Kitabı oku: «Old Home, New Love»

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Sarah Glicker

Old Home, New Love

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Inhaltsverzeichnis

Titel

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Impressum neobooks

1

Sarah Glicker

Old Home, New Love

Sarah Weber

Alter Postweg 31a

48477 Hörstel

Copyright by Sarah Weber

Covergestaltung: akbuchcover

Bildlizenz: Maridav@depositphotos.com

Alle Rechte vorbehalten!

Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der offiziellen schriftlichen Genehmigung der Autorin!

„Du dämliches Arsch“, zische ich wütend und werfe meinem Freund Anthony dabei einen bösen Blick zu.

Oder sollte ich besser sagen meinem Ex-Freund? Ja, wahrscheinlich wäre das passender.

„Du bescheuerter …“, setze ich an. Allerdings ist es wahrscheinlich besser, wenn ich dieses Wort nicht ausspreche, weswegen ich es hinunterschlucke.

Vor einer halben Stunde hat er mir gebeichtet, dass er mich nicht nur einmal betrogen hat, sondern gleich mehrere Male. Und das nicht nur mit einer Frau. Nein, er hat es vorgezogen, mit mehreren Frauen in die Kiste zu steigen. Für mich macht es allerdings keinen Unterschied, ob er mich mehrmals mit einer Frau betrogen hat, oder nicht. Es ändert ja nichts an der Tatsache, dass er es getan hat.

Ich frage mich nur, ob es wirklich so viele Frauen gibt, die genauso dämlich sind, wie ich es anscheinend bin, dass sie sich auf ihn einlassen. Und ja, in diesem Fall kann ich mich selber nur als dämlich bezeichnen.

Anthony steht ein paar Schritte von mir entfernt und macht den Anschein auf mich, als würde er nicht genau wissen, wie er reagieren soll.

„Wann wolltest du es mir sagen?“, fahre ich ihn an, als er auch nach einer gefühlten Ewigkeit noch keinen Ton von sich gegeben hat.

„Eigentlich wollte ich es dir schon längst gesagt haben“, weicht er aus und sieht mich an, als wäre er ein kleines Kind.

Es gibt vielleicht Frauen, bei denen dieser Gesichtsausdruck dafür sorgt, dass sie sich wieder beruhigen. Doch bei mir sorgt es eher dafür, dass das Gegenteil passiert. Ich werde noch wütender, falls das überhaupt noch geht.

„Ich hoffe, dass du es selber nicht glaubst, was gerade aus deinem Mund gekommen ist. Wir beide wissen, dass es gelogen ist.“

Ich bin sauer und es wird von Sekunde zu Sekunde nur noch schlimmer. Langsam habe ich seine Lügen nur noch satt.

„Es stimmt“, erklärt er und sieht mich eindringlich an.

In dieser Sekunde kann ich mich nicht mehr beherrschen. Ich beginne laut zu lachen und zeige ihm so, was ich von seinen Worten halte. Und ehrlich gesagt ist das nicht sehr viel. Eigentlich ist es überhaupt nichts.

„Ich will kein Wort mehr von dir hören, kein einziges! Um genau zu sein bin ich froh, dass ich es nun endlich erfahren habe. Auch wenn ich sagen muss, dass ich mir gewünscht hätte, dass du wenigstens den Mut dazu gehabt hättest. Leider hattest du den aber nicht. Stattdessen musste ich es von deinen Geliebten erfahren“, gebe ich von mir und halte mein Handy ein Stück in die Luft.

In den letzten Tagen habe ich mehrere Nachrichten von Frauen bekommen, allerdings bin ich nie darauf eingegangen. Heute Morgen hat es mir allerdings gereicht, nachdem ich wieder eine erhalten habe, und habe ihn darauf angesprochen.

Das einzige, was ich ihm zugutehalten muss ist, dass er es nicht geleugnet hat. Auch, wenn es die Tat an sich auch nicht besser macht.

Allerdings hätte das auch nicht sehr viel genutzt, denke ich und spanne mich erneut an. Schließlich habe ich vorhin sogar noch zwei Bilder bekommen.

„Lass es mich bitte erklären“, murmelt er und sieht dabei an mir vorbei an die Wand hinter mir.

Einige Male atme ich tief durch. Nur so kann ich mich im Griff behalten, damit ich ihm nicht an den Hals gehe.

Langsam gehe ich an ihm vorbei und hänge mir meine Tasche dabei über die Schulter. Nachdem ich meine Wohnungstür erreicht habe, drehe ich mich zu ihm um und sehe ihn aus zusammengekniffenen Augen an.

„Wenn ich nach Hause komme, sind deine Sachen aus meiner Wohnung verschwunden. Und du mit ihnen“, gebe ich von mir.

Ich lasse keinen Zweifel daran, dass ich ihn nie wiedersehen will. Fremdgehen ist für mich unentschuldbar und das weiß er auch.

Dennoch kann ich beobachten, wie seine Augen sich ein Stück weiten und er anscheinend im ersten Moment nicht weiß, wie er darauf reagieren soll. Doch dann macht er einen Schritt in meine Richtung.

„Und wo soll ich bleiben?“, fragt er mich, als er anscheinend seine Sprache wiedergefunden hat.

Seine Augen sind auf mich gerichtet, sodass ich die Verzweiflung darin erkennen kann. Ich weiß, dass es bei ihm gerade nicht sehr gut aussieht. Vor ein paar Wochen hat er seinen Job und seine Wohnung verloren, sodass ich ihm gesagt habe, dass er auch bei mir wohnen kann. Doch das ist nicht mehr mein Problem.

Ganz davon abgesehen hatte er Zeit genug, um sein Leben wieder in den Griff zu bekommen!

„Zieh´ in ein Hotel, oder zu einer deiner Freundinnen. Ich bin mir sicher, dass du irgendwo schon ein Fleckchen finden wirst. Ich lasse mich von dir jedoch nicht mehr von dir an der Nase herumführen.“

Mit diesen Worten verlasse ich meine Wohnung und lasse die Tür laut hinter mir in das Schloss fallen.

Er kann froh sein, dass ich schon immer ein Mensch war, der sich im Griff hat, auch wenn das nicht immer einfach ist. Sonst wäre ich sicherlich nicht so ruhig geblieben. Und ich bin mir sicher, dass jede Frau, die selber schon einmal betrogen wurde, mich auch hätte verstehen können.

Es gibt wahrscheinlich nicht eine Frau, die es mir krumm genommen hätte, wenn ich eine Vase oder Teller nach ihm geschmissen hätte.

Doch ich bin der Meinung, dass er es nicht wert ist. Zwei Jahre meines Lebens habe ich an ihn vergeudet.

