Kitabı oku: «Mafia Brothers»
Sarah Glicker
Mafia Brothers
Sammelband
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
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Prolog
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Prolog
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Impressum neobooks
Prolog
Sarah Glicker
Sammelband
Your Hero
Your King
Your Man
Sarah Weber
Alter Postweg 31a
48477 Hörstel
Copyright by Sarah Weber
Alle Rechte vorbehalten!
Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der offiziellen schriftlichen Genehmigung der Autorin!
Teil 1
Your Hero
War es eine Kurzschlussreaktion?
Vielleicht.
Bereue ich es, dass ich diesen Mann erschossen habe?
Nein.
Habe ich es jemals bereut, dass ich diesen Schritt gegangen bin?
Auch hier muss ich sagen, dass es nicht so ist.
Die Wahrheit sieht so aus, dass man in unseren Kreisen genau weiß, worauf man sich einlässt, und das schon von klein auf. Wenn man sich dazu entschließt, in die Geschäfte der Familie, und meistens sind es Familiengeschäfte, einzusteigen, weiß man es.
Man ist so aufgewachsen und weiß es einfach.
Und genauso wusste es auch der Mann, der nun tot in der Gasse vor mir liegt. Zwei Kugeln aus meiner Waffe haben ihn niedergestreckt und dafür gesorgt, dass er keinen Atemzug mehr tun kann.
Er hat gedacht, dass er mich unter Kontrolle bekommen kann, indem er mir droht. Er hat wirklich gedacht, dass ich mich wirklich darauf einlasse. Dabei weiß jeder, der mich kennt, dass genau dies nicht der Fall ist. Um genau zu sein, gab es bis jetzt nur eine Person, die es geschafft hat, mich wenigstens einigermaßen unter Kontrolle zu behalten und mich ruhiger werden ließ. Bei dieser Person stehe ich nicht ständig unter Strom.
Doch diesen Gedanken wische ich schnell wieder zur Seite. Ich will mich jetzt nicht damit beschäftigen.
„Meinst du, dass das wirklich so eine gute Idee war?“, erkundigt sich Taylor, einer meiner jüngeren Brüder, und sieht mich abwartend an.
Ich hingegen beachte ihn überhaupt nicht. Stattdessen starre ich auf die Leiche, die vor mir liegt. Um den leblosen Körper hat sich eine Blutlache gebildet, die sich mit dem Regen vermischt, der seit einer Ewigkeit auf uns fällt.
„Nun werden wir nicht mehr erfahren, wegen wem wir eigentlich hier sind“, erklärt mein zweiter jüngerer Bruder Brad.
Langsam hebe ich meinen Kopf und sehe die beiden an. Sie und ein paar unserer Männer haben sich um mich herum versammelt. Sie warten darauf, dass ich ihnen sage, was sie als Nächstes tun sollen. Doch da gibt es nichts.
„Er hat es herausgefordert und ich hatte keine Lust zu spielen“, erkläre ich und zucke gleichgültig mit den Schultern.
Mir ist bewusst, dass meine Brüder nicht sehr froh darüber sind. Allerdings habe ich es wirklich auf die ruhige Art versucht, etwas von ihm zu erfahren. Er hat mich jedoch nur an der Nase herumgeführt und mich verhöhnt. Und das ist etwas, was ich mir nicht gefallen lasse.
Es ist nicht das erste Mal, dass ich jemanden umgebracht habe. Und auch jetzt hatte es einen guten Grund. Es ist ein Warnschuss an alle da draußen die meinen, dass sie sich mit mir und meiner Familie anlegen können. Denn wenn sie mich schon für skrupellos halten, sollten sie besser keine Begegnung mit meinem Vater machen.
Taylor geht ein paar Schritte an mir vorbei und sieht sich dabei in alle Richtungen um.
Wir befinden uns in einer dunklen Seitenstraße in einem Gewerbegebiet. Mal abgesehen von Lagerhäusern, Handwerksfirmen und Dunkelheit gibt es hier nichts.
Ich lasse meinen Blick über die uns umgebenden Gebäude wandern. Allerdings weiß ich selber nicht so genau, wonach ich eigentlich Ausschau halte. Ganz davon abgesehen kann ich dort auch nichts erkennen.
„Was sollen wir mit ihm machen?“, erkundigt sich Brad nach einer kurzen Zeit.
„Schafft ihn weg. Solange ich nicht weiß, was hier los ist, will ich nicht, dass die Polizei darauf aufmerksam wird, was passiert ist. Der Regen wird dafür sorgen, dass das Blut verschwindet.“
Ich knurre die Worte mehr, als das ich sie wirklich ausspreche. Doch ich lasse keinen Zweifel daran, dass ich wütend bin.
Mir ist bewusst, dass mir hier jemand eine Falle stellen wollte. Allerdings habe ich keine Ahnung, wer es war, oder warum er es wollte. Und von diesem Typen habe ich auch nichts in Erfahrung gebracht, was mir weiterhelfen kann. Es war eher das Gegenteil der Fall.
Er hat sich über mich und meine Familie lustig gemacht. Und als würde das noch nicht reichen, war er der Meinung, dass ich auch noch nach seiner Pfeife tanze.
Ein letztes Mal sehe ich meine Brüder wütend an, ehe ich mich umdrehe und zu meinem Wagen gehe. Meine Schritte sind energisch und lassen keinen Zweifel daran, dass meine Laune gerade nicht die Beste ist.
Nachdem ich mich hinter das Steuer meines Lincoln gesetzt habe, ziehe ich mein Handy aus der Hosentasche und werfe einen Blick auf das Display. Bereits in der nächsten Sekunde gebe ich einen frustrierten Ton von mir, da ich keine Nachricht von ihr bekommen habe.
Sauer werfe ich mein Handy auf den Beifahrersitz und gebe Gas.
1
Cody
Mit einem lauten Warnton, den ich in den letzten Jahren oft – zu oft - gehört habe, öffnen sich die Tore direkt vor meiner Nase. Jeder andere wäre wahrscheinlich so nervös gewesen, dass er hibbelig von einem Bein auf das andere gesprungen wäre. Doch dies ist bei mir nicht der Fall, was allerdings nicht heißt, dass ich mich nicht darauf freue, diesen Teil meines Lebens endlich hinter mir zu lassen und nach vorne zu sehen. Doch äußerlich bin ich ruhig und gefasst, so wie es meistens der Fall ist, wenn sich Leute um mich herum befinden, die nicht sehen sollen, was in mir vor sich geht.
Die Wärter, die um mich herum stehen und mich aufmerksam beobachten, denken wahrscheinlich, dass es mir egal ist, ob ich in Freiheit bin oder nicht, denke ich, als ich sie nacheinander betrachte.
Allerdings kann man mit Gewissheit sagen, dass ich in den letzten fünf Jahren mehr als genug Zeit hatte, um mich auf diesen Augenblick vorzubereiten. Dieses Geräusch war für mich alltäglich geworden, so wie es für andere der Fall ist, dass sie jeden Tag zur Arbeit gehen. Ich habe nur auf den Moment gewartet, in dem es für mich bestimmt war.
Der Gedanke an die Zeit, in der ich hier war, sorgt dafür, dass sich meine Hände zu Fäusten ballen. Sicher, aufgrund meiner Stellung war ich hier der Boss und hatte gewisse Freiheiten, von denen die anderen nur träumen konnten. Doch aus dem Gefängnis heraus kann man nicht die Geschäfte der Familie leiten. In diesem Fall hat es mich eindeutig zurückgeworfen.
In dieser Zeit hatte ich mir geschworen, nie wieder so einen Fehler zu machen, um kein zweites Mal hier zu landen.
Dies habe ich mir vorgenommen, nachdem für mich feststand, dass ich herausfinden werde, wer dafür verantwortlich ist und ihn ebenfalls umbringen werde.
In den letzten Jahren hatte ich Zeit genug, um mir dafür gleich mehrere Pläne zurechtzulegen.
Mein Glück war es, dass sie keine Leiche finden konnten, da meine Brüder sie haben verschwinden lassen. Sie hatten nur diese eine Zeugenaussage und keine Beweise, denke ich. Und das Blut ist vom Regen verschwunden.
„Hast du es dir anders überlegt und willst doch hier bleiben? Oder bist du noch nicht verschwunden, weil du Wurzeln geschlagen hast?“
Als die Stimme des Wärters an meine Ohren dringt, drehe ich mich in die entsprechende Richtung und grinse ihn dreckig an. Sein leises Lachen ertönt. Ich kann von Glück sagen, dass er keine Ahnung hat, was mir in den letzten Jahren ebenfalls mehrmals durch den Kopf gegangen ist.
Wahrscheinlich würden sie mich schon deswegen hier behalten.
„Ich bin mir sicher, dass ihr mich vermissen werdet“, stelle ich gelassen fest.
Augenblicklich erstirbt sein Lachen und sein Gesichtsausdruck wird ernst. Er weiß genauso gut wie ich, was ich damit meine.
Ich war der Einzige, der in den letzten Jahren die Insassen im Griff hatte und für Ruhe gesorgt hat.
„Hau ab, und sorge dafür, dass wir dich hier nicht so schnell wiedersehen“, fordert er mich schlecht gelaunt auf.
Während er spricht, verschränkt er die Arme vor seinem stämmigen Körper und nickt in die Richtung des geöffneten Tores.
Mir liegen ein paar Worte auf der Zunge, die ich ihm gerne entgegenschleudern würde. Allerdings weiß ich, wann es besser ist zu schweigen. Und das ist einer dieser wenigen Augenblicke in meinem Leben. Allerdings ändert das nichts daran, dass ich meine Hand hebe und ihm den Mittelfinger zeige.
Seine einzige Reaktion besteht darin, dass er laut lacht und so den Wunsch in mir weckt, ihm die Schnauze einzuhauen.
Aber so ist das Gefängnis. Dort haben die Wärter das letzte Wort, zumindest denken sie das, und wer nicht nach ihrer Pfeife tanzt, hat Pech gehabt. In den letzten Jahren habe ich jedoch bewiesen, dass dies meistens nicht der Fall war.
Ohne einen letzten Blick zurückzuwerfen, setze ich mich in Bewegung und gehe auf den riesigen Parkplatz, der sich auf der anderen Seite des Zaunes befindet. Dabei sehe ich mich kurz um, bis ich schließlich das entdecke, wonach ich Ausschau gehalten habe.
Meine Brüder stehen in einiger Entfernung und haben sich lässig an den schwarzen Durango Express gelehnt, der zu meinem Fuhrpark gehört. Er erinnert mich an das, was ich in den letzten Jahren am meisten vermisst habe. Normalerweise habe ich mich besser im Griff, doch jetzt sorgt die Erinnerung dafür, dass mir ein Stich versetzt wird.
Doch nun habe ich keine Zeit, um mich damit zu beschäftigen. Das muss warten, bis ich mich um einige Dinge gekümmert habe und ich dann endlich Zeit habe, mich darum zu kümmern, ohne abgelenkt zu werden.
Bei dem Anblick von Taylor und Brad werde ich von einer Wut erfasst, die ich bis jetzt nur selten verspürt habe. Diese richtet sich aber nicht gegen sie. Dieser Idiot, der mich an die Bullen verpfiffen hat und wegen dem ich die letzten Jahre in einer kleinen Zelle verbringen musste, hat wirklich gedacht, dass er damit durchkommt. Allerdings weiß ich, dass er bis jetzt keine Chance hatte, damit durchzukommen. Und ich habe auch nicht vor, ihm diese zu geben.
Doch das war nicht das einzige Problem, wegen dem ich mir den Kopf zerbrochen habe.
„Na, wie fühlt man sich, wenn man endlich wieder in Freiheit ist?“, erkundigt sich Brad, nachdem ich vor ihm stehen geblieben bin.
Dabei grinst er mich von einem Ohr bis zum anderen frech an. Ich habe mir bereits gedacht, dass er mich damit aufziehen würde. Doch meine Brüder wären nicht meine Brüder, wenn sie nichts von sich geben würden.
„Ich hätte da einen Vorschlag für dich. Bau scheiße und lass dich einsperren. Dann wirst du es herausfinden“, kontere ich.
Das heisere Lachen meines Bruders erfüllt die Ruhe des Parkplatzes, die um uns herum herrscht. Prüfend schaue ich ihn an.
Brad ist ungefähr einen Kopf kleiner als ich, was ihn aber nicht ungefährlicher macht. Sein Körper ist genauso durchtrainiert und bereit zu töten, wenn es darauf ankommt, wie meiner. Dieser Mann ist ein Killer, der keine Angst hat, sich die Hände dreckig zu machen.
Auch Taylor ist nicht anders. Er ist derjenige von uns, der nicht ganz soviel Interesse an den Geschäften unserer Familie hat, aber trotzdem kann ich mich jederzeit auf ihn verlassen. Wenn es hart auf hart kommt, geht er über Leichen um sich und die Leute zu schützen, die zu seiner Familie gehören.
„Es hätte nicht viel gefehlt und er wäre bei dir gelandet“, erklärt nun Taylor und sieht dabei in meine Richtung.
Überrascht sehe ich ihn an, bevor ich mich in die Richtung von Brad drehe.
„Was meint er damit?“, frage ich ihn und deute dabei mit dem Kopf auf Taylor.
Meine Stimme ist ruhig und gefasst. Doch jeder der mich kennt weiß, dass es in mir ganz anders aussieht.
„Er malt den Teufel an die Wand. Du kennst ihn doch.“
Skeptisch schaue ich ihn an, doch Brad grinst nur weiter.
„Sag es mir schon“, fordere ich ihn auf. Dabei lasse ich keinen Zweifel daran, dass ich es wissen will. Wenn er irgendeinen Mist gebaut hat, muss ich es wissen. Sollte es darauf ankommen, möchte ich nicht überrascht sein, sondern wissen, womit wir es zu tun haben.
„Ich bin anscheinend über mehrere rote Ampeln gefahren und habe die Geschwindigkeitsbegrenzung überschritten, mehrmals“, antwortet Brad schließlich doch und zuckt mit den Schultern, als wäre das nichts.
Seufzend fahre ich mir über den Nacken.
Dieser Mann ist eine Naturgewalt, die sich das nimmt und das macht, was sie will. Ihn kann man nur schwer unter Kontrolle bekommen und auch behalten kann. Das war schon immer so und es wird sich auch bestimmt nicht mehr ändern.
In diesem Punkt bin ich mir sicher.
Und normalerweise würde ich Brad sofort recht geben, eigentlich ist es keine große Sache. In diesem Moment sieht das aber ganz anders aus. Und eigentlich müsste er das auch wissen.
„Wir können es uns nicht leisten, dass du auch noch in den Bau musst. Hat Dad dir das nicht klargemacht?“, frage ich ihn streng und lasse ihn dabei keine Sekunde aus den Augen. „Es reicht schon, dass ich so lange weg war. Du weißt, dass wir nur stark sind, wenn wir alle an einem Strang ziehen. Manchmal gehört es dazu, dass man sich an die Gesetze hält.“
„Ja, Papa.“
An dem Ton, den Brad angeschlagen hat, kann ich erkennen, dass er diese Unterhaltung in der letzten Zeit wahrscheinlich öfters geführt hat.
Dennoch muss ich es ihm noch einmal sagen. Brad gerät sonst wahrscheinlich völlig außer Kontrolle und das ist das Letzte, was ich in der nächsten Zeit gebrauchen kann.
Im richtigen Augenblick werde ich ihn aber das machen lassen, was er will. Und das wissen alle. Doch jetzt habe ich andere Dinge im Kopf, sodass ich mir nicht auch noch darüber Gedanken machen kann.
„Und was hast du in der letzten Zeit getrieben?“, wende ich mich an Taylor, nachdem ich Brad noch einen warnenden Blick zugeworfen habe.
„Unser Musterjunge hat das Zeug, um Jahrgangsbester zu werden“, platzt es aus Brad heraus.
„Wirklich?“
Taylor war schon immer jemand gewesen, der mehr aus seinem Leben machen wollte, beziehungsweise etwas anderes. Das war schon so, als er noch in die Grundschule ging. Trotzdem hätte ich nie gedacht, dass mein Bruder seinen Weg so eisern verfolgt. Doch ich freue mich darüber.
Taylor nickt nur, ohne ein Wort darüber zu verlieren und schaut Brad kurz eisig an. Dann dreht er uns den Rücken zu, öffnet die Tür des Wagens und setzt sich auf den Beifahrersitz.
Ich kenne diese Gespräche zwischen den beiden. In gewisser Weise sind sie wie kleine Kinder, die man ständig voneinander trennen muss, damit sie sich nicht streiten und Ruhe herrscht. Wenn es aber darauf ankommt, sind die beiden ein unschlagbares Team. Dennoch habe ich gehofft, dass sich ihr Verhalten in den letzten Jahren wenigstens etwas geändert hat, natürlich zum positiven. Doch nun muss ich feststellen, dass Wünsche manchmal wirklich nur Wünsche bleiben und sich manche Dinge nicht ändern.
In gewisser Weise bin ich aber auch froh darüber. So kommt es mir vor, als hätte ich nicht sehr viel verpasst. Als wäre ich nicht so lange weg gewesen, wie ich es eigentlich war.
„Und was hast du jetzt vor?“, zieht Taylor mich aus meinen Gedanken, nachdem er mich eine Weile stumm betrachtet hat.
„Ich werde mich für die letzten Jahre rächen. Das hier werde ich nicht aus mir sitzen lassen“, knurre ich. „Wer auch immer dahinter steckt, er wird dafür bezahlen.“
Mein Bruder nickt und zeigt mir so, dass er mich versteht. An meiner Stelle würde es ihm nicht anders gehen, das weiß ich. Und genauso weiß ich, dass ich mich auf die beiden verlassen kann.
„Na los“, fordere ich ihn auf und setze mich hinter das Lenkrad.
Ich will keine Zeit verlieren, damit ich mich endlich um das kümmern kann, was für mich an erster Stelle steht!
2
Rachel
Mir ist schlecht.
So schlecht, dass ich am liebsten im Bett bleiben und mich unter meiner Decke verkriechen würde.
Schon den ganzen Tag habe ich ein merkwürdiges Gefühl in der Magengegend, welches ich einfach nicht loswerde. Wundern tut es mich aber nicht.
Mich würde es eher wundern, wenn es nicht so wäre.
In einer Stunde muss ich zum Abendessen bei meinen Eltern sein. Allerdings werde ich nicht alleine dort sein.
Nein, mein Bruder wird auch anwesend sein.
Alleine der Gedanke daran, dass er da sein wird, sorgt dafür, dass sich mein Magen schmerzhaft zusammenzieht und ich mich gerne übergeben würde. Doch es hilft alles nichts. Ich kann das Essen bei meinen Eltern nicht verschieden, oder irgendeine Ausrede vorbringen, warum ich nicht kommen konnte. Ich kann nur hoffen, dass ich ihm irgendwie aus dem Weg gehen kann. Denn leider kann ich den beiden nicht ewig ausweichen, auch wenn es in den letzten Wochen funktioniert hat.
Nur leider habe ich es so nicht geschafft, auch ihm aus dem Weg zu gehen, denke ich zähneknirschend, während ich mich fertig mache.
Als ich mir die Schuhe anziehe, verziehe ich bei jeder Bewegung das Gesicht vor Schmerzen. Es ist jetzt eine Woche her, dass ich mir diese Verletzungen zugezogen habe – keine Ahnung, wie ich es sonst bezeichnen soll. Doch sie schmerzen noch immer, als wäre es erst gestern gewesen. Vor allem der blaue Fleck, der sich auf meiner Hüfte befindet, springt mir jedes Mal sofort ins Auge, wenn ich mich ausziehe und einen Blick in den Spiegel werfe. Er ist riesig und besteht aus so leuchtenden Farben, dass ich froh darüber bin, dass man ihn an dieser Stelle nicht sehen kann.
Seufzend bleibe ich auf meinem Sofa sitzen und warte darauf, dass die Schmerztabletten, die ich vorhin genommen habe, endlich wirken. Auf diese Weise will ich verhindern, dass meine Eltern etwas mitbekommen, da ich mich kaum bewegen kann. Ich wüsste nämlich nicht, wie ich ihnen das erklären sollte.
Nach einigen Minuten stehe ich schließlich auf, greife nach meiner Tasche und den Schlüsseln und verlasse meine Wohnung.
Ich habe es nicht eilig, zu meinen Eltern zu kommen. Daher bin ich über jede rote Ampel froh, die sich auf meinem Weg befindet. Ich fahre sogar einen kleinen Umweg, um noch etwas Zeit zu bekommen. Dennoch kommt es mir so vor, als würde ihr Haus viel zu schnell vor mir erscheinen.
Ich habe mich immer darüber gefreut, hier zu sein. In den letzten Jahren ist diese Freude allerdings immer mehr verschwunden und ich bin ihnen aus dem Weg gegangen.
Einen Moment bleibe ich noch in meinem Wagen sitzen und betrachte es. Ich habe eine wunderbare Kindheit hier verbracht. Damals war noch alles in Ordnung und es gibt Zeiten da wünsche ich mir, dass es noch immer so ist.
Während ich versuche mich wieder ein wenig zu beruhigen, überlege ich mir schon eine Ausrede, wieso ich nicht lange bleiben kann. Auf diese Weise will ich verhindern, dass mein Bruder doch noch die Chance dazu bekommt, mit mir zu reden. Auf ein Gespräch mit ihm kann ich nämlich sehr gut verzichten.
Ein letztes Mal atme ich tief durch, ehe ich mich endlich dazu aufraffe, das Auto zu verlassen. Als ich durch den Vorgarten auf die Haustür zugehe, höre ich noch einmal in mich herein. Dabei stelle ich fest, dass die Tabletten endlich wirken und ich mich wieder so bewegen kann, als wäre nichts geschehen.
Und darüber bin ich froh. So muss ich mir keine Geschichte einfallen lassen. Ich will nicht, dass sie die Wahrheit erfahren.
