.“
„Wieso bist du nervös? Siehst du ihn heute noch?“
Als Antwort nicke ich erneut, werfe Lisa aber einen finsteren Blick zu. Sie lacht, kommt aber meinem Wunsch nach.
Wir sitzen eine Ewigkeit in dem Restaurant, unterhalten uns und haben einfach Spaß. Lisa lenkt mich erfolgreich ab, wofür ich ihr dankbar bin. Mit ihr kann ich stundenlang zusammensitzen und quatschen.
Als es schließlich fünf Uhr ist, verabschiede ich mich von ihr und fahre nach Hause. Eigentlich wollte ich eher zurück sein, damit ich noch in Ruhe duschen kann, aber das werde ich jetzt wohl nicht mehr schaffen.
Schnell ziehe ich eine Leggings aus dem Schrank und entscheide mich für ein Longtop. Ich habe nur noch eine halbe Stunde, bevor Jayden schon hier sein wird, wie ich feststelle, als ich einen Blick auf meinen Wecker werfe. Während des Essens mit Lisa hat er mir geschrieben, dass er um halb sieben hier sein wird.
In den nächsten Minuten mache ich mich fertig und versuche nicht daran zu denken, dass Jayden gleich da sein wird. Obwohl ich es nicht zugeben will, ich bin gespannt, wie er mein Zuhause findet.
Immer wieder atme ich tief durch und werde so etwas ruhiger. Aber das klappt nur bis zu dem Augenblick, als meine Klingel losgeht.
Langsam, um meine wieder heftiger werdende Atmung unter Kontrolle zu bekommen, gehe ich rüber und öffne ihm. Der Anblick von Jayden in seinem hautengen Shirt und der weiten Jeans, die lässig auf seinen Hüften sitzt, lässt meinen Mund trocken werden. Ich lasse meinen Blick an ihm hinuntergleiten, so wie er mich schon einmal gemustert hat und stelle fest, dass er sogar schwarze Sneaker trägt.
„Gefällt dir den Anblick?“
„Ich hätte nicht gedacht, dass du so normal gekleidet das Haus verlässt.“
„Soll ich dir ein Geheimnis verraten?“ Er kommt einen Schritt auf mich zu. Mein Puls schießt in die Höhe.
„Ich bin ganz Ohr“, gebe ich atemlos zurück.
Jayden kommt noch näher und beugt sich so weit vor, dass sein heißer Atem mein Ohr streift. „Einen Anzug trage ich nur im Büro. In diesen Sachen erkennt mich auf der Straße nicht jeder. Außerdem sind sie viel praktischer“, flüstert er mir zu, bevor er mir einen Kuss auf die Wange drückt.
„Oh.“ Kurz schließe ich die Augen, um mich zu sammeln, ehe ich die Tür schließe.
„Das Essen müsste auch gleich da sein“, verkündet Jayden und schaut sich um. Das Apartment scheint plötzlich noch kleiner zu sein, als es eh schon ist. Er nimmt den gesamten Raum ein, dominiert ihn. Den gleichen Effekt hat er bestimmt auch auf seine Geschäftspartner.
„Ich habe überhaupt nichts bestellt.“
„Ich aber.“ Mit einem schiefen Grinsen steuert er die Küche an und hält dabei die Weinflasche hoch, die er mitgebracht hat.
„Wo hast du Gläser?“
„Ganz oben im ersten Küchenschrank.“
Stumm beobachte ich, wie er auf der Arbeitsplatte hinstellt und uns Wein eingießt.
„Auf einen wundervollen Abend mit einer reizenden Lady.“
„Auf einen wundervollen Abend“, stimme ich ihm zu und nehme einen Schluck. Ich kenne mich zwar mit Wein nicht aus, aber dieser hier war sicherlich nicht billig. Er ist süß, aber nicht zu sehr.
Jayden stellt sein Glas auf die Arbeitsplatte und kommt auf mich zu. Sofort gibt es nur noch ihn und mich. Ich liebe die Wirkung, die seine Nähe auf mich hat. Davon kann ich gar nicht genug bekommen. Als er vor mir steht, blickt er zu mir hinab und streicht mir eine Strähne aus dem Gesicht.
„Habe ich dir schon einmal gesagt, wie wunderschön du bist? Ich meine es ernst, lass dir bloß von niemandem etwas anderes einreden“, raunt er leise und küsst mich. Sein Kuss ist zärtlich und neckend und nimmt mich ganz in Beschlag.
„Das wird unser Essen sein.“
„Was?“ Mein Atem geht schnell, als er seinen Mund von meinem löst. Am liebsten würde ich ihn wieder am Nacken zu mir ziehen und ihn weiter küssen, aber da hat er sich schon einen Schritt von mir entfernt.
„Es hat geklingelt.“
„Oh“, gebe ich erneut von mir. Ich habe überhaupt nichts gehört.
Jayden sieht belustigt aus, als er in die Küche verlässt. Ich höre, wie er sich kurz an der Tür unterhält. Bevor ich ihm folge, greife ich mir die beiden Gläser und die Flasche.
„Kannst du mit Stäbchen essen?“
„Wenn ich in naher Zukunft fertig werden will, dann besser nicht“, gebe ich tonlos zurück und setze mich auf das Sofa.
„Dann hole ich noch Gabeln.“
„Wollen wir einen Film anschauen?“, rufe ich ihm hinterher, bevor er ganz in der Küche verschwunden ist.
„Gerne, such du etwas aus.“ Ich schalte durch die Fernsehsender, bis ich schließlich einen alten Film mit Jerry Lewis gefunden habe.
Nach dem Essen lasse ich mich zufrieden in die Kissen sinken und schnappe mir eine Decke von der Rückenlehne, um mich zuzudecken. Jayden räumt den Tisch ab und schlüpft zu mir darunter. Ich lege meinen Kopf auf seine Brust und drücke meinen Körper an seinen. Jayden gibt zu jeder Szene seinen Kommentar ab, was den Film noch lustiger macht. Seine Wärme macht mich müde und lässt mich gleichzeitig aufgedreht zurück. Es ist eine betörende Mischung.