Zwei Jahre!

Für ihn habe ich meine Heimat die Glades und meine Familie verlassen. Sicher, ich hätte eh gehen wollen. Doch Gainesville war nicht mein Ziel gewesen.

Nun bleibt mir gerade aber nichts anderes übrig, als das Positive an dieser Situation zu erkennen, auch wenn das nicht einfach ist. Ich habe eine schöne Wohnung und einen guten Job. Mehr kann ich mir gerade überhaupt nicht wünschen.

„Wir müssen uns unterhalten“, verkündet mein Chef, nachdem ich das Büro betreten habe.

Mit großen Schritten kommt er auf mich zu und sieht mich mit einem strengen Blick an.

Ich kann nicht verhindern, dass sich augenblicklich ein weiteres Mal an diesem Morgen ein ungutes Gefühl in mir breit macht. Und das ist das Letzte, was ich gerade gebrauchen kann.

„Ist etwas passiert?“, frage ich ihn unsicher.

Meine Stimme ist leise, beinahe brüchig, doch gerade bin ich froh, dass ich überhaupt einen Ton herausbekomme.

„Wir müssen etwas besprechen.“

Er klingt zwar so, als wäre es keine große Sache, doch ich werde das Gefühl nicht los, dass etwas passiert ist, was mir nicht gefällt.

Mir bleibt nichts anderes übrig, als ihm zu folgen, wenn ich herausfinden will, was passiert ist. Dabei achte ich jedoch darauf, dass sich einige Schritte zwischen uns befinden.

Ein paar der Kollegen, die schon da sind, sehen mich nachdenklich an, als ich an ihnen vorbeigehe. Ich habe keine Ahnung, ob sie bereits wissen, was passiert ist, oder ob sie genauso überrascht sind, wie ich es bin. Doch ich habe keine Ahnung, was los ist. Und das gefällt mir überhaupt nicht.

Wenn ich zu einem Gespräch beim Chef gerufen werde, weiß ich lieber, was vor sich geht. Ich will mich darauf vorbereiten können.

„Setzen Sie sich“, weist er mich an, nachdem er die Tür seines Büros hinter sich geschlossen hat.

Ich schlucke und versuche so den Kloß aus meinem Hals zu entfernen, der sich dort in den letzten Sekunden gebildet hat. Doch ich schaffe es nicht, ihn wieder loszuwerden. Mir kommt es eher so vor, als würde er noch größer werden.

„Ist etwas passiert?“, erkundige ich mich.

Angespannt sieht er mich an. Ich habe keine Ahnung, was hier los ist, doch ich will es endlich wissen. Dabei ist mir egal, was es ist.

Sein Verhalten zeigt mir, dass irgendetwas passiert sein muss. Und leider habe ich schon eine Vorahnung, die mir leider überhaupt nicht gefällt. Und leider auch eine, mit der ich nicht gerechnet habe.

Er hat in den letzten Wochen kein Geheimnis daraus gemacht, dass die Auftragslage nicht sehr gut ist. Und dementsprechend hat er auch angemerkt, dass er ein paar Leute entlassen muss, wenn es sich nicht bessert. Dementsprechend haben sich alle noch mehr ins Zeug gelegt, dennoch mussten uns letzte Woche bereits zwei meiner Kollegen verlassen.

„Ich sehe mich leider gezwungen, die Agentur noch mehr zu verkleinern“, beginnt er schließlich.

„Sie kündigen mir“, stelle ich trocken fest.

Während ich spreche, versuche ich alle Emotionen, die ich gerade empfinde, für mich zu behalten. Doch nachdem ich mich vorhin schon von meinem Freund getrennt habe, ist das jetzt nicht mehr so leicht.

In meinem Kopf überschlagen sich die Gedanken, während ich versuche herauszufinden, was der beste Weg ist, mit diesem Mist klarzukommen.

„Ich habe mir diese Entscheidung nicht leicht gemacht. Aber ich bin gezwungen etwas zu unternehmen, wenn ich nicht will, dass dieser Betrieb pleite geht. Nach der ganzen Arbeit, die ich in den letzten Jahren hier reingesteckt habe, will ich das wirklich nicht.“

Mit einem entschuldigenden Blick sieht er mich an. Doch ich gehe nicht weiter darauf ein, da ich glaube, dass dies die einzige Möglichkeit ist.

„Das ist schon in Ordnung“, gebe ich nur zurück.

Einige Sekunden warte ich darauf, dass er vielleicht noch etwas sagt. Doch er schweigt und sieht mich stattdessen nur nachdenklich an.

Ohne ein weiteres Wort zu sagen, stehe ich auf und verschwinde aus seinem Büro und der Firma, für die ich mir den Arsch aufgerissen habe. Gerade kommt es mir so vor, als würde die Welt um mich einbrechen.

Die letzten zwei Jahre habe ich damit verbracht, mir hier ein Leben aufzubauen. Ich gebe zu, dass ich kein Bedürfnis hatte, hier Freundschaften zu schließen und mich auch mit den Freunden von Anthony nicht sehr gut verstanden habe. Doch ich hatte einen Job, einen Freund und eine schöne Wohnung. Mehr habe ich nicht gebraucht.

Und nun ist mir innerhalb eines Morgens, eigentlich nur innerhalb von zwei Stunden, nur die Wohnung übrig geblieben.

Während ich durch die Straßen nach Hause fahre, überlege ich mir, wie ich weitermachen soll. Klar, ich brauche einen neuen Job, das steht außer Frage. Doch sogar mir ist bewusst, dass es nicht so leicht ist, einen zu finden.

In meiner Branche gibt es nicht sehr viele Firmen und auf jede Stelle kommen mindestens zehn Bewerber. Aber vielleicht ist es auch die Chance, mit etwas anderem zu beginnen.

Noch bevor ich die Wohnungstür erneut hinter mir geschlossen habe, höre ich, dass mein Telefon klingelt. Schnell lege ich alles auf dem Küchentisch ab und nehme das Gespräch an.

„Schätzchen“, begrüßt mich meine Mutter.

„Hi“, gebe ich schlecht gelaunt von mir. Ich kann es nicht für mich behalten und das will ich auch überhaupt nicht.

„Was ist los?“

Vor meinem inneren Auge habe ich ein Bild, wie sie noch in der gleichen Sekunde die Ohren spitzt und mehr oder weniger geduldig darauf wartet, dass ich ihr die Geschichte erzähle.

Kurz zögere ich mit mir selber. Es fiel mir schon immer schwer, meiner Mutter von meinen Misserfolgen zu berichten. Und wenn man es genau nimmt, waren die letzten Stunden genau das.