Das dürfen sie niemals erfahren!
„Mein Kind“, begrüßt mich meine Mutter mit guter Laune und kommt mit großen Schritten auf mich zu, nachdem ich das Haus betreten habe.
In der nächsten Sekunde zieht sie mich für eine feste Umarmung an sich heran.
„Dich habe ich ja schon ewig nicht mehr zu Gesicht bekommen“, erklärt sie und sieht mich prüfend von oben bis unten an. Nichts entgeht ihr, daher versuche ich so gelassen wie möglich auf sie zu wirken. „Was hast du alles in der letzten Zeit gemacht? Du warst ja ganz schön beschäftigt.“
„Sie führt ihr eigenes Leben“, ertönt in der nächsten Sekunde die Stimme meines Vaters, bevor ich ihr antworten kann. „Da ist es nun einmal so, dass man nicht mehr soviel Zeit für seine Eltern hat.“
Kurz sehe ich ihn an und versuche herauszufinden, ob er deswegen sauer oder enttäuscht ist. Doch wenn ich ehrlich bin, macht er diesen Eindruck nicht auf mich. Stattdessen zwinkert er mir zu und bringt mich so dazu, das sich leise lache. Wenigstens für einen kurzen Moment kann ich so meine Probleme vergessen.
Nach dem Mist, der in der letzten Zeit geschehen ist, tut es gut. Gerne würde ich mich öfter so frei fühlen, wie es gerade der Fall ist. Doch das ist es nicht. Um genau zu sein, passiert das sogar sehr selten.
„Dein Bruder kommt auch gleich“, verkündet meine Mutter, nachdem sie sich von mir gelöst hat.
Daher bekommt sie nicht mit, dass ich erschrocken zusammenzucke. Mein Herz beginnt zu rasen und erneut wird mir schlecht.
Ich wusste, dass er auch hier sein wird, doch ich kann kein Geheimnis daraus machen, dass ich eigentlich keine Lust habe, ihm über den Weg zu laufen. Ich gebe zu, dass ich mich am liebsten auf der anderen Seite der Welt aufhalten würde.
„Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich habe ihm gesagt, dass ich heute keinen Streit zwischen euch will“, erklärt sie als Nächstes. „Ich bin mir also sicher, dass er sich zurückhalten wird.“
Für unsere Familie sieht es so aus, als würden wir uns einfach nicht verstehen und deswegen ständig aneinander geraten. Allerdings haben sie noch nicht einmal an der Oberfläche damit gekratzt. Und darüber bin ich froh, denn unsere Auseinandersetzungen gehen sehr viel tiefer.
Ich habe keine Ahnung, wie sie reagieren würden, wenn sie die Wahrheit wüssten. Doch ich weiß, dass es diese Sache nur noch schwieriger für mich machen würde. Und das ist etwas, worauf ich sehr gut verzichten kann. Je weniger darüber Bescheid wissen, was hier los ist, umso besser ist das für mich.
Dies ist auch der Grund dafür, dass ich seit Jahren den Mund halte und es einfach über mich ergehen lasse.
„Also, was hast du in den letzten Wochen gemacht?“, fragt sie ein zweites Mal und reißt mich so aus meinen Gedanken. Dabei bedeutet sie mir, dass ich ihr folgen soll.
Gemeinsam gehen wir in die Küche, wo ich mich an den gedeckten Tisch sinken lasse. In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken, während ich versuche eine geeignete Antwort zu finden. So leicht ist das allerdings nicht, da ich eigentlich nichts gemacht habe.
„Ich hatte auf der Arbeit viel zu tun“, gebe ich schließlich von mir. „Und dann habe ich mich viel mit meinen Freundinnen getroffen.“
Es ist gelogen, doch das muss sie nicht wissen. Die Hauptsache für mich ist, dass sie es mir glaubt.
„Wirklich, ich weiß überhaupt nicht, wieso du dich nicht mit Jason verstehst. Ihr seid beide Arbeitstiere, wie es Opa immer so schön gesagt hätte“, murmelt sie und schüttelt den Kopf. „Manchmal frage ich mich, ob ihr euch überhaupt ein freies Wochenende gönnt. Aber vielleicht ist das auch genau euer Problem.“
„Was meinst du?“ Ich mache kein Geheimnis daraus, dass ich keine Ahnung habe, wovon sie spricht.
„Ihr seid euch einfach zu ähnlich.“
Meine Mutter verzieht das Gesicht, als würde sie darüber nachdenken. Doch ich ziehe es vor, nicht weiter auf diesen Gedanken einzugehen.
„Ich mache meinen Job gerne“, gebe ich nur von mir und zucke mit den Schultern.
Einen Moment sieht sie mich nachdenklich an, bevor sie sich wieder auf das Essen konzentriert. Dennoch habe ich das Gefühl, als würde es da noch etwas geben, was sie zu diesem Thema von sich geben will.
„Und was war bei euch los?“, erkundige ich mich, bevor sie es sich anders überlegt und ihr Schweigen bricht.
Die nächsten Minuten berichtet meine Mutter mir, was in der bei ihr und Dad passiert ist. Allerdings ist es nicht ganz so viel, wie ich von ausgegangen bin. Die meiste Zeit sind die beiden auf der Arbeit beziehungsweise mit dem Ausbau des Dachbodens beschäftigt, aus dem sie eine Art Hobbyraum für die Modellautos meines Vaters machen wollen.
Ich bin so sehr auf die Unterhaltung mit ihr konzentriert, das sich erschrocken zusammenzucke, als ich plötzlich die Stimme meines Bruders dicht hinter mir wahrnehme. Langsam drehe ich mich um und stelle fest, dass er mich keine Sekunde aus den Augen lässt. Dann wendet er sich jedoch von mir ab und begrüßt unsere Mutter, als wäre nichts.
Ich brauche ein paar Sekunden, bis ich mich wieder im Griff habe, doch dann schaffe ich es, mir meinen Ärger nicht anmerken zu lassen.
Während des Essens spüre ich die ganze Zeit seinen Blick auf mir. Mir ist bewusst, dass ihn unsere letzte Unterhaltung nicht gefällt, doch es ist mir egal. An meiner Meinung wird sich nichts ändern. Dieses Mal werde ich standhaft bleiben!
Ich versuche mich auf das Gespräch zu konzentrieren, das um mich herumgeführt werden. Doch ich schaffe es nicht. Dies geht soweit, bis ich nicht einmal mehr in der Lage bin, am Tisch sitzen zu bleiben.
Plötzlich packt der Fluchtinstinkt mich, den ich nicht mehr unter Kontrolle behalten kann.
„Ich bin gleich wieder da“, verkünde ich und stehe so energisch auf, dass der Stuhl mit einem scharfen Ton über die Fliesen rutscht.
Als ich den überraschten Blick meiner Mutter erkenne, merke ich, dass es vielleicht etwas zu energisch war, doch darum kann ich mich jetzt nicht kümmern. Ohne sie ein letztes Mal anzusehen oder noch etwas zu sagen, verlasse ich die Küche und gehe ins Bad. Ich habe nur noch den Wunsch von hier zu verschwinden und soviel Abstand wie möglich zwischen Jason und mich zu bringen. Doch gerade muss ich mich damit begnügen, das Zimmer zu verlassen.
Nachdem ich die Tür des Badezimmers hinter mir abgeschlossen habe, lasse ich mich dagegen sinken.
Einige Sekunden stehe ich dort, habe die Augen geschlossen und versuche mein wild schlagendes Herz wieder unter Kontrolle zu bekommen. Erst dann gehe ich zum Waschbecken und werfe einen Blick in den Spiegel.
Ich bin blass im Gesicht, sodass es mich nicht wundert, dass meine Mutter mich so angesehen hat. Außerdem zittert mein gesamter Körper.
Wahrscheinlich wird sie mir nachher noch einmal sagen, dass ich mal Urlaub machen soll, denke ich.
Und das würde ich gerne, allerdings ist auch das nicht so einfach, wie sie es sich vielleicht denkt.
Da ich nicht ewig im Bad bleiben kann, schiebe ich das schnell wieder zur Seite und sammle mich. Erst als ich mir sicher bin, dass ich nicht jeden Augenblick etwas machen werde, was ich wahrscheinlich bereuen werde, gehe ich wieder hinaus. Doch kaum habe ich die Tür geöffnet, bereue ich es bereits wieder.
Nur wenige Zentimeter von mir entfernt steht mein Bruder und sieht mich von oben bis unten an.
„Du solltest mehr schlafen. Schließlich hast du bald eine wichtige Verabredung“, stellt er dann fest.
Ein hinterhältiges Grinsen hat sich auf seinem Gesicht breit gemacht, während seine Worte langsam bei mir ankommen.
„Ich habe dir schon einmal gesagt, dass ich diesen Termin nicht wahrnehmen werde“, kontere ich entschieden.
Ich lasse keinen Zweifel daran, dass ich es genauso meine, wie ich es gesagt habe. Doch ich erkenne auch, dass er nicht zufrieden mit meiner Antwort ist. Um genau zu sein, spannen sich seine Muskeln an und seine Lippen bilden nur noch eine dünne Linie. Mir ist bewusst, dass er wütend ist und leider weiß ich auch, was nun kommen wird.
Bevor ich die Chance habe, einen Schritt nach hinten zu gehen, umgreift er fest meinen Arm und zieht mich hinter sich her in das Arbeitszimmer unseres Vaters. Nachdem er leise die Tür hinter sich geschlossen hat, baut er sich bedrohlich vor mir auf.
Und dann spüre ich nur noch, wie seine Hand in meinem Gesicht landet.
Der Schlag ist so fest, dass mein Kopf zur Seite fliegt. Sofort gehe ich ein wenig in die Knie und fasse ich mir an die Stelle, an der er mich getroffen hat. Ich spüre das Brennen, welches von ihr ausgeht. Mir schießen die Tränen in die Augen, doch ich halte mich zurück. Ich will ihm nicht diese Macht über mich geben.
„Ich habe eigentlich gedacht, dass wir das schon ausführlich geklärt haben“, brummt er. „Du machst, was ich sage und wann ich es sage. In den letzten Jahren hat es doch auch funktioniert. Ich verstehe nicht, wieso du jetzt so ein Drama deswegen machst. Dieser Mann ist ein sehr einflussreicher Geschäftspartner von mir und er würde gerne meine Schwester kennenlernen. Ich rate dir, diesen Job ordentlich zu erledigen. Es geht für mich um eine Menge Geld.“
„Bitte“, flehe ich ihn an.
Meine Stimme ist brüchig, da ich versuche, die Tränen für mich zu behalten.
Sein heiseres Lachen ertönt und zeigt mir, dass es ihn nicht interessiert. In der nächsten Sekunde greift er nach meinem Kinn und hält es fest, sodass ich ihm nicht ausweichen kann.
Nun läuft mir doch eine einzelne Träne über die Wange bis zu meinem Kinn.
„Ich habe dir bereits beim letzten Mal gesagt, dass es mir egal ist. Es wird Konsequenzen haben, wenn du dich nicht an meine Anweisungen hältst. Und du kannst mir glauben, dass du das nicht erleben willst.“
Einige Sekunden starrt er mich finster an, ehe er mich so ruckartig wieder freigibt, dass ich nach hinten stolpere.
„Und jetzt wirst du nach Hause fahren und dich ins Bett legen. Schließlich will ich mir nicht anhören müssen, dass ich meine Schwester nicht gut behandle. Bei den anderen Mädchen wäre mir das egal. Wenn ich diesen Vorwurf allerdings bezüglich meiner Schwester bekomme, ist das doch etwas anderes.“
Ich kann nicht verhindern, dass ich ihn mit zusammen gekniffenen Augen ansehe.
„Das wirst du früher oder später dir aber anhören müssen“, flüstere ich.
Ich habe keine Ahnung, woher ich den Mut nehme, ihm diese Worte gerade entgegenzuschleudern, doch ich bin froh darüber, dass ich ihn habe.
„Wenn du nicht willst, dass ich dir noch eine scheuere, was ich sofort machen würde, hältst du jetzt den Mund und fährst nach Hause. Und ich hoffe, dass du wieder etwas Farbe im Gesicht hast, wenn du noch ein paar Stunden im Bett verbracht hast. Nicht, dass du krank wirst. Das könnte ich gerade überhaupt nicht gebrauchen.“
Nachdenklich betrachtet er mich.
„Ich muss mich noch von Mom und Dad verabschieden“, erkläre ich ihm.
„Oh nein, die beiden sollen dich so nicht zu Gesicht bekommen. Das würde nur weitere Fragen aufwerfen. Ich werde ihnen einfach sagen, dass es dir nicht gut ging und du deswegen schon gefahren bist.“
Mit diesen Worten macht er Platz, sodass ich das Zimmer wieder verlassen kann. Einerseits bin ich froh darüber, dass er mich bei ihnen entschuldigen wird. Andererseits würde ich ihnen gerne endlich die Wahrheit sagen. Doch ich schaffe es nicht, diese Worte in ihrer Gegenwart auszusprechen.
Als ich endlich in meinem Wagen sitze und mich ein wenig von dem Haus entfernt habe, bleibe ich stehen und lasse meinen Tränen freien Lauf. Meine Wange brennt noch immer und mittlerweile hat sich dort ein roter Fleck gebildet, der nicht zu übersehen ist.
Ich kann nicht in Worte fassen, wie sehr ich meinen Bruder hasse. Seit Jahren zwingt er mich schon dazu, dass ich seinen Geschäftspartnern zur Verfügung stehe und sie alles mit mir machen lasse, was sie wollen.
Würden andere von dieser Geschichte hören, würden sie wahrscheinlich sagen, dass ich einfach zur Polizei gehen soll. Doch ich weiß, was mit den Frauen passiert ist, die genau diesen Schritt gegangen sind.
Man hat sie tot in irgendeiner Gasse aufgefunden!
3
Cody
„Macht euch fertig“, verkünde ich, als ich die Küche betrete.
Das Dienstmädchen, welches für meine Eltern arbeitet, sieht zu mir, wendet jedoch sofort wieder den Blick ab, als ihr bewusst wird, dass mir ihr Blick nicht entgangen ist. Mir ist klar, dass sie scharf auf mich ist. Das war sie schon, bevor ich in den Knast gekommen bin.
Unter normalen Umständen hätte ich sie mir auch in den letzten Jahren einmal vorgenommen und ihren Wunsch erfüllt. Ich hätte sie wissen lassen, dass sie nie mehr als meine Angestellte sein wird. Und sie hätte es genossen.
Doch erst gab es da diese Frau, die ich nicht mehr aus dem Kopf bekommen habe, und dann wurde ich weggesperrt. Und jetzt habe ich wichtigere Dinge zu tun, als mich um sie zu kümmern. Ganz davon abgesehen gibt es da noch immer diese Frau in meinem Leben, auch wenn sie es noch nicht weiß.
„Wo fahren wir hin?“, erkundigt sich Taylor und sieht mich hochgezogenen Augenbrauen an.
„Wir werden Kane einen Besuch abstatten“, erkläre ich mit angespannten Muskeln. „Ich habe so das Gefühl, als wäre es an der Zeit, dass ich ein Wörtchen mit ihm wechsel. Er wird mir sicherlich helfen können“
Noch während ich spreche, macht sich ein breites und gleichzeitig auch teuflisches Grinsen auf meinem Gesicht breit.
Kane ist ein alter Schulfreund von mir. Doch er ist viel mehr als das. Unter anderem führt er ein großes Exportunternehmen und pflegt Kontakte, die sich schon öfter als wertvoll herausgestellt haben. Seine Firma nicht nur dazu, Drogen und Waffen ins Land zu bringen, sondern auch zur Geldwäsche.
Ich gebe zu, dass ich in den letzten Jahren enttäuscht darüber war, dass er mich nicht ein einziges Mal im Gefängnis besucht hat. Von ihm habe ich definitiv mehr erwartet. Doch ich weiß, wieso er es nicht getan hat.
Er geht davon aus, dass ich nicht mehr an der Spitze stehe und nichts mehr zu melden habe, nur weil ich die letzten Jahre hinter dicken Mauern verbracht habe. Zu dieser Annahme kann er jedoch nur gekommen sein, wenn es da irgendwo einen anderen Mann gibt, der diesen Posten für sich beansprucht. In der Vergangenheit habe ich ihm nämlich oft genug klargemacht, dass ich es bin, dass es meine Familie ist, die die Macht haben.
Allerdings haben weder mein Vater, noch meine Brüder etwas in diese Richtung gehört. Ich habe keinen Zweifel daran, dass sie es mir sofort gesagt hätten. Und das kann nur bedeuten, dass derjenige, wer auch immer es ist, sich hinter einer Reihe von Leuten versteckt.
„Er wird überrascht sein, dass du an deinem ersten Tag ausgerechnet ihn besuchst.“ Brad lässt mich keine Sekunde aus den Augen.
„Das will ich doch hoffen. Aber wir sind doch Freunde. Wieso sollte ich ihn da nicht besuchen? Außerdem will ich ihm klarmachen, dass ich noch immer an der Spitze stehe und daran sich auch nichts ändern wird. Er hingegen ist austauschbar. Das sind zwei Punkte, die er eindeutig nicht vergessen sollte.“
Um meine Worte zu unterstreichen, ziehe ich meine Waffe aus dem Hosenbund und entsichere sie. Meine Brüder wissen, dass ich bereit bin, diesen Schritt auch bei Kane zu gehen.
Es ist mir egal, dass wir gemeinsam zur Schule gegangen sind. Und genauso egal ist es mir auch, dass mein Vater und seiner befreundet waren, bevor seiner gestorben ist. Ich lasse nicht zu, dass jemand meint, er könnte meine Position einnehmen.
Sollte Kane mir also in den Rücken fallen, wird er es bereuen.
Kanes Firma befindet sich im Gewerbegebiet in Miami in der Nähe des Hafens. Schon von weitem kann man das riesige Gebäude und den noch viel größeren Platz erkennen, der dazu gehört. Er steht voll mit LKW´s und ein großes Schild auf dem Dach des Hauses weist daraufhin, was sich dort befindet, sodass man es überhaupt nicht übersehen kann, wenn man danach sucht.
Da ich ihm nicht die Gelegenheit geben wollte, sich irgendwelche Ausreden einfallen zu lassen, habe ich ihn nicht angerufen, seitdem ich entlassen wurde. Es wird also wirklich eine Überraschung für ihn. Sicher, er wird sich denken können, dass ich früher oder später bei ihm auf der Matte stehe, um ein paar Antworten zu verlangen. Doch er wird davon ausgehen, dass bis dahin noch einige Tage verstreichen werden, da ich mich wahrscheinlich erst um andere Sachen kümmern will.
Nachdem ich den Wagen vor seinem Büro geparkt habe, steige ich aus und betrete das Gebäude. Ohne seine Sekretärin zu beachten, gehe ich auf seine Bürotür zu. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass sie den Kopf hebt und etwas sagen will. Doch als sie mich erkennt, schließt sie ihren Mund schnell wieder und schweigt, was aber auch besser ist.
Ich habe sie noch nie begrüßt, ich kenne nicht einmal ihren Namen. Ich weiß nur, dass sie von Anfang an schon für Kane gearbeitet hat und dies wahrscheinlich auch noch ein paar Jahre wird. Und ich weiß, dass auch sie schon seit einer Ewigkeit auf der langen Liste der Frauen steht, die scharf auf mich sind. Allerdings gehört sie zu den Weibern, mit denen ich nicht einmal im Traum etwas anfangen würde.
Es liegt nicht daran, dass sie nicht gut aussieht. Das tut sie. Man könnte sie mit ihren langen blonden Haaren und ihren riesigen Brüsten für ein Pornosternchen halten und wenn ich ehrlich bin, habe ich auch schon einmal darüber nachgedacht, ob ich ihr diesen Vorschlag machen soll. Ich habe Kontakte, die ihr helfen und sie erfolgreich machen könnten. Doch ich ziehe es vor, wenn nicht zu viele Leute wissen, was ich mache. Allerdings habe ich mir nie vorgestellt, wie ich das mit ihr mache, was ich nur mit einer Frau mache.
„Ich muss sagen, dass sich in den letzten fünf Jahren hier nichts verändert hat“, begrüße ich Kane, nachdem ich die Tür hinter mir geschlossen habe.
Ich sehe mich in dem geräumigen Zimmer um, in welchem er sich eingerichtet hat. Die Einrichtung besteht nur aus den Farben schwarz und weiß. Alles sieht sehr elegant aus und erweckt in einem den Eindruck, als würde man nicht in dem Büro einer Spedition stehen.
Erschrocken sieht er von seinem Laptop auf, als er mich hört. Auf den ersten Blick erkenne ich, dass er überrascht ist und eigentlich nicht so genau weiß, wie er sich verhalten soll. Dies zeigt mir, dass er tatsächlich nicht gedacht hat, dass ich jetzt schon hier auftauche. Und das wiederum sorgt dafür, dass ich mir die Frage stelle, was er erwartet hat, wann ich hier auftauche.
Langsam nähere ich mich ihm. Dabei lasse ich ihn keine Sekunde aus den Augen. Er war schon ein paar Mal mit mir unterwegs, sodass er genau weiß, dass ich ein Ziel habe, welches ich auch erreichen werde.
„Cody“, stellt er nüchtern fest.
„Wir haben uns schon ewig nicht mehr gesehen“, stelle ich fest und lasse mich in den Stuhl sinken, der seinem gegenüber steht.
„Ich hatte einiges zu tun.“
Sein aufmerksamer Blick ruht auf mir. Er versucht herauszufinden, wieso ich hier bin. Und ich gebe zu, dass ich dieses Spielchen genieße. Doch genauso bin ich mir darüber bewusst, dass er einen Verdacht hat.
„Das habe ich gemerkt“, kontere ich nur.
