Kitabı oku: «You Belong To Me»

Yazı tipi:

Sarah Glicker

You Belong To Me

Aiden & Sofia

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

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Drei Monate später

Impressum neobooks

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Sarah Glicker

You Belong To Me

Aiden & Sofia

Sarah Weber

Alter Postweg 31a

48477 Hörstel

Copyright by Sarah Weber

Alle Rechte vorbehalten!

Bilderrechte: www.pixabay.com

Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der offiziellen schriftlichen Genehmigung der Autorin!

„Sofia, kommst du?“

Hannahs Stimme ertönt vor mir. Meine beste Freundin dreht sich zu mir und hält mir ihre Hand hin, damit ich sie in dem Gedränge nicht verliere, welches hier herrscht. So schnell es geht überbrücke ich die Distanz zwischen uns, während ich den Menschen um mich herum ausweiche. Als ich endlich neben ihr stehe, ergreife ich ihre Hand und lasse mich von Hannah durch das Gedränge ziehen.

Heute ist Samstag und das bedeutet, dass wir auf einer Party in einer der Studentenverbindungen sind. Überall stehen Betrunkene und schreien sich gegenseitig an, um die Musik, eine Mischung zwischen Rap und Techno, zu übertönen. Die Anlage ist so laut gedreht, dass ich meine eigenen Gedanken nicht mehr verstehen kann, was mich beinahe wahnsinnig werden lässt.

Immer wieder sehe ich, dass Jungs ihre Hände unter die kurzen Röcke oder in die knappen Oberteile der Mädchen stecken, die sichtlich Spaß daran haben, vor allen begrabscht zu werden. Bei genauerem Hinsehen erkenne ich manche der Frauen, die sich auf jeder Party einem anderen an den Hals schmeißen. Von vielen habe ich schon gehört, dass das einer der Gründe ist, wieso sie auf dem College sind. Aber ich bin altmodisch, was das angeht. Das heißt nicht, dass ich noch eine Jungfrau bin, aber ich habe noch nie mit einem Mann geschlafen, mit dem ich nicht zusammen war.

„Meine Güte, haben die alle nichts Besseres zu tun?“, stöhne ich und quetsche mich durch einen Haufen von Jungs hindurch, die wild darüber diskutieren, wer der beste Football-Spieler auf dem Campus ist.

„Du kennst das doch“, entgegnet Hannah und verdreht dabei die Augen. Kaum hat sie das ausgesprochen, wendet sie mir den Rücken zu und bahnt sich ihren Weg.

Da hat sie recht. Es vergeht kaum ein Samstag, an dem wir was anderes machen, als in dem Verbindungshaus zu sein und uns durch das Gedränge zu schieben.

Zusammen treten meine Freundin und ich durch die große Eingangstür hinaus ins Freie. Kaum habe ich mehr Platz, atme ich gierig die frische Luft ein. In dem Haus war es dermaßen stickig, dass der kühle Wind sich anfühlt, als wäre ich gerade neu geboren worden.

„Eigentlich wollte ich heute überhaupt nicht hier sein“, gestehe ich ihr, nachdem wir einige Schritte weitergegangen sind.

„Ich weiß. Aber das Beste gegen deine düsteren Gedanken ist nun einmal Ablenkung. Da kannst auch du nichts gegen tun.“

Heute war der erste Abend, an dem ich meinen Plan wirklich durchziehen wollte. Aber Hannah hat mich so lange bearbeitet, bis ich nachgegeben habe.

Zerknirscht schaue ich sie an, weiß aber nicht, was ich dazu sagen soll. Sie weiß nur zu gut, was für ein Tag heute ist und dass ich mich am liebsten unter der Decke verkriechen würde. Seit sie mir vor zwei Jahren als neue Mitbewohnerin für das Wohnheimzimmer zugeteilt wurde, ist sie zu meiner besten Freundin geworden.

Daher hatte es auch nicht lange gedauert, bis ich ihr dieses Thema anvertraut hatte.

„Ich versuche Jonas zu erreichen, aber er geht nicht an sein Handy“, fügt sie hinzu.

Als sie ihn erwähnt, stöhne ich laut auf und verdrehe die Augen. Jonas ist ihre Immer-mal-wieder-Beziehung. Die beiden können nicht miteinander, ohne geht es aber auch nicht. Schon so oft habe ich sie getröstet, weil er wieder eine seiner dämlichen Aktionen abgezogen hat und sie sich deswegen von ihm getrennt hat. Und genauso oft ist sie zu ihm zurückgekehrt.

Wenn ich ihr Tun hinterfrage, bekomme ich die Antwort, dass sie ihn liebt und er sich ändern kann. Obwohl ich ihn mag, glaube ich nicht, dass sein Verhalten jemals so sein wird, wie man es sich von einem festen Freund vorstellt. Vor Hannah hatte er keine Freundin. Aus diesem Grund ist er es nicht gewohnt, dass er auf eine zweite Person Rücksicht nehmen muss.

Hannah wirft mir einen bösen Blick zu, was mich dazu bewegt, entschuldigend die Hände zu heben. Wieder tippt sie wie wild auf ihrem Handy herum und beachtet mich nicht mehr.

Die wenigen Studenten, die sich ebenfalls hier draußen aufhalten, sitzen auf dem Rasen und nippen an den Wasserflaschen in ihren Händen. Für sie ist der Abend gelaufen. Ich habe auch ein wenig Alkohol intus, aber nicht genug, dass ich betrunken bin.

Denn heute ist der Todestag meiner Mutter und an dem möchte ich mich nicht besaufen.

Als sie ihren Blick von dem Handy in ihrer Hand löst, kann ich ihren genervten Gesichtsausdruck erkennen. Ich nehme an, dass die Nachricht ihres Freundes ihr nicht passt.

„Jonas möchte noch bleiben. Er ist mit den Jungs hinten im Garten. Wir sollen auch kommen“, erklärt sie und zeigt dabei in die entsprechende Richtung, in der wir ihn finden würden.

„Das ist kein Problem für mich. Ich kann auch alleine zurückgehen. Ich will nur noch in mein Bett und schlafen. Für heute reicht es mir“, entgegne ich mit fester Stimme.

„Bist du dir sicher?“, fragt sie, nachdem sie mich ein paar Sekunden skeptisch betrachtet hat.

Um meine Aussage zu unterstreichen, nicke ich einmal kurz.

„Ich wünsche dir noch viel Spaß“, rufe ich, während ich mich bereits umdrehe.

„Aber schreibe mir, sobald du im Wohnheim bist“, ruft sie mir noch hinterher, nachdem ich mit schnellen Schritten an den ersten Grüppchen vorbeigegangen bin.

Als ich den Bürgersteig erreiche, schlage ich den Weg n ach Hause ein. Mir ist bewusst, dass Hannah jetzt noch dasteht und mir nachschaut. In den letzten beiden Jahren hat sie mich nur ungern an diesem Tag alleine gelassen. Aber von Anfang an musste ich ohne Hilfe damit klarkommen, daher will ich nicht, dass sich jemand deswegen Sorgen macht. Mein Entschluss steht fest. Bevor ich mich ins Bett lege und den Tag endgültig hinter mich bringe, möchte ich noch ein paar Minuten meine Ruhe haben.

Gedankenverloren gehe ich die Straße entlang und begutachte die Häuser. In ihnen wohnen Familien und glückliche Paare. Kinder, die bei ihren Eltern aufwachsen können. Obwohl mein Herz bei diesem Gedanken schmerzt, gönne ich es ihnen. Es gibt nichts Schöneres, als bei seiner Familie zu sein. Leider wurde mir das Familienleben viel zu früh genommen.

Kurz bleibe ich vor einem Haus stehen, das dem ähnlich sieht, in dem ich mit meiner Mutter gelebt habe. Es ist von Blumen und Bäumen umgeben. Ein riesiger Garten führt von vorne nach hinten. In dem Vorgarten hängt eine Schaukel an einem Baum und ein weißer Zaun steckt die Grenze ab. Als ich hinter einem der Fenster Licht erkenne, stelle ich mir vor, wie eine Mutter gerade ihr Baby ins Bett legt.

Frustriert gehe ich weiter und stoße mit dem Fuß immer wieder einen Stein von mir weg. Meine Hände habe ich in den Hosentaschen vergraben und mein Blick ist auf den Boden gerichtet. Die Straßen werden nur spärlich von den Laternen beleuchtet, aber das Licht reicht aus, damit ich gegen kein Hindernis laufe.

Als das Wohnheim in Sichtweite kommt, höre ich plötzlich ein Geräusch hinter mir. Erschrocken drehe ich mich um. Da der Mann, der plötzlich vor mir steht, mindestens drei Köpfe größer ist als ich, muss ich meinen Kopf in den Nacken legen, um ihm in die Augen schauen zu können. Und ich bin nicht klein. Mit meinen Eins siebzig überrage ich viele meiner Freundinnen und auch Hannah um ein ganzes Stück.

„Du kannst dir nicht vorstellen, wie lange ich darauf gewartet habe“, zischt er und kommt dabei auf mich zu. In dem trüben Licht erkenne ich das Messer mit der langen Klinge, welches er in der Hand hält. Der Anblick lässt mich zurückweichen.

So viele Fragen gehe mir durch den Kopf, aber ich schaffe es nicht, auch nur eine einzige von ihnen auszusprechen. Mein Blick ist auf das Stück Metall gerichtet, während jeder Zentimeter meines Körpers auf Flucht gepolt ist.

Was will er von mir?, frage ich mich immer wieder, während ich panisch nach einer Möglichkeit suche, ihm zu entkommen.

Ich bin nur noch zwei Häuser von meinem Wohnheim entfernt, aber mein Gefühl sagt mir, dass ich nicht schnell genug rennen kann, um ihm zu entkommen. Seine Beine sind fast doppelt so lange wie meine. Sein breiter und muskulöser Oberkörper gibt mir zu verstehen, dass er regelmäßig das Fitnessstudio besucht. Ich brauche nicht groß über meine Chancen nachzudenken, um zu wissen, dass sie gegen null gehen.

Als mir das klar wird, steigt Verzweiflung in mir auf und mein Körper beginnt zu zittern. In den letzten Jahren habe ich genug von solchen Überfällen gehört, um zu wissen, dass sie selten gut ausgehen.

„Du hast Angst, das kann ich genau sehen.“ Seine Stimme geht mir durch Mark und Bein, allerdings nicht auf eine positive Art und Weise.

Hilfesuchend huschen meine Augen nach links und rechts, aber alles ist dunkel und still. Es ist fast so, als wäre ich mit ihm alleine auf der Welt.

In einem langsamen Tempo kommt er noch einen Schritt auf mich zu, während ich um dieselbe Distanz nach hinten zurückweiche. Als ich eine Mauer in meinem Rücken spüre, zucke ich erschrocken zusammen.

Auch er scheint das zu bemerken, denn er kommt immer näher und grinst mich dabei dreckig an. Als er den Lichtschein einer Laterne passiert, kann ich sein Gesicht erkennen. Seine Zähne sind strahlend weiß und unter seinem gestutzten Bart fällt mir das markante Kinn auf. Sein gefährlicher Blick lässt mich nicht los.

Bei jeder noch so kleinen Bewegung beobachtet er mich. Als mein Blick auf seine Stirn fällt, entdecke ich eine lange Narbe. Sie reicht von der linken Augenbraue so weit hoch, dass ein Teil von ihr von den Haaren verdeckt wird. Sie ist ungefähr zwei Zentimeter dick und wulstig. All das verstärkt sein gefährliches Auftreten.

Verzweifelt versuche ich, meine Angst zu verdrängen, aber gelingen will es mir nicht.

Wieso bin ich nicht auf dieser verdammten Party geblieben?, frage ich mich immer wieder.

„Du siehst ihnen so ähnlich.“ Nun steht er direkt vor mir.

Der Geruch eines viel zu starken Aftershaves dringt mir in die Nase und sorgt dafür, dass mein Magen sich beinahe umdreht. Seine dunklen Augen starren zu mir hinab.

„Du bist ihnen wie aus dem Gesicht geschnitten.“

Nur langsam dringen seine Worte zu mir durch. Ich habe keine Ahnung, worüber er redet. Aus dem Augenwinkel sehe ich, dass er seine freie Hand hebt, doch bevor er damit auch nur in die Nähe meines Gesichts kommen kann, drehe ich meinen Kopf ein Stück nach links.

„Du kannst dich nicht vor mir verstecken.“

Ein dreckiges Grinsen zieht sich über seine Lippen, während er sie sinken lässt.

„Was wollen Sie von mir?“, bringe ich endlich leise und stotternd hervor. Das raue Lachen, das in der nächsten Sekunde ertönt, sorgt dafür, dass sich eine Gänsehaut auf meinem Körper bildet.

Er antwortet nicht, sondern hebt die Hand, in der er das Messer hält, und dreht es hin und her. Die Klinge befindet sich so dicht vor meinem Gesicht, dass ich die Kühle, die von ihr ausgeht, spüren kann.