Als ich wach werde, läuft im Fernsehen irgendeine Sendung, die ich noch nie gesehen habe. Mit einem Blick auf die Uhr stelle ich fest, dass ich nur zwei Stunden geschlafen habe. Jayden liegt neben mir. Seine Arme sind fest um mich geschlungen, als hätte er Angst, dass ich gleich verschwinde. Er hält mich so dicht an sich gedrückt, dass ich mich kein Stück bewegen kann. Sein Atem geht flach und seine Gesichtszüge sehen so weich und verletzlich aus. Zärtlich streiche ich ihm über die Wange.
Im Schlaf sieht er viel entspannter und friedlicher aus, als wenn er wach ist. Es ist fast so, als würde er vor etwas davonrennen und nur in diesen Stunden davon loslassen können.
„Kaylee?“ Erschrocken zucke ich zusammen, sehe aber, dass Jayden tief und fest schläft. Er zieht mich noch enger an sich. Ich lasse meinen Kopf wieder auf seine Brust sinken und atme tief durch.
„Kaylee.“ Wieder höre ich meinen Namen aus seinem Mund, aber als ich dieses Mal zu seinem Gesicht schaue, sehe ich, dass er wach ist. Seine Stimme hört sich erleichtert an.
Hat er schlecht geträumt?
Als Antwort brumme ich leise, was ihm ein Lachen entlockt.
„Du bist einfach eingeschlafen.“
„Du doch auch“, gebe ich zurück, während ich ihm einen Stoß gegen die Brust verpasse.
Jayden dreht sich so, dass ich von seiner Brust rutsche und er mich besser ansehen kann. Sanft streicht er mir eine Strähne aus dem Gesicht und küsst mich. Erst streifen seine Lippen zärtlich meine und seine Zunge huscht über sie, doch im nächsten Augenblick drückt er seinen Mund auf meinen und fängt an, mit mir zu spielen. Seine Berührungen fühle sich sanft und beruhigend an, aber gleichzeitig lösen sie ein Feuer tief in meinem Inneren aus.
Seine warmen Hände fahren unter mein Top und meine Rippen hinauf. Ich erschaudere vor Verlangen nach diesem Mann. Meine Finger krallen sich in seinem Shirt fest, was ihm ein leises Stöhnen entlockt.
„Du bringst mich um den Verstand. Von der ersten Sekunde an“, flüstert er an meinem Hals, während sein Mund weiter abwärts wandert. Seine warmen Lippen streifen mein Schlüsselbein und diesmal bin ich diejenige, die stöhnt. Ich spüre sein Grinsen an meiner Haut.
„Ich liebe deine Reaktion auf mich.“
Er löst seine Lippen von meiner Schulter und schaut mir tief in die Augen.
„Ich weiß nicht mehr, was richtig oder falsch ist, oder was ich überhaupt mache.“ Seine Stimme klingt rau. Ich kann ihn sehr gut verstehen, denn mir geht es genauso. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass seine Empfindungen einen anderen Grund haben. Aber das ist jetzt nicht wichtig. Jetzt zählt nur, was er mit mir macht.
Er zieht mir das Top über den Kopf. Mein Körper drängt sich noch näher an ihn heran. Ich will ihm so nah wie möglich sein. Meine Hände fahren unter sein Shirt, damit ich seine nackte Haut an meiner spüre. Als ich seinen Oberkörper begutachte, erkenne ich, dass dieser muskulöser ist, als ich gedacht habe. Außerdem zieren verschiedene Tattoos die Haut vom Hals bis zur Hüfte. Die meisten Bilder sind Tribals, allerdings erkenne ich auch ein paar chinesische Schriftzeichen. Sanft fahre ich mit dem Finger eines nach.
„Ich hatte keine Ahnung, dass du Tattoos hast. Aber jetzt weiß ich, wieso du immer schwarze Hemden trägst: Du willst nicht, dass sie gesehen werden“, erkläre ich und küsse das Tattoo, auf dem gerade noch meine Hand lag.
Kaum haben meine Lippen seine Brust berührt, zieht Jayden scharf die Luft ein. „Das weiß kaum jemand. Nicht einmal meine Eltern“, gibt er zurück und greift dabei an mein Kuss, um mein Gesicht anzuheben, damit er mich wieder küssen kann. Fast hätte ich ihn gefragt, was mit den anderen Frauen ist, mit denen er zusammen war, kann es mir aber verkneifen.
Seine Hände wandern an meinem Oberkörper hinunter und sein Mund folgt ihnen. Als er an meinem Brüsten ankommt, verharrt er. Doch dann öffnet er meinen BH und streift ihn mir ab.
Seine warmen Lippen schließen sich um meinen rechten Nippel. Als er anfängt, sie mit der Zunge zu umkreisen, drücke ich meinen Rücken vor Erregung durch und komme ihm dabei noch näher. Ich will ihm so nah sein wie möglich.
Mit der freien Hand ahmt er die Bewegungen seiner Zunge auf der anderen Seite nach.
Oh Gott, wenn er so weitermacht, dann komme ich auf der Stelle.
Aber er lässt sie los. Ohne seine Wärme fühle ich mich alleine und verloren.
„Ich will dich, Kaylee“, raunt er außer Atem. „Ich wollte dich schon, als ich dich in meinem Club gesehen habe.“
„Mir geht es genauso, Jayden.“
Meine Stimme hört sich heiser an. Mein Verlangen nach diesem Mann ist groß. Jeder Zentimeter meiner Haut schreit nach ihm.
Seine Hände greifen an den Bund meiner Leggings und zusammen mit meinem Höschen zieht er sie hinunter. Mit gespreizten Schenkeln liege ich vor ihm. Während er seinen Blick über meine verletzliche Seite gleiten lässt, verdunkeln sich seine Augen noch mehr. Dieser Blick bringt mich fast um den Verstand.
Nacktheit war noch nie ein Problem für mich. Ich habe meinen Körper nie versteckt. Auch früher fühlte ich mich schon begehrenswert, aber Jayden sorgt dafür, dass es jetzt noch intensiver ist. In seinem lodernden Blick kann ich erkennen, wie sehr er mich will. Daran, wie er mich anschaut, sehe ich, dass ich in diesem Moment der Mittelpunkt seiner Welt bin.
Sein Mund wandert von meiner Brust abwärts, bis sein heißer Atem meine Klitoris streift. Ich stöhne laut auf und kralle meine Finger in seine Haare. Mit langsamen Bewegungen beginnt er, mit der Zunge meine Mitte zu stimulieren. Er spielt mit ihr, neckt sie und in diesem Augenblick wünsche ich mir, dass er das ewig macht. Ich will, dass er niemals damit aufhört.