Dennoch breche ich mein Schweigen und setze sie über die neusten Vorkommnisse in Kenntnis.

Aufmerksam hört sie mir zu, bis ich geendet habe.

„Das tut mir leid, mein Schatz“, erklärt sie schließlich.

„Das braucht es nicht. Es war besser, dass ich es jetzt erfahre, als erst in ein paar Jahren. Und das mit meinem Job ist zwar scheiße, aber dennoch werde ich mich davon nicht unterkriegen lassen.“

Einen Moment ist es ruhig in der Leitung. Ich kenne meine Mutter gut genug, um auch aus dieser Entfernung zu wissen, dass sie etwas beschäftigt.

„Was ist los?“, stelle ich schließlich die Frage, die mir auf der Zunge liegt.

„Ich wüsste da vielleicht etwas, was dich ablenken kann“, stellt sie nach einer Ewigkeit fest.

„Und das wäre?“

Die Art und Weise, wie sie die Worte ausspricht, lässt mich vorsichtig werden.

„Komm nach Hause. Ich könnte hier wirklich deine Hilfe gebrauchen.“

„Was?“

So zeige ich ihr, dass ich nicht einschätzen kann, wovon sie gerade spricht.

„Komm in die Glades. Ich werde es dir erklären, sobald du hier bist.“

Ich weiß, dass irgendetwas passiert sein muss, wenn sie sich so verhält. Und es passiert nicht sehr oft, dass sie so ein Geheimnis daraus macht. Schon alleine das lässt mich neugierig werden.

„Okay“, sage ich also, lasse sie gleichzeitig aber auch wissen, dass ich nicht sehr begeistert davon bin.

Es ist das dritte Mal an diesem Tag, dass ich so gesehen vor einem Rätsel stehe, wenn man es so nennen will. Doch ich weiß auch, dass ich es dieses Mal wirklich nicht innerhalb der nächsten Minuten erfahre werde.

Wenn meine Mutter sich etwas in den Kopf gesetzt hat, setzt sie das auch durch. Und in diesem Fall hat sie es sich wahrscheinlich in den Kopf gesetzt, dass ich nichts wissen soll, bis ich dort bin.

2

Obwohl ich mir eigentlich einen neuen Job suchen sollte, damit ich in einigen Wochen nicht auch noch meine Wohnung verliere, mache ich mich auf den Weg in die Glades, um von meiner Mutter zu erfahren, was passiert ist.

Während ich die Strecke hinter mich bringe und mich meinem Ziel nähere, werde ich immer nervöser. Ich hasse es, wenn etwas vor sich geht und ich keine Ahnung habe, was es ist. Ich entscheide nämlich gerne darüber, ob ich mich deswegen in den Wagen setze, oder nicht. Aber noch mehr hasse ich es, nachdem an diesem Tag schon so einiges schiefgelaufen ist, auf das ich keinen Einfluss hatte.

Und genau das ist auch der Grund, wieso sie es mir nicht gesagt hat. Sie wollte mir diese Wahl nehmen und ich habe mich darauf eingelassen. Dies aber nur aus dem Grund, weil ich das Gefühl habe, dass es mich von dem Chaos ablenkt, welches gerade in meinem Leben herrscht. Denn meine Mutter wird schon einen Grund haben, wieso sie mich nach Hause holt.

Als ich in meiner Heimatstadt ankomme, ist es bereits nach einundzwanzig Uhr. Da ich mich erst um ein paar Sachen kümmern musste, damit während meiner Abwesenheit das Chaos nicht noch größer wird, bin ich spät weggekommen. Und ich muss zugeben, dass ich mir während der Fahrt auch Zeit gelassen habe. Ich hatte es nicht eilig, anzukommen. Und das schon alleine aus dem Grund, weil ich keine Lust habe, mir anhören zu können, mit was für einem Idioten ich doch zusammen war.

Das weiß ich auch so.

Meine Mutter hat noch nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass sie kein Fan von Anthony ist. Und in den letzten zwei Jahren hat sie mir auch mehrmals gesagt, dass er nicht zu den Männern gehört, die einer Frau treu sind. Allerdings hat sie auch mehrmals betont, dass sie hofft, dass sie sich irrt.

Leider habe ich nur immer wieder gesagt, dass sie ein völlig falsches Bild von ihm hat. Und genauso muss ich auch leider zugeben, dass sie recht hatte.

Als ich in die Straße einbiege, in der meine Eltern und meine Großmutter wohnen, sehe ich mich zu allen Seiten hin um.

Meine Eltern wohnen in einer kleinen Seitenstraße, die aber den gleichen Namen trägt. Direkt daneben befindet sich das Hotel, was sich schon seit Generationen im Familienbesitz befindet und welches von jeder Generation mindestens zweimal renoviert wird.

Während ich an dem Parkplatz, der dazu gehört, vorbeifahre erkenne ich, dass gerade anscheinend niemand dort wohnt. Stattdessen stehen zwei Autos vor der Tür, die irgendwelchen Handwerkern gehören. Aus der Entfernung kann ich aber leider nicht erkennen, welche es sind.

Ein letztes Mal seufze ich leise, nachdem ich den Wagen am Straßenrand abgestellt habe, ehe ich aussteige und auf das Haus zugehe, in dem ich aufgewachsen bin. Es ist nicht sonderlich groß, sodass es einem nicht direkt ins Auge fällt. Doch es ist groß genug, um die ganze Familie zu beherbergen, die nicht gerade klein ist.

Nachdem ich den Weg durch den Vorgarten entlang gelaufen bin, greife ich nach dem Türknauf und öffne die Tür.

„Mom? Dad?“, rufe ich in die Stille des Hauses hinein, nachdem ich es betreten habe. Dabei sehe ich mich zu allen Seiten hin um. Doch weder auf dem Sofa, welches sich auf der rechten Seite befindet, sitzen sie, noch an dem riesigen Esstisch, der eigentlich nur an Feiertagen genutzt wird und sich auf der linken Seite befindet.

Auch nach einigen Sekunden hat noch niemand geantwortet, sodass ich in die Küche gehe, die sich in dem hinteren Teil des Hauses befinden, aber auch dort ist niemand.

„Toll, sie will, dass ich komme und ist selber nicht da“, knurre ich schlecht gelaunt, während ich mich einmal im Kreis drehe.

Schnell gehe ich zum Kühlschrank, hole eine Wasserflasche heraus und nehme einen großen Schluck daraus. Dann sehe ich mich um.

Ich bin früher davon ausgegangen, dass meine Eltern es als Chance nutzen, das Haus verkaufen und die Welt bereisen, so wie sie es immer gesagt haben, sobald ich nicht mehr zu Hause wohne. Doch bis jetzt haben sie noch nichts in diese Richtung von sich gegeben.