Einige Sekunden betrachtet er mich abwartend. Mir ist bewusst, dass er darauf wartet, dass ich noch mehr von mir gebe. Stattdessen lasse ich ihn ein wenig zappeln. Dabei kann ich erkennen, dass er immer unruhiger wird.
„Ich dachte mir, dass wir vielleicht über ein paar Dinge sprechen sollten“, stelle ich schließlich fest. „Ich gehe davon aus, dass es einen Grund dafür gibt, dass du dich nicht ein einziges Mal im Gefängnis hast blicken lassen. Eigentlich sollte ich traurig darüber sein. Wir sind doch Freunde. Müsste ich raten, würde ich sagen, dass dieser Grund nicht deine Arbeit war.“
Ich lehne mich ein Stück nach vorne und stütze mich auf meinen Oberschenkeln ab.
Während ich spreche, lasse ich ihn keine Sekunde aus den Augen. Daher bekomme ich jede Reaktion auf meine Worte genau mit. Er zuckt zusammen und scheint sich innerlich zu winden. Doch darüber freue ich mich. Es ist genau das, was ich beabsichtigt habe. So zeigt er mir, dass er irgendetwas weiß.
„Wer ist er?“, frage ich geradeheraus.
„Wen meinst du?“
An seiner angespannten Körperhaltung erkenne ich, dass er genau weiß, wovon ich spreche. Dennoch versucht er es weiterzutreiben und so zu tun, als hätte er keine Ahnung.
„Wir können uns jetzt eine Ewigkeit über dieses Thema unterhalten“, stelle ich seelenruhig fest. „Oder du sagst mir einfach, was ich wissen will, ich verschwinde wieder und du kannst deine Geschäfte weiterführen.“
Ich lasse keinen Zweifel daran, dass ich es genauso meine, wie ich es gesagt habe. Sein Blick ist abschätzend, doch das habe ich nicht anders erwartet. Er versucht herauszufinden, wie weit ich gehen werde, um an die Informationen zu kommen, die ich von ihm haben will. Allerdings sorgt er so eher dafür, dass mir der eh schon dünne Geduldsfaden reißt.
„Irgendwo gibt es da anscheinend einen Mann, der die Meinung vertritt, dass er mir meinen Posten abnehmen kann. Er glaubt anscheinend, dass er mich ein paar Jahre wegsperrt und dafür nun an der Macht steht. Dabei befinde ich mich noch immer an der Spitze und ich habe auch nicht vor, von dort zu verschwinden. Hättest du mich in den letzten Jahren einmal gesehen, wüsstest du das.“
Ich lasse ihn nicht eine Sekunde in Ruhe. Ich will einen Namen wissen, damit ich mich um diese Angelegenheit kümmern kann.
„Du weißt es und ich weiß es. Scheiße, jeder, der dich kennt, weiß es“, gibt Kane schließlich von sich. Dabei hat er den Kiefer angespannt und gibt mir so zu verstehen, dass er nicht glücklich darüber ist. „Ja, da gibt es einen Mann, der in den letzten Jahren versucht hat, dir genau diese Position streitig zu machen. Allerdings kenne ich keinen Namen, dabei habe ich versucht, ihn in Erfahrung zu bringen.“
Nachdenklich sehe ich ihn an. Ich glaube ihm, er hat keinen Grund mich anzulügen.
„Gut“, gebe ich schließlich von mir und lasse mich wieder nach hinten sinken. „Wir werden jetzt folgendes machen.“
Ich sehe ihm an, dass er sich nicht wohl in seiner Haut fühlt. Auch wenn wir schon seit Jahren Freunde sind, weiß er, zu was ich in der Lage bin. Und ja, auch vor ihm würde ich nicht Halt machen. Denn meine Familie steht über meinen Freunden. Und daran wird sich auch nichts ändern.
„Du wirst deine Bemühungen, herauszufinden, wer es ist, noch verstärken. Wenn es jemanden gibt, der es herausbekommen kann, bist du es“, knurre ich.
Ich dulde keinen Widerspruch und das weiß er auch. Aus diesem Grund sieht er auch nicht sehr glücklich aus, nachdem ich ausgesprochen habe.
„Du weißt, dass das nicht einfach ist“, gibt er zu bedenken.
„Das ist mir egal. Irgendjemand versucht, meinen Standpunkt anzufechten, wenn du es so nennen willst. Du wirst sicherlich verstehen, dass ich mich gerne einmal persönlich mit ihm unterhalten würde.“
Ich lege eine kleine Pause ein, während ich ihn nicht aus den Augen lasse.
„Das ist deine Gelegenheit zu zeigen, auf welcher Seite du stehst. Denn entweder bist du für mich oder gegen mich. Solltest du allerdings gegen mich sein, wird das nicht gut für dich enden.“
Mit diesen Worten stehe ich auf und ziehe meine Waffe aus dem Hosenbund. Langsam lege ich sie zwischen uns auf dem Schreibtisch ab. So gebe ich ihm zu verstehen, dass ich mich nicht zurückhalten werde.
Kane bekommt große Augen, ehe er mich wieder ansieht.
„Ich werde es versuchen“, stellt er schließlich fest. Dabei höre ich jedoch die Angst, die von ihm ausgeht und weiß, dass ich ihn da habe, wo er sein soll.
„Das wollte ich hören. Ruf mich an, wenn du etwas erfahren hast“, gebe ich von mir.
Kaum habe ich ausgesprochen, stecke ich die Waffe wieder weg und verlasse sein Büro.
Ich habe keine Ahnung, ob ich mich wirklich darauf verlassen kann, dass er mir helfen wird. Es besteht durchaus die Chance, dass er nun zu diesem Typen gehen wird, um ihn zu warnen. Doch ich muss dieses Risiko eingehen. Dennoch werde ich Kane im Auge behalten. Denn nur so kann ich sichergehen, dass er auch macht, was ich ihm aufgetragen habe.
Und vor allem muss ich sichergehen, dass er mir dann auch sagt, wer er ist.
Sollte er es nicht machen, wird er dafür bezahlen.
4
Rachel
Als ich am nächsten Tag von der Arbeit nach Hause gehe, fühle ich mich einfach nur beschissen. Ich habe Magenschmerzen und komme mir vor, als hätte ich eine Grippe. Und das ist noch untertrieben.
In der letzten Nacht habe ich kaum geschlafen. Ich habe mich von einer Seite auf die andere gedreht und versucht einen Ausweg zu finden. Doch die Wahrheit sieht so aus, dass es keinen gibt. Auf jeden Fall keinen, den ich nicht mit meinem Leben bezahlen würde.
Irgendwann habe ich den Versuch aufgegeben und stattdessen gehofft, dass dieses Treffen schnell vorbeigeht.
Heute ist der Abend, dem ich nicht entkommen kann. Und leider ist mir das durchaus bewusst. Heute muss ich mich mit dem Geschäftspartner meines Bruders treffen, um ihm ein paar schöne Stunden zu bereiten!
Alleine bei dem Gedanken daran wird mir schlecht. Mein Magen dreht sich um und es wird auch nicht besser, wenn ich mir vor Augen halte, dass es nicht ewig dauern wird. Denn ich weiß, dass er bereits den nächsten Mann für mich hat. Er hat es zwar noch nicht gesagt, aber ich stecke mittlerweile lange genug in dieser Geschichte, um es zu wissen.
„Scheiße“, fluche ich ein wenig zu laut, sodass ein paar der Leute, die sich um mich herum befinden, sich zu mir umdrehen.
Kurz werfe ich ihnen einen entschuldigenden Blick zu, bevor ich weiter gehe. Dabei versuche ich meine Umwelt so gut es geht auszublenden.
Doch es dauert nur wenige Sekunden, bis ich erneut ruckartig stehen bleibe. Dieses Mal jedoch aus einem anderen Grund.
Einige Sekunden starre ich auf die Stelle, die sich nur wenige Meter von mir entfernt befindet. Für einen kurzen Moment kommt es mir so vor, als würde ich träumen. Doch ich weiß, dass es nicht so ist.
Ich entdecke den Mann, den ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe. Ich habe oft an ihn gedacht, das gebe ich zu. Und mindestens genauso oft habe ich mir gewünscht, dass er bei mir ist. Allerdings habe ich nicht damit gerechnet, dass ich ihn noch einmal wiedersehe.
Cody unterhält sich mit seinem Bruder Taylor. Da ich nicht weiß, wie ich mich verhalten soll, bleibe ich kurz stehen und beobachte sie.
Ich muss zugeben, dass er noch immer heiß ist. Das war er früher schon und das Gefängnis, in dem er die letzten Jahre verbracht hat, hat nichts daran geändert.
Ich weiß nicht, wieso er dort war. Ein paar Mal habe ich seine Brüder danach gefragt, wenn sie mir über den Weg gelaufen sind. Allerdings haben sie kein Wort darüber verloren. Sie haben nicht einmal irgendwelche Andeutungen gemacht, was mich frustriert hat.
Aber vielleicht ist es auch besser, dass ich es nie erfahren habe.
Für einen kurzen Moment frage ich mich, ob ich mich nicht einfach umdrehen und einen Umweg gehen soll. Dies würde bedeuten, dass ich es noch länger dauert, bis ich endlich in meiner Wohnung bin und die Tür hinter mir schließen kann. Dabei habe ich es überhaupt nicht eilig, dort zu sein. Gerade kommt es mir so vor, als wäre meine Wohnung nur eine Zwischenstation.
Allerdings beschließe ich, dass es kindisch und total bescheuert wäre.
Doch das ändert nichts daran, dass ich Angst habe. Es ist eine Weile her, dass ich ihn das letzte Mal gesehen habe. Und da haben wir uns nicht im Guten getrennt. Wir hatten uns gestritten, weil er mir nicht sagen wollte, was in seinem Leben los ist. Er hat immer wieder betont, dass ich ein Teil seines Lebens bin. Allerdings hat er mich nie so behandelt und das wollte ich an diesem Abend ändern.
Bis zu diesem Moment war ich davon ausgegangen, dass er mir vertraut. Diese Unterhaltung hatte mir jedoch das Gegenteil gezeigt. Mir wurde klar, dass er mir nicht vertraut. Und ehrlich gesagt habe ich mich sogar gefragt, ob er das jemals hat.
Daher habe ich nun Angst davor, was passiert, wenn er mich bemerkt.
Bevor ich eine Lösung für mein Problem, falls man es so nennen will, finden kann, dreht er sich in meine Richtung und setzt sich in Bewegung. Doch es dauert nur den Bruchteil einer Sekunde, bis er auf mich aufmerksam wird. Ein wenig kommt es mir so vor, als würde er genau wissen, dass ich hier stehe, was aber nicht sein kann.
Seine Augen sind direkt auf mich gerichtet und ein sanftes Lächeln erscheint auf seinem Gesicht.
Es kommt mir so vor, als würden wir hier alleine stehen. Schnell rufe ich mir in Erinnerung, dass wir umgeben sich von Menschen und seinem Bruder, doch auch das bringt nichts. Er hat mich sofort in seinen Bann gezogen und ich schaffe es nicht, mich daraus zu befreien.
Einige Sekunden vergehen noch, bis er auf mich zukommt.
Mein Herz rast wie verrückt, während ich nach einem Ausweg suche. Schon damals hat er mir diese Reaktion entlockt. Ihm konnte ich noch nie entkommen.
Erneut gehe ich unsere letzte Unterhaltung durch, doch auch das hilft mir jetzt nicht.
Dicht vor mir, sodass uns nur noch wenige Zentimeter trennen, bleibt er schließlich stehen, beugt sich nach unten und küsst mich sanft auf die Wange. Automatisch schließe ich die Augen, so sehr genieße ich die Berührung. Mir ist bewusst, dass es falsch ist, doch ich kann es auch nicht verhindern.
Bis jetzt bin ich davon ausgegangen, dass ich das nie wieder spüren werde. Umso mehr zieht es mich nun aus meiner Bahn.
Als er sich von mir löst, öffne ich sie wieder und sehe direkt in seine. Ich erkenne den aufmerksamen Blick, mit dem er mich betrachtet. Es ist der gleiche Blick, mit dem er mich damals schon immer angesehen hat. Daher weiß ich, dass ihm nichts entgeht.
Für einen Moment ist es so, als hätte sich nichts zwischen uns geändert. Als hätte es diese fünf Jahre und diesen Streit nicht gegeben. Ich spüre noch immer diese Verbindung zwischen uns, die es auch damals schon zwischen uns gab. Doch darauf kann ich mich jetzt nicht konzentrieren.
Seine Blicke bleiben an den Prellungen hängen, die sich an meinen Armen befinden. Da ich ein Shirt trage, sind sie nicht zu übersehen. Da meine Kollegen denken, dass ich ein Trampel bin, fragen sie schon gar nicht mehr. Allerdings bin ich mir sicher, dass es bei ihm nicht so ablaufen wird.
Langsam hebt er seine Hände und streicht vorsichtig darüber, sodass sich eine Gänsehaut auf meinem Körper bildet.
Schon damals konnte ich meine wahren Gefühle nicht vor ihm verheimlichen. Von der ersten Sekunde an war ich ein offenes Buch für ihn. Schon damals wusste er, wenn etwas nicht mit mir stimmt. Und in diesem Moment weiß ich, dass sich nichts daran geändert hat.
Ich kann mich nicht vor ihm verstecken.
„Wie ich sehe, bist du wieder auf freiem Fuß“, stelle ich also fest. In mir macht sich die Hoffnung breit, dass ich so dafür sorgen kann, dass er sich nicht weiter damit beschäftigt.
„Wer war das?“, fragt er und zeigt mir so, dass ich gar nicht erst versuchen muss, ihn abzulenken.
Langsam senke ich meine Augen und begutachte die Stellen ebenfalls, über die er streicht. In diesem Moment bin ich froh, dass er nur das sieht, was ich nicht unter Kleidung verborgen habe. Und das reicht anscheinend schon aus, dass er wütend wird.
Ich sehe, wie sich seine Muskeln anspannen. Ich schlucke und versuche so den Kloß aus meinem Hals zu entfernen, der sich dort gebildet hat. Das gelingt mir jedoch nicht.
„Du weißt, dass ich schnell blaue Flecke bekomme“, gebe ich nur von mir.
Dies war damals schon meine Ausrede, wenn mein Bruder wieder zugeschlagen hat. Und das ist leider öfter passiert, als es gut für mich war. Er hat mich zwar noch nicht dazu gezwungen den Job zu machen, den ich jetzt mache. Auf mich abgesehen hatte er es aber schon.
„Rachel, wer war das?“
Seine Stimme ist nicht mehr, als ein Knurren. Ich spüre die Wut, die von ihm ausgeht. Allerdings habe ich keine Angst vor ihm. Mein Verstand sagt mir, dass er mir nie etwas antun würde. Ich habe ihm schon damals vertraut und das tue ich auch jetzt noch. Dabei ist es egal, was zwischen uns vorgefallen ist.
Doch ich kann es ihm nicht sagen.
Ich habe nämlich keine Ahnung, was geschehen wird, sobald er die Wahrheit weiß. Und genauso wie ich meine Eltern nicht mit in diese Geschichte ziehen will, will ich es auch bei ihm nicht.
„Es war schön, dich zu sehen. Aber ich muss jetzt los. Ich habe noch einen Termin, zu dem ich nicht zu spät kommen kann“, entgegne ich und sehe ihn dabei wieder an. Doch das hat nur zur Folge, dass es mir schwerfällt, diese Worte auch auszusprechen.
Am liebsten würde ich mich an ihn lehnen und diesen ganzen Mist vergessen, der mein Leben bestimmt. Doch ich kann es nicht. Ich kann es mir nicht leisten, Schwäche zu zeigen.
Bevor ich an ihm vorbeigehen kann, greift er nach meinem Handgelenk und hindert mich so daran. Sein Blick ist durchdringend und lässt mich atemlos zurück. So hat er mir schon damals gezeigt, was er für mich empfindet.
Die Vorstellung, dass es auch jetzt noch so ist, ist etwas, was ein warmes Gefühl in mir hervorruft. Doch schnell schiebe ich es wieder zur Seite. Es hilft mir hier jetzt nicht weiter.
Ein letztes Mal lächle ich ihn an, bevor ich verschwinde. Ich weiß, dass er mir nachsieht, bis ich in der Menschenmenge untergegangen bin. Und ich weiß nicht, ob ich froh darüber sein soll, oder nicht.
Cody war damals mein Fels. Wenn wir zusammen waren, konnte ich alles vergessen und habe mich nur noch auf ihn konzentriert. Ich habe nicht mehr an meinen Bruder gedacht. Ich konnte mich fallen lassen und ich selber sein.
In den letzten Minuten habe ich geschafft, es zu verdrängen. Doch kaum habe ich die Wohnungstür hinter mir geschlossen, suchen sich die Tränen einen Weg und laufen mir ungehindert über die Wange. Es ist egal, wie sehr ich es versuche, ich schaffe es einfach nicht, mich zu beruhigen.
Vor meinem inneren Auge habe ich wieder Bilder von der gemeinsamen Zeit mit Cody. Gerne hätte ich ihm damals gesagt, was in meinem Leben los war. Außerdem wüsste ich auch nicht, was er dagegen unternehmen sollte.
Gerade wünsche ich mir, dass er niemals verhaftet worden wäre. Ich will wieder zu unserem damaligen Leben zurück. Denn so verrückt es auch klingt, es war immer noch besser als das, was in den letzten Jahren alles geschehen ist.
Für einen Moment überlege ich mir, ob ich mich in meiner Wohnung einschließen soll. Ich könnte nie wieder rausgehen. Doch mir ist bewusst, dass das mein Problem nicht lösen wird, auch wenn ich keine andere Lösung habe.
Dennoch stehe ich schließlich wieder auf, straffe meine Schultern und mache mich fertig. Dabei hoffe ich, dass ich diesen Abend schnell und vor allem ohne größere Schäden hinter mich bringen kann. Und vor allem hoffe ich, dass ich diesen Mann danach nie wieder sehen muss.
Als ich zwei Stunden später bei dem vereinbarten Treffpunkt ankomme, zittere ich am ganzen Körper. Nach all diesen Jahren, in denen ich das jetzt schon mache, weiß ich sehr gut, was mich erwartet. Und das sorgt dafür, dass ich noch mehr zittere. Dabei sollte man eigentlich meinen, dass ich mir mittlerweile ein dickes Fell zugelegt habe.
„Ahhh, ich glaube, wir sind verabredet“, ertönt eine tiefe Stimme hinter mir, die mir sofort einen Schauder über den Rücken jagt.
Ich war so tief in meine Gedanken versunken, dass ich nicht gemerkt habe, wie sich mir jemand genähert hat, sodass ich nun erschrocken zusammenzucke. Schnell drehe ich mich herum und sehe, dass ein Mann vor mir steht, der mich mit einem schmierigen Grinsen auf den Lippen genau betrachtet.
Er ist groß und breit gebaut. Schon alleine seine Statur macht mir klar, dass er eindeutig stärker ist als ich. Sein Anzug ist zwar elegant und war sicherlich nicht billig, allerdings sagt mir mein Gefühl, dass er Dreck am Stecken hat.
Erneut wird mir schlecht, sodass ich froh darüber bin, dass ich heute noch nichts gegessen habe. Sonst würde sich mir jetzt wahrscheinlich der Magen umdrehen.
Mein Blick senkt sich, da ich nicht so genau wissen will, wie er mich betrachtet. In der Welt dieser Männer sind Frauen nur Fleisch. Ich habe auf die harte Tour lernen müssen, dass solche Männer sich das nehmen, was sie wollen. Und wenn man es ihnen nicht gibt, nimmt das kein schönes Ende.
„Sieh mich an“, fordert er mich auf.
Doch mein Blick bleibt stur auf den Boden gerichtet. Ich habe gelernt, dass ich diese Treffen seelisch nur überleben kann, wenn ich mich abgrenze. Und so gelingt mir das am besten.
„Ich habe gesagt, dass du mich ansehen sollst.“
Kaum hat er ausgesprochen, greift er nach meinem Kinn und hebt meinen Kopf brutal ein Stück nach oben.
„Du machst, was ich sage, wenn ich es sage. Habe ich mich klar ausgedrückt?“
Noch bevor ich irgendwie darauf reagieren kann, schlägt er mir mit der flachen Hand ins Gesicht. Er legt so eine Brutalität an den Tag, dass nicht nur mein Kopf zur Seite fliegt, sondern mein gesamter Körper. Ein scharfer Schmerz schießt durch meinen Körper, als ich auf dem Boden lande.
In der nächsten Sekunde zieht er mich auf die Beine und zieht mich zu seinem Wagen. All das geht so schnell, dass ich hinter ihm her stolpere.
Er setzt mich nicht auf den Beifahrersitz, sondern befördert mich auf die Rückbank, wo er sich zu mir setzt.
„Dann zeig mir doch mal, was du alles kannst.“
Mit diesen Worten öffnet er seine Hose und holt seinen bereits steifen Penis heraus.
Einen Moment betrachte ich ihn. Ich weiß, dass es gerade nur diesen einen Weg gibt, um wieder von hier zu verschwinden. Daher ergebe ich mich meinem Schicksal.
Langsam senke ich meinen Oberkörper und nehme seinen Schwanz in meinen Mund. Ich beginne ihn zu bearbeiten und mir dabei nicht anmerken zu lassen, wie sehr ich mich davor ekel.
Hart stößt er immer wieder in meinen Mund, sodass es nicht lange dauert, bis ich Tränen in den Augen habe. Doch ich weine nicht.
Es ist egal, wie billig und schmutzig ich mir in diesem Moment vorkomme, ich zeige ihm nicht, wie ich mich fühle. Ich bin mir sicher, dass es eh nichts bringen würde.
Er würde mir nur sagen, das sich damit aufhören soll, denke ich und mache weiter.
Es erscheint mir so, als würde es eine Ewigkeit dauern, bis er sich endlich anspannt und sich in mir ergießt. Langsam hebe ich meinen Kopf und sehe ihn an.