Das Gefühl des nahenden Orgasmus, das sich in mir aufbaut, ist unbeschreiblich und nicht zu vergleichen mit den letzten Malen, als ich einen gehabt habe.
Langsam steigert er sein Tempo, sodass ich beginne, meine Hüften um gleichen Rhythmus zu bewegen. Als mich mein Höhepunkt schließlich überspült, schreie ich seinen Namen und ramme meine Fingernägel in seinen Rücken. Sie kratzen über seine Haut. Meine Muskeln zucken unkontrolliert und mein Oberkörper bäumt sich auf. Ich schreie und stöhne, während Jayden nicht von mir lässt. Erst, als mein Körper erschöpft zurück auf das Sofa sinkt, löst er sich von mir.
Jayden fährt mit seinem Finger durch meinen nassen Spalt und beugt sich langsam wieder über mich.
„Sorry, wegen deines Rückens“, murmle ich.
„Mir gefällt das.“
Ohne darauf einzugehen, öffne ich mit geschickten Fingern seine Jeans und streife sie ihm über die Hüfte. Seine Erektion kommt zum Vorschein und raubt mir den Atem. Leider komme ich nur bis zu den Knien, da er immer noch auf den Armen aufgestützt über mir liegt. Aber Jayden kommt mir zu Hilfe und zieht die Hose auch das restliche Stück von seinen Beinen.
Noch bevor er in der Lage ist zu reagieren, bewege ich mich so, dass Jayden auf seinem Hintern sitzt. Grinsend rutsche ich vom Sofa und lasse mich zwischen seinen Beinen auf die Knie sinken. Langsam schließe ich meine Hand um seinen Penis und lasse sie auf und ab gleiten. Seine Augenlider beginnen zu flattern. Als er stöhnt , würde ich mich am liebsten auf ihn schmeißen. Der heiße Blick, den er mir zuwirft, setzt meine Haut in Flammen. Dieses Mal bin ich es, die überrascht wird, als er mich wieder auf das Sofa zieht und in der nächsten Sekunde auf mir liegt.
Mit einer Hand tastet er nach seiner Hose, die auf dem Boden liegt und zieht ein Kondom aus der Gesäßtasche. Er nimmt es zwischen die Zähne und reißt die Verpackung auf, was mich zum Seufzen bringt. Jayden schenkt mir ein schiefes Grinsen. Seine Blicke wandern über meinen nackten Körper. Sie und die rauen Hände, die über meine Haut, wandern, sorgen dafür, dass ich mich danach sehne, ihn in mir zu spüren. Erst als ich das Gefühl habe, es nicht mehr auszuhalten, streift er sich das Kondom über sein beeindruckendes Glied. Nur langsam legt er sich zwischen meine Beine und lässt mich dabei keine Sekunde aus den Augen.
Jayden hat es nicht eilig. Ihm scheint es zu gefallen, dass er mir solche Qualen bereiten kann. Erst dringt er nur mit seiner Spitze in mich ein. Als er immer weiter vordringt, stöhne ich laut auf. Das Gefühl, von ihm ausgefüllt zu werden, berauscht mich. Er zieht sich wieder ein Stück aus mir zurück, nur um erneut in mich zu gleiten. Damit ich ihn noch tiefer in mich aufnehmen kann, ziehe ich meine Beine enger an meine Seite.
Er wird schneller, bis er ein Tempo gefunden hat, mit dem er mich schnell in luftige Höhen treibt. Nie hätte ich gedacht, dass ich so schnell kommen kann, aber Jayden beweist es mir.
Seine Atmung geht immer schwerer und seine Muskeln spannen sich an.
„Ich will dich hören“, raunt er mir zu.
Seine Worte bewegen mich dazu, loszulassen und mich fallen zu lassen. Ich bäume mich in der Sekunde auf, in der ich spüre, wie auch er sich anspannt.
Schwer atmend sinkt Jayden auf mich. Nur langsam beruhigt sich mein Herzschlag wieder. Als er keine Anstalten macht, sich von mir zu lösen, streichle ich immer wieder über seinen verschwitzten Rücken. Er rollt ein Stück von mir herunter, nur um mich so dicht wie möglich an sich zu ziehen.
„Komm, wir gehen lieber ins Bett“, flüstert Jayden und richtet sich ein Stück auf.
„Aber nur, wenn du dort auch mit mir kuschelst.“
Kapitel 6
Müde nehme ich einen Schluck von meinem Kaffee und gehe dabei meine E-Mails durch. Allerdings werde ich immer wieder abgelenkt, da sich Jayden in meine Gedanken schleicht.
Gestern hat er mich ausschlafen lassen und zum Frühstück Brötchen mit Wurst und Käse geholt. Am Morgen so verwöhnt zu werden hat mir so gut gefallen, dass ich ihm das Versprechen abgenommen habe, dass er dies nun öfters machen muss.
Danach sind wir zusammen duschen gegangen und haben einen langen, romantischen Spaziergang am Strand gemacht. Wir haben herumgealbert, als wären wir ein richtiges Paar. Als wir abends wieder bei mir waren, haben wir uns aufs Sofa gelegt und einen Film angesehen.
Heute Morgen habe ich allerdings jeden Knochen gespürt, denn wir hatten letzte Nacht mehr als nur einmal Sex. Noch nie habe ich mich so frei gefühlt, wie an diesem Wochenende. Jede einzelne Sekunde habe ich genossen. In seiner Gegenwart brauche ich mich nicht zu verstellen, so wie es bei meinen Eltern oder John immer der Fall ist. Aber trotzdem kommt mir immer wieder die Frage in den Kopf, was er damit meint, er habe das alles nicht so geplant.
Kann man so etwas überhaupt planen? Obwohl ich da schon oft drüber nachgedacht habe, bin ich bis jetzt noch auf keine Antwort gekommen. Ich meine, sicher, kann man es planen, dass man jemanden verführt. Aber bestimmt nicht solche Gefühle.
Mir schwirrt der Kopf. Als mein Handy neben mir klingelt, zucke ich erschrocken zusammen.
Mir hat das Wochenende mit dir sehr gut gefallen.
Jayden. Seine Nachricht sorgt dafür, dass ich lächle.
Mir auch. Kussi
Grinsend drücke ich auf den Senden-Knopf und warte ungeduldig auf seine Antwort.