Aber vielleicht hat meine Mutter mich auch deswegen hergeholt.

Kaum habe ich das Wohnzimmer wieder betreten, geht die Tür ein weiteres Mal auf und meine Eltern, gefolgt von meiner Oma, betreten das Haus. Auf den ersten Blick erkenne ich, dass mein Vater ein wenig genervt aussieht und meine Mutter und meine Großmutter über irgendetwas diskutieren.

„Hi, Leute“, begrüße ich sie und unterbreche so ihre Unterhaltung.

Im ersten Moment sehen sie mich prüfend von oben bis unten an. Ein wenig kommt es mir so vor, als würden sie sichergehen wollen, dass ich es auch wirklich bin. Doch dann breitet sich ein glückliches Lächeln auf ihren Gesichtern aus.

„Ich hatte schon die Befürchtung, dass du heute nicht mehr kommst“, begrüßt mich meine Oma, schließt mich in ihre Arme und grinst mich dann wieder an. „Du siehst gut aus.“

„Danke“, murmle ich nur, da ich schon von meinen Eltern belagert werde, die mich ebenfalls für eine feste Umarmung an sich ziehen.

„Ich freue mich, dass es so schnell geklappt hat. Ich hoffe, dein Chef ist nicht zu wütend deswegen“, erklärt meine Mutter.

Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich ihr nur gesagt habe, dass ich mich von Anthony getrennt habe. Meine Entlassung habe ich mit keinem Wort erwähnt.

Ich kann es mir nicht verkneifen, die Augen zu verdrehen, als meine Mutter auf dieses Thema zu sprechen kommt. Mir war bewusst, dass sie früher oder später damit anfangen wird. Allerdings hatte ich gehofft, dass ich wenigstens noch bis morgen Zeit habe. Nun hat sie jedoch damit angefangen, daher werde ich ihr auch nicht ausweichen.

„Das glaube ich weniger. Nachdem ich entlassen wurde, kann es ihm egal sein, wie ich meine Zeit verbringe“, gebe ich ausweichend von mir.

Mit großen Augen und geöffneten Mündern stehen meine Eltern und meine Oma mir gegenüber und lassen mich keine Sekunde aus den Augen. Ich sehe meinem Vater an, dass er etwas dazu sagen will, doch das macht er nicht. Und darüber bin ich froh. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob das morgen oder in einigen Tagen noch immer so aussieht.

Er kann nur schwer etwas für sich behalten. Und vor allem in solchen Dingen kann er nur schwer den Mund halten.

„Dann kommt das ja genau passend“, verkündet er stattdessen und geht an mir vorbei.

Verblüfft sehe ich ihm nach, als er in der Küche verschwindet, bevor ich mich wieder auf die beiden älteren Frauen konzentriere, die vor mir stehen.

„Würdet ihr mir jetzt vielleicht sagen, wieso ich hier bin? Ich verstehe nämlich ehrlich gesagt kein einziges Wort.“

Ich ziehe meine Augenbrauen ein Stück nach oben und zeige ihnen so, dass sie mir nicht ausweichen können. Zur Not werde ich so lange hier stehen bleiben, bis sie es mir gesagt haben.

„Lass uns in der Küche darüber sprechen“, erklärt meine Mutter und geht ebenfalls an mir vorbei.

Ich gebe einen letzten frustrierten Ton von mir, bevor ich ihr folge. Dort lasse ich mich auf einen Stuhl sinken und sehe alle drei gespannt an.

„Es geht um das Hotel“, verkündet meine Oma, nachdem sie sich mir gegenüber hingesetzt hat.

„Was ist damit?“

Meine Stimme klingt ein wenig skeptisch und vorsichtig, doch genau das bin ich auch.

„Ich werde es nicht mehr leiten“, verkündet sie nun und lässt damit eine Bombe platzen.

Es dauert ein wenig, bis ihre Worte bei mir angekommen sind. Allerdings weiten sich dann meine Augen, während ich sie genau beobachte. Allerdings verzieht sie nicht das Gesicht und auch sonst kommt es mir nicht so vor, als würde sie sich einen Scherz erlauben.

„Was?“, frage ich noch einmal nach, da es mir trotzdem so vorkommt, als hätte ich mich verhört.

Meine Oma liebt dieses Hotel, zumindest hat sie das in der Vergangenheit immer getan. Umso überraschender kommt nun diese Ankündigung von ihr.

„In den letzten Jahrzehnten habe ich nichts anderes getan, als dieses Hotel zu führen, gemeinsam mit deinem Großvater, und es erfolgreich zu machen. Und auch nach seinem Tod habe ich es nicht aufgegeben, sondern jede Minute des Tages in ihm verbracht. Nun bin ich jedoch der Meinung, dass es Zeit für mich ist, noch andere Ziele zu erreichen. Ich werde ja auch nicht jünger.“

Mit einem eindringlichen Blick betrachtet sie mich. Ich habe keine Ahnung, was ich dazu sagen soll. Doch es gibt eine Frage, die mir auf der Zunge liegt.

„Und wem gehört es nun?“

Unsicher sehe ich einen nach dem anderen an. Ich bin mir nicht sicher, ob ich die Antwort darauf wirklich wissen. Doch sollte es verkauft worden sein, muss ich es wissen.

„Mir“, verkündet meine Mutter nun. Dabei höre ich den Stolz in ihrer Stimme.

Allerdings kann ich nicht näher darauf eingehen, da ich damit beschäftigt bin, die Nachricht zu verarbeiten.

„Moment“, gebe ich schließlich von mir und hebe meine Hand. Auf diese Weise zeige ich ihnen, dass ich gerade nicht mehr so ganz mitkomme. In gewisser Weise kann man auch sagen, dass es mir zu schnell geht. „Du willst neue Ziele verfolgen und du hast das Hotel übernommen?“

Nacheinander zeige ich auf die beiden Frauen, die begeistert nicken. Ich weiß gerade ehrlich gesagt nicht, ob ich ihre Begeisterung dafür teile.

Ich gebe zu, dass ich in der letzten Zeit nicht sehr viel mit ihnen telefoniert habe, da ich viel zu tun hatte. Doch wenn wir miteinander gesprochen haben, hat keine von ihnen etwas darüber gesagt, dass sie diesen Schritt gehen wollen.

„Wow“, flüstere ich schließlich.

„Ich weiß, das kommt wahrscheinlich sehr überraschend“, meldet sich mein Vater zu Wort.