Ich erkenne die Kälte in seinen Augen und weiß, dass dieser Mann das komplette Gegenteil von Cody ist. Dieser hat mich nie so angesehen. Er hat mich von Anfang an mit Respekt behandelt. Und es war egal, wie sehr ich im Hintergrund war, ich wusste, dass ich mich immer auf ihn verlassen kann.
Die Erinnerung an ihn sorgt dafür, das sich nun doch weine. Schnell wische ich sie mir jedoch weg.
„Dein Bruder hat mir versprochen, dass du nicht so eine Heulsuse bist, wie die anderen. Ich würde mal behaupten, dass er seine Schwester nicht sehr gut kennt. Geh mir aus den Augen“, fährt er mich ungehalten an.
Einen Moment sehe ich ihn nachdenklich an, ehe ich nicke und dann sein Auto verlasse. Dabei taste ich in meinem Gesicht nach der Wunde, die ich dort dank meines Sturzes vorhin habe.
Ich spüre ein wenig Blut unter meinen Fingern und seufze, da ich weiß, was das für mich bedeutet. Die nächsten Tage werde ich tatsächlich das Haus nicht verlassen.
5
Cody
„Cody?“, dringt die Stimme von Taylor durch den dichten Nebel, der mich umgibt. Gleichzeitig fuchtelt er mit den Händen vor meinem Gesicht herum, um sicherzugehen, dass ich mich auch wirklich auf ihn konzentriere. „Bist du noch anwesend? Oder sollen wir einfach eine Entscheidung treffen?“
Langsam komme ich wieder in der jetzigen Welt an und kann mich wieder auf die Unterhaltung konzentrieren, die wir führen. Doch das ändert nichts daran, dass mir ihr Anblick nicht mehr aus dem Kopf geht.
Ich habe von Anfang an gespürt, dass etwas passiert ist. Verdammt, ich wusste schon vor Jahren, dass sie etwas beschäftigt, doch sie hat es mir nie gesagt. Und auch jetzt kann ich mir nicht einmal ansatzweise vorstellen, was es ist. Doch eines weiß ich mit Gewissheit: Es hat etwas mit den zahlreichen Prellungen zu tun hat, die ihren Körper zieren. Ja, müsste ich raten, würde ich sagen, dass auch die Haut unter ihrer Kleidung so aussah, wie ihre Arme.
Und alleine dieser Gedanke sorgt dafür, dass ich wütend werde. Meine Muskeln spannen sich an und ich muss mich zusammen reißen, damit ich nicht auf irgendwen losgehe.
Rachel war damals die einzige Person, die keine Angst vor mir hatte. Es war egal, wie schlechte Laune ich hatte, sie hat noch Scherze gemacht. Sie hat durch die dicke Schale gesehen, die mich umgeben hatte, und mich auch jetzt noch immer existiert. Ich kann nicht genau sagen, was sie dabei gesehen hat. Ich weiß nicht einmal, ob sie überhaupt etwas gesehen hat. Doch ich weiß, dass sie mich wie einen ganz normalen Mann behandelt hat, den sie liebt, und nicht wie das Tier, zu dem ich geworden bin.
Und dafür habe ich sie wiederum geliebt. Leider ist mir das erst bewusst geworden, als ich verhaftet wurde. Daher habe ich meine Brüder auch angewiesen, dass sie ihr nichts sagen sollen, falls sie ihnen über den Weg läuft. Sie weiß bis heute nichts von den Geschäften, die ich führe, und ich will nicht, dass sich das jetzt ändert.
Als ich nun zu meinen Brüdern blicke, erkenne ich, dass sie mich keine Sekunde aus den Augen lassen. Sie kennen mich zu gut, daher entgeht ihnen nichts.
„Sie sah traurig aus.“
Die Feststellung meines Bruders dringt an meine Ohren und sorgt dafür, dass ich aufstehe und ein paar Schritte gehe. Doch auch das sorgt nicht dafür, dass ich mich wieder beruhige. Je mehr Zeit vergeht, umso wütender werde ich.
„Ich will, dass du herausfindest, ob sie noch immer in der gleichen Wohnung lebt. Und wenn nicht, besorge mir ihre Adresse. Du hast zehn Minuten“, knurre ich und verlasse dann das Wohnzimmer.
Mit großen Schritten gehe ich nach draußen und balle meine Hände zu Fäusten. In der nächsten Sekunde lockere ich sie allerdings wieder und atme tief durch. So versuche ich mich wieder unter Kontrolle zu bekommen.
Doch wenn es um diese Frau geht, habe ich mich nicht mehr im Griff. Das hatte ich noch nie und das habe ich auch jetzt noch nicht. Und der Anblick, der sich mir bot, tut den Rest dazu.
Ich trete nach draußen in die Dunkelheit und atme mehrmals tief durch. Ich hoffe, dass es mir auf diese Weise gelingt, meine aufgebrachten Nerven zu beruhigen. Doch die Wahrheit sieht so aus, dass ich sie sehen will. Ich will ihre warme Haut an meiner spüren und ihren Geruch in meiner Nase haben.
Erst dann kann ich mir sicher sein, dass es ihr wirklich gut geht. Erst dann weiß ich, dass sie in Sicherheit ist.
Die Vorstellung, dass sie in den letzten Jahre Probleme hatte und allein war, gefällt mir überhaupt nicht. Sie sorgt dafür, dass ich rot sehe und mich nicht mehr beherrschen kann.
Ruckartig drehe ich mich herum und gehe wieder ins Haus. Dort kommt mir bereits Taylor entgegen. Er macht auf mich den Eindruck, als würde er irgendetwas zu meinem Gemütszustand von sich geben wollen. Und ich kann mir sehr wohl vorstellen, was das ist.
„Und?“, fahre ich ihn auch, auch wenn ich weiß, dass er nichts dafür kann.
„Sie wohnt noch immer in der gleichen Wohnung. Aber bist du dir sicher, dass das eine gute Idee ist?“
Taylor wirft mir einen vorsichtigen Blick zu. So zeigt er mir, dass er sich nicht sicher ist, ob es wirklich so schlau ist. Doch ich habe meine Entscheidung bereits gefällt.
Ich will bei Rachel sein, mich mit ihr unterhalten und ihr zeigen, dass sie mir anvertrauen kann, was in ihrem Leben passiert ist. Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob das wirklich funktionieren wird.
„Sie hat mich damals schon gebraucht, doch ich habe sie im Stich gelassen. Dieses Mal werde ich diesen Fehler nicht machen. Dieses Mal werde ich es von Anfang an richtig machen.“
„Es ist eine lange Zeit vergangen“, erinnert mich Brad, auch wenn er das nicht muss.
Einige Sekunden bleibe ich stehen und sehe ihn an. Doch dann ziehe ich meine Autoschlüssel aus der Hosentasche.
„Kümmert euch um diese Angelegenheit. Ich muss zu ihr.“
Mit diesen Worten gehe ich an ihm vorbei. Mir ist bewusst, dass er mir wahrscheinlich noch sagen will, dass ich vorsichtig sein soll, was ich ihr sage. Doch das weiß ich auch so.
Mit viel zu hoher Geschwindigkeit fahre ich durch die Straßen von Los Angeles. Dabei nehme ich mir vor, dass ich erst dann nachgeben werde, wenn ich die Wahrheit erfahren habe.
Ich konnte mich schon immer auf mein Gefühl verlassen. Und gerade sagt es mir, dass diese Geschichte tiefer geht.
Als ich endlich vor ihrem Haus stehen bleibe, muss ich mich beruhigen. Ich will nicht, dass sie sofort merkt, wie aufgebracht ich bin, da ich die Befürchtung habe, dass sie sich dann erst recht verschließt. Doch ich habe auch keine Ahnung, wie ich die Wahrheit in Erfahrung bringen kann.
Seufzend fahre ich mir ein letztes Mal über das Gesicht und sehe zu den beleuchteten Fenstern, bevor ich aussteige und auf die Haustür zugehe. In der Sekunde, in der ich sie erreiche, geht sie auf und ein Mann kommt heraus. Er nickt mir kurz zu und verschwindet dann die Straße runter, ohne mich weiter zu beachten.
Ich hingegen nutze die Gelegenheit, die sich mir bietet, und schlüpfe durch die geöffnete Tür.
Rachel schien heute Nachmittag nicht genau zu wissen, wie sie darauf reagieren sollte, dass ich plötzlich vor ihr stehe und ich gebe zu, dass auch ich überrascht war. Am Tag meiner Entlassung habe ich mir vorgenommen, dass ich sie besuchen und ihr alles erklären werde. Allerdings wollte ich vorher in Erfahrung bringen, wer dieser Wichser ist, der mich in den Knast gebracht hat. Ich will mich nur auf sie konzentrieren und ihr so die Aufmerksamkeit schenken, die sie verdient hat.
Die Aufmerksamkeit, die ich hier damals schon hätte geben sollen!
Nun habe ich aber die Befürchtung, dass sie mir icht die Tür aufmachen wird, wenn ich ihr sage, dass ich hier bin. Daher bin ich froh, dass ich es so ins Haus geschafft habe.
Schnell gehe ich die Treppen nach oben und halte auf ihre Tür zu, nachdem ich die richtige Etage erreicht habe. Davor bleibe ich stehen.
Unweigerlich habe ich die Bilder im Kopf, als ich das letzte Mal hier stand. Ich wollte ihr sagen, dass ich sie liebe. Allerdings habe ich diese Worte nie über meine Lippen bekommen, dabei wollte ich, dass wir eine gemeinsame Zukunft haben. Und das will ich auch jetzt noch.
Doch wie erzählt man einer Frau, dass die Familie die Unterwelt an der Ostküste der USA führt?
Ich wollte sie nicht verschrecken und auch nicht, dass sie plötzlich Angst vor mir hat. Denn das ist etwas, was sie nie haben muss. Es ist egal, was für ein Tier ich in meinem Job bin, ihr könnte ich niemals etwas antun. Ich wollte sie immer nur beschützen!
Daher habe ich es vorgezogen zu schweigen und gehofft, dass sie es selber merkt. Doch das hat sie nie.
Bevor ich mich noch weiter an diese Unterhaltung erinnern kann, klopfe ich und warte ungeduldig darauf, dass sie endlich die Tür öffnet. Doch genau das macht sie nicht. Stattdessen höre ich nach einigen Sekunden ihre Stimme auf der anderen Seite.
„Was machst du hier?“, ruft sie mir zu.
„Ich muss mit dir sprechen“, erwidere ich nur. Ich brauche sie nicht zu fragen, woher sie weiß, dass ich es bin, da sie sicherlich durch den Türspion geschaut hat.
Ich lasse keinen Zweifel daran, dass es einige Themen gibt, über die wir uns dringend unterhalten müssen. Und das ist die Wahrheit. Unter anderem will ich herausfinden, ob sie noch immer Gefühle für mich hat, auf denen wir aufbauen können. Denn daran, dass ich sie für sie habe, besteht kein Zweifel.
„Ich wüsste nicht worüber.“
Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich noch nie eine ruhige Person war. Und auch jetzt spüre ich, wie meine Muskeln sich erneut anspannen und ich kurz davor stehe, die Nerven zu verlieren.
Am liebsten würde ich ihr sagen, dass sie sofort die Tür öffnen soll. Doch ich kenne sie. Rachel hatte schon immer einen starken Willen und dementsprechend hat sie sich auch noch nie etwas sagen lassen. Und das gehört zu den Dingen an ihr, die mich schon immer magisch angezogen haben.
„Bitte“, sage ich nur und hoffe, dass ich es so schaffe, dass sie ihre Bedenken über Bord wirft.
Auch, wenn es nur ein paar Sekunden sind, so kommt es mir vor, als würde es eine Ewigkeit dauern, bis ich höre, wie sie das Schloss entriegelt und schließlich die Tür öffnet. Langsam gehe ich hinein.
Dicht vor ihr bleibe ich stehen, sodass sie ihren Kopf heben muss, um mich ansehen zu können. Dabei fällt die Haarsträhne, die ihr gerade noch im Gesicht war, nach hinten und sorgt dafür, dass ich scharf die Luft einziehe.
Ich hebe meine Hand und lege sie an ihr Gesicht, wobei sie zusammenzuckt und den Blick senkt. Ich sehe ihr an, dass sie mir ausweichen will, doch sie macht es nicht. Stattdessen erkenne ich die Tränen in ihren Augen, die dafür sorgen, dass ich noch ein Stück näher daran stehe, die Nerven zu verlieren.
„Wer war das?“, erkundige ich mich mit einfühlsamer Stimme, während ich ihr geschwollenes Auge betrachte, welches bereits in mehreren Farben leuchtet.
6
Rachel
In dem Moment, in dem mir bewusst wird, dass er mein kaputtes Gesicht sieht, wende ich mich von ihm ab. Ich senke meinen Kopf ein Stück, sodass mir wieder die Haare ins Gesicht hängen. Dennoch bin ich mir darüber bewusst, dass er meine Wunden gesehen hat.
Ich habe nicht damit gerechnet, dass er das mitbekommt. Um genau zu sein habe ich überhaupt nicht geplant, dass mich in den nächsten Tagen jemand zu Gesicht bekommt. Weder er, noch sonst irgendwer.
Und dementsprechend habe ich auch keine Ahnung, wie ich mich nun verhalten soll.
Meine erste Reaktion besteht darin, dass ich einen Schritt nach hinten mache und so etwas Abstand zwischen uns bringe. Dann konzentriere ich mich auf etwas anderes.
In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken. Ich versuche eine Lösung für das Problem zu finden, auf das ich mit großen Schritten zusteuere. Doch es ist egal, wie sehr ich mir darüber den Kopf zerbreche, ich habe keine Ahnung, wie ich mich verhalten soll.
„Wer war das?“, fragt er noch einmal.
Dieses Mal legt er jedoch eine Stimme an den Tag, die mir klarmacht, dass ich ihm nicht ausweichen kann. Sie ist energisch und fest. Er will eine Antwort auf seine Frage haben und wird erst Ruhe geben, wenn er sie auch hat.
Doch es ändert nichts an der Tatsache, dass ich nicht darüber sprechen werde. Weder jetzt, noch sonst irgendwann. Und dabei ist es mir auch egal, dass Cody vor mir steht.
„Es tut mir leid“, flüstere ich und mache Anstalten, an ihm vorbeizugehen.
Bevor ich das machen kann, greift er jedoch nach meinem Arm und hindert mich so daran. Seine Berührung ist sanft, gibt er mir zu verstehen, dass er mich nicht einfach gehen lassen wird.
„Rachel“, sagt er meinen Namen mit einem strengen Blick. Auf diese Weise unterstreicht er noch einmal meine Vermutung. „Rede mit mir.“
„Ich hatte einen Unfall“, gebe ich nur zurück.
Seine Berührung sorgt dafür, dass sich Wärme und Ruhe in mir ausbreitet. Es sind zwei Gefühle, die ich das letzte Mal vor fünf Jahren gespürt habe. Und vor allem habe ich sie nicht mehr wahrgenommen, seitdem ich keinen Kontakt mehr zu ihm hatte.
Von einem Tag auf den anderen waren diese Empfindungen einfach verschwunden, genauso wie er plötzlich nicht mehr in meinem Leben war.
Doch nun treffen sie mich mit voller Wucht. Es ist genauso, wie damals. Ich weiß nicht, ob es mich beunruhigen soll, oder nicht. Doch ich weiß, dass es sich richtig anfühlt. Und das ist auch der Grund dafür, dass ich mich ihm nicht entziehe.
Langsam hebe ich meinen Blick und sehe in seine Augen. Dies ist der Moment, in dem ich weiß, dass ich in Schwierigkeiten stecke. Es sind nicht die gleichen wie in den letzten Jahren, sie sind ihm dennoch da.
Ich kann ihm nicht entkommen und das Einzige, was mir jetzt noch übrig bleibt, ist die Hoffnung, dass ich wenigstens dieses Mal mein Herz vor ihm schützen kann.
Beim letzten Mal ist es mir nicht gelungen. Als er dann aus meinem Leben verschwunden ist, hat es mir das Herz gebrochen.
„Mir geht es gut“, erkläre ich ihm noch und gehe dann ins Wohnzimmer.
Es dauert nur den Bruchteil einer Sekunde, bis ich höre, dass er mir folgt. Mir ist bewusst, dass er es nicht einfach so stehen lassen wird. Doch ich habe keine Ahnung, was ich noch dazu sagen soll.
„Rachel, du kannst mit mir reden“, beschwört er mich.
Mein Herz schlägt wie verrückt, während ich darüber nachdenke, was ich am besten sagen soll. Ich will und kann es ihm nicht sagen. Dann würde ich ihn mit in diese Geschichte hineinziehen. Das wollte ich damals schon nicht und auch jetzt will ich es nicht. Ganz davon abgesehen kommt er gerade aus dem Gefängnis, da hat er sicherlich anderes zu tun, als seine Ex-Geliebte zu beschützen.
„Es ist wirklich nichts“, wiegle ich ab.
Ich versuche so genervt wie möglich zu klingen. Allerdings bin ich mir darüber bewusst, dass es mir nicht so gut gelingt, wie ich es gerne hätte. Und das zeigt er mir auch, als ich den skeptischen Blick erkenne, der sich auf seinen Gesichtszügen gebildet hat.
Er kennt mich zu gut.
„Mir ist einer in die Seite gefahren und mein Wagen ist vor einem Baum gelandet“, starte ich einen weiteren Versuch. Allerdings merke sogar ich, dass dieser eher halbherzig ist.
„Entweder liegt es daran, dass du einfach eine schlechte Schauspielerin bist, oder ich kenne dich zu gut“, stellt er nun fest.
Sein durchdringender Blick trifft mich. Beinahe ist es so, als würde er auf diese Weise herausfinden wollen, was ich ihm verheimliche.
„Ich kann es dir nicht sagen“, flüstere ich schließlich, als ich es nicht mehr aushalte.
Einige Sekunden, die mir eindeutig länger vorkommen, ist es ruhig zwischen uns. Nur der Lärm der Straße dringt durch das geöffnete Fenster in meine Wohnung.
Innerlich werde ich immer unruhiger, je länger diese Stille andauert. Ich hasse es, wenn er mich so ansieht.
Schließlich erkenne ich im Augenwinkel, dass er sich mir langsam nähert. Ich mache mich schon auf die nächste Diskussion gefasst, als er vor mir stehen bleibt und mich an sich zieht.
Sofort entspanne ich mich, als ich seine Wärme an meiner Haut spüre. Er schafft es, mir eine große Last von den Schultern zu nehmen und ich weiß nicht, ob ihm das bewusst ist. Doch in diesem Moment ist das egal. Genauso wie es mir egal ist, was gerade in meinem Leben los ist und das es eigentlich falsch ist, dass ich ihn wieder an mich ran lasse.
Gerade zählt nur für mich, dass er da ist und ich mir wenigstens ein einziges Mal keine Sorgen machen muss.
„Ich verspreche dir, dass dir nichts mehr passieren wird“, raunt er mir so leise ins Ohr, dass ich ihn kaum verstehen kann, dennoch bin ich mir sicher, dass ich ihn richtig verstanden habe.
Und für einen winzigen Moment habe ich das erste Mal seit Jahren Hoffnung.
7
Cody
Als ich hergefahren bin, dachte ich, dass es mir besser geht, wenn ich sie gesehen und mit ihr gesprochen habe. Doch genau das ist nicht der Fall. Ich bin noch immer wütend, als ich ihre Wohnung verlasse. Anders kann ich meinen Gemütszustand gerade nicht beschreiben.
Sie so hilflos und verängstigt zu sehen hat etwas in mir ausgelöst. Ich hätte mir selber in den Arsch treten können, weil ich sie nicht beschützt habe, als ich es hätte tun müssen. Damals habe ich mir geschworen, dass ich immer auf sie aufpassen werde, doch in diesem Punkt habe ich eindeutig versagt.
Noch bevor ich das Haus verlassen habe, ziehe ich mein Handy aus der Hosentasche und drücke in der Wahlwiederholung auf den Namen von Brad.
Es dauert eindeutig zu lange, bis er endlich das Gespräch entgegennimmt. Aus diesem Grund fällt es mir noch schwerer, mich unter Kontrolle zu halten.
„Was gibt’s?“, meldet er sich schließlich.
„Du musst herausfinden, wo Rachel die letzten Stunden war und mit wem sie zusammen war.“
„Jetzt sag mir nicht, dass du der eifersüchtige Ex-Freund bist“, seufzt er. „Wenn sie nichts mehr mit dir zu tun haben will, solltest du das respektieren. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das gut ausgeht.“
Vor meinem inneren Auge kann ich sehen, wie er die Augen verdreht. Doch ich gehe nicht näher darauf ein.
„Erstens, ich bin nicht ihr Ex-Freund.“
„In dem Fall würde mich interessieren, was du bist.“
Einen Moment bleibe ich in der Eingangstür stehen und denke darüber nach, auch wenn ich die Antwort kenne.
„Ich bin ihr Freund“, knurre ich.
Auch wenn ich nicht weiß, ob sie unsere Beziehung wieder aufnehmen und mir noch eine Chance geben will, ist es die Wahrheit. Sie hat nie aufgehört, die Frau an meiner Seite zu sein.
„Und zweitens?“, erkundigt Brad sich.
„Zweitens will ich wissen, mit wem sie unterwegs war.“
In kurzen Sätzen berichte ich ihm davon, wie ich sie vorgefunden habe. Mir ist bewusst, dass sie wahrscheinlich nicht sehr glücklich darüber wäre, wenn sie es wüsste, aber darauf kann ich gerade keine Rücksicht nehmen. Brad muss es schon alleine deswegen wissen, weil ich vielleicht seine und Taylors Hilfe brauchen werde. Außerdem gehört sie zu dieser Familie und schon alleine deswegen habe ich keine Geheimnisse vor meinen Brüdern.