Nur gut, dass ich dich genauso gerne küsse, wie du anscheinend mich. ;)
An diesem Wochenende verging nicht eine Sekunde, in der wir den anderen nicht berührt oder geküsst haben.
Jayden ist nicht so, wie er von Reportern und meinem Vater hingestellt wird. Ich bin mir aber darüber bewusst, dass ich ihn noch nicht lange genug kenne, um das mit Gewissheit sagen zu können. Jetzt will ich mich aber auch nicht damit beschäftigen.
„Du sollst doch arbeiten und nicht an dein Handy gehen.“ Jayden klingt amüsiert, als er mich eine Stunde später anruft.
„Und hast du keinen Termin?“
„Ehrlich gesagt komme ich gerade von einem Geschäftstermin mit meinem Vater und ein paar Leuten von einer seiner Stiftungen. Er hat mich sogar gefragt, wieso ich denn so nervös bin und alle paar Sekunden auf mein Handy schaue.“
Meine Finger verharren über der Tastatur und ich bekomme große Augen.
„Und was hast du geantwortet?“, frage ich vorsichtig nach, da ich mir nicht sicher bin, ob ich die Antwort darauf wissen will.
„Ich habe ihm gesagt, dass ich das Wochenende mit einer wunderschönen Frau verbracht habe, die ich unbedingt wiedersehen möchte.“
Er hat seinem Vater gesagt, dass er …?
„Und was hat er gesagt?“, flüstere ich, als ich meine Sprache nach einigen Sekunden wieder gefunden habe.
„Er hat sich gefreut. Allerdings musste ich ihm versprechen, meine Mom heute Abend anzurufen und es auch ihr zu sagen, dass ich eine feste Freundin habe.“
Ich weiß nicht viel über Elisabeth Drake. Eigentlich nur, dass sie und Alexander schon seit fast 30 Jahren verheiratet sind. Außerdem sitzt sie im Vorstand der Kunststiftung ihres Mannes.
Ich kann mich gerade aber auch nicht damit beschäftigen. Noch bin ich nämlich noch immer damit beschäftigt zu verarbeiten, dass er mich anscheinend als seine feste Freundin bezeichnet.
„Wie lange musst du noch arbeiten?“ Mein Körper, vor allem ein ganz gewisser Teil, reagiert sofort auf den verführerischen Unterton in seiner Stimme.
„Bis fünf.“ Meine Arbeit habe ich immer gerne gemacht. Sie war ein Ort, an in ich mich flüchten konnte. Ich habe in den letzten Jahren sogar immer wieder freiwillig unzählige Überstunden gemacht. Aber heute bin ich froh, dass ich das Büro pünktlich verlassen kann.
„Soll ich dich abholen? Wir könnten etwas unternehmen.“ Mein Mund wird ganz trocken und mein Unterleib zieht sich bei seiner Frage zusammen.
„Was schwebt dir denn so vor?“
„Vielleicht eine Kleinigkeit essen gehen. Oder wir könnten spazieren gehen, wie du möchtest.“ Vor meinem inneren Auge sehe ich, wie er mit den Schultern zuckt´.
„Essen hört sich gut an. Ich habe seit heute Morgen nichts mehr gehabt.“
„Dann hole ich dich in einer Stunde ab. Ich freue mich schon, Kaylee.“
Seine Stimme ist tief und verführerisch, als er meinen Namen sagt, sodass ich nur ein „Bis später“ herausbringe. Schnell lege ich auf, bevor er noch etwas erwidern kann.
Die nächste halbe Stunde vergeht wie im Flug. Ich konzentriere mich auf die Arbeit, damit ich nicht immerzu an Jayden denken muss. Oder besser gesagt ich versuche es.
„Wir sehen uns doch gleich“, erkläre ich lachend, als mein Handy klingelt und ich annehme, ohne vorher auf das Display zu schauen.
„Wen siehst du gleich?“ Die schrille Stimme von Lynn ertönt aus dem Lautsprecher. Sofort reiße ich die Augen auf und kontrolliere den Namen auf dem Display.
Es ist wirklich meine Schwester.
Was will die denn?
„Kennst du nicht.“
„Schade.“ Ich kann an ihrer Tonlage erkennen, dass sie wieder einen Schmollmund zieht. Das hat sie früher schon immer gemacht, um meine Geheimnisse zu erfahren. Aber ich habe irgendwann gelernt, damit umzugehen.
„Gibt es einen besonderen Grund für deinen Anruf?“, versuche ich das Thema zu wechseln.
„Irgendwann wirst du es mir schon sagen müssen. Um ehrlich zu sein, es gibt einen bestimmten Grund“, fährt Lynn schließlich fort. „Mom hat dich gestern beim Essen vermisst.“
Wie so oft versucht sie, mir ein schlechtes Gewissen zu machen. Allerdings klappt das nicht, denn mein Tag mit Jayden war viel zu schön, um auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, ihn mir versauen zu lassen.
„Sorry, ich war unterwegs“, gebe ich knapp zurück.
„John war auch da. Und er war sehr enttäuscht, dass du dich in hast blicken lassen.“ In dem Fall war es die richtige Entscheidung, nicht hinzugehen.
John ist noch immer in mich verliebt und meine Familie, allen voran meine Mutter, unternehmen jeden Versuch, damit wir wieder ein Paar werden. Aber auch mein Vater lässt gerne Kommentare in dieser Richtung fallen.
Genervt verdrehe ich die Augen und überlege mir, was ich darauf sagen soll, als Lynn auch schon weiterredet. „Dad und John hatten sich extra wegen des Essens zwei Stunden Zeit genommen. Du weißt ja, sie arbeiten immer noch an dem Fall Drake.“
Gut, dass ich schon sitze. Sonst wäre ich jetzt wahrscheinlich umgekippt. Mein Vater kann es nicht einfach sein lassen.
„Wie lange will er das denn noch machen? Langsam wird das doch langweilig.“ Ich versuche, ruhig zu klingen, während mein Innerstes aufgewühlt bleibt. Mein Magen fühlt sich plötzlich an, als würden sich Ziegelsteine darin befinden.
„Solange, bis er die Männer endlich verhaftet hat. Er hat in den letzten Tagen weitere Beweise gesammelt.“
„Was denn für Beweise?“ Mein Herz schlägt so stark, dass es mir fast aus der Brust springt.