In dem Moment, als er Luft holt, um etwas zu sagen, ertönen Stimmen hinter ihm. Erschrocken reißt er die Augen auf und dreht sich um. Ohne darüber nachzudenken, nutze ich die Gelegenheit und renne an ihm vorbei. Kurz bevor ich mein Wohnhaus erreiche, stolpere ich über eine Treppenstufe. Bevor ich auf dem Boden aufschlage, fange ich mich wieder und überbrücke die restlichen Meter. Mit zittrigen Fingern wühle ich in meiner Jackentasche.

Ich weiß genau, dass ich den Schlüssel zuvor eingesteckt habe. Erleichtert atme ich tief durch, als ich das kalte Metall an meiner Haut spüre, und schiebe ihn keuchend in das Schloss. Mein Körper zittert so sehr, dass ich mehrere Versuche brauche, bis die Tür endlich aufspringt. Sofort schlüpfe ich in den sicheren Flur. Wenige Sekunden später höre ich, wie sie sich schließt, und traue mich erst dann, mich umzudrehen. Durch das eingefasste Glas in der Tür erkenne ich nur die Laternen, die die Wege draußen beleuchten.

Ansonsten nichts.

Es fühlt sich wie eine Ewigkeit an, bis mein Herzschlag sich beruhigt. Erst als ich mir sicher bin, dass ich den Weg zu meinem Zimmer schaffe, ohne zusammenzubrechen, setze ich mich in Bewegung. Langsam und mit unsicheren Schritten erklimme ich die Stufen, bis ich meine Etage und die Tür zu meinem Zimmer erreiche. Bevor ich meinen Bereich betrete, schaue ich noch einmal rechts und links den Gang hinunter, aber er liegt so still da, wie man ihn sonst nicht erlebt.

Seufzend betrete ich den Raum.

Mit der einen Hand taste ich nach dem Lichtschalter, während ich mit der anderen den Knauf umgreife und die Tür hinter mir schließe. Kaum ist das Licht an, schließe ich ab und gehe zu den Fenstern, die sich über den Betten von mir und Hannah befinden. Schnell überprüfe ich, ob sie verschlossen sind.

Die Ereignisse der letzten Minuten waren eindeutig zu viel für mich. Die Müdigkeit übermannt mich, sodass ich meine Augen kaum noch offen halten kann. Schnell entledige ich mich meiner Klamotten und lasse sie unachtsam auf den Boden fallen. Dann streife ich mir die kurze Sporthose und ein weites Shirt über, bevor ich mich ins Bett lege. Das Licht lasse ich an und ziehe mir die Decke bis zum Kinn.

Da ich mich nun in meinen sicheren vier Wänden befinde, kann ich die Tränen, die sich in meinen Augen sammeln, nicht mehr aufhalten. Sie laufen ungeniert über meine Wangen. Unentwegt spuken mir die Bilder von dem Mann im Kopf herum. Es ist egal, wie sehr ich es versuche, aber ich kann sie nicht verdrängen.

Es dauert ein wenig, bis sich mein Puls soweit beruhigt, dass ich schlafen kann. Ich lege mich auf die Seite und schließe meine Augen.

In diesem Moment habe ich nur noch den Wunsch zu schlafen.

2

Den ganzen Sonntag habe ich damit verbracht, ihn aus meinem Kopf zu bekommen. Was mir nicht leichtgefallen ist. Immer wieder habe ich an seine unheimliche Stimme und an die Worte denken müssen. Nach dem Aufstehen war mir der Gedanke gekommen, zur Polizei zu gehen. Aber da ich keinen Zeugen für die Drohungen habe, die er ausgesprochen hat, kann ich mir nicht vorstellen, dass sie irgendetwas unternehmen können. Stattdessen habe ich versucht, mir einzureden, dass es ein Zufall war, dass er ausgerechnet mich erwischt hatte.

Da Hannah bis abends bei ihrem Freund war, fehlte mir die Ablenkung mit ihr, die ich so dringend gebraucht hätte. Einmal war ich kurz davor, sie anzurufen, habe es aber nicht getan. Stattdessen habe ich mein Handy unter dem Kopfkissen versteckt und mich auf den Stoff der kommenden Kurse konzentriert. Schließlich habe ich es geschafft den Tag herumzubekommen. Als Hannah nachts zurückkam, konnte ich besser schlafen, da die Angst, dass der Mann noch einmal auftaucht, mit ihr verschwand.

„Du hast am Samstag wirklich etwas verpasst. Schade, dass du schon so früh gegangen bist“, sagt Hannah, während sie neben mir zu meinem Auto geht.

Als ich heute Morgen wach geworden bin, hätte ich mich am liebsten unter meiner Decke verkrochen und wäre liegen geblieben. Aber es ist Montag und somit ist das Wochenende vorbei. Das College und die Bücher haben nach mir gerufen. Und das ist der einzige Grund, wieso ich aufgestanden bin.

Bei ihren Worten komme ich nicht drum herum, an meine unfreiwillige Begegnung zu denken. Vor meinem inneren Auge erscheint das Gesicht des Mannes und mir wird schlecht.

Dass sie mich jetzt daran erinnern muss, ist wie ein Schlag ins Gesicht für mich. Gestern hatte sie kein einziges Wort über die Party verloren, weil sie damit beschäftigt war, ihre Unterlagen für die nächste Woche zu sortieren. Daher hatte ich gehofft, dass sie diesen Abend nicht mehr ansprechen würde.

Am liebsten würde ich sofort umdrehe, um wieder in das Wohnheim zu rennen, aber das würde bedeuten, dass der Mann gewinnt. Und das ist das Letzt, was ich will. Deswegen schiebe ich meine Furcht zur Seite und richte meine Aufmerksamkeit wieder auf unsere Unterhaltung.

„Ich glaube nicht“, wiegle ich ab und schüttle dabei energisch den Kopf. „Noch bevor ich richtig gelegen habe, bin ich schon eingeschlafen.“ Ich hoffe, dass sie die Wahrheit nicht erkennt.

Sie wirft einen nachdenklichen Blick in meine Richtung, bevor sie ihn wieder auf die Umgebung richtet. Um uns herum befinden sich andere Studenten, die zu ihren Autos gehen, um pünktlich bei ihren Vorlesungen zu sein.

„Du hast etwas an der Scheibe kleben!“, ruft sie nach wenigen Sekunden aufgeregt und zeigt dabei in die Richtung, in der mein Wagen steht. Verwirrt folge ich ihrem erhobenen Zeigefinger und erkenne, dass wirklich ein Blatt unter meinem Scheibenwischer gesteckt wurde.

Schnelle lege ich die restlichen Meter zurück und ziehe das zusammengefaltete Stück Papier vorsichtig hervor. Mir schießt der Gedanke durch den Kopf, dass es sich hierbei um einen Liebesbrief handelt, der an das falsche Auto gesteckt wurde. Doch nachdem ich einen prüfenden Blick darauf geworfen habe, entdecke ich meinen Namen in dicken Großbuchstaben auf der Vorderseite.

Mein Körper beginnt zu zittern, da sich ein ungutes Gefühl in mir breitmacht. Bevor ich ihn öffne, atme ich noch einmal tief durch und versuche so meine Nerven zu beruhigen. Aus dem Augenwinkel erkenne ich Hannahs fragenden Gesichtsausdruck, aber ich gehe nicht darauf ein. Mit flatternden Nerven falte ich es auseinander und lese die Nachricht.

Glaubst du wirklich, dass du mir entkommen kannst?

Ich weiß alles über dich, deine Vergangenheit und deine Zukunft.

Wenn es so weit ist, werde ich dich erwischen und ihr werdet dafür bezahlen!

Langsam lese ich die Worte, habe aber keine Ahnung, was sie bedeuten. Sie passen zu den Aussagen des Mannes, der mich am Samstag bedroht hat. Ich muss wissen, was er mir damit sagen will. Doch ich habe keine Ahnung, wie ich es herausfinden soll.

Mein Puls beschleunigt sich aufs Neue. Meine Augen füllen sich mit Tränen der Verzweiflung und Hilflosigkeit aber ich erlaube es mir nicht, sie fließen zu lassen. In der Hoffnung, dass Hannah nichts bemerkt hat, schlucke ich den dicken Kloß, der sich in meinem Hals gebildet hat, hinunter und stecke den Brief in meine Hosentasche.

„Sofia? Alles in Ordnung?“, fragt meine Freundin mich im nächsten Augenblick. Dabei betrachtet sie mich prüfend. „Du siehst plötzlich blass aus.“ Bevor sie weiter nachhaken kann, nicke ich.

„Der ist nicht für mich. Irgendein Liebesbrief, der ans falsche Auto gesteckt wurde“, erkläre ich.

Für einen Augenblick sieht es so aus, als würde sie etwas sagen wollen. Sie zuckt aber nur mit den Schultern und steigt in den Wagen. In einem stillen Gebet danke ich Gott dafür. Sie ist zwar meine beste Freundin, aber über dieses Erlebnis möchte ich nicht einmal mit ihr sprechen. Eigentlich hatte ich gehofft, dass ich es vergessen kann, aber nachdem ich den Brief gelesen habe, gibt es keinen Zweifel mehr daran, dass der Typ es auf mich abgesehen hat.

Niedergeschlagen folge ich ihr und setze mich hinter das Steuer meines kleinen Ford Fiesta.

Als ich vom Straßenrand anfahren will, entdecke ich vor dem Wohnheim einen Mann, der ungefähr in meinem Alter sein muss. Er ist groß und gut gebaut, sodass er die Blicke aller Frauen um sich herum auf sich zieht. Obwohl sich sein weißes Shirt nicht über seine Oberarme spannt, sind sie doch muskulös. Auf seinen Unterarmen erkenne ich Tattoos. Einige von Ihnen reichen bis unter sein Oberteil. Die zerrissene Jeans sitzt tief auf seinen Hüften und die blonden Haare sind so lang, dass sie ihm wirr ins Gesicht fallen. In dem Augenblick, in dem sein Blick meinen trifft, habe ich das Gefühl, als würde die Erde stillstehen. Für einen Moment gibt es nur ihn und mich, obwohl das Schwachsinn ist, da wir mehrere Meter voneinander getrennt sind. Trotzdem kommt es mir vor, als hätte mich der Blitz getroffen. Es fühlt sich an, als würde ich ihn kennen. Ich spüre eine seltsame Verbindung zwischen uns, die ich mir unmöglich einbilden kann. Etwas so Intensives habe ich noch nie gefühlt.

Vor meinen Augen spielt sich ein Traum ab. Es ist der gleiche, den ich hatte, kurz nachdem meine Mutter mit mir nach Dallas gekommen ist. Ich sehe wieder diesen blonden Jungen vor mir, der mit einem kleinen Mädchen spielt. Er lässt sie keine Sekunden aus den Augen, während sie auf einen Baum klettert. Immer wieder ruft er ihr Anweisungen zu, bis sie es sicher an ihr Ziel geschafft hat, das kleine Baumhaus, das sich hoch über ihren Köpfen befindet.

„Sofia.“

Hannah schnipst mit den Fingern vor meinem Gesicht herum und zieht so meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich werfe einen letzten unauffälligen Blick in die Richtung, in die gerade noch geschaut habe. Aber der Typ ist weg. Er ist einfach verschwunden. Kurz suche ich mit meinen Augen die Umgebung ab, kann ihn allerdings nicht mehr entdecken. Es ist fast so, als wäre er nie da gewesen.

„Bist du dir sicher, dass alles klar ist? Du scheinst mir heute ein wenig verwirrt und abgelenkt zu sein“, fragt sie mich und schaut mich dabei an.

„Mir geht es gut, wirklich. Ich habe heute nur viele Kurse und muss meine Seminararbeiten zu Ende machen“, entgegne ich.

„Wenn du nicht mit mir darüber reden willst, welche Laus dir über die Leber gelaufen ist, ist das in Ordnung.“ Sie zieht eine Schnute, mit der sie mich normalerweise in die Knie zwingt. Aber nicht in dieser Angelegenheit. Ich kann es ihr einfach nicht erklären.

Während der Fahrt zum Hauptgebäude des Colleges schweigen wir. Hannah tippt immerzu auf ihrem Handy herum, während ich öfter als nötig einen Blick in den Rückspiegel werfe. Am liebsten würde ich mir selber in den Hintern treten und mich zur Ordnung rufen. Wer auch immer hinter dieser Geschichte steckt, wird mir wohl kaum am helllichten Tag am College gefährlich werden.

Zehn Minuten später fahre ich langsam auf den Parkplatz und halte nach einer freien Lücke Ausschau.

„Warum wolltest du noch einmal mit dem Auto fahren, anstatt zu Fuß zu gehen?“, erkundigt sich Hannah gefrustet, während sie ihren Blick von rechts nach links wandern lässt.