„Verdammt“, flucht er schließlich. „Ich werde mich gleich bei dir melden.“
Mit diesen Worten unterbricht er die Verbindung. Ein letztes Mal sehe ich hoch zu ihrer Wohnung, als ich auf den Bürgersteig trete. In einem der Zimmer brennt Licht. Schon alleine deswegen würde ich am liebsten wieder zu ihr gehen und ihr zeigen, dass sie nicht mehr alleine ist. Nein, dieses Mal werde ich es richtig machen. Ich werde ihr zeigen, dass ich bei ihr bin und auch nicht mehr verschwinden werde.
Mir gefällt es überhaupt nicht, dass ich sie nun alleine lassen muss. Doch ich werde denjenigen dafür zur Rechenschaft ziehen, der ihr das zugefügt hat.
Mit energischen Schritten gehe ich zu meinem Wagen und setze mich hinter das Steuer. Dabei merke ich, wie meine Muskeln sich von Sekunde zu Sekunde immer mehr anspannen. Ungeduldig warte ich darauf, dass mein Bruder sich endlich bei mir meldet. Ich habe eine Rechnung zu begleichen und je eher ich das kann, umso besser ist es.
Als mein Handy endlich klingelt, drücke ich sofort auf das grüne Symbol und halte es mir ans Ohr.
„Ich habe ihre Handydaten zurückverfolgt. Sie ist von ihrer Wohnung zu einer Straßenecke gefahren und dann nach ungefähr zwanzig Minuten wieder nach Hause.“
„Das ist nichts, weswegen man so aussieht“, stelle ich fest.
„Da gebe ich dir recht. Daher habe ich nachgesehen, ob noch irgendwelche Handys zu dieser Zeit dort oder in der Nähe waren. Was soll ich sagen? Ich bin fündig geworden. Das wird dir aber nicht gefallen.“
Ich höre die Vorsicht, mit der er spricht und werde sofort hellhörig.
„Wessen Telefon war es?“
„Ich weiß nicht, ob er bei ihr war, zumindest war er in ihrer Nähe“, spricht er weiter.
„Wer?“
„Manuel Hall.“
Als ich den Namen höre, kann ich mir gerade noch verkneifen, dass ich auf das Lenkrad einschlage.
Ich kenne Manuel Hall. In der Vergangenheit bin ich ein paar Mal mit ihm aneinander geraten. Er gehört zu den Männern, um die eine Frau am besten einen großen Bogen macht. Und ich bin mir sicher, dass Rachel das auch weiß, schließlich hat sie eine sehr gute Menschenkenntnis. Doch das wiederum sorgt dafür, dass ich mich frage, was sie dort mit ihm gemacht hat.
„Wir treffen uns bei ihm“, knurre ich, unterbreche die Verbindung und gebe Gas.
Ich brauche nicht großartig darüber nachzudenken um zu wissen, dass er Schuld an ihrem körperlichen Zustand ist. Jede Frau, die ihm über den Weg gelaufen ist, sieht früher oder später so aus.
Schon von weitem kann ich sein Auto erkennen. Es steht vor dem Restaurant, welches bereits geschlossen hat und ihm gehört. Allerdings ist es nur nach außen ein Restaurant und soll ihm auf diese Weise die Polizei vom Hals halten.
Mit der Hilfe des Ladens versteckt er unzählige Geschäfte, die sich nicht einmal mehr in der Grauzone befinden. In dieser Hinsicht unterscheidet er sich nicht von mir und meiner Familie.
Der Unterschied besteht jedoch darin, dass ich Frauen nicht wie den letzten Dreck behandle.
Und schon gar nicht Rachel.
Bei dem Gedanken an sie spanne ich mich erneut an. Ich versuche mich unter Kontrolle zu bringen, während ich meinen Wagen verlasse und in die Richtung blicke, in der ich ein Auto kommen hören kann.
Kaum wurde der Wagen angehalten und der Motor ausgeschaltet, steigen meine Brüder aus. Mit großen Schritten kommen sie auf mich zu und entsichern dabei ihre Waffen.
„Wir dachten, dass wir auch alleine mit ihm klarkommen. Auch wenn ich zugeben muss, dass einige unserer Männer sicherlich gerne sehen würden, wie dieser Mann endlich in die Knie geht“, erklärt Taylor und grinst mich frech an.
„Mit dem werden wir alleine fertig. Er hat nur bei Frauen eine große Klappe“, stimme ich ihm zu.
Das, was ich jetzt machen werde, hätte ich schon viel eher tun sollen.
Ohne darauf zu warten, ob sie noch etwas sagen, gehe ich auf die Eingangstür zu und öffne sie. Dunkelheit empfängt uns, nachdem ich den Laden betreten habe. Doch aus dem hinteren Raum kann ich Licht erkennen.
Gezielt gehe ich darauf zu, ohne ein Wort von mir zu geben. Nachdem ich die Tür noch ein Stück geöffnet habe, entdecke ich Manuel. Er sitzt an seinem Schreibtisch und starrt auf den Bildschirm seines Computers. Anscheinend ist er so tief in das vertieft, was er sich da ansieht, dass er nichts mehr von dem mitbekommt, was um ihn herum geschieht.
„Du bist ganz schön unvorsichtig. Dabei solltest du das genaue Gegenteil sein“, erkläre ich. „Oder hast du in all den Jahren wirklich nichts gelernt?“
Kaum habe ich ausgesprochen, hebt er ruckartig seinen Kopf und sieht in meine Richtung. An seinem Blick, der in der nächsten Sekunde zu meinen Brüdern huscht, erkenne ich, dass er keine Ahnung hat, wie er auf meinen Besuch reagieren soll. Doch wundern tut es mich nicht.
Wir sind Kontrahenten. Er hat immer wieder versucht, mich zu Fall zu bringen, allerdings hat er nicht die Eier dafür, um die wirklich harten Geschütze aufzufahren. Daher brauche ich mir erst gar nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, ob er der Mann ist, der meint, dass er nun an der Spitze steht.
Manuel ist nicht der Schlauste, daher war er immer nur ein Handlanger und wird auch nie etwas anderes sein. Auch wenn er selber oft genug denkt, dass er das ist.
„Hier hat sich nichts verändert.“ Meine Stimme klingt gefährlich und warnt ihn, während ich mich umsehe.
Das Büro ist nicht gerade das, was man als schön bezeichnen kann. Die Möbel sind alt und zum größten Teil kaputt. Bei ihm erwartet man aber auch nichts anderes.
„Was kann ich für euch tun?“, fragt er mich und macht dabei den Anschein, als würde er die Situation nicht richtig einschätzen können.
„Hast du dich heute zufällig mit Rachel getroffen?“, zische ich und komme damit direkt zum Grund unseres Besuchs.
Ich wende mich keine Sekunde von ihm ab. Daher erkenne ich auch, dass er zusammenzuckt, als ich ihren Namen ausspreche.
„Ich gehe mal davon aus, dass du es warst, der ihr diese Verletzungen zugefügt hat“, spreche ich weiter, bevor er geantwortet hat.
„Wenn eine Frau nicht spurt, muss man sich manchmal klarer ausdrücken.“
Er lässt mich keine Sekunde aus den Augen. Langsam setze ich mich auf den Stuhl, der vor seinem Schreibtisch steht und lasse mich nach hinten sinken.
„Dummerweise hast du dir dieses Mal die falsche Frau für deine Prügelattacken ausgesucht. Rachel steht unter meinem Schutz.“
Während ich spreche, ziehe ich meine Waffe aus dem Bund meiner Hose. Manuel bekommt große Augen, als er diese erkennt. Ich kann die Angst förmlich in ihnen erkennen.
„Du kennst sie?“, fragt er schließlich, als er anscheinend seine Sprache wiedergefunden hat.
Unter normalen Umständen würde ich mit ihm spielen. Und vor allem würde ich Spaß daran haben. Doch wenn es um Rachel geht, habe ich keine Lust dazu. Ich will wissen, dass sie wieder in Sicherheit ist. Und das weiß ich erst, wenn er tot ist.
Daher stehe ich langsam wieder auf und stelle mich direkt vor den Schreibtisch.
„Du wirst nie wieder Hand an meine Frau legen“, knurre ich.
„Ich … verspreche es“, stammelt er, als wäre er noch ein kleines Kind. „Ich wusste nicht, dass du und sie …“, beginnt er, bricht jedoch ab, bevor er ausgesprochen hat.
„Dieses Mal hast du dich mit der falschen Frau angelegt.“
Ich richte meine Waffe auf seinen Kopf und drücke ab, ohne mit der Wimper zu zucken. Bereits in der nächsten Sekunde klafft ein Loch in seiner Stirn, aus dem das Blut läuft. Sein Körper liegt leblos im Stuhl und eine Ruhe breitet sich in mir aus, die ich schon lange nicht mehr verspürt habe.
„Das hätte ich schon viel eher machen sollen“, gebe ich von mir, während ich ihn mir ansehe.
„Aber noch nie hattest du so einen guten Grund, genau das zu machen“, erklärt Brad und grinst mich an.
Nein, noch nie hatte ich den. Aber wenn ich das schon vor Jahren getan hätte, wäre Rachel dieser Abend erspart geblieben, denke ich.
Ohne noch ein weiteres Wort zu verlieren, verlasse ich das Restaurant und verschwinde von diesem Ort. Am liebsten würde ich sofort wieder zu Rachel fahren. Doch ich habe keine Ahnung, wie ich es ihr erklären soll, dass ich wieder da bin. Und ihr sagen, dass ich diesen Mann umgebracht habe, kann ich auch nicht.
Zumindest jetzt noch nicht.
Daher muss ich mir überlegen, wie mein nächster Schritt ihretwegen aussehen soll.
8
Rachel
Ich kann überhaupt nicht beschreiben, wie gerne ich ihm die Wahrheit gesagt hätte. Die Worte lagen mir schon auf der Zunge und haben nur darauf gewartet, dass ich sie ausspreche.
Doch meine Entscheidung war richtig. Ich will ihn nicht mit in diese Geschichte reinziehen. Daher ist mir bewusst, dass ich mich von ihm fernhalten muss. Denn nur so habe ich eine Chance, ihn und mich auch in Sicherheit zu bringen.
Seufzend drehe ich mich auf den Rücken und starre an die Decke. Dabei versuche ich die Kopfschmerzen, die ich noch immer habe, irgendwie zu ignorieren.
Es ist egal, wie sehr ich es versuche, ich schaffe es einfach nicht zu schlafen. Schon seit drei Stunden liege ich in diesem Bett und versuche zur Ruhe zu kommen. Doch mir fehlt die innere Ruhe. Nach diesem Abend ist das aber wahrscheinlich normal. Allerdings spüre ich in jeder Faser meines Körpers auch die Schmerzen, die sich gebildet haben. Vor allem die Schwellung in meinem Gesicht sorgt dafür, dass ich kaum noch klar denken kann.
In dem Moment, in dem ich meine Augen erneut schließe, dringt der schrille Ton meiner Türklingel durch die Wohnung. Augenblicklich spanne ich mich an und mein Herz beginnt zu rasen. Als ich mich endlich wieder etwas beruhigen konnte, werfe ich einen prüfenden Blick auf das Display meines Handys.
Es ist vier Uhr morgens und das gefällt mir überhaupt nicht. Es gibt nur eine Person, die um diese Uhrzeit hier auftauchen würde. Und diese Person will ich jetzt und auch die nächsten Tage, eigentlich überhaupt nicht sehen. Dieses Wissen sorgt dafür, dass ich mich automatisch anspanne. Mir wird schlecht. Daher bin ich nicht in der Lage, einen vernünftigen Gedanken zu fassen.
Es dauert einige Sekunden, bis es erneut klingelt. Ein ungutes Gefühl erfasst mich, während ich vorsichtig aufstehe. Langsam stehe ich auf und gehe durch den Flur auf die Tür zu. Ich versuche mir soviel Zeit wie möglich zu lassen. Doch wenn ich es übertreibe, wird er noch ungehaltener werden, sobald er vor mir steht. In diesem Punkt bin ich mir deswegen so sicher, weil ich es schon mitgemacht habe. Es gibt Dinge im Leben, die vergisst man nicht. Und das gehört eindeutig dazu.
Als ich seine energischen Schritte höre, die durch das Treppenhaus hallen, weiß ich, dass etwas passiert sein muss. Etwas, was ihm nicht gefällt und für das er mir nun die Schuld gibt.
Augenblicklich beginnt mein Körper zu zittern und in meinem Hals bildet sich ein Kloß. Angst breitet sich in mir aus, die ich nicht mehr zur Seite schieben kann.
Als ich den wütenden Gesichtsausdruck erkenne, den er aufgesetzt hat, mache ich automatisch einen Schritt nach hinten, um Abstand zwischen uns zu bringen. Doch ich weiß, dass ich ihm so auch nicht entkommen kann, wenn er es auf mich abgesehen hat.
Mein Bruder nähert sich rasch und lässt keinen Zweifel daran, dass er nicht gut auf mich zu sprechen ist. Würden Blicke töten können, würde er jetzt genau das tun.
Wie von alleine schießt mir die Frage durch den Kopf, was ich angestellt haben kann. Dabei komme ich nicht drum herum, mich zu fühlen, als wäre ich noch ein kleines Kind. Doch in seiner Gegenwart habe ich nicht den Eindruck, als wäre ich eine erwachsene Frau.
Das Einzige, was mir schlagartig in den Sinn kommt, ist sein Geschäftspartner. In mir macht sich die Befürchtung, dass er mit ihm gesprochen hat und mein Bruder sich nun rächen will, da ich mich nicht so benommen habe, wie man es von mir erwartet hat. Und das ist etwas, was mir überhaupt nicht gefällt.
Noch mehr Prellungen und Verletzungen kann ich nicht gebrauchen. Doch genau darauf wird es hinauslaufen, wenn Jason mit mir fertig ist.
Es gefällt meinem Bruder nicht, wenn ich nicht das mache, was seine Geschäftspartner von mir wollen. Oft genug hat er mir zu verstehen gegeben, was passieren wird, wenn sich jemand über mich beschwert.
Doch ich habe es getan. Ich habe mich sogar erneut schlagen lassen, was man an meinem Gesicht auch genau erkennen kann.
Ich habe alles über mich ergehen lassen!
„Du kleines Miststück“, zischt er, während er die Tür hinter sich schließt.
In der nächsten Sekunde greift er nach meinen Haaren und reißt sie schnell nach hinten, sodass mein Kopf beinahe gegen die Wand dahinter knallt. Ich verziehe vor Schmerzen das Gesicht und wimmere. In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken während ich überlege, was passiert ist. Doch beim besten Willen, ich weiß es nicht.
Es dauert einen Moment, bis ich mich wieder einigermaßen gefangen habe.
„Was ist los?“, frage ich ihn, wobei ich bereits Tränen in den Augen habe.
Mein Bruder drängt mich weiter nach hinten. Dabei lässt er mich nicht los und wendet sich auch nicht von mir ab.
Er drückt mich gegen die Wand und sieht mich böse an.
„Ich werde dich jetzt nur ein einziges Mal fragen und du wirst mir die Wahrheit sagen. Sonst werde ich dich an die Fische verfüttern. Und du kannst mir glauben, dass ich es ernst meine.“
Panik macht sich in mir breit, als seine Augen mich vergnügt anfunkeln. Ich habe meinen Bruder schon einige Mal wütend gesehen. Allerdings merke ich, dass es dieses Mal anders ist und das gefällt mir überhaupt nicht. Ich kann ihn nicht einschätzen, was ich aber muss, wenn ich mich mit ihm unterhalte. Nur so habe ich wenigstens eine kleine Chance, dieses Gespräch schnell hinter mich zu bringen.
Als Antwort nicke ich nur, da ich gerade keinen Ton herausbekomme.
„Was ist an diesem Abend zwischen Manuel und dir passiert?“
Er lässt mich keine Sekunde aus den Augen. Doch ich habe keine Ahnung, worauf er hinaus will.
„Nichts“, flüstere ich ängstlich.
Ob es die richtige Antwort ist, kann ich nicht sagen, doch es ist die Wahrheit und mit der muss er zurechtkommen.
„Und wieso ist er jetzt tot?“
Scharf ziehe ich die Luft ein, als seine Worte den dichten Nebel durchdringen, der mich umgibt. Ich verstehe, was sie bedeuten, dennoch kommt es mir so vor, als würde er sich einen Scherz erlauben.
Er ist tot?
In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken, während ich die wenigen Minuten, wenn überhaupt war es nur eine halbe Stunde, noch einmal durchgehe, in der ich bei ihm war. Doch ich kann mich an nichts erinnern, was seine Frage nun beantworten würde. Mir ist nichts aufgefallen und es schien ihm auch nicht schlecht zu gehen.
Klar, ich kenne ihn nicht und kann es daher nicht einschätzen, doch mein Menschenverstand sagt mir, dass alles in Ordnung war.
„Ich … weiß … es nicht“, stammle ich schließlich.
Ich sehe ihm an, dass es ihm nicht gefällt, was ich von mir gebe.
„Du willst mir also sagen, dass du keine Ahnung hast? Du warst anscheinend die letzte Person, die ihn lebend gesehen hat. Ich habe auf einen Anruf von ihm gewartet. Als dieser nicht kam, habe ich ihn aufgesucht.“
Erneut nicke ich nur.
Die nächsten Sekunden kommen mir so vor, als würden sie eine Ewigkeit dauern. Ich versuche mir die passenden Worte zurechtzulegen, die ich von mir geben kann, doch da ist nichts. In meinem Kopf befindet sich eine Leere, die ich so noch nie gespürt habe. Und eigentlich habe ich gehofft, dass dies auch niemals der Fall sein wird.
„Sollte ich erfahren, dass du doch etwas damit zu tun hast, werde ich dich umbringen“, knurrt er wütend. „Denn dann hast du dafür gesorgt, dass mir eine Menge Geld verloren geht.“
Diese Drohung sorgt dafür, dass ich mich nicht mehr bewegen kann. Ich bin in eine Schockstarre verfallen, aus der ich nicht mehr herauskomme.
In der nächsten Sekunde spüre ich, wie ich auf dem Boden lande. Dabei wird mir schwarz vor Augen und dann merke ich, wie ich mein Bewusstsein verliere.
Als ich wach werde, habe ich so extreme Kopfschmerzen, dass ich mich im ersten Moment kaum bewegen kann. Mir ist schlecht und schwindelig.
Es dauert eine Ewigkeit, bis ich in der Lage bin, meine Augen zu öffnen und mich wenigstens ein Stück zu bewegen. Als ich jedoch merke, dass sich der Schmerz überall meldet, bleibe ich reglos liegen. Ich versuche sie irgendwie zu kontrollieren, sodass ich mich wenigstens aufrichten kann. Doch es gelingt mir nicht.
Erst, als ich wieder in der Lage bin, meine Augen wenigstens ein Stück zu öffnen, merke ich, dass ich im Flur auf dem Boden liege. Und das ist der Moment, in dem langsam meine Erinnerungen wiederkommen.
Vorsichtig versuche ich aufzustehen und mich dabei nicht auf meine Schmerzen zu konzentrieren.
Es dauert nochmal so lange, bis ich mich endlich auf meinen Beinen halten kann. Dabei lehne ich mich zwar an der Wand an, damit ich das Gleichgewicht nicht verliere, aber das ist gerade egal. Mit der Hand taste ich nach meiner Stirn, an der ich sofort Blut spüren kann.
Ich brauche mich nicht im Spiegel anzusehen um zu wissen, dass dies wieder eine neue Wunde ist. Außerdem weiß ich, dass ich so definitiv nicht zur Arbeit gehen werde. Jeder würde mich sofort fragen, was passiert ist und ich bin nicht bereit, diese Frage zu beantworten.
Weder jetzt noch sonst irgendwann.
Als ich endlich in meinem Schlafzimmer angekommen bin, werfe ich einen Blick auf mein Handy, um die Uhrzeit zu überprüfen. Dabei werde ich auf eine Nachricht aufmerksam, deren Absender ich nicht kenne. Beziehungsweise, ich habe die Nummer nicht eingespeichert. Nachdem ich sie jedoch gelesen habe, weiß ich genau, von wem sie ist.
Ich würde mich freuen, wenn wir uns heute Abend zum Essen treffen. Ich kann auch zu dir kommen, oder du zu mir, wenn dir das lieber ist.
Ich lese die Nachricht noch ein weiteres Mal. Doch selbst dann weiß ich nicht, wie ich darauf reagieren soll.
Klar, die logische Antwort darauf wäre nein. Doch ein kleiner Teil, oder etwas größerer, würde sich gerne mit ihm treffen. Er hat es schließlich gestern geschafft, dass ich nicht mehr an die Verabredung mit Manuel denke. Und auch meine Schmerzen sind in seiner Gegenwart verschwunden. Dabei haben wir uns nur oberflächlich unterhalten.
Doch ich weiß, dass ich das nicht tun kann. Und schon gar nicht in dem Zustand, in dem ich mich gerade befinde. Er würde wissen, dass ich ihn gestern angelogen habe und mich erneut darauf ansprechen. Gott weiß, wie gerne ich ihm die Wahrheit sagen würde. Ich möchte mich ihm anvertrauen und ihn wie ein Schutzschild vor mir halten. Doch mir ist bewusst, dass das nicht fair wäre.
Die nächsten Tage werde ich mich in meiner Wohnung einschließen und niemandem unter die Augen treten.
Ich habe heute viel zu tun. Ein anderes Mal würde ich mich gerne mit dir treffen.
Es fällt mir schwer, diese Worte zu schreiben. Doch ich weiß, dass es das Richtige ist.
9
Cody
Ungläubig starre ich auf die Nachricht, die Rachel mir geschickt hat. Ich muss sie mehrmals lesen, bis ich mir sicher bin, dass wirklich das dort steht, von dem ich mir sicher bin, dass es das ist. Doch selbst dann wüsste ich keinen Grund, wieso sie sich nicht mit mir treffen will.