„Seit wann interessierst du dich denn dafür?“ Die Stimme meiner kleinen Schwester klingt skeptisch und sofort bereue ich es, dass ich nachgefragt habe. Aber ich muss es wissen.
„Wenn es mir egal ist, ist es falsch und wenn ich mich interessiere, ist es auch falsch. Könnt ihr euch mal entscheiden?“
„Du hast recht. Ich bin es nur nicht gewohnt, dass du mal Fragen stellst. Es ist wohl irgendeine CD mit Unterlagen aus der Buchhaltung darauf. Aber es sind so viele Informationen, dass sie Zeit brauchen werden, um sie auszuwerten. ´Jayden Enterprises´ ist schließlich groß.“ Sie sagt das mit einer solchen Gleichgültigkeit in der Stimme, dass ich mich frage, ob sie jemals überlegt hat, ob die Vorwürfe wirklich stimmen.
Mich überkommt das Bedürfnis, Jayden zu warnen.
Eine Woche, Kaylee. Du kennst Jayden jetzt erst seit einer Woche. Genau darauf könnte er es angelegt haben. Also renne nicht los und erzähle es ihm, sondern warte erstmal ab. Dann kannst du immer noch entscheiden, ob du es ihm sagst oder nicht.
Ich weiß, dass mein Kopf recht hat, trotzdem möchte ich es ihm sagen.
„Wenn das so ist, wird Dad ja vielleicht bald mal ein anderes Gesprächsthema haben“, gebe ich mit der gleichen Gleichgültigkeit zurück, wie meine Schwester zuvor.
„Nur, weil sie bald im Gefängnis sitzen werden, heißt das nicht, dass schon alles erledigt und abgeschlossen ist. Es kommt ja noch das Gerichtsverfahren.“
Bei den Worten Gefängnis und Gerichtsverfahren würde ich am liebsten kotzen. Leise seufzend lasse ich meine Stirn auf die Tischplatte fallen und atme mehrmals tief durch. „Ich lache mich schlapp, wenn herauskommt, dass dort niemand etwas zu verstecken hat. Das würde bedeuten, dass die letzten Jahre umsonst waren und er sich entschuldigen muss.“
„Sei nicht albern. Er hat einen Insider in der Firma, der ihm schon so manche Info besorgen konnte.“
Es dauert eine Weile, aber irgendwann schafft es mein Gehirn, die Worte meiner Schwester zu verarbeiten.
„Oh Mann.“ Meine Stimme klingt so leise, dass ich sie selber kaum verstehen kann.
„Du kennst ihn doch. Er gräbt so tief, bis er etwas gefunden hat.“
„Hm“, brumme ich nur, da ich nicht weiß, was ich sonst dazu sagen soll.
„Wir sehen uns sicherlich nächste Woche Donnerstag bei Mom und Dad zum Essen. Vergiss das nicht, sonst wird Dad wirklich wütend“, erklärt sie noch zum Abschied und legt auf. Das nächste Mal werde ich da sein und zwar, um so unauffällig wie möglich mehr zu erfahren. Da ich mich mit Jayden treffe, betrifft diese Sache nun auch mich. Obwohl das meinem Vater und John nicht gefallen hat.
Jayden lehnt sich lässig an die Motorhaube seines BMWs, als ich das Verlagsgebäude verlasse, und grinst mich schief an. Ich bleibe stehen und lasse seinen Anblick auf mich wirken. Er sieht zum Anbeißen aus, obwohl er sein übliches Bürooutfit trägt.
Ich gehe auf ihn zu, wobei ich bemerke, dass er wieder von allen angestarrt wird. Von Frauen und von Männern.
Mit einem strahlenden Lächeln kommt er auf mich zu, schlingt seine Arme um meine Hüften und küsst mich. Ich schmelze in seinen Armen dahin. Eine Berührung von ihm reicht aus und ich weiß nicht mehr, wo oben und unten ist.
„Ich habe dich vermisst.“
„Ich dich auch.“ Glücklich grinse ich ihn an und lasse mich von ihm zu seinem Wagen führen. „Wo ist denn Reylee?“
„Ich habe ihm den restlichen Tag freigegeben. Komm, du musst etwas essen.“
„Wo fahren wir hin?“
„Eines Tages werde ich dich schick ausführen, in das beste Restaurant in der Stadt. Aber ich glaube kaum, dass du heute noch Lust hast, in ein schickes Abendkleid zu steigen, oder?“
„Vorher muss ich aber shoppen gehen, also sag mir rechtzeitig Bescheid.“ Als ich eine Grimasse ziehe, fangen wir beide an zu lachen. Im Hinterkopf behalte ich allerdings das Gespräch mit meiner Schwester. Ich würde ihm so gerne davon erzählen, aber ich habe auch Angst davor, wie er darauf reagiert. Vielleicht sollte ich die Tage zufällig John über den Weg laufen. Wenn ich es richtig anstelle, wird er mir sicherlich den genaueren Stand der Ermittlungen verraten.
Ich bin so in Gedanken versunken, dass ich gar nicht merke, wie Jayden auf einen Parkplatz fährt.
„Dort gibt es die besten Hamburger der ganzen Stadt“, gibt er zu und hilft mir beim Aussteigen.
Das Restaurant ist zwar klein aber gemütlich. Die meisten Plätze sind besetzt, trotzdem werden wir sofort vom Kellner an einen Tisch in der hintersten Ecke geführt, wo wir uns in Ruhe unterhalten können.
„Bist du öfter hier?“
„Mailo, mein Geschäftspartner, und ich essen hier immer, wenn wir in der Nähe sind.“
„Stammkunden mag man überall.“
Jayden grinst. Ich liebe dieses Grinsen. Es gehört zu den Sachen, die mich sofort in ihren Bann gezogen haben. Andere Dinge sind seine gute Laune, der verführerische Blick, den er mir zuwirft und seine tiefe Stimme.
Jayden bestellt für uns beide Wasser, Hamburger und Pommes. In dem Augenblick, in dem ich ihn darauf hinweisen will, dass ich für mich selber bestellen kann, holt er Luft und erklärt mir: „Das musst du einfach probieren.“ Kaum hat er den Satz beendet, kommt schon die Kellnerin und stellt die Gläser vor uns ab.
In den nächsten Minuten lobt er die Hamburger in den höchsten Tönen, sodass ich es kaum noch erwarten kann, sie endlich zu probieren.
Ungeduldig rutsche ich auf meinem Stuhl hin und her, was Jayden zu belustigen scheint.