„So kann man es auch ausdrücken.“

„Doch deine Mutter hat ein paar gute Ideen“, fügt er noch hinzu. „Ich bin mir sicher, dass sie bei den Gästen gut ankommen werden.“

Ich sehe ihn an und versuche so die Kopfschmerzen loszuwerden, die sich gerade bilden. Dafür, dass ich mich heute schon mit so einigem an Mist herumschlagen musste, ist das eindeutig zu viel für mich.

„Und wie sehen die aus?“

Mit diesen Worten wende ich mich an meine Mutter.

„Ich werde den Pool und den ganzen Außenbereich neu machen lassen. Es wird alles größer und bunter. Außerdem wird es eine Bowling-Bahn im Keller und eine große Bar auf dem Dach geben. Das Hotel ist weit genug von den meisten Wohnhäusern entfernt, sodass ich mir deswegen keine Sorgen machen muss.“

„Das sind zumindest ein paar Ideen“, gebe ich zu.

„Viel mehr, es wird bereits alles geplant und ein paar der Umbauten sind bereits in Angriff genommen worden. Solange bleibt das Hotel geschlossen. Passend zur nächsten Saison soll alles fertig werden.“

Mit großen Augen sehe ich meine Mutter an.

„Da hast du dir einiges vorgenommen. Wenn ich mich nicht irre, beginnt die Saison bereits in drei Monaten“, überlege ich.

„Und das ist der Grund, wieso wir deine Hilfe brauchen.“

Mein Vater setzt sich neben mich und sieht mich auf eine Art und Weise an, die ich gerade nicht genau einschätzen kann. Als Kind hat er mich so betrachtet, wenn er herausfinden will, ob ich die Wahrheit sage. Doch ich kann mir nicht vorstellen, dass es jetzt auch so ist. Daher weiß ich auch nicht, wie ich darauf reagieren soll.

„Ich kenne niemanden, der sich so gut mit Werbung auskennt, wie du. Daher müsstest du das übernehmen.“

Einen Moment denke ich darüber nach. Mal ganz davon abgesehen, dass ich meiner Familie gerne helfe, habe ich gerade eh nichts zu tun. Bewerbungen schreiben und verschicken kann ich auch von hier.

Und vielleicht bekomme ich hier auch endlich einen freien Kopf.

Den genau das ist es, was ich brauche, um die nächsten Schritte gehen zu können.

Es gibt für mich also keinen Grund, wieso ich es nicht machen sollte.

„Okay“, willige ich schließlich ein. „Jetzt bin ja bereits hier, da kann ich das auch machen.“

Ich zucke mit den Schultern und zeige ihnen so, dass das keine große Sache für mich ist.

Glücklich klatscht meine Mutter in die Hände und drückt mir einen Kuss auf die Wange. Gleichzeitig frage ich mich aber dennoch, ob ich es nicht bereuen werde. Was berufliche Dinge angeht weiß ich, dass meine Mutter sehr kompliziert sein kann. Daher muss ich dringend mit ihr besprechen, dass sie mir freie Hand lässt, damit wir uns nicht in die Haare bekommen.

Gleichzeitig habe ich aber auch die Befürchtung, dass ich es schon bald mit Handwerkern und Farbmustern zu tun haben werde, sodass ich mich kaum noch um meinen eigentlichen Job kümmern kann.

3

Seufzend sitze ich auf meinem Bett und sehe mich in meinem ehemaligen Zimmer um. Aber was heißt ehemalig?

Bis vor zwei Jahren habe ich hier gewohnt und auch während meiner Besuche schlafe ich immer wieder hier. Und genauso werde ich nun wahrscheinlich die nächsten Tage hier verbringen, damit ich mich um die neue Werbung für das Hotel kümmern kann.

„Oh Mann“, entfährt es mir, während mein Blick zu dem Fenster wandert und ich das Hotel betrachte, welches sich auf dem Nachbargrundstück befindet.

Ich kann mich noch daran erinnern, wie es als Kind für mich hier war. Ich habe stundenlang in der Hotelküche gesessen, Hausaufgaben gemacht und neue Gerichte probiert, die von den Angestellten ausprobiert wurden. Heimlich haben mir die beiden Köche auch immer bei den schwierigen Aufgaben geholfen, damit ich nicht ewig an den Hausaufgaben sitzen musste.

Als ich jedoch älter wurde, war ich immer seltener dort, bis ich irgendwann das Interesse daran verloren habe, bis ich mich irgendwann überhaupt nicht mehr dort habe blicken lassen.

„Du solltest rübergehen und es dir ansehen“, ertönt die Stimme meiner Oma hinter mir. „Ich, und auch meine Eltern, haben es vorgezogen, immer mal wieder etwas renovieren zu lassen. Deine Mutter macht allerdings alles auf einmal. Allerdings finde ich das gut. So stören die Handwerker wenigstens nicht die Gäste.“

Nachdenklich sehe ich in ihre Richtung. Mit langsamen Schritten kommt sie in das Zimmer und lässt sich dann auf die Kante meines Bettes sinken.

„Was ist?“, frage ich sie schließlich, als sie auch nach einer Ewigkeit keine Anstalten gemacht hat, etwas von sich zu geben.

Stattdessen hat sie mich sekundenlang nur nachdenklich angesehen, was ein merkwürdiges Gefühl in mir hervorruft.

„Es tut mir leid. Ich habe es euch wirklich gewünscht.“

„Was?“

Ich kann nicht für mich behalten, dass ich keine Ahnung habe, wovon sie gerade spricht. Um das noch einmal deutlich zu machen, ziehe ich meine Augenbrauen ein Stück nach oben.

„Dass du dich von Anthony getrennt hast. Auch ich war mal jung, daher weiß ich, dass das nie leicht ist. Egal was der andere angestellt hat.“

„Ich weiß, dass er dich keine Sekunde aus den Augen gelassen hat.“

„Doch, er hat mich aus den Augen gelassen. Und zwar in den Momenten, in dem er seinen Schwanz in eine andere gesteckt hat.“

Kaum habe ich ausgesprochen wird mir bewusst, was ich da gerade gesagt habe und vor allem, wie ich es von mir gegeben habe. Daher lächle ich meine Großmutter schnell an.

„Sorry“, murmle ich.

„Kein Problem. Du bist sauer und das ist normal. An deiner Stelle würde es mir auch so gehen.“

Ich brauche nur daran zu denken, dass ich wirklich nichts gemerkt habe, um erneut sauer zu werden. Und das ist erster Linie auf mich selber!