Automatisch spanne ich meine Muskeln an. Ich muss tief durchatmen, um mich wenigstens einigermaßen wieder unter Kontrolle zu bekommen. Doch dieses Mal gelingt mir genau das nicht. Ich spüre, wie ich immer ungehaltener werde.
Doch da ist noch etwas anderes. Es ist ein Gefühl, was ich sonst noch nie hatte, aber ich mache mir tatsächlich Sorgen. Normalerweise wäre es mir egal. Doch wenn ich mir überlege, dass ich es in Bezug auf Rachel habe, gefällt es mir überhaupt nicht.
Mit großen Schritten verlasse ich mein Schlafzimmer und eile die Treppe nach unten. Dort will ich aus dem Haus verschwinden, als mein Vater plötzlich vor mir steht.
„Mein Sohn“, begrüßt er mich. Dabei sieht er mich von oben bis unten an. „Dich habe ich gesucht. Ich muss ein paar Dinge mit dir besprechen.“
Seine Stimme lässt keinen Zweifel daran, dass er keine Widersprüche duldet. Doch in diesem Fall muss er das. Ich will wissen, was hier los ist. Das hat gerade eindeutig Vorrang für mich, daher wird mein Vater sich noch ein wenig gedulden müssen.
„Nicht jetzt“, gebe ich von mir und mache dabei Anstalten, an ihm vorbeizugehen. Allerdings stellt er sich mir erneut in den Weg.
„Es gibt da wirklich ein paar Dinge, die wir besprechen müssen.“
Mit diesen wenigen Worten gibt er mir zu verstehen, dass ich ihm nicht so schnell entkommen kann. Ich will nur noch zu Rachel, denn mein Gefühl sagt mir, dass es nicht nur etwas mit Manuel zu tun hat. Er war zwar derjenige, der dafür gesorgt hat, dass sie diese Verletzungen bekommen hat. Doch da ist noch mehr. Etwas, was ich bis jetzt noch nicht weiß, aber dringend wissen sollte.
Das spüre ich genau!
„Das muss warten.“
Normalerweise würde ich nachgeben und mich seinem Willen beugen. Er ist schließlich das Oberhaupt meiner Familie. Doch Rachel ist mir wichtiger, als jetzt geschäftlichen Kram mit meinem Vater zu klären, der eindeutig noch warten kann. Allerdings weiß ich nicht, wie groß die Gefahr ist, in der sie sich befindet.
„Nein, das muss nicht warten und das kann auch nicht warten“, gebe ich von mir, wobei ich die Worte mehr knurre, als das ich sie wirklich ausspreche.
In dem Moment, in dem ich meinen Satz beendet habe, erscheint Brad hinter meinem Vater. Kaum ist er stehen geblieben sieht er uns an, als würde er die Spannung bemerken, die in der Luft liegt.
Er wirft uns einen irritierten Blick zu, da es nicht sehr oft vorkommt, dass genau dies geschieht.
„Sag es ihm und er wird dann mit mir darüber sprechen“, weise ich ihn an. „Oder warte, bis ich wieder hier bin.“
Ich lasse keinen Zweifel daran, dass ich es ernst meine. Daher warte ich auch nicht darauf, dass einer von ihnen etwas sagt, sondern gehe an meinem Vater vorbei zu meinem Bruder.
„Setzt mich nachher in Kenntnis, worum es ging. Ich muss los, es ist etwas passiert.“
„Was ist los?“
„Es geht um Rachel. Irgendetwas stimmt da nicht.“
Brad sagt nichts weiter dazu, sondern nickt nur. Er kann sich wahrscheinlich denken, dass ich nicht so wäre, wenn es nicht wirklich wichtig wäre. Doch er kennt mich gut genug und weiß daher, wie ich zu dieser Frau stehe.
„Kümmere dich um sie“, weist er mich nur an und nickt. „Ich werde mich hier um alles kümmern.“
Meine Lippen bilden nur noch eine dünne Linie, als ich endlich das Haus verlassen kann. Während ich durch die Straßen fahre, gehen mir die unterschiedlichsten Gründe dafür durch den Kopf, dass sie sich von mir abgewendet hat. Doch ich habe für mich beschlossen, dass ich sie nicht gehen lassen werde.
Einmal habe ich dies getan und es immer wieder bereut. Es war ein Fehler, den ich in den letzten Jahren immer wieder rückgängig machen wollte. Ich habe gehofft, dass ich irgendwann die Chance bekommen werde, ihr zu beweisen, dass sie meine Frau ist. Nun habe ich diese und werde sie endlich für mich gewinnen. Da werde ich nicht schon wieder zulassen, dass sie eine große Mauer zwischen uns errichtet.
Als ich an meinem Ziel angekommen bin, stelle ich meinen Wagen mitten auf der Straße ab, da ich keine Zeit habe, erst einen freien Parkplatz zu suchen. Als ich auf die Tür zugehe, hoffe ich, dass sie dieses Mal sofort öffnen wird. Es steht gerade nicht besonders gut um meine Nerven.
Zu meiner Überraschung springt die Tür sofort auf. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend sprinte ich nach oben und halte auf ihre geöffnete Wohnungstür zu.
Doch kaum habe ich diese betreten, bleibe ich ruckartig stehen und ziehe scharf die Luft ein. Der Anblick, der sich mir gerade bietet, gefällt mir überhaupt nicht.
10
Rachel
Ich weiß, dass es nichts bringt, wenn ich mich vor ihm verstecke. Mir ist durchaus bewusst, dass er so lange vor meiner Tür stehen bleiben wird, bis ich öffne. Daher versuche ich es auch gar nicht erst.
Wahrscheinlich würde er sogar meine Tür eintreten, wenn ich sie nicht öffnen würde.
Doch ich habe keine Ahnung, wie ich ihm die Wunde an meiner Stirn erklären soll. Bis jetzt habe ich mir noch keine Gedanken darüber gemacht, was ich sage, falls mich jemand so zu Gesicht bekommt. Ich weiß ja nicht einmal, wie ich darauf reagieren würde, wenn meine beste Freundin mir so gegenüber stehen würde, und sie vorher schon Verletzungen hätte. Unter normalen Umständen würde ich es wissen, doch das hier kann man nicht einmal als normale Umstände bezeichnen. Es ist weit davon entfernt!
Ich stehe Cody nur wenige Zentimeter in meinem Flur entfernt. In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken. Doch ich weiß nicht, was ich sagen kann.
Mit großen Augen, denen ich nicht entkommen kann, sieht er mich an. Mir ist klar, dass er meinen Anblick erst einmal verdauen muss. An seiner Stelle würde es mir nicht anders gehen. Ich sehe wirklich erschreckend aus und so fühle ich mich auch. Allerdings würde ich es vorziehen, wenn er etwas sagt, denn die Ruhe lässt mich wahnsinnig werden! Man kann auch sagen, dass es mir nur noch mehr vor Augen führt, was in den letzten Stunden alles geschehen ist.
„Was machst du hier?“, frage ich ihn schließlich, als ich die Ruhe nicht mehr aushalte, die sich zwischen uns gebildet hat.
Einen Augenblick schweigt er noch.
„Ich wollte dich sehen“, antwortet er dann endlich nüchtern und wendet sich dabei nicht von mir ab.
Auf diese Weise gibt er mir zu verstehen, dass er wissen will, was passiert ist. Und auch jetzt stehe ich wieder kurz davor, ihm die Wahrheit zu erzählen. Und das vor allem aus dem Grund, weil ich mich ihm anvertrauen will, um diese riesige Last loszuwerden.
Innerlich winde ich mich, nach außen versuche ich aber so ruhig wie möglich zu bleiben. Die Wahrheit ist aber, dass es mir immer schwerer fällt, je länger wir uns einfach gegenüber stehen.
Mein Verstand schreit mich an, dass ich mich an ihn lehnen soll. Es befiehlt mir regelrecht, dass ich mir endlich die Ruhe holen soll, die ich verdient habe. Allerdings kann ich es nicht.
Ich weiß, dass ich bei ihm in Sicherheit bin und er mich nicht für das verurteilen wird, was ich getan habe. Doch es fällt mir schwer, ihm die Wahrheit zu sagen, auch wenn ich es eigentlich will.
„Sorry, dass ich abgesagt habe. Aber ich muss mich gleich auf den Weg machen“, weiche ich ihm aus.
Einen Moment sehe ich ihn an und gehe dann an ihm vorbei in die Küche. Allerdings komme ich nicht sehr weit. In der Sekunde, in der ich durch die Tür trete, spüre ich, wie er nach meinem Handgelenk greift. Auf diese Weise hindert er mich daran, einfach zu verschwinden. Doch in diesem Moment will ich das.
Seine Wärme auf meiner Haut zu spüren lässt alte Erinnerungen wieder in mir aufkommen. In den nächsten Sekunden habe ich wieder Bilder vor meinem inneren Auge, wie wir gemeinsam Zeit verbringen und er mich einfach glücklich macht.
In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken und mein Herz rast wie verrückt. Ich versuche eine Lösung zu finden, wie ich ihm dies erklären soll, doch ich bin eigentlich nicht dazu in der Lage.
„Was ist mit dir passiert? Du kannst mir die Wahrheit sagen, das weißt du.“
Sein Blick ist eindringlich und seine Stimme gibt mir zu verstehen, dass ich ihm nicht ausweichen kann. Gleichzeitig zeigt er mir so aber auch, dass er bei mir ist und es auch bleiben wird.
Beim letzten Mal konnte ich ihm entkommen, in dem ich es auf einen Autounfall geschoben habe. Doch nun ist genau das nicht möglich. Er wird sich nicht mit einer Notlüge zufriedengeben. Und wenn ich ehrlich bin muss ich zugeben, dass ich froh darüber bin.
„Ich kann es dir nicht sagen“, murmle ich schließlich und schaue an ihm vorbei auf die Wand.
Ich will seinen Gesichtsausdruck jetzt nicht sehen. Ich bin mir nämlich sicher, dass es mir nicht gefallen wird, was ich dort sehe.
„Du wirst mir jetzt die Wahrheit sagen.“
Ich höre die Ungeduld in seiner Stimme. Auch wenn er im Gefängnis saß, weiß ich nicht, was er beruflich macht. Zumindest nicht genau. Ich bin mir sicher, dass es da ein paar Leute gibt, die nun zusammenzucken würden, wenn er in diesem Ton mit ihnen spricht. Sein Auftreten ist dominant und zeigt jedem, wer der Chef ist.
Doch das tue ich nicht. Und das vor allem aus dem Grund, weil ich weiß, dass er mir niemals etwas antun würde. Ich weiß nicht, was das zwischen uns ist, das wusste ich damals schon nicht. Doch ich weiß, dass ich bei ihm in Sicherheit bin. Er würde mir nie etwas antun.
„Ich will dich nicht mit in diese Geschichte ziehen“, erkläre ich dennoch, entziehe ihm meinen Arm und betrete die Küche.
Dort hole ich ein Glas aus dem Schrank und fülle es mit kaltem Wasser. Ich nehme einen großen Schluck daraus. Dabei schließe ich die Augen und versuche meine aufgebrachten Nerven wieder zu beruhigen.
„Was für eine Geschichte? Ich will, dass du mir jetzt endlich sagst, was hier los!“
11
Cody
Es fehlt nicht mehr viel und ich verliere meine Nerven. Ich war noch nie für meine Ruhe bekannt, doch zu wissen, dass Rachel etwas in den letzten Jahren passiert ist, macht es nicht besser.
Meine Muskeln sind angespannt, sodass es mir selber schon fast vorkommt, als würden sie gleich reißen.
Ich bin wütend und gerade fällt es mir schwer, diese Wut für mich zu behalten. Je länger ich keine Ahnung habe, was hier gespielt wird, umso schlimmer ist es.
Ich sehe Rachel auf eine Weise an, die ihr klar zu verstehen gibt, dass ich es ernst meine. Ich werde erst dann nachgeben, wenn sie mir die Wahrheit gesagt hat. Doch genauso erkenne ich, dass sie es eigentlich nicht für sich behalten will. Sie will sich mir anvertrauen und mir sagen, woher ihre ganzen Verletzungen kommen. Und das ist der Punkt, bei dem ich ansetzen muss.
Zuerst muss ich mich aber wieder unter Kontrolle bekommen. Mir ist nämlich bewusst, dass ich keinen Schritt weiterkomme, wenn ich kurz davor stehe, auf irgendetwas einzuschlagen.
„Ich will dir helfen“, sage ich und sehe sie abwartend an. Sie soll wissen, dass sie das Tempo bestimmt. Dabei ist es egal, wie es mir eigentlich geht. Doch hier geht es um sie und nicht um mich. „Das kann ich aber nur, wenn du mir sagst, was hier los ist. Du weißt, dass ich dich beschützen werde.“
Ich erkenne den Kampf in ihren Augen. Ihr fällt es nicht leicht, die Worte für sich zu behalten. Um es ihr noch schwerer zu machen, mache ich einen Schritt auf sie zu und verringere den Abstand zwischen uns.
Vor meiner Verhaftung habe ich es jedes Mal geschafft, sie so aus ihrem Gleichgewicht zu ziehen. Und ich hoffe, dass es auch dieses Mal so ist.
Allerdings brauche ich nur einen Blick in ihr Gesicht zu werfen um zu wissen, dass meine Wirkung sie nicht verfehlt.
„Es geht schon seit Jahren so“, flüstert sie schließlich. Dabei sieht sie an mir vorbei.
Doch darum kümmere ich mich jetzt nicht. Ich bin zu sehr darauf bedacht, sie keine Sekunde aus den Augen zu lassen.
„Seit wann?“, frage ich sie und will sie so dazu bewegen, weiterzureden. „Und was meinst du?“
Einige Sekunden ist es still, bevor sie endlich tief Luft holt.
„Lange, bevor du ins Gefängnis gekommen bist. Aber erst, nachdem wir uns kennengelernt haben.“
Ihre Worte bewegen mich dazu, dass ich mich gerade frage, ob ich wirklich so blind war, dass ich nie etwas mitbekommen habe. Doch es ist besser, wenn ich mich gerade nicht damit beschäftige. Es würde wahrscheinlich nur das Licht darauf werfen, dass ich sie als selbstverständlich angesehen habe.
Und das weiß ich auch so!
Stattdessen ziehe ich sie an mich und streiche ihr eine Träne aus dem Gesicht.
„Sage mir, wer dir das angetan hat“, fordere ich sie flüsternd auf. Was ich dann mit demjenigen machen werde, behalte ich besser für mich.
Langsam hebt sie ihren Kopf und sieht mich aus verweinten Augen an.
„Sobald meinem Bruder nicht gefällt, was ich mache oder sage, geht er auf mich los. Dies war allerdings nicht mein Bruder, zumindest nicht nur.“
Mit diesen Worten zeigt sie auf ihr Gesicht, nachdem sie sich ein Stück von mir entfernt hat. Mir liegen die Worte auf der Zunge, dass ich weiß, wer es auch war und er bereits dafür bezahlt hat. Doch ich verkneife es mir, sie auszusprechen.
Ich bin mir sicher, dass es sie noch mehr verunsichern würde und das will ich vermeiden. Irgendwann werde ich es ihr sagen. Allerdings will ich, dass es ihr dann endlich wieder besser geht und ich mir keine Sorgen mehr darum machen muss, dass sie jeden Augenblick zusammenbricht.
„Ich soll mich um seine Geschäftspartner kümmern und ihnen ein paar schöne Stunden bereiten. Im Gegenzug sorgen sie dafür, dass er das bekommt, was er will. Was das ist, weiß ich jedoch nicht. Aber nicht nur ich bin davon betroffen, sondern auch noch ein paar andere Frauen. Er hat uns in seiner Gewalt.“
Mir gefällt es nicht, was sie dort erzählt. Doch dank meines Jobs bin ich in der Lage, meine Gefühle für mich zu behalten. Das ändert aber nichts daran, dass ich mir vornehme, bei der nächsten Gelegenheit meine Brüder darauf anzusetzen.
„Wieso gehst du nicht zur Polizei?“
Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Antwort darauf wirklich wissen will. Doch dies ist es, was man in dieser Situation machen würde.
„Würde ich zur Polizei gehen, würde ich schneller unter der Erde liegen und den Frauen Gesellschaft leisten, die das schon getan haben, als es mir lieb ist. Sobald ich nur daran denke, weiß er es.“
Die Worte kommen ihr so leicht über die Lippen, dass es mich ein wenig erschreckt. Doch auch das behalte ich für mich.
In diesem Moment nehme ich mir vor, dass ich mir ihren Bruder zur Brust nehmen werde. Ich habe zwar keine Schwester, doch hätte ich eine, würde ich sie beschützen und sie nicht zum Anschaffen schicken. Und wenn man es genau nimmt, hat er genau das gemacht.
Bis jetzt ist er mir nur ein paar Mal über den Weg gelaufen. Das reicht aber aus, dass ich sagen kann, dass ich ihn noch nie mochte. Ich habe nie eine ernsthafte Unterhaltung mit ihm geführt. Wenn er mir mal über den Weg gelaufen ist, habe ich ihm gezeigt, was ich von ihm halte.
Jason ist ein Arschloch, anders kann man ihn nicht bezeichnen. Ein Möchtegern-Gangster, der eindeutig zu viel auf sich hält und meint, dass er genau weiß, wie die Geschäfte laufen – was er eindeutig nicht weiß. Doch bis jetzt stand er noch nicht meiner Liste, da ich ihn nie ernst genommen habe. Dies hat sich nun allerdings geändert. Die wenigen Worte von Rachel haben dafür gesorgt, dass er nun ganz oben steht.
Schweigend halte ich sie fest und gebe ihr die Ruhe, die sie gerade braucht, um nicht auch noch die restlichen Nerven zu verlieren. Eine Ewigkeit stehen wir so in der Küche. Doch schließlich trenne ich mich von ihr und sehe sie eindringlich an.
„Ich verspreche dir, dass er dir nichts mehr tun wird. Ich werde nicht zulassen, dass er dies noch einmal machen kann.“
Mit diesen Worten drehe ich sie herum und schiebe sie vor mir her, bis wir das Sofa im Wohnzimmer erreicht haben. Dort setze ich sie in die dicken Kissen und ziehe mein Handy aus der Hosentasche.
Um diesen Wichser werde ich mich später kümmern. Wenn ich mit ihm fertig bin, wird er sich wünschen, dass er mir niemals über den Weg gelaufen und er niemals auf so eine schwachsinnige Idee gekommen wäre. Und vor allem wird er sich wünschen, dass er es niemals auf Rachel abgesehen hätte. Jetzt steht sie für mich allerdings an erster Stelle.
Ich bestelle eine Pizza und den restlichen Tag verbringen wir auf dem Sofa. Ein wenig ist es so wie früher. Da haben wir gerne das ganze Wochenende in diesen Kissen verbracht und einfach gekuschelt – auch wenn man das bei mir kaum glauben kann.
Nun streiche ich ihr immer wieder über den Rücken, ihren Bauch, ihre Schultern und die Wunden in ihrem Gesicht. Am Anfang zuckt sie noch zusammen. Als sie nach einigen Sekunden endlich merkt, dass ich ihr nicht weh tun will, entspannt sie sich und schließt die Augen.
Doch nicht nur ich gebe ihr Ruhe. Sie mir auch. Ihren Atem an meiner Haut zu spüren, und zu wissen, dass ihr Kopf auf der Stelle liegt, unter der mein Herz schlägt, setzt etwas in mir frei. Ich kann es nicht in Worte fassen, doch es ist da und mehr zählt gerade nicht für mich.
Es ist schon spät, als ich mich auf den Weg mache. Dies mache ich allerdings nur widerwillig. Ich will sie nicht alleine lassen, doch ich muss dieses Thema zu Ende führen und Jason zeigen, dass ihr Mann wieder in der Stadt ist.
Allerdings werde ich sie nicht ohne Schutz lassen. Mit Sicherheit gehe ich nicht das Risiko ein, dass etwas in der Zeit passiert, in der ich nicht da bin. Ich werde einen meiner Männer damit beauftragen, sie zu beschützen und wenn nötig ihrem Bruder eine Kugel in den Kopf zu jagen.
Auch wenn ich das am liebsten machen würde!
„Was gibt es?“, erkundigt sich Taylor, nachdem er das Gespräch entgegengenommen hat.
In kurzen Sätzen berichte ich ihm davon, was ich selber erst vor ein paar Stunden erfahren habe. Dabei muss ich mich anstrengen, damit ich nicht ausraste. Doch ich bin mir sicher, dass mein Bruder sich das bereits denken kann.
„Ich werde versuchen seinen Aufenthaltsort herauszufinden“, erklärt dieser.
„Ich warte hier, bis einer der Männer da ist. Ich will nicht, dass sie auch nur eine Sekunde ohne jemanden ist, der im Notfall eingreifen kann.“
Ich knurre die Worte mehr, als dass ich sie wirklich ausspreche. Doch ich bin sauer und ich will es auch nicht für mich behalten. Alleine der Gedanke daran, dass dieser Mann Hand an meine Frau gelegt hat, lässt mich rot sehen.
Und wenn man es genau nimmt, ist sie genau das. Meine Frau!
Damals hatte ich nicht den Mut, es ihr zu sagen, da ich ihre Welt nicht aus den Fugen bringen wollte. Doch dieses Mal werde ich sie nicht gehen lassen. Ich werde nicht eine Sekunde Zweifel in ihr aufkommen lassen.
Nicht dieses Mal!
12
Rachel
Es war ein Fehler, ihm zu sagen, was geschehen ist. Ich weiß zwar nicht, was ich sonst hätte machen sollen, da ich endlich mit jemanden darüber sprechen wollte, doch es war ein Fehler. Das wird mir in dem Moment bewusst, als ich die Augen öffne und das weiß ich ganz genau. Gestern hat es sich noch richtig angefühlt, doch nun würde ich es am liebsten wieder zurücknehmen.