„Ich habe Hunger“, erkläre ich, aber ich kann an seinen Augen sehen, dass er weiß, dass das nicht der einzige Grund ist. Sie funkeln verschmitzt, woraufhin ich ihm die Zunge zeige.
Jayden kommt allerdings nicht mehr dazu, zu kontern, denn mit einem leisen Räuspern macht sich der Kellner bemerkbar. In der Hand hält er zwei vollbeladene Teller.
Ich wusste gar nicht, dass Hamburger so gut riechen können, durchfährt mich der Gedanke, als der Geruch in meine Nase steigt.
„Und? Habe ich zu viel versprochen?“ Neugierig beobachtet Jayden, wie ich einen Bissen nehme und kaue.
„Der ist wirklich gut.“
Während des Essens erzählt er mir von seinem Termin und dass er ein Grundstück erwerben will, auf dem dann die Stiftung seines Vaters eine Galerie für neue Künstler baut. Ich finde es schön, dass er die Arbeit seines Dads so unterstützt. Er scheint darin aufzugehen. Allerdings weiß ich auch, dass das nicht immer der Fall war. In einem Zeitungsartikel habe ich gelesen, dass Jayden noch vor fünf Jahren nicht mit der Arbeit, vor allem mit den Stiftungen, seines Vaters anfangen konnte. Umso glücklicher wirkt er jetzt.
Kapitel 7
„Kaylee? Was machst du denn hier?“ John schaut mich überrascht an, als ich hinter ihm in der Schlange an der Kasse auftauche.
Ich habe die letzte drei Stunden damit verbracht, in meinem Wagen zu sitzen und den Eingang des Supermarktes zu beobachten, in der Hoffnung, dass John heute einkaufen muss.
Zwei Tage sind vergangen, seitdem ich die Informationen von Lynn bekommen habe. In dieser Zeit habe ich beschlossen, dass der einzige Weg, um etwas Genaueres zu erfahren, ist, mit John zu sprechen. Meinen Dad kann ich schließlich nicht fragen. Er würde annehmen, dass ich meine Meinung geändert habe. Und meine Schwester ist schon beim letzten Mal stutzig geworden. Deswegen bleibt nur mein Ex übrig.
„Ich war gerade in der Gegend und wollte mir noch etwas für heute Abend kaufen, bevor ich nach Hause fahre“, antworte ich und halte die Tüte Chips hoch. Dass ich gerade einen FBI-Agenten anlüge, ist mir durchaus bewusst, aber der Zweck heiligt nun einmal die Mittel. Davon abgesehen, habe ich schlimmeres vor.
„Ich hatte gehofft, dass ich dich am Sonntag sehe“, erklärt er und zeigt mir so, dass er nichts mitbekommen hat.
„Ich war den ganzen Tag unterwegs.“ Wenigstens dieser Teil entspricht der Wahrheit. „Vielleicht sehen wir uns das nächste Mal.“
„Vielleicht. Dein Dad hatte sich extra ein paar Stunden freigenommen. Er arbeitet zurzeit an einem großen Fall, der sich wahrscheinlich sogar über mehrere Bundesstaaten hinweg zieht.“
Mehrere Bundesstaaten?
„Was haben sie denn angestellt?“ Ich brauche ein paar Sekunden, um diese Frage zu stellen.
John sagt nichts, sondern bezahlt seine tiefgekühlte Pizza und entfernt sich ein paar Schritte, während ich der Kassiererin das Geld für meine Chips gebe.
„Es geht um Kunstschmuggel, Immobilienbetrug und Geldwäsche“, flüstert er mir zu, obwohl ich mir sicher bin, dass er es mir eigentlich gar nicht sagen dürfte. Doch so war er schon immer. Um mir zu imponieren, bricht er auch mal die Regeln. Dabei hat es mich noch nie beeindrucken können.
Meine Augen werden immer größer. Obwohl ich mich damit nicht auskenne, weiß ich doch, dass keiner dieser Punkt ein kleines Vergehen darstellt. Das sind alles schwere Straftaten, für die man mehrere Jahre ins Gefängnis geht. Aber ich kann mir das bei Jayden einfach nicht vorstellen.
„Wer hat ihn denn dieses Mal am Hintern kleben?“ Ich muss wissen, ob John wirklich von Jayden spricht oder jemand anderen meint. Obwohl mein Gefühl es mir bereits sagt, dass die Rede nur von dem Mann sein kann, zu dem ich mich hingezogen fühle.
„Alexander Drake und sein Sohn Jayen Drake. Außerdem auch Mailo Cole.“
Ich spüre, wie mir das Blut aus dem Gesicht weicht, als ich neben ihm den Laden verlasse. Bis zu diesem Moment hatte ich noch Hoffnung, dass er jemand anderen meint.
„Kaylee, geht es dir gut?“ John schaut mich besorgt an, nachdem wir meinen Wagen erreicht haben.
„Ich habe in der letzten Nach nicht so gut geschlafen“, erkläre ich ihm schnell und hoffe, dass er keine weiteren Fragen stellt.
„Dann fahr besser nach Hause und legt dich hin.“
„Das werde ich machen. Gute Nacht, John.“ Ich kann gar nicht schnell genug von ihm wegkommen.
„Wir sehen uns.“ John umarmt mich zum Abschied und ich lasse es geschehen. Obwohl ich mich gerne wehren oder etwas sagen würde, bin ich nicht dazu in der Lage.
Nachdem er mich losgelassen hat, steige ich, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, in meinen Wagen und fahre vom Parkplatz. Die ganze Fahrt über frage ich mich, ob Jayden wirklich diese Verbrechen begangen haben könnte. Jedes Mal komme ich auf dieselbe Antwort: Ich traue ihm das nicht zu. Ich muss mit Jayden darüber sprechen, aber zuerst brauche ich einen Plan, wie ich das am besten anfangen soll.
Das letzte Mal habe ich mit Jayden gesprochen, als ich auf dem Parkplatz vor dem Laden auf John gewartet habe, und heute ist Freitag. Ich habe also seit zwei Tagen nichts mehr von ihm gehört.
Ich muss mit dir sprechen. Bitte ruf mich an.
Kaylee
Wie viele von diesen Nachrichten ich ihm in den letzten Stunden geschrieben habe, weiß ich nicht. Von Sekunde zu Sekunde werde ich nervöser.