Eigentlich will ich es nicht. Schließlich gebe ich ihm so noch immer Macht über mich. Doch ich ärgere mich nicht darüber, dass er das gemacht hat. Es wird schon einen Grund haben. Vielmehr ist es die Tatsache, dass ich nichts mitbekommen habe. Und dementsprechend kann ich auch nicht einmal sagen, wie lange er mich schon auf diese Weise vorgeführt hat. Ich habe nur eine vage Vorstellung davon, wie viele Frauen es waren.

„Ich mochte ihn nie, das weißt du. Ich habe von Anfang an gesagt, dass du zu gut für ihn bist. Ein Mann muss Ecken und Kanten haben und er hatte nicht eine einzige. Doch ich habe gehofft, dass ich mich irre.“

Meine Oma sieht mich eindringlich an und zwinkert mir dann zu. Ihre Worte sorgen dafür, dass ich leise lachen muss. Zum Thema Männer hat sie ihre eigenen Ansichten und die vertritt sie auch. Dabei tritt sie vor allem dem einen oder anderen männlichem Wesen gerne mal auf die Füße.

Doch ich weiß, dass es ihr wirklich leidtut, was geschehen ist. Doch ich bin irgendwie froh darüber. So bescheuert das vielleicht auch klingt. Auf diese Weise hat er mir sein wahres Gesicht gezeigt und ich habe nur zwei Jahre meines Lebens an ihn verschwendet und nicht zwanzig.

„Irgendwo da draußen gibt es einen wundervollen Mann, der dich glücklich machen wird.“

„Danke“, gebe ich nur von mir, nachdem ich mich wieder etwas beruhigt habe.

„Und jetzt komm. Es wird gleich ein Gewitter geben. Da du dich ja eingerichtet hast, kannst du dir jetzt auch drüben alles ansehen. Ich gehe mal davon aus, dass du dir einen Überblick verschaffen musst, was deine Mutter genau geplant hat.“

Mit diesen Worten sieht sie sich im Zimmer um. Meine geöffneten Taschen und Koffer liegen auf dem Boden und auf meinem alten Schreibtisch habe ich ein paar Unterlagen verteilt.

Da ich keine Ahnung hatte, wie lange ich hier bleiben werde, habe ich ein paar Sachen mehr eingepackt, um auf der sicheren Seite zu sein. Wenn ich jetzt darüber nachdenke, muss ich zugeben, dass ich gestern vielleicht schon etwas geahnt habe.

Bei meiner Familie muss man aber auch mit allem rechnen.

Bevor ich noch etwas von mir geben kann, greift sie bereits nach meiner Hand und steht so schnell auf, dass ich kaum hinterherkomme und beinahe vom Bett fliege.

Nachdem wir das Haus verlassen haben, werfe ich einen Blick nach oben. Dabei stelle ich fest, dass sie nicht übertrieben hat. Der Himmel ist nicht einmal mehr grau. Man könnte ihn eher als schwarz bezeichnen. Die Wolken hängen tief und geben jedem zu verstehen, dass es nicht mehr lange dauern wird, bis sie sich entladen. Und dabei möchte ich nicht darunter stehen.

Gemeinsam gehen wir schnell über den großen Parkplatz. Als wir die Eingangshalle betreten, bleibe ich einen Moment stehen und schaue mich zu allen Seiten hin um.

Früher war sie eher in einem hellen Farbton gehalten, der schon fast ein wenig langweilig wirkte. Nachdem meine Oma es das letzte Mal renoviert hat, glänzt sie nun allerdings in unterschiedlichen hellen und freundlichen Farben. An den Wänden befinden sich bunte Bilder, welches von dem, welches sich hinter der Rezeption befindet und riesig ist, gekrönt wird. In der Mitte befinden sich zwei Palmen, die neben den Pfeilern stehen.

„Ich glaube die Halle ist das einzige, was deine Eltern so lassen wollen“, klärt sie mich auf und führt mich weiter.

Gemeinsam sehen wir uns die Zimmer in den oberen Etagen an, die verändert werden sollen. Und ich muss zugeben, dass sie das auch dringend benötigen. Sie sind nicht mehr das, was man als schön bezeichnen kann.

Die Möbel sind zerkratzt und abgenutzt. Auch die dunkle Farbe an den Wänden muss dringend ausgetauscht werden. Früher war es vielleicht modern, so genau weiß ich das nicht, doch für die heutige Zeit finde ich es nicht mehr schön.

„Du könntest deine Mutter mit den Tapeten helfen. Du weißt, dass sie da kein Händchen für hat.“

Meine Oma verzieht das Gesicht. Ich bin mir sicher, dass sie gerade an die Tapete denkt, die meine Eltern in der Küche hängen haben.

„Das könnte ich.“

„Das wird super. Du wirst ein paar schöne Wochen in deiner Heimat verbringen. Und wenn du nach Gainesville zurückkehrst, hast du einen Plan und weißt, wie es weitergehen soll.“

Kaum hat sie ausgesprochen ertönt das tiefe Grollen des Gewitters, welches draußen losbricht.

Falls ich überhaupt wieder nach Gainesville gehe, denke ich, während ich einen prüfenden Blick durch das Fenster nach draußen werfe, welches mir am nächsten ist.

Ich habe keine Ahnung, woher dieser Gedanke kommt, daher behalte ich ihn auch lieber für mich. Doch die Wahrheit sieht so aus, dass es nichts gibt, was mich dort hält. Ich habe keinen Freund mehr und auch keinen Job. Eigentlich könnte ich überall von vorne anfangen.

Als wir wieder durch die Eingangshalle gehen, prasselt der Regen auf das Dach, in welchem sich ein paar Fenster befinden, sodass die Halle heller ist. Es regnet erst seit wenigen Minuten, doch bereits jetzt haben sich auf dem Parkplatz riesige Pfützen gebildet, die alles unter Wasser setzen. Die Palmen biegen sich vom Wind zur Seite und die Blitze erhellen den dunklen Himmel.

„Scheiße“, höre ich in der nächsten Sekunde die aufgebrachte Stimme meiner Großmutter.

Sofort gehe ich in die Richtung, aus der ich sie gehört habe. Schließlich entdecke ich sie in die Küche. Sie steht mitten im Raum und hat den Kopf zur Decke gehoben.

„Was ist los?“, erkundige ich mich, da ich es nicht sofort erkenne.

Als ich jedoch näher gehe, sehe ich, dass Wasser von der Decke tropft und vor ihren Füßen auf dem Boden landet.

„Das Dach ist undicht“, murmelt sie ungläubig.

Die Küche befindet sich in einem Anbau, was nur aus dieser Etage besteht. Bis jetzt hat es jedes Gewitter, und es hat schon einige mitgemacht, überlebt. Allerdings ist es nun schon einige Jahre her, ich glaube meine Urgroßeltern waren es, das dieser Anbau errichtet wurde. Da wundert es mich nicht, dass es irgendwann einmal gemacht werden muss.