Ich habe keine Ahnung, was ich mir davon erhofft habe, aber anscheinend ist es nicht eingetreten. Meine Lage hat sich nicht geändert und die Schmerzen und Verletzungen an meinem Körper sind auch nicht verschwunden.
Es wäre besser gewesen, wenn ich nichts von mir gegeben hätte, denke ich und seufze leise.
Ich brauche mich nicht umzusehen, ich weiß auch so, dass Cody nicht mehr hier ist. Weder neben mir, noch in meiner Wohnung. Schon damals konnte ich seine Anwesenheit spüren. Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll, doch ich wusste es einfach, wenn er sich in meiner Nähe befindet. Und genau dieses Gefühl hatte ich gestern, jetzt ist es jedoch verschwunden.
Ich schließe noch einen Moment meine Augen, während ich versuche herauszufinden, wie ich aus dem Problem herauskomme, in das ich mich selber befördert habe. Und anders kann man es wirklich nicht bezeichnen.
In mir macht sich die Panik breit, dass Cody irgendetwas unternimmt, woran mein Bruder erkennt, dass ich ihn eingeweiht habe. Jason würde es sofort wieder an mir auslassen. Und wahrscheinlich könnte ich dieses Mal froh darüber sein, wenn ich nur ein paar blaue Flecken und offene Wunden habe.
In der nächsten Sekunde dringt jedoch das laute Klingeln meines Handys an mein Ohr. Instinktiv greife ich danach und hoffe, dass es nicht mein Bruder ist, der versucht, mich zu erreichen. Mir ist bewusst, dass ich ihm nicht entkommen kann. Wenn ich nicht am Telefon mit ihm spreche, wird er hier auftauchen und wahrscheinlich wieder auf mich losgehen. Aber ich kann gerade weder das eine noch das andere gebrauchen.
Doch dann stelle ich fest, dass nicht er es ist, der mich anruft, sondern meine Mutter sich am anderen Ende der Leitung befindet. Ich bin mir nicht sicher, ob das besser ist. Doch ich weiß, dass ich auch ihr nicht entkommen kann.
Wenn ich nicht an mein Telefon gehe, wird sie früher oder später ebenfalls hier auftauchen. Und da mein Auto vor der Tür steht kann ich nicht einmal sagen, dass ich nicht zu Hause war.
Daher atme ich ein letztes Mal tief durch, sodass sie hoffentlich nicht sofort merkt, dass ich gerade erst aufgewacht bin. Draußen scheint die Sonne und es ist bereits neun Uhr. Sie soll denken, dass ich auf der Arbeit bin und viel um die Ohren habe. Nur so kann ich die nächste Verabredung mit ihr irgendwie ausschlagen.
„Hi“, begrüße ich sie und tue so, als wäre ich ein wenig gestresst.
„Störe ich dich?“, fragt sie in der nächsten Sekunde. Dabei kann ich den vorsichtigen Ton in ihrer Stimme erkennen. „Ich kann dich auch später noch einmal anrufen.“
„Schon in Ordnung. Hier ist gerade die Hölle los. Aber ein paar Sekunden habe ich Zeit“, gebe ich zurück. „Was gibt es denn?“
„Ich wollte nur fragen, ob du Lust hast vorbeizukommen, wenn du Feierabend hast.“
Ich erkenne die Hoffnung, mit der sie spricht. Früher hatten wir ein sehr enges Verhältnis. Dies war allerdings zu dem Zeitpunkt, als ich noch zu Hause gelebt habe und nicht auf der Liste meines Bruders stand. In den letzten Jahren habe ich immer wieder versucht ihr aus dem Weg zu gehen. Vor allem dann, wenn ich so aussehe, was leider öfter vorkommt, als ich es mir wünsche. Und meistens klappt das sogar. Um genau zu sein ist es mir bis jetzt nur ein einziges Mal nicht gelungen. Und auch da habe ich die Ausrede vorgebracht, dass ich einen Unfall hatte.
Jeder, der auf nur ansatzweise über genug Menschenverstand verfügt, würde sagen, dass ich ihr endlich die Wahrheit sagen soll. Es gibt da leider aber ein paar Punkte, die mich daran hindern.
Ich habe keine Ahnung, wie sie darauf reagieren wird. Ich bin ich mir sicher, dass ihre Welt zusammenbrechen würde, wenn sie von dieser Geschichte erfährt. Ich habe keinen Zweifel daran, dass sie mir nicht glauben würde. Doch ich will auch nicht Schuld an den Dingen sein, die unweigerlich danach passieren werden.
„Sorry, heute ist es schlecht“, weiche ich ihr also erneut aus. Dabei kann ich nichts gegen das schlechte Gewissen machen, was sich bei meinen Worten in mir bildet. Schnell halte ich mir deswegen vor Augen, dass ich es nur mache, um meine Eltern zu schützen. „Ich bin mit ein paar Freundinnen verabredet.“
Kaum habe ich ausgesprochen beiße ich mir auf die Lippe. Sie weiß nicht, dass ich aus dem gleichen Grund kaum noch Freundinnen habe, mit denen ich mich treffen kann. Das ist noch ein Punkt, der mir zusetzt. Und den wenigen, die mir noch geblieben sind, gehe ich auch regelmäßig aus dem Weg.
Sie wissen von nichts!
Sie haben nicht einmal eine Vermutung!
„Das ist schade. Melde dich, sobald du ein oder zwei Stunden erübrigen kannst. Ich würde gerne etwas mit dir besprechen.“
„Mach ich.“
Mit diesen Worten lege ich auf und werfe das Handy wieder neben mich. Ich will mich nicht damit auseinandersetzen, doch ich kann dem auch nicht entkommen.
Ich habe die Befürchtung, dass ich auf eine große Katastrophe zusteuere, ich aber nicht einordnen kann. Und noch schlimmer ist, dass ich nichts tun kann, um genau das zu verhindern.
Eine Ewigkeit bleibe ich auf dem Sofa liegen, bevor ich mich endlich dazu überwinden kann, aufzustehen. Viel zu lange stehe ich unter der Dusche. Dabei habe ich die Hoffnung, dass das Wasser auch meine Sorgen davon wäscht, doch genau das ist nicht der Fall. Nachdem ich mich abgetrocknet habe, werfe ich einen Blick in den Spiegel und begutachte meine Wunden.
Sie sind noch lange nicht so weit, dass sie verheilen. Aus Erfahrung, die ich mittlerweile habe, kann ich auch sagen, dass es noch etwas dauern wird, bis das der Fall ist. Solange muss ich mir eine Ausrede einfallen lassen, falls meine Mutter sich noch einmal meldet und kann nur hoffen, dass mein Bruder das nächste Mal auf ein anderes Körperteil zielt.
„Scheiße“, entfährt es mir.
Auch die Sache mit Cody beschäftigt mich noch immer. Ich habe keine Ahnung, was ich mir gedacht habe, ausgerechnet ihn ins Vertrauen zu ziehen. Zum einen, dass ich es ihm erzählt habe und dann, dass ich ihm mehr oder weniger erlaubt habe, hier zu bleiben. Mir hätte klar sein müssen, dass er wieder verschwindet, so wie er es schon beim letzten Mal einfach getan hat.
Es hat damals eine Ewigkeit gedauert, bis ich in Erfahrung gebracht habe, dass er im Gefängnis sitzt. Und eigentlich war es nur Zufall gewesen, weil mir gerade Taylor über den Weg lief, als ich von der Arbeit nach Hause gegangen bin. Und hätte ich ihm nicht klargemacht, dass ich es auch ohne seine Hilfe erfahre, hätte er mir wahrscheinlich auch kein Wort darüber mitgeteilt!
Ich hätte es wissen müssen!
Nachdem ich mir eine Haushose und ein Shirt angezogen habe, dringt das Klingeln meines Handys erneut an meine Ohren. Augenblicklich spanne ich mich wieder an. Doch als ich einen Blick auf das Display werfe und feststelle, dass es Cody ist, entspanne ich mich wieder.
Dennoch muss ich nun stark sein. Das, was ich jetzt vorhabe, fällt mir nicht leicht. Doch mir ist bewusst, dass ich keine andere Wahl habe. Es geht nicht nur darum, dass ich mich schützen muss, sondern nun auch ihn. Und das ist noch ein Grund, wieso ich am besten den Mund gehalten hätte.
Ein letztes Mal atme ich tief durch, ehe ich das Gespräch entgegennehme.
„Hi“, begrüße ich ihn ein wenig zurückhaltend.
„Guten Morgen“, stellt er fest. „Es tut mir leid, dass ich einfach verschwunden bin, aber ich musste mich um ein paar Sachen kümmern.“
An dem Ton seiner Stimme höre ich, dass er es aufrichtig meint. Doch das ändert nichts an meinem Entschluss. Ich kann nur hoffen, dass er es akzeptiert und mich auch versteht.
„Bist du zu Hause? Ich dachte mir, dass wir gemeinsam frühstücken“, spricht er nun weiter.
Während ich mich frage, ob ich das wirklich machen kann, schießen mir die Tränen in die Augen. Doch schnell rufe ich mir in Erinnerung, dass ich ihn beschützen will. Und das geht nur, wenn ich ihn aus meinem Leben werfe.
„Wir können uns nicht mehr sehen“, murmle ich also. Gleichzeitig kann ich nicht verhindern, dass mir eine einzelne Träne die Wange herunterläuft.
„Was ist los?“
„Nichts, aber es ist das Beste, wenn wir uns nicht mehr treffen. Lass mich bitte in Ruhe.“
Kaum habe ich ausgesprochen lege ich auf. Zum einen nehme ich ihm so die Gelegenheit, noch etwas zu sagen. Auf der anderen Seite kann ich mich aber auch nicht länger beherrschen.
Ich rutsche weinend an der Wand hinunter und vergrabe mein Gesicht in den Handflächen.
Zum zweiten Mal hat mein Bruder es geschafft, mir den Menschen zu nehmen, der mir am wichtigsten ist. Ich habe ihn damals geliebt und ich liebe ihn auch jetzt noch. Und das werde ich für immer!
13
Cody
Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass mir ihre Worte egal sind. Seit dem Telefonat habe ich immer wieder darüber nachgedacht. Ich kann es mir jedoch nur so erklären, dass sie Angst hat und sich deswegen erneut von mir distanziert hat. Dies zeigt mir, dass ich ihr noch nicht genug gezeigt habe, dass sie sich meinetwegen keine Gedanken machen muss. Und ich weiß, dass sie sich diese macht.
Während der nächsten Tage lasse ich sie nicht aus den Augen. Die meiste Zeit des Tages verbringe ich in meinem Wagen in der Nähe ihrer Wohnung, sodass mir nichts entgeht. Keine Sekunde wende ich mich von ihrem Haus ab. Am liebsten wäre ich bei ihr, würde sie in den Armen halten und sie küssen. Allerdings weiß ich nicht, ob es eine gute Idee ist.
Ich will nicht vorpreschen und sie damit noch weiter in die Ecke drängen. Allerdings will ich auch nicht, dass die Lücke zwischen uns noch größer wird.
Man kann auch sagen, dass es eine beschissene Situation ist und ich das erste Mal keine Ahnung habe, was ich machen soll!
An diesem Abend hat sie mir klar zu verstehen gegeben, dass sie eigentlich nicht darüber sprechen will. Und irgendwie kam es mir so vor, als würde sie vor allem nicht mit mir darüber sprechen wollen. Allerdings bin ich froh darüber, dass sie es getan hat.
Nun muss ich nur noch irgendwie an das Arsch rankommen, denke ich.
Automatisch spannen sich meine Muskeln an. Es ist nicht das erste Mal, dass sich jemand versteckt hält und meint, dass er mir so ausweichen kann. Und bis jetzt sind sie alle früher oder später wieder aufgetaucht. Daher mache ich mir auch jetzt keine Sorgen.
Das kann ich ihr allerdings nicht sagen!
Mir ist bewusst, dass ich mich nur gedulden muss, doch das ist nicht so einfach, wie man es vielleicht meinen könnte. Auch aus dem Grund, weil ich nicht alleine in diese Geschichte involviert bin.
Unruhig starre ich auf mein Handy, doch es ist noch immer keine neue Nachricht eingegangen. Weder von meinen Brüdern, noch von Rachel. Ja, sie hat mir deutlich zu verstehen gegeben, dass es besser ist, wenn wir uns nicht wiedersehen. Doch sie ist der Meinung, dass sie mich auf diese Weise schützen kann. Dabei ist ihr jedoch nicht bewusst, dass ich keinen Schutz brauche.
Ich bin sehr wohl in der Lage mit diesem Spinner fertig zu werden. Mehr ist er für mich eindeutig nicht.
Die letzten Tage hat sie kaum die Wohnung verlassen. Und wenn, war ihr Blick gesenkt und ihre Haare fielen ihr ins Gesicht, sodass niemand ihre Verletzungen sehen konnte. Auch eine Mütze hat dafür gesorgt, dass man sie kaum erkennen konnte. Und ich habe auch niemanden gesehen, der hineingegangen ist, wenn man von den anderen Bewohnern des Hauses absieht.
Das ist auch der Grund, wieso ich beschließe, dass ich diesem Theater nun ein Ende bereiten werde. Ich habe keine Lust, dieses Spielchen noch weiterzuspielen. Drei Tage sind eindeutig genug. Stattdessen habe ich einen Entschluss gefasst und den werde ich umsetzen. Unter anderem gehört dazu, dass ich ihr endlich die Wahrheit sagen werde.
Auch wenn ich noch keine Ahnung habe, wie ich das anstellen soll.
Mit entschlossenen Schritten gehe ich auf ihre Haustür zu und öffne sie mit dem Schlüssel, den ich habe nachmachen lassen. Ich weiß, dass es wahrscheinlich keine gute Idee war. Doch im Notfall wollte ich jederzeit zu ihr können. Und irgendwie ist das jetzt ein Notfall.
„Rachel!“, rufe ich in ihre Wohnung hinein, nachdem ich die Tür aufgeschlossen habe.
Es dauert einen Moment, doch schließlich kommt sie aus dem Wohnzimmer. Er sieht sie mich irritiert an, bevor ihr Gesichtsausdruck überrascht wird.
Auf den ersten Blick erkenne ich, dass sie keine Ahnung hat, wie sie sich verhalten soll. Sie steht mitten in der Tür, die zu ihrem Wohnzimmer führt und betrachtet mich auf eine Weise, als würde sie ein Gespenst sehen. Doch schließlich stemmt sie die Hände in die Hüften und kneift ihre Augen ein Stück zusammen.
„Was machst du hier? Und, was noch viel wichtiger ist, wie bist du hier reingekommen?“
An ihrer Stimmer erkenne ich, dass sie nicht sehr glücklich über meine Aktion ist. Ich gebe zu, dass es nicht in Ordnung war, doch ich habe einen guten Grund dafür. Schließlich weiß ich, dass sie mir sonst ewig aus dem Weg gehen würde.
Mir war bewusst, dass sie mich das fragen wird. Dennoch habe ich gehofft, dass sie das nicht gleich als erstes machen würde. Dementsprechend habe ich mir auch keine Ausrede einfallen lassen. Und das wollte ich eigentlich auch überhaupt nicht.
„Ich will dir etwas zeigen“, sage ich also nur.
Mit diesen Worten mache ich zwei Schritte auf sie zu. Als ich jedoch sehe, dass sie misstrauisch ist, bleibe ich stehen. Ich weiß, dass das hier nicht leicht für sie ist. Daher will ich sie nicht in die Ecke drängen. Außerdem soll sie wissen, dass sie mir vertrauen kann.
Denn ich habe mich nicht geändert!
„Und was?“
„Ich will, dass du die Wahrheit kennst. Ich will sie dir zeigen.“
Einen Moment sieht sie mich an, als würde sie darüber nachdenken. Doch schließlich lässt sie die Schultern hängen und schüttelt den Kopf.
„Ich hätte es dir nicht sagen dürfen. Es war ein Moment der Schwäche, der definitiv kein zweites Mal eintreten wird. Du willst mir vielleicht über irgendetwas die Wahrheit sagen. Doch ich will dich schützen. Das steht für mich an erster Stelle. Das hätte ich damals schon tun sollen, in dem ich mich von dir ferngehalten hätte. Doch ich habe es nicht. Jetzt habe ich jedoch die Chance, genau das zu tun.“
Ihre Worte sind ehrlich gemeint, das spüre ich. Vor allem bemerke ich aber die Traurigkeit, die von ihr ausgeht. Unter normalen Umständen würde ich sie jetzt in den Arm nehmen und sie halten. Doch mein Verstand sagt mir, dass ich gerade keinen Schritt damit weiterkommen würde.
„Entweder packst du nun ein paar Klamotten, die du für die nächsten Tage brauchst, oder ich nehme dich so mit“, stelle ich fest und lasse keinen Zweifel daran, dass ich es so meine, wie ich es gesagt habe.
„Du solltest lieber verschwinden. Sollte mein Bruder hier auftauchen und dich sehen, wird er dich wahrscheinlich umbringen. Und das will ich nicht. Du hast keine Ahnung, wozu er in der Lage ist.“
Sie hat noch nicht einmal ausgesprochen, als sich bereits ein paar Tränen aus ihren Augen lösen und sich einen Weg über die Wangen suchen, ehe sie auf ihr Shirt tropfen.
Nun setze ich mich doch in Bewegung und ziehe sie an mich.
„Ich verspreche dir, dass mir nichts passieren wird. Du wirst dir niemals Sorgen um mich machen müssen!“
Sanft streiche ich ihr über den Rücken und versuche so, ihre aufgebrachten Nerven zu beruhigen. Doch sind wir mal ehrlich, ich war noch nie gut darin. Ich bin der Mann fürs Grobe. Bei ihr möchte ich aber zärtlich sein. Sie soll wissen, dass sie die Frau ist, die an meine Seite gehört und um die ich mich immer kümmern werde. Das war schon immer so und wird sich auch nicht mehr ändern.
„Pack ein paar Sachen und dann machen wir uns auf den Weg“, fordere ich sie noch einmal auf.
Ja, die Worte auszusprechen fällt mir nicht leicht. Ich würde gerne hier bleiben und auf diesen Wichser warten. Wenn sie recht hat, wird er schließlich früher oder später wieder hier auftauchen.
Doch Rachel und unsere Beziehung gehen gerade vor. Daher stelle ich diesen Wunsch nach hinten. Doch das bedeutet nicht, dass er mir entkommen wird.
Einen Moment dauert es noch, doch schließlich hebt sie ihren Blick und sieht mich an. Ich weiß, dass sie sich nicht sicher ist, was sie machen soll. Auf der einen Seite hat sie Angst, was passieren wird, wenn sie sich auf mich einlässt. Doch ich weiß, dass sie auch neugierig ist. Das erkenne ich an dem Funkeln in ihren Augen. Noch ein Punkt, der sich in den letzten Jahren nicht geändert hat.
Daher beschließe ich, dass ich ihr einen kleinen Schubser in die richtige Richtung geben werde. Sanft, aber gleichzeitig auch bestimmt, schiebe ich sie vor mir her, bis wir ihr Schlafzimmer erreicht haben.
Bei dem Anblick ihres Bettes kommen mir Dinge in den Kopf, die ich gerne mit ihr anstellen würde. Dinge, die wir früher gerne das ganze Wochenende gemacht haben. Doch das muss jetzt warten.
An erster Stelle steht für mich, dass sie in Sicherheit ist und ich ihr zeigen kann, was ich für sie empfinde.
„Das ist keine gute Idee“, unternimmt sie noch einen Versuch.
„Das ist sogar eine sehr gute Idee. Ich hätte das schon vor Jahren machen sollen.“
Dann wäre es vielleicht nie so weit gekommen, denke ich, spreche es jedoch nicht aus.
Um genau zu sein, hilft mir dieser Gedanke gerade kein Stück weiter, sodass ich ihn schnell zur Seite schiebe.
Einen Moment sieht sie mich an, als würde sie nach dem nächsten Grund suchen, wieso sie das nicht machen kann. Doch in der Sekunde, in der ich mich bereits darauf gefasst mache, dass sie die nächsten Einwände von sich gibt, nickt sie und beginnt, ein paar Sachen in eine große Reisetasche zu packen.
Schon während meiner Zeit im Gefängnis habe ich ein paar Mal darüber nachgedacht, diesen Schritt zu gehen. Ich habe mir die unterschiedlichsten Szenarien vorgestellt, wie sie es aufnimmt und wie es ausgeht für uns. Allerdings bin ich davon ausgegangen, dass ich erst gar nicht die Chance dazu haben werde. Daher habe ich die Idee zur Seite geschoben. Doch nun werde ich es durchziehen.
Ich werde ihr zeigen, dass ich sie damals geliebt habe und sie noch immer liebe. Und was noch wichtiger ist, ich werde nicht mehr zulassen, dass irgendetwas zwischen uns steht.
Dieses Mal werde ich es richtig angehen!
Während wir zu dem Anwesen meiner Eltern fahren überlege ich kurz, ob ich einem meiner Brüder wenigstens eine Nachricht schreiben sollte, um sie vorzuwarnen. Doch es ist mir egal, ob sie Einwände dagegen haben, es würde nichts an meiner Entscheidung ändern.
Rachel soll endlich meine Familie, meine Welt kennenlernen!
14
Rachel
Wieso ich mich darauf eingelassen habe und tatsächlich ein paar Sachen gepackt habe?
Nun, so genau kann ich das wirklich nicht sagen. Und dabei ist es egal, wie sehr ich mir den Kopf darüber zerbreche.
In gewisser Weise kann man behaupten, dass ich die Wahl hatte. Auf der einen Seite stand eine Begegnung mit meinem Bruder und ich weiß, dass er früher oder später, eher früher, in meiner Wohnung auftaucht. Schließlich hat er sich schon lange nicht mehr blicken lassen und angerufen hat er auch nicht. Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis er wieder vor mir steht. Dies ist etwas, was ich ehrlich gesagt nicht gebrauchen kann. Auch aus dem Grund, weil ich will, dass meine Wunden erstmal verheilen, bevor die nächsten dazu kommen.