„Ich habe keine Lust, die ganzen Bücher mit mir herumzuschleppen. So kann ich mir immer das aus dem Auto holen, was ich gerade brauche“, erwidere ich, obwohl ich es ihr schon vor einer Stunde erklärt habe. Deswegen habe ich keine Ahnung, wieso ich es noch einmal sagen muss. Allerdings muss ich zugeben, dass es nicht die ganze Wahrheit ist.

Ich habe heute zwar einige Dinge zu erledigen, was mit dem Auto bedeutend einfach ist, aber der Schreck vom Wochenende ist noch so allgegenwärtig, dass ich mich sicherer fühle, wenn ich meinen Wagen dabeihabe.

„Willst du mir wirklich nicht sagen, was mit dir los ist? So zickig kenne ich dich überhaupt nicht.“ Bei ihren Worten macht sich das schlechte Gewissen in mir breit. Bevor ich ihr doch noch die Wahrheit sage, beiße ich mir jedoch auf die Lippen.

„Es tut mir leid“, seufze ich. „Ich meine es nicht so.“

„Das weiß ich“, gibt sie zurück und lächelt mich aufmunternd an. „Da vorne ist einer frei!“, schreit sie in er nächsten Sekunde und zeigt dabei auf eine Lücke.

Schnell fahre ich darauf zu und parke das Auto. Es ist jedes Mal eine Tortur, hier einen Parkplatz zu finden. Meistens drehe ich mehrere Runden, um endlich einen zu bekommen. Deswegen ist es eine freudige Überraschung, dass es auf Anhieb geklappt hat.

„Sehen wir uns zum Mittag?“, fragt Hannah, als wir uns an den parkenden Autos vorbeiquetschen.

„Ich glaube nicht“, antworte ich entschuldigend. „Ich muss Unterlagen in der Bücherei zusammensuchen, die ich für eine Vorlesung heute Nachmittag brauche.“

Hannah und ich belegen nicht denselben Studiengang. Sie hat sich für Journalismus eingeschrieben und geht darin richtig auf. Ich wiederum studiere Biologie, aber weniger, weil ich mich dafür interessiere, sondern weil ich so das Andenken meiner Mutter in Ehren halten möchte. Sie war die einzige Bezugsperson in meinem Leben und dadurch, dass ich das mache, fühle ich mich ihr näher. Sie hat nach ihrem Abschluss an dem College in Los Angeles als Biologin gearbeitet. Das war, bevor sie mich bekommen hat und zusammen mit mir nach Dallas gezogen ist. Sie war keine Umweltaktivistin, hat aber immer wieder betont, wie wichtig es ist, auf unsere Umwelt zu achten.

„Du lernst zu viel“, stellt meine Freundin fest und knufft mich in die Seite.

„Wahrscheinlich, aber nur habe ich eine Chance, das Studium vorzeitig beenden zu können.“

„Es ist dir ernst damit, oder?“

„Sehr ernst“, murmle ich und unterstreiche meine Antwort mit einem Nicken.

„Ich weiß, dass du es wegen deiner Mutter machst und ich bin mir sicher, dass sie stolz auf dich wäre. Egal, ob du früher fertig bist oder nicht. Genauso wie es ihr sicherlich egal ist, was du studierst, solange du glücklich bist.“ Mit einem warmen Lächeln schaut sie mich an. „Ich drücke dir die Daumen, aber du hättest weniger Stress, wenn du mal einen Gang runterschalten würdest. Du kannst mir ja schreiben, falls du es dir anders überlegst.“

„Das werde ich machen“, antworte ich ihr.

Hannah schließt mich noch einmal in ihre Arme, bevor sie sich umdreht und mich zwischen all den anderen Studenten alleine lässt.

Jeden Tag bin ich ein Teil dieser Gruppe, so wie heute auch. Ich gehe von einer Vorlesung zur nächsten und mache zwischendurch Hausaufgaben oder recherchiere. Meistens esse ich unterwegs und finde kaum die Zeit, auf die Toilette zu gehen. Es gibt Tage, an denen schaue ich nicht einmal auf die Uhr und bemerke erst, wie spät es ist, wenn es dunkel wird. Aber der ganze Stress lohnt sich. Ich gehöre zu den fünf Besten meines Jahrgangs.

Als ich um sechs Uhr abends endlich wieder zu meinem Wagen gehe, bin ich ausgelaugt. Zwischen all den Kursen wollte sich mehr als einmal der Gedanke an diesen Mann in meinen Kopf schleichen. Doch bevor er sich dort einen Platz suchen konnte, habe ich ihn zur Seite geschoben.

Den ganzen Tag hatte ich das Gefühl, als würde man mich beobachten. In der Bücherei habe ich mich sogar zu den anderen gesetzt, obwohl ich mir normalerweise in einer ruhigeren Ecke einen Platz suche.

Seufzend schiebe ich mich hinter das Lenkrad, lasse meine Stirn darauf sinken und schließe für einige Sekunden die Augen. Ich genieße die Ruhe um mich herum. Wann ich mir das letzte Mal einen Tag Ruhe gegönnt habe weiß ich nicht. Die Uni und das Lernen standen für mich immer im Vordergrund und so wird es auch bleiben, bis ich meinen Abschluss habe. In den letzten Jahren hatte ich nichts anderes, sodass es für mich zur Gewohnheit geworden ist, über den Bücher zu sitzen und zu lernen.

Nachdem ich noch einmal tief durchgeatmet habe, stecke ich den Schlüssel in das Schloss und starte den Wagen, um nach Hause zu fahren.

Als ich vor dem Wohnheim in eine freie Parklücke biege, denke ich wieder an den Brief, der heute Morgen an meiner Windschutzscheibe geklebt hat. Nachdem Hannah verschwunden war, bin ich noch einmal zu meinem Wagen zurückgegangen und habe ihn in das Handschuhfach gelegt. Nun beuge ich mich vor und hole ihn aus seinem Versteck heraus. Ich drehe ihn in meiner Hand hin und her. Schließlich greife ich nach meiner Büchertasche und lasse ihn hineinfallen. Ein paar Sekunden – vielleicht sind es auch Minuten, ich weiß es nicht – beobachte ich den Eingang zu meinem Wohnhaus und den Bürgersteig davor. Aber ich kann niemanden entdecken, der dort nichts zu suchen hat. Trotzdem beruhigt es mich nicht.

„Na gut, Sofia. Steige aus, du kannst schließlich nicht im Auto schlafen“, flüstere ich vor mich hin und öffne die Tür.

Mit unsicheren Bewegungen verlasse ich das Auto und schließe es hinter mir ab.

So schnell ich kann überquere ich die Straße und gehe auf das Wohnheim zu. Gruppen von Studenten strömen hinaus, andere betreten es. Ich verhalte mich so normal wie möglich, als ich mich unter die Menge mische. Der Lärm der Masse empfängt mich. Alle unterhalten sich angeregt oder schmieden Pläne für den Abend.

Immer zwei Stufen auf einmal nehmend renne ich die Treppe nach oben und den Flur entlang.

Geschickt weiche ich den anderen aus, während ich den passenden Schlüssel an meinem Bund heraussuche. Als ich endlich das Zimmer betrete und meine Tasche mit den schweren Büchern auf das Bett werfe, macht sich Erleichterung in mir breit. Ich streife mir meine Schuhe von den Füßen und lasse sie neben meine Sachen sinken. Dann greife ich mir meinen Laptop vom Schreibtisch und fahre ihn hoch.

Von Sekunde zu Sekunde werde ich immer müder. Verzweifelt versuche ich dagegen anzukämpfen, aber es bringt nichts. Mein Kopf fällt an die Wand und meine Augen schließen sich.

Traurig betrachte ich die anderen Kinder, die von ihren Vätern und Großeltern abgeholt werden. Ich liebe meine Mutter, aber das ändert nichts daran, dass ich mir schon oft gewünscht habe, dass ich auch einen Dad habe, der mich von der Schule abholt.

Mit hängenden Schultern gehe ich auf meine Mutter zu, die in der Nähe des Parkplatzes steht. Der Wind weht ihr durch die blonden Haare, sodass sie aussieht wie ein Engel.

„Hi, mein Schatz. Wie war die Schule?“ Mit einem strahlendem Lächeln begrüßt sie mich und zieht mich für eine Umarmung an sich heran.

Anstatt zu antworten, zucke ich nur mit den Schultern. So verhalte ich mich immer, wenn sie mich danach fragt. Ein trauriger Ausdruck macht sich auf ihrem Gesicht breit. Sie nimmt meine Hand in ihre und geht mit mir zu unserem Geländewagen.

Mit sehnsüchtigem Blick drehe ich mich noch einmal um.

Mom scheint es nicht bemerkt zu haben, denn sie gibt keine Gefühlsregung preis und öffnet den Kofferraum, um die Schultasche hineinzustellen. Wortlos steige ich vorne in den Wagen und setze mich auf den Kindersitz. Sie steigt ebenfalls ein und startet den Motor. Ich beobachte sie dabei, wie sie sich in den Verkehr einfädelt und sie Straßen entlangfährt.

„Wer ist mein Vater?“, rutscht mir die Frage heraus, die mir seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf geht.

Als sie ihr Gesicht zu mir dreht, bereue ich es sofort. Die Augen meiner Mutter sind so groß, dass ich für eine Sekunde Angst davor habe, dass sie mit mir schimpfen wird. Ich habe keine Ahnung, was sie gerade denkt.

Doch im nächsten Moment hat sie die Augen geschlossen. Als sie sie wieder öffnet, tut sie so, als hätte ich sie überhaupt nicht danach gefragt.

Erschrocken fahre ich hoch. Meine Atmung geht schwer und der Laptop rutscht von meinen Beinen. Bevor er jedoch auf den Boden fallen kann, greife ich nach ihm und legen ihn neben mir auf das Bett.

An das Gespräch, falls man es so nennen kann, habe ich seit Jahren nicht mehr gedacht. Ungefähr zu dem gleichen Zeitpunkt habe ich die Hoffnung aufgegeben, dass mein Vater sich für mich interessiert.

Es dauert ein paar Atemzüge, bis ich meine Gefühle so weit im Griff habe, dass ich einen klaren Gedanken fassen kann.

Kopfschüttelnd versuche ich, diese Erinnerung zu verbannen, und gebe das Passwort ein. Aber so sehr ich mich auch auf den Bildschirm vor mir konzentrieren will, ich schaffe es nicht.

Ich warte auf eine Nachricht von einem meiner Professoren, aber das, was ich jetzt zu sehen bekomme, sorgt dafür, dass jeder Gedanke ans Studium in den Hintergrund tritt. Der Betreff lautet:

Du siehst wunderschön aus, wenn du schläfst!

Mit zittrigen Fingern öffne ich sie. Es gibt keinen Text, nur einen Anhang, ein Bild. Kurz überlege ich, ob ich wirklich wissen will, was darauf zu sehen ist, aber meine Neugier ist größer als meine Sorge. Ich klicke auf Speichern und warte darauf, dass es heruntergeladen wird. Während mein Computer das Bild öffnet, versuche ich, den unregelmäßigen Rhythmus meines Herzens in den Griff zu bekommen.

Aber das ist vergebens, denn in der nächsten Sekunde ergreift die Panik wieder Besitz von mir.

Auf dem Bildschirm erscheine ich, wie ich mit geöffnetem Mund in meinem Bett liege und schlafe.

Mit großen Augen starre ich auf den PC und schlage mir die Hand vor das Gesicht.

Bitte, lass das nur einen Scherz sein, schießt es mir durch den Kopf. Obwohl der Absender nichts dazugeschrieben hat, ist mir klar, dass es sich hierbei um den Mann handelt, der mich bedroht hat.

Hektisch schaue ich mich um. Ich sehe sogar unter unseren Betten nach, doch hier ist niemand. Ich bin mir sicher, dass ich das Zimmer in den letzten Nächten immer abgeschlossen hatte. Meine Gedanken überschlagen sich, aber mir kommt nur eine Sache in den Kopf.

Ich ergreife die Flucht.

Im Gehen schnappe ich mir meine Tasche und meinen Schlüssel und verschwinde aus dem Zimmer.

Doch weit komme ich nicht. Kaum habe ich die ersten Schritte hinter mich gebracht, knalle ich gegen etwas Hartes. Ich komme ins Schwanken und meine Hände fahren nach vorne, um Halt zu suchen. Bevor ich auf den harten Fliesenboden falle, greifen zwei Hände nach mir und drücken mich gegen die Wand. Da ich noch immer das Gesicht des Mannes vor Augen habe, schlage ich aus Reflex wild um mich. Doch ich schaffe es nicht, mein Gegenüber zu treffen, denn er nimmt meine Hände in seine und drückt sie sanft nach unten.

Erst jetzt habe ich meinen Kopf und schaue in hellblaue Augen. Sie durchdringen mich. Ich habe das Gefühl, als könnten sie genau sehen, was gerade in mir sich geht.

„Alles klar bei dir?“, reißt mich eine Stimme aus meiner Erstattung.