Auch wenn ich finde, dass dieser Zeitpunkt dafür nicht sehr geeignet ist. Schließlich sind die Renovierungskosten so schon hoch genug.

„Super“, ergänze ich nur, da ich nicht so genau weiß, was ich sagen soll.

Dann gehe ich jedoch an ihr vorbei und ziehe einen großen Suppentopf aus einem der Schränke. Als Nächstes stelle ich ihn an den Ort, sodass das Wasser sich darin sammeln kann und nicht den ganzen Boden unter Wasser setzt.

„Deine Mutter wird nicht sehr begeistert davon sein“, stellt meine Oma fest, während sie die Stelle genauer betrachtet.

„Das glaube ich allerdings auch.“

Ich schaue noch einmal an die Decke. Es ist nicht sonderlich viel Wasser, doch ich kann mir vorstellen, dass es dennoch einen großen Schaden anrichten kann, wenn es nicht so schnell wie möglich behoben wird.

„Morgen muss direkt der Dachdecker kommen und sich das ansehen. Heute ist es leider schon zu spät“, stelle ich fest, nachdem ich die Uhrzeit überprüft hat.

Es ist bereits nach neunzehn Uhr und die meisten Betriebe haben bestimmt schon geschlossen. Daher brauche ich mich jetzt gar nicht erst ans Telefon zu hängen.

„Ich werde Dad aber noch anrufen und ihm sagen, dass er sich darum kümmern soll, damit nicht die ganze Decke herunterkommt.“

Mit diesen Worten ziehe ich mein Handy aus der Hosentasche. Ich verkneife mir die Worte, dass das Problem aber schon eindeutig länger da ist, wenn es jetzt schon tropft. Ich bin mir sicher, dass meine Oma es auch so weiß. Und wahrscheinlich wird das auch meinen Eltern bewusst sein.

„Das brauchst du nicht. Ich weiß schon, wen ich deswegen benachrichtigen werde.“

Einen Moment macht sie den Eindruck auf mich, als würde sie über etwas nachdenken. Doch ich will mir jetzt nicht den Kopf darüber zerbrechen.

4

„Moment“, rufe ich genervt, als am nächsten Tag jemand Sturm klingelt.

Auch wenn es kaum vorstellbar ist, doch das ist hier oft genug der Fall. Daher sollte ich es eigentlich gewohnt sein. Da ich jedoch nicht mehr zu Hause wohne und nur selten hier bin, habe ich mich an die Ruhe gewohnt, die in meiner eigenen Wohnung herrscht.

Während ich zur Haustür eile, fliege ich beinahe über die Schuhe meines Vaters, die er mitten im Flur hat stehen lassen, bevor er heute Morgen zur Arbeit gefahren ist. Fluchend gehe ich weiter, bis ich schließlich die Tür erreicht habe.

Mit zusammengekniffenen Augen öffne ich sie und sehe die Person an, die sich auf der anderen Seite befindet. Auf diese Weise zeige ich ihr, dass man durchaus ein paar Sekunden warten kann.

Im nächsten Moment reiße ich jedoch überrascht die Augen auf, als mir klar wird, wer mir da gegenüber steht. Ich kenne den Besucher nicht, doch gerade ist das auch eher unwichtig.

Vor mir steht ein Mann, der ungefähr in meinem Alter ist. Er trägt Klamotten, die ihn eindeutig als Bauarbeiter ausgeben. Das enge Shirt spannt sich um seine sonnengebräunten muskulösen Oberarme, auf denen ich außerdem ein paar Tattoos erkennen kann. Die Hose sitzt tief auf seinen Hüften, sodass es den Anschein macht, als wäre sie eine Nummer zu groß. Allerdings muss ich zugeben, dass es irgendwie zu ihm passt.

Seine kurzen hellen Haare hat er frech nach oben gestylt und auf seinen Lippen hat sich ein unwiderstehliches Grinsen gelegt, mit dem er mich von oben bis unten betrachtet.

Ich bin mir sicher, dass die meisten Frauen ihm zu Füßen liegen. Ich kenne mehr als genug Frauen, die genau auf solche Typen stehen. Wahrscheinlich wäre es auch bei mir so, doch ich bin mit meinen Gedanken ganz woanders.

Um genau zu sein, grüble ich darüber nach, wie ich die Online-Anzeige, mit der ich auf die Neueröffnung des Hotels aufmerksam machen will, am besten gestalten soll. Sie soll nicht zu groß sein, dennoch groß und bunt genug, dass sie einem sofort ins Auge sticht. Und das meine Mutter sie auch noch absegnen muss, macht es auch nicht einfacher für mich.

„Ja?“, frage ich ihn, als er auch nach einigen Sekunden keine Anstalten gemacht hat, etwas von sich zu geben.

Stattdessen betrachtet er mich ohne Unterbrechung.

„Ich bin der Dachdecker, der wegen dem undichten Dach gerufen wurde“, stellt er fest.

Es dauert einen Moment, bis seine Worte bei mir angekommen sind. Doch dann sehe ich ihn mit großen Augen an. Doch das ist nicht meine einzige Reaktion auf ihn. Vor allem trete ich mir gerade in den Arsch, dass ich meiner Großmutter versprochen habe, dass ich dem Dachdecker alles zeigen werde.

Eine Wahl hatte ich aber auch nicht. Sie hat beinahe darauf bestanden, dass ich das übernehme. Und gerade bekomme ich einen kleinen Verdacht, wieso das so ist.

Dennoch nehme ich mir vor, dass ich es so professionell machen werde, wie es nur irgendwie geht. Denn auch wenn ich nichts von diesem Mann weiß, so sagt sein Blick mir, dass er es mir nicht einfach machen wird. Den würde ich nämlich immer erkennen.

Einen Moment frage ich mich, ob ich meiner Oma dafür die Meinung sagen soll. Doch schnell verdränge ich diesen Gedanken wieder. Damit kann ich mich auch später noch beschäftigen, natürlich nur unter der Voraussetzung, dass ich recht habe.

„Moment“, murmle ich nur, während ich mich auf der Suche nach meinem Schlüssel und meiner Tasche umdrehe.

Ich lasse meinen Blick durch den Eingangsbereich wandern, wobei ich nicht verhindern kann, dass mich eine kleine Panik ergreift. Nachdem beides endlich in meinem Sichtfeld aufgetaucht ist, greife ich danach und gehe an ihm vorbei, wobei ich die Tür hinter mir schließe.

„Ich bin in den letzten Wochen ein paar Mal daran vorbeigefahren“, eröffnet er mir, während er neben mir läuft.