Geht es ihm gut oder ist ihm etwas passiert? Oder hat er vielleicht wegen der Ermittlungen so viel zu tun, dass er es nicht schafft, mich anzurufen? Soll ich bei ihm vorbeifahren? Vielleicht habe ich ja Glück und er ist zu Hause.
Bei dem Gedanken breitet sich in meinem Bauch ein ungutes Gefühl aus. Trotzdem, oder vielleicht deswegen, schlage ich den Weg zu seinem Penthouse ein.
Ein paar Meter vom Eingang entfernt finde ich einen Parkplatz. Die letzten Minuten habe ich mir überlegt, wie ich es am besten ansprechen könnte. Dabei bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass die direkte Art wahrscheinlich am einfachsten ist.
Ich atme tief durch und gehe mit großen Schritten auf das Hochhaus zu.
„Kann ich Ihnen helfen?“ Der Portier lächelt mich zuvorkommend an.
„Ich möchte zu Jayden Drake“, antworte ich genauso freundlich und nenne ihm noch meinen Namen.
„Er kommt gleich runter“, teilt er mir nach einem kurzen Telefonat mit. Nickend gehe ich ein Stück zur Seite und mache Platz für eine ältere Dame, die ihre Post holen möchte.
Es dauert ein paar Minuten, aber schließlich öffnet sich die Fahrstuhltür und gibt den Blick auf Jayden frei, der mich mit einem finsteren Gesichtsausdruck ansieht.
Mein Herz beginnt zu rasen. Dieses Mal allerdings nicht vor Vorfreude, sondern vor Angst. So hat er mich noch nie angesehen.
„Wir müssen reden“, erkläre ich ihm mit piepsiger Stimmer.
„Ich glaube nicht.“ Mit diesen Worten macht er Anstalten an mir vorbeizugehen.
Hat er das gerade wirklich gesagt?
„Jayden, ich muss dir was erzählen.“ Dieses Mal klingt meine Stimme selbstbewusster, als ich ihn am Arm packe und ihn festhalte.
Was ist nur los mit ihm?
„Ich will es nicht hören. Ich habe dich und deinen FBI-Freund auf dem Parkplatz gesehen. Du brauchst mir nichts zu erklären. Das Bild, das sich mir dort bot, hat alles gesagt.“ Mehr gibt er zur Erklärung nicht von sich. Stattdessen verschwindet er.
Perplex und sprachlos lässt er mich allein zurück. Er kann nur meinen, dass er uns gesehen hat, als John mich umarmt hat.
Laut fluchend gehe ich hinaus zu meinem Wagen, damit klar wird, dass Jayden denkt, ich wäre wieder mit John zusammen. Sauer, aber auch enttäuscht und traurig steige ich in meinen Wagen.
Hätte ich ihm doch bloß von den Beweisen berichtet, als Lynn es mir erzählt hat. In diesem Fall wäre es nie zu diesem Missverständnis gekommen. So wäre es nie passiert, dass Jayden diesen Moment, in dem John mich umarmt, falsch versteht.
Den ganzen Samstag verbringe ich auf dem Sofa. Nach dem letzten Treffen mit Jayden habe ich mich nicht getraut, ihm eine Nachricht zu schicken oder ihn anzurufen. Wahrscheinlich ist meine Hoffnung zu groß, dass er von sich aus das Gespräch mit mir sucht.
Als Lisa anruft, gehe ich nicht ans Telefon, weil ich keine Lust habe, ihr zu erklären, was passiert ist. Immer wieder starre ich mein Handy an, nur um zu sehen, dass er mich nicht angerufen und keine Nachricht geschickt hat. Allein der Gedanke, dass ich in der Gegenwart von John glücklicher bin, als in Jaydens, ist lächerlich. Er muss doch gemerkt haben, dass ich mich wohlfühle, wenn er in meiner Nähe ist.
Am Sonntag beschließe ich, dem Theater ein Ende zu setzen.
Ruf mich an! Es ist wichtig!
Ich weiß nicht, ob es etwas ändern wird, aber ich will es ihm erklären. Das ist mein gutes Recht. Und daran wird auch er mich nicht hindern.
Als er sich nach drei Stunden noch immer nicht gemeldet hat. Reicht es mir. Ich war nur selten diejenige, die nach einem Streit angekrochen kam. Aber wenn man es genau nimmt, dann ist es ja nicht einmal ein Streit.
Genervt greife ich nach meinem Handy und gebe eine letzte Nachricht in das Textfeld ein. Wenn er darauf nicht reagiert, ist es das gewesen.
Meine Schwester hat mir vor ein paar Tagen etwas erzählt und ich musste herausfinden, ob es wirklich stimmt. John hat es mir bestätigt und deswegen kann ich jetzt sagen, dass du in Schwierigkeiten steckst. Wenn du mehr wissen willst, kannst du mich anrufen.
Bevor ich sie absende, lese ich mir die Nachricht noch ein paarmal durch. Mir ist klar, dass ich verzweifelt bin, weil ich ihn nicht gehen lassen will. Und obwohl er wegen des Missverständnisses nicht mehr mit mir sprecht, soll er wenigstens gewarnt sein.
Die nächsten drei Stunden vergehen, ohne dass ich etwas von ihm höre. Mein Handy lasse ich keine Sekunde aus den Augen.
Ich rechne nicht damit, dass Jayden vorbeikommt, aber ich hoffe, dass er wenigstens anruft. Allerdings schreibt er nicht einmal eine Nachricht.
Genervt und sauer lasse ich mich in die Kissen zurücksinken, als es an meiner Tür klingelt. Erschrocken springe ich auf die Beine und überprüfe die Uhrzeit.
Es ist bereits neun Uhr abends. Mein Herz schlägt schneller bei dem Gedanken, dass Jayden vor der Tür stehen könnte. Aber als ich meine Wohnungstür öffne, werde ich enttäuscht. Es ist nicht Jayden, der da vor mir steht.
Der Mann, der mich nun angrinst, ist genauso groß wie Jayden und ebenso breit gebaut. Unter seiner engen Hose und dem noch viel engeren Shirt kann man seine Muskeln erahnen.
Er sieht gut aus, zieht mich allerdings nicht so in seinen Bann, wie es bei Jayden der Fall ist. Seine schwarzen Haare hängen ihm wirr ins Gesicht, was in mir den Eindruck erweckt, als wäre er gerade erst aus dem Bett gefallen.