Ich richte meine Aufmerksamkeit auf das restliche Gesicht und der nächste Schock überkommt mich. Der Typ, den ich heute Morgen aus der Ferne angestarrt habe, steht nun so dicht vor mir, dass ich seinen Atem in meinem Gesicht fühlen kann. Er lässt mich keine Sekunde aus den Augen, als würde er jede Reaktion in meinem Gesicht erkennen wollen.

„Sicher“, bringe ich stotternd hervor, als mir klar wird, dass ich ihm noch nicht geantwortet habe.

„Du solltest vorsichtiger sein.“ Seine Stimme ist so leise, dass ich nicht weiß, ob er überhaupt etwas gesagt hat.

Sein plötzliches Auftauchen verschlägt mir die Sprache, sodass ich nicht mehr als ein Nicken zustande bekomme.

Sein Geruch steigt mir in die Nase. Eine Mischung aus Aftershave, Testosteron und Duschgel. Er sorgt dafür, dass mein Körper sich das erste Mal seit Samstagabend entspannen will. Aber ich verbiete es mir selbst. Ich kenne ihn nicht und nach diesem Schock will ich nur von hier weg.

So unauffällig wie möglich rücke ich ein Stück zur Seite.

„Danke“, entgegne ich deutlich selbstbewusster.

„Ich hoffe, in dem Brief heute Morgen stand etwas Nettes.“ Sein freches Lächeln zieht sich über das ganze Gesicht und er lässt seine Augenbrauen kurz nach oben springen. Dabei sieht er so unwiderstehlich aus, dass ich nur mit Mühe ein Seufzen unterdrücken kann.

„Oh … ähm … ja“, stottere ich, da ich von seinem Themenwechsel überrascht bin.

„Schöne Post bekommt doch jeder gerne.“

Seine sanfte Stimme sorgt dafür, dass sich eine Gänsehaut auf meinem Körper bildet. Sie erreicht Stellen in mir, von denen ich bisher nur in Büchern und Filmen gehört habe. Sie berührt meine Seele und umschmeichelt sie. Sie setzt sich überall fest und sorgt dafür, dass ich nicht mehr weiß, wo oben und unten ist.

„Ich muss weiter. Meine Freundin wartet schon auf mich“, flüstere ich.

„Ich wünsche euch noch einen schönen Abend.“ Je länger er sich von meiner Nähe befindet, umso weniger klar kann ich denken.

Ich gehörte noch nie zu den Frauen, die keine Ahnung hatten, was sie sagen sollen, nur weil ein gut aussehender Mann vor ihnen steht. Aber in diesem Moment bin ich eine von ihnen. Und darauf bin ich nicht stolz.

„Dir auch.“ Mehr sage ich nicht, sondern dränge mich an ihm vorbei und gehe den Flur entlang. Seinen Blick spüre ich bei jedem Schritt in meinem Rücken. Erst, als ich ihm die Ecke biege, kann ich wieder befreiter atmen.

Was war das?

Ich bleibe stehen und lehne mich an die Wand, während andere Bewohner an mir vorbeigehen und sich unterhalten oder irgendwelche Nachrichten in ihr Handy eintippen. Sie beachten mich nicht, worüber ich froh bin. So habe ich ein paar Sekunden Zeit, damit ich meine Gedanken ordnen kann.

3

Die letzten Tage verliefen ruhig. Vorlesungen, Bücherei, Lernen. So sahen meine Tage von morgens bis abends aus. Am Anfang habe ich noch täglich an die beunruhigenden Ereignisse gedacht, aber als nichts weiter passiert ist, habe ich mich nach und nach beruhigt.

„Jonas hat mich heute gefragt, ob er uns morgen zur Party abholen soll“, offenbart Hannah mir, als ich am Freitag nach der letzten Vorlesung unser Zimmer betrete.

Sie sitzt mit einer Trainingshose und einem Pulli bekleidet auf dem Bett und hat ihren Laptop vor sich stehen. Ich werfe meine Taschen neben meinen Schreibtisch und ziehe mir die Schuhe aus. Als ich mich ebenfalls hingesetzt habe, drehe ich meinen Kopf in ihre Richtung und bemerke ihren bohrenden Blick. Bei der Erwähnung der Party wird mir schlecht. Die Angst und Verzweiflung brechen wieder über mich herein. Aber ich entscheide mich dazu, dass ich mich nicht davon beeinflussen lassen werde.

„Ich werde mit meinem Wagen fahren. Wenn du willst, nehme ich dich mit“, entgegne ich und hoffe, dass sie nicht nach dem Grund fragt.

„Mit deinem? Dann kannst du aber nichts trinken“, gibt sie zu bedenken.

„Ich weiß, aber ich habe keine Lust wieder zu laufen.“

„Ist irgendetwas passiert?“, fragt sie mich.

„Ich war nur müde und mir taten danach die Füße weh“, antworte ich ihr nach einer Weile und zucke dabei mit den Schultern. Obwohl schon eine Woche verstrichen ist, habe ich ihr noch immer nichts von meiner Begegnung mit diesem Typen gesagt. Ich habe auch keine Lust das ausgerechnet jetzt nachzuholen. Sie würde mir nur Vorwürfe machen, wieso ich ihr die Geschichte nicht eher erzählt habe.

„Du hast recht. Dafür werde ich Jonas noch in den Hintern treten. Er hätte danach ja wieder zur Party fahren können.“

Hannah klingt sauer, sodass ich ein schlechtes Gewissen bekomme. Ich will nicht dafür verantwortlich sein, dass die beiden sich streiten. Zumal ich der Meinung bin, dass sie sich eh zu oft in den Haaren haben.

„Nicht schlimm. Mir ist ja nichts passiert“, versichere ich ihr und bete, dass das Thema damit erledigt ist. Bei dem letzten Satz bekomme ich ein wenig Magenschmerzen, schiebe es aber darauf, dass ich heute noch nichts gegessen habe.

„Na gut, wir fahren morgen mit deinem Wagen, aber …“, fängt sie an, doch weiter kommt sie nicht, weil in dem Moment ihr Handy klingelt. Entschuldigend schaut sie mich an und dreht das Telefon so, dass ich das Bild auf dem Display sehen kann.

Jonas.

Während sie das Gespräch annimmt, zwinkere ich ihr zu und beobachte sie, wie sie das Zimmer verlässt. Jedes Mal, wenn die beiden telefonieren, läuft es so. Mittlerweile weiß ich, dass Hannah sich in dem Lagerraum am Ende des Flures versteckt und kann mir deshalb vorstellen, dass ihre Unterhaltung alles andere als jugendfrei sind.

„Seit ihr schon fertig?“, frage ich, als es fünf Minuten später an der Tür klopft. Seufzend stehe ich auf, doch als ich öffne, steht nicht Hannah vor mir, sondern der Typ, in den schon am Anfang der Woche hineingerannt bin.

„Hi“, begrüßt er mich mit einem strahlenden Lächeln. Mein Blick klebt an seinen Lippen, doch schnell reiße ich mich zusammen und sehe in seine Augen.

„Hi.“ Meine Stimme ist nicht mehr als ein leises Quietschen. Schnell räuspere ich mich und wiederhole mich, trotzdem höre ich mich nicht besser an.

Reiße dich zusammen, Sofia!

„Hast du jemanden erwartet?“

„Ich dachte, dass meine Mitbewohnerin mal wieder ihren Schlüssel vergessen hat“, antworte ich ihm und versuche dabei, meine Stimme so normal wie möglich klingen zu lassen. So ganz will es mir nicht gelingen. „Kann ich dir irgendwie helfen?“

„Ich habe erst vor zwei Wochen das College gewechselt, deswegen wollte ich e in paar Leute kennenlernen und hoffe, dass welche dabei sind, die das gleiche Hauptdach haben wie ich. Und ich dachte, dass es vielleicht am einfachsten wäre, wenn ich mit meinen Zimmernachbarn anfange.“

Kurz schaut er mich unsicher an, aber dann lächelt er wieder. Mein Herz schlägt Purzelbäume und ich danke im Stillen Jonas, dass er genau im richtigen Moment angerufen hat.

Bei dem Klang seiner Stimme entspannt sich mein Körper langsam. Da ich nicht weiß, was ich mit meinen Händen machen soll, streiche ich mir eine Strähne aus dem Gesicht und schiebe die Hand in die Tasche meiner Jeans.

„Wenn das so ist, herzlich willkommen. Von welcher Uni kommst du denn?“

„Los Angeles.“ Seine einfache Antwort versetzt mir einen Stich ins Herz. Als Kind habe ich dort gewohnt. Das war, bevor meine Mutter der Meinung war, dass wir unbedingt nach Dallas ziehen müssen. Ich habe keine Erinnerungen mehr an diese Stadt, aber auf merkwürdige Art und Weise fühle ich mich Los Angeles verbundener als Dallas.

Wegen der emotionalen Reaktion schwanke ich, sodass ich schnell nach der Tür greife, um mich festzuhalten.

„Wieso hast du gewechselt?“, frage ich ihn, damit er es nicht mitbekommt.

„Ich hatte das Gefühl, als würde ich mal etwas anderes sehen müssen“, erklärt er und zieht dabei die Schultern in die Höhe, um sie in der nächsten Sekunde wieder sinken zu lassen.

„Ich bin dort geboren“, flüstere ich, mehr zu mir selbst, als zu ihm.

„Ehrlich?“ Nun schaut er mich interessiert an.

„Aufgewachsen bin ich aber hier und seitdem war ich auch nicht mehr dort.“ Noch bevor ich es verhindern kann, nimmt meine Stimme einen traurigen Unterton an. Ich wende den Blick ab, um mich zu sammeln.

„Wieso hast du dich für Dallas entschieden, um zu studieren?“

„Das ist eine lange Geschichte.“ Und keine, die ich gerade erzählen will.

„Ich bin Aiden.“ Er reicht mir seine Hand und lächelt mich freundlich an.

„Sofia.“

Als ich sie ergreife, durchfährt mich ein elektrischer Schlag. Plötzlich knistert die Luft zwischen uns und scheint von Spannung geladen zu sein. Aiden räuspert sich und schaut unbeholfen auf den Boden. Seine Reaktion lässt in mir die Vermutung aufkommen, dass auch er die Spannung bemerkt hat.

„Es freut mich, dich kennenzulernen“, flüstert er, während er mich nicht aus den Augen lässt.

„Was ist dein Hauptfach? Vielleicht kann ich dir sagen, wo du Gleichgesinnte findest.“

„Biologie.“

Ich muss mich verhört haben. Ungläubig stehe ich vor ihm und starre ihn an. Kurz schießt mir der Gedanke durch den Kopf, dass es ein Scherz war. „Ich bin im letzten Jahr“, fügt er noch hinzu, als ich auch nach endlosen Sekunden kein Wort sage.

„Entschuldige. Ich habe …“

Ja, was habe ich eigentlich? Mich zum Affen gemacht?

Keine Ahnung, aber ich weiß, dass ich mich schnell wieder in den Griff bekommen muss.

„Ich studiere auch Biologie … im zweiten Jahr“, stottere ich und spüre, wie mir das Blut ins Gesicht schießt. Schon lange nicht mehr war mir etwas so peinlich, wie meine Reaktion auf ihn.

„Zwei Leute aus Los Angeles treffen sich in Dallas und studieren sogar das Gleiche. Das nenne ich mal einen Zufall.“ Als er mich Anblick erscheint ein freches Grinsen auf seinem Gesicht. Es sorgt dafür, dass mein Herz schneller schlägt und mein Verstand aussetzt.

Das ist wirklich ein Zufall.

Als ich etwas antworten will, bemerke ich aus dem Augenwinkel, wie jemand auf uns zustürmt. Automatisch spanne ich mich an, was auch Aiden nicht entgeht. Er schaut mich fragend an, aber ich gehe nicht darauf ein. Obwohl ich nicht leugnen kann, dass ich mich in seiner Gegenwart wohlfühle und es so ist, als würden wir uns schon seit einer Ewigkeit kennen.

Sobald ich Hannah erkenne, entspanne ich mich wieder.

„Wie geht es Jonas?“

Ich schaue in Aidens Richtung und erkenne das freche Grinsen, das er mir schenkt. Um mich von all den Empfindungen abzulenken, die er in mir weckt, konzentriere ich mich auf Hannah, die in diesem Moment antwortet.

„Es gibt ein Problem wegen morgen.“ Ihre Stimme klingt unsicher. Ihr Blick hebt sich von ihrem Handy und bleibt an dem Mann hängen, der vor mir steht. Als sie mich wieder anschaut, sehe ich die Fragezeichen in ihren Augen.

„Das ist Aiden. Er studiert ebenfalls Biologie. Aiden, das ist meine beste Freundin Hannah.“

Ich versuche meine Stimme so neutral wie möglich zu halten, was mir aber nicht gelingen will. Man müsste schon taub sein, um den aufgeregten Unterton nicht zu erkennen.

„Hi“, begrüßt sie ihn, während sie ihren Blick neugierig über seinen Körper wandern lässt.