Auf der anderen Seite befindet sich jedoch der Mann, den ich früher geliebt habe. Ich habe schon immer gespürt, dass er mir etwas verheimlicht. Ein paar Mal habe ich den Versuch unternommen, um herauszufinden, was es ist. Doch nun habe ich wirklich die Chance dazu. Und ein großer Teil von mir will ich das nicht entgehen lassen.
Und ja, auf lange Sicht war es vielleicht die falsche Entscheidung. Aber in diesem Moment ist es die richtige und mehr ist nicht wichtig für mich.
„Wo fahren wir hin?“, frage ich ihn, nachdem wir ein paar Minuten schweigend durch die Straßen gekurvt sind.
Dabei versuche ich herauszufinden, wo er mich hinbringen könnte. Doch ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung.
„Ich werde dich zu mir bringen.“
Ich kann nicht verhindern, dass ich bei seinen Worten zusammenzucke. Es ist nur eine knappe Antwort, dennoch hält sie mir vor Augen, dass ich nichts über ihn weiß.
NICHTS!
Ich habe nicht einmal eine Ahnung, wo er lebt und wie er wohnt!
Dieser Gedanke lässt mich frustriert zurück. Auch da er mir vor Augen führt, dass ich mich damals in einen Mann verliebt habe, über den ich nichts weiß.
Früher haben wir uns nie bei ihm getroffen. Ein paar Mal habe ich ihn danach gefragt, doch er ist mir immer ausgewichen. Aus welchem Grund weiß ich nicht. Sicher, ich habe mir ein paar Gedanken darüber gemacht, doch zum Schluss waren es nur Vermutungen, sodass ich es schnell wieder aufgegeben habe.
Dies war der Punkt, an dem ich gemerkt habe, dass wir keine gemeinsame Zukunft haben werden, egal, dass ich längst mein Herz an ihn verloren habe. Ich würde nie mehr als eine Bettgeschichte für ihn sein und wusste, dass er irgendwann verschwinden würde.
„Zu dir?“, erkundige ich mich, um sicherzugehen, dass ich ihn auch richtig verstanden habe.
„Du hast mir deine Wahrheit gesagt und ich werde dir meine anvertrauen.“
Mehr sagt er nicht. Doch das muss er auch überhaupt nicht, um mich neugierig zu machen. Ich habe keine Ahnung, was er damit meint. Allerdings will ich es erfahren. Irgendwie habe ich nämlich das Gefühl, als wäre dies der Grund, der damals zwischen uns stand.
„Wir sind da“, verkündet Cody, als ich schon die Befürchtung habe, dass wir überhaupt nicht mehr ankommen.
Dabei waren wir nicht länger als eine halbe Stunde unterwegs.
Wir befinden uns in einer der wohlhabenderen Wohngegenden, die es überall in der Stadt verteilt gibt. Teure Autos stehen in den Einfahrten und die Häuser sind so groß, dass man locker riesige Hotels daraus machen kann.
Mit großen Augen sehe ich mich um, während Cody durch ein gigantisches Tor fährt und eine Einfahrt entlang rollt, die man wahrscheinlich nicht mehr als Einfahrt bezeichnen kann, so lang ist sie. Ich bin der Meinung, dass sie einen eigenen Straßennamen bekommen sollte.
Cody greift über die Mittelkonsole hinweg nach meiner Hand und drückt sie sanft, bevor er vor einer wunderschönen Villa stehen bleibt.
Sie ist schneeweiß, hat große Fenster, die wahrscheinlich im unteren Geschoss bis zur Decke reichen und eine gigantische Eingangstür. Mehrere Stufen führen hinauf. Auf jeder zweiten stehen große Blumentöpfe, in denen sich große bunte Blumen befinden.
Mit offenem Mund und sprachlos sehe ich alles an. Ich versuche herauszufinden, was ich davon halten soll, doch ich schaffe es nicht.
„Hier wohnst du?“
Ich kann nicht für mich behalten, dass ich überrascht bin. Ich bin von allem ausgegangen, aber definitiv nicht davon. Nachdem er immer so ein großes Geheimnis daraus gemacht hat, bin ich eher davon ausgegangen, dass er in einem irgendeinem Wohnblock lebt, welcher abgerissen gehört. Klar, seine Kleidung und sein Auto passen nicht dazu, doch ich habe schon früh gelernt, dass man nicht immer nach dem Äußeren gehen soll.
„Unter anderem. Meine Brüder und ich haben jeweils eine eigene Wohnung hier und meine Eltern wohnen in dem größten Teil des Hauses“, erklärt er mir und zeigt auf die einzelnen Bereiche.
Kurz sehe ich ihn an und warte darauf, dass er noch etwas hinzufügt. Irgendetwas, was all das erklärt. Doch das macht er nicht.
Schließlich steige ich aus, gehe ich ein paar Schritte auf das Haus zu und bleibe dann stehen. In der nächsten Sekunde drehe ich mich zu Cody herum, der noch immer neben seinem Wagen steht.
Sein aufmerksamer, beinahe abwartender, Blick ist auf mich gerichtet. In diesem Moment entgeht ihm nichts an mir. Nicht die kleinste Reaktion.
„Wieso hast du mir das verschwiegen? Hattest du Angst, ich würde nur deswegen mit dir zusammen sein wollen? Wenn du das denkst, frage ich mich wirklich, ob du mich wirklich so gut kennst, wie du meinst.“
Ich lasse es zwar so klingen, als wäre es ein Scherz, doch es ist mein Ernst. Allerdings wäre ich nicht sauer, wenn es so sein sollte. Ich kann mir gut vorstellen, dass es nicht immer einfach ist, wenn man anscheinend soviel Geld hat. Da gibt es wohl mehr als genug Frauen, die nur deswegen mit einem zusammen sein wollen. Doch es kränkt mich auch ein wenig, da ich gedacht habe, dass er mich besser kennt.
„Das Haus, und alles, was damit zu tun hat, sind mir egal. Ich wollte dich von meiner Familie fernhalten, um dich zu schützen, um dein Leben zu schützen. Dabei habe ich nicht gemerkt, dass ich dich habe ins offene Messer laufen lassen, was deinen Bruder angeht. Aus diesem Grund will ich es dir nun aber sagen. Du sollst wissen, dass du dir wegen ihm keine Sorgen machen musst und ich mit ihm klarkomme.“
Während er spricht, kommt er näher und bleibt schließlich dicht vor mir stehen. Ich kann seinen Gesichtsausdruck nicht deuten, doch ich bin mir sicher, dass das gerade vielleicht auch besser so ist.
Ich habe keine Zeit mehr, noch etwas zu erwidern, da er bereits nach meiner Hand greift und mich hinter sich herzieht.
Kaum sind wir durch die Tür getreten, ziehe ich scharf die Luft ein und bleibe ruckartig stehen. Eigentlich wollte Cody weitergehen, doch nun dreht er sich in meine Richtung.
Alles, was ich bis jetzt auf Bildern oder in Filmen gesehen habe, ist nichts im Vergleich zu dem, was sich mir hier bietet. An den Wänden, die in einem hellen Ton gehalten sind, befinden sich Bilder, die eindeutig von berühmten Künstlern sind. An einigen gehe ich vorbei, wobei mir unter anderem der Name von Picasso in die Augen springt.
Die kosten ein Vermögen, denke ich.
Ich kenne mich in diesem Bereich zwar nicht so gut aus, doch ich bin mir sicher, dass hier Bilder hängen, die ein paar Millionen wert sind.
„Meiner Mutter gehört eine große Galerie“, erklärt er mir, als würde es erklären, dass hier locker zwanzig Bilder hängen, die im Wert noch steigen.
Kurz sehe ich ihn an, während ich mich auf die restliche Einrichtung konzentriere. Der Kronleuchter, der von der Decke hängt, ist aus Gold. Und wenn ich mir den Rest der Möbel ansehe, die eindeutig restauriert wurden, würde es mich nicht einmal wundern, wenn es echtes Gold ist.
„Was ist das alles?“, frage ich ihn.
Mir ist bewusst, dass diese Frage es nicht einmal ansatzweise auf den Punkt trifft, doch andere Worte kommen mir gerade nicht in den Sinn.
„Komm mit, dann werde ich es dir erklären.“
Mit diesen Worten hält er mir seine Hand hin. Ohne darüber nachzudenken, ergreife ich sie und lasse mich von ihm in einen anderen Bereich des Hauses führen.
Nachdem ich die Eingangshalle gesehen habe, bin ich davon ausgegangen, dass seine Wohnung auch so sein wird. Aber ich stelle fest, dass sie das komplette Gegenteil ist.
Ja, sie ist auch wunderschön und geschmackvoll eingerichtet, allerdings nicht so protzig, beinahe schon unauffällig.
Mit ihren hellen Farben erscheint sie ein ganzes Stück größer, als sie es wohl ist. Alles ist aufgeräumt und glänzt. Dies schiebe ich jedoch nicht darauf, dass er ordentlich ist, was aber so ist. Für mich sieht es eher so aus, als wäre er nicht sehr oft hier. Und diese Feststellung sorgt dafür, dass ich mich frage, wo er die meiste Zeit des Tages steckt.
„Setzt dich“, fordert er mich auf und zeigt auf das große schwarze Wildledersofa, welches mitten im Raum steht.
Auch in diesem Raum dominieren helle und freundliche Farben. Dennoch gibt es bunte Bilder an den Wänden, die ebenfalls so aussehen, als hätten sie ein Vermögen gekostet. Sie unterscheiden sich jedoch in einem Detail von denen, die ich vorhin gesehen habe.
Diese hier sind nicht alt, sondern eindeutig neuer. Ihre Farben sind noch kräftig und die Rahmen sind modern.
Als ich nun einen Blick in sein Gesicht werfe, stelle ich fest, dass ihn irgendetwas beschäftigt. Daher lasse ich mich auf die Sofakante sinken und ziehe ihn mit mir.
„Was ist hier los? Was willst du mir sagen?“
Schon damals konnte er nicht vor mir verbergen, wenn ihn etwas bedrückt. Allerdings hat er nie irgendwelche Anstalten gemacht, sein Schweigen zu brechen. Nun hoffe ich jedoch, dass er mir genug vertraut und mir endlich sagt, was ihn beschäftigt.
Wie er ja selber so schön gesagt hat: Ich habe ihm mein Geheimnis auch anvertraut!
„Ich wollte dich immer nur beschützen. Vor meiner Familie, meinem Leben und vielleicht auch vor mir selber. Daher habe ich dich immer wie eine Geliebte behandelt. Irgendeine Frau, die im Schatten steht und auf mich wartet. Allerdings warst du immer soviel mehr für mich. Ich habe mir jedoch eingeredet, dass es der richtige Weg ist und ich nur so dafür sorgen kann, dass du nicht mit in diese Geschichte gezogen wirst. Während der letzten Jahre ist mir aber bewusst geworden, dass es falsch war. Du warst von Anfang an nicht irgendeine Frau für mich.“
Mein Herz schlägt wie verrückt. Ich versuche meine Atmung wieder zu normalisieren, schaffe es jedoch nicht.
Zu gerne würde ich ihn fragen, was er damit meint, doch ich behalte sie für mich. Auf den ersten Blick erkenne ich, dass es ihm schwer genug fällt darüber zu sprechen, da brauche ich es ihm nicht noch schwerer zu machen.
Die nächsten Minuten kommen mir wie eine Ewigkeit vor. Es ist kaum auszuhalten, doch ich reiße mich zusammen. In diesem Moment wird mir bewusst, wie er sich gefühlt haben muss, bevor ich mit der Wahrheit herausgerückt bin.
„Meine Familie beherrscht schon seit Generationen die Unterwelt. Drogen, Prostitution, Geldwäsche, Waffen, es ist von allem etwas dabei. Ich wollte dich nie mit in diese Sachen reinziehen, daher habe ich unsere Beziehung nie offiziell gemacht. Meine Angst, dass dir etwas geschieht, hat mich daran gehindert, endlich zu dir zu stehen. Doch nun weiß ich, dass dein Bruder niemals die Chance gehabt hätte, auf dich loszugehen, oder seine Spielchen weiterzutreiben, wenn ich es gemacht hätte. Er wäre überhaupt nicht an dich herangekommen. Ich hoffe, du kannst es mir verzeihen.“
Einige Sekunden sehe ich ihn einfach nur an. Mein Kopf versucht die Worte zu verarbeiten, die gerade aus seinem Mund gekommen sind. Doch so wirklich will es mir nicht gelingen.
Ich kenne ihre Bedeutung. Und jeder, der auch nur ansatzweise zwischendurch Nachrichten sieht, kennt die Reichweite dessen, was er mir gerade gesagt hat. Doch zu meiner Überraschung stelle ich fest, dass es nichts in mir ändert.
Ich bin froh darüber, dass er nicht schon damals etwas gesagt hat. Ich weiß nämlich nicht, wie ich vor fünf oder sechs Jahren darauf reagiert hätte. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass ich abgehauen wäre, war sehr groß. Und ehrlich gesagt weiß ich auch nicht, wie ich jetzt darauf reagieren werde. Allerdings muss ich sagen, dass es nicht sehr viel gibt, was mich noch aus meinem inneren Gleichgewicht zieht, nachdem, was ich in den letzten Jahren mitgemacht habe.
Doch ich spüre, dass etwas in mir sich löst und ich weiß auch, was es ist.
Es ist die Angst!
Das erste Mal seit Jahren habe ich sie nicht mehr. Ich fühle mich frei und sicher und das nur, weil ich nun weiß, dass ich bei Cody in Sicherheit bin.
„Hast du den Mann damals umgebracht, wie man in den Nachrichten gesagt hat?“, ist die erste Frage, die mir in den Kopf kommt.
Ich versuche mir nicht anmerken zu lassen, wie es mir geht. Ich will alles wissen, auch wenn es mir vielleicht nicht gefallen wird. Doch ich muss es einfach.
„Ja, aber sie hätten mich eigentlich nie fassen dürfen“, beginnt er, nachdem er kurz darüber nachgedacht hat.
„Was meinst du damit?“
„Ich habe schon viele Menschen umgebracht. Und auch dieses Mal konnten sie es mir nicht nachweisen. Sie haben mich nur weggesperrt, weil es einen Zeugen gab, den ich nicht kenne, der aber genau das behauptet hat. An mir wollten sie wahrscheinlich zeigen, dass man sich mit der Justiz besser nicht anlegt.“
Er zuckt mit den Schultern und zeigt mir so, dass er es nicht weiß. Er scheint gelassen zu sein, doch ich bin mir nicht sicher, ob ich ihm das glaube. Er wurde schließlich fünf Jahre weggesperrt, obwohl es nicht einmal Beweise gab. Und auch wenn ich mich in dem juristischen Kram nicht so gut auskenne weiß ich, dass er so gesehen doch irgendwie grundlos verurteilt wurde.
Automatisch frage ich mich, wie es zwischen uns weitergegangen wäre, wenn er nicht verhaftet worden wäre.
Hätte er mir irgendwann die Wahrheit gesagt? Oder hätte er mich verlassen und sich irgendeine andere Frau gesucht?
Eine Frau, die aus den gleichen Kreisen kommt und deswegen damit umgehen kann. Eine Frau, der es nicht um Liebe gegangen wäre, sondern nur um das Geld.
Oder hätte er sie geheiratet und mich als Affäre behalten? Aber hätte ich mich mit meinen Gefühlen wirklich darauf eingelassen?
Letzteres ist etwas, was ich mir nicht vorstellen kann.
Alleine bei dem Gedanken daran werde ich eifersüchtig. Daher ziehe ich es vor, mich schnell wieder auf etwas anderes zu konzentrieren.
„Ich weiß, dass es viel ist. Doch du sollst wissen …“, beginnt er.
„Nein“, rufe ich jedoch, bevor er seinen Satz beenden kann.
Langsam stehe ich auf und gehe zum Fenster um hinauszusehen. Von dieser Stelle aus kann ich in den Garten und auf den riesigen Pool sehen, der sich dort befindet.
„Deine Familie gehört zur Mafia“, stelle ich fest.
Betreten sieht er auf den Boden, doch darum kann ich mich jetzt nicht kümmern. Stattdessen rede ich unbeirrt weiter.
„Und nach dem, was ich nun erfahren habe, kann man es wahrscheinlich so bezeichnen. Ich weiß nicht, was ich davon halten soll.“
Kaum habe ich ausgesprochen kommt er zu mir und schließt mich in seine Arme.
„Du hast recht, aber das ändert nichts an mir. Ich liebe dich, das habe ich damals schon. Du bist meine Frau und deswegen brauchst du dir keine Sorgen zu machen, dass ich mit deinem Bruder nicht fertig werde!“
Seine Worte rauben mir den Atem. Um sie noch zu unterstreichen drückt er seine Lippen verlangend auf meine, nachdem er zu mir gekommen ist.
Augenblicklich werde ich zu Wachs in seinen Händen. Schon früher hatte er diese Wirkung auf mich und ich bin froh darüber, dass sich anscheinend nichts verändert hat.
Zärtlich streicht er mir die Haare nach hinten und lässt seine Lippen über mein Kinn und meinen Hals weiter nach unten wandern. Sofort schließe ich die Augen, so sehr genieße ich seine Berührungen.
In den letzten Jahren habe ich es mir immer wieder vorgestellt, wie er genau das macht. Doch es ist egal, wie lebhaft ich es mir ausgemalt habe, ich wusste, dass es nur ein Traum war. Gleichzeitig war ich mir in dieser Zeit sicher, dass ich es nie wieder spüren werde.
Als er mich nun wieder küsst, krallen sich meine Fingernägel in seinem Shirt fest und hindern ihn daran, dass er einfach verschwinden kann. Allerdings macht er auch keine Anstalten, sich von mir entfernen zu wollen. Es ist eher das Gegenteil der Fall.
Mit kräftigen Händen zieht er mich noch dichter an sich heran, sodass kein Blatt mehr zwischen uns passt. Er weckt die Lust in mir, sodass ich in diesem Moment nur noch den Wunsch habe, ihm nah zu sein.
Ich entferne mich ein Stück von ihm, unterbreche jedoch nicht den Blickkontakt zu ihm, und ziehe mir mein Shirt über den Kopf, sodass ich obenrum nur noch meinen BH trage.
Sein dunkler Blick verschlingt mich. In der nächsten Sekunde drückt er seine Lippen wieder auf meine, öffnet meinen Rock, sodass er herunterfällt und hebt mich auf seine Arme. Automatisch schlinge ich meine Beine um ihn herum, um mich besser halten zu können.
Ich nehme alles nur noch am Rand wahr. Als ich jedoch merke, dass ich auf einer weichen Matratze liege weiß ich, dass er mich ins Schlafzimmer gebracht hat. Jede Faser meines Körpers konzentriert sich nur noch auf ihn.
Als er sich auf mich legt, befreie ich ihn ebenfalls von seinem Shirt. Langsam lasse ich meine Hände über seinen durchtrainierten Oberkörper wandern, wobei ich ihn genau erkundige. Als ich schließlich an dem Bund seiner Hose ankomme, öffne ich seinen Gürtel und die Jeans und schiebe sie dann mitsamt seiner Boxershorts ein Stück nach unten.
Seine geschickten Finger befreien mich von meinem BH, sodass er meine Nippel in seinen Mund ziehen kann. Ein lautes Stöhnen dringt mir über die Lippen und mein Rücken biegt sich durch, um ihm noch näher zu sein. Ich bin so sehr auf diese Berührungen konzentriert, dass ich erschrocken zusammenzucke, als ich einen scharfen Schmerz wahrnehme. In der nächsten Sekunde nehme ich die kühle Luft an meiner geschwollenen Perle wahr.
„Cody“, seufze ich und dränge mich ihm noch mehr entgegen.
Doch er macht keine Anstalten, sich von mir aus der Ruhe bringen zu lassen. Langsam, beinahe in Zeitlupe, wandert er weiter nach unten und bedeckt dabei jeden Zentimeter meines Körpers mit heißen Küssen.
Als er seine Zunge schließlich über die Stelle wandern lasse, wo ich ihn spüren will, kann ich mich nicht mehr beherrschen. Immer wieder bearbeitet er mich auf diese Weise, sodass es nicht lange dauert, bis ich spüre, wie der Orgasmus über mich hinwegfährt.
Meine Muskeln spannen sich an und ich verliere die Kontrolle über meinen Körper. Meine Finger halten sich an der Bettdecke fest, auf der ich liege.
Mit einem hinterhältigen Grinsen auf den Lippen kommt er wieder nach oben und küsst mich leidenschaftlich, sodass ich meinen eigenen Geschmack auf den Lippen habe. Ich nehme nicht mehr von dem wahr, was sich um mich herum befindet, sodass ich scharf die Luft einziehe, als ich merke, wie er in mich eindringt.
Seine Bewegungen sind nicht sanft oder zurückhaltend. Sie sind hart und geben mir zu verstehen, dass ich ihm gehöre. Doch etwas anderes wünsche ich mir gerade auch nicht. Ich will wissen, dass er immer an meiner Seite sein wird.
Es dauert nicht lange, bis sich unsere Körper erneut anspannen. Sein Stöhnen dringt in meine Ohren und meine langen Fingernägel kratzen über seinen Rücken.
Dieser gemeinsame Orgasmus dauert eine Ewigkeit. Er sorgt dafür, ich mich ihm noch verbundener fühle. Und in diesem Moment weiß ich, dass es nichts gibt, was sich zwischen uns drängen kann.
Ich kann nicht sagen, ob es die Wahrheit ist, doch gerade will ich mich nicht damit beschäftigen. Stattdessen genieße ich die Nähe zu ihm und hoffe, dass wir noch ein wenig Zeit haben werden, bis der nächste Ärger kommen wird.
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