„Du bist Kaylee, richtig?“, fragt er mich, als er an mir vorbeigeht und meine Wohnung betritt.
In diesem Moment bin ich viel zu überrascht, um ihn daran zu hindern. Benommen drehe ich mich zu ihm um und beobachte ihn, während er sich in meiner kleinen Wohnung umsieht.
„Jayden hat mir schon viel von dir erzählt. Ich bin Mailo.“ Er reicht mir seine Hand.
„Kann ich dir irgendwie helfen?“, frage ich ihn vorsichtig.
„Ich weiß, dass du eigentlich darauf wartest, dass Jayden sich meldet. Aber der hat heute sein Handy bei mir liegen gelassen. Ich war neugierig und habe die Nachrichten gelesen, die du ihm geschickt hast. Daraufhin habe ich versucht, ihn zu erreichen, aber er ist nicht in seiner Wohnung und bei seinen Eltern ist er auch nicht.“
Das erklärt zumindest, wieso er nicht zurückgeschrieben hat. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob er das getan hätte, wenn er sie gelesen hätte.
„Deine letzte Nachricht klang so verzweifelt, dass ich beschlossen habe, vorbeizukommen.“ Mailo setzt sich auf die eine Seite meines Sofas, während ich mich auf die andere fallen lasse.
„Jayden hat dir von mir erzählt?“
„Ich weiß alles.“
„Dann weißt du sicherlich auch, dass mein Vater ...“
„Der Mann ist, der für einen Haufen Ärger sorgt“, führt er meinen Satz zu Ende und lässt mich dabei keine Sekunde aus den Augen. Seine Gelassenheit erstaunt mich. „Jayden war bei mir und hat mir gesagt, dass er gesehen hat, wie du und dein Ex-Freund euch umarmt habt. Ich habe versucht ihn zu beruhigen, und ihm gesagt, dass ihr euch bestimmt zufällig über den Weg gelaufen seid. Schließlich ist das ja nichts Ungewöhnliches.“
„Wir sind nicht zusammen.“
„Also hatte ich recht.“ Zufrieden schaut er mich an.
„Ich habe auf ihn gewartet, weil er mir etwas bestätigen sollte, was ich von meiner Schwester gehört habe. Aber das hast du sicherlich auch gelesen“, gebe ich zu und erzähle ihm alles.
Jayden spricht zurzeit zwar nicht mit mir, aber mit Mailo redet er offenbar. Und ihn betrifft es genauso. Während ich ihm alles schildere, flammt kurz der Gedanke in mir auf, dass ich mich gerade vielleicht irgendeiner Beihilfe zu einer Straftat schuldig mache, oder so, aber das ist mir egal.
Wenn Mailo Jayden berichtet, was ich gemacht habe, wird er vielleicht wieder mit mir sprechen und aufhören, sich so kindisch zu verhalten.
Mailo hört sich meine Geschichte schweigend an und nickt nur zwischendurch.
„Jemand aus der Firma?“, fragt er mich, als ich geendet habe.
„Er hat zwar keinen Namen genannt, ließ an diesem Punkt aber keinen Zweifel.“
„Wie viel hat Jayden dir erzählt? Ich meine, über diese Ermittlungen?“
„Wir haben nicht darüber gesprochen. Ich weiß allerdings, dass es meinem Vater ernst damit ist.“
„Dein Vater ist da wirklich ein Bluthund und dein Ex-Freund übrigens auch“, stöhnt Mailo und reibt sich dabei über die Stirn.
Nachdenklich betrachtet er mich.
„Wenn Jayden erfährt, dass ich hier war, wird er mir wahrscheinlich den Hals umdrehen“, fährt er schließlich fort. Mit großen Augen schaue ich ihn an.
„Wieso?“
„Er war ziemlich sauer, als er bei mir war. So verrückt er vorher nach dir war, so sauer war er diesmal.“
„Verrückt nach mir?“
„Obwohl er es wahrscheinlich nicht zugeben wird, aber er ist verrückt nach dir.“ Mailo macht eine Pause, in der er tief Luft holt und mich dabei anschaut. „Er ist glücklicher und zufriedener. Du hast ihn dazu gebracht, über Sachen nachzudenken, sie infrage zu stellen.“
Seine Worte überraschen mich.
„Das Gefühl habe ich nicht.“
„Solltest du aber. Sonst hätte er nicht so reagiert.“
„Keine Ahnung, wie ich ihm das sagen soll, was ich dir gerade berichtet habe. Ich kann ihn ja nicht einmal erreichen, wenn du sein Handy hast.“
Wortlos reicht Mailo mir das Smartphone.
„Nimmt es. Sollte er bei mir auftauchen, werde ich ihm sagen, dass du es hast und so hat er einen Grund, zu dir zu kommen. Ich bin mir sicher, dass er nicht auf sein Handy verzichten will. Vielleicht hat er es mit Absicht bei mir gelassen, damit er nachdenken kann.“
„Nachdenken?“
„Das vermute ich, wieso?“
„Ich glaube, ich weiß, wo er ist.“ Mit diesen Worten springe ich auf und renne in mein Schlafzimmer, um mich umzuziehen.
Verlassen und dunkel liegt das Haus vor mir. Von Mailo, der bei den Eltern von Jayden angerufen hat, habe ich den Zugangscode bekommen, um auf das Grundstück zu gelangen.
Ich habe recht gehabt. Jaydens Wagen steht vor dem Haus.
Jetzt sitze ich in meinem Auto und überlege, ob es eine gute Idee war, hierherzukommen. Vielleicht braucht Jayden Zeit alleine. Ich kann ihm das Handy auf das Dach oder die Motorhaube legen und wieder fahren. Aber ich will, dass er mit mir redet, also steige ich aus.
Langsam gehe ich auf die Haustür zu. Vorsichtig drehe ich am Knauf der Tür und merke, dass sie nicht abgeschlossen ist.
Meine Augen brauchen ein paar Sekunden, um sich an die Dunkelheit dahinter zu gewöhnen, aber vom letzten Mal weiß ich noch ungefähr, wo sich die Treppe befindet und wo die Möbel stehen.
Mit kleinen Schritten taste ich mich vorsichtig voran, bis ich schließlich die Tür zur Terrasse erreiche.
Jayden hat mir den Rücken zugedreht. Neben ihm steht eine Flasche Wein, die leer zu sein scheint.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.