Aiden lässt sie nicht aus den Augen. Dass sie ihn wie ein Sonderangebot anstarrt, scheint ihn nicht zu stören.

„Freut mich“, erwidert Aiden. Obwohl er sie anlächelt, ist es nicht so wie bei mir. Seine Augen strahlen nicht und auch seine Körperhaltung ist eine andere, als bei mir. Er wirkt angespannter.

„Sofia, ich warte drinnen auf dich.“ Mit diesen Worten schaut sie mich noch ein letztes Mal prüfend an und verschwindet in unserem Zimmer.

Ich habe überhaupt nicht gemerkt, dass ich mich in den letzten Minuten in den Flur bewegt habe, sodass meine Freundin die Tür hinter sich schließen kann.

„Du scheinst ihr wichtig zu sein.“

„Wie kommst du darauf?“, erkundige ich mich.

„Sie hat mich von oben bis unten begutachtet. Für mich sah es so aus, als würde sie sichergehen wollen, dass ich dir nicht gefährlich werde.“

Bei seinen Worten bekomme ich große Augen, weil ich nicht damit gerechnet habe, dass er es so direkt ausspricht. Es dauert ein paar Sekunden, bis mir klar wird, wie blöd ich aussehen muss.

„Tut mir leid.“

„Das braucht es nicht. Es ist doch schön, wenn man jemanden hat, der sich um einen sorgt. Ich will euch nicht weiter stören. Vielleicht sieht man sich ja mal, Sofia.“ Er zwinkert mir zu und verschwindet. Ich schaue Aiden nach, wie er den Flur ein Stück hinunterläuft und drei Türen weiter in einem Zimmer verschwindet.

Als er aus meiner Sichtweite verschwunden ist, setze ich mich in Bewegung und kehre in mein Zimmer zurück.

„Der ist aber süß.“ Hannah schaut in meine Richtung, während ich die Tür hinter mir schließe.

„Schon, aber …“ Bevor ich den Satz beenden kann, presse ich die Lippen aufeinander.

„Aber was?“

„Aber ich weiß nicht, ob ich mich zurzeit überhaupt in eine Beziehung stürzen möchte“, erkläre ich seufzend und lasse mich auf ihr Bett sinken.

„Er scheint dich zu mögen und ein wenig Abwechslung von der ganzen Lernerei wird dir nicht schaden. Davon mal abgesehen, kannst du mit ihm schlafen, ohne dich auf irgendwas Festes einzulassen.“

Da Hannah ebenso gut wie ich weiß, dass ich nicht so bin, entschließe ich mich dazu, den letzten Satz unkommentiert zu lassen.

„Und nach deiner Körperhaltung zu urteilen, scheinst du ihn auch anziehend zu finden.“

„Wir haben vorhin das erste Mal miteinander gesprochen. Ich glaube nicht, dass man schon sagen kann, dass wir uns mögen.“ Von dem Morgen, an dem ich ihn vor dem Wohnheim gesehen habe, erzähle ich nichts. Genauso wenig, dass ich am selben Tag in ihn hineingelaufen bin.

„Du bist alt genug und ich werde dir sicherlich nicht vorschreiben, mit wem du schlafen sollst und mit wem nicht“, klärt sie mich auf.

„Nun erzähle mir von dem Problem mit Jonas“, entgegne ich und wechsle so das Thema.

„Er kommt morgen nicht, sondern fährt übers Wochenende zu seinen Eltern.“

„Oh, davon hat er bei unserem Kurs heute Morgen gar nichts gesagt. Es hatte sich eher so angehört, dass er sich auf die Party freut.“

„Sein Vater hat ihn vorhin angerufen und ihm mitgeteilt, dass sein jüngerer Bruder im Krankenhaus liegt. Er hat mich gefragt, ob ich ihn begleiten möchte.“ Unsicher schaut sie zu mir.

In den letzten Tagen ist Hannah immer da gewesen. Indem sie auf ihrem Bett gesessen oder abends mit mir einen Film geschaut hat, hat sie dafür gesorgt, dass ich ruhiger wurde. Mein inneres Gleichgewicht wurde wiederhergestellt.

Bei dem Gedanken daran, dass ich das ganze Wochenende allein in dem Zimmer sein soll, bildet sich eine Gänsehaut auf meinem Körper. Um sie zu überspielen, lächle ich und nicke zustimmend.

„Fahr ruhig. Ich komme hier schon klar“, ermutige ich sie, obwohl sich alles in mir dagegen wehrt.

„Sicher?“

„Suchst du etwas nach einer Ausrede, um seine Eltern nicht treffen zu müssen?“

„Nein … ja. Ich kenne sie nur aus seinen Erzählungen und es fühlt sich so an, als würden wir damit den nächsten Schritt einleiten. Keine Ahnung, ob ich schon so weit bin.“ Die sonst so selbstbewusste Hannah schaut mich ängstlich an. Ein kleines Grinsen erscheint auf meinem Gesicht, obwohl ich mich bemühe, es zu verbergen.

„Deswegen brauchst du dir doch keine Gedanken zu machen. Ich glaube nicht, dass sie Zeit haben werden, um sich mit dir zu beschäftigen. Schließlich liegt sein Bruder im Krankenhaus“, erinnere ich sie an den Grund des Besuches. „Was hat er eigentlich?“

„Jonas sagte irgendetwas von einer Schlägerei. Du willst mich aber nur loswerden, damit du dich in Ruhe mit dem heißen Typen treffen kannst.“

„Welcher heiße Typ?“ Nachdem ich die Frage ausgesprochen habe, lasse ich meinen Blick über die Zimmerdecke wandern und pfeife ein paar Töne.

„Aiden.“

Hannah zwinkert mir zu und ich spüre, wie ich die Farbe einer überreifen Tomate annehme. Doch ich sage nichts dazu, es würde auch nichts bringen. Stattdessen verdrehe ich die Augen und werfe mich auf mein Bett, um die restlichen Aufgaben für heute zu erledigen. Hannah zieht ihre Reisetasche aus dem Schrank und fängt an, allerhand Sachen hineinzuwerfen. Mehrmals muss ich ihr versichern, dass seine Eltern sie sicherlich nicht köpfen werden, bevor sie sich von mir verabschiedet.

„Falls etwas ist, rufe mich an. Aber ich bin ja am Sonntag wieder hier.“

„Mache ich. Ich denke an dich“, verspreche ich und schließe sie dabei in meine Arme. Bevor sie verschwindet, lächelt sie mich noch einmal zu.

Die nächsten zwei Stunden versuche ich, mich auf die Bücher vor mir zu konzentrieren. So sehr ich es auch möchte, ich kann mir keines der Wörter merken, die darin stehen.

„Verdammt nochmal“, fluche ich vor mich hin und knalle sie zu. Da meine Gedanken sich nur darum drehen, wie ich die nächsten Tage alleine hinter mich bringen soll, schaffe ich es nicht, weiter über den Notizen zu hängen.

Als sich auch noch Aiden in meine Gedanken schiebt, verdrehe ich die Augen und lasse mich in die dicken Kissen sinken. Sein Lächeln erscheint in meinen Erinnerungen. Mein Herz beginnt sofort zu rasen und die Schmetterlinge in meinem Bauch werden wach.

Ich starte meinen Laptop und lege eine DVD in das Laufwerk, aber selbst meine Lieblingskomödie bringt mich nicht auf andere Gedanken.

Auf dem Flur wird es immer ruhiger. Die meisten machen sich fertig, um heute Abend auf eine Party zu gehen, oder sie packen ihre Sachen, weil sie das Wochenende mit ihren Eltern oder Freunden verbringen. So ist es immer.

Ein Klopfen an der Tür reißt mich aus meinen Gedanken. Ich hoffe, dass Aiden davorsteht, weil ihm genauso langweilig ist wie mir.

Vergiss es, Sofia. Der wird wahrscheinlich auf einer Party sein, um mehr neue Leute kennenzulernen.

Doch kaum habe ich den Gedanken beendet, schleicht sich ein anderer in meinen Kopf. Der gefällt mir nicht und sorgt dafür, dass mir mein Essen hochkommen will.

Schnell lasse ich den Blick durch mein Zimmer schweifen, auf der Suche nach etwas, das ich als Waffe verwenden kann. Aber das Einzige, was ich entdecken kann, ist das Deo von Hannah, das sie auf ihrem Schreibtisch hat stehen lassen.

Mit entschlossenen Schritten überbrücke ich den Abstand und greife danach. Auf Zehenspitzen schleiche ich zur Tür. Bevor ich sie erreiche, ertönt noch einmal das kräftige Klopfen. Ich halte inne und verfluche die Architekten des Wohnheims dafür, dass es keine Spione in dem Holz gibt.

„Wer ist da?“, rufe ich laut genug, dass ich mir sicher sein kann, die Person auf der anderen Seite hat mich gehört. Niemand antwortet. Ich lausche in die Stille hinein, kann aber auch keine Schritte hören, die sich entfernen.

Nichts.

Als es abermals klopft, erschrecke ich mich so sehr, dass ich fast die Dose in meiner Hand fallen lasse. Ich brauche ein paar Sekunden, um mich zu fragen, doch gehe ich den letzten Schritt auf die Tür zu.

„Aiden? Bist du das?“ Obwohl ich nicht glauben kann, dass er nichts sagen würde, klammert sich mein Innerstes doch an diese Hoffnung.

Im nächsten Moment knallt etwas gegen das Holz und lässt es erzittern. Aus einem Reflex heraus weiche ich zurück. Wie sich herausstellt, genau im richtigen Moment, denn es kracht erneut und die Tür gibt nach. Sie schwingt auf und fliegt gegen die Wand dahinter. Der Anblick, der sich mir bietet, sorgt dafür, dass ich erstarre.

Vor mir steht der Mann, der mich vor einer Woche bedroht hat. Seine Narbe an der Stirn und die kalten Augen würde ich überall erkennen.

„Hier ist nicht Aiden“, presst er zwischen den Zähnen hervor.

„Was wollen Sie von mir?“

Meine Stimme klingt panisch, aber das ist mir egal. Ich bin froh, dass ich überhaupt einen Ton herausbekomme.

„Du hast keine Ahnung, wer du bist, oder?“

Da ich nicht weiß was all das zu bedeuten hat, schüttle ich nur den Kopf. Eine Weile ist es ruhig im Zimmer. Er betrachtet mich aufmerksam, während meine Sinne Flucht schreien. Doch er versperrt mir den Weg, sodass es mir nicht möglich ist, das Zimmer zu verlassen.

Langsam kommt er näher und grinst mich dabei hinterhältig an.

„Ich werde es dir gerne erklären. Sobald du es weißt, wirst du auch verstehen, wieso ich so lange gewartet habe.“ Er macht einen weiteren Schritt auf mich zu. Seine Gestalt ragt düster über mir empor.

Als er nach mir greifen will, nutze ich den wenigen Platz, den er mir lässt, und weiche ihm aus.

„Du willst also spielen?“ Seine Stimme ist scharf wie ein Messer. Sie hinterlässt unsichtbare Spuren in meinem Inneren und lässt mich erschaudern.

„Ich will, dass Sie mich in Ruhe lassen!“, schreie ich ihn an.

Sein Lachen ist heiser.

Die angespannte Körperhaltung zeigt mir, dass es nur darauf wartet, dass ich mich ein weiteres Mal bewege. Er beobachtet mich wie ein Raubtier.

„Hilfe!“, rufe ich so laut, wie es meine zittrige Stimme zulässt.

„Das hättest du besser nicht gemacht“, raunt er und wirft mir einen wütenden Blick zu.

Kaum hat er seinen Satz beendet, schmeißt er sich auf mich, sodass ich keine Zeit habe zu reagieren. Unsanft lande ich auf dem Boden und schlage mir dabei meinen Kopf an dem Bett von Hannah an. Es fällt mir schwer bei Bewusstsein zu bleiben, aber ich will es ihm nicht so einfach machen. Ich will wenigstens die Chance haben, mich zu verteidigen.

Schreiend trete und schlage ich blind um mich. Ein paarmal treffe ich ihn, allerdings nicht hart genug, damit er von mir ablässt. Sein Knurren klingt gefährlich, sodass mein Wille, ihm zu entkommen, noch stärker wird. Ich werde mich von ihm nicht einschüchtern lassen. Immer wieder treffe ich ihn. Trotzdem lockert sich sein Griff an meiner Hüfte nicht.

Eher das Gegenteil ist der Fall. Je mehr ich mich wehre, umso fester umschließt er mich. Meine Verzweiflung wächst mit jeder Sekunde, in der meine Kraft verschwindet. Ich könnte mir selber in den Hintern treten, weil ich Hannah nicht öfter in das Sportstudio begleitet habe.

„Mom, hilf mir“, flüstere ich leise, als ich der Tatsache, dass er mich umbringen wird, nicht mehr ausweichen kann.