„Meine Mutter hat das Hotel übernommen“, erkläre ich ihm, während ich über den Rasen gehe, der den Parkplatz umgibt. „Es befindet sich schon seit Ewigkeiten in dem Besitz meiner Familie.“

Ich habe keine Ahnung, wieso ich ihm das sage. Und ich kann mir ehrlich auch nicht vorstellen, dass es ihn interessiert. Er ist schließlich nur hier, um seinen Job zu machen.

Doch irgendwie kommt es mir so vor, als müsste ich etwas sagen. Die Ruhe, die sich zwischen uns ausgebreitet hat, lässt mich wahnsinnig werden.

„Das hat sich bereits überall herumgesprochen.“

Kaum hat er ausgesprochen, bleibe ich ruckartig stehen und drehe mich zu ihm herum. Dabei bemerke ich, dass er mir so nah ist, dass uns nur noch wenige Zentimeter trennen. Ich muss meinen Kopf ein Stück in den Nacken legen, damit ich ihn ansehen kann. Dabei erkenne ich das Funkeln in seinen Augen. Allerdings kann ich es nicht genau zuordnen.

Bevor ich irgendwie auf ihn reagieren kann, mache ich einen Schritt nach hinten und bringe so noch ein wenig Abstand zwischen uns. Dieser sorgt dafür, dass ich wieder besser denken kann.

„Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich dich noch nie hier gesehen habe“, stelle ich schließlich fest, nachdem ich in meinem Kopf gekramt habe.

Allerdings bin ich mir sicher, wenn er mir schon einmal über den Weg gelaufen wäre, würde ich mich an ihn erinnern.

„Und ich muss es wissen, schließlich bin ich hier aufgewachsen“, füge ich noch hinzu.

Frech grinst er mich an.

„Ich bin auch noch nicht sehr lange in der Stadt. Um genau zu sein, komme ich aus Washington. Meinem Onkel gehört die Firma, in der ich nun arbeite. Ich bin hier, um ihm ein wenig unter die Arme zu greifen, damit er ein wenig kürzertreten kann.“

Ich kann nicht verhindern, dass ich die Augenbrauen ein Stück nach oben ziehe. Meine Oma hat zwischendurch mal erwähnt, dass sie einen Dachdecker kennt. Und wenn ich richtig liege, ist das sein Onkel

„Ich bin Kellan“, stellt er sich mir vor und reicht mir seine Hand.

„Dana“, erwidere ich, ohne mit der Wimper zu zucken.

Noch in der gleichen Sekunde ergreife ich seine Hand und spüre, wie ein Blitz durch meinen Körper hindurchfährt.

Augenblicklich hebe ich meinen Kopf und sehe ihn an. Mit einem gelassenen Blick betrachtet er mich. Auf mich macht er nicht den Anschein, als hätte er etwas gemerkt. Mit Gewissheit kann ich dies jedoch nicht sagen. Dafür kenne ich ihn einfach zu wenig. Außerdem bin ich mir sicher, dass Männer wie Kellan solche Dinge gut für sich behalten können, wenn sie es wollen.

„Es hat in der Küche getropft“, erkläre ich und gehe auf das Nebengebäude zu, um es durch einen Nebeneingang zu betreten.

Ich habe keine Ahnung, ob es wirklich die richtige Entscheidung ist, doch mir kommt es so vor, als wäre es besser, wenn ich die Unterhaltung auf ein anderes Thema lenke.

Gemeinsam betreten wir die Küche, wo ich bereits das Tropfen hören kann, welches aus der Mitte des Raumes kommt. Seufzend gehe ich ein paar Schritte näher und werfe einen Blick in den Eimer.

Es stellt sich heraus, dass dieser bereits fast voll ist. Bei der Menge an Regen, die in der letzten Nacht hinuntergekommen ist, wundert mich das aber nicht. Suchend schaue ich mich um, kann dabei jedoch keine weitere undichte Stelle erkennen, was dafür sorgt, dass ich erleichtert aufatme.

Als ich mich wieder auf Kellan konzentriere stelle ich fest, dass er die Decke betrachtet und dabei nachdenklich das Gesicht verzieht. Ich muss zugeben, dass der Ausdruck in seinem Gesicht mir überhaupt nicht gefällt. Es dauert einen Moment, doch schließlich setzt er sich in Bewegung, wobei er aber weniger auf seine Umgebung achtet. Stattdessen sieht er weiter an die Decke.

Ich habe keine Ahnung, wonach er Ausschau hält. Doch ich bin mir sicher, dass es nicht mehr lange dauert, bis ich es erfahren werde.

Nach einigen endlosen Sekunden dreht er sich langsam zu mir und verzieht ein wenig das Gesicht, als würde er Schmerzen haben.

„Was ist?“, frage ich ihn vorsichtig, da ich mir nicht sicher bin, ob ich die Antwort darauf wirklich hören will.

„Ich habe schlechte Nachrichten“, entgegnet er nur und bedeutet mir, dass ich zu ihm kommen soll.

Zögerlich komme ich seinem Wunsch nach. Während ich mich ihm nähere lässt er mich keine Sekunde aus den Augen. Ein warmes Gefühl breitet sich in mir aus. Mir ist bewusst, dass er mit mir spielt. Und genauso ist mir bewusst, dass ich das unter normalen Umständen nicht zulassen würde. Doch genau das ist es, was ich gerade nicht unter Kontrolle habe.

Nachdem ich vor ihm stehen geblieben bin, sehe ich ebenfalls nach oben. Bei dem Anblick, der sich mir bietet, kann ich mir ein Seufzen nicht verkneifen.

„Na super“, erkläre ich noch.

„So kann man es natürlich ausdrücken“, erklärt er. „Die ganze Decke sieht so aus.“

Mit diesen Worten deutet er auf weitere Stellen, an denen man große Wasserflecken erkennen kann.

„Einige von ihnen sind schon länger da, andere sind wahrscheinlich erst in der letzten Nacht entstanden. Sie sehen zumindest noch sehr frisch aus. Doch es zeigt, dass das gesamte Dach dringend gemacht werden muss.“

Seufzend lasse ich den Kopf hängen und schließe kurz die Augen. Als ich sie wieder öffne, bemerke ich, dass er sich nicht von mir abgewendet hat.

Aufmerksam sieht er mich an. Nichts entgeht ihm. Daher versuche ich auch erst gar nicht meine schlechte Laune, die ich deswegen habe, für mich zu behalten.

„Wie lange wird es dauern, bis das fertig ist?“, erkundige ich mich, nachdem ich den nächsten Wasserfleck begutachtet habe.

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