Das Gesicht meiner Mutter taucht vor meinen Augen auf. Ich höre, wie sie mir immer wieder sagt, dass ich weiterkämpfen soll, aber ich habe keine Kraft mehr, um mich ihm noch länger zu widersetzen.

Rittlings setzt er sich auf mich und schlägt mir ins Gesicht. Mein Kopf fliegt zur Seite und ich sehe Sterne vor mir.

Als der Typ nach meinem Hals greifen will, wird er nach hinten und von mir weggezogen, während ich daliege und nach Luft schnappe. Mein Körper arbeitet gegen die Ohnmacht an, die mich überfallen will. Es dauert ein paar Sekunden, bis ich die Kraft aufbringen kann, um mich aufzurichten. Die Kopfschmerzen sorgen dafür, dass ich nur verschwommen sehen kann. Trotzdem erkenne ich, wie ein zweiter Mann meinen Angreifer gegen die Wand drückt. Seinen Arm drückt er gegen den Hals des Mannes, der mich umbringen wollte.

Kurz habe ich die Hoffnung, dass der Typ in der Falle sitzt, doch er schafft es, sich zu befreien. Bevor der Neuankömmling reagieren kann, sprintet er aus dem Zimmer. Es geht alles so schnell, dass ich es gar nicht verarbeiten kann. Unter mir gibt mein Arm nach, sodass ich zurück auf den Boden sinke.

„Sofia! Ist alles klar bei dir?“

Es dauert ein paar Sekunden, bis ich die Stimme zuordnen kann. Aiden. Er blickt mich besorgt an, als er mit großen Schritten auf mich zukommt. Vorsichtig hebt er mich auf seine Arme und geht auf das Bett von Hannah zu. Nachdem er mich auf die weiche Matratze gesetzt hat, schließe ich meine Augen, wobei mir ein leises Stöhnen entfährt.

„Mir tut jeder Knochen weh. Sogar die, von denen ich nicht einmal wusste, dass ich sie habe. Und mein Kopf fühlt sich an, als wäre gerade ein Zug über ihn hinweg gefahren. Aber soweit ich es beurteilen kann, ist nichts gebrochen“, antworte ich, nachdem ich eine Bestandsaufnahme meines Körpers durchgeführt habe.

Langsam sinkt Augen vor mir auf die Knie. Seine rechte Hand umklammert meine Finger, während er mit der linken vorsichtig über meine Arme und meinen Hals fährt. Schließlich bleibt sie auf meiner Wange liegen. Genau auf der Stelle, die von dem Schlag noch immer brennt. Sanft streicht er darüber, während seine Augen meinen Körper abtasten.

„Kanntest du ihn?“, unterbricht er die Stille, die sich nach dem Chaos über das Zimmer gelegt hat. Er spricht so friedlich, dass sich meine angeschlagenen Nerven ein wenig beruhigen, denn ich zittere am ganzen Körper und kann nichts dagegen tun.

„Nein … Ja … Ach, ich weiß es selbst nicht“, flüstere ich seufzend und lasse meinen Kopf dabei in den Nacken fallen, um die verspannten Muskeln zu lösen. Als ich meinen Blick wieder zu Aiden senke, erkenne ich den fragenden Ausdruck in seinen Augen. Bevor ich es verhindern kann, erzähle ich ihm alles. Es fühlt sich komisch an, ausgerechnet ihn ins Vertrauen zu ziehen, aber genauso befreiend. Endlich kann ich jemandem von dieser Geschichte berichten.

Ohne mich zu unterbrechen, hört er mir zu, bis ich schließlich zum Schluss komme. Jetzt, wo endlich alles heraus ist, kann ich besser atmen und bin ruhiger.

Aiden lässt mich keine Sekunde aus den Augen, während er vor mir hockt. Seine Hände halte meine fest umklammert. So zeigt er mir, dass ich nicht alleine bin. In der Hoffnung, dass ich erfahre, was in seinem Kopf vor sich geht, betrachte ich den Ausdruck in seinem Gesicht, aber ich kann nicht erkennen, was er denkt.

„Hey, es wird alles gut werden. Er ist weg und kann dir nichts mehr antun. Aber wieso hast du es mir nicht sofort gesagt?“, fragt er mich schließlich. Ich habe das Gefühl, als hätte ich mich verhört.

„Was?“, kommt es mir leise über die Lippen.

„Wieso hast du mich angelogen?“, wiederholt er seine Worte.

„Wovon redest du?“ Auf meinem Gesicht macht sich ein verwirrter Ausdruck breit.

„Als ich dich gefragt habe, ob etwas Schönes in dem Brief stand.“

Langsam dämmert mir, worauf es hinauswill. Ein paar Minuten ist es ruhig zwischen uns. Wir lassen den jeweils anderen nicht aus den Augen.

„Entschuldige, dass ich meine Lebensgeschichte nicht gleich jedem anvertraue, den ich zum ersten Mal sehe. Nicht einmal meine Freundin weiß darüber Bescheid.“

Mir ist es egal, ob er mich gerettet hat, oder nicht. Er hat kein Recht dazu, mir deswegen ein schlechtes Gewissen zu machen.

Aiden presst die Lippen zu einer dünnen Linie zusammen. In der nächsten Sekunde schließt er die Augen und sammelt sich, bevor er mich wieder ansieht.

„Ich meine das nicht böse.“ Seine Stimme hört sich nun nicht mehr vorwurfsvoll an. „Es ist nur so, dass man viel hört. Und wenn ich dann erfahre, dass du ihm heute nicht zum ersten Mal über den Weg gelaufen bist, mache ich mir halt Sorgen.“

Bei seinen Worten bekomme ich nun doch ein schlechtes Gewissen.

„Ich wollte dich nicht so anfahren“, entschuldigt ich mich bei ihm.

„Kein Problem. Du hast ja recht, es geht mich nichts an.“

„So meine ich das nicht“, versuche ich die Situation zu retten.

Aiden geht nicht darauf ein. Die Stille, die nun zwischen uns entsteht, ist aber nicht bedrückend, sondern beruhigend. Sie gibt mir die Möglichkeit, das Chaos in meinem Kopf zu sortieren, was gar nicht so einfach ist.

„Da er es anscheinend auf dich abgesehen hat, hast du nun die Wahl“, fährt Aiden fort und reißt mich so aus meinen Gedanken.

„Die Wahl? Wozwischen denn?“ Überrascht schaue ich ihn an. Ich habe mit allem gerechnet, aber nicht damit.

„Entweder schlafe ich bei dir oder du bei mir.“ Seine Stimme hört sich so an, als wären seine Worte das Normalste auf der Welt. Aber das ist es nicht. Er ist ein Fremder für mich.

„Kann ich auch Nein sagen?“ Einen Moment betrachtet Aiden mich, sodass ich mir wie ein Marsmensch vorkomme.

„Eigentlich nicht“, antwortet er schließlich, als ich schon das Gefühl habe, er würde nichts mehr dazu von sich geben.

„Dann haben wir ein Problem. Ich werde sicherlich nicht bei dir schlafen und du nicht bei mir.“

Aiden kneift die Augen zusammen und verzieht missbilligend das Gesicht. Obwohl mein Bauch mir sagt, dass ich ihm vertrauen kann, werde ich standhaft bleiben.

„Sofia“, stöhnt er und reibt sich dabei den Nacken.

„Ich bin dir dankbar, dass du mir geholfen hast. Aber vielleicht kannst du dir vorstellen, dass ich nach der Erfahrung gerade nicht die Nacht mit einem fremden Mann in einem Zimmer verbringen werde.“

Bei diesen Worten zuckt er zusammen. Allerdings hat er sich schnell wieder im Griff.

„Ich werde dir mit Sicherheit nichts tun. Mein Mitbewohner ist das Wochenende ebenfalls nicht da. Du kannst sein Bett haben“, startet er einen weiteren Versuch.

„Und sonst würden wir uns eines teilen?“

Langsam beruhigt mein Körper sich, was zur Folge hat, dass ich meine Bissigkeit wiederfinde.

„Dann würde ich auf dem Boden schlafen.“ Er schaut mich mit einem Blick an, der mir sagt, dass er die Wahrheit sagt. Dennoch schüttle ich wegen der Schmerzen vorsichtig den Kopf.

„Das ist lieb von dir und ich danke dir, dass du mir geholfen hast. Aber ich brauche Ruhe.“

„Okay“, flüstert er. „Versprich mir aber, dass du dich bei mir meldest, falls etwas sein sollte.“

Während er spricht, greift er nach einem leeren Blatt und einem Stift und kritzelt ein paar Zahlen darauf.

Nur widerwillig stehe ich ebenfalls auf, als er Anstalten macht, sich zu erheben. Da ich noch etwas wackelig auf den Beinen bin, stütze ich mich dabei an einem Schrank ab.

Aidens besorgter Blick trifft mich, aber er gibt keinen Ton von sich, wofür ich ihm im Stillen danke.

„Schreib mir eine Nachricht oder ruf mich an, sobald du wach bist“, weist er mich an, bevor er sich nach unten beugt und mir einen zarten Kuss auf die Stelle drückt, an der ich vorhin noch die Hand meines Angreifers gespürt habe.

Ein seltsames Kribbeln durchfährt meinen Körper. Und der leichte Druck seiner Lippen auf meiner Haut sorgt dafür, dass die Schmerzen erträglicher werden.

„Gute Nacht, Aiden.“ Meine Stimme ist kaum mehr als ein Flüstern.

„Gute Nacht, Sofia. Schließe die Tür hinter mir ab.“ Mehr sagt er nicht, stattdessen verschwindet er durch die Tür, um sie hinter sich zu schließen.

Eine Weile stehe ich noch an der gleichen Stelle und schaue auf die Tür. Das Holz um das Schloss ist gesplittert, sodass es nicht mehr richtig drinsitzt.

Ich hatte wirklich Glück. Wenn Aiden nicht aufgetaucht wäre, hätte ich keine Chance gehabt.

Mit langsamen Bewegungen und schmerzverzerrtem Gesicht ziehe ich meine Klamotten aus und stelle mich nur mit Unterwäsche bekleidet vor den großen Spiegel, den wir an der Wand neben der Tür hängen haben.

Die ersten blauen Flecke bilden sich bereits sowie ein paar Prellungen, die sichtbar werden. Vorsichtig fahre ich mit der Hand über die Stelle meines Kopfes, die gegen das Bett gedonnert ist. Dort ertaste ich eine dicke Beule. Ich gehe zurück zu meinem Bett und greife nach meinen Klamotten. Dabei fällt mein Blick auf den Zettel mit der Telefonnummer.

Nachdem ich mich angezogen habe, greife ich nach meinem Handy und speichere Aidens Nummer ab. Anschließend öffne ich das Textfeld von WhatsApp.

Danke für deine Hilfe.

Es dauert nicht lange, bis mein Handy eine neue Nachricht anzeigt.

Immer wieder gerne.

4

Als ich am nächsten Tag wach werde, bin ich ausgeruht und fit. Am Anfang hatte ich befürchtet, dass ich nicht schlafen kann, aber von den Ereignissen war ich so müde gewesen, dass ich bereits nach wenigen Sekunden eingeschlafen bin.

Mit halb geöffneten Augen taste ich nach dem Telefon, das ich sicherheitshalber neben mir auf die Matratze gelegt habe. Als ich nun einen Blick darauf werfe, erkenne ich, dass es sieben Uhr morgens ist. Normalerweise bin ich um diese Uhrzeit schon fit, aber heute kann ich mich nicht dazu überwinden, die Beine aus dem Bett zu hieven.

Nach und nach kehren die Bilder des gestrigen Abends in meinen Kopf zurück. Erschrocken fahre ich hoch und werfe einen prüfenden Blick in das Zimmer.

Erleichtert stelle ich fest, dass sich alles noch genau dort befindet, wo ich es habe liegen lassen. Das leise Piepen meines Handys reißt mich aus meinen Gedanken.

Hast du Lust, mir heute etwas von Dallas zu zeigen?

Obwohl ich es nicht will, zaubern mir die einfachen Worte von Aiden ein Lächeln auf das Gesicht.

Hast du nichts Besseres zu tun?

Etwas Besseres, als das Wochenende mit einem hübschen Mädchen zu verbringen?

Ich würde mich gerne mit ihm treffen und Zeit verbringen. Vor allem würde das bedeuten, dass ich nicht alleine in diesem Zimmer hocken muss. Bevor ich es mir anders überlegen kann, schreibe ich ihm, dass ich mich freue.

So schnell es mir mit den noch schmerzenden Körperteilen machbar ist, klettere ich aus dem Bett und schnappe mir eine Jeans und ein enges, grünes Oberteil aus dem Schrank. Doch vor dem Spiegel stoppe ich. Meine Beine sind von Flecken übersät, die in allen Farben leuchten. An den Armen kann ich ebenfalls ein paar erkennen, aber sie sehen nicht ganz so schlimm aus und es sind weniger.

Ich hebe mein Shirt ein Stück und inspiziere meine Rippen. Auch sie haben gestern einiges abbekommen. Bevor ich weiter darüber nachdenken kann, greife ich nach meiner Tasche, in der sich alles befindet, was ich zum Duschen und Schminken brauche, und gehe auf die Tür zu.

„Oh Mann“, entfährt es mir, als ich die kaputte Tür betrachte. Ich habe keine Ahnung, wie ich das Hannah erklären soll. Aber ich muss dringend eine gute Ausrede dafür finden.

Eine Stunde verlasse ich fertig gestylt und grübelnd mein Zimmer und laufe dabei fast in Aiden hinein.

„Du scheinst oft in Gedanken zu sein“, zieht er mich auf und grinst mich frech an. Verlegen knuffe ich ihn in die Seite und lächle. „Es freut mich, dass es dir anscheinend wieder etwas besser geht.“

„Ich habe mir gerade nur überlegt, was ich dir zeigen könnte. Hast du irgendwelche Wünsche?“, erkläre ich ihm, ohne auf seinen letzten Kommentar einzugehen.

„Ich bin da ganz offen.“

Bei seinen Worten hebe ich meinen Kopf, schaue aber sofort an ihm vorbei. Normalerweise bin ich nicht schüchtern und schaffe es, einem Mann in die Augen zu schauen. Aber bei ihm ist es etwas anderes. Wenn er mich zu intensiv betrachtet habe ich das Gefühl, als könnte er meine Gedanken lesen und das ist etwas, was mir Angst macht.

„Also gut“, gebe ich zurück, während mir eine Idee kommt.

Da wir beide Biologie studieren, dürfte er es dort sicherlich interessant finden. Da dieser Ort mich an meine Mutter erinnert, bin ich immer gerne dort.

Als wir das Wohnheim verlassen, geht er dicht neben mir. Zwischendurch streift seine Hand über meine. Seine Berührungen sorgen dafür, dass ich mich zusammenreißen muss, um nicht zu seufzen.

Ich folge Aiden, der den Weg zum Parkplatz einschlägt. Dort läuft er zwischen den Autos herum, bis wir in den hintersten Teil erreichen.

„Warum parkst du nicht weiter vorne?“, frage ich ihn neugierig.

„Ich will nicht riskieren, dass mir jemand eine Delle in den Wagen fährt.“ Gleichgültig zuckt er mit den Schultern, während wir auf einen schwarzen Ford Ranger zusteuern.

Ungläubig starre ich das Ungeheuer an. Ich habe schon einige von denen gesehen. Aber keiner war so riesig wie der Wagen, der vor mir steht.

„Das ist dein Auto?“ Ich kann nicht für mich behalten, dass ich geschockt bin.

„Man gönnt sich ja sonst nichts.“ Seine einfachen Worte hören sich so an, als würden alle Studenten so einen Wagen fahren. Er stellt sich neben die Tür der Beifahrerseite und öffnet sie für mich.

„Danke“, murmle ich verlegen und klettere in den großen Wagen.

Im Innenraum werde ich von Technik, von der ich eindeutig keine Ahnung habe, empfangen. Es gibt unzählige Schalter und Knöpfe. Alles ist in schwarzem Leder gehalten und glänzt. Ich kann nicht ein einziges Staubkorn auf dem Armaturenbrett erkennen. Der Wagen macht auf mich den Eindruck, als wäre er erst ein paar Tage alt.

Stumm schließt er die Tür und umrundet das Auto. Mit einem Satz springt er hinter das Lenkrad.

„Bereit?“ Er schaut mich fragend an und wendet den Blick erst nach vorne, nachdem ich genickt habe.

Röhrend springt der Motor an, sodass ich eine vage Vorstellung dafür bekomme, wie viel Power der Truck hat.

„Verrätst du mir, wo wir hinfahren?“

Aiden lenkt den Wagen sicher vom Parkplatz auf die Straße. Kurz überlege ich, ob ich ihm verraten soll, was ich ihm zeigen will, entscheide mich aber dagegen. Ich will seine Reaktion sehen, ohne dass er die Chance hat, sich darauf einzustellen.

„Ich werde dir sagen, wo es langgeht.“

Er wendet sich mir nachdenklich zu, doch in der nächsten Sekunde hat er seinen Blick wieder auf die Straße vor uns gerichtet. Normalerweise verspüre ich auf der Fahrt dorthin immer eine gewisse Ruhe. Dieses Mal ist es aber anders. Ich bin nervös, weil ich nicht weiß, wie Aiden darauf reagieren wird, dass ich ihn ausgerechnet dorthin bringe.

Die Fahrt erscheint mir wie ein Tagesausflug. Dabei dauert es nur eine halbe Stunde, bis wir endlich unser Ziel erreichen.

„Wow“, entfährt es ihm, als wir auf dem Parkplatz vor dem Dallas Aquarium stehen.

Unsicher, ob seine Aussage gut oder schlecht gemeint ist, knete ich meine Hände. Doch er fügt nichts weiter hinzu, sondern steigt aus dem Wagen und umrundet ihn. Mit einer fließenden Bewegung öffnet er die Tür und streckt mir seine Hand entgegen. Dankbar greife ich danach und lasse mir von ihm beim Aussteigen helfen. Mir gefällt es, aber das ändert nichts daran, dass es mir etwas peinlich ist.

„Das ist ein super Ort. Mach dir nicht so viele Sorgen“, flüstert er mir ins Ohr, als ich neben ihm zum Stehen komme. Überrascht hebe ich meinen Kopf und schaue ihn an. Aiden lächelt mich nur aufmunternd an und geht mit meiner Hand in seiner auf den Eingang zu.

Die Wärme seiner Haut brennt sich in meine. Mein Herz rast. Während wir auf die Kasse zugehen, schaut er sich interessiert um. Ich nutze die Gelegenheit und betrachte ihn kurz von der Seite. Er begutachtet das Gebäude und scheint sich wirklich darüber zu freien, dass ich ihn hergebracht habe.

Schon von Weitem erkenne ich die lange Schlange, die sich gebildet hat. Während wir warten, spüre ich immer wieder seine Augen auf mich. Als wir wenige Minuten später an der Reihe sind und ich nach meiner Geldbörse greifen will, kassiere ich einen bösen Blick von Aiden.

„Seit wann bezahlt die Frau selbst? Ich hatte zwar schon länger kein Date mehr, aber ich meine, dass sich gewisse Regeln nicht geändert haben“, flüstert er mir zu.

Ruckartig drehe ich meinen Kopf zu ihm, aber Aiden geht nicht weiter darauf ein. Schweigend gibt er der Angestellten das Geld und wartet darauf, dass sie ihm die Eintrittskarten aushändigt. Dabei strahlt er so eine Ruhe aus, als würde er meine Nervosität nicht merken.

Date.

Das kann kein Date sein. Es würde bedeuten, dass er Zeit mit mir verbringen will und es nicht nur macht, damit ich das Wochenende unbeschadet überstehe. Davon war ich nach seiner Nachricht heute Morgen ausgegangen.

„Kommst du oft her?“, fragt er mich und lenkt so meine Aufmerksamkeit wieder auf sich.

„Ich versuche es.“

Aiden nickt, greift nach meiner Hand und drückt sie sanft. In diesem Moment macht sich wieder das Gefühl in mir breit, als würde ich ihn schon seit Jahren kennen. Seine Anwesenheit beruhigt mich.

Zusammen steuern wir auf den Eingang zu, wo er die Karten durch den Scanner zieht. Hinter der Kontrolle werden wir schon von Bäumen und dem Plätschern von Wasser empfangen. Überall sind bunte Blumen in Töpfe und Beete gepflanzt worden und ein paar Bäume stehen verteilt herum. Es ist wunderschön hier.

Neben einem Springbrunnen bleiben wir stehen und ich atme die Luft ein, die nach Salzwasser riecht. Aiden befindet sich dicht neben mir und schaut mich neugierig an.

„Ich gebe zu, das hier habe ich nicht erwartet.“

Aufmerksam beobachte ich ihn dabei, wie sein Blick von rechts nach links wandert. An dem Lächeln in seinem Gesicht erkenne ich, dass er begeistert ist.

„Was hast du denn erwartet?“

„Ein paar Fische, die in Aquarien herumschwimmen.“

Mit entfährt ein leises Lachen. Schnell beiße ich mir auf die Unterlippe und führe ihn weiter hinein. Ich schaue ihn zwar nicht an, kann mir aber das Grinsen nicht verkneifen. Nach wenigen Schritten erreichen wir eine Bank, die an einem Fluss steht. Bevor ich mich darauf sinken lasse, sehe ich zu Aiden. Er betrachtet mich mit einem so liebevollen Blick, dass es schlagartig zu viel für mich wird.

Meine gute Laune ist verschwunden.

„Was ist los? Und jetzt sage nicht nichts. Ich spüre, dass du etwas hast.“ Er setzt sich neben mich, aber so, dass jedes seiner Beine auf einer anderen Seite der Bank ist. So kann er mich besser im Auge behalten. Seine linke Hand liegt auf meinem Oberschenkel, während die rechte sanft über meinen Rücken streicht. Ich fühle mich ihm so viel näher, als es jemals zuvor bei einem anderen Mann der Fall war.

Die Erinnerung an meine Mutter überfällt mich. Es ist egal, wie sehr ich dagegen ankämpfe, um nicht in seiner Gegenwart an sie zu denken. Ich habe die Bilder von den gemeinsamen Wochenenden, die wir hier verbracht haben, in meinem Kopf. Sie sorgen dafür, dass mir die Tränen in die Augen treten. Bevor sie mir allerdings über die Wangen laufen können, versuche ich, sie wegzublinzeln. Doch sie wollen nicht verschwinden.

Am liebsten würde ich mir selber in den Arsch treten, weil ich Aiden hergebracht habe. Nun sind wir jedoch an diesem Ort, der mir so viel bedeutet, und ich muss das Beste daraus machen.

„Hey, nicht weinen.“

Erst, als ich seine Worte höre, realisiere ich, wie mir die Tränen hinunterlaufen. Flink hebe ich meine Hand, um zu wegzuwischen, aber Aiden ist schneller. In der Sekunde, in der ich mich von ihm wegdrehen will, berührt er mein Kinn und bewegt meinen Kopf zu sich, sodass ich ihn ansehen muss. Aus irgendeinem Grund sprechen seine Augen mir Mut zu. Sie haben die gleiche Farbe, wie die des Jungen aus meinen Träumen.

Das gleiche helle Blau.

„Früher war ich oft mit meiner Mutter hier“, bricht es aus mir heraus. „Sie war Biologin und hat mir alles über die Tiere erzählt. Es gab für uns nichts Schöneres, als hier die Tage zu verbringen. So glücklich, wie sie hier war, habe ich sie sonst nur selten gesehen. Irgendwann habe ich sie beobachtet. Sie saß genau hier und hatte ein Bild in der Hand. Nachdem ich mich angeschlichen habe, erkannte ich einen Mann. Aber bevor ich ihn mir genauer ansehen könnte, hat sie mich bemerkt und das Foto in ihrer Handtasche verschwinden lassen“, erkläre ich ihm meinen Gefühlsausbruch. Bei meinen letzten Worten zuckt Aiden zusammen. Er hat wohl nicht damit gerechnet, dass ich plötzlich so emotional werde.

„Deine Mutter ist auch Biologin? Dann ist sie sicherlich stolz auf dich.“

„Ich weiß es nicht und ich werde es auch nie erfahren.“ Sein fragender Blick ist auf mich gerichtet. „Sie starb vor Jahren bei einem Autounfall. Der andere Fahrer verschwand, ohne dass ihn jemand sehen konnte. Die Spuren an ihrem Auto ließen aber keinen Zweifel daran, dass noch ein zweiter Wagen in den Unfall verwickelt war. Es wurde nie aufgeklärt.“

Nach ihrem Tod war ich ein Jahr lang in Therapie gewesen. Dort habe ich es so oft ausgesprochen, dass man meinen könnte, die Worte würden mir leichter über die Lippen kommen. Aber dem ist nicht so. Meine Stimme zittert beim Sprechen und die nächsten Tränen schießen mir in die Augen.

Mir kommt es so vor, als wäre es erst gestern gewesen, dass meine Lehrerin mich aus dem Unterricht geholt hat und zwei Polizisten und eine weitere Lehrkraft mir die Nachricht überbracht haben. Damals fühlte es sich ans, als hätte jemand einen Eimer eiskaltes Wasser über meinem Kopf ausgeschüttet. Es hatte Minuten, Stunden, Tage gedauert, bis mir klar wurde, dass es ihr Ernst war. Immer wieder hatte ich gehofft, dass die Tür aufgeht und meine Mutter hereinkommt. Mehr als einmal habe ich mir vorgestellt, wie ich ihr vor Glück um den Hals falle. Es gibt auch heute noch Momente, in denen ich mir das wünsche, aber ich habe gelernt, damit der Enttäuschung umzugehen.

„Und dein Vater?“, fragt Aiden mich.

„Ich kenne ihn nicht. Meine Mutter hat niemandem gesagt, wer er ist oder wo er wohnt. Ich weiß von meiner Vergangenheit nur, dass wir nach meiner Geburt ein paar Jahre in Los Angeles gelebt haben, bevor wir nach Dallas gekommen sind.“ Ich zucke mit den Schultern. Die Jugendfürsorge hat am Anfang versucht, ihn zu finden. Da es aber keinen Hinweis auf ihn gab, haben sie die Suche irgendwann eingestellt.

„Ich bin mir sicher, wenn dein Vater wüsste, was für eine wundervolle Tochter er hat, würde er sich in den Hintern beißen.“

Ein Lächeln erscheint auf seinem Gesicht, während er mir sanft die Tränen von der Haut wischt.

„Ich weiß es nicht. Als mir klar wurde, dass meine Mutter nicht mehr zurückkommen wird, habe ich mich danach gesehnt, dass ich zu einer richtigen Familie gehöre. Zu Weihnachten haben alle Kinder ihren Wunschzettel geschrieben. Sie waren so lang. Auf meinem stand nur das Wort Papa. Nachts habe ich sogar zu Gott gebetet, dass er mich nach Hause bringt. Aber mit den Jahren habe ich gelernt, damit umzugehen.“

Obwohl es mir schwerfällt, spreche ich es aus. Aiden nickt, als würde er mich genau verstehen, und beugt sich zu mir. Er schließt seine Arme um mich und zieht näher an sich heran. Mein Kopf sinkt an seine Schulter, während ich mich an ihn lehne.

Eine Weile sitzen wir so da und genießen die Ruhe. Um uns herum unterhalten sich zwar andere Besucher, aber diese Stimmen blende ich aus. Gerade gibt es nur Aiden und mich. Obwohl es mich erschreckt, dass ich ihm so schnell vertraue und ihm sogar von dem Tod meiner Mutter erzählt habe, fühle ich mich wohl bei ihm. Nicht nur wohl, sondern auch sicher und geborgen. Er macht mich stärker.

„Na komm, zeig mir alles“, fordert er mich auf und hilft mir beim Aufstehen.

„Es tut mir leid. Ich wollte dir mit meiner Lebensgeschichte nicht den Tag versauen.“

„Das braucht es nicht. Was du erlebt hast, sollte kein Kind erleben. Du brauchst dich deswegen nicht bei mir zu entschuldigen, nur weil die Nerven mit dir durchgegangen sind. Ich bin sogar froh darüber, weil du mich an einen Ort gebracht hast, der dir so viel bedeutet“, entgegnet Aiden mit fester Stimme. Er lässt keinen Zweifel daran, dass er seine Worte ernst meint.

Ich straffe meine Schultern und verdränge die düsteren Gedanken.

Die nächsten Stunden gestalten sich wunderschön. Aiden ist von diesem Ort genauso begeistert, wie ich es bin. Es fühlt sich fantastisch an, mit ihm durch die Gänge zu gehen und mir die Tiere anzusehen. Nicht ein einziges Mal weicht er von meiner Seite. Als wir schließlich in dem langen Tunnel stehen, der von rechts und von links ebenfalls wie über uns mit Wasser umgeben ist, stellt er sich hinter mich und schlingt seine Arme um meinen Körper. Ich spüre, wie er seinen Kopf hebt und mache es ihm nach. Über uns dreht ein Hai seine Runden.

Nur wir zwei befinden uns im Tunnel. Ich höre Aidens leisen Atem an meinem Ohr und fühle ihn in meinem Nacken. Der Moment ist magisch. Seinen Körper so dicht an meinem zu fühlen und seinen Geruch in meiner Nase zu haben, lässt die Schmetterlinge in meinem Bauch auffliegen.

Vor meinem inneren Auge erscheint das Bild von einem Mädchen und zwei Jungs, die miteinander fangen spielen. Die Kleine stolpert über einen Stein und fällt hin. Es dauert nicht lange, bis die Jungs bei ihr sind und ihr auf die Beine helfen. So unauffällig wie möglich schüttle ich meinen Kopf, um das unpassende Bild zu vertreiben.

„Hast du Hunger?“, reißt er mich aus meinem tranceartigen Zustand.

Kaum hat er die Frage ausgesprochen, meldet sich mein Magen lautstark zu Wort.

„Reicht dir das als Antwort?“, gebe ich mit einem frechen Grinsen zurück.

Das tiefe Lachen, das hinter mir ertönt, geht mir durch Mark und Bein. Aiden löst seine Finger von mir, aber nur, um seine rechte Hand in der nächsten Sekunde auf meinen Rücken zu legen. Bei der Berührung jagt ein Schmerz durch mich hindurch und lässt mich zusammenzucken. Ich lehne meinen Kopf an seine Schulter. Als mir allerdings klar wird, was ich gerade getan habe, stelle ich mich wieder kerzengerade hin.

„Ich hätte den Arsch umbringen sollen“, zischt er zwischen den Zähnen.

„Mir geht’s schon viel besser. Aber wahrscheinlich hätte ich zur Polizei gehen sollen.“ Dieser Gedanke kommt mir nun zum ersten Mal.

„Die werde das nur aufnehmen, aber auch nichts dagegen tun.“

Bei seinen Worten schaue ich ihn verwirrt an.

„Woher willst du das wissen?“

„Erfahrung.“ Mehr sagt er nicht, stattdessen schiebt er mich vor sich her.

In meinem Kopf macht sich die Frage breit, was er damit meint, aber ich traue mich nicht, sie auszusprechen.

„Hast du da schon mal gegessen?“, fragt er mich und zeigt dabei auf ein Restaurant.

„Ist richtig lecker.“ Als ich den Satz ausgesprochen habe, setzt er sich in Bewegung und zieht mich hinter sich her zu einem freien Tisch. Er bedeutet mir, dass ich mich setzen soll, bevor er mir den Rücken zudreht und zu der langen Theke geht.

Heimlich beobachte ich ihn dabei, wie er Sandwiches auf ein Tablett lädt und nach zwei Flaschen Wasser greift. Die Muskeln an seinen Armen arbeiten bei jedem Schritt und lassen mich träumen. Bevor sich die Fantasie, wie er mich an sich zieht und seine Hände über meinen Körper fahren, in meinem Kopf festsetzen kann, schiebe ich sie schnell zur Seite. Das hier ist nicht der richtige Ort, um mir über so etwas Gedanken zu machen.

Während ich auf ihn warte, betrachte ich die Menschen um mich herum. Sie sehen alle so glücklich aus, wie auch ich mich gerade fühle.

„Ich hoffe, du träumst von etwas Schönem.“ Aiden erscheint in meinem Blickfeld.

„Ich habe nicht geträumt.“

Aiden sieht mich prüfend an, als würde er mir nicht glauben, sagt aber kein Wort. Stattdessen stellt er das Tablett auf dem Tisch ab und reicht mir einen Teller und eine Flasche.

„Du scheinst hier ein paar Angestellte zu kennen.“

„Was?“ Verwirrt sehe ich zu ihm.

„Die Dame da vorne zum Beispiel. Sie hat mir gesagt, dass sie mir gehörig auf die Füße treten wird, falls ich es nicht ernst mit dir meine.“

Aiden zeigt an mir vorbei. Ich folge seinem ausgestreckten Arm und muss bei dem Anblick, der sich mir bietet, anfangen zu lachen. Die Bedienung schaut ihn mit einem finsteren Blick an, der ihm wohl klarmachen soll, dass er es sich mit ihr nicht verscherzen sollte.

„Das ist Maria. Sie arbeitet seit Jahren hier. Nachdem sie ein paarmal beobachtet hat, dass ich alleine hier war, hat sie mich nach dem Grund gefragt“, erkläre ich ihm und greife nach der Wasserflasche.

„In all er Zeit warst du immer alleine hier? Den Grund würde ich auch gerne erfahren.“ Seine Stimme klingt ungläubig.

„Ich hatte nie das Bedürfnis, jemanden hier herzubringen. Es war immer der Platz, an dem ich mich meiner Mutter nahe gefühlt habe“, gebe ich zu, nachdem ich ein paar Sekunden nachgedacht habe, ob ich die Wahrheit sagen soll.

„Ich freue mich darüber, dass du mich hergebracht hast. Es ist wirklich cool hier. Aber das hättest du nicht machen müssen.“ An seiner Stimme erkenne ich, dass er durch meine Worte ein schlechtes Gewissen bekommen hat.

„Und wenn ich es wollte?“

„Dann ist es etwas anderes.“ Nun sieht er zufriedener aus, was mir ein Lächeln entlockt.

Aiden stößt einen leisen Pfiff aus. Ich schaue ihn fragend an, sage aber nichts. Auch Aiden geht nicht weiter darauf ein. Er kaut genüsslich sein Essen. Zwischendurch spüre ich seinen Blick auf mir. Nur zu gerne würde ich wissen, was in seinem Kopf vor sich geht. Aber da wir uns noch nicht lange kennen, traue ich mich nicht, ihn zu fragen.

„Es ist schon spät“, sage ich nach einem prüfenden Blick auf meine Uhr.

Wir haben den ganzen Tag hier verbracht. Ich weiß nicht, wann die Zeit das letzte Mal so schnell vergangen ist. Nachdem ich Aiden von meiner Mutter erzählt habe, habe ich nicht ein einziges Mal an sie gedacht. Ich habe mich voll und ganz auf Aiden konzentriert.

„Wollen wir irgendwo ein Stück spazieren gehen?“

„Gerne.“

Sein Vorschlag überrascht mich, trotzdem willige ich ein. Alles ist besser, als wieder in dem kleinen Zimmer zu sitzen und mir Gedanken über den Angreifer zu machen.

Aiden steht auf und trägt das Tablett zu dem bereitstehenden Wagen. Bevor wir uns in Bewegung setzen, nimmt er meine Hand wieder in seine, und zusammen verlassen wir das Gebäude. Draußen schlägt uns die warme Luft entgegen.

„Wir können zum Fair Park fahren“, schlage ich vor, nachdem in seinen Wagen gestiegen bin.

„Das hört sich gut an. Wo muss ich lang?“

Ich leite ihn durch den Verkehr, der zu dieser Uhrzeit schrecklich ist. Es dauert ein paar Minuten länger, als ich angenommen habe, bis wir eine Lücke für das riesige Auto gefunden haben. Direkt auf der anderen Seite erstreckt sich das Gelände des Parks.

„Kein Wunder, dass deine Mutter unbedingt nach Dallas wollte. Es ist wirklich schön hier.“

Seine Aussage sorgt dafür, dass ich meinen Kopf zu ihm drehe und ihn fragend anblicke. „Warst du vorher noch nie hier?“

„Man könnte fast sagen, dass ich einen Pfeil auf die Karte geworfen habe.“

„Das war aber ziemlich mutig von dir. Es hätte ja auch sein können, dass du in irgendeinem Kaff landest, das nicht einmal ein College hat.“

„In dem Fall hätte ich das nächstgelegene genommen. Zwischendurch gehe ich solche Risiken ein.“

Aiden zwinkert mir zu, während er die Tür öffnet. Schnell mache ich es ihm nach, da ich nicht will, dass er sie mir noch einmal aufhält.

„Da lang“, weise ich ihn an und zeige zu dem See, der sich in der Mitte des Parks befindet.

„Ich folge dir unauffällig.“

Ich nicke und gehe voraus. Aidens leise Schritte höre ich dicht hinter mir, während ich mir einen Weg durch die Menschenmenge bahne. Alle nutzen das schöne Sommerwetter und das Wochenende, um Zeit mit ihren Familien und Freunden zu verbringen. Nach wenigen Metern bleibe ich an der Stelle stehen, zu der ich wollte.

„Was ist das?“

Aiden schaut auf den See. Im Wasser befinden sich mehrere Wege, die sich überschneiden. Teilweise sind sie sogar bis zu dreißig Zentimeter unter Wasser. Es sieht ein wenig so aus, als wären es Schlangen, die sich übereinandergelegt haben.

„Cool, oder?“ Ich ziehe meine Schuhe und Socken aus. Achtlos werfe ich sie an die Seite und mache einen Schritt auf das Wasser zu.

„Was hast du vor?“ Aiden scheint irritiert zu sein, aber davon lasse ich mich nicht aufhalten. Barfuß betrete ich einen der Wege.

„Wonach sieht es denn aus?“

Seine Antwort warte ich nicht ab. Langsam gehe ich ein paar Schritte auf dem Trockenen entlang, bevor der Weg für wenige Zentimeter ins Wasser geht. Es ist an der Stelle nicht sehr tief. Es reicht mir gerade bis zur Mitte meiner Waden. Allerdings ist es nicht sehr warm, obwohl den ganzen Tag die Sonne darauf geschienen hat. Ich bleibe nicht stehen, sondern überwinde das kurze Stück und gehe weiter den Steinen über der Oberfläche entlang. Die Hitze unter meinen Füßen brennt sich in meine Haut, aber in diesem Moment stört es mich nicht.

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